�&ti1 Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk< Erscheint wöchentliche Ei»tkmber tSSO ___ Von A u d o Kurt zuckte die Achseln.„Ich mußte— wer kann zuletzt gegen seine Natur? Aber gib mir den Brief, dann laß mich allein; es wird mir sein, als hörte ich eine Stimme aus dem Grabe, eine ernste, feierliche und doch so süße Stimme!" Der Maler willfahrte, nahm ein Licht und ging ins anstoßende Zimmer, die Thür sorgfältig hinter sich ins Schloß ziehend. Es dauerte lange, bis sie von Curt geöffnet ward und dieser mit weicher, ein wenig zitternder Stimme des Freundes Namen rief. Seine Augen waren feucht, aber er gab sich keine Mühe, diese Schwäche zu verbergen und reichte Reinisch den Brief hin. Er lautete: „Mein lieber, theurer, ewig unvergeßlicher Freund! Ich bin Wohl recht Plötzlich von Dir gegangen, recht unerwartet, und Du «hntest wenig, daß, was Dir der Anfang eines neuen Lebens schien, für mich der bittre, trostlos harte Schluß war. Ich habe es vom ersten Tage an gewußt und tief gefühlt, daß ich Dein Weib nie werden durfte, sollten die Rosenketten nicht früher oder später zu ehernen Fesseln für Dich werden, und das durfte nicht sein. Du hast's nie einsehen wollen, und da mußte ich wohl gegen Deinen Willen thun, worein Du nie gewilligt hättest,— Dich von mir befreien. Nun ist der grausame Schnitt ins tiefste Leben vollzogen, und ich habe mich nicht an ihm verblutet,— Du hattest freilich dafür gesorgt, daß ich noch unter Thränen lächeln konnte und Dir im Geiste dankbar die Hand küßte, wie ich es— weißt Du das noch?— so oft gethan, wenn Deine Liebe und Dein Vertrauen mich so über alles menschliche Maß glückselig niachten, wenn Deine lieben Augen wie Sterne strahlten und über Deine Lippen ein so überniüthig- stolzes Lächeln flog. Nun ist mir aber in meiner Einsamkeit eingefallen, daß Du doch vielleicht nach Gründen fragst, daß Dir meine hingeworfenen Abschiedszeilen nicht genügt haben, und so wollen wir denn Hand in Hand, wie gute Freunde und treue Kameraden, gut und ver- ständig uns aussprechen und meine Worte sollen Dir den letzten Rest von Bitterkeit aus der Seele nehmen. „Die Männer sollen es gern hören, wenn wir ihnen sagen, sie seien unsre erste und letzte Liebe,— ich kann Dirs wohl in voller Wahrhaftigteit versichern, und wenn Dichs einigermaßen trösten kann, so will ich gern schwören, daß nie wieder ein Männer- wund meine Lippen küssen wird, die Lippen, die Dein ver- zehrender Kuß geweiht. Ach, Curt, ich weiß nicht, ob andere Frauen so lieben, wie ich,— oft hat mirs scheinen wollen, als tf Lav ant. luß.) sei es doch nicht so, wenn ich auch nicht begriff, wie man anders lieben könne. Ich habe immer eine so hohe Meinung von der Liebe gehabt, daß ich für kleine Tändeleien und Jntriguen keinen Sinn hatte, ich sagte mir, das könne die Liebe nicht sein, und wartete geduldig die Stunde ab, in der meines Herzens Pochen mir sagen würde, nun stehe der Frühling der Seele vor der Thür und begehre Einlaß. Ich hatte mir kein bestimmtes Bild von dem Manne gemacht, den ick lieben sollte,— als Du kamst, da wußte ich auf einmal, wie der aussah, dem— ich gehörte und für den ich willig und flächelud jeden Tropfen Herzblut hin- geben würde, und dann war kein Halten, kein Widerstand mehr. Nie hat ein selbstsüchtiger Gedanke, nie hat ein unwahres Wort die Reinheit und Schönheit dieser Liebe befleckt und tausend, tausendnial habe ich mir gewünscht, in Deinen Armen zu sterben und einzuschlafen, wie ein müdes Kind. Aber das konnte nicht sein,— ich sollte die Reinheit und Tiefe dieser Liebe dadurch beweisen, daß ich die Kraft fand, Dir zu entsagen, und ich schrak auch vor diesem Härtesten nicht zurück, obwohl ich mir oft und oft in stiller Nacht die Hände wund gerungen habe, ohne den Schrei der Verzweiflung niederkämpfen zu können. Mein eignes, glückheischendes Herz und Deine Bitten und Thränen standen im Bunde,— kannst Du Dir vorstellen, was ich gelitten, bevor der Entschluß erkämpft war, mich aus Deinen Armen zu reißen und mich vor Dir zu verbergen— zu Deinem Heil? „Sich, mein Freund, Du Haft es nie gelten lassen, wenn ich von dem Altersunterschied zwischen uns sprach, und doch— die drei, vier Jahre machen gar viel aus. Zu der Zeit, in der Du erst in Deiner Manneskraft voller, reichster Blüte standest, war ich bereits ein verblühtes Weib, und auch geistig hatte ich nicht mit Dir Schritt gehalten, der Du rastlos vorwärts strebtest, der Tag mußte kommen, an dem Du dessen inne wurdest und das Fazit der Rechnung nicht stimmend fandest. Mein Vater liebte Jean Paul,— ich habe nicht vergessen, daß ich ihm einmal— im ,Titan� war's ja wohl— die Stelle vorzulesen hatte: ,Jhr wißt nicht, welche Fegefeuerstundcn man mit einem Herzen durch- watet, das voll ist, ohne zu füllen, neben welchem, nicht mit welchem man fühlt/ Der Wortlaut mag etwas abweichen— dem Sinne nach wars gewiß so und ich habe mirs gut gemerkt. Sieh, das hätte ich nicht ertragen, der Gedanke, Dich aus Deiner Karriere gerissen, Dich Deinen gesellschaftlichen Kreisen entfremdet, Dir das Wohlwollen Deines Onkels entzogen zu haben, ohne — Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Dir auf die Dauer vollen Ersatz für all' Deine großmüthigen Opfer bieten zu können, hätte mich wahnsinnig gemacht oder mir den Dolch in die Hand gedrückt. Ich weiß ja, Curt, Du bist so gut und edel, wie vielleicht kein Mann weiter auf Erden; Du hättest es mich nicht fühlen lassen, es wäre Tag für Tag ein Gegenstand des Studiums für Dich gewesen, mich über den Zustand Deines Innern, über die Leere und— Rene Deines Herzens zu täuschen, Du hättest die Geduld und Sanftmuth eines Engels bewiesen,— aber ich hätte es doch gefühlt, und ich wäre das elendeste Weib auf Erden geworden, wie ich das glückseligste gewesen. „Ob das alles richtig ist, unumstößlich richtig— ich bin zu bescheiden, das zu behaupten; aber alles, was ich vom Vater ge- legentlich gehört, alles, was ich einsam geträumt und gesonnen, zwang mich und zwingt mich noch heute, so zu denken und so zu fühlen, und wäre ich Deiner schönen, idealen, schwärmerischen Liebe werth gewesen, Ivenn ich nicht den Muth und nicht die Kraft hätte, das süße Lied zur rechten Stunde in dunklen, weichen Tönen ausklingen zu lassen? Und die rechte Stunde war ge- kommen— es war die höchste Zeit geworden, daß ich für Dich starb und Dir die Freiheit des Handelns und der Entschließung zurückgab. Ich gab in einer vornehmen Familie Unterricht im Feinsticken; dort kannte man die Dir zugedachte Braut und sprach von ihr, ohne zu ahnen, daß ich Dich kannte— man behandelte die Verlobung wie eine vollzogene Thatsache und mit welchen Empfindungen mein Blick auf dem Bilde des reizenden, an- muthigen jungen Geschöpfs geruht hat, das Deine Frau werden sollte— Dein feinfühliges Herz, mein geliebter Freund, mag Dirs sagen. Man sagte mir sehr viel gutes und liebes von ihr, man rühmte ihren Verstand, ihr Zartgefühl, ihr edles Herz und ihre Talente, man ivarf die Frage auf, ob Du diesen Schatz auch verdientest. Ein paar Tage vor dem Nachtfest im Walde erfuhr ich, daß Dein Onkel, sein Waffenbruder und die Komtesse Valerie für die ersten Tage der nächsten Woche angemeldet seien— hast Du nun den Schlüssel zu allem, was die letzten Tage so seelen- voll und poetisch, so wehmüthig-lieblich— und so leidenschaftlich gemacht hat? Begreifst Du nun, mein armer, theurer Freund, daß ich um jede Minute geizte, daß meine brennenden Lippen danach schmachteten, den letzten Becher, der ihnen gefüllt kredenzt ward, auch bis auf den letzten Tropfen zu leeren und daß ich halb willenlos, halb entschlossen, halb gezwungen, halb freiwillig, in ohnmächtiger Hingabe an mein Gefühl und in trotziger Ver- achtung der Welt und ihrer Satzungen Dir gab, was Du mir gewiß nie genommen hättest? Ich habe es wie im Rausch und im Trauni gethan und doch bewußt— ich nehme die volle Verantwortung auf mich und wenn meine Lippen wieder gelächelt haben, seit sie Dir das.Lebewohl auf immerdarll zuflüsterten, so hat die Erinnerung an jene dunkelselige Liebesnacht dieses Lächeln hervorgezaubert. Ich bereue nicht, Curt, und ich werde nicht bereuen; ich denke nicht schlechter von mir und bin heute noch stolz auf meine Liebe und auf alles, was ich aus reinster Liebe gethan. Laß mir den Glauben, daß auch Du durch alle Wechsel der Schicksale und alle kommenden Jahre in verschwie- gener Seele mein Bild Dir aufbewahren wirst— verblichen, aber fleckenlos, wehmüthig-erust, aber in unvergänglichem Reiz. Ich wäre zu Ende und kann doch kein Ende finden. Ach, mein geliebter Freund, wie viele Jahre der Zukunft, die so nebelgrau und freudlos vor mir liegt, gäbe ich für einen letzten Blick in Deine lieben Augen, für einen Druck Deiner Hand, für einen Kuß Deines rothen, heißen Mundes! Das Herz will mir zer- springen, wenn ich denke, daß ich Dich nie wiedersehen soll und wie eine zum Tode Verdammte stöhne ich hinaus in Wind und Nacht: Muß es denn sein?' Aber jedesmal kommt dumpf und tonlos die Antwort zurück: ,Es muß sein— unterwirf Dich!' So sei es denn— ich kaure im Geiste zum letzten male auf dem Fußbänkchen zu Deinen Füßen und schmiege den Kopf an Deine Knie, ich fühle Deine Finger zärtlich mit meinen gelösten Flechten spielen und ich küsse Deine kleine, weiße Rechte und meine war- men Thränen tropfen auf diese liebe Hand, die mir so oft lieb- kosend über den Scheitel glitt. Ich danke Dir inbrünstig für all die schöne, wunderbare, edle Liebe, die Du so verschwenderisch über mein armes, einsames Herz ausgegossen hast; ich danke Dir für sie, obgleich ich sie Dir ehrlich vergolten und mit Schmer- zen und Thränen erkauft habe, und wenn ich nicht eine halbe Heidin, wenn ich fromm wäre und beten könnte, so würde ich des Himmels besten, reichsten Segen herabflehen auf Dein Haupt. Du wirst noch glücklich werden, Curt, mein unerhörtes Opfer wird nicht vergeblich sein; Du wirst auch wieder lieben, wenn auch vielleicht nicht wieder so, wie Du mich geliebt— willst Du dann in stillen Stunden des Alleinseins zuweilen mild und ver- söhnt, mit einem verklärten Rest alter Zärtlichkeit zurückdenken an die Verschollene, deren ganzes Wesen Liebe zu Dir war, treue schmerzenreiche, aufopfernde Liebe, an Deine arme, einsame Leontine?"— Reinisch kam nur langsam vorwärts mit der eigenthümlichen Lektüre; als er geendet, gab er den Brief bewegt und schweigend zurück und Curt drückte die bärtigen Lippen ehrfurchtsvoll auf die thränenverwüsteten Blätter. Dann ging er. Nach Hause? Wer weiß es? ** * Es ist eine ziemlich zahlreiche und bunte Gesellschaft, die sich an einem Hochsommerabend an dem Landungsplatze einer kleinen Flotille von Flußruderbooten zusammenfindet. Unsere jungen Freunde, die mit Curt in wahrer Herzlichkeit Verkehren, sind voll- zählig am Platze; auch Reinisch hat wieder einmal eine Ein- ladung erhalten, wohl mit Rücksicht auf seinen„ritterlichen" Freund. Ein ganzer Schwärm von Studenten sucht sich mit den Damen bekannt zu machen, bei deren Auswahl aber mehr auf ein gutes Herz, als auf Jugend und körperliche Vorzüge gesehen worden zu sein scheint; der imitirte Pariser in Zeugstiefelchen mit Lack- lederbesatz und der Herr Kapellmeister sind auch da. Zur be- stimmten Zeit rollt auch die leichte zweispännige Equipage heran, in welcher Fräulein Walujeff mit Mutter und Bruder sich in die Mitte ihrer allzeit Getreuen begibt; sie sieht sehr wohl und heiter aus und hat für jeden ein verbindliches Wort, ein an- muthiges Lächeln. Mit einiger Mühe werden die Theilnehmer in fünf kleineren oder größeren Booten glücklich untergebracht und Tatjana hat es so einzurichten gewußt, daß sich Curt in ihrem Boot befindet. Man hat die letzten Häuser der Stadt bald hinter sich und nur da und dort steht ein einsamer Angler am Ufer und blickt unverwandt und geduldig nach dem Kiel, der auf der Flut treibt; der Himmel ist bedeckt und stell und immer stiller wird es rings- umher— nur das Schilf lispelt zuweilen und durch das Laub einzelner alter Espen geht leises, irres, geheimnißvolles Flüstern. Der Fluß beschreibt anfänglich eine Menge Krümmungen; Plötz- lich thut sich eine breite, gerade Wasserstraße auf, hoher, dichter Laubwald tritt bis hart an die Ufer heran und wirft seine Schatten über den Wasserspiegel und da und dort taucht Gebüsch die Spitzen seiner herabhängenden Zweige in die dunkle Flut. Man zieht die Ruder ein und hält eine Viertelstunde Rast; das Gespräch in allen Booten wird in dem Maße, als die Dämme- rung niedersinkt, einsilbiger und leiser, und die Stille und Ein- samkeit, die nur dann, wann das leise Rinnen und Plätschern der Wellen, der klagende Schrei der Rohrdommel im Schilf, ein gedämpfter Signalpfiff oder der ferne Ruf eines Waldkäuzchens unterbricht, nimmt jedes Gemüth gefangen. Die und jene Dame hält die Hand in das Wasser und läßt sie von der lauen Welle liebkosen; da und dort hat sich ein Herr eine Cigarre angezündet, die wie ein Glühwürmchen durchs Dunkel leuchtet und in jedem Boote macht im silbernen Becher der duftende Rheinwein die Runde. Nach einer halben Stunde wird die breite Wasserstraße verlassen und man biegt in einen schmalen, vielfach gewundenen Seitenarm ein; es ist anfänglich so dunkel, daß man die Hand vor den Augen kaum sieht, denn die Kronen der Bäume zu beiden Seiten vereinen ihre Schatten und wirres, üppiges Unter- holz überhängt das enge, verschilfte Bett. Aber da geht der Mond auf und die zweifelhafte matte Beleuchtung, welche er über die malerischverwachsene Wildniß ausgießt, wird mit einem „Ah!" der Bewunderung begrüßt; alle Umrisse bleiben verschwom- men und alles nimmt seltsam phantasttsche Formen an. Zwanzig mal scheint es, als müsse die Fahrstraße im nächsten Moment ein Ende haben; man muß das Gezweig des Buschwerks mit den Rudern zur Seite drücken, aber dann blitzt auch im Mond- licht wieder ein Wasserstreifen auf, und mit langsamen Ruder- schlügen dringen die Boote weiter und weiter vor in den stillen Winkel, der eigentlich nur den Fischern bekannt ist. Und dann ist man am Ende des Waldes— hüben und drüben breiten sich Wiesen aus, über denen bereits dünner weißer Nebeldunst lagert und die Boote wenden an einer etwas breiteren Stelle und legen am Ufer des Seitenarms, nicht weit von der Vereinigung des- selben mit dem Fluß, vorsichtig an. Hier bietet sich ein präch- tiger begraster Lagerplatz unter alten Rüstern; der Wald ist im viereckigen Ausschnitt gelichtet und erst jenseits desselben beginnt wieder dichtes Nadelholz. Und nun beginnt ein reges Leben; farbige Papierlaternen werden an den untersten Zweigen der Bäume befestigt, Plaids und Reisedecken werden auf dem Boden ausgebreitet und man lagert nach Laune bunt und malerisch durcheinander. Tatjana hat für alles gesorgt und aus großen Körben kommen alle Bestandtheile eines opulenten Pikniks zum Vorschein und werden auf Servietten ausgebreitet. Tatjana ist so freundlich, zu bemerken, daß Curt ihr gegenüber sehr unbequem sitze, und sie fordert ihn auf, an ihre Seite zu kommen und den Kopf ohne Umstände auf ihr Knie zu legen, wie das ihr Bruder bei seiner Mutter thue. Hat Curt Mitleid mit der Eifersucht der andern oder ist überhaupt die Vertraulichkeit nicht nach seinem Sinn? Er lehnt dankend ab, aber dieser Dank— klingt er nicht ein wenig spöttisch? Tatjana scheint es zu finden— sie zuckt uninuthig die Achseln, wirft die Lippen auf und wendet sich an Mendt, der am Stamm eines Baumes lehnt und einem Fasanen- flügel alle Ehre angedeihen läßt, mit der Frage: „Ist das nicht eine hübsche Einweihung der neuen Wasser- Partieepoche? O, wir werden bis zum Herbst noch oft fahren, wenigstens einmal jede Woche!" Die Antwort ist artig, aber— niederschlagend:„Ich fürchte, es wird mir nicht vergönnt sein, gnädiges Fräulein, an diesen Wasserfahrten theilzunehmen, denn ich fange eben an, mich auf mein zweites Examen vorzubereiten und da heißt es jede freie Stunde zusammenzunehmen und fleißig zu sein— ochsen nennt das der deutsche Student, ochsen oder büffeln!" „Nun, dann nach Ueberwindung dieses wichtigen Examens, das Ihnen ja sehr am Herzen zu liegen scheint," erwiderte das schöne Mädchen, ihr Glas an die Lippen führend.„Sie haben schließlich auch weniger Empfänglichkeit für den poetischen Reiz solcher Fahrten, als Herr Born, der sie nach ihrem vollen Werthc zu würdigen weiß." Born verbeugt sich dankend, stößt aber dann heraus: „Auch ich werde leider verzichten müssen, da ich nur noch wenige Tage hier bin; man hat mich als literarisch-dramaturgi- scher Beirath an die Bühne meiner Vaterstadt berufen und ich muß schon Ende dieses Monats in der Heimat sein, nach der es mich zu oft gezogen hat, als daß mir diese Wendung nicht will- kommen sein müßte!" Tatjana sieht betroffen auf— soll die Fahnenflucht unter ihrern Verehrern noch weiter um sich greifen? Es klingt aber doch ziemlich übermüthig und nur wie ein Scherz, als sie sich zu Lindner wendend, fragt: „Da gehen Sie schließlich auch noch Ihrer Wege, Herr Lindner?" Der Angeredete spießt eben mit der Gabel ein Butterbrod an und erwidert: „Obgleich ich kein Bühnenschriftsteller bin und meine einzige literarische Sünde ein Triumphgesang der Mäuse auf den Tod eines alten Uhus ist— ja, ich gehe auch fort, um eine Stellung in einer chemischen Fabrik einzunehmen, die eine von mir erfun- dene Farbe herstellen wird." „Und übers Jahr heiratet man, nicht wahr?" Das klingt entschieden spitzig und beinahe feindselig, aber Lindner erwiderte trocken und mit naivster Unbefangenheit: „Das kann wohl so kommen— wer möchte denn ein alter Junggesell werden? Dazu tauge ich nicht." „Ich muß sagen, die Herren haben sich während meiner kurzen Abwesenheit allerlei Ueberraschungen präparirt— das geht ja alles im Galopp und nun fehlte blos noch, daß mir jemand seine in der Zwischenzeit erfolgte Verlobnng Anzeigte, etwa— Herr Reinisch." Der Maler, der eben mit Curt anstößt, erwidert launig: „O nein, gnädiges Fräulein, Sie trauen mir altem Knaben da mehr Leichtsinn zu, als ich mir bewahrt habe. Aber ich be- wundre Ihre divinatorische Gabe— es ist wirklich ein glücklicher Bräutigam unter uns—" „Der sich dieser Tage die Freiheit nehmen wird, Ihnen seine Braut vorzustellen," ergänzt Arvenberg mit einer Verbeugung. „Meine Braut wird sich sehr freuen, Sie, gnädiges Fräulein, kennen zu lassen." „Auch Sie also haben sich verloben lassen— ah! das ist nicht schön von Ihnen! Wissen Sie, daß ich diese von den beiderseitigen verehrten Eltern ins Reine gebrachten Heiraten, bei denen man die jungen Leute kaum fragt, gründlich verabscheue? Freilich, bei Ihrem Volke hat das dumme Herz nie etwas drein- zureden gehabt, wenn der kalte, nüchterne Verstand seine Beschlüsse faßte!" erwidert Tatjana nicht ohne Bitterkeit. „Sie irren, gnädiges Fräulein," gab Arvenberg zurück,„so liegen die Dinge keineswegs, denn Kopf und Herz haben sich in meinem Falle prachtvoll vertragen. Diesmal sind eine Jüdin und ein Jude aus wahrer Herzensneigung einig geworden, ohne daß die Aeltern davon eine Ahnung hatten, und die letzteren haben die bereits mit Hand und Mund besiegelte Verbindung eben nur zu sanktiouiren gehabt." Diese Erklärung wurde bei aller Verbindlichkeit in so ernstem Tone abgegeben, daß Tatjana den Sprecher betroffen ansieht. Sie hatte gleich am ersten Abend eine große Vorliebe für ihn gefaßt, sein feines, etwas sarkastisches und ironisches Lächeln hatte ihr zugesagt und sie war ungewöhnlich freundlich gegen ihn gewesen. Gerade ihn glaubte sie gefesselt zu haben, und daß er nun aus purer Neigung eine Verbindung eingeht, daß es ihr und all ihrer verheißungsvollen Liebensivürdigkeit nicht gelungen ist, diese Neigung im Keime zu zerstören, ist eine solche Deniüthigung für ihren Stolz, daß sie sich förmlich gekränkt fühlt und Arvenbergs Erklärung nur mit einem Achselzucken beantwortet. Die Freunde werden für ihren Mangel an Wesensähnlichkeit mit dem Ritter Toggenbnrg dadurch bestraft, daß Tatjana sie kaum noch zu sehen scheint; sie wendet ihre ganze Aufmerksamkeit Curt zu. Er ist der letzte von ihren Kavalieren und obendrein der einzige, für den sie sich ernstlich interessirt und in dessen Nähe eine gewisse Bangigkeit über sie kommt, die etwas seltsam Beunruhigendes und doch auch wieder Wohlthuendes für sie hat. Aber es will nicht so recht gelingen, Curt gesprächig zw machen; er ist allmälich in träumerische Zerstreutheit verfallen, lauscht immer wieder hinaus in die schweigende Nacht und wirft ab und zu mit einer raschen Bewegung des Kopfs die kleine schwarz- braune Locke zurück, die ihm in die Stirn gefallen ist; seine Gedanken sind sicherlich auf einer Wanderung in weit zurückliegende Zeiten und an entlegene Orte begriffen und jedenfalls haben sie recht sehr wenig mit dem schönen Mädchen zu schaffen, das anfängt, allmälich einen sanften, bittenden Ton in die Fragen zu legen, welche sie an ihn richtet und auf die er oft nur durch ein zerstreutes Lächeln Anttvort gibt. In Tatjanas ganzeni Wesen liegt eine gewisse weiche, schmachtende Lässigkeit; sie weiß es so einzurichten, daß ihre langsani niedersinkende Hand wie zufällig auf die Curts zu liegen kommt und sie jubelt inner- tich auf, als diese Hand ruhig liegen bleibt; sie hat aber doch zu früh ini Vorgefühl des Triumphs geschwelgt, denn statt daß Curts Finger, durch ihr Entgegenkommen ermuthigt, sich zu ver- stohlenem festem Druck um die ihrigen schließen, bleibt seine Hand regungslos im Grase liegen und als Tatjana ihre kleine, heiße Rechte zurückzieht und nach einiger Zeit das kleine Ma- növer wiederholt, findet sie die Hand Curts nicht mehr vor, wie sie auch vorsichtig umhertastet, und Curt blickt unverwandt nicht nach ihr, sondern nach dem schwarzen Wasserspiegel, in welchem ein einsamer Stern sich zitternd spiegelt. Es überkommt sie wie eine Regung wilder Leidenschaftlichkeit; soll sie ihre Arme um den Nacken des Unempfindlichen schlingen und ihn vor allen Leuten auf Stirn und Scheitel, auf Mund und Wangen und Augen küssen, bis er selber warm und zärtlich wird und mit heißen Lippen ihren Namen flüstert, oder soll sie aufspringen und zornig mit dem Fuße stampfen und ihm zuraunen:„Deutscher- Tölpel!?" Da— was ist das? Voii der breiten Wasserstraße herüber kommt durch die nächtliche Stille Gesang von Frauen- stimmen; vielleicht singen sie garnicht so besonders gut, aber in todt- stiller Mitternacht im Walde, auf dem Wasser, bei feuchter Luft klingt ein nur erträglich gesungenes Lied schon ergreifend. Das stimmungsvolle Lied erscheint der Ungeduld der sieg- verwöhnten Russin als ein vom Zufall gesandter Bundesgenosse gegen Curt; sie macht ihn durch eine Handbewegung auf den -arten Gesang aufmerksam, der übers Wasser und durch den Wald seinen Weg zu ihm sucht. Und die Rechnung scheint zu stimmen; Curt nickt ihr dankend zu, stützt den Kopf'in die Hand und lauscht auf die lieblich-wehmüthigc Weise. Das Lied ver- stummt,— nur der schwache Hauch des Nachtwinds geht wieder flüsternd durch die Zweige, und schon will sich Curt abwenden, da zuckt er Plötzlich zusammen, denn jetzt erklingt klar und voll und er- greifend eine Frauenstimme, eine Stimme, die er bis an sein Lebens- ende nicht vergessen wird, und sie singt die gramschwere polnische Todtenklage, die er nur einmal, die er nur von einer gehört: „Es fallen die Blätter vom Baume, die langsam entsprossen sind; Hinter den Scheuern singen die kleinen Herbstvögel...." Reinisch, der ebenfalls stutzt und befremdet aufhorcht, sieht seinen Freund tödtlich erbleichen,— sie blicken einander an und einer liest in des andern Blick dieselbe Frage:„Leontine— hier?" Curt legt die Hand vor die Augen und lauscht mit verhaltenem Athem wie verzaubert hinüber; als die Sängerin verstummt und Tatjana sich zu ihin niederbeugt und schmeichelnd sagt:„Das war ja polnisch? Aber es ivar ein schönes Lied und es lag Seele in dem Gesang!" erwiderte er hastig und wie abwesend: „Das schönste, das ich kenne!" und springt auf, als sei ihn: seine Lage bis zur Unleidlichkeit unbequem geworden. Er wendet sich zum Maler, der ebenfalls aufgesprungen ist, zieht ihn auf die Seite, flüstert ihm in fliegender Hast zu:„Sie war es— kein Zweifel— ich muß fort!" und tritt ins Gebüsch. Da liegt unter überhängenden Weiden, im tiefsten Schatten und kaum kenntlich, das kleine Boot, das er ruderte, während Tatjana am Steuer saß; leise löst er die Kette, springt mit dem ganzen Ungestüm! der Sehnsucht hinab ins Boot, und das laute Gelächter, mit welchen: die Gesellschaft eine witzige Bemerkung Tatjanas be-! gleitet, verschlingt das schwache Geräusch der Ruderschlüge, mit dem er die Nußschale vorwärts treibt. Bis zur Einmündung in den Hauptarm muß er seine Ungeduld zügeln; ein niederhängender Zweig reißt ihm den leichten Sonimerhut vom Kopfe— er achtet es nicht und nimmt sich nicht die Mühe, ihn aufzufischen. Dann ist er im breiten Fahrwasser, und nun schießt das Boot so hastig dahin, daß die Welle rauschend an: Kiel aufschäumt; es ist alles dunkel auf der Wasserstraße zwischen den bewaldeten Ufern, und kein Laut ist zu vernehmen, keine Laterne wirft vor oder hinter ihm ihren hellen Lichtstreif auf die Flut und Curt fragt sich erschrocken, ob das Boot, welches er sucht, nicht vielleicht, statt auf der Rückfahrt nach der Stadt, auf der Fahrt nach einem noch weiter hinaus am Flusse liegenden Dorfe begriffen war, und ob es ihm, wenn er der Gesellschaft nach dieser Richtung nachsetzte, auch gelingen würde, sie noch unterhalb des Landungs- Platzes einzuholen; wo sollte er sie, wenn nmn bereits ausgestiegen war, in dem großen Dorfe suchen? Und wenn sie nun doch auf der Heimfahrt sind, wenn er bei Aufgeben der Verfolgung grade Das bei Sandcfiord in Norwegen a die verkehrte Richtung einschlägt? Kalte Schweißperlen treten ihm auf die Stirn; von den beiden Rudern, die er eingezogen hat, rieselt und tropft das Wasser und seine Augen suchen ver- gebens die Dunkelheit zu durchdringen, denn der Mond hat sich längst wieder in Wolken und Dunst geborgen. Da plötzlich flammt es in geringer Entfernung blendend auf, und mit einem Zauberschlag erstrahlen Fluß und Ufer in grünem, magischen Lichte; es ist mit cinemmale so hell, daß man die Blätter an den Bäumen zählen könnte, und in dem Boot, auf dessen Stirn man eben das Grünfcuer entzündet hat, ist jedes einzelne Gesicht genau zu erkennen; es ist ein großes Boot, voller Herren in Hemdärmeln und Damen in hellen Sommerkleidern,— nur eine hohe, schlanke weibliche Gestalt in dunklem Gewand ist zu unter- scheiden, und er glaubt sie zu erkennen. Das Herz schlägt ihm bis herauf an den Hals, aber die Gestalt kehrt ihm grade den Rücken zu, und ehe sie sich gewendet, ehe sie ihm den entscheidenden Blick in ihr Gesicht gestattet, verschwindet das grüne Licht und noch tieferes Dunkel als vorher verschlingt das Boot. Dasselbe fährt aber nicht weiter, er würde ja sonst den Ruderschlag hören; ab und zu erreichen ein paar gedämpfte Worte, ein Aus- ruf des Entzückens über die prachtvolle Nacht sein angstvoll lauschendes Ohr, und so vergehen qualvolle Minuten, bis es plötzlich' drüben wieder aufflamnit und Flut und Ufer und Wald igcgrabcnc Wikingschiff.(Seite sss.) mit purpurnem Schein übergießt. Und diesmal hat er Leontine erkannt; sie steht im Boot, einen Epheukranz im Haar, schön wie einst, nur ernster und frauenhafter, und ein Aufschrei will sich Curts Brust entringen; aber mit übermenschlicher Anstrengung unterdrückt er ihn,— er muß ja alles vermeiden, was auf ihn aufmerksam machen, was Leontine vielleicht zu neuer Flucht vor ihm bestimmen könnte, und als die rothe Helle versunken ist und das� große Boot, jetzt mit einer Laterne versehen, seine Heimfahrt fortsetzt, überholt er dasselbe, indem er sich hart am entgegen- gesetzten Ufer hält; er schlüpft unbemerkt vorüber und geht vom Landungsplatz aus am Ufer den: großen Boot entgegen, das langsam und vorsichtig die niedrigen Brücken der Vorstadt passirt. Man vernimmt bei der tiefen Stille jedes Wort, das im Boote gesprochen wird, aber die Stimme Leontinens läßt sich nicht ver- nehmen; schweigsam und in sich versunken, die Hände im Schöße lässig gefaltet, sitzt sie allein an: Stern, und die Laterne wirft zuweilen ein helles Streiflicht auf das schöne, vornehme, nach- denkliche Gesicht. Als die Gesellschaft ausgestiegen ist und in kleinen Gruppen den Heimweg antritt, folgt Curt vorsichtig in an- gemessener Entfernung und erst, als die Hausthür hinter Leontine und der Familie, deren Gast sie zu sein scheint, ins Schloß ge- fallen ist, erst als er über den Namen der Straße und die Stummer des Hauses sich Gewißheit verschafft hat, tritt er langsam, zögernd 626 und unschlüssig den Heimweg an,— ihm ist beinahe, als sollte er, um ganz sicher zu gehen, bis zum Morgen vor dem Hause Wache halten.-- Am Abend des Tages, der dieser ereignißvollen Wasserpartie folgte, haben sich die Freunde mit Ausnahme Curts bei Reinisch versammelt und man scherzt über Tatjana, die es so wenig ver- standen hatte, ihren Aerger zu verbergen und die von einem wahren Fieber von Ungeduld ergriffen worden war, als Curts Verschwinden bemerkt wurde und der arglistige Reinisch konsta- tirte, daß auch das kleine Boot fort fei, er also nur annehmen könne, daß Curt sich aus irgendeiner Laune für eine der Sänge- rinnen interessirt und versucht habe, etwas Näheres über dieselbe in Erfahrung zu bringen. Sie hatte nur wegwerfend die Achseln gezuckt, aber sie hatte doch die Zähne tief in die Unterlippe ge- drückt, war wortkarg, mißmuthig und bitter geworden und hatte keine Ruhe mehr gehabt; man war zeitiger, als ursprünglich beabsichtigt, wieder aufgebrochen. Die Auskunst darüber, wes- halb Curt so Plötzlich und verstohlen aufgebrochen sei, verweigert der Maler, aber er befindet sich unverkennbar in froher Auf- regung und Spannung. Man will eben zu lesen beginnen, als es an die Thür klopft und— Curt in Begleitung einer Dame und eines etwa fünfjährigen bildhübschen Knaben eintritt, der sich zärtlich an ihn anschmiegt.„Meine Braut, Fräulein Leontine Lux," stellt er vor,„und hier mein Junge Johannes, von dessen Existenz ich alle die Zeit her nicht die leiseste Ahnung gehabt habe. Reinisch hat mir gebeichtet, daß er die verzeihliche In- diskrction begangen habe, euch meine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte erhält also jetzt einen versöhnenden Schluß- Nachtrag. Gestern Stacht, als wir im Walde lagerten und Fräulein Tatjana grade ihr bestes that, mich zu fangen, hörte ich die Verlorengegebene plötzlich singen, setzte ihr nach, holte sie ein, ermittelte ihre Wohnung und begab mich heute früh zu ihr, mit dem festen Vorsatz, ohne ihr Jawort nicht wieder von bannen zu gehen. Auf der Treppe kommt mir der kleine Wildfang da m den Wurf; er hatte einen japanischen Bogen mit leichten Rohr- Pfeilen in der Hand und wollte ihn im Hofe probiren. Der Anblick des kleinen Kerls gab mir förmlich einen Schlag aufs Herz; ich glaube, niemand, der uns nebeneinander sieht, kann auch nur einen Moment über unsere blutsverwandtschaftlichen Beziehungen zu einander in Zweifel sein. Ich fragte ihn, ob in diesem Hause ein Fräulein Lux wohne, und da sagte er in denselben Accenten, die ich so oft von seiner eigensinnigen Mama gehört, in halb lustigem, halb wichtigen Tone: ,Ach, der Herr will zu Mama?' Ich hielt ihn nun auf, plauderte mit ihm und bestimmte ihn, mit dem Probiren seines Bogens noch eine halbe Stunde zu warten und mich zu seiner Mutter zu führen. Er stürinte dann hinein und meldete jubelnd: Mama, da ist ein Herr, der mir ein kleines, milchweißes Pferdchen mit blauem Sattel schenken will; er will dich besuchen!' Und dann kam er wieder zu mir gelaufen und ich nahm ihn bei der Hand, und so traten ivir vereint vor seine Mutter, die mit einem Aufschrei emporfuhr und halb ohnmächtig in meine Arme sank. Unter Lachen und Weinen hat sie mir dann erzählt, daß sie kurz vor der prager Katastrophe von einer Verwandten noch ein paar tausend Gulden geerbt hatte und sich nach ihrer Flucht in einem kleinen Provinzialstädtchen in der preußischen Lausitz niederließ, wo ich sie gewiß nicht gesucht hätte. Hier weilt sie seit einigen Wochen auf Besuch und wird nicht wieder in ihre freigewählte Verbannung zurückkehren, denn als sie erfuhr, daß ich, statt mich über ihren Verlust zu trösten und die kleine hübsche Comtesse zu heiraten, grade das gethan habe, was sie verhindern wollte, daß ich den Soldatenrock ausgezogen und meine Karriere aufgegeben habe, um mich ruhelos und unbefriedigt bei Indianern und Türken herumzuschlagen, und daß mich in diesen sechs Jahren keine Frau in die Versuchung gebracht hat, ihr untreu zu werden, da fiel das schöne Kartenhaus der heroischen Entsagung in nichts zw sammen, und es hätte der Frage, ob sie ein Recht habe, unser« Buben den Vater vorzuenthalten, nicht bedurft. Ihre große, schöne, edle Seele hatte es gut gemeint und unter unerhörten Schmerzen die eigne Liebe ans Kreuz geschlagen, und nun muß sie selber bekennen, daß sie damit nichts erreicht hat, als— sechs Jahre des Glücks, des in und für einander Lebens aus der Geschichte unsres Daseins auf Erden zu streichen, und mich wun- dert nur, daß ich es nicht fertig bringe, ihr deshalb ernstlich böse zu sein, und nur heilfroh bin, sie wiedergefunden zu haben." Der Maler, der mit leuchtenden Augen das schöne Paar maß, fragt, mit seiner Bewegung kämpfend: „Nicht wahr, Fräulein Lux, es ist ein gewagtes Unternehmen, tvenn eine Frau für den Geliebten Schicksal spielen will, statt ihm zu vertrauen und sich seiner Führung zu überlassen? Es kommt nichts dabei heraus, als Kummer und Herzeleid." Leontine nickt erröthend, und birgt ihr schönes, noch immer jugendliches Gesicht an der Brust Curts, der seine Hand schmeichelnd über die dunkle Haarfülle gleiten läßt. Mendt aber ruft: „Wann ich mich verloben werde, das wissen nur die ewigen Götter,— so mögen sie denn heute springen, die sechs Marko- brunner im Keller, denn bei einem bessern Anlaß können sie doch nicht getrunken werden!" Irrfahrten. Von Ludwig Rofenberg. (Schluß.) „,Ja, wer hätte das gedacht/ sagte ein alter Mann an Elisabeths Seite.— ,Aber so geht es! Es kommt immer anders, wie man denkt."— Dabei blinzelte er mit dem einen Auge und betrachtete heimlich Morgenroth, der noch immer nicht mit seinem ersten Zwieback zu Ende war; dem es vor den Augen schwirrte und flimmerte und der mit jedem Augenblicke unruhiger wurde und nach der Uhr blickte.—.Der Tag ist heute sehr heiß/ sagte zur Belebung der Unterhaltung Marianne's Vater. — ,Es ist mir so, als ob wir noch ein Gewitter bekommen. Dadrüben steigt es schon langsam grau und schwarz herauf. Morgenroth sah von neuem nach der Uhr. Es Ivar 2 Uhr; um 6 Uhr fuhr der Eisenbahnzug von L.. zurück.— ,Fort, fort, fort/ so rief eine Stimme in ihm. ,Fort, du sitzst als Unglück- licher und Betrübter allein unter Glücklichen iiud Fröhlichen! Was hast du hier zu suchen?— Dir gehört nichts als das Ge- fühl deiner Verlassenheit, das Gefühl deines Opfermuthes. Hin- aus! Hinaus!— Denn Verbrechen ist es, der Geliebten zu be- gegnen, Verbrechen der Gedanke, dich an ihrem Anblicke zu weiden, ihre Ohren mit deinen Reden zu füllen, Verbrechen, sie in dein eigenes Unglück durch wehmüthige Blicke und melancho- lisch gesprochene Worte hinabzuzerren. Schauspieler, der du bist! — Heuchler du, der du mit deinem Jammer auf den Markt gehst, damit zu prahlen und dich bewundern zu lassen. Fort! Fort!'--- Ohne daß es jemand auffällig geworden wäre, verließ er das Zimmer.—— Zu seinen Ohren gellten noch immer die lauten und fröhlichen Stimmen von Marianne's Ver- wandten, als er schon draußen vor dem Dorfe war;— vor seinem Auge stand Elisabeths Bild— ihre großen Augen suchten in sein Herz einzudringen— sein Herz zu zerstechen! ,Und wenn sie ihm nicht zugeneigt ist, wenn sie ihn selbst nicht einmal freundschaftlich liebt?'— rief er laut hinaus in die Landschaft. Er sah nicht, was um ihn herum vorging, er hörte nichts,— er lief, wie von Hunden gehetzt!—— Zuweilen blieb er stehen. — Dann sprach er aufgeregt mit sich und klagte sich als einen Verbrecher an. Das hättest du nicht thun sollen, sie öffentlich als Braut zu bezeichnen, du hättest sie gehen lassen, ihren Weg sich selbst suchen lassen! Sünder, dreimal Sünder, der du bist! — Und er lief, daß der Schweiß aus allen Poren raun.— Er schlug den nächsten Weg über Felder und Wiesen ein.— Die Landlcnte, die besorgt ob des Gewitters zum Himmel empor- schauten, sahen den Irrenden. Sie riefen ihm zu. Aber er hörte nichts. Schon schlugen ihm schwere Regentropfen ins Gesicht. Er lachte laut auf. ,So recht, der Himmel gibt zu meiner Flucht sein Konzert. Himmlisch! Köstlich!'-- Und er rann weiter, stolpernd über Erdschollen und triefend vor Nässe. Der Regen goß in Strömen hernieder.— Einen Landmann, der sich unter einen Baum geflüchtet und sich mit einem Sack vor dem Regen geschützt hatte, fragte er nach dem Wege. Er hatte sich verlaufen. Er war eine halbe Stunde Wegs zu weit nach rechts gegangen. Der Mann schaute verwundert den erhitzten, dampfenden und Ir� aufgeregten Morgenroth an. Er schüttelte mit dem Kopfe und glaubte in ihm einen Irren zu sehen!— ,Jch komme von Baum- berg. Muß um 6 Uhr in L.. sein/ hatte er gesagt.— ,Und wann gingen Sie von Baumberg fort?'— ,Uni Vaö Uhr/ gab er mechanisch zurück. ,Dann kommen Sie zu spät. Es ist eben ViK Uhr/ Statt jeder Antwort lachte er laut auf, blickte zu den Wolken, die gcwitterschwanger über seinem Haupte hingen und eilte weiter. Blitz auf Blitz zuckte hernieder; Donner auf Donner durch- tönte die Flur— dann regnete es in Strömen!— Das alles kümmerte den auf das äußerste erregten Morgenroth nicht.— Er wischte sich mit dem schon nassen Taschentuche den Regen aus dem Gesichte, knöpfte seinen Rockkragen hoch und setzte seine Hetz- iagd fort. Die Stimme des Orkans begleitete er mit seinen Monologen und oft unterbrach er sich mit dem Ausrufe:, Alles verloren, alles verloren U-- Fünf Minuten vor 6 Uhr kam er in L. an. Gleich darauf brauste der Zug heran. Ein jeder blickte verwundert auf den Erhitzten und Sinnzerstörten. Der Zugführer erbarmte sich seiner. Er geleitete ihn mitleidig zu einem gntverschließbaren Coupü. 'Woher kommen Sie?' fragte er ihn.— ,Zu Fuß von Baum- berg/ antwortete Morgenroth.— ,Jn welcher Zeit?'— ,Jch lveiß nicht. Doch— in 1'/« Stunden, mein Herr/_—»Alle Leusel, so schnell fährt ja kaum ein Wagen!' Damit schloß der Führer die Thür und verpflichtete den Kondukteur für das Wohl des sonderbaren Insassen.— Aber es geschah diesem nichts. Er mrrd glücklich seine Wohnung, zur großen Verwunderung der Wirthin, die ihn zur schnellen Entkleidung und zum sofortigen Schlafengehen zwang. Er zitterte am ganzen Leibe. Den Thee »ahm er mit gierigen Zügen ein.»Nicht wahr, Sie sorgen für niich?' hatte er leise geflüstert.—»Gewiß, theurer Herr Morgen- roth/ erwiderte die Wirthin;»ich werde während der Nacht nach vchnen sehen.' Dann schlief er ein.— Während der Nacht saß d>e Frau an Morgenroths Bett. Sie fühlte dann und wann nach seinem Puls und> schüttelte immer bedenklicher mit dem �apfe. Am Morgen mußte man einen Arzt holen.»Nervenfieber nnd wer weiß was noch außerdem/ hatte dieser gesagt.»Steckte schon lange in ihm. Nun ist es plötzlich und schrecklich aus- gebrochen. Der arme Mensch! Man telegraphire den Eltern.'— In einem lichten Augenblick gegen Mittag hatte Morgcnroth plötzlich die Wirthin zu sich gewinkt.»Sagen Sie nichts zu Freimann und Liebers. Ich bin nicht zuhause/ flüsterte er kaum porbar.»Ich will es.'—— Ich kani zur rechten Zeit. Die Wirthin war in großen Aengsten. Ich sandte sogleich Brief- schaften ab, suchte den Arzt auf und verabredete mit ihm, daß üür den Kranken am besten nach einem Hospital schafften.— Mit der größten Vorsicht geschah der Wechsel. Morgenroth ließ jflles geduldig über sich ergehen.»Ich danke/ sagte er einmal leise, und dann streckte er seine matte Hand uns entgegen, aber sie senkte sich auf das Kissen, bevor die unsrige sie erreicht hatte.— ?se Wirthin siedelte, so wünschte es Morgenroth, mit nach dem Hospital über.— Als alles geordnet und erledigt war, suchte sch mit traurigen Empfindungen meine Wohnung auf, unfähig, ssgendwelche Nahrung zu mir nehmen zn können. Das plötzlich über Morgenroth hereingebrochene Unheil hatte mich zu sehr orschüttert.— „Was inzwischen in Baumberg vorgegangen? Man vermißte fthr bald den Entflohenen. Alles Suchen nach ihm war ver- tzobens. Elisabeths Unruhe wuchs von Stunde zu Stunde. Sie spornte die Umgebung an, die Spur des Freundes zu entdecken, Po selbst machte sich auf den Weg. Vergeblich! Wer sie sah, hatte seine besonderen Gedanken über Elisabeths Bestürzung, aber sUemand wagte, etwas zu sagen. Verstand ja doch niemand, in chrer Seele zu lesen. Morgcnroths spöttische Klage über die Feigheit der weiblichen Natur hatte ihre halb erloschenen Lebens- öeister, ihren zu Boden gedrückten Willen wieder zur Thätigkeit ungefacht. Sie war dann, als er die Worte fallen ließ:»Was der Mann dem Weibe aufdrängt, solle diese nicht länger ertragen, ?ls es ihre Natur verträgt/ von einem mächtigen Entschluß er- ?aßt, und, war sie solange auch willenlos den Anordnungen des Freundes in ächt weiblichem Gefühl, aus tiefer, unergründ- licher, unfaßlicher Liebe, deren Acußerungen nicht mit dem Sezir- »effer und der Lupe betrachtet werden können, gefolgt, so war sie doch jetzt von dem Gefühl der unbedingten Folgsamkeit erlöst—; ne merkte, daß ihre Liebe ungleich größer sei, wenn sie auf ihre Weise selbständig handelte— wenn sie selbst das erlösende, sie om meisten zierende Wort ohne Rücksicht auf Folgen spräche. Sie war dann einen Augenblick bereit, ihn mit einigen Worten auf den Grund ihrer Seele blicken zu lassen— aber, wir wissen es schon— sie schwieg vor ihm----»Du sollst dich nicht in mir täuschen!' rief es halb jauchzend, halb energisch in ihrem Herzen. Und nun— nun, war er nicht da— war fort.— Es war ihm vielleicht ein Unglück zugestoßen; er hatte vielleicht selbst den Tod gesucht.— Das Blut erstarrte fast bei diesen Gedanken in ihren Adern nnd unruhig, fiebernd, mit gerötheten Wangen lief sie im Dorfe umher.— Marianne suchte sie zn trösten.—»Er hat sich kein Leid angethan/ tröstete sie die Freundin;»dazu ist er zu klug, zu gesund. Er ist ein ganzer Mann, hat ihn auch augenblicklich eine Mißstimmung ergriffen/ — ,O, ich kenne ihn/ gab Elisabeth zurück,»seine Empfindung geht tief, er ist sehr unglücklich. Ich weiß es. Und ich bin schuld daran, wenn ihm etwas zugestoßen ist; denn ich habe nicht gesprochen, wie es sich ziemte/ Und in tausend Variationen fuhr Elisabeth fort, sich mit Selbstvorwürfen zu belasten.— Es be- durfte des vollen Einflusses von Marianne, daß die Unglückliche nicht öffentlich mit ihren Gefühlen losplatzte und sich solcherweise ans immer blosstellte; erst, als man ihr versprach, sogleich zu Hanse anzufragen, ob der Freund sich dort schon befinde— erst dann legte sie die äußere Erregung ab. Innerlich setzte sich aber der Kampf fort.— Sie weinte nicht mit den Augen, sie weinte mit dem Herzen. Zum erstenmale brach ihr Liebes- gefühl wie die himmelauflodernde Flamme aus einem Krater an das Tageslicht und erst jetzt in dieser verzweifelten Situation verstand sie das Gefühl der mächtigsten Leidenschaft des Men- scheu!'----- Spät am Abend kam ein Landmann, in der Nähe Baumbergs wohnhaft, in das Dorf.»Er habe— so erzählte er,»einen irren Menschen gesehen, der, wie vom Satan besessen, mitten durch den Regenguß, wohin, wisse er nicht, feld- ein gerannt sei. Er habe ihm nachgerufen, nachgeschrien, aber je mehr er seine Lungen angestrengt, je wilder und schneller wäre jener gelaufen.'— Er mußte diese Erzählung in Marianne's Hause wiederholen. Elisabeth fragte ihn nach allen Einzelheiten, nach dem Aussehen Morgenroths, nach seinen Geberden, kurzum sie inquirirte den Bauer wie ein Untersuchungsrichter!--- Als endlich nichts mehr aus dem Bauer herauszuholen war und er immer nur dasselbe wiederholte, ließ sie ab; aber sie war so durch Aufregung und Angst erschöpft, daß sie Plötzlich ohn- mächtig in Marianne's Arme sank.—»Der Teufel verstehe die Frauen/ meinte Marianne's Vater und die Mutter schalt auf Morgenroth, daß er die liebe gute Elisabeth so schrecklich geäng- stigt habe.»So sind die Männer/ sagte sie und der Vater sagte:»So sind die Frauen.'— Marianne indeß bemühte sich schwesterlich um Elisabeth und als diese sich später etwas erholt hatte, sprach sie das Verlangen aus, am nächsten Tage nach Hause zurückzukehren.— Sie reiste auch wirklich am folgenden Tage nachmittags ab,— besonders, da von den Aeltern keine Nach- richt über Morgenroth eingelaufen war.—--- Ich fahre nach einem langen Athemzuge wieder fort in meiner schlichten Erzählung, es der Phantasie des Lesers überlassend, die fehlenden Striche in diesem tragischen Gemälde sich selbst zu zeichnen, den Seelenkampf Elisabeths sich nach Muße und Ge- fallen auszumalen.--- Bei Liebers war infolge schlechter Postverbindung die An- frage über Morgenroth erst am nächsten Mittag eingelaufen. Eine Erkundigung in seiner Wohnung war fruchtlos, da man niemand vorfand. Ein Zettel vor der Thür besagte, daß»Herr Morgenroth verreist' sei. Die Nachbarschaft wußte auch keine Auskunft zu geben.— Die alten Leute in ihrer Bestürzung waren rathlos und noch zu keinem Entschlüsse gekommen, als plötzlich Elisabeth die Schwelle der Thür übertrat.—»Wo ist Morqenroth?'— glitt es hastig von den Lippen des jungen Mädchens zu den Aeltern hinüber.»Wo ist Morgenroth?'— Die alten Leute blickten erschreckt in das blasse, abgehärmte, ver- zweifelte Gesicht der Tochter.—»Um Himmelswillen/ schrie die Mutter,»was ist denn geschehen?'— Elisabeth hielt sich an der Lehne eines Stuhles fest, sie zitterte heftig. Der Vater bat sie, sich zu fassen und Rede zu stehen.— In abgerissenen Sätzen that sie es. Dann weinte sie und sank auf den Stuhl hernieder. —»War Freimann nicht da?' fragte sie darauf, sich austastend. —»Wir haben soeben nach ihm geschickt.'-- ,Er soll überall Herumstagen, auf dem Bahnhof, bei den anderen Bekannten/ rief sie.—»Oder ich gehe selbst, mich zu erkundigen!'--- Sie schickte sich zum Fortgehen an, die Aeltern hielten sie indessen zurück.--- ■ Weitere Mittheilungen. „Als wir Morgenroth im Spital in Ruhe und Sicherheit wußten, überlegte ich, was zu thun sei. Des Kranken Wunsch, Freimann und Lieber nicht Nachricht zu geben, hielt ich nicht für räthlich, zu erfüllen. Ich setzte mich vielnichr sogleich hin und schrieb ein kurzes Billet an Freimann, das ich durch einen Extra- boten befördern ließ. Ich fügte hinzu, daß ich ihm Mittheilung machen werde, wenn ein Besuch beim Kranken erlaubt sei, da vorläufig der Arzt jede Störung verboten.— Der Bote brachte mir zurück, daß er Freimann getroffen, und daß jenen die Kunde aufs äußerste erschreckt und angegriffen habe. Er komme im Laufe des Tages selbst, mir zu danken.----- Gegen Abend kamen Freimann und Elisabeth zu mir. Ich be- richtete alles. Elisabeth war etwas gefaßt; Freimann still und traurig. In einem günstigen Augenblick raunte ich ihr heimlich zu, daß dem Kranken Freimanns Besuch sehr gefährlich sein könne. Jener dürfe also auf keinen Fall das Hospital besuchen. Ihr jedoch würde ich melden, wenn sie zu dem 5?ranken vor- gelassen werden dürfe.-- Als Antwort drückte sie mir zärt- lich die Hand und schenkte mir einen so dankbaren, liebevollen, trotz aller Wehmuth unendlich bezaubernden Blick, daß ich ihn nimmer vergessen werde.---- Was inzwischen zwischen ihr und Freimann vorgegangen war, habe ich nie erfahren können.-- Eine Nacht in der Pm Bon Dr. Der Ortler, die„Höchstspitz"(3905 m) der gesammten deut- schen Alpen, also mit Ausnahme des Montblanc, Monte-Rosa, der Jungfrau und weniger anderen Bergspitzen der höchste Berg Europas, wird seit dem durch Joh. Pinggera 1867 von Sulden (St. Gertrud) aus entdeckten Ausstiege jährlich öfter und öfter, im ganzen aber doch noch immer ziemlich selten, bestiegen. Be- richterstatter war am 25. und 26. August dieses Jahres so glück- lich, sich diesen Hochgenuß leisten zu können. Am 25. v. M. brachen wir, eine kleine, aber bunt zusammen- gewürfelte Gesellschaft, nach trostlosesten Regentagen an einem strahlend reinen Tage— ganz wie Julius Payer 1864— um 3 Uhr nachmittags auf, um für diesen Tag die über 10000 Fuß hoch gelegene Payerhütte zu erreichen. In meiner Gesellschaft befand sich ein wind- und wettergehärteter pensionirter preußi- scher Kapitän zur See, ein sehr liebenswürdiger� gebildeter Mann, der sich zwar durchweg recht wacker hielt, aber gerade an den schwierigsten Punkten eine etwas zu ängstliche Gesprächigkeit zeigte, welches„ewige Plauschen" meinem Führer gar nicht recht war. Als das gefährlichste erschien mir der Anstieg auf der Tabarettawand, einem senkrechten Felsengeklüft, über 1000 Fuß hoch. Man begreift, da sich der oft kaum fußbreite, zudem häufig schräge und geröllbedeckte Steig dem Auge aus einiger Entfer- nung völlig entzieht, zunächst schlechterdings nicht, wie man da hinaufkommen soll. Ich will nicht sagen auf Schritt und Tritt, wohl aber vielhundertmal ist man vom Tode bedroht, ein falscher Tritt und——— Zudem ist das zeitweilige Rollen von Steinblöcken aus einer steilen Moräne keineswegs angenehm. Hier war es, wo mein Führer, Alois Pichler, der wegen seiner Riesenkraft, seiner gemsenartigen Geschicklichkeit und biedern Kern- natur jedem Ortlerbesteigcr von Sulden aus aufs wärmste ein- pfohlen zu werden verdient, eine glänzende Probe seiner Führer- befähigung ablegte. Als nämlich gerade wieder Steine zu rollen begannen, sprang er(mit dem Gepäck im Rucksacke!) in langen Galoppsätzen auf dem ganz schmalen Pfade dahin, mich mit rückwärts gestreckter Hand nachziehend, bis wir hinter einem Felsenvorsprunge gedeckt waren, wo wir das gänzliche Aufhören des Steinregens abwarteten. Nach dreistündigem Steigen und Klettern— man rechnet gewöhnlich 4 Stunden— war die sßöherhwtte erreicht. Diese Unterkunftshütte mißt etwa 10 Schritt d« Länge und 6 der Breite nach. Die schmalere Längshälfte dieses Raumes enthält die Matratzenpritschenlager für die gesetz- lich erlaubte Anzahl von 10 Personen. Die andere einen Koch- Herd, drei Tische und einige Bänke. Ein Wandschrank birgt allerlei Küchen- und andere Utensilien. Bedenkt man, daß die- Einige Zeit später. „Morgenroth erholte sich nicht wieder von der zehrenden Glut des Fiebers, trotzdem der Arzt die größte Sorgfalt auf den Kranken verwendete und seine Wissenschaft in der Bekämpfung der Krankheit erschöpfte. Nur manchmal, wenn Elisabeth, die Tag und Nacht nicht von dem Lager wich, mit ihrer weichen Hand über die glühende Stirn des Geliebten strich, schienen sich seine wilden Phantasien zu lindern und das Bewußtsein dam- inerte kurze Augenblicke auf. Ein zärtlicher Händedruck verrieth, daß der Gequälte die Nähe der Geliebten empfand! Noch später. „Elisabeth und Freimann standen noch schluchzend am frischen bekränzten Grabhügel, während der lange Zug des Trauer- gefolges Morgenroths letzter Ruhestätte schon den Rücken ge- wendet hatte. Sie konnten sich noch nicht losreißen, dje beiden bleichen Gestalten! Als endlich Freimann so viel Fassung ge- Wonnen, Elisabeth an den Heimweg zu mahnen und diese sich zum Gehen anschickte, verließen das arme abgezehrte Mädchen die Kräfte, und einer Ohnmacht nahe, sank sie in die Arme des Freundes. Zärtlich sprach ihr Freimann Trost zu, herzlich sagte er:.Elisabeth fasse dich, theures Mädchen, sieh, ich will ja deine Stütze sein durch die Schmerzen des Lebens!).Nicht so, Frei- mann/ erwiderte sie hastig, sich entschlossen auftichtend, ,den Freund will ich schätzen, aber der Todte scheidet, was der Lebende aus hoher Tugend einen wollte/—— Ahütte aus dem Drtler. >■ 6. W. selben, insbesondere jedes Stück Nutz- und Brennholz auf dein angedeuteten Wege hinaufgeschafft werden müssen, so wird man der Einrichtung seine Anerkennung, ja sogar Respekt nicht zu versagen vermögen, so primitiv dieselbe auch immer unter andern Verhältnissen erscheinen mag. Oben angekommen, traf noch wei- tere Gesellschaft von Trafoi aus ein. Alsbald wurde unter ge- waltiger Rauchentwicklung ans Kochen geschritten. Aber der Herd ist klein und da heißt's eben:„Wer zuerst kommt"— „kriagt z'erscht a Suppen". Denn mächtige Töpfe dieses mittels Konserven bereiteten Geschlürfs werden vor allem geleert, ein- zelne Führer mit ihren Herren aus einer Schüssel löffelnd, andere draußen, hart an Abgrunds Rand gelagert, desgleichen thuend. Jetzt schmecken Speck, Käse, Eier, kaltes Fleisch ganz vortrefflich und dann erst mundet uns ein Becher vorzüglichen tyroler Roth- Weins, der in litergroßen Blechflaschen mitgenommen worden. Der Platz ist so kostbar, daß man, sowie dies geschehen, von seinem Führer ersucht wird, denselben zu räumen und andern Stärkungsbedürftigen zu überlassen. Wir waren im ganzen 25 Mann— 13 Touristen, darunter eine 23jährige englische| Miß und 12 Führer— und da so ziemlich alles zu rauchen! anfing, der Herd dies aber schon längst that, so erhob sich in! besorgten Gemüthern die Frage, wie viele wohl nächstens des Erstickungstodes sterben dürften. Die ganze Situation ist so ungewöhnlich, hat einen so ausschließlichen Charakter, daß alle normal Veranlagten, die sich unter gewöhnlichen Lebensverhält- nisten vielleicht ewig fremd blieben, alsbald gut bekannt sind, ja daß man mit Menschen, die einem sympathisch sind, geradezu innig zusammengeschweißt wird. Ich und mein Kapitän wurden, obwohl wir vorher ein bischen auf gespanntem Fuße gestanden hatten, zuletzt ganz rührend zärtlich miteinander. Wie immer bei solchen Touren, gingen auch wir sehr zeitig— kurz nach 8 Uhr— zu Bette. Ich sage„zu Bette", beileibe nicht„schla- fen". Denn dieses Kunststück kann nur eben ein ausgepichter „Spitzenfresser"(die Gebirgsreisenden werden in„Spitzenfresser", dann in„Jochfinken",„Thalkrabbler" und Chausscehcngste" ein- getheilt) fertigbringen. Mann an Mann gereiht, ohne die Mög- lichkeit des Umdrehens— will man nicht auf den Nebenmann zu liegen kommen— in vollen Kleidern(nur der Beschuhung entledigt) mit seinem Nachbar buchstäblich unter einer Decke lie- gcnd, dabei alsbald von einer Legion gewisser sprungkräftigster kleinen Braunen heimgesucht, wird das einem gewöhnlichen Sterb- lichen trotz aller Müdigkeit nicht so leicht. Es schliefen nur zwei Wiener, die kurz vorher den Großglockner„gefressen" hatten. Da lagen wir neun Mann und die englische Miß, durch ihren 629 Bruder, einen langen, kräftigen jungen Engländer vcm den übrigen getrennt und an das äußerste Ende gerückt. Im Dachboden�- gemache lagen die Führer und drei später angelangte Herren. Meine Wenigkeit war zwischen den einen Wiener und einen starkleibigen preußischen Regierungsrath eingekeilt, an dessen Seite wieder man cbsr capitain lag. Ich habe—„ich schwor's bei meiner Ehre!"— auf so schlechtem Nachtlager in meinem Leben nie auch nur annähernd so viel gelacht. Anfangs zwar schien Morpheus bei uns einkehren zu wollen— wenigstens war es still. Aber es war die bekannte trügerische Stille vor dem Sturm. Dieser entwickelte sich in Form eines wahrhaft trans- zendentalcn Schnarchens von feiten des Herrn Regierungsraths, wie ich es bis dato noch nicht gehört, trotzdem daß mir Wände- einschnarcher nichts unbekanntes sind. Hämische Wagnerbegeiferer würden vielleicht gesagt haben, der Mann sei so durch und durch „Zukunftsmusiker", daß er sich Meister Richard selbst im Schlafe zum Vorbilde nehme, in so merkwürdige Klangfarben und Melodie- gefügc wichen die Töne aus, während jeweilig wieder dyuamit- �Plosionsartige Pauken- oder Baßhorneffekte dazwischen fuhren. Ich lachte unter meiner halben Decke und biß dieselbe sammt meinem Plaid durch. Leiser lachte drüben auch der Kapitän. Alle andern waren, bis auf eine gelegentliche bewundernde Aeuße- ning bei einem bcsondcrn Knalleffekte, still, nur das Geschwister- paar aus Albion machte sich fortivährend darüber recht befremd- 6che Mittheilungen. Das Konzert geht immer fort— ich kann mich vor Lachen nicht retten. Darüber muß auch der Kapitän dann und wann heranspruschen.„Haben Sich wohl stark er- kältet," flüstert er ganz höflich dem aufwachenden alten Herrn Zu,„bischen Opium nehmen, damit der Reiz vergeht."„Habe alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und die dicksten wollenen Strümpfe an," rasselt und schnarrt der Rath zurück. Allmälich aber wird es deni Kapitän doch zu toll: schon nimmt er, noch immer glimp- sich, zu gewissen seemännischen Ausdrücken Zuflucht. Ich ver- falle immer mehr einem unwiderstehlichen Lachschüttelkrampfe, der Kapitän nennt mich scherzweise den eigentlichen Ruhestörer, siößt aber im nächsten Augenblicke ein ganz ernstgemeintes Him- Niel----" aus.„He snorts and grunts like a pig" („er scharcht und grunzt wie ein Schwein") hört man jetzt den Engländer ganz deutlich knurren.„Ich kann nicht anders, meine Herren," ließ sich da die regierungsräthlichc Stimme vernehmen. Nunmehr fing aber unser schlauer Kapitän mit dem alten Herrn ein Flüstergespräch an und— dieses weckte die Wiener auf. „O weh, o weh! Die Flöh', die Flöh', Da hat ma kau' Idee!" Damit drehte sich der eine Wiener um und beraubte mich des letzten Restchens Platz, sodaß ich aufsprang und auf einer Holz- bank Rast suchte.„Dieser Herr"(der Regierungsrath meinte mich) hat ein wunderbares Assimilationsvermögen, aber Ihre eckigen Knochen(zum Kapitän) fühle ich beständig in meinen Rippen."„Herrgottsakra— das Plauschen"— brummte der aus dem Schlaf aufgestörte Wiener.„Da fällt mir eben ein, wie ich unter Friedrich Wilhelm III. Schildwache stand—" fuhr der Regierungsrath nngestört fort.„Aber die Geschicht' können S' ja murgen dazähln!" jammerte der Wiener. Aber der Regie- rungsrath blieb unerschüttert.„So ein elendes Nachtlager habe ich in meinem Leben nicht gehabt und das kostet einen Gulden! Schreckliche Ironie!!"„s is rein als ob ma in an Beichtstuhl war(wäre)!" U. s. f. u. s. f. Mir war es längst klar, daß der Norddeutsche den wiener Jargon nicht verstand, und dann in ungetrübter Gemüthsruhe weiterzischelte:„Ach Gott, wenn es doch nur 2 Uhr wäre!"— Da sollte uns nämlich Kaffee gekocht werden und es hieß sich zum letzten Austieg rüsten. Nun, auch diese Stunde wurde herbeigeseufzt, und nachdem der Herr Kapitän höflichst Umfrage gehalten, wer von den Herren seinen verschwun- denen, höchst kokett mit weißem Sonnen- und grünen Schnee- schlcier drapirten, und mit silbernen Sternen und goldenen Rös- chen gezierten Hut gütigst in der Mache gehabt habe und der- selbe endlich als formlose Masse unter einem der schwersten Körper in der Gesellschaft hervorgekommen war, konnte die Erklimmung des Gipfels vor sich gehen, über die ich vielleicht später einmal berichte. Dem Schicksal abgerungen. Novelle von Hludokph von A. (Schluß.) Der Justizrath Wichtel saß eines Sonntags morgens um neun kihr schon in seinem Arbeitszimmer und studirtc die Zeitungen. Ein oberflächlicher Beobachter würde geneigt gewesen sein, an- zunehmen, der alte Herr habe sich nie wohler befunden, als heute. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesichte und dabei hatte er sich anscheinend noch behaglicher, als gewöhnlich, auf seinem Fautcuil ausgestreckt und blies den blauen Duft seiner Cigarre m langsamen Zügen behäbig von sich. Für einen recht scharf- sinnigen Menschenkenner aber würde das Lächeln etwas Unheim- siches, die Behaglichkeit den Schein des Forcirten, Unnatürlichen gehabt haben— die Mienen des Justizraths waren sonst beweg- kicher, sein stereotypes Lächeln zuckte, wetterleuchtete sonst um seine Lippen, und der ganze Körper zuckte und rückte beständig mit, während er jetzt die Ruhe und Regungslosigkeit einer Wachs- sigur angenommen zu haben schien. Auch das hastige Sichöffneu der Thür des Arbeitszimmers brachte keine Bewegung in den sonst nicht eine Minute sich ganz ruhig verhaltenden Körper. „Du hast die neuesten Zeitungen und Briefe bereits gelesen?" fragte der ohne Gruß Eintretende, Herr Wichtel junior, in einer Hast, die der Eile seines Kommens völlig entsprach. „Allerdings, mein Herr Sohn." Wichtel junior griff nach den Blättern, dabei fragte er mit einem Tone, als wenn ihm die blasse Angst die Kehle zuschnürte: „Nun, und?" „Und? Das Spiel ist aus— die Karten schlagen gegen uns— nichts weiter!" «Nichts weiter--" Der Doktor juris Wichtel griff mit ber einen Hand nach der Lehne des Sessels, auf dem sein Vater f° behaglich ausgestreckt ruhte.—„Nichts weiter," wiederholte er ?it heiserer Stimme und seine Blicke irrten, wie die eines Wahn- sinnigen, über das in der andern Hand zitternde Zeitungsblatt. „Setz' dich, mein lieber Sohn, die Sache scheint dich ein wenig anzugreifen." Wichtel junior folgte der Aufforderung, er setzte sich oder fiel vielmehr auf einen in der Nähe stehenden Sessel. „Rede, ich bitte dich, rede um alles in der Welt, Vater— ist denn wirklich alles verloren?" Der Alte grinste höhnisch.„Alles— hm— vorläufig nur einiges. Das lumpige bischen Vermögen, das uns noch übrig Ivar und um das Ivir Va banque spielten,— diese Bagatelle ist infolge des allerdings etwas über den Spaß gehenden Sinkens der Eisenbahnaktienkurse unwiederbringlich dahin." Der Sohn sah seinen Vater starr an. Wußte dieser noch irgendeinen Rettungsweg? O warum nicht— gewiß— war er doch der gescheiteste, auch in den verzweifeltsten Fällen nie um einen Ausweg verlegene Mann, der, wie Wichtel junior bis- her gemeint hatte, nur einem einzigen Menschen an Schlauheit und Geriebenheit nachstand,— das war er, der Doktor juris Wichtel junior selbst gewesen. Dieses stolze Selbstbewußtsein freilich war durch die Ereignisse der letzten Zeit arg erschüttert; das Vertrauen auf des Vaters Kapazität bewies sich augenblick- lich als staudhafter— es war ja der letzte Strohhalm-- „Und unser Kredit?" fragte Wichtel junior, mit angstvoller Spannung an den Lippen des Vaters hängend. Der Alte grinste wie zuvor. „Von dem bleibt grade soviel übrig, als von unserm Ver- mögen— ein höchst respektables Minus!" Wichtel junior war leichenblaß gewesen, als er vorhin eintrat, jetzt wurde er aschfahl. '„Dann wären wir also rettungslos bankrott?" „Du bist ein kleiner Optimist, mein lieber Sohn,"— der Alte neigte sich ein wenig über die Seitenlehne seines Sessels hin zu seinem Sohne und dämpfte seine Stimme, sodaß sie zischelte und raschelte, ungefäljr so, wie es klingt, wenn eine Schlange durch dürres Laub schlüpft.„Wir sind mehr als bankrott, du und ich. Mau wird sich bei mir demnächst in aller Freundschaft nach verschiedenen Depositengeldern erkundigen,— du weißt, mein Lieber,— und dich wird mau um das Rezept bitten, mit Hülfe dessen du aus einem Wechsel Waldsteins, den du auszugeben hattest, zwei, drei, oder sind es gar vier? fabrizirt hast. Meinst du nicht auch, lieber Sohn?" Der Sohn antwortete nicht, er gab seinem Körper einen Ruck, als wollte er sich in die Luft schwingen; er stand auf von seinem Sessel und wandte sich, als müsse er davonlaufen. „Wohin, mein Lieber?" Der Sohn trat drtlch au seinen Vater heran. „Wenn du fest davon überzeugt bist,— daß es so kommen wird— wie du sagst," sagte er— die Worte kamen nur lang- sam und stoßweise über seine Lippen und er sprach sehr leise dabei—,„warum sitzt du so ruhig hier? Dann gibt es doch für uns nur noch einen Weg— einen Weg, den wir— so rasch als niöglich anzutreten haben— fort, übers Wasser-- so rasch und so heimlich, als es geht— komm, Vater fort--" Der Alte rührte sich nicht vom Flecke. „Den Weg magst du gehen, mein tapferer Herr Sohn," erwiderte er mit unsäglichem Hohn in der Stinime.„Der alte Wichtel bleibt und verschafft sich die Genugthuung, alle seine guten Freunde und getreuen Nachbarn in seinen Sturz zu ver- wickeln." „Du wolltest?" „Unsre Eisenbahngesellschaft gänzlich zu Falle bringen— ja, das will und werde ich. Gestern ist auf Alsters Antrieb, der da Schweders Eingebungen folgt, im Verwaltungsrath beschlossen worden, die furchtbaren Schläge, die uns durch die Neberschwem- mung beigebracht worden sind, durch eine sofort aufzunehmende Anleihe von zehn Millionen zu Pariren und dem furchtbar wachsen- den Mißtrauen auf die Zahlungsfähigkeit der Bahn dadurch zu begegnen, daß alle Papiere von uns, die an der Börse zum An- gebot kommen, von den Mitgliedern des Verwaltungsraths oder ihnen bekanntermaßen nahestehenden Financicrs aufgekauft werden. Der Gedanke ist schön, er ist tapfer, er ist der einzige, der die Bahn retten könnte, wenn der alte Wichtel nicht wäre, den dies- mal nichts zu retten vermag. Item wird sich der alte Wichtel in vier Stunden schon in der Hauptstadt bei seinem guten Be- kannten, dem Bankier Joseph Eppeu Sohn, eingefunden haben und diesem, gestützt auf Auszüge aus den Büchern der Bahn, den Nachweis führen, daß zehn Millionen nicht ausreichen, die schon eingetretenen und noch mit mathematischer Gewißheit zu erwartenden Verluste der Eisenbahn zu decken, und daß also bald eine weitere Anleihe der ersten nachgeworfen werden müßte, um diese zu retten; ferner und zum Schlüsse werde ich den Beweis führen, daß die hervorragendsten Finanzkräfte der Bahn, mein alter Freund Alster an der Spitze und ich selbst mit darunter, heute schon de facto bankrott sind und daß mit uns die Bahn gleichfalls heillos verkrachen muß, heut, morgen oder über- morgen�— je später, unter desto größeren Opfern. Wenn Joseph Eppcn Sohn die Anleihe nicht macht— macht sie kein Mensch— ich»verde mit so stattlichem Gefolge, wie's kein Feldherr hat, der in die Schlacht geht, und mit klingendem Spiel, mein lieber Sohn, in den Konkurs marschiren." „Und auch in das, Ivas hinter dem Konkurs kommt?" „Nein, mein Lieber, denn au der Pforte dieser— Festung würde mein Gefolge'stehen bleiben und mich allein und ohne Sang und Klang hincinspazieren lassen— das ist wider meinen Geschmack. Aber weißt du, was ein wirklich, nicht blos scheinbar, mein Herr Sohn, ein wirklich tapferer Pirat macht, wenn sein Schiff von einer Kriegsflottille umzingelt und geentert ist?" Die Augen des Sohnes traten förmlich aus ihren Höhlen, als sie sich in die lederfarbenen Züge des Vaters bohrten. „Soweit wär' es also wirklich mit uns, du wolltest--?" „Im gegebenen Moment— die Lunte in die Pulverkammer Wersen— das werd� ich-- dir glückliche Reise, mein Herr Sohn." Der Alte winkte— er wollte allein sein. Wichtel junior wankte mehr, als er ging, zur Thür. Aber er wendete sich noch einmal um. „Ich will dir helfen, Bater, bei deiner letzten Arbeit— befiehl!!" Der Justizrath schaute den Sohn lange und starr an. Dann sagte er leise: „Meine Netze haben noch ein kleines Loch, das könntest du stopfen. Unser gemeinschaftlicher Freund Schiveder darf auch nicht mit blauem Auge davonkommen. Stecke dich hinter den Seukbeil— der Mann scheint wieder aufzuleben— er wird so- viel Verstand gewonnen haben, uin sich mit Schiveder zu schießen. Sorge dafür, daß den Schwcder der Teufel holt— ein kleines Duell über's Taschentuch oder so etwas— Schwedcr muß accep- tiren, und wenn sie sich gegenseitig so ziemlich die Pistolen auf die Brust setzen, wird dem Schweder hoffentlich weder seine enorme Unverschämtheit noch sein nicht minder enormes Glück mehr etwas helfen. Wirst du das fertig bringen?" „Ja, Vater, ich werde! Und wenn nicht— dann——" „Dann?" fragte der Alte, dem wieder ein bitter spöttisches Lächeln um die fahlen Lippen zu zucken begann. „Dann werde ich ein andres Mittel finden, uns an diesem Zerstörer unsrer Kreise, an meinem Freund und Todfeind Schiveder zu rächen, und wenn ich selbst--" jetzt klang die Stimme Wichtels junior fest und energisch— zum erstenmal heut.„Der[ letzte Eindruck, Vater, den du von deinem Sohn empfängst, wird dennoch nicht der eines Feiglings sein. Adieu, Vater!" Ohne sich noch einmal umzuwenden schritt er rasch und festeren Schrittes, als er gekommen, zur Thür hinaus. Auch der Alte erhob sich, so fahlen Antlitzes wie der Sohn, aber seine Augen funkelten durch die Brille hindurch in unheimlicher Entschlossen- heit. Sie gingen beide an die Arbeit, wie sie meinten— an die letzte. ** * Wieder waren ein paar Tage vergangen. Herr Schweder saß auf seinem Bureau und arbeitete fleißig. Ab und zu kam der Kollege Prell, uni dem Chef Zeitungen zu bringen, in denen er ihm bemerkenswerthe Artikel angestrichen hatte, oder ihn um Direktiven bezüglich der Haltung des Blattes dieser oder jener öffentlichen Angelegenheit gegenüber anzugehen. Bisher hatte er so gut wie keine Antwort erhalten, so vertieft war Herr Schweder in die eigne Arbeit gewesen. Als er ungefähr zum vierten oder fünften male erschien und, um nicht von neuem zu stören, die eben angekommenen Briefe stumm auf das Pult des Chefs niederlegte, erhob dieser den Kopf und fragte: „Wie' steht es nun eigentlich mit diesem Fritz Lauter?" „Er will unter keinen Umständen in die Redaktion zurück!" Herr Schweder zuckte verächtlich lächelnd die Achseln und war schon im Begriff weiterzuschreiben, als Prell lauernd hinzu- setzte: „Er wird wohl wissen, warum er nicht will, dieses gute Lautercheu, hä, hä!" „Warum?" „Nun, weil er ja als der erklärte Bräutigam des reichen Fräulein Alster zurückgekehrt ist—" „Albernheit!" fiel Schweder dem biedern Prell, alles Ivcitere Reden ihm kurz abschneidend, ins Wort.„Mein Freund Alfter ist zu klug und zu uobcl, um solche Mißheirat zuzulassen, und Wanda Alster ist ein junges, aber vornehmes Mädchen, dessen gutes Herz wohl einmal Mitleid mit Liebe verwechseln, aber sich doch nicht auf die Dauer an einen Handwerker— was dieser Thor nun wieder ward, den ich zu besserer Beschäftigung emporzuziehcn versuchte— wegwerfen kann." Herr Schweder mußte seiner Sache sehr sicher sein, so ruhig und überlegen sprach er das aus. Und er fügte hinzu: „Sagen Sie das den Leuten, die dieses Märchen kolportiren, lieber Prell. Ich hätte es gesagt." Der Chef machte eine den mittheilungsbedürftigen Kollegen entlassende Handbewcgung. Gehorsam verschwand dieser. Erst wollte Schiveder wieder nach der Feder greifen, dann warf er sich mit verschränkten Armen in seinen Fauteuil zurück und begann, wie es schien, tief nachzudenken. Nach einiger Zeit griff er nach der Glocke und läutete. Der allezeit diensteiftige Herr Prell erschien sofort wieder in eigner Person aus der Schwelle. „Ich habe vorhin in Ihrem Bericht bezüglich der Unterhand- lungen mit dem alten Doktor Klose das Wesentliche überhört. Unter welchen Bedingungen will er provisorisch in unsre Re- daktiou eintreten?" Herr Prell sah seinen Chef sehr erstaunt an. Derselbe mußte gradezu geistesabwesend sein, so— wie es noch nie vorgekommen ivar. „Unter gar keinen Bedingungen," erwiderte er. „So!" sagte Schweder kühl.„Natürlich— seinem Prot6g6, dem Lauter zuliebe. Ah, da fällt mir ein,— geben Sie un- verzüglich Gandersberg zu verstehen, daß ich es als eine persön- liche Beleidigung auffassen müßte, wenn er den Lauter irgendwie beschäftigen wollte. Im übrigen weiß ich jetzt, was ich wissen wollte. Ich danke, lieber Prell." Dieser hatte schon die Thür in der Hand, um sie hinter sich zu schließen, als er plötzlich sie wieder weit aufstieß und mit respektvoller Verbeugung zur Seite trat. Sehr erhitzt und erschöpft erschien Herr Alster auf der Schwelle. „Guten Morgen, bester Freund, guten Morgen. Ah— erlauben Sie�— erlauben Sie, daß ich mich sofort niederlasse— so—!" Schweder hatte ihm rasch einen Sessel hingeschoben und dann die Thür hinter Prell geschlossen. „Es sind wohl sehr wichtige Mittheilungen, die Sie mir zu inachen die Freundlichkeit haben»vollen, verehrter Freund, Mit- theilungen, bei denen am besten von vornherein jede Möglichkeit fremder Zuhörerschaft ausgeschlossen wird." Herr Alster wischte sich den Schweiß von dem glühendrothen Antlitze und schnappte nach Lust. „Allerdings— keine Silbe darf ein andrer hören, keine Silbe!" Schweder nickte, sah nach der Uhr und öffnete die Thür. „Kollege Prell, haben Sie die Güte, sofort diesen Brief nach der Bahn zu befördern. Er muß unbedingt noch mit dem in zwanzig Minuten abgehenden Zuge fort. Ich würde Sie nicht lelbst bemühen, wenn die Sache nicht so wichtig wäre. Ich mag dieses Schreiben weniger zuverlässigen Händen nicht anvertrauen." Das war äußerst schmeichelhaft für den Kollegen Prell, und es blieb ihm nichts andres übrig, als sofort sich ans den Marsch zu machen, aber er wäre doch viel lieber dageblieben. „So wären wir denn vor jedem unberufenen Ohre sicher!" sagte Schweder. � „Also hören Sie, bester, einziger Freund! Sie sind jetzt wirk- uch mein einziger Freund, darum bin ich Ihnen volle Aufrichtig- kcit� schuldig. Ich habe also gestern eine ganz außergewöhnlich ernste Unterredung mit meiner Wanda gehabt,— habe ihr Vorwürfe gemacht wegen ihrer unverantwortlichen, leichtsinnigen, wie Sie wissen, hinter meinem Rücken unternommenen Fahrt ins Gebirge, habe ihr auf das nachdrücklichste erklärt, daß ich jede Verbindung mit diesem Lauter abgebrochen wissen will— und zwar jetzt ein- für allemal und— und—" „Und?" fragte Schweder. „Es ist unerhört, sage ich Ihnen, verehrter Freund. Es ist sogar ungeheuer blamabel für mich, daß sich meine Tochter so- weit verirren konnte, und es schmerzt mich umso tiefer, daß ich Ihnen grade diese Mittheilungen machen muß, lieber, bester Schwcder, weil Sie in Ihrer feinen, geistvollen Weise in der letzten Zeit alles gethan haben, um meiner Tochter den Unter- schied klar zu machen, zwischen einem»vahrhaft gebildeten, edlen Manne und einem sittlich und geistig»nit einer Art von Kultur- strniß überzogenen Plebejer,»vic es dieser Lauter ist." Schwcder machte eine freundlich-verbindliche Beivegung und wollte sprechen. Aber Alster, dessen Beredsamkeit nun einmal wieder im Schusse»var, ließ ihn nicht erst zu Worte kommen. „»Nein, es hilft nichts, bester Freund. Es muß gesagt sein. Meine Wanda fiel mir also um den Hals und aiit>v ortete mir so entschlossen,»vie ich das Kind noch nie gesehen habe, Fritz Kanter sei ihr Bräutigam— hören Sie nur, ihr Bräutigam!— 'te habe ihn von Kindheit ans geliebt, sie verdanke ihm, daß sie dereinst vom Tode gerettet»vorden sei, er babe sie auch gegen die Brutalitäten des jungen Wichtel geschützt, darum habe sie in der Minute, als sie ihn blutend und von wüthenden Menschen mit dem Tode bedroht angetroffen, nichts andres thun können, als ihm in die Arme zu sinken und ihm endlich, sagte sie, end- lich— ihre Liebe zu gestehen." Ueber Schiveders Gesicht flog ein Schatten der Entrüstung. Aber er zwang sich sogleich wieder zu einem ruhigen Lächeln und meinte: „Dann wird Ihnen»vohl doch nichts andres übrig bleiben, als dem— Herzensivunsche Ihres Fräulein Tochter— nachzugeben. Dieser Lauter ist immerhin ein talentvoller Mensch." Alfter fuhr auf:„Nun und nimmer. Ich bitte Sic— Sie sprechen von Nachgeben. Ist das Ihr Ernst?" Schweder neigte sein Haupt wie unter einer schweren Last. --Wenn ich nicht»ehe, daß der Friede in Ihrer Fainilie auf andre Weise auch zu sichern, dann—" „Schweder, bester Freund Schwcder, ich verstehe Sie; Sie sind ein edler, ein»vahrhaft edler Mensch. Aber sehen Sie, es »var mein liebster Wunsch— nun, Sie wissen es ja, waruin soll ich nicht ganz offen sein?— mit Ihnen in nähere, in nächste Verbindung zu treten. Und weil auch Sie dieser Verbindung geneigt waren, und weil ich fest auf den guten Kern im Charakter meiner Wanda vertraue,— sie ist ja mein Kind und ich habe immer nur höherhinaus gestrebt und mich mit unter mir stehenden Menschen nicht gemein geinacht,— darum hoffe ich auch jetzt noch von der Zeit alles Gute." Die Herren drückten sich zärtlich die Hand. Dann begann Schwcder:„Verzeihen Sie, verehrter Freund, wenn ich auf andre, profane Geschäfte übergehe. Ist bereits das Gerücht zu Ihnen gedrungen, das von dem bevorstehenden Scheitern des Anleihe- Versuches unsrer Eisenbahn spricht--" „Ah, Sie haben auch bereits davon gehört— ich halte es nicht für möglich--" „Ich habe gestern Abend bereits deshalb nach der Residenz telegraphirt und erwarte jetzt mit der ziveiten Post definitive Nachricht." Sch>veder zog die Uhr.„Der Brief kann schon da sein. Erlauben Sie, daß ich nachsehe." Er»var sofort»vieder zurück. Unter den Schreiben, die er im Briefkasten vorgefunden,»var in der That das erwartete. Auf dem Vollmondsgesicht des Herrn Alster malte sich fieberhafte Erlvartung, während Schiveder kaltblütig»vie immer öffnete. „Es ist»inzweifelhaft," sagte der letztere;„mein Gewährs- mann ist zuverlässig,— bitte, lesen Sie selbst--" Alsters Hand griff mit krampfiger Hast nach dem Briefe: „Eppen und Genossen werden die Anleihe verweigern, aber sich bereit erklären, über den Ankauf der Bahn in Verhandlung zu treten, wenn die gegenwärtige Verwaltung zu liquidiren sich ge- nöthigt sehen sollte--" Wieder traten die hellen Schweiß- perlen auf Herrn Alsters rothe Stirn:„Ich sage Ihnen, Freund, das geht nicht, das darf nicht sein— bis zu der Ablehnung der Anleihe darf es nicht kommen— ich reise sofort nach der Haupt- stadt,— allerdings müßten wir liquidiren, wenn es geschähe,— dann verlören aber die Aktionäre so gut wie alles— rein alles, sage ich Ihnen, und ich habe nicht nur alle ineine Aktien be- halten, sondern grade während der neuesten furchtbaren Krise ja iinmer noch gekauft,— es wäre schrecklich— ich—»venu ich auch nicht rninirt»väre, so hätte ich doch einen großen, sehr großen Theil meines Vermögens verloren——" „Sie haben recht— die Ablehnung der Anleihe muß ver- hindert werden,— reisen Sie sofort ab, verehrter Herr Alster, bieten Sie bei Eppen und den übrigen Bankiers, mit denen die Bahn in Unterhandlung steht, alles auf. Ich werde mit meinem Bankier und durch ihn mit den übrigen Financiers ain Platze unterhandeln,—»venu ich sehr günstige Bedingungen in Aus- ficht stellen könnte--" „Alles, alles— was nur verlangt werden kann, ohne uns zu rniniren. Ich gebe Ihnen plem pouvoir, thenrer Freund." Herr Alster hatte es jetzt sehr eilig. Er verabschiedete sich mit übertriebener Herzlichkeit, aber so kurz als möglich.— Als sich die Thür hinter dem Davoneilenden schloß, verfinsterte sich Schtveders Gesicht merklich. Mit untergeschlagenen Armen und tiesgefurchter Stirn schritt er in seinem Bureau aus und ab. Plötzlich blieb er mitten im Zimmer stehen. „Er ist verloren— ich mag die Sache ansehen,»vie ich»vill Ui»d ich falle»nit ihm,»venu ich mein Schicksal fernerhin noch deinselben Schiffe anvertraue, mit dem er scheitert. Jetzt gilt es »vieder eininal, rasch und ohne Skrupeln handeln." Und er handelte rasch, der Herr Schweder. Zwanzig Minuten nach diesen» Selbstgespräch sehen wir ihn in das Bureau des Oberbaurath Schneemann eintreten. Der dicke Herr saß beim Frühstück und hätte beinahe das Weinglas, »velches er eben zum Munde führen wollte, fallen lassen vor Er- staunen über diesen Besuch. Es gelang Schweder schnell, seinen ehemaligen Freund mit sich auszusöhnen. Niemand wußte besser, als der Oberbaurath, wie es»nit der Bahn stand. Nun kam Schweder und setzte ihn» auseinander,»vie bei dem Zusanimen- brudh der Aktiengesellschaft für ihn, den Oberbaurath, ein paar hunderttausend Thälerchen zu verdienen wären. Sich zu einem Spottpreise in den Besitz der Bahn zu setzen, dazu»vären sicherlich »nehr Leute geneigt, als Eppen und Genossen. Er, Schweder, verpflichte sich nun, solch' ein kauflustiges Konsortium großer Kapitalisten mit Hülfe seines Bankiers zusaminenzubringen, und der Oberbaurath brauche nichts»veiter zu thun, als dafür zu sorgen, daß die einflußreichsten Mitglieder des Vertvaltungs- und Aussichtsraths dem schleunigen Verkaufe an die von Schweder engagirtcn Financiers geneigt würden. Solche Sprache fand immer den Weg zu dem Herzen des Oberbauraths. Die beiden wurden daher im Handumdrehen einig und gingen unverzüglich mit Feuer- eifer an ihr Geschäft.»» Fritz Lauters kräftige Natur hatte die furchtbaren Aufregungen der letzten Tage seines Aufenthalts im Gebirge bald überwunden. Die Kopfwunde, welche ihm der brutale Angriff des langen Joseph eingetragen, bestand nur in einer Hautabschürfung, die in einer Woche völlig verheilt war. So erging es ihm körperlich wieder gut, aber sein Gemüth wurde von den verschiedensten Gefühlen stürmischer als je bewegt. Die in dem verhängnißvollsten Augen- blicke seines Lebens mit dem beseligenden Bewußtsein leidenschaft- licher Erwiderung belohnte Liebe zu Wanda Alster beglückte ihn unaussprechlich, aber gleichzeitig drückte ihn die Thatsache, grade jetzt in seinem Fortkommen auf emporsteigender Berufsbahn, ohne irgendeine sichere Aussicht auf Besserung, gehindert zu sein, schwer darnieder. Als ehemaliger Schriftsetzer, der bei seinen Bemühungen, sich eine bescheidne Stellung als Tagcsschriftstcller zu erwerben, verunglückt war, konnte er nicht von dem reichen und stolzen Vater der Geliebten deren Hand zu erbitten wagen. Auf Zureden des alten Herrn Klose hatte er vorerst damit begonnen, seine Erfahrungen in den Nothstandsdistrikten zu Papier zu bringen. Dem alten Herrn war es auch gelungen, für ihn einen Verleger zu finden, der diese Aufzeichnungen in Broschüren- form gegen gutes Honorar ins Publikum zu bringen bereit war. Die gleichzeitigen Versuche Fritz Lauters, den auch darin sein alter wackerer Gönner und Freund eifrigst unterstützte, eine ander- weitige Anstellung in einer Zeitungsredaktion zu erlangen, hatten indessen weder Erfolg, noch Aussicht auf Erfolg eingebracht. Und noch ein andres war es, was Fritz Lauter auf das tiefste be- unruhigte; er hatte Wanda seit seiner Rückkehr erst zweimal ge- sehen— die Frau Doktor Winter ging ihr nach der mit dem alten Herrn Klose allein unternommenen Fahrt ins Gebirge nicht mehr einen Augenblick von der Seite!— und nur einmal hatte er sie ganz flüchtig gesprochen. Dabei hatte sie ihm mitgethcilt, daß ihr Vater über ihre Fahrt sehr aufgebracht sei und daß sie den Vater in der jüngsten Zeit überhaupt immer merkwürdig erregt und gegen früher arg verändert finde. Das hatte Fritz viel zu grübeln gegeben; aber der Herr Klose wußte einigermaßen Bescheid. Die geschäftlichen Angelegenheiten des Herrn Alster seien es gewiß in erster Linie, welche ihn so beunruhigten. Bei seiner Fabrik sowohl als bei der Eisenbahn drohten ihm Vermögensverluste, vielleicht sehr schwere. Daraufhin hatte Fritz weitere und eingehende Erkundigungen eingezogen, die des Herrn Klose Meinung nur zu sehr bestätigten, und dann war gar eines Tages Willisch angekommen und hatte ihm erzählt, daß er von Schweder hergerufen worden sei und von diesem als untergeordneter Helfershelfer bei einem großen Coup verivendet werden solle. Zuerst habe er sich nicht zusammen- reimen können, um was es sich eigentlich handle, nur habe er gemerkt, daß sich Schweders Operationen gegen seinen bisherigen Bundesgenossen Alster und die Eisenbahn richteten, nun aber sei ihm seine Cousine, die Packert, zu Hülfe gekommen, welche bei der Abholung von Wäsche in dem Hause des Oberbaurath Schneemann ein Gespräch belauscht habe. Demnach sei es ihm unzweifelhaft, daß'Schweder mit dem Obcrbaurath auf den Bankrott der Bahu und auf den damit unvermeidlichen Bankrott des Herrn Alster spickulire, ja, darauf hinarbeite. Fritz wußte jetzt, daß seinem ehemaligen Chef das Schlimmste zuzuttauen sei, und dachte sofort nun an weiter nichts, als wie Alster zu warnen und zu retten sei. Er berieth sich mit Willisch, der sich ihm ganz zu r Verfügung stellte, und mit Klose, und kam schließlich zu d er Ueberzeugung, daß er alles aufwenden müsse, um den Herrn Alster über den Charakter und das Treiben seines Bundesgenossen durch unwiderlegbare Beweise aufzuklären. Willisch übernahm es nun, den Nachweis des noch im Bollzuge begriffenen Verraths an Alster seitens Schweder zu führen. Der alte Herr Klose suchte"den ehemaligen intimsten Freund Schwcders, Senkbeil auf, um von diesem womöglich Auskunft über die frühere Handlungsweise Schw, wers, Alster gegenüber, zu erlangen. Und Fritz Lauter selbst fuhr eines Tages nach Kloster Althaus, um dort nach der Schauspielerin Bergmann-Stein zu forschen. Alle drei Missioneil glückten über Erwarten. Willisch war eines Tages zu Schived er zlitirt worden, er hatte diesen in einer> mühsam bezwungenen Aufregung gefunden und aus Schweders eigenem Munde die Bestätigung empfangen, daß es sich um den schleunigen Verkauf der heillos ruinirten Bahn handle, der dann auch den Sturz des Alster—„Sie kennen ihn ja, Willisch," hatte Schweder leichthin bemerkt— zur Folge haben müsse. Darauf war Willisch gegangen, hatte Schweder aber die auf sein Rittergut bezügliche Kaufsurkunde zurückgesandt und ihm schrist- lich erklärt, daß er auf das Gut ohne jede Entschädigung ver- ziehte und fernerhin keinen Theil an den Geschäften und der Gnade des Herrn Schweder haben wolle. Herrn Klose's Mit- theilungen erklärten, weshalb Willisch Schweder so ungewöhnlich erregt vorgefunden habe. Grade an jenem Tage hatte dieser Senkbeils Forderung auf Tod und Leben empfangen. Im Kloster Althaus hatte Fritz Lauter durch Dr. Wendelin sowohl als den Direktor Aufklärung über das Schicksal der Frau Bergmann- Stein erhalten. Diese hatte vor ungefähr einer Woche mit ihrem Manne, auf Veranlassung des Direktors, das Irrenhaus und dann unverzüglich auch Europa verlassen. Sie war früher schon einmal verheiratet gewesen und hatte ihren ersten Mann Schweder zuliebe verlassen. Späterhin, als Schwcder sie immer kälter und kälter behandelt, habe sie sich durch Anknüpfung eines neuen Ver- hältnisses mit dem Schauspieler Bergmann und schließlich durch eine zunächst heimlich vollzogene Heirat niit ihm an Schweder rächen wollen. Dadurch habe sie sich der Bigamie schuldig ge- macht und sei zum willenlosen Werkzeuge in Schweders Händen geworden. Und Schweder habe seine Macht über die Unglückliche, als sie ihm unbequem wurde, erbarmungslos dazu angewendet, sie mit ihrer erzwungenen Einwilligung ins Irrenhaus zu sperren. So standen denn Fritz Lauter die zwingenden Beweise für Schweders Schlechtigkeit zu Gebote. Aber noch in einer wich- tigeren Beziehung hatte er Erfolg erzielt. Es war ihm leicht gewesen, in der Unterhaltung mit dem Direktor das Gespräch auf das naheliegende Thema des Schicksals der Gebirgseisenbahn zu bringen. Daß die Bahn vor dem Bankrott stehe und von dem Oberbaurath Schneemann im Berein mit dem Chefredakteur des„Tageskorrespondenten" einigen wenigen großen Gcldleuten für einen Spottpreis in die Hände gespielt werden sollte, Jws interessirte den Direktor aufs lebhafteste. Auf die Frage Jfritz Lauters, ob er es nicht für gut und thunlich hielte, daß der Staat die Bahn kaufe, antwortete er mit eineni entschiedenen Ja und nahm sofort Fritz mit zu dem Landesältesten Baron Bergen, um dem die Sache vorzutragen. Hier vernahm Fritz, daß in Regierungs- kreisen bereits daran gedacht worden sei, die Bahn zu übernehmen, man habe die dem Handelsminister stets schroff opponirenden Herren von dem Verwaltungsrathe, durch ihre äußerste Roth gezwungen, an sich herankommen lassen wollen, und dabei iväre ohne Fritz Lauters rechtzeitige Mittheilung über die sehr geheim betriebenen Machinationen Schweders und des Oberbauraths jedenfalls der rechte Moment versäumt worden. Der Freiherr von Bergen reiste sofort nach der Residenz. Fritz! Lauter suchte mit Klose und Willisch den von seinem Mißerfolge i bei Eppen Sohn völlig darniedergeschmetterten Alster auf. Nach i mehrstündigen, tief aufregenden Auseinandersetzungen griff Alster, wie ein Erttinkender nach dem Strohhalm, nach dem Abkommen mit der Regierung. Er, wie die übrigen mit großen Theilen ihres Vermögens engagirten Aktionäre, erlitt zwar furchtbare Verluste, aber dadurch, daß die Regierung auch die Fabrik als Reparaturwerkstätte für die Bahn übernahm, wurde er wenigstens vor dem schimpflichen Bankrott und gänzlicher Verarmung ge- schützt. Schweders und des Oberbauraths Contreminen konnten umsöweniger etwas ausrichten, als Schweder durch die schwere Verwundung Senkbeils ini Duell, die lange für tödtlich galt, zur Flucht gezwungen wurde. Fast gleichzeitig mit ihm verschwand Wichtel junior, an demselben Tage, an dem sein Vater— am Schlagfluß, wie es offiziell hieß, oder an Gift, ivie man munkelte— verstarb.— Der„Tageskorrcspondent" ging in den Besitz von Gandersberg über, und dieser übergab Klose und Lauter die Redaktion. Herr Klose hatte auf seine alten Tage eine Pflegerin gefunden— in der von ihrem Gatten geschiedenen Frau Senkbcil, die sich ihm als die Tochter seiner einstigen Braut zu erkennen gegeben hatte und entschlossen war, das Unrecht ihrer Mutter an dem vielgeprüften Manne nach Kräften wieder gut zu machen. Daß Fritz Lauter Wanda Alster heimführte und in seiner dem Schicksal durch eigne Tüchtigkeit, durch unermüdliche Thätigkeit und sein nie zu beirrendes Rechtsgefühl abgerungenen Lebensstellung ein glückliches, reiche Frucht bringendes Leben bc- gann-- werden die Leser gern glauben wollen. 633 Von der Gewerbeausstellmig in Düsseldorf. Von Ingenieur NK H. Fsbian. (Schluß.) Der wichtigste Faktor in dein raschen Aufschwung der Industrie ist die Verwendung der Dampfkraft. Nach Dr. Engel hatte Preußen im Jahre 1877/73 32411 stationäre Dampfkessel, wovon aus Rhein- land 8016(Regierungsbezirk Düsseldorf 4209), auf Westfalen 4904 (Regierungsbezirk Arnsberg 4095), auf Hessen-Nassau 1070 kommen. Rheinland und Westfalen haben somit allein% der Gesammtzahl der Dampfkessel in Preußen. Die Vertheilung der Dampfmaschinen(excl. der Lokomotiven) aus die einzelnen Industriezweige und ihre Zunahme seit 1861 zeigt folgende Tabelle: Die übrigen Dampfmaschinen vertheilcn sich aus solche zu land- wirthschastlichen Zwecken, für Schneide- und Getreidemühlen und für Transport- und Handelsgewerbe(Schiffsmaschinen sc.). An Windmühlen waren 1875 vorhanden in Westfalen 139 Bock- und 342 holländische, im Rheinland 73„„ 251„ Die Zahl der Betriebe mit Wasserkraft war in Westfalen....... 2516 mit 27095 Pferdestärken, im Rheinland....... 4463„ 34819„ im Regierungsbezirk Wiesbaden. 1222„ 8037„_ in Summa 8201 mit 69951 Pferdestärken, was pro Betrieb reichlich 8>/2 Pferdestärken ergibt. Die hauptsächlichsten Industriezweige stellen sich in dem Aus- stellungsgebiete, der Anzahl der Menschen nach, welche in ihnen be- schäftigt wird, für 1875 wie folgt: Fast alle Gruppen sind auf der Ausstellung verhältnißmäßig gut vertreten, die großen Etablissements der Textilindustrie von Aachen, Burtscheid, Brefeld, Düren, Hücheswagen, Elberfeld und Lengenberg haben sich indessen nur schwach betheiligt; in der Gruppe Land- und Forstwirthschaft verhielten sich die landwirthschaftlichen Centralvereine der beiden Provinzen der Ausstellung gegenüber ablehnend. Daraus, daß im Ausstellungsgebicte eine hochentwickelte Industrie herrscht, geht hervor, daß sich im allgemeinen die sozialen Klasfengegensäße in schärfster Weise bemerkbar machen, indein das Charakteristikum der modernen Industrie in der Assoziation der Produktivkräfte besteht, unter der Herrschaft des Kapitals.— Rheinland und Westfalen nähern sich in dieser Beziehung bereits den Verhältnissen in England, woselbst der Jndustrialismus zur höchsten Ausbildung gelangt ist. So wie die große Dampfmaschine billiger arbeitet als die Kleinkrastmaschinen, so wie es eine vergebliche Mühe ist, eine Klein- krastmaschine erfinden zu wollen, die mit der großen Maschine zu kon- kurriren vermag, so arbeiten infolge der räumlichen Akkumulation und der planmäßig aus ein bestimmtes Ziel gerichteten Thätigkcit eine An- zahl Arbeiter im kombinirten Arbeitstage desgleichen billiger, als wie solches bei der absoluten Verselbständigung einer gleichen Anzahl von Individuen der Fall sein könnte. Assoziation der Produktivkräfte und räumliche Akkumulation be- deuten an sich„Steigerung der Produktivkraft der Arbeit" und diesem ökonomischen Grundgesetze entsprechend schreitet die Entwicklung der Industrie immer rapider fort auf dem Prozesse der Umwandlung der Kleinbetriebe und des Handwerkes— zunächst in den Manufaktur- betrieb und von demselben in den der fabriksmäßigen Produktion und des vollendeten Maschinenbetriebs. In Rheinland und Westfalen wandelt insbesondere der Bergbau bereits nur den Pfad der Großindustrie; annähernd gilt das gleiche auf dem Gebiete der Hüttenproduktion und der Eisenindustrie, sowie der Textilindustrie und da, wo hier wie auf anderen Gebieten der Uebergang noch nicht völlig erfolgt ist, wie beispielsweise in der solinger und rcmschcider Metallwaarenindustrie, ist doch bereits die Umwand- lung des Handwerkes zur Hausindustrie vollzogen und ist der Ueber- gang von derselben zur Fabrikindustrie in Funktion getreten. Nur in den seltensten Fällen, wie beispielsweise in der Weberei des Regierungs- bezirkes Aachen, hat sich noch einigermaßen der Handbetrieb erhalten und zwar hier hauptsächlich in gemusterten Stoffen, während die Handweberci in glatten Stoffen auch hier schon völlig von der mecha- nischen Weberei verdrängt ist. Hausindustrie, Kleinkraftmaschinen und kombinirte Werkstätten mit Krastvermiethnng, sie alle sind lediglich als organische Uebergangsstufen vom alten Handwerke zur modernen Großindustrie zu betrachte»,— wer die diesbezügliche Entwicklung bekämpft, bekämpft ein Naturgesetz, sein Erfolg ist die Mystifikation. Dasjenige Volk aber, welches das Gesetzmäßige und an sich Roth- wendige dieses Umwandlungsprozesses der Produktion an: ersten kon- sequent erfaßt und dem entsprechend nach neuen Sozial- und Organi- fationssormen der Arbeit ringt, die der naturwüchsigen Grundlage der Produktion, der Assoziation der Produktivkräfte sich anschließen,— wird vorangehen in! dem der Produktiousumwandlung parallel laufenden Umsormungsprozessen des Sozialgetriebes und in erster Linie sich den Ruhm eines wahrhaftigen Kulturvolkes erwerben. Selbst aber in der rein kapitalistischen Form gewähren durch Ein- führung normaler Arbeitszeiten, hygienischer Grundgesetze, des Haft- vflichtgesetzes ic. und durch Einfluß der Fabrikinspektoren die Groß- betriebe und Fabriken den Arbeitern schon besseren Unterhalt und eine normalere Lebensthätigkeit als wie in den oft schreckhaft gestalteten Hausindustriebetrieben, bei welchen jede Kontrole und Polizeiaufsicht geradezu illusorisch wird und in welcher in elenden Baracken die Aeltern um den kärglichen Lohn nicht nur sich bis weit über die Dauer eines normalen Arbeitstages, sondern auch ihre Kinder zum gleichen schmach vollen Spielballe des die Waaren und Produkte in konzentrirter Weise abfetzenden Kapitalisten und Kaufmannes resp. Manufakturherren— stempeln. Der Universalismus auf dem Gebiete des Transportwesens, der dabei auch völlig dem Großbetriebe durch Einführung der Dampfkraft ergeben ist, zwingt zu einem konzentrirten Marktverkehr, den zu beschaffen nur der Älkarnifakturherr, nicht aber der Einzelhandwerker in der Lage ist; dieser sinkt dabei herab zum bloßen Werkzeuge des ersteren der infolge der Hungerlöhnc und infolge der Ueberanstrengung mensch- lichcr Arbeitskräste, sowie der Ausnutzung der Weiber-»nd Kinder- arbeit nun das Fabrikat auch billiger herstellt und es so zuwege bringt, daß er eine zeitlang selbst mit der große» Industrie und Maschinenkras! zu konkurrircn vermag. Es gibt aber eine Grenze der menschlichen Spannkraft und wenn diese erreicht ist, schlägt die Stunde der Einsührnng der Malchineric und es erfolgt nunmehr in beschleunigter Entwicklung die Umwandlung der Hausindustrie in Fabrikbetrieb. Thatsächlich stellen sich die Verhältnisse so und nicht anders. 634 Keiner, der es mit den Fortschritten der Kultur und der Gesell- schaft ernst meint, sollte sich denselben verschließen und eine unab- hängige Wurdignug derselben, selbst wenn sie die Verneinung der der- zeitigen eigenen Existenzen einschließen würde, verwerfen. Nur die volle und klare Einsicht, frei von teleologischem Beigeschmacke, kann hier Frucht bringen. Der detaillirte Nachweis des hier gesagten für die Jndustrieent- Wicklung Rheinlands und Westfalens würde zwar zu weit führen, auch fehlt es uns hierfür an genügendem Materiale, aber wenigstens in einem Beispiele, dem alle anderen mehr oder weniger konform sind, sei der Beweis hier erbracht. Die Entwicklung der Steinkohlenindustrie stellt sich nämlich für Rheinland und Westfalen von 1860 bis 1878 wie folgt: Hieraus resultirt mit Evidenz die zunehmende Konzentration und hiermit in Verbindung die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit. Erwägt man noch, daß im Laufe der Jahre auch die humanitären Vor- schriften in Bezug auf den Normalarbeitstag verschärst wurden, so tritt der technisch ökonomische Fortschritt in Proportion mit der progressiv zunehmenden Centralisirung des Betriebes um so lebhafter in die Augen. Die Leistungsfähigkeit der rheinisch-westfälischen Industrie ist eine verhältnißmäßig Hohe und das dankt sie neben ihrem natürlichen Reichthume an Erzen und Kohlen, sowie dem ausgedehnten Transport- Wesen hauptsächlich ihrem ausgeprägten Hange zur Großindustrie. Daß die allgemeine Geschäftslage in den letzten Jahren eine äußerst schlechte, ist längst bekannt, und daß es in dieser Beziehung auch heute noch nicht besser steht, kann man von neuem auf der düsseldorfer Ge- Werbeausstellung studiren.— Wenn nicht die Produktion sehr stark ist, so ist dieses doch desto mehr der Fall mit der Anzahl der beschäf- tigten Arbeiter und mit der Erzielung des Reingewinnes, über welch letztere Verhältnisse uns in Düsseldorf hauptsächlich die Bergwerks- direktion zu Saarbrücken in musterhafter Darstellung Aufschluß gibt, während wir bei Privatwerken vergeblich nach diesbezüglichen Dar- legungen suchten. Gottfried Wilhelm von Leibuitz(Schluß). Nach Leibnitz' philo- sophischer Ausfassung sind die Hauptepochen in der Entwicklung der Dinge Leben(— Monade) Seele und Geist. Diese sind aber durch eine Reihe von Mittelgliedern verbunden, und als ein Zeitgenosse des Leibnitz durch seine Uutersnchungen gezeigt hatte, daß sich die Insekten in Rücksicht der Respirationsorgane den Pflanzen näherten, schrieb er:„Indessen finden sich vielleicht noch außerdem Mittelwcsen zwischen beiden." Hat sich diese nebst ähnlichen an anderen Stellen ausgesprochenen Vermuthungen nicht glänzend bestätigt durch die fast zwei Jahrhunderte später zutage geforderten Resultate der Natursor- schung, namentlich Darwins!— Wenn es keine Lücke in der Stufen- reihe der Entwicklung zum Vollkommneren gibt, so kann im Menschen das Reich des Lebens auch nicht seine» Abschluß finden, er müßte denn das vollkommenste Wesen sein. Das ist er aber nicht, denn er ist ein beschränktes Individuum und mit ihm die Stusenreihc unterbrechen hieße das Gesetz der Kontinuität ausheben. Nach Leibnitz nimmt der Mensch unter den gesammten Wesen des Alls die Mitte ein und es ist deshalb„auch vernunftgemäß, daß Wesen von vorstellender Kraft unter und über uns sind." Vom Menschen aus müßten sich demnach noch eine unendliche Reihe von Wesen bis zur unendlichen Vollkommenheit entwickeln. Ihrer höhern Natur wegen können wir sie uns nur un- deutlich vorstellen, weshalb auch ein deutliches Erkennen derselben unserer« jeits nie möglich sein wird. Aber dem Gesetz der Analogie entsprechend, müssen sie vollkommenere Individuen, höhere Geister, durchsichtigere Körper, init einem Wort Genien sein, in die sich vielleicht der mensch« liche Geist nach der Metamorphose, die man gemeinhin Tod nennt, verwandelt, um in immer höheren Verwandlungen zu immer höherer Vollkommenheit zu gelangen. Der menschlichen Phantasie mag es un- benommen bleiben, auf diesem Felde zu allegorisiren und zu spekuliren, für die Philosophie geht mit den fehlenden klaren Begriffen und kon- treten Anhaltspunkten auch das Interesse verloren, sich ernsthaft damit zu befassen.— Der höhere Organismus ist eine Gesellschaft von Mo- naden, beherrscht von einer Centralmonade. Wenn nämlich die un- zähligen Monaden ebenso unzählig verschieden sind, so ist damit ihre höhere und niedere durch ihre Qualität bedingte Organisation gegeben. Das Niedere ist aber dem Höheren stets untergeordnet und es besteht infolge dessen zwischen den nieder» und höchsten Monaden das Ver- hältniß der Unterordnung, welches bei der aufsteigenden Stusenreihe als weitere, nähere und nächste Verwandtschaft erscheint. In der Mo- nade als solcher bildete Seele und Körper eine unmittelbare Einheit, das Verhältniß von Seele und Körper im höheren Organismus ist da- gegen nächste Verwandtschaft. Beide Verhältnisse sind sich in der Unter- ordnung insofern gleich, als im ersten Falle ein Moment dem andern, im zweiten ein Individuum dem andern untergeordnet ist. Jede höhere Monade muß Centralmonade sein und sie wird umsomehr ihr durch Verwandtschaft nahestehende Monaden um sich vereinigen müssen, jemehr sie in ihrer deutlichen Vorstellung, d. h. in ihrem Körper zu vereinigen im Stande ist. Die dominirende Monade erscheint als die Seele, die subordinirten als der Körper, in Wirklichkeit ist jedoch der früher ge- schilderte Charakter der den Organismus bildenden einzelnen Substanzen unverändert. Nur die Subordination des Niederen unter dem Höheren und der Affinität des ersteren zum letzteren hat dieses Verhältniß herbei- geführt. Fehlt aber in einer Vereinigung von Substanzen die Central- monade— was zur Voraussetzung haben muß die Verbindung von beschränkten Individuen— so gibt es keine Unterordnung, Gliederung, sondern nur einen Haufen, dem das Prinzip der wirklichen Einheit gänzlich mangelt. Solche Verbindungen erscheinen uns als unorganische Körper, unter deren sie bildenden Einheiten Koordination herrscht, während die organischen Körper systematische Einheiten sind, deren sie bildenden einzel- nen Monaden nach dem Gesetz der Subordination geordnet wurden.— Alle Monaden sind Kräfte, nach dem Gesetz der Analogie herrscht dem- nach unter ihnen die größte Einförmigkeit; sie unterscheiden sich jedoch durch den Grad ihrer Bildungsstufe, woraus sich das zweite Gesetz, das der Kontinuität, also die allmälich aufsteigende Entwicklung, erklärt. Da also Einheit und Mannichfaltigkeit in der Natur herrschen, so herrscht auch Form und Ordnung. Verbindet sich aber die größtmögliche Ein- heit mit der größtmöglichen Mannichfaltigkeit, so bewirkt dies vollkom- mene Ordnung oder Uebereinstimmung, d. h. Harmonie. Die harmo- nische Verbindung der Monaden ist erst möglich durch deren oben er- wähnte kontinuirliche Abstufung, welche andererseits in ihrer Ver- schiedenheit ihren Grund hat. Es sind die„kleinen Vorstellungen", welche die Lücken ausfüllen und die Sprünge in der aussteigenden Ent- Wicklung vermeiden. Da aber die einfachsten Einheiten nur ihren Körper vorstellen, so ist es die körperliche Natur der Monaden, aus der die Verschiedenheit resultirt. Leibnitz sagt:„Wenn die Dinge frei oder befreit von der Materie wären, so würden sie in demselben Augenblicke losgerissen sein aus dem Weltzusammenhange und gleichsam Deserteure der Weltordnung". Damit bezeichnet er die Materie als das Band, welches die Monaden verbindet und als die Bedingung der Harmonie. Aber Leibnitz lehrt außerdem noch die prästabilirte Harmonie. Es ist bereits erwähnt worden, daß der Mensch nicht die Reihe der Entwicklung abschließt, sondern daß es außer ihm noch höhere für uns wegen unserer beschränkten und verworrenen Vorstellungen nicht wahrnehmbare Wesen gibt. Jede Entwicklung muß aber einen Abschluß und ein Ziel haben. Strebt jede Monade nach einer höheren, so muß es eine höchste geben. Diese höchste ist Gott. Er ist das Ziel und die Ursache aller Dinge. Tragen die Monaden den Grund ihrer Handlungen in sich) können sie von außen nicht beeinflußt werden, so sind sie dagegen nur durch einen göttlichen Schöpfungsakt entstanden und können auch nur durch Gott ver- nichtet werden.„Die Monaden sind nach Leibnitz von nichts abhängig außer von Gott." Hat Gott kraft seiner Allmacht alles geschaffen, so ist dieses infolge seiner Weisheit und Güte auch das beste.„Die Welt ist nicht blos die bewundernswürdigste Maschine, sondern auch, soweit sie aus Geistern besteht, der beste Staat, der den Geistern die größt- mögliche Freude und Glückseligkeit einträgt."„Weil Gott diese Welt, so wie sie ist, gewählt hat, darum ist sie die beste." Gegen diesen Optimismus ist auch das in der Welt vorhandene Uebel kein stichhal- tiger Beweis, denn dieses ist die nothwendige Folge der Beschränktheit aller Dinge. Das Wesen des Uebcls hat nach Leibnitz kein positives, wirkendes Prinzip, sondern besteht vielmehr in dem, was die wirkende Kraft nicht thut. Das Uebel ist ihm eine aus der Existenzmöglichkeit des Alls hervorgehende Macht, die existiren muß, um überwunden zu werden. Er führt deshalb auch des näheren aus, wie alles Ungemach nie im Stande gewesen sei, den Fortschritt zum Guten auszuhallen und hat die felsenfeste Ueberzevgung, daß der Menjchengeist schließlich die Glückseligkeit der Menschheit erringen werde. Faßt man den Gottes- begriff nicht in dem beschränkten theologischen Sinn aus, so ist auch dieser Theil der leibmtz'schen Lehre viel erträglicher, als es aus den ersten Blick den Anschein hat. Sehr gewagt ist es wohl auch nicht, wenn man den Gott mitsammt der prästabilirte» Harmonie aus seinem System fortläßt, liegt doch die Bermuthung allzu nahe, daß Leibnitz damit nur Rücksicht auf die herrschenden Anschauungen seiner Zeit genommen hat. Strenggläubige Geistliche zu Hannover hielten ihn so schon für einen Atheisten, weil er die Kirche nicht besuchte und das Volk verwan- delte seinen Namen in„Lövenix(Glaubenichts)". Auch die Thatsache, daß seiner Leiche nur sein getreuer Sekretär Eckhart folgte, dürste be- weisen, daß der von allen Seiten mit Ehren überschüttete Mann sehr vielen, namentlich auch seinen hochgestellten Gönnern unsympathisch war. Eine Aeußerung des Chr. Thomasius:„Man hat gesagt, Leibnitz werde den Bodin(ein französischer Schriftsteller von ziemlich skeptischer Richtung) herausgeben... Hätte er es gethan, so wären noch wenigere seiner Leiche gefolgt," zeigt nur allzudeutlich aus die Ursachen dieser Antipathie. Das ursprüngliche Dasein der Monaden, serner der Um- stand, daß alle Dinge im Universum aus Monaden gebildet sind, dann ihre eminente Entwicklungsfähigkeit, führen den einigermaßen scharf Denkenden zu so radikalen Schlußfolgerungen und stellen so rücksichtslos das„Ebenbild des Schöpfers" mit dem unscheinbarsten Wesen aus eine Stufe, daß uns das schließliche Verhalten der Zeitgenossen des Lcibnitz nur zu erklärlich erscheint.— Als besonders wichtig verdient noch hervorgehoben zu werden das Bestreben Leibnitz', die Lage der nieder» Klassen zu bessern. So findet sich in mehreren Denkschriften vom Jahre 1713 der Gedanke der Errichtung einer Kommission„zur Verminderung des Elends und Beschaffung von Nahrung für die Armen." In einer andern Abhandlung macht er es der Obrigkeit zur Pflicht, für lohnende Arbeit zu sorgen. Weiter verlangt er, die Gesellschaft solle„Werk- Häuser" errichten,„worin jeder Arme, Tagelöhner, Handwerksgesell zc. so lange er will, arbeiten kann und dasür seine Kost und etwas Zehrung zum Weitergehen erhält." Die Handwerker sollen auf Kosten der Gesellschaft in großen Stuben arbeiten„bei Gesprächen und Lustig- keit". Man dürfe nicht befürchten, daß die Leute dadurch faul würden, sie würden vielmehr besser arbeiten, weil 1. ohne Nahrungssorgen, 2. gleichmäßiger, da Zie nicht das eine mal zu viel, das andere mal zu wenig Arbeit hätten; auch würde dadurch verhindert werden, daß die reichen Kaufleute die Armen mißbrauchen. Derartige Bestre- bungen dürsten unserer Meinung nach denn doch den Charakter Leibnitz' edler und schöner erscheinen lassen, als dies Dühring darzustellen sich die Mühe gibt. Genannter Gelehrter beliebt nicht allein die be- deutendsten philosophischen Leistungen unseres Autors als Plagiate zu bezeichnen, sondern will auch für seine sonstigen Handlungen den schmutzigsten Egoismus als Triebfeder verantwortlich machen. Dabei finde» wir in der verhältnißmäßig umfangreichen, in dem bekannten dühring'schen„kritischen" Stil abgefaßten Abhandlung über„Die Ge- legenheitsphilosopheme Leibnitzens" weder irgend einen glaubhaften Beweis für die erhobenen Anschuldigungen und Anklagen, noch irgend welche Aufklärung über die leibnitz'schen Lehren selbst. Mag Leibnitz an den Schwächen und Fehlern seiner Zeit gelitten und manchmal mensch- lich gefehlt haben, er war eben auch nur ein Mensch; daß man ihm weder den genialen Geist noch ein für die Interessen der Menschheit schlagendes Herz absprechen kann, wird unsere dürstige Skizze schon zeigen._ Fr. N. Johann Joachim Winkelmann.(Schluß.) Etwas wohler wird Winkelmann geworden sein, als er nach zwei Jahren die Universität verließ und als Erzieher für Geschichte und Philosophie des ältesten Sohnes ins grolmann'sche Haus nach Osterbnrg berufen wurde. Angenehm war dort der Aufenthalt— dies wird auch von andern erzählt— durch die geistreiche und liebenswürdige Frau Grolmann, welche in den von dem zahlreichen Adel der Umgegend besuchten Abendzirkeln den Mittelpunkt bildete. Sie sprach das Französische, Italienische und Englische sehr geläufig und war auch in der französischen Literatur gut bewandert. Hier trat Winkelmann auch zum erstenmale französische Bildung in einer Weise entgegen, daß sich nichts dagegen sagen läßt. Hier mochte er aber auch zum erstenmale fühlen, daß sein Mangel an Kenntniß der neueren Sprachen und Literatur in seinem Wissen eine Lücke sei, die er unbedingt ausfüllen müsse und diese Erkenntniß mag ihn zum Besuch der Universität Jena bestimmt haben, wo er Medizin und in Verbindung mit dieser Mathematik und neuere Sprachen studiren wollte. Nach einjährigem Ausenthalt in Oster- bürg verließ er diesen Ort in der ersten Hälfte des Jahres 1741. In Jena mußte er wiederum seine Subsistenzmittel durch Stundengeben erschivingen, hatte also nicht viel Zeit, um Borlesungen zu hören, er „halte kaum Zeit aufzuathmen". In den»eueren Sprachen scheinen sich seine Hoffnungen nicht erfüllt zu haben, denn er lernt erst später mühsam die Aussprache des Englischen und ist mit den Ansängen des Italienischen beschäftigt. Dagegen beschäftigt er sich fleißig mit Mathe- matik und auch für die Medizin war ihm durch tüchtige Lehrkräfte Gelegenheit zum Studium gegeben. Die Universität verließ er ohne Disputation, Dissertation und ohne einen akademischen Grad erlangt zu haben. Aber eines unternahm er noch, die damals noch übliche akademische Reise. Man ist sich nicht darüber klar, ob er dieselbe 1740, oder wie Paalzow meint, später von Hadmersleben aus angetreten habe. Justi nimmt an, daß er sich nach der jenaer Studienzeit auf den Weg gemacht. Sicher ist, daß er sich in Halle bereits darauf vor- bereitet; er erschien dort im letzten Winter oft auf dem Rathskcller und ließ sich von vielgereisten Bürgern von ihren Wanderungen er- zählen, zeichnete sich mehrere Routen nach Paris auf, verkaufte seine Bücher und Sachen und schaffte sich aus dem Erlös einen kapuziner- grauen Rock, gute Stiefeln, Wäsche und den ryssel'schen Katalog, der alle bekannten wissenschaftlichen Werke— der bis dabin erschienene Theil umfaßte die Philologie— enthielt. Er wollte jeden Abend ein Kloster zu erreichen suchen, wo er freies Quartier zu finden hoffte, vorgebend, daß er, um seine Religion zu ändern, nach Rom reise. Der eigentliche Zweck seiner Reise war aber die großen Bibliotheken, sowohl unterwegs als in Paris, kennen zu lernen. Der Plan wurde jedoch dadurch vereitelt, daß man ihn in kein Kloster ausnahm, weil er äußerlich nicht den Eindruck eines Hülfsbedürstigen mache und ihn ferner der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Deutschland unweit Frankfurt zur Umkehr zwang. Man erzählt zu dieser Affaire noch eine Anekdote, W. wollte, bevor er in Fulda eintrat, sich seine Kleider in Ordnung bringen und den Bart scheren. Als er das Messer erhebt, hört er hinter sich einen Schrei und sieht beim Umwenden eine Dame in einem Wagen sitzend, ganz erschreckt, weil sie glaubte, er wolle sich das Leben nehmen. Nachdem er ihr jedoch sein Vorhaben und dessen Ende erzählt, nöthigt sie ihm ein Geldgeschenk aus. Ob sich dies in Wirklichkeit so verhält, ist nicht sicher, wahr ist aber jedenfalls, daß unser Held ohne Geld wieder in Halle ankam. Hier hat er erst die Absicht, nach Berlin zu gehen, erhält dann aber eine Stellung als Er- zieher beim Oberamtmann des magdeburgischen Domkapitels zu Had- ! mersleben bei Halberstadt. Zwischen ihm und seinem Zögling, dem � jungen Lamprecht, bildete sich sehr bald ein enges freundschaftliches Berhältniß, welches Winkelmann so fesselte, daß er selbst bessere Stellen ausschlug. Dann lernte er hier auch einen Herrn von Hanfes, früheren dänischen Gesandtschastssekretär zu Paris, kennen und schätzen. Von besonderm Werth für ihn war jedenfalls dessen große französische Biblis- thek, welche namentlich historische Werke umfaßte, was zur Folge hatte, daß W. sich mit großem Eiser dem Studium der modernen Ge- schichte hingibt. Oft reiste er auch zu Fuß nach Halle hinüber, um irgend eine Stelle in einem gelehrten Werke nachzuschlagen. Unter- dessen hatte er jedoch einen einflußreichen und edlen Freund gesunden, der sich seine Zukunft angelegen sein ließ. Es war dies Fr. Rud. Nolte, seit 1740 Generalsuperintcndcut der Altmark. Bei seinem Weg- gange nach Sachsen stellte ihm dieser das Zeugniß aus,„daß man ihm in diesem Lande(Preußen) den seiner mehr als gemeinen Kenntnisse würdigen Lohn nicht habe bieten können". Jetzt hatte er ihm zuerst eine Stelle in dem unweit Stendal liegenden Arneburg zugedacht. W. soll dort jedoch schulmeistern, Orgel spielen, vorsingen und predigen. Er dachte jedoch viel zu bescheiden von sich, als daß er sich der dazu gehörigen Kräfte bewußt gewesen wäre und lehnte ab. 1741 hatte man ihm bereits die Stelle als Konrektor in Seehausen vergeblich angeboten, jetzt war sie wieder unbesetzt, er bewirbt sich darum und erhält sie auch, nachdem seine Gönner, darunter auch Boysen, der bis dahin die Stelle versehen hatte, für ihn gesprochen haben. Letzterer schildert den Zustand W.'s in keineswegs glänzender Weise; schlecht gekleidet, von Kummer gebeugt u. dgl. Genug, 1743 tritt er seine Stelle an und damit zugleich eine Periode seines Lebens, welche er die dunkelste nannte. Eine ausführliche Darstellung des nun folgenden Theiles von W.s Leben behalten wir uns, um den uns zugemessenen Raum nicht allzu- sehr zu überschreiten, für später vor. W. starb durch Meuchelmord am 8. Juni 1768._ Fr. N. Am Henkersteg zu Nürnberg.(Schluß.) Nürnberg ist aber auch mit seinen Unterrichtsa»stalten schon vor der Reformation anderen deutschen Städten von Bedeutung vorangeschritten. Melanchton errichtete hier im Jahre 1526 ein Gymnasium und 49 Jahre später entstand hier die erste protestantische Universität für Süddeutschland, die unter andern das Recht besaß. Dichter zu krönen. Aber nicht allein den Wissenschaften opferte die strebsame Stadt, auch dem Schönen huldigte sie und denen, die es schufen. Unmittelbar in die Zeit der Reformation fällt die höchste Entwicklung der Nürnberger, und damit wohl auch der deutschen Kunstblllthe, in Italien Cinquecento, in Frankreich Renaissance genannt. Der Maler Albrccht Dürer und sein Lehrer M. Wohlgemuth, der Erzgießcr Peter Bischer und seine Söhne, Laben- wolf, der Bildhauer Adam Kraft, der Bildschnitzer Veit Stoß, der Goldschmied Wenzel Jamnitzer— fast alle waren Zeit- und Kunst- genossen einer Stadt, die weder einen fürstlichen, noch einen bischöslichen Hof besaß, ein Beweis, daß der Genius der Künstler zum Schaffen weder der Gunst des Szepters, noch der des Krummstabs bedarf. Der 3l)jährige Krieg, für Deutschland eine Kette von Leiden, deren Nachwehcn bis auf unsere Tage herauf geblieben sind, führte Nürn- bergs Verfall herbei. Von 1599 bis 1699 fiel die Bewohnerzahl von 100000 auf 20000 herab. Auch durch die folgenden Jahrhunderte zehrte die Stadt von dem Ruhme der Vergangenheit und fristete ein kümmerliches Dasein. Der Senat spreizte sich im lächerlichen Ueber- muth und das Volk äffte französische Manieren nach. Dazu kam, daß jeder vorbeiziehende Heerführer der alternden Schönen einen Aderlaß in Gestalt einer Kriegsentschädigung verschrieb, so z. B. der französische General Jourdon 1,529,651 Gulden. Ein österreichischer General leerte die Zeughäuser und andere plünderten die Kirchen, öffentliche Kunst- schätze, ja sogar Stiftungen mit Wittwen- und Waiseugelderu. Das waren die Segnungen des Erbsolgckrieges, welche der Herrlichkeit der alten Noris den Garaus machten. Der Senat wollte die Selbständig- keit der Stadt um jeden Preis los werden und bot sie dem Könige von Preußen an, aber dieser lehnte das bedenkliche Anerbieten, tvelches seinen Haushalt mit 10 Millionen Gulden Schulden belastet hätte, ab. Im Jahre 1806 übernahm Bayern das Danaergeschenk und hat sein Redliches gethan, die„schönste Perle" effettvoll in die Wittelsbacher Krone zu fassen. Der goldene Hauch der Kunst, der sonst Nürnberg und das, was in ihm hervorgebracht wurde, mit seincui veredelnden Schimmer überzog, ist zwar längst von dem Qualm der Fabrikessen vcr- dunkelt, aber dasür wurde das moderne Nürnberg ein Knotenpunkt der Dampsverkehrswege, der neuerdings seine hunderttausend Bewohner beherbergt.— Da die alten malerischen Bcfestigungswerke Nürnbergs der Zerstörungswuth der Neuzeit bald zum Opfer fallen werden, so beeilen wir uns, ein Prachtstück der Ringmauer, welche noch heute den Umfang der alten Stadt bezeichnet, im Bilde den Lesern vorzu- führen, bevor sie von dem Schicksal ereilt wird. Zun, Unterschied der äußeren Umwallung, die im 14. Jahrhundert errichtet wurde und bis zum Jahr 1866 als Festungswerk im modernen Sinne galt, gibt es noch ansehnliche Reste einer inneren Ummauerung, die im 12. Jahr- hundert angelegt wurde. Die beigegcbenc Abbildung zeigt einen solchen Rest dieser älteren Befestigung Nürnbergs, und zwar den Theil am Ausfluß des Pegnitzflusses. Von den ursprünglich vorhandenen drei Thürmen, deren mittelster auf einer Insel steht, haben sich nur noch zwei erhalten. Die Dächer derselben sind nicht mehr die ursprünglichen. 636 Diese Thürme sind durch Schwibbogen miteinander verbunden, auf welchen der über die beiden Flußarme lausende Wehrgang ruht, von welchem aus die Armbrustschützcn in gedeckter Stellung dem Ansturm wehren konnten. Der ursprünglichen Eigenschaft als Festungsobjekte verlustig, dienten die Thürme später zu Gefängnissen. Diese ganze Partie, bei allen Malern und Alterthumsforschern wohl bekannt, heißt Am Hcnkersteg, weil in der Nähe des rechts im Bordergrundc sichtbaren Stegs, welcher den Trödelmarkt mit dem Unschlittplatz verbindet, ehe- mals der Henker wohnte. Das Privathaus auf der linken Seite, ein malerischer Holzbau, ist interessant als Typus der alten Wohnhäuser Nürnbergs, deren Erdgeschoß aus Sandstein, deren obere Stockwerke aber in Riegelwerk aus Holz hergestellt waren. Die beiden spitzen Thürme im Hintergründe gehören der Sebalduskirche an, deren In- neres Skulpturen von Adam Kraft, Glasmalereien von Veit Hirscb- vogel, Bilder von Dürer und Hans von Kulmbach, Schnitzereien von Veit Stoß, aber wohlgcmerkt, auch das Sebaldusgrabmal birgt, das höchste Heiligthum deutscher Kunst jener Zeit, ein Meisterwerk des be- rühmten Erzbildners Peter Bischer, der es mit fünf Söhnen nach drei- zehnjähriger Arbeit 1S19 vollendete. Dr. M. T. DaS bei Sandcfjord in Norwegen ansgegrabene Wiking- schiff.(Bild Seite 624.) Wir haben den Lesern der„N. W." von den Bewohnern der Pfahlbauten, den ersten Schiffern des Süßwassers, und von den Phöniziern, den ersten Bezwingern der Salzfluth erzählt, und auch schon der Normänncr als der ersten Entdecker Amerikas er- wähnt, aber das bei Sandcsjord in Norwegen im Laufe dieses Som- mers ausgegrabene Wiking- oder Kriegsschiff, welches unser Bild dar- stellt, bestimmt uns, noch einmal auf die Normänuer, das erste scefah- rende Volk im Mittelalter, das aber auch schon in der Ur- und Vor- zeit mächtig in die Geschicke unseres Erdtheils eingriff, zurückzukommen. Das Leben dieser ältesten unserer Vorsahren, wie ihre Schisse eiugc- richtet waren, welchen Beschäftigungen sie darin oblagen, auf welche Weise sie sich ernährten, sich wehrten und wie sie im Kampfe ums Da- sein fortschreitend sich entwickelten— das sind Fragen, deren Beant- Wartung in alten Pergamenten vergebens gesucht würde, denn in jenen Tagen roher Thatkraft gab es keine Geschichtsschreiber, weil das Schreiben damals eine unbekannte Sache war. Zum Glück gibt uns das bei Sandcfjord aufgefundene Wikiugschiff, ivelches die Erde über tausend Jahre in ihrem Schöße geborgen hat, Aufschluß darüber.— Solche Schiffe, in denen sich die Wikinger begraben ließen, und die, mehrere Meter hoch mit Erde bedeckt, Hünengräber heiße», sind bereits früher aufgefunden worden, so im Jahr 1863 bei Nydam in Schleswig und 1867 zu Tuno in Norwegen. Was dem jüngsten Fund bei Saude- sjord in Norwegen ein besonderes Interesse verleiht, ist, daß das Schiff nicht allein viel größer und besser erhalte» ist als jene, sondern daß es auch eine Menge von ziemlich gut erhaltenen Gegenständen in sich birgt, welche Aufklärung über das Leben und die Sitten der alten Normannen zu geben vermögen. Vom Vorder- bis zum Hintersteven hat das Fahrzeug 75 Fuß Länge. Das Gerippe desselben besteht aus 2t> Spanten; nimmt man an, daß bei der vordersten und hintersten Spante keine Riemen(Ruder) gewesen sind, so ergibt sich, daß das Fahrzeug wahrscheinlich durch 36 Ruder vorwärts getrieben worden ist. Verglichen mit unseren schwimmenden Hotels, die mit allen An- nehmlichkeiten des Lebens zur Uebersahrt nach Amerika und Australien ausgerüstet sind, und den Tod und Verderben speienden und eisen- gepanzerten Kriegsschiffen ist unser Wikingschiff eine zerbrechliche Nuß- schale, deren Gefährlichkeit nur der Umstand erweist, daß es damals keine Strandbatterien gegeben hat, so daß ein normännischer Pirat, wie uns französische Chronisten berichten, ungehindert aus dem Kanal La Manche die Seine hinauf bis Paris segeln konnte. Aehnliche Raub- fahrten werden vom Rhein, der Weser und der Elbe gemeldet. Der Sachsenspiegel(III, 41) und die Vorrede zur Sage Hylsaginning be- stätigen die normännische Einwanderung im nordwestlichen Theil Deutsch- lands, die ebenfalls nach Seeräuberart bewerkstelligt wurde. Doch kehren wir zu unsrem Schiffe zurück.— Daß die Wikinger die Arbeit der Ruderer durch Segel unterstützten, beweisen die Bruchstücke der Masten. Die Mitte des Schiffes wird von dem Block ausgefüllt, in welchem der Mast angc- bracht war. Letzterer hat nach hinten niedergelegt werden können; derselbe ist ziemlich schwer, in einer Höhe von 3 Fuß mißt er 3 Fuß im Um- kreis; das untere Stück, welches an seinem Platze stand, hatte eine Höhe von fast 11 Fuß. Das obere Stück, welches abgehauen im Fahr- zeug lag, mißt 32 Fuß; falls kein Zwischenstück fehlt, ist die ganze Höhe des Mastes etwa über 36 Fuß gewesen, was im Vcrhältniß zur Länge des Schiffes(75 Fuß) nicht viel ist; wahrscheinlich fehlt jedoch ein Zwischenstück. Interessant ist, daß vor dem Mastenblock die lieber- reste einer Spille(Winde) aufgesunden worden sind, welche ohne Zweifel dazu verwendet worden ist, den schweren Mast zu heben und zu senken. Vor dem Hauptmast lag unter anderm ein kupferner Kessel von der Größe einer halben Tonne, mit zwei großen Traghenkeln; serner stieß man aus ein großes Gefäß aus Holzstäben, wahrscheinlich ein Wasser- faß, dann aus einen zusammengenieteten eisernen Kessel von ganz aus- gezeichneter Arbeit sowie eine Menge Holzgegenstände. Bon den letzteren sind besonders erwähnenswerth einige eigenlhümliche Einrichtungen von Manneslänge, die vielleicht als Bettstellen dienten. Die Dalekarlier, die ältesten Bewohner der skandinavischen Halbinsel, deren braune Haare und Augen aus ihre keltische Abstammung schließen lassen, sind hoch- beanlagte Holzschnitzer. Unter den vielen geschnitzten Holzsachen, die man auf dem Wikingschiff gefunden hat, befinden sich ein Paar breite Planken, deren Schnitzereien mit mehreren Farben in der Weise bemalt sind, wie es die Darlekarlier noch heute thun. Ein geschnitztes Stück, welches vielleicht eine Ruderpinne gewesen ist, endet in einem Thier- köpf. Ferner sind zierliche Trinkkellen mit kurzen geschnitzten Hand- griffen zu erwähnen. Hinter dem Mast befindet sich eine 5 Ellen lange Grabkammer, wie ein Satteldach geformt, dessen Rücken sich in der Richtung der Langseite des Fahrzeugs erstreckt. In der Grabkammer sind mehrere Menschcnknochcn, einige kleine Gegenstände aus Eisen und etwa ein halbes hundert Beschläge von zum Theil ausgezeichneter Arbeit gefunden worden. Die letzteren zerfallen in zwei Klassen, die eine er- hält Stücke ans massivem vergoldeten Silber, die andere aus vergol- detcr Bronze; in jeder Klasse scheinen die Beschläge wieder zwei Gar- nituren zu bilden, eine größere und eine kleinere, zu Gürtel- und Reit- zeug gehörend. Die silbernen Beschläge sind ziemlich einfach ornamen- tirt, mit eingravirten Kreisen, geometrischen Motiven und in den Ecken Portraits su face. Da sich das Material der„unterirdischen Geschichts- sorschung" von Tag zu Tage durch neue Funde mehrt, haben die Alterthumsforscher die Kunsterzeugnisse bereits in Stilarten eingetheilt, welche sie nach ihren Fundorten benennen. Die in Sandefjord ent- hüllten Bronzebeschläge gehören dem vom Fund in Borre bekannten prächtigen Stil an, mit cigenthümlichen Thiermotiven und Arabesken. Besonders hervorzuheben ist ein Paar der kleineren Beschlagstücke; es sind zwei Beschläge in je zwei Typen durchbrochener Arbeit. Die eine stellt eine ganze Thierfigur mit rückwärts gebeugtem Kopf dar, die andere einen Reiter aus galoppirendem Pferd; der Reiter hat seine Lanze zum Angriff ausgelegt, und die Arbeit ist so fein ausgeführt, daß sich trotz der geringen Größe Sattel und Brustriemen des Pferdes und die Kleidung des Reiters deutlich unterscheiden lassen. Dieses Stück ist eine der besten Metallarbeiten, die man aus der Heidenzeit im Norden kennt. Das Schiff mit Inhalt ist, in zwei Theile getheilt, von seinem Hünengrab in die Hauptstadt Norwegens, nach Christiania, transportirt und im Garten der Universität ausgestellt worden. ___ Dr. M. T. Die Leichenkaravane. Noch unheimlicher und düsterer, als die Nacht, welche über unser Bild(Seite 625) zu lagern beginnt, ist der durch die öde Ebene sich langsam und stumm fortbewegende Zug. Die verhüllten Gesichter der Führer, das seltsame Gepäck der Lastthiere lassen uns auf den ersten Blick erkennen, daß es der Feind alles Leben- digen und doch zugleich die Vorbedingung des Lebens, der Tod ist, der hier die Bürde abgibt.— In unsrer nüchternen, realistischen Zeit zuckt man wohl manchmal die Achseln über unsere unpraktischen Alt- vordern, die vor tauseuden von Jahren alles anwandten, um die Leichen der geliebten Angehörigen zu konscrviren, und kolossale Bauwerke auf- führten, in denen die körperlichen Reste von besonders geehrten Personen den kommenden Geschlechtern aufbewahrt wurden. Es ist eben jene unsere Vorsahren auszeichnende und durchaus erklärliche und entschuld- bare Naivetät, welche der Pietät diese Opfer brachte, ein Spiel der menschlichen Phantasie, mithervorgegangen aus der Rathlosigkeit, in der sich der Mensch befand gegenüber den ihm unerklärlichen Natur- gesctzen. Ist es nicht heute noch so? Und wird es nicht immer so sein? Glaübenswahn ist es übrigens, der unsre Karavane durch die verlassenen Gefilde früherer Herrlichkeit treibt, nach jenem südlich von dem alten Babylon und Niniveb liegenden Grab des Kalifen Ali ben-Abi-Taleb, des Schwiegersohns Muhameds und Begründers der Sekte der Schiiten. Zur Lebenszeit wallsahrtend nach dem Grabe ihres Propheten, machen sie jetzt die letzte Reise, um an dem Ort, wo die Gebeine des Stifters ihrer Religion ruhen, den ewigen Schlaf zu schlafen. Man erzählt, daß jährlich ganze Schiffsladungen von Leichen über das Kaspische Meer gebracht würden, unterwegs und am Ort ihrer Bestimmung, unter- stützt durch die sumpfigen Niederungen, die Pest verbreitend. urt. Inhalt. Idealisten, von Rudolf Lavant(Schluß).— Irrfahrten, von L. Rosenberg(Schluß).— � Eine Nacht in der Payerhütte auf dem Ortler, von Dr. I. E. W.— Dem Schicksal abgerungen, Novelle von Rudolph von B......(Schluß).— Von der Gewerbe- ausstellung in Düsseldorf, von Ingenieur W.H.Fabian(Schluß).— Gottfried Wilhelm v. Leibnitz(Schluß).— Johann Joachim Winkelmann (Schluß).— Am Henkersteg zu Nürnberg(Schluß).— Das bei Sandcsjord in Norwegen ausgegrabene Wikingschiff(mit Illustration).— Die Leichenkaravane(mit Illustration). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraßc 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.