Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk Idealisten. Von Wudotf Lavant. (Fortsetzung.) Reinisch ließ sich diesmal nicht lange bitten, sondern nahm den Faden seiner Erzählung wie folgt wieder ans: „Wochen waren seit Curts Beichte ins Land gegangen, als er Plötzlich eines Sonnabends nach längerem unschlüssigen Schweigen ganz abrupt mit der Frage herausrückte, ob ich am darauffolgenden Nachmittag niich an einer Schlittenpartie bethei- ligen wolle. Als ich fragte, ob wir beiden allein sein würden, antwortete er mit.Nein!' und ich erricth nun rasch, daß seine Geliebte von der Partie sein würde, daß es ihm schwer fiel, mir das offen und unumwunden zu sagen und daß er lieber errathen sein wollte. Ich sagte natürlich zu und war, wie ihr euch denken könnt, etwas betreten, als er allein in dem auf vier Personen berechneten Schlitten saß, der klingelnd vor dem Cafö vorfuhr, in dem wir uns Rendezvous geben wollten. Er gab mir keine Erklärung und ich mochte nicht fragen; so stieg ich denn ein und wir hatten schon die letzten Häuser der Vorstadt Karolinenthal erreicht, als er dem Kutscher einen Wink gab. Der Schlitten hielt nur einen Moment; eine tiefverschleicrte Dame un Pelzmantel, die wir eingeholt hatten, stieg rasch in den Schlitten und nahm neben Curt Platz, und während die Pferde wieder anzogen, schlug sie den Schleier zurück und zeigte mir das feine, regelmäßige, von der scharfen Luft geröthete Gesicht meiner Nachbarin. Sie war wahrhaftig noch schöner, als sich aus der Ferne hatte feststellen lassen und als sie mir, um anzu- deuten, daß keine Vorstellung erfolgen würde und daß sie über mich hinlänglich informirt sei, die kleine Hand im wildledernen Handschuh hinhielt, konnte ich mich einer leichten momentanen Verwirrung nicht erwehren. Alles, was wir über einen Menschen wissen, hat uns sein Gesicht in dem Augenblick gesagt, in dem wir die ersten Worte mit ihm wechselten, und alle die folgenden Jahre können nur ganz unbedeutende Aenderungcn an diesem ersten Urtheil hervorbringen; in allem wesentlichen werden sie es ledig- kich bestätigen. Ich fühlte, daß an diesem eigcnthümlichcn Gc- schöpf nichts Zweideutiges, daß an ihr kein falsches Aederchen war, und ich fühlte, daß sie mindestens ebensoviel Charakter als Herz besaß. Ich bat ihr unwillkürlich im stillen jeden unbestimm- ten Zweifel ab, den ich bezüglich ihrer gehegt, und daß ich solche Zweifel gegen Curt geäußert, versetzte mich in eine brennende Verlegenheit. Er seinerseits schien ganz genau zu wissen, was m mir vorging, denn in seinem leichten Lächeln lag ebenso viel seiner Spott, als Befriedigung über den vortheilhaften Eindruck, den seine Geliebte auf mich gemacht; er schien zu fragen: ,Nun? ist man überführt?' „Wir kamen rasch ins Plaudern und Leontine bcthciligte sich ohne eigentlichen Eifer, aber auch ohne jede Spur von Befangen- heit und Zurückhaltung an« Gespräch. Sie war ebenso frei von der tastenden, verlegen lächelnden Zimperlichkeit, die den Frauen neuen Bekannten gegenüber oft genug eigen ist, als von einem Haschen nach Gcistrcichigkcit, und ihr vornehmes Gesicht und ihre ernsten, dunklen Augen wurden nur selten durch ein Lächeln aufgehellt; dieses Lächeln war aber hinreißend, so viel Herzensgüte, Unschuld, Vertrauen und- Liebe sprachen sich in ihm ans. Sehr bald hatte ich das Gefühl, daß sie viel lebhafter und interessanter sein würde, ginge sie nicht so vollständig ans in dem Glück, an Cnrts Seite zu sein und ihn sehen und hören zu können; ihre Augen hingen oft mit dem vollen Ausdruck einer ebenso leidenschaftlichen als naiven, wcltvergessenden Bewunderung an seinen Lippen und dann war es, als besinne sie sich erst wieder darauf, daß sie ja nicht allein seien. Ich fand selbst diese Zerstreutheit liebenswürdig; es ist ja das Vorrecht und oft der Fluch der Frauen, ganz und gar in der Liebe aufzugehen und dieses Mädchen sah nicht so aus, als werde sie viele, Her- zcnsfrühlinge' erleben; sie gehörte nicht zu den Frauen, die das Lieben an sich so süß finden, daß der Gegenstand dieser Liebe ziemlich gleichgülfig ist und die deshalb die Liebhaber wie die Handschuhe wechseln, ohne dabei die geringste Störung ihres innern Wohlbesnidens und ihres seelischen Gleichgewichts zu er- leiden, und die zu wenig an klares und logisches Denken gewöhnt sind, um es nicht leicht zii finden, die Berechtigung solches Wechsels durch ein paar armselige Sophismen nachzuweisen und sich von aller Schuld reinzuwaschen. Diese Art Frauen hasse ich ebenso sehr, als ich sie verachte; sie bringen es fertig, aus mir einen Sprühteufel von Sarkasmcn zu machen, und daß ich Leontine sofort als eine von den tiefen Naturen erkannte, die nicht den Mann, sondern den und den bestimmten Mann lieben und sich einen Ersatz für denselben weder aufreden noch aufzwingen lassen, machte mich merkwürdig vergnügt und innerlich ruhig. Es ist doch an und für sich eine rechte Herzensfreude, einen Menschen kennen zu lernen, vor dem man in aufrichtiger Ehr- erbietuug den Hut ziehen möchte, und dann war es mir ja durch- aus nicht gleichgültig, ob es eine edle Natur war, an die mein junger Freund sein schönes und reizbares, starkes und verwund- Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. bares Herz verloren hatte. Wir waren noch lange nicht am Ziel, da sagte ich mir in selbstloser, neidloser Freundschaft:.Die beiden Menschen gehören zusammen, von Rechtswegen, sie sind einander Werth und sie sollen zusammenkommen, um jeden Preis und unter allen Umständen, und was du dabei thun kannst, wirst du thun/ Dieser Entschluß, für den ich nicht etwa das Prä- dikat.edclmnthig� beanspruche, sollte bald auf die Probe gestellt werden. Der kurze Wmtertag neigte sich schon seinem Ende zu, als wir das abseits von der Landstraße liegende auch im Som- mer wenig besuchte Dörfchen erreichten, welches das Ziel unserer Fahrt war. Curt hatte im voraus ein Zimmer bestellt, das denn ganz behaglich durchwärmt war, wir bekamen einen extra- starken, heißen Kaffee und das Blut rollte mir bald wieder rasch durch die Adern; ich hatte, um mich noch mehr zu animiren, ziemlich viel Cognac zugesetzt und als Curt Mantel und Mütze nahm, um auf eine Viertelstunde zu dem dicht bei dem Dorfe wohnenden Förster zu gehen und wegen einer zwischen ihnen verabredeten Jagdpartie nochmals Rücksprache mit demselben zu nehmen, erschien mir meine Aufgabe gar nicht mehr so schwierig. Curts Absicht war unverkennbar, viel Zeit war nicht zu ver- lieren und so stürzte ich mich denn kopfüber in mein Unterneh- men und fragte, nachdem ich einige male im Zimmer auf und ab gegangen>var, ohne Leontine dabei anzusehen(sie saß am Ofen und stemmte die kleinen, schmalen, wohl noch etwas starren Füße gegen den Kohlenbehälter und schien in Gedanken ver- funken): „Sagen Sie, mein Fräulein, würden Sie einem aufrich- tigen Freunde Curt v. Blenkheims, der auch für Sie die höchste Achtung empfindet und Ihnen alles Gute wünscht, eine Frage beantworten, die zwar etwas indiskret ist, die aber dafür das Lebensglück unseres gemeinschaftlichen Freundes betrifft?" Sie sah wie aus einem Traum erwachend erstaunt auf, er- ricth jedoch sofort meine Absicht nnd erwiderte ruhig und sanft: „Die Frage wird wohl so indiskret nicht sein; Sic wollen wissen, warum ich allen Anspielungen des edelsten und bravsten aller Menschen auf einen Ehebund zwischen uns ausweichende Antworten und die Bitte entgegensetze, daran nicht zu denken, überhaupt keine Pläne zu machen?" „Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir alle Präliminarien sparen, indem Sie die Frage so scharf und klar formuliren—" „Man wird sich immer klar und bestimmt ausdrücken, wenn man sich selber klar ist und das bin ich— leider." Das eine kleine Wort sprach sie tvohl weniger zu mir, als zu sich selbst; es war auch mehr gehaucht als gesprochen, aber es lag so viel gramvolle Hoffnungslosigkeit in demselben, daß es mich fast entmuthigte. Dennoch fuhr ich fort: „Sic geben mir also ein Recht zu der Frage— wollen Sie dieselbe auch beantworten?" Sic sah einen Augenblick nieder und sagte dann leise und gedrückt, aber fest: „Ich kann und werde nie die Frau Curts sein." „Aber Sie lieben ihn doch, so viel ich scheu und bcurtheilen kann?" Sie antwortete nicht, aber das ebenso gedankenvolle, als süße Lächeln, das auf ihre Lippen trat, sagte mehr als alle Worte und schien mich zu fragen:„Wie sonderbar du bist! Muß man ihn denn nicht lieben? Oder sollte es wirklich ein Weib geben, dessen Herz ihm nicht entgegenflöge?" „Ich würde Ihr Lächeln gern als Antwort gelten lassen, aber wollen Sie Sich nicht direkter äußern?" „Verzeihen Sie, daß ich die Antwort überflüssig fand; Sie können Sich nicht denken, wie selbstverständlich sie sür mich ist. Aber es kostet mich auch nichts, Ihnen zu sagen, daß ich ihn liebe— wie er es verdient, mehr als mein Leben, und daß diese Liebe auch dann noch mein Glück und mein Stolz wäre, wenn sie nicht erwidert würde." Sie sagte das nicht pathetisch und schwungvoll, sondern so etwa, wie man einem Kinde eine recht einfache Sache erläutert, wobei man an etwas ganz anderes denkt. Ich gestehe euch, ich war betreten; diese Antworten waren so verzweifelt kurz, bestimmt und klar und gaben mir doch ein peinigendes Räthsel auf. Ich ftagte weiter: „Sie lieben ihn also und ich weiß, er hat es ehrlich um Sie verdient—" Sie legte mit einer anmuthigen, merkwürdig ausdrucksvollen Geberde die Hand aufs Herz und ihr Blick schien zu fragen: „Warum sagen Sie das mir?" „Warum quälen Sie ihn?" ergänzte ich meinen Satz.„Sehen Sie nicht, daß er sich physisch und moralisch aufreibt?" „Man sagt mit Recht, das Auge der Liebe sei scharf— ich weiß nur zu gut, was an ihm zehrt, und es krampst mir oft das Herz zusammen, in seinen Augen zu lesen, in seiner Stimme mitklingen zu hören, was er schon nicht mehr sagen mag. Ich weiß, aus wie weichem, zarten Stoffe er gemacht ist und ich sehe auch ein, daß es nicht lange mehr so fortgehen kann." Sie sah mich nicht an, ihr Blick schien in eine endlose Ferne zu schauen und ihre Stimme klang düster und die Worte fielen schwer von ihren Lippen. „Sie werden seinem Freunde einen vielleicht zu harten Aus- druck nicht verübeln; ist er nicht auch nach Ihrer Ansicht zu gut, das Opfer einer— ich weiß keinen besseren und milderen Aus- druck— einer Grille, einer Laune zu werden?" „Grille und Laune! Ist Ihnen nicht der Gedanke gekommen, das Schicksal könne zwischen uns stehen? Ich würde lächelnd jeden Tropfen Blut aus meinen Adern für ihn hingeben, wenn ich dadurch sein Glück erkaufen könnte, und vielleicht werden Sie bald schon— aber nein, Thaten sind mehr als Worte und der Tag, der jedes Räthsel löst, kann nicht mehr fern sein. Wollen Sie nicht so lange ivarten, ehe Sie über mich und den schein- baren Widerspruch zwischen meiner Liebe und meiner Weigerung urtheilen und sollte es so gar schwer sein, bis dahin den Glauben festzuhalten, daß jeder Schlag meiner Pulse, jeder Gedanke meines armen Kopfes Liebe ist— reine, uneigennützige, opferfreudige Liebe, und daß Curt sich nicht wegwarf, als er durch seine Liebe ein unaussprechlich glückliches Geschöpf aus mir machte?" Sie war aufgestanden und ihre eine Hand stützte sich auf die Lehne des Stuhls; wir hatten kein Licht, nur das Feuer im Ofen ivarf seinen unsichern flackernden Widerschein auf ihr schönes Gesicht und die schlanke Gestalt und in dieser zweifelhaften Be- leuchtung war sie so ganz„verivunschene Prinzessin", daß ich mich schon halb entwaffnet fühlte; es war mir einen Moment, als blitze eine Thräne in ihren Augen, aber sie sah niir nicht ans wie weinen und ich weiß bis heute noch nicht, ob ich mich nicht getäuscht. Tie Unterredung war eigentlich zu Ende, dennoch sagte ich nach einigem Zaudern: „Ich fühle nur zu wohl, daß ich nicht weiter in Sie dringen darf, dennoch gestehe ich Ihnen, daß Sie mich nicht beruhigt haben. Die Sorge um meinen Freund, den Sie bereits ganz aus sich herausgeworfen haben und dessen unstetes Wesen mich äng- stigt, hat mir die Lippen geöffnet; sagen Sie selbst, ob ich seine Zukunft in rosigerem Lichte sehen darf, seitdem Sie mir einen Blick in Ihr Inneres gestattet?" „Ich weiß, daß Sie frei sind von banaler Neugierde— aber seien Sie ohne Sorge um Curt. Sein Geschick liegt in meinen Händen und ich will nur sein Wohl; es schlägt kein Herz auf Erden— seine Mutter ist ja todt— das so ganz von ihm er- füllt wäre als das meine, und seit ich ihn kenne, habe ich nie mehr an mich und immer nur an ihn gedacht. Sollte darin nicht auch für Sie eine gewisse Bürgschaft liegen?" Ich zauderte— durfte ich so viel zugestehen? War es denn sicher, daß sie sein Glück auch richtig verstand, daß die Logik des Herzens nicht fehlging? Sie errieth diesen Zweifel aus dem gepreßten:„Allerdings— zu dem ich mich endlich zwang. „Sie wissen nicht recht, ob Sie mich nicht fragen sollen: , Dürfen Sie Sich aber auch so unbedingt auf die Richtigkeit Ihres Urtheils und auf die Lebensweisheit eines Mädchenkopfs verlassen?-" „Nun ja, es sei zugestanden, aber gestatten Sie mir die Be- merkung, daß ich betreten bin über die unfehlbare Sicherheit, mit der Sie meine Gedanken errathen." Wieder trat ein flüchtiges, trauriges Lächeln auf die schönen Lippen. „Was ist da zu verwundern? Man denkt doch auch bei der stillen Arbeit vom Morgen bis zum Abend, und all dies Denken hezieht sich so ausschließlich auf den einen und auf das Gefühl, das er in uns geweckt, daß es eher zu verwundern wäre, wenn uns eine Seite des Gegenstands, ein Einwand, der uns vielleicht gemacht werden könnte, entginge. Ich könnte Ihnen zehnmal mehr sagen, als Sie mir zu sagen haben; ich habe in schlummer- losen Nächten alles, alles hundertmal erwogen,, um so reiflicher erwöge», als das arme Herz sich verzweifelt gegen die Gebote des Verstandes wehrte und jeden Fußbreit Boden angstvoll ver- theidigte. Ich weiß, ich irre nicht, hinter jeder meiner Hand- 531 lungeu steht ein eisernes ,i>iuß°, und wenn Zie heute ein Schiedsgericht von herzenskundigen Männern und hochsinnigen Frauen zusammenriefen, ich weiß, es würde seinen Spruch zu meinen Gunsten fällen. Es genügt ja schon, daß ich alles Leid auf mich nehme—" „Verzeihen Sie, mein Fräulein, ist das auch wahr? Ich mag nicht darüber nachdenken, was Sie beschlossen haben können, aber Ihre beharrliche Weigerung schon, sein Weib zu werden, verhängt ein tiefes, schneidendes Herzeleid über unsern Freund und—" „O ja, gewiß— aber ein Mann hat mehr auf Erden zu thun, als zu lieben, und die an Liebesschmerzen zu Grunde gehen, das sind keine starken, das sind schwache, selbstsüchtige Naturen, enge Seelen, kleine Menschen. Echten Männern bringt die Zertrümmerung eines Liebesglücks wohl auch einen wilden, scharfen Schmerz, aber er ist kurz, er wird überwunden, die Wunde verheilt und vernarbt und der Kern des Wesens bleibt unberührt. Ich denke zu hoch von Cnrt, um nicht zu wissen, daß er sich bald wiederfinden wird, um früher oder später noch glücklich, recht glücklich zu werden. Wir armen Frauen dagegen — wir leben und athmen nur, um zu lieben, Leben und Liebe sind für uns eins; haben Sie auch bedacht, was es heißt, dem Besitz eines Mannes entsagen, den man vergöttert, dessen Bild man im Allerheiligsten der Seele aufgestellt hat, um vor ihm Tag und Nacht die ewige Lampe schrankenloser Neigung brennen zu lassen? Wenn wir sagen, die Trennung breche uns das Herz, so ist das nicht immer eine Phrase; ich fürchte, man kann auch weiter leben mit gebrochenem Herzen, was ist das aber für ein Dasein!--" Sie hatte die Stimme leicht gehoben und es klang zuweilen wie eine aufsteigende Bitterkeit durch ihre Worte; sie mußte das selber fühlen, denn sie hielt wie erschrocken inne, fuhr sich tief aufathmend mit der Hand über die Stirn und sagte dann ettvas ruhiger:„Brechen wir das trübselige Gespräch ab; es thut mir weh und führt doch zu keinem Resultat. Ich weiß nicht, wie Sie im allgemeinen über unser Geschlecht urtheilen, aber ich denke doch, Sie haben keine niedrige Meinung von demselben, sonst würden Sie ja nicht Curts Freund sein. Jedenfalls aber stehe ich bei aller Uubegreiflichkcit unverdächtig vor Ihnen; ich würde bc- reuen, Ihnen auch mir ein Wort erwidert zu haben, wenn das nicht der Fall wäre. Und wenn Sie es recht gut mit uns meinen, so sagen Sie Curt so wenig als möglich über unsere Unterredung; ich sehe noch nicht ganz klar, ich weiß noch nicht recht, wie lange noch alles so bleiben kann und darf, wie es ist; unterlassen Sie alles, was ihm auch nur eine Minute der Zeit trüben und vergiften kann, die uns noch beschieden ist— ach, es ist vielleicht nur noch eine kurze, armselige Spanne. Sehen Sie, ich kämpfe Tag für Tag nur darum, ihn über der lieblichen Gegenwart die dunkle Zukunft vergessen zu machen und ich bin schon scharfsinnig und erfinderisch dabei geworden; stören Sie meine zarten Kreise nicht und wenn Sie können— helfen Sie mir; Sie thun ein gutes Werk damit!" Sie sagte die letzten Worte im Tone der innigsten Bitte und hielt mir dabei, wie hingerissen von ihrem Gefühl, die Hand hin — tvas konnte ich anders thun, als diese Hand stumm und, wie ich fürchte zu stark, zu drücken und dieselbe dann ehrerbietig an die Lippen zu führen? Sie ließ es geschehen, wie eine Königin — ein edles, feinfühliges Weib, das sich stolz zu einer Liebes- neigung bekannt hat, die ihr Ehre macht, hat immer etwas von einer Fürstin, und dieser Augenblick ist in viel höherem Sinne der Glanzmoment ihres Lebens, als der, in welchem sie, blühendes Myrthenreis im Haar, von Mullwogen umflossen und von Orgelklängen umranscht, vor dem Altar angesichts einer neugierigen, schaulustigen und zu neun Zehnteln neidischen Menge einen kleinlichen Triumph feiert. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Lösung eines pveihundertjöhrigen physikalischen Problems. Von Hlothverg-Lindener. (Fortsetzung.) Kommt dann auch auf dem von Goethe gekennzeichneten Wege eine gegenseitige, äußerliche Anerkennung von persönlichen Leistungen zustande, so entsteht doch nur das, was ebenderselbe m der ihm ja auch zu Gebote stehenden klassischen Grobheit „allgemeinen verrückten Konsens" zu nennen beliebt. Der mit Energie gehandhabten großen dogmatischen Schecre wird es dann leicht, alle die nnsrer triebkräftigen, mütterlichen Erde entsprießen- den grünen Bäume und Sträucher der Erkenntniß zu den be- kannten einförmigen langen Heckengängen nach altsranzösischer Mode zurechtzustutzen, an denen uns das Naturleben garnicht mehr intcressirt, sondern die nur dazu dienen, den Blick auf den einen, sorgfältig gewählten, in weiter Perspektive erscheinenden Aussichtspunkt hinzuleiteii. Zum Glücke für das Fortschreiten der Gesammtwissenschaft haben bisher die weiter um sich blickenden Köpfe nie ganz gefehlt, welche beständig den Zusammenhang der Spezialforschnngen mit dem Ganzen im Auge behalten und darnach streben, die Einheit- lichkeit als letztes Ziel zu erreichen. So haben sich denn auch in neuerer Zeit wieder die forschenden Blicke, trotz der, weiteres Eingehen auf die Gravitationsfrage ablehnenden, Haltung der Astronomen und Mathematiker, der Erkundung des physischen Zusammenhangs der hierher gehörenden Naturerscheinungen zugewandt. Rein kritische Stimmen heben, au Newtons Brief an Bentley anknüpfend, von neuem hervor, daß die in dem, an Stelle einer Erklärung abspeisenden Worte „Anziehungskraft", eingeschlossen liegende Voraussetzung der Möglichkeit einer unvermittelten Fernwirkung ein Unding sei. Es seien hier nur angeführt: Dubois-Reymond(Ueber die Grenzen des Naturerkennens):„... Durch den leeren Raum in die Ferne wirkende Kräfte sind an sich unbegreiflich, ja widersinnig, und erst seit Newtons Zeit, durch Mißverstehen seiner Lehre und gegen seine ausdrückliche Warnung, den Naturforschern eine geläufige Borstellung geworden." Aehnlich äußert sich Lange(Geschichte des Materialismus), wenn auch von etwas verschiediwm Gesichts- Punkt:, Man mag den Begriff der Materie und ihrer Kräfte drehen und wenden, wie man will, immer stößt man auf ein letztes Unbegreifliches, Ivie bei der Annahme von Kräften, die durch den leeren Raum wirken." Fügen wir diesem noch hinzu, daß das jetzt als Richtschnur für alle Naturvorgänge geltende Prinzip der Erhaltung der Kraft (oder Energie, d. i. der Fähigkeit, Arbeit zu leisten), als Kenn- zeichen jeder wirklichen Erklärung fordert, die Menge von Energie zu bestimmen, welche zu einem materiellen System hinzutritt oder dasselbe verläßt, wenn es ans einem bestimmten Anfangsznstand in einen andern bestimmten Zustand übergeht; wonach die Er- Haltung eben immer im Uebertragcn und Umwandeln der Kraft aus einem Znstand und von einem Körper auf den andern nach gleichlverthigen Größen besteht— und mit diesem Prinzip ist die Voraussetzung einer unverinittelten Feruwirkiing absolut nicht in Uebereinstimmung zu bringen. Das sind die wesentlichsten Gründe, welche rechtfertigen, trotz Newtons dynamischen Gesetzen die Gravitation als ein Problem hinzustellen. Weitere Einwände sind von denjenigen neueren Physikern gemacht worden, welche es unternommen haben, die Nothhypothese der Anziehung durch eine Theorie der Physischen Ursachen der Gravitation zu verdrängen. Es ist übrigens Newton nicht der erste gewesen, der nach einer Gravitationserklärung gesucht hat; sowie ihm auch schon Gelehrte vorangegangen sind, welche seinen Gesetzen ähnliche Ideen ausgesprochen haben, ohne zur völligen Klarheit und zu ver- ständlicher Formulirung durchgedrungen zu sein. Reuä Descartes, der berühmte Philosoph, stellte sich die Sonne als im Mittelpunkt eines großen Wirbels, die Planeten ebenso in kleineren Wirbeln eingetaucht vor, wodurch die Planeten in ihren Bahnen um die Sonne und die Monde um ihre Planeten herumgeführt würden. Ebenso hat der Physiker Hnyghens noch vor Newton eine Gravitationstheorie aufgestellt. Er fußte dabei auf folgendem Experiment. Wenn sich in einem cylindrischen Gefäß mit Wasser eine schwere Kugel am Boden befindet und diese durch als Durch- messer gespannte Fäden verhindert wird, bei Notation des Gefäßes 532 und des Wassers um die Axe, an dieser Bewegung theilzunehmen, so bewegt sie sich vom Mittelpunkt bis an den Umkreis und bleibt dort, solange die Unidrehungsgeschwindigkeit gleich bleibt. Sobald aber das Gefäß in Ruhe versetzt wird, treibt das noch weiter kreisende Wasser die Kugel nach dem Mittelpunkt zu, worin Huyghens eine Analogie mit der Schwere findet. Er machte ferner die grundlegende Hypothese— die in dieser oder ähnlicher Form bis in die neueste Zeit wiederkehrt:„es sei kugelförmig um die Erde herum bis zu sehr großer Entfernung ein mate- rielles Fluidum vorhanden, aus den feinsten Partikelchen bestehend, die mit reißender Geschwindigkeit nach allen Seiten umher- fliegen."— Während nun des Descartes Wirbel selbst wieder der Erklärung bedürfen, auch die ellipttschen Bahnen der Planeten nicht erklären können, Huyghens' Expcrimeut aber auf die frag- lichen Erscheinungen der Schwere nicht anwendbar erscheint, da, selbst ivenn mau seine Boraussetzungen gelten läßt, doch bei den Schivereerscheinungen von keinem Zu- oder Abnehmen der Rotationsgeschwindigkeit die Rede sein könnte, gehen beide Theorien doch von der vernünftigen Anschauung aus, daß wirksame Kraft- äußerungen auf die Himmelskörper auch nur durch ein mate- rielles Mittel ausgeübt werden könnten. Ferner hat auch Kepler eine gegenseitige Schwere von Mond und Erde angenommen, ohne jedoch lveiter zu gehen. Fermat vermeinte auch schon, die Gravitation durch die Schwere zu erklären; er zog ferner bereits die logische Folgerung, daß ein Körper im Innern der Erde weniger schwer sein müsse, als an der Oberfläche. Hook spricht im Jahre 1674, also kurz vor Newton, die Grundsätze der Gravi- tation ganz ähnlich wie jener aus, nur daß er nicht dazu ge- langte, die Abhängigkeit der Schwere von der gegenseitigen Eni- fernuug der Weltkörper mathematisch zu formuliren. Eine Probe stilistischen Unsinns auf dem Nachdem dann Cotes aus der einen von Newtons schwanken- den Meinungen das Dogma von der Anziehung„herausgeputzt" hatte, blieb die glückliche Uebereinstimnmiig der Forscher fast zwei- hundert Jahre nngestört. Ein einziger Versuch wurde im Jahre 1760 von Lesagc gemacht, eine kinetische Theorie der Gravitation aufzustellen, die aber außer der zu Grunde gelegten Hypothese von unendlich feinen, neben den gröbern einen Körper umgebenden Gas- oder Lufttheilchen, nach allen Richtungen mit ungeheurer Geschwindigkeit umherschießenden Körperchcn(also identisch mit Huyghens), noch zu weiteren sehr künstlichen Hypothesen über die Form der Moleküle fester Körper führte, sodaß sie lveiter keinen Erfolg erringen konnte. Erst das letzte Jahrzehnt wandte der problemattschen, physi- kalischen Seite der Gravitation wieder eifrige Forschungsarbeit zu. Die erzielten Resultate können wir durch das Studium der drei jüngsten Publikationen über diesen Gegenstand überblicken und würdigen. Im Jahre 1879 erschien:„Das Räthsel der Schwerkraft" von Dr. C. Jscnkrahe. Derselbe unterwirft in dem Werk, bevor er seine eigne Theorie entwickelt, die Arbeiten seiner Gebiete»nsrer Kunstinbuftrie.(Seite 539.) Vorgänger einer scharfen, und mit einigen, noch näher anzu- führenden Ausnahmen, zutreffenden Kritik, durch welche er die UnHaltbarkeit ihrer Theorien nachweist. Außer den hier schon gekennzeichneten Ansichten voll Newton und Huyghens behandelt er die wichtigsten Forscher der neuern Zeit, nämlich Zöllner, Spiller, Dellingshausen, Thomson, Schramm, Fritsch und Secchi. Im gegenwärtigen Jahre erschien, den Gegensatz gegen Massen- anziehung bezeichnend:„Die Theorie vom Massendruck aus der Ferne", in ihren Umrissen dargestellt von Aurel Anderssohn; und schließlich noch von N. Delliugshausen„Das Räthsel der Gravitation". Letzteres Werk enthält eine eingehende Polenlik gegen Jsenkrahe zur Vertheidigung der von jenem verworfenen Theorie von Tellingshausen, eine eingehendere Darlegung der letzteren, sowie eine umfängliche Beigabe von„mathematischen Belegen". Wir lassen zunächst die von Jscnkrahe kritisirten Physiker kurz Revue passiren.— Da ist die Theorie Zöllners, der sich neuerdings mit solcher Leidenschaftlichkeit angelegen sein läßt, i durch sein Eintreten für das Spiritistenwesen den Werth seiner - 533- besseren Leistungen zu verdunkeln. Zöllner ist unter allen hier immateriellen Vermittlung der Gravitation. Bei ihm gibt es in genannten Physikern der einzige Verfechter einer sogenannten � der Natur überhaupt nur Fernwirkungen und zwar entweder„in sichtbarer Entfernunq oder in unsichtbarer"; damit wir andern aber � rung nennen, so lehrt er uns, daß an der Berührungsfläche das letztere nicht nach unserem Bcrständniß ganz einfach Berich-. zweier Körper weder der eine, noch der andere anzutreffen sei. 534 Aus den 273 Seiten, welche Zöllner im ersten Bande seiner wissenschaftlichen Abhandlungen den„Wirkungen in die Ferne" widmet, ist zwar seine eigne Ansicht über die Gravitation nirgend positiv ausgesprochen, sondern er zitirt nur diejenigen anderer, aber mit der ihm eignen Geschicklichkeit, die einfachsten Dinge zn verwirren, spitzt er die Frage auf einen Gegensatz zu dem alten scholastischen Satze zu:„corpus ibi agere non potest, ubi doii est(ein Körper kann nicht dort eine Wirkung ausüben, wo er nicht ist), indem er an Stelle der letzten Worte setzt: ubi est (also: ein Körper kann nicht dort wirken, wo er ist). Er findet nun den Kern in der Beantwortung der Frage: wo existirt ein Körper? und gibt uns darauf die wortklauberische und orakel- hafte Antwort:„ein Körper existirt dort, wo unser Verstand einen Theil der von ihm erzeugten und an uns oder andern Körpern wahrgenommenen Wirkungen hinversetzt".— Wir hingegen er- lauben uns, sowohl die alte scholastische These, als auch Zöllners Antithese für eitles Staubwirbeln zu erklären und bemerken, daß wir durch unsere gesunden(nicht an Hallueinationen leidenden) Sinne den Ort eines Körpers in der Nähe ganz genau zu be- stimmen verstehen, und daß für größere und größte Entfernungen die Herren Geometer und Astronomen das Geschäft mit aller wünschenswerthen Annäherung an Genauigkeit besorgen. Dem- nächst beantworten wir im nüchtern naturwissenschaftlichen Sinne die den wahren Kern bildende Frage: was ist unter „Ausüben von Wirkung" durch einen Körper zu verstehen?— dahin, daß es gleichbedeutend sei mit übertragen von eigner Bewegung(Energie) auf einen andern Körper. Es ergibt sich, daß diese Wirkung eines Körpers bei Berührung auf einen be- nachbarten ausgeübt wird, sowie daß durch weitere Vermittlung von Nachbar zu Nachbar diese Wirkung in die Entfernung über- tragen werden kann. Wird nun durch die vermittelnden Körper oder die vermittelnde Materie(das Medium) die Bewegung in unveränderter Form bis auf einen solchen Körper fortgeleitet, Ivo sie eine qualitative oder Formveränderung erfährt(oder Ar- beit leistet), so können wir auch in strikt wissenschaftlichem Sinne von einer Fernwirkung zwischen dem ersten und letzten Körper in dieser Reihe reden. Und indem wir uns daran halten, hoffen wir, uns auch ferner des Sonnenscheins auf unserer Erde er- freuen zu können, ohne Besorgniß, daß unser Denken in Ver- wirrung gerathe!(Fortsetzung folgt.) Der Heros des Gründerthums. Von Dr. A. Müköerger. (Schluß.) Schon bei seinem Eintritt ins Ministerium konnte sich Law keine Illusionen mehr darüber machen, ob das System zu halten sei. Aber noch war es Zeit, einen vorsichtigen Rückzug anzu- treten und die unvermeidlichen Verluste wenigsteus in bescheidene Grenzen einzuschränken dadurch, daß er die Kompagnie ihrem Schicksal überließ und für die Sicherheit der Bankzettel sorgte, für die der Staatskredit verpfändet war und deren bis zum 1. Januar 1720 wenigstens offiziell nicht mehr als für 1000 will. L. ausgegeben waren. Aber hier trug der Schlvindler und verzweifelte Spieler den Sieg davon über den besonnenen Mann, und indem er die Kompagnie retten wollte, riß er beide, Koni- pagnie und Staatskredit, in den gähnenden Abgrund. Nicht weniger als 1669 will. Bankzettel wurden noch im Laufe des Jahres 1720 kreirt, ungerechnet weitere 374 Mill., die heimlich und ungesetzlicherweise in Umlauf gesetzt worden waren, wahr- scheinlich, um dem Hof gefällig zu sein und seiner Verschwendung Vorschub zu leisten.' Der fabelhafte Kurs der Aktien von 20 000 L. konnte natürlich keinen Tag über die Bekanntmachung der Divi- dende aufrecht erhalten werden; doch sanken sie verhältnißmäßig langsam und wurden noch Mitte Januar zn 11—12 000 L. gehandelt. Aber gleichzeitig setzte sich die ungeheure Masse der Baukzettel in Bewegung, um bei der Bank gegen Metall um- getauscht zu werden. Diese Bewegung versuchte man anfangs durch kleine Mittel zu verlangsamen und als diese nicht versingen, kamen die gewaltthätigen Erlasse gegen den Besitz von Metall- geld und ungemünztem Edelmetall, von denen schon die Rede tvar. Am 5. Mai 1720 setzte ein Regierungsbefehl die Aktien der Kompagnie aus 9000 L. fest und verwandelte alle Quittungs- bogen, Prämien und Effekten derselben auf den Fuß von 9000 L.: das Publikum sollte sich gewöhnen, die Aktien bei Zahlungen als Geld zu gebrauchen; das erleichterte allerdings ihre Cirku- lation, vermehrte aber die ohnehin schon ungeheure Masse der Papiere noch um mehrere Milliarden. Am 21. Mai erschien der verhängnißvolle Erlaß, der die Aktien auf 8000 L. herab- setzte, die sich monatlich uni S00 L. vermindern sollten, so daß man am 1. Dezbr. auf 5000 L. angelaugt wäre. Ebenso sollten auch die Bankzettel von 10000 L. auf 5000 reduzirt werden. Die Wirkung dieses Erlasses war so erschreckend, daß die Regie- rung ihn, von ihren eignen Organen bestürmt, nach 6 Tagen zurücknahm, Law verhaften und die Bücher der Kompagnie unter- suchen ließ. Allein man fand alles in schönster Ordnung und der verhaftete Law war ini stände, aus dem Kopfe eine klare Uebersicht über die Situation und die einzuschlagenden Wege ab- zufassen. Selbst seine Feinde waren voll Bewnndernng für den glänzenden und reichen Geist des Mannes. Er legte das Finanz- Ministerium nieder, blieb aber Direktor der Bank und der Kom- pagnie. Auf seinen Vorschlag berief der Regent den alten ver- bannten Kauzler Agnesseau, der beim Volke beliebt war, weder an die Spitze der Geschäfte und Law eilte selbst an den Verbau- wmgsort, um ihn zur Uebernahme der Siegel zu bewegen. Agnesseau ließ sich bereit finden, falls man keine gewaltsamen Finanzmaßregeln vornähme. Als er aber unterwegs über den Ruin so vieler Familien jammerte, bot ihm jener sein Vermögen und 100 Millionen an, die der Staat nach Gutdünken für die Bedrängten verwenden sollte. Allein die brutalen Finanzedikte konnten nicht aufhören. Das gegen die Bankzettel einmal rege gewordene Mißtrauen wucherte fort, theils in der Entwerthung derselben, theils in den verzweifelten Versuchen, etwas Solides dafür zu kaufen: man tvarf sich auf Edelsteine und Perlen und als die Regierung das Tragen und den Besitz derselben verbot, kaufte man Landgüter zum drei- und vierfachen Preis, um nur etwas zu haben; man drängte sich mit Lebensgefahr an die Kassen der Bank, die seit Mitte Juli nur noch die 10-Livres- scheine einlöste, um wenigstens diese ausgewechselt zu erhalten. Am 17. Juli blieben in einem solchen Gedränge drei Menschen todt auf dem Platz; es entstand ein Auflauf; Law flüchtete zum Regenten und das Volk, das seinen Wagen vor dem Portal er- kannte, zertrümmerte diesen. Von da an nahm er keinen Antheil mehr au den Geschäften; jetzt hatte die alte Finanz wieder die Oberhand, in deren Maßregeln auch das schärfste Auge nichts anderes entdecken kann, als das Bestreben, auf dem schnellsten Wege wieder zu den Räubereien und Kniffen der Periode vor Law zurückzukehren. Was die Gegenwart erlebte, War so entsetzlich, daß der frühere verzweifelte Zustand noch als ein Glück erschien und das hat so lauge nachgewirkt, daß noch 1771 Ludwig XV. in einem Finanzedikt sich und dem Lande Glück wünschte, daß jede Theorie und jedes System aus seinen Finanzen verbannt sei. Alles übrige erregt geringeres Interesse. Die Regierung kaufte die kleinen Zettel von 10 Livres unter Hand auf, um das ärmere Volk nicht pr Verzweiflung zu bringen und reduzirte die großen. Man bekam z. B. für einen Zettel von 1000 L. nur 7 zu 100, und für einen Hunderter nur 7 Zehner; und wollte man endlich Baargeld sehen, so bekam man 2 L. für einen Zehner, hatte also schließlich 98 L. in Metall für 1000. Daneben schuf man eine 2'/z-Prozeiisige Staatsrente, indem mau das reduzirte, un- verzinsliche Papiergeld in eine niederzinsende Staatsschuld um- wandelte, womit man am 10. Juni 1720 mit 1000 Millionen Kapital und 25 Millionen Rente den Anfang machte; später wurden noch 2-prozentige Staatsrenten und 4-prozentige lebens- längliche Renten geschaffen. Am 10. Oktober wurde die Unter- drückuug sämmtlicher Bankzettel auf den 1. November festgesetzt. Endlich beschloß man noch einen tüchtigen Raub zu begehen, indem man wieder eine Visakommission einsetzte, welche im Durch- schnitt ein Drittel der Bankzettel kassirte, und indem man eine Liste von 180 der sogenannten Mississipiens anfertigte, welche zusammen mit 188 mill. L. sich auslösen sollten dafür, daß sie im Börsenspiel so viel gewonnen hatten. Hätte man nun diesen Raub doch wenigstens dem Staatsschatz zugeivandt! So aber 535 verschenkte der Regent das, was ans diesem Wege einging, an ruinirte adlige Familien. Die Kompagnie des Indes aber ging unter allen diesen Schlingen doch nicht unter; ihre Aktien hoben sich wieder ans den Nennwerth und darüber. Schiffe allerdings konnte sie erst 1730 wieder aussenden ohne freilich, außer ganz vorübergehend, eine höhere Bedeutung für den Handel zu erreichen, bis schließlich in den scchsziger Jahren Ludwig XV. ihr ganzes Vermögen für 30 Millionen übernahm und den Handel freigab. Law aber, der seit dem Juli 1720 sich nicht mehr in die Geschäfte gemischt hatte, erhielt endlich ini Dezember dieses Jahres die Erlaubniß, mit einein Regierungspaß Frankreich zu verlassen. Er ging nach Brüssel, wo ihn ein Abgesandter Peter des Großen traf, der ihn einlud, in die russischen Finanzen Ordnung zu bringen. Er war aber von den letzten Schicksalschlägen noch so betäubt, daß er ablehnte. Der Mann, der mit 2 Millionen nach Frankreich gekonimen war, der 100 Millionen sein eigen genannt und große Landgüter nebst einem Herzogthum von 100 Stunden Umfang in Louisiana besessen, dieser Mann hatte aus dem all- gemeinen Schiffbruch eine Handvoll Louisd'ors, einen Solitär von 40000 L. Werth und ein paar Gemälde gerettet. Von Brüssel begab er sich nach Venedig, von wo aus er einige Ge- suche an die französische Regierung richtete; zuerst bat er um Ausfolgung des Vermögens, das er nachweislich nach Frankreich mitgebracht; dann, man möchte wenigstens die zurückgelassenen Verbindlichkeiten decken. Er hat nie eine Antwort erhalten. Erstarb 1729 in Venedig. Daß er mehr als ein bloßer Schwindler war, geht namentlich aus einem Plane hervor, den er vorbereitet hatte und der erst im Augenblick der Ausführung an den Be- denklichkeiten des Regenten scheiterte. Er wres nach, daß die Erhebung der Steuern 20 Mill. koste und ein Heer von 40000 Finanzbeamten erfordere. Statt dessen wollte er eine allgemeine Grund- und Vermögenssteuer einführen, deren Ertrag dem Staat 200 Mill. geliefert hätte, was für alle Staatsbedürfnisse damals ausreichte und deren Erhebung nur 4 Millionen kostete und nur 1000 Beamte nöthig machen sollte. Dieser eine Gedanke hätte seinen Namen vielleicht zu einem gesegneten in Frankreich machen können und eine wirklich einsichtsvolle Regierung hätte ihn in gewissen Grenzen, z. B. denen seiner ursprünglichen Privatbank gewähren lassen dürfen. Von ganz gewöhnlichen Finanzministern, Colberi etwa ausgenommen, waren die besten nicht über die Weisheit hinausgekommen, eine gute Finanzwirthschaft bestehe bloß darin, nicht mehr auszugeben, als man einnehme. Aber die Steuer nach ihrer inneren Natur, nach der Seite der Gerech- tigkeit und Schonung der Gesammtsteuerkraft, nach dem Verhält- niß von Erhcbungskosten und Reinertrag, nach den Hemmnissen, welche sie dem Güterverkehr der Nation auferlegen, zu greifen und ebenso zwischen produktiven und unproduktiven Ausgaben zu scheiden und darnach resormirend aufzutreten, das war Sache eines Systems und dieses System vertreten zu haben, ist Law's Verdienst. Aber diese richtigen Seiten seines Systems treten Hand in Hand auf mit den falschen und gefährlichen und so kam es, daß Frankreich einen kurzen Traum von Glück und Wohl- stand mit unsäglichen Opfern bezahlen mußte. Und als der Rausch verflogen war und die nackte Wirklichkeit der Nation cntgegenstarrtc, da stand man keineswegs wieder auf demselben Punkte wie vorher. Die reichgewordenen Glückspilze, einige hundert an Zahl, waren kein Ersatz für den Ruin von 30000 Familien, die bisher von ihren Renten gelebt hatten. Die Sucht nach schnell erworbenem Reichthum und nach sinnlichen Genüssen, die er gewährt, war in Millionen zurückgeblieben und hatte das moralische Niveau der ganzen Nation heruntergebracht; jede Spur von Glauben an'Treue und Redlichkeit der Regierung und Regierenden war verschwunden und die Saat, die damals gesäet wurde, ging 70 Jahre später auf, als unter dem Geheul der pariser Sturmglocken der ftanzösische Königsthron und die ganze alte französische Gesellschaft zusammenbrach. Irrfahrten. Jon Ludwig Wofenverg. (Fortsetzung.) Aus dem Tilgebuche. Es war heute ein herrliches Wetter. Wir hatten verabredet, gleich nach Mittag vor's Thor zu gehen. Elisabeth und ich gingen vorauf. Der alte Lieber wollte erst noch ein kleines Schläfchen machen.„Ich komme mit Freimann und der Mutter nach," sagte er.— Unterwegs, beim Anblick der vielen Spazier- ganger, die hinaus in den Wald und auf die Berge zogen, suhlte ich mich auf einmal merklich lustig; alte Jugendlust er- füllte meine Seele und Elisabeth lachte über meine originellen Einfälle! Ich mit; da ich heut selbst Vergnügen an einer ge- wissen Ungebundenhcit fand.— Wie wir uns unterhielten, ge- feilte sich ein Bekannter zu uns; ein Mensch, den ich zuerst bei Liebers gesehen hatte. Ich wußte von ihm nur so viel, daß er fortwährend mit dem Gedanken umging, sich eine Frau zu suchen, und überall, wo er heiratsfähige Töchter bemerkte, mit einer ge- wissen instinktiven Geschicklichkeit seine Fäden spann.— Elisabeth erröthete leicht, als sie seiner ansichtig wurde und da mir der Mensch sehr ungelegen kam, so schlug ich unwillkürlich einen iro- Nischen Ton gegen ihn an.—„Nun?" sagte ich lachend—„noch feine Frau gefunden?— Es ist doch wahrhaftig nicht schwer, in unserer Zeit für jeden Finger ein ganzes Dutzend zu finden!" �—„Gott bewahre!— gab der Bekannte wichtig zurück. Der Frauen gibt es wie Sandkörner im Meere. Aber man hat nicht an allen Geschmack!— Man hat so seine kleinen Bedin- gungen!"— Obwohl ich wußte, was er unter diesen kleinen Be- dingungen verstand, so fragte ich ihn doch darum. Elisabeth ging stumm nebenher!--„Ja, sehen Sie, Herr Morgenroth," ver- wtzte er;„ich bin ein praktischer Mensch. Entweder muß meine Frau in mein Geschäft passen oder sie muß leidlich Geld haben. Solche Weiber sind schwer zu finden und wenn man eines ge- funden, so"---„So will das Weib nicht auf Ihren Pakt eingehen" vollendete ich den Satz lachend.„Wie vernünftig auch! Wie könnten Sie anders, als den Werth des Weibes abwiegen nach dem materiellen Nutzen, den es Ihnen bringen kann."——— Elisabeth lächelte. Der Bekannte schwieg plötzlich. Er hatte die Freundin angesehen und an ihrem Ge- sichtsausdruck die Uebereinstimmung mit meinen Ansichten ab- gelesen. Das behagte ihm scheinbar nicht; er lenkte das Ge- spräch ab, indem er sagte:„Man habe ihm eine reiche Erbin einige Meilen von der Stadt angeboten, er brauche nur zuzu- schlagen, um aus jeder Verlegenheit zu sein."—„Bravo," gab ich zurück!—„Man bietet die Waare an und schlägt zu. Ab- gemacht!"---„O, das ist Jrrthum," bemerkte er empfind- lich.„Sie spotten meiner. Ich habe gar keine Lust zu der Erbin; ich hahe schon meine Wahl getroffen— ich--- o, man spricht nicht gern von seinen Herzensangelegenheiten." Er sah dabei nach Elisabeth, die abseits schaute und dann auf mich. Seine Blicke und stumme Sprache waren leicht zu verstehen, seine Unbeholfenheit machte sich komisch.— Halb verdrießlich, halb mit plötzlicher Entschlossenheit verabschiedete er sich von uns. Wir waren froh und erleichtert.—„Der Mensch hat ein Auge auf dich, Elisabeth," sagte ich.—„So scheint es," erwiderte sie —„aber lassen wir ihn"— fügte sie hastig hinzu.„Sprechen wir von etwas anderem."-- In Licbers Garten angelangt, machten wir uns gleich daran, alles zum Kaffeetrinken bereit zu machen. Während ich das Feuer zurichtete, besorgte Elisabeth das übrige. Nach einiger Zeit leckten die Flammen an dem gefüllten Kochgefäß empor und kindlich freuten wir uns über unsere ländliche Beschäftigung und über die Freude, welche die Eltern empfinden würden, wenn sie auf dem Tische in der Laube den Kaffeetisch besetzt fänden.— In diesen Augenblicken war nichts an mir, was den obstinaten rebel- tischen Geist offenbart hätte. Es war mir, als hätte jemand mir zugerufen:„Laß den alten Menschen zu Hause und sei fröhlich mit der ftöhlichen, strahlenden Natur."— Elisabeth mußte wohl ebenfalls so etwas über mich denken, denn sie sagte, als wir von einem Strauche Beeren pflückten:„Niemand wird jetzt in dir den Kämpfer vermuthen, der du bist, du scheinst jetzt die fried- lichste Kreatur!"—„Die bin ich immer ," rief ich laut in das weite Thal hinab;„nur Unrecht, Lüge und Thorheit sind mir verhaßt!"— Bald darauf kamen die übrigen. Man fteute sich allgemein und die Lobsprüche über unsere Sorglichkeit wurden 536 von uns mit eingeheimst. Ohne Rückhalt gaben wir uns unseren frohen Stimniungen hin und versäumten nicht, der Natur den gerechten Tribut zu zollen.— Erst spät traten wir den Heimweg an. Freimann, Elisabeth und ich gingen in anregenden Ge- sprächen voran, während die Eltern folgten. Der liebe Freund war heute auch ohne Zwang und lustig und lebendig und wiederum zeigte sich darin der Einfluß einer schönen Frauenseele!--- Nun bin ich allein in meinem Zimmer, alles ist öde und still. Sehnsucht schwellt meine Brust und wieder fühle ich, daß Elisa- bcth meinem Herzen doch recht— recht nahe steht. Theuerste Seele!— Ich sende dir heute Elisabeths Bild! — Es ist schön ausgeführt, aber es ist nicht vollkommen. Wenn ich es lange betrachte, verwischen sich eher die Unterschiede zwi- scheu Natur und Kunst, die Züge beleben sich allmälich und ich gewinne den Eindruck des Lebendigen.— Aber für dich?-- Ich muß dir gestehen, daß das nicht die Elisabeth ist, wie ich sie kenne. Ja, würde sie ein talentvoller Maler malen, so könnte dieser wohl in das Bild hineinlegen, was das Original so ent- zückend macht, so aber liefert der Photograph von dem Kinde nur ein starres Abbild ohne Geist und Gefühlsansdruck. Denke 'dir Weichheit, Freundlichkeit, ein feines mildes Lächeln, denke dir den bestrickenden Glanz eines schönen großen Auges noch hinzu und du hast eine ungefähre Aehnlichkeit dir geschaffen!— — Und diesen Kopf, umrahmt von dem schönsten goldigen Haar, trägt eine junonische Gestalt, mit vollen, künstlerisch abgerundeten Formen, die zueinander in feinster Symmetrie stehen!— Es ist eine Lust, sie zu betrachten, sich an dem Eindruck dieses Meister- Werkes der Natur zu entzücken und sich dann zurufen zu können: Du hast in dem Herzen dieses Wesens eine Wohnung!— Sage ich da zu viel?— Ich glaube es nicht, aber beschwören möchte ich es auch nicht. Der Mensch täuscht und belügt sich gern.— Aber lügen Blicke, Mienen, Geberden?— Nein, Elisabeth ist keine Schauspielerin und Elisabeth liebt mich. Das sagt mir mein Herz, dieses sonderbare Ding, welches ein Gedanke, ein kleines mißliebiges Wörtchen so leicht in schnellere Bewegung setzt, das das Blut mit Blitzesschnelle in die feinsten Aederchen treibt, wenn der Mensch sich erregt!— Ja, mein Herz sagt's nur und das Herz lügt nicht.— Ich vertraue dir alles, dir gegenüber will ich meine Seele entlasten, denn bei dir finde ich den richtigen Widerhall für die Stimme in meinem Innern. Mit Freimann spreche ich nicht davon. Ich weiß nicht warum, aber es hält mich ein Etwas gewaltsam zurück und macht mir das Wort im Munde verstummen. Er selbst spricht nicht von ihr, es sei denn, daß ich ihn anrege. Und dann redet er in seiner Art nur weniges. Neulich machte ich zu ihm so die Bemer- kung, daß er an Figur, Gesichtsbildnng und Haar merkwürdige Aehnlichkeit mit Elisabeth besitze und daß man ihn schon für ihren Bruder gehalten habe; worauf er lachend sagte:„Bruder? — Wahrlich, diese Idee ist schön, ich glaube, sie kommt von dir!" —„Bon mir?" fragte ich erstaunt.'—„Nun ja," versetzte er, „von dir, denn du wirst wohl allen Grund haben, gerade solche brüderliche Liebe zu wünschen."— Weiter sagte er nichts und beantwortete meine Frage nach Aufklärung dieses zweideutigen Satzes nur mit einem feinen Lächeln!—— Seit jener Stunde vermeidet jeder sichtlich Elisabeths Namen, und nur wenn wir in ihre Behausung kommen, löst sich etwas der Bann; aber nur etwas. Er unterhält sich vorzugsweise niit dem alten Herrn, ich mit den Frauen. Selten, daß wir die Rollen wechseln.---- Aus dem Tugcbuche. Frau Lieber ist seit zwei Tagen sehr krank. Ihr Zustand ist besorglich. Als ich an ihr Bett trat, lächelte sie schmerzlich und sagte leise:„Ich danke Ihnen, daß Sie Sich um unseren Kleinen so abmühen!— Wenn mir etwas zustößt, so werden Sic auch ferner für ihn Sorge tragen, nicht wahr?"— Dabei ergriff sie meine Hand und fügte nach einer Weile hinzu:„Sie werden uns nicht wieder verlassen. Sie sind uns allen so lieb!" --„Gewiß," antwortete ich gerührt,„auch Sie stehen mir nahe und ich werde niemals vergessen, daß ich eine zweite Mutter in Ihnen fand!--„Das weiß ich," lispelte die Kranke,„und darum bin ich auch ganz froh!"--- Gedankenvoll verließ ich das Krankenzimmer; ich hatte Frau Lieber verstanden und das versetzte mich erst später in Unruhe. Aber hatte ich zuviel gesagt?— Hatte ich etwas von meinem Herzensgeheimnisse ver- rathen?— Heute früh war der Zustand der Frau um ein be- deutendes gefahrdrohender als gestern. Aber sie erholte sich von Stunde zu Stunde und der Arzt konnte ihr Nachmittag einen glücklichen Ausgang prophezeien.— Elisabeth zeigte sich in diesen beiden Tagen als ein Muster von Liebe, Opferfreudigkeit und Umsicht. Ich hätte sie küssen mögen, anstatt ihr blos zu sagen:„Du bist ein treues, liebes Kind!" Einige Tage später. Frau Lieber ist wieder auf dem Wege der Besserung. Wenn die Sonne scheint, sitzt sie in dem Gärtchen hinter dem Hause. In meiner freien Zeit leiste ich ihr Gesellschaft und lese ihr aus Büchern vor.— Die Pausen füllen wir aus, indem wir uns gegenseitig unsere Erlebnisse erzählen.— Elisabeth hantirt dann im Innern des Hauses und besorgt mit mustergültiger Ordnung die Wirthschaft. Mit Wohlgefallen verfolgt die Kranke jedesmal die bewegliche, anmuthige Gestalt des Mädchens, wenn sie freudig aus dem Zimnier eilt, um der Mutter irgend einen Wunsch zu erfüllen und oft trifft es sich, daß unsere Blicke dieselbe Richtung nehmen.— Neulich ftagte sie mich so leicht hin, wie ich mir meine Zukunft zurecht gelegt und ob ich nicht den Wunsch habe, mich irgendwo auf die Dauer festzusetzen!"-- Und als ich ihr nachdenklich antwortete:„Daran denke ich schon seit längerer Zeit," fuhr sie fort, mich dazu aufzumuntern und mir die Bor- thcile einer bürgerlichen Existenz auszumalen!— Die Absicht und ihre Gedanken errieth ich wohl, aber ich schwieg und war recht unwillig über diese mütterliche Fürsorge, obwohl ohne Grund---(Fortsetzung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Htudotplj von W. (Fortsetzung.) In wenigen Minuten war der Wagen an der Brücke. „Das ist ja ein wahrer Berg von Balken!" rief der Direktor höchlichst überrascht.„Wo kommen denn die her? Teufel, und wie die gegen die Brücke drängen! Wenn das Wasser noch weiter wächst, so wird das Zeug entweder über die Brücke hinweg ge- worfen oder die Brücke selber geht zum Teufel." Jetzt befanden sie sich auf der Brücke selbst. Zum erstenmal gab der Kutscher seinen feurigen Pferden die Peitsche. Der Wagen sauste über die Brücke. Der Herr von Steinach sowohl als Fritz Lauter schauten zum Fenster hinaus auf die wogende und wallende Wasserstraße, aus der jener die Brücke bedrohende Berg von Hölzern aller Arten und Größen emporragte. „Material von dem Eisenbahnbau— wahrhaftig!" rief der Direktor.„Und zum Theil sieht das Holz ans, als hätte man Bersnche gemacht, es klein zu hacken. Das kommt vom Perle- Viadukt und trägt die Spuren des Zerstörungswerks ins Land, dem die hochberger Bergleute heut früh da oben obgelegen haben. Ich wette, daß die keinen Stein auf dem andern, kein Stück Holz unbeschädigt gelassen haben. Das reißt in den Beutel der Bauherren verzweifelte Löcher." „Und diese Brücke hier? Glauben Sie wirklich, Herr Direktor, daß die uralte, massive Steinbrücke gefährdet ist?" „Sie ist gefährdet. Eben weil sie uralt ist, sind die Steine vielfach zermürbt, das Bindematerial hat seine Kraft verloren und ist ausgewaschen. Es soll mich wundern, wenn sie länger aushält, als ein paar Stunden." „Wird dadurch die Berbindung des Klosters Althans mit der Umgebung beeinträchtigt?" „Nach einer Richtung vollständig. Die Perle hinauf könnten wir, wenn diese Brücke unpassirbar geworden ist, nicht mehr ohne meilenweite Umwege,— unten aus Waltersdorf zu aber wird die Verbindung sicherlich nicht unterbrochen. Da ist die neue massive Steinbrücke, die in hohen und weiten Bogen gespannt ist und hochliegende Ufer verbindet, zu denen das Wasser, mag es kommen, wie es will, nicht hinaufkann." „Das ist schlimm, denn ich möchte grade die Perle hinauf." „Weshalb?" „Weil es wohl am meisten noththun wird, die Leute in der hochberger Gegend durch die Zusicherungen, welche ihnen unser Flugblatt bringen soll, zu beruhigen." „Das Werk der Beruhigung darf dem Rettnngswerke nur die Hand reichen und nicht ihm vorangehen, junger Freund. Da oben ist vorläufig nichts zu retten, da unten aber"— der Direktor zeigte nach der waltersdorfer Gegend hin,„ist wahrscheinlich jetzt schon hundertmal mehr zu retten, als überhaupt wird geschafft werden können. Nun, Sie werden ja selbst sehen." Sie waren bei einer Wegbiegung angelangt, von der aus ein bequemer Rückblick auf die Strecke vergönnt war, die sie eben durchfahren hatten. Der Direktor lehnte sich von neuem zum Wagenfenster hinaus und schaute nach der Brücke. Grade in diesem Augenblicke ließ sich durch das Heulen des Windes und das vieltausendfache laute Aufklatschen des Regens auf die Land- straße mit ihren großen teichähnlichen Pfützen ein dumpfes Ge- räusch vernehmen, etwa wie wenn in weiter Ferne eine Mauer oder ein ganzes Haus stückweise eingerissen würde. „Kommt das von der Brücke her?" fragte Fritz Lauter. „Alle Wetter, ja, der macht der Thurni von Mauerbrechern, bei welchem wir vor ein paar Minuten noch ganz sorglos vorbei- gefahren sind, grade in der gemüthlichsten Weise den Garaus. Stückweise weiden die Steingeländer fortgerissen, das Wasser toht wahrhaftig schon über die Brücke und mit der Passage ist es aus. In einer halben Stunde wird vermuthlich auch von den Pfeilern wenig mehr zu sehen sein." „„Ist nun wirklich keine Möglichkeit, anderswo und anderswie über die Perle zu kommen, als unten bei der waltersdorfer Brücke?« „Keine. Das Wasser rings um Althaus ist viel zu reissend, schon in gewöhnlichen Zeiten schlecht passirbar. Bei Hochwasser wäre jeder Versuch, quer hinüber zu kommen, eine Tollheit." „Dann scheint mir der Plan für unsre heutige Thätigkeit sehr vereinfacht. Wir werfen uns zunächst mit allen Kräften auf Waltersdorf: retten dort, was wir können, und organisiren aus dem thatkräftigen und thatenlustigen Theil der Einwohnerschaft ein Rettungskorps für die auf demselben Wege befindlichen, ent- fernter gelegenen Ortschaften." Der Direktor nickte. „Endlich!" rief er.„Dort sind wir angelangt. Es ist ein stattlich Schloß— dies Kloster Althaus, ein Schloß mit einem herrlichen Park und prachtvoller Fernsicht nach allen Seiten. Wenn wir uns des weiteren so vertragen, wie bisher, junger Mann, so werden Sie, denk' ich, auch in ruhigen Zeiten und schönen Tagen öfter mein Gast sein. Nicht nur für die Geistes- gestörten, sondern erst recht für die Gcistiggesunden läßt der Auf- enthalt hier wahrlich nichts zu wünschen übrig." Als sie in der Nähe des mächtigen Eisenthores waren, welches w festungsähnliches Mauerwerk hinein den Eingang zu Kloster Äthaus abschloß, ließ der Kutscher einen schrillen Pfiff ertönen, der das sofortige Sichöffnen beider Thorflügel zur Folge hatte. � Ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Schnurrbart, von jener straffen, steifen Haltung, welche den alten Berufssoldaten von allen nichtsoldatischen Menschenkindern unter- scheidet, erschien militärisch grüßend am Ausgang. ,„Was gibt's neues, Krautfeld?" fragte Herr von Steinach, indem er aus dem Wagen sprang und Fritz Lauter mit einer Handbewegung einlud, ihm zu folgen. Der ehemalige Wachtmeister Krauffeld richtete seine derbe Figur noch etwas straffer in die Höhe und rapportirte: „Laut Nachrichten aus dem hochberger Revier und vom großen Bauplatz an der Perle sind die Hochberger wieder nachhause gegangen und beabsichtigen weiter keine Revolten. Weiter unten im Land hat die Perle schon alle Holzstege und Brücken fort- gerissen und ein paar kleine Dörfer ganz überschwemmt." „Wie steht's mit den Bewohnern der überschwemmten Dörfer?« „Haben bei Zeiten Fersengeld gegeben mit Kind und Kegel und allem Gerümpel, was sie wegschleppen konnten." „Und wie sieht's in Waltersdorf aus?" „Alles in Ordnung." „Alles in Ordnung?" ,„Zu Befehl, Herr Oberstlieutenant. Das Oberdorf ist über- Haupt nicht in Gefahr und von dem Unterdorf sind bis jetzt nur ein paar Wiesen und Aecker, und auch die nur sehr allmählich, unter Wasser gesetzt worden.'S Hochwasser ist überhaupt heuer nicht so gefährlich, als es aussieht." Der Direktor schüttelte den Kopf. „Wenn sich die Leute mir nicht täuschen!" sagte er zu Fritz. „Wenn's auch anfänglich merkwürdig langsam kommt diesesmal, so traue ich grade deshalb dem Frieden umsoweniger. Aber so sind diese kurzsichtigen Menschen alle. Als ich fortfuhr, prophezeite mein alter Krautfeld mit unerschütterlicher Prophetensicherheit, daß binnen wenigen Stunden die althauser Höhe von eineni einzigen gewaltigen See umgeben sein würde, jetzt, da einige wenige günstige Nachrichten eingelaufen sind, denkt er selber mit keiner Silbe an seine Prophezeiung und findet alles in Ordnung." Während er so sprach, war er rasch vorangeschritten— durch einen langen, verdeckten Gang nach einer weiten hochgewölbten Hausflur; der alte Krautfeld, der Befehle seines Herrn Oberst- Üeutenant gewärtig, in gemessener Entfernung hinterdrein. „In fünf Minuten will ich sämmtliche Beamten, auch die Herren Aerzte und den Oekonomieinspektor und von diesen hinab bis zum jüngsten Gärtner- und Pferdeburschen alle im Sprech- saal treffen," wandte er sich wieder zu dem alten Krautfeld, als er an einer kleineren Seitenthür angelangt war, welche ein Messingschild mit den Worten„Bureau des Direktors" auf- zuweisen hatte. „Sie, Herr Lauter, finden hier Schreibmaterial und können sofort an die Abfassung Ihres Flugblatts gehen. In zwanzig Minuten bin ich wieder zurück, dann werden Sie ja wohl fertig sein." Der Direktor ließ Lauter eintreten und schloß die Thür hinter ihm. Der Herr von Steinach konnte ebensowenig als sein Wacht- meister und Portier Krautfeld den alten Soldaten verleugnen. Vor allem war ihm Raschheit des Handelns und minutiöse Pünkt- lichkcit zur zweiten Natur geworden. Genau nach zwanzig Minuten erschien er wieder in der Thür des Direktionszimmers. So sehr ihm selbst aber Pünktlichkeit gewöhnt und selbstverständ- lich war, so sehr pflegte sie ihn an andern zu überraschen. Er hatte genügend schlimme Erfahrungen gemacht. Er fand Fritz Lauter schon nicht mehr am Schreibtische. Der- selbe stand am Fenster und schaute gedankenvoll in das nach wie vor trostlose Wetter hinaus. „Schon fertig mit dem Flugblatt?" fragte der Direktor. „Ich meinte, es sei besser, wenn es in kurzen, kräftigen Zügen nur das Wesentliche enthalte. Die Leute werden nicht aufgelegt sein, viel zu lesen. Darf ich bitten?" Lauter überreichte ein Folioblatt, das in großen, ungemein leserlichen und gewissermaßen ansprechenden Lettern ganz voll- geschrieben war. „Nun, so sehr wenig ist das ja garnicht, lassen Sie sehen." Eilig überflog der Herr von Steinach das Geschriebene. Dann schaute er seinem Gegenüber prüfend in die ruhigen, zuwartend auf ihn gehefteten Augen. „Sie schreiben vortrefflich— an Ihnen ist ein Diplomat ver- dorben." „Nach diesem Ruhm strebe ich nicht." „Nicht? Nun, ich habe soeben die gestrigen Abendzeitungen aus P. erhalten, darunter auch Ihren ,Tageskorrespondenten�." Der Direktor nahm ein Zeitungsblatt aus der Seitentasche seiner Joppe und reichte es Fritz.„Haben Sie diesen Artikel geschrieben?" „Gewiß." Der Gesichtsausdruck des Herrn von Steinach verfinsterte sich auffällig. „Dann streben Sie doch nicht blos, mein wcrther Herr Lauter, nach dem-- Ruhm eines Diplomaten, sondern Sie sind einer jener Zeitungsdiplomaten, wie sie mir— Sic müssen mein soldatisch derbes Urtheil schon hinnehmen!— in dem Grunde meiner Seele verhaßt sind." Fritz Lauter fuhr auf. „Herr Direktor!" „Herr Berichterstatter und Redakteur?" „Darf ich Sie um Aufklärung bitten, was an jenem Artikel Sie zu diesen bitter beleidigenden Worten berechtigt?" „Da Sie den Artikel geschrieben haben, können Sie Sich das so gut denken, als ich es weiß. Ich liebe die Doppelzüngigkeit der Feder nicht mehr, als die des Mundes." Fritz Lauter war bleich geworden vor Erregung'und Ent- rüstung. „Ich bitte noch einmal um das Blatt." =9 Der Direktor reichte es ihm und setzte sich dann an sein Pult, doch so, daß ihm nicht eine Miene in Fritz Lauters Gesicht zu entgehen brauchte. Fritz überflog in größter Hast, was da unter seinem Kor- respondenzzeichen cus sein Spezialbericht aus dem Gebirgsdistrikte gedruckt stand. Mitten in einem Satze hielt er inne,— er war noch um einen Schatten blässer geworden,— und begann den Satz von neuem zu lesen. Dann mochte er für einen Augenblick genug haben, er senkte das Zeitungsblatt mit so heftiger Geberde, als wenn er es zusammenballen und fortwerfen wolle. „Das ist infam—" Er wollte fortfahren, heftig, auf das höchste erbittert, aber er bezwang sich. „Darf ich Sie nur noch um eines bitten, Herr Direktor von Steinach?" „Bitte." „Ich habe einen Brief zu schreiben von wenigen Zeilen Inhalt. Lassen Sie mich den sofort schreiben, lesen Sie ihn und haben Sie die Güte, dafür zu sorgen, daß er so rasch, als es nur immer geht, zur nächsten Poststatton befördert wird. Ich zahle dem Boten mit Vergnügen alles, was er verlangt." Der Direktor erhob sich und wies Fritz an seinen Platz. „Fünf Minuten?" fragte er. „Eine Minute," antwortete Fritz Lauter, und schon flog seine Feder über das Papier. Es waren in der That nur wenige Zeilen, die er hinwarf und, ohne sie noch einmal durchzulesen, dem Direktor überreichte, welcher ihn unausgesetzt beobachtet hatte. Dieser las: „An den Cheftedakteur des, Tageskorrespondenten' Herrn Edmund Schweder zu P. „Soeben erhalte ich die neueste Nummer des ,Tageskorrespon- denteitt und ersehe daraus, daß mein letzter ausführlicher Bericht über die Lage der Dinge in der hiesigen Gegend nicht nur ab- geändert, sondern daß sogar die ihm zugrunde liegende und mit allen meinen schriftlichen und mündlichen Auslassungen über die fraglichen Gegenstände streng übereinstimmende Tendenz in ihr direktes Gegentheil verkehrt worden ist. Ich halte das für die Stimniung der unglücklichen Gebirgsbevölkerung für verhängniß- voll und betrachte es als eine nicht wieder gutzumachende Sticht- achtung und Beleidigung meiner Person, auf die ich nicht anders antworten kann, als mit dem sofortigen Verzicht auf meine Stellung als Berichterstatter und Mitredakteur des ,Tagcskorresponde»ten'. Fritz Lauter." Ueber das offene, energische Gesicht des Direktors leuchtete es wie ein Hauch der Freude. „Und das soll ich so, wie es da ist, absenden?" fragte er. „Ich bitte darum." „Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie quittiren eine Stellung, die wieder anzunehmen, wenn Sie keine bessere oder gleich gute erhalten sollten, unehrenhaft sein würde." „Wenn ich keine ähnliche Stellung erhalte, und ich werde es wahrscheinlich nicht, so kehre ich wieder dahin zurück, woher ich gekommen bin, an den Setzkasten." „Wie— Sie waren Schriftsetzer?" „Nichts weiter." „Hm." Es war keineswegs ein Blick der Nichtachtung, welchen jetzt der ehemalige höhere Offizier und jetzige hohe Beamte über den jungen Mann hinstreifen ließ.„Hier, meine Hand, nehmen Sie mir meinen Verdacht nicht übel, aber was konnte ich anders denken, als Sie mir selber bestätigten, daß Sie der Verfasser jenes— nun, warum soll ich's nicht aussprechen?— jenes per- fiden Artikels seien.". Fritz Lauter schlug ohne ein Wort der Erwiderung in die dargebotene Rechte ein. Der Direktor zog an einem Klingelzuge. „Der alte Krautfeld mag Sie in unfern kleinen Beamten- speisesaal führen, wo Ihrer in Gemeinschaft der jüngeren Aerzte meiner Anstalt ein tüchtiges Mittagessen und eine Flasche Wein zur Kräftigung für die kommenden Strapatzen wartet. Ich habe den Herren bereits von Ihnen gesprochen. Dieselben werden Ihnen von den inzwischen getroffenen Dispositionen erzählen. In einer halben Stunde ist alles zum Aufbruch fertig. Ehe Sie Althaus verlassen, sehe ich Sie noch." Während der letzten Worte war der alte Krauffeld in der Thür erschienen und in strammer Haltung, die Mütze an der Hosennaht, am Eingang des Zimmers stehen geblieben. Mit wenigen Worten war er informirt, und dann schritt er Fritz Lauter stramm wie im Parademarsch und mit jenem Diensteifer, der bei Erfüllung einer Aufgabe weder rechts noch links schauen läßt, durch die hallenden Korridore des alten, in allen seinen Theilen imposant angelegten Klosters voraus nach dem kleinen Speisesaal. * Eine Stunde darauf treffen wir einen Trupp von zwanzig Männern an der waltersdorfer Brücke. Sie müssen tapfer drauf los marschirt sein, denn trotz des strömenden Regens sieht man auf manchem Antlitz Spuren von Erhitzung. „Hier wollen wir einen Augenblick Rast machen und uns umschauen," sagt einer der Männer, nachdem sie die Brücke erreicht haben.„Wenn wir überhaupt von irgend einem Punkte unseres Weges eine Fernsicht haben, so von hier. Auch ein tüchtiges Stück des Flußlaufes bietet sich da hinauf unseren Blicken. Dort verschwindet die Perle hinter dem Amselberg, aber schon ein wenig nach rechts kommt sie aus der Amselschlucht heraus wieder zum Vorschein. Sehen Sie da!" Der Sprecher war ein Mann von etwa vierzig Jahren, eine kurze, gedrungene Gestalt mit wettergebräunten Zügen und äugen- scheinlich festen, anstrengungsgewöhnten Muskeln. In dem jüngern Manne an seiner Seite, an den jener sich soeben hauptsächlich gewandt hat, erkennen wir Fritz Lauter wieder, welcher gleich den meisten übrigen Theilnehmern der seltenen Expedition mit einem starken Ledergurt ausgerüstet ist, wie ihn Feuerwehrmännschaften zu tragen pflegen, an dem ein starkes und langes, wohlzusammen- geschlungenes Seil und daneben eine stattliche Axt befestigt ist. „Von der gefürchteten kolossalen Ueberschwemmung sieht man aber auch von hier aus immer noch nicht viel," entgegnete| Lauter, nachdem er seine Blicke sowohl nach der von dem ersten Sprecher, dem Oekonomieinspektor des Klosters Althaus, ge»| wiesenen Richtung hatte schweifen lassen, als auch nach den übrigen Seiten hin. „Ja, aber sehen Sie nur, wie das Wasser braust und schäumt und mit wie furchtbarer Geschwindigkeit es dahinschießt— es steigt offenbar unausgesetzt und wird und muß noch lange steigen also, was noch nicht ist, wird wahrscheinlich bald werden." „Na, ob das bald werden wird!" rief auf einmal einer der andern Männer in ganz erschreckt klingendem Tone.„Ich dacht',! ich dürfte meinen Augen nicht trauen, als ich zuerst hinsah an den Pfeiler dort, jetzt weiß ich's aber ganz gewiß und kann mich absolut nicht täuschen." „Worin, Harnisch?" fragte der Oekonomieinspektor. „Darin, daß das Wasser hier an der Brücke seit einer Stunde vier Fuß gestiegen ist." „Vier Fuß— Ihr seid nicht gescheit, Harnisch." »Ich sag' Ihnen, Herr Inspektor, ich täusch' mich nicht um einen Zoll— wenigstens war's keinen Zoll weniger. Und ich lag' Ihnen noch was, das Wasser ist während der drei Minuten, die wir jetzt hier auf der Brücke stehen, auch wieder wenigstens um zwei Zoll gewachsen." „Das ist ja garnicht möglich, Harnisch," meinte der Oekonomie- inspcktor so ungläubig, wie zuvor. „Nun, wir haben ja noch fünf Minuten Zeit, uns davon zu überzeugen, denk' ich, Herr Inspektor. Erst wenn das Wasser auf der Höhe ist, wo's 1865 war, wird's den Waltersd orfern ernstlich gefährlich, und da fehlt ja noch was, wenn's aber so steigt, wie ich meine, dann ist's in zwei Stunden über den höchsten Stand, den von 1859, hinaus und dann wird's furchtbar schlimm." Der Oekonomieinspektor nahm seine Sekundenuhr heraus und blickte mit gespanntester Aufmerksamkeit auf den an dem mittelsten Brückenpfeiler angebrachten Maßstab für die Wasserhöhe. Alle übrigen schauten gleichfalls in höchster Spannung auf das wild tobende, hoch aufzischende und sprudelnde Wasser. „Hol' mich der Teufel—'s ist wahr, der Harnisch hat recht— fast bei jedem einzelnen male, wenn der Gischt an den Pfeiler anprallt, schlägt er höher hinauf. Es sind zwei Minuten vorbei und zwei Zoll ist das Wasser inzwischen höher hinauf- gequirlt,— es ist also womöglich noch schlimmer, als der Harnisch behauptet hat." (Fortsetzung folgt.) Stilistischer Unsinn auf dem Gebiete unserer Kuustindustrie. Was ist Stil?— Wenn Buffon sagte, der Stil ist der Mensch, so wollte er damit ausdrücken, daß die Form, in welche der Mensch seine Gedanken kleidet, ganz gleich, ob vermittels des Wortes oder der Schrift, ganz seinem eignen Wesen entspricht. Das Gleiche ist der Fall in den Kunstäußerungen des Menschen. Auch hier spiegeln sich alle Schwächen und Fehler, wie im günstigen Falle die größt- mögliche harmonische Entwicklung des Einzelmenschen sowohl, als die der ganzen Menschheit wieder. Tritt uns demnach in einem kunstgewcrb- lichen Gebilde der Stil— um den Ausdruck beizubehalten— seines Schöpfers entgegen, so ist damit keineswegs anzunehmen die Vollkommen- heit des Stils an dem betreffenden Gegenstande selbst. Weil der Mensch in allem seinen Thun nur sein eignes Wesen offenbaren kann, so wird auch die Mangelhaftigkeit desselben in seinen eignen Werken zutage treten müssen. Der Stil in den Künsten soll aber die Mängel auf- heben, Gegensätze versöhnen und die Harmonie aller an dem betreffenden Produkt sich gcltendmachenden Theile herbeiführen. Harmonie kann aber nur der schaffen, dessen Selbst zur harmonischen Ausbildung ge- langt ist.— Diese oder ähnliche Gedanken mußten sich jedem Denkenden bei der Betrachtung der auf der kürzlich geschlossenen Drechsler- und Bildschnitzer-Ausstellung zu Leipzig ganz stattlich vertreten gewesenen Meerschaumwaaren aufdrängen. Denn auffälliger wie hier kann wohl kaum irgendwo die Frivolität und das Behagen an niederer Sinnlich- keit, unter Beiseitelassen jedes feineren Gefühls, oft sogar des einfachsten Anstandes zutage treten. Dabei zeigen die fraglichen Sachen eine Geschick- lichkeit und Eleganz der technischen Ausführung, die oft bewundernswerth ist, sodaß man beim Anblick derselben sich nicht des Eindrucks erwehren kann, als hätte man allen Scharfsinn und alles Raffinement aufgewandt, um aus dem so weichen und bildsamen Material, wie es der Meer- schäum ist, Figuren und Formen zu bilden, die allem Feingefühl zu- wider sind. So ist es ja allbekannt und oft beklagt worden, daß man die Köpfe der bekannten politischen und sonstigen großen Männer natur- getreu nachbildet, ein Loch hineinbohrt zur Aufnahme der Cigarre, um so den interessanten Schädel„anzurauchen". Ein ästhetisch gebildeter oder ästhetisch fühlender Mensch wird aber nicht allein dies bedauern, sondern ebenso dieselbe Verwendung eines graziös geschnitzten Mädchenkopfes und dergleichen. Wie gesagt, eine ähnliche brutale Behandlung von Thier- und Menschenköpfen findet man fast in jedem Schaufenster der Cigarrenpfeifenfabrikanten,— was die menschliche Phantasie aber an solchen und noch schlimmeren Ungeheuerlichkeiten zu leisten vermag, haben uns die in diesem Genre arbeitenden wiener Künstler gezeigt. So war ein splitternacktes Frauenzimmer, deren einer elegant hin- gestreckter Schuh— aus Bernstein geformt— als Mundstück diente, mit in den Rücken eingeschraubtem Schoner für die Cigarre, ein viel- gesehenes Stück. Bei einer anderen Spitze liegt eine Balleteuse auf dem Bauch, ihr leichtes Gewand richtet sich in die Höhe, dort eine ihrer Schwestern im Evakostüm in derselben Lage, die Unterschenkel in die Höhe gerichtet, während ihr die Hülse für die Cigarre wie ein Schorn- stein aus dem Kops ragt. Vielen sitzenden Figuren geht der Schlauch direkt in den Sitzmuskel und bricht sich entweder durch den Rücken oder den Schädel seine Bahn. Daß der Sitztheil des Körpers oder die ihm horizontal entgegengesetzte Leibesstelle zur Aufnahme der Cigarre dient, ist eine häufige Erscheinung. So ist ersteres der Fall bei einem im Hemd dasitzenden Weibsbild, welches augenscheinlich sehr eifrig auf der Suche nach den nur zu gut bekannten schwarzen Thierchen ist, während- dem ihr eine Katze mit der größten Seelenruhe im Schöße sitzt. Kurz, nicht nur eine wirklich schauerliche Geschmacklosigkeit, sondern die reine Unflätigkeit ist es, die hier dem Beschauer auf Schritt und Tritt auf- stößt— eine Spekulation auf unsere, ihren Kunstsinn in den Cafö chantants bildenden und pflegenden Männerwelt. Neben diesem Jammer- zeuge(hauptsächlich vertreten gewesen durch Ludwig Hartmann Eidam und A. Trebitsch, Wien) kommen andere stillose Sachen noch in Menge vor. So wächst bald einem Schmetterling, welcher auf einer Blume sitzt, die Hülse für die Cigarre zwischen den hochstehenden Flügeln aus dem Rücken, dabei ist die Hand, welche die Blume hält, sehr fein modellirt; bald sieht man einen Touristen, der sich durch die Bart- koteletten als Engländer legitimirt, auf einem Regenschirm sitzen, an dessen Stockgriff das Mundstück ausgeschraubt ist, während die Cigarre dem Sohne Albions ganz ungenirt m den Rücken gesteckt wird. Daß ganze Treibjagden auf dem Gegenstand, der den so sehr einfachen Zweck hat, die Cigarre zu halten, dargestellt sind, sowie daß darauf ganze Rudel Hirsche, Rehe, Pferde nebst dem edlen Rindvieh kampiren, komint nicht minder häufig vor. Aus anderen wieder erhebt sich ein an die alten Ritterburgen erinnernder Thurm oder der Balkon, aus den ver- mittels einer Strickleiter Romeo zu seiner Julia hinaus- und wieder herabsteigt. Und das alles soll einer im Munde herumtragen, und zwar blos zu dem Zweck, um die Cigarre nicht direkt in den Mund zu nehmen! Es gehört doch wohl nicht allzuviel Verstand dazu, um das Sinn- und deshalb Stillose derartiger Dinge einzusehen. Von welch falscher Ausfassung diese Künstlersorte einmal ausgeht, mag ein einfaches Beispiel zeigen. Ein wiener Aussteller präsentirte eine Tabakspfeife aus Meerschaum, deren Kopf von zwei an den Seiten angebrachten Spiralen eingeklemmt war. Nun denkt doch jeder, welcher eine Spiralfeder sieht, an ihre Feder- oder Spannkraft. Da aber der Meerschaum ein ganz weiches Material ist, so wird doch nach dieser Richtung jede Illusion zerstört und die Feder, welche eben infolge des Materials, aus dem sie hier gebildet wurde, gerade die Eigenschaft, die sie in erster Linie besitzen sollte, nicht haben kann, sinkt zu einer sehr überflüssigen Spie- lerei herab, und dies umsomehr, da der Kopf sowieso von dem Pfeifen- rohr gehalten wird. Wer wird denn Stahl durch Meerschaum ersetzen oder nachbilden!— Damit wäre der eine für ein stilgerechtes Arbeiten maßgebende Faktor angedeutet: der Stoff; verändere ist, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, der Zweck, dem der Gegenstand dient. Beides ist bei Herstellung einer Cigarrenspitze ungemein einfach und wird auch des öfteren berücksichtigt, denn man findet vielfach gute Sachen, wie z. B. eine Eichel oder Nuß von einer Hand oder Vogel- klaue gehalten, zur Ausnahme für die Cigarre bestimmt, andererseits aber auch wieder einfach gerade Spitzen reich ornamentirt, die voll- kommen ihrem Zweck entsprechen. Als besonders hervorstechenden Beweis für die herrschende Stil- losigkeit bei sonst geschmackvoller Ausführung mag die in ungefähr halber natürlicher Größe wiedergegebenc Pfeife von Willfort, Wien, dienen(Illustration S. S32). Keiner wird ihr das Zeugniß einer vor- züglichen Leistung absprechen, aber wozu dieses Ungethüm, dieser Auf- wand, um— eine Cigarre zu rauchen? Um sie zu benutzen, braucht man entweder beide Hände oder einen sie haltenden Diener, oder man muß sie auf ein dazu gefertigtes Gerüst legen. Herrliche Auf- gäbe der Kunst,— anstatt unserm Geist neuen Schwung und uns Menschenkindern die Freiheit zu bringen, legt sie uns Fesseln an!— Nach dem Gesagten wird das Wesen und die Bedeutung des Stils für das kunstgewerbliche Schaffen unschwer zu erklären sein. Daß Metall und Meerschaum zwei grundverschiedne Stoffe sind, weiß wohl jedes Schulkind, daß sie aber demzufolge nicht immer gleichen Zwecken dienen können und stets eine verschiedene Behandlung erfordern, wissen oder beachten oft sonst gescheite Leute nicht, trotzdem es ein Hauptersorderniß für das stilgerechte Schaffen ist. Ein Gleiches gilt von der Gebrauchs- bestimmung des Produkts. Ein Stuhl ist z. B. kein Stuhl mehr, wenn die Sitzfläche nebst der Lehne so dekorirt sind, daß man sich nicht dar- auf setzen kann; dieselben Rücksichten verlangt auch die Tischplatte. Schon die Praxis verbietet hier eine plastische Verzierung, aber ebenso erfordert das Stilgesetz, daß Malereien, welche plastischen Charakter zeigen, hier wegbleiben müssen. Wir haben wohl unsere Freude an den herrlichen Blumen im Garten, in Wald und Feld, aber diese be- künden wir doch wahrlich nicht dadurch, daß wir sie rücksichtslos nieder- treten— wie es z. B. nur allzuoft den farbig nachgebildeten aus unfern Fußteppichcn ergeht— oder schwere, sie vernichtende Gegen- stände darauf stellen, wie auf unsere Tischdecken u. dgl. Die Blume zur Flächendekoration verwandt, soll der Fläche angepaßt, d. h. stili- sirt sein. Ich will hier noch auf ein charakteristisches Moment an un- serem beweglichen Mobiliar hinweisen, die nach unten verjüngten Füße, die unbedingt das Wesen der freien Bewegung andeuten. Durch Thierklauen an den fcinern Möbeln kommt dies allerdings noch spre- chender zum Ausdruck. So wird auch ein Trinkgeschirr sich äußerlich als Gefäß darstellen müssen, während seine Ausschmückung die Lust und Freude am Trinken, ganz gleich in welcher Weise, zur Veranschau- lichung bringen soll. Nun ist, wie schon bemerkt, der Zweck einer Cigarrenpfeife sehr einfach und daher alle Ueberladung und Bepackung des diesem Zwecke dienenden Rohres stillos. Wie beim Trinkgeschirr das Gefäß, so soll hier das Rohr den sichtbarlichen Kern bilden, wel- cher mit einer sich diesem unterordnenden, auf das Rauchen hinweisen- den Dekoration geschmückt werden kann. Alle Verwendung von mensch- lichen und thierischen Figuren ist, weil dem einfachen Gefühl und Ver- stände zuwider, von vornherein zu verwerfen. Wer Freude an der Plastik empfindet, der sollte die Figuren— ob einzeln oder in Gruppen — doch nicht im Munde herumschleppen wollen und sich dadurch die Freiheit der Bewegung beeinträchtigen.— Resümiren wir unser Thema: Was ist stilgerecht? so lautet die bündige Antwort: wenn an einem von Menschenhand erzeugten Gegenstande das Wesen des dazu verwandten Stoffes, sowie der Gebrauchszweck desselben in der äußeren Form in harmonischer Weise zum Ausdruck gebracht ist. Fr. N. Gräberstadt in Golkonda.(Bild Seite S33.) Unsere Abbildung führt uns in das Land des Wunderbaren, nach Ostindlen. Un- zerstörbar scheinen seine vieltansendjährigen Einrichtungen des Kasten- und Religionswesens zu sein, denn weder die Zeit, noch die Neuerungen des Buddhismus, des Islam und des Christenthums, die zu verschie- denen Zeiten und nicht selten mit Feuer und Schwert verbreitet wurden, konnten dem Brahmanenkultus etwas anhaben. Von Alexander von Makedonien bis auf die Engländer haben zahllose Eroberer die Länder Vorder- und Hinterindiens unterworfen, doch ohne tiefgehende Spuren ihrer Thätigkeit im Lande zu hinterlassen. Eine Ausnahme davon macht der mongolische Eroberer Aurengzib(Zierde des Thrones), den die Weltgeschichte den Großmogul nennt und der nach Ueberwindung seines Vaters und seiner Brüder(1653—1707) über die ganze vordere Halbinsel zwischen der Küste von Koromandel und Malabar und zwi- scheu dem 8. und 35. Grad nördlicher Breite herrschte. Mit schreck- lichem Fanatismus verbreitete er den Islam, Greuelthaten bezeichneten seine Wege; wo er aber unbestrittener Herr des Landes war, wußte er durch eine strenge, wachsame und konsequente Verwaltung die Unter- worfenen zu einem relativ glücklichen Zustand zu bringen. Handel und Verkehr fanden an ihm einen Beschützer. Einfach in seiner Lebens- weise, liebte er doch die Pracht und das Außerordentliche. Er zog 540 Gelehrte an seinen Hos, sammelte Bibliotheken und gründete allent- halben Schulen; besonders liebte er Poesie und Architektur. Letzterer Liebhaberei verdanken wir die Erbauung der Gräber- oder Diamanten- stadt Gvlkonda im Gebiete des Nizam(Fürst) von Haidarabad. Gol- konda ist jetzt eine Ruinenstätte mit einer starken, wohlerhaltenen Festung ans einem granitischen Felsrllcken, der als Gefängnißort und als Niederlage der Schätze des Nizams scharf bewacht wird. Wie einst die Schätze des Großmoguls Aurengzib an das Märchenhaste �grenzten und in der ganzen Welt sprüchwörtlich geworden sind, so haben auch seine Nachkommen, die Nizams von Haidarabad, ihr Scherflein ins Trockne gebracht, worunter die Diamanten von Gvlkonda, die übrigens zu Partijal, einem verfallenen Ort an der Südgrenze, gefunden, und in Golkonda nur geschliffen werden, eine nicht unbedeutende, obwohl von den Reisebeschrcibcrn oft übertriebene Rolle spielen. Achtzehnhun- dert Fuß von dieser befestigten Schatzkammer befindet sich in der Oede eine Gruppe von achtzehn großartigen Grabgebäuden der Könige aus der Kutab-Schahi-Dynastie, einer Seitenlinie der Aurengzibidcn, die sich den bescheidenen Namen Blum Ghir(Ueberwindcr der Welt) bei- legten. Unter diesen stattlichen Kuppeln und Zinnen, die wie die meisten Baudeukmale im Orient stark zerfallen sind, ruhen die„Ueberwindcr der Welt" von ihren Metzeleien und Haremsfreuden aus. Das Haupt- Material, aus welchem diese Mausoleen aufgerichtet wurden, ist zumeist grauer Granit, hie und da Stuck und Porzellanziegel, auf deren blauem Grunde weißgestrichene Koransprüche angebracht sind. An jedes Mausoleum schließt sich eine Moschee an. Die krenelirte Mauer, welche die Königsgräber, die Schatzkammer und das Gefängniß nmfaßt, hat 5 Kilometer im Umkreis und ist mit 84 Basteien versehen, wovon jede mit ein bis drei Kanonen beehrt ist, darunter einige von erstaun- licher Größe mit Rohren bis zu 8,74 Meter(29 englische Fuß) Länge. Trotz der vermeintlichen Uneinnehmbarkeit dieser Beste wurde sie 1843 von den Engländern genommen und nur diesem Umstände verdanken wir die Kemitniß von Golkonda, dessen Betreten bis dahin jedem Giaur (Ungläubiger) bei Todesstrafe verboten war. Der englische Afrika- reisende Burton nennt diese Gräberstadt einen der interessantesten Ueber- reste mohamedanischen Glanzes. Den Baustil der Grabdenkmäler in Golkonda kennzeichnet eine dekorative Ueberladung und gleich vielen anderen Moscheen enthalten sie Theile, die nicht zum Gebrauche be- stimmt waren, sondern nur zum Gepränge angefügt sind. Aus einem länglichen oder viereckigen Unterbau ist die Kuppel aufgesetzt, beide Theile aus grauem Granit aufgeführt. Die Form der Kuppel wechselt von der Zwiebel bis zum Halbkreis. Der Ausatz an dem Unterbau ist jederzeit reich verziert. Der Unterbau ist einstöckig bei kleineren, zweistöckig bei größeren Mausoleen; er schließt nach oben bald glatt ab, bald ist er bekleidet mit speerähnlichcn Zinnen, viele sind auch»lit Geländern in den verschiedenartigsten Mustern verziert, zuweilen ver- unziert. Im unteren Theile des Gebäudes ist regelmäßig ein Säulen- gang angebracht, in Spitzbogen auf einer quadratischen Basis, zu wel- cher bis zu vier Stufen emporführen. Die Wände sind weiß getüncht, zuweilen grün gemustert. Jedes größere Grab hatte seine Moschee oder eine Mussalla(Kapelle) und besteht meist aus einer gegen Osten sich öffnenden Halle mit einer Mihrab oder Gebetnische gegen Westen und einem Minarct(Gebetruferthurm) aus jeder Seite. Diese Mina- rete sind dnrchgehends von gleicher Bauart; Kuppel und Halsstück sind stets eine Moschee im kleinen, der Schaft ist entweder rund oder viel- kantig und von einer oder zwei Galerien unterbrochen; viele dieser Minarets sind Spielzeuge des Baumeisters und waren niemals zum Gebrauche der Gebetrufer mit Treppen versehen. Die schönsten dieser Mausoleen sind das Grabdenkmal des Sultan Abdallah Kutb Schah, in der Mitte und zwar im Hintergrunde unseres Bildes gelegen. Bon ähnlich großartig schönen Bauverhältnissen zeigt das Grabmal seiner Mutter Fatinah, links im Hintergrunde unseres Bildes. Das Grab- mal in der Mitte des Vordergartens, welches außerhalb der Umfas- sungsmaucrn steht, und die Gebeine des Erbauers von Haidarabad (Löwenstadt) birgt, zeichnet sich durch edle Einfachheit aus; andere sind überladen mit Stuck oder mehr gekünstelt als künstlerisch. Diese drei Mausoleen sind auch der orientalischen Sitte zuwider nicht versallen, sondern Maurer bessern die Vierung aus, eine Sorgsalt, welche Hai- darabad mit andern mohamedanischen Staaten nicht theilt. Das In- nere der Grabdenkmäler ist mit sich schneidenden Bogen in unendlicher Mannichfaltigkeit ausgeführt und erinnert an die Gräber der Mame- luken vor dem Siegesthore in Kairo(Aegypten).(Schluß folgt.) Eine Urwaldlandschaft mit Bewohnern.(Schluß.) Ein wesent- liches Merkmal aller Affen, das sie von den Menschen scheidet, liegt in der Bildung der Hände und Füße. An ihren Hintersüßen finden sich nämlich süns Zehen, von welchen vier in gleicher Linie stehen, während die innerste einen den übrigen Zehen entgegensetzbaren Daumen bildet, welcher stets mit plattem Kuppennagel versehen ist, wogegen die anderen Zehen zuweilen Krallen tragen. Auch die Vordersüße enden in eine ebenso gebildete Hand. Die vorderen Extremitäten sind länger als die hinteren, welche ebenso wie das Becken und die Wirbelsäule bei keinem Affen, wie beim Menschen, zum ausrechten Gange eingerichtet sind. Die Schenkel sind zu dünn und ihre Muskulatur ist zu schwach, als daß sie für sich allein und ans die Daner den Körper zu tragen vermöchten, wie dies zum Aufrechtgehen erforderlich ist. Daher nimmt der Affe nur, wenn er dazu gezwungen wird, eine aufrechte Stellung an und vermag sich dann nur mit Hülse eines Stockes darin zu erhalten. Seine natürlichste Ortsbewegung ist das Klettern, worin er kaum von einem anderen Thiere übertroffen werden dürfte. Diese Geschicklichkeit beruht aber nicht nur auf der oben beschriebenen Einrichtung seiner Extremitäten, sondern auch in der Zuhülfenahme eines Wickel- oder Greisschwanzes. Mittels dieser seinbehaarten und sehr beweglichen Rückgratsverlängerung hängt sich der vierhändige Turner im Hinter- gründe unseres Bildes an einem Baumaste auf und bringt sich durch Schaukeln in einen Schwung, der groß genug ist, um ihn, nachdem er sich losgelassen, über einen ziemlich großen Zwischenraum hinweg auf einen andern Baum gelangen zu lassen. Das graubraune Haarkleid, welches am Unterleib ins bläuliche und grünliche hinübcrspielt, bedeckt den ganzen Körper, mit Ausnahme einzelner Stellen des Gesichtes, der inneren Handfläche und häufig des Gesäßes. Den Schluß der Affencharakteristik möge dasjenige Organ bilden, welches dem Brüllaffen nicht nur den Namen gegeben hat, sondern ihn auch zu einer wahr- haften Landplage stempelt. Besagtes Brüllorgan ist eine weite Knochen- blase an dem Zungenbein, die von dem sehr hohen Unterkiefer beschützt wird, mit dem Kehlkops in Verbindung steht und die Stimme un- gemein verstärkt. Da alle Mitglieder einer Brüllaffenfamilie sich an dem Konzert betheiligen, so kann man sich das schauerliche Geheul dieser eigenthümlichen, unheimlichen und menschenscheuen Geschöpfe vor- stellen, das man in der Nähe nur dann belauschen kann, wenn man sich schlau heranschleicht. Das nächtliche Miauen unserer Katzen ist eine Orgelsonate gegen dieses pfauchende und zugleich zischende Heulen der jungen Brüllaffen, welches von dem Brummen und Grunzen der Alten begleitet wird. Sie scheinen alle Töne von der sehnsüchtigen Schwer- muth bis zur rasenden Verzweiflung in ihr Register aufgenommen zu haben. Wie unsere Katzen bei den nächtlichen Zusammenkünften, schwei- gen auch die Brüllaffen zuweilen plötzlich wie auf Kommando, dann hört man wieder, wie als Einleitung, kurze dumpfe Töne wie U, U, U, endlich fällt die ganze Gesellschaft, den heulenden Derwischen nicht un- ähnlich, mit kräftigem Gebrüll ein, daß es trommelnd und donnernd in den Urwald hineinschallt. Gleichwie sich die Brüllaffen von ihren munteren Stammverwandten durch einen eigenthümlichen Ernst unterscheiden, mit dem sie ihre Konzerte aufführen, ebenso verschieden sind sie in Bezug aus Schnelligkeit der Bewegung. Wenn die ausgestellten Posten keine Gefahr wittern, klettert die vierhändige Konzertgeselljchast während ihrer Brüllproduktion lang- sam ans und nieder, zieht sich aber bei jeder feindkichen Annäherung vorsichtig in das Innere des Waldes zurück. Gleicher Vorsicht befleißen sich auch die Ameisenfresser, Beutellhiere, Waschbären und Wickelbären. Diese Schilderung paßt, wie schon oben angedeutet wurde, nur für die Morgenstunden. In den heißen Mittagsstunden herrscht eine fast un- heimliche Stille, ja, man reitet weite Strecken, ohne einen Vogel oder ein Säugethier zu erblicken. Um so zahlreicher ist um diese Zeit der Weg von Insekten belebt, besonders von grellfarbigen Schmetterlingen, welche zu vielen taufenden umherfliegen und die feuchten Stellen am Wege aufsuchen. Es gewährt einen seltsamen Anblick, wenn man durch eine solche von unzähligen Schmetterlingen bedeckte Stelle reitet, die dann, aufgestört, den Reiter in eine wahre Wolke hüllen. Es gehört auch nicht zu den seltenen Unannehmlichkeiten, daß das Pferd vor einer auf der Straße in der Sonne zujammengeringelten Schlange erschrickt und, plötzlich aufbäumend, den Reiter abwirst. Wenn die Sonne sinkt und schwarze Nacht sich über den Urwald breitet, wiederholen sich die- selben Szenen, wie am frühen Morgen. Dann beginnt das nächtliche Thierleben, und erst in voller Dunkelheit meldet sich die schrecklichste Plage der paradiesischen Tropen, die Wolke der blutgierigen Mosquitos, vor deren Biß weder der Rauch der Lagerfeuer, noch die dichteste Klei- dung zu schützen vermag. Wenn wir schließlich noch die fieberathmenden Sümpfe des tropischen Urwaldes mit ihrem scheußlichen Gewürm in Betracht ziehen, so gelangen wir zu der tröstlichen Erkenntniß, daß der Aufenthalt in den harzduftenden Fichten- und Tannenwaldunaen der gemäßigten Zone für die Menschen ersprießlicher ist. Die befiederten Sänger unserer lauschigen Haine entschädigen unZ trotz ihrer unscheinbaren Farbe und Gestalt sür alle Farbenpracht und Formenfülle der Tropen. vr. M. T. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Rothberg-Lindener(Fortsetzung).— Der Heros des Gründerthums, von vr. A. Mülberger(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fort- setzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Stilistischer Unsinn auf dem Gebiete unserer Kunstindustrie(mit Illustration).— Gräberstadt in Golkonda(mit Illustration).— Eine Urwaldlandschast mit Bewohnern(Schluß). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.