m r 43. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Audotf Lavant. (Fortsetzung.) Im anstoßenden Zimmer war inzwischen der Thee servirt worden und man gerieth in ein lebhaftes Geplauder, das aller- dings fast ausschließlich von dem schönen Mädchen und ihren Gästen unterhalten ward; ihr Bruder vcrrieth nur zuweilen durch eine ziemlich zaghafte Bemerkung, daß er der Unterhaltung folgte, und die Versuche unserer jungen Freunde, ihn und seine Mutter ins Gespräch zu ziehen, hatten nur wenig Erfolg. Tatjana schien das alles kaum zu bemerken und gewohnt zu sein, ihre Angehö- ' rigen als reine Statisten zu behandeln, auf die niemand Rücksicht zu nehmen brauchte; dem scharfen Auge des Malers entging es jedoch nicht, daß der junge Mann seine Rolle zwar kannte, aber innerlich gegen dieselbe revoltirte und sich über die Rolle der liebenswürdigen und aufmerksamen Wirthin, welche seine Schwe- ster so meisterlich spielte, heimlich mokirte. Das kaum merkliche, ein wenig spöttische, sogar ein wenig verächtliche Lächeln, welches zuweilen um seine Lippen irrte, schien dem Maler zu sagen:„Da übt sie nun wieder einmal die alten Künste an neuen Objekten! Sie sollte sich eigentlich ein wenig vor mir geniren, denn ich habe das doch schon hundertmal mit angesehen und für mich wird's nachgerade langweilig." Das schienen nun fteilich die neuen Objekte nicht zu empfin- den; für sie hatte der Abend ersichtlich einen ganz undefinirbaren jueiz. Der blitzende silberne Samowar summte so gemüthlich, der Thee duftete so ganz anders, als die charakterlose Brühe, die wan � Deutschland in der Regel vorgesetzt bekommt, und das schöne blonde Geschöpf, das mit dem Anstand der Fürsttn allen Liebreiz des jungen Mädchens und mit der Eleganz der Weltdame den Ernst der denkenden Frau zu verbinden schien, war für alle eine wnte Erscheinung. Sie hatte zudem für jeoen ein verbindliches -Wort, sie intercssirte sich für jedes Hauptbeschäftigung, sie verstand es, den Zurückhaltenden durch Fragen gesprächig zu machen und üe vertheilte ihre Aufmerksamkeiten mit so gewissenhafter Un- Parteilichkeit, daß sich jeder für den Bevorzugten, keiner für den vernachlässigten halten konnte. Eine ganz leichte Auszeichnung widerfuhr höchstens Mendt; er wurde mit einer gewissen vor- aehmen Vertraulichkeit behandelt, die ja ganz in der Ordnnng war, da er als älterer Bekannter gelten konnte, die aber genügte, jedes juristische Fältchen in Mendts Gesicht zu glätten und dieses Besicht in ein vollständig strahlendes zu verwandeln. Nach dem ersten Glase Thee schon präsentirte Tatjana Cigarren und sie präsentirte sie Mendt zuerst; er wollte sich zieren, aber sie sagte artig:„Sie haben heute eine Bevorzugung verdient; Ihnen allein verdanke ich die Bekanntschaft so vieler geistreicher Männer. Ich bin noch nicht lange genug in Deutschland, um nicht in eine gewisse Verwirrung zu gerathen über einen solchen embsrrss äs richesse denken Sie nur, ein Künstler, ein Naturforscher, ein Bühnendichter und ein Kritiker, die sämmtlich eine Zukunft haben und die so gütig sind, ihre werthvolle Zeit einer unwissenden Ausländerin zu widmen!" Man protestirte lebhaft gegen die„unwissende Ausländerin", außer Mendt, der geradezu aus der Haut fahren wollte, beson- ders Born, der eifrig nach seinen Dramen beftagt worden war und das Versprechen hatte abgeben müssen, eins derselben recht bald einmal vorzulesen. Auch Lindner, dem die naturwissen- schaftlichen Fragen der jungen Dame allerdings ausschweifend naiv erschienen waren, der aber die Versicherung erhalten hatte, daß ihm von einem ihrer Freunde in der Krim, dem Grafen Natoboroffsky, in nächster Zeit eine ganze Kollektion Schmetter- linge und Käfer zugehen würde, um die sie sofort schreiben werde, konnte eine solche Verkennung des eignen Wissens und Strebens nicht stillschweigend hinnehmen, und selbst Arvenberg sah sich zu der verbindlichen Bemerkung gezwungen: „Gnädiges Fräulein, Sie sind viel zu geistreich, als daß man Ihnen gestatten könnte, durch eine solche übertriebene Be- scheidenheit zum Widerspruch, d. h. zu Komplimenten herauszu- fordern! Das müssen Sie schon andern überlassen, die es nöthlg haben." Wenige Minuten vorher erst hatte sie sich, als er sein Bedauern darüber aussprach, ein bestimmtes gegittertes ftanzösisches Briefpapier an das er sich seit Jahren gewöhnt, trotz alles Suchens m keiner Papierhandlung mehr auftreiben zu können, in liebens- würdigster und zuversichtlichster Weise anheischig gemacht, ihm dasselbe zu verschaffen; es könne allerdings ein paar Wochen dauern, falls sie nach Paris schreiben müsse, und sie erwarte am nächsten Tage eine Probe dieses Papiers von ihm. Nur der Maler hatte sich ziemlich passiv verhalten und sich aufs Beobachten gelegt, und zwar nicht blos aufs Beobachten des schönen Mädchens, sondern auch auf das seiner jungen Freunde. Als das japanische Körbchen mit den Cigarren an ihn gelangte, hatte er dieselben sehr genau betrachtet; ihr Aeußeres war ein so vertrauenerweckendes, daß er, als die an den Bruder Tatjanas gerichtete Frage, ob er nicht rauche, verneint ward, ein ' � Juli 1880. l) leichtes Lächeln nicht unterdrücken konnte. Dieses Lächeln wurde von der jungen Dame aufgefangen, deren schöne blaue Augen überall zugleich zu sein schienen, und es mochte Wohl für die blauen Augen etwas Ironisches haben, denn sie rief ihm lachend zu: „Sie finden die Cigarre gut, und da mein Bruder nicht raucht, finden Sie, daß dieser Umstand tief blicken läßt,— Hab' ich's errathen?" Reinisch begnügte sich mit einer zustimmenden Neigung des Hauptes und einem artigen:?,, Das war allerdings niein Gedanke,— aber auch ich füge hinzu: Uon� soit qui mal y pense." „Soll das auch gelten, wenn ich mir nun selber eine Cigarette nehme? Man hat in Deutschland ein Vorurtheil gegen das Rauchen der Damen, ich hoffe aber, die Herren sind frei von demselben." Sie waren es so sehr, daß Mendt sich beeiferte, die Cigarette, die von Tatjanas weißen Perlenzähnchen gehalten werden sollte, selber zu drehen, und vor lauter Eifer zweimal nur eine un- förmliche Wurst zustande brachte, und daß Born, als endlich ein erträgliches Exemplar gelungen war, es sich nicht nehmen ließ, das Wachshölzchen zu halten, welches die Cigarette in Brand setzte. Der Maler war inzwischen, als wäre es seine Aufgabe, nach allen Richtungen zu rekognosziren, in den Salon getreten, wo er die auf dem runden Tisch ausgebreiteten Bücher musterte und die Musterung sogar auf den größeren oder geringeren Grad von Benutztsein ausdehnte. Er nahm sich Zeit dabei und ging sehr gründlich zu Werke, als lerne er so die Dame und ihren Werth am leichtesten, schnellsten und sichersten kennen; die Musterung amüsirte ihn übrigens sichtlich, er kehrte fast aufgeräumt ins Theezimmer zurück, und es lag viel Humor in dem Blick, der auf seinen Freunden und dem schönen Mädchen in ihrer Mitte ruhte. Es geschah sehr planmäßig, daß Reinisch sich fortan fast aus- schließlich mit der Mutter und ihrem melancholischen, ersichtlich leidenden Sohn beschäftigte, obgleich er der ersteren jedes Wort förmlich abkaufen mußte und große Mühe hatte, sie aus ihrer schläfrigen Apathie aufzurütteln, während der letztere augenschein- lich unter einem moralischen Drucke litt und es nicht recht wagte, aus sich heraus zu gehen. Tatjana sah in dieser Artigkeit gegen ihre Verwandten einen Mangel an Bewunderung für ihre Schön- heit, den sie dem Maler zu allerletzt verzieh, und ihre verletzte Eitelkeit äußerte sich in dem Versuch, ihn durch eine kleine List an ihre Seite zu bringen und ihn dann um jeden Preis an diese Seite zu bannen. Sie bat um sein sachverständiges Urtheil über eine Camee, die ihr als Brosche diente, und das Lächeln, mit welchem sie den Maler neben sich Platz nehmen sah, hatte etwas so Verführerisches, daß sie sich wohl beleidigt fühlen durfte, als er glatt und verbindlich blieb, ohne warm zu werden, und die erste sich bietende Gelegenheit benutzte, an seinen alten Platz zurückzukehren. Es war nur ein blitzschneller, staunender Blick, der zu ihm hinüberflog, als sie ihn vermißte, aber er genügte, dem Maler zu sagen, daß sie in hohem Grade pikirt war und daß er den Huldigungen seiner jungen Freunde ein fühlbares Gegengewicht gegeben hatte,— und er lächelte still in sich hinein und seine scharfen Augen gewahrten auch auf den Lippen des jungen Russen ein feines, kaum merkliches Lächeln, das ihm eine ironische Befriedigung auszudrücken schien. Von diesem Augenblick an sah sich Reinisch ignorirt und Tatjana schien ihren ganzen Ehrgeiz darein zu setzen, wenigstens seinen Freunden die Köpfe vollständig zu verdrehen. Es hatte ganz den Anschein, als solle ihr dies gelingen; sie nöthigte Born an den Flügel, und der arme Dramendichter hatte seine mozartsche Sonate vielleicht nie besser gespielt, als unter den Augen der slavischen Sirene, deren weiße Hände mit den schlanken Fingern ihm das Notenblatt umwendeten und die sein Spiel wahrhast hinreißend fand. Sie ließ sich bewegen, ebenfalls eine Probe ihrer Kunstfertigkeit zu geben, doch stellte ihre Wahl— Wagners Walkürenritt— ihrem musikalischen Gefühl kein besonderes Zeug- niß aus, und auch ihr Spiel erwies sich als erschreckend schüler- hast, was nach Borns trefflichem, durchgeistigten Spiel doppelt auffallen mußte, wofür sie aber, wohl durch die Schmeicheleien ihrer Bewunderer verwöhnt, nicht das geringste Gefühl zu haben schien. Lindner, der über eine kleine, aber recht hübsche, ungeschulte, aber sympathische Tenorstimme verfügte, ließ sich bewegen, einige kärntnische Volkslieder zu singen; als er dann die Bitte um einige russische Volkslieder wagte, sah er sich zu seiner Verwunderung an den Bruder verwiesen: Tatjana selber erklärte sich außer Stande, auch nur die einfachste Weise an- nähernd richtig wiederzugeben. Arvenberg schloß sich nicht aus; er trug Lenaus„Die Stimme des Windes, die Stimme des Regens, die Stinime der Glocken und die Stimme des Kindes" mit all der diskreten Tonmalerei vor, die den Hauptvorzug seiner Recitationen ausmachte, und Tatjana sah sich dadurch ver- anlaßt, Heines„Die Blume der Brenta" und„Die Wallfahrt nach Kevlaar" zu lesen; anfänglich erschien die Dämpfung ihrer Stimme auffällig, bald aber erkannte man, daß dieselbe ihre guten Gründe hatte, denn überall, wo sie einen Versuch machte, den Ton im Affekt zu heben und zu verstärken, schlug er um und bekam etwas Schrilles, Schnarrendes, das alle Illusion zer- störte. Wendt wollte nicht absolut stumm bleiben— nach langem Suchen entschied er sich für eins der„Nordseebilder", brach aber inmitten mit der Erklärung ab, es gehe doch nicht, seine Heiser- keit sei zu arg; von dieser Heiserkeit hatte aber vorher keine Seele gewußt und sie sollte wohl auch nur die ihm tagende Er- kennwiß maskiren, daß er als Vorleser durchaus keine vortheil- hafte Rolle spiele. Es wurde so spät, recht spät; jedem Versuch, das Zeichen zum Aufbruch zu geben, setzte Tatjana die Versicherung entgegen, daß sie nie vor 2, 3 Uhr zur Ruhe käme und dann bis 11 zu schlafen pflege. Dem Thee waren die feinen Liköre gefolgt und Born war unter dem Einfluß derselben allmälich in den Besitz eines sehr rothen Kopfs und einer dichterischen Begeisterung ge- langt, die des Alleinseins bedurfte, um sich in halblautem Selbst- gespräch auszutoben. Da auch für Lindner das Stadium heran- gekommen war, in dein er leicht melancholisch wurde, trieb Reinisch ernstlich zum Aufbruch, der denn auch endlich erfolgte. Tatjana ließ sich versprechen, daß die Herren sie recht bald einmal wieder beehren würden— ohne Ceremonie— und sie stattete Mendt beim Scheiden ihren Dank dafür, seine Freunde zu ihr gebracht zu haben, in so freundschaftlicher Weise ab, daß er ganz hin- gerissen war und der Versuchung nicht widerstehen konnte, seine i Lippen auf ihre weiße Hand zu drücken, was sie auch mit einem Lächeln geschehen ließ— mit einem Lächeln, in dem allerdings herzlich wenig Ermuthigung für eine Bewerbung lag, das viel- mehr sagen zu wollen schien:„Meinetwegen, dir wunderlichen Kauz muß man in so vorgerückter Stunde schon etwas zu gute halten." Tatjana hatte jedem ihrer neuen Freunde die Hand gegeben, nur Reinisch bildete eine Ausnahme und mußte sich mit einer Verbeugung begnügen, die einen starken Beigeschmack von Herab- lassung hatte. Man ging, nachdem man das Haus verlassen und Wendt noch einen letzten schmachtenden Blick nach den erleuchteten Fen- stern geworfen hatte,— das ganze übrige Haus lag bereits in tiefem Dunkel,— eine Weile schweigend nebeneinander her, bis endlich unser verliebter Jurist in überströmendem Gefühl ausrief: „Die ewigen Sterne will ich nicht anrufen, das wäre ge- schmacklos, aber sagt einmal ehrlich, ist sie nicht ein wunderbares, reizendes Geschöpf?" Man pflichtete ihm von allen Seiten bei. Born meinte: „Diesmal, Wendt, hatten Sie eher zu wenig, als zu viel ge- sagt; darauf war ich nicht gefaßt." Lindner sagte nachdenklich und ernst, als sei jedes Wort von Wichtigkeit: „Da heißt es in der That, die Ohren steif halten und sich nicht verplempern." Arvenberg endlich, der Jünger Schopenhauers, glaubte Tat- janas Rc,z nicht würdiger schildern zu können, als durch ein Citat aus seines Meisters Werken: „In der That ein Knalleffekt der Natur!" Reinisch verhielt sich schweigend, sodaß Wendt, fast überrascht und beleidigt, fragte: „Und Sie? Sind Sie dermaßen überwältigt, daß Sie keine Worte finden? Oder liegt Ihnen so Vieh an den sechs Fla- schen Marcobrunner, daß Sie ihretwegen ungerecht und unwahr werden? � Sie können doch nicht leugnen, daß Tatjana Walujeff ein Meisteriverk des Schöpfers ist, gleich ausgezeichnet durch 1 Schönheit, Anmuth und Geist?" Reinisch schien nicht recht mit der Sprache herauszuwollen, nicht recht zu wissen, wie das Urtheil zu formuliren sei, um nicht Anstoß zu erregen, er meinte endlich ausweichend: „Nun ja, Sie dürfen Ihren Berlobungs-Marcobrunner be- halten, ich würde doch überstimmt werden." WWWWWWUWWWWWWWW 507 Aber das genügte Mendt nicht, sodaß der Maler endlich los- Polterte: „Ach was, lassen Sie mich in Frieden! Ich�bin durchaus nicht von Ihrer Russin entzückt, ich kenne diese Sorte Weiber und weiß, was von ihnen zu erwarten ist. Aepfel vom Todten Meer— außen lachend und rothwangig, innen Asche! Aber was würde mir's denn nützen, wollte ich Sie psychologisch zer- gliedern, sie hat's euch einmal angethan, was ich ja ganz er- klärlich und natürlich finde, und ihr werdet wieder und wieder zu ihr gehen, bis sie des Spielzeugs müde ist und euch bei Seite wirft; ihr müßt durch Schaden klug werden, und ihr seid viel zu tüchtige Kerle und viel zu klare Köpfe, als daß die Sache gefährlich werden könnte. Die Erfahrung wird nicht zu theuer bezahlt sein, thut also, was ihr nicht lassen könnt und vielleicht auch nicht lassen sollt!" Das fand denn der gute Mendt außer dem Spaße. Daß jemand in diesem Tone von seinem Ideal sprechen könne, hatte er sich nicht träumen lassen und er glaubte sehr ironisch zu sein, indeni er achselzuckend erwiderte: „Die alte Geschichte vom Fuchs und den angeblich sauren Trauben!" „Da Sie es sind und da Sie Sich bereits total in Ihre Sarmatin verliebt haben, soll Ihnen die Anzüglichkeit geschenkt sein; Sie können nicht wissen, wie komisch mir das erscheint. Das lassen Sie Sich aber gesagt sein: an einer Frau, auf deren Salonbüchertisch die Rig- Bedas friedlich neben den Memoiren der abenteuernden Amerikanerin liegen, die einen russischen Groß- fürsten so weit brachte, die Diamanten seiner kaiserlichen Mama zu versetze», kann nicht viel sein, d. h. in meinem Sinne, der ja auch der eure ist." „Aber bester Reinisch," wendete Born ein,„ich bestreite ja nicht, daß dieses Mädchen vielleicht mißleitet ist, daß ungünstige Einflüsse auf sie eingewirkt haben mögen, daß die große Welt sie bis zu einem gewissen Grade korrumpirt hat, daß ihre Ent- Wicklung keine harmonische ist, daß der Mchlthau ihrer Blasirt- heit auf ihre Seele gefallen ist; aber kann darum ihre Natur nicht von Hause aus edel augelegt sein, wäre es so ganz un- möglich, die eingeschläferten und betäubten idealen Instinkte in ihr zu wecken und den Baum von dem üppigen Schlinggewächs zu befreien, das ihn zu überwuchern droht?" „Bleiben Sie mir mit den.Rettungen� vom Leibe, Sie wissen nicht, wie viel echtes Unglück diese Illusion schon hervorgebracht hat. Natürlich, man kann die eigne Verliebtheit so hübsch vor stch selber entschuldigen, indem man sich einredet, man wolle nur eine irregehende schöne Seele retten und sie sich selber wieder- geben, und Sie wären ja kein Poet, wenn Sie Sich nicht in diese Idee verliebten. Sie wird Ihnen jedenfalls auch als Köder hingeworfen werden und Sie werden blind nnd gierig wie eine Forelle auf denselben anbeißen, aber Sie werden mir's wieder sagen, daß Sie ein rechtes Kind gewesen sind, als Sie Sich fangen ließen. Sie werden Wasser in ein Sieb schöpfen— aber machen Sie den Kursus nur durch; für Sie dürfte derselbe besonders heilsam sein und wer weiß, ob Sie nicht schließlich aus dieser Erfahrung ein ganz hübsches Lustspiel machen, in dem auf Ihre schöne Russin allerlei ironische Lichter fallen." (Fortsetzung folgt.) Der Heros des Gründerthums"). Von Dr. A. Wutöerger. Schon unter Ludwig XIV. waren alle Mittel erschöpft, welche eine unredliche und verzweifelte Finanzkunst ersinnen kann, um leere Staatskassen wenigstens momentan und soweit zu füllen, daß die öffentliche Maschine doch einigermaßen fortarbeiten kann: man hatte Schulden gemacht, solange noch irgend jemand borgte; man hatte durch Anweisungen auf die königlichen Kassen eine schwebende Schuld geschaffen, die als entwerthetes Papiergeld in alle Kanäle des Privatverkehrs sich eindrängte und hier stagnirte; man hatte überflüssige und schädliche Aemtcr geschaffen und gegen Kapitalien verkauft, deren Zinsen dann das Staatseinkommen darstellte; man hatte die Münzen verschlechtert und die Steuern zum voraus erhoben; man hatte unter anderm eine Handels- g-sellschaft, die französisch-ostindische Kompagnie, gegründet, die in Wahrheit nichts war, als ein verstecktes Anlehen, indem die Regierung das eingezahlte Stammkapital einsteckte und dafür eine Verzinsung von acht Prozent versprach. Als der König am 1. September 1715 die Augen schloß, war folgendes sein Ver- mächtniß: Die öffentliche Schuld, was man jetzt die konsolidirte Staatsschuld heißt, betrug 2400 Millionen Livres, die schwebende >n Schatzanweisungen 711 Millionen. Die Einnahmen für 1715 waren zu 155, die ordentlichen Ausgaben zu 147 Millionen be- rechnet, sodaß für die Verzinsung der Schuld und die Einlösung der Schatzanweisungen kaum acht Millionen übrig blieben. In Wirklichkeit kamen aber von den Einnahmen weniger als die Hälfte in den Schatz, den Rest verschlangen die auf die ein- zelnen Kaffen gegebenen Anweisungen und die Renten. Ebenso war für 1716 und 1717 mehr als die Hälfte der Einnahmen durch Verpfändungen und Anweisungen verausgabt. Diese trost- lose Erbschaft hatte der Regent von Frankreich, der Herzog von Orleans, der Sohn jener berühmten deutschen Prinzessin Elisabeth Charlotte, anzutreten. . Die Lage war so verzweifelt, daß der Herzog von St. Simon dem Regenten vorschlug, die Reichsstände zusammenzuberufen und durch si� um jede Schuld von sich abzuwälzen, den Bankerott erklären zu lassen. Das wollte der Regent nicht, sondern er ent- schloß sich zu Maßregeln, welche den Verhältnissen angemessen waren, indem er das stehende Heer reduzirte und den entlassenen Soldaten eine mehrjährige Abgabenfreiheit zusicherte, wenn sie "n verlassenes Haus, eine preisgegebene Wirthschaft übernehmen wollten: ein Zug, der inchr als vieles andere einen Einblick in den ganzen wirthschaftlichen Abgrund geivährt, den Ludwigs XI V. Kriege und Verschwendung gegraben hatten: viele taufende, welche die Steuer nicht mehr erschwingen konnten, hatten Haus und Hof verlassen nnd lebten, wie Wilde, in den Wäldern, nur um den Vexationen der Steuerpächter zu entgehen. Desgleichen be- drohte der Regent die Härten nnd Rücksichtslosigkeiten der Finanzbeamten und gab den Parlamenten ihr altes Recht, dem Könige Vorstellungen zu machen, zurück. Der Anfang war nicht übel, und fuhr man auf dieseni Wege fort, die Ausgaben zu vermindern und durch Rückkehr des Vertrauens den Verkehr zu beleben, so konnte sich in zehn Jahren die Lage wesentlich bessern, wenn es auch unvermeidlich gewesen wäre, einen Theil der Gläu- biger zu vertrösten. Aber es fehlte die entscheidende Tugend— Geduld; man wollte nicht warten und war darum noch vor Ab- lauf des Jahres 1715 in die alten Finanzkünste zurückgesunken, durch welche das Uebcl nur verschlimmert werden konnte. Durch eine dreifache Spoliation sollte dem Staatsschatz aufgeholfen werden; zunächst durch Münzverschlechterung. Man befahl die Einlieferuug aller Münzen, nahm den Louisd'or von 14 L. zu 16 an, gab ihn aber nach der Umprägung zu 20 wieder aus. Diese Unredlichkeit, hoffte man, werde dein Schatz über 200 Millionen baar eintragen: aber da nur ein Drittel der erwarteten Suinme von 1000 Millionen eingeliefert wurde, gewann der Schatz nur 72 Millionen, mußte aber dafür die Steuern in der entwertheten Münze annehmen und seine eigenen Bedürfnisse thenrer bezahlen. Verwirrung drang in alle Verhältnisse und lähmte den Verkehr, der kaum sich zu beleben angefangen hatte. Die alten schweren Münzen gingen ins Ausland, wo insbesondere Juden die Um- Prägung besorgten und den Gewinn einsteckten. Zweitens durch eine Reduktion der schwebenden Schuld. Die Schatzanweisungen sollten bei einer Kommission angemeldet werden, welche die näheren Umstände der Erwerbung untersuchen und die richtig befundenen visiren sollte. Das Visa bestand aber darin, daß man 1 bis 4 Fünftel, je nachdem, unterdrückte, das Uebrig- gebliebene in neue vierprozentige Staatsbillets umwandelte und den nicht angemeldeten Rest von 114 Millionen für gänzlich werthlos erklärte. So hatte man die 711 Millionen auf 200 heruntergebracht, ein Verlust, der darum nicht so schwer empfunden »\ jrg ir fiaßen einen Theil des hier behandelten interessanten Themas bereits vor mehr als Jahressiist seuilletonistisch skizzenhaft beleuchtet, hoffen daher»msomehr mit der Veröffentlichung dieser Studie unsres beliebten Mitarbeiters den Lesern einen Dienst zu erweisen. Wurde, weil diese Schatzanweisungen vorher schon durchschnittlich auf die Hälfte entwerthet waren. Aber auch die neuen Staats- billets verloren trotz der versprochenen Verzinsung gleich anfangs 40, später 60 Prozent. Nun kam aber noch die Schändlichkeit hinzu, daß der Regent von den annullirten Anweisungen durch einen geheimen Machtspruch 50 Millionen zu Gunsten von Höf- lingen, Offizieren und vornehmen Damen wiederherstellte. Nun- mehr erklärte man, die Gerechtigkeit fordere auch die Reduzirung der konsolidirten Staatsschuld, und setzte die Staatsrenten um 20 Mil- lionen Kapital und über 3 Millio- nen Zinsen herab.— Die dritte Maßregel war die Einsetzung der Chambre ardente, eines außer- ordentlichen Gerichtshofes, der die Veruntreuungen von Finanzbean»- ten, die Erpressungen von Staats- pächtem, den Wucher von Privat- leuten untersuchen und mit Geld bestrafen sollte. Aber die Unter- suchung, welche bis 1689 zurück- gehen sollte, erschreckte alle Be- sitzenden; die Flucht war bei Todes- strafe verboten, und wirklich wurden einigeFlüchtlinge hingerichtet. Bald artete die Untersuchung in reine Plünderung aus, sodaß die Vcr- brechen, die hier begangen wurden, ärger waren, als die, welche man bestrafen wollte. Sobald der Re- gent einmal sich schwach gezeigt, ver- wandelte sich seine ganze Umgebung, Prinzen und Prinzessinnen in Bitt- steller und Unterhändler; aber jeder hatte seinen Preis, auch die Richter und Kommissarien; eine maßlose Korruption riß ein, und zur allae- meinen Freude wurde die Chambre ardente anfangs 1717 aufgehoben, nachdem sie 1 200 000 L. gekostet und statt der erwarteten 220 Millio- nen kaum ein- Drittel davon ein- getragen hatte. Was war nun das Resultat aller dieser Spoliationen? Man sprach das Wort Staatsbankerott nicht aus und steckte doch mitten drinne. Wer z. B. 10 000 L. zum Visa getragen und dort, was aller- dings der ungünstigste Fall war, nur 2000 L. in Staatsbillets er- halten hatte, der verlor auch an diesen jetzt, wegen ihrer Ent- wcrthung zwei Dritttheile, hatte also effektiv nur 670 L. Und, was die Hauptsache war, man stand noch immer vor der alten ungelösten und jetzt noch schwerer zu lösenden Frage, wie soll das Defizit beseitigt, die Staatsmaschine im Gang erhalten werden, Ver- trauen und Verkehr wieder auf- Leibttitz. leben? Ein solcher Zustand war die Nacht, in der Laws Sterne leuchten zu können schienen, �ohn Law, eines Goldschmieds Sohn aus Edinburg, geboren 1671, hatte das Bankgeschäft in Holland Praktisch erlernt, hauptsächlich aber durch fabelhaftes Glück im Hazardspiel ein großes Ver- mögen sich erworben, ein Umstand, der seinem Rufe damals keineswegs Eintrag that. Schon 1705 war er als national- ökonomischer Schriftsteller aufgetreten und hatte eine Theorie des Wohlstandes für Fürsten und Völker entwickelt, die er bezeichnend genug das System nannte. Dieses System ist kurz folgendes: Das gemünzte Geld ist nach ihm ein sehr mangelhaftes Cirkulations- mittel, insofern es sich abnutzt, nur mit Risiko verschickbar und der willkürlichen Tarifirung durch Fürsten ausgesetzt ist, auch eines konstanten Werthes entbehrt. Tritt dagegen ein Staatspapiergeld an seine Stelle, das z. B. auf Grund und Boden basirt sein kann, so fallen alle diese Gefahren und Schwierigkeiten weg, und während man gegenwärtig auf alle Weise bemüht ist, die Summe des in einem Lande umlaufenden Geldes zu erhalten und zu vermehren, ohne dieses Ziel zu erreichen, geht das leicht und spielend mit der Zettelpresse. Wenn eine Privatbank, ohne Gefahr für ihre Solvenz, mehr Zettel ausgeben kann, als ihr Stamm- kapital beträgt, so muß das noch viel mehr der Fall sein bei einer Staatsbank, deren Gesell- schaft die ganze Nation ist. Und, wenn ein Kaufmann mit 100 000 L. Kapital mittels seines Kredits für eine Million Geschäfte machen und damit den Ertrag seines Kapitals verzehnfachen kann, so geht das noch viel einfacher beim Staate. Das Beste wäre daher, wenn man einer solchen Bank alles Metall- geld anvertraute und nur soviel cirkuliren ließe, als der Verkehr zur Ausgleichung braucht. Mit dem Uebcrschuß der Summe der Noten über die des deponirten Metallgeldes können dann großartige Unternehniungen begonnen werden, deren Folge der allgemeine Wohlstand sein wird.— Man sieht aus dieser Skizze, wie so manches, was die spätere Zeit ent- wickelt hat, schon in Laws Kopfe gährte und arbeitete und wird sich wohl hüten, ihn ohne weiteres unter die Betrüger zu rechnen; man sieht aber auch, welch' un- geheure Gefahren und Jrrthümer das System in seinem Schöße barg. Der Grundirrthum war, daß er über den Schattenseiten des Metallgeldes seine Haupt- eigenschaft übersah, den reellen Werth, die Kaufkraft in der ganzen civilisirten Welt; daß er eine will- kürliche Vermehrung der Cirku- lationsmittel für eine Verniehrung des Nationalvermögens hielt, wäh- rend sie doch nur das Metallgeld aus dem Lande treiben und im Land alle Preise erhöhen mußte. Vollends aber in einem absolut regierten Land, wie Frankreich, war seine Nationalbank allen bru- talen Eingriffen einer gewissen- losen Regierung mit ihrem An- hang von Höflingen und Günst- lingen beiderlei Geschlechts schütz- los preisgegeben.— Nachdem Law mit seinem Projekt vergeblich in Schottland und England an- zukommen versucht, kani er um 1707 nach Paris und hier als reicher Lebemann und Spieler gleich in die höchste, um nicht zu sagen beste Gesellschaft, auch in die des nachmaligen Regenten, des Herzogs von Orleans. Allein sein Spielglück und sein Aufwand machten ihn verdächtig, er wurde ausgewiesen und besuchte jetzt auch Deutschland und Italien, überall bemüht, seine Plane den Regierungen anzupreisen. In Wien fand er kein Gehör; beim Herzog von Savoyen aber, dem nachmaligen König Viktor Amadeus, erhielt er seine Abfertigung mit den Worten, der Herzog sei nicht mächtig genug, um sich zu ruiniren.— Im Jahre 1714 gelang es ihm, die Erlaubniß zur Rückkehr nach Frankreich zu erhalten, und noch zu Lebzeiten Ludwigs XIV. wurden die Vorbereitungen zu einer Bank in seinem Sinne ge- troffen. Allein der Tod des Königs brachte alles wieder ins Stocken, und erst, als der Regent sich nicht mehr zu helfen wußte, kam man auf Laws Vorschläge zurück und untersuchte sie durch (Seite 514.) 509- eine Kommission, zu der viele Geschäftsleute zugezogen wurden, dank zurück und bewilligte ihm nur die Errichtung einer Privat- Allein auch hier scheute man vor den Gefahren einer Staats- bank, die im Mai 1716 Privilegium und Statuten erhielt. Diese Bank sollte ein Grundkapital von 6 Millionen Livres in i gegen Depositen Zahlungen machen, alles nur gegen eine Gebühr 1200 Aktien, a 5000 L., haben, Wechsel diskontiren, für Private! von 5 Sous für 1000 Bankthaler, gleich'/-oo Prozent. Zur 510 Beruhigung des Haudelsstands war ihr verboten, Handels- Assekuranz- und Kommissionsgeschäfte zu treiben, Darlehen zu machen und aufzunehmen. Später erhielt sie allerdings die Er- laubniß, Wechsel zu vier Prozent zu diskontiren. Zugleich war aber der Bank auferlegt worden, daß die Aktien nur zu Vt baar, zu 3U in jenen auf 40 Prozent des Nennwerths entwertheten Staatsbillets einbezahlt werden durften. In Wahrheit hatte also die Bank nur über 3 300000 L. Kapital zu verfügen, dagegen das Recht, Bankzettel zu 1000 und 10000 Bankthaler aus- zugeben, die sie jederzeit gegen Metall einzulösen hatte. Die Eröffnung der Bank wurde mit Hohn aufgenommen, da leicht berechnet werden konnte, daß ihr Gewinn lächerlich gering sein mußte, selbst wenn sie ihr ganzes nominelles Kapital täglich um- setzte. Allein Law verwaltete seine Bank musterhaft und konnte nach sechs Monaten in der ersten Generalversammlung eine Divi- dende von 7 V, Prozent ankündigen. So bescheiden der Anfang war, so ließ sich doch der wohlthätige Einfluß der Bank auf die Geschäfte nicht verkennen. Aber auch jetzt fehlte wieder die Geduld; man konnte, man wollte nicht warten, und namentlich ließen die 250 Millionen Staatsbillets, die in ihrer Entwerthung eine stete Beschämung für die Regierung waren, den Regenten nicht schlafen. Es war schon eine große Unvorsichtigkeit von Law gewesen, daß er sich dazu verstanden hatte, 3U seines Baarkapitals in diesen Staatsbillets anzunehmen, um wenigstens einen Theil derselben dem Verkehr zu entziehen; aber was waren 4'/, Millionen gegen 250? Keine 2 Prozent. Law aber hatte versprochen, die ganze Schuld wegzuschaffen und Hos und Regierung in Ueberfluß zu versetzen, und das sollte er jetzt leisten'. Den äußeren Anlaß dazu bot der Umstand, daß ein reicher Kaufmann, namens Crozat, der ein Handelsprivileginm nach Louisiana erhalten hatte, als ihm die Chambre ardente eine Summe abpressen wollte, sein Privilegium und seine Schiffe der Regierung zur Verfügung stellte, um nicht weiter behelligt zu werden. Was sollte man mit beidem anfangen? Der Herzog von Noailles, ein erbitterter Gegner Laws, glaubte jetzt, cme Gelegenheit gefunden zu haben, einerseits der Regierung eine große Summe der fatalen Staats- billets vom Halse zu schaffen, andrerseits dem Schotten eine Schlinge zu legen, und wandte sich an Law, der zwar die Falle merkte, aber im Vertrauen auf sein System doch hineinging. So kam der Plan der„Compagnie d'Occident" zustande, einer Handelsgesellschaft nach Louisiana mit 100 Millionen Kapital, die man in Staatsbillets sollte einbezahlen dürfen. Es waren 200000 Aktien, a 500 L. Das Louisiana aber, welches die Kompagnie zu eigen erhielt, ist nicht der kleine Unionsstaat unserer heutigen Karten, sondern umfaßte den ungeheuren Raum zwischen Florida und Neuengland im Osten und den Felsen- gebirgen im Westen, zwischen Mexiko und dem Golfe im Süden und den kanadischen Seen im Norden, ungefähr die Hälfte des gegenwärtigen riesigen Gebiets der Vereinigten Staaten. Aber es war zu deutlich, daß die ganze Geschichte nur darauf berechnet war, der Regierung 100 Millionen ihrer Staatsbillets abzunehmen, daß also die Gesellschaft in Wahrheit gar kein Kapital, höchstens eine Reserve hatte: daher begegnete die Zeichnung der Aktien einem unüberwindlichen Mißtrauen und es dauerte fast ein Jahr, bis sie vollendet war. (Fortsetzung folgt.) Ein Wort über Töchtererziehung. Wer die Geschichte der Frau schreiben wollte, müßte damit anfangen, die Geschichte der Töchtererziehung gründlich zu studiren, um so sich in den Stand gesetzt zu sehen, die vielen dunklen Punkte in der Geschichte des Weibes und dessen Stellung in der Gesell- schaft zu klären und aufzuhellen. Inwieweit jene Schranken, welche wir noch heutzutage gegen die Gleichstellung der Frau mit dem Manne aufgerichtet sehen, natürliche oder künstliche Schranken sind, darüber läßt sich nach Herzenslust streiten; das eine ist nur gewiß, daß unsere heutige Töchtererziehung— trotz allen Verbesserungen, die sie erfahren,— nicht allein nicht alles thut, was sie könnte, um diese hemmenden Schranken zu ent- fernen, sondern— in ihren falschen Seiten— dieselben Schranken eher festigt und verstärkt. Es ist eine von den bedeutendsten Pädagogen und Aerzten getheilte Meinung, daß es unsre Töchter- erziehung— nicht sowohl die körperliche, als die geistige— ist, welche einen großen Theil der heutigen Frauen unfähig zur Erfüllung selbst ihres natürlichsten Berufs, des der Mutter, macht, und es muß dem noch hinzugefügt werden, daß jede radi- kale Verbesserung in der sozialen Lage der Frau in gewissen falschen Seiten unserer Töchtererziehung einen geheimen, deshalb aber nicht weniger entschiedenen Hemmschuh findet. In einem durch den„Deutschen Jugendschatz" seinerzeit ver- öffentlichten Artikel des Verfassers über„Häusliche Erziehung" wurde die Hand der Eltern nur flüchtig auf die klaffcndste Wunde der Töchtererziehung gelegt, nämlich auf die künstlich gesteigerte und begünstigte Ueberwucherung des Gemüthes und die gänzlich falsch verstandene Pflege desselben bei jungen Mädchen.— Der Gegen- stand ist von der größten Wichtigkeit und die Töchtererziehung eine Angelegenheit, die, weit über ihren Rahmen hinaus, in das Geschick der kommenden Generationen mächtig eingreift;— und so sei es mir denn noch einmal vergönnt, darauf zurückzukommen, die Bestrebungen einer falschen Richtung in ihren Resultaten zu beleuchten und dann über Zwecke und Mittel einer zeitgemäßen Töchtererziehung zu sprechen. Die Erziehung überhaupt ist nichts in sich Abgeschlossenes und Vollendetes; sie muß vielmehr, wie jede andere Wissenschaft, in jeder neuen Epoche ihre Wiedergeburt bsgehen. Es ist wahr, daß sie ihre Aufgabe darin findet, den Menschen zu bilden, aber nicht einen beliebigen, sondern grade denjenigen, welchen die treibenden Gedanken, die bestehenden Verhältnisse, die erkennbaren Strebungen und Ziele der Zeit erfordern. Und so wenig sich vom Schreibtisch ans eine Welt oder ein Reich regieren lassen, ist es möglich, nach alten verblaßten Schablonen und hohlen Theorien unsere Kinder zu nützlichen und glücklichen Weltbürgern zu erziehen. Unabsehbare Gebiete haben sich dem menschlichen Geiste erschlossen, selbst die längst bekannten Dinge sprechen eine ganz neue Sprache zu uns, die geistige Substanz der Menschheit, die Ansprüche, Wünsche und Bestrebungen derselben und damit die Vorstellung von dem Ideale, das der einzelne in sich möglichst verwirklichen soll,— haben sich verändert, bereichert, gesteigert.— Erziehung und Bildung müssen in dem Boden ihrer Zeit keimen und blühen, und wahrhaft gebildet ist nur der, welcher im stände ist, gleichermaßen seinem natürlichen Berufe nachzukommen wie die Ideen seiner Zeit zu verstehen und an den Aufgaben der mit- lebenden Menschheit mit bewußter Einsicht mitzuarbeiten. Schlecht erzogen und ungebildet ist der, dem jedes Verständniß für die Forderungen seiner Zeit fehlt und der sich allein und nicht auch der Gesammtheit anzugehören glaubt. Und erfüllt unsere heutige Töchtererziehung auch alles, was man von ihr fordern kann? Hat sie gleichen Schritt mit den Anforderungen der Zeit und des Geschlechts gehalten? Nein.— Groß sind in der That die Veränderungen und Verbesserungen, welche die Töchtererziehung in unseren Tagen erfuhr, aber die- selben können nicht wirken und helfen, solange zuhause einer Erziehungsmethode gehuldigt wird, der zufolge eben das Weib sich durch Jahrtausende im Kampf um das Dasein geschwächt und gelähmt fühlte, einer Erziehungsmethode, die in zwei Worten ihr Programm entwickelt: Tödtung des Verstandes, Herrschaft des Gemüthes.— Uebermacht des Gemüthes heißt Ueberreizung der Nerven. Je mehr wir uns den Empfindungen des Augenblicks hingeben, die ja nichts anderes als wechselnde Nervenaffekte sind, desto geringer wird der Einfluß des Verstandes auf uns, desto leichter werden wir zu Sklaven der wechselnden Nervenstimmungen, der Leidenschaften werden. Je kräftiger die Nerven, um destoweniger werden sie die Herrschaft über uns an sich zu reißen suchen; je kräftiger der Verstand, um destoweniger wird er sich geneigt zeigen, seine Herrschaft über uns den Nerven abzutreten. Kräftigung des Verstandes, Kräftigung der Nerven, das heißt Beschränkung der Gemüthsherrschaft, sollte also das Ziel jeder vernünftigen und speziell der Töchtererziehung sein. Aber man entgegnet darauf: Bei den Frauen wird immer das Gemüth vorherrschen und den Verstand zurückdrängen; dies liegt in der Natur des Weibes und gegen die Natur kann auch die Erziehung nichts ausrichten____ Als ob die Natur und nicht viel eher die 7 511 Erziehung unsere nervösen Frauen geschaffen hätte und es die Aufgabe der Erziehung wäre, die zugegebenen Fehler der Natur großzuziehen, anstatt gutzumachen oder doch in ihren Folgen zu mindern. Eben weil die Frau— sagen wir„von Natur", da ja doch der„Sündenbock" das älteste und liebste Hausthier der Menschen ist,—„von Natur" also, so sehr geneigt ist, dem „Herzen" eher, als dem Verstände zu gehorchen, muß die ver- nünftige Töchtererziehung vor allein dahin wirken, dem Ver- stände des Mädchens die größtmögliche Macht und Aus- dehnung zu verleihen, auf daß er den Polypenarmen eines allzu reizbaren Nervensystems sich wirksam entwinden könne. Die Mittel der entgegengesetzten Erziehungsmethode mögen allerdings sehr einfache sein. Alan braucht nur die Phantasie des Mädchens mit überschwänglichen Bildern und Vorstellungen anzuMen und dabei den Verstand darben zu lassen, man braucht nur die natürliche Reizbarkeit seiner Nerven durch Rührworte und Rührszenen, Thränenausbrüche zc. zc. noch zn steigern und seinen Hang zur Hingabe an den Eindruck des Augenblickes durch Vermehrung und Erhöhung dieser Eindrücke reger und mächtiger zu machen, man braucht nur die Welt ihm zu verhüllen, an sein „Herz" und sein„Gemüth" zu appelliren und diese beiden als die Triebfedern der eigenen wie der Handlungen anderer darzu- stellen(als ob wir nicht vor allem„vernünftig" handeln müßten), man braucht nur das Mädchen daran zu gewöhnen, wozu es sich ohnehin schon geneigt fühlt— außerordentliche und uner- wartete Dinge viel eher als natürliche und von unnatürlichen Hoffnungen viel mehr als von den Mitteln des nüchternen Ver- standes zu erwarten— und man wird so spielend zu einem Resultate gelangen, welches in jeder einzelnen Frau sich spiegelt: Erregbarkeit und Reizbarkeit, Lust und Glauben an Schein und Aeußerlichkeiten, Vertrauen auf den Zufall, Hängen am Kleinlichen, eine überwucherte Phantasie und ausgesprochene Unlust am ernsten Denken. Die Folgen einer solchen„Gemüthsbildung" müssen die trau- rigsten sein; das, was die beste Mitgift unserer Töchter aus- machen sollte, einen kalten Kopf, einen festen Willen, Selbstver- trauen und einen helleren Verstand, kann sie nicht gewähren, dafür gibt sie dem Mädchen ein überreiztes Nervensystem' und eine übervölkerte Phantasie auf den Weg ins Leben,— zwei Gaben, die unserer niateriellen Wohlfahrt wie der sittlichen Frei- heit gleichmäßig im Wege stehen, vor allem aber der Erfüllung des weiblichen Berufes. Liegt denn nicht eben in dem Zuviel der Gemüthsbildung und in dem Zuwenig der Verstandes- und Willensbildung der Grund, weswegen so viele Frauen den Pflichten der Mutter nur halb oder gar nicht nachkommen können? Wie groß und unberechenbar ist der Schaden, den eine „nervöse", d. h. allen Nervenstimmungen preisgegebene Mutter sich selbst und ihrem Kinde zufügt, vom Augenblick der Empfäng niß bis in die letzten Jahre der Erziehung? Wie viel Selbst- beherrschung und Selbstverleugnung, mit einem Worte, welche vollständige Herrschaft über sich selbst fordert nicht die Mutter- schaft und keinen besseren Helfer kann es für eine Mutter geben, als starke Nerven und starke Muskeln und die vollständige Herr- schaft des Verstandes. Es gibt keinen sittlichen Gehalt ohne den Verstand und keine bessere Waffe im Kampf ums Dasein als diesen Verstand, und wo er seiner Herrschaft verlustig wird, geht auch die Lust am Kampfe selbst verloren. Aber, wird man uns entgegnen, ist der Selbstmord, dieses Aufgeben des Lebenskampfes, nicht gerade unter den Männern, bei denen ja der Verstand das Gemüth überwiegen soll, nicht viel häufiger als bei den Frauen? Die Statistik gibt euch recht, aber die Statistik heuchelt. Denn wenn der Selbstmord das muthlose Aufgeben des Lebenskampfes, die Fahnenflucht des Strebegeistes bedeutet, dann gibt es noch eine zweite Art von Selbstmord, dann stehen gegen die hun- derte der Selbstmorde in den Reihen der Männer, die taufende — der Preisgebungen bei dem andern Geschlecht auf— mit anderen Worten, die Preisgebung ist nichts anderes, als der moralische Selbstmord der Frau, worin sie alle ihre Waffen streckt, weil ihr Wille zu schwach, ihr Unternehmungsgeist zu gering und ihr Verstand zu ohnmächtig ist, um den hohlen Schein von der Wirklichkeit zu trennen, ihr„Herz" aber stark genug, um auch noch über dem Grab der Ehre lustig weiter zu schlagen--- Möchten doch alle Mütter und Erzieher sich dreifach die Stelle unterstreichen, daß es keine bessere Schutzwehr für die Tugend unserer Töchter gibt, als einen tüchtig entwickelten Verstand und Willen, ein widerstandsfähiges Selbstvertrauen in sich selbst und einen klaren objektiven Blick. Moralpredigten verderben und führen eher zum entgegengesetzten Ziele. Wohl ist es die Macht einer üppigen Phantasie, welche die Frau vieles erdulden läßt, ohne zu murren; allein in wessen Interesse ist es? Gewiß am allerwenigsten in dem der Frauen, der Geist des Duldens, der eben einer übermächtigen, alles hos- senden und nichts unternehmenden, wünschereichen, aber thaten- losen Phantasie entspringt, ist es ja eben, welcher die Frau so weit in ihren Rechten und Ansprüchen zurückgestellt und damit den Fortschritt der Menschheit ebenso wie die Verbesserung der Frauen lange aufgehalten hat; und somit darf das Mädchen nicht zum trägen Wünschen und stillen Dulden, sondern zum Handeln und zur Thatkrast erzogen werden. Die Lust am Leben und dessen Genuß darf in ihm nicht erstickt, dafür aber es auch nicht daran gewöhnt werden, die Befriedigung dieser Lust anderswo als in seinen Fähigkeiten und Arbeitskräften zu suchen. Und nur ein Weg führt zu diesem Ziele: Eine Erziehung, die die Herrschaft des Verstandes in der Seele des Mädchens ermöglicht, das Vernunftleben zu erweitern, das Nervenleben zu beschränken sich bestrebt und unsere Töchter befähigt, gerüstet in die Arena des Lebens herabzusteigen. Irrfahrten. Von Ludwig Wosenverg. (Fortsetzung.) 14. Juli. „Ja, ich hatte es als Soldat sehr gut!— Nach dem Excr- citium in die Küche abkommandirt, habe ich mir das Leben dort so angenehm gemacht wie möglich!— Es war ein vergnüglicher Aufenthalt; nie Mangel, stets Ueberfluß und Gelegenheit genug, noch Ersparnisse zu machen!"-- So hörte ich in einer Nestau- ration einen wohlgenährten Civilisten zu einem meiner Käme- raden sagen, und als ich zu dem Sprecher aufblickte, der in Er- innenmg an die vollen Fleischtöpfe in der Menage mit seinen Lippen schmunzelte, da war mir das Bild jenes Koches, der die besten Bissen inimer vor der Essenszeit aus den Töpfen zu stehlen pflegte und selbst verzehrte, so— daß das Fett an seinen Mund- winkeln herniederlief, ganz deutlich vor Augen und ich konnte mich nicht enthalten, den Menschen zu fragen, ob er nicht auch die Fettaugen von den Suppen der Kameraden heruntergenomnien habe, als einen unnöthigen Ueberfluß und Luxus.— Er lachte und versetzte:„Es muß jeder sehen, wo er bleibt!" IS. Juli. Bor mir wie ein goldgeschnittnes Märchenbuch liegt meine Jugendzeit. Tausend Blätter und auf jeder Seite ein Bild!— � Oftmals so im stillen blättere ich darin und dann steigt vor meinem inneren Aug flutend eine Fülle von Gestalten und Em- pfindungen auf. Soviel Thorhciten und soviel falsche Gefühle! — Der ernste Sinn lächelt über die jugendlichen Verirrungen, aber er belächelt sie gern; denn an der Jugend hängt das Herz! -- Und so belächle ich die Bleisoldaten und die Trommel und den Helm, den der Vater mir Knaben immer zu Weihuach-- ten zu schenken pflegte, und so belächle ich die kriegerischen Spiele unter den Schulkameraden, so lächle ich auch über den patriott- scheu Kindcrfanatismus, der oftmals in hohe Flanimen ausschlug, an der Belobigung der Erwachsenen stets einen nährenden Zunder erhielt, und so lächle ich auch noch über manches aus meiner Jugendzeit— wehmüthig-mitleidsvoll!--- Ich besinne mich noch ganz gut, wenn wir Kinder mit besonderer Bravour auf dem Turnplatz den Soldaten nachmachten. Unser Lehrer, ein gedienter Soldat, hielt streng auf Strammheit und Zucht. Die harmonische Ausbildung aller Körperkrüfte war ihm zuwider und er pflegte zu sagen:„Wollt wohl Seiltänzer werden?— Lernt marschiren und frühzeitig Soldaten werden!— Das ist die Hauptsache für euch." Der arme Mensch und die armen 512 Kinder, die einem solchen Lehrer Mr Erziehung übergeben sind! -- Als wenn die militärische Zucht eines Heeres einexercirter Soldaten ausreichte, das Vaterland in der Gefahr, von wilden Feinden überflutet zu werden, zu retten!— In der höchsten Gefahr ist ein jeder Soldat, Frauen, Mädchen, Greise, Kinder, in der höchsten Gefahr ersetzt„ein" Mann zehn Soldaten, an Muth, Opferfreudigkeit und Ausdauer. Elisabeth Lieber an Freimann. „Gehe, ich beschwöre dich, gleich nach dem Lazareth. Unserm Morgenroth soll ein Unglück begegnet sein. Wir sind alle in großer Aufregung, weil wir ganz ohne nähere Nachrichten sind.— Aber gehe gleich!-- Bitte, bitte!"----- 8 Tage später. Theure Freundin! Ich kann selbst nicht schreiben; ein Nebenmann von mir hat die Freundlichkeit, meine Worte aufzu- zeichnen!-- Du sollst gleich nach dem Unglücke im Lazareth gewesen sein, um mich zu sehen. Man hat es mir später gesagt. O ich danke dir von ganzem Herzen für deine Güte! Wer hätte außer dir das auch wohl gethan?— Wenn ich wieder gesund sein werde und das Lazareth verlassen kann, werde ich zuerst zu dir kommen,— Freimann war gestern hier; er ist ein so guter Mensch, und ich habe ihn so sehr lieb.— Ihr beide seid meinem Herzen am nächsten.--- Es war ein übler Tag!— Es regnete stark. Wir mußten trotzdem ausrücken.— Durchnäßt bis aus die Haut kamen wir in den Wald. Die Wege waren aufgeweicht und schlüpfrig.— Während einer Attaque fiel ich unglücklicherweise über eine Baumwurzel und da ich das Gewehr im Arme hatte, vermochte ich dem Falle nicht auszuweichen.— Nun liege ich hier, mit wieder eingerenktem und zerbrochenem rechten Arm.— Das Fieber ist vorüber, auch die Schmerzen haben nachgelassen und mein erstes ist, an dich, liebes Herz, schreiben zu lassen.-- Ich trage den Arm im Gipsverband, und ehe er nicht einigermaßen geheilt sein wird, darf ich das Lazareth nicht verlassen.— Wir sind hier unsrer dreizehn; alle im grauen Zwillichanzuge mit großen Pantoffeln angethan. Das Lokal ist groß und unsauber.— Ich war froh, trotz der Betrübniß, dich nicht gesehen zu haben, daß man dich nicht zu mir ließ!— Das ist hier kein Aufenthalt für Damen!-- So, nun will ich meinen Kameraden nicht länger belästigen.— Ich übe mich heute schon, mit der linken Hand zu schreiben und wenn ich darin einige Fertigkeit erlangt haben werde, so schreibe ich selbst. Bis dahin lebe Wohl und grüße gütigst deine theuren Eltern und deinen Bruder.— Ich versetze mich in Gedanken immer zu dir und dann sitze ich in der Ecke im Sopha und plaudere mit dir, wie früher, so angenehm und so erhebend. Theure Freundin! Deine Zeilen bewahre ich auf meinem Herzen.— Sic haben mir wohlgethan in meiner Einsamkeit. Öftmals hole ich sie heimlich wieder vor, um sie von neuem zu lesen. Ich weiß sie zwar schon auswendig, aber ich betrachte so gerne deine Schriftzüge.-- Heut' ist der Verband abgenommen worden und da ist denn konstatirt, daß-- erschrecke nur nicht --- der Arm falsch eingerenkt, oder richtig gesagt, gar nicht eingerenkt gewesen war.— Da der Unterarm gebrochen, so ist die Prozedur, der Versuch des nochmaligen Einrenkens unmöglich und wenn es auch geschehen könnte, doch lebensgefährlich, denn alles ist rings schon ziemlich festgewachsen.--— Meinen Arm kann ich jetzt nur ein wenig heben.---— Das ist ein großes Unglück.— Nun komme ich bald von hier fort.— Was wollen sie auch wohl mit einem armen Invaliden noch länger I sich mühen?——-- Schreib' ich nicht ganz schön mit der linken Hand?-------——-- 1 Lieber Freimann!— Sende mir einige Bücher, etwa ein paar gute Romane, sodann auch etwas Papier und Tinte nebst Federn. Auch mein Tagebuch füge den Sachen hinzu. Ich will in meinen Notizen fortfahren. Die ungeschickte linke Hand hat sich meinem Willen schon unterthan niachen müssen. Bald wird sie meinem Befehle ganz gehorchen.— Mich öfters zu besuchen, kann ich von dir nicht fordern. Am besten, du schreibst; denn in diesen Räumen wird jedes freudige Gefühl gewalffam nieder- gehalten.— Dazu werden wir Kranke, die wir nicht an inneren Krankheiten leiden, genau so wie jene in der Nahrung gehalten. — Ein vernünftiger Grund für diese ökonomische Diät ist nicht einzusehen. Der Magen sagt deutlich, daß diese Ernährung eine ungenügende sei.— Ich habe mich bei dem Oberarzt beschwert, dieser hat den Inspektor avisirt, und nun erhalte ich einigermaßen ein hungerstillendes Essen. Aber die übrigen?--- Die sind auf Zuträgerei hingewiesen, und das ist strafbar.— So ist also auch hier ein Grund zur Mißstimmung und zur Unzufrieden- heit.--- Die Sterblichkeit unter den Soldaten ist eine viel größere, als man gewöhnlich glaubt. Werde in diesem Punkte später die Statistik studiren. Die Selbstmorde sind beim Militär auch seltsam zahlreich, und außerdem bildet in jedem Lazareth die große Masse der Geschlechtlichkranken das Hauptkontingent. Aus dem Sagebuch. Es war ein wichtiges Stück Menschenleben, was da an mir vorübergezogen ist. Und es ist gut, daß ich es kennen gelernt habe. Welt und Leben von recht vielen Seiten zu schauen und verstehen zu lernen, ist nicht nur ein intellektueller, sondern auch ein unschätzbarer moralischer Gewinn. Je mehr man gesehen und erfahren, desto schwerer verfällt man in Einseitigkeit, Eng- Herzigkeit, Härte des Urtheils, in pessimistische Verbittrung und Hoffnungslosigkeit; desto zuversichtlicher wird die Ueberzeugung von der fortschreitenden Besserung der menschlichen Verhältnisse— trotz all' und alledem. August. Man sucht alles Mögliche hervor, um festzustellen, ob mir eine Schuld an der Körperverletzung zugeschrieben werden kann. Vergebliches Bemühen!— Sie werden mir meine Pension nicht vorenthalten können, denn ich bin im Dienst zu Schaden ge- kommen.— Täglich werden die Armbewegungen mit Hülfe elektrischer Ströme fortgesetzt, sodaß ich den Arm nun doch wag- recht strecken kann.— Ach, wie sehne ich mich darnach, aus- zurufen: Vorüber, vorüber!-- Heute war ich bei Liebers, bei Elisabeth!— Welch' ein Empfang! Die lieben Leute freuten sich, als ob sie meine Eltern wären, und Frau Lieber weinte sogar, als ich ihr zuerst auf der Treppe begegnete.„Elisabeth ist in der Stube," sagte sie, und in diesem Augenblick öffnete jene selbst die Thür. Zitternd, blaß und stumm kam sie auf mich zu und sie drückte mich an sich und ich küßte sie— zum erstenmale.„Ich hatte eine Ahnung, daß du heute kommen müßtest," sprach sie endlich leise und stockend; „und als ich meine Mutter mit jemand sprechen hörte, da fühlte ich, daß du es seiest."-- Der Kommandeur meines Regiments versuchte mich zu bereden, die Jntendanturcarriere einzuschlagen.„Man wird Sie nach Berlin schicken und Ihnen die nöthige Ausbildung geben. Sie sind befähigt und werden im Fluge eine angesehene Stellung Sich erringen."— Ich lehnte kühl dankend ab. Als er sah, daß ich unerschütterlich war und den Versuchen, meinen Ehrgeiz zu stacheln, mit ruhiger Miene widerstand, brach er ab und ver- abschiedete mich freundlich.— Nun bin ich wieder frei, frei— und— mit monatlich 9 Mark pensionirt!— Hurrah!— (Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Nudokpy von A...... (Fortsetzung.) Willisch hatte seine Pferde tüchtig angefeuert; in wenigen Minuten hielt der Wagen vor dem zierlich vergitterten Eisen- portale des Schlosses Felseck, das von der mäßigen Anhöhe herab, auf der es dereinst ein mittelalterlicher Rittersmann erbaut hatte, mit seinen hochragenden Thürnren und Söllern weithin in den Thälern sichtbar war. Der greise Thorwärter des Schlosses schnitt ein ungeheuer verwundertes und nichts weniger als respektvolles Gesicht, nach- dem er einen flüchtigen Blick auf den über und über kothbespritzten Wagen und seine Insassen geworfen und sie erkannt hatte. Langsam und widerwillig öffnete er das kleine Fenster, hinter dem er oder seine Frau Tag für Tag von früh bis abends zu 513 sitzen pflegten, und ohne ein Wort zu sagen und ohne auch nur zu grüßen, wartete er auf eine Anrede. Willisch entging die Mißgunst nicht, die aus dem Gesicht des Alten sprach. Er runzelte die Stirn und wendete seinen Blick, ärgerlich brummend:„Bedientenpack— kennen wir schon/'— zu Fritz Lauter. Dieser zögerte nicht, die Unterhandlungen zu eröffnen. „Ist der Herr Baron von Bergen wohl zu sprechen— in einer sehr wichtigen, ganz außerordentlich dringenden Angelegen- heit?" „Seine rcichsfrciherrlichcn Gnaden," entgegnete der alte Diener mit geflissentlich gehobener Betonung,„empfangen nur des Sonn- tags von 11 bis 1 Uhr." „Verflucht uuverschämter Kerl," murmelte Willisch zwischen die Zähne.„Sagen Sie dem Menschen, Herr Redakteur Lauter," fügte er dann laut hinzu,„daß Sie kein Bittsteller sind, wie sie der Herr Baron allsonntäglich in hellen Haufen einzulassen beliebt." Fritz Lauter war rasch entschlossen vom Kntschbock gesprungen und aus das Fensterchen zugetreten. Aus seiner Brieftasche nahm er eine Karte, welche ihn als den Vertreter der Redaktion des „Tageskorrespondenten" legitimirte, und reichte sie dem Diener. „Ich muß Sie unter allen Umständen ersuchen, mich sofort Ihrem Herrn zu melden. Vorher jedoch müssen Sie mir den Eintritt in Ihr Zimmer ermöglichen, damit ich durch eine Zeile dem Herrn Landesältesten andeuten kann, zu welchem Zwecke ich bei ihm vorspreche. Wird aus Ihrem Zögern der hochwichtigen Angelegenheit, derentwillen ich komme, irgendein Nachtheil er- wachsen, so werde ich Sie persönlich zur Rechenschaft ziehen— vor Ihrem Herrn und, wenn es noththut, vor der Oeffentlich- keit." Fritz hatte den Ton getroffen, der einem alten Bedienten immer imponirt. Als er die Hand auf die Thürklinke legte, fand er die Pforte geöffnet. Ehe er eintrat, warf er noch einen Blick auf seine beiden Begleiter. „Kommen Sie nicht mit, Herr Willisch?" fragte er.„Und du, Onkel?" Willisch schüttelte den Kopf. „Vor dem alten Baron von Bergen-Felseck hält mein Witz und meine rittergutsbesitzerliche Vornehniheit nicht Stich," brummte er, und etwas lauter fügte er hinzu:„Gehn Sie nur allein, das wird am besten sein." Auch der Kantor machte nicht Miene, auszusteigen. Im Gcgentheil— er fragte: „Wär's nicht doch besser, Fritz, wenn du solchen hohen Herrn nicht inkommodirtest? Was meinst du?" Fritz Lauter nickte nur, öffnete den Thorflügel und trat ein. Im rechten Winkel zur Hofpforte, auf deren linker Seite, befand sich die Thür zum Portierhäuschen. In derselben stand der alte Diener, nicht recht wissend, ob er die Mütze vom Kopfe nehmen sollte oder nicht. Fritz Lauter grüßte und trat in das Häuschen. Der Alte mußte wohl oder übel auf die Seite. Als Fritz beini Eintritt seinen Hut abnahm, riß der andre seine Mütze ziemlich eilig und mit einer Miene, als ob er das blos ver- gessen hätte, auch vom Kopfe. Er brunimtc sogar etwas wie eine Entschuldigung. Er hätte nicht gewußt, mit wem er die Ehre hätte. Wenn's der Herr wünsche, würde er ihn Seiner reichsfreiherrlichen Gnaden sofort melden. Fritz hatte schon ein paar Worte auf die Rückseite seiner Karte geworfen und überreichte diese nun dem Diener. „Allerdinas sofort, ivcnn ich bitten darf." Als der Alte fort war, trat Fritz Lauter zum Fenster des kleinen, von dem Qualm eines, wie es ihn bedünkte, auffällig guten Tabaks erfüllten Stübchen. Auf den ersten Blick konnte er den Wagen nicht mehr ent- decken. Er öffnete das Fenster und sah, daß Willisch zur Seite gefahren war, und auch der Grund, weshalb er das gethan, fiel ihm sofort in die Augen. Ein zweiter Wagen fuhr daher, dicht an die Pforte heran und hielt. Ein nicht mehr junger Herr von stattlichem Körper- wüchse in eleganter, aber augenscheinlich wasserdichter Joppe und hohen Reiterstiefeln, sprang aus dem sich öffnenden Schlage und drückte auf den Knopf der elektrischen Thurglocke, sodaß sie in heftige, geräuschvollste Bewegung kam. Fritz kannte den Mann nicht, aber aus der Art, wie derselbe sich hier gab, glaubte er schließen zu können, daß er einen Bekannten des freiherrlichcn Hauses vor sich habe. Da der alte Diener seinetwegen augenblicklich nicht zur Stelle war, berührte er an seiner Statt den Griff des Drahtzuges, welcher von dem Portierzimmerchen aus den Thürriegel zuriickzuziehen bestimmt war. Der neue Ankömmling trat rasch in den Hof und an die Thür des Pförtnerhauses. „Nun, alter Peter, wo steckt man denn? Was ist denn das für ein sonderbarer Wagen, der da vorm Thor hält;— der Herr hat doch nicht etwa Besuch bei dem miserablen Wetter?" Fritz Lauter trat aus dem Dunkel des Zimmers hervor. „Der Pförtner ist soeben gegangen, mich bei dem Herrn Baron von Felscck zu melden, den ich in sehr dringender, das Allgemein- wohl betreffender Angelegenheit um Gehör ersucht habe;— so dringend aber meine Angelegenheit ist, so kurz werde ich mich fassen." Der Fremde warf einen raschen, scharfen Blick auf den in ruhigem, aber sehr entschiedenen Tone Sprechenden. „Ah, so," entgegnete er,„Sie wünschen den Baron zu sprechen. Ich auch. Ihre Angelegenheit berührt das Gemeinwohl; die meine sicher nicht minder. Doch— mit wem habe ich das Ver- gnügen?" „Mein Name ist Lauter, ich bin Mitredakteur des.Tages- korrespondenten� in P. und gegenwärtig Spezialbcrichterstatter desselben in dem Gebirgsdistrikte hier." Wieder glitt ein prüfender Blick des Fremden über seines Gegenüber ganze Gestalt. „Darf ich auch fragen, mein Herr Berichterstatter, weß Inhalts Ihre allgemeinwichtige Angelegenheit ist?" Die Art des Fremden mißfiel Fritz Lauter nicht, obgleich sie keineswegs besonders höflich war; der Mann beantwortete nicht einmal das entgegenkommende Sichvorstellen des jungen Mannes mit einfacher Nennung seines eignen Namens. Er war offenbar zu befehlen gewohnt, und Unterwürfigkeit bei den Leuten, mit denen er zumeist umging, zu finden. Darum erlaubte er sich so ohne weiteres, mit Lauter eine Art Examen anzustellen. „Ich habe auch dem mir gänzlich Fremden gegenüber keine Ursache, meinen Zweck zu verbergen. Ich komme wegen der blutigen Vorfälle am Perleviadukt und wegen der jetzt wohl nicht mehr vermeidlichen furchtbaren Ueberschwemmung,— in der Hauptsache, um Vorschläge dem Herrn Landesältesten zu unterbreiten, deren Ausführung, wie ich meine, einen Theil des drohenden Elends mildern, wenn nicht beseitigen könnte." Der Blick, welcher jetzt aus den großen, sprechenden Augen auf Fritz gerichtet ward, zeigte Verwunderung und beginnendes Wohlgefallen, aber auch ein wenig spöttischen Zweifels klang aus der Stimme hervor, als der Fremde antwortete: „Da ich ganz in derselben Angelegenheit zu meinem alten Freunde und Gönner, dem Freiherrn von Bergen, komme, so können wir zusammen bei ihm eintreten. Kommen Sie, mein Herr Lauter,— ja so, ich habe Ihnen gar noch nicht gesagt, wer ich bin. Nun, ich dirigire dadrüben die Irrenanstalt Alt- haus und heiße von Steinach. Zeit, um auf den alten Peter zu warten, habe ich nicht, gehen wir also." Fritz Lauter zögerte nicht einen Augenblick. Er verbeugte sich leicht und folgte dem Jrrenhausdirektor. Der Mann war ihm eine viel interessantere Persönlichkeit, als dieser vermuthen mochte. Wie er so einen Schritt seitlich vor ihm hinging, beobachtete er ihn. Ungefähr 43, 44 Jahre alt mochte er sein, der Herr von Steinach, und den Kavallerieoffizier, welcher er wohl zwanzig Jahre lang gewesen war, verleugnete er in keiner Bewegung. Jeder Schritt, jede Wendung des Kopfes war elastisch, scharf und schneidig, so wie er gesprochen hatte, in jenem Tone, als wenn er noch vor der Front seines Husarenregiments, im Kreise der ihm unter- geordneten Offiziere spräche. An der Thür des Schlosses trat ihnen der alte Peter ent- gegen. Diesmal zog der Alte die Mütze blitzschnell von seinem grauen Kopfe und sprang, sich tief zur Erde bückend, auf die Seite. „Der Herr Oberstlieutenant"— dem alten Peter stand der Offizier hoch über jedem Civilbeamten.—„Erlaube mir aller- unterthäuigst, mich zu Gnaden zu empfehlen. Da sind Seine reichsfreiherrlichen Gnaden natürlich nicht für den Herrn von der Zeitung zu sprechen." „Warum denn nicht, alter Peter?" fragte der Herr v. Steinach. „Waruni können wir beide denn nicht gleichzeitig bei Ihrem Herrn eintreten? Ihr Herr hat nichts dagegen, der Herr Redakteur auch nichts, ich ebensowenig. Wenn also der alte Peter nun noch mit uns einverstanden ist, so könnt' es sofort geschehen,— was meint der alte Peter?" U. Der alte Peter warf einen etwas entrüsteten Blick auf den Herrn Redakteur, der, seiner Meinung nach, doch sehr unverdient zu sehr hoher Ehre kam. „O, ich— ich, der gnädige Herr Obcrstlieutenant belieben zu scherzen. Wenn der Herr Oberstlieutenant befehlen—" „Schon gut. Der alte Peter kann ruhig in seine Klause gehen, ich werde den Herrn führen. Bitte!" Aber der alte Peter ließ sich in seinem Diensteifer nicht so leicht abweisen. Er sprang mit einer für sein Alter wunderbaren Geschicklichkeit vor den Herren eine Treppe hinauf, riß eine mäch- tige Flügelthür von kunstreich geschnitztem Eichenholz auf und zischelte hinein: „Jeun— der Herr Oberstlieutenant von Steinach—— wollen mit dem Herrn von der Zeitung zusammen eintreten bei Seiner Gnaden." Sofort erschien der in die dunkelrothe Hauslivree gekleidete Kammerdiener des Barons von Felseck in der Thür, machte eine tiefe Verbeugung gegen die Kommenden und schritt dann rasch nach dem Arbeitszimmer seines Herrn, um seine Meldung zu machen. Eine klangvolle, tiefe Männerstimme rief, wie es den Anschein hatte, freudig überrascht: „Mein lieber Steinach? So— nun, das trifft sich ja prächtig. Dann bitte ich die Herren, gleich hier einzutreten." Und kaum waren die Worte verklungen, als eine hohe, nur mäßig nach vorn geneigte Greisengestalt an der vom Kammer- diener zurückgeschlagenen Portiöre erschien. „Ich heiße die Herren willkommen. Sie, mein lieber Steinach, kennen gewiß den Herrn Berichterstatter und Redakteur Lauter, den ich jetzt wohl zum erstenmal zu sehen das Vergnügen habe?" Der Direktor von Steinach drückte warm und mit herzlich- freudigem Gesichtsausdruck die Hände, welche ihm der greise Schloßherr entgegenstreckte; Fritz Lauter verneigte sich respektvoll, aber ohne jede Spur von Dienstbefliffenheit und selbstvergeffender Unterwürfigkeit, ja selbst ohne Befangenheit; er fühlte sich von der Aufgabe, welche er mit allen Kräften seines Geistes und Körpers zu erfüllen sich vorgenommen hatte, so gestärkt und er- hoben, so ganz und gar eingenommen, daß drückende und beengende Gedanken garnicht in ihm aufzusteigen vermochten. „Ich habe den Herrn zwar auch erst in diesem Augenblick kennen gelernt," erwiderte der Herr von Steinach,„aber da er mich versicherte, daß er in der verzweifelten Lage, in welche unser Weltwinkel im Augenblicke immer tiefer hineinkommt, Vorschläge zur Abhülfe zu machen habe, so brachte ich ihn umsolieber mit Poesie und QFahrheil. O Meer! Aus deiner Finthen gehcimnißvollem Schoß Mit dichterischem Vorgefühl Ließ einst das wunderbare Volk der Griechen Geboren werden der Schönheit Urbild Und Gottgcstalt. Heute, nach Jahrtausenden, Ward kund die Deutung dieser Poesie: Aus dem Niedern Wust Und aus den Ungethümen allen, Die das Meer gebar, In fürchterlichem Kampf hat sich herausgerungen Der Mensch, Und er wird einst in sich vollenden Die Gottnatur der Schönheit. Leop. Jacob». Gottfried Wilhelm von Leibnitz(Jllustr. S. 508), der Begründer der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts, wurde am 6. Jul: 1646 zu Leipzig, wo sein Vater Professor der Rechte*) war, geboren, besuchte die dortige Nikolaischule und bereits mit dem 15. Jahre (Ostern 1661) die Universität, um sich dem Studium der Jurisprudenz zu widmen. Von großem Einfluß aus ihn muß der dort als Lehrer sungircnde, besonders um die Geschichte der alten Philosophie verdiente Jakob Thomasius gewesen sein, denn Leibnitz gab bald das Studium »I So bchauptet die Mchrzaht der mir zur Versügung stehendeu Biographieeo, wobinaeoc» Tennemann in tcinem„Grundrib der G-ichich» der Pbilolophie" und Ueberwea in ieinem gleichnamigen Werke angeben, er iei Prosessor der Moralphiloiophic gcroeteii Wer recht bat, vermag ich nicht zu entscheiden.!, W.", welcher in Nr, 29 d, I. das«euchhustenmittel angibt, einfach sich der einmal üblichen«unstausdrückc bediente, die er als Laie aus eigene Faust zu verdeutschen lein Recht und auch leine Ursache hat, Sie würden nämlich, auch wenn wir die von Ihnen beanstandeten Ausdrücke verdeutscht hätten, doch noch lange leine destimmte Bornellung gewonnen haben, weil Sie eben die betreffenden Dinge nicht kennen, die ganz allgemein durch jene Fremdworte bezeichnet werden. S. B,: Würden Sie etwas gewonnen haben, wenn wir Ihnen Jnhalationsapparat so lurz und so gut als möglich mit Einathmungsvorrichtung übersetzten? Sie würden sogar schlimmer dran sein, weil der Händler mit medizinischen Apparaten und Instrumenten, an den Sie Sich im Falle des BedarsS wenden müßten, nicht sicher wiffen würde, was Sie wollen, während lür ihn ein Zweisel. was unter einem Inhalationsapparat zu verstehen ist, völlig ausgeschloffen ist. Und rellifizirle« Terpentinöl verlangen Sie gar auch über- setzt? Recht gern: reltisizirtes Terpentinöl heißt doppeltgereinigteS tliadelholzbalsamöl- Sic brauchen's aber nicht weiter zu sagen, denn verstehen wird Sie laum jemand Im Anschluß hieran wird Ihnen die Lehre verständlich werden, wonach Fremdausdrücken in der deutschen Sprache, wie in jeder andern, Daseinsberechtigung zuzuerkennen ist, wenn sie eine Sprachlücke süllcn, wie sie bei sortschreitender«ulturentwicklung alle Sprachen immer von neuem auszuweisen haben, und daß es eine Thorheit wäre, jene Fremdlinae die solcher Brauchbarleit wegen Bürgerrecht im Deutschen erworben haben oder eben zu erwerben im Begriff stehen, hinterher durch lünstlich gemachte deutsche Ausdrücke vre» drängen zu wollen. Dürrcnberg. F. Die Mitesser, die sich, wo sie ohne Pustelbildung austreten unter dem Mtlroslop nicht als Thiere, wie man srüher glaubte, sondern als aus Fett- körnchcn und versetteten Qbcrhautzellen bestehende Hauttalgadlagcrungen erweisen ent- sernt man am besten indem man sie ausdrückt, entweder einzeln mit dem Fingernagel oder einem Uhrschlussel oder, wenn sie zahlreich vorhanden sind, durch krästiges Bürsten mit einer Zahnbürste und nachheriaer Anwendung von«aliscise oder auch ourch Ouer- streichen mit einem Falzbein oder Mefferrücken, Auch thut man gilt, die von den Mit- effern besetzten Hautstellen, nach der mechanischen Entsernung jener Unzier, abends eine Zeitlang m,» Mandelöl zu bestreichen und morgens mir warmem Wasser und Seise zu waschen! ebenso ist es nützlich, die Haut wöchentlich einmal mit schwarzer Schmierseise zu waschen. Sind die Miteffcr von Pustelbildung begleitet, so lann man annehmen daß in den durch die Drüsenausschcidung vereilcrten Talgdrüseiigängen der von Gustav Simon entdeckte Acarus folliculanim, die Haarsackmilbc. ein nur>/n> Linie langes Glikderthierchen, sitzt, welchem man mit«rcosolsalde— statt Mandelöl— nach dem Ausdrücken der Miteffer den GarauS machen kann. Zu der«reoso, salbe sind zu nehmen 3 Dropsen Kreosot aus 4 Gramm Fett. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung). � Der Heros des Gründerthums, von Dr. A. Mülberger.— Ein Wort über Töckitererziehung.(I.)— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B...... (Fortsetzung).— Poesie und Wahrheit, Gedicht von Leop. Jacoby.— Gottfried Wilhelm von Leibnitz(mit Illustration).— Die internationale Fischerei-Ausstellung in Berlin(mit Illustration).— Literarische Umschau.— Wissenschaftlicher Rathgeber. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.