Die Zene Woll No 46. Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Rudolf Savant. ( Fortsetzung.) Der Maler hielt inne und musterte mit einem gewissen Mißtrauen die Mienen seiner Zuhörer; er suchte förmlich nach einem ironischen Lächeln, aber seine jungen Freunde blickten in Gedanken vor sich nieder und schienen gar nicht daran zu denken, daß der Enthusiasmus des Erzählers eine komische Seite haben und ihm gelegentlich als sträfliche Sentimentalität angerechnet werden könne. Die gespannte und umwölkte Miene Reinisch's löste und lichtete sich bei dieser beruhigenden Wahrnehmung wieder und in verändertem, aber gleichmäßigen Tone fuhr er fort: ,, Das war also die Unterredung, bei der ich mindestens ebenso dilatorisch behandelt worden bin, wie seiner Zeit Benedetti vom Grafen Bismarck. Ich war keineswegs beruhigt, wie ihr euch denken könnt, sondern eher ernstlicher beunruhigt, als vorher und ich hätte fast wünschen mögen, das seltsame Mädchen hätte mir weniger imponirt- es würde mir dann eher eine Hoff nung geblieben sein, ihre leidenschaftliche Liebe zu Curt, die sich so wohlthuend geäußert, werde alle die Dämme durchbrechen und fortreißen, die sie selber aufgeworfen, sie werde in einer Stunde weicher Zärtlichkeit der Beredsamkeit Curts erliegen und all ihre Trennungsvorsätze vergessen. Um diese Hoffnung war es nun herzlich schlecht bestellt. Sie gehörte augenscheinlich nicht zu den Frauen, die vom Augenblick bestimmt werden und die nur auf den Augenblick warten, in dem sie sich mit guter Manier ein, Ja' abschmeicheln, abdringen, abtrogen, ja abzwingen Lassen können, und die innerlich ganz damit einverstanden sind, daß ihr Widerstand gebrochen wird, vorausgesezt nur, daß sie sich zu ihrer Rechtfertigung und Entschuldigung auf die Schwäche ihres Geschlechts überhaupt oder auf eine momentane Schwäche und auf die Leidenschaft und Energie des Willens berufen können, der ihnen entgegenstand. Ich hätte Curt so gern ein günstigeres Horoskop gestellt, aber worauf sollte ich ihn noch vertrösten? Daß steter Tropfen einen Stein höhle und daß Leontine's Herz sicherlich kein Stein sei? Das war ja an sich ein ganz guter Sah, ein Sah, der Hände und Füße hatte, aber das Mädchen hatte mir eben einen heillosen Respekt eingeflößt. Ich hätte sie vielleicht überspannt oder exzentrisch nennen können, aber auch das wollte nicht verfangen; in allem, was sie gesagt, war zu viel gesunder Verstand gewesen und erzentrische Naturen haschen nach starken und ungewöhnlichen Ausdrücken, statt schlicht und einfach zu sagen, was sie denken und fühlen. Sie war mir 1880. | ein Räthsel, wie sie ein Räthsel für Curt war, und wie sollte das alles noch enden? Um hundert andere Männer wäre mir feine Sekunde bange gewesen, und ich hätte lachend die Achseln gezuckt, aber was die einen wie eine Flaumfeder fortblasen, zerdrückt dem andern mit Centnerlast das Herz, und es überfiel mich wie eine Regung schmerzlichen Mitleids, als Curt wieder ins Zimmer trat; er warf mir nur einen Blick zu, aber in diesem ich einen Blick lag eine sorgenvolle, ungeduldige Frage und konnte ihm nicht mit froh- listigem Augenzwinkern zunicken, wie er es doch vielleicht hoffte. Jedenfalls ließ er sich nichts von einer etwaigen Enttäuschung merken, sei es nun, daß seine Hoffnung eine ganz vage und von ihm selber bestrittene gewesen, sei es, daß er schon bei jener müden Resignation angelangt war, welche die Hände in den Schoß legt und die Dinge gehen läßt, wie sie mögen. Mit der Fassung und Standhaftigkeit, die ich schon manchesmal an ihm bewundert hatte, zeigte er uns ein ruhiges, beinahe vergnügtes Gesicht, erzählte lebhaft und humoristisch von den Schrullen und Wunderlichkeiten des erzbraven, alten Forstmanns, der recht eigentlich einen Narren an ihm gefressen habe, und veranlaßte dadurch auch Leontine, von ihrem Vater und mancherlei Orginalen unter seinen Berufsgenossen zu erzählen, mit Frische und Anschaulichkeit und jenem feinen Sinn fürs Komische, der ja schon bei den kleinsten Schulmädchen mehr entwickelt zu sein pflegt, als bei viel älteren und gereifteren Knaben. War das noch dasselbe in allen Tiefen der Seele aufgewühlte Mädchen von vorhin? Vor einer halben Stunde melancholisch und tiefernst und nun das Urbild graziöser Laune, der es sogar an einem Zuge von Uebermuth und Neckerei nicht fehlte auf welche Elastizität des Geistes oder welche übermenschliche Kraft der Selbstüberwindung ließ dieser Wechsel schließen! Die beiden einander so wahlverwandten Menschen, die man sich taum mehr getrennt denken konnte, wenn man sie nebeneinander gesehen, neckten sich zuletzt in so feiner und liebenswürdiger Weise, daß mir die ganze Unterredung mit dem Mädchen wie ein beklemmender Traum erscheinen wollte, wenn mir auch im nächsten Augenblick der Gedanke kam, der rastlose Wechsel zwischen solchen Stunden und denen des fragenden Blicks in die Bukunft müsse endlich das widerstandsfähigste Nervensystem rettungslos zerrütten. Unter dem Einfluß dieses Gedankens kam mir auf einmal Curts Heiterkeit gemacht, erkünstelt und forcirt vor oder mindestens überreizt; dem Mädchen, das ich allerdings V. 14. August 1880. nicht so genau wie ihn kannte, war schlechterdings nichts anzu merken, wie sorgfältig ich sie auch beobachtete. 542 Der Mond war aufgegangen und goß sein kaltes, flares Licht über die weite schneebedeckte Fläche, als wir die Heimfahrt antraten. Ueber uns die volle glitzernde Sternenpracht eines stahlblauen Winterhimmels, glitten wir unter dem muntern GeKlingel der Schellen auf der Straße dahin; es war nicht zu kalt, die dichten zottigen Bärendecken hielten die Füße warm, der Ungar wein tobte mir in den Adern und so überkam mich allmälich ein Gefühl traumhaften Behagens, das ich nicht so recht zu definiren vermochte. Mein Blick irrte von Sternbild zu Sternbild, ich lauschte auf das gedämpfte Bellen der Hunde in den Dörfern abseits der Straße und auf das Schnauben und Wiehern unserer Pferde, und dazwischen hinein auf das theilweise in ungarischer Sprache geführte Geplauder der beiden schönen Menschenkinder mir gegenüber. Curt sprach das Ungarische nur nothdürftig und gebrochen, er hatte noch nicht lange mit der Erlernung dieser Sprache begonnen, die Leontine gleichzeitig mit dem Deutschen spielend erlernt hatte, und seine Sprachfehler und sein Suchen nach Ausdrücken schienen das schöne Mädchen, das sich dicht und vertraulich an ihn geschmiegt hatte, umsomehr zu belustigen, je mehr fie gewohnt war, in dem Geliebten den Inbegriff alles Wissens zu sehen und bewundernd zu ihm emporzuschauen. Ueber Curt kam mit der Zeit eine fast wilde Lustigkeit und er meinte zuletzt: Ich halte das Sihen nicht mehr aus, ich muß ein Stück laufen, damit ich müde werde!' und damit hatte er auch den Mantel abgeworfen und war aus dem Schlitten gesprungen, ohne zu fallen oder auch nur zu taumeln, und rief dem Kutscher zu: Weiter fahren! Die Pferde waren im scharfen Trab, er blieb aber nicht zurück und folgte uns dicht, mit dampfendem Athem, leuchtenden Augen und von der Kälte gerötheten Wangen. Es war ein Vergnügen, ihn in der knappen, blauen Montur mit dem firschrothen Sammtfragen laufen zu sehen, leichtfüßig wie ein Reh, ein wenig nach vor gebeugt, die Hände in den Hüften, und als er endlich doch zu ermüden begann, eilte er vor an die Seite des Schlittens, voltigirte mit vollendeter Eleganz über die Seitenwand, als sei er auf dem Turnplaß, und steckte seine Hand in scherzender Zärtlichkeit in den Muff der momentan überraschten Geliebten, die dem Kutscher eben hatte sagen wollen, daß er halten möge. Gleich darauf gewahrten wir rechts von der Straße einen Schlitten und der laute Knall der um den Kopf des Lenkers geschwungenen Peitsche unterbrach die tiefe Stille der Nacht. Wir passirten gerade eine Kreuzung der Straße, als der Schlitten dicht vor uns blitzschnell in dieselbe einbog und dem Insassen eben nur Zeit ließ, uns ein höfliches:, Servus! und viel Vergnügen noch, meine Herrschaften!" zuzurufen. Er hatte uns dabei das Gesicht zugewendet und das Mondlicht fiel voll auf seine Züge; es war einer von den sogenannten, bildschönen' Männern, herkulischer Bau, breite Schultern, krauses Haar, verwegner Schnurrbart und ein weniger edles als energisches Gesicht. Was war das aber gewesen? Hatten die Worte des fremden Offiziers -er trug die Ulanenuniform nicht einen eigenthümlich spöttischen, ja höhnischen Beigeschmack gehabt, der vielleicht gerade in der übertriebenen Höflichkeit der Begrüßung lag? Geirrt hatte ich mich nicht Curt hatte nichts erwidert, sondern nur nachlässig an die Müze gegriffen, sein Gesicht aber war mit einem male finster, fast drohend geworden und drückte eine tiefe, instinktive Abneigung aus. Ich sah Leontine unwillkürlich fragend ankannte auch sie den Offizier? Auch sie schien unangenehm berührt von der Begegnung; die feinen Brauen zogen sich auf einen Moment zusammen und sie sah ganz aus, wie jemand, der unerwartet auf eine Natter getreten ist ein unwillkürliches Erschrecken, ein an Ekel streifender Widerwille prägten sich in ihrem Gesicht aus und ein bitterer Zug lagerte sich um den schönen Mund. Aber das alles war ebenso blitzschnell verschwunden, als es gekommen, und als sie sich gleich darauf lächelnd mit einer gleichgültigen Frage an Curt wendete, fragte ich mich allen Ernstes, ob ich mich nicht getäuscht. Curt schien entschlossen, den unangenehmen Eindruck von sich abzuschütteln, er beantwortete meinen fragenden Blick durch ein kaum merkliches Kopfschüt teln und ein rasches Blinken der Augen und erklärte Leontine ein schönes Sternbild, auf das sie ihn aufmerksam gemacht hatte, in so unbefangenem Tone, daß ich anfing, zu glauben, ich sei nervös überreizt und infolge dessen geneigt, Gespenster zu sehen. ,, Aber ich hatte nur zu richtig beobachtet. Wir waren in der Nähe der Kettenbrücke angelangt, als der Schlitten hielt; Leontine stieg rasch aus, reichte erst mir, dann Curt die Hand, flüsterte: , Auf Wiedersehen gute Nacht!' und war im Nu in einem Seitengäßchen verschwunden. Wir fuhren bis vor Curts Wohnung und er fragte in so zuversichtlichem Tone:, Sie nehmen doch noch eine Tasse Thee bei mir? daß ich, obgleich recht müde, schweigend einwilligte. ,, Der heiße Thee war bereits getrunken, als ich meinem jungen Freund, dem man es ansah, daß ihm die Frage nach meiner Unterredung mit Leontine nicht über die Lippe wollte, wenigstens insofern zu Hülfe kam, als ich fragte: der Sie kannten den Offizier, der uns auf der Chaussee vorfuhr? er scheint Ihnen durchaus nicht sympathisch zu sein?" ,, Die Antwort flang recht übellaunig., Graf Borkiewicz, von den Ulanen, ein Wasserpolake aus der teschener Gegend ärgste Mädchenjäger in Prag- ein ganz gewiffenloser, seichter und frivoler Kunde, über dessen Leben und Treiben ich zu viel weiß, um ohne Widerwillen an einem Tische mit ihm zu ſizen. Um so fataler ist es mir, daß er sich mit seiner falschen glatten Sarmatenhöflichkeit überall an mich herandrängt, fest entschlossen, wie es scheint, meine kühl ablehnende Haltung nicht zu bemerken. Wir beiden sind unverträglich wie Feuer und Wasser und wenn ich ihn nur von fern sehe, habe ich stets das bestimmte Vorgefühl, daß wir früher oder später einmal hart aneinander gerathen. Es erbittert mich, daß er sich nicht abschrecken läßt und so oft er sich mit seinem süßlich- faden Lächeln an mich wendet, habe ich jederzeit gute Lust, ihn mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, damit endlich einmal reine Wirthschaft zwischen uns werde." „ Ich glaubte nun dem Geheimniß auf der Spur zu sein; der polnische Don Juan hatte sich Mühe um Leontine gegeben, war vielleicht sogar zudringlich gegen sie geworden, Curt hatte das von ihr erfahren und haßte ihn, wie energische Männer eben den zu hassen pflegen, der ihnen ins Revier kommt, und reizbare den, der von der Frau, für die sie schwärmen, eine geringere Meinung zu haben wagt. Ich sagte also mit einem vielleicht etwas ironischen Lächeln: , Sollte das wirklich der einzige Grund Ihrer Abneigung sein? sollte Ihnen der Herr Ulan nicht in einem konkreteren Falle Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben haben?" Aber Curt wollte mich nicht verstehen oder er verstand mich wirklich nicht, denn sein:, Das ich nicht wüßte es wären dann auch ganz gewiß Späne geflogen!' klang so unbefangen und aufrichtig, daß ich wieder irre wurde. Ahnte er nichts davon, daß Leontine den Verhaßten kannte, war ihm ihre unmuthige Bewegung bei der Begegnung mit demselben entgangen? Jedenfalls wünschte ich mir Glück dazu, nicht mit der Thür ins Haus gefallen zu sein und beschloß, meine Wahrnehmung, die mir ja selber ein Dorn im Fleische war und die immerhin ein Irrthum sein konnte, fein vorsichtiglich für mich zu behalten, statt vielleicht ohne alle Noth Del ins Feuer zu gießen. Wenn ich erst noch ein wenig sondirte, ergab sich vielleicht eine andere und weniger bedenkliche Erklärung für jene Wahrnehmung. Nach einer kurzen Pause fuhr ich denn in wirklichem Mitleid mit der Spannung, in der der junge Mann sich befand, in möglicherweise etwas erkünfteltem Enthusiasmus fort: 172 Was fümmert uns übrigens heute der Ulan? Sie wollen wissen, wie mir Ihre Geliebte unter vier Augen gefallen hat, und da kann ich wohl weiter nichts thun, als Ihnen von Herzen Glück wünschen; Sie sind ein richtiges Sonntagskind und haben da ein großes Loos gezogen. ,, Meine Worte machten Curt sichtliche Freude- seine Augen blizten auf, aber mit der Feinfühligkeit, die ich schon so oft an ihm bewundert hatte, sagte er gleich darauf: , Etwas weniger wäre wohl mehr gewesen!' " Ich wollte mich aber nicht werfen lassen, war auch schon zu weit gegangen und fuhr also eifrig fort: Wissen Sie, daß mir das viel, viel zu kühl klingt? Ganz gewiß sind Sie um dieses Mädchen zu beneiden, das allen Adel einer in sich gefesteten Frauennatur mit dem Reiz des frischen Naturkinds verbindet. Ich will einmal ganz von ihrer eigenartigen Schönheit absehen, in der sich der polnische und der deutsche Typus aufs glücklichste mischen und die dann doch noch ihren ganz individuellen Tit hat, aber sie hat jedenfalls ebensoviel Herz als Verstand und Charakter ,, Während der Charakter der meisten Frauen darin besteht, feinen zu haben sehr richtig, aber was wollen Sie mir da mit neues sagen?" ,, Das beabsichtigte ich auch nicht ich wollte Ihnen nur zu bedenken geben, daß sich an dem Glück, von einem so seltnen Geschöpf so innig und rückhaltlos geliebt zu werden, wie es Ihnen widerfährt, auch der Beste und der Verwöhnteste berauschen darf!" Curt nichte nur. Alles sehr schön, doch das müssen Sie mir nicht sagen. Ich hasse die starken Ausdrücke, weil sie unablässig gemißbraucht werden, während man doch so sparsam und vorsichtig als möglich mit ihnen umgehen sollte, von diesem Mädchen aber könnte ich nur in Hyperbeln sprechen und alle Besonnenheit würde einen Brief über sie nicht vor dem Schicksal bewahren, von aller Welt für einen Hymnus erklärt zu werden. Ich wußte auch, daß Sie entzückt von ihr sein würden, da ich sicher sein konnte, daß sie Ihnen, meinem Freunde, freundlich begegnete, was ich also von Ihnen zu wissen begehre, ist-" Er stockte und ich ergänzte:" ,, ob es mir gelungen ist, sie zum Sprechen darüber zu bringen, warum sie Bedenken trägt, Ihre Frau zu werden, die Frau dessen, den sie doch abgöttisch liebt?" Curt hatte den Kopf in die Hand gestüßt und sagte müde und melancholisch: ,, Nun ja, aber es ist eine Thorheit von mir, Sie zu examiniren hätte sie Ihnen Günstiges gesagt oder auch nur greifbare Gründe angeführt, Sie hätten längst Ihren Rapport erstattet von freien Stücken." ,, Aber lieber Freund, jetzt lassen Sie die gewöhnliche beson nene Ueberlegung vermissen. Haben Sie wirklich geglaubt, ich 543 würde die Courage haben, diesem Mädchen in den ersten Stunden unseres Bekanntseins so zarte Fragen vorzulegen? Haben Sie wirklich geglaubt, sie würde solche Fragen beantworten?" ,, Der Gedanke ist allerdings zum Lachen, denn Leontine würde auch einem Keckeren, als Sie, imponiren, aber sie konnte sehr wohl die Auseinandersetzung provoziren, wenn es ihr erwünscht schien, lieber Ihnen als mir ihre Gründe zu nennen, und auf eine solche Geneigtheit ihrerseits hatte ich halb und halb gehofft das war's, lieber Reinisch." ,, Gut also! Für mich konnte es sich nur darum handeln, das Mädchen persönlich kennen zu lernen, um zu einer festen Ueberzeugung darüber zu gelangen, ob sie in jeder Beziehung dem Bilde entsprach, das ich mir von Ihrer Frau nothwendig machen mußte, ob ihre Person mir eine Gewähr bot für Ihr Lebensglück. Diese Gewißheit habe ich erlangt und da sie diesen reizbaren, nervösen, ungeduldigen Menschen da ganz unvernünftig liebt, so wird sie schließlich gewiß so vernünftig sein, ihn zu heiraten, da er's nun einmal so haben will. Glauben Sie mir, Ihre allerdings sehr verzeihliche Ungeduld sieht viel zu schwarz und traut einem Mädchenwillen, der doch nur dazu da ist, gebrochen zu werden, die Stärke des eignen zu. Was soll sie schließlich auch Stichhaltiges dagegen einzuwenden haben, die Frau des liebenswürdigsten, geistvollsten, solidesten und verliebtesten jungen Kriegsmanns zu werden, der je das, F. J. I.' in der Kokarde trug!?" ( Fortsetzung folgt.) Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems. Von Rothberg- Lindener. ( Fortsetzung.) Aber Zöllner belehrt uns endlich in dem Abschnitt ,, Gravitation und Elektrizität", daß in den Körpern nicht weniger als vier elektrische Potentiale vorhanden seien, aus deren Wechselwirkung die Gravitation der Materie hervorgehe. So verweist er uns von immaterieller Anziehungskraft auf immaterielle elektrische Fernwirkung, und wir sind so klug, als wie zuvor. Isenkrahe führt Zöllners Grundansicht über Gravitation auf die anderweit von demselben behaupteten Lust- oder Unlustgefühle beseelter Atome zurück. Wir aber machen an dieser Pforte ins transzendente Nichts kehrt und wenden uns zu Spillers Gravitationstheorie, die er auf die Hypothese eines konstanten Aetherdrucks stüßt, vor welchem die Himmelskörper auf den zugewandten Seiten einander zum Theil schüßen sollen. Isenkrahe wendet dagegen richtig ein, daß eine feste Wand den dahinter Stehenden wohl vor einem Wind stoß, nicht aber vor dem konstanten Luft- oder Aetherdruck schützen tönne. Thomson versucht die Gravitation auf die Wirkung von, neben den gröberen Atomen des zwischen den Weltkörpern befindlichen Mediums umherschießenden, ungemein feinen Wirbelatomen zurückzuführen, kommt also im wesentlichen wieder auf Lesage's Theorie hinaus und fällt auch mit derselben. Thomson nimmt gleichfalls den gegenseitigen Schutz der cölesten Massen an; aber ein solcher ist bei seinen Voraussetzungen ebensowenig, wie bei konstantem Druck zu beweisen möglich: denn wer entfernt dann die Wirbelatome zwischen den zugekehrten Seiten dieser Massen? Schramm stüßt sich auf einen ähnlichen Gedanken; aber er schiebt statt des Schußes das Wesentliche auf die Verzögerung der Ankunft der Moleküle des Mediums bei ihrer Reflexion ( Burückwerfung) an den zugewandten Seiten der Massen. Eine derartige Verzögerung der Ankunft wäre aber nur von Bedeutung, wenn wir uns einen Anfangszustand für diese Gravitations wirkung denken wollten, da nach der ersten Zeitspanne dann doch, ob reflektirt oder auf direktem Wege, gleichviel Atome von jeder Seite auf den Himmelskörper aufprallen müßten. Fritsch geht gleichfalls bis auf die angenommenen kleinsten Theilchen( Moleküle) der festen Massen und des Aethers zurück, sieht dieselben stets für vollkommen hart, d. h. in ihrer Form unveränderlich oder unelastisch an und läßt die Gravitation durch den Stoß dieser harten Moleküle zustande kommen. Er stützt sich dabei aber auf das Gesetz für den Stoß elastischer Körper und wird deswegen von Isenkrahe's kritischer Lanze aus dem Sattel geworfen. Und in der That können wir uns von Elastizität nur eine Vorstellung machen, wenn wir die Definition auf ein ganzes System materieller Theilchen, also auf geformte Körper beziehen. Verstehen wir also unter Elastizität die Eigenschaft eines Körpers, deformirt( d. h. nach Verschiebung seiner kleinsten Theile aus ihrer inneren Ruhelage) eine Spannung zu äußern, so kann man unmöglich dieselbe Vorstellungsweise auf die kleinsten Theilchen, die als selbst untheilbar zu denkenden Moleküle, wiederum anwenden, wenn die hypothetische Annahme von solchen überhaupt noch einen bestimmten Sinn behalten soll. Secchi sieht die Atome des feinen Mediums nicht als elastisch an, setzt aber dafür voraus, daß sie außer ihrer Fortbewegung im Raum( der sog. translatorischen) noch eine drehende( oder Rotations-) Bewegung um ihren Mittelpunkt besitzen, und sucht zu beweisen, daß beim Zusammenstoß rotirender Atome die Größe der fortschreitenden Bewegung auch bei vollkommner Starrheit derselben unvermindert bleiben kann, wenn ein Theil der rotirenden Bewegung in translatorische umgewandelt wird. Hierbei kommt Secchi aber doch in Konflikt mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft, denn soviel Energie die rotirende Bewegung an die fortschreitende abgibt, geht immerhin dem ganzen Körper verloren. Isenkrahe weist nun ausführlich nach, daß der weitere Versuch Secchi's, auf dieser Grundlage eine Gravitationstheorie zu errichten, auch unhaltbar ist. Und doch ist grade dieser einer der Hauptpunkte, an denen auch Isenkrahe's eigener Versuch einer Theorie der Schwere in die Brüche geräth. Man sollte meinen, daß dieser Physiker durch das eingehende Studium und die zumeist sehr scharfsinnige und zutreffende Kritik seiner Vorgänger nun glücklich alle zu vermeidenden Klippen bei dieser schwierigen Materie herausgefunden hätte; dem ist aber nicht so. Er scheint für die Auffassung des Sages von der Erhaltung der Kraft in der ganzen von der Gesammtwissenschaft für ihn nachgewiesenen Ausdehnung gar keine Zugänglichkeit zu besitzen, und wo derselbe über die Grenzen der strengen Kinetik hinausgreift, gibt er ihn ohne Bedenken preis. Er beschränkt sich auf die Anerkennung der Erhaltung der Bewegungsquantität( das ist das Produkt von Masse und Geschwindigkeit eines Körpers) beim Stoß; aber schon bei dem Versuch, diesen Saz als giltig auch für den Stoß starrer Massen zu zeigen, treibt er leere mathematische Spiegelfechterei. Er sagt hierüber: Ich weiß nicht, wie einer sich überhaupt sträuben konnte, die Erhaltung der Bewegungsquantität zuzugeben. Denn sogar in 544 dem Fall, wo zwei starre Körper von gleicher Masse in centralem| die Geschwindigkeiten vor dem Stoß gleich und entgegengesetzt Stoß gegen einander fliegen und sofort beide zur Ruhe kommen, waren, so kann man sie mite und te bezeichnen, also war ist doch die Bewegungsgröße erhalten geblieben. Weil nämlich die Summe der Bewegungsquantitäten me+ me= 0, und Karpeles. A Das Rathhaus der prager Judenstadt.( Seite 550.) nach dem Stoß ist sie auch gleich Null." Wenn anders der Gebrauch mathematischer Formeln in der Physik einen Sinn haben soll, so müssen dieselben doch wohl der kurze, aber genaue Ausdruck für den in einem gegebenen Moment bestehenden Zustand eines physischen Vorgangs sein! Wie kommt aber Isenkrahe dazu, die Bewegungsgröße der einen von zwei Massen vor dem Stoßda beide noch garnichts mit einander zu thun haben, wenn auch Herr Isenkrahe schon weiß, daß sie später central 545 zusammenstoßen werden negativ zu setzen und sie von der andern abzuziehn? Betrachtet man auch die beiden bewegten quantität vor dem Stoß unter obigen Voraussetzungen gleich der Summe der einzelnen, also ist gleich zweimal dem Produkt jeder Massen als ein System von zwei Partikeln, die sich gegen den Massenmittelpunkt bewegen, so ist und bleibt doch die Bewegungsnicht aber gegebenen, gleichen Masse mal ihrer Geschwindigkeit gleich Null, wie Isenkrahe uns glauben machen will. Seien Weißwurmfang an der Elbe.( Seite 551.) Gleichung hat mit diesem Vorgang garnichts gemein; denn nach dem Stoß starrer Massen, die völlig ihre fortschreitende Bewegung eingebüßt, haben wir dann eine der Summe ihrer Bewegungsgrößen gleichwerthige Quantität Wärme oder Molekularbewegung, welche Thatsache für Isenkrahe garnicht zu existiren scheint. Uebrigens aber fußt Isenkrahe wie seine sämmtlichen genannten Vorgänger, mit Ausnahme von Newton, Zöllner und Spiller, auf der huyghens'schen grundlegenden Hypothese, und zwar wendet er auf das materielle Medium, in dem die gravitirenden Massenkugeln schweben, die von Clausius und Krönig in neuerer Zeit ausgebildete sogenannte kinetische Gastheorie an, wonach seine Atome mit irgend welcher durchschnittlichen Geschwindigkeit den Raum durchfliegen", und bemerkt weiter darüber:„ Eine weitere Voraussetzung auszusprechen, ist eigentlich nicht mehr nöthig. Denn wenn wir etwa sagen wollten, wir denken uns die Aetheratome unelastisch, so ist das durchaus keine positive Voraussetzung, welche zu späteren Schlüssen die nöthige Grundlage zu liefern hätte, sondern es ist nur ein ausdrückliches Verzichten auf die Sen Atomen von andern beigelegte Kraft der elastischen Reaktion. Außerdem ist die Starrheit, wie früher gezeigt, eine schon im Begriff des Atoms gegebene Qualität." Jenkrahe will aber auch auf seine Weise das Prinzip der Erhaltung der Kraft ( Bewegungsquantität) zur Anwendung bringen und argumentirt daher an anderer Stelle folgendermaßen: Zunächst erinnere ich daran, daß die Stoßformeln für zwei beliebige Massen identisch werden mit den gewöhnlich für elastische Körper entwickelten, so bald man das Prinzip von der Erhaltung der lebendigen Kräfte in Anwendung bringt.... Daher können wir im folgenden statt des Ausdrucks:, starre Massen, deren Bewegungen nach dem Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kraft erfolgen,' immer einfach sagen:, vollkommen elastische Körper."" Das ist in der That doch ein gar zu autoritatives Verfahren; als ob des Mathematikers Formel die Zauberpfeife wäre, nach der Atome und Körper nicht blos tanzen, sondern auch ihre Natur wandeln müßten, bald unelastische, unter ausdrücklichem Verzicht auf elastische Reaktion, bald zwar auch unelastische, aber in ihrem Verhalten, einfach zu sagen, vollkommen elastische Körper sein könnten"! Wir lernen eben auch durch Isenkrahe nicht die wahre Natur der Moleküle kennen, und das ist ganz erklärlich: er kann sich ebensowenig wie andere Leute ganz positiv über das aussprechen, was er zu sehen oder zu beobachten keine Möglichkeit gehabt hat und daher, einfach zu sagen, nicht weiß. Zudem scheint die Berechtigung, die kinetische Gastheorie, die auf Beobachtungen an Gasen beruht, welche innerhalb fester Wände eingeschlossen sind und in einen gewissen Spannungs zustand versezt oder in demselben erhalten werden, auf das intraplanetarische Medium anzuwenden, durchaus nicht so auf der Hand liegend, da wir dieser gasartigen Materie bei ihrer unbegrenzten man kann nicht einmal sagen Ausdehnungsmöglichkeit sondern nur: bei ihrem unbegrenzten Ausgedehnt 546 sein, doch keinen unsern in Gefäßen eingefangenen Gasen, oder auch nur der Atmosphäre ähnlichen Spannungszustand zuschreiben können. Und wenn J.'s Hypothese, daß der Aether sich kinetisch unsern bekannten Gasen gleich verhalte, sich noch fruchtbar erwiese als Stüße für seine Theorie der Gravitation! Aber während er das Gravitiren zweier Körper gegen einander, wie andere seiner Vorgänger, auch auf den Schuß basirt, den von einer Seite jeder dem andern gewährt gegen den ,, Aetheratomhagel", ist doch gar nicht einzusehen, warum sich die zwischen den zugewandten Seiten der Körper befindlichen Aethergasmassen nicht kinetisch ganz ebenso, wie zufällig an einem andern Ort befindliche verhalten sollten in ihrer nach allen Seiten mit reißender Geschwindigfeit herumschießenden Weise? Dann aber scheint uns gar kein prinzipieller Unterschied zu sein zwischen dem konstanten Druck von Spiller und dem allseitigen, konstanten Atomhagel nach Isenkrahes Ansicht. Denn, und das sei hier noch betont, kommt die lebendige Kraft( nach J.'s Bezeichnungsweise), welche sich als Gravitation wirksam erweisen soll, aus dem intraplanetaren Mittel, dem Aether her, und verhält sich dieser, wie unsere bekannten Gase, so ist seinem Einzelmolekül jede Bewegungsrichtung recht und durch das Gemisch aller Richtungen könnte man sich dann, nach dem Gesetz vom Durchschnitt, die gleichmäßige Spannung nach allen Seiten hin vorstellen. Warum sollten wir nach allem nicht das Fazit aus J.'s Theorie mit seinen eignen Worten ziehen, die er freilich nur auf die Vertreter der Elastizität der Aetheratome angewandt wissen will, nämlich:„ Einerseits der logische Zwang, den Atomen verschiebbare Theile abzusprechen, andererseits das Gesetz von der Erhaltung der lebendigen Kraft: wer beiden in vollem Maße gerecht werden und doch auf der huyghens'schen Fundamentalhypothese bauen will, der befindet sich allerdings einer Auffassung gegenüber, deren Lösung meiner Meinung nach unmöglich ist." Wenn er uns nun auch um diese Unmöglichkeit durch den erwähnten Kunstgriff, starre Massen so geschmeidig wie vollkommen elastische Körper in ihrem Verhalten zu machen, herumzuführen verspricht und uns den Schaden, den der Satz von der Erhaltung der Kraft gemäß seiner Theorie erfahre, als verschmerzbar vor stellt, indem er zu dem Resultat kommt, daß die Totalsumme der lebendigen Kraft, welche die in diesem unfaßbar großen Tummelplaz einherfliegenden Aetheratome besigen, durch die während einer endlichen Zeit vorkommenden Zusammenstöße nur um einen unendlich kleinen Bruchtheil abnehmen könne", so erkennen wir zwar an, daß J. hierin konsequent ist; aber da hilft kein Markten! wir können und dürfen aus der Summe von Energie im Weltall nicht eine Pferdekraft als ohne Schaden vernichtbar ansehen, denn wir bedenken, daß die Erhaltung der Energie der erste und einzige feste Punkt in der Naturerkenntniß ist; fällt dieses Prinzip, so bleibt nichts mehr nach, denn alles übrige ist ungewiß", wie Dellingshausen an dieser Stelle Isenkrahe vorhält. ( Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Rosenberg. ( Fortsetzung.) Wie ich mir meine Zukunft zurecht gelegt habe?- Diese Frage verläßt mich nicht mehr. Wenn ich im Schlafe plöglich erwache, springt sie mir sogleich ins Gedächtniß; wenn ich an noch so fremde Gegenstände denke, ist der Schluß plößlich: Wie hast du dir deine Zukunft zurecht gelegt? Es ist kein Zweifel: Elisabeth liebt mich, und ich? Wenn ich von Elisabeth gekommen noch unter dem Eindruck ihres Zaubers stehe, noch in ganz frischen Farben ihr Bild vor meinen Augen sehe, in meinen Ohren noch den weichen melodischen Klang ihrer Stimme vernehme, dann bin ich fröhlich, und unwillkürlich summe ich auch wohl eine Melodie vor mich hin, und wenn dann Freimann kommt und mich fragt, was meine Studien machen und ob ich soviel Zeit habe, um müßig zu gehen und zu singen, dann fällt mir gleich wieder die Frage nach der Zukunft ein und ich bin trübseliger und einsilbiger als je. Theuerste Seele! Ich warte die Antworten auf meine Briefe nicht erst ab. Ich weiß ja schon halb, was du mir schreiben wirst. Aber ich habe das Bedürfniß mich auszusprechen, mit jemand, der mich versteht, zu plaudern und während dieses Plauderns über mich selbst ins reine zu kommen. Eigentlichen Rathes bedarf ich nicht; er würde, selbst aus lauterem Herzen kommend, mich nur verwirren und mich von dem richtigen Wege, den ich selbst nach einiger Zeit infolge eines gesunden Naturtriebes finde, ablenken. In mir sind zwei Mächte lebendig. Noch weiß ich nicht, welche davon das Uebergewicht erlangen wird. Ich bin ein Mensch, der auf der einen Seite eine behagliche Beschauung liebt und, wenn er dazu gelangt ist, sich als das unglücklichste Geschöpf unter der Sonne fühlt, der aber auf der anderen Seite ebenso unzufrieden ist, wenn ihm die Friedlichkeit abgeht. Wie diese beiden Richtungen zu vereinigen? Ich sehe kein Mittel, so sehr ich auch meinen Scharfsinn anstrenge und mich Grübeleien hingebe! Ich versuche, mir diese Liebesgeschichte aus dem Kopf zu schlagen, sie ganz aus meinem Gedächtniß zu streichen. Es gelingt nicht. Du bist ja in den Jahren, in denen der Mensch ein Bedürfniß fühlt, in einem weiblichen Wesen seinen Schatten zu finden, spricht mein Inneres, und da meine Einsicht in die Natur des Menschen diesen Grundsatz nicht hinweg disputiren kann, so muß ich sehr men. B wohl mit diesem Faktor rechnen. Wenn nicht jetzt, so wäre ich doch später und vielleicht dann in viel unangenehmerer Weise für meine Entwicklung mit diesem Punkte in Berührung gekomUnd begegnet solches nicht allen Menschen? Allerdings kann ich mich mit der Menge nicht vergleichen und denen nicht nachahmen, welche weder Scharfsinn noch Moral genug besigen, um die Folgen eines Schrittes zu berechnen, zu dem sie nichts weiter als der sinnliche rohe Trieb treibt. Der Mehrzahl der Menschen, die bei den wichtigsten Dingen leicht sinnig genug ist, kann ich also nicht folgen, ohne Selbstmord zu begehen und nicht ewig dazustehen als ein Sünder, der sich stündlich selbst verdammt und bei dem Anblick seiner leichtfertigen Thaten die Schamröthe in seine Wangen steigen fühlt! " 1 547 D, ich werde schon alles ins klare bringen. Nur Zeit, nur Geduld! Vorläufig vermag ich es also nicht, an meinen Empfindungen eine Henkerarbeit zu verrichten, und wollte ich es, ich tönnte es einfach nicht. Tadele mich nicht und sei nachsichtig mit seinen Schwächen! Sind sie nicht menschlich? Du denkst vielleicht, daß ich in meinen Studien, nun innehalte und darum rückwärts gehe!? Nichts von alledem, mein Freund; ich arbeitete noch nie so eifrig und erfolgreich wie in dieser Zeit; noch nie bin ich so mit mir und meinen Fortschritten zufrieden gewesen, wie jetzt, wo mich der Gedanke beglückt, zu lieben und wiedergeliebt zu werden. Mein Auffassungsvermögen ist schärfer, exakter, eindringlicher, mein Schlußvermögen bei den wissenschaftlichen Arbeiten schneller und sicherer als früher. Und alles das verdanke ich diesen Gefühlen, die mich so mächtig ergriffen haben. Das alles verdanke ich Elisabeth! Wir hatten uns neulich, in der Abenddämmerung, noch in den Promenaden etwas ergangen. Sie kam von einer Freundin, vor deren Hause ich sie erwartete. Sie erzählte mir in bewegtem Tone von einer unglücklichen Familie, die sie habe kennen lernen. Der Mann war in einer Fabrik zu Schaden gekommen und nach einem Krankenhause geschafft worden; die Frau lag schwerleidend zu Bette, während die vier Kinder, hungernd und entblößt von dem Nöthigen, sich selbst überlassen waren. Das Elend ist groß," sagte sie zu mir; ,, die arme darniederliegende Frau fühlt das Schreckliche dieses häuslichen Elends und kann nicht helfen, nicht einmal aufstehen, um zu sorgen. Ich werde diesen Blick nicht vergessen, den sie mir schenkte, als ich an ihr Lager trat und sie nach Kräften zu trösten suchte, ihr Hülfe anbot und meine fernere Fürsorge versprach. Es lag in diesem dankenden Blicke eine ganze Geschichte voll Unglück, Verzweiflung, Entsagung, und ich konnte mich nicht enthalten zu weinen." Was fonnte ich hierauf sagen?- Ich sagte nachdenklich: " Ja, solcher Bilder findet man aller Enden, wenn man nur Augen hat, sie zu sehen. Ich kenne diese düsteren Gemälde, welche das Herz zerstechen und das Auge weinen machen. Aber wo liegt der Grund zu all' diesem Uebel? Kann man heilen, ohne zu wissen, wo die Krankheit entstanden?-D! Das ist kein Arzt, der Pflaster auf Wunden legt, wenn die Ursache die Krankheit innerer Theile ist. Das ist ein blöder Unwissender, der Ursache mit Wirkung vertauscht und zu helfen meint, während er das Uebel mit seinen verkehrten Medizinen verlängert. Wo liegt also der Grund?". Elisabeth bat mich weiter zu sprechen. ,, Der letzte Grund," fuhr ich fort, liegt in der Thorheit. Jugendmuthig, ohne Ziele und ohne Sorge schreitet der Mensch in das Leben hinein. Auf seine Kräfte wie auf Felsen bauend, verlacht er die Stimme des Alters, welche mahnt, langsam zu gehen und hauszuhalten mit dem Vorrath der Kraft. Denn auch den härtesten Stein höhlt der Tropfen. Es kommt ein Tag, wo man fizzt und klagt und das menschliche Mitleid zur Hülfe ruft. Die Jugend aber lacht und spottet; sie empfindet nur die Lust ihres sinnlichen Triebes und sieht die Glückseligkeit in deren Befriedigung. Jedes Menschen Streben ist nun wohl auf seine Glückseligkeit gerichtet, aber jeder Mensch sollte wissen, was die dauernde Glückseligkeit ausmacht; er sollte wissen, daß die Wonne eines Augenblickes oder weniger Augenblicke nur trügerisch sein kann, die, wenn sie bindend und folgenreich ist, das ganze Guthaben des Menschen an die Zukunft quittirt. So begibt sich die Menge, die von Tag zu Tag nur zu sorgen vermag, die weiter nichts besitzt, als vielleicht einen kräftigen Arm, einen guten Willen und einen fröhlichen Muth, unbesonnen in den Ehestand, unbekümmert, ob nicht eines Tages das Nothwendigste fehlt, der kräftig schaffende Arm erschlafft und unfähig wird, sich je wieder für die Seinen zu regen. Der Mensch lebt dann dahin, gebrochen, zerknickt, nun jeder guten Hoffnung beraubt und hat seine Thorheit zu büßen von einem Morgen bis zum andern Morgen, endlich zermalmt von der Wucht der Sorgen und verzehrt von dem gefräßigen Ungeheuer: Noth! Das sind die Existenzen, von denen du eine soeben hast kennen lernen, deren Geschick du soeben beweintest und denen du gefällig Trost und Hilfsmittel gespendet hast." ,, Est ist wohl Thorheit," entgegnete Elisabeth, die den Menschen in das Elend führt, aber es ist eine menschliche Thorheit. Ich finde nicht so schweren Tadel daran. Ich bedaure die Armen, ich bemitleide sie. Was haben sie denn Gutes vom Leben, als ihr Familienglück, als das Streben, sich einen Herd zu bauen und sich in Liebe zu vereinigen. Beruht in dem Streben nach Besitz eines geliebten Gegenstandes, in dem Bestreben, für denselben zu sorgen und ihn zu hüten, nicht die eigentlichste Glückseligkeit?- Nicht alle sind wie du nnd darum darfst du sie nicht mit dir vergleichen. Urtheile menschlich! Daß nur wenige auscheinend Glückseligkeit genießen, daß die meisten schon nach einem kurzen Trunk aus dem Becher des Glückes zu Boden sinken und auf den ferneren Genuß Verzicht leisten müssen, das ist bedauernswerth, ein böses Geschick!" Die Dunkelheit des Abends hatte Elisabeth den Muth, verliehen, so mit mir zu sprechen. Ich sah ihr Antlig nicht recht, aber ich merkte an dem Ton der Stimme ihre ganze Theilnahme. Ich war seltsam bewegt von ihren Worten, und erst nach einigen Augenblicken fand ich das Wort wieder: " Du hast recht, aber ich hatte meine Gedanken noch nicht völlig zum Ausdruck gebracht. Ein böses Geschick? Was ist ein böses Geschick? Die Folge einer That nicht berechnen, auf gutes Glück nur seine Zukunft bauen! das sind die Ursachen. Wir haben somit nur einen andern Ausdruck für Thorheit, aber einen Ausdruck, der den Grund verhüllt, denn der Mensch lebt unter Menschen, er ist von ihnen abhängig, er ist dem großen Ganzen unterthan! Was ihn beherrscht, sind die Verhältnisse seiner Umgebung und der Allgemeinheit; diesen Rechnung zu tragen macht ihn flug, diese in ihre Ursachen und einzelnen Fattoren zu zerlegen, sie zu erkennen, anderer Bedürfnisse sich nutzbar machen, das ist Weisheit. Und der ist ein Thor, welcher die aufgestellten friedlichen oder feindlichen Schranken, nur seiner eigenen Natur folgend, durchbricht! Es soll der Staat allen seinen Bürgern die Pfade zur Glückseligkeit ebnen helfen und denen eine Schranke entgegensezen, welche dieses oberste Prinzip alles Menschenthums verleugnen. In einem echten wohlgegründeten Staate sollte die Glückseligkeit des Einzelnen die Bedingung zum Bestande des Ganzen sein. Und heute? Und wie war es seither? Ist es der Menschennatur inneres Bedürfniß, jene geschlechtliche Ergänzung, so erfüllt unser heutiger Staat seine Pflicht schlecht, wenn er von den Bedingungen und Anforderungen dieses Bündnisses zwischen Mann und Weib, von denen Harmonie, Gesundheit und Wohlergehen des ganzen künftigen Geschlechts abhängt, sich abwendet, wenn es ihm gleichgültig ist, wie die junge Bürgerschaft sich entwickelt, heranwächst und in die Reihen der Kämpfer eintritt. Auf die Bedürfnisse der Menschen nur sollte der Staat gegründet sein, aber er ist es nicht! Er rottet nicht aus den Egoismus, das Laster, alle jene Leidenschaften, die der wahrhafte Mensch als der Menschheit verderblich verkündet!" ( Fortseßung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von B...... ( Fortsetzung.) es ist wahr, " Wahrhaftig nein, es ist doch ganz unmöglich, das kann doch nur so aussehen, da müßte ja in einer Viertelstunde schon ganz Unterwaltersdorf unter Wasser sein, - das ist ja furchtbar!" so klang es nach den Worten des Inspektors wirr durcheinander aus dem Munde der Männer. " Zweifeln wir nicht länger, Leute, der Harnisch und der Inspektor haben recht, das Wasser steigt in einer wirklich unerhörten Weise, auch ich habe es auf das allersorgfältigste beobachtet und kann mich nicht täuschen. Seht, vorhin, eben als der Inspektor seine Uhr herauszog, spritzten erst nur seltene Tropfen bis an die eiserne Klammer da im Mauerwerk des Pfeilers, jetzt ist schon vor lauter Schaum und Gischt fast garnichts mehr zu sehen, und in einer Minute vielleicht nein, nein, eher noch, seht, da seht, jetzt schon ist von der Klammer feine Spur mehr zu sehen!" Der Sprecher war ein junger, schlanker, aber doch nicht schwächlich gebauter Mann mit schwarzem Haar und Bart, vor dem die anderen Beamten aus dem Irrenhause fast noch mehr Respekt zu haben schienen, als vor dem Inspektor. Er hatte in größter Hast und Aufregung und mit der vollen Kraft der festen Ueberzeugung gesprochen, es zweifelte jetzt niemand mehr, aber es begann sich auf allen Gesichtern Entsetzen und Rathlosigfeit auszuprägen. " ,, Es ist, wie der Herr Doktor sagt und die Gefahr ist unermeßlich," nahm nun Friz Lauter mit fester, klarer Stimme das Wort. Und nun heißt es, rasch, blitzschnell, wenn es geht, zu handeln. Ich denke, wir sehen uns zunächst in Karriere und laufen, was wir können, ins Dorf und allarmiren die Bewohner, die schwerlich von der Riesengröße des kommenden Unheils unterrichtet sein werden, doch," er unterbrach sich ,, wo bekommen wir Boote her? Wir werden sie bald genug nöthig haben!" „ Auf dem Mühlteich in Unterwaltersdorf liegt ein Boot es gehört dem Müller," sagte Harnisch. Ob es jetzt noch zu finden und zu gebrauchen ist, weiß ich nicht." „ Wir müssen schon bis auf den waltersdorfer Holzplatz hinauf," meinte der Inspektor. ,, Wie wir's eben von Anfang an gewollt haben, Boote gibt es keine weiter im Dorfe und Flösse müssen wir uns selber nothdürftig zusammenbauen es geht nicht anders." " Ist das nicht hier links das Südende des dem Freiherrn von Felseck gehörigen Parkes?" fragte Lauter. " " 1 Das ist's!" Und befindet sich nicht grade hier der kleine See, welcher den Park so außergewöhnlich schmücken soll?" " Was soll das?" fragte der Inspektor. Was geht uns jetzt der See und der Park mit allem seinem Schmucke an, Herr Lauter?" " Nun, auf dem See sind Gondeln und zwar auch zwei oder drei größere Kähne, wie ich oft genug gehört habe. Die bringen wir bequem die Fahrstraße hinunter bis irgendwohin, von wo wir unsere Rettungsfahrten unternehmen können, die müssen wir also haben." " Wir haben doch aber keine Erlaubniß vom gnädigen Herrn Baron," entgegnete Harnisch. Fritz Lauter schien diesen Einwand nicht beachten zu wollen. Aber auch der Inspektor widersprach: " Das geht ja nicht, Herr Lauter, der ganze große Park ist rings mit einer Mauer umgeben. Wenn wir auch im Nothfall drüber können, die Boote bringen wir im Leben nicht über die Mauer " Dort ist ein Thorweg, da hindurch bringen wir sie." Friz Lauter wies mit der Hand auf ein augenscheinlich wohlverschlossenes Holzthor. " Durch Schlüssellöcher bringen wir die großen Boote grade so gut, wie durch Mauern," sagte der Inspektor mit einem Anfluge von Spott. Und den Schlüssel uns ausbitten beim Förster in Oberwaltersdorf, wo er zu haben wäre, kostete uns wenigstens eine Stunde Zeit, also reden wir nicht weiter von dem Park und von den Booten." " Doch, reden wir davon," erwiderte Frizz Lauter mit aller Entschiedenheit im Ausdruck, deren er fähig war. Wozu haben wir Aexte. In wenigen Minuten muß das Thor erbrochen sein. Mir nach, ihr Leute, es ist furchtbarste Gefahr im Verzug, es gilt vielleicht Menschenleben, viele Menschenleben zu retten Friz Lauter zog seine Art aus dem Gürtel und stürmte voran ans Thor. - ,, Nein, das geht nicht das ist ja Wahnsinn das wär' ja ein Verbrechen wir dürfen doch nicht wie Räuber oder Revolutionäre mit Gewalt, mit Alexten, große Thore zerschmettern und in einen herrschaftlichen Park einbrechen und ohne Erlaubniß werthvolle Gegenstände wegschleppen!" so riefen die Leute wieder ganz erschrocken durch einander. Aber Fritz Lauter kümmerte sich nicht im entferntesten um den lebhaften Widerspruch. Er war schon am Parkthor und ließ 548 seine Art mit wuchtigen Schlägen und so geschickt, als wär' er seit langem gewöhnt, mit derlei Instrumenten umzugehen, gegen das Thor prallen. Und trotz des Widerspruchs reizte sein Beispiel und die Energie, mit der er selbst an die Ausführung seines Vorschlags gegangen war, zur Nachahmung. Der Inspektor wollte die zwei oder drei andern Männer, welche gleichfalls die Aerte in die rechte Faust genommen hatten und auf das Thor zusprangen, zurückhalten, aber der junge Arzt legte sich zu Gunsten Friz Lauters ins Mittel. " Ich sehe auch nicht, daß wir etwas Besseres thun können, als dem Herrn Lauter zu folgen. Zu Bedenklichkeiten haben wir ebensowenig Zeit, als zu langen Unterhandlungen, und wo sich's um eine so außerordentliche Nothlage handelt, da haben wir ein Recht, auf die opferwillige Humanität des Freiherrn von BergenFelseck zu rechnen. Vorwärts also, ihr Leute!" " Nun, meinetwegen denn, Herr Doktor. Mithelfen will ich, aber die Verantwortung übernehme ich nicht." " Die lassen Sie mir," sagte der Arzt, und da er sich auch mit einer Art bewaffnet hatte, wie die andern, holte er sie jetzt gleichfalls hervor, um auf das starke Thor mit einzuhauen. Aber Friz Lauter hatte inzwischen die schwere Arbeit allein vollbracht. Er hatte an der einen Seite des Thorschlosses das Holz zerhauen, sodaß der Riegel blosgelegt wurde und das Thor nun zu öffnen ging, als wäre es aufgeschlossen worden. Alle übrigen, von denen ein paar etliche Streiche gegen die Pforte geführt hatten, waren lebhaft erstaunt, daß das Werk so rasch gelungen war, sie jubelten Frizz Lauter zu und stürmten ihm nach in jagender Hast quer durch den prachtvollen Park über Wiesenflächen hinweg und niedere Gebüsche durchbrechend oder überspringend, nach dem, den meisten von ihnen wohlbekannten kleinen See. Am Ufer desselben fanden sie, an dünnen eisernen Ketten festgelegt, drei Fahrzeuge verschiedener Größe; das eine war ein Kahn von stattlichen Dimensionen, den schleifend zu transportiren wenigstens zehn Menschen nöthig waren. Der zweit größte beanspruchte etwa die Kraft von sechs Menschen, und der Dritte, eine weniger umfängliche Gondel, konnte von zwei Menschen mit Hülfe von Seilen fortbewegt werden. Alles griff an; der Dekonomieinspektor ließ seine muskulösen Arme arbeiten, daß ihm der helle Schweiß über die sonngebräunten, bärtigen Wangen lief. Auch der junge Arzt legte Hand ans Werk, als wär' ihm die Handarbeit nicht minder lieb und Gewohnheit, wie sein medizinisches Studium. Auf den wohlgeebneten, sorgsamst gepflegten Parkwegen ging der Transport ziemlich leicht noch von statten, als sie aber vom Parke auf die Landstraße kamen und wohl fünf Minuten lang bergauf zu gehen hatten, da kostete das gemeinsame Werk riesige Anstrengungen. Aber wenn es nicht anders ging, griff alles für einige Minuten da mit an, wo die Last am größten war, um dann die für den Augenblick zurückgelassenen Boote nachzuholen. So war so ziemlich trotz der äußersten Anstrengung aller vorhandenen Kräfte, und obwohl keiner auch nur eine Minute Rast gehalten hatte, eine halbe Stunde vergangen, ehe die Expedition auf einem unweit der waltersdorfer Brücke gelegenen Hügelrücken anlangte, von dem aus sich zum erstenmale der Blick öffnete auf ganz Unterwaltersdorf selbst. Der erste, welcher oben anlangte, war der Gärtner Harnisch. Er stieß einen Schrei des Entsegens aus und wies auf die kaum noch zehn Minuten entfernten Häuser des Dorses. Die Häuser standen bereits in einem nach allen Seiten hin ausgedehnten See und das Wasser strömte offenbar schon zu den Parterrefenstern hinein. " Was ist das für ein großes Gebäude da zuerst?" fragte Frizz Lauter. " Das war eine Fabrik, die aber seit vorigem Jahre leer steht, weil der Besizer bankrott gemacht hat." „ Aber da sind Menschen darin, viele Menschen, sehen Sie da an den Fenstern- Männer, Weiber, Kinder--" " Wahrhaftig," rief Harnisch, der Herr hat recht, das sind Leute aus dem Dorfe, die haben sich in die Fabrik geflüchtet da sehen Sie, was da schon für Häuser demolirt sind, es muß schon schrecklich zugegangen sein, wenn nur wenigstens alle Leute aus dem untersten Theile des Dorfes sich in die Fabrik gerettet hätten " Ist die Fabrik denn sicher, kann die das Wasser nicht demoliren?" fragte der Arzt. " 549 " Bis zum Abend ist sie's gewiß, über Nacht dürfen die Leute aber nicht darin gelassen werden, da ist also gleich Arbeit für uns," entgegnete der Dekonomieinspektor. „ Aber vorher müssen wir jedenfalls Gewißheit haben, ob nicht sonstwo im Dorfe Leute sich in dringender Gefahr befinden," rief Friz Lauter, der nach allen Seiten eifrigst umherspähte. " Da, Herr Lauter, nehmen Sie meinen Krimstecher," sagte der Arzt, wenn das Wetter auch äußerst ungünstig ist zur Fernsicht durch solch ein Glas." " Ich danke," entgegnete Lauter;„ ich meine, wir müssen vor allen Dingen und in größter Eile ans Dorf heran, und dann setzen wir unsere Boote aus und müssen versuchen, auf der Dorfstraße vorwärts zu kommen, da werden wir ja sehen und hören, wie's steht. Also vorwärts 11 " Vorwärts!" stimmten alle ein und griffen mit neuer gewaltiger Anstrengung wieder an, sodaß es auf der schlüpfrigen, mit tiefem Kothe bedeckten Straße rasch dem Dorfe entgegenging. Bald waren sie an der Stelle angelangt, wo das Wasser in fast unübersehbar breitem Strome über die Chaussee dahinfluthete. Die Chauffee ging mitten durch das Unterdorf. Fritz Lauter hatte recht es war am flügsten, vorerst das am ehesten mögliche zu versuchen, die Chaussee entlang ins Dorf hinein zu schiffen. Aber leicht war das nicht denn das Wasser floß eben nicht die Chaussee entlang, sondern wälzte sich, wenn auch in langsamem Fluffe, in schräger Richtung über die Straße. Indeß gleichviel Die Boote, in denen die Ruder befestigt waren, wurden ins Wasser hineingeschoben. Dabei mußten die Männer erst ziemlich tief hineinwaten, bis die Boote flott wurden. Bis über die Knie ging ihnen das Wasser, als endlich die Gondeln sich frei darin bewegten und in ihrer ganzen Länge nicht mehr auf den Grund stießen. Nun war es nicht mehr schwer, auch den großen Kahn in tieferes Wasser zu bringen, den man zunächst einfach von den beiden andern Fahrzeugen aus ins Schlepptau nahm, bis er gleichfalls schwamm. Dann stiegen sechs Mann- unter ihnen der Arzt und Fritz Lauter in den großen Kahn, während der zweite mit drei und der dritte mit zwei Mann besetzt wurden. Die Uebrigbleibenden, an deren Spize sich der Inspektor stellte, übernahmen die. Aufgabe, an dem Rande des in der letzten Stunde erst entstandenen Sees entlang bis zur Gemeindewiese vorzubringen und auf dem an die Wiese angrenzenden, aber höher gelegenen und darum vom Wasser jedenfalls noch nicht erreichten Holzplaße ein Floß herzustellen und mit diesem den Versuch zu machen, von der entgegengesetzten Seite her an das Dorf heran und an seiner von der Landstraße abgewendeten Seite entlang bis an die Fabrik zu kommen, welche für 5 bis 6 Uhr Nachmittags zum Orte der Zusammenkunft der beiden jezt sich trennenden Theile der Expedition bestimmt wurden. Die Fahrt auf der Landstraße ging anfänglich nur langsam und unter vielen Schwierigkeiten von statten. Mit unausgefeßter Anstrengung mur erhielten sie sich in angemessener Entfernung von der linksseitigen Baumreihe der Chaussee, an die der Kahn von dem Wasser beständig angedrückt wurde. Allgemach aber wandte sich die Landstraße so, daß das Wasser fast schnurgrade in derselben Richtung dahinströmte. Auch mußte das Wasser hier viel mehr Fall haben, als vorher, denn es fluthete mit sichtlich größerer Geschwindigkeit dire in die Dorfstraße hinein. Die Ruder konnten eingelegt und brauchten nur dazu gebraucht werden, von Zeit zu Zeit die vielen Bruchstücke von Lattenzäunen, einzelnen Hausgeräthe, Balkentheile u. dgl., welche sich kreuz und quer auf dem Wasser umhertrieben, von dem Kahne abzustoßen. Wenig mehr als eine Viertelstunde waren sie so dahin gefahren, überallhin ausschauend, ob nicht Spuren lebender Wesen zu entdecken seien, als sie in größter Nähe die Häuser des Dorfes zu Gesicht bekamen. Diese waren zweifellos vollständig verlassen und großentheils bereits der voraussichtlich sehr rasch vor sich gegangenen Berstörung anheimgefallen. Das Erdgeschoß verschwand ganz in dem wogenden See; das obere Stockwerk hing auf die gegen den Strom anstehende Seite zum völligen Einsturz gründlich vorbereitet hernieder. Man konnte nichts besseres thun, als sich aus solcher Nachbarschaft, die leicht gefährlich werden konnte, möglichst schnell davon zu machen. Die Häuser von Unterwaltersdorf standen weit auseinander. Die einen dicht an der Straße und mit dieser auf gleichem Niveau, die andern mehr oder weniger seitlich abgelegen und auf Anhöhen, zu denen man auf kleinen in Stein nothdürftig eingehauenen Stufen hinaufstieg. Für die unmittelbar an und auf der Straße stehenden Hütten Häuser konnte man grade sie am wenigsten nennen war sicherlich alles verloren. Aus den einstöckigen, welche nur hie und da noch einen Dachsparren aus dem Wasser herausreckten, war auch nichts mehr zu retten, aber weiter hinein ins Dorf, wo die Landstraße nicht mehr zwischen den geringen, aber immerhin vor dem Ansturm des Hochwassers bequemen Schuh gewährenden Bodenerhebungen dahinging, sondern rings um sie her Flachland war, dort konnte das Wasser zwar noch nicht so hoch stehen als hier, aber dort mußte die Gefahr der Verunglückung für die Bewohner eine sehr viel größere sein und ihnen konnte man vielleicht noch Hülfe bringen. ,, Dort dort sind Menschen," rief einer der Irrenhauswärter, dort in dem massiven Hause auf der Höhe es ist das Schulhaus. Da hat sich wieder ein ganzer Haufen hingeflüchtet." Das Schulhaus war wie die Fabrik über und über voll von Leuten. Als das Boot dicht dabei war, nahm der Arzt ein Sprachrohr hervor und rief hinauf: Wir kommen, um zu helfen, braucht ihr Hülfe?" Es entstand eine gewaltige Bewegung unter den Leuten, die theilweise aus dem Hause heraus auf den Gipfel des Hügels, den es krönte, traten und sich in ziemlich lebhaftem Meinungszwiespalt, wie es schien, mit einander unterhielten und stritten. Auch Weiber waren darunter, einige schienen so gefaßt und ruhig, wie nur irgend einer von den Männern, andre aber weinten oder rangen in Verzweiflung die Hände und man hörte, wie sie laut aufschrieen, nun wäre alles vorbei, nun hätten sie das Letzte verloren und es wäre ganz gleich, ob sie mit ihren Männern und Kindern ertränken, leben könnten sie ja doch nicht mehr. und Kindern ertränken, Die gefaßteren Frauen und mehrere Männer gaben sich Mühe, die Verzweifelten zu beruhigen und einer von den Männern, einer mit einem langwallenden, verwilderten Vollbarte trat hervor und schickte sich an, zu denen im Boote unten zu sprechen. ,, Der Schmied vom Unterdorfe," rief einer von den Leuten aus Kloster Althaus,„ der hat eine Bärenstimme, passen Sie einmal auf." Und der Schmied machte dieser Ankündigung alle Ehre: ,, Wir können aushalten," donnerte er in das rastlos tobende Unwetter hinaus, zweimal vierundzwanzig Stunden zur Noth. Wasser thut uns überhaupt nichtsaber verhungern müssen wir, wenn uns übermorgen niemand holt. Bis dahin reicht der Proviant und hoffentlich verläuft sich's Wasser bis dahin." Der junge Doktor antwortete: Wollen bis übermorgen bestimmt für euch gesorgt haben. Habt Ihr aber nicht Kranke oder Schwache, die wir besser gleich mitnähmen?" ,, Nein!" rief der Schmied zurück und ein paar Weiber schrieen mit: Nein, nein, wir bleiben alle zusammen!- Nur macht, daß ihr weiter hineinkommt ins Dorf, dort steht's schlimm wir können getrost warten bis übermorgen." Die Männer im Boote nickten sich zu. ,, Auf," rief der Arzt,„ vorwärts Minute." verlieren wir keine ,, Ja, vorwärts," rief auch Friß Lauter, aber wollen wir nicht wenigstens den verzweifelten unter den Weibern da oben einigen Trost zu spenden suchen, indem wir ihnen einige Exemplare unseres Flugblattes zurücklassen?" ,, Sie haben recht nur schnell her damit " Laßt uns einen Strick herunter, wir haben eine gedruckte Botschäft für euch," rief er wieder hinauf. Die Leute begriffen sofort und der Strick war augenblicklich bei der Hand. Im Handumdrehen war ein kleines Bäckchen der mit den Namen des Barons von Bergen- Felseck und des Herrn von Steinach unterzeichneten Flugblätter daran befestigt und hinaufgezogen. Die unten im Boote sahen noch, als sie abstießen, daß die Leute am Schulhause und in den doppelt und dreifach besetzten Fenstern desselben sich um die Blätter ordentlich rissen, dann ging es wieder mit verdoppelter Kraft in den unzweifelhaft immer noch anschwellenden See hinaus. Sie waren noch nicht weit fort, als sie lautes Stimmengewirr hörten vom Schulhause her, sie schauten hinauf und sahen Hände winken und Tücher schwenken und ein Hurrah tönte zu ihnen hinunter- das Flugblatt hatte seine Wirkung gethan Nr. 46, 1880. neue Hoffnung und Zuversicht zog ein in die Busen der vom Schicksal soeben erst ganz zu Boden geschlagenen Menschen. Ueber Fritz Lauters Gesicht flog ein Schimmer der Freude. „Sie glauben noch daran," sagte er in einem Tone, als wäre ihm ein Stein vom Herzen genommen.„Die Namen der Herren von Bergen und Steinach thun ihre Wirkung. Hoffent- lich geschieht es überall so!" „Wo die Noch am größten ist, da klammert sich die Hoff- nung an jeden Strohhalm," meinte der Arzt.„Wenn die Lage der Leute da oben nicht eine so total verzweifelte und das Ver- derben in so grausiger Gestalt an sie herangetreten wäre, wer weiß, ob sie so leicht dem Blatte Papier geglaubt hätten!" Das Boot war in einen reißenden Strom gekommen; es befand sich an einer Stelle, wo die Dorfftraße ziemlich steil bergab ging— das Wasser mußte hier außerordentlich tief sein. Trotzdem kamen sie nur langsam vorwärts. Es kostete harte Arbeit, sich hindurchzuarbeiten durch die Trümmermengen, welche hier auf der Oberfläche des Wassers herumtrieben und gleich- zeitig die umstrickenden Aeste der kleineren Chausseebänme zu vermeiden, deren Gipfel nur eben vom Wasser bedeckt wurde, Alle arbeiteten mit dem äußersten Aufgebot ihrer Kräfte. Plötzlich hielt Fritz Lauter inne. „Haben Sie nichts gehört?" fragte er den Arzt, der mit ihm auf derselben Bank saß und nicht minder eifrig ruderte und von dem Boote alle schivimmenden oder festgewurzelten Hindernisse abzuhalten suchte, als er. „Es war mir so, als hörte ich rufen, doch habe ich keine Ahnung, aus welcher Richtung die Rufe gekommen sein mögen." Einer von den andern Männern setzte jetzt auch auf einen Augenblick seine Thätigkeit aus. „Ich will einmal hinhören," sagte derselbe, der älteste unter den auf dem Boote befindlichen Jrrenhauswärtern.„Ich sehe zwar nicht gut, höre aber um so besser." Er legte die eine Hand, um den Schall besser aufzufangen, an das Ohr und horchte. Auch die übrigen wurden aufmerksam— alle stellten sie einen Moment die Arbeit ein und lauschten— ihr nasser Pfad war ohnehin jetzt ein wenig freier und das Wasser hatte die Fortbewegung des Kahns ivieder selbst übernommen. Es schien, als hätte Fritz Lauter sich getäuscht— von mensch- lichen Lauten ließ sich nichts vernehmen, die wenigen Häuser, welche das Wasser noch verschont oder überfluthet und dem Auge entzogen hatte, sahen öde und leer aus und machten, wie sie so dastanden— Spiel und Opfer des erbarmungslos wüthenden Elements—, einen unheimlichen, schaurigen Eindruck. Schon wollten die Männer die Ruder wieder einsetzen, da-- schrillte wirklich ein Ruf, ein erschütternder, herzzerreißender Schrei durch Sturm und Regenschauer hindurch— ein Schrei nach Hülfe. Die Männer im Boote sprangen auf von ihren Sitzen, so— daß dieses in heftiges Schwanken gerieth; auf allen Gesichtern spiegelte sich Mitleid und Entsetzen. „Von dorther— von dort," riefen der alte Wärter und Fritz Lauter zu gleicher Zeit. Der Arzt hielt seinen Krimstecher mit vor Erregung zitternder Hand vors Auge, aber er vermochte nichts zu sehen, das Unwetter war grade in diesem Augenblick gar zu arg. Da tönte noch ein Schrei— ebenso schrill und herzzerreißend durch die Lust und diesmal nicht einer allein— es war, als wenn die eine Stimme sekundirt würde von einer zweiten und dritten—— Jetzt griff alles zu den Rudern—— „Dort hinüber, ihr Männer," rief Fritz Lauter,„zwischen den zwei hohen Bäumen müssen wir hindurch— da hinter dem Laub hervor sehe ich die Ecke eines Giebels, das ist das Haus, von dem die Schreie zu uns herüberschallen— drauf und dran—" Ein paar Minuten lang sprach keiner mehr ein Wort, alle arbeiteten auf Tod nnd Leben— mit stierem Blick und bleichen Gesichtern-- als sie zwischen den beiden großen Bäumen waren, wurden die Ruder unbrauchbar— sie verwickelten sich bei jedem Schlage in die Aeste— es blieb nichts übrig, als das Boot vorwärts zu ziehen, die Ruder als Haken gebrauchend und mit deren Griffende von Ast zu Ast sich weiterschleppend.— Sie hatte kaum fünf Minuten gedauert— die mehrere hundert Schritt weite, wider Strömung und Wind ankämpfende Fahrt von der Dorfstraße rechts hinüber, und doch erschien es allen, als wären sie verzweifelt langsam nur vom Platze gekommen, als hätte es eine Ewigkeit gedauert,— endlich, endlich wehrte der mächtige Baumschlag nicht mehr den mit ängstlicher Spannung aus- spähenden Blicken-- „Um Gotteswillen, rasch, ihr Leute!" schrie der Arzt. Er hatte recht, es stand für eine ganze Familie verzweifelter, halbtodt geängstigter Menschen das Höchste auf dem Spiele. „Hülfe kommt!" schrie Fritz Lauter mit auf das gewaltsamste angestrengter, weithinschallender Stimme.„Haltet fest alle— jedes wird gerettet." Wieder tönten helle Schreie von dem Dache des kleinen Hauses her, das auf einer ganz niederen Anhöhe gelegen war, unweit von dem Ufer des grade hier sich dem Dorfe am meisten nähernden, in weiten Schlangenwindungen an demselben vorüberziehenden Perleflusses. Diesmal jedoch klangen sie wie Jubelschreie— diese gellenden Töne aus gequälter Menschenbrust— sie kam, ja, sie kam wirklich— die, eine furchtbar lange, mit Todes- schauern erfüllte Stunde hindurch, mit allen Fibern des trotz Roth und Elend wie mit eisernen Ketten am Leben hängenden Herzens herbeigesehnte, herbeigeschrieene Rettung, die so entsetzlich lange ohne eine Spur von Autwort auf die lautesten Jammerrufe aus- geblieben war,— die Rettung——— Es war eine Familie von fünf Menschen, die auf dem schrägen, morschen, regendnrchweichten Schindeldache hing und jeden Augen- blick von den das Balkenwerk der altersschwachen Hütte schütteln- den und rüttelnden Fluthen fortgespült zu werden gefaßt sein mußte— ein älterer Mann und eine ältere Frau— beide mit grauen Haaren und nothgefurchten Gesichtszügen, ein junges, wohl achtzehnjähriges Mädchen und zwei Kinder— das jüngste nicht mehr als vier Jahre alt.(Fortsetzung folgt.) Daö Rathhaus der prager Judenstadt.(Bild S. 544.) Die meisten Geschichtsschreiber haben ein schlechtes Gedächtniß für die furcht- bare Leidensgeschichte der Juden im Mittelalter, und doch ist sie ein so ungeheures Trauerspiel, daß alles, was wir vom Martyrium der Christen unter den Heiden wissen, dagegen wie ein Kinderspiel erscheint. Wenn es eine Stufenleiter der Leiden gibt, so hat Israel die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen worden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber? Die einzelnen Szenen dieser wirklich erlebten Tragödie, die sich in Spanien unter der Regie der Inquisition, oder in Frankreich und Deutschland, mit Zuhülsenahme der Straßen- räuber, die man Ritter nennt, begeben haben, können wir selbstverständ- lich nicht schildern, sondern müssen uns, um nicht aus dem Rahmen unseres Bildes zu treten, aus die Leidensgeschichte der prager Inden beschränken.— Die Juden Böhmens repräsentiren eines der ältesten Elemente der Bevölkerung. Wahrscheinlich kamen sie mit den Römern an die Donau, und infolge ihres ausgesprochenen Handelstriebes auch au die Elbe und Moldau. Schriftliche Aufzeichnungen über die Jahres- zahl der Einwanderung existiren nicht. Die erste Urkunde über die Ansässigkeit der Juden in Böhmen datirt aus der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, worin ihnen die slavischen Einwanderer(Czechen), die vielleicht schon seit den Zeiten der Bojer und Markomannen be- stehende Gemeindeverfassung gewährleisten. Auch die späteren Regenten aus dem Hause der Przemysliden tasteten die Vorrechte der prager Judengemeinde nicht an. sodaß sie gewissermaßen einen Staat im Staate bildete, der außerhalb der Landesgesetze stand und lediglich von jüdischen Rechtsanschauungen geleitet wurde. So regierte das Aeltestenkollegium von Prag aus sämmtliche Juden Böhmens, bis die Kreuzzuge dieser Autonomie ein schreckliches Ende bereiteten. Einige fahrende Ritter aus Deutschland, die mit ihrer Zeit nichts Besseres anzufangen wußten, als sie auf einem Pilgerzug nach Jerusalem todt- zuschlagen, singen im Jahre 1096 auf ihrer Kriegsfahrt durch Prag Handel mit den Juden an. Vom einheimischen Pöbel unterstützt, artete der Zank m eine mehrtägige Metzelei aus, welche die Massenauswan- o�mlg der Juden nach Schlesien und Polen zur Folge hatte. Ter blutdurstige Instinkt der Czechen war entfesselt und führte, vom reli- gtosen Fanatismus gestachelt, im Jahre 1290 zu neuen Greuelszeneu. f/l �l'n�""Ilde fortan von den weltlichen und geistlichen Be- Hörden als uuversiegliche Einnahmequelle betrachtet. So oft der flotte Luxemburger, König Johann von Böhmen, in Geldverlegenheit war, trug er gar kein Bedenken, solche Judenhetze» zu organisiren, um sich seinen„Schutz" so theuer wie möglich bezahlen zu lassen. Ein sehr beliebtes Verfahren damaliger Zeit bestand darin, daß die christliche! Priester Meßgewänder und Altargefäße bei Juden versetzten und dann eine JudenHetze in Szene setzten, während welcher die versetzten Gegen- stände ohne� Untersuchung weggenommen und der Kirche unentgeltlich wieder zugestellt wurden. In der Zeit des„Schwarzen Todes", jene' grauenvollen Best, die im J. 1348 in Europa so gewaltige Verheerungen anrichtete, entstand das Märchen der Brunnenvergiftung durch die Juden und kostete allenthalben, also auch in Prag, tausenden und abertausenden Juden das Leben. Als wäre es an dem Elend noch nicht genug gewesen, mußte auch noch der epidemische Wahnsinn der Flagellanten( Geißler) dazu kommen, die durch die fast entvölkerten Städte und Dörfer zogen und ihren Wahnsinn besonders an den Juden kühlten, unter dem Vorgeben, daß diese den Knaben das Blut abzapften, um es zum Passah( Osterfest) aufzubewahren. Die Folter erpreßte den Juden auch dieses Geständniß des größten Unsinns und als Abschluß prasselte der Scheiterhaufen mit den schmorenden Opfern auf ,, ein falber Widerschein der Hölle, daß die Wege sichtbar werden, die der Teufel geht auf Erden." So ging es durch die verschiedenen Dynastien, welche Böhmen mit ihren Regierungskünsten beglückten, bis auf die Habsburger. Auch unter diesen frommen Purpurträgern war die rechtliche Stellung der prager Juden keine sonderlich günstige. Der erste böhmische König aus dem Hause Habsburg, Ferdinand I., erneuerte zwar den Schußbrief des Kaisers Karl IV., befahl aber den Juden, ein gelbes Abzeichen an den Kleidern zu tragen, wie es zum Zeichen der Entehrung die Henter und ihre Angehörigen in rother Farbe trugen. Dieses Erkennungszeichen, welches die Spottlust, wo nicht noch schlimmeres, der lieben Straßenjugend wachrief, trugen die Knechte des heiligen römischen Reiches, wie man offiziell die Juden nannte, vom Jahre 1551 bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, zu welcher Zeit es Kaiser Joseph II. abschaffte. Der schwerste Schlag, welchen die prager Judenschaft je erlitten, ward ihr im Jahre 1745 von der Kaiserin Maria Theresia versetzt. Im genannten Jahre wurden alle Juden aus Prag ausgewiesen, weil sie den Einbruch der Feinde, der mit dem bayerischen Kurfürsten verbündeten Franzosen, befördert haben sollten. Erst nach Jahresfrist erhielten sie die Erlaubniß, zurückzukehren, und wurden an den Thoren natürlich zu gunsten der Steuerschraube- mit Familiennamen beglückt. Die in Guaden Aufgenommenen wurden streng in die Judenstadt an der Moldau gebannt; die Grenzen derselben gegen die christlichen Stadttheile waren bis zum Jahr 1848 durch quer über die Gasse gezogene Drähte bezeichnet. In dieser Sturm und Drangperiode sind auch diese legten Schranken gefallen. Die altehrwürdige Judenstadt mit ihrer blutigen Vergangenheit hat zu existiren aufgehört, denn sie wurde auf den Namen ihres Wohlthäters, des reformfreundlichen Kaisers Josef II. getauft. Ist es nicht eine Fronie des Schicksals, daß die trotz aller Verfolgungen reichgewordenen und jetzt auch mit den Christen gleichberechtigten Juden die schönsten Straßen Prags bewohnen, während der fanatische Mob, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, in den schmußigen und dunkeln Gäßchen der ehemaligen Juden, jetzt Josefstadt haust? Dort, inmitten der Schlupfwinkel des Elends und Lasters, steht auch das jüdische Rathhaus. Der Unterbau wurde zu Ende des 16. Jahrhunderts auf Kosten des jüdischen Kaufmanns Mordechai Meist aufgeführt. Das Thürmchen auf dem Rathhause datirt aus einer spätern Zeit und hat, wie die weltberühmte Altneuschule und der in der Nähe derselben liegende uralte Friedhof, eine interessante Entstehungsgeschichte. Im Jahre 1648 nahmen auch die prager Juden, die bis dahin gegen Erlag der Kopfsteuer von jeder militärischen Dienstleistung befreit waren, regen Antheil an der Vertheidigung der Altstadt Brags gegen die von der Kleinseite( rechtes Moldauufer) anstürmenden Schweden. In Anerkennung der bei dieser Gelegenheit geleisteten Dienste erhielt die Judengemeinde die Erlaubniß, ihr Rathhaus mit einem Glockenthurme zieren zu dürfen. Zum Andenken an den Ursprung des Thurmes befindet sich in dem an dessen Giebel angebrachten Siegel Salomos der Schwedenhut. Im Jahre 1754 brannte das Rathhaus ab und wurde im nächstfolgenden Jahre in der Weise umgebaut, wie es unser Bild darstellt. Seit dem Anschluß der Judenstadt an die christlichen Stadttheile( 1849) dienen die Räume des ehemaligen Rathhauses dem Synagogenvorstand als Kanzlei. Wir dürfen wohl überzeugt sein, daß sich die Gräuel des Mittelalters nicht wiederholen, und daß auch die Kindereien der neuesten christlich germanischen Judenhag die baldige Abstreifung alles Glaubenszwiftes wie aller Verfolgungsgelüfte, gleichviel ob jüdischen oder christlichen Ursprungs, nicht verhindern wird. Dr. M. T. Weißwurmfang an der Elbe.( Bild S. 545.) Es war an einem prachtvollen Augustabend, als ich in Gesellschaft einiger Freunde nach einer Tour durch die herrlichen Thäler, durch wilde, romantische Schluchten und über die felsigen Höhen der sächsischen Schweiz in dem Städtchen Schandau eintraf. Als wir uns durch einen Imbiß gestärkt hatten und Miene machten, unser Lager aufzusuchen, um uns von der anstrengenden Tagespartie zu erholen, meinte unser freundlicher Wirth, der wie so viele Bewohner Schandaus, auf den Namen Hering hörte, haben denn die Herren nicht noch Lust, einem interessanten Schauspiel beizuwohnen? Gestern Abend hat sich nämlich zum ersten male in größeren Mengen der Weißwurm gezeigt, und ich müßte mich sehr irren, wenn der Fang heute nicht ein recht reichlicher werden sollte. Obgleich wir absolut keine Ahnung hatten, welche der vielen Thierspezien mit obigem Namen belegt wird, so erklärten wir uns doch gerne bereit, dem Fange beizuwohnen und einige Augenblicke darauf befanden wir uns unter der Führung unseres Wirthes unterwegs nach den Ufern 551 der Elbe zu. Außerhalb der Stadt, stromaufwärts angelangt, erblickten wir dicht am Flusse eine ganze Reihe mächtig lodernder Feuer, um die immer mehrere Menschen geschäftig herumhantirten. Es war ein prachtvoller Anblick. Dicht neben uns die silbern blinkende Elbe, in deren Fluthen der Vollmond sein weißes Licht spiegelte, im Hintergrunde die dunklen bewaldeten Höhen, deren Konturen scharf gegen den sternübersäeten Himmel abstachen; dazu die dunkelrothen qualmenden Feuer, um welche menschliche Wesen woboldartig herumhuschten, wahrlich es war ein fesselndes Schauspiel. Wir waren unterdeß bei dem ersten Feuer angelangt. Rund um dieses herum sahen wir weiße Leinwandtücher ausgebreitet. Myriaden weißer geflügelter Insekten umschwärmten die Flammen, und unzählige derselben fanden den Feuertod. Die herumliegenden Leinentücher waren bereits einen Zoll hoch mit ihnen bedeckt und immer noch stürzten sich neue Schaaren, unwiderstehlich von dem hellen Scheine angezogen, in den leuchtenden Tod, und bedeckten herabfallend ringsum den Boden. Es war, als ob wir im dichten Schneegestöber standen, und ganz nahe dem Feuer wagte man nicht zu athmen, da mit der eingeholten Luft die Insekten in Mund und Nase gelangten. Das war also der Weißwurm, von dem unser Wirth erzählt hatte, den wir jetzt als die Eintagsfliege, Hafte(( Ephemeridae) erkannt hatten. Ganze Körbe voll wurden an diesem Abend gesammelt, und nach der Berechnung unseres Führers mußten die Leute ein gutes Geschäft gemacht haben, denn nach seiner Angabe wird für den Liter der getrockneten Insekten 50 Pfennige gezahlt; und gar mancher Liter wurde in den zwei Stunden des Fanges von 8-10 Uhr gesammelt. Die getrockneten Hafte dienen, mit Lehm zusammengefnetet, als Fischköder, hauptsächlich werden dieselben indeß benutzt, um gefangenen insektenfressenden Vögeln wie auch Fischen und Amphibien an Stelle von Ameiseneiern zur Nahrung zu dienen. Als wir uns auf den Heimweg begaben, zeigte unser Wirth uns noch ein hübsches Experiment; er zündete nämlich ein mitgebrachtes Lichtstümpen an und hielt es einen Augenblick ruhig hin. Obgleich die Hafte sich lange nicht mehr in dem Maße zeigten, wie vorher, so war doch noch die Schaar der sich in die Flammen stürzenden Insekten so groß, daß das Licht verlöschte. Unserm Wirth sprachen wir unsern Dank aus, daß er uns die Gelegenheit geboten hatte, dem Fang des Weißwurmes beizu wohnen. Die Hafte oder Eintagsfliegen sind Insekten von 10-12 Millimeter Länge; der schlanke walzenförmige Körper der mit 3 ebenso langen Schwanzborsten versehen ist, wird von zwei Paar verschieden großen gelblichweißen Flügeln getragen. Sie führen ihren Namen mit Recht, denn sie leben nur etwa 24 Stunden und das Wort des Dichters von Hunger und Liebe als des Lebens treibendes Motiv hat auf die Hafte nur zum Theil Anwendung. Während ihres kurzen Seins enthalten sie sich aller Nahrung die zum Beißen bestimmten Mundtheile sind ganz unentwickelt und Zweck des Lebens ist bei ihnen nur die Liebe, die Fortpflanzung. Die Eintagsfliegen entsteigen dem fließenden Wasser. Hierhinein streut das Weibchen ihre Eier, aus denen in nicht langer Zeit die Larven entstehen. Diese leben etwa ein Jahr lang im Wasser und im Uferland, in welchem sie sich kleine Höhlen hineinarbeiten und nähren sich räuberisch von allem, was die Wasserfauna geeignetes bietet. Mitte August und zwar meistens zur selben Zeit streift das Insekt die Fülle der Larve ab und verwandelt sich aus einem Bewohner des feuchten Elements in einen Bewohner der Luft. Große Massen indeß ertrinken bei diesem Wechsel und das Wasser ist häufig von ihren Leichen ganz weiß gefärbt. Das dem Wasser entstiegene Insekt ist mit einer feinen Haut bedeckt, welche es noch einmal abstreift, eine Erscheinung, wie man sie sonst nicht weiter in der an Arten so reichen Insektensippe beobachtet hat. Sogar von den so dünnen Flügelchen löst sich bei dieser Methamorphose eine Haut ab. Die zurückbleibende bisherige Hülle des Insekts bleibt an dem Gegenstande, an welchem die Umwandlung geschah, haften und daher soll der Name des Insektes, Hafte, entstanden sein. In Krain werden die Hafte gefangen und als Dünger benugt. An der Theiß nennt man sie Theißblüthe. Auch die Fischer an der Seine und Marne benutzen sie zum Fischföder und nennen sie Manna." Recht hübsch schildert ein Naturforscher eine Beobachtung von Haftschwärmen. von Haftschwärmen. Die Myriaden Hafte," erzählt er, welche die Luft über dem Strome des Flusses und auf dem Ufer, wo ich stand, anfüllten, können weder ausgesprochen, noch gedacht werden. Wenn der Schnee in den größten und dichtesten Flocken fällt, so ist die Luft nicht so voll von denselben, als sie hier von Haften war. Kaum stand ich einige Minuten auf einer Stufe, als die Stelle mit einer Schicht derselben von 2-4 3oll in der Dicke bedeckt wurde. Neben der untersten Stufe war eine Wasserfläche von 5-6 Fuß nach allen Seiten hin gänzlich und dicht von ihnen zugedeckt und was der Strom weg trieb, wurde unaufhörlich ersetzt. Mehreremale war ich gezwungen, meine Stelle zu verlassen, weil ich den Schauer von Haften nicht ertragen konnte, der, nicht so beständig in schiefer Richtung wie ein Regenschauer einfallend, immer und auf eine sehr unangenehme Weise von allen Seiten mir in das Gesicht schlug; Auger. Mund und Nase waren voll davon. Bei dieser Gelegenheit die Fackel zu tragen, war eben kein angenehmes Geschäft. Die Kleider des Mannes, der sie trug, waren in wenig Augenblicken von diesen Fliegen bedeckt, gleichsam überschneit. Gegen 10 Uhr war dieses interessante Schauspiel zu Ende. Einige Nächte darauf erneuerte es sich, allein die Fliegen zeigten sich nicht mehr in derselben Menge. Die Fischer nehmen nur drei aufeinander folgende Nächte für den Fall des„ Manna" an, doch erscheinen einzelne Fliegen sowohl vor als nach denselben. Wie immer auch die Temperatur der Atmosphäre beschaffen sein möge, kalt oder heiß, diese Thiere schwärmen unveränderlich um dieselbe Stunde des Abends, das heißt zwischen ein viertel und ein halb nach acht Uhr; gegen neun Uhr beginnen sie die Luft zu erfüllen, in der folgenden halben Stunde ist ihre Anzahl am größten, und um zehn Uhr sind kaum einige mehr zu sehen, so daß in weniger als zwei Stunden dieses ungeheure Fliegen meer aus dem Flusse, der sie zur Welt bringt, hervorgeht, die Luft erfüllt, sein bestimmtes Werk verrichtet und verschwindet. Eine große Anzahl fällt ins Wasser, den Fischen zum reichlichen Male, den Fischern zum glücklichen Fange." Hervorgehoben muß noch werden, daß die Zahl der Männchen der Hafte eine bei weitem größere ist, als die der Weibchen. Die wenigen Lebensstunden, welche diesen Thieren von der Natur gegeben, vergehen denselben in Lust und Freude. Unbekannt mit dem Triebe nach Nahrung, bleibt ihnen gleichfalls der Kampf zur Erwerbung der Nahrungsmittel fremd. Trunken vor Wonne sieht man sie die wenigen Stunden zwischen Werden und Vergehen dahinleben. Ein Bild des Glücks, wie es von wenigen Erscheinungen der Lebewesen gezeigt wird. H. Schl. 552 Gräberstadt in Golkonda.( Schluß.) Burton bedauert, daß von diesen Gemächern noch keine Photographien abgenommen sind. Treppen, die kaum zu begehen sind, führen hinab zu den Gräbern in einer aus Gewölben aufgebauten, mit Nischen versehenen Gruft. Unter dunklem, schwerem Grünstein ruht die Leiche. Der Grabdeckel ist länglich und aus sechs oder acht sich verjüngenden Platten zusammengesetzt; der oberste Stein ist bald flach, bald gewölbt; auf seinen Seiten sind Inschriften in Naskh- oder Nastalik altkoranischen Schriftzügen eingemeißelt. Die Absätze der Grabdeckel sind mit Thierklauen und Urnen vielfach verziert, aber diese Verzierungen auch vielfach beschädigt. Wo einst meilenweit und breit nur der Schrei eines Raubvogels oder das Geheul der Schakals die Gräberstille unterbrach, pfeift jezt die Lokomotive auf den länderverbindenden Schienen. Die Eisenbahn zieht am Fuße des Hügels, auf welchem Golkonda erbaut ist, nördlich weiter über Sikandarabad nach Trimalgadi und Trimulgherry, lauter Zwingburgen, von denen aus das britische Krämervolk die alten Blutsauger Indiens mit der eisernen Elle im Zaume hält. Die englische Eroberung, welche dem indischen Volke nicht viel Rechte einräumt, aber auch nicht viel Pflichten aufbürdet, ist erträglicher, wie ihre Vorgängerinnen, was freilich in dem jochgewohnten Indien blutwenig bejagen will. Die Regierungsweise der Engländer hat aber in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen, weil sie uns zum ersten male den Beweis liefert, daß eine handvoll freier Männer hundert millionen stumpfer Sklaven im Baume zu halten vermag. Leider haben auch die Engländer, wie wir schon eingangs erwähnten, den Weichselzopf des Kastengeistes nur halb abgeschnitten, indem sie neben ihrer Verwaltung den sehr kostspieligen Hofstaat der eingebornen Fürsten bestehen ließen. Nur auf diese Weise ist es möglich, daß der Kaiser von Delhi, der Nizam von Haidarabad, der Gaikowar von Baroda, die Emire von Nepal, Buthan, Dekhan, und wie sonst noch der Rattenkönig von indischen Landesvätern heißt, Pensionäre von England sind und außerdem noch auf eigne Faust dem armen Volke Steuern auferlegen, um ihrem Sport- und Haremsvergnügen zu fröhnen, sodaß troß des wunderbar ergiebigen Bodens alle Jahre in einem andern Theile Indiens die Hungersnoth wüthet, der hunderttausende von Menschenleben zum Opfer fallen. Wir haben den Lesern der ,, N. W." voriges Jahr und vor zwei Jahren diese Katastrophe geschildert und die Zahl der Verhungerten nach offiziellen Quellen des Parlamentes zu London auf über eine Million angegeben. Hoffen wir, daß der Reis, die ausschließliche Nahrung von zwei Dritttheilen der Ostindier, dieses Jahr so reichlich gerathen wird, daß er uns dieser traurigen Berichterstattung überhebt. Währenddem wir dieses schreiben, telegraphirt man von Indien nach London: Der Monsoon bricht aus". Diese lakonische Depesche verkündet ein Ereigniß, welches zu den nüßlichsten Naturerscheinungen der Welt des Ostens gezählt werden muß, denn was das Steigen des Nils für Aegypten, das bedeutet das erneuerte Wehen des Sommermonsoons für die indische Küste von Golkonda bis Kap Coromandel. Wie der Nil manchmal nicht den Normalzustand der Ueberschwemmung erreicht, so enttäuscht auch oft der große Wolkensammler, genannt der Indische Ozean, die ängstlich harrende Bevölkerung der Halbinseln und begnügt sich mit geringen Gaben wohlthätig strömen den Regens. Für dieses Jahr ist es jedenfalls ein gutes Omen, daß die seegebornen Wasserdämpfe sich dicht und frühzeitig ansammeln und mit einer gewaltigen Erschütterung der Atmosphäre beginnen. Heutzutage ist ja dieses alljährlich eintretende Phänomen nicht mehr ein Mysterium, wie in der Vorzeit, als Sindbad der Seefahrer die arabischen Gewässer durchabenteuerte, oder als der Grieche Hippalus kühn lich seine Segel dem wunderbaren Winde darbot, welcher ihn so stetig nach Muzeri, dem Hafen aller Gewürze, führte. Der Südwestmonsoon ist jetzt in seinen Ursachen und Wirkungen ebenso genau von der Wissenschaft erkannt, als die Luftschwingungen, welche eine Kirchenglocke in Bewegung sezen. Wenn die äquatorialen Gegenden der Erde mit Wasser bedeckt wären, behauptet Dove in seiner Windtheorie- so würden die Passatwinde beständig rings rund um den Erdgürtel wehen, dem Laufe der Sonne vom Dezember bis Juni nach Norden und vom Juni bis Dezember nach Süden folgend. Aber die heißen Monate April und Mai erhigen die Landoberfläche von Südasien derart, daß die darüber schwebende Atmosphäre sich ausdehnt und in die Höhe steigt. Dann weht die kältere Luft vom Indischen Ozean herbei, um den leer gewordenen Raum auszufüllen; nördlich vom Aequator gibt die Drehung der Erde diesem Windstrom eine westliche Ablenkung, und das Resultat ist ein langer und stetig wehender Luftstrom, welcher, mit den Wolken beladen, die aus dem weiten arabischen Meere hervordampfen, diese Massenwasserträger gegen die westlichen Landschaften Indiens hintreibt, wo dieselben gewöhnlich Anfangs Juli den Himmel weit und breit mit dichtem Gewölkschleier verhüllen. Der auf dem Himalaya schmelzende Schnee, welcher in regelmäßigen Perioden die Kanäle des Ganges und Brahmaputra füllt, vervollständigt die Wasserzufuhr für den indischen Kontinent, welcher, wie die Sahara, eine öde Wüste sein würde, wären nicht die Wasserbehälter der Gebirge und der so wohlthätige Monsoon, mit dessen Hülfe das Land von dem Meere aus bewässert wird. Diesem Gesandten des Indra, wie er in den uralten Vedas genannt wird, verdankt auch die Gräberstadt Golkonda ihre üppige Vegetation. Dr. M. T. Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Französische Hühnerzucht. Wie ,, Der Geflügelzüchter und Hühnerfreund"( Frankfurt a/ M. W. Mössinger) mittheilt, gibt es gegenwärtig in Frankreich 40 millionen Hühner, von denen in einem Jahr 100 Millionen Nachkommenschaft gezogen und von diesen 10 millionen zur anderen Zucht ausgewählt werden. Jene ursprünglichen 10 millionen Hühner legen 4 milliarden Eier im Jahr, von denen jedes mit durchschnittlich 6 Cents bezahlt wird, so daß aus der Eierproduktion ein Jahresgewinn von 240 millionen Francs( 192 millionen Mark) erwächst. Aus dem Verkaufe von jungen und alten Hühnern erzielen die französischen Landwirthe mehr als 300 millionen Francs, folglich übersteigt der Jahresbetrag der französischen Hühnerzucht weit die Summe einer halben milliarde. Von der Bedeutung dieser Zahl macht man sich erst einen richtigen Begriff, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Zucht des übrigen Geflügels, der Enten, Gänse, Truthühner, Fasanen u. s. w. hier nicht mit in Betracht gezogen ist. XZ. Was eine richtige Ernährung bedeutet, zeigt folgende Mittheilung, welche ich einem Artikel der von Prof. Reclam redigirten Gesundheit" entnahm. Der Direktor der Frrenanstalt zu Uckermünde, Herr Dr. v. Gellhorn, hat nach den von Prof. Voit in München aufgestellten Grundsäßen eine Beköstigungsweise in seiner Anstalt eingeführt, wonach die männlichen Kranken zweiter Klasse täglich 12,4 Gramm Eiweißstoffe, 71 Fette und 475,3 Kohlenhydrate enthalte. Dabei hat Herr v. Gellhorn ganz besonders Rücksicht genommen auf den meist völlig nichtgeachteten Vortheil, welche möglichst reichhaltige Abwechslung der Hauptgerichte für die Gesundheit der sie genießenden Leute darbieten. Er läßt überhaupt an Mittagsmahlzeiten nicht weniger als 36 Gerichte beständig miteinander abwechseln. Auf jedes Mittagsmahl entfallen 56,8 Gr. Eiweißstoffe, 32,2 Fette und 163 Kohlenhydrate. Das Abendessen weist neben 200 Gramm Brod und 12,5 Gr. Butter, 14 abwechselnde Gerichte auf, welche 31,7 Eiweißstoffe, 27,4 Fette und 147,8 Kohlenhybrate enthalten. So ausreichend diese Verpflegung ist, so üppig- möchte man beinahe sagen sie erscheint, kostet sie doch pro Tag und Mann im großen und ganzen nur 67,5 Pfennig und 60 Pfennige für die Frau. Die Folgen dieser vernunftgemäßen" Nährweise ließen nicht auf sich warten. Zunächst sank die Sterblichkeit von 8,6 Proz. 1876 auf 7,7 1877, 5,4 1878 und 79. Durch Ausscheidung der unrettbaren Todeskandidaten im Irrenhause, hauptsächlich der Gelähmten, gelangte man zu der Einsicht, daß in den erwähnten Jahren die Zahl der Gestorbenen um die Hälfte gesunken ist, nämlich von 6,4 Proz. auf genau 3 Proz. Auch auf die Heilung des Jrrsinns hatte die wissenschaftlich richtige Ernährung einen auffallend günstigen Einfluß; zwar wurde nicht eine größere Zahl Jrrsinniger geheilt, als zuvor, wohl aber erfolgte die Heilung im Durchschnitt rascher als vorher. Und nun denke man sich die wissenschaftlich richtige Ernährung ausgedehnt von dem Frrsinnigen auf die Gesunden alle welch' eine Beute würde da nicht dem Tode alljährlich abgejagt werden können. XZ. Inhalt. Idealisten, von studolf Lavant( Fortseßung).- Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Rothberg- Lindener( Fortsetzung). Irrfahrten, von Ludw. Rosenberg( Fortsetzung). Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......( Fortseßung). Das Rathhaus der prager Judenstadt( mit Illustration). Weißwurmfang an der Elbe( mit Illustration). Gräberstadt in Golkonda( Schluß). Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.