Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. "■ 3l- Juli 1880. Idealisten. Ion Htudotf L a v a n t. (Fortsetzung.) Born erwiderte nichts, aber Mendt eiferte: „Es ist wirklich schändlich— ich habe euch ja im voraus gesagt, daß die Walujeff ein gefährliches Geschöpf ist, das, wie ich glaube, mit den Männern bisher nur gespielt hat, und daß etwas von der grausam-graziösen Katzennatur in ihr steckt, aber wer will ihr das bei ihrer ganz originellen Schönheit verdenken, die ihr alle Männer, alte wie junge, zu Füßen legt? Sie amüsirt sich über die Huldigungen, die man ihr darbringt, sie sieht es als selbstverständlich an, daß jeder die Sache so leicht nimmt, wie sie selber, und ihr Leichtsinn und ihre Koketterie sind ganz und gar harmlos." „So? wissen Sie das so genau? Ich behaupte, sie hat keine Rasse, d. h. sie gehört zu den Frauen, denen im Grunde außer der äußerlichen Schönheit alles fehlt, Temperament und Herzens- wärme, Tiefe und Ernst, Charakter und Ehrlichkeit, die kein anderes Lebensinteresse haben, als das, möglichst vielen Männern die Köpfe zu verdrehen und denen ein Mann genau so viel— oder genau so wenig gilt wie der andere. Sie kokettirt früh mit einem glatzköpfigen Greis, Mittags mit einem Manne in der Blüte der Jahre und Abends mit einem flaumbärtigen Fuchs, der eben erst zur Universität gekommen ist und der erst in einigen Jahren nothdürftig trocken hinter den mehr oder weniger langen Ohren_ sein wird, und die Huldigungen des einen schmeicheln ihr gleich sehr wie die des andern. Sie wird auch nur mit oem stillschweigenden Vorbehalt heiraten, dieses Spiel als Frau fort- zusetzen, nicht aus Herzensunersättlichkeit, sondern aus purer blanker, verächtlicher Eitelkeit, und sie wird sich gegen alle Vorwürfe hinter die wohlbegründete Thatsache verschanzen, daß sie ja den einen wie den andern behandle, in jedem Hoffnungen erwecke und keinen bevorzuge. Daran, wie wenig ehrenvoll, wie beschämend und beschimpfend solche Huldigungen sind, denkt sie einfach nicht. Und nun denkt euch einmal als ihren Gatten einen normal oraa- nisirten Mann, der sie ehrlich und ernstlich liebt, der sie zu sich emporheben möchte und der dazu verdammt ist, Tag für Tag Augenzeuge zu sein, wie sie lieber die Seelenruhe des Gatten vergiftet, als auf die läppischen Fadaisen eines Fähnrichs ver- zichtet, die sie doch eigentlich von Grund ihrer Seele langweilen; es muß das eine beneidenswerthe Existenz sein, nicht wahr? Es laufen genug solcher vom Satan der Eitelkeit besessenen Frauen in Sammt und Seide herum; ich kenne mehr als eine und weiß von mehr als einer, wie sie dem bravsten und nobelsten Mann � die Ehe zum Fegefeuer, sein Heim zur Hölle gemacht hat. Und in diese Klasse gehört diese Walujeff, oder ich bin auf meine alten Tage noch der Gefahr ausgesetzt, eine Nachtigall für einen Zeisig zu halten." Der kleine Herr hatte sehr ernst und mit einem Nachdruck gesprochen, den seine jungen Freunde nicht oft zu hören bekamen und der ihnen immer imponirte. Mendt schwieg, gekränkt und beleidigt; Born sah nachdenklich empor zu den flimmernden Sternen, als wolle er aus ihnen die Wahrheit lesen und nur Lindner bemerkte fast schüchtern: „Sie haben einen gewissen Hang zu extremen Urtheilcn; sollten Sie nicht doch am Ende auch hier das Kind mit dem Bade ausschütten?" Reinisch klopfte ihn freundlich auf die Schulter.„Guter Lindner, Sie sind trotz aller Gelehrtheit ein Kind in Bezug auf die Frauen, und ivenn Sie Sich für den Verkehr mit dieser Tatjana einigermaßen Präpariren wollen, so lesen Sie recht auf- merksam Paul Heyses.Salamanders Warnt Sie dieses Kabinets- stück psychologischer Analyse nicht, nun, so spannen Sie Sich eben auch mit vor den Siegeswagen dieser Schönen— ich weiß, Sie reißen Sich bald genug wieder los und laufen irgend einem Admiral oder Trauermantel nach, der über den Weg flattert— um Sie ist mir am wenigsten bange.", „Wendt und Born geben Sie also verloren, wie es scheint," fragte Arvenberg lächelnd;„darf man sich erkundigen, welches Horoskop Sie mir stellen?" �, Das klang ziemlich spötttsch und sicher, aber Reini,ch gab Sich, mein Herr Philosoph und Kritiker! Man kann ein sehr sattelfester Philosoph sein, man kann sehr genau wissen, daß und warum ein ernsthafter Mann, der seinen Schopen- Hauer' gelesen, beziehentlich studirt hat, nicht auf den närrischen Einfall kommen darf, sich zu verlieben, am wenigsten da, wo man nicht achten kann, und doch schließlich an ein paar kleinen, zierlich beschuhten Füßchen kläglich Schiffbruch leiden! Gerade weil Sie Sich so sicher fühlen und der Gefahr lachen, halte ich es für sehr möglich, daß Ihnen der.Knalleffekt der Natur� den klaren Blick trübt und daß auch Sie Sich ein X für ein U machen lassen. Gegen die Frauen schützt keine Philosophie, und es wäre ja ganz drollig, wenn Sie mit Wendt und Born und Lindner marschirten und einer eifersüchttg auf den andern würde. Ich bleibe dann als roeder Sv bronce in der Brandung stehen und wenn alles vorbei ist und eure Russin heimische Bären und Wölfe zähmt, statt deutscher— Murmelthiere, werde ich mir er- lauben, euch den heutigen Abend ins Gedächtniß zurückzurufen und euch zu fragen, ob die Rolle des getreuen Eckardt nicht eine äußerst undankbare ist." „Laßt, Freunde, genug sein des grausamen Spiels," dekla- mirte Wendt;„Reinisch ist ja heute rein des Teufels und ich glaube, wir müssen ihm den Giftzahn ausbrechen. Arme, schöne, muntere Tatjana— du eine Sirene, eine Circe, eine Lorelei, die alle Männer schmeichelnd an sich lockt, um sie dann mit kühlem Lächeln, wie erstaunt über ihre unbegreifliche Vermessen- heit, in ihr armseliches Nichts zurückzuschleudem! So schlimm, wie er's macht, ist's wahrscheinlich nicht; auch für sie wird noch der Rechte kommen und den beneide ich dann von Herzensgrund! Sie verdiente, eine Königin zu sein und den Hermelin um ihre weißen Schultern zu legen und muß sich von einem Schönheits- verständigen so lästern lassen! Aber sagen Sie, Reinisch, war Ihre mysteriöse Siebenbürgerin nur halb so schön, wie die Wa- lujeff?" „Ebenso schön, nur anders, ganz anders! Und das nächste mal— bei Lindner, nicht wahr?— werdet ihr hören, daß sie auch sonst ganz anders war und daß ich vielleicht nur deswegen so bitter gegen diese Walujeff bin, weil sie mich auf dem Wege des Kontrastes unausgesetzt an die arme Leontine erinnerte, so daß ich zuletzt meinte, sie mit ihren ernsthaften Augen mir gegen- über sitzen zu sehen." Damit trennte man sich, und von den in mehr oder minder nachdenklicher und erregter Stimmung der Junggesellenwohnung Zuschreitenden war wohl nur Reinisch im Stande, sich ein un- gefähres Bild von dem Nachspiel zu machen, welches der Abend im Theezimmer der russischen Familie hatte; und doch wäre es für alle von Werth gewesen, mit anhören zu können, welchen Eindruck sie ihrerseits hinterlassen hatten. Als Tatjana nach der Verabschiedung von ihren neuen Be- kannten ins Zimmer zurückgekehrt war, zündete sie sich eine neue Cigarette an, warf sich in den Schaukelstuhl, legte den schönen, stolzen Kopf mit der hohen Stirn, welche durch die Maria-Stuart- Schneppe nur noch mehr hervortrat, lässig zurück und schloß be- haglich die Augen. Sie beachtete es kaum, daß ihre Mutter ihr ziemlich gleichgiltig Gutenacht wünschte und sich zurückzog; die unbedeutende und wenig angenehme alte Frau! war ja nur eine Statistin in der Komödie, die sie ihren Besuchern vorspielte, und nun mochte sie gehen. Auch den Bruder hatte sie halb und halb zum Statisten abgerichtet, aber er war ein zu feiner Kopf und ein zu guter Beobachter, um das Spiel der Schwester nicht zu durchschauen und dies durch sarkastische Randglossen wenigstens anzudeuten. So fragte er auch jetzt, nachdem er ihr aus seiner Divanecke eine Weile zugesehen, ziemlich spöttisch: „Sage mir doch, schöne Schwester, wird es dir denn nie langweilig, immer wieder die alten Mittel anzuwenden, und die lange Liste deiner— Verehrer noch um einige Namen zu ver- längern? Ich sollte denken, du müßtest des Spiels einmal müde werden?" „Warum? es ist noch das einzige, was mir Vergnügen macht, und wenn es einmal nicht mehr geht, dann könnt ihr mich nur begraben." „Qmvuu ä sou goüt, aber was kann dir an den vier deut- schen Träumern gelegen sein, die doch so gar nichts Pikantes haben?" „Oho!— der deutsche Träumer ist eine neue Spezies für mich; vielleicht benehmen sich diese Deutschen, wenn sie verliebt sind, doch etwas anders, als unsere Russen und Polen, als die galanten, windigen Franzosen, die steifen, bockbeinigen Engländer und die Italiener mit den ewigen gelben Gesichtern und kohl- schwarzen Augen und Bärten. Man kann es doch wenigstens auf den Versuch ankommen lassen." „Und hat dir einer von ihnen besonders gut gefallen?" „Das könnte ich nicht behaupten. Der Herr Born scheint einen eisernen Ladestock verschluckt zu haben, aber er ist ein Dichter, und Deutscher und Dichter zugleich, das muß originell sein. Der Herr Lindner interessirt mich durch seine Schüchternheit, die bei einem Manne in seinem Alter ganz unerhört ist— er ist ja soweit ganz nett und dürfte schon etwas Selbstgefühl besitzen. Sein vielbeiniges geflügeltes Ungeziefer ist mir freilich zuwider, aber nehme ich die born'schen Tragödien hin, warum nicht auch diese abgeschmackte Liebhaberei? Ueberdies, mein neugieriger Herr Bruder, soll er in ein kleines deutsches Mädchen verliebt sein, das Strümpfe stopft und unmenschlich viel Gefühl besitzt, wie jede Deutsche; es wird mich amüsiren, ihm den Kopf zu ver- drehen und ihn in einen schweren Konflikt der Pflichten zu stürzen — diese Deutschen nehmen ja alles gleich tragisch; zum Schluß bin ich dann doch noch die Großmüthige, die ihn der Kleinen wieder zuführt; wer weiß, vielleicht halte ich ihm sogar eine ganz erbauliche Predigt über die Treue, die der Bräuttgam seiner Braut schuldet— Du weißt ja, ich kann auch das, wenns sein muß. Der Herr Arvenberg ist ein schöner Kerl, mit wahren Spitzbubenaugen, und dann soll er ja ein Anhänger irgend eines albernen Philosophen sein, der uns Frauen so schlecht macht, daß eigentlich kein Hund ein Stück Brot von uns nehmen dürste, warum soll ich nicht einen gewissen Reiz darin finden, ihm so nebenher zu beweisen, daß es mit dieser Philosophie auch nichts ist und daß ein Frauenlächeln hinreicht, das ganze schöne System in die Lust zu sprengen? Du siehst also, mein lieber Bruder, daß die jungen Leute keineswegs so indifferent für mich sind, als sie dir erscheinen mögen und ich werde mich sogar mit deiner Erlaubniß in der nächsten Zeit ziemlich viel mit ihnen be- schäftigen." „Mir scheint, es sind noch zwei übrig, der Maler und der Herr Mendt." Tatjanas feine Brauen zogen sich zusammen und die Ant- wort klang übellaunig, spitz und ungnädig und erst im Nachsatz wieder übermüthig. „Der Maler ist ein ungehobelter und impertinenter Mensch, der nicht mitzählt, den ich zu ignoriren gedenke, und der gute, dicke Mendt ist mein Pudel, dem ich heute das Fell kraue, und den ich morgen mit Fußtritten regalire; er macht im ersten Falle so komisch-glückselige Augen und wagt im zweiten nicht zu knurren, und trotz aller meiner Launen läuft er mir getreulich wieder nach. Solche Verehrer sind werthvoll und zu mancherlei zu gebrauchen; man gestattet ihnen nicht, keck zu werden, aber man hält sie an einem feinen Fädchen fest, damit sie nicht durchgehen, und macht ihre ettvaigen Emanzipationsgelüste durch! eine kleine Gunst zu- nichte, wie man ein Kartenhaus über den Haufen bläst. Im übrigen bin ich müde— feliee notte, Fomuschka." Das Zimmer, in welchem der kleine Freundeskreis sich am darauffolgenden Freitag versammelte, durste originell genannt werden, war aber ganz geeignet, einer stilgerechten deutschen Hausfrau, deren Wahlspruch lautet:„Ordnung über alles!" und der man die Säuberung eines Bücherbrets nicht übertragen kann, weil sie die Bücher, die nach Fächern geordnet sind, unfehlbar nach der Größe aufstellen wird, ein gelindes Grauen einzuflößen, so hoffnungslos war die„malerische" Unordnung dieses Natur- forscherheims. Von der Decke schwebte ein ausgestopfter Bussard herab, ein kleines Wasserhuhn in den Fängen, eine glotzäugige Eule, die von Lindner jahrelang zärtlich mit Mäusen gefüttert und nach ihrem Tode eigenhändig ausgestopft worden war, hatte auf der einen Seite einen wohlerhaltenen Schädel, der aus der leipziger Schlacht stammte, und in der Schläfengegend von einer Musketenkugel durchlöchert war, auf der andern ein großes Ein- macheglas, in welchem eine schöne Kreuzotter in Spiritus dem Schicksal der Verwesung Trotz bot. An allen Wänden Kästen mit Käsern und Schmetterlingen, auf Tischen und Stühlen Retorten und andere chemische Apparate, Sopha und Chaise- longue bedeckt mit Büchern und Journalen und das ganze Zim- mer erfüllt von einem feinen, aber scharfen Geruch von Säuren und Chemikalien, an den man sich erst gewöhnen mußte. Aber auch lebende Bewohner zählte das ziemlich große Zimmer in mehr als ausreichender Anzahl; sorglich verhängte Vogelkäfige an der Wand ließen auf eine Garnison von geflügelten Sängern schließen, und wer sich näher umsah, entdeckte in einem alten, breitkrämpigen Schlapphute ein Lachtaubenpaar, welches dieses Heim höchst komfortabel zu finden schien und in einem paar hoch- betagten Filzschuhen zwei Meerschweinchen, die den Schlaf des Gerechten schlummerten. Lindner, dessen Schlaftock aus ein ehrwürdiges Alter Anspruch erhob und von seinem Herrn mit vieler Pietät betrachtet wurde, obgleich er an den Ellenbogen völlig durchscheuert war, bemühte sich mit mehr Hast und Energie, als Umsicht, wenigstens Sopha und Chaiselongue nothdürftig von den gröbsten Folianten zu säubem, als Arvenberg, Wendt und Born zugleich ins Zimmer polterten. Es war ein alter, aber immer wieder Anklang finden- der Scherz Mendts, die Bücher, welche Lindner glücklich einst- 519 weilen unters Sopha geschoben hatte, verstohlen wieder hervor- zuziehen und auf dem Sopha zu Vertheilen, um nachher, wenn der ganz echausfirte und athemlose Wirth zum Sitzen einlud, fragend auf die dickleibige Versammlung von Kompendien u. f. w. zu zeigen. Man ließ sich diesen Scherz auch heute nicht ent- gehen, und es währte lange, bis die alte, vollständig nieder- gelegene Chaiselongue, deren Ueberzug, längst zur Farblosigkeit verblichen, endlich trotz aller Chikanen so weit frei war, daß Mendt sich mit der vollen Wucht seines eben nicht elfenhaften Körpers auf dieselbe fallen lassen konnte. Das nach den über- einstimmenden Versicherungen glaubwürdiger Zeugen in seinen Holzbestandtheilen von zahllosen Holzwürmern durchwühlte alte Möbel krachte in allen Fugen und ließ einen Zusammenbruch gewärtigen; eine leichte Staubwolke stieg empor und Mendt be- theuerte in erregtem Tone, daß die einzige in diesem modernen Folterinstrument vorhandene Stahlfeder zerbrochen sei, denn ein spitzer harter Gegenstand habe sich ihm in den Rücken gebohrt und ihm sicherlich eine blutuje Schramme beigebracht; sollte sich dies als erweislich herausstellen, so werde er gegen Lindner eine Klage wegen absichtlicher oder wenigstens fahrlässiger Körper- Verletzung einreichen. In diesem Moment ertönte aber bereits ein jämmerliches Gequiek und Gewinsel und eine unförmliche zottige schwarze Masse rutschte unter dem Tisch hervor und reti- rirte nach Lindners Pult; ein paar grünlich leuchtende Augen erweckten den Gedanken an eine Katze, dem die von dem geheim- nißvollen Geschöpf ausgestoßenen Töne wenigstens nicht wider- sprachen: in Wirklichkeit hatte Arvenberg, im Begriff, auf dem Sopha Platz zu nehmen, seinen Fuß auf eine Pfote des alten, blinden, mit chronischem Rheumatismus behafteten Pietsch gesetzt, eines Hundes von so unerhörter Häßlichkeit, daß dieselbe ent- schieden komisch wirkte. Dieses uralte Vieh, welches nach Mendts Behauptung niemals auch nur einen Jahresbetrag der Hunde- steuer werth gewesen war, hatte schon in seiner frischesten Jugend- blüthe so wenig durch Schönheit geglänzt, daß es von seinem Herrn und Besitzer ohne Maulkorb und Steuerzeichen seinem Schicksal überlassen worden war, es hatte aber, von jeder andern Schwelle verstoßen, doch den genialen Einfall, dem gutmüthigen thierfreundlichen Lindner zuzulaufen und sich niit zähester Beharr- Uchkeit an seine Fersen heften; es war das für diesen Ausbund von Häßlichkeit und Plumpheit sicherlich die einzige Möglichkeit, im Kampf ums Dasein siegreich zu bestehen. Halb verhungert und von Schmutz starrend hatte Pietsch mit seinem lächerlichen Schwanz- stagment Lindner angewedelt und ihn aus inelancholischen Trief- äugen so bittend angeblickt, daß er es nicht über sich gewann, den Hund fortzujagen; über seine Häßlichkeit konnte selbst er sich nicht verblenden, aber er redete sich wenigstens ein, Pietsch sei der treueste, gutmüthigste, klügste und spaßhafteste Hund, der je der Schlinge des Kavillers entrissen ward, obgleich er diese günstige Meinung nur durch die Thatsache zu begründen ver- mochte, daß Pietsch an schönen Maimorgen schlaftrunkene Mai- käfer mit der Pfote niederschlug oder sie aus Buchsbaumbeetein- fassungen kratzte, um sie dann mit sichtlichem Behagen init Stumpf und Stiel zu verzehren, und daß er sich, wenn man ihn streichelte, sofort auf den Rücken legte und undefinirbare, am ehesten noch einen Grunzen ähnliche Laute ausstieß. Nach und nach gelang es unserm Apotheker und Chemiker, das„winselnde Scheusal", wie Mendt es nannte, durch Darreichung von Zucker einiger- maßen zu beruhigen und ihm hinter ein paar Stulpstiefeln ein Asyl zu bereiten, in welches die Absätze unvorsichtiger Freunde nicht zu dringen vermochten. Neben Arvenberg, der sich an dem ganzen Hundeintermezzo nur durch ein gebieterisches:„Knurre nicht, Pudel!" betheiligt hatte und von Lindner dahin belehrt worden war, daß Pietsch keineswegs ein Pudel sei, sondern dem edlen Geschlecht der Affenpinscher angehöre, hatte Born Platz genommen, der ungewöhnlich einsilbig und zerstreut zu sein schien. Nun. fehlte noch Reinisch, aber eben trat er ins Zimmer, von einem gerade erwachenden Kanarienvogel mit einem so stürmischen und triumphirenden Geschmetter begrüßt, daß er sich die Ohren zuhielt, umsomchr, als Pietsch diese musikalische Leistung durch zene hohen, langgezogenen Töne begleitete, welche dem musikali- schen Gefühl der normalen Hundenatur ein so ehrenvolles Zeug- niß ausstellen. Ein von Mendt mit Sicherheit und Vehemenz als Bombe hinter die Stulpstiefelschanze geschleuderter Hausschuh wirkte beschwichtigend, und da es Lindner gelang, auch seinen goldgelben Nachtschläger durch Schmeichelworte zum Schweigen zu bringen, so konnte Reinisch mit einem komisch-grimmigen: „Aus der Scylla in die Charybdis— aus dem Photographie- salon in die Menagerie!" Platz nehmen und' die Frage auf- Wersen, was es zu lesen gebe. „Allerlei," räumte Lindner ein,„aber—" „Wie steht es zunächst mit der prager Affaire?" unterbrach Arvenberg, und Mendt fügte eiftig hinzu:„Die müssen wir erst zu Ende hören; ist dann noch Zeit, so können wir ja immer noch serbische Volkslieder lesen."(Fortsetzung folgt.) Heber die Lösung eines»weihmidertj, ihrigen physikalischen Problems. Von WothSerg-Lindener. Um sich den Werth historischer Persönlichkeiten einzuprägen oder die Wichtigkeit des von ihnen Geleisteten recht packend hervorzuheben, hat es die Stachwelt bisher geliebt, bezeichnende Schlagwörter oder anekdotenhafte Erzählungen mit den geistigen Errungenschaften solcher Männer in Verbingung zu bringen. Es sei nur an des gefolterten Galilei angeblichen Ausruf:„Und sie bewegt sich doch!", und an des Kolumbus Experiment mit dem Ei erinnert! Ebenso wiederholt man noch heut die Erzählung, daß Newton beim Anblick eines vom Baum fallenden Apfels auf den Gedanken gekommen sei, in der Schwere die Ursache der allgemeinen Gravitation zu erkennen. Es ist ihm aber nicht so leicht ge- worden; auch ihm ist seine Gravitationstheorie nicht als reife Frucht in den Schoß gefallen, sondern er hat sie durch mühe- volle, anhaltende Arbeit gestalten müssen. Wie Pemberton be- richtet, stammen die Anfänge seiner Theorie schon aus dem Jahre 1666. Als er sie aber rechnend auf die gegenseitige Ein- Wirkung der zunächstliegenden Weltkörper, auf Erde und Mond, anwandte, scheiterte er anfänglich daran, daß die damals zu Grunde liegenden falschen Messungen des Erdmeridians ihn ver- anlaßt hatten, den Erdhalbmesser zu klein in die Rechnung ein- zusetzen sodaß er mit den festgestellten Umlaufszeiten nicht in Uebereinstimmung gelangte. Erst im Jahre 1676 nahm er seine Rechnungen wieder auf, da die unterdeß erfolgte genauere Ver- Messung eines größeren Meridianabschnitts einen größeren Erd- Halbmesser ergab— und nun stimmte seine Rechnung für den Mond und in weiterer Ausführung auch für die anderen Planeten. Hauptsächlich also hatte es Newton der gleichzeitigen neuen Gradmessung zu verdanken, wenn er nun mit seinem dynamischen Gravitationsgesetz an die Oeffentlichkeit treten und es dahin formu- liren konnte, daß zwischen allen materiellen Körpern eine gegen- seitige Einwirkung bestehe im Verhältniß ihrer Massen, dividirt durch das Quadrat ihrer Abstände. Von da an ließen sich die Bewegungen der Weltkörper der Rechnung unterwerfen, und der Mathematiker kann, ohne seinen Arbeitstisch zu verlassen, den Ort und die Geschwindigkeit der Planeten für zeden Augenblick bestimmen. Nachdem nun im Jahre 1846 Leverrier, auf diesem Gesetz Newtons fußend, durch Rechnung die Nothwendigkeit der Existenz eines unbekannten Planeten an einem bestimmten Ort festgestellt hatte und der�.'be auch mit dem Fernrohr richtig auf- gefunden wurde, gab der Glanz dieser erneuten Bestätigung der Richtigkeit des ncwton'schen Gesetzes erneuten Anlaß, das ganze Gravitattonsproblem als gelöst anzusehen, und man wird heut unter zehn Argumenten der Vertheidiger der Anziehungskraft gewiß neunmal der Wendung begegnen:„Aber Newtons Erklärung der Gravitation ist doch durch Leverriers Entdeckung des Neptun glänzend bestätigt worden!" Ueberhaupt wird von der überwiegenden Zahl der natur- wissenschaftlichen Laien nicht nur, sondern auch der in irgend einem Zweig der Wissenschaft Forschenden und Lehrenden das Vorhanden- sein eines Problems der Anziehung gradezu in Abrede gestellt. „Sämmtliche Naturforscher nehmen übereinstimmend eine Anziehung der Materie im großen, wie im kleinen an"— ist das Sttch- wort dieser Kreise. Zum Glück für die Wissenschast gibt es aber 520 jederzeit Leute, die auch gegenüber solchen Massenüberzeugungen sich skeptisch verhalten. Was von diesen angeblichen allgemeinen Uebereinstimmungen häufig genug zu halten ist, darüber hat sich schon Goethe ihr Feld zu lassen und ihre Zustimmung zu dem zu geben, was sie nichts angeht? Das heißt man dann allgemeine Ueberein- stimmung der Forscher." in seinen „Geologischen Problemen" ausgespro- chen. Sein Urtheil, nicht auf vorüber- gehende Aus- wüchse der unduldsamen Thätigkeit von Eiferern sich beziehend, sondern auf Beobachtung der bleibenden Menschen- und ganz spe- ziell der Ge- lehrtennatur gegründet, könnte ebenso gut heut nie- dergeschrieben sein. Darum seien hier seine Worte wieder- gegeben: „Das Schreck- lichste, was man hören muß, ist die wiederholte Versicherung, die sämmt- lichen Natur- forscher seien hierin dersel- ben Ueber- zeugung. Wer aber die Men- schen kennt, der weiß, wie das zugeht: gute, tüchtige. kühne Köpfe putzen durch Wahrschein- lichkeiten sich eine solche Meinung heraus; sie machen sich Anhängerund Schüler; eine solche Masse gewinnt eine literarische Gewalt, man steigert die Meinung, übertreibt sie und führt sie mit einer ge- wissen, leiden- schaftlichen Bewegung durch. Hun- dert und aberhundert wohl- denkende, vernünftige Männer, die in anderen Fächern arbeiten, die auch wollen ihren Kreis lebendig wirksam, geehrt und respektirt sehen, was haben sie Besseres und Klügeres zu thun, als jenen IM* m » rnfflii M:iM. KM'.. Wr&Jt- ,v Jkfk-..."■'.'r<' r......''"»A..- t■% mV'i"■Js•''.«-Ai 'MAMDÄ: M y/>}■-A- üMf /'" 4I Ii'' Jm' 4 � ff rljfrsf •-v gmb y- Während man also„das Schrecklichste" auch über die Gravi- tation hören muß, liegt eine besondere Ironie darin, daß der Entdecker ihrer Gesetze garnicht an diesem allgemeinen Konsens 521 theilnimmt. Newton mar sich ganz klar darüber, daß sein Gesetz Wegs an dem Ruhm seiner Entdeckungen genügen lassen, sondern nur rein mathematisch sei, also sich nur über die verhältniß- � er sah ein und sprach es aus, � daß die eigentlich physische Seite mäßigen Zahlengrößen der zwischen den Himmelskörpern herrschen- des Vorgangs nach wie vor Problem blieb, das gleichfalls noch Lösung for- dere. Das Nachdenken über die Mittel, durch welche so ent- fernte Massen auf einander zu wirken im stände seien und wie der Vorgang in Wirklichkeit geschehen könne, hat Newton bis an sein Ende beschäftigt, ohne daß er selbst auch nur zu einer festen Hypothese da- rüber gekom- A inen wäre. Z Soviel aber steht fest, daß 's Newton den � Ausdruck .„Anziehung" t* garnicht zur A �Bezeichnung Z der Art des � IVorgangs, � vielmehr nur •g um ein soge- � nanntes An- "« näherungs- S bestreben der » Körper zu be- Z zeichnen, ge- "a braucht hat, § und dabei nach SS allen mög- g liehen und g unmöglichen �materiellen und immate- riellen Mit- teln herum- tappte, um zu einer befriedi- genden Erklä- rung des Zusammen- Hangs zu ge- langen.— Den Standpunkt, von welchem aus auch wir Heu- tigen an die Untersuchung des Problems gehen müssen, wie verschie- dene, viele Millionen Meilen ent- fernte Körper aufeinander zu wirken im den Einwirkung ausspreche; und obgleich auch er, in Ueberschätzung! stände seien, bezeichnet am schärfsten eine Aeußerung Newtons der Mathematik, sie als Wissenschaft am höchsten stellt und die' in einem Briefe an Bentlcy im Jahre 1693; er sagt,„daß die Physik als ihr untergeordnet ansieht, so hat er sich doch keines- � Gravitation der Materie eingeboren, inhärent und wesentlich sei, 522— dergestalt, daß ein Körper aus der Entfernung durch ein Vakuum hindurch auf einen andern Körper wirken solle, ohne Vermittlung von einem sonstigen Etwas', durch und vermittels dessen die Wirkung und Kraft von dem einen Körper zu dem andern hin- geleitet wird, dies ist für mich eine so große Absurdität, daß ich glaube, kein Mensch, dem in philosophischen Dingen eine kompetente Denkfähigkeit beigemessen werden darf, kann jemals hierauf verfallen." Wenn dann später, im Jahre 1713, es Newton auch geschehen ließ, daß sein großes Werk:„Prinzipien der Naturlehre" mit einer Vorrede von Cotes in die Welt ging, worin dieser die Anziehung zum Dogma proklamirte, indem er sie als„einfachste Ursache", also als von selbst verständlich erklärte, als Thatsache, für die keine mechanische Erklärung gegeben werden könne, so hat er zwar durch dieses Geschehenlassen, welches einer Art Ver- zweiflung darüber entsprang, daß er im Erkennen des physischen Zusammenhangs der Gravitation zu keinem brauchbaren Resultat kommen konnte, viel zur Stagnation der Forschung auf diesem Gebiet beigetragen, da die„allgemeine Uebereinstimmung der Forscher" grade von dieser cotes'schen Vorrede ihren Ausgang nimmt, aber er selbst blieb dabei, in ächt wissenschaftlicher Weise frei zu bekennen, was er nicht wisse und nicht ergründen könne, und erklärt demgemäß nochmals in seiner kurzen Vorrede zur zweiten Auflage seiner Optik(1717), daß er die Gravitation keineswegs für eine Grundkraft der Materie halte. Trotzdem fand das cotes'sche Dogma Anerkennung, wenn auch nicht ohne Widerspruch— Maclaurin und I. Bernoulli protestirten dagegen— und dieses Dogma gab Veranlassung, daß man trotz immerwährender Benutzung des mathematischen Gravitationsgesetzes während zweihundert Jahren keinen Schritt an physikalischer Einsicht auf diesem Gebiete vorrückte. Das über- wiegende Ansehen, das die reinen Fachastronomen und Mathe- lyatiker über die mehr empirischen Physiker seit jener Zeit zu gewinnen gewußt hatten— sie bewahren es heut noch in mehr als gebührendem Maße— trug zu diesem Selbstgenügen wesent- lich bei, das über der Befriedigung an der Kenntniß der Größe von Kräften deren Herkommen, Wirkungsweise und etwaige Um- Wandlung ganz vergessen ließ. Diese Einseitigkeit, mit der sich die namhaftesten Gelehrten so häusig gegen alle Unzulänglichkeiten ihres Wissens abschließen, wenn dieselben nicht nach strengster Definition zu ihrem Fach in Beziehung stehen, zeigen sich in folgenden Worten Mädlers über die Gravitationsftage:„Nicht dieses uns unbekannte innere Wesen derselben(der Gravitation nämlich), sondern die Gesetze ihrer Wirkungen sind es, welche Newton aus einem einzigen obersten Prinzipe folgerecht ent- wickelte und welche fortan die Grundlage der Astronomie aus- machen, ein mehreres bedarf es nicht. Wenn daher ein- zelne, welche, gänzlich mißkennend das wahre Ziel der Astronomie, dieses in metaphysische Erörterungen über das Wesen der Grund- kräfte setzen, von diesem Standpunkte aus Angriffe gegen Newton und sein System unternommen haben, so treffen sie gänzlich fehl. Man hat z. B. nach dem Stoffe gefragt, welcher die Attraktion vermittle, man hat gesagt, Anziehung könne nur mit Haken und Seilen gedacht werden und dergleichen mehr. Mag man sich die Anziehung mit oder ohne Haken und Seile gedenken oder(wie der Verfasser) auf jede sinnliche Vorstellung derselben von vorn- herein verzichten, dies alles ist der Astronomie gleich- giltig."— Hier könnte man Mädler fragen, ob er metaphysische Untersuchungen für gewöhnlich solche nennt, welche nach dem Stoffe forschen, der Naturerscheinungen vermittelt? Jedenfalls aber scheint uns der kosmische Physiker, der von seinen zunächst liegenden Erfahrungen— seien sie auch mit Hülfe so grober Instrumente, wie Haken und Seile es sind, gewonnen!— weiter- schreitend die Kräfte oder Bewegungen im Universum an mate- riellen Körpern und durch Vermittlung von Stoffen zu erforschen sich bemüht, auf freierem und aussichtsvollerem Wege zu sein, als ein Spezialgelehrter, der sich innerhalb der wirklichen oder vermeintlichen Grenzen seines Fachs einpuppt und, wenn dieses mit mathematischen Abstraktionen zu thun hat, nun auch sinnliche Vorstellungen über solche Gegenstände ängstlich vermeidet, die aus Nachbargebieten in das seinige hineinreichen und dringend Berücksichtigung verlangen, falls Einsicht in den Zusammenhang und Ueberblick über das Ganze der Naturwissenschaft als das volle, menschlich befriedigende Ziel des Forschers hingestellt werden darf. Wenn wirklich alle wissenschaftlichen und besonders Natur- studien nur in streng durchgeführten und immer enger gezogenen Spezialabgrenzungen getrieben werden sollten, so würden aus der daraus hervorgehenden Zusammenhangs- und gegenseitigen Verständnißlosigkeit nur die Glaubensdogmatiker einen Gewinn davontragen. Sehen wir sie doch jetzt schon oft mit ihrem aus- gebildeten dialektischen Geschick eine solche wissenschaftliche Spezial- theorie gegen die andere zur Diskreditirung der von ihnen so- genannten„falschen Wissenschast" ausspielen! Man bedenke zur Jllustrirung der Resultate einer zu weit gehenden Vereinzelung nur ein Beispiel, welches Maxwell ausführt. Er sagt in seinem Werkchen„Substanz und Bewegung":„Für die geometrische Kon- figuration der Erde und der Himmelskörper ist es offenbar alles eins, ob sich die Erde im Himmel, oder ob sich der Himmel um die Erde dreht. Alles, was ohne Zuhülfenahme dynamischer Prinzipien festgestellt werden kann, sind die Entfernungen zwischen den das Universum zusammensetzenden Körpern, terrestrischen oder kosmischen, und die Winkel zwischen den sie verbindenden Linien; diese aber werden durch eine Rotation des Systems als eines Ganzen, ähnlich der eines starren Körpers um seine Axe, welche Rotation zu der wirklichen Bewegung der Theile gegen einander hinzutritt, nicht affizirt; sodaß vom geometrischen Standpunkt aus das Kopernikanische System, demzufolge die Erde rotirt, keinen Vorzug, den der Einfachheit ausgenommen, vor jenem Systeme hat, welches annimmt, daß die Erde sich in Ruhe befindet und daß die scheinbaren Bewegungen der Himmelskörper ihre wirk- lichen Bewegungen sind. Selbst wenn wir einen Schritt weiter gehen und die aus der Dynamik genommenen Gründe für die Drehung der Erde um ihre Achse berücksichtigen, so können wir ihre abgeplattete Gestalt und das Gleichgewicht des Ozeans, so- wie aller anderen Körper an ihrer Oberfläche noch immer aus beiden Hypothesen erklären---- Erst wenn wir noch weiter gehen und die Phänomene an Körpern betrachten, welche sich in Be- ziehung zur Erde bewegen, werden wir wirklich gezwunaen.»u- zugeben, daß die Erde rotirt."" a' a (Fortsetzung folgt.) Der Heros des Gründerthums. Von Dr. A. MükSerger. (Fortsetzung.) Noch von einer andern Seite wurde Law bedroht. Der bis- herige Polizeiminister Argenson, der Nachfolger des gestürzten Herzogs von Noailles, verschaffte dem reichen Bankhaus der Brüder Paris in Paris den Generalpacht der Staatsgefälle, und diese beschlossen, ihn durch eine Aktiengesellschaft von IVO Millionen Kapital auszubeuten. Das eingezahlte Kapital wurde der Re- gierung als Vorschuß angeboten und die Aktten, welche einen hohen und sichern Gewinn abwerfen mußten, gingen um so reißen- der ab, als man nur 10 Prozent Einzahlung verlangte,>veil man ein Papier haben wollte, das eben der West- Gesellschaft Konkurrenz machen sollte und so sehr machte, daß die Aktten der letzteren auf die Hälfte ihres Nennwerths sanken. Und weil Law seine Theorie das System nannte, gaben seine Gegner der Kom- pagnie Paris den Namen Antisystem. Während so Argenson mit der einen Hand insgeheim auf den Sturz des Schotten hin- arbeitete, half er ihm mit der andern bei oen Vorbereitungen zur Einführung der Staatsbank, welche den Schulden und Nöthen der Regierung endlich definitiv ein Ende machen sollte. Die Vorbereitung bestand aber in der Erhöhung des Geldwerths um die Hälfte, sodaß die bisher zu 40 Livres ausgeprägte Mark Silber nunmehr 60 repräsentiren sollte, und ebenso die Mark Gold 900 statt 600. Die Bevölkerung mußte ihr Metall mit lU des Betrags in Staatsbillets in die Münzstätte bringen und erhielt dafür denselben Bettag in der neuen leichten Münze zurück; sie gewann also allerdings etwas an den Staatsbillets, verlor aber weit mehr am Gehalt der neuen Münzen. Vergebens pro- testirte das Parlament: der Regent brach seinen Widerstand durch einen lit äv justice und entzog ihm das Recht der Gegen- Vorstellungen. Merkwürdig aber, daß, jemehr der Widerstand beseitigt wurde, den die Staatsbank Laws erfuhr, er desto zögernder an die Ausführung ging, weil jetzt der Regent seine einzige Stütze blieb, und daß umgekehrt der Regent, der sich be- wüßt war, die Achtung und Unterstützung des Volkes verscherzt zu haben, desto mehr sich dem Schotten in die Arme warf, der allein ihn vom Abgrund retten zu können schien. Am 4. Dezember 1718 erschien das Edikt, welches Laws Privatbank in eine Banque royale verwandelte, die ihre Geschäfte mit dem ersten Januar 1719 eröffnen sollte. Ihren Grundstock bildeten die 6 Millionen der alten Bank, welche Law in Aktien der West- gesellschaft verwandelt hatte und welche als Sicherheit für das Publikum in der Kasse bleiben sollten. Der Regent hatte die Oberaufsicht und unter ihm stand Law als Generaldirektor. Der Schatzmeister hatte dem Staatsrath Rechnung über Einnahme und Ausgabe abzulegen. Bankzettel sollten nur auf die vom Staatsrath im Namen des Königs erlassenen Befehle ausgegeben werden und jeder den königlichen Stempel mit drei Unterschriften tragen. Was die Bankzettel betrifft, so fing man ziemlich be- scheiden an und ging in der ersten Hälfte des Jahres 1719 nicht über 100 Millionen, in Abschnitten von 100 und 1000 Livres, hinaus. Der Erfolg war überraschend, denn das Publikum nahm die Zettel der königlichen Bank ebenso willig, wie die der früheren Privatbank, und schien nicht zu ahnen, daß die Sicherheit der neuen Bankzettel, die 12 000 entwertheten Aktien der West- gesellschaft, in Wahrheit gar keine war. Die Hauptsache war nun aber, die Aktien der Westgesellschaft zu heben, denn der Handel in diesen sollte die neugeschaffene Menge von Bankzetteln in den Verkehr bringen. Also wandte man der Westgesellschaft die ganze Fürsorge der Regierung zu, gab ihr den Tabakspacht auf zwanzig Jahre für 4'/- null. L. jährlich, verschmolz mit ihr die beiden alten herabgekommenen Gesellschaften der ostindischen und chinesischen Kompagnie(seit welcher Zeit sie den Titel„Compagnie des Indes" erhielt) und erlaubte ihr im Juli 1719 für diese Ausdehnung ihrer Geschäfte 50000 neue Aktien zum alten Nominalwerth von 500 L. aus- zugeben, diesmal aber mit 10 Prozent Agio und nur gegen Metallgeld. Während nämlich zu Anfang des Jahres die alten Aktien noch die Hälfte ihres Nennwerths galten, war es Law gelungen, durch Einführung des Prämienspiels den Kurs auf Pari und dann schnell darüber hinaufzutreiben. Er versprach jedem, der ihm in 6 Monaten 200 Aktien liefern würde, nicht nur den vollen Nennwerth, sondern noch 40000 L. Prämie zu bezahlen, also im ganzen 700 L. für 500 L. Damit war das Börsenspiel eröffnet. Weiter erhielt die jetzige indische Kompagnie von der Bank ein unverzinsliches Anlehen von 25 Millionen Kuli 1719), ferner zur selben Zeit das Münzprivileg in ganz Frankreich, gegen eine Zahlung von 50 Millionen an den Staats- schätz, mit denen die Bedürfnisse des Jahres 1720 gedeckt und die rückständigen Pensionen ausbezahlt werden sollten(das hieß Nch Freunde machen mit dem ungerechten Mammon!); dazu bekam sie den Generalpacht der Brüder Paris, die ihr so schwere Kon- kurrenz gemacht, vom 1. Oktober an, mit einem Nutzen für den Schatz von 2 Millionen; die Verlängerung ihres Privilegs bis 1770; die Salzsteuer und die Domänen der Freigrafschaft, endlich die Generalsteuereinnahme, gegen Rückzahlung der Kaufgelder der dadurch wegfallenden Aemter. Andererseits erwarb sich die Kompagnie wesentliche Verdienste und namentlich viele Freunde durch Unterdrückung einiger kleinerer Steuern, deren Erhebung unverhältnißmäßig viel kostete und das Publikum belästigte, durch Inangriffnahme mancher nützlicher Arbeiten, namentlich den Bau von Landstraßen, durch Herabsetzung des Zinsfußes mit 4 Pro- zent und damit durch Unterdrückung des Wuchers. Sie bot der Regierung ein dreiprozentiges Anlehen von 1200 Millionen an, womit die alte Staatsschuld abbezahlt werden sollte. Nach ein- sacher und billiger wäre es freilich gewesen, wenn die Regierung direkt ihre Gläubiger in Bankzctteln befriedigt hätte; aber dann wäre auch dem blödesten Auge klar geworden, daß dies nichts anderes gewesen wäre, als die Ersetzung einer verzinslichen Schuld durch eine unverzinsliche. Am 5. Januar 1720 wurde Law, nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, General- kontroleur der Finanzen, d. h. Finanzminister und Mitglied des Staatsraths und das System schien nunmehr die volle Blüthe erreicht zu haben. Denn man hatte mit fieberhafter Hast die Zahl der Aktien und Zug um Zug die der Bankzettel ver- wehrt: Die Aktien von den ursprünglichen 200000 bis zum Oktober 1719 auf das dreifache, und zwar hatte man, weil die zweite Emission mit 10 Prozent Agio so gut abgelaufen war, die dritte mit 100 Prozent Agio, also das Stück zu 1000 L die drei folgenden aber gar mit 1000 Prozent Agio, das Stück zu 5000 L. ausgegeben. Während also die ganze Zahl der Aktien die hohe Summe von 300 Mill., fast das doppelte Jahresbudget des damaligen Frankreich repräsentirte, hatten die Einzahlungen 1677>/z Mill. betragen mit IZ??'/, mill. Agio- gewinn. Aehnlich kamen zu den 160 mill. Bankzettel der ersten Hälfte von 1719, in der zweiten Hälfte des Jahres nicht weniger als 840 hinzu, aber nicht blos Abschnitte von 100 und 1000 L., neben denen die eigentliche Basis des Kleinverkehrs doch immer das Metallgeld hätte bleiben müssen, sondern auch auf einen Zug 100 Mill. in Abschnitten von 10 L., daneben freilich auch viele Millionen in Abschnitten von 10000 L.— Schon im Juli 1719 hatte die Kompagnie erklärt, sie würde vom zweiten Semester 1719 an 12 Prozent jährlich vertheilen können. Diese Erklärung und die Börsenkünste Law's leiteten jene unsägliche und in diesem Grade nie wieder dagewesene Spekulations- und Schwindel- Periode ein, in welcher die Aktien von 500 L. bis auf 20 000 L. in rasendem Flug hinaufgetrieben wurden. Am 2. Novbr. 1719 wurde dieser Kurs erreicht. Wer immer auf das Börsenspiel sich einließ, mußte gewinnen, denn jeder folgende Kurs war höher. Daher drängte auch alles, Hoch und Niedrig, Geistlich und Weltlich, Militär und Civil, Männlein und Weiblein zum Börsen- spiel. In ungeahnter Menge erschienen die Fremden in Paris, ihrer 300000 waren täglich da; alle Fürsten hatten ihre Agenten und betheiligten sich per procura am Tanz um das goldene Kalb. Eine elende Gasse in Paris von nur fünf Schritt Breite, die Rue Quinquempoire, schon früher Sitz kleiner Geldmäkler und Wucherer, wurde der Hauptsitz des Börseuspiels: die elende- sten Keller- und Dachräume verwandelten sich in Komptoirs, für die man 3 bis 400 L. monatliche Miethe bezahlte. Räumlich- ketten, oft nicht groß genug, um einen Tisch zu stellen, so daß der Rücken eines gemietheten Mannes dessen Stelle vertreten mußte. Die Preise der Maaren und Lebensmittel stiegen in Paris auf das Doppelte, die der Miethen auf das Dreifache, in der Straße Quinquempoire in einem Fall von 600 auf 100000 L. In Genua war weder Sammt noch Seide zu haben, als der Abbö Dubois sich im Ministerium des Auswärtigen ein- richten wollte, weil alles schon nach Frankreich verkauft war. Wie sah es nun aber mit der Kompagnie selber aus, deren Aktien so maßlos gestiegen waren und deren reelle Erträgnisse doch allein die Basis eines solchen Kurses bilden konnten? Man hatte bei den Franzosen nainentlich über die Gold- und Silber- minen, Smaragdfelsen u. dgl. unglaubliche Illusionen erweckt, hatte Herzogthümer und Marquisate geschaffen, hatte die freiwil- lige Auswanderung dorthin begünstigt, ebenso auch durch die Justiz möglichst viele Verbrecher zur Deportation verurtheilen lassen, hatte endlich den Abschaum des weiblichen Geschlechts auf den Straßen und in den Häfen aufgelesen und mit dem allem, wie man sich denken kann, nichts, gar nichts erreicht. Ohne einen soliden Fonds weiblicher Auswanderer konnte gar nichts gelingen und zu einem solchen kam es nur ein einziges mal, als es Law gelang, eine ziemliche Anzahl freiwilliger Kolonistin- nen mit einer kleinen Ausstattung unter Begleitung von Nonnen nach Louisiana zu schicken: dies sind die Stammmütter der fran- zösischen Bevölkerung von Louisiana geworden und ihre Sen- dung das einzig Bleibende in Anierika, was die Schwindelperiode überlebt hat. Endlich aber mußte die Kompagnie doch eine Dividende erklären, was am 30. Dezbr. 1719 auf Law's An- trag geschah: sie sollte 40 Prozent betragen, also 200 L. auf die Aktie, d. h. bei einem Kurs von 20000 nur 1 Prozent. Aber vorher schon hatten die großen Spekulanten, die sogenannten Mississipicns, sich zurückgezogen, nachdem sie sich ihres Aktien- besitzes allmälich und geschickt entledigt, und mit ihnen verschwan- den die Ausländer, indem sie ihre Aktien gegen baar oder gegen Edelsteine vertauschten: man hat berechnet, daß sie von den 1200 mill. Metallgeld, welche Frankreich damals besaß, nicht weniger als 500 Millionen mit sich fortgenommen, die unwiderrus- lich verloren waren. Uni so näher stand man nun der Katastrophe, denn auch die Dividende von 40 Prozent repräsentirte bei 600 000 Aktien eine Summe von 120 Millionen, welche die Kasse der Kompagnie weit nicht besaß. Allerdings war Law so vorsichtig gewesen, bei jeder neuen Aktienschöpfung ein gutes Theil zurückzubehalten, deren Dividende er mithin nicht zu zahlen brauchte; er beschloß aber noch mehr Aktien aus dem Verkehr zu ziehen und ihre Summe allmälich auf 200000 zu verringern. 524 Sein Hauptmittel aber, um die Bankzettel zu halten, war eine ganz raffinirte Art, dem Publikum das Metallgeld zu entleiden. Das mildeste Mittel war, den Bankzetteln ein Agio von 10 Pro- zent gegen Metall zu sichern(Sept. 1719), das aber vom Dezember 1719 an auf 5 Prozent vermindert wurde und bei Erhebung der Steuern 5 Prozent Aufschlag für Metallgeld zu verlangen nebst der Herstellung einer schon aufgehobenen Abgabe von 4 Sous auf jede Livre Gold oder Silber. Das war noch das glimpflichste. Ganz anderer Art war sein Hauptmittel, durch beharrliche Münzäuderungen das Metallgeld um allen Kredit zu bringen. Wir haben schon gesehen, daß die Vorbereitung zur Eröffnung der Staatsbank im wesentlichen darin bestand, daß er das Metallgold um die Hälfte entwcrthete. Nun folgten sich aber vom Dezember 1719 bis zum Januar 1721, also in 14 Monaten, nicht weniger als 24 Münzänderungen, bei denen der Louisd'or von 36 Livres in Sprüngen bald hinauf, bald herabgesetzt wurde und zwischen den Grenzen von 72 und 36 Livres sich bewegte. Die allerschlimmsten unter diesen Verände- rungen waren noch die zum voraus angekündigten; so wurde der Louisd'or am 5. Mai 1720 auf 48 L. gesetzt, aber vom 20. Mai an sollte er nur 42, vom 1. April an nur noch 36 L. gelten. Ferner hatte man gleich zu Anfang den Kassenbeamten auferlegt, ihre Fonds in Bankzetteln zu halten, und sie für den Schaden, welcher dem Staate später etwa aus einer Herabsetzung der Metallmünzen erwachsen könnte, persönlich haftbar gemacht. Der Gläubiger sollte vom Schuldner die Zahlung in Bankzetteln verlangen dürfen; alle Zahlungen über 600 L. sollten am Sitz der Bank und ihrer Filialen in Zetteln geschehen und die Post dahin und daher kein Metallgeld befördern dürfen, außer was der Bank selbst gehörte. Später ging man noch weiter und ver- bot alles Zahlen in Metall, gemünzt oder ungemünzt. Und weil vorauszusehen war, daß diese Verbote nicht gehalten würden, so mußte der Denunziation und jeder Niederträchtigkeit Thür und Thor geöffnet werden. Es kam der Fall vor, daß ein Sohn den eignen Vater verrieth, um in den Besitz der von diesem ver- heimlichten Summe Metallgeld zu kommen. Der Herzog von Orleans war ein grauer, verhärteter Sünder, aber dieser Fall war ihm doch zu stark; er bestrafte den unnatürlichen Sohn. Alle diese Veränderungen an der Münze waren natürlich mit Verlusten verbunden; hätten sich nun diese über alle gleichmäßig vertheilt, so wären sie vielleicht noch zu ertragen gewesen; nun aber vollzog sich dabei das allgemeine Gesetz, daß die Verluste jederzeit auf den Schwächeren abgewälzt werden. Wer die baaren Mittel besaß, konnte immer so gesckickt laviren, daß er wenig verlor oder für den Verlust sich anderweitig entschädigte. (Schluß folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Htofeuverg. (Fortsetzung.) Theuerste Seele! Unser Jahrhundert ist ganz darnach angethan, eine sensible Natur zur Verzweiflung zu bringen! Wenn das vorige vor allem bestrebt war, den vollkommenen Men- schen, das Individuum für sich zu kultiviren, so scheint es mir, als ob unsere Zeit dieses Ziel bei Seite geschoben habe, sich einzig mit der Gesammtheit befasse und, über das Bedürfniß des Momentes leichtsinnig wegschreitend, nur uach Beherrschung der Natur strebe, einerlei, ob der Mensch dabei sittlich verkomme und eine Beute seiner Gelüste werde oder nicht. Der äußere Schein geht über den inneren Werth. Ich möchte daher bei oberflächlicher Betrachtung dem Zeitalter unserer klassischen Heroen den Vorzug vor dem unseligen geben, obschon ich wohl weiß, daß die ausschließliche Kultur des Individuums durchaus nicht die den menschlichen Bedürfnissen nöthige harmonische ist. Schafft aber das Bewußtsein des einzelnen ein integrirender, unablös- barer Bcstandtheil des Staates, ein kleines Rädchen in der Maschine zu sein, eine wahre Befriedigung? Ist das Bewußt- sein, sein ganzes Denken und Streben der Gesammtheit aufzu- opfern, also zu säen, ohne zu ernten, ein glückscligmachendes?— Ich denke, der Mensch soll nie vergessen, daß er vor allem be- strebt sein müsse, auf Grundlage der Sittlichkeit sich selbst zu genügen, und die Gesammtheit, der Staat solle nie vergessen, daß er als Repräsentant der einzelnen dem einzelnen die Wege zur Glückseligkeit ebener und leichter zu betreten mache.--- Die Soldatenzeit hat mich viel gekostet, trotzdem ich meine Bedürfnisse auf ein Minimum gesetzt hatte. Ein anderer würde an meiner Stelle sich gewiß auf jegliche Weise Unterstützung zu verschaffen gesucht haben. Meine Natur läßt aber solche Bettelei nicht zu, mag diese auch noch so sehr entschuldbar sein. Aller- dings, nun bin ich mit meinen Ersparnissen am Rande, und daß ich erst jetzt damit zu Ende bin, das mag auch auf Kosten meines Körpers geschehen sein. Man sagt, ich sehe schlecht aus. Kein Wunder!— Ich hätte es sonst machen müssen, wie die armen Kerle von Soldaten, die sich eine handfeste Köchin zulegen, bei der sie den Liebhaber spielen, um Viktualien und Zehrpfennige zugesteckt zu bekommen.— Was ich nun beginnen werde, um meine Zukunft zu sichern, weiß ich noch nicht recht. Mein Kopf summt mir von mancherlei Gedanken und Plänen, ich möchte gern fort von hier, und wenn ich darüber zu einem Entschluß kommen will, so denke ich an Elisabeth und aus ist es mit meiner ganzen Planmacherei. So hänge ich hier fest an einem Magneten, aber an was für einen Magneten!— In deinem letzten Briefe, Liebster, schreibst du lakonisch:„Kannst keine Liebschaft brauchen, leg' das aä aeta."— Ja, so sprach Freimann im vorigen Jahre auch, mein Herz, und er spottete über die Narren, die einem Weibe zu Liebe ihre schöne Zeit vertändeln!— Aber nun!— Nun behauptet er, daß er so etwas niemals gesagt habe und daß die Hingebung an ein Weib ganz in der menschlichen Natur begründet liege, lind wenn es auch wahr ist, daß mir keine Liebschaft nützen kann, was kann ich gegen den Strom meiner Gefühle?— Kann man den so eindämmen und ableiten nach eigenem Wunsch und Willen?— Und Liebschaft! Was meinst du mit dem Worte Liebschaft?--- Wenn du glaubst, daß ich hier das Bild eines Seladons abgebe, daß ich nur karessire, so bist du im Jrrthum!— Nichts von alledem ist an mir!— Natürlich— ein Fisch bin ich nicht und aus dem Tone meiner Stimme, aus der Wärme, die ich unwillkürlich den Worten bei- mische, kann wohl ein Fremder auf ein vertrauteres Verhältniß schließen.— Indessen, so benehme ich mich überall, wo es mir wohl gefällt, und wenn diese Umgangsart der Maßstab zur Be- 1 urtheilung einer Liebschaft ist, dann,— ja dann habe ich mehr als eine Liebschaft!— Ueber die Zeit, wo man romantischen Liebesabenteuern nachgeht, wo man die ganze Glut jugendlicher Empfindung für jedes anmuthige Wesen bereit hat, bin ich längst hinaus!— Ich hatte auch einmal so meine Träume, mancher jungen Dirne war ich von Herzen zugcthan,— aber was be-! deutet das bei einem jungen Menschen, der unbekannt mit der großen Welt, jede Erscheinung phantastisch ausschmückt, ihr oft genug Vorzüge beilegt, die sie nicht besitzt. Man lächelt und spricht ohne Reue:„Vorüber— vorüber!"— Mit dem reiferen Alter kommt eine gereinigtere Empfindung; man ist vorsichtiger, skeptischer, langsamer in seiner Wahl, man läßt sich nicht leicht durch ein süßes Wörtchen täuschen und betrügen; man sondirt, wägt und prüft.— Daher ist, je schneller die Wahl, je leichter die Qual!— Ich meine: Man tröstet sich als Jüngling schneller bei hinein Verlust, während später, bei einer sorglichere» Wahl, der Schmerz über einen Verlust ein schwerer, oft schreck- licher sein muß. Sollte ich dir mein Verhältniß zu Elisabeth näher darlegen, so bin ich in einer schwierigen Lage! Ich habe ein Bedürfniß, in ihrer Nähe zu sein; war ich einige Tage nicht in ihrem Hause, so fehlt mir etlvas; ich frage mich nach der llr- fache, und da stehe ich schon vor Liebers Wohnung. Ost rede ich keine 20 Worte mit ihr, ich begrüße sie nur, bringe ihr 0» Buch, ermahne sie zum Fleiß und verschwinde wieder.— 3' das eine Liebschaft?— Bah!— Der alte Lieber meint:„Der Morgenroth und die Elisabeth sind wie Geschwister!"— Sehr recht!— Ich liebe Elisabeth nicht wie ein Liebhaber und doch liebe ich sie wieder.— Es kommt nur darauf an, was wa" darunter versteht. Uebrigens weißt du ja auch, daß ich vo» Jugend auf an eine weiche Frauenhand gewöhnt bin und dag ich mich im Umgang mit einem weiblichen Wesen immer behag' licher befunden habe!—— Nach physischen und psychisch� 525 Anstrengungen ist mir die Nähe einer edlen Frau immer eine Er- holung.— Diese Gewöhnung mag so auch wohl Ursache für meine Neigung zu Elisabeth sein!—--- Meinen Unterhalt bestreite ich durch Schriftstellerest da mir das Honorar aber gewöhnlich unregelmäßig zufließt, so habe ich eine Hausmeistcrstelle angenommen. Es war ein Zufall, der mich dazu führte! Ich stellte mich den Leuten vor, sprach ein Paar vernünftige Worte über Erziehung und ward verpflichtet.— Bon den nächsten Sorgen bin ich so befreit und Zeit zum Stu- dium habe ich auch! Aber die Zukunft?! Da steckt es, da ist der wunde Punkt! Oft, wenn ich mich in ganz angenehmer Gesellschaft befinde, fern zu sein glaube von der schrecklichen Proia des Lebens— überfällt mich plötzlich der Gedanke an die Ge- staltung meiner Zukunft, ich schrecke dann zusammen, fühle mich beengt, fühle die Brust wie zusammengeschnürt und mitten in einem anregenden Gespräch geht mir der Faden aus. Ich ver- stumme und suche in der freien Luft, draußen auf den Straßen oder in den Promenaden die richtige Arzenei, die Besänftigung schafft!--— Dieser Zweifel ist drückend!— Ich kann es nicht beschreiben und einer, der mit Glücksgütern gesegnet ist, einer, dessen Leben sich in einfachem Droschkenpferdctrab abspinnt, begreift mich nicht!(Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Akudotph von A. (Fortsetzung.) „Was meinen Sie, lieber Steinach, zu den Vorschlägen des Herrn Lauter?" fragte der Freiherr, indem er sinnend vor sich hinblicktc. „Hm," machte der Jrrenhansdircktor,„garnicht übel. Und das eine: der sofortige Wiederzusammcntritt des Hülfscomitö's vom Winter ist nicht nur nützlich, sondern auch leicht möglich. Das andere aber, die Arbeitszusichernng seitens der Eisenbahn- gesellschaft, gehört zu den frommen Wünschen,— die Herren werden sich bedanken, höhere Arbeitslöhne zu zahlen, als un- bedingt nöthig, und die fremden Arbeiter haben sie außerdem nun einmal auf dem Halse." Der Baron nickte und schaute fragend ans Fritz Lauter. Dieser sah finster vor sich hin und biß sich auf die Lippen. „An die paar Groschen Differenz im Arbeitslohne für den Mann und den Tag hatte ich allerdings im Augenblick, als mir die Roth so riesengroß vor die Augen trat, nicht gedacht. Jeden- falls aber meine ich, daß die Ruhe auf die Dauer hier oben überhaupt nicht wieder hergestellt werden wird, nach einer großen Ueberschwemmung erst recht nicht, wenn die fremden Arbeiter nicht entlassen oder anderweitig verwendet werden sollen und die Gebirgsansässigen keine lohnende Beschäftigung erhalten." „Das meine ich allerdings auch," sagte der Jrrenhausdirektor. „So gilt es also, unter jeder Bedingung Arbeit schaffen," fuhr Fritz Lauter so bestimmt fort, als ob er nur befehlen brauche, um die Angelegenheit zu entscheiden.„Und wenn die Regierung der Eisenbahngesellschaft den Weg weist, welchen sie zum Gemein- besten zu gehen hat, und selbst mit gutem Beispiele voranschreitet, so ist das auch nicht schwer?" �„So— na, wie denn zum Beispiel?" fragte der Herr von Steinach, dem das Wesen des jungen Zeitungsmannes je länger je mehr zu gefallen schien, während der Baron von Felseck nach wie vor in seiner wohlwollenden, aber reservirten Haltung ver- harrte. „Die Regierung veranlaßt die Eisenbahngesellschaft, ihre Bauten noch mehr zu beschleunigen, als sie ursprünglich beab- sschtigte. Das kann diese nur, indem sie noch mehr Arbeiter einstellt, als bisher. Diese neuangenommenen Arbeiter stellt sie an die Plätze, wo am ehesten Reibungen mit den Umwohnern jw befürchten sind, während sie die fremden von da zurückzieht. Tie Regierung aber greift selbst ein, indem sie alle die weit- ausgedehnten, durch die Ueberschwemmung veranlaßten und sonst »öthjgen Wegebauten nicht den meist kleinen und armen Gemeinden und ebensowenig den, wenn auch reichen, doch zu wahrhaft groß- artigen Unternehmungen im Gemeininteresse weder genügend be- "uttelten, noch genügend einsichtigen und selbstlosen Ritterguts- Herren überläßt, sondern sie selbst in die Hand nimmt. Das rst die Regierung dem Volke, das ist sie sich selbst schuldig, und aas kann höchstens ein paar Millionen kosten, die sicher nicht weggeworfen sind, wo es sich darum handelt, viele tausende von Arbeitskräften dem Staate zu erhalten und Erbitterung und Unheil aller Art zu verhüten." Eine Pause trat ein. Der Herr von Stcinach schaute mit gespannter Aufmerksamkeit auf den Freiherrn von Bergen. .„So, wie Sie da meinen," sagte dieser endlich,„ließe sich viel, wel Unheil vermeiden. Aber es gälte in der That, rasch und aurchgreifend zu handeln, der Regierung ist es gewiß würdig, W zu thun, aber Sie wissen, Steinach, es hat sich in neuerer Bett ein Grundsatz der leitenden Köpfe bemächtigt, welcher allem entschiedenen Eingreisen in wirthschaftliche, wie Verkehrs- angelcgcnheiten abhold ist, es sind Gesetze gegeben worden, welche solches Eingreifen fast unmöglich machen." „Nun," rief der Herr von Steinach, indem er von seinem Sitze emporsprang,„vielleicht ist jetzt die Gelegenheit da, dieser flauen und einer starken Regierung unwürdigen Praxis des un- thätigcn Zuschaucns einen Damm zu setzen; vorläufig zum min- desten ein gutes Beispiel zu geben, durch entschiedenes Dazwischen- fahren ein Loch in das System des I-aissor aller zu machen—" „Es gäbe sehr viele Leute, die da gern sähen, ivenn so etwas geschähe," erwiderte der Freiherr, indem er mit dem greisen Haupte beifällig nickte.„Wer aber wird die Energie haben, die Initiative zu ergreifen, die Kastanien aus dem Feuer zu holen „Die Energie?" Der Herr von Steinach richtete sich hoch auf, seine Augen flammten,— so mochte er dreingeschaut haben, wenn er vor der Front seiner Reitcrschaaren den Degen erhob, um sie zur Attake auf den Feind zu kommandiren.—„Die Energie?" Ivicderholte er.„Steht Ihr Einfluß mir zur Seite, mein väterlicher Freund, dann können Sie meiner Energie die Sache getrost überlassen." Der Landesälteste von Bergen-Felseck erhob sich gleichfalls und trat einen Schritt vor, auf Stcinach zu. Es schien Fritz Lauter— der sich, nachdem er die Depeschenabschriften übe> reicht, nicht wieder gesetzt und nach der längeren Ausführung von vor- hin seinerseits in die Rolle des aufmerksamen Beobachters über- gegangen war,— als wenn sich beinahe priesterliche Feierlichkeit des greisen Aristokraten bemächtigt hätte. Derselbe legte seine rechte Hand langsam und würdevoll auf des Herrn von Steinach Schulter. „Sehen Sie zu, was Ihre rüstige Kraft vermag, aber bedenken Sie, wir stehen im Kampf wider den Strom der Zeit. Der Ein- fluß, über welchen ich gebiete, steht zu Ihrer Verfügung." Dann wendete sich der Greis zu Fritz Lauter: „Junger Mann, ich habe gesehen, daß Sie von gutem Willen und Muthe beseelt und auch mit einer in Ihrem Alter und, nehmen Sie das einem alten Manne, der die Welt kennt, nicht übel, in Ihren Verhältnissen nicht gewöhnlichen Einsicht begnadet sind. Darum wird mein Freund, der Herr Direktor von Steinach, dem ich in der Roth des Augenblicks Vollmacht gebe, in meinem Namen zu schalten und zu walten, Ihre Vorschläge, soweit es ihm gut scheint, zu den scinigen machen. Er wird Ihnen wohl erlauben, Sich ihm anzuschließen und Ihren Anschauungen, so- weit sie dem Gemeinwohl förderlich sind, sein Ohr nicht ver- schließen." „Nein, das werde ich nicht. Und nun ans Werk!" Der Herr von Steinach ergriff die Rechte des Barons, nm sich zu verabschieden.„Ich gedenke zu allererst in Ihrem Namen das Ministerium des Innern telegraphisch zu benachrichtigen, daß Sie die Vorschläge des Herrn Redakteur Lauter zu den Ihrigen machen und die Regierung ersuchen, ihren Einfluß geltend zu machen, sowohl für sofortigen Zusammentritt des alten Unter- stütznngscomitö's, als um die Eisenbahnverwaltung zu veranlassen, daß diese für einige tausend Menschen mehr als bisher, Beschäf- tigung schafft." „Darf ich mir die Frage erlauben, ob es nicht gut wäre, wenn die Regierung sich sofort bereit erklärte, den Gemeinden die Last der Wegebauten nach dem Verlaust n der koinmenden Hoch- flut abzunehmen?" „Dazu muß ich selbst nach P. So etwas läßt sich doch tele- graphisch nicht abmachen, junger Freund. Doch, ich denke, Sie werden im Augenblick nichts Besseres zu thun haben, als mit mir bei der Station vorüber nach meiner Anstalt zu fahren. Auf der Fahrt mochte ich sehen, ob Ihr Kopf seine Fähigkeit, brauch- bare Vorschläge zu machen, schon erschöpft hat." Fritz Lauter verbeugte sich zustimmend und verabschiedete sich von dem Frciherrn. Willlsch nmnderte sich nicht äm mindesten über die Eröffnung, daß Fritz, tan für diesen Tag den Wagen des Irrenhaus- direktors benutzen werde. „Schon recht," sagte er.„Ich fahre hinterdrein." Dem guten Kantor blieb aber gradezu der Mund offenstehen und ganz unheimlich wurde ihm bei der Geschichte, denn zunächst kam ihm der Gedanke, die vornehmen Herren hätten seinen Neffen für verrückt gehalten und der Direktor nähme ihn nun gleich in seine Kur. Die Art aber, wie die beiden miteinander verkehrten, beruhigte ihn einigermaßen. Dafür kam er sich jetzt vollständig bei der von Fritz angeregten Expedition wie das fünfte Rad am Wagen vor. Sein Einfluß reichte dem des Jrrenhauschefs allerdings nicht das Wasser, und seinen Rath konnte der Reffe jetzt umso- eher entbehren, als er ihn in den letzten Stunden überhaupt nicht mehr befolgt hatte. Der alte, brave Mann deutete daher äußerst bescheiden an, daß er in seiner Familie augenblicklich wohl nöthiger wäre, als im Gefolge der Herren, und der Herr von Steinach entschied kurz und bündig, der Kantor müsse zu seiner Frau, der Herr Willisch werde gewiß die Freundlichkeit haben, ihn unverzüglich nach Oberbarteustein zu bringen. Freundlich nahm dieses Ansinnen nun zwar der Herr Willisch nicht eben auf, aber er that cs ohne Widerrede, als er sah, daß Lauter denselben Wunsch hegte. Kurz grüßte er, gab seinen Pferden die Peitsche und rief: „Oben im Kloster Althans such' ich Sie, Lauter, hinterlassen Sie mir, wo Sie stecken." Und dann sauste sein Wagen von bannen, so geschwind, als es der immer noch strömende stiegen und der schon bedenklich schlechte Zustand der Landstraße nur erlaubte. Auf der Telcgraphenstation hatten der Herr von Steinach und Fritz Lauter ihre Arbeit bald gethan. Letzterer meldete an Schweder und Alster, daß die einflußreichsten Personen im Gebirgs- distrikte, der Landesälteste und der Direktor vom Kloster Althaus, seine Borschläge billigten und sich in ähnlichem Sinne soeben tele- graphisch an die Regierung gewandt hätten, dann sann er einen Moment lang nach und fragte: „Werden Hände genug zum Rettungswerke zur Verfügung sein, wenn das Unglück der Ueberschwemmung groß werden sollte?" Der Herr von Steinach schüttelte ernsten Antlitzes sein Haupt. „Nein, sicherlich nicht. Selbst wenn alle Feuerwehren und Turnvereine Hand ans Werk legen und wenn sogar das Militär eing: ifen sollte. Hände können wir garnicht genug finden." • im denn, ich denke noch für ein paar hundert sorgen zu können. Erlauben Sie mir nur noch einen Augenblick." Und in größter Eile warf er noch zwei Depeschen auf die bereitliegenden Formulare und adressirte die eine: An die Setzer von Gandersberg und Komp. in P.,— und die zweite: Herrn Gandersberg, P. Der Direktor von Steinach erwartete ihn im Wagen. „Kommen Sie rasch," rief er Fritz Lauter entgegen, als dieser aus dem Stationsgebäude trat.„Ich empfing soeben die Räch- rieht, daß die Perle bereits einige Brücken weggerissen und die tieferliegenden Dörfer überflutet hat. Wir müssen, was die Pferde laufen können, nach Althaus." Fritz sprang in den Wagen. „Und nun hören Sie meinen Plan," fuhr der Direktor fort. „Ich habe in meiner Anstalt etwa hundert Beamte. Siebzig kann das Irrenhaus bei äußerster Kraftanstrcngung der Zurück- bleibenden für vierundzwanzig oder im schlimmsten Rothfalle achtundvierzig Stunden entbehren. Jene siebzig theile ich sofort in drei Abtheilungen, bewaffne sie mit Aexten, Stangen, Seilen, gebe jedem ein paar wollene Decken und zwei oder drei Flaschen alten Portweins auf den Weg und sende sie unter zuverlässiger Führung über die Berge hinein nach den meines Wissens bc- drohtesten Punkten. Dort mögen sie zusehen, was zu thun ist, mögen mit Booten, wo sie sie finden, odcr mit Flössen, die sie in aller Eile herstellen können, in die überschwemmten Dörfer dringen und retten, was zu retten ist." „Können aber nicht aus den gefahrfreien Ortschaften ringsum sofort noch Mannschaften aufgeboten werden zur Unterstützung Ihrer Leute?" „Gewiß können sie das. Von den siebzig Mann will ich zehn in die betreffenden Orte senden. Wollen Sie Sich diesen anschließen, um-Ihre Beredsamkeit zur Anwerbung von Frei- willigen aufzubieten?" „Ich denke, daß es dessen nicht bedarf. Ich schließe mich mit Ihrer Erlaubniß denen an, die ohne Verzug das Rettungswerk aufnehmen." Der Herr von Steinach nickte. „Hab' ich erwartet," sagte er.„Waren Sie Soldat?" „Nein," entgegnete Fritz Lauter kurz.„Darf ich mir eine Frage erlauben?" „Nur zu." „Ist eine Buchdruckerei zu bequemer Verfügung?" „Buchdruckerei? Aha— wollen wohl eine Ueberschwemmungs- zeitnng herausgeben?" „Ich glaube, es wäre gut, wenn der Bevölkerung in einer augenblicklich, selbstverständlich unentgeltlich zu verbreitenden An- spräche glaubwürdig mitgetheilt würde, was Regierung und Eisen- bahngcsellschaft zu ihrem Heile beabsichtigen." „Teufel, Sie gehen ja drauf wie Blücher, junger Mann. Sie wollen wohl Regierung und Bahnverwaltung vor ein tait ac- j compli, eine nicht mehr rückgängig zu machende Thatsache stellen, und so quasi zwingen?" „Sollte nicht die Roth auch das Eisen des Widerstandes brechen, auf den jene von Männern, wie der Landesälteste und Sie, Herr Direktor, gebilligten Vorschläge überhaupt noch treffen können. Dürfen wir warten?" „Nun denn, der Oberstlieutenant von Steinach wird sich von einem jungen Civilisten nicht beschämen lassen, wenn es drauf- i gehn heißt. Also, ich habe in meiner Anstalt selbst eine kleine Druckerei mit einer Handpresse eingerichtet, auf der mag so eine Ansprache gedruckt werde». Sie können, sobald wir oben an- gekommen sind, das Ding abfassen; ich seh' es mir dann durch und sag' Ihnen, was wir davon riskiren--" Der Herr von Steinach wurde plötzlich unterbrochen. Der Wagen hielt. „Nun, was ist das?" rief er und ließ das Thürfenster herunter, um nach der Ursache zu sehen. „Das Wasser geht hier gar schon über die Chaussee," ant- s wortete der Kutscher.„Die Pferde stehen schon drin; soll ich auf dem Wege weiter oder den Umweg über den Berg bei Hohnfels machen?" „Vorwärts," rief der Herr von Steinach.„Nur nicht allzu- rasch, bis wir wissen, wie lief wir hineinkommen." Der Kutscher rief den Pferden zu und es ging weiter in einen vielleicht hundert Fuß breiten, glücklicherweise aber nur! langsam sich fortbewegenden Strom hinein. „Die Geschichte kann noch nicht gefährlich sein," wandte sich der Direktor an Fritz.„Höchstens zwei Fuß tief, denk' ich. Und haben wir erst die Brücke hinter uns, so sind wir so hoch, daß uns das Wasser nichts mehr anhaben kann." Er hatte sich um weniges verrechnet. An der tiefsten Stelle stand das Wasser vielleicht zwei und einen halben Fuß tief. Von der Stelle, an der sie jetzt angekommen waren, konnten| sie ein großes Stück Land überblicken, das der Perlelauf in> unregelmäßigem Zickzack durchschnitt. , Haben Sie scharfe Augen?" fragte der Herr von Steinach, nachdem er einen Augenblick scharf nach einer bestimmten Stelle x hinausgeblickt hatte. „Es geht noch leidlich, obgleich mein ursprünglicher Beruf den Augen ziemlich gram ist." „Sehen Sie einmal hier hinaus. Da ziemlich weit vorn ist die steinerne Brücke, mit welcher schon vor Jahrhunderten die! Mönche von Althaus sich um die Gegend verdient gemacht haben. Können Sie erkennen, was das Schwarze vor der Brücke im Wasser ist, das sich immer hebt und senkt, als ob es sich bäumte?" „Das-- nun so gar schwarz sieht mir das nicht aus, wenigstens seh' ich hellere Streifen darin, das ist etwas, was der Fluß gegen die Brücke geschwemmt hat." „Freilich wohl, aber gewöhnliches Strauchwerk ist es nicht. Nun, wir werden es ja sehen. Zufahren jetzt, so rasch als möglich," rief er dem Kutscher zu.(Fortsetzung folgt.) Gottfried Wilhelm von Lcibnitz(Forts.). Wie es damalsunter den deutschen Gelehrten Sitte war, sich bei der Abfassung von wissenschaftlichen Abhandlungen nicht der Muttersprache zu bedienen, so schrieb auch Leibnitz, einzelne Ausnahmen abgerechnet, seine Schriften in sremdenSprachen und zwar in der lateinischen.oder französischen. Trotzdem ist sein Stil in der deutschen Sprache vorzüglich, und er würde, hätte er sich dieser mehr als es geschehen, bedient, auch nach dieser Richtung hin reformatorisch Bedeutendes geleistet haben. Daß er es nicht gethan, ist aber erklär- lich, wenn man die Zeit in Betracht zieht, in der er lebte und die sich vor allem durch die Sucht der gebildeten Stände in Deutschland auszeichnet, mit Fremdem zu prunken und ohne alle Gewissensbisse Ehre, Vaterland an jeden beliebigen Ausländer, namentlich aber dem Erbfeind neueren Datums, dem Franzmann, zu verkaufen. Dann kann man ja auch von allen deutschen Gelehrten nach Leibnitz, wenn sie sich auch ihrer Muttersprache bedienten, nicht gerade behaupten, daß sie so arg große Rücksichten aus die Nation genommen, denn ihre gelehrten Schriften sind nur allzuoft in einer Sprache abgefaßt, welche der großen Masse des Volkes genau so unverständlich ist, wie ein französisch oder lateinisch geschriebenes Buch. Außerdem las zu jener Zeit der große Haufen gar nichts und die sogenannten Gebildeten eben nur Werke in fremden Sprachen. Seine philosophische Lehre hat Leibnitz niemals systematisch geordnet niedergeschrieben, sie findet sich zerstreut in seinen Schriften und oft pflegte er seine diesbezüglichen Gedanken in Briefen ans- zusprechen. Im Abriß findet sich dieselbe jedoch in der bereits oben angegebenen Schrift:„Ueber die Monadologie k." Zu seinen Anschauungen kam er erst allmälich und, wie man sagt, sehr vorsichtig. Die Wahrheit zu finden, war sein erster Grundsatz und er erkannte sie an, ganz gleich, wo er sie fand. Schrieb er doch noch im vorgerückten Alter rückblickend aus seine philosophischen Lehrjahre in einem Briefe:„Ich war bestrebt, die Wahrheit auszugraben, die unter den Meinungen der verschiedenen Philosophen vergraben und zerstreut liegt, und ich glaube von dem Meinigen etwas beigetragen zu haben, um einen Schritt vor- wärts zu thun." Wir möchten dafür schon in seinen Bestrebungen, die verschiedenen christlichen Religionssystemc zu einigen, den besten Beweis finden, aber nicht minder gibt diesen seine Philosophie. Und man be- hauptet wohl nicht zu viel, wenn man letztere als den Schlüssel zu seinem nach Einheit ringenden Wesen bezeichnet.— Cartesius, der Vor- gänger von Leibnitz, hatte den Dualismus zwischen Materie und Geist gelehrt, Spinoza von diesem ausaehend, die Einheit der Substanz, den Pantheismus, das Allgotlthum. Es gibt nur eine Substanz und diese ist Gott.„Wir sind in Gott und Gott in uns", so lautet der Funda- mentalsatz der Philosophie Spinoza's. Mithin gibt es keinen außer- weltlichen Gott, aber einen weltlichen; es gibt keine außergöttliche, gottverlassene Welt, wohl aber eine göttliche*). Dem ersteren gegen- über verlritt Leibnitz die Einheit, und entgegengesetzt dem letzteren die Individualität. Alle für uns wahrnehmbaren Körper sind nach ihm zusammengesetzte Wesen. Wenn es aber Zusammengesetztes gibt, so muß es auch einsache Substanzen geben, aus denen sich jenes bilden kann und welche als unthcilbare Einheiten nicht materieller— sonst wären sie ja glcichsalls«heilbar— sondern metaphysischer Natur sain müssen. Als materielle Punkte wären sie gleich den„Atomen" der früheren Philosophen, also ausgedehnt und zusammengesetzt. Diese untheilbaren Einheiten nennt Leibnitz„metaphysische Punkte" oder viel- mehr Monaden(Nonas— Einheit), welch letztere Bezeichnung bereits Giordano Bruno gebrauchte und die Leibnitz aller Wahrscheinlichkeit nach diesem entlehnt hat. Der Monade zu Grunde liegt die Kraft. Diese ist ursprünglich und untheilbar und da sie nicht entstanden ist, so kann sie auch nicht vergehen. Weil sie untheilbar, einfach, ursprüng- lich ist, darum kann sie nur durch Begriffe erkannt werden und ist in- folge dessen ein metaphysisches Prinzip. Sie umfaßt das gcsammte Reich des Immateriellen und enthält zugleich die Natur der Körper, die ohne Kraft undenkbar sind. Daraus geht hervor, daß sie nur als Substanz gedacht werden kann— und umgekehrt— und mit den Körpern eins ist. Hierdurch setzt sich Leibnitz in Widerspruch zu Car- tesius, welcher den Gegensatz von Körper und Geist, also Stoff und Kraft behauptete und alles Leben als eine äußere Beeinflussung der Körper durch de» Geist erklärte.—„Ueberall ist Thätigkeit und ich begründe sie fester als die herrschende Philosophie, weil ich der Ansicht bin, daß es keine Körper ohne Bewegung, keine Substanz ohne kräftiges Streben gibt." So sagt Leibnitz. Gibt es aber überall Thätigkeit und Bewegung, so muß»othgedrungencr Weise die ganze Natur belebt sein. Es kann in der Welt nichts Lebloses geben, da alle Dinge aus der untheilbaren Substanz, der Monade, zusammengesetzt sind. Den Atomen gegenüber unterscheidet sich die Monade durch ihre Selbständigkeit. Die ihr ein- geborne Qualität, welche bei der unendlichen Zahl von Monaden un- endlich verschieden ist, bestimmt ihre Individualität. Hierauf begründet sich der Gegensatz der leibnitzffchen Lehre zur Philosophie Spinoza's. Wenn aber die Monade als ursprüngliche, belebte und unth eilbare Substanz gedacht wird, so müssen bei allen Wesen— da sie aus Mo- naden zusammengesetzt sind— Seele und Körper in demselben Ver- hältniß sich befinden wie Kraft und Stoff bei der Monade: Seele und Körper bilden demnach eine natürliche Einheit. Es gibt deshalb auch keine Seelenwanderung, und Leibnitz sagr selbst:„Ich halte dafür, daß »icht blos die Seele, sondern sogar das Individuum fortdauert." Ge- ') Liebe den Abschnitt Spinoza und Leibnih in der vortrefslichen Abhandlung: .Lessing der Philosoph" von I. Jacoby,«es. Schriften und Reden. II. bnrt und Tod sind ihm nur Formwechsel, nicht Ursprung und Ver- nichtung eines Wesens.„Was wir Erzeugungen nennen, das sind Ent- Wicklungen und Vermehrungen, was wir Tod nennen, das sind Ver- puppungen und Veränderungen". Damit ist aber auch die Unsterblich- keit angenommen und zwar nicht nur die der Seele, sondern die des „beseelten" Körpers. Unvergänglich ist alles physische Leben, unsterb- lich das menschliche im Unterschied von dem thierischen, welches nur unvergänglich ist. Und als die Cartesiancr diese Annahme für un- gereimt und vernunftwidrig bezeichneten, entgegnete Leibnitz:„Nicht so vernunftwidrig, wie es den Cartesianern scheint, wenn man nur den richtigen Unterschied macht zwischen der UnVergänglichkeit der thierischen und der Unsterblichkeit der menschlichen Seelen." Hat die menschliche Seele Bewußtsein und schließt dieses Bewußtsein Persönlichkeit oder die Fähigkeit in sich, bewußt und vorsätzlich zu handeln, so wird das menschliche Individuum im Gegensatz zum thicrischen zur Person oder ein moralisches Wesen. Nach dem Unsterblichkeitsbegriff des L. ergibt dies aber konsequenterwcise die Unsterblichkeit der Person, welche sich jedoch von der persönlichen Unsterblichkeit nach theologischen Begriffen dadurch unter- scheidet, daß sie die natürliche Unsterblichkeit, während jene den natür- lichen Tod voraussetzt. Mit dieser moralischen Fortexistenz muß natür- lich auch fortbestehen, was in der betreffenden Person geschehen, also auch die jedem Menschen anhaftende Schuld, rcsp. das Schuldbewußtsein. Ist dies ein innerer Zustand der Qual, so ist es Strafe, und diese muß von ewiger Dauer sein, wenn es das schuldige Individuum ist. Leibnitz lehrte aus diesem Grunde die Höllenstrafcn, deren nothwendige ewige Dauer kein geringerer wie Lessing in seiner bekannten und manchem seiner Zeitgenossen nur allzusühlbaren, scharfen Weise vertheidigt*). Man hat Lessing deshalb mehrfach widersprochen, hier ist jedoch nicht der Ort, uns des näheren darauf einzulassen, sintemalen der große Kritiker auch sehr genau wußte, was er vertheidigte. Zudem scheint uns auch die Folgerung der„ewigen Strafen" aus der leibnitz'schen Philosophie durchaus korrekt. Nur darf man sie nicht in dem„rohen »nd wüsten Begriff, in denen sie mancher Theologe nimmt", wie sich Lessing ausdrückt, auffassen und sich nicht die„Hölle" als eine» räum- lichen Ort und die Strafe als eine körperliche vorstellen.— Wir sahen, daß die Kraft ursprünglich war, da sie aber nicht ohne Körper cxistiren kann, so ist ihr Zustand an den Körper gebunden, da nun ferner ein Beharren in Unthätigkeit ihrerseits unmöglich ist, so ist sie in steter Bewegung begriffen. Der Körper ist das Mittel zum Zweck der Be- wegung, d. h. des Lebens, und infolge dessen ist die Seele nicht allein der Grund alles Seins, sondern auch der der Natur des Körpers ent- sprechende Zweck der Bewegung. Alles Leben kann nur als Entwick- lung vor sich gehen, diese beruht aber darauf, daß sich der Zustand, in welchem sich ein Körper befindet, verändert, und zwar derart, daß in dem Prozeß der Veränderung ein Zustand nicht allein auf-, sondern aus dem andern folgt, resp. hervorgeht. Gibt es hierbei keinen Still- stand, so gibt es auch keine Sprünge, dagegen nur stete, ununterbrochene Entwicklung des Individuums. Da von außen her auf die Monade nicht eingewirkt werden kann, so ist jede Kraftäußerung derselben selb- ständige Handlung und die Entwicklung eine Reihe von Handlungen. Jede zweckthätige Kraft muß sich Zwecke setzen, also sich auch im Besitz des Vorstclluugsvermögens befinden. Nach Leibnitz ist deshalb die vor- stellende oder zweckthätige Kraft das Prinzip aller Entwicklung. Es gibt dunkle, verworrene und bewußte Vorstellungen. Sie sind dunkel, wenn sie nur das betreffende Individuum ausdrücken, sie sind ver- worren, wenn sie in dem Vorgestellten die vielen kleinen Vorstellungen nicht unterscheiden. Beispielsweise ist die Vorstellung, daß alle für uns wahrnehmbare Körper untheilbare Ganze bilden, eine unklare, ver- worrenc, klar ist sie, wenn diese uns als aus unendlich vielen untheilbaren Einheiten zusammengesetzte Wesen erscheinen. Wenn wir grüne Farbe sehen, so haben wir davon eine klare Vorstellung, weil wir grün von roth deutlich unterscheiden, verworren ist sie jedoch, weil wir nicht wahrnehmen, daß in Grün, als dem Gemisch von gelb und blau, diese zwei Grundfarben enthalten sind. Der höchste Grad der Vor- stellnng, die von Empfindung und Bewußtsein begleitete, wird daher nur dew höher organisirten Wesen eigenthümlich fei», d. h. insofern, als das Bewußtsein die Kraft ist, vermöge deren eine klare Vorstellung möglich wird. Verworren wird diese immer noch bleiben, wenn das betreffende Individuum nur das Allgemeine und nicht das Besondere, nur die Oberfläche und nicht den Grund der Dinge einsieht. Nach dem Weltgesetz der Analogie ist aber das Vorstellungsvermögen nicht nur den höher organisirten Wesen eigenthümlich, es findet sich selbst in dem Niedern. In seiner Abhandlung über das Wesen der Natur sagt Leibnitz:„Wenn wir demnach unserem Geiste die eingeborne Kraft innerer Thätigkeit zuschreiben, so dürfen, ja müssen wir sogar auch in den anderen Seelen, Formen, oder, wenn man will, substantiellen Naturen, ebendieselbe Kraft behaupten____"„Denn bei solcher Einförmigkeit, wie meiner Ansicht nach in der ganzen Natur beobachtet ist, darf man überall sonst, in jeder Zeit und an jedem Ort sagen: es ist alles wie hier, verschieden nur im Verhältniß der Größe und Vollkommenheit; so können die entferntesten und verborgensten Dinge dargcthan werden nach der Analogie dessen, was uns sichtbar und offenbar ist." Und in seiner Monadologie:„Dieses Band oder diese Uebereinstimmung aller Dinge mit jedem einzelnen und jedes ein- ») Lcibnitz, von dm ewigen Strafen. Lessing» Werte, g. Band. GSschenyche Ausgabe. 528 zelnen mit allen übrigen macht, daß jede Monade sich auf alle andern bezieht, und daß sie mithin ein lebendiger und beständiger Spiegel des Universums ist." Die Monade ist aber ein lebendes Individuum, welches nicht durch äußern Einfluß diese Vorstellung empfängt, sondern aus sich selbst, dieser ihr Begriff setzt die Existenz ähnlicher Wesen voraus, mithin kann sie auch nicht allein gedacht, vorgestellt werden. Eine Monade, weil sie im Zusammenhang mit allen in der Welt exi- stirenden steht, stellt alle übrigen vor, sie ist also ein Mikrokosmos, d. h. die Welt im kleinen. Liegt im Begriff der Individualität zugleich die Verschiedenheit aller Wesen, so auch deren Ungleichheit. Ist jedes Individuum ein Mikrokosmos, so kann es auch nur das Weltall ent- sprechend seiner Kraft und seiner Anlage vorstellen. Je höher es organisirt ist, desto klarer diese Vorstellung, je niedriger, desto unklarer. Im Menschen läßt sich deshalb das Ganze besser erkennen, als in der Pflanze und im Thier. Ganz klar ist jedoch der Makrokosmos in keinem Wesen vorgestellt, da alle noch beschränkt sind.„Alle Monaden streben verworren nach dem Unendlichen, nach dem Ganzen," sie müssen streben, weil sie kräftige Naturen sind, daher die Entwicklung und die klare Vorstellung, daher niedere und höhere Wesen. Wie es nach Leibnitz in der Entwicklung keine Sprünge, so gibt es in der Stufenreihe der zahllosen Lebewesen keine Lücke, sondern ein allmäliches Aussteigen._(Schluß folgt.) Eine Urwaldlandschaft mit Bewohnern.(Bild S. 420—21.) Wir führen die Leser in das waldreiche Tiefland Venezuelas(Süd- amerika) und lassen sie einen Blick in das tropische Thier- und Pflanzen- leben thun. Unsere Abbildung veranschaulicht eine Urwaldszene an den Ufern des Rio Eskalante, eines Flusses, welcher auf den Kordilleren von Merida entspringt, die Zuliaebene durchströmt und in den See von Maracaibo mündet. Die Ueppigkeit und Großartigkeit der Vege- tation spottet jeder Beschreibung. In der nur von wenigen Verkehrs- wegen durchschnittenen Urwaldswildniß haben tausende von verschiedenen Thierarten ihre Heimat. In den ersten Morgenstunden, wenn der sich durch den mauerartig dichten Urwald windende Rio Eskalante noch in tiefem Schatten liegt, zeigt sich eine so bewegte Szenerie, daß man kaum weiß, wohin man zuerst die staunenden Blicke wenden soll. Bei jeder Flußkrümmung bieten sich dem Auge neue, prachtvolle Pflanzen- gruppen und neue Thiere. Jeder Baum scheint belebt zu sein und ein unnachahmliches Thierkonzert ertönt ringsumher; das Geschrei der Araras und anderer kleinerer Papageiarten, welche emsig in den Kronen der Bäume Nahrung suchen oder in Gesellschaften den Fluß kreuzen, mischt sich ohrenzcrreißend in die verschiedenartigsten Stimmen einer Menge anderer Vögel. Zuweilen erschallt das dumpf im Wald widerhallende Gehämmer verschiedener Spechtartcn, und aus dem Schilf ertönt die eigcnthümliche Stimme des Trompetervogels wie trommelndes Geräusch zu uns herüber; dazwischen vernehmen wir den lauten, lang- gezogenen Schrei der Wehrvögel, die paarweise über dem Wald kreisen. Das Schilf und andere Wasserpflanzen sind belebt von verschiedenen Arten von Wasserhühnern, Rallen und anderen Sumpfvögeln. Eine reizende, immer wieder anziehende Unterhaltung bieten die ungemein häufigen Jassunas, Sporenflügler, die blitzschnell über die großen schwimmenden Blätter der Wasserpflanzen dahinlaufen und dabei un- aushörlich schreien. Das angenehmere, fast singende Pfeifen der Hokko- vögcl im tiefen Waldcsdunkel erregt die Jagdlust, denn die fast truthahn- großen Hokkos liefern einen vorzüglichen Braten, was man von den wenigsten Bewohnern des tropischen Urwaldes behaupten kann. Vor uns im Wasser erblicken wir einen riesigen Baumstamm, der ein wahres Gewirr von Schling- und anderen Pflanzen mit sich führt, wie eine schwimmende Insel dahertreibend und besetzt von einer großen Anzahl weißer Silberreiher, welche sich von dem dunklen Hintergrund ungemein effektvoll abheben. Eine Gesellschaft rosafarbener Lösfler zieht plötzlich über den Wasserweg hinweg und fesselt unsere Blicke, solange wir den Zug verfolgen können. Von der Sonne beschienen, hebt sich der rosa- sarbene Streifen, welchen der Zug bildet, prachtvoll von dem tiefblauen Himmel ab. Nicht gar weit von uns zeigen sich mehrere dunkle Punkte, welche scheinbar wie Baumstümpfe aus dem Wasser ragen; es sind die hier häufigen Kaimans(amerikanische Krokodile). Sobald wir näher kommen, verschwinden sie unter dem Wasser. Plötzlich werden wir vom andern Ufer her durch einen dumpfen Fall ins Wasser, dem schnell hinlcreinander noch mehrere folgen, fast erschreckt; es sind sogenannte Wasserschweinc, Capybaras, die größten Nagethiere, welche sich wahr- scheinlich vor dem Angriff einer Unze ins Wasser retteten. Die Unzen selbst bekommt man nur sehr selten zu Gesicht, obgleich sie neben mehreren anderen kleineren Katzenarten ziemlich zahlreich in diesen Wäldern Hausen. Auch der nicht sehr seltene Tapir entzieht sich meist den Blicken des Reisenden. Nicht nur die Formen und Töne, sondern auch die Farben dieser vielgestaltigen Pflanzen- und Thierwelt sind es, welche den Reisen- den immer und immer wieder anregen. Ungemein groß ist die Zahl der grellfarbigen Vögcl, unter denen besonders der schwarz- und gelbgefärbte Arrendajo durch sein lebhaftes Wesen und durch das unaufhörliche Pfeifen und Zwitschern sich auszeichnet. Er hat seine großen, beutelförmigen Nester an den äußersten Enden der über den Fluß sich neigenden Aeste besestigt und scheint mit seinen Gesellschaftern in immerwährendem Streit zu liegen. An den Orchideen und Bromelien und an den ran- kenden Gewächsen, welche, um Lianen gewunden, bis auf die Wasser- fläche herabhängende herrliche Guirlanden bilden, treiben die Juwelen unter den Vögeln, die Kolibris, ihr graziöses Spiel; gedankenschnell schwippen sie von einer Blüthe zur andern, kleine Insekten erhaschend. Zuweilen entdeckt das geübte Auge des Waidmanns einen ruhig im Gezweig sitzenden goldgrün glänzenden Trogon, oder großschnäbelige Pfefferfresser lassen ihren lauten Ruf vio8 ts de ertönen. Selbstverständlich fehlt es bei dieser Schöpfungssülle nicht an Stegreisrittern, an großen und kleinen Raubvögeln. Sie sind die Regulatoren im Haushalt der Natur. Dort auf dem Gipfel eines Urwaldriesen, eines breitästigen Akajoubaumes, thront der größte und stärkste aller befie- derten Räuber, die stolze Harpyie; wahrscheinlich hat sie ein in der Nähe befindliches Faulthier aus dem Korn, das, an einem Ast des Uagrumo hängend, durch sein Klagegeheul den unersättlichen Würger herbeilockte. Wir haben nicht Zeit, Verfolgung und Kampf zu beobach- ten, weil sich Plötzlich unsere Aufmerksamkeit einem neuen interessanten Schauspiel, den Klettervirtuosen unseres Bildes zuwendet. In dem Ge- zweig eines gigantischen Tamarindenbaumes, den der letzte Tornado (Aequinoktialsturm) gespalten, erblicken wir eine Gesellschaft rothbrauner Brüllaffen, die sich an Lianen schaukeln, oder auf den Aesten kauern, oder langsam auf- und abklettern. Diese Vierhänder bilden mit dem Menschen die erste Ordnung der Säugethiere. Diese Anordnung ist nicht etwa die Folge der neuen darwinistischen Naturanschauung, sondern rührt bereits von den Naturforschern Buffon und Linne her, weil die Affen(Limine) durch die Verhältnisse des Körpers, die Form des Kopfes und der Extremitäten die menschenähnlichsten Thiere darstellen. Wir müssen uns selbstverständlich nur auf die Schilderung der vor- liegenden Brüllaffenfamilie beschränken. Der Schädel dieser Spezies ist rundlich, und zwar überwiegt der Hirntheil den Kiefertheil und ist daher seine Form um so menschenähnlicher, je junger das Thier, wel- chen Beweis das Aeffchen im Arme seiner Mutter im Vordergrunde unseres Bildes liefert. Der Hals ist kurz, dünn und rund; der Rumpf ist gestreckt und wie der des Menschen von oben nach unten zusammen- gedrückt, auch an der Brust mit zwei Zitzen versehen, aber in der Gegend der Weichen stark eingeschnürt.(Schluß folgt.) QSjfsenschaslücher Qlrtlhgtchfr, Rothenburg. F. Mit Ihrer Erbittrnng auf die Ameisen in Ihrem Garten gehen Sie durchaus fehl. Zwar gehen die geschäftigen Thierchen hin und wieder auch an süßes Obst, wie sie den Honigsast mancher Pflanzen, Zucker, Syrup u. dgl. nicht grade verschmähen. Dasür speisen sie aber auch Regcnwürmer, Raupen und allerlei anderes schädliche Kleinvieh, dem Sie im Garten mit mehr Recht gram sind. Daß Sie die Ameisen an den Obstbäumen gesunden haben, deutet aus Bevöllcrung dieser Bäume mit Ungeziefer, wahrscheinlich mit Blattläuse» oder den»och gefährlicheren Blut- und Schild- läusen hin, eine Sippe, welche sich außerordentlich rasch vermehrt, aber von den Ameisen grimmig verfolgt wird. Die Läuse werden von de, Ameisen gewissermaßen gemalten und zwar thun diese das ost bis zum Tode ihres Melkviehs. Freilich, wenn Sie ein Ameisennest an der Wurzel eines Baumes angelegt finden, so werden Sie g»t thun, es zu zerstören, weil durch die Thätigkeit der Amasen alsdann meist die Saugwurzeln des Baumes blosgeleat und dadurch an der Ausnahme der»othwendigen Nahrung ver- hindert werden. Verlagen können Sie die Ameisen, wo es eben durchaus unumgänglich ist, durch stinkende Fische oder Kerbel, Tabaksblätter, Petersilie, Mermuth, Theer, Thran, frische oder getrocknete Hollunderblüten, Kampher, Ruß u, s. w. Wollen Sie einen Vcrnichtuugskamps sühren, so graben Sie die Nester um und gießen dann heiße Lauge aus die Stelle. Berlin. Frau A. B. Ein bequemes Mittel zur Untersuchung des Wassers auf seine Brauchbarkeit als Trinkwasser, wie es in jeder Haushaltung an- gewendet werden kann, gibt Dr. Koller in der Würzburger„Gemeinnützigen Wochen- schrist" an; danach bereite man sich eine Lösung von einem Theile Tannin, wie Sie es in jeder Apotheke erhalten, in einem Theile Weingeist und vier Thcilen Master und siltrire die nicht klare Lösung. Von der siltrirten Losung setze man einen Eßlöffel voll zu einem gewöhnlichen Trinkglase voll des zur Untersuchung bestimmten Waffcrs. Jede sogleich oder nach einigem Stehen eintretende Trübung weist aus die mehr oder weniger reichliche Anwesenheit von organischen Stoffen im Waffer hin, welche seine Benutzung als G-nußmittel unzulässig oder schädlich machen. Eisenach. W. S. Die sogenannten Holzböcke sind allerdings höchst lästige Schmarotzer; aber io grausam gegen Sich selber brauchen Sie doch nicht zu sein, wenn Sie ein Insekt, das sich irgendwo an Ihrem Körper sestgesaugt hat, wieder los sein wollen. Der Holzbock oder die Zecke ist eine ziemlich große glatte Milbe mit einem hornigen Rückenschilde aus dem Borderleib und einem meist saltig erscheinenden, un- gemein ausdehnbaren Hinterleibe. Das Festsaugen findet statt mit einem Rüffel, mittels deffen er sich so voll Blut saugt, daß das ursprünglich nur ein bis zwei Linien lange Insekt bis zur Größe einer Bohne oder Haselnuß anschwellen kann. In keinem Falle hat man nothig, diese siechen Blutsauger, wie Sie,„huchstäblich aus dem Fleisch heraus- zugraben"; ebensowenig dars man sie gewaltsam losreißen wolle», weil dann der Kopf häusig sitzen bleibt und Eiterungen hervorrust. Dagegen kann man sie mit Oel, Salz- Wasser, Tabaksast und Branntwein zum LoSlaffen zwingen und durch Benzin äugen- blicklich tödten. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Rothberg-Lindener.— Der Heros des Gründerthums, von Dr. A. Mülberger(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph v. B......(Fortsetzung).— Gottfried Wilhelm von Leibnitz(Fortsetzung).— Eine Urwald- landschast mit Bewohnern(mit Illustration).— Wissenschaftlicher Rathgeber. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.