Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter, Idealisten. Von Rudotf Lavant. (Fortsetzung.) Curt schien nicht sonderlich erbaut von dem leichten Ton, den meine Verlegenheit und innere Unsicherheit anschlug. Aber er hielt sich streng an die Sache und erwiderte wegwerfend: „Alles und nichts! Soziale Rananntcrschiede— meinen lumpigen Adel— meine militärische Karriere— die naiven Pläne des Onkels, von denen ich ihr einmal in Hellem Ueber- muth erzählte— und damit ich's nicht vergesse— eine Differenz des Alters zu ihren Ungunsten!" „Nun, so gar gleichgültige Umstände sind das wohl nicht, und ist's Ihnen nicht. lieb und macht es dem Mädchen nicht Ehre, daß sie gewissenhaft ist und an die Zukunft denkt? Uebri- gens— ist sie denn älter als Sie? Das hätte jich mir allerdings nicht träumen lassen— es verwelkt eben doch viel Jugend- blüthe und Farbenfrische in unfern heißen Ballsälen und in denen scheint Lcontine ein seltner Gast gewesen zu sein." „Eine Lumperei— drei, vier Jahre— was weiß ich? Gerade dieser Punkt ist mir so gleichgültig, daß mich's wurmt, denken zu sollen, Leontine lege ihm Gewicht bei. Sie denkt in so vielem anders— stolzer, edler, größer— als das gewöhn- liche Frauenvolk, und nun scheint es doch, daß sie mit einer alltäglichen Auffassung der Schwäche ihres Geschlechts Tribut zahlt. Aber lassen wir's gut sein; es freut mich ja trotz alledem, daß Sie Sich mit Ueberzeugung zu einer hohen Meinung von der bekennen, die zum Mittelpunkt meines Lebens geworden ist, und ich will versuchen, mich zu Ihrem Glauben an die Macht meiner Liebe, zu Ihrem Hoffen auf die Zukunft zu bekehren. Es liegt alles so nebelgrau und oft sogar nachtschwarz vor mir, daß ich den tröstlichen Schimmer eines ganz kleinen Sternchens recht nöthig brauchen kann." Er reichte nur über den Tisch die Hand und ich drückte die- selbe in seltsamer Bewegung— es war mir ja gar nicht wohl bei alledem und wenn ich Curt auch genug kannte, um zu wissen, daß er sich durch alle Hindernisse freie Bahn hauen würde— Stürme und Kämpfe gab es ini besten Falle in Hülle und Fülle. Es war mir leid um ihn— leid um das schöne Geschöpf, und ich hätte gewünscht, ihnen helfen zu können. Wenn man sich unter den Menschen und im Leben aufmerksam umgeschaut hat, wird man mißtrauisch, sobald von Liebe die Rede ist, und könnte man alle die wohlanständigen, vorschriftsmäßigen Verlöbnisse und Brautstände auf ihre wahren Motive, auf die innerste Her- zcnsmcinung der Betheiligten und somit auf ihren wirklich sitt- 21- August 1880- lichen und ethischen Werth zurückführen— ich glaube, man würde erschrecken. Hier stand ich nun einer echten, ehrlichen Liebe, dem reinen, unverfälschten Walten eines Naturgesetzes gegenüber, das mich rührte und beinahe ehrfürchtig stimmte— aber wie düster und bang lag die Zukunft vor den beiden Menschen! Wir sprachen an jenem Abend nicht weiter über diese Herzens- frage und dann blieb sie lange, lange Wochen gänzlich unberührt. Ich sah meine schöne Hausgenossin nach wie vor und Tag für Tag am Fenster, Curt veranstaltete aber nie wieder eine Begeg- nung mit ihr und ich mochte begreiflicherweise eine solche nicht anregen— derartige Vertrauensbeweise müssen freiwillige sein. Curt erwähnte überhaupt Leontine mit keiner Silbe; zuweilen war mir's, als schwebe ihm ein Wort der vertraulichen Mitthei- lung auf der Zunge, aber er schluckte es immer wieder hinunter und schien überhaupt mit jeder verrinnenden Woche verschlossener und wortkarger zu werden. Unablässig mit einem bohrenden, hartnäckigen Gedanken beschäftigt, kam er mir fast immer zer- streut, dann wieder abgemattet bis zur Apathie vor. Zuweilen machte sich auch eine ungewohnte Reizbarkeit und Ungeduld geltend, eine aufbrausende Heftigkeit, eine wilde Erbitterung, die sich bei dem geringfügigsten Anlaß Luft machte; seine humoristische Ader schien zu einer sarkastischen geworden zu sein, die fast über- reichlich floß, sodaß er zuweilen grausam erscheinen konnte. Dann war er wieder ein paar Tage lieb und gut wie nie, als wolle er jedem, den er verwundet, indirekt Abbitte thnn, und eine eigcnthümliche Weichheit machte ihn rührend, liebenswürdig, wie ein krankes Kind. Und krank, ernstlich krank war er unfehlbar; er verlor die Frische und Elastizität, sein Gesicht wurde bleicher und schmaler, das feine blaue Geädcr an den Schläfen trat stärker hervor, der Blick der großen Augen war oft matt und glanzlos und seine Sprache selbst bekam etwas Träges und Schleppendes, etwas Mühsames und Eintöniges. Es fehlte da- zwischen hinein nicht an Tagen, an denen er wirklich heiter und aufgeräumt sein konnte und ganz der alte war, aber diese Tage wurden seltner und immer seltner. Er blieb dabei der Pflicht- treue, gewissenhaste Soldat, der strebsame, lernbegierige junge Mann, der ein gutes Buch jeder andern Gesellschaft vorzieht, aber es war doch nicht der rechte Trieb dahinter und das Er- reichte wollte ihm keine Freude mehr machen. Die Art seines Interesses an all den Fragen, mit denen er sich früher beschäftigt hatte, war eine andere geworden; ich will nicht sagen, daß es viel stumpfer geworden war, aber es war, als müsse er sich immer erst auf diese Interessen besinnen, als müsse er sie sich mit Mühe gegenwärtig halten, damit sie ihm nicht etwa über Nacht spurlos abhanden kämen. Alles in allem war es ein niederschlagendes Schauspiel und der brave, ehrliche Jehan, der sich ja nicht die geringste Rechenschaft über die Veränderung im Wesen seines Herrn zu geben vermochte, dieselbe aber sehr wohl empfand, sah ihn manches mal kopfschüttelnd und besorgt an; sein derbes Holstengemüth war wenig dazu veranlagt, sich in Schmerzen solcher Art hineinzudenken und den Wurm zu errathen, der am Herzen seines Herrn nagte, aber seine Rathlosigkeit und Nieder- geschlagenheit war unverkennbar, und wenn sie auch ihre komische Seite hatte, so war sie doch noch viel mehr rührend und machte mir den Burschen Werth. Manchmal schien es mir geboten, ihm eine Andeutung zu geben, aber was hätte ich ihm sagen sollen? Und dann war ja nicht zu fürchten, daß die Ungleichheit in der Stimmung seines Herrn, unter der er ja auch zuweilen zu leiden hatte, ihn je bestimmen könnte, demselben untreu zu werden. So schleppte sich alles träge, unentschieden und wechselvoll bis um die Mitte Juni hin— bis zur Zeit der letzten Nach- tigallenlicder und der ersten Rosen. Ich saß eines Abends spät mit Curt unter der künstlichen Veranda vor dem Cafs, in dem wir uns gewöhnlich trafen; die Oleander leuchteten von rothcn Blüthen und die breiten Leinwandflächen, welche die Veranda in ein Zelt verwandelten, bewegten sich bald gemessen und langsam hin und her, bald blähten sie sich wie Segel, um gleich darauf schlaff in die alten Falten zu fallen, bald flatterten sie unruhig unter den unregelmäßigen Stößen und Strömungen des lauen Nachtwinds. Curt brütete über den„�äroüv� Usti", ich hatte mich in die leipziger„Jllustrirte" vertieft und wir übersahen es ganz, daß ein neuer Ankömmling stehen geblieben war und uns iächclnd durch sein Pincencz ffxirte. Endlich warf er uns seine Mütze und seine weißgn Handschuhe auf den Tisch, und als wir erstaunt aufsahen, stand Linsingen vor uns, der lebenslustige Kamerad Curts, durch den dieser einst Erkundigungen darüber einziehen ließ, ob man in Offizierskreisen wüßte, wer Leontine Lux war. „Schau, Blenkheim, das trifft aber prächtig, ich suche dich den I ganzen Tag wie eine Stecknadel und jetzt, wo ich auf dem Heim- weg bin, sehe ich dich plötzlich da zwischen den Olcanderkübeln sitzen und— die Zeitung studiren, als enthielte sie deine Er- nennung zum Hauptmann." „Vor Reinisch brauchst du dich nicht zu geniren— wie viel hast du nöthig?" fragte Curt; er war so ziemlich der Bauguier für seine Kameraden, denen er stets bereitwillig aushalf und denen er es ernstlich krumm nahm, wenn sie, statt zu ihm, zu einem der Offizierswucherer gingen. „Davon vielleicht später— du bist übrigens doch ein Pracht- mensch! Jetzt wollte ich dich nur davon in Kenntniß setzen, daß ich zum Oberleutnant befördert bin, unter gleichzeitiger Versetzung nach Pesth. Uebermorgeu geht es fort, morgen Abend müssen wir also einen kleinen Abschied feiern und da darfst du doch nicht fehlen. Und der Herr Reinisch, ich weiß, der kommt auch, wenn ich ihn recht schön darum bitte— das soll aber einmal lustig werden und ich will alle die lieben, guten Gesichter noch einmal um mich sehen, ehe ich zu den Bassamas und Tercmtetes gehe und Paprikaschoten kauen lerne." „Bios die Kameraden vom Genie?" fragte Curt lakonisch. „Ah, wo denkst du denn hin? was War' denn das für eine exklusive Gesellschaft! Artillerie, Jäger, Husaren und Ulanen müssen wir doch auch ein paar Mann haben, damit es hübsch bunte Reihe gibt. Der Borkiewicz hat mich ja schon gebeten, ihm einen Platz neben dir zu geben; er hält große Stücke auf dich und bedauert es sehr, daß du ihm, wie er meint, gcflissent- lich ausweichst. Ich Hab ihn ausgelacht— was solltest du gegen ihn haben? Er ist ja in jeder Hinsicht ein famoser Kerl und so unterhaltend— wir haben uns neulich alle vor Lachen geschüt- telt, als er Anekdoten erzählte. Für dich wäre das freilich nichts gewesen— die Anekdötchen waren meist ein Vissel schlüpfrig und das liebst du ja nicht, aber wenn du dabei bist, mcnagirt er sich schon, darauf kannst du dich verlassen." Curt war ersichtlich unangenehm berührt. Er erwiderte mit einer gradezu befremdlichen Gereiztheit: „Wenn's weiter nichts wäre— das nimmt man schon ein- mal mit in den Kauf. Aber ich mag diesen Borkiewicz nicht, er ist mir zuwider mit seiner fast kriechenden, sklavischen Liebens- Würdigkeit, und wenn wir öfters zusammenkommen, gibt es schließ- lich noch ein Unglück. Laß mich aus dem Spiele, Linsingen— es thut nicht gut, wenn wir beiden in einem Zimmer und an einem Tisch sitzen, und der beste Menöscr wird mir zur Galle." Linsingen war im höchsten Grade betreten und sein gutmüthiges, treuherziges Gesicht trug eine wahre Bestürzung zur Schau. „Aber, Blenkheim, das ist doch nicht erhört! So weit wirst du doch die Animosität gegen einen Kameraden nicht treiben, seinetwegen bei meinem kleinen Abschiedsfeste zu fehlen? Wenn du nicht neben ihm sitzen magst, so geb' ich dir einen Platz, der ganz weit von dem seinen entfernt ist— aber kommen mußt du. Schau, du verbitterst mir den ganzen Abend, wenn du wegbleibst, und deine Abneigung gegen Borkiewicz ist doch rein nichts als eine Grille. Nimm mir's nicht übel, aber was zu toll ist, ist zu toll." Curt mochte fühlen, daß er zu weit gegangen war, wenn er seine Feindseligkeit nicht erklären wollte, und dazu hatte er selbst- verständlich keine Lust. Er lenkte also ein und sagte ruhiger: „Nun, meinetwegen, wenn du versprichst, mir andere Nachbarn zu geben— aber nur dir zu Liebe. Ich bringe dir ein wirk- liches Opfer, von dessen Größe du keine Ahnung hast— aber sei's drum— das einemal wird's ja wohl noch gut abgehen, wenn der Mensch mich nicht etwa reizt." „Ja, aber Blenkheim, was um aller Heiligen willen hast du denn nur gegen ihn? Du thust ja grade, als hätte er dir eine Geliebte vor der Nase weggeschnappt." „Was ich gegen ihn habe? Nichts und alles! Aber laß es gut sein! Ich habe dir versprochen zu kommen und ich werde kommen, und hättest du selbst Seine höllische Majestät mit Hör- ncrn und Pferdefuß zu Gaste gebeten. Was du aber da von einer weggeschnappten Geliebten fabelst, ist blanker Unsinn— Borkiewicz hat meine Pfade noch nie gekreuzt, er würde aber allerdings der Letzte sein, dem ich das verziehe und mit dem ich glimpflich auseinandcrkäme— soviel ist richtig. Und nun: ,a riverderci clomani'." Linsingen ging und Curt vertiefte sich wieder in seine Zeitung, mir aber fiel die Schlittenpartie ein und ich nahm mir vor, den Ulanen am nächsten Abend recht aufmerksam zu beobachten, um mir womöglich einen Vers auf meines jungen Freundes fast leidenschaftliche Abneigung gegen ihn machen zu können. Die von Curt angeführten Gründe erschienen mir doch nicht aus- reichend zur Erklärung des Widerwillens, und war derselbe ein instinktiver, so mußte er mit elementarer Gewalt wirken, sonst hätte ihn Curt durch Vcrstandeserwägungen lahmgelegt. Er sprach nicht weiter über die Einladung und wir trennten uns bald darauf mit einem gleichmüthigen: ,Auf morgen Abend also— im Engel'." Das kleine Abschiedsfest ließ sich recht hübsch an. Linsingen hatte Curt zwischen mich und einen ihm sehr sympathischen Haupt- mann gesetzt und Borkicwicz's Platz war so weit entfernt, daß sie sich beim besten Willen nicht hätten unterhalten können. Es ging zudem so laut und lustig zu, daß man oft Mühe hatte, seinen Nachbar zu verstehen, und der Pole machte auch gar keine Miene, sich Curt zu nähern, sondern scherzte in einemfort mit seinem Nachbar, einem jungen Dragoneroffizier, der erst seit einigen Wochen in Prag war, mir aber gar nicht sonderlich gefiel, da er eine Blasirtheit affektirte, die durchaus nicht zu seinen Jahren stimmen wollte. Borkiewicz selber mißfiel mir nicht eigentlich; sein Gesicht war freilich weder edel noch eigentlich intelligent, und ein paar stechende schwarze Augen, die unruhig hin und her wanderten und jedem fremden Blick auszuweichen schienen, mahnten zu einer gewissen Vorsicht; ich liebe die Leute nicht, die sich nicht in die Augen sehen lassen. Aber er war ent- schieden eine martialische Erscheinung und seine Manieren hatten etwas äußerst Gefälliges, Schmiegsames und Zuvorkommendes; er war die Aufmerksamkeit selbst, und wenn diese Aufmerksamkeit auch etwas Devotes hatte, etivas Unterwürfiges und Ueber- triebenes, so war das eben eine Rasseneigenthümlichkeit, für die er nicht konnte und die das Urtheil über ihn und seinen Cha- rakter nicht beeinflussen durfte. Für Curt schien er einfach nicht anwesend zu sein— dieser hatte ein ganz besonderes Talent, jemanden zu ignoriren und zwar in der unauffälligsten Weise von der Welt. An jenem Abend war er auch ungewöhnlich gesprächig und heiter, ich hatte ihn seit Wochen und Monaten nicht mehr so gesehen und mußte unwillkürlich denken: ,Nun sieh' einmal: da hast du dich nun gegen die Einladung gesträubt, als müßte dir dieser Abend die peinlichsten Eindrücke bringen, und 555 jetzt unterhältst du dich ganz vortrefflich und bist fast aufge- räumt'." Es war schon recht spät, die feurigen Ungarweine hatten ihre Schuldigkeit gethan, die Wangen glühten und die Augen blitzten, die Unterhaltung sing au, in Lärm auszuarten und die ganze Gesellschaft hatte sich in kleine Gruppen aufgelöst, von denen eine größere Palermo spielte; ein Jäger aus Steiermark hatte sich an das Piano gesetzt und gab heimische Jodler zum besten und in den Pausen wurde bald auf der, bald auf jener Seite ein schwung- volles magyarisches oder ein melancholisches böhmisches oder polnisches Lied angestimmt und andere Stimmen fielen gelegent- lich ein. Man hatte es sich bequem gemacht und die Uniformen aufgeknöpft und die Halsbinden gelockert, die Fenster waren auf- gerissen worden, um dem dichten Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den erhitzten Köpfen lagerte, Abzug zu gewähren und beim Anstoßen passirte es häusiger und häufiger, daß ein Glas klirrend in Scherben ging. Nur Curt und sein Nachbar von der Artillerie setzten in einer Ecke, unbekümmert um den wirren Lärm umher, ihr Gespräch fort und warfen nur ab und zu einen flüchtigen und theilnaymlosen Blick auf die stetig wechselnden Gruppen oder lauschten einige Augenblicke einer ihre Aufmerksamkeit erregenden Melodie. Plötzlich sah ich, wie Borkiewicz und der Dragoner, die bisher im Zimmer auf und ab und von einer Gruppe zur andern gegangen waren, bei der einen längere, bei der andern kürzere Zeit verweilend, sich in nächster Nähe Curt's an einem eben frei werdenden Tischchen niederließen, ohne daß Curt, der ihnen den Rücken zukehrte, es bemerken konnte. Unwillkürlich trat ich in die Nähe, lehnte mich an eine Säule und rauchte meine Cigarre— nie in meinem Leben habe ich deutlicher und unabweislicher das Vorgefühl einer Katastrophe gehabt. Sie sollte nicht ausbleiben. Plötzlich brach der Ulan in ein konvulsivisches Gelächter aus, das wohl nicht ganz echt und natürlich war— er konnte sich, schien es, gar nicht wieder beruhigen, jeder seiner Versuche, zum ruhigen Unterhaltungston zurückzukehren, ging in einem neuen Anfall ausgelassenster Heiterkeit unter, sodaß der Artillerist, dessen ernstes wettergebräuntes Gesicht sich zu einem leichten Lächeln verzogen hatte, fragte:„Ja Borkiewicz, was hast du denn eigent- lich? So habe ich dich in meinem ganzen Leben noch nicht lachen hören— es muß ja ein ganz kapitaler Spaß gewesen sein, der dir da erzählt worden ist." (Fortsetzung folgt.) lieber die Lösung eines zweihundertjährigen physlknüschen Problems. Von Tiolhverg-Lindener. (Fortsetzung.) Die Gravitationstheorie von Dellingshausen haben wir uns bis jetzt vorbehalten, obgleich sie auf frühere Veröffentlichungen hin schon von Jsenkrahe niit den andern kritisirt wurde. Aber Dellingshausen hat darauf, wie schon oben erwähnt wurde, mit ausführlicher Erwiderung und weiteren Ausführungen seiner Ansichten geantwortet, sodaß wir uns wegen seiner Theorie am besten an diese letzte Publikation halten. Dellingshausen will sich mit der Grundlage seiner gesammten Naturanschauung und-Theorie in Gegensatz stellen zu derjenigen fast der ganzen naturforschenden Welt, indem er die Lehre vom Zusammengesetztsein der Materie aus Atomen durchaus verwirft, dagegen eine kontinuirliche Erfüllung des Raumes mit unterschiedloser Materie zur Voraussetzung nimmt. Er formulirt seine Grundsätze selbst dahin:„Die Materie ist kontinuirlich; und die alleinige Ursache aller Naturerscheinungen ist die Bewegung." Er meint, daß daraus ohne irgend Ivelchc weiteren Voraus- sctzungen sämmtliche Naturerscheinungen erklärt werden können; wir werden beiläufig beobachten, ob das wirklich so ausnahmlos der Fall ist.— Da auch Dellingshausen ohne Theilung seiner gleichartigen Materie nicht vorwärts kommt(die rein äußerliche Trennung der Materie in Körper und deren sichtbare Verschieden- heiten verlangen das schon), stellt er sich die Sonderuug in„Ur- Partikeln"(das ist Dellingshausens Ausdruck nicht, sonder« hier nur gebraucht, um dem Vcrständniß entgegenzukommen, da Del- lingshausen keine Moleküle anerkannt, und soll das bedeuten, was als selbstständige Existenz, mit von der Zeit unabhängigen Eigenschaften, alle besonderen Naturvorgängc überdauert) als in gewissen einheitlichen Bewegungsquantitäten bestehend, vor. Er ge- brauchte früher für diese Einheiten das Wort„Vibrationsatom", will es aber jetzt zur Vermeidung von Mißverständnissen ersetzen durch die„gleichlautenden Ausdrücke: stehende Wellen, oder' stehende Wärmewcllen"; an anderer Stelle findet er auch den Ausdruck „Wirbelatomc" gut. Jedes dieser materiellen Urpartikeln bildet nach ihm ein dauerndes System von Bewegung, welches nach allen Seiten fortschreitende Wellen ausstrahlt. Da aber auch von allen Seiten solche forffchreiteude Wellen ans den angenommenem ersten Punkt herkommen, so müssen stehende Wellen entstehen, die durch relativ ruhige Knotenflächen von einander getrennt sind. Wie bei den bekannten chladni'schen Klangsiguren eine metallnc Scheibe durch relativ ruhende Knoteulinien in schwingende Einzel- theile zerlegt wird, so kann mau sich durch Ausdehnung dieser Betrachtung auf die dritte Dimension ein Bild der dellingshausen- scheu„stehenden Wellen" machen, deren Inhalt sich in lebhafter Oszillation befinden kann, während die Oberfläche ruhig ist. D. sagt darüber:„Wir müssen uns also die Körper im Innern auf die Weise vorstellen, als ob sie wie die organischen Körper aus Zellen gebildet wären, mit dem Unterschiede jedoch, daß die Zellenwände nicht aus einer feinen Membran wie bei den Pflan- zen, auch nicht ans Wachs, wie bei den Honigscheiben bestehen, sondern aus den die Wärmewellen von einander trennenden und geschlossenen Knotenflächen gebildet werden. Diese Zellen sind die kleinsten Theile der Körper."— Diese Vorstellung ist bei näherem Zusehen und Ueberlegen durchaus nicht so einfach, als ihr Urheber sie hinstellt. Ohne Zögern werden wir ihm die Be- rechtigung zugestehen, sich dem allgeincinen Konsens der Atomistiker entgegenzustellen, zumal da er deren Theorie mit zum großen Theil guten und scharfen Gründen angreift und die seinige als ein Mann von Kenntniß und Verstand vertheidigt. Er fertigt die in der That ziemlich allgemeinen Ausputzungen und lieber- treibungen der atomistischen Theorie mit verdienteni Spott ab und kennzeichnet die Schwäche derselben in folgender Weise:„Die realen Objekte, d. h. die Atome und die leeren Räume, d. h. das Nichts werden gleichwerthig neben einander gestellt. Will man die verschiedenen Qualitäten der Körper erklären, so beruft man sich, da man sich nicht anders zu helfen weiß, auf die verschiedene Natur(?) der Atome. Sollen die Aggregatzustände erklärt werden, so erweisen sich die Atome erst recht als völlig untauglich, und man greift nach den molekularen, anziehenden und abstoßenden Centralkräften, ohne anzugeben, was sie sind, wie sie tvirken, noch wie sie an den Atomen haften. Die Atome' werden dabei nach Belieben bald als starr, bald als vollkommen elastisch vor- ausgesetzt; in der Chemie vereinigen sie sich nach Avogadro paar- weise zu Molekülen und irren wie zwei Fliegen, die sich begatten, im leeren Räume umher; in den Kohlciistoffvcrbindungcn hängen sie nach Keknlö wie Bienenschwärme aneinander. Die Gase sind „Mückenschwärme". Jsenkrahe hat mich diesen Vergleich gelehrt. Die Atome sind polar mit positiver und negativer Elektrizität beladen und trotz ihres geringen, ein Zehnmilliontelmillimcter nicht übersteigenden Durchmessers mit mächtigen anziehenden und abstoßenden Kräften begabt;..." Aber es wird doch von Seiten der Ätomistikcr strengster Observanz, nämlich der Chemiker, nicht etwa vergessen, daß sie es im Grunde nur mit einer Hypothese zu thnn haben. D. führt selbst eine Stelle ans Wurtz„Die atomistische Theorie" an, woraus das klar hervorgeht, ivenn auch ebenderselbe über den Gegenstand sich �an anderer Stelle über- schwängltcher ausläßt, indem er sagt:„die atmnistische Theorie bildet die Grundlage der modernen Ansichten über die Beschaffenheit der Materie. Wie alle richtigen Theorien, ist sie mit der Zeit groß geworden und nichts hat sie bis jetzt in ihrem Auf- schwung gehemmt; wie alle fruchtbaren Ideen, ist sie selbst in den Händen ihrer Gegner ein Förderungsmittcl für die Wissen- schaft geworden. Die Hypothese hat heute nur noch wenige Gegner und leistet allen Angriffen derselben erfolgreichen Wider- stand."— Hier thnt Wurtz nur dasselbe wie Dellingshausen, der bezüglich seiner kontinuirlicheii Materie und der Wirbelatome gleichfalls seine Meinung steigert, übertreibt und mit einer gewissen leidenschaftlichen Be- letzteren die verschiednen Bcwegungsperioden der einfachen Körper als Folge ihrer verschiednen Natur ansehen, können sie fast gleich- wegung durchzuführen sucht. Wir gehen auf diese Bewegungsatom- theorie nur darum ein, weil D. sie mit beson- derer Betonung als un- umgängliche Grundlage einer haltbaren Theorie der Schwere erklärt, welche letztere wir je- doch als Hauptsache hierbei im Auge be- halten. Es seien daher nur einige wesentliche Stellen zur Charakteri- sirung von Delling- Hausens eigenartiger Vorstellung der mate- riellen UrPartikeln der Körper angeführt. Sei- ner kontinuirlichen Ma- terie wegen will D. natürlich nichts von einer verschiednen Natur der Atonie wissen. Er sagt von seiner Theorie: „Sie erklärt die guali- tativen Berschiedenhei- ten der einfachen Körper durch die verschiedene Periode ihrer inneren Bewegungen oder durch die verschiedne Schwingungsdauer ihrer Wärmevibrationen und führt die Tempe- ratur der Körper auf die Geschwindigkeit oder Intensität dieser Bewegungen zurück; da- bei beruft sie sich auf die Analogie der be- kannten Thatsachen, daß die gualitativen Ver- schiedenheiten des Schalles und des Lichts— d. h. die� Höhe und Tiefe der Töne und die Farben des Lichts— auf der Verschiedenheit der Schwingungsdauer, die quantitativen Ver- schiedenheiten dieser Er- scheinungen aber— d. h. die Stärke des Schalles und Lichtes— auf der Intensität der sie hervorbringenden Bewegungen beruhen." Und über zusammen- gesetzte Körper äußert er sich:„Nach nieiner Theorie werden nur diejenigen Körper als zusanimengesetzt aner- kannt, deren innere Be- wegungen ebenfalls zu- sammengesetzt sind, d. h. aus gemeinsamer Wir- kung der Bewegungen von verschiedener Pe- riode hervorgehen."— Beide Ansichten sind plausibel, aber doch ebensogut nur hypo- thetisch, wie die atomistischen; und indem die Vertreter der lautende Erklärungen geben.— Das chemische Gesetz der festen Gewichtsverhältnisse veranlaßt Dellinghansen zuerst zu der ver- — 557- urtheilenden Bemerkung:„Daß alle chemischen Theorien bisher � gestellt werden und sich alle als unhaltbar erweisen, so muß Wohl auf Grundlage der Atomistik errichtet worden sind, ist kein Beweis der Ausgangspunkt ein falscher sein." Er verzichtet aber durch seine bald darauf fol- gende Erläuterung auf Alleinberechtigung für seine Theorie:„Die Aequivalentgewichtc sind mechanische Aequi- valentc und daher genau bestimmt. Das Gesetz der festen Gewichts- Verhältnisse erklärt sich auch ohne Atome und die Atomistik ist somit nicht mehr die einzige Theorie, welche eine Ursache dafür anzugeben vermag."— Daß sie mit dem Wort„Affim- tät"(Verwandtschaft) nichts wirklich zu er- klären vermögen,>ver- den ihm aufrichtige Chemiker gern zugeben. Ueber die Unter- schiede von Körpern be- lehrt uns Dellinghausen noch weiter folgender- maßen:„Obgleich die Materie in allen Kör- Peru vollkommen gleich- g- artig ist, so unterschei- Z den sich doch die ver- 2 schiedenen Körper durch ■s die Geschwindigkeit ihrer T- innern Bewegungen und durch die Periode ihres ts innern Umschwungs sowie ferner:„... daß I die sogenannte Dichtig- N keit der Körper oder S» ihre spezifische Trägheit völlig unabhängig von S der Quantität der in einem bestimmten Bo- £) luiiten enthaltenen Materie ist und als eine auf den inneren Be- wegungen beruhende Qualität erscheint, durch welche die Körper die Fähigkeit erhalten, bei gleichem Volumen und gleicher Arbeitsleistung verschiedene Geschwin- digkeitcn anzunehmen." Wir müssen dagegen geltend machen, daß die von Dellinghausen hier eingeführte„spezifische Dichtigkeit" ein ganz überflüssiger Begriff ist, der uns der Erkenntnis; um kein Haar breit weiter bringt, als wenn wir das verschiedene Verhalten der Körper auf stoffliche Eigen- thümlichkeiten basircn, es sind beides nichts als Namen. Das Be- streben Dellinghausens, die Naturvorgänge auf Bewegungserschcinun- gen zurückzuführen, ist für die Richtiqkeit derselben, sondern vielmehr dagegen. Wenn gewiß ganz gerechtfertigt, aber es muß doch' auf exakte Feststellung in hundert Jahren fünfundzwanzig verschiedene Theorien auf- der wirklichen inneren oder sogenannten iMolekularbewegungen 558 so lange Verzicht geleistet werden, als weder die Moleküle, noch die dellingshausen'schen Wirbelatome sich empirischen Beobach- tungen zugänglich machen lassen. D. stützt sich hier auf mathe- matische Entwicklungen, aber es ist immer zu bedenken, daß durch noch so geistreiche algebraische Wendungen doch nie etwas neues herauskommen kann, wenn es nicht schon in der Voraussetzung niedergelegt war: diese aber wird auf empirische Beobachtungen hin festgestellt. Es ist dieses im Grunde ein ganz ähnliches Argument, das D. gelegentlich zur Erläuterung der Unfruchtbar- keit der sogenannten kinetischen Molekulartheorie(nicht zu verwech- sein mit der mechanischen Wärmetheorie, die über allen Hypothesen- charakter erhaben ist!) geltend macht.(Fortsetzung folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig WofenSerg. (Fortsetzung.) Ich unterbrach mit einem tiefen Athemzuge und einem lauten Seufzer meine Worte.—„War es aber nicht immer so, wie es jetzt ist?" fragte Elisabeth.„Und wird es wohl je anders werden, wohl nicht immer so bleiben?"— „Im Universum herrscht keine Stagnation. Und auch unter der Menschheit lebt es und regiert es— das Gesetz des Fort- schrittes," antwortete ich.—„Aber die Fehler der Natur ver- mindern sich langsam, um Raum zu geben den bessern Mächten, der Macht der Wahrheit und des Rechts!— Noch lange Zeit lvird die Thorheit ihren Schleier um die Menschheit lverfen und den Blick verhüllen. Doch siegreich weht dann die Morgenluft über die Berge und verscheucht aus den Gründen den dampfenden Nebel der Nacht.— Wir, die wir wissen und nicht unter dem Banne des Selbstbetruges stehen, die wir vorangehen im Er- kennen der Fehler unserer Zeit, wie Herolde einer neuen Zeit, wir mögen im Innern über die Schlvächen der Gegenwart, über die Versagung unserer heutigen Wünsche nach Aufklärung aller, wohl seufzen und stöhnen,— aber sie kann uns nicht nieder- drücken, und grade dieses Bewußtsein ist der Lohn für jeden Schaden, ein Lohn, der süßer ist, als alle die Wonnen eines berückenden Augenblickes!"-- Bei diesen Worten waren Ivir an Elisabeths Wohnung angelangt! Sie bat mich, nnt hinauf zu gehen. Aber noch unter der Herrschaft der selbstgeschaffenen Erregung, schlug ich das Anerbieten aus und ging sinnend von bannen, um allein zu sein.---- Theuerste Seele! Ich füge der vorstehenden Epistel noch schnell einige Bemerkungen hinzu. Du sagst in deinem mir so- eben zugestellten Briefe:„Wenn du Elisabeth noch keine sichern Beweise für deine Liebe gegeben, wenn sie selbst dich zu solchen nicht ermuthigt hat, so ist die ganze Sache zum Lachen! Warum hängst du dir deinen Kopf so voll mit müßigen Einbildungen? — Warte geduldig ab, ob du in die Lage kommst, dein Geschick mit dem Elisabeths fester zu verknüpfen. Fragt man dich aus Neiigierde vor der Zeit, so sage:, Vielleicht/ Wartet man deine Selbstentscheidung nicht ab und entzieht dir die Tochter, so sage: ,Amen/— Du kannst nichts versprechen, da du nichts besitzt, was eine Bürgschaft für deine Zukunft wäre. Du kannst nichts halten, ohne nicht unedel zu handeln, denn du willst doch nicht auf Zufälligkeiten deine Nummer setzen und würfeln!"— So schreibst du in deiner Art niit vollem Recht. Aber, ob ich gleich wie Argus mein süßes Geheimniß bewahre, ob ich mich gleich mit keinem Wörtchen verrathe und so thne, als wäre ich nichts weniger als Liebhaber,— so gibt es doch etwas, was ebenso bindend ist wie das Wort. Das ist die erkannte Sympathie der Seelen, die Sprache der Blicke und noch eine Menge von Dingen, die in letzter Linie init dem Wort: moralische Verpflichtung sich zusammenfassen lassen. Ich kann nichts dafür, wenn ich einen Eindruck auf jemand hervorrufe; wenn ich aber, und wäre es selbst halb unbewußt, ein gewisses Gefallen daran empsinde und im Laufe eines größern Zeitabschnittes nichts thue, dicscil Ein- druck zu verwischen, und wenn dann dieser Jemand ein Frauen- zimmer ist, das ja stets Heiratsgedanken hat,— dann, mein Freund, dann ist die Sache für einen Menschen unserer Art nicht zum Lachen!— Aus dem Tugebuche. Elisabeth hatte den Wunsch ausgesprochen, sich noch in einigen Wissenschaften und besonders in der französischen Sprache tveiter- zubilden. Bei der Besprechung eines dichterischen Werkes war nämlich gelegentlich der Nachtheil hervorgehoben, den ein Werk selbst in der besten Uebersetzung erleidet, und da ich mich bemühte, dieses klar zu legen, und den Anwesenden auch an Beispielen den größeren Genuß in der Lektüre des Originalwerkes begreif- lich machte, so bat sie mich, ihr behülflich zu sein, in den Geist der modernen Sprachen einzudringen.— Dieser Vorsatz fand natürlich meine lebhafteste Ermunterung und seit jenem Tage trieben wir eifrigst und erfolgreich dieses Studium!— Welch' eine lernbegierige Schülerin!-- Und was für eine Schülerin! -- Sie kommt mir in meinen Belehrungen schon auf halbem Wege entgegen, sie fühlt das Richtige, auch wenn sie noch nicht das Gesetz dafür erkannt hat und interpretirt den Schriftsteller mit dem Takt, der nur einem jener Wesen eigen ist, die künst- lerischen Instinkt im höchsten Grade besitze». Auf diese Art habe ich weiter nichts zu thun, als zu kontroliren und das Maß der Ausgaben zu bestimmen. Als ich sie gestern darüber in Gegen- wart der anderen lobte, sagte sie lachend:„Die Anwesenheit eines Lehrers wie du, der die Geduld als ein Erbtheil von Natur zu besitzen scheint, macht mich sicher und bewußt. Ich weiß bestimmt, daß ich ohne dich von einem Fehler in den andern stolpern würde!" Der junge Mann, der mir vor längerer Zeit an einem Sonn- tag begegnete, und der Elisabeth in sein Herz geschlossen, war bei Liebers gewesen.„Er hat beim Vater um meine Hand an- gehalten," sagte Elisabeth zu mir.—„Und---- ich habe zugesagt," fuhr sie launig und scherzhaft fort, indem sie von ihrem Arbeitstische zu mir heraufblickte und lächelte.„Was konnte ich wohl anderes und besseres thun, als diese gute Partie anzunehmen. Ich habe ja fast keine Aussichten bei unserem ein- gezogenen Leben."-- Ich lachte zivar mit, aber der Scherz that mir weh.—„Possen!" gab ich zur Antwort,„auch wenn du keine Aussichten hättest, so bleibt die beabsichtigte Partie doch immer das, ivas sie ist, eine verfehlte. Aber so seid ihr jungen Damen!— Ihr zählt unter euren Freiern selbst diejenigen mit, welche euch im höchsten Grade mißfallen, weil ihr einen Triumph für eure Eitelkeit darin sucht, sagen zu dürfen: ,Um mich be- warben sich so und so viel Männer und alle, alle schlug ich aus, nur um dir Theurcr ganz anzugehören!'"— Elisabeth wider- sprach.„Gut," sagte ich ruhig,„der junge Mann ist demnach mehr als ein Schatten von der Sonne deiner Gunst, und begierig bin ich daher zu wissen, in ivelchen Punkten eure Seelen so har- monisch zusammenklingen!— Du schweigst! Siehst du, wie schlimm es ist, mit Stullen zu paradiren?— Du kannst aber dieser Freierei nicht hold sein, weil sie deiner ganzen geistigen Welt widerspricht.— Und hast du je ein wirklich glückliches Paar gesehen, das in geistiger Beziehung, wenigstens in den geistigen Bestrebungen voneinander so sehr unterschieden gewesen wäre! � Wahre Liebe gründet auf Harmonie der Geister, nicht auf der bloßen Gefallsucht an Gestalt und Form. Man ergötzt sich an der Gestalt eines schönen Weibes, eines schönen Mannes wohl für Augenblicke, um aber für die Daner im Zusammen- leben immer wieder Anregung und Interesse zu finden, muß auch der geistige Rapport fruchtbarer, genußvoller sein!— Ist er es nicht, so erschlafft die Lust des Schauens und ivas früher so wunderbar schön erschien, kann höchstens einen sinnlichen Reiz geben. Wir brauchen nur tiefer in viele Familien zu blicken, um oft die traurigste Oede, die erschreckendste Disharmonie der Seelen zu finden und deshalb, mein liebes Kind, kannst du einfach den Freier nicht aeceptircn; es sei denn, du wolltest alles über Bord iverfen, was dir bisher inniges Bedürfniß war, um ein trockenes Plätzchen auf dem Lebensschiffe zu erobern." Elisabeth wartet also ans ein erlösendes Wort ans meinem Munde.— Armes, armes Kind!— Immer wenn ich in ihrer Nähe bin und so von ungefähr mit ihr in Berührung komme, ist es mir wohl, als müßte ich ihre liebe Hand fester halten, müßte die Heißgeliebte an mich ziehen und ihr alles das zu- flüstern, wovon das Herz drunten so laut plaudert— aber immer 559 wieder schnürt mir in solcher Situation der Gedanke an die Zu- fünft, dieser schrecklichste aller Gedanken, die Kehle zu und ich athme hinterdrein, wenn ich allein bin, wieder froh auf, daß ich die Glut meiner Empfindungen zum Wohle von uns beiden durch ruhige Ucbcrlcgnng zurückgehalten habe. Aber durch dieses vorige Wollen und Nichtwollen gcrathe ich fortwährend in eine peinigende Stimmung und ich kann mir nicht anders helfen, als daß ich mir zurufe:„Laß die Kugel ruhig rollen, laß sie rollen!"— In einer spießbürgerlichen Existenz gehe ich zu Grunde. Ich habe kein Zeug in mir, die vielen schlüpfrigen Gäßchen und Wege zu Passiren und an jeder kleinen Straßenbiegung vor Dummköpfen Reverenz zu machen wie ein Lakai; zu betteln, wo ich das Recht habe, zu fordern; nein, ich kann mich nicht in einen jener modernen Schraubstöcke einzwängen, in denen der letzte Rest von Ehrbarkeit und Mannesmuth ausgequetscht wird.— Und eine Existenz zu finden, in der alles gewährleistet ist,— bis jetzt habe ich noch keine finden können, so eifrig ich mich auch darum bemühe.— Und gibt es solche wirklich, wenn man nicht von Geburt aus die Mittel besitzt, sich sein Bett nach Be- lieben zu bereiten?— Vor allem und nach allem: Resignation und ein weises Sichbescheidcn in die Natur der Dinge, aber nicht jenes Sichbescheiden, das mit der Verzichtleistung auf die Genüsse des Lebens das Recht der Reichen befürwortet, sondern das, welches dem Menschen zur Pflicht macht, unablässig zu kämpfen für die höchsten Güter des Lebens, damit einst die nach- kommenden Geschlechter in Ehren sich ihrer Ahnen erinnern und in dem Genüsse eroberter Freiheit die Einsicht erhalten, daß sie nach größerer Freiheit streben müssen!——— Und so will auch ich kämpfen mit der Ergebung eines Weisen und dem Muth eines Kriegers, daß ich am Lebensabend die Augen schließen kann mit dem Bewußtsein im Herzen:„Du thatest deine Pflicht und von dem Pfade des Rechts bist du nie abgewichen!"-- Laß die Kugel rollen, laß sie rollen!— Ich trage ein Element in mir von dem alten Magier Faustns, von dem grübelnden Geiste eines Hamlet, von dem klagenden Geist eines Manfred. Sie ziehen an meinem Auge vorüber Hand in Hand, ihre Blicke auf mich herabsendend, mein Inneres erfassend und durchwühlend und mir zurufend:„Auf und folge uns! Hange nicht an der Lust eines Augenblicks. Es gibt etwas, das die Seele feierlicher und friedlicher stimmt, das die Brust wonniger durchschauert, als die Liebe eines sterblichen Weibes! Zwar glücklich ist, der ein liebend Weib sein eigen nennt, doch glücklicher ist, der sein Haupt au die Brust der Weisheit lehnt und in ihren Armen, gefeit gegen Bosheit und Thorheit, seine Seele der Mutter Natur überliefert!— Wähle!" So sprechen die Geister in mir, aber mein Herz krampst und klammert sich noch an der Sehnsucht nach dem Besitz und ich kann es nicht fassen, verzichten zu müssen und zu entsagen mit jugendlichen Gefühlen, mitten in der Blüthe- zeit des Lebens!— Ich kann es nicht!— Freimann hat von einem verstorbenen Onkel ein kleines Ver- mögen geerbt, hinreichend, um mit den, Zinsen seine Lebens- bedürfe und noch manches andere darüber zu bestreiten. Als er mir in ftohester Laune diese Mittheilung machte, stieg ein Gefühl des Neides in mir auf— und ich konnte weiter nichts sagen, als:„O du Glücklicher!"— Ich dachte an Elisabeth und an all' die verborgenen, vielleicht auch begrabenen Wünsche und Ge- danken in unseren Herzen und der Freund konnte es nicht be- greifen, wie wenig ich Antheil an seiner glücklich veränderten Lebensstellung nehme!—„Nun ist auch dir geholfen," rief er, „nun brauchst du nicht zu fürchten, einmal in einem Spital unter fremden Menschen zu enden, und du kannst rechnen auf mich wie ein— preußischer Steuerempfänger!" ich dankte dem lieben Freund und gönnte ihm von Herzen das Glück, nun frei sich bewegen, ungestört arbeiten und denken zu können.(Fortsetzung folgt. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Ihidolph von A. (Fortsetzimg.) Nachdem es den Männern im Boote gelungen war, dieses in � seiner vollen Breite an die Hausfront anzulegen, entstand Streit ! unter den fünf Verunglückten darum, wer zuerst in das rettende Fahrzeug hinein solle. Die Kinder schrieen, Vater und Mutter müßten erst im Kahne sein, die Eltern aber drängten und schoben ! die Kinder den Rettern in die Hände. Fritz Lauter und der Arzt waren mit einem Beine auf den Kahnbord gekniet und nahmen die Kleinen in Empfang. Das älteste der Kinder, ein Mädchen von fünf Jahren, sträubte sich am wenigsten, es schaute nur in l angstvoller Spannung auf die Geschwister und auf die Eltern, °b die ja auch ohne Unfall nachgeholt würden. Das zweite, ein swbenjähriger Bursche, auf dessen derbem Gesicht angcbornc Keck- ; Wt und Trotz mit Furcht und Hoffnung einen merkwürdigen Kampf aufführten, klammerte sich fest an den Rock der Mutter and schrie, er wolle nicht loslassen, lieber sterben als loslassen � don der Mutter; aber es half ihm alles Sträuben nichts-- der Vater löste gewaltsam die Hände des das Tosen des Un- Wetters überschreienden Burschen von dem Rocke der Frau und warf den sich in seiner Angst wie toll Geberdenden mehr in die llrnie des Arztes, als daß er ihn hineinlegte. Das dritte Kind, ein schwächliches Mädchen mit so zartem Gesicht, daß man sich fragen konnte, wie es in die Familie des wnnen Webers hineingekommen war, sorgte noch um ein anderes Wesen, als die Eltern. In seinen Armen hielt es krampfhaft Kst einen mit zerschlissenem Tuche bedeckten kleinen Vogelkäfig. „Er darf doch mit? Er darf doch mit?" schrie es in jammern- ■wr Besorgniß.„Ich will ins Wasser, wenn ihr ihn nicht mit- Nehmt, den Matz, den kleinen, lieben Matz--" „Wir nehmen ihn mit, den Matz," rief Fritz Lauter dem nwen fünfjährigen Dinge zu,„halt dich nur fest an, da, meine Hand!" Er zog die Kleine näher an sich heran, und da er ver- sprvchen hatte, das Mätzchen mit zu retten, legte das Kind ver- wauensvoll sein eines Aermchen um des jungen Mannes Hals wld ließ sich hinüberheben ins Boot. , Die Eltern folgten rasch nach; sie freilich konnten nicht ge- WWen werden, sie mußten wenigstens mit einem Fuße ziemlich ins Wasser hinein, um selber ins Boot steigen zu können. Aber weder der Mann noch die Frau schreckten davor zurück sie beeilten sich vielmehr so sehr, als es nur immer anging Sie wußten, wie die Hütte in ihren Grundfesten erschüttert und unterwühlt ivar, also, daß sie jeden Augenblick zusammenstürzen konnte,— darum nur fort, so schnell als möglich fort von der Stätte stundenlanger stirchtbarer Todesangst—— Mit kräftigen Ruderschlägen stach das Boot wieder hinaus in das wogende Meer der Ueberfluthungswasser. Fritz Lauter und der Arzt öffneten die Feldflaschen, mit denen jeder Theil- nehmer der im Kloster Althans ausgerüsteten Expedition auf Anordnung des Direktors von Stcinach ausgestattet war, und nöthigten die Weberfamilie, die immer noch bebenden Lippen zu netzen. Der Mann, die Frau und das älteste Mädchen nahmen einen tiefen Schluck, die Kleinen, obgleich ihre Glieder ebenso vor Frost, als infolge des kaum überstandcncu Schreckens klapperten, wagten kaum zu nippen. Alle aber fühlten sich gestärkt durch die wenigen Tropfen des für die Begriffe dieser armen Menschen so überaus kostbaren Getränks— über das vergrämte Gesicht des srühgealtcrten Mannes legte es sich gar wie ein Schimmer des Glücks— Hoffnung, die cwig-junge, wohlthätig-trügerische Trösterin mochte wieder ihm in die Brust einziehen. Seine Stimme klang ziemlich fest, als er auf die Fragen Fritz Lauters, wo wohl noch am ehesten Rettung möglich und nöthig, und ob er meine, daß der Ueberschwemmung in Nnterwaltcrsdorf schon Menschenleben zum Opfer gefallen seien, antwortete: „Das letzte kann ich nun freilich nicht sagen. Möglich ist's schon— wären Sic eine halbe Stunde später gekommen, dann hätten Sic uns fünf auch nicht mehr lebendig gefunden. Freilich ist meine Hütte eine der schlechtesten im Dorfe und liegt auch wohl am allcrticfstcu drinn— grade hier, wo die Perle so nah am Dorf vorbeigeht; aber dort nach der bcrgcndorfer Straße zu gibt's auch noch Häuser, die nicht um zwei Fuß höher und nicht für einen Pfennig besser sind als meins, und darüber schoß das Wasser förmlich, als es vorhin ankam in so erschrecklichen Massen--- Es strengte den Mann doch das Sprechen an, er mußte Athem schöpfen. Ohne ein Kommando abzuwarten, hatten die Ruderer das Boot nach der Richtung gelvandt, welche der Weber gemeint. Dieser nickte: „So ist es recht," sagte er.„Da werden wir manchen zurecht kommen, wie die Engel vom Himmel——" „Die Ueberichwemmung brach also ziemlich rasch über das Dorf herein?" fragte der Arzt. „Furchtbar rasch, ganz erschrecklich rasch," bestätigte der Mann. „Daß es Ueberschwemmung geben würde, wußten wir ja und daß wir wahrscheinlich aus unserer Hütte'raus müßten, wenn wir's Ertrinken nicht riskiren wollten, auch, aber früher, wenn's einmal so schlimm kam, dauerte es wenigstens einen halben Tag, ch's von der Thürschwelle stieg bis zum Fenster hinein. Heut aber— das hätten Sic miterleben sollen! Zu Mittag hatt' ich mich noch umgesehen—, da stand das Wasser noch in gleicher Höhe mit der Straße und weil's an der Perle hin um wenigstens einen Fuß höher ist,'s Erdreich— sagt ich zu meiner Frau, na Mutter, packen können wir unser bisset Hab und Gut— was man so eben mitschleppen kann— bis zur Nacht kann's uns schon ins Haus laufen, und wenn's auch nicht thäte so weit kommen, möcht' ich doch um keinen Preis die Kinder während der Nacht noch da lassen, die müssen ins Schulhaus oder in die Kirche oder vielleicht aufs Gut, damit sie sicher sind." Wieder unterbrach er sich. Das Sprechen strengte ihn immer noch an, zumal es ein tüchtiges Stück Arbeit war, sich bei solchem Wetter verständlich zu machen. „Statt in einem halben Tage kam es aber in wenigen Stunden?" fragte der junge Arzt, ihn zum Weitererzählen er- munternd. „Ach, in wenigen Stunden! Ja, wenn's Stunden gewesen wären, da hätten Sie uns nicht zu retten brauchen, da wären wir längst mit unfern Kindern über alle Berge gewesen. Hören Sie nur: Meine Alte packt also die Sachen und ich such' noch manches zusammen, bring' meine Arbeit in Ordnung und eß mein Brot und meine Kartoffeln für den Mittag und geb' den Kindern, da kommt die Alte'runtergestürzt vom Boden und schreit:, Vater, is' denn nur möglich—'s Wasser kommt schonll Ich sag' noch: Na, sei nur ruhig, Alte, was macht's denn, wenn's auch kommt, fort müssen wir für heute Nacht ja doch, und gepackt ist ja, was wir aufm Buckel fortbringen können. Aber sie schrie: ,Nein, Alter,'s kommt ganz anders, als wir's uns vorgestellt haben, nicht langsam, sondern wie wenn's ein Wasserfall wär', stürzt's über die Flußwiese/ Ich dachte, die Weiber sind immer cu bisset ängstlich und's kann ja garnicht so schlimm sein, aber ich geh' doch vor die Thür, und weil's bei uns in der Flur so ziemlich finster ist, wenn die Thür zu ist, seh' ich's nicht, aber ich fühl's mit den Füßen, daß das Wasser schon unter der Thür durchgekommen ist. Nun war auch ich fürchterlich erschrocken, das können die Herren schon glauben— ich mach' die Thür ein klein wenig nur auf, da wird sie mir aber ordentlich aus der Hand geschlagen und das Wasser stürzt ins Haus, daß ich bis über die Knöchel drin stehe, ehe ich mich auch nur besinnen konnte. Und draußen ist alles grau und alles schlägt Wellen und Schaum und mit jedem Schlage kommt mehr Wasser, sodaß ich nur alle Kraft zusammennehmen muß, damit ich nur die Thürklinke ins Schloß bringe. Ich kann Ihnen sagen, meine Herren, jetzt schlugen mir auch alle Glieder— ich war ganz wie hin und wußte nicht, was ich machen sollte." Wie er nun wieder still schwieg, nahm die Frau das Wort. „Ja, sehen Sie, meine guten und gnädigen Herren, wie mein Mann die Thür aufgemacht hatte, war's Wasser auch in einem Nu bis in der Stube drin. Ich konnte nur die Kinder in die Höhe reißen, daß ich sie auf den Tisch und die Bank stellte, dann fing schon die kleine Fußbank an herumzuschwimmen und meines Mannes Stiefeln und den Kindern ihre Holzschuhe schwammen auch und ich sah, daß es furchtbar schlimm wurde. Wie ich mich umsah, kam mein Mann blaß wie eine Leiche zur Thür herein und sagte: Mutter, wenn's'ne Viertelstunde so weiter wächst, 's Wasser, dann ist's aus mit uns, bet' zum lieben Gott, daß uns das Haus nicht über'ni Kopfe zusammenstürzt/ Und heinah wär' er selber zusammengestürzt mitten'rein ins Wasser, so schrecklich hat's ihn gebarmt um uns, an sich selber hat er nicht gedacht dabei, da kenn' ich ihn." „Red' nicht, Mutter," unterbrach sie der Alte, indem er sich verstohlen mit dem Handrücken eine Thräne aus den Augen wischte.„An mir ist nicht viel gelegen mehr, denn ich bin alt schon und schwach und du verdienst und schaffst mehr für die Wirthschaft, als ich noch kann. Ich hätt' auch gar nicht gewußt, was wir noch hätten versuchen können, aber die Alte war gleiih bei der Hand. /Vorwärts/ sagte sie, /Vater, vorwärts, nim« du's kleine Mädel auf den Buckel und ich nehme den Junge« die große Liese muß selber sehen, wie sie fortkann, und von def Sachen nehmen wir's Beste und dann sehen wir, daß wir durch'« Wasser durchkommen bis auf den kleinen Damm'nüber und von da nach der Schule/ Na, und wie sie's sagte, haben wir's ver sucht." Er seufzte schwer und seine Augen wurden wieder naß „Das war Ihnen eine verzweifelte Arbeit. Wir mit den Kindel auf dem Rücken— die Bärbel hatte natürlich ihr Vögele mit dem sein Bauer schlug mir der Wind immer um die Ohre« meinem Weib huckte der Junge schwer auf und beladen warer wir alle drei, die Liese auch, wie die Packesel, das meiste habe? wir jetzt halt doch zurücklassen müssen und wie wir fünfzi: Schritte weit von der Hütte weggekommen waren und etwa uock einmal soviel hatten bis zum Damme, der aber auch nur dre Fuß höher ist, als die Straße— da ging uns das Wasser schv« bis an den Leib und es wuchs so fürchterlich, daß wir einsähe« wir könnten nun und nimmermehr lebendig bis an den Dam« kommen. Was wollten wir machen— ich hätt' mich wieder st fort gequält ins Verderben nein, aber die Alte sagte: ,du,'s gest nicht, du schnaubst ja so, als ob du gleich umfallen möchtest halt dich an mich an und wir ermachens alle zusammen niest mehr bis zum Damme— das Wasser ist zu stark für unt Zurück müssen wir, Alter, zurück, und wenn der liebe Herrgos will— dann ist's freilich aus mit uns, nur so in den To- 'neinlaufen mit den Kindern, das wollen wir doch nicht/ Un- sehen Sie, meine Herren, da Hab' ich mich wieder en bissel aus gerafft und Hab' gedacht, du darfst dich durch das Weib nicht bc schämen lassen und nicht ich Hab' mich an sie angehalten, sonder ich Hab' sie noch gehalten und gestützt, so viel ich halt könnt! und wir sind wieder zurück zur Hütte, in der wir schon nur no» auf den Boden und dann aufs Dach'nauf konnten— was w» nur dabei gedacht hatten und wie's Herze weh gethan hat, sehr Sie, liebe Herren, das kann sich kein Mensch denken, denn wst alle beide glaubten für ganz gewiß, daß unser letztes Stündler gekommen wär'. Und nun schrieen wir eine Stunde lang zu« Himmel um Hülfe und Rettung, bis Sie gekommen sind, lieb Herren--" „Und da,— von daher, barmherziger Himmel, schreien mw wieder welche!" schrie jetzt die Frau laut auf, die, während st zuhörte, nach allen Seiten umhergespäht und hinausgehora hatte./ Ein paar von den Männern im Kahne fuhren auf und ab schauten und hörten gespannt nach der angegebenen Richtung. „Wahrhaftig— aus jenem Hause— es ist kein kleines Wies ist massiv— die Gefahr ist nicht so groß." „Aber es steckt ganz voll von Leuten— sie haben sich dahj geflüchtet aus der Nachbarschaft, weil's von Ziegeln ist— es« die Schlosserei," entgegnete die Frau.„Und es wird nicht lanji dauern, so läuft denen das Wasser auch schon in die Fenster de Oberstockes,— ach, retten Sie die Leute nur auch, die stehen st auch so furchtbare Angst aus, wie wir--" Die Frau hatte sich auch im Kahne erhoben und winkte n» einem alten, rothen Tuche, das sie vorher um die Schulter lst schlungen gehabt, nach der Schlosserei hinüber. Die Leute darin wurden die Kommenden gewahr, die that kräftig, wie bisher, ans Werk gingen. Tie Schlosserei war der Zufluchtsort von einigen zwanzi Menschen jeden Alters und Geschlechts. Nur der dritte Thei davon hatte noch Raum in dem Kahn, dieser mußte also sobrf als thunlich irgendwo zu landen suchen und sich der Gerettete! entledigen. Die Unterwaltersdorfer bezeichueten eine nicht allz' weit entfernte und auch nicht allznschwer erreichbare Anhöhe ai- oberwaltersdorfer Gebiet, wo sie abgesetzt zu sein wünschten. Es geschah, wie sie wollten. Die Arbeit freilich, welche d>- Retter hatten, um das fast übermäßig beladene Boot an d»! bezeichnete Ziel zu bringen, war eine entsetzlich schwere und W mit Hülfe aller kräftigen Männer aus der Zahl der Gerettete! zu bewältigen. Die Rückfahrt nach der Schlosserei ging wieder leichter statten, wenn der Kahn auch zwei-, dreimal Umwege mache! und anhalten mußte, um den schwerer bedrängten Bewohne« kleinerer und schwächerer Häuser zunächst Hülfe angedeihen 5' lassen. Nach mehreren Stunden denkbar höchster physischer Ä« strengung war die Schlosserei geräumt, aber auch damit W° lange nicht alles geschehen, was in diesem Theile des Unterdorft gethan werden konnte und, sobald auch nur eine entfernte Möglich- keit dazu vorlag, auch gethan werden mußte. Einer von den Jrrenhauswärtern erklärte, er und seine Käme- raden müßten jetzt wenigstens ein bis zwei Stunden Ruhe haben, wenn überhaupt heute in der begonnenen Weise weitergearbeitet werden solle. Es sei auch hohe Zeit, nach der Fabrik zu schiffen, um verabredetermaßen dort mit den Genossen der Expedition zusammenzutreffen. Fritz Lauter war der erste, der sehr energisch widersprach. Zeit, an sich selbst zu denken, dürsten sie sich garnicht nehmen. Unter den Wärtern zeigten sich Meinungsverschiedenheiten. Einer stimmte Fritz Lauter zu, ein dritter fragte unentschlossen, was denn mit dem ausgemachten Zusammentreffen an der Fabrik eigentlich werden solle. Der Arzt kam auf einen Austveg. Sie hatten im Mühlgraben des Müllers kleines Boot gefunden, in dem zwei oder höchstens drei Menschen Platz finden konnten. Dahinein beorderte er jene beiden Wärter, mit dem Auftrage, sofort den Weg zur Fabrik zu suchen und dort den Genossen zu melden, daß er, der Arzt, in Gemeinschaft mit Herrn Lauter und den andern Wärtern die Arbeit bis zum Einbruch der Nacht fortsetzen würde. Für die Nacht würden sie sich ein Unterkommen suchen, wo es eben sei, um am folgenden Biorgen sich an der Räumung der Fabrik zu betheiligen. Der Oekonomieinspektor möge vorher aber nach dem Jrrenhause um Wein und Proviant schicken. Es war kurz vor acht Uhr abends, als der junge Arzt, nach weiteren zwei Stunden fast übermenschlicher Anstrengung, das Ruder einlegte und zu Fritz Lauter gewendet mit völlig heiserer Stimme sagte: „So— nun dächt' ich, hätten wir für heut unsre Schuldig- keit gethan. Sie können auch nicht mehr, lieber Freund. Freunde sind wir ja doch geworden in diesen Stunden gemeinsaiu erdul- deter körperlicher Strapatzen und geistiger Anstrengungen, wie ich sie nie vorher erlebt habe." Fritz Lauter streckte dem jugendlichen Manne der Wissenschast die über und über mit Blasen bedeckte, an vielen Stellen blut- unterlaufene Hand entgegen. „Solche Stunden können für Jahre gelten,— lange Jahre der Prüfung bringen die Menschen den Menschen nicht näher, öffnen das Herz nicht weiter, glaube ich. Und— es wäre unehrlich, wenn ich mich länger der Erkenntniß verschlösse und dem Geständnisse auswiche— ja, ich bin für heute am Rande mit meinen Kräften--" „Das hat aber, Gott straf' mich, lange gedauert!" rief einer der Jrrenhauswärter im Tone aufrichtiger Bewunderung da- zwischen.„Ich dachte, wie's heute losging in dem Hundewetter mit dieser Sorte Arbeit, das Herrchen wird die Schinderei nicht lange aushalten. Nun aber thut mir jede Faser in den Armen weh, als wenn sie mit Zangen gezwickt worden wäre, und die Kehle brennt und der Kopf brummt mir, daß ich schon ein paar- mal gedacht Hab', ich nüißt' die Ruder hinwerfen und mich auf die Bank legen, weil's eben nicht mehr ging,— und ich hätt's wahrhaftig gethan, wenn die Herren nicht, ohne auszuruhen und ohne eine Miene zu verziehen, weitergemacht hätten und mir nicht die helle Scham ins Gesicht gestiegen wär', weil's mir so verdammt schwer fiel,— nun, wo Sie nur die Kräfte hernehmen, Herr Lauter, und Ihnen, Herr Doktor Weudelin, hätt' ich's, meiner Seele, auch nicht zugetraut—" Der Arzt lachte. „Das glaub' ich gern, Klinke, daß Jhr's uns nicht zugetraut hättet. Ihr, der Ihr die schwersten Kranken wie die Kinder auf dem Arme fortzutragen gewöhnt seid und jeden Studirten für einen Schwächling haltet." Der wegen seiner Bärenstärke bekannte Klinke lachte auf. „Ich denke, Herr Doktor, was Sie heute geleistet haben, haben Sie Sich selbst nicht zugetraut,— der Mensch kann eben wunderbar viel, wenn er will und muß. Aber jetzt sind wir alle einverstanden, das schwere Tagewerk zu beschließen, und jetzt wissen wir ja auch nicht, wo unsre Hülse heute noch dringend nöthig wird." »Zugegeben, Klinke, alles zugegeben. �Weun wir auch anders wollten, die Nacht zwingt uns zur Ruhe. Suchen wir also gleich- falls auf oberwaltersdorfer Flur ein Unterkommen." Sie wendeten das Boot und steuerten nach der für Sic jetzt auch im Dunkel unverlierbaren Richtung auf die oberwalters- dvrfer Höhe zu Ihre letzte Ausfahrt in dem zutiefst gelegenen Theile des Dorfes war fruchtlos geblieben— sie hatten von keinem lebenden Wesen mehr etwas gesehen oder gehört. So landeten sie denn nur zu viert am Fuße des genannten Hügels und hatten noch harte Mühe, das Boot soweit aufs trockene zu bringen, daß es von dem, wie es schien, nur noch sehr wenig steigenden Wasser nicht fortgeführt werden konnte. Die Wärter waren hier mit den Oertlichkeiten wohlbekannt, Klinke am besten. � „Wir haben nur wenige hundert Schritte die Höhe hinauf und ins Holz hinein zu dem Jagdtempelchen in dem felseck'schen Forste, der in seinem äußersten Zipfel hierherunter reicht. Dabei ist ein kleiner, gut vertvahrter Schuppen, in dem es immer Stroh und so was Guts zu Nachtlagern für die Jägersleute gibt, die hierheruni die halbe Nacht auf dem Anstand zugebracht haben. Das Tempelchen— Sie wissen, Herr Doktor, bei den großen Treibjagden wird öfters da gefrühstückt � ist zwar verschlossen, aber wir werden's schon aufkriegen--" Doktor Wendelin widersprach.„Das geht nicht, Leute— wir können dem Baron von Bergen nicht alle Thüren einschlagen, die wir heute nur erreichen können." „Brauchen wir auch nicht," versicherte Klinke.„Wissen Sie, Herr Doktor, ich bin Schlosser meines Zeichens und vor Stücker fünfzehn Jahren manch liebes mal als Treiber bei den großen Jagden gewesen. Daher kenn' ich das Schloß an der Thür des Jagdtempels da und kann's auch mit jedem alten Nagel oder Stücke Draht aufmachen--" Dagegen hatte weder der Arzt noch Fritz Lauter etwas zu erinnern. Mit den Ruderstangen über den Schultern folgten sie dem Klinke nach dem Jagdtempel. Er führte sie einen beschwerlichen, aber kurzen Weg über Stock und Stein; in wenigen Minuten standen sie vor den großen, ladenverschlosscnen Fenstern des kleinen Jagdhäuschcns, dessen Thür im Handumdrehen geöffnet war. Ohne einen Bissen zu essen oder einen Tropfen zu trinken, suchte sich jeder eine möglichst bequeme Lagerstätte aus Stroh und Reisig bereit zu machen. Die furchtbare Ermüdung über- wog Hunger und Durst; es mochten kaum zehn Minuten nach ihrer Ankunft vergangen sein, als sie allesammt schon einem todtenähnlichen Schlafe verfallen waren. ** * Ungefähr fünf Stunden waren vergangen, als Fritz Lauter und Klinke zugleich erwachten. Der letztere rieb sich die Augen, gähnte laut und streckte sich: „Guten Morgen, Herr Lauter. Donnerwetter, haben Sie auch so höllischen Durst? Ich hätt' gedacht, Wasser hätten wir gestern auf ein Vierteljahr genug gekriegt." Fritz Lauter sprang auf.„Allerdings— einen verzweifelten Durst,— nun, es kann uns ja nicht schwer fallen, Wasser zu finden." „Neben dem riesigen Durst haben Sie ganz gewiß auch einen anständigen Hunger. Wissen Sie was, Herr Lauter, die andern ivollen wir vorläufig noch ruhig schlafen lassen, und ich laufe, was das Zeug hält, nach Unterwaltersdorf, treibe Brot und Käse auf für'n ordentliches Frühstück,— das wird jeder von uns verdammt nöthig haben— nicht wahr?" Es war das Vernünftigste, was gethan werden konnte. Gegen das Anerbieten Lauters, mitzugehen, protestirte Klinke. „Die würden ja garnicht wissen, wo wir hin sind, und einen Zweck hätt's nicht, Herr Lauter,— schauen Sie lieber einmal nach, ob's Wasser gestiegen ist, wenn Sie durchaus nicht mehr ruhen wollen."_ Fritz Lauter fügte sich. Er ging mit Klinke an die Thür und schritt hinaus in den eben erst hereindämmerndcn Morgen. „Dorthinaus, Herr Lauter, da gibt's Wasser die schwere Menge. Adio, in einer halben Stunde bin ich wieder da." Hundert Schritte weiter und Fritz Lauter war im Freien. Seine Augen schweiften über einen endlosen See, aus dem nur hie und da ein hochgelegenes Hans oder ein mächtiger Baum in das Morgengrauen emporragte. Fritz trat dicht bis an das leise Wellen schlagende Wasser hinein. Es lud nicht grade zum Trinken ein. Aber sein Durst litt kein Besinnen. Er ließ sich ans ein Knie nieder und schöpfte dreimal hintereinander seinen Feldbecher voll, um ihn in langen, mächtigen Zügen dreiuial bis zur Neige zu leeren. (Fortsetzimg folgt.) Rr. 17. 1881- Die GegenwArt. (1880.) Dort, wo das Meer in schönen Bogen Jstriens Gestade einschließt, Wandelte ich am User frühmorgens einsam. lieber die blaue Adriabucht Märchenhast klar Grüßten Alpengipfelhäupter Schneeblinkend herüber; Aber mein Gemüth war kummerschwer Und bittrer Groll fraß mir am Herzen. Ich dachte der düsteren Gegenwart, Wie alles scheinbar rückwärts sich gewendet, Menschenelend ringsum, Von den Erwartungen der Zeit nichts erfüllt Und statt geträumter Freiheit allerlei Nachtgespenster Und Spott und Hohn und Rückschrittsübermuth der Gegner. Da schlug ein seltsam Geräusch an mein Ohr, Wie polternd kam es näher und näher; Und da ich ausblickte, Sah ich aus der Straße vor mir, Die von der Werste draußen zum Hasen führte, Dampfwandeln ein Wagen-Ungethüm. Sausend schwirrte droben das Schwungrad, Aber die großen Räder drunten Wälzten sich langsam, Langsam vorwärts unter Aechzen und Stöhnen � Und zermalmten auf der Straße den Kies und die Steine Knirschend, Und hinter sich her an Ketten schleppte der Wagen Aus Rädern eine riesige Schisfsdampsmaschine. Und ich trat heran, Doch wie ich in die Räder starrte, Da durchzuckt' es mich seltsamlich, Daß die Speichen beim Radumlauf Von oben nach unten scheinbar rückwärts gingen Und immer rückwärts nach unten hernieder, Und doch stampfte der Wagen vorwärts Und rollten die Räder vorwärts unaufhaltsam. Da ward ich getröstet wunderbar, Wie der Koloß an mir vorbeizog, Ein Bild der Zeit. Der Wagen der Zeit rollt vorwärts unaufhaltsam Unter Aechzen und Stöhnen, Und ein Niedergang im Radumlauf Solch' ein Moment ist die Gegenwart; Wie wenn Fliegen aus den Speichen sitzend Sich freuen, daß sie rückwärts niedergehen, So ist der Spott der Gegner heute. Goldig glänzte die Luft und das Meer Im aufsteigenden Sonnenstrahl, Und ich grüßte über die Adriabucht Die schneefunkelnden Alpenhäupter Freudigen Herzens. Lco»°ld Jacob». Bäume, die in den Himmel wachsen wollten. Ein zeitgemäß' Wörtlein in der Blüthencpochc des Größenwahns. Von Theodor Drobisch. Nach der Schlacht von Salamis wurde den Generalen befohlen, eidlich den Mann anzuzeigen, der sich am besten gehalten habe. Sie gaben alle dem Themistokles den zweiten Platz, aber ein jeder sich den ersten. Männer dieser Art, ohne gerade Generäle zu sein, gibt es noch heute in Wissenschast und Kunst; Selbstlinge, denen die Bescheidenheit, diese liebenswürdige Tochter der Selbsterkenntniß, nicht an das Herz gewachsen ist. Die hohe Meinung, welche sie von sich hegen, scheint auf einen Zweig von Jelängerjelieber gepropft zu sein und jeder ist in Betreff seiner Eitelkeit so ein Doktor Eisenbart, der zur Konservirung derselben die merkwürdigsten Rezepte besitzt. Lassen wir vor der Hand einige solche Geister aus früherer Zeit aufmarschiren: Pin dar, der lyrische Dichter der Griechen, versicherte: daß weder die Wuth des Winters, noch der Sturmwind seine Verse vernichten könnten. Cicero versäumte nicht, sich immer mit Selbstlob zu überschütten. Horaz ist überzeugt, daß sein Ruhm so lauge dauern werde, als die Verehrung der Götter im Kapital. Als Beweis seiner Selbstllber- schätzung dürfte seine Ode gelten: Exegi monumentum aere perennius. Zu deutsch: Meine Verse sind sehr schön, Werden nimmermehr vergeh'n. Malesherbes sagte zu Heinrich IV.:„Was Malesherbes schreibt dauert ewig." Card an hielt seinen Verstand für ein Mittelding zwischen der göttlichen und menschlichen Natur. Dumoulin beginnt mehrere seiner Schriften mit den Worten:„Ich, der ich niemand etwas nachgebe und den niemand etwas lehren kann." In dem Geschichtsbuche solcher Geister, welche an die Fabel von dem aufgeblasenen Frosch erinnern, befinden sich noch mehrere Blätter, denen man versucht wird ein sogenanntes Eselsohr einzubiegen. Auf Ausbildung des Geistes und Herzens, Kenntnisse und Fertig- leiten, kann der Mensch allerdings pochen, nur darf dies nicht mit einem Krupp'schen Schmiedehammer geschehen. Davon sehen aber viele ab und dies sind die Egoisten, deren Streben dahin geht, sich zum Mittelpunkt zu machen und täglich beflissen sind, ihren eigenen Werth mit einer imaginären Größe zu multipliziren. Man könnte auf einen jeden der sich Ueberhebenden die Versworte des französischen Dichters Delisle anwenden, welche wie folgt lauten: „Sein Ich ist ihm der Winkelmesser Womit er sich und andere mißt, Sein Ich weiß immer alles besser, Sein Ich ihm stets Begleiter ist, Sein Ich ist ihm der Mittelpunkt der Welt, Jndeß damit er andern entsetzlich lästig fällt." Es ist zu bedauern, daß Individuen niit solcher Leidenschaft den Werth anderer Gaben verringern, die sie in der That haben, abgesehen davon, daß solche Eitelkeit zugleich die Staffel zur Lächerlichkeit ist. Ich habe im Laufe meines Lebens solche Geister mehrfach kennen gelernt, und wenn ich mir erlaube, jetzt hier einiger zu gedenken und ihnen ein Klettchen anzuhängen, so möge dies weniger der Person, als der Sache gelten. Lenken wir zuerst den Blick aus Christian Andersen, den däni- schen Dichter, der aus dem Reiche der Elfen und Märchen so manchen Schatz für die Literatur gehoben, der nicht allein für die Spinnstuben berechnet war. Leider sah er nur seine geistigen Spinnräder für Werk- zeuge an, die auch Mühlen treiben können. Der gute Mann hielt sich in literarischer Hinsicht für einen Adler, obgleich er mehrfach nur in einem Schwalbenneste saß. Zu seiner kind- lichen Natur, die sich so schön in vielen seiner Märchcndichtungen offen- bart, gesellte sich eine Eitelkeit, die, wie Gutzkow einmal von ihm sagt:„nur einen eitlen, mit Orden behangencn, von Fürstenhof zu Fürstcnhof reisenden, sich selbst überschätzenden Mann gesehen hat. Einen Schwächling, dem nur unter Damen wohl war, die ihn wie ein Lämm- lein behandelten, ihn von Schoß zu Schoß gaben, einen Gecken, der nur in Kreisen leben zu können schien, wo er zum tausendsten male sein„Putt! Pntt!" vorlas und entfloh, wenn sich in seiner Gegenwart ein überlegener Geist über Dinge aussprach, die ihn nicht persönlich betrasen." Zur Porträtirung seiner Natur mögen hier als Beweis des Vor- stehenden einige kleine Züge aus seinem Leben folgen: Es war zur Zeit, als dieser dänische Skalde seinen ersten Ausflug nach Deutschland unternahm und somit auch Leipzig berührte, wo er infolge seines Rufes eine ungemein gastliche Aufnahme fand. Ich traf ihn Nachnfittags ini Hause einer liebenswürdigen Patrizier- samilie, wo an dreißig Personen versammelt waren, meist ftaufleute, Künstler und Gelehrte. Man kam dem Dichter mit hoher Achtung ent- gegen, namentlich die jüngeren Damen, welche sich freudig der Hoffnung hingaben: heute eine Erzählung oder eine Vorlesung von ihm zu hören. Unter den Eingeladenen befand sich aber auch der damals noch jugend- liche Kvpsrechner Zacharias Dase aus Hamburg, von dessen Genie namentlich in den Momenten die Rede war, als der Kaffee herum- gereicht wurde. Aus sreundliche Veranlassung eines Finanzmannes ließ sich Dase sehr bald herbei, einige Proben von seiner eminenten Begabung ab- zulegen. Alle waren von Bewunderung ergriffen über das bisher Unglaubliche. So löste er in Zeit von einigen Sekunden die Frage: Wenn je- mand vierundsechzig Jahre alt ist und in jeder Sekunde T'/ic Pfennig zu verzehren hat, wie viel Thaler beträgt dieses? Es geschahen ferner Berechnungen verschiedenartiger Exempel aus den vier Spezien der Brüche, Multiplikation und Division mit mehr- zifferigen Zahlen, z. B. 163S-f 1274: 3268: 7571,956. Sodann Ausziehung von Quadrat» Kubik-, Biquadrat-Wurzeln und Wurzeln aus höheren Potenzen. Ebenso unbegreiflich wie sein Gedächtniß für Zahlen war die rich- tige Ausfassungskrast seines Auges. Vierzehn Dominosleine, die ihm vorgelegt wurden, überflog er mit wenig Blicken und er nannte sofort die Zahl der Augen. Wir holten einen tiefen Teller mit Erbsen herbei, zählten solche in der Stille und streuten sie auf den Tisch. Es waren 280.— Er ricth: 270 bis 275 Stück. Aufgefordert: die Zahl' der Ziegel eines nahe gegenüber liegenden Giebeldaches anzugeben, nannte er die Zahl 619. Der Hausherr nahm Tags darauf seinen Operngucker zur Hand und brachte nur 618 heraus. Er zählte noch einmal und da findet es sich, Dase hatte zwei halbe Dachziegel einzeln mitgezählt und somit war seine Angabe: 619, richtig. Alle Anwesenden wurden in Verwunderung, dann aber auch in heitere Laune versetzt. Nur Andersen sah mißmuthig darein. Er war mürrisch darüber, daß man so taktlos gewesen, außer ihm noch Einen einzuladen, der ihm unfehlbar seine Bewunderung kürze, die ihm doch werden müsse, wenn er eines seiner Märchen vorgelesen hätte. Er war im Begriff, seine Zusage zurückzunehmen, einem so unvor- sichtigen Hauswirth und seiner Gesellschaft den Rücken zu kehren. Stur aus Bitten der jungen Damen ließ er sich erweichen, von seinem Ent- schlusse abzustehen. Welche hohe Meinung seine übertriebene Einbildungskraft von sich geschaffen, zeigte sich besonders noch in dem Moment, als sich höchst bescheiden die in Leipzig lebenden lyrischen Dichter Adolf Böttger und Hermann Marggraff in der Gesellschaft einfanden und dem dänischen Dichter zugesührt wurden. Er benahm sich gegen dieselben sehr zugeknöpft und spröde, was darin seinen Grund hatte, daß ihm die beiden nicht einen Besuch ab- gestattet und ihre Reverenz bewiesen hatten, indem er doch schon mehrere Wochen in Leipzigs Mauern verweile. Ehe er zu lesen begann, stellte er die Bedingniß, daß in der Ge- sellschaft die größte Ruhe herrsche, was von einer hochgebildeten Gesell- schaff ohnehin zu erwarten war. Es herrschte eine wahre Kirchenstille. Als es jedoch einem der Zuhörer einmal einfiel, sich zu schneuzen, warf ihm der Vorleser von der Eheopspyramide seines Selbstbewußtseins Blicke zu, die eben so zornig waren wie diejenigen, welche sich auf dem gastfreien Schlosse zu Maxen bei Dresden zeigten, wo er bei dem Major Serre und dessen Familie offene Herzen und offene Thören fand. Der Major hatte häufig eine gewählte Gesellschaft aus seinem Landsitze, wo Andersen nicht fehlen durste. Er las natürlich ivieder seine Märchen vor und sein ganzes Wesen wurde zum krankhasten Superlativ, wenn er merkte, daß außer ihm noch ein anerkannter Dichter oder Künstler anwesend sei, der ihm ein Defizit in seine per- sönliche Wichtigkeit bringen könne. In solchen Momenten schien sich ihm Cäsars Grundsatz: Lieber im kleinsten Neste der erste, als in Rom der zweite, ganz besonders aufzudrängen. Eine Episode von gleicher Farbe, welche 1855 zu München spielt, sei� schließlich noch erwähnt. Daselbst hatte der bekannte Maler, Professor Vogel von Vogel- stein, zeitweilig Gesellschaft von Herren und Daincu bei sich. Auch Andersen, der sich einige Wochen lang in München aufhielt, wurde mit Einladungen zu Gesellschaflcn beehrt, wo es nicht an Huldigungen fehlte. Eines Tages erscheint er wieder in dem Kreise und— mit verklärtem Antlitz. „Ich hätte," beginnt er seine Rede,„ich hätte doch nicht gedacht, daß meine Märchen so tief in das Volk, und namentlich in die Kinder- weit gedrungen, denn wenn ich mich jetzt aus Plätzen und Straßen sehen lasse, kommen immer Kinder herbei und küssen mir ehrfurchtsvoll die Hand." Es war dies eine gewiß urkomische Täuschung. Die Kinder hielten ihn für den bekannten katholischen Priester Döllinger, mit dem Andersen allerdings viel Aehnlichkeit hatte. Mithin eine Verwechselung der Personen, was der Dichter aus dem verstohlenen Lächeln vieler der Anwesenden hätte bemerken können, unter denen sich der Dichter und Schriftsteller Julius Große, jetzt Generalsekretär der Schillcrstiftung, befand.(Schluß folgt.) Die erste Rheinbrücke.(Bild Seite 558— 557.) Alpen! Alpen- luft, Alpenschnee, Alpengrün. Wer hört diese Worte und kennt die Begriffe aus eigner Anschauung und fühlt nicht das Herz lauter pochen. Der Athem wird freier, das Auge Heller, der Geist klarer und gesunder, denn helle und kräftige Gedanken tauchen in der Seele auf. Die mäch- tige Fee Phantasie, entführt uns mit ihrem Zaubergespann aus der norddeutschen Ebene und läßt uns sanft am Gotthard nieder, jenem Knotenpunkt, in welchem alle Alpenketten unseres Welttheils zusammen- laufen, denn in ihm verknüpfen sich von Norden herkommend die Höhen- züge von Schwyz, Unterwalden, llri und dem Berner Oberland, von Osten die Gebirge Graubündens und von Süden die Alpen der savoyi- scheu Lande. Das ist der gewaltige Hintergrund unseres Bildes, dessen glitzernde Firnen sich mit dem Himmel vermählen. Den größten Ruhm erhält aber der Gotthard durch den Umstand, daß er der Vater der schönsten Ströme ist, welche durch Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Italien stießen. Südwärts sieht man vom Gotthard den Tcssin durch Schluchten und Thälcr nach Italien wandern, während sich west- wärts von dem Furkagletscher die blaue Rhone zum Genfersee wendet, um später in ihrem südlichen Lauf den herrlichsten Strom Frankreichs zu bilden Noch weit ergiebiger strömen seine Wasserader» nach Norde», die Aar welche den Brienzcr- und Thunersee bildet, die Reuß, die Mut- >er de» Bierwaldstädtersces, und der Rhein, der Vater des Bodensees. Die Sprachforscher erzählen uns, daß Rhein von Rinnen abzuleiten I sei und daß dies Rinnen verwandschastliche Worte in der uralten kel-! tischen und in der modernen deutschen Sprache habe, wie denn die Rhone auch nichts anderes ist, wie ein solcher wässeriger Renner. Das Element, welches nachher den Rhein bildet, rinnt nicht allein als Vorderrhein, Mittelrhein und Hinterrhein dreifach, sondern hundert- und tausendfach aus namenlosen Quellen zusammen. Jenen großen Gebirgszug entlang, den die alten die Adula nannten, und dem auch im Osten, in der Bernina der Inn entströmt, liegen diese un- zähligen namenlosen Quellen des Rheins, denn es ragt dort Eiskuppe an Eiskuppe, es drängt sich dort Gletscher an Gletscher, weil die Wolken durch Regen und Schnee immer wiedergeben, was die erwär- mende Sonne ihnen strahlenleuchtend an quellendem Wasser nimmt. Aus diesem viel geäderten Quellengericsel greisen wir zur Erklärting unseres Bildes den Niedcrrheiu heraus. Der Niederrhein entspringt im Tavsetscher Thal zwischen den Höhen des Crispalt und Baduz, dessen Gletscher drei Wassersäden entsenden, die sich am Tomasee, einem von hohen starren Felsen umgebenen Behälter, zusammenfinden, tvelche wie- derum den Rhein bilden und ihn gestärkt in die Ferne schicken. Der junge Geselle stößt aber bald aus ein Hinderniß, das sein kurzes Lebenslicht auszublasen droht. Der Fuß des Gämergletschers verstellt ihm in Gestalt einer Moräne(Grieseis und Schutthalde) den Weg, der unbändige Alpensohn verleugnet eine zeitlang seinen gewaltthätigen Charakter und schleicht sich wie ein Dieb unter der Halde durch und ver- hilft dadurch derselben zu der Benennung der ersten Rh ein brücke. In Gesellschaft vou Bächen, von denen sich der eine oberhalb des Dörfchens Clamus aus dem Gümerthal, der andere aus dem Corncrathal kom- inend, mit ihm vereinigt, zieht er wohlgemuth lvciter. Bei Dissentis verbindet er sich mit seinem ersten Namensbruder, dem Mittclrhcin, der dem Lukmanicrgletscher entstürzeud im Cadlinthal aus mehreren in kleinen Seen sich sammelnden Quellen, die bei Stinsch zusammenlausen, entspringt und durch das Medelser- oder Liebfrauenthor in die Arme der Verwandten eilt. Später kommen ihm thalabwärts aus verschie- denen Einschnitten der Adulakettc noch einige Spielgenossen zugesprudelt, unter denen ein Bach, der aus dem Sumwixerthal strömt, dann die Ulatsch, der Glenner, welcher das schöne waldige Lugnetzthal durch- braust,»nd die aus dem Sasfien kommende Rabiusa die vornehmsten sind. Daß den jungen Strom abwärts die herrlichsten landschaftlichen Reize begleiten, wird mir wohl der Leser aufs Wort glauben. Von seinen Ursprüngen bis nach Dissentis rauscht er zwar durch eine öde Steinwclt, wie man auch schon aus unserm Bilde ersieht, von dort aber öffnet sich das Thal und dehnt sich mächtig in die Breite, indem es sich zugleich mit allen jenen Reizen schmückt, welche der Natur der Alpen in so hohem Grade eigen sind. Auch an historisch interessanten Orten fehlt es nicht. Dissentis ist eine uralte Beiicdikliner-Abtci, aus welcher schon im siebenten Jahrhundert das Christenthum in die umliegenden Gelände getragen wurde. In Truns wurde der graue Bund(Grau- bänden) beschworen. Als die erste Stadt am Rheine folgt Jlanz, dann kommen die Ortschaften Flims, Tries und Tamiens, indeß hie und dort alte Burgenreste wie Schwalbennester an de» Felsen kleben, die uns an die wüste Zeit des Fanstrcchts erinnern. Glücklicherweise ist es schon lange her, seit der Hirt den letzten adeligen Straßenräuber er- schlagen! Im Angesichte der Schneepyramidc des Tödi vereint sich bei dem Orte Reichenau das Drillingspaar Vorder-, Mittel- und Hinter- rhein. Der letztere, der kräftigste von den dreien, hat auch eine schöne Berg- und Thalfahrt gemacht und kann von vielen interessanten Hindernissen erzählen. Der Kamps der Elemente tobt unaufhörlich au! der Wiege des Hinterrheins. Rechts von der Straße, die über den Bernhardin nach Italien führt und die zu Zeiten des römischen Kaisers Augustus von seinen Stiefsöhnen Tiberius und Drnsus mit dem Blute der Gebirgsbewohner überschwemmt wnrde, erstreckt sich die ungeheure Masse des Rhcinwaldgletschers, über dem das Moschelhorn und der Vogelberg sich als stolze Felsenkcgel erheben und Lawinen und Wasser unaufhörlich in die Tiefe senden. So ist hier Stoff für unerschöpfliche Quellen, deren auch zwölf in rauschenden Bächen darunter hervor- brausen, um den Hinterrhein zu bilden. An seinem Ursprünge liegen Himmel und Hölle neben einander; der crstere besteht in einer Gebirgs- wand, die zweite aus einem bodenlosen Abgrunde. Der junge Drillings- bruder kümmert sich indeß nicht um beide und stürmt in das Rhein- waldthal, wo das Dorf Splügen liegt, das mindestens acht bis neun Monate Winter hat. Dann bricht er durch die sturmzerfressenen Roflafelsen, an welchen er einen ansehnlichen Wasserfall bildet, in das freundlichere Schamserthal, wo er an den Orten Andeer und Zillis vorbeiströmt und die Wasser der Ferreraschlucht aufnimmt. So keck er auch auf diesem Wege dahingcwirthschaftet hat, indem er das Urgestein der Roflawände zerklüftete, so beginnt doch jetzt erst die kühnste That des Alpensohnes, der Gang durch die Via mala(schlimmer Weg). Was die Natur au wilder und grausiger Schönheit zu schaffen vermag, das ist hier erschöpft. Ein gewaltiges Kalksteingebirge, das sich von Piz Bevcrin zum Mutterhorn hinzieht, schließt das Schamserthal gegen Norden. Feuer und Wasser, von unseren Vorsahren als Riesen gedacht, die den Himmel stürme» wollten, haben einen tiefen klaffenden Spalt von beinahe tausend Fuß in den schwarzen Felsen gerissen. Millionen von Jahren gehören dazu, wenn die Wellen mit ihrem Anprall allein die Schlucht ausgenagt hätten; die scharfen Kanten der linken Wand jedoch, welche den Verlicfungen der rechten entsprechen, lassen auf die Nachhülse eines Erdbebens schließen. In diese entsetzliche Schlucht wirst sich der Hinter- rhein mit tausend Sprüngen und fällt unter Tosen und Brausen, mit Zischen und Wirbeln von Klippe zu Klippe. Wunderbar wie die Kühn- heit der Natur.ist die Kühnheit des Menschen. Sie ist dem Strome nachgegangen und hat eine Straße zwischen diesen Bergmassen in der Höhe und den siedenden Fluthcn in der Tiefe gebaut, die das Gestein 564 durchbricht, auf schlankgcwvlbten Brücken von einer Wand aus die andere springt und nicht nur dem Fußgänger und Reiter, sondern auch dem schwerbeladenen Frachtwagen einen sichern Weg bietet. Schon sind Ingenieure an der Arbeit, auch durch dieses Fclsenlabyrinth, dessen einzelne Partien die Sonne niemals bescheint, den Weg für das Dampf- roß zu bahnen. Bei Tusis, wo der Rhein aus dem verlorenen Loche rauscht, ist die Landschaft ganz und gar verändert. In dem korn- und weingesegneten Domlcschgerthal erschaut man rings eine Menge von hübschen Dörfern und Schlossern, darunter Rhazüns, an den Namen Rhätien erinnernd, wahrscheinlich die älteste Ansiedlung im Lande. Wir folgen dem Laufe des Flusses, der in diesem Thale durch die weiße Albula und die schwarze Nolla vergrößert wird, und gelangen so an die Stelle, an der wir schon einmal standen, nämlich nach Reichenau, wo Vorderrhcin, Mittelrhein und Hinterrhein sich verbinden und den gemeinschaftlichen Namen Rhein annehmen. Mit großem Vergnügen sieht der Wanderer in diese jauchzende wirbelnde Umarmung hinunter, in welcher sich drei Geschwister zusammenfinden, die nun für ihr ganzes Dasein in eins verschmelzen. Dieses Dasein wurde noch oft genug durch Katastrophen bedroht, bevor es im Schöße der Mutter alles Lebens, im Ozean den Abschluß findet. Wir wollen zum Schluß nur eine davon, und zwar die wenigst bekannte erzählen. Wer heutzutage den Rhein vom Gotthard in den Bodensee fließen sieht, wird leicht zur Annahme verleitet, das könne nie anders gewesen sein, sodaß selbst ein Kartograph wie Kiepert in seinem historischen Atlas der alten Welt dem Rhein schon zur Römerzeit denselben Weg anweist. Und doch wird im Alterthum niemals des Rheinfalls bei Schaffhausen gedacht; er wird erst im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung erwähnt. Gleich- wohl läßt sich bei der scharfen Ecke von Sargans, die dort der von Reichenau kommende Rhein macht, unschwer eine Vertiefung entdecken, die als das alte Rheinbett in den züricher See führt. Man gelangt dann zum Schlüsse, daß vor etwas mehr als tausend Jahren in eineni ungewöhnlich strengen Winter eine Eisbank das alte Flußbett verstopft und den Strom in ein neues Bett gedrängt habe, welche Katastrophe zu einer weiteren, dem Ueberfluthen der Felscnbarre bei Schaffhausen, den Anstoß gab. Diejenigen Leser, die sich für die weitere Gestaltung des Rheins und seiner Ufer interessiren, verweisen wir auf die Artikel„Säckingen", „Die drei Exen",„Odilienberg" und„Canb", worin im landschaft- lichen Rahmen dieses Flusses zugleich die Schicksale seiner Uferbcwohner geschildert werden. Nächstens wollen wir erzählen, wie der gewaltige Rhein im holländischen Sande ruhmlos verschwindet. vr. M. T. Originelle 5iailzelredeii. Von den merkwürdigen Predigten des Augustinermönch Ulrich Megerle, mit dem Klosternamen Abraham a Santa Clara(gestorben in Wien 1709) sind bereits srüher in dieser Zeitschrist Proben gegeben worden. Wie dieser häufig in seinen Kanzel- reden das schöne Geschlecht apostrophirte, so that es auch der Pfarrer Spörer zu Rechenberg im Fränkischen, der um 1720 in einer Pre- digt bemerkte:„Das Frauenzimnier lieb' ich von Natur, wenn es schön, galant, complaisant, Honnet, sauber aufgeputzt wie ein schönes Pferd; da weiß ich schon, wie sie zu respektiren seien, die da recht haushalten können, dem Manne alles an den Augen absehen, was er will. Ha! da lacht das Herz, wenn der Mann heimkommt und einen so liebens- würdigen Engel antrifft, die ihn mit den schweeweißen Händchen em- pfängt, küsset, herzet, ein Brätlein und ein Salätlein aus den Tisch trägt, und sich zu ihm hinsetzet und spricht: Liebster, wo willst du her- unlergeschnilten hau? und was dergleichen hpnig- und zuckersüße Sachen mehr sind. Wenn man aber eine hasche, baschc, rasche! einen Rumpelkaste», ein Martersell im Hanse hat, die immer brummt, die eine Thür zu-, die andere ausschlägt, die im Schlot mit der Ofengabel hineinfährt und wieder aus den Herd herunterplumpst, die ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter oder wie ein Nest voll Eulen macht, die lauter Suppen aus dem Höllentopse anrichtet und was des Teufels- zeug mehr ist: die lieb ich nicht, die mag der Teufel holen!"— In einer 1736 in Weißensels von dem protestantischen Dorfprediger Panisch gehaltene Kanzelreden heißt es nach einem vor mehreren Jahren aufgesundenen Manuskript:„Als Pharao, ein gewisser König in Aegyp- len, befahl, alle erstgebornen Knäblein zu tödten, so hatte er, meiner Meinung nach, die löbliche Absicht, daß die lieben Mägdlein sollten am Leben bleiben, damit sie könnten zum Heiraten gebraucht werden. Woraus wir sehen, daß das weibliche Geschlecht unentbehrlicher als das männliche ist." Weiter ist folgender Passus höchst originell:„Kinder sind gehorsam ihren Eltern. Z. B. Wenn ein Sohn will auf die Heirat gehen, so spricht er zu seinem Vater: Lieber Vater und liebe Mutter! Mein Sinn und alle meine Dinge stehen nach unsers Nach- i bars Marzipille, d'rum bin ich willens, das Mädchen zu heiraten, gebt mir Euren Rath dazu, seid Jhr's zufrieden? Der Vater spricht: Hans Görge, übereile Dich nicht, nimm sie nicht, sie kommen schon besser. Der Sohn thuts und hat Segen. Tob. 10. V. 1. Ein nngerathener Runks spricht aber wohl gar: Vater was schiert's denn Euch? Habt Ihr mich doch nicht um Rath gefragt, wie Ihr bei der Mutter seid auf die Freit gegangen und habt Euch mit ihr verkuppelt. Weit anders ist es mit Gottes Kindern beschaffen." Zum Schluß versichert der Pastor(nachdem er vorher gegen die Trunksucht geeifert):„Ich esse meinen Bissen Brot und trinke dann und wann ein Gläschen guten alten Wein— ich bin aber immer nüchtern in meinem Amte."-z- Stenographie» Telephon und Setzmaschine im Dienste der Presse. Die Londoner„Times", das bekannte Weltblatt, berichtet in der Nummer vom 27. Mai d. I. über eine wesentliche Bervollkomm- nung der Berichterstattung über die Parlamentsverhandlungen. In neuerer Zeit habe sich bei den hervorragendsten Rednern die Neigung bemerklich gemacht, die Reden im Parlament zu so später Stunde zu halten, daß die wörtliche Wiedergabe in der Morgenausgabe fast un- möglich geworden sei. Es sei schon schwierig, eine 1 Uhr nachts ge- j haltene Rede am nächsten Morgen ausführlich mitzutheilen, noch schwic- riger gestalte sich die Berichterstattung über nachts 2 Uhr gehaltene Reden. Um diesem Uebelstande abzuhelfen, hat ein Parlanientscomite Erörterungen angestellt, die zu folgendem, man kann wohl sagen, groß- artigen Resultate geführt haben:„Die erste Hülfe gewährt eine Setz- Maschine. Der gewandteste Setzer kann in der Stunde nicht über 40 Zeilen setzen, in dringenden Fällen allenfalls 50, dies aber nur eine kurze Zeit hindurch. Die Maschine dagegen, welche wie ein Klavier arbeitet, ermöglicht es, daß ein Mann 100 Zeilen in der Stunde setzen kann, selbst wenn er von der Handschrift ablesen muß, 200, wenn ihm � die Handschrist vorgelesen wird. Die Maschine ist schon seit einer Reihe von Jahren in Gebrauch und ist nach und nach so vervollkommnet worden, daß sie jetzt treffliche Dienste leistet. Um nun ferner die im Parlament gesprochenen Reden möglichst schnell in die Druckerei zu liesern, wurde eine unterirdische Drathleitung hergestellt, welche den Berichterstatter im Parlament mit dem Setzer in der Druckerei in Verbindung setzt. Da- durch kann nun die Wiedergabe der Reden noch um �4 Stunden verlängert werden. Der Reporter— Stenograph— spricht seine Nieder- schrift in ein Telephon, welches in einem Zimmer neben der Referenten- tribüne aufgestellt ist; der Setzer seinerseits hat die zweite Telephon- scheide hoch hinter seinem Kopf und von der Scheibe zu seinen Ohren führen zwei Hörrohre. Der Setzer hat einen Sprechapparat, durch welchen er nöthigenfalls dem Berichterstatter signalisiren kann, daß er verstanden oder nicht verstanden hat, daß er fertig ist und um Fort- setzung ersucht w. Eigenname» werden buchstabirt. Auch das Telephon arbeitet zu voller Zufriedenheit, nur tritt mitunter eine Störung der Leitung durch JnductionSströmungeu oder eine zu große Vibration der Scheibe ein. Auch von außen stellte sich ein gewaltiges Hinderniß dem Unternehmen entgegen, nämlich die— Post, welche alles that, um eine solche Benutzung des Telephon verbieten zu lassen. Sie hat aber nachgeben müssen." Wir rücken dem bekannten Ideale immer näher, bemerkt hierzu die„Allg. D. Stenographen-Zeitung", daß dem Redner, der nach einem zweistündigem Bortrage die Tribüne verläßt, an deren Fuße bereits 500 gedruckte Exeniplare seiner Rede auf Velinpapier mit Gold- schnitt und mit Kreuzband und Briefmarke versehen überreicht werden; er braucht sie nur noch in den Briefkasten zu stecken.— Um zu zeigen, in welcher Weise die praktischen Engländer sich die Stenographie nutzbar machen, mögen hier noch die Angaben einer englischen Stenographen- Zeitung, des„Phonetic Journal"(über 12000 Abonnenten) Platz finden. Das Blatt theilt init, daß die in Großbrittannien jährlich zirku- lirenden stenographischen Briefe und Postkarten nach hundcrttausenden zählen; der Gebrauch, die Adressen in stenographischer Schrift niederzu- schreiben, habe sich seit einiger Zeit sehr eingebürgert und werde nicht beanstandet. Die bei dem„Stenographischen Institut" jährlich eingehenden stenographischen Briefe belaufen sich auf 20 000— im letzten Winter hat das Institut durchschnittlich täglich 200 stenographische Briefe empfangen.— Soweit sind wir in Deuischland doch noch nicht, wenn auch die Stenographie immer mehr an Verbreitung gewinnt. Erwäh- nung verdient indeß, daß dem Schreiber dieser Zeilen neulich ebenfalls eine Postkarte mit stenographischer Adresse(ausgegeben Leipzig, Post- ' amt III) zuging. Es möge aber niemand aus diesem Kuriosum den i Schluß ziehen, daß nunmehr auch in Teutschland stenographische Adressen [ zulässig seien!-z- Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Uebcr die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Rothberg-Lindener(Fortsetzung).— Irrfahrten, von Ludw. Rosenbcrg(Fortsetzung).— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Die Gegenwart, Gedicht von Leop. Jacoby.— Bäunie, die in den Himmel wachsen wollten. Ein zeitaeniäß' Wörtlein in der Blüthencpoche des Größenwahns, von Theodor Drobisch.— Die erste Rheinbrücke(mit Illustration).— Originelle Kanzel- reden. Stenographie, Telephon und Setzmaschine im Dienste der Presse. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.