Die Scene Sell ti Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. No 48. Erscheint wöchentlich. In Heften à 30 Pfennig. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Idealisten. Von Rudolf Savant. ( Fortsetzung.) Bei Nennung des Namens hatte sich auch Curt, dem Gebot der Höflichkeit gehorchend, langsam und gemessen umgesehen und dann seinem Sessel eine halbe Wendung gegeben, so daß er den Herren nicht länger den Rücken zukehrte; die Heiterkeit des Ulanen, der endlich wieder zum Reden kam, ließ ihn indessen völlig kalt und er legte auch nicht die geringste Wißbegierde an den Tag. Der Pole rief, noch immer aufs höchste belustigt: ,, Man denke sich- Rajacic langweilt sich ohne Maitresse, ist aber zu faul und pomadig, sich nach einer umzusehen und beschwert sich allen Ernstes darüber, daß ihm noch keine angeboten worden ist. Will keiner von den Herren Kameraden, der vielleicht über seine Flitterwochen hinaus ist, so freundlich sein, im Falle der Separation an unsern bequemen Dragoner zu denken und ihm die Dame mit einem Empfehlungsschreiben zuzusenden? Kann niemand aushelfen auch Sie nicht, Herr von Blenkheim?" Curt runzelte die Brauen und auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe steile Furche. Ich sah, daß es in ihm kochte und es klang verzweifelt scharf, als er erwiderte: Herr v. Borkiewicz, ich muß mir doch erlauben, Ihnen zu bemerken, daß derartige Scherze nicht nach meinem Geschmack find; Sie werden jedenfalls besser thun, dergleichen Bemerkungen auf Kosten andrer zu machen, die sich dadurch nicht verstimmen lassen." Ich gestehe euch, ich war heftig erschrocken, als die leichtsinnige oder boshafte Frage von den Lippen des Ulanen fiel mir war, als fiele mir ein Tropfen siedenden Bleis auf die Hand. Borkiewicz aber lächelte mit dem ganzen Gesicht und sagte im verbindlichsten Tone: Wann würde ich mir erlauben, auf Kosten Herrn v. Blenkheims einen Scherz zu machen? Dazu ist meine Hochachtung und Verehrung für Sie eine zu unbedingte. Indessen" Er hielt einen Moment inne und in dem Blick, mit dem er Curts sich mehr und mehr verfinsternde und verhärtende Miene musterte, lag etwas Lauerndes; dann fuhr er langsam fort: Ich hielt es in der That für möglich, unserm Herrn Kameraden von den Dragonern und gleichzeitig Ihnen einen fleinen Gefallen zu thun. Sie können doch recht gut Ihrer augenblicklichen Maitresse überdrüssig sein-" Das kann ich nicht sein, da es nicht zu meinen Gewohnheiten gehört, mir eine Maitresse zu halten- was Sie übrigens wissen könnten!" Klang es falt und scharf zurück. V. 28. Auguft 1880. 1880. Curt war dabei aufgestanden- ich sah ihm an, daß er sich mühsam im Baume hielt und daß die Unterhaltung jeden Moment eine gefährliche Wendung nehmen konnte. Er hatte die Oberlippe halb trogig, halb verächtlich aufgeworfen und die feinen Nasenflügel blähten sich in verhaltenem Groll. Hätte er jezt Borkiewicz stehen gelassen, um zu einer Gruppe im Saal zu treten und sich bald darauf zu entfernen, so wäre wahrscheinlich alles noch gut abgelaufen, aber Curt hätte sich in diesem Moment auch durch vier Pferde nicht vom Plaze bringen lassen und im nächsten Augenblick war es auch dazu zu spät. Der Ulan war augenscheinlich entschlossen, die Rolle des Verbindlichen und Arglosen, der nicht den geringsten Anlaß zu herben Bemerkungen gegeben hat und nicht zu errathen vermag, weshalb ihm so schroff begegnet wird, so lange als möglich fortzuspielen. Er zuckte auf Curts letzte Erwiderung nur die Achseln und sagte sehr artig: ,, Verzeihen Sie, Herr v. Blenkheim, wenn ich Ihnen etwas Unangenehmes gesagt haben sollte es ist gewiß absichtslos geschehen. Wie kann ich denn auch wissen seien Sie gerecht! daß Sie Gründe haben, eine Thatsache ignorirt sehen zu wollen, die doch offenkundig ist und die obendrein absolut nichts Kompromittirendes oder gar Ehrenrühriges für Sie hat?" ,, Unsere Ansichten dürften auch in dieser Hinsicht stark differiren jedenfalls verstehe ich Ihre Anspielung nicht und muß Sie ersuchen, sich endlich so deutlich auszusprechen, daß ich im stande bin, durch eine ebenso deutliche Erklärung das immer peinlicher werdende Gespräch zu beenden." Nun denn aber es ist wirklich mehr als originell! Es ist ein öffentliches Geheimniß, daß Herr v. Blenkheim eins der schönsten Mädchen in Prag sein eigen nennt, und er steift sich darauf, das aufs positivste in Abrede zu stellen." , Sie bleiben also bei Ihrer Behauptung stehen, daß ich eine Maitresse unterhalte ich nehme an, daß man Sie getäuscht hat oder das eine Verwechslung vorliegt, sonst würde ich gezwungen sein, zu den harten Worten Lüge und Verleumdung zu greifen." Rede und Gegenrede waren sich rasch und scharf und Schlag auf Schlag gefolgt jede Vermittlung war unmöglich gewesen. Der Artillerist hatte sich mit mißbilligendem Kopfschütteln abgewendet und auch der Dragoner, der die beiden Sprecher erst mit fast dummer Verwunderung von oben bis unten gemessen hatte( derartige Differenzen gingen ersichtlich über seinen eng begrenzten Horizont), war achselzuckend und abwartend zur Seite und zu mir getreten. Borkiewicz blieb noch immer glatt, aber seine Worte hatten schon eine entschieden höhnische Färbung, als er erwiderte: ,, Erlauben Sie, Herr v. Blenkheim, ich bin nicht getäuscht worden, denn alles, was ich weiß, beruht auf eigner Wahrnehmung, ich könnte also höchstens unrichtig kombinirt haben und durch den Schein getäuscht worden sein, in welchem Falle ich meine Worte selbstverständlich mit dem größten Vergnügen zurück nähme. Ich weiß, daß Sie mit einer Dame häufig und vertrau lich verkehren, und ich kann nur annehmen, daß dieselbe-" Curt war bis in die Lippen, ja bis in die Ohrläppchen kalfweiß geworden und dann schoß ihm plötzlich wieder alles Blut ins Gesicht und mit fast heiserer Stimme stieß er, als müsse er um jeden Preis verhindern, daß sein Gegner weiterspreche, die Frage heraus: ,, Den Namen! wen meinen Sie?" Aber, mein Gott, Herr v. Blenkheim, welche unbegreifliche Aufregung! Sollten Sie wirklich geglaubt haben, aller Welt verheimlichen zu können, daß Fräulein Leontine-" Halt! nicht weiter!" arbeitete es sich mühsam aus Curts wie zugeschnürter Kehle; seine eine Hand suchte an der nächsten Stuhllehne eine Stütze und mit der andern fuhr er sich über die Augen. Es ist genug," setzte er dann hinzu ,,, genug und über genug! Die Dame, von der Sie sprechen, ist nicht meine Maitresse, aber sie ist meine Geliebte, oder meine Braut, wenn das deutlicher ist, und Sie werden eine künftige Frau v. Blenkheim hoffentlich mit Ihren Vermuthungen verschonen und in aller Form zurücknehmen, was Sie gesagt. Wenn Sie übrigens nur ein einziges mal mit ihr gesprochen hätten, würden Sie wissen, daß in diesen Vermuthungen eine Infamie liegt ist denn nichts auf Erden so rein, daß es euch Ehrerbietung einflößte, und daß es vor euch sicher wäre?" Borkiewicz sah Curt anfänglich an, als wisse er nicht, ob er wache oder träume, aber allmälich trat ein förmlich äßendes Lächeln auf seine Lippen und mit ironischer, jede Silbe vergiftender Höflichkeit sagte er: ,, Sie gestatten mir wohl, zunächst aufs höchste erstaunt zu sein. Daß ich offiziell und pro forma jedes Wort zurücknehme, welches ich über Ihre zukünftige Gemahlin geäußert, ist wohl selbstverständlich, privatim aber und unter vier Augen, Herr Kamerad, würde ich Ihnen doch rathen, sich die Verlobung und Verheiratung noch einige male zu überlegen; ich würde es vielleicht auch für meine Pflicht halten, Ihnen einige kleine Notizen über die Dame zu geben und Sie über Punkte in ihrer Vergangenheit aufzuklären, die sie durchaus nicht weniger geeignet zu Ihrer Geliebten machen, aber doch ein kleines Hinderniß für eine Verheiratung bilden würden." Ich war zusammengezuckt, Curt aber, bleich und kalt, wie eine Statue, fragte, seinen Blick fest auf den Polen richtend, als wolle er sein Auge in das des Gegners bohren: ,, Sie kennen die Dame also kennen sie näher?" 566 Es thut mir leid, Linsingen, daß ich bei dir und noch dazu in dieser Stunde eine Erklärung abgeben muß, die sehr ungewöhnlich sein dürfte, aber ich muß gehen, denn ein Mann von Ehre kann mit dem Herrn da nicht an einem Tische sitzen." Herr von Blenkheim!" brauste Borkiewicz, nun selber erbleichend, auf, und von allen Seiten rief man auf die beiden hinein, die sich mit einem Blick tödtlichen Hasses maßen. Ja, Herr v. Borkiewicz," sagte Curt kalt ,,, Sie sind ein Schuft, ein ehrloser, feiger, verlogener Schuft. Das weitere überlasse ich Ihnen! Addio Linsingenes thut mir leid, aber er hat mich dazu gezwungen. Kommen Sie, Herr Reinischwir haben hier nichts mehr zu suchen." Ich hörte noch, wie Borkiewicz, dem man in den Weg getreten war, als er sich in wilder Wuth auf Curt stürzen wollte, kreischte: ,, Das soll er mir bezahlen! Er oder ich!" und dann war ich mit meinem jungen Freund auf der Treppe und er- klopfte mir mit einem wilden, grimmigen Lächeln auf die Schulter und sagte: ,, Nun, Reinisch, sind Sie denn auch so verblüfft und so sprachlos vor Staunen, wie die da oben, die nun wohl eine Stunde lang wirr durcheinanderschreien und gestikuliren werden? Hab' ich's denn nicht recht gemacht und konnte ich denn anders? Sehen Sie, so hat es kommen müssen, ich fühlte das, und jetzt ist mir wohl und leicht und frei. Glauben Sie, meine Hand würde nur einen Moment zittern, wenn wir uns jetzt mit der Waffe in der Hand gegenüberstünden? Ich schöffe ihn jetzt ebenso sicher über den Haufen, wie ich es in ein paar Tagen thun werde!" Ich wills nicht verhehlen, daß ich wie betäubt war- die Explosion war eine so jähe gewesen und der grimmige Humor, mit dem Curt vor sich hin lachte, der Leichtsinn, mit dem er dem unvermeidlichen Duell entgegenging, war mir an ihm so unheimlich, daß ich nur seine Hand fassen und sie krampfhaft brücken konnte. Er sah mich überrascht an und meinte begütigend: ,, Sie fürchten doch nicht für mich? Ah bah- das wäre recht unnöthig. Der hat ein schlechtes Gewissen, der ist, wenn er der fatalen kleinen schwarzen Mündung gegenübersteht, aufgeregt, und Ruhe und kaltes Blut sind alles. Und mir ist, als müßte ich doppelt gut schießen, als sei ich der Arm, durch den ein gerechter Urtheilsspruch endlich einmal vollstreckt werden soll. Oder meinen Sie doch vielleicht, er habe nicht gelogen, infam gelogen? Leontine seine Maitresse! sie hätte sich eher zehnmal getödtet, als auch nur seine Lippen auf ihrer Hand geduldet. Ich habe ihm noch keinen Augenblick getraut, aber als er den hämischen, giftig- höflichen Ton anschlug, da wußte ich, daß er log, aus Rachsucht und Bosheit log. Morgen werde ich von das kann ja sein; Leontine hören, ob sie ihn überhaupt kennt dann sage ich Ihnen, wie viel wahres an seinen höhnischen Andeutungen ist. Leontine selber erfährt von der ganzen Geschichte nicht früher etwas, als bis alles vorbei ist und vielleicht selbst dann noch nicht; sie braucht ja gerade nicht zu wissen, daß ein Mann, der es gewagt, ihren Ruf und ihre Ehre anzutasten, von Ich werde die hämische Betonung nicht vergessen, mit der es mir dafür gezüchtigt worden ist, wie es meine Pflicht war. Und gedämpft zurückklang: Sicherlich so nahe als möglich-" Der Herr Kamerad hatte sicherlich noch eine besondere Bosheit in petto, aber Curt schnitt ihm rasch und schroff das Wort ab, indem er mit schier unnatürlicher Ruhe sagte: ,, Und Sie überlassen es mir, Ihren Worten jede mir belieweitestgehende?" bende Deutung zu geben, auch die ,, Sie haben zu viel Geist, Herr v. Blenkheim, als daß man Ihnen gegenüber nicht mit Andeutungen vollständig auskäme, es ist doch zuweilen unangenehm, die Dinge beim Namen zu nennen und das kann man sich Ihnen gegenüber sparen." Ich bin in der That befriedigt Sie sind vollkommen flar gewesen. Linsingen!" Das flang so laut und hell durch den Saal, wie ein Kommandoruf zum Angriff und der Gerufene löste sich sofort aus einer ihn umgebenden Gruppe los und kam überrascht und fragend auf Curt zu, während alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf uns, vor allem aber auf den herkulischen schwarzen Sarmaten und den ihm gegenüber fast klein und zart erscheinenden blonden Hannoveraner richteten, dessen tödtliche Blässe jeden erschreckte. Aber es blieb keine Zeit zu Fragen; kalt und scharf, aber langsam und in jeder Silbe betont, flang es durch die erwartungsvolle, fast bestürzte Stille: nun thun Sie mir die Liebe und lassen Sie mich allein- ich will noch eine Stunde gehen und morgen sollen Sie mich ganz ruhig und gelassen finden, so gelassen, daß Sie Ihre Freude an mir haben sollen. Und keine Sorge, feine düstern Gedanken ja?" Das hieß nun freilich mehr verlangen, als ich versprechen konnte, ich war ernstlich in Sorge, ich war weit entfernt, Curts fatalistische Zuversicht zu theilen, und so drückte ich ihm denn nur in schlecht verhehlter Bewegung schweigend die Hand und überließ es ihm, das Vorgefallene auf einsamem Gange zu überdenken und sich auf das Kommende vorzubereiten. Daß Borkiewicz nicht die Wahrheit gesprochen, davon war auch ich moralisch überzeugt, aber ich vermochte doch nicht, gleich Curt, alles für aus den Fingerspitzen gesogen anzusehen, und Aufregung, Sorge, Reue und Aerger darüber, daß wir der unglückseligen Einladung gefolgt waren, Zweifel und düstre Ahnungen bezüglich des Ausgangs ließen mich nicht früher die Augen schließen, als bis die Morgensonne in die Fenster schien und die Spaßzen in den Dachrinnen lärmten, da erst schlossen sich die schweren, brennenden Lider und ich verfiel in einen von wüsten Träumen beunruhigten Schlummer. Was die nächsten Tage geschah und wie alles endete, davon das nächste mal, bei Born es würde heute entschieden zu viel werden, und ich will mich nicht gerade heiser erzählen an der Unglücksgeschichte. Zu den serbischen Volksliedern also!" Man verzichtete diesmal darauf, gegen das Abbrechen der Erzählung zu protestiren, da man Reinisch's Hartnäckigkeit in dieser Hinsicht kannte, Arvenberg nahm die Volkslieder zur Hand und begann vorzulesen, und er würde vielleicht nicht so bald innegehalten haben, wenn der Maler nicht endlich nach der Uhr gesehen und verkündet hätte: ,, Ein Uhr! Jetzt ist's genug- seht ihr übrigens nicht, daß Born, der schon den ganzen Abend drein geschaut hat wie der melancholische Dänenprinz, allmälich in eine Gemüthsverfassung gerathen ist, die für sämmtliche Personen des Dramas, an dem er jetzt schreibt, das Schlimmste befürchten läßt?" ,, Es ist aber auch wahr, Born," sekundirte Arvenberg, Sie lassen die Unterlippe hängen, wie die eine Here im Märchen von Dornröschen, und sehen aus, als hätten Ihnen die Hühner das Brod genommen oder als hätten Sie Lieb' im Leibe." Wendt aber rief: ,, Kinder, ich hab's meine Russin fängt an zu wirken! Born, Unglücksmensch, Sie sind bei ihr gewesen, allein-" ,, Auf Grund einer besonderen schriftlichen Einladung!" glaubte der so Interpellirte konstatiren zu müssen; sie wünschte eines meiner Stücke kennen zu lernen und hat es mir vorgelesen, um sich im Deutschen zu üben; sie las übrigens reizend." ,, Selbstverständlich! Sagen Sie lieber, wann Sie fortgekommen sind?" forschte Wendt weiter. Born, dem dies Verhör außerordentlich lästig zu sein schien, gab zu, daß es spät" geworden sei, wollte jedoch nähere Angaben nicht machen können, was natürlich große Heiterkeit erregte. Arvenberg rief dazwischen: Aber, lieber Born, warum so zurückhaltend und verschlossen? Sie brauchen Sich wahrhaftig nicht zu geniren, denn ich nehme nicht den geringsten Anstand, von freien Stücken zu erzählen, daß ich Fräulein Walujeff ebenfalls wiedergesehen habe, d. h., daß ich in gewissem Sinne von ihr aufgesucht worden bin tout franchement." Reinisch horchte auf und meinte lachend: Das schöne Fräulein scheint zur Zeit wenig anderweite Beschäftigung zu haben, da sie euch sogleich heranholt; nun, da Born die Details jenes literarisch ästhetischen tête- à- tête gleich den eleusinischen Geheimnissen wahren zu wollen scheint, so denke ich, wir lassen ihn in Frieden und halten uns an Arvenberg, der den Eindruck macht, als sei er mittheilungslustiger." Nun, die Geschichte war ziemlich einfach und sehr harmlos," erzählte Arvenberg; ,, ich saß vorgestern Abend auf meinem Rezensentenplatz im Theater und hätte an den Wänden hinauflaufen mögen vor Aerger über einen Koulissenreißer von Helden, der über ein Maximum von äußeren und über ein Minimum von inneren Mitteln verfügt und eigentlich nur vor einem Parterre von Zahnärzten spielen sollte er hat nämlich zwei Reihen tadellos schöner Zähne, die zu zeigen ihm zu so hoher Genug thuung zu gereichen scheint, daß er sie auch in Momenten fletscht, die dazu nicht die geringste Veranlassung bieten. Da tritt der Logenschließer geräuschlos ein, tippt mich auf die Schulter und flüstert mir zu, daß ich während des Zwischenakts doch jedenfalls heraus ins Foyer gehen möchte eine sehr große, schlanke, elegante Dame wünsche mich zu sprechen. Der Mensch machte ein ganz verdußtes Gesicht dazu- der kleine Rezensent, der von Anfang an so wenig Trinkgeldhoffnungen erweckte, erschien ihm jedenfalls plötzlich in ganz anderm Lichte. Ich ging die Reihe der mir bekannten jüdischen Damen durch, aber das groß wollte auf keine passen ja, wenn er fett' gesagt hätte! An eine junge Dame dachte ich natürlich nicht die Matrone war die Matrone war selbstverständlich. Was man da wieder von mir verlangen könne, 567 war mir unerfindlich- etwa eine zärtliche Mutter, deren kraushaariger, ramsnasiger Sprößling neben einer starken Anzahl anderer Talente auch eine entschiedene Begabung für die Bühne zeigte und mir einmal die große Rede des Brutus an der Leiche Cäsars zur Abwechslung vormauscheln wollte? Ich war gar nicht in gnädiger Stimmung, als ich mich in den Strom der im Foyer Promenirenden mischte und auch als ich Fräulein Tatjana begegnete, hielt ich dies für einen Zufall, bis sie um meinen Arm bat und mir lachend auseinandersetzte, sie habe mich bitten lassen, ins Foyer zu kommen, um fünf Minuten mit mir zu promeniren und mir zu sagen, daß sie mein gegittertes Schreibpapier, von dem ich ihr eine Probe unter Couvert gesandt hatte, aufgetrieben habe in etwa acht Tagen würde sie es aus Paris bekommen. Das ist doch aufmerksam, und ich muß nun sehen, daß ich mich durch Besorgung einer bestimmten österreichischen Cigarette revanchire, die sie nirgends finden kann, wie sie neulich ganz beiläufig erwähnte; mein Vater hat einen Agenten in Wien, der mir diese, Trebisonder jedenfalls verschaffen kann, und ich habe bereits an den Mann geschrieben. Ihr könnt euch ungefähr denken, wie wir angeglozt wurden Fräulein Tatjana hatte eine distinguirte, für unsere Stadt, in der es ja troz alles Reichthums ziemlich philiströs- bürgerlich hergeht, geradezu extravagante Toilette gemacht, und man blieb förmlich offnen Mundes vor ihr stehen und staunte sie an, wie die Kuh das neue Thor. Sie ließ mich, dessen, Schwäche für Süßigkeiten sie ja hinreichend infolge Ihrer Indiskretion, lieber Wendt- fannte, aus ihrer kleinen Bonbonnière von lichtblauer Emaille naschen und drückte mir dieselbe, als die Klingel ertönte und alles in die Logen zurückströmte, mit einem schelmisch- befehlenden:, Zur gefälligen Bedienung nach Schluß der Vorstellung an der Thür Ihrer Loge mir wieder zuzustellen! in die Hand und fort war sie. Sie kam dann wirklich, mit Mutter und Bruder, freute sich, daß unser Weg ziemlich der gleiche war, meinte:, Ach, das trifft ja allerliebst Mama und die brüderliche Liebe mögen den Wagen benußen, der uns erwartet und Sie führen mich durch die sternklare Nacht zu Fuße nach Hause; ich möchte gern noch eine Viertelstunde gehen, und hing ihren Arm ohne weiteres in den meinen. Wir haben uns auf diesem Wege, der sich, halb durch meine, halb durch ihre Schuld, zu einem ganz unlogischen Konglomerat von Umwegen gestaltete, ganz gut unterhalten, und als wir vor der Hausthür angelangt waren, warf sie sogar die Frage auf, ob ich nicht noch ein Glas Thee bei ihnen nehmen wollte. Das aber habe ich hört es, ihr Spötter verbindlich dankend abgelehnt und es vorgezogen, mein Glas Thee im Café zu trinken, wer weiß, wann man fortgekommen wäre und ich wollte noch eine kurze Kritik schreiben. Im Café hatte ich die Genugthuung, daß der ästhetische Scharfrichter, vulgo Rezensent, unseres Konkurrenzblattes, der mich bisher stets vornehm ignorirt hatte, sich mir persönlich mit großer Artigkeit vorstellte; er wollte natürlich nur wissen, wer die hochelegante, pikante Dame gewesen sei, mit der ich so vertraulich plaudernd promenirte und die niemand gekannt habe, die also wohl eine Fremde sein müsse. Nun hättet ihr einmal sehen sollen, mit welcher nachlässigen Selbstgefälligkeit ich mich im Stuhl zurücklehnte, den blauen Wölkchen meiner Cigarette nachsah und mit affektirter zerstreutheit Auskunft gab: Vornehme Russin enorm reich Fa milie lebt meist im Ausland auf Reisen gut mit ihr bekannt komme öfters hin- sehr feines, gastfreies Haus gemeldeter Zutritt- eben nach Hause begleitet- Einladung zum Thee ausgeschlagen gestern spät von einem Souper heimgekommen. Der Mensch war völlig um den Finger zu wickeln und wird in Zukunft seinen Hut sehr tief vor mir ziehen ich habe ihm sicher höllisch imponirt." ( Fortseßung folgt.) Heber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems. Von Rothberg- Lindener. ( Fortsetzung.) Die ausführliche Darlegung, wie Dellingshausen sich bei kontinuirlicher Materie die Ausdehnung und Kompression von festen und flüssigen Körpern denkt, würde zu weit führen; als dafür charakteristisch sei nur angeführt: Durch die Luftpumpen kann die Verdünnung der Luft beliebig weit getrieben werden. Wir unan= erkennen aber, daß dabei nicht die Materie herausgepumpt wird, sondern es werden nur die innern Bewegungen der Luft aus dem Rezipienten entfernt. In einem sogenannten luftleeren Raume ist die Materie in derselben Weise enthalten, wie in allen Körpern." Ueber die Ausdehnung durch die Wärme sagt Dellingshausen: ,, Wenn in meiner Theorie von der Ausdehnung eines Körpers, z. B. durch die Wärme die Rede ist, so beziehen sich diese Worte nicht auf die in dem Körper enthaltene Materie diese bleibt unverändert, sondern sie bedeuten nur, daß die innern, den Körper qualifizirenden Bewegungen sich über einen größeren Raum ausbreiten. Indem diese Bewegungen durch ihre zunehmende Energie um sich greifen, wird der äußere, auf dem Körper lastende Druck überwunden und eine Arbeit geleistet. Diese Arbeit wird dazu verwendet, die inneren Bewegungen der angrenzenden Körper zurückzudrängen und sie durch die inneren Bewegungen des wärmeren Körpers zu ersehen. Indem die zu nächst liegenden Theile der Materie dabei die Eigenschaften des sich ausdehnenden Körpers annehmen, wird die Erscheinung seiner Volumzunahme bewirkt." Diesen Ansichten gegenüber müssen wir doch fragen: Wie kann eine Materie, die sich nicht ausdehnt, mit ihren Bewegungen um sich greifen? Wie soll man sich vorstellen, daß die innere Bewegung benachbarter Materie zurück568 gedrängt werde, und wohin? Kann denn die spezifische Trägheit" einem Theil der Materie geraubt oder umgewandelt werden? Wird ein Theil von Wasser, Del, Alkohol oder anderen Stoffen, die einen durch Wärme ausgedehnten Eisenstab umgeben, wirklich nachweisbar zu Eisen? Wo bleibt bei diesen Körpern dann die grundsätzlich aufgestellte ,, unveränderliche Fortdauer ihrer inneren Bewegungen"? Eine ganz wesentliche Frage ist endlich die: wie man sich die Bewegung innerhalb einer kontinuirlichen Materie zu denken habe? D. antwortet darauf:„ Die Frage: Wie ist Bewegung innerhalb einer kontinuirlichen Materie möglich? habe ich bereits in Bezug auf die inneren Bewegungen der Körper dahin beantwortet, daß diese Bewegungen nur Wirbel sind und daß jeder Punkt sich dahin bewegt, wo die übrigen Punkte ihm durch ihre Bewegungen Plazz dazu lassen." Wir können uns damit unmöglich befriedigt, noch weniger überzeugt erklären, wenn uns auf die Frage: wie sind innere Bewegungen möglich? die ablenkende Antwort Fan- Neger bei der Schmiedearbeit.( Seite 575.) wird: nun, es sind eben nur Wirbel! als ob ein derartiges Konglomerat von Wirbelbewegungen ohne Zwischenraum für die Vorstellung etwas ganz geläufiges, keiner weitern Erklärung bedürftiges wäre! Und ferner Punkte, die durch ihre Bewegung andern Platz zur Nachfolge lassen, sind doch gewiß materiell, obgleich sie D. nach vorhergehender Aeußerung nur als rein mathematische, ausdehnungslose gelten lassen wollte und dann kommen sie, wie ein Ei dem andern gleicht, mit den Atomen nach altem Stil überein. Es klingt fast wie Hohnnecken: jeder Punkt gehe in seiner Bewegung dahin, wo er eben Platz finde dabei sollen alle Bläge im Welttheater, einer neben dem andern ohne Zwischenraum, für beständig schon abonnirt und besetzt sein und dann sollen wir unter diesen Umständen in dem Weiterschreiten eines freigelassenen Plazes die Bahn irgend eines Punktes aufzufinden im stande sein! Die herausgehobenen Citate können in Anbetracht des hier für diesen Gegenstand verstatteten Raumes genügen, um das Urtheil zu rechtfertigen, daß wir, troß vieler von D. beigebrachter und zutreffender Einwände gegen die Atomistik, und Stüßen für seine eigenartige Anschauung, der letzteren bei gegenseitigem Abwägen doch nicht den Vorzug zugestehen können. Denn, wie Maxwell über die Methoden der Molekularphysik bemerkt:„ Wenn | wir jedoch die Hypothese aufgestellt haben, daß die Konfiguration, Bewegung oder Wirkung des materiellen Systems von einer besonderen, bestimmten Art sind, und wenn die Konsequenzen dieser Hypothese mit den Erscheinungen stimmen, dann müssen wir, wofern wir nicht nachweisen können, daß keine andere Hypothese den Erscheinungen genügen würde, immer noch die Möglichkeit zugeben, daß unsere Hypothese falsch sei." Obgleich aber D. mit dem leidenschaftlichen Eifer des Neuerers in einer wichtigen Sache seine Wirbelatomtheorie als unentbehrliches Fundament für seine eigentliche Gravitationstheorie hergerichtet zu haben glaubt und er selbst vielleicht eher noch lettere, als die erstere möchte zu Bruche gehen sehen, so finden wir uns doch in der gegentheiligen Lage, ungeachtet des eingestandenen Unglaubens an das Alleinseligmachende der Wirbelatome, den Stab über D.'s Theorie der Gravitation nicht zu brechen, ja derselben sogar einen erheblichen Vorsprung vor allen bisher besprochenen Theorien zuzuerkennen. Dieser Vorzug nun liegt, wie D. sich sehr wohl bewußt ist, darin, daß er sich zur Gravitationserklärung nicht mit der Einzelwirkung von Molekülen oder Atomen befaßt, wobei nothwendig auf deren Form, Eigenschaften, Einzelgeschwindigkeiten, Wege und Konfiguration eingegangen werden muß, was zu einer großen Zahl von mehr und minder Auf falscher Fährte.(Seite ö7ö.) willkürlichen Hypothesen führt, da exakte Beobachtungen bisher nicht möglich waren, und solcherweise sich bald in dem einen, bald in dem andern Falle zum Absurden führende Konsequenzen ergeben. Dagegen ist das Angefülltsein nicht nur des mtraplanetaren, sondern des gesammten kosmischen Raumes zwischen den Sternen wit einem materiellen Medium nachweisbar, und die beständige Existenz von Wellenbewegungen innerhalb desselben, welche Träger von Energie sind, ein Faktum, welches ebenso gut dann als reale Grundlage für eine Gravitationstheorie dienen kann, wenn man im Gegensatz zu D. die atomistische Hypothese der Materie für statthaft hält. Beweis dafür ist das letzte Werk über die physische Wirkungsweise der Gravitation von Aurel Anderssohn, welches gleichzeitig, wie es scheint, mit D.'s ausgearbeitet worden ist. Es steht in den soeben erwähnten Voraussetzungen auf derselben Grundlage, enthält daher auch mancherlei analoge Schlüsse und Ausführungen, geht aber in andern Punkten und Konsequenzen noch weiter. Des besseren Vergleichs wegen seien daher von jezt ab beide Theorien gleichzeitig nebeneinander besprochen. Die anderssohn'sche Theorie beschäftigt sich, nachdem sie Newton's Stellung zu der Frage klargelegt, logischerweise ebenfalls zuerst damit, die alte Vorstellung einer Fernewirkung: wenn unter einer solchen die Ursache einer Aenderung der Konfiguration materieller Systeme verstanden wird, zwischen denen keine derartige sichtbare oder nachweisbare materielle Substanz sich befindet, welche ihrer bisher beobachteten Natur nach zur Uebertragung der dynamischen Einwirkung geeignet erscheint..." auf einen vernunftgemäßeren Boden zu bringen, indem nach Erörterung des Unterschiedes zwischen ,, stofflich" und wägbar" darüber bemerkt wird:„ der unserm Kausalitätsbedürfniß eingestandener maßen widersprechende Begriff einer Wirkung räumlich entfernter Massen ohne vermittelndes Bindeglied ist nun offenbar in dem Augenblick hinfällig, wenn sich irgend welcher den Raum erfüllender Stoff zur Uebertragung jener räthselhaften Kraftäußerungen geeignet erweist." Die kontinuirliche Raumerfüllung der Materie bei Dellingshausen schließt schon ein, daß die Räume zwischen den Sternen dabei einbegriffen seien; übrigens aber will er den Zustand seiner fontinuirlichen Materie in dem Weltraum durchaus nicht als von ganz abweichender Qualität von den uns bekannten Stoffen angesehen wissen, so wie ein Theil der Naturforscher den Licht- und Wärmeäther betrachtet, während andere denselben als im höchsten Maße verdünnte Luft ansehen. D. eifert zwar überhaupt gegen den Gebrauch des Wortes ,, Aether", aber wenn wir auch über seine 570 Zusammensetzung aus Erfahrung garnichts wissen warum sollten wir diesen Stoff nicht bis auf spätere, genauere Kenntniß ,, Wärmeoder Lichtäther" nennen, zu Ehren des Umstands, daß seine Existenz uns durchdie Wärme- und Lichtstrahlen bewiesen wird, wenn wir dabei auch nicht mehr annehmen, daß der Aether nur für diese beiden Arten der Bewegung ganz speziell geschaffen sei! Die Hauptsache ist, daß wir diese dünne Substanz im Weltraum als Kraft oder Bewegung übertragend erkennen; darüber sagt Anderssohn: „ Nachdem wir aber wissen, daß Wärme in mechanische Arbeit wandelbar ist, also selbst in ihren Schwingungen Energie besigt, sowie daß dieselbe auch vermittels Strahlung durch den künstlich hergestellten luftleeren Raum übertragbar ist; daß ferner gleichzeitig und gemischt mit den Lichtstrahlen uns ein noch größeres Quantum Wärmestrahlen von den selbstleuchtenden Sonnen durch den Weltraum zugeht; da ferner nachgewiesen ist, daß diese Uebertragung Zeit erfordert, so daß Licht- und Wärmestrahlen, die in einem Moment von der Sonne ausgesandt werden, über 8 Minuten im Weltraum verweilen, ehe sie zu uns gelangen: so ist dieses Vorhandensein von Energie im Weltraum ein durchaus vollgültiger Beweis für das Vorhandensein von materieller Substanz, die wir eben Lichtäther nennen." Ueber den Aether bemerkt A. bald darauf noch Folgendes:„ Für das Gewicht dieser Thatsachen sind die Hypothesen, welche man speziell über die Natur und Eigenschaften der Aethermoleküle zu setzen beliebt, von geringem Belang; Elastizität, als eine Form der Cohäsion, fann man Uratomen, wie denen des Aethers als einzelnen natürlich nicht zuschreiben ,. lich nicht zuschreiben,... sie kann dieser Materie nur als einem Ganzen, und zwar weil sie unbegrenzt und nach allen Richtungen Energie tragend vorgestellt werden muß, zugeschrieben werden." ( Fortsetzung folgt.) Betrachtungen über die Gesundheitspflege des Volkes. VI. Pflege der Muskeln. Von Dr. Eduard Reich. Gymnastik und Arbeit, Muskelarbeit, dies gehört zur Pflege der Muskeln. Und diese Pflege ist von außerordentlicher Bedeutung für das ganze leibliche und seelische Leben, für Gesundheit und Wohlfahrt, für Glück und Zufriedenheit; denn die Muskeln sind nicht blos Bewegungsorgane, sondern sind auch hervorragende Stätten des Umsages der organischen Materie, Hauptquellen der Wärmebildung. Bei jeder Zusammenziehung der Muskelfasern wird Wärme frei und Stoff zersetzt, eine bestimmte Menge und Art von Verbindungen. Andere Materien werden durch die Thätigkeit der Nerven zersetzt, und auch da wird Wärme frei. Diese in den Nerven und Muskeln frei werdende Wärme dient zur Unterhaltung der Lebensvorgänge, wogegen die in den Muskeln und Nerven zerfallenden Stoffe größtentheils durch Lunge, Haut und Nieren ausgeschieden werden. Sezzen die Nerven, insbesondere aber die Muskeln, nicht genug der angesammelten Materien um, so entstehen krankhafte Zustände, die manchmal eine beträchtliche Höhe erreichen und schließlich den Tod veranlaffen. Muskel- und Nervenarbeit sind beide gleich nöthig für den Haushalt des Leibes. Diejenigen, welche allzu angestrengt mit Sen Muskeln und kaum mit den Nerven arbeiten, erkranken, und die, welche allzu angestrengt mit den Nerven und kaum mit den Muskeln arbeiten, erkranken wieder. Die besten Lebens- und Gesundheitsverhältnisse bekunden jene Nationen und Volksklassen, welche nicht wie Maschinen arbeiten, sondern ein gewisses Maß von Geistesbildung besitzen und auf diese Art ihre Muskelthätig keit durch einen bestimmten Grad von Nerventhätigkeit kom pensiren. Das mit den Händen arbeitende Volk wird durch Pflege des geistigen und gemüthlichen Lebens sehr wohlthuend auch für seine rein förperliche Gesundheit berührt und gewinnt, indem es körperlich und seelisch zugleich gesundet, die physischen und moralischen Grundlagen einestheils materiellen Wohlstandes, anderntheils innerer Zufriedenheit. Beschäftigen wir uns hier mit der Pflege des Muskellebens. Einfaches Gehen in freier Luft ist die unterste Stufe der Gymnastik. Aber, dasselbe genügt noch nicht den Anforderungen der Gesundheitspflege. In Verbindung mit körperlicher Arbeit in freier Luft erst erfüllt die Promenade die von ihr gehegten Erwartungen. Da nun nicht jeder seine Arbeit unter dem blauen Zelte des Himmels verrichten kann, und das Spazierengehen nicht ausreicht, nicht als vollkommene, sondern nur als einseitige Muskelbewegung betrachtet werden kann, ist es nöthig, täglich alle Muskeln systematisch in Thätigkeit zu sehen, mit anderen Worten: Gymnastik zu treiben. Jedes Organ, welches geübt, gymnastisch ausgebildet wird, entwickelt sich besser und verrichtet seine Arbeit vollkommener. Da auf gute Entwicklung der Muskelkraft und auf Vollkommenheit der Muskelthätigkeit es ungemein viel ankommt, sowohl für das Bewegungsleben und den äußeren Bestand des Menschen, wie für den Stoffwechsel und die leibliche ebenso, wie für die geistig- sittliche Gesundheit, ist es unerläßlich, von frühester Jugend an die Kinder beider Geschlechter auch gymnastisch zu erziehen. Gymnastik und abhärtende Hautpflege müssen stets Hand in Hand gehen und einander immer ergänzen. Die allgemeine Einführung der Gymnastik in Schulen kann jeder, der es mit der Menschheit gut meint, nur mit Freude an= erkennen. Aber die Schulgymnastik verliert an Werth, wenn sie wie ein Handwerk betrieben, nach der Schablone geübt wird und die Methode des Unterrichts darin den Charakter des Individualisirenden verliert. Bei jedem Menschen hat die Leibesübung einen anderen Schwerpunkt. Dies wahrzunehmen, ist Aufgabe des Turnlehrers und des Schularztes. Wenn durch die Gymnastik Krankheitsanlagen getilgt werden sollen, so kann es ohne strenges Individualisiren keinen Augenblick gehen und der Turnlehrer muß die sämmtlichen Muskelübungen genau dem besonderen Bedürfnisse des Menschen anpassen. Jede Individualität bedarf einer anderen Menge von Muskelübung. Ein Mensch hat nach einer halben Stunde Turnens gerade so viel Stoff zersetzt und Kraft verbraucht, als ein anderer nach einer ganzen Stunde Turnens. Die eine Person bedarf zur Erhaltung ihrer Gesundheit und Förderung ihres körperlichen Wachsthums mehr der Uebung von Armen und Beinen, die andere mehr der Uebung der Brust- und Rückenmuskeln. Ein Mensch, der mit schwächer entwickeltem Brustkorb zur Welt kommt, muß durch vernünftiges Turnen den Fehler gut zu machen suchen. Dies kann nur, was Gymnastik betrifft, vermittels angemessenen Exerzitiums zunächst der Muskeln des n en ge ch en = d, er. n= ür en, bie ter зи and nn an= fie und iviren cers itsfeltens Rumpfes geschehen, welches durch Uebung der anderen Muskeln sekundirt wird. Hat jemand einen sehr wohl entwickelten Brustkorb und im Verhältniß hierzu minder entwickelte Muskulatur der Gliedmaßen, so werden in erster Reihe und vor allem systematische Bewegungen dieser letzteren angezeigt sein. Ueberschreitet das Turnen nicht die Grenzen des physisch Möglichen und übermüdet es nicht eine einzelne Gruppe von Muskeln, so ist seine Wirkung eine heilsame und zeigt unter anderem auch sich darin, daß guter Schlaf nicht fehlt. Zu den obersten Bedingungen erfreulicher Wirkung der Gymnastik gehört angemessene Nahrungspflege und heitere Gemüthsstimmung. Jede bedeutendere, besonders systematische Muskelaktion hat größeren Verbrauch organischer Materien im Gefolge. Dieser Verlust muß durch Nahrung ersetzt werden. Wird dem Arbeiter, dem Gymnastiker, und besonders dem im Wachsthum begriffenen Turner nicht voller Ersatz durch angemessene Nahrungspflege geboten, so hat die Muskelübung gewiß mehr nachtheilige, als nüßliche Erfolge; es entstehen leicht allerhand krankhafte Affettionen, die zuweilen verhängnißvoll ausgehen. Da niederdrückende Gemüthszustände den Umsatz der Gebilde im Haushalte des Leibes verlangsamen, Gymnastik denselben aber beschleunigt, wird im allgemeinen Uebung der Muskeln dazu beitragen, den schlimmen Wirkungen der Depression zu begegnen. Aber dies nur bis zu einem bestimmten Punkte; einem wirklich dauernden, niedergedrückten Zustande der Seele gegenüber hat Gymnastik keine oder doch nur wenig Wirkung. Die Lust, sich zu bewegen, ist die Folge der Anhäufung größerer Mengen von Materien, welche der Zersetzung fähig sind und hierbei Kraft, Wärme freimachen. Das Freiwerden der Kraft drückt durch Bewegung sich aus, der Trieb zur Bewegung findet demnach jederzeit sich ein, wenn die durch Anwesenheit größerer Stoffmengen bedingte Spannung in den Muskeln gegeben ist. Wer entsprechend sich bewegen soll, muß entsprechend sich nähren, und wer gut sich nährt, muß, um gesund zu bleiben, kräftig seine Muskeln in Bewegung sehen. Es gibt viele Menschen, die gezwungen sind, stärkere Bewegung zu machen, ohne jedoch im stande zu sein, angemessen sich zu er nähren. Hier geht der Trieb zur Muskelaktion nicht vom Muskel, sondern vom Willen aus, und die Bewegung hat nicht jenen guten Erfolg, wie bei den Wohlgenährten, sondern wirkt erschöpfend. Für junge und ältere Menschen ist das Marschiren nach dem Takte der Musik eine sehr gesundheitsgemäße Bewegung. Dem schließt der Tanz sich an, der, anständig ausgeführt, von gutem Nußen für beide Geschlechter isi. Jede gymnastische Uebung, heiße dieselbe Marsch oder Tanz oder anders, die bei angemes sener Leibespflege vorgenommen wird und mit Freude verbunden ist, fördert die körperliche Gesundheit und das geistige Wohlbefinden; denn dieselbe bezieht sich keineswegs ausschließlich auf die Muskeln, sondern begünstigt in gleichem Maße den Stoffumsatz in den Nerven. Menschen, deren Leibesverhältnisse es zulassen, sollen springen, laufen, hüpfen und im Winter auf Schlittschuhen sich versuchen. Schwimmen aber, welches die glücklichste Vereinigung der Hautpflege mit der Gymnastik ist, soll niemand fremd bleiben, sondern schon in früher Jugend erlernt und das ganze Leben hindurch geübt werden. Fahren, Reiten, Schaukeln u. dgl. m. sind nüßliche passive Bewegungen; doch wer nur einigermaßen wohl ist und nicht eine Reise beabsichtigt, soll lieber gehen, anstatt fahren und reiten, Diviweil aktive Bewegungen, aus dem Gesichtspunkte der Gesundheitsdie pflege betrachtet, immer den Vorzug verdienen vor passiven. niffe Die Jagd wird als eine sehr gesundheitsgemäße Beschäftigung gepriesen. Ich bestreite keinen Augenblick, daß die Jäger, d. h. die Forstleute, gesunder und kräftiger sind, als viele andere Leute; aber, nicht dem Jagen verdanken sie dieses Glück, sondern ihrem nahezu beständigen Aufenthalte in freier, in Waldluft und der beständigen Bewegung der Glieder. Mir ist alles, was Jagd achs heißt, ein Greuel; ich betrachte das Erschießen, Fangen, Heßen, Berfleischen von lebenden Wesen, die mit Bewußtsein begabt sind, als Roheit. Daher empfehle ich das Jagen nicht nur nicht, sondern rathe entschieden davon ab. Halte doch jeder möglichst lange in freier Luft sich auf, renne, springe, flettere, schwimme t zu nach Herzenslust, schone aber der Thiere im Walde und Felde, des die auch gerne leben. perer Er mehr zur ver= 571 Zu systematischer Leibesübung durch Gymnastik gehört eine bestimmte Zeit. Man unterlasse alles Turnen unmittelbar nach der Mahlzeit, weil dieser Theil unseres Lebens der Verdauung gehört und Störung dieser letzteren durch Kraftverbrauch in den Muskeln um so härter sich bestraft, je öfters bei vollem Magen geturnt wird. Eine bei weitem bessere Stunde, als sogleich oder bald nach Tische, ist für alle gymnastischen Uebungen vor den Mahlzeiten, doch nicht, wenn bereits Hunger eintritt, sondern das Bedürfniß des Essens sich noch nicht regt. Ganz das nämliche ist von der Zeit des Schwimmens zu sagen: man unterlasse diese Uebung bei vollem ebenso, wie bei leerem Magen und bade am besten vor der Mahlzeit und vor Eintritt des Heißhungers. Wer sofort nach dem Essen in das Wasser geht, entzieht der Verdauung Nervenkraft und lenkt den die reichliche Absonderung von Verdauungssäften bedingenden Blutstrom theils nach der Haut, theils nach Lunge, Herz und Gehirn. Es ist dies, wie schon angedeutet, Zersplitterung der organischen Kräfte, Schädigung des thierischen Haushalts, für den Augenblick manchmal lebensgefährlich, für die Dauer immer mehr oder weniger nachtheilig, weil die Natur an solche Experimente nur ausnahmsweise sich gewöhnt. Militärisches Ererzitium ist Gymnastik, aber besonderer Art. Es hat dasselbe den Zweck, den Körper auszubilden; die Leibeskräfte zu erhöhen, die Gesundheit zu befestigen, dem Menschen möglichst viel von der Empfidlichkeit gegen Wechsel der Temperatur und Witterung, der Diät und Gewohnheit zu nehmen, und möglichst viel Ausdauer in Strapazen und Aufregungen zu geben. Entkleiden wir das militärische Exerzitium seines auf phyfische Ueberwältigung von Mitmenschen hinarbeitenden und mit der Kultur auf die Dauer nicht verträglichen kriegerischen Endzweckes, so ist dasselbe, wenn mit entsprechender Diät des Leibes und des Geistes verbunden, eine vortheilhafte Gymnastik, die als äußerst schäßbare Ergänzung der Haus- und Schulerziehung zu betrachten ist. Es lehrt die Erfahrung, daß jene Armeen, in welchen die Soldaten am besten gedrillt und diätetisch einfach und naturgemäß gehalten werden, den beziehungsweise besten Gesundheitszustand aufweisen. Die preußischen Soldaten sind weit gesunder, beweglicher und ausdauernder, als die britischen, obgleich, ode besser: weil sie strammer egerzirt und knapper gehalten, weit mehr abgehärtet und an Beschwerden gewöhnt werden, als ihi ce Kollegen jenseits der Nordsee. Der Krieger Preußens sezt neir Fett an, wenn er Feldwebel und als solcher den Beschwerlichfeiten der Somaszetit( der militärisch- gymnastischen abhärtenden Diät) entrückt ist; sonst ist von größeren Ueberschüssen organisc her Materie in seinem thierischen Haushalt nicht die Rede, weil di irch Einhalten des strammen Regiments der Körper das ihm gebo tene wieder verbraucht. Gewisse Personen können stärkere gymnastische Uebungen nicht vertragen. Hier habe ich keineswegs ausgesprochene Kranke im Auge, sondern jene Halbgefunden, die am Halse einen Kropf tragen, in der Leistengegend einen Bruch zurückhalten, dass eine Bein halb steif nachziehen und den Rücken beträchtlich beugen; jene Halbinvaliden, die ein unvorsichtiger Schritt ganz invalid macht, ganz krank, ganz gebrechlich; diese dürfen mit der Gymnastit nicht spaßen. t Gewisse Lehrer der Turnkunst betrachten es als den Gipfel ihrer Aufgabe, den Zöglingen Affenkunststücke anzulernen. Dergleichen ist nur für Seiltänzer und Kunstreiter bedeutungsvoll, für andere Menschenkinder aber weder gesund noch erb ulich, ja im Gegentheile manchmal recht gefährlich. Indessen, wer die Kunststücke der Akrobaten erlernen will, dem sei dies nicht benommen; denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich. In den Rahmen des gymnastischen Schulunterrichts passen Affensprünge nicht, sollen demnach von keinem Schüler gefordert werden. Gewisse Schüler haben einen ganz merkwürdigen Widerwillen gegen die Gymnastik. Es sind dies nicht immer blos verwöhnte Muttersöhnchen, sondern auch andere scheinbar ganz gesunde aber wirklich franke Bürschchen. Dieser Widerwille entspringt meistens aus mangelhafter Ernährung, aus Zuständen von Blutmangel, Nervosität, und ist nur in seltnen Fällen Erscheinung angeborener oder anerzogener Feigheit. Die der Gymnastik widerstrebenden Schüler müssen entweder durch bessere Nahrungspflege oder durch moralischen Zwang der edlen Turnkunst in die Arme geführt werden. TI 572 Irrfahrten. Von Ludwig Rosenberg. ( Fortsetzung.) Einige Zeit später. Es war Abend. Ich hatte meine Lampe noch nicht angezündet. Ich saß auf dem Sopha und überdachte eine soeben beendigte Arbeit, als Freimann eintrat. Er setzte sich zu mir und wir plauderten. Ich habe mir außerhalb der Stadt ein Kleines Häuschen gemiethet, vortheilhaft in allemt. Der Besizer ist ein Bekannter von mir, der mir das Anwesen auf 10 Jahre zugeschrieben hat. Willst du zu mir ziehen, meine bescheidene Häuslichkeit theilen, so thue es. Es ist mein Wunsch." ,, Dazu ,, Dazu wird noch immer Beit sein," sagte ich, wenn du mich überhaupt gebrauchen kannst!" ,, Unsinn, mich gebrauchen kannst!" gab Freimann zurück. ,, Laß mich ausreden, lieber Bruno," anwortete ich, und du wirst selbst zugeben, daß ich recht habe. Meinst du, ich habe nicht schon lange gemerkt, daß du mit dem Gedanken dich trägst, ein Mädchen heimzuführen, daß es dein sehnlichster Wunsch ist, dieses einförmige Junggesellenleben zu quittiren und dir ein eignes Daheim zu gründen? Du warst Weiberverächter nur wegen deiner materiellen Hülflosigkeit, im Inneren warst du stets ihr Verehrer, und wie einsilbig und hölzern du dich den Frauen auch immer gegenüber gebahrtest es war dies nur ein täuschender Mantel, der aufkeimende Sehnsucht und Begierde nach Besitz verdeckte. War es anders?" Freimann schwieg. Du wirst mich in deinem Häuschen nicht gebrauchen können," fuhr ich fort, ich würde dir, so lieb ich dir auch vielleicht bin, überall im Wege sein; du würdest dich schämen, vor mir anders zu scheinen, als du früher gewesen; und dem Gegenstande deiner Wahl nicht die ungetheilte und lautere Liebe entgegenbringen, die er verdient und beansprucht!" Frei mann schwieg noch. Die Gegenwart fremder Menschen ist einem jungen Paar niemals so drückend als die von Freunden. Du wirst die Gründe selbst wissen und darum bleibe ich für mich allein geh' und sei glücklich!"-- ,, Und wer ist die Auserkorene deiner Wahl?" sezte ich nach einiger Zeit scherzend hinzu. Renne ich sie schon?" ,, Wer sie sei?" sagte Freimann endlich, in einem Tone, der auf tiefes Nachdenken des Sprechers deutete. Ob du sie kennst? Möglich, oder auch nicht möglich! Man kennt oft Menschen nicht, auch wenn man mit ihnen auf gewachsen ist!"- Ich bat Freimann, doch nicht mit dem Namen zurückzuhalten, das wäre ja eine kleinliche Art der Freundschrift! ,, Damit hat es noch Zeit," entgegnete er, während es in meinem Kopfe mächtig arbeitete von tausend Gedanken und Vermuthungen. Die Aufforderung seinerseits, doch endlich die Lanepe anzuzünden, endete dieses Gespräch und als erst das Licht in das Zimmer strahlte, fehlte uns beiden wohl der Muth, das Bespräch fortzusehen. Theuerste Seele! Unsere ganze lange und haarspaltende Korrespondenz wird umsonst gewesen sein. Wenn Du diesen Brief in Händen hast, ist eine so heitle Angelegenheit formell erledigt. Formell! Dem Herzen vefehlen still zu sein, nicht aufzuzucken, das liegt außerhalb meiner Macht, und mein armes Herz, o, liebe Freund, was ist sehr bemitleidenswerth, denn es ächzt und ſtöhnt, gleich eine einem Schwerkranken, wenn man so von ihm reden derf! Es blutet unter dem grausigen Befehl des Verstandes. Und wie wird es ihm erst ergehen, wenn die ganze Sache? Ende ist, wenn das Verdikt:„ Entsage!" endgiltig ausgesprochen worden? Ich denke nicht daran, ich klammere mich noch an die Gegenwart. Ich betäube den Gedanken, dem liebsten Gute auf der Welt entsagen zu müssen, durch eine künstliche, fröhliche Stimmung, und die Freundin, die Geliebte, freut sich mit mir und merkt es nicht, daß es die Verzweiflung ist, die mich manchmal lachen macht. Oft ist es mir, als ob ich ihr sagen müsse:„ Sieh, Elisabeth, ich liebe dich so sehr, und ich kann, ich darf dich nicht besitzen! Ich muß meine Liebe opfern, damit du nicht selbst das Opfer der Liebe werdest." Aber nur zeitweise redete die Eitelkeit solcherart in mir; schnell tritt das edle Gefühl dominirend auf und es spricht vernehmlich: Thu', was du mußt und murre nicht! Ich versprach dem Freunde, Elisabeth zu fragen, ob sie ihn liebe. Wenn er mich fragt, ob ich Gewißheit habe, so vertröste ich ihn auf morgen, und sofort. Seit jener denkwürdigen Stunde sind heute elf Tage verflossen. Ich weiß ja, was ich sagen muß, aber ich " " habe nicht den Muth, Elisabeth begreiflich zu machen, daß ich się- nicht liebe.- Werde ich es können? Und wie soll ich das anfangen?- Mein armer Kopf wird darüber wohl noch närrisch. Ich werde mich dem Zufall anvertrauen. Das wird das Beste sein. Gestern unterwegs rief mich jemand an. Als ich aussah, grüßte mich ein Redakteur der Provinzzeitung". Man sieht Sie so wenig, obwohl man viel von Ihnen liest. Sie sollten Ihr Rednertalent in den öffentlichen Versammlungen ausnutzen und entwickeln. Es kommt eine Zeit, wo man Männer braucht, die zum Volke zu reden verstehen. Und übrigens hat man nicht ein Recht, von Ihnen zu fordern, daß Sie Ihre Kraft am rechten Fleck für das gemeine Wohl einsetzen?" Diese Worte brachten mich wie mit einem Schlage aus meiner träumerischen Stimmung, und nach einigem Hin und Herreden mußte ich versprechen, nach meiner Ferienreise mit Vorträgen vor die Deffentlichkeit zu treten. Während dieser Unterhandlung trat ein befreundeter Herr zu uns, der, als er unseren Plan hörte, seinen Beifall spendete und mich aufmunterte, mit Energie in die Arena des politischen Lebens zu treten. des politischen Lebens zu treten. Sehr recht! Sie dürfen nicht bei Ihren Büchern vertrocknen," sagte der letztere wohlmeinend, Sie verfallen sonst dabei auf allerlei Gedanken, die vielleicht ganz gut sein mögen, doch zu sehr abseits von dem Bedürfnisse unserer Zeit liegen. Die Uebersicht geht verloren, Sie werden pedantisch, suchen in Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten Ihren Ehrgeiz zu befriedigen, und am Ende schwächt sich der Geist ab, der im stande war, die Zeitfragen zu verstehen und thätig in die Zeitaktionen einzugreifen. Ein Mann wie Sie," setzte er schließlich noch hinzu, ist nicht dazu gemacht, seine Zeit den Nichtigkeiten des gewöhnlichen Lebens zu opfern, z. B. in Liebschaften, in der Ehe, Kleinkindererziehung oder sonstigen Spielereien Befriedigung zu suchen und zu finden; für einen Mann wie Sie ist entweder die strenge Wissenschaft Geliebte und Frau oder die Deffentlichkeit, die Rednerbühne!" Ich nickte zustimmend, denn diese Worte waren mir aus der Seele gesprochen, d. h. es war derselbe Gedanke, den ich mir schon selbst zurechtgelegt hatte als Rettung aus meinen niederdrückenden Stimmungen. Du hast Fähigkeiten, sagte ich zu mir, die, richtig angewendet und gehörig kultivirt, ihre Wirkung nicht verfehlen werden; du bist dir bewußt, daß du es mit diesen Fähigkeiten vielleicht weit bringen, daß du eine hervorragende, achtungswerthe Stellung irgendwelcher Art durch sie erklimmen kannst, wenn du fortfährst, zu arbeiten und zu denken; und nun, auf halbem Wege, mitten in der besten Entwicklungsperiode der Kräfte, willst du stillehalten, dein Licht unter den Scheffel stellen, alle Kraft, die dem Gemeinwohle willkommen gewesen wäre, in einer Ehe verkümmern lassen; in der Umarmung eines Weibes zu vergessen trachten, was das Volk zu seinem Fortschritt bedarf, den kühnen Schwung deiner Phantafie einengen, daß er hübsch bescheiden sich der häuslichen Nuzbarkeit anbequeme, mit Gewaltspruch sagen: In diesen vorgeschriebenen engen Bahnen wandle du, Geist!" Nein und nochmals und zum tausendstenmale nein! Ehe dies geschieht, wende ich meine Hand gegen mein eigen Leben, daß der neue Tag nicht das langweilige, blasirte Gesicht eines jämmerlichen Menschen sehe, der umhergeht mit einem Lächeln auf den Lippen und einem Dolche im Herzen, zufrieden und glücklich, weil er ein Weib, ein schönes Weib, mit begehrlichem Pulsschlage sein eigen nennt, und immer in Brust und Hirn elend und zerschlagen ist. Nein, nein! rief es in mir und meine Brust hob sich bei dem Entschlusse, wie von einer Last befreit. Und doch redet da drunten das arme Herz nicht eine andere Sprache? Es ist um das bischen Verstand noch vollends zu verlieren! Kaum war ich von den beiden Herren erlöst, als der Gedanke mich befiel: Und doch muß es sich vereinigen lassen, das Streben nach Weltweisheit und das Streben nach Liebesglück! Beides zusammen nur kann den Menschen innerlich friedlich und glückselig stimmen.- Ach, theuerste Seele, ich habe gesucht und bin nicht müde geworden eine Stellung zu suchen, wie sie meiner Natur angemessen ist. Du kennst meine Ansprüche, und wenn ich Dir schreibe, daß ich vergebens geforscht, vergebens mir deshalb meine Finger wund geschrieben habe, wirst Dn meine endliche Resignation begreiflich und natürlich finden. Unter den modernen Verhältnissen findet sich gar zu selten für einen Menschen, der seinen Prinzipien, seiner Individualität, der der Freiheit und Tugend nicht abhold zu werden gewillt ist, eine Stelle. Das wäre ein Zufall. Und so habe ich bei mir verzichtet auf das Glück, Elisabeth mein zu nennen, habe ich beschlossen, mit meinem Herzen und Verstande abzurechnen. Formell, wie ich zu Anfang dieses Briefes schon schrieb, ist die Liquidation vollendet, es sind nur noch so ein paar persönliche und private Abmachungen zu treffen, wie der Kaufmann zu sagen pflegt und alles wird vorüber sein! Alles!-- Ich gehe in einigen Tagen mit 573 | meinem Schüler auf Reisen. Meine Absicht, hier zu bleiben, habe ich wieder aufgegeben. Ich freue mich außerordentlich auf frische, freie Luft, auf eine neue Gegend und auf andere Menschen. Das zerstreut und bringt den Geist auf andere Gedanken. Beifolgend empfängst Du ein Konvolut Papiere, bedruckte und beschriebene. Sie enthalten meine letzten Arbeiten; Du wirst in den meisten meine augenblickliche Gefühlsströmung erkennen. Man prägt selbst der exaktesten Gedankenarbeit unwillkürlich die Stimmung des Momentes auf. ( Fortseßung folgt.) Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Rudolph von B...... ( Fortsetzung.) " Holla, Kamerad," hörte Friz Lauter plößlich hinter sich rufen. Das ist wohl ein köstlicher Trank, ha, ha, ich wüßt' mir einen bessern Tropfen hier in der Flasche,- wer seinem Magen nicht gram ist trinkt kein Wasser." Er schaute sich erstaunt um. Die Stimme fannte er und den Mann auch, trotz dessen merkwürdiger Ausstaffirung. " Herr Hampel!" rief er dann, noch mehr überrascht als zuvor. Herr Hampel sprang, als ob ihn eine Natter gestochen hätte, einen Schritt zurück. Aber er besann sich rasch und sein dickes, verschwommenes Gesicht verzog sich zu einem gezwungenen freundlichen Grinsen. " Hol' mich der Teufel, mein lieber Kollege und Nachfolger, der Herr Lauter!" rief er." I, das ist ja eine ganz unerwartete Freude! Wie kommen Sie denn hierher und was machen Sie hier so ganz allein?" Frizz Lauter erinnerte sich des Herrn Hampel wohl noch, aber er wußte im Grunde wenig von ihm; daß dem Manne die plötzliche Begegnung mit ihm Freude bereite, kam ihm etwas sonder bar vor. Indessen sah er keine Ursache, unfreundlich zu sein. Daher grüßte er mit ruhiger Freundlichkeit und erzählte in wenig Worten, was ihn hierhergeführt und was er in jüngster Zeit erlebt hätte. Der biedere Herr Hampel grinste noch vergnügter, als zuvor. Wirklich ein famoses Zusammentreffen," nickte er.„ Hab' lange schon gewußt, daß Sie Sich hier in dem gottverfluchten Gebirge unter dem unverschämten Hungerleidervolte aufhalten, und hab' mich darum immer schon gesehnt, Sie' mal zu treffen. Ich will mich nämlich hier in meiner Heimat ankaufen, müssen Sie wissen, aber die Leute, die wirklich total verwildert sind, und die verdammte Ueberschwemmung obendrein haben mir den Gedanken gründlich verleidet. Werde mich in der allernächsten Zeit wieder drücken, kann's nun einmal partout nicht aushalten unter so rohem, himmelschreiend verwahrlostem Volke. Drum ist's einem so' ne riesige Wohlthat, wenn man' mal wieder einen gebildeten Menschen trifft. Na, ich denke,' s Vernünftigste wird sein, wenn wir beide ein Schuß- und Truzbündniß schließen. Sie kommen mit mir nach Unterwaltersdorf und dort begießen wir unser Zusammentreffen mit' nem vernünftigen Schluck Wein." Friz Lauter dankte, sehr viel kühler, als zuvor. Mit dem Räsonniren auf die Gebirgsbewohner war der Herr Hampel grade an den Richtigen gekommen. " Ich denke," sagte er, jeder Mensch, der seine Arme regen fann und nicht selber mit verunglückt ist, hat, wie die Dinge jetzt liegen, in dieser von einem furchtbaren Geschick heimgesuchten Gegend Besseres zu thun, als sich nur um sich selbst zu bekümmern. Ich habe meine geringe Kraft dem über alles nothwendigen Rettungswerke zur Verfügung gestellt und meine, daß für Sie, Herr Hampel, dabei auch noch Plaz wäre." -Nun ja ei versteht sich ei versteht sich habe mich „ Rettungswerk? auch schon riesig daran betheiligt. Gestern, ich sage Ihnen, Gestern, ich sage Ihnen, lieber Kollege, ich war den ganzen Tag wie eine gebadete Statze, -drum kann ich mir heute so hab' ich gestern retten helfen, aber auch' mal' ne ruhige Stunde gönnen und Sie auch. Kommen Sie nur mit dann gehen wir wieder zusammen ans Retten." Frizz Lauter war jedoch zum Mitkommen nicht zu bewegen. Ich habe mich einer vom Kloster Althaus ausgegangenen Expedition angeschlossen und die Genossen erwarten mich, ich muß also entschieden und endgiltig Ihre Einladung ablehnen." Wo erwarten Sie denn Ihre Genossen?" Nicht weit von hier dort auf der Höhe in dem kleinen Jagdtempelchen auf felseck'schem Terrain genießen sie noch der wohlverdienten Morgenruhe." Und es sind wohl viel Leute, mit denen Sie da zusammen find?" forschte Herr Hampel weiter. " Dieses Inquiriren wurde Frizz Lauter langweilig. Er wandte sich zum Gehen. " 1 Nur sechs! Adieu, Herr Hampel." " Blos noch ein Wort." Dem lieben Kollegen schien der so rasche Aufbruch Lauters garnicht angenehm. Vielleicht schließe ich mich doch mit ein paar brauchbaren Leuten Ihrer Expedition an. Bis wann trifft man Sie denn noch in dem Jagdtempel da oben?" Friz Lauter lag an dieser Gesellschaft nichts. Der Mann wurde ihm von Augenblick zu Augenblick unangenehmer, er wußte selbst noch nicht, weshalb. " Wir verfügen nur über ein Boot und dieses zu lenken, bedürfen wir keiner anderen Kraft. Wenn Sie trotz Ihrer gestrigen Rettungsarbeiten mit Ihren Leuten noch feins besigen, so werden Sie Sich doch in Unterwaltersdorf eins verschaffen oder schlimmstenfalls ein brauchbares Floß herstellen können. schuldigen Sie mich ich habe Eile." " 1 EntEr nickte kurz und schritt rasch bergan ins Gehölz hinein. Na warte, lieber Kollege," brummte der würdige amerikanische Schulmeister in den Bart. Dich friegen wir schon noch. Will mich zunächst nur' mal en bischen nach dem einen Boote, über das wir verfügen, umsehen." Er schritt am Rande des in der Nacht wieder um mehrere Fuß gestiegenen Wassers entlang. Bald entdeckte er den ciufs Trockene gezogenen, jezt aber in einem Drittel seines Rumpfes wieder von dem Wasser umspülten und an einen Baumstamm festgebundenen Kahn. " Da hätten wir ihn ja wohl.' S ist ein hübsches Thierchen, das Boot, und' s mag jich prächtig darauf rettungsgondeln! Da ſegelt der Kerl, mein lieber Herr Nachfolger, auf dem improvi sirien Riesentümpel kreuz und quer, um dann mordsmäßige Schwindeiberichte von selbsterlebten Schreckensszenen und ungeheuerlichen Sethungswundern in die Welt hinauszuposaunen. Na, den Schwindel tunaten wir schon, ehe wir noch in Amerika gewesen waren.". Er beugte sich ein wenig nieder und beicachtete sich den Knoten, mittels dessen der Strick an den Baum befestigt war. " Hübscher Knoten das. Wenn ich viel Zeit übrig häite, würde ich sehen, wie so'n strammer Knoten eigentlich gemacht wird. Für den Augenblick aber muß ich fürzeren Prozeß machen. Er holte sein mächtiges Dolchmesser aus der Tasche, klappte es auf und zerschnitt mit einem einzigen Drucke der großen, haarscharf geschliffenen Klinge den Knoten vollständig. " So! Nanu ein bischen geschoben und nu kann das Kähnchen vorläufig allein aufs Retten gehen.' Swär' auch schade, wenn sich mein lieber Kollege Lauter heute wieder so anstrengte, als gestern." Er stemmte sich mit beiden Fäusten gegen das hintere Ende des großen Bootes. Es war für einen einzigen Mann keine leichte Arbeit, dasselbe fortzubewegen, trotzdem es theilweise bereits sich im Wasser befand, aber Herr Hampel war feineswegs ohne Körperkräfte und schien entschlossen, alles, was er davon besaß, zu dem menschenfreundlichen Zwecke, den er eben verfolgte, aufzuwenden. Mr. 48 1880 574 Trotz der Morgenkühle traten dicke Schweißtropfen auf seine rothe Stirn, aber das Werk gelang. Der Kahn bewegte sich vorwärts, und als er erst zu zwei Dritttheilen auf dem Wasser war, dedurfte es blos noch eines kräftigen Ruckes, um ihn flott zu machen. Herr Hampel wischte sich mit einem kolossalen rothgeblümten Taschentuche den Schweiß von der Stirn und schaute sich um, wohin der Strom des Wassers ginge. Dann gab er dem Kahn nach der wahrgenommenen Richtung hin noch einen Stoß mit aller Kraft seiner Arme, und hatte das Vergnügen, zu sehen, wie derselbe sich ziemlich rasch und in stetig fortschreitender Bewegung von der Uferstelle des so plößlich entstandenen Sees, wo er sich eben befand, mitten in die Wasserwüste hinein, entfernte. " Bravo, Hampel," belobte sich der dunkle Ehrenmann selbst. „ Das hast du gut gemacht. Demi Kollegen Lauter hast mit zwei Minuten Arbeiten wahrscheinlich einen ganzen Tag lang Mühe erspart. Und nun wollen wir sehen, ob wir dem liebenswürdigen Herrn nicht noch die angenehme Bekanntschaft meiner hochberger Freunde verschaffen können. Insbesondere dürft' es sich der gute, lange Joseph zur riesigen Ehre schätzen hä, hädas wird ein Hauptspaß werden Herr Hampel rieb sich die Hände und setzte sich in einen gelinden Hundetrab, seinen Weg auf Unterwaltersdorf zu nehmend. Frizz Lauter war währenddem zum Ruheort seiner Gefährten zurückgelangt und hatte dieselben im Begriffe gefunden, sich zu erheben. Nachdem sie alle, so gut es eben gehen wollte, ihre Kleider in Ordnung gebracht und sich zu neuer Ausfahrt und Arbeit zurecht gemacht hatten, schauten sie nach Klinke aus, dessen Einfall, für sie alle irgend eine Art Frühstück zu verschaffen, Bäume, die in den Himmel wachsen wollten. Ein zeitgemäß' Wörtlein in der Blüthenepoche des Größenwahns. Von Theodor Probisch. ( Schluß.) Betrachten wir nun einen zweiten Baum im Walde der deutschen Literatur, welcher auch in den Himmel wachsen will. Wenn Xenophon sagt: Ehrliebende Gemüther werden durch Lob geschärft; es hungert einige Seelen nach Lob, gerade wie andere nach Speise und Trant," so ist an der Wahrheit dieser Worte nicht zu zwei felt. Nur darf der Hunger nach Lob nicht zur Gier werden, wo die Fütterung nicht wie in Menagerien Abends um sechs Uhr, sondern zu jeder Zeit stattfindet. Berthold Auerbach! Auch du, mein Brutus?" Ja, der;, Gevattersmann", der Verfasser der Schwarzwälder Dorfgeschichten, der seine literarische Laufbahn mit den Romanen ,, Spinoza" und Dichter und Raufmann" begann, Werke, welche von der philosophischen Durchbildung seines Geistes zeugen. Zwei Romane, worinnen man neben philosophischen Ansprüchen über die höchsten Interessen der Menschheit treffliche Schilderungen und ergreifende Situationen findet. Leider ist Bescheidenheit auch bei ihm ein weißer Rabe. Wäre jeder Mensch so zufrieden mit seinem Schicksal, wie Herr Berthold Auerbach mit seinen literarischen Arbeiten, die Welt wäre mm 1200 millionen glücklicher Fipse reicher. Aus seinem Selbstgefälligkeits- Gummi elasticum fkönnte er einen Erdgürtel für die Weltausstellung machen, und wenn er sich nach seinem eingebildeten Werth selbst abschäßen soute, würden die bekannten fünf Milliarden unbedingt noch einmal herhalten müssen. Schon Blumenthal theilt uns in seinen humoristischen Schriften einige Strullen von ihm mit. So gibt der Selbstgefällige z. B. kleinern Kirbern, mit denen er sich zu Berlin im Thiergarten freundlich mutexjulten, die Mahnung auf den Weg: ,, Sagt daheim den Eltern, Berthold Auerbach habe mit euch gesprochen!" Dem kleinen Vizlipuzli eines seiner Freunde, den er bei seinem Besuch nicht antraf, ertheilte er die Weisung: ,, Sage deinem Vater, der Dichter des, Barfüßele sei dagewesen!" Einen ungleich größern Bug machte er einmal auf dem Schachbrette seines Dünkels, als er sich auf einer Reise nach Gießen befand, wo unterwegs zufällig sich der Banquier Kaskel aus Dresden im Eisenbahnwaggon zu ihm gesellte. Beide kannten sich. Als sie im Bahnhof zu Gießen ankamen, bemerkten sie mehrere Studenten, welche sich um einen großen runden Tisch gruppirt hatten und Bier tranken. Bassen Sie auf," sagt Auerbach zu Kaskel ,,, wie die Burschen dort aufspringen werden, wenn sie mich erblicken!" Allen sichtbar, stellt er sich mit verschränkten Armen in ihre Nähe und mit Spannung erwartet sein Reisegenosse den großen Moment, wo der Huldigungsakt von Seiten der gießener Studenten vor sich gehen soll. allgemeine Anerkennung fand. Bald meldete ein anderer der Wärter, Klinke käme und brächte offenbar einen ganzen Arm voll Fourage mit. Er hatte es augenscheinlich recht eilig gehabt, der Klinke. Im Laufschritt kam er an und mußte erst ein wenig verschnaufen, ehe er reden konnte, so sehr hatte er sich angestrengt. Inzwischen hatten die andern seine Beute untersucht. In einer großen, forbumgebenen Flasche brachte er vier oder fünf Liter starken Kornschnapses und in einem Handkorbe hatte er ein halbes Dußend großer Käse, ferner ein paar mächtige Würste und zwei große Leibe Brot. Zunächst erquickte sich jeder mit einem Schnapse; die Wärter nahmen sich garnicht Zeit, die Trinkbecher an ihren Feldflaschen zu füllen, sondern tranken gleich aus der großen Flasche. Friz Lauter und der Arzt gossen sich einen Schluck in die Becher und griffen dann gleich den andern nach Käse und Brot. In einer Viertelstunde, meine ich, können wir aufbrechen. Bis dahin kann sich jeder hinlänglich gestärkt haben," sagte Doktor Wendelin. Je eher wir mit dem Inspektor und seiner Kolonne an der Fabrik zusammentreffen, desto besser." " So schnell soll's gehen?" fragte Klinke. Warum nicht?" " „ Na, mir ist's schon recht, ich traf aber in der Nähe von Unterwaltersdorf einen Herrn, der mir sagte, er wäre ein Freund und Kollege von unserm Herrn Lauter und wollte hier mit noch ein paar Leuten sich uns anschließen; er hätte auch gestern den ganzen Tag gerettet, und wenn wir höchstens' ne Stunde warten wollten, wär' er hier." „ Wer ist denn das?" fragte der Arzt. ( Fortsetzung folgt.) Welche Täuschung. Nicht einer der Musensöhne rührt sich; nicht einer naht sich dem Gevattersmann", um sein Haupt zu entblößen, wie man es erwartet. Da beschließt der Dichter des ,, Varfüßele" einen Trumpf auszuspielen, einen Schlag zu machen, der sofort Del geben soll. Mit imperatorischer Hoheit tritt er in den Kreis der Akademiker und sagt:„ Ich bin Berthold Auerbach!" ,, Auerbach?" Einige der Musensöhne blinzeln mit den Augen, suchen in den Ecken ihres Gedächtnißkastens und wissen sich diese Ueberrumpelung nicht zu deuten. Entweder war ihnen der Mann wirklich fremd oder sie waren verdußt über die Worte, welche gleichsam eine Aufforderung zu einer sofortigen Respekterweisung waren. Das ging ihm doch über die Puppen, wie man so zu sagen pflegt. Sein Gemüth erhitzte sich, als wenn es mit Kellerhals und spanischem Pfeffer traktirt worden wäre. Er wendete sich zu seinem Begleiter, murmelte zu seiner Rechtfertigung etwas von ,, dummen Kerlen" und ging mit ihm des Weges weiter. Jedenfalls wollte er noch einen Widerschein von dem Triumphzug haben, den er einst durch die Gauen Deutschlands vollbracht, als viele für seine Dorfgeschichten schwärmten und ganz Ohr waren, wenn er eine derselben in geweihtem Kreise vorzulesen sich gemüßigt fand. Welche Schwäche von einem sonst so gescheidten Kopf! Wir könnten noch ähnliche Geschichtchen von Schriftstellern und Dichtern mittheilen, wenn sie das straffe Seil ihrer Selbsterhebung betraten, um darauf ihre Sprünge zu machen, und sich von der Hand der Eitelkeit ihre Sohlen mit doppelter Kreide einschmieren ließen. Es stehen aber noch ein paar Schauspieler im Hintergrunde, welche wir aus der großen Masse der Selbstlinge auswählen wollen. Voran Moritz Rott, der einst gefeierte Mime an der berliner Hofbühne. Als er noch am leipziger Stadttheater engagirt war und in der Fleischergasse beim Böttchermeister Förster wohnte, zürnte er oft über das Publikum, namentlich über das akademische Parterre, wenn ihm nach der Darstellung einer großen Rolle nicht genug Applaus und Hervorruf gespendet worden war. In solchen Momenten mußte ihm seine erste Gattin Ersatz bieten, wie ich dies aus bester Quelle und theils als Augenzeuge erfahren habe. So hatte er an einem heißen Sommertag den König Lear gespielt, das Haus war nur mittelmäßig besetzt und die Garben des Beifalls waren ihm nicht mit vollem Sichelschlag zu theil geworden. Mißmuthig hatte nicht nur er, sondern dies auch seine Gattin bemerkt. Lettere eilt nach dem Fallen des Vorhanges sofort nach Hause, um das nachzuholen, was das undankbare Publikum versäumt hatte. Auf den gedeckten, zum Abendessen bereit gehaltenen Tisch setzt sie zwei silberne Ärmleuchter mit vier angezündeten Wachskerzen und erwartet den großen Verkannten, der ja gleich kommen muß. Die Hausthür öffnet sich; Tragödienschritt, er ist's. Mit dem Leuchter in der linken und einem frischen Lorbeerkranz in der rechten Hand, eilt ihm die Gattin entgegen. Worte der Tröstung entquellen ihren Lippen. ,, Großer Meister, unsterblicher Künstler, wie hat man 575 dich heute wieder verkannt. Du warst göttlich! Du, der erste in Melpomenens Reich. Hier, nimm den Lohn, den dir die Barbaren versagt!" Mit diesen Worten sezte sie ihm einen Lorbeerkranz auf den Kopf, für welche gerechte That ihr ein Kuß auf die Stirn verliehen wurde. Jeßt, ausgesöhnt die ganze Welt", zog der Unsterbliche seinen Rock aus und setzte sich an den gedeckten Tisch, wo er in Hemdsärmeln und mit dem Lorbeerkranz auf seinem Haupte, Koteletts und Gurkensalat verspeiste. Jedenfalls waren die Koteletts besser zubereitet als der kalte Gänsebraten, welcher vor wenigen Jahren dem Charakterspieler Lehfeld zu Weimar von seiner Gattin. vorgesezt wurde, als er Abends aus dem Theater kam, wo er ,, König Richard den Dritten" dargestellt hatte. Er hatte sich auf warmen Gänsebraten gespitzt und dieser war falt, talt wie eine Hundenase. Mit den Worten: Ist das ein Essen für einen König?" warf der erzürnte, in seinem Appetit so schmählich getäuschte Mime die ganze Portion durch das Parterrefenster auf die Straße, wo der Gänsebraten einem Vorübergehenden noch auf den Buckel flog. Noch lange Zeit bestand in Weimar, wenn irgendwo ein karges Gericht auf den Tisch kam, die Redensart: ,, Ist das ein Essen für einen König?" Ja selbst der geniale, in der Theaterwelt einst so hochgefeierte, liebenswürdige Charakterspieler Theodor Döring mußte einmal selbst bekennen, daß ein bischen Eitelkeit über ihn gekommen. Das kleine Faktum möge hier den Schluß bilden. Es war im Anfang der vierziger Jahre, als Döring von Hannover nach Berlin zu einem Gastspiel eingeladen wurde, was sein späteres Engagement daselbst bezweckte. Der Hof und die Bürgerschaft zu Hannover befürchteten den Verlust des geschäßen Künstlers, denn alle berliner Blätter waren voll des Ruhmes über seine Darstellungen. Schon bildete sich zu Hannover ein Komité von Kunstfreunden, welches Döring nach seiner Rückkehr bewegen wollte, den Ort seines Wirkens nicht zu verlassen. Bei Hofe hatte man wichtigere Dinge vor, es galt die Vermählung des Kronprinzen mit einer altenburgischen Prinzessin. Dörings Gastspiel in Berlin ist beendigt, er hat vernommen, wie man in Hannover alles aufbietet, ihn auch ferner zu behalten. Eingedenk dessen kommt er mit dem Dampfwagen wieder in Hannover an, wo, was er nicht wußte, in selbigem Augenblick der Herzog von Altenburg erwartet wurde. Der Bahnhof ist beflaggt, bekränzt, Musik, eine Menschenmenge wogt auf und ab, Döring hält dies für eine Ovation, die ihm gelte, er zieht, am Perron ausgestiegen, seinen Hut und macht eine Verbeugung, bis das Erscheinen von Hofgala- Equipagen, Generälen und Adjutanten mit Ordenssternen ihm doch etwas anderes ahnen lassen. 1 Die Sache hatte Heiterkeit erregt; man lachte, und Döring, klug genug, lachte selbst mit, daß er sich einmal geirrt hatte. Wenn ihn später intime Freunde in British- Hotel, wo er zu verkehren pflegte, damit neckten, griff er lächelnd nach seinem Glase und murmelte in dem bekannten spizen Ton: ,, Verfluchte Kerle!" Der XI. deutsche Feuerwehrtag in Dresden. Bei der Beurtheilung der Kulturentwicklung der Völker haben die Volksfeste immer eine große Bedeutung gehabt. Zwar sind unsere Volksfeste keine Nationalfeste im klassischen Sinne, schon weil sich nicht das gesammte Bolt an ihnen betheiligt und auch betheiligen kann, sie sind viel mehr Spezialfeste Turn, Gesang, Schüßenfeste und hier ein Feuerwehrfest; doch spiegelt sich auch in ihnen ein großes Stück nationalen Geistes und Strebens, sodaß eine kurze Beschreibung derselben für die ,, Neue Welt" immer einigen Werth hat. Fangen wir mit dem deutschen Feuerwehrtag in Dresden an. Am Morgen des 17. Juli war der offizielle Empfang der ankommenden Gäste; auf allen Bahnhöfen und an den Landungsstellen der Elbe waren Musikchöre stationirt, um die Ankommenden recht feierlich begrüßen zu können. Es langten Festtheilnehmer an aus allen Gauen Deutschlands, besonders aus Süddeutschland; ferner aus Wien, Krakau, Prag und Brünn, aus Budapest und aus mehreren kleineren Städten Desterreich- Ungarns. Der Beginn der eigentlichen Festlichkeiten erfolgte durch die Eröffnung einer Ausstellung für Feuerwehrutensilien. Von den mannigfachen Gegenständen zeichneten sich besonders aus die in Thätigkeit vorgeführten Dampfsprißen der Firma Egestorff in Linden ( Hannover) und der Lausißer Maschinenfabrik in Baußen, leßtere für die berliner Feuerwehr bestimmt. Ferner waren zahlreiche Handsprißen, Leiter und Schlauchwagen, Hansseile, Fadeln, Rauchkappen, FeuerHörner, Hydranten, Telephone von Siemens u. Halske, Schläuche von 2. Behrendt's Söhne, Berlin, und ein elektrischer Feuermelde- Apparat von Gebr. Naglo in Berlin vorhanden. Dann war vom dresdner Verein eine Versuchsstation zur Bestimmung der Strahlstärke und der von verschiedenen Sprißen ausgeführten mechanischen Arbeit eingerichtet, welche sich allgemeiner Anerkennung erfreute. Von Interesse war auch das Modell einer patentirten Feuerwehrleiter von Essellach in Dresden, welche von einem fahrbaren Gerüst aus mittels einer Handluftpumpe nach Art der Baumscheeren in die Höhe gebracht und dort befestigt werden kann. Die allgemeine Begrüßungsfeier der Delegirten fand am Nachmittag auf der brühlschen Terrasse statt. An dieselbe schloß sich am Abend eine glänzende Illumination der Terrasse und der Elbufer. Dazwischen wurden zahlreiche Feuerwerkskörper abgebrannt, Leuchtkugeln und Raketen stiegen aus dem dunkeln Hintergrunde zum Himmel empor. Die dresdner Gesangvereine trafen auf einem großen illuminirten Elbdampfer auf der Elbe dicht an der Terrasse ein und brachten auf Flügeln des Gesangee" den fremden Gästen ihre herzlichen Grüße dar. Bis zum frühen Morgen herrschte reges Leben auf der Terrasse und es zechten noch lustig mit ihren Gastgebern die braven Feuerwehrmänner aus Osten und Westen, aus Süden und Norden des ganzen, großen deutschen Vaterlandes. werden. Der 18. Juli war der eigentliche Festtag, der auch durch die Hauptverhandlungen der Delegirten einen ernsteren Hintergrund hatte. Um 11 Uhr vormittags traten die Delegirten zusammen und wurden begrüßt vom dresdner Oberbürgermeister Stübel. Der Vorsitzende des Feuerwehrtages, Oberinspektor Jung aus München, sprach zunächst der Stadt Dresden für ihre Gastfreundschaft den Dank aus. Darauf stattete er Bericht ab über die in Deutschland bezüglich des Feuerwehrwesens bestehenden gesetzlichen Bestimmungen. Aus dem Referat konnte man entnehmen, daß in dieser Hinsicht die Sachen noch sehr ungünstig liegen. Alte verrottete Verordnungen, besonders in Preußen, stören noch vielfach die freie Entwicklung der Feuerwehren. Mehrere Behörden haben allerdings Besserung zugesagt, doch damit ist noch nichts geschehen. Aus dem Referat des Herrn Jung ging ferner hervor, daß im deutschen Reiche 7636 Feuerwehren mit 558000 Mann und in Desterreich 1825 Feuerwehren mit 125000 Mann dem deutschen Feuerwehr- Verbande angehören. Derselbe repräsentirt demnach 9523 Feuerwehren Von den Beschlüssen des mit einer Armee von 683000 Mann. Delegirtentages sind zwei von allgemeinem Interesse zu erwähnen. Der erstere bestimmt, daß die freiwilligen Feuerwehren verpflichtet sind, einem neu aufzunehmenden Mitgliede bezüglich seiner Gesundheit bestimmte Fragen vorzulegen und von deren Beantwortung seine Aufnahme abhängig zu machen, da nach den bisherigen Erfahrungen die Krankenkassen nur zu oft durch unvorsichtige Aufnahmen geschädigt Der andere, auf Antrag Braunschweigs gefaßte, legt den einzelnen Landesverbänden die Verpflichtung auf, bei ihren Regierungen die Regelung der Verhältnisse der freiwilligen Feuerwehren durch die Gegen diesen Beschluß kann man weiter Landesgeseze anzuregen. nichts haben, doch wäre es noch besser, wenn auf dem Wege der Reichsgeseßgebung das Feuerwehrwesen regenerirt und einheitlich gestaltet würde. Mit Desterreich könnte man sich ja leicht dieserhalb in Verbindung segen. Nach den Verhandlungen fand ein imposanter Festzug statt. Voran ein Zugführer zu Pferde, dann berittene Trompeter, ein Reiterzug, aus dresdner Bürgern bestehend, inmitten, Standarten in deutschen und sächsischen Farben, die Scheibenschüßengilde mit Emblemen and Fahnen, die Ausschußmitglieder und Dele girten, meist in Uniform, die Turnvereine in endloser Reihe, die Gesangvereine, die Schornsteinfegerinnung in schwarzem Sammettoftür mit silberschimmernder Kraße, die Mitglieder der Feuerwehr- Landesverbände Desterreich, Altenburg, Anhalt, Baden, Bayern, Braunschweig, Hessen, Mecklenburg, Preußen, Reuß, Thüringen, Württemberg, Sachsen, zuletzt die beiden dresdner Feuerwehren. Der Festzug ging durch die Hauptstraßen und endigte auf dem Festplate, auf dem vormaligen Artillerie- Kasernenhof. Dort wurden von sämmtlichen Männergesangvereinen drei Quartette gesungen, dann begannen die Uebungen der dresdner Feuerwehren an einem eigens für diesen weck erbauten Steigerhause von etwa 40 Metern Länge, 5 Metern Tiefe und einer Höhe von 4 Stockwerken. Es wurden die verschiedenen Einzelübungen mit großer Bravour ausgeführt: die Uebungen mit dem Rettungssack, der Leine und der Sprung aus dem 4. Stockwert auf eine Prelldecke. Der Angriff auf das Gebäude mit Handsprizen und Leitern bot großes Interesse dar und gelang vollständig.- bends vereinigte ein feierlicher Kommers die Theilnehmer. Un 2 Uhr Am Morgen des 19. Juli machten die Gäste, geführt von ihren Hauswirthen, in verschiedenen kleineren Abtheilungen Ausflüge in die reizende Umgebung der sächsischen Hauptstadt. Gegen 11 Uhr führte die dresdner Feuerwehr, unterstützt durch einige Abtheilungen auswärtiger Feuerwehrmänner, höchst interessante Schulübungen, aus, die eine zahlreiche Zuschauermenge herbeigelockt hatten. nachmittags fand ein großartiges Festmahl auf der brühlichen Terrasse statt und des abends eine Abschiedsfeier im linkeschen Bade. Festtheilnehmer waren zufrieden mit dem Verlaufe des XI. Feuerwehrtages, der hoffentlich außer der schönen Erinnerung, die er den Festtheilnehmern hinterläßt, auch dauernden Nußen für das weitere Wachsen und Gedeihen des Feuerwehrwesens im deutschen Reiche und in unserem Nachbarlande Desterreich gestiftet haben wird. 5. Fan- Neger bei der Schmiedearbeit.( Bild Seite 568.) In dem Stromgebiet des Ogowe( westafrikanische Küste) vollzog sich vor einigen dreißig Jahren ein Prozeß, der lebhaft an die Völkerwanderung und zwar speziell an die Raubanfälle der Katten, Hermunduren und Thüringer in Süddeutschland erinnert. Infolge einer bedeutenden numerischen Uebermacht gegenüber den anderen Stämmen und eines sehr energischen Einflusses auf die Verhältnisse der zur Zeit seßhaften Bevölkerung haben sich die aus dem Nordosten eingewanderten FanNeger zu einer Macht emporgeschwungen, die selbst für die dort lebenden 576 Europäer gefährlich werden kann und nur in der Machtentwicklung der Bulus im Süden von Afrika ihres gleichen findet. Was die gegenwärtige Verbreitung der Fan- Neger betrifft, so bildet im allgemeinen das rechte Ufer des Ogoweflusses die südliche Grenze ihres Gebietes. Nach Westen hin haben sie die Küste des atlantischen Ozeans bereits erreicht, nach Norden dehnen sich ihre Wohnsiße bis zum 4. oder 5. Grad nördlicher Breite aus, während sich in östlicher oder richtiger nordöstlicher Richtung hin keine Grenze angeben läßt. Der deutsche Afrikareisende Lenz, der die drei Fan- Neger bei der Schmiedearbeit gezeichnet hat, erzählt, daß sie ihre rindengedeckten Hütten mitten im dichtesten Wald, entfernt von den in jenen Gegenden einzigen Verkehrsstraßen, den Flüssen, errichten und schildert sie selbst als tapfer, ehrlich und nüchtern. Wer denkt nicht bei dieser Schilderung an die Germanen in der Auffassung des römischen Schriftstellers Tacitus! Die Schneiderrechnung macht den Fan- Negern nicht viel Sorgen. Als Bekleidung tragen die Männer nur ein kurzes Stück Zeug, das aus Baumrinde verfertigt wird. Die Kleidung der Frauen ist auch nicht sehr umständlich. Der hintere Theil des Körpers wird durch ein kleines Affenfell bedeckt, und ein kleines schmales Stück des erwähnten Rindenzeuges, oft auch nur einige Blätter, werden vorn umgehängt, sodaß Hüften und Schenkel völlig unbedeckt bleiben. Wie die Mehrzahl der Naturvölker verwenden auch die Fan- Neger, Männer wie Frauen, große Sorgfalt auf die Pflege des Haupthaares. Gewöhnlich sieht man rings um den Kopf der Frauen herum kleine dicke Zöpfe gedreht, von denen jeder einzelne mit dünnem Messingdraht umwickelt oder mit Glasperlen behängt ist; diese letzteren sowie Kaurischnecken( im Fanlande als Scheidemünze verwendet) werden vielfach in symmetrischen Reihen am Kopf befestigt; auch bildet man aus beiden Gegenständen Schnüre, die um den Leib getragen werden. Die Männer, kräftig und schlank gebaut, geben den Frauen an Eitelkeit nichts nach; die Haare, durch Einflechten von Thierhaaren vermehrt, werden von ihnen zu Zöpfen geflochten und auch die Kinnbärte künstlich verlängert. Sehr eigenthümlich ist dem ganzen Stamme der starre, stierende Blick, dessen Wildheit noch durch das Ausreißen der Augenlider erhöht wird. Da der Fan- Neger keine Kleider trägt, kann er sich auch keinen Orden ins Knopfloch stecken. Um nun den Grad äußerlich zur Anschauung zu bringen, den man in der Gesellschaft einnimmt, werden verschiedene Einschnitte, die später vernarben und mit Farben bepinselt werden, an der Brust, an den Armen und am Unterleib angebracht. Besondere Sorgfalt verwenden sie auch auf die Reinlichkeit der spißgefeilten Vorderzähne. Außer Kupfer- und Messingspangen, die beide Geschlechter an den Armen und Beinen tragen, sind bei den Frauen 5 bis 6 Zoll lange hölzerne Stäbchen als Schmuck beliebt, die sie in der durchlöcherten Nasenscheidewand sowie in den Ohrläppchen tragen. Die Hauptbeschäftigung der Fan- Neger ist, wie fchon eingangs bei der Vergleichung mit den alten Germanen erwähnt burde, Krieg und Jagd. Ihre Bewaffnung besteht zum großen Theil aus Feuersteingewehren, die von den französischen und portugiesischen Faktoreien an der Mündung des Ogowe durch Tausch von einem Volk zum andern bis tief in das Innere von Afrika gelangen. Messer und S hwerter, Streitärte und Speere verfertigen sie selbst und zwar nicht nur in dauerhafter, sondern auch in zierlicher Weise, denn die Schmiedearbeiten der Fan- Neger stehen auf einer höheren Stufe, wie bei den übrigen Negerſtämmen. Die Küstenbewohner erhandeln das Eisen von den europäischen Kauffahrern, die im Innern des Landes wohnenden wissen es aus einem überall massenhaft vorkommenden thonigen Brauneisenstein herzigstellen. Der sinnreich geformte Blasebalg und Ambos auf unserem Bilde erinnern an dieselben Instrumente der rumänischen Zigeuner. Die Afrikaforscher Lenz, Magyar und Sansterre sprechen ihr Erstaunen darüber aus, bei Fan- Negern, die noch nie mit Europäern in Berührung gekommen waren, Holzkohlen, aus hartem Holze hergestellt, beim Einschmelzen der Metalle verwendet zu sehen. Das Schmiede handwerk steht bei allen Fan- Stämmen in hohen Ehren; gewöhnlich gibt es in einem Komplex von mehreren Dörfern nur einen Schmied, ber auch gleichzeitig Schmied und Medizinmann ist. Unser Gewährs mann Lanz erzählt, daß er den Blasebalg der Fan- Neger auch bei den Galloa- und Jeinga- Negern, die doch nichts von der Bearbeitung des Eisens verstehen, gefunden habe, in deren Fetischhäusern er unter allerhand andern Gegenständen, wie Laternen, Gipsfiguren und blechernen Trichtern, gleich einem verehrungswerthen Gebilde aufgehangen war. Vor ndern Erzeugnissen der Kunst und Industrie findet man bei den Fan- Negern aus Holz, Knochen und Elfenbein zierlich geschnitte Löffel, ferner sinnreich fonstruirte Armbrüste, wemit sie kleine vergiftete Pfeile auf bedeutende Entfernung und mit großer Sicherheit schießen können, und sogar ein Musikinstrument, bestehend aus einem 4 Fuß langen Schaft, 4 aus einer Liane hergestellten Saiten und einer als Resonanz dienenden Calabasſe. Zu ihrem Ruhme müssen wir noch anführen, daß sie das einflußreichste Civilisationsmittel der europäischen Kaufleute", den Rum, verschmähen. Sie haben kein irgendwie berauschendes Getränk, sie trinken nur Wasser, sehr selten Palmwein, und der ist im frischen, ungegohrenen Zustand und ohne Zusaz berauschender Stoffe völlig unschädlich. Damit haben wir die guten Eigenschaften der Eroberer vom centralen Westafrika erschöpft und müssen uns auch die Kehrseite ihrer Lebensgewohnheiten und sozialen Einrichtungen ansehen. Darunter gehört die Vielweiberei in erster Linie. Jeder Fan- Neger kauft sich so viele Weiber, als er eben bezahlen kann; als Kaufpreis dienen europäische Waaren, Knöpfe, Spiegel und Zündhölzchen, und wenn es hoch hergeht, Schießpulver, Gewehre, Elephantenzähne und das für den Wilden sehr werthvolle Salz. Die Hochzeitsseierlichkeit beschränkt sich auf einen Tanz. Alles, was nur einigermaßen an Fleisch erinnert, vom Elephanten bis zur Ameise, wird von den Fan- Negern Flußpferde, Krokodile, Affen und Schlangen gelten als gegessen. Leckerbissen. Was aber diese Bewohner der üppigen Tropenzone in besonderen Verruf gebracht hat, ist die bis auf den heutigen Tag noch bestehende Sitte, ihre gefangenen und getödteten Feinde aufzufressen. Es ist durchaus nicht Mangel an Nahrung, welcher die Fan- Neger zu dieser greulichen Sitte oder Unsitte veranlaßt, sondern lediglich Wuth und eine gewisse grausame Lust, ihre Feinde so vollständig als möglich zu vertilgen. Schließlich wollen wir noch bemerken, daß die Hautfarbe dieser Menschenfresser durchschnittlich viel heller ist und manchmal stark ins gelbliche spielt, während die übrigen Neger des Dgowegebietes durchgängig eine dunkelchokoladenbraune Haut besißen. Dieser Umstand veranlaßt die Afrikaforscher zu der Annahme, daß die Fan- Neger aus den nordöstlichen Nilländern Afrikas, vielleicht aus Nubien, nach dem centralen Westafrika eingewandert sind, und liefert den Beweis, daß der Hunger die Menschen nicht nur in Asien, Europa und Amerika, sondern auch in Afrika, dem Lauf der Sonne folgend, nach Westen treibt. Der Hunger, die Haupttriebfeder der menschlichen Thätigkeit, folglich auch der Kultur, der einst die Arier, Semiten und Mongolen nach Westen trieb und heute noch die Europäer zur Auswanderung nach Amerika treibt, war auch die traurige Veranlassung des Sklavenhandels, welcher die Neger gegen ihren Willen von Afrika nach Amerika brachte. Vielleicht treibt der hohläugige Geselle mit der nimmermüden Geißel die Menschen dereinst aus dem übervölkerten Amerika über den Stillen Ozean nach dem Urheim der Menschheit, nach der nördlichen Abdachung des Himalaya, um die Rundfahrt von neuem zu beginnen. Immer nach Westen! Dr. M. T. Auf falscher Fährte.( Bild Seite 569.) Die Schule ist beendet. Kaum hat der gestrenge Herr Bakulus den Rücken gewendet, um im Schoße seiner Familie die Sorgen des Schultyrannen abzuschütteln, so wälzt sich die hoffnungsvolle Dorfjugend gleich einem gestauten Strom, der seine Dämme durchbrochen, auf die Straße hinaus, um durch Balgerei für körperliche Ausbildung zu sorgen. Im Widerspiel der Kräfte entwickeln sich die Charaktere der fünftigen Patrizier und Plebejer. Hiesel und Sepp, obzwar Brüder, führen die beiden Parteien zum Kampfe. Die fleine Lisi, ihr Schwesterchen, möchte gerne den Frieden vermitteln, aber sie riskirt für ihre diplomatische Intervention einen Buckel voll Schläge und so zieht sie denn neutrales Schweigen vor. Schon ist die Wahlstatt mit zerbrochenen Schiefertafeln und zerriffenen Schreibheften besäet und mancher Schopf in Unordnung gebracht, da erscheint der Schulmeister auf dem Kampfplatz und sein zorniger Zuruf treibt die Buben wie gescheuchtes Hühnervolk auseinander. Sepp, Hiesel und Lisi haben sich auf wilder Flucht im Hofe der Dorfschenke zusammengefunden. Leider hat sie der Kobold Zufall auf eine falsche Fährte gelockt. Alwin Klekser, ein junger Maler aus der Resibenz, hat hier seine Staffelei aufgestellt, um die in Wald und Flur gesammelten Landschaftskizzen auf der Leinwand zu fixiren, doch auch er ist auf falscher Fährte, denn wie jeder männiglich auf unserem Bilde sehen kann, tritt er statt in Raphaels, in Don Juans Fußstapfen und hält statt dem Pinsel das Kinn der drallen Kellnerin in der Hand. Die drei Kinder stehen einen Augenblick vor dem Bilde, im nächsten o Grauen die Wolken grün zu ergreift Sepp den Binsel, um bekleksen und dem saftigen Rasen eine blaue Schattirung zu geben. Hiesel und Lisi sehen dem kecken Beginnen sprachlos zu, bis alle drei ein kräftiger Fluch des Malers aufschreckt. Mit einem Satz stürzt Herr Klekser in den Hof und greift nach dem in der Ecke stehenden Riesenpinsel, den man im gewöhnlichen Leben Besen nennt, um die Uebelthäter für die Verunglimpfung seines Bildes zu züchtigen, aber trotz seiner Schnelligkeit hat er doch nur das leere Nachsehen. Dr. M. T. Bäume, Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant( Fortsetzung). Rothberg- Lindener( Fortseßung). Betrachtung über die Gesundheitspflege des Volkes, von Dr. Eduard Reich( VI. Pflege der Muskeln). Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......( Fortseßung). Irrfahrten, von Ludw. Rosenberg( Fortsetzung). die in den Himmel wachsen wollten. Ein zeitgemäß' Wörtlein in der Blüthenepoche des Größenwahns, von Theodor Drobisch( Schluß). Fan- Neger bei der Schmiedearbeit( mit Illustration). Auf falscher Fährte( mit Illustration). Der XI. deutsche Feuerwehrtag in Dresden. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.