Idealiken. Von Mu d o tf Lavant. (Fortsetzung.) „Ihr erlaßt es mir wohl, auf Einzelheiten einzugehen; es kann euch genügen, daß ich zufrieden war, als ich mir endlich den Schweiß von der Stirn wischen koifnte, und daß von jedem Munde ein ,AH!' ungekünstelter Bewunderung erklang, als die einzelnen Paare nach und nach den Hügel wieder erstiegen; es war aber auch ganz reizend, halb feierlich, halb gemüthlich, und mit Blumen, bunten Lampions, Epheuguirlanden u. s. w. war eine ganz ansehnliche Verschwendung getrieben worden. Das Tafeltuch war einfach auf deni Rasen ausgebreitet worden, aber vor jedem Couvert stand eine kleine Vase mit frischen, duftenden Blumen, Krystall und Silber blitzten um die Wette, und als man sich auf Plaids und Regenmänteln möglichst bequem um das Tuch gelagert hatte, gewährten wir in dem magischen Hell- dunkel,— nur in der Mitte der, Tafel' brannten auf silbernem, blumenumwundenen Armleuchter zwei Kerzen, sonst waren wir auf das matte Licht der Lampions angewiesen— ein äußerst malerisches Bild; das Spiel der Lichter und der Schatten, der Wechsel von hell beleuchteten und vollständig im Dunkel ver- schwimmenden Figuren und der nachtschwarze Hintergrund, durch den nur ab und zu ein einsames Glühwürmchen seine weiche, leuchtende Wellenlinie zog, alles kam zusammen, dieses Bild Miedergebenswerth zu machen. Die Nacht war seltsam warm und windstill; kein Blatt regte sich, und wenn auch da und dort «•in kleiner Ausschnitt des Nachthimmels durch die dichtbelaubten Buchenkronen blickte, so hob kein flimmerndes Sternchen sich ab' von dem schwarzblauen Grunde— um uns und über uns athem- loses Schweigen und tiefes, weiches Dunkel. In solchen Nacht- stunden hat das Menschenauge einen eignen, nie geschauten Glanz, die Menschenstimme einen eignen, nie vernommenen Klang, und niemand konnte sich dem Zauber der Stunde entziehen, alle waren in einer gehobenen und doch wieder weichen, verschleierten Sttm- Mung. Ich sah nach Leontine;— man hatte ihr einen Kranz vom Eichen- und Epheublättern, mit blauen Glockenblumen durchflochten, aufgesetzt,' und er stand ihr so seltsam-gut, daß ich mir im stillen gelobte, sie einmal so zu malen;— wer niir gesagt hätte, daß es für alle Zeit bei dem Vorsatze bleiben würde!— Das kleine Mahl ging so in einer gedämpften Heiterkeit hin, bis man sich einiger- maßen an die Situation gewöhnt hatte; nach und nach wurde das Flüstern wieder zum Geplauder, die Gläser läuteten zuweilen ganz deutlich durch die Sttlle, und als der Champagner m den Lilienkelchen seine Perlenketten aufwärts schickte, war man allmälich so heiter geworden, anfangen konnte, ,Jch weiß nicht,.. Grunde'. Mein Louibarde blies ganz hübsch die Flöte; er kletterte heimlich auf eine der Buchen und gab uns aus der Höhe des Geästs und zwischen Laubwerk versteckt ein kleines Konzert, mit dem er wohl nie wieder eine auch nur annähernd so befriedigende Wirkung erzielt hat, als in dieser Nacht. Der Deutsch-Ungar hatte nun gar das Waldhorn mitgebracht; er blies uns aus der Ferne Mendelssohns unvergänglich schönen.Abschied der Jäger vom Walde', und es bewegte mich eigenthümlich, daß Leontine ganz leise den Reftain vor sich hin sang, das allmälich ver- hallende.Lebewohl!' Der Journalist, der einst ein gesuchter Gesangverein-Tenorist gewesen, sollte ein Lied singen; er schien zu glauben, daß wir nun einmal in der Abschiedsftimmuug seien, sie also auch beibehalten müßten, und so klang es denn wehmüthig- ernst durch die lautlose Stille: .Morgen müssen wir verreisen Und es muß geschieden sein, Traurig ziehn wir unsre Straße, Lebewohl, mein Schätzelein I Kommen wir zu jenem Berge, Schauen wir hinab ins Thal, Sehn uns um nach allen Seiten, Sehn die Stadt zum letztenmal. Uebers Jahr zur Zeit der Pfingsten Pflanz' ich Maien dir vors Haus, Bringe dir aus weiter Ferne Einen schönen Blumenstrauß.' „Ich stagke Leontine, wie ihr die Weise gefalle; sie sah nicht auf und erwiderte nachdenklich:.Gedicht und Melodie sind recht lieb, nur sollte die dritte Strophe fortbleiben,— dann wäre wohl mehr Einheitlichkeit der Stimmung im ganzen.' Ich ver- stand sie momentan nur sehr theilweise; die Worte sind mir aber später sehr klar geworden.— Die Damen ließen sich nach und nach auch vernehmen, aber jede brachte eine mehr oder minder melancholische Weise, und da mir daran geletstn war, keine weh- müthige Stimmung aufkommen zu lassen und die elegische Weich- heit nicht zu begünstigen, in der sich Curt bereits befand,— er war schweigsam gelvorden und lauschte träumerisch und zerstreut Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1880. hinaus in die Nacht,— so wendete ich mich an Leontine mit der Bitte, uns auch etwas zu singen, aber beileibe nichts Trau- riges; ich hätte fürs Leben gern selber etwas Lustiges oder wenigstens Lebensfrohes zum besten gegeben, aber meine Stimme hat ja, wie ihr wißt, zu allen Zeiten der heisersten Krähe im Krähen Konkurrenz gemacht,— daran war also nicht zu denken. Das schöne Mädchen zuckte die Achseln und erwiderte beinahe schwermüthig: „,Jch würde ganz gern etwas singen, aber ich weiß nur traurige Lieder und die können Sie ja nicht brauchend „In dem konventionellen: ,Ach bitte, Fräulein, singen Sie— gleichgiltig wasll, das in allen Tonarten von den Damen vor- gebracht wurde, lag in diesem Falle vermuthlich einmal Wahr- heit; das volle, klangreiche, tönende Organ Leontinens konnte wohl das Vorurtheil erwecken, daß sie ungewöhnlich schön singen müsse, und ich war selber neugierig. Ich zog also meine Be- dingung zurück und Leontine wandte sich an Curt, der neben ihr im langen Waldgras lag, den einen Arm aufgestemmt und den Kopf in die Hand gestützt. ,Soll ich?' fragte sie, und er hauchte zurück:, Gewiß, Lieb!' „Es war ein polnisches Lied, das Leontine nun sang, ein klagendes, tieftrauriges Lied, aber diese Trauer hatte nichts Weich- liches und Süßliches; es war die erhabene Traurigkeit einer starken Seele, und die Klage klang nicht wie die um eignes kleines Weh, sondern wie die um den Sturz eines Reichs, um den Untergang einer für die Freiheit sterbenden Heldenschaar. ,Es fallen die Blätter vom Baume, die langsam entsprossen sind; Hinter den Scheuern singen die kleinen Herbstvögel.'... mehr habe ich mir nicht gemerkt, aber was kommt auch auf die Worte an? Die Melodie, obgleich ich sie sofort wiedererkennen würde, hat mein musikalisches Ohr nicht behalten; doch hätte ich selber die Noten, es würde mir doch niemand das Lied so singen, wie ich es in jener Nacht von dem merkwürdigen Mädchen singen hörte. Leontine hatte drei Strophen gesungen, mitten in der vierten brach sie Plötzlich ab und erklärte, aufhören zu müssen; das Lied gehe ihr zu nahe und sie habe sich doch zuviel zu- getraut. Ich konnte ihr, als sie das ziemlich mühsam sagte, zu- fällig grade ins Gesicht sehen— an ihren langen Wimpern hingen zwei schwere Thränen; ob Curt dieselbe Wahrnehmung gemacht hatte? Er beugte sich nieder und küßte ihr leise die Hand.— „Später sah ich, wie sie dem müde gewordenen kleinen Ludolf mit einem Ausdruck von fast mütterlicher Zärtlichkeit das schwarze Gelock aus der weißen Stirn strich und einen Kuß auf seinen frischen, schön geschnittenen Mund hauchte, und ich hörte, wie er schlaftrunken fragte:, Nicht wahr, Tante, der Offizier auf dem schwarzen Pferde ist dein Mann?' Ich konnte nicht sehen, ob die naive Frage ihr Gesicht höher färbte, ich hörte nur, wie sie leise und traurig antwortete: ,O nein, mein lieber Junge— wo denkst du hin?' und wie er mit schon zufallenden Augen lallte: Ich— das ist— recht schade!' und dann den hübschen, charakte- ristischen Kops in ihren Schoß sinken ließ. Immer wieder glitt Leontinens kleine, schmale, weiße Hand schmeichelnd über das Köpfchen des kleinen Schläfers, und in ihrer ganzen Haltung, in der leichten Neigung des schönen Kopfes besonders lag soviel unbewußte mütterliche Zärtlichkeit, daß ich denken mußte: ,Du bist dazu geboren, in der Liebe zu einem Manne und zu deinen und seinen Kindern aufzugehen, und du willst dir dieses Glück eigenwillig versagen? Geh doch— das ist Unnatur!' „Mitternacht war vorüber, als ich in rascher Folge drei Raketen steigen ließ— das verabredete Zeichen für die Leute im Forsthaus, daß der Aufbruch erfolgen solle. Man kam denn auch bald mit Laternen, die Wagen tauchten dahinter auf und Jehan führte Trelawney vor. Leontine stand auf und sah sich lange aufmerksam im Kreise um;— wurde ihr der Abschied so schwer, wollte sie das Bild des Hügels im Buchenwald ihrer Erinnerung für alle Zeiten tief einprägen? Dann riß sie sich mit einer raschen Bewegung los und ging festen Schrittes auf Curt zu, der sie nach dem Wagen führte. Er hatte schon den Fuß in den Steigbügel gesetzt, als mir einfiel, daß ich gar keine Bertvendung für den kleinen Ludolf gehabt hatte, und ich flüsterte ihm zu: ,Wie schade, daß wir die Verlobung nicht proklamiren können,_— oder sind Sie soweit und darf das der Schluß sein?' „.Keine Uebereilung!' gab Curt gedämpft zurück. ,Jch glaube beinahe, ich habe gewonnen, aber durch eine Unbesonnenheit könnten wir alles wieder verderben!' „Damit schwang er sich in den Sattel und die kleine Kaval- kade setzte sich langsam in Bewegung; es war noch immer sehr schwül, nur ab und zu fächelte uns ein lauer Wind die heißen Wangen; als wir den Waldsaum erreichten und die Leute des Försters sich verabschiedeten, flog ein mattes, rosiges Wetterleuchten über den nachtschwarzen Himmel, und häufiger und häufiger, länger und länger schlug dann die rothe Lohe über den dunkeln Grund; es fielen verstreute, schwere Regentropfen, der Donner murrte und grollte aus der Ferne, das Leuchten ward zu fernen Blitzen, und zuletzt wollte der Himmel sich garnicht mehr zu- thun. Leontine war im Wagen aufgestanden, hatte ein Knie auf das Polster gelegt und mit der linken Hand das zurückgeschlagene Verdeck erfaßt, und so sah sie entblößten Hauptes mit leuchtenden Augen unverwandt hinaus in die Nacht, nur ab und zu ein Wort mit Curt wechselnd, der neben dem Schlag hertrabte und dessen Auge bewundernd und mit einer Art von wilder Zärtlich- keit an ihrer Gestalt hing. Es war eine düster-schöne Fahrt; die Kutscher ließen die Pferde laufen, was sie laufen konnten, man unterhielt sich nur einsilbig und flüsternd und Viertelstunden- lang war nichts zu hören, als Hufschlag, Schnauben und Schweif- flattern der Pferoe und der schmeichelnde, antreibende Zuruf der Kutscher. Als dann der helle Dunstkreis, der über der Stadt lagerte, intensiver ward, als lange Lichterreihen deutlich hervor- traten und wir die Gewißheit hatten, trocken unser Ziel zu er- reichen, gab Leontine ihren Posten aus, drückte sich wieder in die Kissen und zog den dichten, schwarzen Schleier vors Gesicht; als der Lombarde am Ziel war und mit seiner Verlobten abstieg, hörte ich diese sagen, es sei doch recht gut, daß man nicht noch naß geworden sei, worauf Leontine erwiderte:, Daran Hab' ich garnicht gedacht; ich hätte so die ganze Nacht durchfahren mögen: bei Sturm und Wetter regt sich das Kind des Waldes in mir.' „Wir setzten den Badenser und den Ungarn vor ihren Haus- thüren ab; Leontine beugte sich noch einmal über ihren schlum- mernden kleinen Ritter und berührte sein schwarzes Lockenhaar mit den Lippen und dann schwang sich Curt vom Pferde, Leontine stteg aus und die Wagen rollten davon, während Jehan Trelawney wegführte. Nur ich saß noch in meinem Wagen, zwischen den Körben voll Geschirr und Tischzeug, zwischen meinen bunten Lampions und all' dem Krimskrams, der so nothwendig gewesen und jetzt so überflüssig und lästig war. Curt fragte gleichmüthig: ,Wie wär's, wenn Sie übermorgen nach dem Bahnhof kämen? Wir werden bestimmt mit dem Mittagszuge von Theresienstadt wieder eintreffen.' Er wollte also keinen Abschied unter vier Augen, kein ernstes, gerührtes Lebewohl, und so schwer mir das Herz war, ich mußte mich fügen. Er drückte mir die Hand mit festem, langen Druck, sagte gelassen:.Gute Nacht denn, lieber Reinisch!' und war gleich darauf mit Leontine in der Dunkelheit verschwunden. „Ich kann euch wohl sagen, ich war recht froh, als ich all' meinen Kram los war und mich nachhause fahren lassen konnte. Aber schlafen konnte ich nicht, obgleich ich so müde war, daß mir Kniee und Hände zitterten. Es kam mir unerträglich schwül vor; ich riß die beiden Fensterflügel auf und ließ die Nachtlust hereinströmen. Drüben war alles still und dunkel, aber eben kamen die beiden langsam die Straße herauf, und als sie an der Thür zum Treppenaufgang ihres Flügels stehen blieben, trat ich unwillkürlich vom Fenster zurück; es kam mir indiskret vor, Zeuge eines Abschieds zu werden, der vielleicht ein Abschied auf ewig war. Ich wartete ein paar Minuten; als ich wieder ans Fenster trat, waren die beiden verschwunden und der einzige Laut, den ich vernahm, war das anmuthig- eintönige Plätschern eines Springbrunnens im Garten eines Nachbarhauses. Der Himmel glühte noch immer ab und zu in rosigem Schein auf, aber kein Regentropfen fiel, und als ich mich schwerathmend und mit geöffnetem Halskragcn auf meinen Divan warf, war mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen: ,Das ist so recht eine Nacht für stumme, heiße, leidenschaftliche Liebe, eine Nacht für lodernde Küsse und warme Thränen!' „Ich war wirklich erschöpft gewesen und ich habe lange geschlafen; es war wohl neun Uhr, als ich energisch an meine Thür klopfen hörte, und als ich aufspringend:.Herein!' rief, stand ich dem treuen Jehan gegenüber, der mir in militärischer Straffheit ein Billet seines Herrn überreichte, welches nur wenig? mit Bleistift flüchtig hingeworfene Worte enthielt, Worte freilich, die es wohl rechtfertigten, daß ich den Kopf momentan zwischen beide Hände nahm. Curt schrieb: ,Thun Sie mir die Liebe und gehen Sie für mich auf den Roscnhandel, d. h. sorgen Sic dafür, daß L. bis heute Abend im Besitz eines Korbs voll der schönsten Rosen ist, die sich in Prag auftreiben lassen; ich möchte heute ihr ganzes kleines reizendes Heim mit süßem Rosenduft erfüllen. Sie haben nun doch Recht gehabt mit Ihrer Verlobungsidee— jetzt brauche ich nicht mehr zu bitten, jetzt muß sie wohl wollen und sie wird es mit tausend Freuden thun. Borkiewicz hat zunächst den Profit davon; ich bin zu weich und zu glücklich, um einem Menschen nach dem Leben zu trachten; ich werde nicht nach seiner Stirn, ich werde nur nach seiner Schulter zielen. Sehen wir uns nicht wieder, dann denken Sie wenigstens, daß ich im Rausch des Glücks und der Liebe die Augen geschlossen habe und besseres können wir uns alle nicht wünschen. Stehen Sie aber dann auch mit Rath und That nach Ihrem Vermögen bei dem Weibe, der Wittwe Ihres C. v. B.' „In meines Herzens unvernünftiger Freude schob ich Jehan förmlich zur Thür hinaus und drückte ihm, der an so kavalier- mäßige Akte der Freigebigkeit von mir wahrhaftig nicht gewöhnt worden war, einen blanken Silbergulden in die Hand, kleidete mich mit einer fabelhaften Geschwindigkeit an und stürmte fort, halblaut monologisirend:, Teufelsjunge! wer hätte das gedacht! Was halfs aber? Nun wirds gleich gehen, nun werden die Bedenken auf einmal wie Spinnweben zerfahren. Es ist ein ewiges Glück, daß die Natur alles, was Menschenwitz und Menschenscharfsinn in Unordnung gebracht und auf den Kopf gestellt haben, im Handumdrehen zurechtrückt und gebieterisch sagt: 'So hat es zu sein— Punktum!" „Der Tag ging mir wie im Traum hin; in der Abenddäm- mcrung sandte ich das Körbchen voll Rosen mit meiner Karte, auf deren Rückseite ich geschrieben hatte, ,Jm Auftrage Curts�, durch Jehan in Leontines Wohnung und er rapportirte mir dann im Cafö, daß er das Fräulein angetroffen und daß sie eine .unmenschliche� Freude über die Rosen gehabt habe,— so schöne habe er aber auch in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. „Am nächsten Mittag war ich lange vor dem fahrplanmäßigen Eintreffen des Zugs auf dem Bahnhof; mein Blick flog mit Gedankenschnelle den Zug entlang, bis er an dem leuchtenden kirschrothen Kragen über dem blauen Waffenrock haften blieb; Curt hatte mich aber noch einen Moment früher herausgefunden als ich ihn und grüßte nun fteundlich mit der Hand. Ich war, als der Zug hielt, früher am Coups, als der Schaffner und Curt reichte mir die Hand heraus und schüttelte die meine kräftig; er strahlte im ganzen Gesicht und flüsterte mir leise zu:»Alles besorgt?' Ich nickte bejahend, die Coupsthür wurde aufgerissen, Curt ließ seinem Sekundanten den Vortritt und sprang dann elastisch aus dem Wagen. »Gesund und wohlbehalten, wie Sie sehen!" sagte er rasch und leise,»bis auf einen lumpigen Streifschuß in der linken Seite, genau genommen nur eine Schramme. Borkiewicz ist schlechter weggekommen— Schuß in die linke Schulter, wie lchs ihm zugedacht hatte; näheres nachher!' „Am Ausgang des Bahnhofs trat Curt mit seinem Sekundanten ettvas beiseite; man schüttelte sich herzlich die Hände und dann uahm jener einen Wagen und fuhr weg, während Curt zu mir zurückkam, seinen Arm in den meinen legte und neugierig fragte: >Nun, waren es denn auch die schönsten Rosen, die Sie finden konnten?' Ich versicherte ihm denn, daß die Frau Gemahlin des Herrn Statthalters und Landeskominandirenden von Böhmen am Abend vorher gewiß keine schöneren Rosen in ihrem Boudoir gehabt hätte, als die reizende Stickerin im Hufeisenpalais, und daß Leontine die duftige, farbenglühende Sendung auch mit eignen Händen und mit dem strahlendsten— Brautlächeln in Empfang genommen habe. Curt verstand mich und erröthete bis in die Schläfen, lachte aber dann und meinte:»Es ist wie ein Gewitter über uns gekommen, wie Sturm und Flut— und es ist ja gut, daß es so gekommen ist; nun kann sie nicht mehr zurück. An diese Möglichkeit hatten wir beide nicht gedacht; ich hatte wohl oft angedeutet, daß ich gern einmal einen Blick in ihr kleines Mädchenheim werfen möchte, aber ich sah selber ein, daß das vor der Hand für mich verbotener Grund war und nun können Sie Sich wohl denken, wie es mich überraschte und rührte und erfreute, als sie gestern Nacht beini Abschiednehmen plötzlich den Kopf an meine Schulter legte und leise sagte:»Du hast schon lange wissen wollen, wie ich wohne, Curt— willst du mit herauf zu mir kommen?'»Aber nun— nicht weiter darüber reden, auch nicht einmal andeutungsweise!' bat er, aufs neue erröthend, und setzte dann, ablenkend, rasch hinzu:»Dieser Borkiewicz hat übrigens seine Verivundung siebenfach verdient. Noch auf dem Duellplatz versuchten die Sekundaten mit meiner Zustimmung eine Aussöhnung auf der Basis gegenseitigen Wider- rufs und rückhaltloser gegenseitiger Abbitte, er aber lehnte alles trotzig und finster ab und erklärte höhnisch, daß er keine Silbe von dem zurücknehmen könne, was er gesagt.' Wir fuhren gerade an meiner Wohnung vorüber— Curt warf halbverstohlen eine Kußhand hinauf nach Leontines Fenstern und ich hütete mich wohl, etwas davon zu bemerken; ich glaube, es hätte ihn ernst- lich genirt. „Als wir dann in seiner Wohnung anlangten, war seine erste Frage, ob Briefe gekommen seien; Jehan überreichte ihm etwa ein halbes Dutzend, er musterte flüchtig die Adressen, murmelte gutgelaunt:»AH, der Onkel!' und dann:»O, das ist aber lieb!' und warf die Briefe bis auf einen, den er hastig öffnete, zur Seite. Ich hatte es mir in einer Sophaecke bequem gemacht, Curt trat an's Fenster, um seinen Brief zu lesen und ich sah aus Diskretion geflissentlich von ihm weg. Plötzlich kam es wie ein unwillkürlicher Aufschrei von seinen Lippen; ich sah ihn betroffen an— er war weiß wie eine Kalkwand geworden, der Brief zitterte in seiner Hand und einen Augenblick sah es aus, als fasse ihn ein Schwindel; er taumelte und fuhr mit der Hand nach der Stirn, dann stampfte er mit dem Fuße, knäulte den Brief hastig in der Hand zusammen und warf ihn mit einer unbeschreiblick verächtlichen Geberde zu Boden.»Ja, was ist Ihnen denn?' fragte ich, erschrocken ausspringend, denn er sah geradezu unheimlich aus in seiner tödtlichcn Blässe und seiner steinernen, unnatürlichen, gewaltsam erzwungenen Ruhe. »Was mir ist?' sagte er und die Worte fielen tonlos und bleiern von seinen Lippen,»nichts weiter, als daß die Komödie aus ist und Borkiewicz doch recht gehabt hat, daß mein Stern ein Irrlicht war und daß ich aus einer Pfütze getrunken und sie für eine reine Quelle gehalten habe.' „Ich hob den Brief bestürzt auf und suchte ihn wieder zu glätten, während Curt mit schweren, schleppenden Schritten im Zimmer auf und ab ging, die Arnie über der Brust verschränkt und den Blick am Boden hinirren lassend.»Darf ich?' fragte ich dann.»Meinetwegen!' klang es gleichgültig zurück und ich las in fast durch Thränen verwischter, regelloser Schrift: »Licht meiner Augen, Abgott meiner Seele! Was ich schon lange als Nothwendigkeit erkannt und was das arme, schwache Herz immer wieder hinausgeschoben— nun muß es sein— es ist die höchste Zeit geworden! Wenn dein Blick auf diese Zeilen fällt, habe ich Prag verlassen und du siehst mich nie wieder. Ich bin dein Glück gewesen, ich weiß es, und das wird mein Stolz und mein Trost sein in den Tagen der Einsamkeit, aber ich ivill, ich kann, ich darf nicht dein Ver- hängniß werden. Vergib.mir, wenn ich dir jetzt Schmerz bereite— das geht vorüber und du wirst noch einsehen, daß ich weise und gut gehandelt habe. Und suche mich nicht— du würdest mich nicht finden, ergib dich in dein Geschick und glaube mir, es ist so am besten. Denke so mild und sanft und gut von mir, als du kannst— grolle mir nicht, mein theurer, über alles geliebter Freund. Die Worte verschwiininen vor meinen Augen— mit verzweifelnder Seele küßt dich zum letzten male leidenschaftlich, innig, wild und heiß deine arme Leontine.' „»Und was entnehmen Sie aus diesen Zeilen?' fragte ich unsicher.»Sic lassen vieles, fast alles dunkel.' »Mein Gott, das entnehme ich daraus,' fuhr Curt auf in unsäglicher Bitterkeit,»daß sie mich geliebt hat, aber nicht durch einen Betrug mein Weib werden wollte und mir die Wahrheit nicht sagen konnte, weil ich dann mit ihr gebrochen hätte. Nun hat sie, vielleicht durch Borkiewicz selber, von dem Streit mit diesem erfahren, die Enthüllungen sind unvermeidlich geworden und nur die Flucht kann sie vor der Entlarvung schützen— was kann denn einfacher sein? Und nun kein Wort mehr über sie, wie sie will, so sei es— sie ist todt für mich!' setzte er düster hinzu. „Wir blieben noch eine Viertelstunde beisammen, in der Curt in düstrem Brüten vor sich hinstarrte und die Zähne in die Unterlippe grub, bis helle Blutstropfen auf derselben standen. Dann legte er die Hand auf meine Achsel und sagte halb bittend: »Geh nun!' 608— „Ich hatte dieses ,du� erst einmal von ihm gehört; an dem! sich's in der Selbstvergessenheit des Affekts entschlüpfen lassen, Tage, an dem er Leontine zum erstem male gesehen, hatte er es aber bald wieder mit dem ,Sie� vertauscht. Ich ging denn — wie betäubt und in dumpfer Entmuthigung—, zu Hause; habe, ohne zu sagen, wohin sie gehe; eine halbe Stunde, nachdem hörte ich, daß mein schönes vis-a-vis Prag für immer verlassen � sie Curts Rosen empfangen, war sie nach dem Bahnhof gefahren. -BO» Zohann Joachim Winkelmann 0OZ4-- paaw m-»vr;ii 1 610 „Es war eine gar liebliche Nacht, die diesem Tage folgte. Ich konnte nicht recht an die Schuld des Mädchens glauben, obgleich der vieldeutige Unglücksbrief mehr gegen als für sie sprach, aber als ich am andern Morgen zu Curt kam, sagte mir sein fahles, finsteres Gesicht mit den festgeschlossenen Lippen und den blauen Ringen unter den müden, erloschenen Augen, daß es ganz vergebens sein würde, einer andern Auslegung der traurigen Zeilen das Wort zu reden. Er schnitt meine schüchternen Ver- suche, ihn zum Reden zu bringen und ihn so dem Banne seiner unheimlichen Starrheit zu entreißen, mit einem lakonischen: Kein Wort mehr von ihr!� ab und sagte endlich bitter:.Machen Sie Sich keine Sorge um mich,— ich verwind's schon, wenn auch vielleicht nicht hier!� Ich war daher zwar recht betrübt, aber gamicht erstaunt, als ich am nächsten Morgen einen Brief erhielt, in dem er mir wieder das brüderliche Du gab und mir anzeigte, daß er Prag verlassen habe, ohne zu wissen, wohin er gehe— nur fort, und ohne daß er sagen könne, wann und ob er wieder- kehre. Es gehe ein tiefer Riß durch sein ganzes Wesen, und da er nun einmal zu den Menschen gehöre, die nichts halb, die alles ganz thun, so schüttle er nicht blos den Staub der Moldaustadt von seinen Füßen, sondern habe auch als Offizier quittirt; er wolle durch nichts an diese Episode in seinem Leben fortdauernd erinnert sein, und auch dem Onkel möge er so— mit gebrochnem Stolz— nicht gegenübertreten. Er schäme sich vor seinen Käme- raden, mehr und bittrer noch vor sich selbst; wollte er bleiben, so müsse er ersticken, und wenn überhaupt, so werde er über einer neuen Szenerie, über Arbeit und Abenteuern und Gefahren am ehesten vergessen, daß die Tragödie, in der er mit Leib und Seele agirt, von seiner Mitspielerin zur Posse herabgezogen worden sei/ Das war alles,— es klang, als sei ihm jedes Wort blutsauer geworden. Er war also fort,— keine Seele wußte, wohin, und ich habe weder ihn, noch das schöne Mädchen wiedergesehen, bis auf den heutigen Tag. Etwa vier Wochen später kam ein rekommandirter Brief an mich, mit dem Post- stempel Straßburg, der einen verschlossenen Brief an Curt ent- hielt; auf einem Zettelchen wurde ich von Leontine gebeten, diesen Bries Curt zuzustellen, aus dem Stempel aber ja keinen Schluß auf ihren Aufenthaltsort zu ziehen, denn ein solcher Schluß würde sich als trügerisch erweisen. Der Brief liegt heute noch uneröffnet in meinem Schreibtisch, denn Curt hat nie wieder etwas von sich hören lassen, und auch Leontine war und ist spurlos ver- schollen. „Das ist meine Geschichte— die Nutzanwendung niacht euch selber." Damit nahm der Maler, um dessen Lippen es wunderlich zuckte, seinen Schlapphut, drückte ihn tief in die Augen und ging; man ehrte seine Bewegung und niemand versuchte, ihn zurück- zuhalten. ♦ � ♦ Nicht viele Wochen später, an einem milden Aprilabend, sah Reinisch beim Nachhausekommen von einem Spaziergang im Stadtpark Licht in seiner Wohnung, und die öffnende Magd berichtete, ein vornehmer Herr, den sie noch nie gesehen, erwarte schon seit zwei Stunden seine Rückkehr. Es war dem Maler räthselhaft, wer das wohl sein könne, als er aber in sein Zimmer trat, als eine mittelgroße, ebenmäßige Gestalt sich vom Divan erhob und eine sonore und doch weiche Stimme halb launig, halb herzlich sagte:„Da wären wir also wieder,— kennst du mich noch?", da stutzte er nur einen Moment, dann jubelte er auf:„So wahr ich lebe, Curt, mein Herzensjunge,— bist du wieder da?" und umarmte ihn mit ungestümer, fast väterlicher Zärtlichkeit. Dann schob er seinen jungen Freund an beiden Schultern von sich, hielt ihn fest, um sein Gesicht zu studiren, und sagte mehr zu sich als zu ihm:„Wie verwettert und männ- lich und kühn er aussieht und wie ihm die Narbe steht! Und wo hat der tolle Mensch diese langen sechs Jahre gesteckt, was hat er draußen in der Welt getrieben und wie ist's ihm gegangen?" Er sollte alles erfahren, aber das ward eine lange Geschichte, und bis in den jungen Tag hinein saßen die beiden rauchend vor den Gläsern, in denen der Ungar perlte, und Curt erzählte, wie er drüben in Amerika an den großen Seen den Civilingenieur gespielt und auf die Kunde vom Ausbruch des russisch-türkischen Kriegs sein Bündel geschnürt habe, um in Kars und Batum Schanzen zu bauen und— sich die Narbe zu holen. Er hatte mit dem ganzen Eigensinn des Schmerzes und der Beschämung jedes Band zwischen sich und der Heimat zerschnitten, keine deutsche Zeitung angerührt und weder seiner Familie noch seinen Freunden Nachricht gegeben; er hatte um jeden Preis vergessen wollen und doch nicht vergessen können, denn wenn es auch den Tag über gelang,— des Nachts, wenn der Wind gegen die Zeltwände stieß oder er am verglimmenden Wachtfeuer lag und emporsah zu den flimmernden Sternen, hatten ihm die Gedanken keine Ruhe gelassen, die Zweifel hatten sich immer hartnäckiger an ihn geheftet und das Ende vom Liede, das Resultat aller inneren Kämpfe war schließlich doch gewesen, daß er sich wieder nach der Heimat aufgemacht hatte. „Ich hätte es früher, viel früher thun sollen!" sagte Curt nachdenklich,„denn weißt du, Reinisch, daß ich damals recht knabenhaft- trotzig gehandelt habe und— daß Leontine doch unschuldig war?" Der Maler horchte hoch auf und fragte hastig:„Und du hast sie wiedergefunden?" „O nein, und ich weiß, ich werde sie auch nicht wiederfinden; aber sieh, daß ich sie nie mein nennen werde, quält mich nicht mehr so, seit ich ihr Bild reinwaschen konnte von dem häßlichen Flecken, der ihm anhaftete. Nun Hab' ich sie wieder lieb, nun brauche ich mir selbst nicht mehr verächtlich vorzukommen, wenn sie immer wieder vor dem Auge der Phantasie auftaucht, und weil ich das längst wußte, wäre ich damals nicht in Scham und Trotz auf und davon gegangen, darum nenue ich die Jahre in der Fremde verloren." Der Maler sah ihn erwartungsvoll an und Curt fuhr fort: „Wahrscheinlich weißt du garnicht, daß Borkiewicz gestorben ist, nur acht Wochen nach dem Duell? Du hast ja, wie ich in Prag hörte, der Moldaustadt bald den Rücken gekehrt. Zu der Wunde, die bei des liederlichen Kumpans verdorbenen Säften sehr langsam heilte, kam eine starke Kopfrose, und an der ist er in Dresden, wohin er sich nach dem Duell hatte bringen lassen, gestorben. Angesichts des Todes hat er eine Erklärung diktirt und unterschrieben, welche er seinem Sekundanten Rajaeie über- gab und durch Ivelche er bekannte, seine Behauptung theils aus Rachsucht gegen Leontine, theils aus Neid gegen mich aufgestellt und sie meinem schroffen Auftreten gegenüber aus Trotz und— Ehrgefühl aufrecht erhalten zu haben. Diese versiegelte Erklärung konnte man mir erst jetzt zustellen,— und nun läßt allerdings Leontinens schmerzlich- verworrener Brief die Deutung, die mir damals ein unseliges Zusammentreffen von Umständen fast auf- zwang, garnicht mehr zu—" „Und wir müssen ihr wohl selber das Wort geben!" unter- brach der Maler aufspringend, und Curt fragte erbleichend: „Hast du einen Brief von ihr— an mich— und seit wann?" „Noch ein paar Wochen länger, als der Herr Rajaeie das Schuldbekenntniß des Ulanen— ach, Curt, warum bist du uns damals aus und davon gegangen, warum hast du nicht wenigstens einmal geschrieben?"(Schluß folgt.) Irrfahrten. Von Ludwig Aosenverg. (Fortsetzung.) Freimann saß zwischen Retorten und Gläsern mit Chemi- kalien, beschäftigt irgeno eine wichtige Analyse zu machen, als Morgenroth beim ihm eintrat. Die beiden Freunde begrüßten sich herzlich. Wie vorher bei Liebers, so drehte sich das Gespräch auch hier um Nebensächliches. Freimann setzte dem Freunde seine wohnlichen und finanziellen Verhältnisse auseinander, freute sich, daß Morgenroth so wettergebräunt wieder zurückgekehrt sei, und als endlich der einfache Faden der Unterhaltung abgelaufen war, trat eine Pause ein, die Freimann damit ausfüllte, daß er mit seinen Retorten hanttrte.— Morgenroth las unterdessen in einem Buche und hatte sich zum Zeitvertreib— er wußte, Freimann konnte öfters sehr langweilig sein— eine Cigarre angezündet.— „Ich war vor ein paar Stunden auch bei Liebers," sagte er endlich, scheinbar harmlos und in die Lektüre des Buches ver- tieft, in Wahrheit aber innerlich erregt und keineswegs mit den Gedanken beim Inhalte des Buches.„Ich war bei Liebers," wiederholte er,„und da ich die unangenehme Entdeckung machte, daß du während meiner Abwesenheit nichts weniger als energisch und erfolgreich gewesen, so habe ich die Angelegenheit ins reine gebracht."— Freimann mar bei diesen Worten, wie von einem Alp befreit, aufgesprungen, und indem er sich vor den Freund stellte, rief er, demselben auf die Schulter klopfend:„Du hättest es wirklich, wirklich in Ordnung gebracht?"— Morgenroth nickte und Freimann machte eine lebhafte, freudige Geberde, lief in der Stube auf und ab und ward nicht müde, wohl ein Dutzend mal ihn seiner Freundschaft zu versichern und ihm zu danken.„Ja, du bist der Mann dazu," rief er,„das wußte ich und darum wartete ich auch täglich sehnsüchtig auf deine Zurückkunft. Ich selbst bin ein verdammt feiger Mensch, ein Thor, ein Tölpel! Sieh," sagte er,„wohl hundertmal war ich dort und wohl hundert- mal lag mir das Wort auf der Zunge, das mich von der Last des Zweifels und der Ungewißheit hätte befreien können, aber jedesmal ging es mir just wie einem kleinen Kinde, das sich nicht getraut, seine Gefühle auszusprechen. Aber nun, nun ist die Last herunter von Zunge und Schultern und ich werde nun alles, was mir solange auf dem Herzen liegt, von mir geben können."— In solcher Weise fuhr Freimann fort, zu plaudern und erst, als Morgenroth sich zu entfernen Anstalt machte, be- endigte er seinen Monolog, der Morgenroth ein großes Stück Selbstüberwindung zumuthete. Er schreibt darüber in seinem Tagebuche nur einige Worte, die diese Ansicht rechtfertigen: „Wenn das Herz einmal blutet, so empfindet es eine Art Wollust, nicht mit bluten aufzuhören.— Ein einmal übernommenes Leiden muß bis aus den Rest durchgekostet werden.— Ich war bei Freimann und habe anhören müssen, wie er in einem endlosen Monolog die himmlischen Tugenden Elisabeths und seine eigene Liebe schildert. Ach, du mein armes, armes Herz!"—— Die beiden Freunde hatten sich verabredet, zwei Tage nach ihrem Wiedersehen bei Liebers zusammenzutreffen. Morgenroth traf Elisabeth bleich und abgehärmt an.„Was muß ich sehen, Elisabeth," rief er, auf ihre blassen Wangen deutend,„weiße Rosen? Die werden freilich nimmer wieder roth, aber, was gilt's, ein paar sonnige Lenztage voll neuer Liebeslust, und der Strauch treibt neue Knospen zur Freude des Gärtners!"— Elisabeth antwortete nicht, und erst als Morgenroth sagte:„Nun, warum sprichst du nicht, mein Kind?" da versetzte sie langsam: „Ich verstehe dich wohl und kenne dich gut. Du hast mir allen Selbstwillen genommen und ich folge deinem Winke wie ein geduldiges Lamm, weil ich muß, ich weiß nicht, Ivarum."— Darauf kam Freimann. Morgenroths ernste Stimmung ging in eine scherzende über. Er stellte lachend seinen Freund der Familie als Bräutigam vor und spöttelte darüber, daß die beiden jungen Leute so schüchtern seien. Als Elisabeth ihren Blick hob, begegnete sie dem Freimanns, welcher auf sie zutrat und ihr seine Hand darreichte. Unentschlossen, was sie thun sollte, stand sie da, aber schnell besann sie sich, und während sie ihre zarte, weiße Hand m die Freimanns legte, spielte ein eigenthümlich wehmüthiger Zug um ihre Mundwinkel.-- Bon diesem Tage an besuchte Morgenroth die Familie Lieber sehr selten. Er schützte als Entschuldigung eine Ueberhäufung von Arbeiten vor, was mit der Wahrheit indessen nicht übereiu- stimmte, denn er arbeitete im Gegentheil weniger als je, und was seine Feder hervorbrachte, waren nur ein paar wehmuthdurch- hauchte Verse. Er konnte stundenlang auf dem Sopha sitzen und vor sich hinstarren, oder planlos in der Umgebung umherschweifen. Dann kam er spät abends wieder und erwiderte auf die Nach- richt, Freund Freimann habe seiner dringend begehrt, nur, daß es wohl nicht so wichtig sei, und daß er wohl noch zu früh komme oder dergleichen. Mit seinem Zöglinge war er nach- sichtiger als früher,— er behandelte ihn mit mütterlicher Zärt- lichkeit und väterlicher Strenge, und es kam nicht selten vor, daß er ihn zur Belohnung für seine Aufmerksamkeit mit einem Kusse beschenkte, oder ihn liebevoll an sich zog, ihn mit warmen Worten zum Fleiß ermahnte, für die edelsten Güter der Mensch- heit begeisterte.—„Zu wahren Menschen müssen wir die Jugend heranziehen," schreibt Morgenroth an einer Stelle seines Tage- buches,„nicht zu mechanischen Hampelmännern, bis zum Halse mit tausend Kleinigkeiten vollgestopft und dadurch mit dem Dünkel versehen, als ob durch den aufgehäuften Krimskrams die Welt gerettet werden könnte von allen Uebeln. Und um diese Erziehung bewerkstelligen zu können, muß man dem jungen Kopfe Zeit lassen, sich zu sammeln, das Geschehene, das Gehörte, das Empfundene zu verdauen, zu Fleisch und Blut zu assimiliren; muß man den Körper nicht auf Kosten des Geistes oder umgekehrt entwickeln wollen, will man nicht durch solche Erziehungsmethode den voll- ständigen Mangel an intellektuellem Berständniß dokumenttren. Aber dazu gehören geniale, oder wenn auch das nicht, so doch vernünftige Lehrmeister, und an solchen sind wir leider nur zu arm."-- Es war um diese Zeit, als ich mich an Morgenroth enger anschloß und seine Freundschaft zu erwerben wußte. Er sprach gern mit mir, da er in mir einen seiner Denkuncjs- und Gesinnungsart ähnlichen Charakter entdeckt hatte, und ich wanderte noch oft abends spät vor das Thor hinaus, um bei ihm zu einer nütz- lichen und anregenden Unterhaltung Einlaß zu erbitten. Von aller übrigen Gesellschaft hatte sich Morgenroth nach Möglichkeit abgeschloffen.„Ich liebe alle Menschen," sagte er eines Tages zu mir, als wir über das Salonleben sprachen,„aber ich bin Feind allen Geschwätzes ohne fruchtbaren Zweck, ohne idealen Zielpunkt. Aus den gesellschaftlichen Cirkeln und öffentlichen Vereinen bin ich längst ausgetreten," fügte er hinzu.„Dort dreht sich alles um einige wenige Personen und deren Egoismus. Ich habe weder das Zeug zum Schuhputzer noch zum Führer. Ehrgeiz kenne ich nicht und ich wäre ein erbärmlicher Wasch- läppen, wenn ich mich an Schmeicheleien von Dummköpfen satt füttern wollte. Es mag jeder sehen, wie er sich befriedigt, und wer sich bei einem matten Thee und einer seichten Unterhaltung behaglich fühlt, der mag sich meinetwegen etwas auf nichts ein- bilden."— Als ich ihm entgegenhielt, daß man aber doch mit den Menschen leben und verkehren müsse und nicht immer geist- reiche Diskussionen führen könne, gab er mir als Antwort:„Ich mache eben aus keinem Dinge eine Gewohnheit; ich will kein Gewohnheitsaffe sein, sondern dem Drange meiner innersten Natur folgen. Je älter ich werde, je enger und fester wird der Kreis, den ich um mich ziehe. Fühle ich das Bedürfniß, mit Menschen zu reden, so suche ich mir Menschen auf, wie sie mir gefallen. Ich gehe auf das Land, dort, wo der Sinn noch frisch ist und der Verstand nicht durchlöchert; dort höre ich aufmerksam zu, merke mir, was das Volk denkt und wünscht, und wenn ich dann einmal gefragt werde, dann suche ich zu lernen und zu belehren. Das ist mein Vergnügen und mein Bedürfniß. Und wenn es einmal grade nicht anders geht und ich in eine öffentliche Gesell- schast hineingezerrt werde, so habe ich von dem Zuschauen bald so genug, daß ich für lange Zeit von jeglicher Sehnsucht gründ» lich kurirt bin."— Und als ob er fürchtete, von mir aufs neue interpellirt zu werden, setzte er noch hinzu:„Ja, die Ausnahmen! werden Sie sagen. Aber die Ausnahmen bilden nicht die Regel. Man gebe mir die Schule und die Landbevölkerung und ich bin sicher, in Kürze Wunder zu wirken."— Nach einem derartigen Gespräche versank Morgenroth gewöhnlich plötzlich in längeres Stillschweigen. Man sah ihm an, daß er mit seinen Gedanken einen weiten Flug machte, von dem er erst dann wieder zurück- kam, wenn man ihn gewaltsam aufschreckte.— Eines Tages überschritt ich nachdenklich die Schwelle seiner Wohnung. Im Begriff, seine Stubenthür zu öffnen, hielt mich die Wirthin zurück, indem sie mir zuraunte:„Warten Sie ein wenig. Herr Morgenroth scheint sich in einer schrecklichen Auf- regung zu befinden. Er ist einsilbig vor einer Stunde angekommen und geht nun schluchzend und weinend im Zimmer auf und ab." Ich trat in der Wirthiu Zimmer. Die gute Frau zeigte sich sehr theilnahmsvoll und bedauerte es sehr, daß Morgenroth seit kurzer Zeit so trübselig und unglücklich sei.—„Und haben Sie ihn öfters so gefunden?" fragte ich.—„Schon neulich einmal. Er sagte mir, er sei mit Herrn Freimann bei Liebers gewesen; habe sich dort sehr gut vergnügt und wolle noch— es war spät am Abend— arbeiten. Auf einmal hörte ich ein Geräusch, und als ich neugierig wurde, ward es mir klar, daß er in seinem Zimmer aufgeregt hin- und herschritt, mit den Füßen stampfte, mit den Zähnen knirschte und dazu weinte. Ich öffnete schnell die Thür und da sah ich ihn am Fenster stehen und in die Dunkelheit hinausblicken. Als er sich umwandte und mich erblickte, rannen ihm ein paar Thränen von den Wangen, aber er lächelte und antwortete ans meine Frage, was ihm fehle: Er wäre heute in einem Theater gewesen, man hätte dort ein Trauerspiel auf- geführt und nun habe ihn hinterdrein die Wehmuth gepackt und überwältigt.— Begreifen Sie das?" fragte mich die Wirthin. „Herr Morgenroth versteht doch sonst so vortrefflich, sich zu be- herrschen und seine Männlichkeit zu wahren, aber diesmal— ich fürchte— ich fürchte—"—„Nun?"—„Ich fürchte, er hat eine trübselige Geschichte mit einem Mädchen."— Ich nickte und trat bei ihm ein. Er stand am Fenster, als ich ihn begrüßte, kam aber sogleich auf mich zu:„Gut, daß Sie kommen," rief er.„Ich habe mich nach Ihnen gesehnt." Dann bot er mir auf das freundlichste seine Cigarren an, nahm selbst davon und sagte:„Wenn die Kiste geleert ist, werde ich inich der thörichten Angewohnheit des Rauchens entschlagen. Man braucht nicht, wenn man will. Und übrigens ist das eine theure Leidenschaft. Wir Männer tadeln die Frauen, wenn sie dem Kaffee fröhnen, denken aber nicht daran, daß wir an größeren Untugenden labo- riren. Ich werde den Tabak nur als Medizin, also in den Fällen anwenden, wo ich einer Anregung bedarf."-- Nachdem er mich mit seinen Ansichten über die„kleinen Laster" bekannt gemacht hatte, sagte er Plötzlich, das Thema völlig wechselnd:„Wie urtheilen Sie über einen Menschen, der ans Liebe seiner Liebe entsagt, der seine eigenen Gefühle gewalt� sam zurückhält und, ob er gleich sicher ist, bei der Geliebten nicht fehl zu gehen, trotzdem diese letztere seinem Freunde zuführt, der sie ebenfalls liebt?"—„Ich bedaure ihn," entgegnete ich.— Morgenroth sah mich überrascht und scharf an.„Wieso? Warum? Erklären Sie das!"—„Ich bedaure ihn, weil er zum ersten jedenfalls ein Opfer seiner schlechten sozialen Verhältnisse ist, und zweitens, daß er seine Liebe an einen unwürdigen Gegenstand vergeudete."— Morgenroth war aufgesprungen.„Unwürdig? Warum?"— Ich fuhr fort:„Das Mädchen darf sich auf keinen Fall von dem Freunde an den Freund verschachern lassen. Thut sie es, so ist ihre Liebe für ihn nicht von jener Leidenschaft und Innigkeit, wie die seine, und mithin kann sie nur dem andern liebend zugethan sein. Wäre sie es nicht, so handelte sie egoistisch, geschäftsmäßig, nach der landläufigen Sitte also unmoralisch, gemein,— und wäre des hochherzig Entsagenden unwürdig."— „Und welche Handlungsweise verlangen Sie von der Dame?" fragte Morgenroth aufgeregt.—„Sie mag auf den ersten Augen- blick aus allzugroßer Liebe für den Mann oder in Verwirrung diesem in seinem Vorschlage, des Freundes Hand nicht aus- zuschlagen, gefolgt sein, aber sie muß, zur Besinnung gekommen, zurücktreten und durch ein freimüthiges Bekenntniß sich von einer Sünde befreien, die andernfalls wie ein Fluch sich an ihre Sohlen heften würde. Sie muß gewaltsam das Band zerreißen, un- bekümmert darum, was daraus entstehe, unbekümmert auch darum, ob die Verhältnisse ihres Geliebten sich je so gestalten, daß eine Vereinigung mit ihm möglich ist."— Morgenroth antwortete nichts darauf. Er ging im Zimmer auf und ab. Seine Brust arbeitete mächtig� und ich erwartete, daß er das Thema festhalten würde; aber er schwieg und drückte mir nur seinen Dank sür das Gesagte aus. Mich noch ein Stück des Weges bis zum Thore der Stadt begleitend, schlug er dann, sich verabschiedend, den Weg durch die Promenade ein.— In seinem Tagebuche lesen wir folgende Stelle, die wir hier passend hinsetzen wollen:„Schreckliches Geschick!— Prometheus kann keine größeren Plagen erlitten haben, als ich! Ich ver- zehre mich innerlich!— Mein Herz heult wie eine Kirchenglocke, die inan wegen einer Feuersbrunst in Bewegung gesetzt hat— aber mein Mund lächelt.— Sie ist mein und sie ist nicht mein! -- Ich komme— rede mit ihr— und wenn ich sie ver- lassen— bricht es mit aller Verzweiflung aus mir hervor. Das ist eben das schlimmste, sie nicht sehen wollen und sie doch sehen müssen! Oft konimt es mir so vor, als ob ich dem Wahnsinn nahe märe!— Ist das Eifersucht!— Pfui!— ich zürne keinem!"--- Um den Leser über Morgenroths seelische Vorgänge aufzu- klären, muß ich den Fortgang der Handlung erzählen:„Freimann hatte ihn dringlich gebeten, Liebers Haus, trotz seiner veränderten Stellung, nicht zu meiden, ja er hatte ihm das Versprechen ab- genommen, nach wie vor mit der Freundin zu verkehren und ihr den Vortheil seines Unigangs und seiner Belehrung zu theil werden zu lassen. Morgenroth, um sich dem Freunde nicht zu verrathen, brachte dieses Opfer. Er versuchte, sich in alter Ge- wohnheit zu geben und zu äußern. Aber es gelang nicht nach Wunsch. Er ärgerte sich deshalb über sich selbst und litt, durch den Anblick des jungen Paares, Höllenqualen. Kein Mensch er- fuhr davon. Nur seine Wirthin beklagte dieses unglückselige Verhältnis und sagte es ihm endlich offen ins Gesicht.--- „Eines schönen Tages theilte Morgenroth seiner Wirthin mit, daß er auf zwei oder drei Tage verreisen werde.— Elisabeth war zu ihrer Cousine Marianne aufs Land gereist, Freimann hatte Morgenroth ersucht, verschiedene Sachen und Bücher hin- j überzubringen. Morgenroth fuhr ab. Er fuhr gern— er hatte Sehnsucht darnach.— Von der Eisenbahnstation L.. hatte er noch drei und ein halb Stunden zu Fuß bis Baumberg zu wandern, wo Marianne wohnte. Der Morgen war frisch, die Sonne erglänzte auf Wieseu und Feldern, Lerchen stiegen empor und jubilirten. Er schritt schnell auf der Landstraße dahin und' wenn ihm irgend ein Landmann begegnete, so fragte er nach der Länge des Weges.— Unterwegs kam er an einem zer-! fallenen Kloster vorbei, in dessen Räume er eintrat. Majestätisch und ernst ragten die Trümmer empor. Hie und da war noch ein Saal, ein Verließ erhalten.— Zu anderen Zeiten hätte er stundenlang zwischen den Steinhaufen umherklettern können, um eine alte Inschrift zu entziffern, die Bauart alter Zeit zu studiren, die Kulturgeschichte vergangener Jahrhunderte aus den Trümmern zu lesen— heute übersah er das alles— er überblickte die langen lateinischen Inschriften über dem Portal— die Bruch- stücke von Bildsäulen heiliger und gelehrter Männer, die schön geschwungenen Bogen der zerfallenen gothischen Kirche— sein Auge erfaßte nur das Gesammtbild und als er sich abwandte und in den mit Schilf und Grün bedeckten Graben hinabblickte, der das Kloster früher gegen feindliche Macht schützte— da lächelte er melancholisch, pflückte sich eine Epheuranke von dem alten Mauerwerk und sagte: ,Und neues Leben blüht aus den Ruinen/— Mit Hast schritt er Baumberg zu.— Wie klopfte ihm das Herz und wie hämmerte es in seinen Schläfen! Er ließ sich von einem Kinde Marianne's Wohnung zeigen und trat langsam und leise in das mit Weinlaub bekränzte Haus.— Marianne im leichten hellen Morgengewande kam ihm freundlich entgegen.— ,Siehll rief sie!.Sie sind doch gekommen! Das ist schön! Da habe ich also die Wette verloren!— Elisabeth meinte, Sie kämen sicher einmal zu uns nach Baumberg und ich?— Nun, ich glaubte das nicht recht.— Dafür bin ich der ausgemachten Strafe verfallen!— Elisabeth ist im Garten. Sie wird bald kommen/-- Morgenroth war bleich und einsilbig. Er setzte sich in den Sessel und blickte vor sich auf die Erde. Marianne sprach den Wunsch aus, daß er einige Tage bleiben werde— aber Morgenroth erwiderte: ,Jch habe nirgends lange Ruh. Wenn ich mich meines Auftrages entledigt und mich etlvas ausgeruht, werde ich den Rückweg antreten.— Elisabeth, welche in diesem Augenblicke eingetreten war, unterbrach die Antwort mit den Worten:.Daraus wird nichts/--- Dann begrüßten sich die beiden nnd Morgenroth übergab ihr die Sachen und Bücher.--- Man sprach von diesem und jenem, aber man sprach nicht über das, worüber jeder so gern gesprochen hätte. — Nur einmal wurde die Unterhaltung lebhaft. In einem An- falle von Härte hatte nämlich Morgenroth den Frauen Wankel- muth und Zaghaftigkeit vorgeworfen.—.Ich kenne die weibliche Natur/ sagte er zum Schluß und Marianne versetzte lebhast: .Sie kennen sie nicht, oder Sie schließen von Ihren persönlichen Erfahrungen, also von einer winzig kleinen Zahl, auf die un- endliche Gattung. Ich weiß Frauen, die heldenmüthiger sind als je ein Mann es sein kann, die größere Märtyrer sind, als alle die Heiligen, die man in den Kirchen glorifizirt. Sie sprechen nur nicht von sich, sie sagen nicht, was sie leiden und tragen ihre Leiden gern, wie Christus sein Kreuz einst getragen, aus Liebe/— Morgenroth sah auf Marianne und dann aus Elisabeth, welche hinausblickte auf die Straße. Ihre Züge warm unendlich traurig und es fehlte nicht viel, so wären die hellen Thränen aus ihren Augen geflossen. Sie erhob sich mit einem seufzenden ,Ach ja'/ und ergriff eines der Bücher, um den Titel anzuschauen.--.Ich nehme alles, was ich Anklagendes ge- sagt, gern zurück/ sprach Morgenroth,.meinte ich es ja doch nicht so ganz ernst. Mein Jdeengang war nur der, daß ich ein Körnchen Heldenmuth an einer Frau liebe, daß die Frau nicht immer und überall geduldig Fesseln und Leiden tragen, daß sie erhaben sein soll über etwaiges sinnloses Geschwätz der Menge; was der Mann ihr aufdrängt, solle sie nicht leicht hinnehmen und länger dulden, als es ihre Natur erträgt'/-- Beide Frauen hingen aufmerksam an des Sprechers Munde. Elisabeth bleich, mit starren Augen— trat plötzlich einen Schritt näher auf ihn zu— sie hob die Hand, sie bewegte den Mund zum Sprechen — aber sie schwieg, wie von einer anderen Idee geleitet und wendete sich um, zum Fenster.——— Inzwischen waren Marianne's Eltern hinzugekommen. Man freute sich allgemein, Morgenroth kennen zu lernen. Auch Verwandte fanden sich ein, von denen er manchen schon früher bei Liebers gesehen hatte. Man speiste zu Mittag. Morgenroth fühlte sich bewegt und aufgeregt. Er sollte erzählen, er sollte über Freimann berichten, ihn schildern. Die Worte erstarrten ihm im Munde. Er mußte sich gewaltsam bezwingen.— Dann kam der Kaffee. Man Tanz und Kulturgeschichtliche Skizze Wie sich in den Tänzen und Spielen der Kinder das heitere und fröhliche Wesen der Kindheit am vollkommensten ausspricht, so spiegelt sich auch in den Tänzen der Erwachsenen der Cha- rakter sowohl der einzelnen wie ganzer Völker reiner und deut- licher wieder, als in so manchen andern, bei weitem beachteteren Kulturerscheinungen. Denn im innigsten Zusammenhange mit der Denkart und dem Charakter eines Menschen oder eines Volkes steht auch die Art, sich zu vergnügen und zu erheitern, d. h. was für uns am wichtigsten ist, auch zu tanzen. Ernste und zumal politisch gedrückte Zeiten werden deshalb ernste und gemessene Tanzarten hervorbringen, während umgekehrt in Zeiten hon regem geistigen und Politischen Leben auch die Tänze rascher, freier und lebendiger sind. So hatte die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts ihre steifgraziösen Menuetts voll gespreizter Würde und lächerlicher Geziertheit, in welchen sich das unterdrückte Selbstgefühl der Menschen jener Zeit, namentlich des sogenannten dritten Standes, Luft machte und oft bis zu unschöner häßlicher Tändelei verirrte. In der zweiten Hälfte dagegen, und nicht minder in unserem vielgepriesenen und vielgeschmähten neun- zehnten Jahrhundert, treten die Rundtänze(Polka, Walzer:c.) mit ihren rascheren Wirbeln und paarweisem Dahinfliegen immer mehr an die Stelle der älteren geselligen Tänze(Contre, Qua- drille jc.) und bilden deshalb ein bedeutsames Zeichen unserer Zeit, das näher zu untersuchen wir uns für eine spätere Nummer der„Neuen Welt" vorbehalten. Wie jede Zeit, so hat auch jedes Volk besondere Tänze. Man könnte deshalb von Zeit- und National- oder Volkstänzen sprechen, insofern die ersteren nicht wie die letzteren nothwendig an die Eigenthümlichkeit eines bestimmten Volkes, das sie hervorgebracht hat, gebunden sind, sondern nur einer bestimmten Zeit, gleichsam der Laune oder der Roth eines Jahrhunderts ihr Dasein ver- danken und zu gleicher Zeit von verschiedenen Nationen geübt und getrieben werden. Dies ist namentlich in der neueren Zeit der Fall, welche die Unterschiede der Nationen, ihrer Weltbürger- lichen Tendenz getreu, auch in den Tänzen immer mehr zu ver- wischen bemüht scheint, während die eigentlichen Volkstänze, wenigstens ihrer Entstehung nach, fast durchweg den früheren Jahrhunderten angehören, ja mit ihren ersten Anfängen oft m die fernste Vorzeit eines Volkes zurückreichen. Von dem wich- tigsten Einfluß auf die Entstehung und Entwicklung derselben ist unstreitig das Temperament, d. h. die Naturanlage eines jeden Volkes gewesen, die wiederum zum Thcil durch die klimatische Beschaffenheit des betreffenden Landes bedingt wird. Unter der heißen Sonne Spaniens und Italiens rollt das Blut schneller und feuriger durch die Adern, als in dem kühlen germanischen Norden. Demgemäß loht auch in dem Nationaltanze des Spa- niers wie des Italieners, dem Fandango als in der Tarantella, südliches Feuer und die glühende Leidenschaft des romanischen Volkscharakters, während dce Volkstänze unserer deutschen Hei- mat, der langen Winterruh und unserer deutschen Schwerfällig- kcit entsprechend, fast durchweg eine größere Ruhe und Beschau- lichkeit zur Schau tragen: in„Großmutter will tanzen!" u. s. f., worin sich die Langsamkeit und Bedächtigkeit der deutschen Natur, verbunden mit einem Zuge von Humor, wie er uns eigen ist, unseres Erachtens sich vollkommener ausdrückt, als in dem sonst als deutschen„Nationaltanz" verschrienen Walzer. Aehnlich ver- hält es sich mit dem Czardas des Ungarn, dessen vibrirende Melodien im raschen Wechsel von größter Schwermut!) und aus- gelassener Lust, sowie die cigenthümliche Tanzart eine tiefe mühsam verhaltene Leidenschaft aussprechen, wie sie dem ungarischen Volkscharakter eigen ist, und ähnlich verhält es sich mit allen echten Volkstänzen. � � Schon bemerkt wurde, daß der Tanz, und zwar wahrscheinlich bald nach seiner Entstehung, in den Dienst anderer Kulturmachte, hauptsächlich der Religion, getreten sei. Er theilt dieses Schick- sal jedoch mit fast allen andern Künsten, Musik, Dichtkunst, brachte Kuchen und Zwieback. Man lachte, man scherzte. Morgen- roth lachte auch, aber jedesmal überlief es ihn eiskalt, wenn er nach Elisabeth hinübersah, der man Glück wünschte zu ihrer Brautschast.—(Schluß folgt.) Religion. von Iriedr. Volkmar. Architektur, Plastik und Malerei, welche alle in ihren Anfängen bis zu ihrer völligen Reife und Selbständigkeit an den Brüsten der Religion genährt und sozusagen unter der Obhut dieser ge- wältigen Geistes- und Gemüthsmacht aufgewachsen sind. Denn der Kultus der Götter nahm in dem Leben der älteren Zeiten und Völker eine weit wichtigere und ausschließlichere Stelle ein, als in dem unsrigen. Es wurden ihnen nicht nur Opfer ge- bracht, Thicre und in den ältesten Zeiten Menschen geschlachtet, von deren Fleisch und Blut sie sich nach der kindlichen Anschau- ung jener Tage ernähren sollten, zu ihrer, der Götter, Ehre und Erheiterung, oder um sie freundlich und gnädig zu ,ll"jmen, wurden an ihren hohen Festtagen auch allerlei Spiele gespielt und vor allem getanzt und gesungen. Bei unfern germanischen Vorfahren, wie bei fast allen alten Völkern, war dies namentlich an den hohen Festtagen der Sommer- und Wintersonnenwende, dem heutigen Johannis- und Weihnachtsfeste, wie zur Frühjahrs- und Herbstzeit der Fall. Man tanzte in heiligen Hainen Vörden Standbildern der Götter, oder, soweit diese nicht vorhanden waren, vor den Bäumen, Felsen ic., in denen man die Götter wohnen glaubte, unter feierlichen Gesängen und heiligen Ge- bräuchen. Namentlich waren die Ostertänze zu Ehren der alten Frühlingsgöttin Ostera, welche das Wiedcrerwachen der Natur feierten, sehr beliebt und über ganz Deutschland verbreitet. Ja Reste derselben haben sich bis auf den heutigen Tag in unfern Oster- und Psingsttänzen, in einigen Orten, wie im Anhaltischen, auch Pfingstgelage genannt, erhalten, wie denn unser christliches Osterfest noch heute den Namen jener alten, heidnischen Früh- lingsgöttin unverändert fortführt. So unzerstörbar sind jene alten, volkstbümlichen Vorstellungen und Gebräuche, so fest- gewurzelt in der Seele des Volkes, daß sie von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich fortpflanzen, und wie sehr sie auch ihre Gestalt im Laufe der Zeit geändert haben mögen, doch immer noch Zeugniß ablegen von den Zeiten, aus denen sie stammen. Und wir fühlen uns durch sie wie durch ein geistiges Band mit jenen Tagen unserer alten Heid- nischen Vorfahren verknüpft und freuen uns dieser kümmerlichen Ueberreste einer längst entschwundenen Zeit, wie sich der Enkel freut, der in einem unbeachteten Winkel seines Hauses von dem ehemaligen Reichthume seiner Väter plötzlich einige seltene und köstliche Münzen findet. Lebt doch in solchen Resten alter Ge- bräuche noch ein Stück uralten Volkslebens, das seinen Werth wie gediegenes Gold durch seine unzerstörbare Dauer erwiesen hat, und das wir schon darum heilig halten sollten,— und nicht immer ist das neue auch das bessere! Das Christenthum trat freilich gegen den religiösen Tanz, als eine heidnische Unsitte, welche mit der neuen Lehre und deren Gebräuchen unverträglich schien, von Anfang an mit Heftigkeit auf. Zuerst mag es wohl der heilige Bonifazius, der Apostel der Deutschen, gewesen sein, welcher im Jahre 743 auf dem Konzil zu Lcptines diese höchst unchristliche und heidnische Sitte, von welcher seine Neubckehrten, wie von so manchem andern Anstößigen und Aergerlichcn auch als Christen nicht lassen woll- ten, mit dem größten Nachdruck bekämpfte und wirklich auch strenge Gebote dagegen erwirkte. Der Bischof Burchard von Worms wiederholte dieselben in seinem Beichtspiegel vom Jahre 1024; dennoch war er ebensowenig wie das Konzil zu Würzburg vom Jahre 1208, welches den Uebertreter des gegen die reli- giösen Tänze ergangenen Erlasses mit einer dreijährigen Kirchen- büße bedrohte, im Stande, diese tief eingewnrzelte Volkssitte aus- zurollen. Sie klammerte sich vielmehr wie ein zähes Schling- kraut an dem Kultus der Kirche selbst fest, und führte unter christlichem Namen ihr altes Leben noch lange fort. Ja sie blühte im siebzehnten Jahrhundert, also beinahe tausend Jahre nach Einführung des Christenthums noch so, daß der Jesuit Mcn- trics in seinem 1682� erschienenen Buche über alte und neue Ballete erzählt: er selbst habe noch gesehen, wie in einigen Kirchen 614 die Domherren und die Chorknaben sich bei der Hand faßten und tanzten, während sie zugleich Danklieder sangen. Besonders waren es, wie schon erwähnt, die Tage der Winter- und Sommersonnenwende, an welchen in heidnischer wie in christ- licher Zeit religiöse Tänze beliebt waren. Man tanzte in der Weih- nachtswoche auf den Kirchhöfen und am Vorabend des Johannis- tages um die an dem letzteren Tage ursprünglich zu Ehren des Sonnengottes Wodan angezündeten Feuer. Diese Sitte wurde die Veranlassung zu den später so berüchtigten St. Veits- und Johannistänzen, welche die Menschen, Männer und Weiber, mit einer Art wahnsinniger Wuth ergriffen und zu tanzen zwangen nnd die namentlich in der Rhein- und Moselgegend lange Zeit ihr Wesen trieben. Von diesen und ähnlichen Uebertreibungen und krankhaften Entartungen des religiösen wie profanen Tanzes wird weiterhin noch näher die Rede sein, hier möge nur noch Erwähnung finden, daß nach einem weit und lange verbreiteten Aberglauben der Tanz am Johannistage das Haus, in welchem es geschah, ein ganzes Jahr hindurch vor Feuer und dem Ein- schlagen des Blitzes schützen sollte, was wiederum ein Rest alt- heidnischen Götterglaubens und nur eine letzte verdunkelte Er- innerung daran ist, daß gerade dieser Tag ehemals dem ober- stcn Gotte, dem Sonnen- und Feuergotte, dem Beschützer des Hauses und Herdes, Wodan, geweiht war. In christlicher Zeit trat Johannes der Täufer dann an die Stelle des Heidin- sehen Gottes, dem zu Ehren der Johannistag auch seinen jetzigen Namen erhalten hat, wie man in die Zeit der Wintersonnenwende, jenes anderen großen heidnischen Festes, das Geburtsfest des Heilandes, das christliche Weihnachtsfest verlegte. Der Tanz am Johannistage selbst sollte in christlicher Zeit an jenen, aus der biblischen Geschichte her bekannten Tanz der Herodias, der Tochter des Herodes erinnern, welcher Johannes dem Täufer einst den Kopf kostete. So müssen die alten, unzerstörbaren Sitten der Heidenzeit dem Christenthume zu Trägern seiner Ideen dienen und dem neuen Eroberer gleichsam ihr eigenes, von ihnen bisher beherrschtes Gebiet mit erobern helfen. So baute man an der Stelle, wo ehemals eine heidnische Opferstätte sich befunden, gern eine christ- liche Kirche, ein Kloster oder ein Bethaus, und so bediente man sich des alten Aberglaubens, um ihn für die Zwecke der neuen Lehre zu benützen und in ihrem Sinne zu deuten. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Wudolph von ZZ. (Fortsetzung.) Während die beiden von der wilden Begleitung des langen Joseph sich so stritten, war noch eine ganze Anzahl mehr von den Leuten angelangt. Der Erstangekommene erzählte nun, daß er den Jrrenhauswärter da hinein in das Hinterhaus habe gehen sehen, denselben, welcher vorhin die Prügelei— angefangen habe. Einige von den Burschen, die Klinke's derbe Fäuste zu fühlen gehabt hatten, wollten daraufhin gleich in das Haus hineinstürmen. Der Wirth aber vertrat ihnen sehr energisch den Weg und erklärte, in dem Hintcrhause hätten Fremde garnichts zu thun, das wäre abgeschlossen, die Gaststube sei vorn und er würde sich gegen jeden Hausfriedensbruch mit allen Kräften zur Wehr setzen. Alsogleich rief er auch seine beiden Knechte herzu, stämmige Burschen, die ihm auf das Wort zu gehorchen gewöhnt waren, und da ihn die mitgekommenen Oberwaltersdorfer sehr gut kannten und ihm das Wort redeten, so wagte zunächst von den andern keiner, zu offener Gewalt zu schreiten. Inzwischen waren auch der lange Joseph und Hampel nach- gekommen. Des letzteren erstes Wort war die Frage, ob der Jrrenhauswärter allein gewesen sei. Der Bursche, der diesen er- kannt hatte, verneinte und sagte, ungefähr vier oder fünf Leute wären sonst noch dabei gewesen. Auf diese Mittheilung hin warf der amerikanische Schulmeister seinem langen Kumpan einen triumphirenden Blick zu.„Da hätten wir sie also!" sagte er. Nun begann der Krakehl mit dem Wirthe von neuem. Dieser ließ sich aber so wenig einschüchtern, wie vorher, und schon wollte der lange Joseph ihm selbst gegenüber zu Thätlichkeiten über- gehen, als Hampel intervenirte. Er nahm den Joseph beiseite und sprach eine Weile leise mit ihm. Der Erfolg dieser Unter- redung war, daß der Lange mit sonderbarem Grinsen von seinem gewaltthätigen Vorhaben abstand und mit der Drohung, die Kerle aus dem Verrücktenhause sollten ja in ihrem Mauseloche drin bleiben und sich nicht blicken lassen, sonst würde es ihnen verdammt schlecht gehen, in die Gaststube ging, um sich und den andern da auf Kosten des amerikanischen Schulmeisters gütlich zu thun. Der Wirth traute anfangs dem Landfrieden garnicht und beobachtete den Langen und den Dicken— er kannte den Schulmeister auch nicht bei Namen— unaufhörlich. Dabei bemerkte er, daß der erstere mit mehreren von seinen Leuten leise zischelte und daß die sich fortschlichen und das Hinterhaus von allen Seiten umgingen und umschnüffelten, als ob sie heimlich hineinzukommen versuchen wollten. Das machte ihm aber keine Schmerzen. Das Haus hatte nur eine alte, eisenfeste Eichenthür und die Fenster des Erdgeschosses waren mit starken Eisengittern gegen alle Versuche, durch sie ins Innere einzudringen, mehr als ausreichend geschützt. Drum beauftragte der Wirth einen seiner Knechte, im Hofe zu bleiben und genau acht auf die sich überall herumtreibenden Burschen zu geben, und schlüpfte selber in einem Momente, während dessen er sich und die Thür des Hinterhauses unbeobachtet glaubte, hinein, um die darin Eingeschlossenen über die Lage der Dinge zu beruhigen. Hier fand er ziemlich schwere Arbeit vor. Der Doktor Wendelin und die Wärter, allen voran Klinke, empfanden es, nachdem der Eindruck der Ueberraschung überwunden war, wie eine Schmach, hinter Schloß und Riegel sich vor einer Anzahl angetrunkener Menschen zu verstecken; alle wollten heraus und der junge Arzt hoffte, doch wenigstens einige anständigere und besonnenere unter den Leuten zu finden, die sich durch vernünftige Vorstellungen von der Thorheit und Unwürdigkeit brutaler Ausschreitung über- zeugen lassen würden. Der Wirth aber kannte seine Pappenheimer besser, und wider- rieth auf das allereindringlichste, die Sicherheit seines wohl- verschlossenen Hinterhauses zu verlassen. Noch viel heftiger aber war er gegen das Vorhaben Fritz Laniers, der allein hinaus- gehen wollte, weil er der Meinung war, daß die Leute hauptsächlich oder eigentlich allein auf ihn ergrimmt seien wegen des bewußten verhängnißvollen Zeitungsartikels. Er dürfe unter gar keinen Verhältnissen hinaus; seine Gefährten dürften ihn bestimmt nicht hinauslassen, sagte er; wenn sich überhaupt nur einer von ihnen draußen zeigte, käme es gewiß zu Mord und Todschlag, während, wenn sie ruhig in ihrem Verbarg blieben, die Leute da draußen endlich doch abziehen würden. Auf dieses Abziehen aber meinten der Doktor Wendelin und die andern unbedingt nicht mehr lange warten zu können, weil ihrer wichttge Arbeit harre, und erst, als der Wirth, der keinen andern Ausweg aus der vertrackten Situation wußte, versprach, sofort einen Boten nach dem Gute des Herrn von Bergen-Felseck schicken zu wollen, damit dieser eine Anzahl bewaffneter Leute sende, unter deren Schutz der Doktor mit den Seinen vor der Roheit des langen Joseph sicher sei, konnten sie zu einmüthiger Verabredung kommen. Der Wirth ging darauf wieder in den Hof, nachdem er sich vorsichtig durch's Schlüsselloch der Thür erst vergewissert hatte, daß in deren Nähe sich niemand herumtrieb, von dem gewalt- sames Eindringen in das Haus zu besorgen war. Die zwei oder drei uniherspionirenden Burschen genirten ihn wenig, sie dachten nicht daran, sich mit ihm in ein Handgemenge einzulassen, und mit so ein paar jungen Kerlen wäre auch der robuste und ent- schlossene Mann leicht genug fertig geworden. Den einen seiner Knechte sandte er nun auf der Stelle, der Verabredung gemäß, ins nächste Dorf, mährend er den andern auf seinem Beobachtungsposten im Hofe beließ. Als er in die Gaststube zurückkehrte, hätte er bemerken können, daß der Schulmeister einen raschen Blick auf ihn und dann auf den langen Joseph warf und diesem etwas ins Ohr flüsterte. Er achtete aber nicht darauf und stellte sich ruhig hinter dem Schenktisch auf, wo er sofort mit Einschenken von Bier und Brannt- wein reichlich zu thun bekam. Als sich auch der lange Josepb unter die am Schenktisch Stehenden mischte, machte er den Eindruck eines Menschen, der schwer betrunken ist oder ganz nahe daran, es zu werden. Nach dem, was er nur in der kurzen Zeit, während er hier in der Schenke war, vertilgt hatte, konnte er es auch recht gut sein. Der Wirth schmunzelte, als er ihn ziemlich stark taumeln sah und hörte, wie er beim Reden mit der Zunge anstieß. Ist der einmal so schwer betrunken, daß er sich nicht mehr vom Platze rühren kann, so ist mit den andern kinderleicht fertig zu werden. Er schenkte ihm daher bereitwillig noch einen Schnaps ein, ohne erst die Bestellung abzuwarten. Der lange Joseph ließ sich auch nicht uöthigen, er trank mit einem Zuge das Glas bis auf die Nagelprobe leer und schob's zu neuer Füllung dem Wirthe hin. Gleichzeitig aber bestellte er beinahe lallend und sich mit beiden Händen an den Schenktisch festhaltend, als wenn er sonst um- fallen müßte, ein Faß Bier. Der famose Kerl, der amerikanische Schulmeister, würde es sofort bezahlen,— Schnaps hätten sie alle Tage, aber gutes Bier wär' ihnen sonst zu theuer, heut aber dürften sie sich was anthun. Dem Wirth kam ein Gedanke,— wenn er unter das Bier im Keller rasch eine tüchtige Portion Branntwein mengte, würde sicherlich in kurzem die ganze Gesell- schaft so angetrunken, daß die Männer im Hinterhause ohne Gefahr ihrer Schutzgefangenschast entlassen werden konnten. Er trat daher nur noch zum Schulmeister hin, um sich wegen der Bezahlung zu vergewissern, und da der das Geld gleich baar auf den Tisch legte und höchst treuherzig meinte, die Leute müßten heut schon was Ordentliches kriegen, um ihre aufgeregten Nerven zu beruhigen, da entzündete der Wirth mit verbissenem Lächeln eine Laterne und ging nach dem Keller. Als er die Kellerthür öffnete, beschlich ihn plötzlich ein Gefühl der Besorgniß, über dessen Ursprung er sich keine Rechenschast zu geben wußte. Besser ist besser, dachte er und zog den Schlüssel aus dem Schlosse, warf die Thür von innen zu und schloß hinter sich wieder fest ab. Dann stieg er die steilen Stufen hinunter, wählte eines der zahlreichen Fässer aus, ließ einen Theil des Biers in ein bereit- gehaltenes Gefäß laufen, spundete es auf und vollzog die beab- sichtigte Mengung. Dann kostete er das Bier, fand es nicht sonderlich verdächtig schmeckend, zumal für wenig kundige und in ihrer Geschmacksfähigkeit durch allerlei Trinkgenüsse schon be- einträchtigte Zungen, und schickte sich an, das Faß ans Tages- licht zu befördern. Da auf einmal hörte er ein heftiges Geräusch vor der Kellerthür, es rumpelte da oben, als ob ein schwerer Gegenstand auf der Holzdielung mit großer Kraftanstrengung svrtgeschoben würde. Was mochte das sein? Er stellte das Faß wieder auf den Fußboden,— wieder rumpelte es und stieß mit aller Macht an die Kellerthür. Er mußte nachsehen, was es da geben wöge. Als er an der Kellerthür angelangt war und den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte, gab es von außen noch einen Ruck au die Thür. Er wollte den nach außen gehenden Thürslügel aufstoßen, aber er vermochte es nicht. Er drückte mit aller Kraft, deren seine derben Fäuste sähig waren; die Thür rührte und wgte sich jedoch nicht. Blitzschnell wurde ihm jetzt klar, was eben geschehen war. Man hatte ihn im Keller eingesperrt, seinen eignen großen Schrank, der in der Hausflur an der Kellerwand ftand, hatten sie vor die Thür geschoben,— und diese zu öffnen, wußte solange unmöglich bleiben, als das kolossale, ursolid ge- arbeitete Möbel davorstand. Der Wirth rief, so laut er konnte, er fluchte und bat, die Leute möchten doch vernünftig sein, er brächte ihnen ja das Bier, er wolle ihnen ein Faß umsonst geben, be sollten nur mit diesem schlechten Witze ein Ende machen,— aber es antwortete ihm nichts weiter, als johlendes Gelächter und wildes Tosen, aus dem heraus er kein Wort verstehen konnte. Unter den Schreiern in der Hausflur vor der Kellerthür war der lauge Joseph der ärgste. Er geberdete sich wie toll; trotzdem wäre er einem aufmerksamen Beobachter nicht halb so betrunken wehr vorgekommen, als vorhin am Schenktische. Wenigstens wußie er augenscheinlich sehr genau, was er ivollte. Er zeterte und hetzte wiederum gegen den Zeitungsschreiberlaffen und gegen den Kerl aus dem Jrrenhause, der so frech gewesen war, die Hiebe, mit denen die Konsorten des langen Thunichtguts über ihn hergefallen, mit Zinsen zurückzuzahlen. Das Hinterhaus wüffe einfach gestürmt und den professionsmäßigen Faullenzcru dadrinneu mit ihren Bedienten, den Jrrenhauswärtern, gründlich d« Pelz ausgeklopft werden. Soweit das Gefolge des langen Joseph aus dem Abhub des hochberger Bergvolkes bestand, hatte der saubere Führer natürlich leichtes Spiel, von einigen Ober- waltersdorferu aber wurden Bedenken laut, diese gingen in der allgemeinen Trunkenheit und Rauflust rasch unter, und noch während der eingesperrte Gastwirth hinter der Kellerthür allerlei gänzlich unfruchtbare Befreiungsversuche niachte, stürmten die, welche ihn eingesperrt hatten, sicher, daß sie von ihm nicht gestört werden konnten, in den Hof, um dort das langgehegte gewaltthätige Vorhaben auszuführen. Dabei versäumte der lange Joseph nicht, den vom Wirthe in den Hof postirtcu Knecht ebenso unschädlich zu machen, wie seinen Herrn. Bei dem ewigen Skandal in der Hausflur war er bestürzt herbeigekommen, um zu sehen, was los sei; sofort hatte ihn der Joseph in einen Wortwechsel verwickelt, der so drohenden Inhalt annahm, daß sich der völlig vereinzelte Mensch, welcher absolut nicht begriff, um was es sich überhaupt handle, nicht anders zu helfen wußte, als Schritt für Schritt zurückzuweichen, und so zu einer Retirade überzugehen, bei derer allgemach in die Nähe der offenstehenden Thür des Pferde- stalls gelangte; hier auf einmal versetzt ihm ganz unerwartet der Lange einen heftigen Stoß vor die Brust, sodaß er in den Stall hincintaumelte, und ehe er noch zur Besinnung kam, war die Thür zugeschlagen, der starke Holzriegel, welcher sich an dem Außen- rand der Thür befand, vorgeschoben und er war im Stall ge- fangen, so gut wie sein Herr im Keller. Und nun stürzte sich die ganze Bande mit Hurrah auf das Hinterhaus. Steine flogen gegen die Fenster und acht Fäuste stemmten sich gleichzeitig gegen den einen Thürslügel, um ihn aufzubrechen,— dabei brüllte ein Dutzend Kehlen:„Aufmachen, auf der Stelle aufmachen, sonst schlagen wir die Thür ein,— aufmachen! Der Zeitungsschreiber'raus! Der Zeitungsschreiber 'raus!" Der Gastwirth hatte recht gehabt, als er sich auf die Stand- haftigkeit der Thür seines Hinterhauses verließ. Sie spottete der acht Fäuste und rührte sich so wenig, als ob es acht Fliegen wären, die sich drauf gesetzt hätten. „Suchen wir eine Leiter!" schrie der eine. „Nein, keine Leiter!" kommaudirte der lange Joseph.„Von der Leiter könnten die da oben hübsch gemächlich einen nach dem andern hinunterkegeln. Wir schlagen die Thür eben ein,— sucht Aexte— da im Holzstall oder in der Küche." Weder im Holzstall noch in der Küche, die völlig menschen- verlassen war, wie das ganze Haus,— der Wirth hatte seine Mägde, als die wilden Gäste kamen, zur Verhütung von Unfug fortgeschickt,— war eine Axt zu finden. Ein mäßig großer Hammer war alles, was einer von den Burschen iin Holzstall entdeckte. Auch dieser aber erwies sich gänzlich machtlos gegen die Thür. Nun verlor der lange Joseph die Geduld. Von einem im Hofe stehenden Leiterwagen brach er, unterstützt von einem paar seiner Leute, die große, cisenbeschlagene Deichsel los, und mit dieser begannen sie nun die so tapfer Widerstand leistende Thür zu bearbeiten. Er und noch ein anderer, gleichfalls ein baumstarker Mensch, faßten die Deichsel an ihrem Vordcrcnde, schwangen sie hoch in der Luft und führten furchtbare, durch Haus und Hof weithindrichnende Schläge gegen die Thür. Dieser wuchtigen Ängriffswaffc konnte sie nicht lange standhalten,� das sah man an den gewaltigen Erschütterungen, denen sie bei jedem neuen Schlage mehr nachgab. Der lange Joseph heulte trium- phirend laut auf und die andern stimmten, seinen glücklichen Ein- fall bejubelnd, ein. Eben holten der Lange und sein Helfer beim Dcichselschwmgen wieder mit dem Aufgebot all' ihrer Muskelstärke aus,— jetzt mußte die Thür aufspringen,— sie hatte benu vorhergehenden Schlage schon in ihren Angeln so geächzt, in ihrem Schlosse so gekreischt, daß sie unmöglich noch viel solche Schläge aushalten konnte ohne aus Rand und Band zu brechen. Eine erwartungsvolle Stille trat ein für einen kurzen Augen- blick— jetzt mußte der Schlag hcrniederschmettern— jetzt— Aber grade in diesem Augenblick erschallte von der Seite her, von da, wo der Hof sich um das Hinterhaus dem Garten zu herumzog, von kräftiger Stimme ein energisches: „Halt— halt, ihr Leute! Was ihr von denen da drinnen wollt, macht das mit mir aus— hier bin ich!" Alles wandte die Köpfe nach der Richtung, woher die allen unbekannte Stimme kam— auch der lange Joseph und der andre mit der Deichsel in den Fäusten. „Der Zeitungsschreiber— Himmelkreuzdouncrwettcr— der Zeitungsschreiber!" schrie der Lange und ließ die Deichsel fallen und sperrte den großen Mund vor übermäßigem Erstaunen, ohne sich vom Flecke zu rühren, angelweit auf. „Ja— ich," antwortete Fritz Lauter wieder in ganz un- erschrocken klingendem, vollem und doch schallenden und durch- dringenden Tone:„Ich, der Zeitungsschreiber Lauter, der da vor euch, ihr Leute, verleumdet worden ist, denn ich habe den schlechten Artikel im ,Tageskorrespondente»� nicht geschrieben,— mein Ehrenwort darauf,— ich bin selber ein Kind des Volkes, ich——« Was er weiter sagte, war nicht zu verstehen,— der Lange und einige der rabiatesten von den übrigen unterbrachen ihn mit Gebrüll. „Er lügt,— die Zeitungsschreiber lügen alle,— nieder mit dem Halunken!!" Mit ein paar Sätzen war der Lange durch den dem an- scheinend wehrlosen Einzelnen gegenüber für den Moment un- entschlossenen Haufen seiner Genossen hindurch, um sich ohne alle weiteren Redereien auf Lauter zu stürzen und ihn niederzuschlagen. Fritz Lauter wich einen Schritt zurück, bis er die Hofmauer im Rücken fühlte, dann riß er den Revolver, welchen ihm Willisch aufgedrungen, aus der Seitentasche seines Rockes,— er wußte freilich, daß er nicht geladen war, er wollte auch nicht schießen, sondern nur drohen und einschüchtern: „Zurück!" schrie er.„Zurück, wem sein Leben lieb ist. Ich schieße jeden nieder, der Miene macht, sich mir zu nähern." Der Lange stutzte und stand still. „Aha, aus dem Loche pfeifen wir! Ehrliche Kerle nieder- schießen, wie die tollen Hunde— das ist so die Manier der Herren. Na warte, Bursche, dich kriegen wir doch." Im Nu war er in der Menge seiner Leute verschwunden: „Ich komme sofort wieder!" schrie er.„Und dann mag das Bürschchen schießen, soviel's will. Ich streich's ihm an und wenn mich auf der Stelle der Teufel holt." Wieder machte Fritz Lauter einen Versuch, zu den Leuten, welche die drohende Revolvermündung in respektvoller Entfernung hielt, zu sprechen, sich mit ihnen zu verständigen, aber die Geister des Brannttveins waren zu mächtig in ihnen, die langgenährte Erbitterung zu groß,— sie schrieen und schimpften und drohten so sehr, so laut, daß keiner sein eignes Wort verstand und noch viel weniger das, was Fritz Lauter zu ihnen sprach, wie über- niäßig er auch seine Stimme anstrengte. Kaum eine Minute konnte verstrichen sein, als der lange Joseph wieder erschien. Seine Gesellen begrüßten ihn mit einem Jubelgeheul— er hatte wieder einen famosen Einfall gehabt. Er schleppte einen großen Tisch herbei,— als er in die Nähe Fritz Lauters gekommen war, hielt er ihn vor sich hin wie einen Schild, indem er ihn an den Leisten packte, welche die Tisch- schublade zu halten bestimmt waren; auf diese Weise schützte er seinen Körper vom Kopf so ziemlich bis zum Knöchel gegen jede Revolverkugel,— der Einfall war wirklich gut, und Fritz Lauter war verloren,— der Lange nahm einen Anlauf und stürzte sich, im voraus schon triumphbrüllend, auf seinen Gegner. Aber da, was war das!? Die Sippe des Laugen stob aus- einander, als wenn der wilde Jäger unter sie gefahren käme— zwei Reiter auf über und über mit Schaum bedeckten Pferden waren in den Hos gesprengt— mitten unter die Leute, voran eine kolossale Dogge-- drei, vier von den Leuten des langen Joseph waren im ersten Anprall von dem riesenhaften Hunde, der mit furchtbarem, wie eine Kette von Kanoneuschlägen donnernden Gebell in die Menge hineinschoß, über den Haufen gerannt-- „Dort, Hassan— faß— den da!" hatte der erste Reiter dem Hunde zugedonnert, und das kluge Thier hatte im Momente seine Aufgabe begriffen,— mit einem ungeheuren Satze stürzte es sich auf den langen Joseph und riß ihn sammt seinem Tische hinterrücks zu Boden, daß er unter diesem völlig begraben ward. „Ha, hallo— hurrah— da sind wir!" schrie Willisch, indem er dicht an Fritz Lauter heranritt.„Ich denke, zu rechter Zeit!" Er riß seinen doppelläufigen Lefaucheux von der Schulter und richtete ihn auf die verblüfften und wie gelähmten Leute. „Nun macht, daß ihr fortkommt, Halunken, die ihr seid, feig genug, zu vierzigen über einen einzigen jungen Menschen herzu- fallen,— hinaus zum Hofe, Gesindel,— sonst bekommt meine Büchse Arbeit! Und der Lange, da unter meinem Hassan, mit dem rupf' ich ein Huhn extra— der bleibt hier!" Aber so leichten Kaufes wollten des langen Joseph Freunde ihn doch nicht seinem Feinde ausliefern. Der, welcher mit ihm vorhin die Deichsel gehandhabt, brüllte: „So feig sind wir nicht, daß wir vor ein paar Flinten davon- lausen— er mag schießen,— alle drei mögen sie schießen, wir schlagen sie doch todt, allesamm,— jetzt erst recht, weil sie unfern Joseph von der Bestie zerreißen lassen wollen." Diese Worte machten gewaltigen Eindruck, schon flogen Steine aus dem Knäuel der Leute heraus nach Willisch und dem andern Reiter, seinem Johann. „Bei Gott, Kerle— ich schieße mitten in den Haufen, wenn ihr zu werfen nicht aufhört,—'s ist mir ganz egal. Und glaubt nicht, daß wir nur drei sind— uns nach kommen noch viel mehr Leute, als ihr seid— sie sind schon da,— hört ihr das Wagen- gerassel? Da kommen sie!!" Und sie kamen wirklich— zunächst ein großer, mit zwei starken Zugpferden bespannter Leiterwagen, der auch gejagt war, als wenn es ein Wettrennen gälte, und dicht hinter ihnen drein eine Equipage. Von dem Leiterwagen sprang schreiend und lebhaft gestikulirend ungefähr ein Dutzend von Menschen, von denen jeder einzelne mit einem gewaltigen Knüttel bewaffnet war. „Himmelkreuzdonnerwetter!" fluchte die dröhnende Baßstimme eines garnicht mehr jungen, aber untersetzten und starkknochigen Mannes.„Da will wahrhaftig eine ganze Herde von Strolchen über den Fritz Lanier. Na wartet, Halunken— da kommt der alte Packert eben recht— der wird's euch anstreichen." Und den Knüttel um sein Haupt schwingend, wie ein Wilder seine Keule, stürzte er sich ohne alles Besinnen unter die Leute des laugen Joseph, welche eben wieder das Steinbombardement zu beginnen im Begriff waren. Packerts Begleiter folgten seinem tapferen Beispiele, nur Därmig, der vorn auf dem Wagen, dicht neben dem Kutscher gesessen hatte, richtete sich an der Seitenleiter auf, so hoch es ihm seine bescheidenen Körperverhältnisse nur er- laubten, und schrie in den Tumult hinein, den der Angriff der gandersberg'scheu Setzer auf die Hochberger verursachte: „Ruhe einen Augenblick! Lileutium! Laßt mich erst'mal zu Worte kommen!" Aber kein Mensch wollte die schöne Rede, die ihm auf der Zunge saß, anhören. Die Setzer drangen vor, die Hochberger, welche heute aus einer Ueberrumpelung in die andre fielen, ließen die schon aufgehobenen Steine fallen und wichen zurück,— einige machten Miene, als wollten sie den von Packert so heißblütig be- gonnenen Kampf garnicht aufnehmen, sondern einfach Fersengeld geben. Aber des langen Joseph Spezialkumpan dachte daran nicht. Er hatte schnell die Zahl der neuen Angreifer überschaut. „Es sind kaum zehn Stück!" schrie er mit seiner Donner- stimme in den wankenden Haufen seiner Genossen hinein.„Alle bis auf den dicken Alten klein und spindeldürr,— mit denen würd' ich allein fertig,— also drauf,— feige Hunde seid ihr, wenn ihr ausreißt und wenn noch dreimal soviel ankommen." Der alte Packert hatte kaum den baumstarken Burschen reden gehört, so stürzte er wie ein angeschossener Eber auf ihn los. Im nächsten Augenblick hatten die beiden einander vor der Klinge oder richtiger vor dem Knüttel und droschen wie toll auf einander los. Im Nu wurde das Handgemenge allgemein. Auch Willisch und sein Johann schwangen sich von ihren Pferden,— schießen hätten sie jetzt nicht mehr können, denn sie hätten ebensogut Freund wie Feind treffen können, und drehten die Flinten um, um mit den Kolben dreinzuschlagen. Aber sie waren noch nicht soweit gekommen, als aus der Equipage, welche hinter den: Leiterwagen dreingekonimeu war, ein Herr mit schneeweißein Haar behend wie ein Jüngling heraus- sprang und ihm auf dem Fuße eine junge Dame folgte. „Fritz, Fritz— lieber Fritz," rief das schöne Mädchen und eilte, des ftirchtbaren, blutigen Tumultes, der sich soeben entsponnen hatte, nicht achtend, auf Fritz zu, der bleich und blutig, aber mit blitzenden Augen noch an der Mauer lehnte, an welche ihn der sonderbare Riesenschild des langen Joseph gepreßt hatte. „Du bist verwundet, Fritz, armer Fritz," rief das Mädchen wieder.„Komm mit mir, ich will deine Wunden verbinden und dich pflegen und dich nicht mehr von mjr lassen, Fritz." Die letzten Worte hatte sie nur geflüstert, aber er hatte sie doch verstanden und wie die Morgensonne so strahlend und warm war in seinem wildbewegten Herzen die lange männlich bekämpfte, langzurückgehaltene Liebe urplötzlich aufgegangen. Als wenn sie beide allein wären, im trauten Waldesdüster und als wenn kein Mensch sie sähe, breitete er seine Älrnie aus und zog sie an sein Herz. Und— merkwürdig— der entsetzliche Lärm ringsum legte sich— es wurde stiller und stiller— auf einmal nur schrie eine Stimnie:„Halt, ihr Leute,— nun keinen Schlag weiter,— das leiden wir nicht, wir Oberwaltersdorfer,— das ist ja der Weihnachtsengel— der Weihnachtsengel!!"(Schluß folgt.) Von der Gewerbeausstclluug in Düsseldorf. Von Ingenieur W. H. Fabian. Die GeWerbeausstellung umfaßt folgende Gruppen: 1) Land- und Forstwirthschaft(313 Nrn.); 2) Bergbau und Salinenwesen(13 Nrn.); 3) Hüttenwesen(47 Nrn.); 4) Maschinenwesen und Transportmittel (233 Nrn.); 5) Metallindustrie(347 Nrn.); 6) Chemische Industrie (128 Nrn.); 7) Nahrungs- und Gcnußmittel(133 Nrn.); 8) Industrie der Stein-, Thon- und Glaswaaren(4S Nrn.); 3) Hölzer und Holz- Industrie(14S Nrn.); 10) Kurzwaarenindustrie(45 Nrn.); 11) Textilindustrie(161 Nrn.); 12) Bekleidungsgegenstände(143 Nrn.); 13) Leder- und Gummiwaaren(130 Nrn.); 14) Papierindustrie(73 Nrn.); 15) Po- lygraphische Gewerbe(34 Nrn.); 16) Wissenschaftliche Instrumente und Apparate zur Gesundheitspflege(67Nrn.); 17)Musikinstruniente(41 Nrn.); 18) Bau- und Jngenicurwesen(206 Nrn.); 13) Schulwesen(77 Nrn.); 20) Kunstgewerbe(137 Nrn.). Zu bemerken ist, daß die GeWerbeausstellung noch verknüpft ist mit einer Ausstellung kunstgewerblicher Alterthümer und einer allge- meinen deutschen Kunstausstellung, die indessen beide mehr untergeord- neter Natur sind.— Außerdem ist hervorzuheben, daß manche Num- mern Kollektivausstellungen von großartigstem Umfange rcpräsentiren. Die Anzahl der Nummern beträgt in Summa 2572. Dieselbe erstrekt sich über Rheinland, Westfalen und Hessen-Nassau, außerdem aber noch über die Fürstenthümcr Schaumburg-Lippe, Lippe- Detmold, Waldeck, Birkenfeld(Oldenburg) und über das ehemalige Fürstenthum Hohenzollern. Tie Gebäude der Ausstellung sind auf dem erweiterten Terrain des düsseldorfer zoologischen Gartens errichtet. Derselbe liegt in einer Entfernung, die einer Gehzeit von ca. 20 Minuten entspricht, nordöst- lich von der Stadt und ist mit dieser durch Pferdebahn und während der Ausstellung durch eine Personenverkehrslinie der Bergisch-Märkischen Eisenbahn verbunden. Der Bahnhof der Rheinischen und eine neu angelegte Haltestelle der Köln-Mindener Eisenbahn befinden sich in der Nähe. Das Terrain der Ausstellung umfaßt etwa 75 Morgen. Die Anlagen des zoologischen Gartens sind wesentlich unverändert geblieben. Das Hauptgebäude der Ausstellung mißt in der Längsfront 360 m. und in der Breitsront 102 m. und bedeckt eine Grundfläche von circa 32000 Quadratmeter.— Im deutschen Reiche hat daher noch keine Ausstellung stattgefunden, die dieser an Umfang gleichgekommen wäre. Die Abtheilung für Land- und Forstwirthschaft hat eine besondere Halle erhalten, ebenso sind die kunstgewerblichen Alterthümer in einem besonderen Pavillon untergebracht. Ferner sind halbbedeckte Hallen zur Aufnahme von Produkten an mehreren Stellen des Gartens er- richtet worden. In dem Hofe hinter der Maschinenhalle haben die Kesselhäuser und zwei große Schornsteine für die Inbetriebsetzung der Maschinen und ein großer Eisenbahnhof Platz gesunden. Außerdem befinden sich von 56 Ausstellern noch von ihnen selbst errichtete Annex- bauten in den Räumen des Gartens, diese bedecken etwa 11000 Quadrat- Meter Grundfläche, so daß im ganzen gegen 43000 Quadratmeter be- bauter Fläche in der Ausstellung vorhanden ist; beiläufig so viel, wie in der diesjährigen Weltausstellung in Sidney. Die Ausstellungsgebäude wurden nach dem preisgekrönten Entwürfe der Herren Boldt& Friegs in Düsseldorf von diesen und von Holz- apfel ck Saal für die Summe von 405000 Mk. erbaut. Das Haupt- Material ist Holz, die Bedeckung Pappe. Die Beleuchtung erfolgt im wesentlichen durch hohes Seitenlicht, in der Abtheilung der Kunstaus- stellung durch Oberlicht. Für Ventilation ist keine Sorge getroffen, was bei der Sommerhitze sehr zu bedauern ist. Tie Grundrißidee des Hauptgebäudes ist eine einfache, drei Langhallenbauten werden durch vier Querhallen verbunden, so daß sechs innere Höfe entstehen. Die Fa�adengestaltung ist eine lebhafte mit Thürmen, Portalen und Kuppeln, die alle mit Flaggen bedeckt sind. Der Garten gewährt wenig Schatten, auch stehen Sessel zur Erholung des Publikums, außer in den Restaurationen, nur äußerst dürstig zur Hand. Der Inhalt des Katalogs sür die Ausstellung gibt zunächst einen Situationsplan der Gewerbe- und Kunstausstellung, hieraus ein Namen- Register der Aussteller, dann eine Einleitung zur Geschichte der Aus- stellung, gibt hieraus die Organisation derselben und geht alsdann über zur Mittheilung der wichtigsten historisch- statistischen Daten: 1) Land und Leute, 2) Landwirthschaft, 3) Berufsarten der Bevölke- r»ng, 4) Geschichte der Industrie, 5) Stand der Gesammtindustrie, 6) Transportwesen, 7) soziale Einrichtungen betreffend, und schreitet hierauf zur Katalogisirung der Aussteller und der Gegenstände nach Gruppen selbst. Endlich folgt noch der Reklame- resp. Annoncentheil, der nun einmal unentbehrlich zu sein scheint. Für die kunstgewerblichen Alterthümer und für die Kunstausstel- lung sind noch besondere Kataloge ausgegeben. Bei dem Hauptkataloge, dem der Gewerbcausstellung, berührt es mißlich, daß keine allgemeine Einleitung über die Natur der einzelnen Industrien, etwa im Sinne des von Prof. Wolpert verfaßten Leit- sadens für die Ausstellung von Heizungs- und Ventilationsanlagen zu Kassel 1877, beigegeben ist, auch sind die Mittheilungen, die einzelnen Ausstellungsnummern betreffend, so dürftig, daß in Verbindung mit dem Ilmstande, daß die meisten Aussteller gleichfalls nicht in gehöriger Weise sür die Jnstruktivität ihrer Ausstellungen gesorgt haben, diese Punkte verschulden, daß die GeWerbeausstellung sich nur in einzelnen Theilen über den Charakter eines höheren Jahrmarktes erhebt und nicht in der Weise, wie es sein müßte und könnte, zur Sachwürdigung gelangt. Leider steht es mit allen derartigen allgemeineren Ausstel- lungen in dieser Beziehung bisher nicht besser, oder bei den meisten derselben wohl noch gar schlechter.— Die statistischen Tabellen über Bergwerks- und Hüttenproduktion, geordnet nach den Oberbergamts- bezirken Dortmund und Bonn und den von diesen bewerkstelligten amt- lichen Aufnahmen entnommen, so interessant und lehrreich sie sind, lassen doch manchen Punkt noch im Unklaren; so fehlen Angaben über den Bezug der Eisenerze, die beispielsweise 1878 in Hüttenwerken mehr verarbeitet werden, als im Ausstellungsgebiete gewonnen u. s. w. Bezüglich des Sozialökonomischen könnten wir einfach auf den Katalog verweisen, denn genaueres, als es hier in den Ausstellungs- nummern und in den historisch-statistischen Vorbemerkungen gegeben, die von anderen Blättern direkt abgedruckt sind, steht auch uns nicht zur Verfügung; allein einestheils steht nicht jedem der Katalog zur Hand und anderntheils sind in dem sozialökonomisch Wichtigen die dies- bezüglichen zugrunde liegenden Entwicklungsgesetze zc., auf die es an- kommt, keineswegs so direkt zu überblicken, weshalb wir uns der Mühe unterzogen haben, das dortselbst Gebotene in kurzer Auslese des Be- deutungsvollen in einer besser für Schlußsolgerungen geeigneten Weise umzuarbeiten. Rheinland hat rund....... 27000 □km mit 3 805 000 Einw. Westfalen hat rund........ 20200„„ 1 305 000„ Reg.-Bezirk Wiesbaden hat rund 5500„„ 680 000„ Summa.... 52700 □km mit 6 330 000 Einw. Ganz Preußen hat rund..... 347500 □km mit 25 742 000 Einw. Der Fläche nach enthält das Ausstellungsgebiet 2/i3r der Bevölkerung nach i/« des preußischen Staats. Diese verhältnißmäßig starke Bevölkerung des Ausstellungsgebiets verdankt es seiner hochentwickelten Industrie mit ihren bevölkerten Centren; diese ernährt dortselbst zur Zeit mehr Menschen, als die Landwirthschaft. Auf Grundlage der Volkszählung von 1871 und der Gewerbe- Zählung von 1875 ergiebt sich für das Ausstellungsgebiet folgende Tabelle(wobei zu bemerken ist, daß Eisenbahn-, Post- und Telegraphen- betrieb, das Versicherungswesen, der Gewerbebetrieb der Medizinal- Personen, der Literaten, Rechtsanwälte und Notare, das Musik- und Thcatergewerbe und der Gewerbebetrieb im Umherziehen unberücksichtigt geblieben sind): (Schluß folgt.) Der Freidenker Moses Mendelssohn. von Dr. Mar Vogler. (Schluß.) Die Bewunderung und Liebe für Mendelssohn hatte dem schweizeri- scheu Theologen aber auch den Wunsch geweckt, ihn für das Christenthum zu gewinnen; denn er glaubte in der That das Seelenheil desselben, wenn er außerhalb des letzteren stehen bliebe, in Gefahr. Ein anderes Motiv war dabei die Eitelkeit Lavaters, den es nicht wenig geschmeichelt haben würde, den Ruhm zu genießen, den freimüthigen jüdischen Phi- losophen zu seinem Glauben bekehrt zu haben. Mendelssohn war seinem Eifer theils mit tieferen Gründen, thcils mit leiser Ironie begegnet, und Lavater hatte seinen Zweck bei ihm, während er in Berlin weilte, nicht erreicht. Mit dem Versprechen, bald von sich hören zu lassen, reiste er ab. Wie aber war der nichtsahnende Mendelssohn erstaunt, als ihm sein ehemaliger Gast nach mehreren Jahren in einem offenen Briefe, den er einer ihm gewidmeten Uebersetzung einer Schrift des genfer Philo- sophen und Naturforschers Bonnet(„Untersuchung der Beweise für das Christenkhum") vorausschickte, mit Rücksicht auf das anerkennende Ur- thcil, das der Jude zu gelegener Stunde über den Stifter der christ- lichen Religion ausgesprochen, vor die Alternative stellte:„nicht, diese Schrift mit philosophischer Unparteilichkeit zu lesen— denn das werde Mendelssohn sgewiß ohne seine Bitte selbst thun— sondern dieselbe öffentlich zu widerlegen, wofern er die wefentlichen Argumenta- tionen, womit die Thatsachen des Christenthums unterstützt sind, nicht richtig finde,— wofern er dieselben aber richtig finde, zu thun, was Klugheit, Wahrheitsliebe, Redlichkeit ihn thun heiße— was Sokrates gethan hätte, wenn er diese Schrift gelesen und unwiderleglich gefunden hätte." Man sieht, der Züricher Diakonus— denn das war er inzwischen geworden— an dessen aufrichtiger Be- geisterung für die Sache seiner Kirche nicht zu zweifeln ist, hatte es an einem guten Stück psäffischer Schlauheit nicht fehlen lassen. Nun sollte man meinen, die Sache wäre von Mendelssohn's Seite leicht ab- zuthun gewesen. Die Dinge lagen aber damals anders als heute, und Mendelssohn befand sich wirklich in einer wenig beneidenswerthen Lage. Nie zugleich hat sich jedoch die Hoheit seines großen Geistes herrlicher offenbart, als gerade in diesem Falle. Konnte er auf der einen Seite als Jude die Schrift Bonnet's nicht widerlegen, ohne das Christenthum selbst anzugreifen— und dagegen sträubte sich seine Duldung Anders- gläubiger— und dadurch zu neuen Beschuldigungen und Verfolgungen seiner ohnehin arg bedrängten Glaubensgenossen Anlaß zu geben, so durste er aus der anderen ebensowenig auf die kecke Aufforderung La- vater's schweigen, ohne sich den Vorwurf der Schwäche zuzuziehen und als in seinen Anschauungen besiegt angesehen zu werden. Mendelssohn gcrieth in solche Aufregung, daß er in eine schwere Krankheit verfiel, die ihm vor der Hand jedes Arbeiten unmöglich machte. Seine Freunde, vor allem Lessing, der damals in Wolfenbüttel weilte, waren über Lavater's Auftreten geradezu empört.„Noch mehr aber bitte ich Sie,"— schrieb ihm der letztere—„wenn Sie daraus antworten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur crsinnlichen Nachdrucke zu thun." Durch die Theilnahme aller Aufgeklärten und der Freunde wahrer Toleranz ermuthigt, entschloß er sich endlich, nach- dem er durch Beobachtung strengster Diät genesen, dem züricher Eiserer zu antworten. Zuerst macht er Lavater in feiner Weise über seine Indiskretion Vorwürfe:„Sie erinnern sich der vertraulichen Unterredung, die ich mit Ihnen auf meiner Stube zu halten das Vergnügen hatte;— wenn ich nicht irre, so sind Versicherungen vorhergegangen, daß von den Worten, die bei der Gelegenheil vorfallen würden, niemals ösfent- licher Gebrauch gemacht werden sollte. Jedoch, ich will mich lieber irren, als Ihnen eine Uebertretung dieses Versprechens Schuld geben." „Die Bedcnklichkeit,"— fährt er fort,—„mich in eine Religions- strcitigkeit einzulassen, ist von meiner Seite nie Furcht oder Blödigkeit gewesen. Ich darf sagen, daß ich meine Religion nicht erst seit gestern zu untersuchen angesangen." Im weiteren führt er aus, daß es ihm bei der Beurtheilung eines Menschen nicht auf das religiöse Bekennt- »iß, sondern einzig und allein aus den moralischen Werth ankomme. „Ich habe das Glück, so manchen trefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben. Ich genieße die Wollust ihres Umganges, der mich bessert und ergötzt. Niemals hat mir mein Herz zugerufen: Schade für die schöne Seele!" Besser und schlagender konnte die jesuitische Schlauheit Lavater's nicht zurückgewiesen werden, als mit diesen unvergleichlich edlen Worten. Noch klarer tritt die Aus- sassung Mendelssohn's in einem Briefe hervor, den er an einen Unge- nannten in dieser Angelegenheit richtete.„Ein Christenthum, wie das Ihrige, mein Herr,"— heißt es da—„würde unsere Erde in ein Paradies verwandeln, wenn es allgemein angenommen werden sollte. Und wer wird bei einer so wichtigen Sache sich bei einem Worte auf- halten? Soll man die reinste Sittenlehre: Christenthuni nennen? Warum nicht, wenn dieser Name Nutzen bringen kann? Aber dies Christenthum ist wahrlich eine unsichtbare Kirche, die zum Theil aus Juden, Mohamedanern und Chinesen besteht, und wohin vornehmlich Griechen und Römer zu rechnen sind."... Ist das nicht eine hochherzige und geistvolle Auffassung des Christenthums?— Gehet hin, und fraget alle Priester und Pasto- ren und alle eifrigen Förderer der äußeren und inneren Mission, wie viele unter ihnen es zu einer eben solchen gebracht. Die schonende und doch treffende Antwort fand allgemeine Villi- gung; selbst Mirabeau hat sie auszugsweise in's Französische übersetzt. Lavater aber hielt es für das klügste, sich in einem Briefe Mendels- söhn gegenüber zu entschuldigen, der sich nun seinerseits gern damit begnügte und dem frommen Schwärmer sogar ein öffentliches Ehren- zeugniß voller Güte und Anerkennung für Lavater's Charakter aus- stellte. Liebte er doch so wenig das öffentliche Gezänk.„Es ist unser Aller nicht anständig,"— hören wir ihn in einem dieser Angelegenheit wegen noch an Bonnet gerichteten Briese vom 9. Februar 1779 sich ausdrücken—„daß wir öffentlich wider einander austreten, um dem müssigen Theile des Publikums einen Zeitvertreib, dem Einfältigen ein Aergerniß zu geben, und dem Verächter des Wahren und Guten ein boshastes Vergnügen zu machen."... Unermeßlich sind die Verdienste, die sich Mendelssohn um die Judenschast erworben. Man wird dieselben erst recht zu würdigen wissen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie damals noch die gesell- schastliche Stellung derselben beschaffen war. In finstere,-abgeschlossene Gassen waren sie zusammengedrängt, auf das tiefste verachtet und aus das härteste verfolgt. Mendelssohn selbst hat die ganze Bitterkeit ihres Looses oft genug empsunden. Nach langem Harren und vielen Mühen hatte er endlich für sich, nicht zugleich aber auch für seine Kinder, im preußischen Königreiche das Privilegium eines Schutzjuden erworben, um welches er sich nur erst nach langem Zögern bemühte, da er vor seinen Glaubensgenossen nichts voraushaben mochte.„Es thut mir weh"— sagte er—„daß ich um das Recht der Existenz erst bitten soll, welches das Recht eines jeden Menschen ist, der als ruhiger Bür- zer lebt. Wenn aber der Staat überwiegende Gründe hat, Leute von meiner Nation nur in gewisser Anzahl aufzunehmen, welches Vorrecht kann ich vor meinen übrigen Mitbrüdern haben, eine Ausnahme zu erlangen?"— Als die königliche Akademie der Wissenschaften ihn zu ihrem Mitglied ernannte, strich Friedrich der Große, in dessen Staate angeblich„jeder nach seiner Form selig werden sollte," seinen, des Juden, Namen von der Liste. Vor den Verfolgungen und Belästigun- gen des niederen Volkes war er ebensowenig sicher, wie die anderen Angehörigen seines Stammes, und es klingt rührend, wenn wir ihn in einem Schreiben an einen ihm befreundeten Benediktiner auf dem Petersberge bei Erfurt(unterm 28. Juli 1780) klagen hören:„Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande lebe ich gleichwohl so einge- engt durch wahre Intoleranz, so von allen Seiten beschränkt, daß ich meinen Kindern zur Liebe mich den ganzen Tag in einer Seidensabrik einsperrrn muß, und den Musen nicht so fleißig opfern darf, als ich es wünsche. Ich ergehe mich zuweilen des Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragt die Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? was haben wir ihnen gethan?— Ja, lieber Papa! spricht ein anderes, sie verfolgen uns immer in den Straßen, und schimpfen: Juden, Juden! Ist denn dieses ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein? und was hindert dieses andere Leute?— Ach, ich schlage die Augen unter, und seufze mit mir selber: Mensche»! Menschen! wohin habt ihr es endlich kommen lassen? Weg von diesen Betrachtungen! sie machen mich ja unmuthig!" Wie er an seiner Person bewies, daß auch ein Jude durch Bil- dung und edles Streben sich sehr wohl den anderen Bürgern des Staates ebenbürtig zu machen und Gutes zu leisten vermöge, so ging sein ganzes Bemühen dahin, seine Glaubensgenossen, was Gesittung und Intellekt anging, zu heben. Er that dies zuerst dadurch, daß er ihnen die richtige Kenntniß der deutschen Sprache beizubringen suchte, indem er gegen das abscheuliche Judendcutsch von damals eiferte und ihnen seine Uebersetzung des Pentatcuch(1780) und der Psalmen(1878) in die Hand gab. In dieser Weise hoffte er ihnen das Deutschthum vertraut zu machen und damit zugleich dem Staate nützlich zu werden, indem er diesem die Möglichkeit gab,„eine Menge von Händen und Köpfen, die zu seinem Dienste geboren sind, auch zu seinem Dienste anzustrengen". In derselben Absicht verfaßte er im �Auftrage der preußischen Regierung die„Ritualgesetze der Juden"(1778) und gab die Schrift„Rettung der Juden"(1782) heraus. Dem gleichen Stre- ben diente mittelbar das geistvolle Werk:„Jerusalem, oder über reli- giöse Macht und Judenthum"(178Z), in welchem er insbesondere das Verhältniß zwischen Staat und Religion erörterte und jahrhundertealte Vorurtheile zu beseitigen suchte. Man hat ihn mit Recht dem Be- freier des jüdischen Volks aus der ägyptischen Sklaverei an die Seite gestellt.„Es ist mehr als eine poetische Redensart,"— sprach sich einer seiner Glaubensgenossen bei Gelegenheit der hundertsten Wieder- kehr seines Geburtstags aus—„sondern völlige Wahrheit, wenn man unseren Weisen einen zweiten Moses genannt und an die Sklaverei gedacht, aus der beide ihr Volk erlöst haben. Wie der Führer und Gesctzlehrer des alten Israels, so war es Moses Mendelssohn, der das jetzt lebende Israel von den drückendsten Fesseln des Wahns und des Aberglaubens voller Umsicht und Muth zu befreien suchte." Außerordentlich wirkte Mendelssohn auch auf die Bildung seiner Stammesbrüder durch seinen unmittelbaren persönlichen Einfluß. Wir haben schon gesagt, daß sein Haus oft die Stätte der Zusammenkunft wißbegieriger Männer und Jünglinge gewesen. Unter diesen bestand die Mehrzahl aus Glaubensgenossen, jüngeren und älteren Leuten aus Nähe und Ferne, mit denen er, ein echter Sokrates, der ja in jeder Beziehung ihm als Vorbild diente, über Erziehung und Menschenbil- dung weise und anregende Unterredung pflog. Insbesondere— sagt einer, der daran persönlich theilgenommen— seien die Verbesserung des Unterrichts und die Empfehlung der deutschen Muttersprache das Lieblingsthema seines Gesprächs gewesen. So war jenen, die zu ihm kamen, sein Haus ein heiliges Asyl, gleichsam eine Akademie der Wissen- schaften, und der Same, der hier gestreut wurde> verbreitete sich, kei- mend und fruchtbringend, in alle Länder hinaus. Im Jahre 1778 hatte er übrigens auch die jüdische Freischule, diese Musteranstalt für viele andere Gemeinden, in Berlin mit begründen helfen. Die Häuslichkeit des Philosophen ist überhaupt eine beglückte und beglückende zu nennen, wozu nicht wenig seine aus der Höhe seines Geistes stehende Frau beitrug. Es war seltsam gewesen, wie er diese Frau gewann. Mendelssohn hatte im Bade Pyrmont den Kansmann Guggenheim aus Hamburg kennen gelernt, der ihn nicht minder wie seine ganze Familie bewunderte. Vor allem aber verehrte seine Tochter den Philosophen. Nach Hamburg zu Besuch eingeladen und im Guggenheim'schen Hause angekommen, wurde Mendelssohn daher ganz besonders veranlaßt, die Tochter zu sprechen, welche augenblicklich bei ihm den günstigsten Eindruck hinterließ. Nicht so hingegen hatte seine Erscheinung aus das anmuthige, außergewöhnlich hoch gebildete Mäd- chen gewirkt, die vielmehr an seinem Buckel Anstoß nahm. Wie der Philosoph ihr nun das zweitemal gegenübersaß, richtete das letztere plötzlich an ihn die Frage:„Glauben Sie auch, daß die Ehen im Him- mel geschlossen werden?"—„Gewiß!"— antwortete Mendelssohn. - 619 „Und mir ist noch was besonderes geschehen. Sie wissen, daß, nach einer talmudischen Sage, bei der Geburt eines Kindes im Himmel aus- gerufen wird: der und der bekommt die und die! Wie ich nun geboren worden, wurde mir auch meine Frau ausgerufen,— aber dabei heißt es: sie wird leider Gottes einen Buckel haben, einen schrecklichen.— Lieber Gott, Hab' ich da gesagt: ein Mädchen, das verwachsen ist, wird gar leicht bitter und hart, ein Mädchen soll schön sein. Lieber Gott! Gieb mir den Buckel und laß das Mädchen schön und wohl- gefällig sein..„Kaum hatte Moses Mendelssohn das gesagt,"— so erzählt Berthold Auerbach, der diese hübsche und für den jüdischen Weisen charakteristische Episode wiedergiebt,—„als ihm das Mädchen um den Hals fiel,— und sie ward seine Frau, und sie wurden glück- lich mit einander und hatten schöne und brave Kinder, von denen Nachkommen noch leben bis auf den heutigen Tag." Mit seinem ältesten, ausgezeichnet besähigten Sohne Joseph— sein zweiter Sohn Abraham sollte der Vater des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy werden— und einigen anderen strebsamen jungen Leuten pflegte er in den Morgenstunden zuweilen Auseinander- setzungen über die wichtigsten philosophischen und religiösen Wahrheiten zu halten, und er kam in deren Verlaus aus den Gedanken, die Resul- täte seines gesammten Denkens in einem ausführlicheren Werke unter dem Titel„Morgenstunden" der weiteren Oeffentlichkeit darzulegen. Der erste Band davon erschien 1785 und wurde von allen freigesinnten Lesern auf das freudigste willkommen geheißen. An der Fortsetzung der Arbeit hinderte ihn sein bald darauf eingetretener Tod. Mendelssohn's letzte That war ein Werk der Freundschaft. Der Gesllhlsphilosoph Fr. Heinrich Jakobi hatte nämlich 1735 unter dem Titel:„Ueber die Lehre des Spinoza" eine an den jüdischen Weisen gerichtete Schrift veröffentlicht, in welcher Lessing in verletzender Weise angeklagt war, ein Anhänger der Lehre des Spinoza gewesen zu sein. Mendelssohn, durch die Angriffe auf den tobten Freund ans das ärgste erbittert, glaubte diese Schrift um so mehr widerlegen zu sollen, als die darin ausgesprochenen Prinzipien auch seinen eigenen tiefsten Ueber- Zeugungen durchaus entgegenliefen, und machte sich, obgleich schon sehr leidend, an die Niederschrift der Arbeit:„Moses Mendelssohn an die Freunde Lessing's." Er hatte ihr den letzten Rest seiner Kräfte ge- opfert, der ohnehin schwächliche, gebrechliche Mann, dessen Weisk>eit, Selbstbeherrschung, Mäßigkeit und Seelenruhe es allein zuzuschreiben ist, daß er bei seiner Konstitution die Flamme des Lebens 57 Jahre lang zu erhalten wußte. Nur wenige Tage, nachdem er seine Schrift zum Drucke abgeliefert, stand sein großes, schönes Herz still. Während er verschied, stand die Büste seines unvergeßlichen, unsterblichen Freun- des Lcssing auf dem Tische ihm gegenüber vor seinen brechenden Augen; er hatte sie von der Wand über dem Sopha herabnehmen und dahin stellen lassen, um denl Edlen bis zum letzten Augenblick in die vergeistigten Züge seines Angesichts schauen zu können. Ein Schlagfluß endete sein irdisches Sein. Es war am 4. Januar 1786 früh 7 Ubr. „Wie ein müder Wanderer nach wohl zurückgelegten Tagcsreisen" war er entschlummert.... Betrachtet man das edle Charakterbild Moses Mendelssohns, die Güte und den Reichthums seines Gemüths und Geistes, den er in seinen Schriften niedergelegt, so muß man sich, wie immer, wenn man das Wollen und Wirken ausgezeichneter Männer zu erfassen sucht, stets auss neue fragen, warum die Menschen im allgemeinen nicht schon viel besser geworden, warum Edelsinn und Hochherzigkeit in der Regel noch immer ihr Martyrium erdulden und die Schlechtigkeit und Niedertracht sich so breit machen in der Welt. Nichtsdestoweniger aber darf der Menschen- freund jeden, der etwa an der scheinbaren Erfolglosigkeit seiner Kultur arbeit verzweifeln wollte, mit der Bürgschast beruhigen, die eben in den Werken der Besten und Weisesten, die über die Erde gegangen, für das endliche Gelingen derselben gegeben ist, und in diesem Sinne mag diese Skizze, gewiß im Geiste Moses Mendelssohns*), dem sie gewidmet, mit den verheißungsvollen, siegesgewissen Worten Lessings beschlossen sein:„Nein, sie wird kommen, sie wird gewiß kommen, die Zeit der Nollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand von einer immer besseren Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nöthig haben wird, da er das Gute thun wird, weil es das Gute ist, nicht, weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem blos heften und stärken sollten, die innere Belohnung der- selben zu erkennen...... Sie wird kommen, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums."— *) Als ein Werk, welche» in Bequemet Weile einen tiefetcn Einblick in das Leben und Wirken Mendelssahns vermittelt, kann den Lesern das„Lelsing-Mendelssohn- Sebentbuch"(Leipzig, 1879) empsohle» werden. Der Verf. Am Henkersteg zu Nürnberg.(Bild Seite 603.) Keine deutsche Stadt gewährt in ihren äußeren Formen ein so anschauliches und scharf ausgeprägtes Bild von der Bedeutung der Reichsstädte im Mittelalter, von ihrem Wohlstand, ihrem Kunst- und Schönheitssinn, als Nürnberg. Ihre bemoosten Thürme, die zackigen Dächer mit zahllosen Erkern und Terrassen, mit Wettersahnen und rostigen Morgensternen, die stürm- trotzigen Warten und krenelirten Mauern: sie alle erzählen wie eine verkörperte alte Sage von der eisenstarrenden Streitmacht eifersüchtiger Fürsten, die an dem vom Volke errichteten Bollwerk zerschellte. Rürn- berg ist nicht wie Augsburg, Regensburg, Passau, Mainz, Köln und Wien aus einem römischen Lager entstanden, nein, sie verdankt ihr Keimen und Emporblühcn kerndeutscher Volkskraft. Um das Jahr 745 hat der Glaubensverbreiter Sebaldus die an den Ausläufern des Fichtelgebirges und der Fränkischen Höhen wohnenden jubarischen Noriker zum Christenthum bekehrt. Deshalb der Name der ersten Kirche Noris, Norimberg, Nürenberg, Nürnberg. Man mag über die Verdienste des Sebaldus denken wie man will, das eine ist ihm nicht abzusprechen, daß er die herumziehenden Jäger und Fischer zum Acker- bau anhielt. Die Seßhaftigkeit förderte das Handwerk und bezweckte im Jahre 1039 die Marktfreiheit des rasch emporblühenden Fleckens, der, seltsamerweise für die Anschauung des Mittelalters, niemals ein Bischofsitz gewesen ist. Deshalb war es auch der Lieblingsaufenthalt der meisten deutschen Kaiser, die stets mit der Kirche in Streit lagen. Erst im 12. Jahrhundert tritt der Hauptsaktor der nürnberger Herrlich- keit, der Handel, auf. Um das Jahr 1147 begann er seine Fittige zu schwingen; die bisher öde Umgegend wurde belebter; Dörfer ent- standen auf dem ausgerodeten Waldboden und die zunehmende Bevöl- kerung bot immer reichere Absatzquellen dar. Nürnberg wurde mit einem male eines der wichtigsten Glieder in der Handelskette zwischen dem Abend- und dem Morgenlande, der bedeutendste Stapelplatz dsr indischen Handelsartikel im Herzen von Deutschland. Daß der auf- gespeicherte Reichthum einzelner Familien die Freiheit des Gemeinde- Wesens schmälert, davon liesert Nürnberg den unumstößlichen Beweis. Seit dem Jahr 1264 haben sich die ältesten Geschlechter der Stadt in den erblichen Besitz aller einflußreichen Stellen gesetzt. Aus ihnen wurden Bürgermeister und Gcmeinderäthe ernannt und diese städtischen Behörden, mit sürstlichem Rang bekleidet, ließen ihre Gewalt das Volk härter fühlen, als es dieses ertragen mochte. Zwiespalt im Gemein- Wesen war die Folge dieses sich auch in anderen Städten Deutschlands zeigenden Uebelstandes, und bald gab sich die mühsam verheimlichte Feindschaft durch Reibungen zwischen Patriziern und Plebejern(Erb- gesessenen und Stadtangehörigen) knnd. Das heilige römische Reich bekam damals, nach dem Tode Ludwig des Bayern, statt einem zwei Kaiser, Günther von Schwarzburg und Karl IV. Die Patrizier waren für den letzteren und die Plebejer für den ersteren. Damit trat eine bisher unbekannte Macht aus die politische Bühne, es waren die Zünfte, welche nach einem heftigen Straßenkampf den Senat sammt seinem patrizischen Anhang zur Stadt hinauswarfen. Dieser Sieg verhalf den Plebejern zum Eintritt in den Senat und beschränkte für immerdar die Gewalt der Patrizier. Damit sie aber nicht, wie einst die Patri- zier, übermüthig würden, mahnte sie ein unerwartetes Ereigniß an die Vergänglichkeit des Irdischen. Mit den feinen Spezereien und den kostbaren Erzeugnissen seiner Industrie sendete der Orient seine tödt- lichen Krankheiten. Die orientalische Pest, tu Deutschland der schwarze Tod genannt, brach in Nürnberg aus und richtete unter der entsetzten Bevölkerung gräuliche Verheerungen an. Das furchtbare Wesen dieser Seuche und die Erfolglosigkeit aller gegen sie angewendeten Mittel brachten bei der entsetzten Menschheit Verzweiflung hervor und ein in diese zitternden Massen geschleudertes Frevelmort:„die Brunnen sind vergiftet von den Juden!" rief den abscheulichsten Haß gegen die Se- miten aus. Dreitausend Wehrlose wurden abgeschlachtet. Man mordete, um plündern zu können. Vor diesen schaudererregenden Szenen, die nur die reichen Juden betrafen, muß der Genius der Menschheit sein Antlitz verhüllen. Die Raubgier und der Uebermuth des Adels weckten den Stzolz der ihre Kraft fühlenden Städte, welche in Norddeutschland (1364) un Hansabnnd, in Süddeutschland(1384) im schwäbischen Städte- bund sich zu Schutz und Trutz verbanden. Die geistige Fühlung der schwäbischen Bundcsstädte, wozu auch Nürnberg gehörte, ist unleugbar fruchtbringend gewesen, der materielle Nutzen dagegen blieb gleich Null. Trotzdem die Stadt durch die Plackereien der Hujsiteu und der Mark- grasen von Brandenburg, die zugleich Burggrafen von Nürnberg waren, unsäglich zu leiden hatte, stieg sie unentwegt zum Gipfelpunkt ihrer Blüthe empor. Während außen wilde, zerstörende Kämpfe mit allen möglichen Schnapphähnen tobten, schafften in der Stadt der Handel und die Industrie eine Blüthe des Reichthums, der Gewerbthätigkeit und der Künste, deren wundervolle Reste heute noch Bewunderung er- regen.„Nürnberger Hand geht durch alle Land", war ein berechtigtes Sprüchwort im Mittelalter, denn eine Menge in Nürnberg gemachter nützlicher und einträglicher Erfindungen bereicherten den Handel und das Gewerbe mit neuen und gangbaren Artikeln. Daß Peter Hele (1500) die Taschenuhren, Rudolph(1440) das Drahtziehen, Lobsinger die Windbüchseu und ein Ungenannter(der Sage nach Doktor Faust) das Räderschloß an den Flinten erfand, ist bekannt gleich der Thatsache, daß tausend andere Manufakturartikel in Nürnberg erfunden und zuerst verfertigt wurden, und daß von diesen manche noch heute im Gebrauch siud, wie z. B. die 1380 in Nürnberg erfundenen Spielkarten. (Schluß folgt.) Johann Joachim Winkelmann*).(Jllustr. Seite 609.) Man ist fast daran gewöhnt, es als das Loos großer Geister— ganz wenige Ausnahmen abgerechnet— anzusehen, erst ein Leben voll Elend und Sorge durchkämpfen zu müssen, bevor ihr wahrer Werth für Mit- und Nachwelt erkannt wird. Die kleinen beschränkten Seelen waren ») Da sich Winkelmann(elbst bald mit k, bald mit ck schrieb, so behalten wir die erstere Schreibweise bei. 620 bisher stets in der Majorität und was daS schlimmste ist— theilten sich in die Herrschaft. Berge von Vorurtheilen, aus der herrschenden Beschränkung erwachsen, sind es, die das Genie erst zu beseitigen hat, bevor es seine menschenbefreiende Bahn ungestörter wandeln kann. Elend, Roth, und zwar die gemeinste materielle, ist es, die den dem Strom entgegen Ringenden oft zu Grunde richtet oder doch zum min- besten seine besten Kräfte frühzeitig verzehrt. Schlimmer noch, wenn das bleiche Gespenst bereits an seiner Wiege gestanden, um ihm wäh- rend der schönsten Jahre seines Lebens Gesellschaft zu leisten, wie bei Mnkelmann, der wie keiner den Kampf ums Dasein gekämpft, der aber auch mit bewundernswerther Energie an die vierzig Jahre lang alle Hemmnisse auf der rauhen Lebensbahn überstiegen, um schließlich von der gesammten gebildeten Welt gefeiert zu werden. Der Begründer der modernen Archäologie, der Bahnbrecher des schönen Geschmacks, wurde am 9. Dzbr. 1717 zu Stendal in der Altmark geboren. Sein Vater, Schlesier von Geburt, war ein Schuhflicker und wollte auch den Sohn zu seinem Beruf heranbilden. Erklärt sich dies aus dem Um- stände, daß Eltern mit Vorliebe ihre Kinder ihr eignes Metier erlernen lassen, so außerdem aus der Armuth der Eltern unseres Helden. Sie bewohnten eine kleine, strohbedeckte Hütte, deren einziger Raum Schuh- macherwerkstatt, Schlafkammer, Wohn- und Eßzimmer war, in welcher das Himmelslicht sich durch ein paar trübe, runde, in Blei gefaßte Scheiben seine Bahn brach. Großer Komfort mag wohl damals in Stendal überhaupt nicht geherrscht haben— die Stadt hatte durch den Zvjährigen Krieg gelitten— denn wie man erzählt, wohnten die Lehrer der Lateinschule in Häusern, die einzustürzen drohten. Welch greller Kontrast zwischen der ersten Umgebung und dem letzten Theil des Lebens des Mannes, welcher in den großen Sammlungen der ewigen Roma, inmitten der aufgehäuften Meisterwerke des klassischen Hellenen- thums wandelnd, uns in nicht minder klassischer Weise die Geheimnisse griechischer Kunst, wie der Kunst überhaupt in seinen Werken zu ent- räthseln sucht!— Aber er hat nicht nur nicht Lust, seinem Vater im Handwerk zu folgen, sondern findet schon frühzeitig den Unterricht in der gewöhnlichen Schule ungenügend und bringt es durch längeres Bitten dahin, daß ihn seine Eltern, in der Voraussicht, ihr Söhnlein werde sich später der Theologie widmen, auf die Lateinschule schicken. Hier hat großen Einfluß auf seine Weiterbildung der damals diese Schule leitende Tappert; dieser ninimt ihn auch, nachdem er erblindet zum Amanuensis, wofür er freie Wohnung erhielt. Wegen der Ar- muth seiner Eltern muß sich W. frühzeitig nach Freitischen umsehen und jüngeren Kindern Unterricht geben. Außerdem läßt er sich bei den Korrendeschülern aufnehmen, um sich zur Bestreitung der Schulkosten, Kleider, Brot und Bücher das nöthige Geld zu verdienen. Er unter- stützt selbst seine Eltern, und vorausbemerkt, als sie später in großer Armuth starben— er stand erst an der Schwelle seines Ruhms, als sein Vater starb, seine Mutter war schon früher dahingegangen— ließ er sie aus seine Kosten beerdigen. Sein Lerneifer ging schon wäh- rend jener Zeit des Studiums so weit, daß er bei den Spielen und Eispromenaden seiner Schulkameraden, von welchen er sich nicht aus- schließen konnte, ein Buch in die Tasche steckte, um sich heimlich an ein stilles Plätzchen zu setzen und zu lesen. Die größte Borliebe hatte er für die alten Klassiker, namentlich soll es Cicero gewesen sein, der ihn besonders anzog. Unterstützt wurde er in seinem Eifer dadurch, daß er die kleine Schulbibliothek zu verwalten hatte. Die Theologie scheint ihn schon damals nicht angesprochen zu haben, denn ein Zeitgenosse von ihm, der Rektor Paalzow, schreibt, nachdem er ihn sonst gelobt: „In keiner Stunde aber war er ein unaufmerksamerer Zuhörer, als in den theologischen Stunden. Denn es war nichts seltsames, daß Herr W. sich gemeiniglich mit einem alten Schriftsteller heimlich beschäftigte und aus demselben Redensarten auszog, woran er mehr Geschmack fand, als an allen Definitionen. Sein alter Lehrer merkte das an ihm und bestrafte ihn darüber mit allem Ernst; aber er konnte sich hierin nicht ändern." Diese Abneigung gegen den Religionsunterricht mag seinen Grund mit in der damaligen Lehrmethode haben, sicher ist, daß es die Winkelmann eigne Natur, der„Heide", ist, welche von vornherein keinen Geschmack am Dogmen- und Katechismuskram finden konnte. Wir werden ihn nach dieser Richtung antreffen. Mehr Ge- schmack fand er an den alten Urnen, welche er aus dgn Sandbergen vor den Thoren Stendals hervorsuchte, denn„er verwahrte sie wie ein Heiligthum aufs sorgfältigste."— Anfangs Winter 1735 kommt er mit Empfehlungen seines blinden Lehrers an Bake, Rektor des Kölnischen Gymnasiums, zu Berlin an, um diese Lehranstalt zu besuchen. Gegen freie Kost und Wohnung erhielt er die Aufsicht über dessen Kinder. Ein gastfreies Haus fand er außerdem noch bei seinem Landsmann, dem Pastor Kühz. Hatte er sich bis dahin in erster Linie mit den lateinischen Klassikern beschäftigt, so hier mit dem Griechischen, worin er bedeutend gefördert wurde durch Chr. Tobias Damm, der ein großer Verehrer und Förderer der griechischen Sprache und Literatur war. � Damm stand außerdem im Rufe der Freigeisterei und mag auch als I solcher auf W. von Einfluß gewesen sein. Er hört Vorlesungen an J der„Akademie der Künste und Wissenschaften" und benützt, da die r Bibliothek des Gymnasiums nichts taugt, die königliche. Daß im t> übrigen die erste Großstadt, welche W. sah, nicht ohne Eindruck auf s ihn war, ist selbstverständlich. 1736 kommt er nach Stendal zurück i und geht noch in demselben Jahre nach Salzwedel, von wo aus er I dann wahrscheinlich die Universität Halle bezog. Von Salzwedel*){ 5 machte er auch 1738 die Reise nach Hamburg, um sich aus der damals z zur Versteigerung kommenden großen Bibliothek des Dr. Fabricius einige der schönsten Ausgaben griechischer Schriftsteller zu erwerben.\ Da es ihm an Reisegeld und an Mittel zum Kaufen fehlte, so nahm er zu der üblichen Sitte Zuflucht, unterwegs als fahrender Schüler bei Adligen und Predigern anzuklopfen und um einen Zehrpfennig zu bitten und zwar unter dem Vorgeben, daß er wegen seiner Größe nicht unter dem Militär gebraucht werden könne und als Offiziersbedienter nicht angesetzt werden möchte, weshalb er sich genöthigt sehe, dem aus dem Wege zu gehen**). Am 4. April 1738 schrieb er sich in Halle ins Jmmatrikulationsbuch ein, nachdem er Ende März in dieser Stadt an- gekommen. Daß er auch hier wieder Roth hatte, um den so noth- wendigen Lebensunterhalt, liegt nahe. Wie der oben genannte Paalzow erzählt, hatte er sich ein kleines Stipendium verschafft, dann gaben die theologischen Fakultäten auch den ärmeren Studenten die Kollegien frei. Winkelmann hielt„von einem weichlichen, wollüstigen und ge- müthlichen Leben nichts, sondern er war gewohnt, sich alle Tage mit kalter Küche zu behelfen und auch mit der schlechtesten Kost vorlieb zu nehmen". Seine überall bekannte Ehrlichkeit und unverstellte Rechtlich- keit, wie auch seine gute Schreibart verschaffte ihm Gönner und Freunde. Er griff zu dem gebräuchlichen Mittel des Famulirens bei reichen Studenten.„Er ging mit seinen Landsleuten auf die Dörfer"(die Stätten studentischer Ausschweifungen);„allwo er, ohne an ihren un- erlaubten Zerstreuungen theilzunehmcn, sich in einen Winkel setzte und den Aristophanes las."— Als Student der Theologie mag er sich wohl hauptsächlich nur deshalb gerirt haben, weil er dadurch manche Erleichterungen in finanzieller Beziehung erwarten konnte. Vorlesungen solider wenig besucht haben, er hielt fast kein Kolleg ganz aus, ihm blieb, nach seinem eigenen Geständniß,„die akademische Speise zwischen den Zähnen hängen". Besuchte er die Vorträge, so that er es, um seine Kenntnisse der Literatur und Sprachen zu fördern. Desto häufiger war er auf den Bibliotheken und um so fleißiger daheim mit dem Studium der zusammengeborgten Bücher beschäftigt. Von den Alter- thumswissenschasten in Halle war W. keineswegs befriedigt, am meisten besuchte er aber die Vorlesungen A. G. Baumgartcns, der zuerst die Aesthetik in einem Werke systematisch behandelte. Endlich bezeichnete er sich noch selbst als den fleißigsten Zuhörer Gottfr. Sells, welcher in Halle als Professor der Rechte fungirte, aber außer seiner Fachwissen- schaft noch über Kosmographie, Naturhistorie und Experimentalphysik vortrug. Warum er diesen mit Vorliebe besuchte, zeigt aber deutlich eine Aeußerung:„Ich kenne die große Geschicklichkeit dieses ManneS und in seine Buche Do tereäius marina, welches im schönsten Latein geschrieben ist und eine Kenntniß der Alten zeigt, die so wohl ange- bracht, als unvcrmuthet in dergleichen ist." Bon großer Bedeutung ist jedenfalls aus ihn gewesen der Kanzler von Ludewig, dem er durch dessen große Bibliothek bekannt und außerdem noch empfohlen wurde, um genannte Bibliothek zu ordnen. Hier studirte W. das Privat- und Staatsrecht und außerdem wurde er aber aus das Studium der Ge- schichte hingewiesen, was für seine spätere Thätigkeit von großer Be- deutung war. Besondern Respekt scheinen ihm die Gelehrten der Uni- versität nicht eingeflößt zu haben, denn er äußert sich in Briefen spä- tercr Zeit keineswegs schmeichelhaft. So hält er die Gelehrten auch nicht für fähig, an seinen Büchern Geschmack zu finden, denn„es ist eine Arbeit nicht für Gelehrte, sondern für Leute, welche Empfindungen haben und denken"; für Personen,„die gewisse, nicht Universitätskennt- nisse haben". Die Vernunft hat nach ihm einen viel edleren Zweck, als sie bis ins Alter„fast blos mit Dingen zu beschäftigen, die nur das Gedächtniß in Bewegung setzen". Er verspottet die gelehrten Streittgkeiten der„eselhaften deutschen Professoren, die sich dem Teufel und seiner Großmutter ergeben über ein Wort mit oder ohne H"***). Damals mögen derartige Aeußerungen noch mehr Berechtigung ge- habt haben, obgleich sie auch heute noch vielfach am Platz sind, aber erklärlich werden sie uns erst aus' dem ganz anders„genaturten" W., dessen rein menschliches Wesen ihn eben später aus die sonnigen Höhen der Kunst führte.(Schluß folgt.) *) Also nicht von Berlin aui, wie vielfach angenommen wird. Ziehe Karl Jnsti: Winkelmann. Sein Leben, seine Werke und seine Zeitgenossen. I, 43. **) K. Jnsti a. a. O.—***) K. Justi a. a. O. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Fortsetzung).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Fortsetzung).— Tanz und Religion. Kulturgeschichtliche Skizze von Friedr. Volkmar.— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Fortsetzung).— Bon der GeWerbeausstellung in Düsseldorf, von Ingenieur W. H. Fabian.— Moses Mendelssohn(Schluß).— Am Henkersteg zu Nürnberg(mit Illustration).— Johann Joachim Winkelmann(mit Illustration). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.