Jfs 50. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wvchentlich�— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1880. Idealisten. Von Audotf Lavant. (Fortsetzung.) Born erwiderte mit einem Achselzucken: „Wenn Reinisch unter den boshaften Individuen, welche die Dreistigkeit haben, sich von der Sonne bescheincn zn lassen, nicht eins der boshaftesten ist, so sollen die Schauspieler bei der ersten Aufführung des ersten Stücks, das ich auf die Bühne bringe, mit faulen Aepfeln beworfen werden; übrigens kann er seinen Giftzahn nur auch an Arvenberg probiren, denn ich glaube ge- hört zu haben, daß er ebenfalls eingeladen ist." „Der geehrte Herr Vorredner hat sehr recht," gab Arvenberg zurück,„aber es hat sich dabei gar nicht um Fräulein Tatjana Walujeff, sondern um— unsere Heldenmutter gehandelt. Ihr wißt, daß ich dieselbe für eine ganz vorzügliche Darstellerin halte, die leider viel zu selten beschäftigt wirb, und ich habe neulich gegen unsere aufmerksame Russin so beiläufig den Wunsch geäußert, die persönliche Bekanntschaft der Dame zu machen, natürlich ohne daß dieselbe um mein Rezenscnthum wüßte. Sie erwiderte nichts darauf, aber nach einigen Tagen schon erhielt ich eine Einladung zum Abendessen, mit dem Postskriptum: � Frau Ritter, die wir öfters bei uns fehen, wird Ihre Nachbarin sein und ahnt nicht, daß Sie je eine Zeile über Theatervorstellungen geschrieben haben/ Das war doch gewiß äußerst liebenswürdig, wobei ich indessen dahin gestellt sein lassen will, ob mein Wunsch ebenso rasch erfüllt worden wäre, wenn es sich um eine erste Salonliebhaberin oder eine kokette Soubrette gehandelt hätte, statt um eine Frau von annähernd vierzig Jahren und Mutter von sechs Kindern." „Schade, daß ich mich nicht besser mit eurem Ideal gestellt habe," unterbrach Reinisch;„ich würde sonst einmal andeuten, daß ich gar zu gern ein Bärenfell befäße— wahrscheinlich dauerte es keine vier Wochen, so würde ein ganzer Bär vor meiner Hansthür abgeladen, denn sie telegraphirte doch sofort an ein halbes Dutzend ihrer heimischen Verehrer: Man liefere mir binnen acht Tagen einen todten Bären hierher/ Wie war's denn übrigens, Arvenberg?" „Ungezwungen und doch vornehm, ich dächte das wäre selbst- verständlich. Ich habe mich aber fast ausschließlich mit Frau Ritter unterhalten, die eine sehr interessante und kluge Frau ist, und Fräulein Tatjana war so ziemlich ans einen gänzlich ver- wagncrten Kapellmeister angewiesen, der in hohem Grade für sie zu schwärmen scheint, vielleicht ebenso lehr wie fiir den schweren Bordeaux, den man bei Walnjcsf trinkt. Er nennt sie nur seine Walkyre und treibt allerlei verliebte Narrenspossen mit ihr— es war bald nicht mehr schön und ich habe zuletzt gar nicht mehr hingehört—" „Was wir unbeschworen glauben," fügte Mendt hinzu.„Da seht nur einmal den Philosophen! Ewig sitzt er auf dem hohen Pferde und dann bekommt er verliebte /Beklemmungen� nwnn ein harmloser Kapellmeister im kaffeebraunen Sammtjacket der Dame seines Herzens in seiner possenhaft übertriebenen Weise ein paar Kompliniente schneidet. Grau, lieber Freund, ist alle Theorie!" Arvenberg erwiderte nichts, sondern lächelte nur, ironisch und überlegen— von der ,Dame seines Herzens� hätte Wcndt nicht anfangen dürfen, wenn sein Angriff ernst genommen werden sollte. Reinisch überhob ihn auch der Antwort, indem er ziemlich sar- kastisch bemerkte: „Aus alledem geht hervor, daß Wendt, wenn er nicht ein ausgcniachter, siebenmal dcstillirter Heuchler ist, anfängt, hinten hinunter zu fallen; er hat ja nie etivas zn erzählen und scheint seinem Charakter als, Liebhabet das schmückende Beiwort ,a. D/ hinzufügen zu dürfen." „Glaubt nur nicht, daß ich mich gräme," erwiderte der Jurist. „Das bin ich nun nachgerade gewöhnt geworden; erscheinen neue Figuren ans der Bildfläche, so sind die alten wie vergessen. Aber meine Zeit kommt auch wieder; sie besinnt sich schon wieder auf mich und dann ist sie ein paar Tage lang ganz bezaubernd, und ich denke, ich bin im siebenten Himmel, bis ihr der Zufall irgend einen.interessanten' Mann in die Quere führt. So geht's in einem fort; man könnte die Sache bildlich so darstellen, als ae- statte sie mir heute, die Hälfte der Kirsche, in die sie mit den Perlenzähnchen gebissen hat, von ihren Lippen zu nehmen und als vergönne sie das morgen einem andern und schnipse niir die Kerne ins Gesicht. Aber man kann ihr nicht gram sein, man muß sie immer wieder rasend gern haben, denn schließlich ist doch alles nur Uebermuth und zwar der graziöseste, den man sich denken kann. Ich lasse nichts auf sie kommen, wie toll sie's auch treiben mag!" „Unheilbar also!" konstatirte Reinisch;„unheilbar und dazu prädestinirt, von schönen Händen gezaust und gehudelt zu werden. Ein Glück für ihn, daß nicht alle Frauen so gransam sind und daß es viele gibt, deren sanftes Gemüth zum Erbarmen neigt — er hätte ja sonst keine ruhige Stunde mehr. Aber nun laßt ll. September 1880, einmal die Russin Russin sein und versetzt euch, wenn es möglich ist, in die Stimmung, das Ende meiner trübseligen Geschichte �u bören und sowohl Curt als Leontine Ade zu sagen auf immerdar. Für mich sind sie schon zu Schatten geworden, wie sie in einsamen Stunden die Erinnerung leise heraufführt, um uns durch sie an vergangene Tage zu mahnen und an Schmerzen, über denen längst Gras gewachsen ist." Mau nickte schweigend Zustimmung, der Maler legte die Cigarre weg, fuhr sich mit der Hand über die Augen, überlegte einen Moment und begann dann in fast gedrücktem Tone: „Der Morgen nach dem Unglücksabend im Engel wurde mir zu einer Ewigkeit; die Minuten dehnten sich zu Stunden und Curt ließ nichts von sich sehen und hören. Nach Tische kam er ins Cafö, nickte mir zu, brannte sich eine Virginia an und ver- tiefte sich in den„Pnnch", der ihn ungewöhnlich heiter zu stimmen schien. Ich sah ihn, schweigend meine ,Melaiige� löffelnd, besorgt von der Seite an; er war eine Idee blässer, als sonst, kam mir aber im übrigen durchaus nicht aufgeregt, sondern gelassen und ruhig vor und nicht einmal nachdenklich und zerstreut, was doch so natürlich gewesen wäre. Nach einer guten Weile legte er das Blatt weg, machte eine unbefangene Bemerkung über das Charakteristische des englischen Humors, den er sehr liebe, blies die Asche von der Cigarre und sagte nachlässig: ,Jch dachte Leontine erst heute Abend zu treffen, bin ihr aber zufällig in der Stadt begegnet und habe sie durch ein paar abgelegene, einsame Straßen der Kleinseite begleitet. Ich fragte sie so obenhin, ob unter denen, welche sie früher mit Zudringlichkeiten verfolgten, vielleicht auch ein Ulanenoffizier von Borkieivicz gewesen sei; sie nickte gleichmüthig und sagte mir, das sei grade der dreisteste und zäheste von allen gewesen. Er habe sich durchaus nicht über- reden können, daß er ihr wirklich gleichgiltig sei, und so habe er denn alle nur erdenklichen Minen springen lassen und sich wie ein Unvernünftiger geberdet, schließlich sei er einmal des Abends auf der Straße unverschämt geworden, sodaß ihr nichts übrig geblieben sei, als ihn mit einer Ohrfeige zu bedrohen und den Schutz eines grade vorübergehenden Herrn anzurufen, der dem Offizier mit so ironischer Höflichkeit ein � Gute Nacht, Herr Ober- lentnant!' zugerufen habe, daß sie wohl annehmen müsse, sie sei zufällig an einen Bekannten ihres lästigen Verfolgers gerathen. Derselbe habe sich darauf kurz auf dem Absatz umgedreht und sei verschwunden, von Stunde an aber habe sie Ruhe vor ihm gehabt und ihn erst bei der Schlittenfahrt wiedergesehen. Sie war dabei so unbefangen, so heiter sogar zuletzt, daß ich nun nicht den leisesten Zweifel mehr habe, daß Borkiewicz ein feiger und ehrloser Prahler ist, dem eigentlich keine Kugel, sondern die Reitpeitsche ins Gesicht gebührte. Es konnte ja auch nicht anders sein,— gäbe es wirklich faule Flecke in ihrer Vergangenheit, so hätte sie mich wahrhaftig nicht so lange getäuscht; davon hätte ich etwas gemerkt, aus ähnlichen Gründen, aus denen Gretchen ein Grauen vor Mephisto nicht überwinden kann/ „Ich athmete auf,— so gut mir Leontine gefallen hatte— der Teufel traue dem Frauenvolk unbedingt! Irgend etwas konnte doch an der Sache gewesen sein. Dann wäre sie aber, als Curt sie mit der Frage nach seinem Gegner überrumpelte, sicherlich nicht so unbefangen geblieben; ein wenig verfärbt hätte sie sich doch gewiß, eine leichte Verwirrung wäre doch bestimmt über sie gekommen und hätte Curts Verdacht wachgerufen; ich konnte seinem Scharfblick in dieser Hinsicht unbedingt vertrauen. Ich fragte endlich nach dem Duell und ob schon eine Heraus- forderung erfolgt sei; das schien aber für Curt ein sehr unter- geordneter Punkt zu sein, denn er erwiderte gleichgiltig: ,Ja, was denken Sie? Das ist heute früh alles verabredet und ge- regelt worden— noch vor dem Morgenkaffee. Die Geschichte wird auch möglichst beschleunigt werden, das Ehrengericht wird morgen seinen selbstverständlichen Spruch fällen und zwei Tage später— es kommt noch der Johannistag dazwischen, an dem sich der fromme Katholik nicht schlagen will— soll die Sache jenseits der sächsischen Grenze abgemacht werden. Da es kein Duell zum Spaße ist, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach einer von uns auf dem Platze bleibt, empfiehlt sich dieser Modus. Ich habe also noch ein paar Tage Zeit, an denen Sie mich freilich nicht viel sehen werden; ich bin zwar fest überzeugt, daß mir nicht einmal die Haut geritzt wird, aber der Zufall spielt oft wunderlich und mau muß doch vorher Ordnung in alle seine Angelegenheiten gebracht haben; es gibt da allerlei zu verbrennen und zu zerreißen, Briefe, Schuldscheine und Jugendgedichte, und das kostet eben Zeit. Natürlich will ich auch möglichst viel mit Leontine zusammen sein, und Trelawney muß täglich ausgeritten werden, und eine Stunde jedes Vormittags nimmt der Schieß- stand in Anspruch; ich halte es zwar nicht für nöthig, aber mein Sekundant, der wahre Räubergeschichten von der'phänomenalen' Schießkunst des Wasserpolaken erzählt, besteht darauf, und da will ich ihm denn den Gefallen thun, damit die liebe Seele Ruhe hat. Wir haben heute angefangen, und er ist nun schon mächtig beruhigt, denn ich habe mit solcher Beharrlichkeit das Schwarze der kleinen Scheibe durchlöchert, daß er meinte, es müßte mit Kräutern zugehen, wenn ich dem großen, breiten Borkiewicz nicht ein Loch in den Korpus schösse. Er hat freilich den ersten Schuß als Beleidigter, und wenn er nur halb so kaltblütig ist, wie ich, kann er mir schon einen Denkzettel für immer geben; doch Sie wissen ja, warum ich an die Sicherheit seines Auges und seiner Hand nicht glaube, seit heute noch weniger als vorher. �Wie ist das übrigens, wollen Sie Sich nicht— Lebens und Sterbens wegen— noch eine Skizze von mir machen? Sie haben mich so oft gezeichnet, daß es Sie doch interessiren sollte, ein Bild zu haben, unter das Sie'Vor dem Duell' schreiben können; an der erforderlichen Geduld meinerseits soll es nicht fehlen, und auf alle Fälle ist das Bild eine kleine Reliquie.' „Ich sagte zu, aber es war mir wahrlich nicht so ums Herz, und Curts unnatürliche Gelaffenheit ängstigte mich fast; ich sah wohl ein, daß dieser Seelenzustand nur eine Folge der heftigen Gemüthsbewegungen war, deren Beute er solange ge- Wesen, der Ausfluß einer Gestörtheit des inneren Gleichgewichts, aber diese Thatsache war doch wenig geeignet, meine Sorge zu beschwichtigen und meine düsteren Ahnungen zu zerstreuen. „Am nächsten Morgen kam er schon ganz früh zu mir—- merkwürdig aufgeräumt, heiter und herzlich. Ich lag noch im Bett; er scherzte über meine Langschläferei und meinte dann:, Heute müssen Sie mir einen Gefallen thun, das heißt, ein paar be- freundete Familien zusammentrommeln, die mit über Land fahren und ein kleines Waldfest mitfeiern; Sie kennen ja Leute genug und wissen, wer für Leontine paßt.' „Ich sah ihn erstaunt an. Er weidete sich lächelnd an meiner Ueberraschung und sagte dann in sichtlich gehobener Stimniung: ,Es ist grade, als ahnte sie, daß für mich eine kritische Stunde kommt. Sie ist seit ein paar Tagen ganz eigenthümlich weich und innig, wie ich sie noch gar nie gesehen habe; sie läßt sich, scheint es, so recht gehen, und gestern Abend fragte sie Plötzlich sanft und beinahe demüthig, ob ich wohl an einem der nächsten Abende einen kleinen Ausflug veranstalten wollte, am liebsten in den Wald; die Nächte seien jetzt so wunderschön, daß es eigentlich jammer- schade sei, sie zu verschlafen, und sie wolle auch einmal ihren Sommernachtstraum haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dieser Wunsch und die Form, in welche sie ihn kleidete, mich rührten. Unendlich oft schon habe ich sie gebeten, mir doch ein- mal in irgend eine Gesellschaft zu folgen, die ganz mit Rücksicht auf sie zusammengesetzt werden würde,— si�, wußte mir aber stets zu entschlüpfen und fragte in verstelltem Ernst, ob sie mir denn nicht mehr genüge, daß ich von Fremden spräche; wenn ich dringender ward, bat sie mit dem Tone, den ich noch stets un- Widerstehlich gefunden habe, ihr das zu erlassen und sie nicht weiter zu bestürmen, und schließlich trug sie stets den Sieg da- von. Ich wollte ja auch weiter nichts, als äußerlich dokumentiren, daß ich sie als nieine Braut betrachte, daß es sich nach meiner Auffaffung nicht um eine mit dem Schleier des Geheimnisses zu bedeckende, fragwürdige und vorübergehende'Liaison' handle; sie erkannte diese Absicht sehr Wohl und ihr Widerstand gegen meine Idee bewies somit, daß sie entschlossen war, alles zu unterlassen, was mich in meinen Zukunftsplänen irgendwie bestärken konnte. Und nun nach so vielen abgeschlagenen Stürmen diese durch nichts motivirte Nachgiebigkeit! Ich bin wahrhaftig nicht optimistisch gestimmt, aber vielleicht ist man einigermaßen berechtigt, eine schwache Hoffnung auf diese Sinneswandlung zu bauen— die erste, die ich bei ihr entdecke. Wer weiß, vielleicht erzähle ich ihr nach dem Duell von demselben; wer kann wissen, wie es auf sie wirkt, daß ich mit Lebensgefahr ihre Ehre vertheidigt habe? Ich möchte fast wünschen, daß mir Borkiewicz ein paar Unzen Blut abzapft,— oder glauben Sie, daß ein Mädchen die Kraft hat, auch dem um ihretwillen verwundeten Geliebten die Hand zu verweigern? Wer weiß, vielleicht bezeichnet dieses mir auf- gezwungene Duell einen Wendepunkt in meinem Leben, vielleicht vervollständigt es die Sinneswandlung bei Leontine, und dann sollte es mir gesegnet sein— vorausgesetzt, daß mir Borkiewicz's Kugel nicht etwa das Lebenslicht ausbläst.' „Wunderlich! erst jetzt, wo ihm wieder ein rosiger Streif am Himmel der Zukunft aufdämmerte, erschien ihm auch ei» für ihn vcrhänguißvollcr Ausgang des Zweikampfs möglich. Ich ließ naturlich diese Reflexion nicht laut werden, sondern erwiderte, daß sein Kalkül viel für sich habe, daß mir seine Mittheilung eine große Freude bereite und daß ich natürlich alles aufbieten würde, die romantische Waldfahrt zu einer künstlerisch und Poetisch ausgeschmückten zu machen; vielleicht könne er in dieser Juni- nacht der Geliebten das Jawort abschmeicheln, das sie bisher so hartnäckig verweigert— an sanfter Musik und bunten Lampions solle kein Mangci sein, es solle ganz traumhaft- magisch werden, und die Nachtigallen würden sicher die Freundlichkeit haben, ihre Beredsamkeit mit der seinigen zu vereinigen. Wir verständigten uns über die wenigen Personen, die eingeladen werden sollten, spezielle musikkundige Bekannte von mir mit ihren Damen; die Einladung sollte überhaupt von mir ausgehen und Curt wollte nur die Kosten tragen. Er ging auf die geringfügigsten Einzel- Helten ein und nöthigte mich sogar, mir schriftliche Notizen zu machen, damit ja nichts vergessen würde. Bei aller romantischen Ungebnndenheit sollte das kleine Fest einen gewissermaßen vor- nehmen Charakter tragen und die Kosten kamen dabei nicht in Frage; Leontine sollte ihren Gedanken eines.Sommernachts- tranms' voll verlvirklicht finden, in höheren, und schönerem Sinn, als sie sich träumen ließ. „Ich gestehe euch, Kinder, die Augen wurden mir feucht, als ich den vielleicht so frühem Tode Geweihten mit peinlichster Sorgfalt seine Anordnungen treffen hörte, damit es der Geliebten nur ja an nichts fehlte, damit sie alles vereinigt fand, was sie gern hatte, was ihren Schönheitssinn erfreuen konnte. Diese Sorgfalt hätte unter Umständen etwas Bizarres haben können, in diesem Falle war sie nur liebenswürdig und rührend. Die Freude leuchtete Curt förnilich aus den Augen, wenn er sich wieder auf eine kleine feine Aufmerksamkeit besonnen hatte, und der Gedanke an die Stunde, in der er der Kugel eines erbitterten Gegners die Brust bieten mußte, schien in ihm zur Wesenlosig- keit verblichen zu sein. Es war mir ja auch recht sehr lieb, durch die mancherlei Zurüstnngen, welche das kleine Fest seines aparten Charakters wegen erforderte, von meinen trüben Ge- danken abgelenkt zu werden, ich verhieß also sehr lebhaft, alles zu besorgen und fügte, mich selber aufregend, hinzu: „Ihre Vcrlobungsfeier soll mir Ehre machen— sie ist ge- wiß in den besten Händen. „Curt lächelte, fügte aber, sofort wieder ernst werdend, hinzu: ,Nun, wir wollen uns keine Illusionen machen! Uebrigens wäre es ganz gut, wenn wir sie an diesem Abend so weit bringen könnten; hat sie nämlich erst einmal ja gesagt, so geht sie mit mir durch Feuer und Wasser und schwankt keinen Moment wieder. Und es wäre ganz hübsch, wenn ich dem Herrn Onkel gleich mit einer vollendeten Thatsache entgegentreten könnte, als welche bei mir schon eine Verlobung anzusehen ist— das weiß der Onkel ganz perfekt/ „Ich sah ihn fragend an; er lachte und meinte: ,Ja so, das wissen Sie ja noch gar nicht! Für die ersten Tage der nächsten Woche ist mir nämlich Besuch ans Graz an- gesagt— mein Onkel, sein Kamerad unter Radetzky, dessen Frau Schwägerin und seine Fräulein Nichte, meine Frau Gemahlin in spo, wie die Herrschaften glauben. Das Komteßchen ist noch nie in Prag geivesen und soll Gelegenheit erhalten, sich einmal in der Kapelle auf dem Hradschin, die bekanntlich ein �echtes' Bild des Heilands besitzt, vor ihrem Schöpfer zu demüthigen— das Kind soll nämlich nebenbei sehr fromm sei». Natürlich handelt es sich weit mehr darum, mir meine Zukünftige zn prä- scntiren und zu ermitteln, ob ich etwa das Unglück habe, ihr in Person weniger zu gefallen, als im Bilde. Onkel hat ihr näm- lich, nach Soldatenart die Gelegenheit am Stirnhaar fassend, nieine Photographie gezeigt, und als sie sich so günstig äußerte, als jungfräuliche Bescheidenheit und Zurückhaltung mir irgend zuließen, ist er mit der Thür ins Haus gefallen und hat sie ge- fragt, ob sie den hübschen wilden Bengel nicht zum Manne haben möge? Für sein gutes Herz verbürge er sich, Kopf habe der tolle Mensch fast mehr als ihm lieb sei und für das weitere würden er und ihr Onkel schon sorgen. Das Komteßchen ist freilich blutroth geworden, aber keineswegs in hysterische Zuckungen verfallen; es hat sogar ein ganz klein wenig geschmunzelt und den< Scherz' gar nicht so übel gefunden; Sie sehen, ich kann zufrieden sein, und es liegt nur an mir, wenn nichts ans der korrekt eingefädelten Geschichte werden sollte. Aber gerade des- halb wäre es äußerst zweckmäßig, wenn ich sagen könnte: �Lieber Onkel, die Komtesse gefällt mir ganz ausnehmend und ich würde sie vermuthlich heiraten, wenn dem nicht ein ganz kleines aber solides Hinderniß im Wege stünde— ich bin nämlich bereits verlobt.'� „Ich fand die Komplikation der Umstände beinahe unerträg- lich. Wie nun, wenn Eurt Unglück hatte, wenn ihn Borkiewicz beim ersten Schuß tödtetc oder wenigstens tödtlich verwundete und die vornehmen Herrschaften an seinem Schmerzenslager be- rcits eine Iveinende oder thränenlos verzweifelnde Braut fanden? Ich hätte darauf wetten mögen, daß diese Gedanken Curt eben- falls schon gekommen waren, aber er schien entschlossen, sie weit von sich zn weisen, und unter den obwaltenden Verhältnissen war es gewiß das richtigste, ihn nicht aufzuregen; ich schwieg also, und er ging, nachdem ich versprochen, gegen Abend bei ihm vor- zukommen und Rapport zn erstatten. Die mannichfachen Be- sorgungen, welche ich übernommen, neue Einfälle, welche mir kamen und Ivohl erwogen sein wollten, hielten mich den ganzen Tag in Athem, und es war schon ziemlich spät, als ich zu Curt kani. Er saß au seinem Schreibtisch und siegelte gerade einen Brief; nachdem er denselben in ein Fach gelegt, reichte er mir freundlich die Hand, schob den Stuhl zurück und meinte scherzend: ,Nun, mein getreuer maitre de plaisir— wie steht»? Alles besorgt?' „Er nickte befriedigt, als ich alle Einzelheiten durchgesprochen hatte, erklärte mir, daß nach allen Anzeichen auf gutes Wetter fest zu rechnen sei und sagte dann ruhig: Much alles übrige ist geregelt; wir reisen übermorgen früh um 8 Uhr ab und unsere Sekundanten— er nannte die Namen und den des sie begleitenden Arztes— suchen im einsamen Hoch- wald einen Platz ans, wo wir vor Ueberraschung gesichert sind; da das Duell am andern Morgen gleich nach Sonnenaufgang stattfinden soll, bleibt kaum Zeit, ordentlich auszuschlafen. Meine Privatangelegenheiten sind nun auch geordnet bis auf das Tüpfel- che» über dem i,— ich habe Leontine das wenige vermacht, was ich zu vermachen habe, an die Meinen und an Onkel ist ge- schrieben und morgen soll nun noch das schwerste an die Reihe kommen, der Brief, der Leontine hoffentlich nicht übergeben zu Ivcrdcn braucht. Auch Sic muß ich noch in Anspruch nehmen— Sie sollen für die Zeit meiner Abwesenheit für meinen kostbaren Schatz mein Depositar werden, um ihn, wenn ich fallen sollte, an Leontine auszuliefern/ „Ans seinem Schreibtisch brachte er dann eine ziemlich große verschlossene Kassette aus Ebenholz zum Vorschein— der Deckel war in künstlerischer Weise mit pnrpnrbraunen Gewürzstrauch-, weißen Jasmin- und zarten Geisblattblüthcn bemalt, die nicht zn dichtem Strauß vereint, sondern nur Ivie lose darüber hin- gestreut waren. ,Dcn Schlüssel hat Leontine/ sagte er fast weich; chic Kassette enthält alle ihre Briese an mich und kleine Andenken an glück- liche Stunden; in einem Seitenstück zn derselben bewahrt sie meine Briefe auf und die an sich werthlosen, nur durch irgend einen kleinen Bezug uns werthvoll gewordenen Kleinigkeiten, die sie von mir annahm. Sic war auch hierin von Anbeginn eigen bis zum Eigensinn, und ich habe sie nie vermögen können, etwas anzunehmen, was eigentlichen Geldwcrth hatte. Ich will Ihnen im übrigen für den schlimmsten Fall nichts an sie auftragen, Sie wissen, wie ich stets über sie gedacht und für sie empfunden habe und Ihr eignes Herz mag Ihnen dann lehren, was Sie ihr zn sagen haben/ „So plauderte er noch lange Zeit; als Jehan einmal im Zimmer gewesen war, sagte er mir, er habe den treuen, braven Menschen dem Wohlwollen seines Onkels empfohlen— von dem Duell wisse er natürlich nichts. Nie nahm er mich durch die Liebenswürdigkeit seines Wesens, die mir erst jetzt voll aufzu- blühen schien, so gefangen, wie an diesem Abend, und als er im Ton freundlicher Bitte sagte: ,Nun müssen Sie aber gehen— ich darf Leontine doch nicht zum ersten male warten lassen'/ und ich langsam und nachdenklich meiner Wohnung zuschritt, da klang es in mir, laut und überzeugt: Nein, es kann, es darf Nichtsein! er tvird nicht fallen— es wäre eine zu unerhörte Grausamkeit des Geschicks!" „Ich sah empor zu Leontinens Fenstern— sie waren dunkel. Sie war also auch schon fortgehuscht und vielleicht ruhte ihr Arm schon in dem des Geliebten. Wenn sie gewußt hätte, was ihm, was ihr bevorstand!— „Es war ein wundervoller, stiller, warmer, aber nicht zu heißer Tag, der diesem Abend folgte und ich sah Curt an ihm - 592- nur flüchtig, und kam nicht dazu, ihn nochmals zu zeichnen; nur Gästen und allem Inventar Abends sechs Uhr abfahren würde semen-örlef an L.eoutme holte ich ab und verwahrte ihn sorg- um Curt und Leontine in einem einzelnstehenden, fast unter uralten law m meiner-örieftasche. Wir verabredeten, daß ich mit meinen Linden versteckten Gasthaus an der Landstraße zu erwarten, und Cßoses �Mendelssohn.(Seite 602.) diese Verabredung wurde pünktlich innegehalten. Ich hatte mir Hauer und dessen Verlobte, sowie einen jungen Kaufmann, einen einen erst seit einigen Monaten mit einer reizend naiven Schwäbin Deutsch-Ungar, niit seiner Frau und scinem sechsjährigen Buben aus Baden gebürtigen Journalisten, cincu loinbardischen Bild- � geladen. Darauf, daß der letztere auch dabei. sein solle, hatte ich hartnäckig bestanden un d meinen Willen endlich auch durchgesetzt. � Wangen zarte Rothe noch gehoben, große, blaue Augen und Das Kind war bildhüb sch— alabasterbleicher Teint, durch der � üppiges, kohlschwarzes Lockengeringel— und ebenso klug als �bsch. und ick kannte Curts Liebe zu Kindern und wußte durch; Kerl spielen lassen würde, das schwebte mir nur ganz dunkel lhn. daß Lecmtine dieselbe theile; welche Rolle ich den kleinen I vor. aber das tollte auch ganz vom Moment abhängen und davon, 2 594 wie unser ,Somnicriicichtstralliw sich gestaltete; hat man nur hübsche Menschen um sich, so kommen die poetischen und künst- lerischen Einfälle von selber; um einen Epheukranz und einen zierlichen Farrenwedel brauchte ich ja nicht in Verlegenheit zu sein, und was brauchte ich gegebenen Falls mehr? höchstens ein Paar Verszeilen und die würden sich wohl auch improvisiren oder dem Journalisten abpressen lassen; so rechnete ich, während wir auf der Landstraße dahinrollten. „Wir rasteten noch nicht lange unter den Linden vor dem Gasthaus, als der kleine Ludolf plötzlich meldete: ,Ein Wagen mit zwei Schimmeln und ein Offizier zu Pferde!� Ich sprang auf und hielt die Hand über die Augen, so blendete die Pracht- voll untergehende Sonne. Da kamen sie richtig im Fluge daher in der rothgoldigen Abendbeleuchtung— die beiden Schwarzschimmel vor dem leichten offenen Gefährt griffen gewaltig aus und neben dem Wagen galoppirte Curt auf seinem schwarzen ,Trelawneyh ohne die moderne Uniform ganz das Bild eines Ritters, der seine Dame nach dem bezinnten Schlosse heimgeleiten will, ehe die Dämmerung niedersinkt. Unsere Damen ließen ihre Taschentücher wehen, Ludolf fchwenkte das seine an einem Stabe und auch Leontine ließ, sich im Wagen erhebend, ihr Tuch flat- tern. Der Wirth, seine Frau und ein paar derbe, knochige Mägde glotzten das kleine hübsche Schauspiel halb neugierig, halb bewundernd an. Bei uns angelangt, brachte Curt, der ein Moosrosenknöspchen zwischen den Zähnen hielt, seinen schnauben- den Rappen mit einem Zügelruck zum Stehen, Jehan, der mit einem belustigenden Ausdruck von Stolz und Glück kutschirte, zog die Zügel an und Curt reichte uns allen vom Pferde die Hand, während Leontine sich mit einem glücklich-frohen Erröthen von mir die einzelnen Glieder unserer kleinen Gesellschaft vorstellen ließ. Sie sah wunderhübsch aus; ihre Toilette war vielleicht mehr geschmackvoll und malerisch, als elegant, und das leichte helle Sommerkleid hob ihre Figur in der Vortheilhaftesten Weise, indem es ihr eine gewisse Fülle verlieh; niemand konnte sich dem überraschenden Eindruck dieser nahezu klassischen, etwas fremd- artig angehauchten Schönheit entziehen, am wenigsten der kleine Ludolf, der kein Auge von ihr verlvendetc. Ich hörte, wie die Verlobte der jungen Frau bewundernd zuflüsterte: ,Wie schön sie isiff und ich war so aufgeräumt, daß ich in die Versuchung ge- rieth, mich umzuwenden und triumphirend zu sagen: ,Ja, die haben aber auch>vir entdeckt!� Und als der kleine Ludolf mich am Rocke zupfte und bittend sagte: ,Ach, Onkel Reinisch, darf ich wohl mit der schönen Tante fahren?' da hob ich ihn ohne weiteres zu ihr empor, und als sie ihn auf die rosigen Lippen küßte, schlang er die Aermchen um ihren Nacken und wäre ge- wiß nur schwer wieder von ihr zu trennen gewesen. Seine Mutter ließ ihn denn auch gewähren und drohte nur scherzend mit dem Finger und Curt meinte lachend: ,Da er noch so gal jung ist, will ich niir's gefallen lassen und gute Miene zum bösen Spiele machen/ „Der Halt war nur von kurzer Dauer; ich bot Leontine ein alterthümliches geschliffnes Kelchglas voll Wein an, gewisser- maßen als Willkommentrunk, sie nippte nur und reichte dann das Glas mit einer anmuthigen Bewegung ihrem Ritter, der es bis auf den letzten Tropfen leerte. Dann fuhr das Breal mit den Schwarzschimmeln vor, die anderen Wagen folgten und in einer halben Stunde war der Wald erreicht, ein meilenweit sich ausbreitender schöner Laubwald, dessen Wipfel die letzten Strahlen der scheidenden Sonne vergoldete, während zwischen den Stämmen schon die Dämmerung webte. Auf einer kleinen begrasten Anhöhe, zwischen prächtigen hundertjährigen Buchen, wollten wir lagern; um den Fuß des Hügels zog sich dichtes Unterholz und so waren wir in der erwünschtesten Weise isolirt. Die Wagen fuhren, nachdem sie Feldstühle, Proviant und alle die Kleinigkeiten abgegeben hatten, die in sie vertheilt worden waren, bis nach dem Forsthause am Waldsaum, wo sie Unter- kunft fanden, bis wir ihrer wieder bedurften, und man zerstreute sich nun, mir und Jehan das Arrangement überlassend, nach Willkür und Zufall im Walde; Curt und Leontine hatten den kleinen Ludolf in die Mitte genommen, der bereits anfing, seine kindliche Anhänglichkeit zwischen beiden zu theilen. (Fortsetzung folgt.) Ueber die Lösung eines zweihundertjührigen physikalischen Problems. Von Nothverg-Lindciier. (Schluß.) Auch Anderssohns Theorie widmet einen besonderen und als grundlegendem besonders eingehend behandelten Abschnitt der „Wirkungsweise und Energie der wellenförmigen und strahlenden Bewegungen" zu dem Zweck, die Wellenbewegungen in Hinsicht auf ihr mechanisches Aequivalent und die Art und Weise ihrer Umwandlung zu betrachten. Er geht gleichfalls von dem Unter- schied zwischen stehenden und fortschreitenden Wellen aus, stellt zuerst oie Umstände fest, unter denen gleichzeitig in einer gleichmäßigen, tropfbaren oder gasförmigen Flüssigkeit Wellen- und Massenbewegung stattfindet und gelangt zu dem Schluß, daß von Flüssigkeitswellen ans ihnen nicht gleichartige, dichtere Körper eine, gradlinige Bewegung erzeugende Wirkung ausgeübt wird:„Ferner kann Dislokation von Masse durch elastische Wellen vermittelt werden, wenn ein Körper im stände ist, mehr Energie aufzunehmen, als einem gleichen Volumen dieses Mediums unter denselben Vorbedingungen entsprechen würde. Dabei kann die Geschwindigkeit des festen Körpers ebensowohl größer, als auch geringer als die der Fortbewegung der Luftwellen sein.... Es kann ferner Uebertragung von Energie mittels elastischer Wellen auf einen ihnen nicht homogenen Körper stattfinden, wenn dessen Geschwindigkeit kleiner ist, als die des Fortschreitens der Wellen, er somit durch ihm nachfolgende und ihn überholende immer neue Anstöße erfährt." Ueber diesen Vorgang äußert sich A. dann weiterhin:„Im Vcrhältniß, als die wirkliche Masse des Körpers dichter als das Medium ist, wird die dann dem Körper erthcilte Geschwindigkeit kleiner sein, als die der Welle. Folgen aber gleichmäßig immer neue Wellen nach, erhält der Körper immer weitere Impulse, so kann er beständigen Zuwachs an Geschwin- digkeit erhalten und diese sich derjenigen der Wellen immer mehr nähern." Unter Hervorhebung, sich durch die gebräuchliche Unter- scheidung longitudinaler und transversaler Wellen nicht an der nothwcndigen Thatsachc beirren zu lassen, daß die Schwingungen der Moleküle einer Flüssigkeitswelle immer nach drei Dimensionen, also in einer doppelt gebogenen Kurve erfolge» müssen, nur daß bei kugelschaligem Fortschreiten der Wellen die Energien der Einzel- theilchen innerhalb derselben Kugelschale sich aufheben oder aus- gleichen, Bewegungsübertragungcn also nur in der Richtung der Kugelradien oder, nach der bei Licht und Wärme gebräuchlichen Bezeichnung, in der Richtung des Strahls geschehen kann, wird ganz allgemein die Wellenbetvegung als Vermittlerin zwischen Molekular- und Massenbewegung gefunden und, nach Einzel- besprcchung der jetzt unterschiedenen Bewegungen und Kräfte unter diesem Gesichtspunkt, zu einem mit Dellingshausen gleichen End- resultat gelangt.„Als das Gemeinsame ihrer Eigenschaften, be- sonders bei ihrem Fortschreiten durch den Aether hindurch vod einer Himmelskugel auf die andere, wurde eine wellenförinigr Fortbewegung gefunden, die am besten als Strahlung zu bezcich- nen ist, da die Richtung des Strahles eben dieselbe Richtung ist, nach welcher hin die Energie dieser Bewegungen fortgepflanzt wird. Die Uebertragung auf ividcrstehende Massen geschieht eigentlich stoßweise, jedoch ist, da die Einzelstößc in so ungemein häufiger Folge geschehen, daß die Zeit, rvclche zu einer Sinnes- Wahrnehmung nöthig ist, hierbei bei weitein mcht erreicht ivird, die Bezeichnung Druck für diese Uebertragungsweise ebenso be- rechtigt und bezeichnend, dabei aber kürzer. Dieser Druck kann als Fernwirkung zweier Massen aufeinander bezeichnet werden, aber in dem einzig physikalisch haltbaren Sinn der Uebermittlung der unveränderten Kraft von dem einen Theil, der verausgabt, auf den andern, der Zuwachs erhält." Ueber das Herkommen, also den materiellen Ursprungsort dieser Gravitaffonswellen>veiß D. noch keine positiv vertretbaren Angaben zu machen, er sagt:„Um die Ursache der Schwere zN ermitteln, müssen wir nach solchen fortschreitenden Wellen suchen, welche im stände sind, die Bewegung der Körper nach dem Erd- 595 Mittelpunkte hervorzubringen. Ta diese Wellen aber jedenfalls kosmischen Ursprungs sind und ich mich noch nicht in der Lage befinde, schon jetzt ihr Herkommen und ihren Verbleib nachzn- weisen, so sehe ich mich veranlaßt, vorläufig zum ersten und zum letzten male mich mit einer Hypothese zu behelfen.— Ich denke mir also aus allen Theilen des Weltraums eine ununter- brochene Reihenfolge von fortschreitenden Wellen, die ich als Gravitationswellen bezeichnen will, konzentrisch nach dem Mittel- Punkte der Erde gerichtet."— Hiernach könnte man schließen, daß, wenn es nicht gelänge, die Kraft, welche die Gravitations- wellen erregt, aufzufinden, es auch unmöglich sei, den Ring von physischen Vorgängen zu schließen, welchen das Grundgesetz der Erhaltung der Kraft verlangt. Denn besteht die Schwere der Körper nur in der Energie, tvelche sie aus dem großen Vorrath an solcher im Aethermeer absorbiren, so werden wir schließlich doch nur bei der Vertröstung Jsenkrahe's anlangen, der Vorrath sei w ungeheuer groß, daß eine kleine Einbuße von uns zeitlich be- schränkten Beobachtern gar nicht festzustellen sei: und das sind doch nur Worte, schlechte Worte, die unser Kausalitätsbedürfniß nicht befriedigen! Die andcrssohnh'che Theorie geht auch hier bis an den End- oder Ausgangspunkt— was bei einem geschlossenen Ring von Erscheinungen dasselbe ist— der hierher gehörigen Erscheinungen und besriedigt dabei durch den vollständigen Monismus der mechanischen Erklärung der Gravitation, indem sie behauptet, daß die zu untersuchenden Phänomene von einer ganz gleichartigen -Wellenbewegung abhängen und die Mannichfaltigkeit der zu be- abachtendcn Erscheinungen nur von der Konfiguration und Be- wegung der in Beziehung stehenden materiellen Systeme ab- Haugen. Das ist in dem Satz ausgesprochen.„Die Einheit der Kraft ist die allen Sonnen im Weltall gemeinsame Eigenschaft aer Ausübung von mechanischem Druck in die Ferne, das heißt der Ausstrahlung materieller Bewegung; Fliehkraft oder Zentrifugalkraft genannt, wenn ausgehend von einer Einzel- tonne, dagegen allgemeine Schwer- oder Centripetalkraft, wenn gemeinsam drückend von allen Sonnen auf eine einzelne Him- melskugel.— Die Erhaltung der Unzerstörbarkeit der Kraft un Weltall folgert sich aus der Gegenseitigkeit der materiellen Fernestrahlung; denn jede Bewegung, welche eine Sonne in den Weltraum hinaussendet, muß von den andern Himmels- körpcrn schließlich aufgenommen werden. Was demnach für eine Sonne Ursache der Strahlung ist, das ist, vom Standpunkt aller übrigen ans betrachtet, deren Wirkung____ Es sind im Lehr- sitz die Sonnen allein genannt, Iveil sie eben Körper von über- wiegender Masse und Aktivität sind, die Planeten einen inte- grirenden Theil der Sonnensysteme bilden und ihre Stellung «i denselben, sowie ihr Antheil an der Gesammtwirkung erst in zweiter Linie zu betrachten sind." Während die Sätze die Statik iber Erhaltung der Abstände für die Himmelskörper erklären, wird die Dynamik oder Veranlassung zur Bewegung folgender« waßen erläutert:„Die Veranlassung zu jeder Naturkraftäußerung, °der zu jeder Bewegung im Universum ist der mechanische Druck durch Unterschiede von Größe und Richtung---- Die Größe ds® auf einen Himmelskörper ausgeübten Drucks wird ausschließ- uch bestinimt durch seine Masse und seine Konfiguration inner- halb seines Systems. Die relativ geringen Entfernungen einer «onne und der zugehörigen Planeten untereinander, im Vergleich z>l den Abständen von benachbarten Systemen, gibt die Noth- wendigkeit, daß diese Körper sich fortdauernd als ein besonderes �hstem verhalten müssen. Jeder dieser Körper für sich betrachtet, ist ein Centrum oder Kouzeutratiouspuukt von auf ihn gerichteten zentripetalen Kräften. Die relative Nähe der Körper eines Systems ist die Veranlassung, daß er von dieser Weltrichtung her nicht den vollen Druck empfangen kann. Diesem Minus von einer Seite entspricht dann ein Ueberdruck, ein Plus ans der entgegengesetzten Richtung.— Die Kräfte, welche bei der geübten Gegenseitigkeit Annäherung bewirken könnten, liegen außerhalb beider Körper, die nur durch ihre Konfiguration auf die Angriffs- richtung des Plusdrucks Einfluß haben." Im Sinne der hier aufgestellten Lehrsätze werden von A. dann wieder die planetarischen Revolutions- und Rotations- bewegungen, die großen Erscheinungen von Meeresfluth und -Ebbe, sowie der freie Fall kleinerer Massen gegen die Oberfläche von Himmelskugeln behandelt. Wir können aber in Anbetracht der uns für eine wesentlich nur referirende und orientirende Darstellung der zur Lösung des Gravitationsproblems aufgestellten Theorien zukömmlichen Beschränkung diesen Anwendungen der- selben auf Einzelfälle nicht eingehender folgen; zumal, da beson- ders die Ausarbeitung der A.'schen Theorie eine so gedrängte, oft nur programmatische ist, daß das Herausheben von Citaten seine großen Schwierigkeiten hat, wenn der Zusammenhang nicht verloren gehen soll. Wir würden in vielen Punkten eine breitere Ausarbeitung in diesem Werk gewünscht haben, und zwar un- beschadet des in dem grundlegenden Kapitel über Fernewirkung ausgesprochen und gern anzuerkennenden Satzes:„Eine Theorie, welche im Gegensatz zu dieser willkürlichen Nichtbeachtung des zwischen den sich beeinftussenden Massen befindlichen Stoffes, grade durch dessen Jnbetrachtnahme dahin gelangt, in demselben das konstante Bindeglied nachzuweisen, welches die durch unan- fechtbare Beobachtungen festgestellten Bewegungen, Abstände und Annäherungen aufeinander einwirkender Massen in Zusammenhang zu bringen geeignet ist,— wodurch zugleich auch jede Annahme mystischer Gegenwirkungen erübrigt— hat gar nicht nöthig, der gegensätzlichen Anschauungsweise in alle Dctailausführungen zu folgen und sie zu widerlegen, sondern sie hat durch die Beachtung aller bei den zugehörigen Erscheinungen nur möglichen Faktoren einen gegründeten Anspruch auf Alleinberechtigung, wenn sie eben nur in sich konsequent bleibt." Als experimentellen Beweis für die in der Wellenbewegung von Licht und strahlender Wärme liegende, in Massenbewegung verwandclbare Energie wird von D. sowohl als von A. unter anderem auf die Crookes'schen Radiometererscheinungen hinge- wiesen, wobei die UnHaltbarkeit der gewundenen Erklärungen dargelegt wird, mittels deren man diese interessanten Erscheinungen zur Stütze von allerhand gesuchten Hypothesen zu verwerthen sich bemüht hat. Schließlich sei noch erwähnt, daß Prof. Chase, vom Häver- ford College in Amerika, wie früher schon, so auch neuerdings, unter Zugrundelegung der Gravitationsvermittlung durch Wellen eines gasartigen Mediums, die mit der Geschwindigkeit des Lichts fortschreiten, astronomische Berechnungen angestellt und Resultate gewonnen hat*)— z. B. für den mittleren Abstand der Erde von der Sonne 214,54 Sonnenhalbmesser, für den Sonnendurch- messer 32 Minuten 2,85 Sekunden—, die mit dem mittleren Durchschnitt der von verschiedenen Astronomen gemachten empiri- schen Bestimmungen genau übereinstimnien. ♦) Astronomische Annäherungen. I. Scheinbarer Durchmesser der Sonne und Nebularursprung des Erdtages. II. Geschwindigkeit des Lichts und Kirkwoods Analogie.(Der amerikanischen philosophischen Gesellschaft vorgetragen am 19. Dez. 1879 resp. 2. Jan. 1885.) Irrfahrten. Bon Ludwig Hiosenöerg. (Fortsetzung.) . Ich bin einer von denen, die reich und arm sind, beides in einem Athemzuge; die arm sind, weil sie den Schacher nach Gold verabscheuen; die reich sind, weil sie Güter besitzen, die tausend Andere nicht besitzen, Güter, die sie selbst abschätzen, aber Güter, �e ein anderer, eine Krämerseele als werthlose Gegenstände be- "achtet. Dieser Reichthum ist völlig iniaginär und nur ein mit {"E gleichgearteter Mensch vermag ihn zu schätzen. Aber man von dieser Art Reichthum nicht leben; er ernährt nicht rein nicht roh; er ernährt mit einem Worte nicht den Magen, und darum— bin ich, bei Lichte besehen, in jeder Beziehung arm. Ein Mensch, der selbst mit den größten Eigenschaften des Verstandes und des Gemüthes ausgestattet ist, aber ohne äußere Hülfsmittel dasteht, kommt doch meist schwer, kommt oft gar nicht zur Entfaltung seiner Individualität; er verödet langsam, er stirbt ab, er geht unter, wenn er nicht grade ein Genie hervorragender Gattung ist. Die Misere der täglichen Sorge für den Unterhalt zieht ihn nieder zur Lohnarbeit, wie sie tausend andere ohne idealen Sinn, aber auch ohne das qualvolle Sehnen nach höheren Lebensausgaben auch leisten. Er geht dahin, beständig den Kopf voll von großen Gedanken, mit den besten Absichten, aber mit blutendem Herzen, ein wahrer, ja der wahrhaftigste Bettler unter den gewöhnlichen Bettlern, die bescheiden und schüchtern an der Thüre eines reichen Mitmenschen klopfen!— Er macht zuweilen den kühnen Versuch, sich zu erheben und frohlockt vielleicht schon, wenn er über die tägliche Beftiedigung der Nothdurft hinaus ist— aber ist das ein Leben? ein seiner Geisteswelt angemes- senes Leben?— Liebe � Kind, solch ein Bettler bin ich!— Nicht ein verkommenes Genie, aber ein armes Genie, wandere ich da- hin, nicht wissend, wenn morgen eine Krankheit niich tückisch überfällt, wer mich Armen mitleidsvoll aufnimmt, mich pflegt und ernährt, nicht wissend, wohin er seine Schritte wenden solle, wenn ein verrätherischer Mensch ihm die Quelle seiner Ernährung verstopft, und, nicht wissend endlich, ob er, wenn plötzlich des Todes Hand ihn anpackt, sagen muß: deine ganze Lebensreise war verfehlt und unnütz.— Und in diesen Kampf um das Dasein dürfte ich einen zweiten, einen unschuldigen, einen lieben, guten Menschen hineinlocken? das hieße Vernichten, das wäre ein Doppelmord. Und wie ist das Verhältniß zwischen nur und dir? --- Du bist ein gutes Kind, eine liebevolle Seele, ein Mädchen, wie man sie wenige findet, und nun gar eine Frau! --- Ich verehre dich, denn du hast alle Tugenden, welche ich am Weibe gerne sehe und schätze. Du' hast nichts an dir, was man nach der heutigen Mode an den Frauen bewundert: Nicht jenen verführerischen Reiz, der den Mann wollüstig er- zittern niacht, nicht jene schauspielerische Geste, die sagt: Freust du dich nicht über die Fülle meines Geistes?— und endlich nicht jene Schamlosigkeit, die man in der Aufdringlichkeit, der Sucht, sich als Waare in geschicktem Aufputz auf dem Markt zu Präsentiren, erkennt. Das hast du alles nicht. Du gehst be- scheiden dahin, eilend, daß man dich nicht sehe, schamvoll, wenn die Witze frivoler Zungen an dein Ohr schlagen.— Und dieses allein, abgesehen von deiner Liebe für die Kunst, und deinem Sinn für alles, was der edle Mensch hochachtet,— macht dich werthvoll und bezaubernd, macht dich mir lieb und theuer. Konnte es darum anders sein, als daß mit der ersten Begeg- nung mein Herz dir lauter entgcgcnschlug als allen anderen Wesen deines Geschlechtes?— Konnte es anders sein, als daß ich unbewußt alles aufbot, ein Plätzchen in deinem Herzen zu finden? � Ach, es war eine Sünde— und heute, oder seit kurzem erst bereue ich es, mich eindringlicher bemerkbar gemacht zu haben, als es die moralische Verantwortlichkeit erlaubt. An allen Fasern deiner Seele habe ich dich gefaßt, so hat auch dein Bild sich in mich eingeschliffen und ausgebreitet und jeder Ver- such, dich aus meiner Erinnerung zu verbannen— ach, ich weiß es, wird ewig ein vergeblicher sein. Du gehörst zu mir, wie ich vielleicht zu dir gehöre nach ebendemselben Gesetze, nach welchem eine Blume der Erde angehört, uni zu leben und durch ihr Leben die Menschen zu entzücken. Und wie sie Licht und Wärme bedarf, so bedarf ich deiner, und du meiner, um zu leben und zur seelischen Entfaltung zu kommen. Schon das Bewußtsein, mit dir durch das Band gleicher Gedankensphäre, gleicher Seelenzuneignng verbunden zu sein, bringt über mich ein Gefühl tiefen Behagens, auch wenn ich nicht in deiner Nähe bin, auch wenn ich dich fern, bei anderen, in Vereinigung mit einem anderen wüßte. So groß ist meine Liebe für dich! Du hörst dies kleine Wörtchen zum ersten male von mir. Und nun, da es von meinen Lippen gc- fallen, die es so beharrlich festgehalten haben, als wäre es ein Verbrechen, eine Todsünde, überhaupt davon zu sprechen— will ich es dir auch erklären. Aber wie?--— Ja, da liegt die Angel— an der ich hängen bleibe.-- Soll ich mit wissen- schaftlichcn Auseinandersetzungen an den Gegenstand herangehen? -- Ich könnte es wohl, aber dazu fühl' ich niich zu erhaben und durchschauert von heiligem Gefühle.-- Ich lernte neulich ein junges Mädchen kennen; schön, jung, liebenswürdig— aber bleich und krank. Sie hatte Tyrol aufgesucht, uin sich vor dem Tode zu retten.„Ich sterbe so ungern," sagte sie zu mir, und ihr Blick streifte dabei nach Norden, wo ihre Heimat war.— Ich errieth unschwer ihre Gedanken und tröstete sie, so gut ich es konnte mit den Worten:„Der Gedanke, der Liebe, wenn auch nur eines guten, oder theuren Menschen theilhaftig zu sein, ist ein köstlicher Besitz, ist Balsam, der Wunden heilt. Hoffe und du wirst leben; Freimann ist dir in Liebe zugethan. Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit seltenen Geistesgaben ausgestattet, un- abhängig von fremder Leute Besitz; er würde glücklich sein, dich sein Weib nennen zu können. Er würde alles thnn, dir zn gefallen, dich aufzuheitern, dich fortzubilden, alles aufbieten, deine Zuneigung zu erhalten. Von allen denen, die ich kenne und ich schließe mich darin ein, ist er der einzige, der eine Frau zu be- handeln, eine Familie zu lenken versteht. Bei ihm treffen Wille mit Können, geistige Qualität mit dem nöthigen Besitzthum über- ein. Von ihm kann man sagen: Er handelt moralisch und hat die Zukunft mit klarem Auge vorbedacht.— Ich liebe und achte ihn darum und bin gern seiner Wünsche Anwalt.— Er wirbt um deine Hand. Schlage sie ihm nicht ab— denn sonst würdest du das Glück fortweisen, das sich dir naht. Folge meinem auf- richtigen Rathe.-- Laß alles, was hinter dir liegt, unbesehen und schaue in die Zukunft! Dann wirst du mir die Hand drücken und rufen:„Ich danke dir!"——— Noch nie bin ich über eines Menschen Fühlen so ins Gericht gegangen, wie mit dem unseren.— Nun, da ich mein Urtheil beendigt, setze ich mich ruhig an die Tafel, zufrieden, soweit ich es nur ver- mag, mit der Welt und mit mir selbst. Morgenroth an Elisabeth. Liebes gutes Kind! Ich habe noch einmal alles durchdacht, alles noch einmal von allen Standpunkten erwogen...... und so muß ich denn gestehen, daß ich dich niemals so geliebt habe, wie ein Bräutigam seiner Braut, ein Mann seinem Weibe zu- gethan sein muß.— Täusche dich nicht.— Mit dir ist es ganz derselbe Zustand!———— Ich denke, daß diese bündige Erklärung mit einem Schlage dir die Herrschaft über dich selber zurückgibt.———— Angenommen selbst, du hättest mich feurig und verlangend geliebt und du erfährst daraus, daß dies Gefühl nicht ein gegenseitiges sei,—— würde deine Leidenschaft, wenn du an ihr fortzehrtest, nicht thöricht und bedauernswerth erscheinen?— O, du bist ja ein kluges Kind,— du wirst dich über den Schmerz, manches an unserem gegenseitigen Verhältniß beschränkt zu wissen, himvegsetzen und gelassen über seine Regung denken, die, wenn sie plötzlich auftaucht, Berechtigung hat, die aber unwürdig erscheinen würde, wollte man sie zu subjektiven einseitigen Betrachtungen ausbeuten.-- Du bist in manchen Dingen noch ein liebes, unbefangenes Kind, dem freundlich zuge- redet werden muß, soll es aus dem rechten Wege wandeln.— Und wie ich diese kindliche Naivetät an dir liebe, so beschwöre ich dich, dich zu fassen und mein letztes Wort in dieser Sache entgegenzunehmen: Weil ich dich selbstlos liebe und jeder neidische, eifersüchtige Gedanke niir fern liegt, so kann ich nicht anders, als das wiederholen, was ich ausführlich dir angerathen. Deine Folgsamkeit oder deine Nichtbeachtung meines Rothes wird den Beweis liefern, inwiefern ich mich in dir täuschte, oder nicht täuschte, inwiefern ich dir wirklich ein brüderlicher Freund bin oder nicht, und inwieweit endlich du die selbstlose Hingabe eines Menschen zu belohnen oder nicht zu belohnen verstehst.—— Thue, was dir beliebt.-- Dieses Wort mag dir vielleicht hart erscheinen, aber hier kann es eindringlich nicht genug ge- sprocheu werden, da es ja doch einmal ausgemachte Sache ist, daß man es niit ehrlichen, aufrichtigen Leuten zu thun hat.— Wir werden uns wiedersehen, wir werden lachen und uns freuen wie früher; wir werden reden und denken, vor wie nach— und — kurz und gut— es wird alles in gutem Geleise fahren, wenn nur der Fährmann ein zuverlässiger ist und— dafür will ich schon sorgen.--- Aus dem Tugeduche. Wie es mir so leicht ums Herz ist! Wie meine Brust sich hebt und mein Auge so frei ist von jedwedem inneren Schmerz! — Die Natur erscheint mir nun doppelt schön und bewunderungs- würdig!— Daß Bewußtsein, das Rechte zu thun und gethan zu haben, verleiht der Seele Engelsschwingen! Man glaubt in einem anderen, neuen, freien Körper zu leben, und wie der ganze Mensch verändert ist, so hat sich auch dessen Verhältniß zur Welt geändert. Der zweifelhafte unterdrückte Keim der all- gemeinen Menschenliebe ist nun ausgebildet und zum Licht ge- drungen. Das schöne, edle Gefühl belebt den Körper, in jedem Menschen den Menschen achten zu wollen. Es sind eben die Schlacken abgefallen und reines, unverfälschtes Metall ist zutage getreten.— Ich würde in solchem Zustande ein schlechter Richter sein, viel zu milde für hartherzige Menschen, die ein Vergnügen darin sehen, wenn andere gezüchtigt werden und leiden. Wer auch von uns Menschen kann hier Richter sein wollen über seine Mitbriider? Wessen Auge ist so scharf, daß es bis auf den Grund zu blicken, die Ursache anfznfinden vermag, von welcher die vermeintliche Uebelthat ausging?—— Und bessert eine Strafe im Kerker?— Es gibt Menschen, die aus Liebe einen lieben Menschen umbringen können, nur um ihn nicht einem anderen ungeliebten zu gönnen.— Gewiß erscheint solche That als eine üble— aber wie nur Wahnsinn, die bis auf die höchste Potenz gesteigerte Liebesempfindung, im Stande war, des Uebel- thäters Verstand zu lähmen, so ist keine andere Strafe geboten, als die, daß man dem Menschen sein Verbrechen zum Bewußt- sein führe, um ihn durch Selbsterkenntniß die innerliche Gewissens- strafe erleiden zu lassen.— Denn nur Erkenntniß bessert die Menschen!-- Aber sieh!— Welch' kurioses Zeug ich da eben geschrieben habe?!-- Von der Freudigkeit der Seele sprang der Ge- danke wie ein Blitzstrahl auf die Sünde der Menschen über.— Wo ist wohl hier der Zusammenhang, der Anknüpfungspunkt?— Noch ein paar Tage und unsere Reise ist am Ende. Wieder liegt dann ein merkbar Stück meines Lebens hinter mir, reich an Ereignissen und Eindrücken auf meine individuelle Welt, be- deutsam für meine ganze Weltanschauung und wichtig genug, um es mit einem„Das Ende krönt das Werk" hier sichtbar ab- zuschließen. Der Herausgeber an den Leser. Das Tagebuch Morgenroths ist hier in der That abgeschlossen, und nur spärlich und selten fortgesetzt.— Die Gründe erfahren tvir aus nachfolgenden Zeilen: „Ja, finis coronat opus! Nur habe ich noch vieles hinzu- zusetzen vergessen, das Beste, das Meiste, das Bedeutendste. Aber mir fehlt die Lust zum Nachtrage; überhaupt fehlt mir zu allem die Lust, was in meinen Augen kleinlich und unbedeutend erscheint.— Meine geringen Erfahrungen?— Bah! Legen wir einen Schleier darüber! Oft bin ich trübselig darüber, daß es iv.geht, wie es eben geht— indessen ist der Rest doch stets am besten: Schweigen.— Arbeiten, arbeiten, arbeiten! Nichts anderes befriedigt mich mehr!---" An der Hand von Briefschaften verschiedenster Art, von münd- lichen Mittheilungen und von gerechtfertigten Schlußfolgerungen aus Thatsachen, will ich es versuchen, den bedeutsamen Nachtrag, den Morgenroth später aber als kleinlich verurtheilt, in Form schlichter Erzählung aufzuzeichnen: Unvermuthet traf Morgenroth mit seinem Schüler in M. ein. Er wollte von niemand auf dem Bahnhofe erwartet sei. Es war so eine Laune von ihm. Nachdem er seinen Zögling ab- geliefert, erfuhr er, in seiner Wohnung angekommen, daß Frei- mann seit eimgen Tagen von seinem Häuschen Besitz genommen habe und sich dort, nach seiner eigenen Mittheilung, sehr wohl fühle.—„Das fteut mich von Herzen," antwortete er der Wirthin, »und es freut mich zugleich von Herzen, daß ich nun einige Tage ungestört zu arbeiten, von meinen Reiseeindrücken zu zehren, dieselbe künstlerisch umzuprägen imstande bin."— Er verbot chr, von seiner Ankunft irgendwo zu reden und kam er auch im Laufe der folgenden Woche in die Stadt, so vermied er es sorgfältig, mit irgend einen: Bekannten zusanunenzutreffen. Mit seinem Eintritt in M. war eine merkliche Veränderung mit ihm vor- gegangen. Es hielt ihn offenbar etwas zurück, Freimann und Familie Lieber aufzusuchen.— Auch darin folgte er unbewußt seiner edlen Natur, indem er die Entwicklung der Dinge durch Von HallftaM Von H. Am Felsenrande staffelförmig aufgebaut und von der Flut des blaugrünen Sees bespült, bietet Hallstadt aus der Ferne, wie beim Durchwandern seiner schmalen, auf- und abwärts steigenden Gassen mit nestartig in das Gestein geschobenen oder auf Vorsprünge gestellten Häusern einen ebenso anziehenden, als eigenartigen Anblick dar. Einst fürstliche Residenz, jetzt Wohnsitz einer dürftigen Bevölkerung, die ihre hüttenartigen Gebäude nur mit armseligem Hausrath auszustatten vermag, übt der Ort dnrch seine unvergleichliche Lage doch eine magnetische Anziehungskraft aus alle Sommergäste, welche die Wanderung durch das Salz- kaiiuiiergut in seine Nähe führt. Genußreiche, dann und wann durch Regengüsse getrübte-vage waren vorüber. Wie die Nebelschleier auf den Felsengraten zer- seine stühzeitige Dazwischenkunft nicht unterbrechen wollte.— Daß er indeß Abends im Dunkeln klopfenden Herzens oft an Liebers Häuschen vorüberschritt, hat er später selbst einmal er- zählt, wie er denn eines Abends, als er glaubte, gesehen worden zu sein, eilends, wie vor einem bösen Geist fliehend, davoneilte. — In der Zeit seiner Selbstverbannung war Morgenroth fleißig und mit Konzipirung einer Anzahl poetischer Produkte beschäftigt. — Dieselben sind später anonym im Druck erschienen und zählen zu dem Besten, was die deutsche lyrische Dichtkunst hervorgebracht hat.-- Niemand aber hatte von dem erfahren, was er schrieb und selbst seine Wirthin baute nur auf Vermuthungen. Sie schüttelte oftmals den Kopf und sprach öfters mit Freimuth zu Morgenroth:„Sie kommen mir seit Ihrer Reise so sonderbar vor!"—— Dann lachte Morgenroth allerdings und bemühte sich, ebenso liebenswürdig wie aufmerksam zu sein. Endlich war aber doch die Stunde gekommen, wo es ihn zu dem Freunde und zu der Geliebten zog. Liebers suchte er zuerst auf. Als er die Hand auf die Garteuthür legte— stand Elisa- beth am Fenster und sah ihn kommen— da hielt er wohl einen Augenblick an, unschlüssig, ob er eintreten oder zurückgehen solle — dann aber überschritt er die Schwelle. Elisabeth war allein. Sie war ihm auf der Treppe entgegengegangen. Als er ihre Hand— ergriff, fühlte er sie beben, und che er recht wußte, wie es geschehen, lag Elisabeth an seiner Brust, weinend und schluchzend.— Nach einer Weile wehrte er ihr ab, drängte nach dem Zimmer und war mit gewaltigem Entschluß zur Selbst- beherrschung zurückgekehrt. Ein jedes hütete sich, von seinen Empfindungen zu reden. Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von Morgenroths Reise, von Elisabeths Beschäftigung und Zer- streuung während der Trennung, aber der Name Freimanns wollte keinem über die Lippen.— Während des Gespräches kamen die Eltern hinzu. Sie waren herzlich und freundlich wie immer. Frau Lieber nur schaute ihn einmal vielsagend an, und Morgenroth, die stumme Sprache verstehend, nickte zustimmend mit dem Kopfe.— Der alte Lieber war besonders bei guter Laune, er ließ aus dem Keller eine Flasche seines besten Weines holen und füllte unter humoristischen Bemerkungen die Gläser. —„Wissen Sie auch," sagte er im Verlaufe der Unterhaltung, daß Herr Freimann um Elisabeth freit?"--- Morgenroth, in sein Glas schauend, nickte, und erwiderte:„O, ja; ich habe davon gehört und ich habe auch gehört, daß Elisabeth die Wer- bung angenommen."-- Das gab eine peinliche Situation. Die Eltern sahen die Tochter stagend an.„Du hast endlich wirklich zugesagt?"— so erscholl es wie aus einem Munde.— „Wirklich zugesagt?"----„Sehen Sie," sagte Herr Lieber, zu Morgeuroth gewendet arglos,„davon wissen wir Alten noch nicht einmal."— Der aber nickte wieder in sein Glas hinein und entgegnete hastig:„Derartige Geheimnisse wollen wohl nicht recht von den Lippen und müssen ihnen erst entlockt werden." Herr Lieber lachte, Elisabeth erröthete und Frau Lieber sandte wieder einen vielsagenden Blick aus ihren graueu steundlichen Augen auf den Sprecher.—— Gleich darauf verabschiedete sich Morgenroth unter dem Vorhaben, seinen Freund Freimann in seiner idyllischen Behausung aufzusuchen.„Er wird sich recht freuen, mich zu sehen," setzte er hinzu, und diese Worte hatten ihre große Bedeutung.--- (Fortsetzung folgt.) bis Salzburg. Iahkke. stoben, überstrahlte die Sonne wieder den Rudolfsthurm, das Laub der Halde, des Wasserfalls Wogenschaum und den krystall- klaren Spiegel, auf dessen glatter Fläche in stiller Nacht die Kähne auf- und niederglittcn, melodische Stimmen das Lob der Himmelskönigin verkündeten; und als der Dampfer längs der Felsenwand die stahlblaue Flut durchschnitt, da wandelte sich von Minute zu Minute dies unvergleichliche Bild, bis am nördlichen Ende des Sees, wo die Wasser der Traun über das breite Wehr zum Grunde niederrauschen, das Felsenbecken sich dem Blick ver- schloß. Bauerhäuser und Wohnstätten von Gewerbetreibenden, deren Namen und Symbole auf farbigen Schildern prangen, säumen die Straße, welche zwischen stuchtbaren Fluren und be- waldeten Höhen nach Ischl führt und immer anmuthvollere Züge in den Gesichtskreis treten läßt. Reizende Villen, hier von Baumgrün, dort von Blumen bekränzt, mit Spiegelscheiben, Galerien, breiten Stiegen und aussichtsreichen Söllern, mahnen mit dem wachsenden Getriebe von Karossen, leichten Wagen, Reitern und Spaziergängern an die Nähe des Badeortes, dessen Architektur und Straßengewimmel den Sammelplatz der vor- nehnien, reichen Welt des Kaiserstaates verräth! Wer unter dem Laubdach der Doppelpromenade zwischen den Zelten reizender Blumen-, Bilder- und Waarenläden die wechselnden Gruppen und Einzelgestalten der Kurgesellschaft ins Auge faßt, oder von der Karolinenhöhe den Grundriß des Marktes, das Silberband der Traun und die bewaldeten Berge überschaut, der wird nimmer des Paradieses vergessen, in dessen anmuthvollen Gefilden die Mächtigen der Erde, Fürsten, hohe Würdenträger, schöne Frauen, Edelherren, Künstler und Gelehrte mit Kindern des Volkes sich mischen, um der Wonnen des irdischen Daseins sich zu freuen. Auf der Wanderung nach Strobl bot der Ausblick auf die grüubelaubten Kuppen und steilaufragendcn Felsgehänge, in deren Schluchten sich ein Jägertrupp verlor, auf der Seefahrt bis St. Wolfgang die Szenerie des felsenumgürteten Gewässers der Schaulust reichen Stoff; aber anziehender als Schafberg und Wislhorn däuchte mir im dämmerigen Chor der Kirche Michel Pachers Flügelaltar, den Schnaase in dem Fragment seines Nachlasses zu den großartigsten Leistungen der deutschen Kunst im Mittelalter zählt. Schon das Schnitzwerk im Schrein— die Krönung Maria im Innern eines gothischen, durch Pfeiler, Bögen, Fialen und Fenster reichgegliederten, mit Engelsschaaren belebten Doms— stellt eine Gruppe von wundervoller Schön- heit dar, die in den würdig aufgefaßten, plastisch durchgebildeten Seitenfignren der Heiligen Benedikt und Wolfgang harmonischen Abschluß erhält. Ein Hauch der Poesie durchweht diese tief- empfundenen Gestalten, denen sich die Rundfigurcn St. Florian und St. Georg als Ideale des Ritterthums zur Seite stellen; poesievoll, wie die Legenden aus deni Marienleben, sind auch die trefflichen Kompositionen der Geburt, Beschneidung und Opfe- rung Christi; wahrhaft ergreifend die Szene, welche den Tod Mariä auf goldenem Hintergrunde in warmen, leuchtenden Farben mit der trauernden Apostelgruppe vor das Auge des Beschauers stellt. Nicht minder wird der Freund altdeutscher Kunst in dem statuarischen, von formschönen Ornamenten umzogenen Giebel- und Predellaschmuck, wie in der wundervollen, mit Figuren ver- schlungenen Laubumrahmung stilvolle Verzierungen des prächtigen, eine kleine Bildergalerie umfaffenden Altariverkes finden. Zu früh verdunkelten die Schatten der Abenddämmerung die goldenen Gewänder und Weihegeschenke der heiligen drei Könige, der Kirchenväter ernste Köpfe, die genrehafte Gruppe der heiligen Familie und die gewaltige Figur des Riesen Christophorus, der das Kindlein auf der Schulter über das Waffer trägt; der nächste Tag brachte reichere Augenweide, und das geräuschvolle Treiben im Peterbräu, der bei der Ankunft und Abfahrt des Schiffes einem Taubenschlage glich, bildete zu der feierlichen Ruhe im stillen Tempelraum einen nicht unwillkommnen Gegensatz. Behält doch das Äeltleben seine hohe Berechtigung, ob es im Geleise der Berufsarbeit spurlos verrinne, ob es in Kunst und Wissen- schaft Unsterblichkeit erringe; und wenn in der Prosa ärmlicher Verhältnssse, in Mißgeschick und Trübsal des Glückes goldner Schimmer verblaßt, bleibt ihm noch jener beseligende Zauber, der hier als Hoffnung, dort als Glaube oder Liebe die Herbig- keit und das Leid der Gegenwart vergessen läßt. Ein heißer Sommertag nahte seinem Ende. Bairische Pilger wandten sich nach dem Gebet zur Betrachtung einer Bilderreihe, welche die Wunderthaten des gefeierten Bischofs von Regens- bürg der Nachwelt aufbewahrt, als ihnen die Gestalt des Heiligen in seltsamem Dunkel entschwand, das unvermuthet Schiff und Chor der Kirche erfüllte. Bon dem Vorplatz schaute der Mehner gedankenvoll bald zu dem Firmament, an dem sich düstere Nebel- flocken von Westen und Süden zusammenschoben, bald auf den See und einen kleinen, von Frauenhand getriebenen Kahn, der in der Richtung nach dem Leuchtthurm langsam weiter glitt. Kein Lufthauch säuselte in den Blätterkronen, aber die Schwüle der Luft und die rasche Verdichtung des Wolkenschleiers ließen den Ausbruch eines Gewitters befürchten, dessen Vorboten gleich schwachen bengalischen Flammen da und dort den Horizont be- leuchteten. Bald flüchteten Touristen, Spaziergänger, Land- bewohner zu Fuß und zu Wagen in das Dorf; unheimlichem Blätterraujchen folgte ein Windstoß, der Thürcn und Fenster erschütterte, den Flaggenmast am Strande auf- und niederbog und mit dem Klirren zerbrochener Scheiben, zerschnietterter Ziegel, das Stimmengetöse erschrockener Frauen in den Häusern über- tönte. Urplötzlich, urgewaltig brach das Ungewitter los; schäumende, brausende Wellen jagten in rasender Hast über den blaugrauen Spiegel; schwarze, schwefelgelbgerandetc Wolken senkten sich tiefer und tiefer auf die Wasserfläche, bis sie mit dem Staub und Gischt des entfesselten Elements zu undurchdringlichem Gewirr inein- j anderrannen. Schauerlich der Sturm, schauerlicher der Hexen- j sabbat wildbewegter Wassergeister: Stück auf Stück der Fahne, Splitter auf Splitter des Flaggcnschaftes verschwanden in dem Wirbel, der hier einen Kahn, dort ein Floß, eine Planke vom Ufer riß und auch die Schifferin auf dem Wege nach St. Gilgen zu verschlingen drohte.„Hülfe, Rettung dem armen Weibe!" erscholl es hier und da aus den Haufen neugieriger Zuschauer, und im Nu sah man dreizehn Männer mit kräftigen Ruder- I schlügen ein großes Boot dem Sturm entgegentreiben; doch nach j wenigen Minuten war das Fahrzeug auf die Seite gelegt und vom Ufer unaufhaltsam wie von Geisterhänden durch die Bran- I dung tiefer in das Wogengeschäume gerissen, wo es inmitten rollender Wasserberge bald im Abgrunde verschwand, bald wieder aus der Tiefe tauchte, während der Schiffer verworrenes Geschrei, das Krachen betäubender Donnerschläge und das Brüllen des Orkans in dem zunehmenden Dunkel die Beängstigung der Dorf-! bewohner wie das Herzeleid der Frauen steigerte, welche kaum mehr auf die Heimkehr ihrer Männer zu hoffen wagten. Da flog durch Finsterniß und Wogenschwall ein leichter Kahn mit Windesschnelligkeit heran; ein jäher Anprall, ein gellender Schrei und aus dem umgekippten Nachen fiel besinnungslos die Schifferin auf den Strand, zu deren Rettung jene Männer ihr Leben ein- gesetzt und preisgegeben hatten. Bei diesem Anblick faßten auch die Ruderer frischen Muth, zur Flucht aus dem unheimlichen Wasserschlunde noch einmal alle Kräfte anzuspannen; durchnäßt, ermattet, tieferschüttert, betraten sie nach langem Kampf den 1 Landungsplatz,— ein gütiges Geschick hatte sie beschirmt, die 1 Schrecken des Hochgewitters gebannt. Als am nächsten Morgen der Dampfer wieder seine breite Furche, Fischerkähne schmale Spuren auf den blauen Spiegel I zeichneten, im Sonnenlicht zitternde Kräuselwellen wie Diamanten glitzerten— war der grause Spuk verschwunden. Vor Sonnen- z Untergang sah man zwei Bursche ihr zierliches Schifflein an das 1 Ufer steuern und, nachdem sie gelandet, den Weg zur Schenke verfolgen. Frohmuth des einen, der mit der Hahnenfeder auf grünem Hnt, rothseidenem Halstuch auf dem weißen Kragen,! offenen, heiteren Blicks in das Zimmer trat und der Dienerin l Frage:„Ein Krügel, Mathes?" lachend bejahte—; Selbstgefühl des andern, der die kräftigen Glieder mit schlichterem Bauers- I kleide umschloß und den Gemsbart am schwarzen Filzhut trug— j feiner Umriß der gebräunten Wangen, freie Haltung der clasti- i schen Gestalten, lenkten aller Fremden Augen auf das Paar. I Beide zogen sich an das Fenster zurück, den Gehalt des gold- braunen Gerstensaftes zu erproben und dann eines jener Alpen- l lieber anzustimmen, die mit langnachhallendem Jodler der Liebe I Lust und Leid, des Herzens ungestilltes Sehnen offenbaren. „Grüß Sie Gott, Jungfrau!" unterbrach der jüngere die melo- 1 bische Weise, als eine Maid in hellgrauem Kleide mit rosig an- H gehauchten Wangen und blondem Ringelhaar am Tisch vorüber- s ging, ein Theebrett mit Geschirr auf die Veranda am See zu tragen.„Guten Abend,— schon wieder da?" gab ihre helle Stimme zur Antwort, indem sie zögernd stehen blieb.„Mit dem Hansl... nicht zum Vergnügen...; aber wollen Sie heut mit uns trinken?" Und der blühende Jüngling schob ihr das ge- schliffene Glas mit artiger Handbewegung entgegen. Ein milder Blick aus blauen Augen kreuzte den Glutstrahl des Burschen, als sie den Henkel faßte und mit dem Spruch:„Die Gesellschaft soll leben!" am weißen Schaum die rothen Lippen netzte.„Die Jung- frau daneben!" fügte der Begleiter unter Darbietung seines frisch gefüllten Kruges hinzu.„Könnten's nit eine Weile bei uns bleiben?"„Muß erst die Herrschaft bedienen, dann komm' ich wieder."„So lassen's nit lang warten, bitt' gar schön, Jungfer Marie!" Das Geplauder der Schiffer verstumntte, die geleerten Gläser blieben ungefüllt: das Mädchen ließ sich nicht mehr blicken. Nach vergeblichem Harren zog Hans in leichter Ungeduld die Uhr aus der Tasche:.Halber acht— fahren wir heim!"„Bis um neun Uhr sind wir doch in Gilgen, wenn wir auch ein Viertelstündel länger rasten und noch ein Krügel trinken." „Nun, Jungfrau," hob Mathias unter leichtem Erröthen an, als die Erwartete endlich durch die Thüre eingetreten war, „mein Kamerad hat schon, Langweil und möchte nach Haus—; wenn Sie uns begleiten häten, das gäb' eine lustige Fahrt."— „Womit wollen Sie Sich denn belustigen?"—„Wir schwatzen.. und singen.. und.."—„Werfen mich zum Vergnügen an der tiefsten Stelle in den See?"—„Warum nit gar! Sie dürfen uns schon vertrauen."—„Wo wollen Sie mich aber in Gilgen lassen?"—„I führ Sie zu meiner Mutter, zeig Ihnen das Heim, die Kuchel, den Garten.."—„Und wenn mir alles nicht gefällt?"—„Dann.. ja dann bring ich Sie morgen nach St. Wolfgang zurück."—„Wenn Sie aber Ihre Mutter haben, was soll da noch ein Madel in der Kuchel?"—„Die Mutter ist alt.. und die Kuchel ist mem."—„Fahren Sie mit?" unter- stützte Johannes die Bitte;„auch in Gilgen gibt es gute Leute.. und den Mathes kenne ich bald zwanzig Jahre."— Es war ein langer, tiefer Blick, den die Maid auf das Gesicht des älteren Schiffers heftete und die Stimme klang inniger, aber auch ernster, als sie leiser erwiderte:„Glaub' Ihnen alles, was Sie sagen, aber mitfahren.. das kann nicht sein!"—„Nun, Jungfrau," versetzte dieser in lebhafter Erregung, indem er aufsprang und ihre Hand zu fassen versuchte:„so setzen Sie Sich zu uns, bis wir fahren.. zu meinem Kameraden, der Sie gar zu gerne hat."— Ein Augenblick der Ueberlegung, dann wehrte sie ent- schieden ab:„Nein, nein;.. Hab' auch dazu nicht Zeit."— Der stolze Jüngling warb nicht mehr; gleichgültige Bemerkungen endeten die Wechselreden; lautlos leerten beide ihren Krug auf einen Trunk zur Neige.„Um neun Uhr müssen wir daheim sein, Hansl.. gute Nacht!" Kein Zug des Mundes verrieth den Fehlschlag süßer Hoffnung, als Mathes an der Seite des Freundes das Zimmer verließ, kein Wort, kein Blick ließ ahnen, daß der Liebe Müh' umsonst gewesen. Goldig leuchteten die waldgekrönten Höhen, silberfarbig schil- lerte der Wasserspiegel und durch das Baumgezweige strich er- frischende Morgenluft, als ich am nördlichen Ufer des Sees zu dem Heiligthum pilgerte, das der Bischof von Negcnsburg— wie die Legende meldet— für sich selber in der Wildniß auf- gerichtet hatte. Am Rande eines Wiesenplans, der zwischen mauersteilem Fels und sanftgerundeter.Halde den Ausblick auf das verborgene Gemäuer des„Falkenstein" eröffnet, rieselte ein Quell aus dem Gestein; hier ruht auf losen Pfosten ein Bretter- dach zu Schutz und Schirm des Wanderers und halbverwischter Bilder, deren Inhalt die Unterschrift in holperigen Versen zur Erläuterung dient. Man siebt ein Häuflein ftommcr Christen beten im Glauben an die Heiligkeit des Priesters, dem Kaiser Otto das reiche Bisthum Regensburg verleiht; sieht den Bischof aus dem Stadtgewimmel fliehen, in strenger Abgeschiedenheit den Himmel zu erwerben und den Teufel Felsenwände zerreißen, um den Klausner zu verderben.„Doch betend wehrt dem Sturz der Bischof durch seine ausgestreckten Hände.— In Wassernoth stößt er an diese Felscnstelle und seitdem sprudelt hier die Wunder- quelle." Merkwürdiger als der Zauber des Bösen und die Thaten des Heiligen erscheinen jedoch Zelle und Kapelle des Eremiten in dem grünumlaubten Fels. Eine Höhle hat der Klausner zur Stätte der Andacht erkoren, zum Tempel umgestaltet in dem stillen Frieden einer wildromantischen Natur. Unten der lieb- liche See, oben Quellgeriesel, Wald- und Wiesengrün.. wer empfände nicht heute noch die Reize dieser idyllischen Einsiedelei, deren Gründung alte Ueberlieferung an den Namen des berühmten Kirchenfürsten knüpft? Auf lauschigem Pfade durch den Wald hinab nach Winkel, auf breiter Straße von der Meierei zum Schlosse Hüttcnstein, dessen gothischen, von Thürmen flankirten, mit Erkern und Bogen- fenstern auf erhöhte Terrasse gestellten Prachtbau rückseitig ein wundervoller, zwischen Wiese, Wald und laubigen Hain gebetteter Weiher begrenzt. Vom Wegesrande sieht man tief in der dunklen, von Rohr und Binsen durchzogenen, von Schmetterlingen um- gaukelten Flut des Waldsaumes schattenhaftes Spiegelbild. Durch- wandert man den Tann bis Schärfling, so erschließen die letzten Bogen der verschränkten Wipfel den Ausblick auf des Mondsees sonnbeglänzten Spiegel und das grüne, vom trotzigen Firste des Schafberges überragte Hügelland. Alpenfahrer rüsteten zum Ausstieg auf die Warte, Reisende zur Fahrt nach Mondsee oder zum Verlveilen in dem belebten Hospiz und das Verdeck des Dampfers wurde von Fremden, Stadt- und Landbewohnern ge- füllt, unter denen zwei Bäuerinnen aus Vöcklabruck allgemeine Neugier erweckten. Mutter und Tochter, beide hübsch, obwohl neben dem fein- geschnittenen Oval der hochgewachsenen Maid die Wangen der Bäuerin von gröberem Umriß erschienen, im Feiertagsgewande, den feinen Wollenrock mit breiten Strichen, die schwarze Seiden- jacke mit zierlicher Borte besetzt und den Scheitel mit schwerem Seidentuche verhüllt, das bei der Frau fingerbreit, bei der Jung- stau handbreit zurückgeschlagen war, Fülle und Farbe des glän- zenden, wellig gescheitelten Haars zu zeigen. Halsband, Uhr und Ohrgehänge von lauterem Golde, Lederstiefel und farbige Handschuhe ergänzten den Reiseanzug und stellten den Reichthum ihrer Trägerinnen zur Schau. Neben ihnen ließ ein stolzes Fräulein mit klassischem Profil von Zeit zu Zeit das müde, halb verschleierte Äuge über die Tracht der Bäuerinnen gleiten, um mit gekräuselten Lippen wenige halblaute Worte ihrem Ge- fährten zuzuflüstern, der selbstvergessen, wie in wonnigem Be- Hägen, den blauen Rauch der Cigarette in die Lüfte blies. Bürger von Mondsee und Passanten, die einen von der Ufer- szenerie und den Felsgebilden des Drachenstein, die andern von den blauen Fernen der heimatlichen Gebreiten angezogen, kürzten durch leichtes Geplauder, dem die Funken humoristischer Laune und des Witzes loses Spiel belebenden Wechsel verliehen, die rasche Uebcrfahrt. Mondsee war erreicht. Was in dem Ort zu schauen, der zu Tassilo's Zeit schon durch gelehrte Mönche und weltgewandte Aebte des Benedektinerklosters Glanz und Ruhm gewann und der in unfern Tagen, von Gelehrten der Residenz zur Sommer- frische erhoben, immer anmutbvollere Züge dem Landschaftsbilde verwebt, das ist in dem trefflichen Büchlein des pflanzenkun- digen Forschers Hinterjuber zu lesen; der Staub des Kloster- archivs, dessen Folianten und Pergamente die Hoffnung auf Schriften und Belege über den Wolfgangaltar wach erhielten und das bewegte Treiben in der Lindenstraße, wenn die Touristen kommen oder gehen, mag photographischer Spiegelung entzogen bleiben. Auch über Volksbrauch und Sitte war wenig zu er- stagen, da selbst die Hochzeitsfeier keine alterthümlichen Formen bewahrt, nicht immer Mustka und Tanz das Mahl begleiten, an dessen Reichhaltigkeit man den Wohlstand des Paares ermißt. Sonntags sammeln sich die Bauern nach der Kirche in der Schenke und enthüllen beim Labetrank die Licht- und Schatten- feiten ihrer nicht immer gutgearteten, bisweilen herben, derben Natur, während Bursche und Mädchen durch Wohlgestalt und den Ausdruck der Befriedigung ersteuen, wenn sie im säubern Sonntagskleide die Staffage des Kirchenplatzes bilden. Im ganzen ist das Leben heiter, Armuth wenig fühlbar, und die Geselligkeit der Bewohner gleicht manche Uebelstände aus, hilft mit Kränzchen und Tanzvergnügungen über die Einförmigkeit und Oede des Winters hinweg, bis das Dampfschiff neue Gäste an das malerische Seegestade führt. Auf der Fahrt nach Zell am Moos begegnete uns auf offnem Wägelein ein holdes Frauenbild, das die Blüthe der Jugend auf dem feingeschnittenen Gesichte trug.„Wer ist die Maid?" erklang unwillkürlich die Frage beim Anblick der rasch vorüber- eilenden Gestalt.„Eine Bäuerin von Oberbergkirch.. Mutter von fünf Kindern," bedeutete uns lächelnd die Begleiterin.„Un- möglich, das Mädchen kann kaum zwanzig Jahre zählen!"— „Vielleicht erst neunzehn; aber sie hat mit vierzehn Jahren dem Manne die Hand gereicht und der Himmel ihrem Bunde nicht den Segen der Liebe versagt." Schon hatten wir das Schienengeleise überschritten, aber noch sah man den Kirchthurm von Straßwalchen in weiter Ferne und erst nach einer halben Stunde hielt das Fahrzeug an der Bahn. Mühsam klommen die Passagiere auf der hohen Stiege zu den Wartesälen hinan, sausend flog das Feuerroß durch Iveitgeftreckte, hügelige Auen den Kuppeln der erzbischöflichen Residenz entgegen, über deren Dächermeer der Zinnenkranz von Hohensalzburg im Abendsonnengolde blitzte. So unerfreulich das Gedränge in und vor der Halle, so entzückend der Blick über Dom und Kloster auf den Felsenrückcn des Mönchsberges, über Häuser und Gärten auf das Laubgewirr des Kapuzinerberges.. so beruhigend die Stille in dem Gartenzimmer des„Regenbogen", als in den Schatten der Dämmerung des Bildes Farbenglanz verschwand. In früher Morgenstunde begann die Umschau am Ufer der Salzach und der Aufstieg zu dem Buchenhain des Klosterberges, der von dem Seitenvorsprung eine malerische Ansicht des Flusses und der Stadt, vom Gipfel ein großartiges Rundgemälde mit den Riesen des Hintergrundes erschließt. Nachdem die Propheten- köpfe von der Thür der Kapuzinerkirche, Altcrthümcr, Bilder- 600 werke im Museum, Leichensteiue und Felsengrotten auf dem Fried- Hof von St. Peter mit den Kirchenschätzen, Skulpturen und Ge- mälden im Dom, der Nonnen- und Franziskanerkirche das Auge ermüdet hatten, bot der offene, vom blauen Himmel überspannte, von grünem Gezweige beschattete Hof des Peterskellers ein lau- schiges Plätzlein neben dem Brünnlein zur Rast. Stunden ver- rannen mit den Freunden beim funkelnden Wein und dem Rück- blick in vergangene Zeiten, auf der Kindheit Morgenroth. Dann ließen die Wildniß des Parkes von Aigen, Gartenanlagen und Wasserkünste in Hellbrunn, Laubengänge und Vogelhaus von Mirabell nicht minder als die Rundschau von dem Mönchsberg auf zackige Firsten und blühende, in weiter Fläche verrinnende Fluren die Sch'önheit der gefeierten Juvavia und des salzburger Landes empfinden. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Mudolph von W. (Fortsetzung.) „Ein langer, verwegen aussehender Mensch mit einem Pflaster über dem Auge!" rief Fritz Lauter.„Ah— das wird am Ende der Mensch sein, welchen der Herr Willisch mit dem Peitschen- griff vom Wagentritte heruntergeschlagen hat, als er mich neulich, ohne irgend eine Veranlassung thätlich angreifen wollte." „Der ist's freilich gewesen," erwiderte Klinke.„Darüber hat er auch so furchtbar geschimpft und geschworen, er wolle es Ihnen heimzahlen und für den Artikel in der Zeitung, in dem sie die Bauern hier im Gebirge schlecht machten, wie er sagte, kriegten Sie's auch. Und mit dem Artikel hat er auch die Oberwalters-� dorfer aufgehetzt, denn alle, die ich von den Leuten traf, auch' ganz vernünftige Kerle sonst, waren aufgebracht über den Artikel." „Dieser Artikel," rief Fritz Lauter, dem das Blut ins Gesicht gestiegen war,„enthält Abscheuliches, und die Leute haben ein Recht, dem Verfasser zu zürnen; ich aber bin der Verfasser dieser Auslassungen nicht--" „Das dacht' ich mir schon," entgegnete Klinke treuherzig,„und darum vcrthcidigt' ich Sie auch, gründlich und derb. Der Lange aber wollte nichts hören. Der sagte, ich wäre auch so ein Duck- mäuser und steckte, wie Sie, mit den reichen Leuten unter einer Decke, eine elende Bcdientenseele und ein Menschenschinder wäre ich, wie all' das Wärterpack aus dem Tollhause, und als ich über die nichtswürdige Schimpferei endlich auch die Geduld ver- lor und grob wurde— da fiel das Gesindel allesammt über mich her, und wenn ich mich auch meiner Haut wehrte— ich sag' Ihnen, wenigstens ein Dutzend von den Kerlen wird noch lange an mich denken!— so kriegte ich doch schließlich selbst den Buckel so voll, daß ich froh war, einen günstigen Moment zu erwischen, um auszureißen, was das Zeug hielt. Und laufen könnt' ich besser, als die Kerle, das war mein Glück,— freilich mußt' ich einen Riesenumweg machen, damit ich der Bande nicht wieder in die Hände fiel, und dachte schon, ich würde Sie alle garnicht mehr hier treffen, drum Hab' ich mich so abgehetzt, daß mir fast das bisset Lebenslust vollends ausgegangen wär'. Na, nu wären wir aber glücklich wieder beisammen und können an unsere Arbeit gehen. Den Kerlen dürfen wir natürlich nicht in die Hände fallen, wenn uns unser Leben lieb ist; das können Sie mir glauben." Klinke nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Die andern Wärter bestürmten ihn mit einer ganzen Menge von Fragen, die er bereitwillig und augenscheinlich sehr zufrieden, daß er aus der fatalen Affäre so mit blauem Auge davongekommen sei, beant- wortete. Fritz Lauter und Doktor Wendelin beriethcn, was zu thun sei. Aus Klinke's Mittheilungen und noch mehr aus dem, was ihm geschehen war, ging mit voller Klarheit hervor, daß es gerathcn war, dem von dem langen Joseph geführten Haufen auszuweichen und Oberwaltersdorf vorläufig zu meiden. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf das nächst- gelegene Gut des Freiherrn von Bergen zu begeben, um dort ein Boot oder ein Floß aufzutreiben. Bis dahin war es freilich zwei Stunden Wegs. Aber es konnte nichts helfen. Sie theilten ihren Entschluß den Wärtern mit und brachen sofort auf. 4-* * In Oberwaltersdorf ging es ganz außergewöhnlich lebendig zu. Der Regen hatte endlich aufgehört und aus allen Häusern kamen die Leute hervor, um auszuschauen und sich zu erkundigen, was für Schaden wohl das Wasser in der Gegend ringsum an- gerichtet und was man noch zu befürchten habe. Diese Wißbegierde und das rege Mittheilungsbedürfniß der Leute hatten sich der Schulmeister Hampel und sein Freund, der lange Joseph, redlich zu nutze gemacht. Das Blaue vom Himmel heruntergeschimpft hatte der Lange auf das Zeitungsschreiberpack im allgemeinen und Fritz Lauter im besondern, den nichtsnutzigen Faullenzer, der wochenlang in den Bergen herumgeschnüffelt habe, um die reichen Leute in der Stadt noch mehr, als ohnehin schon der Fall wäre, gegen das arme Arbeitervolk aufzuhetzen. Und was das für ein Heuchler wäre, setzte er dann auch noch den bei der erregten Stimmung, in welcher sich alle befanden, sehr leicht in Erbitterung hineinzuredenden Leuten auseinander, was für ein unverschämter Heuchler dieser Laffe von Zeitungsschreiber wäre, das sei wahrhaftig kaum zu glauben. Ueberall Hütt' er gethan, als wenn er der größte Freund der armen Leute wäre, und die ersten Artikel, die er geschrieben hätte, die wären auch ganz vernünftig gewesen, auf einmal aber wär' die Teufelsklaue so recht zum Vorschein gekommen, eben zu der Zeit, wo sie, die Leute im Gebirge, am nothwendigsten eine ordentliche Unter- stützung gebraucht hätten. Der Herr Hampel, welcher heute ursprünglich die Absicht gehabt hatte, sich von dem langen Joseph und seinem jetzt un- gefähr bis auf dreißig Mann zusammengeschmolzenen Gefolge hinwcgzustehlen, aber in der edlen Absicht, die faubere Gesellschaft auf den ihm von ungefähr in den Wurf gekommenen Fritz Lauter zu Hetzen, wieder zurückgekommen war, setzte immer noch seine kräftigsten Trümpfe drauf, wenn der lange Joseph so die Leute aufhetzte. Daß sich der Zeitungsschreiber vom„Tageskorrespondenten" zuerst so freundlich und anständig gestellt hätte, das war' eben nichts weiter gewesen, als nichtswürdig schlaues Raffinement, erklärte er mit wichtiger Miene und nachdrücklichem Tone den seiner vermeintlichen Weisheit mit großer Andacht und Achtung zuhörenden Leuten. Denn dann, wenn er— der Zeitungs- schrcibcr— einmal in den Geruch eines Volksfreundes gekommen wäre, würde ihm nur umsomehr geglaubt, wenn er später schlecht von dem Volke schriebe. Das leuchte doch ein, meinte Herr Hampel, und die Zuhörer ballten entrüstet über soviel Nieder- tracht die Fäuste, der eine oder der andere schüttelte wohl auch noch etwas ungläubig das Haupt, aber der amerikanische Schul- ineister schlug jedes Bedenken und jeden Zweifel nieder mit der gewichtigen Versicherung: So wär's eben, darauf verstünde er sich, so mache es das verächtliche Pack der Zeitungsschreiber immer. Vor dem Zusammenstoß mit Klinke hatten es die beiden so gemacht und nachher fuhren sie damit fort. Sie waren im Be- griff gewesen, aus Oberwaltersdorf abzuziehen, als sie Klinke begegneten. Der Schulmeister hatte sich, als er Klinke kommen sah, in vorsichtiger Entfernung gehalten und war schließlich ein gutes Stück Wegs zurückgegangen, um, wie er dem langen Joseph nachher sagte, dafür zu sorgen, daß dieser und seine Leute bei der kleinen Motion— wie Herr Hampel die brutale Mißhand- lung Klinke's nannte— nicht gestört würden. Bei der Verfolgung Klinke's war die ganze Sippe weiter nach Oberwaltersdorf hineingekommen, und hier ging es natürlich nicht ab ohne eine tüchtige Stärkung durch Schnaps, wofür der splendide Herr Hampel immer Geld hatte und hergab. Die Stärkung hatte ziemlich lange gedauert, und die Hetzerei war immer ärger geworden und hatte sich schließlich über Fritz Lauter und die Eisenbahndirektion mit den fremden Arbeitern hinaus so ziemlich auf alle Welt erstreckt. Insbesondere war auch das Personal des Irrenhauses sammt seinem Direktor wieder schlecht dabei weggekommen. Damit hatten die Hetzer es denn fchließlich soweit gebracht, daß die erklärliche und sehr berechtigte Aufregung der Oberwaltersdorfer noch eine bedeutende künstliche Steigerung erfuhr und auch die durchaus gutgearteten und ver- ständigen Waltersdorfer ganz dazu aufgelegt erscheinen ließ, bei nächster bester Gelegenheit zu irgendwelchen Gewaltstreichen über- Zugehen. Endlich ermahnte Hampel den langen Joseph und seine Leute Zum Aufbruch. Er hatte im stillen immer noch geglaubt, Fritz Lauter und seine Begleitung würde ihnen heute in Oberwalters- dorf in die Hände laufen, zumal der gangbarste und nächste Landweg nach dem Jrrenhause, wohin sich seiner Meinung gemäß die kleine Expedition nach Verlust ihres Bootes doch wenden wußte, mitten durch das Oberdorf hindurchführte und Klinke, wie er genau beobachtet hatte, nicht nach der Gegend zurück hatte fliehen können, wo seine Gefährten wahrscheinlich seiner geharrt hatten. Am Ende sah jedoch der ehemalige Schulmeister ein, daß er sich verrechnet hatte, und nach sorgfälttgem Erwägen der Sachlage gelangte er zu der Ueberzeugung, daß Lauter seinem rachsüchttgen Ingrimm entweder durch einen auf eine ihm freilich unerklärliche Weise aufgetriebenen Kahn vorläufig wieder ganz entkommen sei oder nordwärts am Wasser entlang nach einem andern, nicht allzufern und hochgelegenen Dorfe seinen Weg ge- nommen haben müsse. Dort den verhaßten Gegner aufzusuchen und dabei gleichzeitig nachzusehen, ob da oben nicht auch noch etwas von den begon- neuen Bahnarbeiten zu zerstören und damit das Werk des ver- gangenen Tages fortzusetzen sei, das schien dem Biedermann noch einiger Mühe Werth. Es bedurfte nicht viel Mühe, den langen Joseph von der Nützlichkeit dieser Expedition zu überzeugen, und dem folgten die übrigen, welche an der Zerstörung der Perleviaduktarbeiten theil- genommen hatten, als ihrem in stillschweigender Uebereinstim- wung erwählten Führer, wenigstens solange, als Hampels Beutel für den entsprechenden Borrath spirituöser Getränke sorgte. So zogen sie denn ab, die Straße durch das Oberdorf hinauf, gefolgt von einigen waltersdorfer Burschen, welche daheim auch mchts zu verlieren und zu behüten hatten, und mit in die Welt hineinzulaufen bereit waren, gleichviel zu welchem Zwecke und wohin. Als sie am Ende des Dorfes auf der Höhe eines respektablen Berges angelangt waren, konnten sie weite Umschau halten. Die Luft war ziemlich klar und die Sonne ließ ihre Strahlen in harmloser Heiterkeit über die vom Unwetter trostlos zugerichtete Gegend hinstreifen. „Führt da nicht die Straße nach Seifersdorf, einem der Güter des Barons von Bergen?" fragte Herr Hampel Plötzlich den langen Joseph, indem er auf eine Chaussee, die am Fuße des Berges entlang führte, hinwies. Der Gefragte nickte und Hampel fragte weiter: „Und ist der von Bergen nicht der dickste Freund von dem Jrrenhausdirektor? Wie?" „Freilich und wie!" brummte der lange Joseph.„Das vor- nehme Pack hängt zusammen, wie die Kletten." Herr Hampel beachtete diese Bemerkung seines würdigen Kumpans nicht weiter Ein schlauer Einfall machte ihm zu schaffen. „Das Ding da unten— das Haus mit dem rothen Dach, das da ganz allein liegt, wo die zwei Chausseen sich kreuzen, fit das Wirthshaus ,zur goldnen Tanne'. Die Post hält da immer an, nicht wahr, Joseph?" „3la natürlich— da könnten wir wohl wieder einen Schluck nehmen, Schulmeister, wie?" lächelte jetzt der lange Joseph verschmitzt.„Durstig sind Sie wie der Teufel, das muß Ihnen der Neid lassen." „Schnaps haben wir nun alle heute schon grade genug, mein' ich," erwiderte abwehrend der Schulmeister,„darum ist mir's jetzt nicht zu thun. Aber ich denke, der Zeitungsschreiber und die Kerle aus dem Jrrenhause müßten da vorbei, wenn sie nicht durch's Wasser durchgekonnt haben. Wenn wir uns nun beeilen, kriegen wir sie bald wieder ein oder wir hören wenigstens, wo sie hin sind. Wie, alter Joseph? Ihr möchtet doch, denk' ich, gar zu gern mit den ein vernünftiges Wort reden?!" „Na ob," brummte der lange Joseph wieder und ballte die Faust.„Und recht habt Ihr, Schulmeister; da Sie ihnen das Gondeln für heute vergällt haben, mußten sie entweder durch's Dorf da oder hier'rum, das stimmt. Kommt, ihr Leute, fix!" rief er den andern zu, die, zum großen Theile angetrunken, singend und allerlei wilde Reden führend, hinterdreinkamen.„Dort ist die, grüne Tanne', da gibt der amerikanische Schulmeister wieder einen Tropfen zum besten, weil wir ihm gestern und heute so höllischen Spaß gemacht haben, wer zuerst unten ist, kriegt en paar Groschen extra, der Schulmeister will sehen, wer von euch am flottesten zuschreiten kann." Diese Aufmunterung that.sofort ihre Wirkung. Die Leute, besonders die jungen Burschen, johlten laut auf und begannen ein förmliches Wettlaufen auf die„grüne Tanne" zu. So eilig hatten es nun weder der lange Joseph noch der Herr Hampel. Aber sie ließen die Kumpane laufen und gingen gemächlich schreitend nach. Bei dem Wirthshaus„zur grünen Tanne" stand, als die ersten von den Begleitern des amerikanischen Schulmeisters in die Nähe kamen, eine uns wohlbekannte Gruppe von Männern. Der Schulmeister hatte gut spekulirt, als er vermuthete, hier würde es ihnen möglicherweise gelingen, Fritz Lauter und seine Begleiter abzufassen. Die Männer, welche, soeben vor dem Thore des Wirthshauses angelangt, sich mit dem robusten Tannenwirth unterhielten, waren wirklich Fritz Lauter und seine Gefährten. Verwundert schauten sie auf, als sie es wie eine wilde Jagd von der Höhe, an deren Fuße die„grüne Tanne" lag, herabkommen hörten. Klinke erkannte die beiden, welche zuerst in Sicht kamen, auf der Stelle. „Himmeldonnerwetter!" schrie er.„Da hätten wir die Bande ja auf dem Halse. Da, na ich gratulire, es ist richtig die ganze Sippe, und wir können uns auf eine ordentliche Schlacht gefaßt machen, wenn wir nicht wie die Hasen davonlaufen wollen." Fritz Lauter und die andern verstanden ihn sofort, bis auf den Wirth. Mit wenigen Worten machte Klinke diesem klar, in welchem Konflikte er selbst vor wenig mehr als zwei Stunden mit den so stürmisch Daherkommenden gerathen gewesen und was jetzt etwa zu erwarten sei. Der Wirth war ein kaltblütiger, wegen seiner Derbheit und Energie in der ganzen Gegend bekannter Mann. Er kam auch jetzt nicht einen Augenblick aus dem Texte, wenn er auch die Möglichkeit eines argen Skandals nicht verkannte. „Gehen Sie da ins Hinterhaus und schließen Sie ruhig die Thür hinter sich ab. Da oben im ersten Stock ist eine gute Stube, in der bleiben Sie, bis die Lust rein ist. Ich will in- zwischen die Burschen zur Raison bringen, wenn sie Sie schon erkannt haben sollten. Aber jetzt rasch, meine Herren. Erkennen sie Sie nicht, desto besser." Doktor Wendelin schritt rasch voran nach der bezeichneten Thür. Fritz Lauter und Klinke waren die letzten. Diese Flucht, zu der sie sich durch die Umstände genöthigt sahen, gefiel beiden nicht. Klinke hätte am liebsten den Kampf gleich wieder auf- genommen, und Fritz Lauter drückte das Gefühl, als wenn er allein an der fatalen Lage seiner Gefährten schuld sei und die Pflicht hätte, komme es für ihn, wie es möchte, sie daraus zu befreien. Der Wirth war den neuen Ankömmlingen entgegen gegangen und pflanzte sich nun an dem Thor seines Wirthshauses breit vor den drei, vier ersten von des langen Joseph Bande, die eben pustend und keuchend angelangt waren, auf. Erst schien es ihm, als ob von irgendwelcher Gefahr keine Rede sein könne, denn die Leute zankten sich zunächst nur darum, wer von ihnen zuerst vor der„grünen Tanne" angekommen wäre. Aber er sollte so- fort enttäuscht werden. „Ich war der erste," schrie der eine.„Das kann ich euch beweisen. Denn ich allein Hab' die Gesellschaft gesehen, die eben in Tannenwirths Hinterhaus da hineinging und grade in dem Augenblick in der Thür verschwand. Von euch hat sie keiner gefefien, I)e?" Gin' paar von den Burschen schwiegen. Der eine aber be- hauptete, er habe die Leute freilich auch gesehen und eher, als der andere Sprecher. „Aber wer sie sind, das weißt du nicht," rief nun dieser. „Du sahst höchstens ihren Rücken und Iveiter nichts. Ich aber Hab' sie schon gesehen, eh' sie sich umdrehten." „Was geht das mich an, was das für Leute sind," rief der andere ärgerlich. „Na, dich geht's nichts an, aber den Joseph geht's höllisch was an, und dich würd's auch was angehn, wenn du so was wie Ehrgefühl hätt'st und dem Kerl, der dir vorhin den riesigen Hieb auf den Schädel gab, daß du hinflogst wie en angeschossener Hase, wenn du mit dem gern noch ein Wort sprechen thätst. Aber du hast genug von dem, gelt?"(Fortsetzung folgt.) Rebe und Rose. In dem Garten am Meer ein Rebenstrauch In Blüthe stand, An ihm sich eine Rose wand In Lieb' enlglüht empor Und klagte ihm mit duft'gem Hauch Ins Ohr: „Wenn ich vor Sommerabschiedsgruß So frühe schon verwelken muß, Du trittst hinaus erst in die Welt, Dann wirst du erst ihr Götterheld. Wann du geworden bist der Wein, Die Rose wird vergessen sein, Dir wird man Ehre schenken, An mich wird niemand denken!" In dem Nebenlaub mit süßem Schall Eine Nachtigall Die Antwort sang. Sie zog die Töne mit Zücken, das klang: „Glühe, Rose, glühe! Blühe, Rebe, blühe! Wann du worden bist zu Wein, Wird in dir die Rose sein, Wird ihr Duft dir geben Wonnigliches Leben. Aber du zu ihrem Ruhm Wirkest, daß die Wunderblum' Ewig in dir blühe. Glühe, Rose, glühe!" Leop. Jacoby. Der Freidenker Moses Mendelssohn. Von Dr. Mar Uogler. (Hierzu das Porträt Mendelssohns S. 592.) Mit dem letztvergangenen Jahre verknüpften sich mehrere, nicht blos für Deutschland, sondern für die ganze civilisirte Welt hochbedeut- same Erinnerungen: in demselben waren es lüg Jahre, seitdem zwei der größten Aufklärer und edelsten Menschenfreunde aller Zeiten, Gott- hold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn, geboren worden, und 100 Jahre, seitdem das erhabenste Geisteswerk des ersteren,„Nathan der Weise", dieses Grund- und Textbuch echter Humanität, erschienen. Die„Neue Weht" hat über den Schöpfer des„Nathan" bereits eine ausführliche Arbeit aus der Feder ihres Redakteurs gebracht und sie wird demnach nur eine nahe liegende Pflicht erfüllen, wenn sie jetzt auch ihren Lesern das Lebens- und Charakterbild des merkwürdigen jüdischen Philosophen in kurzen Zügen vor Augen führt. In dem schlichten Hintergebäude des Hauses Askanischestraße Nr. lg zu Dessau liegt im Erdgeschoß ein kleines, armseliges Stübchen, in welchem vor anderthalbhundert Jahren der Schreiber und Elementar- lehrer Mendel, ein unbemittelter, in den dürftigsten Verhältnissen leben- der, aber wegen seines stillen und makellosen Wandels in der Gemeinde hochgeachteter Mann, seine Wohnung hatte. Im vorigen Jahre ist das ganze Grundstück von der Mendelssohnstiftung erworben worden, um, nachdem die darauf stehenden Gebäude auf das nothwendigste restaurirt, um- und ausgebaut sciu werden, einem Asyl für alte, ver- verdiente, arme Gelehrte als würdige Stätte zu diene». Hier hat Moses Mendelssohn am 6. September l729 das erste mal die Augen dem Lichte geöffnet. Er ist also auch einer von jenen Sternen, die aufgegangen, wo es niemand ahnte, und die bestimmt waren, nachher um so heller die Welt zu erleuchten. Trotz seiner Armuth ließ der Jude Mendel seinem Sohne eine sorgfältige Erziehung angedcihen, theils unterrichtete er ihn selbst, theils geschah es durch den gelehrten Rabbiner Fränkel. Neben der Bibel und dem Talmud, die ihm nalür- lich am nächsten lagen, wendete sich der kleine Mendel schon sehr zeitig den religions- philosophischen Schriften des Judenthums, insbesondere dem berübmten ethischen Werke des Maimonides,„More Nebochim" („Führer der Irrenden") zu, welches er mit solchem Eifer studirte, daß er in eine Nervenkrankheit verfiel, aus der er infolge nachlässiger Be- Handlung ein gekrümmtes Rückgrat und eine stets schwächliche Gesund- heit davontrug. Da ihn sein Vater nicht ernähren konnte, begab er sich in seinem vierzehnten Lebensjahre nach Berlin, wohin sein Lehrer Fränkel als Oberrabbiner berufen worden war. In der preußischen Hauptstadt lebte er nun mehrere Jahre in der äußersten Dürftigkeit, erfreute sich aber des Umgangs von freigcsinnten Männern, die bestimmend und weiterbildend auf seine Geistesrichtung einwirkten. Unter diesen ragen hervor Israel Moses, ein tiessinniger Denker und ausgezeichneter Mathe- matiker, der wegen feiner Freiniüthigkeit verfolgt, ein Märtyrer der Wahrheit, in gleicher Armuth lebte und seinen jungen Glaubensgenossen vor allem auch in die griechische Philosophie einführte, der Arzt Kisch, der ihn zur Erlernung des Lateinischen ermunterte und ihm selbst Unterricht in dieser klassischen Sprache ertheilte, Dr. Gumperz, der ihn in die neuere Literatur einführte, und verschiedene talentvolle junge Männer, mit denen er über alle möglichen Gebiete des Wissens, vor allem aber über philosophische Themata, schon damals ernste Gespräche pflog- Seine äußerlichen Verhältnisse besserten sich erst wesentlich, als ihn im Jahre 1760 der reiche israelitische Seidenhändler Bernhardt als Erzieher seiner Kinder in sein Haus nahm und nebenher als Auf- seher in seiner Fabrik beschäftigte. Vier Jahre später wurde er Buch- Halter im bernhardt'schen Geschäft und schließlich Theilhaber desselben. Seine verbesserte materielle Lage trieb ihn eifriger an, jede Spanne freie Zeit, die ihm blieb, mit desto größerem Fleiße zu benutzen, indem er sich namentlich aus das Studium der philosophischen Systeme eines Wolff und Locke, Spinoza und Leibnitz warf. Von entscheidender Bedeutung für sein bald beginnendes schriftstellerisches Wirken wurde die Bekanntschaft mit Lessing(1754), die in der einfachen Weise zustande kam, daß man ihm diesen als trefflichen Schachspieler empfohlen hatte, aus der sich aber jene treue Freundschaft entwickelte, die beide für das Leben verband, und als deren nächstes wichtigstes Ergebniß das Er- scheinen des ersten mendelssohn'schen Werkes anzusehen ist. Dieses Werk nämlich, die„Philosophischen Gespräche"(Berlin 1755), war Lessing von seinem Freunde im Manuskript zur Durchsicht mitgetheilt worden; jener aber beförderte es ohne Mendelssohns Vorwisscn zum Druck, da sich dieser, wie er glaubte, in seiner Bescheidenheit wohl schwerlich zur Veröffentlichung der werthvollen Schrift entschlossen haben würde. Mit dem Jahre 1755 beginnt auch seine äußerst erfolgreiche Thätigkeit für die„Bibliothek der schönen Wissenschaften" und die „Briese, die neueste Literatur betreffend", zwei Zeitschriften, die so recht als Pfadbahner für das klassische Zeitalter unseres Schriftthums be- zeichnet werden dürfen.„Als ich"— schreibt Friedrich Nicolai, der Herausgeber der genannten kritischen Blätter, selbst—„die Bibliothek der schönen Wissenschaften anfing, war er es zuerst, und nach ihm Lessing, der mich in meinem Vorsätze, durch freimüthige Beurtheilung neuer Schriften der deutschen Literatur einen stärkeren Schwung zu geben, befestigte. Moses lieferte so manchen thätigen Beitrag zu den ersten vier Bänden, die wir mit gemeinschaftlicher Bemühung heraus- gaben.... Der Gedanke, die allgemeine deutsche Bibliothek heraus- zugeben, erschreckte ihn anfänglich wegen der Größe des Unternehmens und wegen den Schwierigkeiten, die er damals für unüberstciglich hielt. Da er mich aber entschlossen sah, so unterstützte er mich freundschastlich. Die ersten Bände dieses Werkes, worin einige sehr vorzügliche Rezen- sioncn von ihm stehen, sind Zeugen davon." Wir können uns heut kaum eines Gefühls tiefer Beschämung erwehren, wenn wir die Kritiken lesen, die Mendelssohn und Lessing in diesen Organen veröffentlichten, dieser aus aufrichtigem Interesse am Gegenstände hervorgegangenen, von innerster Schaffensfreude beleben, vom höchsten Ernst der Äesin- nung getragenen, tief in die Sachte eindringenden und dieselbe nach allen Seiten hin beleuchtenden kritischen Analysen mit ihrem klaren, ebenmäßigen Stil und ihrer Begeisterung für wahre Er'cnntniß,— gegenüber dem faden, handwerksmäßigenGeschreibscl journalistischer Fasel- hänse, die heute den Anspruch erheben, die Leiter und Wegweiser unserer Literaturbewegung zu sein. Was Lessing durch solche Kritiken für die Läuterung und Bereicherung unserer Muttersprache gethan, ist bekannt genug, und es braucht nur hinzugefügt zu werden, daß ihm Moses Mendelssohn in diesem echt patriotischen Streben getreulich zur Seite stand. Neben diesen Rezensionen schrieb Mendelssohn in den folgenden Jahren noch einige weitere philosophische Schriften geringeren Umfangs; zu allgemeinerer Anerkennung in wissenschaftlichen Kreisen gelangte er erst durch sein von der Akademie der Wissenschaften zu Berlin ge- kröntes Werk:„Von der Evidenz der metaphysischen Wissenschaften" (1763), das sich in seinen Ausführungen zwar im ganzen an die leibnitz- wolff'sche Schule anlehnte, doch auch die Selbständigkeit seines philo- sophischcn Denkens, die Schärfe und Gründlichkeit seines Geistes und vor allem die Gewandtheit und Vollendung seines Stils erkennen ließ. Den letzteren Vorzug wird man ihm besonders hoch anrechnen, wenn man überlegt, daß die deutsche Sprache ihm eigentlich eine fremde war,— denn von Haus aus hatte er nur das ganz verwahrloste Jargon seiner damaligen Glaubensgenossen gesprochen— wenn man zurück- denkt, in welchem Zustande die deutsche Prosa in den Jahren, in wel- che» seine ersten Werke erschienen, war. Seinen Ruhm nicht nur über ganz Deutschland, sondern auch ins Ausland zu verbreiten, war seinem nächsten, berühmtesten und bekann- testen Werke:„Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drei Gesprächen"(Berlin, 1767) vorbehalten, welches während kürzester Zeit in alle modernen und mehrere alten Sprachen übersetzt wurde. Men- delssohn hatte diese philosophischen Dialoge dem gleichnamigen Werke Plato's, des schönheittrunkenen griechischen Idealisten, nachgeschaffe», ohne indessen etwa blos die Gedanken desselben wiederzugeben; viel- mehr hat er sich angelegen sein lassen, alles, was nach Plato über das beregte Thema geschrieben worden, heranzuziehen, zu beleuchten und mit seinen eigenen Ideen in Zusammenhang zu bringe». Freilich dürfen wir auch in seinen Untersnchungen keine in jeder Hinsicht etwa beftiedigende Beantwortung jener mit den Kardinalprobleinen mensch- lichen Forschens zusammenhängenden Frage zu finden hoffen; dieselben sind vielmehr, was ihre» positiven Inhalt angeht, von Mendelssohns nächste» Nachfolgern und den wissenschaftlichen Thalen unseres Jahr- Hunderts weit übertroffen worden, und die Frage hat jetzt sogar für die, welche das psychische Wesen des Menschen nie anders als in Ver- bindung mit dem physischen zu betrachten sich gewöhnt haben, völlig befriedigende Lösung gefunden. Der Hauptwerth auch des„Phädon" liegt wieder in der Klarheit und Schönheit des Ausdrucks, dem der Verfasser seinen erhabenen und erhebenden Gedanken gibt, in der meister- haften Art, wie er selbst das schwierigste Thema für das Verständniß nicht philosophisch gebildeter Leser ansprechend und anregend zu behau- dein weiß, ein seltenes Vermögen, das Kant in dem Ausspruch wür- digtc:„Es ist nur ein Mendelssohn." Diesen Vorzügen wird es das Werk verdanken, wenn es, gleich dem„Phädon" des hellenischen Philosophen, gelesen und bewundert werden wird, so lange die Menschen- natur in ihrer Endlichkeit in eine räthselhafte, dunkele Zukunft, die angeblich für jedes Individuum jenseits des Grabes liegt, hinausfragt und hinausforscht und sich in einen Himmel voller Glück und gemein- schaftlicher Seligkeit, den sie im irdischen Leben nicht finden zu können meint, hinüberträumt.... Einen großen Theil seiner Zeit widmete Mendelssohn auch dem Briefwechsel mit den namhastesten Gelehrten, die damals lebten(seit 176ö auch mit Immanuel Kant), und den wissenschaftlichen Unterhaltungen mit geistvollen Männern, die sich in seiner bescheidenen Wohnung in der Spandauerstraße zusammensanden. Unter diesen Männern nahm natürlich Lessing die erste Stelle ein; als merkwürdigste Persönlichkeit aber gesellte sich zu ihnen Johann Kaspar Lavater, der im Jahre 1763 als junger Theologe von Zürich nach Berlin reiste, um die dortige gelehrte Welt kennen zu lernen und neue Nahrung für seinen lebhaften, dem Mystischen und Wunderbaren zugeneigten Geist zu suchen. Bei einem einfachen Mahle oder bei einer Schachpartie entfaltete dann Mendelssohn im �Gespräch wie spielend den ganzen Reichthum seines Geistes und Gemüths, und nichts war natürlicher, als daß der schwär- merische Lavater bald enthusiastische Bewunderung für den jüdischen Weisen mit den tiefen, dunklen Augen und der hochgewölbten, leuchten- den Stirn empfand.„Den Juden Moses, den Verfasser der philosophi- scheu Briefe über die Empfindungen,"— schreibt er einein Bekannten in Zürich—„fanden wir in seinem Komptoir mit Seide beschäftigt. Eine leutselige, leuchtende Seele im durchdringendem Auge und einer äsopischen Hülle; schnell in der Aussprache, doch plötzlich durch ein Band der Natur im Lauf gehemmt. Ein Mann von scharfen Einsichten, feinem Geschmack und ausgebreiteter Wissenschaft. Ein großer Ver- ehrer denkender Genies und selbst ein metaphysischer Kopf; ein un- Parteiischer Beurthciler der Werke des Geistes und Geschmacks; vertrau- lich und offenherzig im Umgänge, bescheidener in seine» Reden als in seinen Schriften und beim Lobe unverändert, ungezwungen in seinen Geberden, entfernt von ruhmbegierigen Kunstgriffen niederträchtiger Seelen, freigebig, dienstfertig; ein Bruder seiner Brüder, der Juden, gefällig und ehrerbietig gegen sie, auch von ihnen geehrt und ge- liebt."(Schluß folgt.) Antilopenjagd mit Leoparden.(Bild Seite 593.) Die span- »ende Szene unserer Abbildung führt uns in den ostindischen Bezirk Gudscherat der Präsidentschaft Bombay und zwar in die prächtigen Haine am Viswamintri, in welch' letzteren der Guicowar von Baroda, ein Vasallenfürst der Engländer, die friedlich grasenden Antilopen von gehetzten Leoparden erwürgen läßt, ein grausames Vergnügen, welches zu den unumgänglichen Zerstreuungen der orientalischen Fürsten gehört. Der deutsche Ostindienforscher Schaumburg, auf unserem Bilde der Reiter mit dem Korkhelm, dessen Auszeichnungen wir bei Abfassung der vorliegenden Skizze folgen, berichtet gradezu Erstaunliches über die Pracht und sinnlose Verschwendung, die selbst bei den allergewöhnlichsten Jagdausflügen entfaltet wird. Wir fuhren, erzählt er, von der an- sehnlichen Handelsstadt Baroda, deren 150 000 Einwohner sich zur Hälfte mit Baumwoll- und Seidenspinnereien und-Webereien beschäs- tigen, mit einem Extrazuge nach Ahmedabad. Hier erwarteten den Guicowar so auffallend schöne Pferde, wie ich sie nicht einmal in Ära- bien gesehen hatte. Als sich die Kavalkade in Bewegung gesetzt hatte, äußerte ich zu dem neben mir reitenden englischen Residenten mein Er- staunen darüber, daß keiner der Theilnehmer an der geplanten Jagd bewaffnet war. Er wies auf zwei von je vier Männern getragene Palakins, worin die Leoparden ausbewahrt waren, die man zur Anli- lopenhetze abgerichtet hat und bemerkte zugleich, daß unbewaffnete Men- schen sich bis in die unmittelbare Nähe der grasenden Antilopen wagen können, ohne selbe zu verscheuchen, nur müssen sie mit den Palakins „unter dem Winde" bleiben, denn wittern die Antilopen den Leopard, so ergreifen sie früher die Flucht, bevor sie umstellt sind. Eine Schil- derung der Antilopensamilie hat die„N. W." im verflossenen Jahre in dem Artikel„Nilgauantilopen" gebracht. Der Leopard gehört zur Raublhiergruppe aus der Gattung Katze. Er vereinigt in sich gewisser- maßen die Vorzüge aller Katzen; er ist eben so schön wie gewandt, kräftig wie kühn, klug und listig; er bewohnt in verhältnißmäßig großer Zahl den alten und den neuen Kontinent und die subtropischen Inseln des Atlantischen, Stillen und Indischen Ozeans, streift, wie seine Ver- wandten, der Tiger und Löwe, weit umher, lebt ebensoviel ans Bäumen wie im Busch, läuft nicht schnell, macht aber gewaltige Sprünge; auch schwimmt er gut und berückt selbst ein so flüchtiges Wild wie die Anti» lope. Er ist wild, raub- und mordlustig; er mordet alle Geschöpfe, welche er bewältigen kann, und richtet unter den Heerden oft ein surcht- bares Blutbad an. Unverschämt kommt er bis in die Dörfer und raubt selbst am hellerlichten Tage ans bewohnten Hütten. Den er- wachsenen Menschen greift er in der Regel nicht an, aber verwundet stürzt er sich auf ihn nnd bringt ihm furchtbare Wunden bei. Kinder raubt er, wo er kann. Und doch läßt sich dieser gefährliche Nimmer- satt zähmen. Die Römer richteten ihn zu ihren Kampfspielen ab und nannten ihn deshalb 1eoparäu8, weil sie glaubten, daß er ein Bastard von Löwe und Panther sei. Der Leopard, der im Hintergrunde unseres Bildes seine Beute anschleicht, gehört zu den auserlesenen Exemplaren, welche an den Hösen der indischen Fürsten gezüchtet werden. Ohne ihre Blutgier einzubüßen, folgen sie auf den Wink ihres Wärters. Das Leopardenmännchen ist 1,60 Meter lang, mit 0,8 Meter langem Schwanz. Etwas schwerfälliger gebaut als der Tiger und mit verhält- nißmäßig kürzeren Gliedmaßen, hat er einen kurzen, dichten, weichen Pelz, am Hals, an der Brust und Unterseite verlängertes Haar, ist auf röthlich-gelber Grundfarbe theils mit runden oder unregelniäßigen schwarzen Flecken, theils mit gelblichrothen, schwarzumrandeten'.Ringen, die in der Mitte einen oder zwei schwarze Punkte tragen, gezeichnet. Im Innern des Ohrs, an der untern Schnauze, der Kehle, der Unter- und Innenseite der Beine herrscht Weiß vor. Es gibt auch schwarze Spielarten, doch sind sie selten. Wie der Löwe, springt der Leopard nicht zum zweitenmal auf dieselbe Beute und kann durch unverwandtes Anschauen verjagt werden. Zur Paarungszeit kämpfen die Männchen grimmig untereinander und der Sieger lebt einige Wochen mit dem Weibchen zusammen, welches 2—3 Junge wirft. Während man gegen den wilden Leopard überall einen Vernichtungskrieg führt und ihn auf die verschiedenste Weise jagt und in Fallen fängt, um sich seines kostbaren Fells zu bemächtigen, werden die gezähmten und gelehrigen Bestien auf den indischen Fürstenhöfen wie Kleinodien gehegt und ge- pflegt. Die Art und Weise der Antilopenhetze durch Leoparden erinnert an die im Mittelalter auch in Europa übliche Falkenbeize. Wie diese ehemals kostspieligen, weil mit großer Mühe abgerichteten Raubvögel, hat auch der Leopard eine Lederkappe, die ihn am Sehen verhindert und ihm seinen raublustigen Muthwillen benimmt, sodaß er sich wäh- rend des Transportes und bei der Ankunft aus dem zur Hetzjagd be- stimmten Landstrich im Palankin vollständig ruhig verhält. Als wir uns in der oben erwähnten Weise unter dem Winde, erzählt Schaum- bnrg, einem Antilopenrudel bis auf 300 Schritt genähert hatten, postir- ten wir uns hinter einem Tamarindengebüsch. Es war rührend, wie treuherzig uns die Antilopen, die in ihrem Leben noch nie einen Flintenschuß gehört haben, ansahen, und doch war man bemüht, so ge- räuschlos wie möglich den Käfig ihres Würgers zu öffnen. Der Leo- pard stiert, nachdem man ihm die Lederkappe abgenommen, eine zeit- lang unverwandt vor sich hin, wahrscheinlich nm sich an das Tageslicht zu gewöhnen, dann schlüpft er mit der allen Katzen eigenthümlichen Bedächtigkeit ans dem Palankin und visirt die Antilopen, als ob er die Entfernung zwischen sich und der Beute schätzen wollte. Im nächsten Augenblick kriecht er fast auf dem Bauche, jede Deckung sorgfältig be- nutzend, an die Beute heran und hält erst dann inne, wenn er sprung- fertig ist. Mit einem Satze schtvingt er sich aus sein Opfer und reißt mit den Zähnen und Vordertatzen in d.as Genick des zusammenbrechen- den Thieres eine unfehlbar tödtliche Wunde. Im Nu ist einer der Diener des Guicowar bei der Hand, um dem schwelgenden Bluttrinker die Lederkappe über die Augen und Ohren zu ziehen. Ein anderer Diener steckt ihm die Schnauze in ein bcrcitgehaltenes Gefäß mit Anti- lopenblut und der Leopard läßt brummend von dem verendenden Thiere ab. Die Antilopen suchen die Hecke der Treiber zu durch- brechen, kehren jedoch um, von ihrem Geschrei erschreckt, und der Leo- pard, dem man mittlerweile die Kappe abgenommen, stürzt sich aus einen frischen Todeskandidaten. Sonderbar, daß er sich niemals an Antilopenweibchen oder ihren Jungen vergreift, sondern immer nur an den Männchen, die er an ihrem schwarzen Rllckeustrich selbst dann erkennt und herausfindet, wenn in einer zahlreichen Heerde nur ein männliches Exemplar sich vorfindet. Nach vollbrachter Blutarbeit kehrt er gutwillig in den Palankin zurück. Anders gestaltet sich die Sache, wenn ein besonders kräftiges, altes Antilopenmännchen, von dem ausfallend breiten schwarzen Rückeustreifen der schwarze Bock genannt, den Kamps mit dem Leopard aufnimmt. Es gehört nicht zu den Seltenheiten, daß der schwarze Bock den stets flinken Springer ebenso flink unterläuft und ihm mit seinen gewaltigen Hörnern den Bauch ausschlitzt, so daß dieser mit hervorquellendem Gedärm die Wahl- statt deckt. Wie sich der Kampf auf unserem Bilde gestalten wird, muß die nächste Minute künden, denn schon krümmt sich der Leopard zum verderblichen Sprunge und eins der Antilopenmännchen reckt das Ge- hörn zur Abwehr. Doch selbst diese Minute ist dem Guicowar von Baroda, der seiner Gefolgschaft vorangeritten ist, zu lang. Wie die römischen Cäsaren, unseligen Andenkens, kann er sich nicht des Lebens freuen, wenn er nicht andere morden sieht. Or. M. T. Leinen oder Baumwolle? Wolle oder Seide? Heber den Werth solcher Gebrauchsgegenstände, welche die meisten Leute beständig oder doch häufig in Händen und vor Augen haben, glauben sie mit Sicherheit urtheilen zu können. Aber auch den mit einem erfahrenen, praktischen Blick in solchen Sachen Versehenen kann derselbe doch häufig nicht über eine peinliche Ungewißheit hinweghelfen, wenn sie ihre vcr- trauten Bedarfsgegenstände neu, in Massen, als Waaren, bei bcabsich- tigtem Einkauf vor sich sehen: ob das darin steckende Material wirklich grade dasjenige und von dem Werthe sei, wie sie es haben wollen! Die Zweifel des Konsumenten, ob er nicht doch getäuscht worden sei oder sich getäuscht habe, werden dann meist erst, und zwar zu spät, durch das Verhalten ihrer eingehandelten Gegenstände beim Verbrauch gelöst. In einem Falle tritt die Gesetzgebung zum Schutze und zur Beruhigung des Käufers mit Vorschriften ein: wer Geräth oder Gefäß von Edelmetall erstehen will, wird über den Feingehalt desselben durch Stempel und Einschränkung der Legirungen auf ganz bestimmte Ver- Hältnisse versichert. Den für den allgemeinen Konsum ganz unVergleich- lich wichtigern Webstoffen, seien sie als Leinen-, Baumwoll-, Woll- oder Seidenstoffe bezeichnet, ist bei der Fertigkeit, die die Fabrikation in deren gemischter Verarbeitung besitzt und bei der üblichen Appretur und Verschönerung des Aeußeren der Waaren, oft durchaus nicht mit dem bloßen Auge anzusehen, ob dem rein verlangten und als solches vor- gelegten Gewebe nicht doch minderwerthige Fasern, und in welchem Maße? beigemengt seien! Prüfungsmethoden zur Feststellung der Art des Gespinnstfadens, oder der Mengung solcher, sind zahlreiche und auch zuverlässige vorhanden, und da die eine oder die andere auch für den Laien durchsührbar und nützlich sich erweisen dürfte, seien die besseren hier angeführt.— Um Leinengewebe auf ihr Freisein von Baumwolle zu prüfen, ist es in allen Fällen angebracht, die sehr reichlich vor- handene Appretur von Kalk und Stärke durch Auswaschen aus der Probe zu entfernen und sie wieder zu trocknen. Nach der Schwefelsäure- probe taucht man das Stückchen Gewebe zur Hälfte in etwas Schwefel- säure von 1,83 spezifischem Gewicht, etwa 1 bis l'/z Minute lang; daraus läßt man es eine zeitlang in reinem Wasser liegen und wäscht es darauf aus. Baumwolle wird von dieser Säure rascher zerfressen, als Leinen. Hat also beim Weben eine Mischung beider Arten Garn stattgefunden, so erscheinen nach der angegebenen Prozedur die Baum- wollfäden entfernt und das Gewebe durchlöchert. Sind aber beide Arten von Fasern schon miteinander versponnen worden, so geschieht nur eine Verdünnung eines jeden dieser gemischten Fäden; die Probe ist in diesem Falle etwas unsicher. Noch mehr ist Unsicherheit vor- handen bei der Farbenprobe nach Elsncr, wonach das Leinwandstückchen mit einer alkoholischen Lösung des Farbstoffes der Krappwurzel gefärbt wird, die Leinenfäden ungleichförmig orangeroth, die Baumwollfasern aber gleichmäßig gelb gefärbt erscheinen sollen, bei Mischung beider das ganze also gestreift erscheinen muß. Es gehört aber ein geübtes Auge dazu, um die Farbenunterschicde sicher zu erkennen. Ein nnt Cochenille gefärbter Baumwollsaden wird von einer schwachen Chlorkalk- lösung rascher entfärbt, als ein ebenso gefärbter leinener. Wenn man also eine mit Cochenilleextrakt gefärbte und getrocknete Gewebsprobe auf der Oberfläche einer filtrirten schwachen Chlorkalklösung schwimmen läßt, so erfolgt die Entfärbung etwa vorhandener Baumwolle binnen einigen Sekunden und läßt die Mischung mit Leinen erkennen.— Eine sehr einfache und ziemlich zuverlässige Probe ist die von Frankenstein angegebene Oelprobe. Ein Stückchen des zu prüfenden Gewebes, dessen Ränder in diesem, wie in allen Fällen etwa einige Centimeter weit ausgezupft sind, wird in Baumöl oder Rüböl getaucht und das vom Gewebe nicht aufgesogene, überschüssige Oel durch gelindes Pressen zwischen Löschpapier entfernt. Der Baumwollfaden bleibt undurchsichtig, während der leinene durchscheinend wird und daher, wenn man das Gewebstückchen aus dunkles Papier legt, dunkler erscheint, als ein daneben befindlicher Baumwollsaden.— Ein anderes Prüsungsverfahren ist die Verbrennungsprobe von Stöckhardt. Man muß dazu ein Stückchen Gewebe auszupfen und die Fäden einzeln und zwar sowohl von Kette als Einschlag, an einem Ende anbrennen. Ein Leinenfaden erscheint nach dem Verlöschen der Flamme am angebrannten Ende in glatter, zusammen- hängender Form, verkohlt, während ein Baumwollfaden sich alsdann pinselförmig auseinanderspreizt. Wird seiner ein, wie früher angegeben, vorbereiteter Leinwandstreifen in eine Lösung von Rosolsäure(Koraklin) in Alkohol getaucht, darauf in konzentrirte, wässerige Sodalösung ge- bracht und auch in neuen, reinen Portionen von solcher mehrmals ausgewaschen, so wird der Leinenfaden schön rosa gefärbt, während die Baumwollsaser ungefärbt bleibt.— Es sei endlich für Unter- scheidung von Baumwolle und Leinen noch die zimmermann'sche Probe angeführt. Es wird das Gewebe acht bis zehn Minuten in ein Gemisch von zwei Theilen Salpeter und drei Theilen englischer Schwefelsäure getaucht, ausgewaschen, getrocknet und mit alkoholhaltigem Aether über- gössen. Beigemischte Baumwolle ist dann in Kollodium umgewandelt, das sich ausgelöst hat, und die Leinensäden bleiben allein zurück. Die einander sehr ähnlichen Fasern von Hans und Flachs sind auf chemischem Wege auch nur schwierig zu unterscheiden. Das einzige Reagens ist Salpetersäure, welche in sie während einiger Sekunden eingetauchte Flachs-(Leinen-) safer nicht färbt, während Hanf eine blaß- gelbe Färbung annimmt. Mittels desselben Verfahrens läßt sich gleich- zeitig die bedeutend geringwerthigere Faser des neuseeländischen Flachses (von kdormium teuax) erkennen, die durch Salpetersäure sich blutroth färbt. Die vegetabilische Faser(von Hanf, Flachs, Baumwolle) unter- scheidet sich von der thierischen(Seide, Wolle, Alpaka, Kämelgarn u. a.) sehr einfach durch das Verhalten beim Verbrennen. Ein Wollfaden entwickelt beim Verbrennen einen Geruch nach verbranntem Horn oder Federn; er erlischt von selbst nach dem Entfernen aus der Lichtflamme, an der man ihn entzündet hatte, und es bleibt an dem angebrannten Ende eine kohlige, schwarze Masse, welche dicker ist als der Faden. Gradeso verhält sich ein Seidensaden, nur ist der Geruch etwas weniger penetrant. Die vegetabilischen Fasern dagegen brennen ohne unangenehmen Geruch nach Entfernen aus der Flamme weiter fort.— Ferner bleiben die Pflanzenfasern beim Kochen in Kalilauge unzerstört, während Seide und Wolle sich darin auflösen. Diese letzteren Fäden nehmen, wenn sie einige Minuten in eine verdünnte Lösung von Pikrin- säure eingetaucht und dann gut ausgewaschen werden, eine ächt gelbe Färbung an, während Leinen und Baumwolle unverändert bleiben. Dies Verfahren ist auch anwendbar, wenn diese verschiedenen Fasern schon im Gemisch versponnen sind. In salpetersaurem Quecksilberoxydoxydul nehmen nur die thierischen Gewebssasern eine intensiv rothe Färbung an, die bei Zusatz von Schwefelleber in Schwarz übergeht; vegetabilische bleiben unverändert.— Um Seide und Wolle zu unterscheiden, sowie auch um in seidenen Geweben eine Beimengung von Woll- und Baum- wollfaser festzustellen, bedient nian sich des Kupferoxydammoniaks, das Ammoniak im Ueberschuß enthält. Dieses löst am raschesten die Seide, langsamer Baumwolle auf und läßt Wolle ganz unzerstört.— Mittels des Mikroskops lassen sich nach kurzer Hebung sämmtliche Arten von Gespinnstfasern gut und zuverlässig unterscheiden. Man erkennt darin die Baumwollsaser als lange, schwach verdickte und bandartig platte Zellen, die unter Wasser gesehen, psropsenartig gewunden erscheinen. Die Leinfascr erscheint dagegen mehr steif und grade, niemals platt, sondern walzenförmig und unter Wasser nicht gedreht; sie läßt serner eine schmale, oft nur als Längslinie erscheinende Jnnenhöhlung er- kennen. Die Schafwollsaser ist stielrund, ungleichmäßig dick, man unter- scheidet auf ihrer Oberfläche die dachziegelarlig angeordneten Oberhaut- schuppen; dabei ist sie die dickste aller Fasern. Im Gegensatz zu ihr ist der Seidensaden der dünnste von allen; vollkommen und gleichmäßig rund, ganz glatt und ohne Jnnenhöhlung.— All' diese Prüfungs- Methoden für Gewebssasern, grade von gesteigerter Wichtigkeit für die- jenigen, welche seltener in den Fall kommen, Gewebe beurtheilen und taxiren zu sollen, finden verschiedentlich im Verkehr Verwerthnng: wenn es sich um Verzollung von Gewebstoffen handelt, werden dieselben mit diesen Mitteln genauestens kontrolirt. Sollte nicht durch eine genaue Bezeichnung der Reinheit oder des Mischungsgrades der Gewebstoffe den alle Bevölkerungsschichten umfassenden Konsumenten dieser Bedarfs- artikel ebenso eine Sicherheit verschafft werden können, als sie der Feingehaltsstempel dem Edelmetallkonsumentcn bietet? R.-L. Noch ein Gesundheitspaß. Dem Gesundheitspaß in Nr. 49 fügen wir einen solchen ans dem Anfang des vorigen Jahrhunderts hinzu, und bemerken, daß nur das hier Fettgedruckte in das poetisch gehaltene Paßformular schriftlich eingefügt ist. Johann Christoph von Reichenau Der reiset heute nach Zittau, Seines Alters 46 Jahr Trägt eine Paruqne von braunen Haar. Dazu einen gelben Oberrock Er geht in Degen und den Stock. Nachdem es jedermann bekannt, Daß, Gott sei Dank, im ganzen Land Gar kein Catagion grassirt, Auch sonst dergleichen man nicht spührt, Dazu die Lust auch weit und breit Von aller Pest und Gicht befreit; So wird auch freundlich gedeihen hier Respection nach Standes-Gebühr. Passiren lasse hin und her, Damit der Paß auch habe Kraft, Ist hier des Richters sein Petschaft Sein Nahm und Unterschrist dabei, Daß es der Wahrheit ähnlich sei; Gegeben da noch ein Tag fehlt Bis man 1716 zählt. Christoph Helwig Ortsrichter zu Reichenau. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Ueber die Lösung eines zweihundertjährigen physikalischen Problems, von Rothberg-Lindener(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Von Hallstadt bis Salzburg, von G. Dahlke.— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Rebe und Rose, Gedicht von Leop. Jacoby.— Moses Mendelssohn(mit Porträt).— Antilopenjagd mit Leoparden(mit Illustration).— Leinen oder Baumwolle? Wolle oder Seide?— Noch ein Gesundheitspaß. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.