Liene Woll Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. In Heften à 30 Pfennig. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. No 1. Erscheint wöchentlich. 1881. [ 1880] Erstes Kapitel. Die Schwestern. Noman von M. Kautsky. Ueber dem hübschen, von alten Mauern und grünen Bergen umgebenen Städtchen Waidingen war der Abend hereingebrochen, ein Aprilabend, so rauh und stürmisch, daß man ihn füglich in den März hätte zurückverlegen können. Seit einer Stunde schon war alles in Dunkel und Schweigen gehüllt. Man vernahm nur das Brausen des Stromes, der in seinem tiefen Felsenbett, an dessen steilaufsteigenden Ufern sich die Stadt erhebt, rasch und ungeberdig dahinschoß, und das Klirren der Straßenlaternen, deren mattes Licht unruhig hinund herflackerte. Die Straßen dieser Stadt waren niemals, außer an Markttagen, lebendig zu nennen, um diese Stunde waren sie fast menschenleer. Nur am oberen Platz hallte von Zeit zu Zeit der kräftige, beschleunigte Schritt eines Passanten, der dem Goldenen Löwen zusteuerte, oder in drängenderer Eile die Richtung nach dem Hause des Apothekers nahm, um in dessen hellerleuch tete Offizin zu treten. Das Haus des Apothekers Germanek begrenzte das Südende des Plages. Einstöckig, mit einem großen weitherausgebauten Erker und einem Giebeldache, zählte es zu den charakteristischsten Bauten des Städtchens, dessen feste Thürme und Brücken, und dessen Kirche selbst, bis in das dreizehnte Jahrhundert zurückreichen. Das Erdgeschoß des Hauses war in allen Theilen erleuchtet; es befanden sich da, außer der Offizin und dem Laboratorium, auch das Wohn- und Speisezimmer der Familie Germanet Herold, indeß ihre Schlafräume in den ersten Stock und in den Giebel verlegt waren. Für das große Erkerzimmer war seit einem Jahre ein Fräulein Luise Weiß in Miethe genommen, welche dasselbe allein bewohnte. Jeder Vorübergehende konnte das wissen, wenn es nämlich nicht so finster war, wie in diesem Augenblick, denn ein kleines, bescheidenes Schild, das am Erker hin- und herbaumelte, trug ihren Namen, und darüber stand in etwas größeren Buchstaben ,, Gesangsschule". Also seit einem Jahre beiläufig hatte Waidingen das Glück, eine Gesangsmeisterin zu besitzen und zwar eine so tüchtig geschulte, daß sie jedem Konservatorium Ehre gemacht hätte. Es benachtheiligte sie nur der Umstand, daß die Waidinger dies nicht recht glauben mochten. Sie hielten nicht viel von Leuten, die nichts besseres zu thun wußten, als sich unter ihnen zu etabliren, was freilich von rührender Bescheidenheit zeugte, die in diesem Falle aber ganz und gar nicht gerechtfertigt war. Da die erbgesessenen Bürger prinzipientreue Leute waren und andrerseits von Musik nicht viel mehr als von den anderen Künsten verstanden, so glaubten sie es dem Talente ihrer Sprößlinge schuldig zu sein, es außer Waidingens Mauern zu fördern, und sie schickten daher ihre Kinder nach wie vor nach der Residenz in Institute, von denen man etwas gehört" hatte, das heißt, die die Lärmtrommel so laut zu rühren verstanden, daß es sogar unsern biedern Landstädtern in die Ohren klang. So kam es, daß bei Fräulein Luise sich nur diejenigen Kunstjünger einstellten, die sehr viel Lust und Liebe, aber nur wenigbemittelte Eltern hatten, oder solche, die außer Lust und Liebe, noch Talent, aber gar keine Mittel, und auch häufig gar keine Eltern hatten, welche armen Teufel sie dann umsonst unterrichtete, und wahrlich sich mit ihnen deshalb nicht weniger mühte, mit nicht ge= ringerem Eifer sie zu fördern suchte, als die zahlenden. Luise war eben eine noble, durchaus fein und künstlerisch angelegte Natur, dabei voll Freimuth und von einem lebhaften Temperament; aber das Ungemach des Lebens, Zurückseßung, Kummer und Kränkung aller Art, hatten der jetzt achtunddreißigjährigen Dame eine ge= wisse Zurückhaltung zur Gewohnheit gemacht, und ihr einen etwas pessimistischen Zug aufgedrückt. Sie hatte eine wunderbare Stimme besessen, voll Kraft und Schmelz und dabei von einer technischen Ausbildung, die fast Vollendung genannt werden konnte. Man hatte seiner Zeit dem jungen Mädchen eine glänzende Zukunft prophezeit, wenn es sich der Bühne widmen würde. Trotz der Abmahnungen ihrer Verwandten, namentlich ihres Bruders, der fürstlicher Gutsverwalter geworden und sich vor kurzem verheirathet hatte, war sie dazu entschlossen und sie begann mit allem Eifer und aller Gewissenhaftigkeit, sich für ein öffentliches Auftreten vorzubereiten. Wie ein sonniger Traum war ihr junges Leben bisher dahingeglitten; sonniger, glänzender noch, erschien ihr die Zukunft. Es sollte anders kommen. Ein tragisches Schicksal sollte ihr den Weg zu Glück und Ruhm für immer verschließen, und das so liebreizende und begabte Wesen traurig verkümmern lassen. Ihr Herz gehörte damals einem jungen Manne aus gutem Hause, der wohl selbst noch keine gesicherte Existenz, doch die schönsten Hoffnungen hatte, und der vielleicht eben so sehr auf die Talente seiner fünftigen Gattin, als auf seine eigenen rechnete. VID Es war wenigstens beschlossen worden, ihre eheliche Verbindung bis auf den Zeitpunkt hinauszuschieben, wo Luise als Künstlerin anerkannt und akkreditirt sein werde. Dies Ziel war also als ein doppeltes anzusehen, welches die Herzensneigung sowie den Ehrgeiz dieses jungen Wesens gleichzeitig krönen sollte. Da er frankte ihr Bräutigam auf das gefährlichste. Luise vergaß über ihrem Kummer, über der Seelenangst um den Geliebten alles, ihr künstlerisches Vorhaben und ihre mädchenhaften Bedenken. Sie ging zu dem jungen Manne, der allein mit einem alten Diener wohnte, und sie blieb bei ihm und pflegte ihn mit einer Aufopferung, mit einer nimmer müden Hingabe, die, nachdem sie den Geliebten gerettet, sie selbst auf das Krankenlager warf. Die Ueberanstrengung, die sie ihrem zarten Körper zugemuthet, vereint mit seelischer Qual, hatten ein Nervenfieber hervorgerufen. Sie gesundete zwar, aber eine Ablagerung des Krankheitsstoffes trat auf dem einen Fuße hervor, sie begann zu hinken. Auch ihre Stimme hatte gelitten... Ihre Bühnen farrière war für immer dahin. Aber auch ihre Liebe sollte nicht belohnt werden. Ihr Geliebter hatte eine Stelle im Auslande erhalten und reiste ab mit tausend Versicherungen der Liebe und Treue. Indeß war schon in der letzten Zeit seine Stimmung eine sehr ungleiche gewesen; er schrieb sie den Nachwehen seiner eigenen Krankheit zu, sowie dem Verdruß über die ihrige und namentlich über ihre nun verfehlte Künstlerlaufbahn. Seine ersten Briefe waren kurz und unklar, endlich fühlte er sich bewogen, ihr zu eröffnen, daß er sich in seinen Hoffnungen getäuscht habe, daß seine Stelle durchaus nicht die Annehmlichkeiten böte, die er erwartet und die für einen Haushalt igm unerläßlich schienen, ja, daß sie nicht einmal eine sichere genannt werden könne. An eine Eheschließung könne, dürfe er somit, vor der Hand wenigstens, nicht denken, wenn er nicht ein angebetetes, aber or alle häusliche Behaglichkeit und Bequemlichkeit gewöhntes Wesen ins Unglück stürzen wolle. Die zärtlichen Versicherungen und Vertröstungen, mit denen das Schreiben schloß, konnten Luise nicht täuschen, nicht mehr irre machen. Sie erkannte die ganze Nichtswürdigkeit, die ganze Jämmerlichkeit dieses Benehmens, sie erkannte, daß sie ihre Liebe an einen Unwürdigen dahingegeben. Und der Heuchler gab vor, sie zu schonen? Der Freche hatte die Stirn, derjenigen, die ihre Künstlerlaufbahn, ihre Gesundheit, fast ihr Leben für ihn dahin gegeben, ein weichliches Festhalten an Bequemlichkeit vorzuhalten? sie einer Schwächlichkeit zu zeihen? Sie schrieb ihm sogleich zurück; es waren Worte edlen Zornes und einer niederschmetternden Verachtung. Sie selbst zerriß das Band und jedes Andenken an ihn wollte sie hinfort aus ihrer Seele tilgen. Sie wünsche nichts mehr von ihm zu hören, ihn nie mehr zu sehen, denn jeder Gedanke an ihn lasse sie erröthen über die Schmach, ihn einst geliebt zu haben. Es geschah, wie sie gewollt, sie vernahm nichts mehr von ihm. Der Elende hatte schweigend ihre Verachtung getragen, ihre Demüthigungen hingenommen er hatte sie verdient. Sie mied von diesem Augenblick die Welt und zog sich in sich selbst zurück. Auch ihre Kunst wollte sie nicht mehr ,, ausbieten", wie sie sagte, sie sparte sie auf für die Stunden der Einsamkeit, der Weihe; sie war ihr Kultus geworden. Ihre Eltern kränkelten, sie brachte den Rest ihrer Jugendzeit an ihrer Seite zu. Als sie starben, war sie fünfunddreißig Jahre alt geworden. Sie stand allein, eine alte Jungfer", die ein abscheuliches, gesellschaftliches Vorurtheil hohnvoll als ein unbrauchbares Geschöpf bei Seite schiebt, ausschließt von den Freuden der Welt. Was sollte sie beginnen? Sie fühlte, daß sie nicht für ein nonnenhaftes Leben geschaffen sei; ihr warmes Herz sehnte sich nach dauerndem Umgang mit Wesen, die sie lieben durfte und denen auch sie nicht völlig gleichgiltig bleiben wollte. Sie dachte an ihren Bruder, an seine Kinder. Er hatte zwei Töchter, reizende Mädchen, das eine 15, das andere fast 18 Jahre alt, sie waren zum öfteren zum Besuch der Großeltern nach der Residenz gekommen und waren Monate daselbst geblieben. Die Kinder hatten für ihre Tante eine große Neigung gezeigt und diese liebte sie auf das zärtlichste. Zu ihnen wollte sie. Wie schön däuchte es ihr, mit der Jugend zu verkehren, sie zu bilden und hinwieder den glücklichen Idealismus und all die Hoffnungsfreudigkeit und Unbefangenheit der Kinder auf sich rückwirken zu lassen. In dem Verkehr mit ihnen hoffte sie ein Stück Jugend zurückzu erhaschen, ein Stück dieser schönen, goldenen Zeit, die fie, ach! nur zu kurz genossen hatte. Sie kam bei ihrem Bruder an und im Anfange schien alles ihre Erwartungen zu bestätigen. Bruder und Schwägerin hatten sie freundlich aufgenommen und die Kinder schwärmten für Tante Luise und wollten nicht mehr von ihrer Seite. Sie begann sie in Sprachen, Musik und Literatur zu unterrichten und mit ungleich größerem Erfolg, als dies den bisherigen Gouvernanten gelungen war; namentlich die jüngere zeigte Verständniß und Interesse, während Marie, die ältere, sich, wie es schien, dieser Mühe mehr in der liebenswürdigen Absicht unterzog, dadurch ihre Angehörigen zu befriedigen und zu erfreuen. Zwischen den Kindern und der Tante stand also alles zum besten, aber das Verhältniß zu Bruder und Schwägerin wollte sich doch nicht zu einem gleich harmonischen gestalten. Der Bruder war immer ein trockner Patron mit ziemlich beschränktem Gesichtskreise gewesen, seine ganze Anschauungsweise kontrastirte mit der seiner Schwester, und die jahrelange Trennung hatte sie einander noch mehr entfremdet. Namentlich war ihm ihr Enthusiasmus für moderne Kunst und Künstler zuwider. Das Theater war ihm verhaßt. Das verfehlte Leben Luisens schrieb er allein der unglückseligen Idee zu, sich für die Bühne auszubilden; damit hätte sie ihre besten Jahre verloren, meinte er, und doch müsse er's noch immer als zum Heile betrachten, daß der Plan nicht zur Ausführung gekommen und ihm somit die zweifelhafte Ehre erlassen ward, seine Schwester unter den Theaterprinzessinnen zu suchen. Luise vertheidigte die Bühne und ihr eigenes Vorhaben. Es kam zu kleinen Kontroversen, bei denen der Bruder, an seine Streitigkeiten mit allerlei schlecht erzogenen Menschen gewöhnt, mit immer delikat blieb. Die Schwägerin schwieg glücklicherweise bei allen außerwirthschaftlichen Fragen, von denen sie nichts verstand, aber im stillen pflichtete sie ihrem Mann bei, ja fand noch weiteres zu tadeln. Sie war eine gute, aber beschränkte Frau, und alles, was sie bei Luisen ungewöhnlich fand, was sie nicht verstehen konnte, galt in ihren Augen als schöngeistige oder altjungferliche Schrulle. Als sie jetzt den stetig zunehmenden Einfluß Luisens auf ihre Kinder gewahr ward, kam die Eifersucht dazu, die sie oft lieblos und ungerecht machte. Luise that ihr möglichstes, sich mit all diesem Widrigen so gut als möglich auszusöhnen und sich bei guter Laune zu erhalten. Die Liebe der Kinder war ihrem Herzen schon zum Bedürfniß geworden, überdies war sie sich ihres fördernden Einflusses auf die Erziehung wohl bewußt, und auch ihr Bruder erkannte dies und machte kein Hehl daraus. Immer enger schloß sie sich an die Mädchen an, die einer so theilnahmsvollen Aufmerksamkeit nicht unwerth waren. In ihrem Charakter und der ganzen geistigen Anlage grundverschieden, waren sie in ihrem Aeußern ungemein ähnlich. Beide waren brünett, mit dem zarten und doch lebhaften Teint der ersten Jugend, mit schwarzen Augen und dunklen Haaren und dem feinen, ausdrucksvollen Profil, das auch Luise besaß und das in ihrer Familie sich zu vererben schien. Marie, die um zwei Jahre ältere, war schlank und mittelgroß, ihre Formen hatten aus den eckigen der Kindheit sich zu sanfter Rundung entwickelt, ohne indeß voll genannt werden zu können. Elvira schien darnach angelegt, die Schwester zu überholen; ihre Höhe hatte sie fast erreicht, aber sie versprach stärker, fräftiger zu werden, und kräftiger, selb= ständiger war auch ihr Charakter. ständiger war auch ihr Charakter. Es konnte sich eigentlich niemand rühmen, Autorität über dieses Kind erlangt zu haben, selbst Luise nicht; ohne eigensinnig zu scheinen, wußte sie sich doch dem Willen der andern, sobald er dem ihren entgegengesetzt war, zu entziehen, ja, sie verstand, wenn auch nur allmählich, alles das zu erreichen, nach dem ihr eigener Sinn verlangte. Sie besaß Zähigkeit und Ausdauer. Freilich handelte sie bei ihrer Jugend auch oft unüberlegt, nur der momentanen Eingebung, einem raschen Aufflammen der Laune gehorchend, aber mit ihrem scharfen Verstand sah sie auch sofort den Fehler ein und korrigirte ihn sehr häufig in nachsichtsloser Weise gegen sich selbst. So lernte sie, ihr Temperament zu beherrschen, und es war wohl anzunehmen, daß bei diesem Mädchen der Kopf und nicht das Herz den Ausschlag geben würde. Marie hingegen war ganz Gefühl, ganz Hingebung; wahre, ächte Liebe nur begreifend, die dem geliebten Gegenstand sich selbst in jedem Augenblick zum Opfer bringt und dies für nichts mehr hält, als ihre Pflicht. Bisher hatte sie nur ihre Eltern und ihre Schwester mit einer solchen Liebe umfassen können, jetzt übertrug sie auch auf Luise eine fast gleiche Zärtlichkeit. Die Liebe zum Manne ahnte sie bereits, aber sie kannte sie noch nicht. Kein Wunder, sie lebten auf diesem Gut in fast klösterlicher -3Einsamkeit, ein Umstand, der die kleine Elvira freilich nicht verhindert hatte, vor ihrem dreizehnten Jahre schon vier Liebschaften anzuknüpfen und wieder zu lösen, rasch drei Unglückliche zu machen, indeß ein vierter er war der Sohn des Großknechts und derzeit fürstlicher Kuhtreiber, ein Beweis, daß Elvira nichts auf Standesunterschiede hielt sich eines dauernderen Interesses zu erfreuen hatte. Sie war in jener Zeit seiner höchsten Gunst ihm nach seinen entfernten Weidepläßen nachgelaufen, um dort, an seiner Seite sihend, mit ihm zu jodeln und zu singen, und als sie damals von einem Besuch in der Residenz zurückgekehrt war, bei welcher Gelegenheit Luise sie wiederholt in die Oper geführt hatte, versuchte sie sogleich, in diese neue Kunst auch ihren alten Freund einzuweihen und ihm das Theaterspielen zu lehren. Die zwei Dilettanten der Kuhweide sangen die zärtlichsten Duette, auf einem Felsen stehend, der ihre Bühne vorstellte, und endeten ihr selbstkomponirtes Musikdrama höchst dramatisch durch einen Sprung ins Meer, das ihnen durch das hohe, dichte Gras versinnlicht ward, welches ein leiser Wind wellenartig bewegte, und in welches sie sich beide in wilder Todesverachtung stürzten. Die Lunge und der Kehlkopf des Mädchens bildeten sich bei diesen Uebungen, in der frischen Luft der Berge, ganz merkwürdig aus. Die Begabung, der künstlerische Trieb war schon viel früher dagewesen und suchte und ergriff jeden Anlaß, sich zu bethätigen. Elvira war ein winziges Kindchen, als sie ihr Kinderstühlchen vor den Spiegel rückte und mit dem neugierigsten Interesse die Kleine Kameradin betrachtete, die ihr daraus entgegenlächelte. Bald wurde sie vertrauter mit der kleinen Spiegeldame, und sie kam zu ihr auf Besuch und erzählte ihr lange, lange Geschichten, oder sang ihr ein Liedchen vor und die dadrin, die wurde niemals müde, ihr zuzuhören. Wenn sie dann von ihr Abschied nahm, konnte sie sich an den graziösen Verbeugungen, die ihr vis- à- vis ihr zurückgab, kaum satt sehen. Jedes Stückchen Putz, jede Blume, jeden Flitter brachte sie vor den Spiegel, um die dadrin schön zu machen, und es war eine Wonne, sie dann zu betrachten. Aber dann wollte sie sie auch einmal traurig oder gar häßlich sehen; sie hängte allerlei dunkles Zeug um sich und das Gesichtchen im Spiegel mußte finster blicken oder zornig, und die Stirne in Falten ziehen oder die knirschenden Zähne weisen. So entdeckte sie täglich neue Arten des Ausdrucks, und der Verkehr mit dieser fleinen Person im Spiegel, die jung und alt, schön und häßlich sein konnte und alle Gemüthsbewegungen so getreu darzustellen vermochte, schien ihr der unterhaltendste Zeitvertreib. Ihr Vater, der sie einmal dabei überraschte, verbot ihr mit Strenge ein so eitles, albernes Gebahren; als er sein ungehor= sames Töchterchen ein zweitesmal darüber ertappte, ließ er sich sogar zu einer Züchtigung hinreißen. Leider wurde dadurch einzig und allein bewirkt, daß Elvira ihre mimischen und stimmbildenden Studien insgeheim nur noch eifriger fortsette. Hunderte von selbsterfundenen Soloszenen, halb gesanglich, halb deklamatorisch, hatte sie ihrem Spiegel vorgespielt und wie oft, durch den Ausdruck ihrer Leidenschaften hingerissen, sich selbst bis zu Thränen gerührt. Als Luise nach dem Gute gekommen war, horchte sie begierig auf jedes Wort, das diese über Kunst und Künstler sprach, und sie gestand Luisen endlich, daß sie wohl große Luſt hätte, auch einmal eine Künstlerin zu werden, und die Tante möge ihr nur rathen, wie sie dies anzufangen hätte. Luise lachte darüber, als ihr aber Elvira hierauf ganze Szenen aus dem Stegreif vorsang und vorspielte, erkannte sie sogleich, welch' bedeutendes, schauspielerisches und musikalisches Talent in ihrer kleinen Nichte stecke, und in ihrer Ueberraschung und in ihrem Freimuth sprach sie sich bei Tische, im Beisein der ganzen Familie, über dieses neuentdeckte Talent aus und hielt mit ihrem Lob und ihrer Anerkennung nicht zurück. Eine furchtbare Szene folgte. Ihr Bruder gerieth außer sich und beschuldigte sie gradehin der Verführung seiner Tochter zu dem gefährlichen, ihm verhaßten Komödiantenthum. Luise ant wortete mit ruhiger Würde, sie suchte ihn zu besänftigen; er aber, dadurch noch mehr gereizt, häufte Vorwurf auf Vorwurf, Beschuldigung auf Beschuldigung. Luise entfernte sich tief verletzt, ja empört; am nächsten Morgen hatte sie das Haus ihres Bruders verlassen. Sie begab sich nach Italien. Sie hatte diese Reise längst beabsichtigt, jetzt wollte sie in dem Lande der Kunst sich von dem Verdrusse erholen, den sie der Kunst wegen erlitten. Einige Monate hatte sie hier zugebracht, und sie rüstete soeben zur Heimreise, als sie die sie tief erregende und erschreckende Nachricht von der ernstlichen Erkrankung ihres Bruders erhielt und zugleich die Bitte, doch schnellstens nach dem Gute zu kommen. Sie fuhr Tag und Nacht; als sie das Haus ihres Bruders wieder betrat, war er todt. Ein Schlaganfall hatte ihn im kräftigsten Mannesalter dahingerafft. Jetzt war alles anders. Die alte Jungfer wurde die Trösterin, die in That und Wort bereite Helferin der Familie, die Stütze der rathlosen Wittwe, der weinenden Kinder. Sie ordnete alles. Ihr Bruder, der sich in letzter Zeit in verfehlte Spekulationen eingelassen, hatte so gut wie tein Vermögen hinterlassen; aber sie erwirkte mindestens, daß die der Wittive ausgesezte geringe Pension um einiges erhöht wurde. Sie war es auch, die ihrer Schwägerin anrieth, Waidingen, dies in anmuthiger, gesunder Lage befindliche Städtchen, welches den Ruf größter Billigkeit genoß, zu ihrem bleibenden Aufenthalt zu wählen. Sie wollte ebenfalls dahin ziehen, um den Ihrigen, so durfte sie sie jetzt nennen, treu zur Seite zu bleiben. ( Fortsetzung folgt.) Albert Lorking. Eine Künstlerbiographie von Theodor Drobisch. Motto: Jm Sarg erst strecken sich die Menschen, Im Sarg erst wird der Künstler groß. In der Autographensammlung eines Kunstmäcens zu Wien fand ich einen Brief von Mozart aus dem Jahre 1786, der an den Baron van Swieten gerichtet war. Der Inhalt dieses Briefes erstreckte sich, in augenblicklich höchster Bedrängniß" auf die Bitte um Darleihung von zehn Gulden und endigte mit den Worten: Gott weiß, wie ich mich schinden und placken muß, um das bischen elend erbärmliche Leben zu gewinnen, und Stanzel*) will doch auch was haben." Diese Worte, geschrieben von Mozart, erinnern mich heute doppelt an Albert Lorging, an jenen begabten und unermüdlichen Künstler, der am 23. Oktober 1803 zu Berlin geboren wurde, und den die Erde daselbst nach seinem am 21. Januar 1851 erfolgten Tode auch wieder aufnahm. Lorging ist einer von den Musensöhnen, die nicht im Lehnsessel groß geworden sind, aber der Tod streckt die Menschen, und mancher, der im Leben eng und gedrückt einherging, braucht einen großen Sarg. An sein schweres Leben fügte das Schicksal ein leichtes Ende, er starb an einem Schlagfluß; seine Familie fand ihn eines Morgens unerwartet toot im Bette. *) Konstanze, seine Frau. Sein Hingang nach den Gefilden einer schöneren Natur hatte etwas Rührendes. Noch zwei Tage zuvor stand sein jüngstes Töchterchen am Fenster der bescheidenen Wohnung, schaute nach dem Himmel, und als da die eilenden Wolken vorüberzogen, sagte es:„ Sieh', Vater, das ist dem lieben Gott seine Eisenbahn, da werden wir einmal mitfahren!" Der treuliebende Vater sah empor und sprach: Ja, da werden wir mitfahren!" Er blickte bei diesen Worten auf seine Gattin, welche sechs unmündige Kinder umgaben, und schloß mit den Worten:„ Wenn ich todt sein werde, kann es euch noch einmal besser gehen!" So war er von geheimen Ahnungen durchdrungen, deren schwarze Erfüllung ihm bereits zu Häupten stand. Mir, als einem seiner ehemaligen Freunde, ist nach Wunsch der Redaktion dieser Blätter die Aufgabe zugefallen, eine biographische Skizze des Mannes zu geben, der so recht an deutschen Zuständen verkommen und verloren gegangen. Wenn ich, verehrter Leser, hier dein Cicerone sein darf, so folge mir; ich kenne Weg und Stege und kann dir alles zeigen. Es war am 23. Oftober 1803. Ein trüber Tag, ebenso trüb wie damals der politische Himmel Deutschlands, denn kurz vorher hatten die Franzosen Hannover besetzt und England die Elbe, sowie die Wesermündung blokirt. In einem einstöckigen Hause der Niederwallstraße zu Berlin waren die Fenstervorhänge einer kleinen Wohnung herabgelassen, wo die Gattin des Schauspielers Lorging der Stunde entgegensah, die einem Kindlein das Leben schenken sollte. Mit einem innigen Kuß nahm der Gatte auf ein paar Stunden Abschied von seinem lieben Weibchen, er mußte fort in das Theater, er mußte Komödie spielen. Als er zurückkehrte, begrüßte ihn die Kindsfrau mit den Worten: Ein Junge, ein prächtiger Junge!" Ihm war ein Sohn geboren worden, an dessen Wiege unsichtbar die komische Muse und der Genius der Tonkunst standen, die ihn hold anlächelten. Von seinen Eltern frühzeitig zur Musik angehalten, genoß der junge Lorking den ersten Unterricht bei Rungenhagen, wo er schon in seinem zehnten Jahre die„ Bürgschaft" von Schiller für Singstimme und Pianoforte komponirte. Sein späteres Schaffen brachte Lieder, Tänze und Klavierstücke, der Drang zur Bühne aber, wo er schon sein Talent in Darstellung von Kinderrollen bewährte, trat immer mächtiger hervor. Unterstützt von einer schönen, schlanken Figur, einem edeln, freundlichen Antlig, aus dem ein Paar Augen von seltener Schönheit glänzten, begabt mit reichen Stimmmitteln, war er gleichsam von der Natur zum Schauspieler schaffen. geGleich den meisten der großen Darsteller jener Zeit, fing er sozusagen von der Bike an, und es war ergöglich für alle Hörer, wenn er in trautem Kreise irgend so einen Schwank aus jenem Wanderleben er= zählte. So ließ ihn einmal während feines Engagements am Hoftheater zu Detmold wegen eines kleinen, aber gerechten Widerspruchs der Intendant bei Abhaltung einer Theaterprobe arretiren. 20H11.00. 4 erstes Auftreten als Carl Ruf in Schachmaschine" war von einem ganz außerordentlichen Erfolg begleitet. Einen solchen Bonvivant, welcher zugleich als Tenorbuffo in der Oper wirkte, im Schau- und Lustspiel, wie in der Posse stets des Beifalls sicher war, hatte man lange nicht gesehen. Das musikalische Leipzig war nun ganz der Ort für Lorgings weiteres Schaffen, zumal in einer Zeit, in der von Politik keine Rede war, in der man sich nicht in den Strom der Welt, sondern in den Strom der Harmonien versenkte. Im Besitz einer Jahresgage von eintausend Thalern, die sich, als er noch das Amt als Opernregisseur übernahm, auf zwölfhundert Thaler steigerte, lebte er heiter mit den Seinigen in dem kleinen Hänschen auf der großen Funkenburg, das dicht an den Teich grenzte und von einem Gärtchen umgeben war. Hier entstanden im Lauf von Albert Lorking. Bierundzwanzig Stunden Arrest!" donnerte der Gewaltige.| Zwei Soldaten mit aufgepflanztem Bayonnet erschienen. Lorging warf seinen weißen, mit rothem Sammet gefütterten Mantel um die Schultern, fommandirte: Vorwärts, marsch!" und im Tragödienschritt, wie der König unterm Thronhimmel in der Jungfrau von Orleans", ging der Weg nach der Hauptwache. Die halbe Einwohnerschaft von Detmold steckte die Köpfe zusammen, was ihr Theaterliebling wohl verbrochen haben möge. Am andern Tage wurde er mit Triumph von der Wache abgeholt, und die Gunst, welche ihm bereits in Düsseldorf und Köln vom Publikum zutheil geworden, befestigte sich nur noch mehr. Hier, in Detmold, war es, wo er sein Liederspiel:„ Der Pole und sein Kind" sowie das Oratorium„ Die Himmelfahrt Christi" schrieb. Im Jahr 1833 berief ihn der Direktor Ringelhardt an das Stadttheater nach Leipzig, was für ihn um so erfreulicher war, als daselbst sein Vater als erster Kassirer und seine Mutter für das Fach der„ komischen Alten" Anstellung gefunden. Lorgings mehr als fünfzehn Jahren die Opern, welche vielfach noch das Repertoire der Bühnen schmücken. Vereint mit Kollegen, denen Chikanen und Intriguen fern lagen, umgeben von Dichtern und Schriftstellern, wie Heinrich Laube, Robert Heller, Hermann Marggraff, HerLoßsohn, Gustav Kühne u. a., die in ihren Kritiken den Ernst mit der Milde paarten, tägliches Spiel vor einem akademischen Parterre und einem Publikum, das sich amüsiren und nicht rezensiren wollte, dies alles regte den immer heiteren und liebenswürdigen Künstler an, sein schönes Talent für die komische Oper zu verwerthen. So entstand sein erstes, größeres Werk in diesem Genre: ,, Die beiden Schüßen", welches zuerst in Leipzig am 20. Februar 1837 in Szene ging und worinnen er den Peter spielte. Ermuthigt durch den Erfolg, ging der Komponist, trotz seiner vielfachen Beschäftigung als Schauspieler, Sänger und Regisseur, sofort an ein neues Werk, wozu er das alte hermannsche Schauspiel: ,, Der Bürgermeister von Saardam" benutzte und sich das Textbuch zu seinem„ Czar und Zimmermann" schuf. In einer Zeit, in der wir in Betreff der Oper unser musikalisches Brot aus Paris holen mußten, war das Erscheinen einer deutschen Oper ein Ereigniß, namentlich einer komischen Oper. Man muß die Freude, den Jubel mit erlebt haben, als in Leipzig am 22. Dezember 1837,, Czar und Zimmermann" zum erstenmal in Szene ging. Aber auch wie trefflich besetzt! Berthold gab den Bürgermeister, Richter den Czar, Fräulein Günther die Maria, Lorking den Iwanow und seine Mutter die Zimmermannsivittwe. Das Orchester unter Stegmayers Leitung war an jenem Abend sozusagen eine Familie, und das Weihnachtsfest in jenem Jahr wohl das freudigste im Leben des Tondichters, der seine Musik nicht in Technik wickelte. " Kein Wunder, daß sich sofort sämmtliche deutsche Bühnen beeilten, das Werk an sich zu bringen, dem am 20. September 1839,, Caramo, oder das Fischerstechen", und am 23. Juni 1840 zur Vorfeier des Guttenbergfestes seine vierte Oper: Hans Sachs" folgte. Es drängt mich, hier ein Beispiel anzuführen, wie damals Theaterkritiker und musikalische Referenten heitere Tonwerke mit gleicher Gemüthlichkeit besprachen. So führte der musikkundige Beter Cornelius in der berliner Musikzeitung ,, Echo" den Leser bei Besprechung der leztgenannten lorgingschen Oper nach gemessener Einleitung auf das Rathhaus in Nürnberg, wo Hans Sachs unter die Meistersinger aufgenommen wird, und sagt:„ Hörst du sie singen? Das sind Knittelverse. Du schüttelst den Kopf? Es will dir nicht zusagen? Du bist verwöhnt durch Geibel und Mendelssohn? Süße Lyrik, zarte Romantik? Hilft dir nichts, wir sind hier in Nürnberg. Was murmelst du in deinen Bart: Schuster bleib bei deinem Leisten!? Willst du immer Leute, die im schwarzen Frack komponiren, und Dichter, die am feingeschnitten Schreibtisch ruhig zuwarten, bis der heilige Geist über sie kommt ein feines Bouquet vor sich, von schöner, hoher Hand geschickt, von der vielholden Frau, die er, wohin er geht und schaut, viel tausendmal grüßt? Denke dir Lorking und Hans Sachs- fünfte Etage, Dachstübchen, 6 Stiefelleisten, Kindergeschrei, dabei Pech und wieder Pech, und dann denke dir die Muse, die plößlich einmal zur Dachluke hereinlächelt und dem guten lieben Schuh- und Tenormachergesellen verstohlen die Hand drückt und sich dann selbst wieder drückt, und dann denke dir ein Lied, wie das Czarenlied, in aller Leute Mund, und wenn so ein guter Familienvater von der Reise heimkehrt, wie dann die Kinder singen: Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen! und wie nach Jahrhunderten vornehme Leute und große Dichter dem Schuster nachsingen und ihm Apotheosen schreiben, siehst du, das ist auch Poesie. Diese Blume wächst überall, wo ein gesundes Herz guten Boden hergibt, und am besten gedeiht, wenn sie mit edlem Wein oder heißen, bitteren Thränen beneßt wird." Nun, der bitteren Thränen gab es wohl mehr, als der Tropfen edlen Weines, wenn wir dies Bild hier in dem Lebensbilde festhalten wollen. Die nächstfolgenden, zuerst in Leipzig aufgeführten Opern des unermüdlich Schaffenden waren:„ Casanova" ( 31. Dezember 1841), der„ Wildschütz"( 31. Dezember 1842), Undine"( 4. März 1846), Der Waffenschmied"( 7. August 1846),„ Der Großadmiral"( 13. Dezember 1847),„ Die Rolandsknappen"( 25. Mai 1849) ,,, Die Opernprobe"( 17. Jan. 1852). ( Schluß folgt.) Die Ameisenstadt in Pennsylvanien. Von Prof. Dr. L. Büchner. Seit dem Erscheinen des großen Werkes von Forel über die Ameisen der Schweiz und der populären Schrift des Verfassers über Ameisen und Bienen*) hat sich das allgemeine Interesse noch mehr als früher dem wunderbaren Treiben jener kleinen Geschöpfe zugewendet, welche in ihren staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen soviel Verwandtes mit den Einrichtungen der Menschen wahrnehmen lassen. Namentlich haben ein englischer und ein amerikanischer Forscher, Sir John Lubbock, der Ver-fasser der ausgezeichneten Schrift über die vorhistorische Zeit, und Reverend Henry C. M'Cook, ein in Philadelphia wohnender Geistlicher, es nicht unter ihrer Würde gefunden, das Insekt der Insekten, die Ameise, abermals in ihrem merkwürdigen Thun und Treiben eingehend zu belauschen und haben dabei Gelegen heit gefunden, im wesentlichen alles das zu bestätigen und zu erweitern, was schon vor ihnen Forel und sein ausgezeichneter Vorgänger P. Huber gesehen und bekannt gemacht hatten. Namentlich hat der leztgenannte Herr, dessen Würde als Geist licher ihn nicht verhindert, den Werken der Natur als ächter Forscher nachzuspüren, mit unermüdlicher Geduld und Ausdauer die Ameisen seines Heimatlandes Pennsylvanien studirt und dabei eine Entdeckung gemacht, welche wohl verdient, weiteren Kreisen bekannt zu werden. Uebrigens mag hier sogleich bemerkt werden, daß die Entdeckung des Herrn Cook nicht allein oder vereinzelt dasteht, sondern eigentlich nur eine Wiederholung( wenn auch freilich eine Wiederholung im großartigsten Maßstab) der schon von Forel auf den Bergen bei Genf gemachten Beobachtungen über organisirte Kolonien einzelner Ameisenarten( Formica exsecta und F. pressilabris) ist. Eine Kolonie ist nach Forel ein Ameisenhausen, welcher mehrere Nester gleichzeitig vereinigt, und wobei die Insassen an gegenseitiger Freundschaft und wahrschein lich auch in einer Art gegenseitigen Bündnisses leben. Alle Ameisen der Schweiz, mit wenigen Ausnahmen, bilden zeitweise solche Kolonien, welche allerdings bei den meisten Arten nicht mehr als drei oder vier Nester umfassen. Bei einigen Arten dagegen nehmen die Kolonien einen weit größeren Umfang an, und findet man bisweilen ein in der Mitte gelegenes größeres Nest, welches den Mittelpunkt der Kolonien bildet und zu welchem die andern Nester sich wie sogen. Dependenzen oder Filialen zu verhalten scheinen. Die Kolonie hält als ein Ganzes zu fammen und man erlaubt sogar nicht, daß einzelne verlassene Nester derselben von anderen oder fremden Ameisen besetzt werden. Die größte Kolonie fand Forel auf einer Waldlichtung des Mont Tendre am Genfer See. Sie war von der F. exsecta, einer Art der F. rufa oder Waldameise, errichtet und umfaßte mehr als zweihundert Nester, welche sich auf einem Umfang von *) ,, Aus dem Geistesleben der Thiere, oder Staaten und Thaten der Kleinen." Von Prof. Büchner. 3. Aufl. Leipzig 1880, Thomas. " 150-200 Meter erstreckten. Die einzelnen Nester selbst hatten bis zu 7-8 Decimeter Höhe und 18 Decimeter Durchmesser an der Grundfläche. Millionen von Ameisen sah man fortwährend zwischen ihnen hin- und herlaufen, aber darunter keine einzige einer fremden Art. Einige am Rande der Kolonie gelegene Nester von Lasius flavus( gelbe Ameise) wurden von der exsecta erobert und in Besitz genommen. Eine ganz ähnliche, von der mit der F. exsecta nahe verwandten F. pressilabris errichtete Kolonie fand Forel auf dem kleinen Salive bei Genf zwischen Morney und Monnetier. Sie ist fast so groß wie die eben beschriebene; aber die Nester sind. etwas kleiner. Sie offupirt einen von verkrüppelten Stauden, auf welchen die Ameisen ihre Blattläuse erziehen, bewachsenen Plazz. Alle Bewohner der Kolonie sind untereinander Freunde und die Bewohner selbst der von einander am entferntesten ge= legenen Nester erkennen sich sofort gegenseitig, wenn man sie zusammenbringt und helfen einander beim Wiederaufbau der zerstörten Nester. Bringt man eine größere Menge derselben an einen entfernten Play, so beginnen sie alsbald mit Errichtung einer neuen Kolonie. Es begreift sich," sagt Forel ,,, welche Kraft in dieser Vereinigung liegt, und man kann ohne Uebertreibung diese Vereinigungen, wie dieses bereits Huber gethan hat, den Städten oder Republiken der Menschen vergleichen."- Dieselbe Ameise nun( F. exsecta oder exectoïdes), welche Forel auf dem Mont Tendre antraf, fand Mc. Cook in dem Alleghanygebirge in Pennsylvanien, wo sie dieselben Kolonien, wie in der Schweiz, aber, wie bereits gesagt, in einem dem riesigen amerikanischen Kontinente entsprechenden riesigen Maßstabe errichtet. Ihre Bauten, welche Cook im Sommer 1876 einer genauen Untersuchung unterwarf und über die er in den Verhandlungen der Amerikanischen entomologischen Gesellschaft vom November 1877 einen ausführlichen, mit vortrefflichen Abbildungen und photographischen Aufnahmen ausgestatteten Bericht abgestattet hat, sind, wie der Herr Berichterstatter sagt, allen Bewohnern und Besuchern der pennsylvanischen Berge wohlbekannt. Eine ganze Woche verbrachte Cook in Gesellschaft zweier Gefährten auf dem von ihm gewählten Untersuchungsfeld auf dem westlichen Abhang des Bruschgebirges, ungefähr eine englische Meile nordöstlich von der schönen Stadt Hollidaysburg, indem er in einem am Rande des Feldes errichteten Zelte wohnte und schlief. Die Ameise selbst führt in Pennsylvanien eben ihrer Bauten wegen den besonderen Namen der hügelbauenden Ameise( Mount- making Ant). Die von Cook untersuchte Kolonie auf dem sogen.„ Camp- Riddle" nimmt einen Raum von ungefähr fünfzig Acres an dem südwestlichen Fuß des Bruschgebirges ein, und die Menge der von den Ameisen errichteten Hügel oder Wohnungen in dieser ,, Ameisenstadt", wie sie dort allgemein im Munde des Volkes heißt, beträgt nicht weniger als ungefähr 1700 also acht bis neunmal so viel, als in den von Forel beobachteten Ameisenkolonien wobei die nur angefangenen oder noch nicht vollendeten Hügel nicht einmal mitgezählt sind. Ein Acker enthielt 33, ein anderer 25, im Durchschnitt jeder 29 Hügel. Die Hügel befinden sich in der Regel auf den westlichen und nördlichen Abhängen der Bodenfrümmungen, deren Beschaffenheit sandig ist und haben einen durch schnittlichen Umfang von zehn bis zwölf Fuß an der Basis und zwei bis drei Fuß Höhe; doch gibt es einzelne, welche sich bis zu der enormen Größe von 58 Fuß Umfang und 4-5 Fuß Höhe erheben! Immer finden sich einzelne Hügel, welche von ihren Bewohnern verlassen sind, ohne daß man, außer in ein zelnen Fällen, bestimmt sagen fann, aus welchem Grunde dieses geschehen ist. Cook ist der Ansicht, daß ein solcher Wechsel der Wohnung bisweilen nur Folge einer Laune, Liebhaberei oder dgl. sei. In der Regel bildet eine kleinere Anzahl von Nestern( 6-12) eine sogen. Familiengruppe; sie sind rings um ein größeres Nest gruppirt, welches den Mittelpunkt oder Mutter" hügel bildet und von welchem die anderen offenbar abstammen. Oft ist das Mutternest bereits verlassen und im Verfall begriffen, während die Tochterkolonien emporblühen. Die Nester bestehen aus Erde oder Sand, welche Stoffe aus dem Untergrund des Bauplatzes an die Oberfläche geschafft und mit Blättern, Holzstückchen, Grasstengeln, Kiefernadeln, Strohhalmen und ähnlichem Material vermengt worden sind. Mitunter sieht man die Oberfläche der Hügel ganz mit einzelnen Baumblättern bedeckt, welche die flei ßigen Arbeiterinnen abgeschnitten und herbeigeschleppt haben, um der Heimat Schuß gegen das Wetter zu gewähren. Einfallende Regenschauer lassen übrigens die Erdarbeiten der Ameisen in verstärktem Maße vor sich gehen, da der nasse oder feuchte Boden für ihre Zwecke weit brauchbarer ist, als der trockene. Was die innere Einrichtung der Nester betrifft, so fand sie Cook nicht wesentlich verschieden von dem, was darüber anderweitig bekannt geworden ist; auch die mitunter höchst ingeniöse Art des Bauens ist ebenso bekannt wie bewunderungswürdig. Obgleich die Ameisen sehr rasch arbeiten, glaubt Cook doch die Zeit, welche nöthig war, um die ältesten und größten der beobachteten Hügel bis zu ihrer gänzlichen Vollendung entstehen zu lassen, auf fünf bis sieben Jahre berechnen zu müssen; doch kann das Werk unter gewissen günstigen Umständen auch weit rascher vollendet werden. Einzelne Hügel werden von Cook auf ein Alter von mindestens dreißig Jahren geschätzt! Auch der Kompaß wird nach seiner Angabe von den Erbauern der Ameisenhügel berücksichtigt, indem der steile Abhang der Nester mit verhältnißmäßig wenigen, durch besondere Umstände veranlaßten Ausnahmen stets nach Osten, der sanfte stets nach Westen gerichtet ist wahrscheinlich um der Nachmittagssonne so lange wie möglich den Zugang zu erlauben. Besonders wichtig für das Bestehen der Ameisenstadt sind die Kommunikationsmittel oder die Wege, welche die einzelnen Nester oder Familiengruppen untereinander und mit dem Ganzen vereinigen. Sie werden gebildet durch ein großartiges System theils ober- theils unterirdischer Galerien, welche erstern, wie Cook bemerkte, mit großer Regelmäßigkeit stets von Norden nach Süden gelegt werden mit wenigen, durch besondere Umstände veranlaßten Ausnahmen. Sie erstrecken sich oft von einem einzelnen Punkt aus bis zu einer Entfernung von sechzig Fußen und führen gleichzeitig nach den nächstgelegenen Bäumen, auf denen sich Blattläuse aufhalten, oder nach sonstigen Futterplägen. Die Haupteingänge oder Thore der Ameisennester finden sich gewöhnlich am Fuße des Hügels, um welchen sie ringförmig in mehreren übereinander liegenden Reihen angelegt sind. Außerdem finden sich aber auch noch einzelne unregelmäßige Deffnungen über die ganze Höhe des Hügels verstreut. Sie sind nichts 7 anderes als die Ausmündungen der einzelnen Galerien und erlauben dem Ameisenvolt, bei einem Angriff auf das Nest sofort in großer Menge zur Abwehr zu erscheinen. Wenn man diese Bauten der kleinen Thierchen mit den Bauten und Kunstwerken der Menschen vergleicht, so erscheinen dieselben im Verhältniß zur Körpergröße ihrer Erbauer, wie Herr Cook ausgerechnet hat, etwa tausendmal so großartig, als die großartigsten Bauwerke der Menschen, von denen z. B. hunderttausend Arbeiter während dreißig Jahren an der großen ägyptischen Pyramide bauen mußten. Das System unterirdischer Galerien, welches sich in unbekannte Tiefen erstreckt, mag in der Schwierigkeit und Größe der Arbeit mit den römischen Katakomben verglichen werden. Aber das ohne Zweifel merkwürdigste dieser riesigen Ameisenstadt oder Kolonie besteht darin, daß, wie dieses schon von den forel'schen Kolonien mitgetheilt wurde, alle ihre Bewohner in einem unverbrüchlichen Verhältniß der Freundschaft und Genossenschaft mit einander und untereinander leben. Nach den Beschreibungen von Huber und anderen," sagt Cook ,,, und nach meinen eigenen sonstigen Beobachtungen hatte ich erwartet, mancherlei Spuren blutiger Gefechte bei den Bewohnern von Camp Riddle zu begegnen. Aber meine Erwartungen wurden nicht erfüllt; im Gegentheil fand ich nur Proben oder Beweise von Freundschaft und Zusammenhalt( confederation) unter den Bewohnern der verschiedenen Hügel u. s. w." Niemals entstehen z. B. bei dem Melken der Blattläuse oder Gallinsekten Zwistigkeiten, während andere Ameisen bekanntlich auf das heftigste um den Besitz ihres geliebten Melkviehs kämpfen. Jede Ameise einer solchen Kolonie ist an jedem einzelnen Plaze derselben gleichsam wie zu Hause, und bringt man eine Anzahl Ameisen mit ihren Eiern und Puppen aus den entferntest von einander gelegenen Nestern zusammen, so beginnen sie sofort eine Gemeinschaft zu bilden, nehmen auch fortwährend andere, von fernen Theilen der Kolonie hinzugebrachte Kameraden auf. Man muß darnach," sagt Cook, annehmen, daß diese Myriaden kleiner Geschöpfe, welche mehr als 1600 einzelne Nester bewohnen, in einer vollständigen Freundschaft oder Verbrüderung leben also in einer Republik, welche durch die Zahl ihrer Einzelstaaten und die Menge ihrer Bevölkerung die sanguinistischsten Erwartungen über die Zukunft unserer großen amerikanischen Republik in den Schatten stellt." Auch irgend etwas, das nur an Eifersucht zwischen den einzelnen Nestern oder an sogen. Lokalpatriotismus erinnert hätte, war nicht zu entdecken."-Beschä digungen an einzelnen Nestern werden, wie ebenfalls bereits von Forel berichtet wurde, mit vereinten Kräften rasch ausgebessert. Ebenso unterliegen kleinere oder größere Thiere, welche man auf die Oberfläche der Nester wirft, z. B. große Spinnen, Kröten, Schlangen, rasch den vereinten Kräften der Kolonisten und werden bis auf das Skelett abgenagt. Dieser Schilderung der großen pennsylvanischen Ameisenstadt reiht Cook noch eine große Menge interessanter Einzelheiten und Beobachtungen über die Gewohnheit, Lebensweise, Kunstfertigkeit u. s. w. des merkwürdigen Thieres an, welche alle hier aufzählen zu wollen, die Grenzen dieses Aufsages weit übersteigen würde. Da übrigens alles Wesentliche mit dem schon von früheren Beobachtern Gesehenen übereinstimmt, so wird es dem verehrten Leser, der sich für dieses Thema interessirt, ein Leichtes sein, sich darüber aus mancherlei Schriften, insbesondere der im Eingang erwähnten populär gehaltenen Schrift des Verfassers, welche augenblicklich bei Thomas in Leipzig in dritter und bedeutend vermehrter Auflage im Erscheinen begriffen ist, des weiteren zu unterrichten. Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Von S. E. ( I. Der Autor und Held der Geschichte stellt sich vor.) An einem Julivormittage des Jahres 1876 saß ich am Klavier und ließ meine Hände phantasirend über die Tasten gleiten. Meine Hände denn meine Gedanken flogen nicht minder phantasirend ihres eigenen Wegs. Möglich, daß die Töne, welche dem Piano entquollen, in voller Harmonie standen mit meinen Gedanken; wenigstens erinnerte ich mich nachher dunkel, daß ich mit so etwas wie der Variation eines chopin'schen Walzermotivs anfing, und daß ich mich dann, als ich fühlte, wie der Sturm der Töne dem Orfan der Gefühle, welcher in meiner Brust tobte, nicht gewachsen sei, blindlings in die unentwirrbare Wildniß jener tausendfach verschlungenen Akkordfetten einer lißt'schen Tarantella stürzte--, was ich aber weiter aus den in gerechtfertigter Verzweiflung auffreischenden Pianosaiten heraustrommelte, weiß ich wahrhaftig nicht mehr; ich dachte und fühlte eben zu orkanhaft rasch und gewaltig, als daß der bedächtige Kleinkrämer Verstand, der die Leidenschaften dütchenweise verkauft, mit seinem Buchhalter und Hausknecht Gedächtniß hätte nachfolgen können. Aber wer weiß es nicht?- die gestrengen Herren regieren nicht lange und des Wolkenbruchs Gewalt ist bald gebrochen. Auf einmal fand ich mich wieder mitten in einer jener wunderbar zum Herzen sprechenden Klaviersonaten Vater Haydns und ließ mich von der sanften Hand des ehrwürdigen Altmeisters im Reiche der Töne aus dem übermüthigen Jubel, der da in den ersten Akkorden des herrlichen Meisterwerks zum Himmel jauchzt, hinübergeleiten in das stille glückliche Behagen der Schlußpassagen. Ein tiefblauer Himmel lachte auf mich hernieder, die Sonne lugte von Südost her wärmend, nicht sengend, wie es sonst im Juli ihre Art ist, in das Zimmer meine Hände glitten von den Tasten hinab-- wer mich in diesem Augenblicke gesehen hätte, würde gemeint haben, ich sei recht recht glücklich; und, das Pianino weiß es und die Sonne, der Mond und die Sterne wissen es auch: ich war glücklich. Das Glücklichsein war übrigens, wenn ich offen sein soll, bei mir feineswegs ein Ausnahmezustand ich war im Grunde immer glücklich gewesen; ich hatte es blos nicht gemerkt. Jezt aber, nachdem ich während eines kleinen halben Stündchens wahre Schäße von Gefühlen in den Tönen der Musik zum Fenster hinausgeworfen hatte, jetzt, da ich urplötzlich nachzudenken begann, so recht tief und gründlich, wie ich es sehr wohl konnte und an andern Gegenständen, als mir selber, oft genug geübt hatte, jetzt fiel mirs erst in seinem vollen Umfange und Gewichte ins Bewußtsein, was ich für ein Glückspilz war. Ich sprang empor und trat vor den Spiegel. Genau so wie sonst sah ich aus gar nicht übel, das durfte ich mir schon gestehen, ohne bei mir selbst in den Verdacht eines eingebildeten Einfaltspinsels zu kommen. Das Schicksal hatte mich in keiner Beziehung zu kurz kommen lassen. Meinem Vater war es meines Wissens ebenso gegangen. Er hatte in seiner Jugend lange geschwankt, ob er Gelehrter oder Bankier werden sollte. Weil er sich zu einem von beiden nicht entschließen konnte, war er beides geworden. Er hatte das sich eines jahrhundertelangen Bestehens erfreuende Bankhaus meines Großvaters übernommen, nachdem er die juristischen Staatsexamina absolvirt, und widmete sich ganz gelehrten Liebhabereien. Das Geschäft ging sozusagen von selbst. Goldgetreue Buchhalter, Kassirer und Prokuristen arbeiteten sich frumm, lahm und blind für den wohlbegründeten Ruf des Bankhauses Gottfried Eckarts Erben. Mein Vater sammelte Raupen, Steine, alte Bücher und Handschriften, stöberte mit besonderer Leidenschaft in staubzerfressenen Chroniken herum und machte Reisen durch ganz Europa, von Christiana bis Messina, von Moskau bis Lissabon, aber nur, um sich überall in modrige Büchereien und archivalische Mottenmassenquartiere zu vergraben. Seine näheren Bekannten Freunde besaß er nicht und brauchte er nicht hatten ihn im Verdacht, er sammle Material für ein bis zehn große, weltbewegende Werke. Er selbst theilte diesen Verdacht, und wirklich, als er starb ich war noch nicht zwei Jahr alt, als ihn der Tod in seinem fünfzigsten Lebensjahre hinwegraffte-hinterließ er ein wahres Himalayagebirge von Aufzeichnungen aller Art." Er mußte kolossal fleißig gewesen sein, ungeheuer viel studirt und gedacht haben, aber unter all' dem Niedergeschriebenen war nicht eine Zeile, die ein anderer als er selbst hätte verwerthen können alles zusammenhanglos und kunterbunt untereinander, Hinweise auf Bücher, die kein Mensch kannte, Citate in Sprachen, die niemand verstand. Meine Mutter war eine sehr praktische Frau; sie war dereinst eine berühmte Opernsängerin gewesen und pflegte von sich selbst zu rühmen, sie habe Verstand genug besessen, sich in dem Momente von der Bühne zurückzuziehen, als sie auf der Höhe ihres Ruhmes angelangt war und kein Weg höher hinaufführte, dafür so mancher schier unmerklich abfallende Pfad hinab in den Abgrund allmälichen Vergessenwerdens. Sie hatte also eines Tags meinen Vater geheiratet, nachdem sie ihm aus purer Neugierde ein paarmal in die Bibliothek des Hoftheaters nachgeklettert war, um zu sehen, was ein sonst recht gescheit aussehender Mann in moderschwangeren Dachkammern zu suchen habe. Mein Vater hatte sich um so lieber heiraten lassen, als ihm solch eine PrimaSonna wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien, das bis auf 8 | den Grund studiren zu können schon eine Messe werth sein mußte. Er hatte sich auch nicht verrechnet, denn er lebte nach oft wiederholtem eigenen Geständniß sehr glücklich mit meiner Mutter ,,, zu glücklich," sagte einmal in meiner Gegenwart mit mysteriösem Lächeln unser Hausarzt, der Hofrath Wenzel. Zweifellos stand fest, daß er die Mutter zärtlich zu lieben anfing, nachdem er sie geheiratet hatte, und daß er sie zärtlich geliebt hat bis an sein seliges Ende. Sie ließ ihm allen Willen, alle Raupen, alle Steine, alle alten Pergamente, Papiere und Bücher; sie war sogar so rücksichtsvoll, sich den größten Theil des Tages und Jahres außerhalb des Hauses aufzuhalten auf Promenaden und Visiten, in Konzerten und im Theater, auf Reisen und in Bädern, und er konnte zuhause bleiben, ganz ungestört, ganz unbeobachtet. Dafür aber, wenn die Mutter zuhaus war, durfte der Vater auch nicht von ihrer Seite weichen, sie konnte dann nicht eine Minute ohne ihn sein, so lieb hatte sie ihn. Der Hofrath hatte jedenfalls recht, dies Glück war zu groß für meinen Vater, darum starb er im dritten Jahre seines Ehelebens. Meine praktische Mutter nun um auf die gelehrte Hinterlassenschaft meines Vaters zurückzukommen schenkte den Notizenhimalaya dem Hausknecht, damit dieser ihn nach dem Centner verkaufen könne, und der that es gewissenhaft. So kam die Frucht viertelhundertjähriger Gelehrtenarbeit unters Publikum und der Käsekrämer hatte seine Freude daran. Ich war nun als einziger Sohn ein zweiter kam nach, aber ging ebenso rasch wieder hinweg von dieser schönen Erde glänzend erzogen worden. Von frühauf hatte ich Lehrer für französisch und englisch, spanisch und italienisch, sodaß ich bereits mit sieben Jahren mit meiner Mutter, die in all' diesen vier Sprachen vor Zeiten gesungen, konversiren konnte. Im Klavierspiel, Gesang und Deklamation unterrichtete mich die Mutter selbst von der Zeit an, wo ich sprechen konnte und Hände und Mund dem von fremdem Wunsche geleiteten Willen folgten. Im Schreiben und Rechnen unterwies mich einer unserer Buchhalter und mit Weltgeschichte, Geographie und Naturlehre nährte meinen findlichen Geist eine schweizer Bonne, die im Gouver nanteneramen hartnäckig durchgefallen war, weil sie ihrer Versicherung nach für die Examinatoren viel zu flug gewesen war. So war ich denn bereits ein anerkanntes Wunderkind, als ich aufs Gymnasium kam. Hier bildete sich ein unbändiger Ehrgeiz aus, zu dem längst mit emsigster Bemühung die Keime gelegt waren. Ich war der allerbeste und wollte es bleiben. Häusliche Unterstützung fehlte natürlich nicht. So blieb ich denn der primus omnium von der Sexta bis zur Prima; mit 18 Jahren machte ich mein Abiturienteneramen mit Nummer 1 und der gewiß außergewöhnlichen Bemerkung: Seine Kenntnisse reichen in allen Fächern weit über die Aufgabe des Gymnasiums hinaus. Wäre ich nun ein gewöhnlicher Mensch gewesen, so wäre ich als Fuchs in das patenteste heidelberger Korps eingesprungen und hätte auch die goldenen Füchse springen lassen, mit denen mir meine splendide Mutter unermüdlich die Taschen zu füllen bereit war. Aber das Korpsleben kam mir kindisch vor, meiner, des gebornen Gelehrten, gänzlich unwürdig. Zudem war mein Lebensplan bereits fix und fertig. Ich eröffnete also meiner Mutter, daß ich mich zunächst für ein halbes Jahr auf Reisen begeben würde, um einmal Weltluft einzusaugen und zu Michaeli meine Studien zu beginnen. Meine Mutter hatte nichts dagegen und stellte nur die Bedingung, daß ich sie im Juni in Wiesbaden und im September in Cannes, am Mittelmeer aufsuche, damit sie mich der Gesellschaft dieser Kurorte der noblen Welt als Sohn und Wunderjüngling präsentiren könne. Ich versprachs und hielt mein Versprechen. Während des ganzen Sommers trieb ich mich anfangs freuz und quer in der Welt herum. Heut war ich in Wien, morgen in Salzburg, um vier Tage darauf über Rügen nach Kopenhagen und Stockholm zu gehen. In dieser planlosen Hezjagd lag System. Genial, wie ich nun einmal war, wollte ich erstens im Fluge Europa kennen lernen wie meine Westentasche, und dann mir den ersten Eindruck, der bei vielen Menschen, besonders aber bei genialen, sich als der allein richtige bewähren soll, durch Bekanntschaft mit der Kehrseite der Medaille nicht trüben lassen. Wo mich der erste Eindruck am mächtigsten ergreifen und wo die wenigste Gefahr sein würde, ihn durch unwesentliche Kleinigkeiten hinterdrein zerstören zu lassen, wollte ich von meinen abenteuerlichen Reisen im Zickzack ausruhen. Bald fand ich dazu die schönste Gelegenheit. Auf einem Alpengipfel in der Schweiz war es, wo mich die Großartigkeit - 9 und berauschende Schönheit der Natur bei einem Sonnenuntergange, so herrlich, wie ihn selbst mein Führer noch nicht gesehen zu haben behauptete, völlig überwältigte. Hier laß uns Hütten bauen," rief ich dem biederen Sohne der majestätischen Alpenwelt zu, indem ich ihn, total aus meiner junggelehrten Ueberlegenheit herausgeworfen, in die Arme schloß. Der Brave glaubte, mir sei unwohl, nöthigte mir einen Schluck aus der Cognacflasche auf und brachte mich nach der nächsten Sennhütte. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß es eine pure Unmöglichkeit sei, in irgend einer Gletscherspalte den Sommer über ein beschauliches Dasein zu führen, miethete ich mich bei der Sennerin ein, die mir für schweres Geld eine Art Stall abtrat, in welchem ich mich häuslich einrichtete. Nun lebte ich allein der Natur und mir. Die Sennerin hätte mich daran nicht gehindert, wenn sie auch zwanzig Jahre jünger und so sauber gewesen wäre, wie Venus Anadyomene, als sie jungfräulich aus schäumendem Meer ans Licht stieg. Auch fremde Besucher thaten es nicht, denn die gab es so gut wie garnicht. Aber Nebel, Regen und eisigkalte Windschauer thaten es oft genug. Indeß, da mir mein Führer im Verein mit der Sennerin erklärt hatte, hier oben hielte so ein verwöhnter Städter es nicht acht Tage aus, während ich mich zu zweimonatlangem Aufenthalt einquartirte, und da ich nicht blos Genie, sondern auch Charakter haben wollte, so harrte ich aus, wie ein Held, aß Brot und Käse, trank Milch dazu und suchte Trost und Rettung aus der Pein der Langeweile und Vereinsamung bei meinen geliebten Büchern, deren ich mir einen großen Koffer voll hatte nachkommen lassen. Ich las wieder und wieder Homer und Horaz, Virgil und Ovid, und vertiefte mich in die unabsehbaren Abgründe und bodenlosen Gedankenmeere der griechischen Philosophie. Ich kam mir vor, wie Jesus in der Wüste. Und da ich jedenfalls, ähnlich wie er, nur in modernem Sinne mit moderner Aufgabe, durch meine hohe Begabung bestimmt war, auch so etwas zu werden wie ein Heiland für die Menschen, oder wenigstens, bescheiden geurtheilt, für mein Volt, so war gegen eine schwere Prüfungszeit nicht das geringste einzuwenden. Als sie vorüber war, kam ich mir wirklich vor wie ein Heiliger. Meine Mutter meinte sogar, ich entwickle auf den staubigen Straßen des schönen Cannes soviel Würde, wie ein junger Gott. In der That waren mir die Vergnügungen wie die Menschen in dem Klimatischen Kurorte am Mittelmeere viel zu wenig philosophisch, als daß sie mir hätten Geschmack abgewinnen können. Ich eilte daher, sobald ich konnte, nach der Universitätstadt X. und ließ mich bei der philosophischen Fakultät immatrikuliren. In den ersten beiden Semestern hörte ich nur die Philosophie des klassischen Alterthums. Dann sah ich ein, daß auch die moderne Philosophie nicht zu verachten sei und ging zu Bacon und Cartefius, Spinoza, Kant und Hegel über. Im vierten Semester merkte ich, daß die Weisheit und die Welt mit der Philosophie allein nicht erschöpft sei, daß man die Natur nicht nur gelegentlich aus der Vogelperspektive einer Sennhütte ein Schock Tage lang betrachten, sondern daß man sie auch in allen ihren Reichen studiren müsse, hübsch akademisch studiren, in Hörsälen und durch die Brille berühmter Professoren hindurch, wenn man erfahren will, was die Welt im innersten zusammenhält. Daher warf ich mich im fünften und sechsten Semester auf die Naturwissenschaften, mit all der Arbeitsenergie, welche mein Gesicht bereits längst um die für einen Gelehrten ohnehin unpassende alpenbraune Hautfärbung und meinen Körper um den größten Theil seiner Fleischbekleidung gebracht hatte. Diese Energie war auch der Grund, daß ich am zweiten Juli 1876 mir nur das Prädikat„ garnicht übel" beilegen konnte, als ich seit langer Zeit zum erstenmale mein Aeußeres einer scharfen Besichtigung im Spiegel unterzog. Ich war unzweifelhaft nicht blos beträchtlich weniger mustulos als Herkules und beträchtlich weniger beleibt, als man den Bacchus meines geliebten Hellenen volkes darzustellen beliebt, sondern ich war sogar nicht um ein geringes magerer, als der Apoll vom Belvedere, und konnte nur in der Gesichtsfarbe mit solch einer Marmorstatue einigermaßen konkurriren, was mich wenig tröstete, da sie mich versichert hatte, nur alte Jungfern, angehende Blaustrümpfe und allenfalls noch purpurwangige Mezgersgattinnen, welche die Kontraste lieben, hätten heutzutage noch eine naturividrige Schwäche für die ehemals so interessante Blässe. Sie! Da wäre ich denn glücklich auf meiner Gedankenreise um den Aequator meiner Lebenskugel da wieder angelangt, von wo ich ausgegangen oder vielmehr ausgeschwärmt bin. Ich liebte eine Liebe, wie ich sie bis vor sehr kurzer Zeit für eine jämmerliche Thorheit und für eines Mannes, insbesondere eines Mannes, der infolge glorreich bestandener Doktorpromotion in die geschlossenen Reihen zünftiger Wissenschaftspächter eingetreten war, gänzlich unwürdig gehalten hatte. Und das Schlimmste dabei war, daß ich selbst mit dem Aufwand all' meines Scharfsinns nicht dahinter zu kommen vermochte, welchen absonderlichen Umständen ich diese Liebe zu verdanken hatte. Der Gelehrte in mir hatte anfänglich nicht üble Lust gezeigt, sie für eine Art von Geisteskrankheit zu halten. Aber um mich frank erklären zu können, war mein Allgemeinbefinden ein zu gutes, es war ein durchaus normales. Meine Arbeitsfähigkeit und Schaffensfreudigkeit war nicht vermindert, sondern eher erhöht, mein ganzes Wesen und Sein durchleuchtete und durchwehte ein Frohmuth, wie ich ihn weder in der folianten- und handschriftengesegnetsten Bibliothek, noch auf den Alpen in der Sennhütte, oder auch vor dem wunderbar großartigen Naturschauspiel des Sonnenunterganges hinter glitzernden Firnen je nur in leisen Spuren empfunden. Und wenn es noch ein außergewöhnliches Wesen, ein Götteroder Idealweib gewesen wäre, welches mich in Ketten und Banden geschlagen! Mich hatte die Liebe gepackt plötzlich und mit unwiderstehlicher, unbegreiflicher Gewalt, und dennoch war ich nicht einmal blind für die Fehler meiner Gelieben geworden. Mein Mädchen war hübsch, recht hübsch, aber sie war nicht schön in des Wortes klassischer Bedeutung, geschweige denn eine Schönheit ersten Ranges. Reizend war sie, besonders für mich, aber weshalb besonders für mich? Mein Mädchen war klug und gut, aber sie war weder blendend geistvoll, noch imponirend kenntnißreich, und daß sie an Seelengüte weit über die große Menge der besten ihres Geschlechts hinausrage, das anzunehmen hatte ich nicht den mindesten Grund. Sie war auch nicht reich im Gegentheil. Sie war desgleichen nicht von edler Geburt, einer Beamtenfamilie entsprossen, deren Geschichte sich schon mit dem Urgroßvater Thorschreiber in das undurchdringliche Dunkel der Proletariereristenzen des vorigen Jahrhunderts verlor und die in dem Vater, dem unlängst zu früh dahingegangenen Postsekretär Ernst Ranke, ihre höchste Stufe gesellschaftlicher Geltung und materiellen Erfolges erklommen haben mochte. Sie neben mir neben des Glückes verschwenderisch ausgestattetem, verhätschelten Sohn! Und doch wenn ich neben ihr stand, fühlte ich nicht, als wäre ich der Arme, der Unbedeutende, der Bettler um einen lieben Blick, der Hungrige nach einem süßen Wörtchen von den rothen Lippen des Mädchens, der überschwenglich Gesegnete, wenn die Lippen nicht nur sprachen, nicht nur so traut flüsterten und lispelten, sondern wenn sie einmal gar geruhten, sich berühren, sich füssen zu lassen? Es war ein Räthsel, in dessen Wirrnisse ich mich unlöslich verstrickt hatte unlöslich Aber losreißen mußte ich mich wenigstens von dieser Träumerei von diesem Versteigen und Versinken in tumultuarischen Gefühlen und durcheinander wirbelnden Gedanken. Ich hatte ja auch sehr Nüchternes zu thun, Nüchternes und doch so Angenehmes. Eine neue Wohnung mußte ich mir miethen. Eine neue Wohnung in der Nähe ihrer Wohnung, daß ich sie öfter sehen, bequemer sprechen könnte fortan. Als ich so wieder geistig glücklich auf den Boden prosaischer Wirklichkeit gelangt war, sprang ich auf von dem Lehnstuhl, welcher als Hauptzierde meines im übrigen spartanisch einfach ausgestatteten Arbeitszimmers prangte, und machte mich hastig zum Ausgehen bereit. Ich hatte zwanzig Minuten zu laufen, ehe ich in die ersehnte Gegend tam. Die rasche, anhaltende Bewegung that mir wohl; ich fühlte mich viel ruhiger als zuvor, ich kam mir wieder etwas verständiger und verständlicher vor. 3wei elegante Zimmer zu vermiethen, parterre links," las ich an dem großen Portale eines stattlichen Hauses. Ich durchschritt eine hochgewölbte, mit pompejanischer Wanddekoration reich geschmückte Hausflur und bemerkte linker Hand eine eichengestrichene Flügelthür, an der sich ein großes, glänzendes Metallschild präsentirte mit der Inschrift: Chlodwig Cannabäus, Magnetiseur. 10 Chlodwig Cannabäus, Magnetiseur ein kostbarer Name| Spiritismus darstellen. Aber eine pikante Narrheit erschien mir dieser Magnetismus, und Lust am Pikanten war es zum guten Theile, daß ich, schon als ich die elektrische Klingel durch flüchtigen Druck in Bewegung sezte, so ziemlich fertig war mit dem Entschlusse, hier und nirgendwo anders Quartier zu nehmen. ( Fortsetzung folgt.) und ein kostbarer Stand. Ich, der ich auch einer von denen war, welche sich mit der ganzen Bildung ihres Jahrhunderts ausgerüstet fühlen, konnte natürlich nur Narrheit oder Betrug suchen und finden in modernen Mysterien, wie sie der thierische Heilmagnetismus und der menschliche oder gar übermenschliche Heißsporne und Sicherheitskommissarien im Gebiete der Naturwissenschaft. Von Bruno Geiser. Jedermann weiß und jeder vernünftige Mensch ist stolz darauf, daß die Wissenschaft von der Natur in ihren Allgemeingrundsäßen sowohl, als in allen ihren Einzelfächern während des lezten Halbjahrhunderts die gewaltigsten Fortschritte gemacht hat, Fortschritte, welche unsre Einsicht in den Bau der Welt erstaun lich erweitert und unsre Fähigkeit, die Naturkräfte zu unserm Vortheile zu verwenden, tief in das Meer des noch bis vor kurzem für unmöglich Gehaltenen hinein erhöht haben. Nichts ist erklärlicher, als daß der Sturmschritt, welchen die erobernde Wissenschaft in neuester Zeit angenommen hat, bei den einen stürmische Begeisterung, bei den anderen zage Besorgniß erregt. Die heißblütigen Geistigstarken und Geistigjungen jubeln; sie fühlen sich fähig, gleichen Schritt zu halten mit der voran stürmenden Erkenntniß, sie möchten alles mit sich fortreißen und schießen in ihrem Feuereifer leicht genug über die Barrikaden der Thatsachen, über das Ziel der Wahrheit hinaus. Die Geistesschwachen und-Alten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und zetern. Sie fühlen den Boden ihres wohlerworbenen Wissens unter den Füßen weichen und wissen sich selbst nicht start genug, mit dem Erwerben von neuem zu beginnen; sie trauen sich selbst sehr oft nicht die kritische Schärfe, die Urtheilssicherheit zu, welche dazu gehört, um guten Muths an die Prüfung des Neuen, an die Scheidung der spekulativen Spreu von dem Weizen der richtigen Erkenntniß zu gehen. Mitteninne zwischen jenen, den Stürmern und Drängern, und diesen, den lebendigen Hemmschuhen am Rade des Kulturfortschritts, stehen die Männer der Vorsicht, die Sicherheitsfommissarien; sie erheben warnend den Finger und die Stimme, deuten auf die Felsen, an denen sich der Pfad der Erkenntniß steil emporwindet und mancher feurige Kopf leicht zu schanden gehen kann, und suchen Angst zu verbreiten vor den Abgründen, welche zur Seite des Pfades sich öffnen. - Die neueste Geschichte der Naturwissenschaft kennt die Stürmer und Dränger so gut, wie die Hemmschuhe und die Sicherheits kommissarien. Zwischen diesen letzten und jenen ersten haben sich dramatische Szenen und Afte, ja ganze große Schauspiele abgespielt, welche in mehr als einer Beziehung werth sind, betrachtet und beleuchtet zu werden. Solch' ein vielbesprochenes, auch in der ,, Neuen Welt" mehrfach und von berufenem Munde erwähntes Schauspiel ging in seinem ersten und Hauptakt auf der in den Septembertagen 1877 zu München abgehaltenen Naturforscherversammlung in Szene. Die Akteure waren Gelehrte von hohem Rang und gutem Namen; als erster Held und Liebhaber trat auf der vielgefeierte Hauptvertreter des Darwinismus in Deutschland, der jenenser Professor Ernst Häckel, und als Charakterdarsteller( mit einem leichten Anflug von Intriguantenthum) stellte sich ihm entgegen der berühmte Physiologe und Schöpfer der Cellularpathologie, der berliner Geheimrath Rudolf Virchow. Häckel hatte das Wort ergriffen zu einer wohlvorbereiteten, die Quintessenz seines wissenschaftlichen Strebens und Erkennens enthaltenden Auseinanderseßung über das Verhältniß der heutigen Entwicklungslehre zur Gesammtwissenschaft. Die Entwicklungslehre, die ihre siegreiche Verbreitung in erster Linie Charles Darwin verdankt so führte er sein Thema aus-, greift tiefer als jede andere Lehre in unsre wichtigsten Ueberzeugungen ein, sie allein löst die Frage aller Fragen, die von der Stellung des Menschen in der Natur. Die Entwicklungslehre ist die Grundlage der organischen Formenlehre oder Morphologie geworden, indem sie den ungeheuer belangreichen Saz auf stellte und, wie die Darwinianer wollen, bewies, daß die Geschichte des Keimes ein Auszug der Geschichte des Stammes ist, welchem der Keim entsproß, bedingt durch die Gesetze der Vererbung; ein Saz, welchen Häckel schärfer und nach einer bestimmten Richtung hin einschränkend folgendermaßen faßt: Die Keimesentwicklung ( Ontogenesis) ist eine gedrängte und abgekürzte Wiederholung der Stammesentwicklung( Phylogenesis); und zwar ist diese Wiederholung umso vollständiger, je mehr durch beständige Vererbung die ursprüngliche Auszugsentwicklung( Palingenesis) beibehalten wird; hingegen ist die Wiederholung umso unvollständiger, je mehr durch wechselnde Anpassung die spätere Fälschungsentwicklung ( Cenogenesis) eingeführt wird." Nach diesem Lehrsaße sind die Formwandlungen, welche der Keim, z. B. der Menschenembryo oder das Hühnerei u. s. w., in kürzester Zeit durchläuft, eine gedrängte und abgekürzte Wiederholung der Formwandlungen, welchen die Vorfahren des betreffenden Organismus, z. B. die des Menschen oder des Huhns, im Laufe vieler millionen Jahre unterlagen. Wenn wir heute ein Hühnerei in die Brütmaschine legen," sagte Häckel ,,, und in 21 Tagen daraus ein Küchlein ausschlüpfen sehen, so staunen wir nicht mehr stumm die wundervollen Verwandlungen an, welche von der einfachen Eizelle zur zweiblättrigen Gastrulla( Keiniblase), von dieser zum wurmähnlichen und schädellosen Keime und von da zu weiteren Keimformen führen, die im wesentlichen die Organisation eines Fisches, eines Amphibiums, eines Reptils und zuletzt erst des Vogels zeigen. Vielmehr schließen wir daraus auf die entsprechende Formenreihe der Vorfahren, welche von der einzelligen Amöbe zur Stammform der Gasträa, und weiterhin durch die Klasse der Würmer, Schädellosen, Fische, Amphibien, Reptilien bis zu den Vögeln geführt haben. Die Reihe der Keimformen des Hühnchens gibt uns so ein skizzenhaftes Bild von seiner wirklichen Ahnenreihe." nur Mit der Entwicklungslehre ist neben andern in der That auch die uralte Frage nach der Herkunft des Menschengeschlechts gelöst. Der Mensch ist nicht allein ein Thier, wie andre Thiere die uns bekannte höchste Stufe einnehmend-, sondern er gehört zu einem wohlbekannten und weitverzweigten, von mehreren Klassen und vielen Arten repräsentirten Thierstamme, dem der Wirbelthiere, zu der Klasse der Säugethiere und deren Unterklasse der Placentalthiere und der Ordnung der Affen, ist also von Linné gerechtfertigterweise mit Affen und Fledermäusen in eine und dieselbe Ordnung gestellt worden. Aber der Mensch ist nicht nur ein Thier, dessen nächste Verwandte heute noch in voller Thierheit auf den Bäumen herumKletternd oder in den Lüften fliegend ihre Existenz finden, sondern hängt auch über die ganze Stufenleiter der sogenannt organischen Wesen hinab in allem, was sein ist, auf das innigste mit dem anscheinend und vermeintlich Leblosen zusammen. Mit und in allem, was er hat und ist, auch in den sublimsten Aeußerungen seines geistigen Vermögens, denn fährt Häckel fort, gleichviel, wie man sich auch den Zusammenhang von Seele und Leib, von Geist und Materie vorstellt, so geht soviel aus der heutigen Entwicklungslehre mit voller Klarheit hervor, daß mindestens alle organische wenn nicht überhaupt alle Materie in gewissem Sinne beseelt ist. Zunächst hat uns die fortgeschrittene mikroskopische Untersuchung gelehrt, daß die anatomischen Elementartheile der Organismen, die Zellen, allgemein ein individuelles Seelenleben befizen. Seitdem Schleiden vor vierzig Jahren in Jena die bedeutungsvolle Zellentheorie für das Pflanzenreich begründete und Schwann gleich darnach sie auf das Thierreich übertrug, schreiben wir diesen mikroskopischen Lebewesen allgemein ein individuelles, selbständiges Leben zu; sie sind die wahren, Individuen erster Ordnung, die, Elementarorganismen nach Brücke.- Diese Auffassung wird endgiltig begründet durch das Studium der -11Infusorien, Amöben und anderer einzelliger Organismen. Denn hier treffen wir bei den einzelnen, isolirt lebenden Zellen die selben Aeußerungen des Seelenlebens, Empfindung und Vorstellung, Willen und Bewegung, wie bei den höheren, aus vielen Zellen zusammengesezten Thieren! Nun ist aber ebensowohl bei diesen letzteren sozialen Bellen, wie bei jenen ersteren Einsiedlerzellen das Seelenleben der Belle an eine und dieselbe wichtige Bellsubstanz, an das Protoplasma, gebunden. Wir sehen sogar an den Moneren und anderen einfachsten Organismen, daß einzelne abgelöste Stückchen des Protoplasma ebenso Empfindung und Bewegung besigen, wie die ganzen Zellen. Danach müssen wir annehmen, daß die Zellseele selbst wieder zusammengesetzt ist, nämlich das Gesammtresultat aus den psychischen ( seelischen) Thätigkeiten der Protoplasma- Moleküle, die wir kurz Plastidule nennen. Die Plastidulseele wäre demnach der legte Faktor des organischen Seelenlebens." Aber mit diesem letzten Faktor des organischen Seelenlebens hat die darwinistische Seelentheorie ihren lezten Trumpf noch nicht ausgespielt. Im Gegentheil: die Hauptsache, der Saltomortale, das Nonplusultra der Entwicklungslehre kommt noch. -Die neuere organische Chemie lehrt um streng nach Häckel fortzufahren, daß die eigenthümlichen physikalischen und chemischen Eigenschaften eines Elements, des Kohlenstoffs, in seiner verwickelten Verbindung mit anderen Elementen es sind, welche die eigenthümlichen physiologischen Eigenschaften der organischen Verbindungen, und vor allen des Protoplasma bedingen. Die Moneren, blos aus Protoplasma bestehend, schlagen hier die Brücke über die tiefe Kluft zwischen organischer und anorganischer Natur. Sie zeigen uns, wie die einfachsten und ältesten Organismen ursprünglich aus anorganischen Kohlenstoffverbindungen entstanden sein müssen. Wenn somit bei der Urzeugung eine bestimmte Anzahl Kohlenstoff- Atome sich mit einer Anzahl Atome von Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Schwefel zu der Einheit eines Plastidules( oder Protoplasma- Molekules) verbinden, so müssen wir die Plastidulseele, d. h. die Gesammtsumme seiner Lebensthätigkeiten, als das nothwendige Produkt aus den Kräften jener vereinigten Atome betrachten. Die Spuren der zentralen Atomkräfte aber können wir in konsequent monistischem Sinne auch, Atomseele' nennen. Durch zufälliges Zusammentreffen und mannichfaltige Verbindung der konstanten unveränderlichen Atomseelen entstehen die mannichfaltigen höchst variabeln Plastidulseelen, die molekularen Faktoren des organischen Lebens. Angelangt an dieser äußersten Konsequenz unserer monistischen Entwicklungslehre begegnen wir uns mit jenen alten Vorstellungen von der Beseelung aller Materie, welche schon in der Philosophie des Demokritos, Spinoza, Bruno, Leibniz, Schopenhauer einen verschiedenartigen Ausdruck gefunden haben. Denn alles Seelenleben läßt sich schließlich auf die beiden Elementarfunktionen der Empfindung und Bewegung, auf ihre Wechselwirkung in der Reflerbewegung zurückführen. Die einfache Empfindung von Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform von Anziehung und Abstoßung, das sind die wahren Elemente, aus denen sich in unendlich mannichfaltiger und verwickelter Verbindung alle Seelenthätigkeit aufbaut. Der, Atome Hassen und Lieben, Anziehung und Abstoßzung der Moleküle, Bewegung und Empfindung der Bellen und der aus Zellen zusammengesetzten Organismen, Gedankenbildung und Bewußtsein des Menschen Falsche Erziehungsmethode und zu frühzeitige geistige Anstrengung. Dem aufmerksamen Beobachter, insbesondere demjenigen, der sich mit Gesundheitspflege beschäftigt, kann es nicht entgangen sein, daß trotz aller Bemühungen der Sanitätsbehörden um das Gemein wohl, der allgemeine Gesundheitsstand doch von Jahr zu Jahr mehr Anlaß zu gegründeter Besorgniß gibt. Und woher mag dies wohl kommen? Die Ursachen sind ebenso verschieden als zahlreich und sollen hier nur zwei der hauptsächlichsten angeführt, und, weil sie in ihren Konsequenzen von allergrößter Wichtigkeit, etwas näher beleuchtet werden. Es sind dies in erster Reihe: die fast allgemein falsche Erziehungsmethode, dann aber auch Ueberbürdung mit geistiger Arbeit schon in früher Jugend. Es ist in unseren Tagen zur förmlichen Manie geworden, aus jedem Staatsbürger, gleichviel ob männlichen, ob weiblichen Geschlechts, einen Gelehrten zu erziehen, und werden behufs Erreichung dieses Zieles die kleinen Köpfe bereits im zartesten Alter mit allem möglichen ,, Wust" beschwert, wovon ihnen meistens so dumm wird, als ging ihnen das bekannte Mühlrad im Kopf herum. Ich halte gute Schulen selbstverständlich für etwas ganz Unentbehrliches das sind nur verschiedene Stufen des universalen, psychologischen Entwicklungsprozesses." Die darwinistische Entwicklungslehre, also ausgereckt über alles, was da ist. und alles, was da wird, bildet eine Weltanschauung, welche bestimmenden und umgestaltenden Einfluß auf alle Wissenschaften auszuüben angethan ist und ihrem allumfassenden Charakter entsprechend auch die Schule- die Gesammtheit aller Bildungsanstalten als ihre eigenste Domäne ansprechen muß. Häckel hat diese Konsequenz gezogen: er verlangte eine weitgreifende Reform des Unterrichts im Sinne der Entwicklungslehre und versprach ihr die schönsten Erfolge in intellektueller sowohl als ethischer( sittlicher) Beziehung. Die bis zu den äußersten Konsequenzen vorgedrungene darwinistische Entwicklungslehre ist nicht blos oder schafft die einzig wahre Wissenschaft, sondern sie ist auch die einzige wahre Religion, die echte Naturreligion", als welche sie in dem sozialen Bestreben" der Thiere wurzelt und gleich dem Christenthum, mit dem sie sonst allerdings sehr wenig gemein hat, ihr höchstes Gebot in der Liebe findet, nach Häckel. In diesem Sinne begrüßt Häckel ,, die heutige, von Darwin neubegründete Entwicklungslehre als die wichtigste Förderung unserer reinen und angewandten Gesammtwissenschaft". Gegen den in einem einzigen tollkühnen Gedankenfluge von einem Ende der Welt bis zum andern stürmenden Heißsporn Häckel erhob sich, wie erwähnt, auf derselben Naturforscherversammlung, nur einige Tage später Herr Virchow in einer sowohl in der Form, wie in der Gedankenbildung aus dem Aermel geschüttelten Rede- eine jener oratorischen Leistungen, wie sie zur Erzielung glänzenden Augenblickserfolges sehr gut für eine moderne Volksversammlung, garnicht übel zu demselben Zwecke für eine unserer modernen Parlamentssignngen, herzlich schlecht zur Erringung dauernder Geltung für eine wissenschaftliche Zusammenkunft passe. Der große Gelehrte Virchow zeigt, daß er mit dem berufenen Parlamentarier und Politiker ein Herz und eine Seele ist, nicht nur in der Art, wie er sprach, so nachlässig parlirend, so klug auf die Heiterkeit einer gedankenbequemen Zuhörerschaft spekulirend-, sondern auch in dem Inhalte dessen, was er sagte. Häckel hatte gesagt: wieweit die Grundzüge der allgemeinen Entwicklungslehre schon jetzt in die Schulen einzuführen sind, müssen wir den praktischen Pädagogen überlassen. Virchow entgegnet: Menn die Deszendenzlehre so sicher ist, wie Herr Häckel meint, dann dürfen wir garnichts der Entscheidung der Pädagogen überlassen ,,, dann müssen wir verlangen, dann ist es eine strikte Forderung, daß sie in die Schule muß. Wie wäre es denkbar, daß eine Lehre von solcher Wichtigkeit, die so vollkommen revolutionirend eingreift in jedes Bewußtsein, die unmittelbar eine neue Religion schafft, nicht ganz in den Schulplan eingefügt würde?" Und Virchow hat recht. Der Pädagoge mag bestimmen, wie gelehrt werden soll, was gelehrt werden soll, hat er in einer nach Wahrheit strebenden Menschengemeinschaft nicht zu bestimmen, denn er hat einfach die Wahrheit zu lehren, d. h. das, was die Repräsentanten der Wissenschaft, gestützt durch das Vertrauen ihres Volkes, für wahr halten und mit den ihrer Zeit zur Verfügung stehenden Mitteln des Erkennens und Begründens beweisen können. ( Schluß folgt.) " -nur müssen sie ihr Hauptaugenmerk auf das wahrhaft Nüßliche und Heilsame richten und nicht durch zu vielerlei" verwirren und schaden, anstatt zu belehren und zu nüßen. Es ist ganz erstaunlich, was solch kleiner Kopf heutzutage alles erfassen und bewältigen soll. Da gesellen sich zu den Elementarfächern gar bald Geometrie, Physik, Chemie 2c., ferner alle möglichen alten und neuen Sprachen nach mög lichst schwülstigen und langweiligen Grammatiken. Um all' dieses„ Durch einander" nur momentan zu fassen von gründlichem Verdauen und Behalten kann gar nicht die Rede sein sind in der Regel täglich sechs Schulstunden und noch zwei bis drei Arbeitsstunden im Hause nöthig. Rechnet man noch eine Klavierstunde und ohne Klavier ist ja moderne Bildung nicht gut denkbar so ergeben sich zehn Stunden täglich für geistige Arbeit bei Kindern! Wo aber bleibt der Körper? Ist es wohl denkbar, daß bei solch ungleicher Vertheilung geistiger und körperlicher Arbeit das allgemeine Wohlbefinden gefördert werden kann? Nimmermehr! Die Nachtheile solchen Unterrichtssystems treten täglich klarer hervor; fast alle Aerzte bestätigen dies, ich selbst habe es an meinen Kindern . erfahren. Mein Berus führte mich auf einige Jahre nach H...... der „Stadt der Schulen", wie die Eingebornen mit Stolz sagen— von Fremden nicht ganz mit Unrecht„Stadt der Bleichsucht" genannt. Schon nach dreimonatlichem Besuch der dortigen Schule bekam meine Tochter die heftigsten Kopfschmerzen, die nur während längerer Ferien wiche». Nach einem Jahr gesellte sich hierzu Schwäche und Blutarmuth. Damals noch unbefangen genug, zu glauben, daß Eisen- und Stahl- tropfen zur Erzeugung normalen Blutes beitragen können, hatte ich nichts gegen den Gebrauch dieser Medikamente einzuwenden. Gar bald jedoch sollte ich mich überzeugen, daß diese Kunstprodukte schadeten, indem sie nachtheilig auf Appetit und Stuhl wirkten. Ich versuchte daher ein rationelles Mittel: mich auf die während der Ferien sich stets einstellende Besserung stützend, suchte ich durch Verminderung der geistigen Thätigkeit zu wirken, indem ich die Kleine von einigen, mir nicht nöthig scheinenden Schulstunden dispensiren ließ, und siehe: jdie Uebelstände verringerten sich allmälich, und sind jetzt, nach gänzlichem Aushören des Schulbesuches völlig geschwunden. Die früher bleiche, kranke Gestalt ist nunmehr gesund und blühend, und zwar ohne Eisen- und Stahlgebrauch, durch geistige Ruhe und rationelle Nahrung. Durch zu frühzeitige Ueberladung der kleinen Köpfe werden die Kopfnerven viel zu sehr angestrengt. Es ist daher auch kein Wunder, wenn, wie ärztlich konstatirt, 50—60 pCt. der Kleinen an nervösem Kopsschmerz und Kurzsichtigkeit leiden. Mit solchen Krankheitserscheinungen ist es jedoch noch lange nicht abgethan. Häufig entstehen dann durch das viele, meistens zusammengekrümmte Sitzen im stark gefüllten Schul- räum und infolge ungenügender Ventilation und Körperbewegung: Blutarmuth, Abniagerung, Lungenkrankheiten w., die, wenn nicht recht- zeitig und rationell eingeschritten wird, allmälich einen ernsten Charakter annehmen, ein langes Siechthum, wenn nicht noch Schlimmeres herbei- führen können. Fürwahr, man kann, so lange die Schule nur für die geistige Nahrung der Schüler, und zwar, wie erwiesen, in allzu- reichlicher Weise Sorge trägt, den Eltern in Bezug aus das leibliche Wohl der Kleinen nicht genug Vorsicht empfehlen. Was nützt alle Ge- lehrsamkeit, wenn sie ein siecher Körper birgt? Nur richtiges Maß- halten in geistiger und körperlicher Richtung kann das allgemeine Wohl- befinden fördern.„Jedes Zuviel stört die Harmonie", sagte Pytha- goras schon von L'/s tausend Jahren. Die Alten, namentlich Griechen und Römer, sahen in erster Linie auf die Ausbildung des Körpers, von der sehr richtigen Anficht ausgehend: daß nur ein gesunder Körper einen gesunden Geist beherbergen könne. Und doch vernachlässigten sie bei solcher Erziehungsweise keineswegs den Geist. Wir finden, wie be- kannt, im 6. und 5. Jahrhundert vor Christo geistige Größen, welche denen des 19. Jahrhunderts nach Christo in nichts nachstehen. Jene hatten aber den Vortheil, daß sie infolge einer vernunftgemäßeren Er- ziehung meistens ein Hohes, durch keine Krankheit gestörtes Alter er- reichten, welches Glück der Heuligen Generation verhältnißmäßig nur selten zu theil wird. Warum nehmen wir uns die Alten nach dieser Richtung nicht zum Vorbild? Warum fassen wir, gleich ihnen, die körperliche Ausbildung nicht mehr ins Auge, anstatt den Kopf mit zu Vielem zu beschweren? Warum wird in unseren so gut geleiteten Schulen— außer Turnen— gar nichts für die Gesundheits- pslege gethan?„Einer Krankheit vorbeugen, ist leichter, als sie heilen". Und wie vielen Krankheiten könnte vorgebeugt werden-, wenn man die Jugend bereits in der Schule mit den Entstehungsursachcn bekannt machte. Aber:„Jugend hat nicht Tugend"; und„dem Ge- sunden ist schwer Moral predigen", höre ich viele sagen. Gleichviel! Man mache uur einmal den Versuch, widme dem Geist etwas weniger, dem Körper etwas mehr Aufmerksamkeit und der Erfolg wird sowohl bezüglich des körperlichen als auch des geistigen Wohlbefindens ein überraschender sein. Es ist ganz unbegreiflich, daß die so vielfach zu vernehmende Mahnung: der Gesundheitspflege ein kleines Plätzchen in dem Stundenplan der Schulen einzuräumen, so gänzlich ungehört ver- hallt. Freilich würde, wenn solch' berechtigten Mahnungen Folge ge- leistet werden sollte, der gesainmte Lehr- und Stundenplan eine voll- ständige Umgestaltung erfahren müssen. Wie sich der Schreiber dieser Zeilen eine solche Umgestaltung denkt, darüber ein nächstes mal. Carl Griebel. Chongil, das chintsische Schach. Nicht immer waren die Chi- ncse» ein so geistig träges Volk, wie heutzutage; es gab eine Zeit, die freilich durch Jahrtausende von der unsrigen getrennt ist, in der sie viele Erfindungen machten, zu denen wir Europäer erst weit später gelaugten, wie den Buchdruck, das Pulver u. s. w., und so darf es uns auch nicht wundern, daß von ihnen das geistreichste aller Spiele, das Schachspiel, stammt. Was wir bis jetzt darüber wußten, be- schränkte sich, wie überhaupt unsere Kenntniß vou China, auf sehr Geringes. Erst seitdem Japan sich uns geöffnet hat, haben wir durch diesen Rivalen China's genauere Kunde über das himmlische Reich und so auch über das Schachspiel erbalten.— Das Chongil, wie es in Japan und China heißt, gelangte bald nach seiner Erfindung zu jenem Jnselrcich, und that so den ersten Schritt seiner Wanderung, welche es später durch die ganze Welt hin antreten sollte. Allerdings hat es nur noch Aehnlichkeit mit unserm Schachspiel, aber die Reihe der Jahre, die seit seiner Erfindung verflossen, die Menge der Völker, welche es vor uns erhielten, erklären dies leicht.— Zuvörderst wird dasselbe aus einem quadratischen Brett von 81 Feldern, statt wie bei uns von 64 Feldern, gespielt. Zu bemerken ist dabei, daß diese von einerlei Farbe, nicht, wie bei uns, zweifarbig sind: das bekanntlich sehr scharfe Auge der Chinesen bedarf dieses Erleichterungsmittels zum Ausfinden der Bahnen nicht. Ferner bedienen sie sich nicht geschnitzter Figuren, sondern glatter, eckiger Holzstückchen, die vorn zugespitzt und mit dem Namen des betreffenden Steines beschrieben sind. Auch diese haben einerlei Farbe, und die Parteien unterscheiden sich nur durch die Rich- tung der Spitze des Steines: diese ist stets dem Gegner zugekehrt. Die Figuren selbst sind ihrer Größe nach unterschieden.— Jeder der beiden Spieler hat 20 Steine, deren Namen wir hier folgen lassen: 1 Königsgouverneur �—, soviel wie unser König im Schach- spiel, geht auch, wie dieser, einen Schritt nach jeder Richtung; 2 Goldoffiziere, deren Gangart sich am besten durch beigefügtes Zeichen beschreiben läßt, es bedeutet einen Schritt nach jeder der durch Striche angedeuteten Richtungen; 2 Silberoffiziere X; 2 Pferde, die wie bei uns springen, aber nur vorwärts gradeaus nach rechts und links; 2 Speere"j", gehen über das ganze Brett gradeaus; 1 Eckengehcr X» geht wie unser Läufer; 1 fliegender Wagen oder, wie ihn mein japanischer Gewährsmann freier übersetzen wollte, ein Dampswagcn-s-, geht ganz wie unser Thurm. Und außerdem 9 Soldaten|, welche die Stelle unserer Bauern vertrete», gehen einen Schritt vorwärts, gradeaus, und schlagen ebenso. Die Aufstellung dieser Steine erfolgt in drei Reihen und ist folgender- maßen: X 4- TYX���XYT In der letzten Reihe sind von links nach rechts: Speer, Pferd, Silber- osfizier, Goldoffizier, Königsgouverneur, Goldosfizier, Silberofsizicr, Pferd, Speer. In der vorletzten Reihe stehen vor den beiden Pferden: Ecken- geher und fliegender Wagen; Eckengeher stets links. In der drittletzten Reihe neun Soldaten. Soweit wäre das Chongil noch ziemlich übereinstimmend mit unserm Schachspiel. Jetzt kommen wir aber zu einigen Eigenthümlich- leiten desselben, die unser Schach schon vor langer Zeit verloren haben muß, denn es finden sich nur sehr schwache Spuren von ihnen vor. Jeder Stein nämlich erhält, wenn er bis in die feindlichen Reihen vorgedrungen ist, den Grad eines Goldoffiziers, wovon der König natürlich ausgenommen ist; Eckengehcr und fliegender Wagen behalten außerdem ihre weite Bahn bei. Diese Umwandlung wird durch Um- drehen des Steines bezeichnet, auf dessen Rückseite der Name resp. das Zeichen eines Goldosfiziers steht. Bei unserm Schach wird nur der Bauer, wenn er bis in die letzte feindliche Reihe vorgedrungen ist, zu demjenigen Offizier, dessen Stelle er aus dem Brett einnimmt. Ganz geschwunden ist aber bei uns die Einrichtung, daß jede feindliche ge- nommene Figur als eigne überallhin eingesetzt werden kann, die Sol- baten jedoch nur dann, wenn in der betreffenden Reihe kein anderer von der eigenen Partei steht. Außerdem kann der Spieler sich frei- willig zu Ansang einiger Steine entäußern"), betrifft dies aber eine Figur, die in ihrer Art zweifach vorhanden ist, so müssen beide Steine weggelassen werden. Wer dies thut, hat das Recht, anzufangen.. Dem König wird nach denselben Gesetzen, die heut noch üblich sind, Schach angesagt, und das Spiel ist beendet, wenn er schachmatt ist.— Es ist von Interesse, sich ein solches Schach zu verfertigen, und fällt das Spielen desselben sehr leicht, wenn man die Steine mit den von uns angewandten Zeichen versieht.— Das Chongil erhält durch das Ein- setzen der genommenen Figuren eine weit größere Lebhaftigkeit, als unser Schachspiel, und erfordert auch größere Geistesgegenwart, da der Plan des Spielers sich durch die plötzlich neu austretenden Gegner oft und schnell ändert. Man muß nicht nur, wie beim Schachspiel, gegen einen offen dastehenden Feind kämpfen, sondern auch gegen einen unsicht- baren, den der Gegner noch in der Hand hält und bei jeder sich zeigenden Blöße aus uns einbrechen lassen kann. Mitten im eigenen Lager steht plötzlich der Feind; der König ist verloren, wenn nicht Angriff und Vertheidigung gleich stark betrieben wurden.— In China und Japan Ot das Chongil sehr beliebt und wird in beiden Ländern von Alt und Jung eifrig gespielt, auch sollen Vereine, in denen das Spiel gepflegt wird, vorhanden sein.— Von wem es aber erfunden ist, konnten wir nicht erfahren, jedenfalls war es ein geistreicher Kopf, wie man ihn heut wohl schwerlich in China finden wird, der Sohn eines Volkes, auf das damals, wie heut wohl nur auf die Japanesen, das bismarcksche Wort paßt:„Cez sont petites gens, mais grands hommes." E. W. *) Wohl ein Figuren- Vorgeben, wie bei nnsrem Schach, eine Konzcsston stär?''rer Spleler an schwächere zum Zwecke des Ausgleichs der beiderseitigen Spielstärke. Red. 13 Unterseeisches Observatorium und elektrische Lampe. Von| wieviel Dingen im Himmel und auf Erden unsere Schulweisheit um die Wende des neunzehnten Jahrhunderts sich noch wird träumen lassen, wer könnte es annähernd nur berechnen? Ist doch heute schon, selbst bei dem Unwahrscheinlichsten, nichts dringender geboten, als Vorsicht mit der Behauptung: Das ist unmöglich!" Ein Gebiet nach dem andern büßt das Reich des Unmöglichen ein und fast täglich finden weitere Grenzregulirungen statt zwischen ihm und seinen eroberungssüchtigen, unerbittlichen Besiegern: Kunst, Wissenschaft und Erfindung. Seitdem wir wissen, daß wir die Schwingungen in dem uns umgebenden Luft- und Aethermeere, deren Zahl zwischen achtund vierzigtausend in der Sekunde liegt, als Ton hören, daß wir die, deren Zahl sich nach Billionen berechnet, als Wärme fühlen, daß wir die noch schnelleren als Licht und Farbe sehen, haben wir uns den Ariel unter den Genien der Civilisation, die Elektrizität, zu den verschiedensten Zwecken dienstbar gemacht. Das Licht braucht, um den Weg von der Sonne zur Erde zurückzulegen, acht Minuten. Die Schnelligkeit, mit der die Elektrizität dem Menschen Briefträger dient, ist ungefähr die gleiche. Die Räume der Erde find verschwindend gegen dieselbe, und die Botschaften, welche diese Kraft bringt, eilen der Drehung der Erde, die mit einer Geschwindigkeit ge= schieht, welche die der Kanonenkugel um mehr als das Zehnfache übertrifft, voraus, um zu weit früherer Tageszeit im fernen Westen einzu treffen, als zu der sie im Osten abgesendet wurden. Die unsichtbare und gewichtslose Vermittlerin des menschlichen Gedanfenaustausches hat man in neuester Zeit als Trägerin des Lichtes verwendet. Aber nicht nur über blühende Felder, deren Ertragsfähigkeit verdoppelt werden soll, und volkreiche Städte, die man von dem gesundheitsgefährdenden Gaslicht als Auf der oberen Seite dieses an starken Ketten hängenden Cylinders befindet sich eine ziemlich fleine Deffnung, die sich selftthätig öffnet und schließt. Den Boden des Cylinders bildet eine starke Glasplatte. Damit dieselbe dem Druck des Meerwassers genügend Widerstand zu leisten vermag, ist der untere Theil des Cylinders mit Alaunwasser gefüllt, welches einen entsprechenden Gegendruck ausübt. In dem obern Theil des Cylinders befindet sich eine nach dem System Foucand konstruirte elektrische Lampe, die durch Leitungsdrähte mit zwei elektrischen Maschinen auf der Erdoberfläche in Verbindung steht und nach unten durch den Unterseeisches Observatorium und elektrische Lampe. zu befreien sucht, sollen sich die elektrischen Lichtatome verbreiten, auch in| die ewig trüben Meeresdämmerungen, wo im Seetang die Ertrunkenen ruhen, die der Sturm in die gurgelnde Tiefe gesogen, und der Moloch der Habgier das Strandgut bewacht, sollen ihre Strahlen dringen. Zu den neuesten Hülfsmitteln des unterseeischen Rettungswesens gehört das von dem französischen Ingenieur Bazin erfundene Observatorium mit elektrischer Beleuchtung, wie es unsere Abbildung darstellt. Daffelbe kam zum erstenmal in der Nähe von Cherbourg( französischer Hafenort) zur Anwendung, wo das Schiff Alabama" zugrunde gegangen war und mit Hülfe der bazin'schen Erfindung untersucht wurde. Unser Bild stellt den unterseeischen Schauplatz dar, auf welchem der Erfinder selbst die Vorzüge seiner Apparate nachgewiesen hat. Links, in ziemlich beträchtlicher Höhe über dem Meeresboden, sieht der Leser die unterseeische elektrische Laterne, deren verfifal stehender Cylinder 4 Fuß 6 Zoll( englisch) hoch ist und 4 Fuß im Durchmesser hat. " Glasboden ein helles Licht ausstrahlt, welches den Meeresgrund auf einen Umkreis von circa 100 englische Fuß Durchmesser hell erYeuchtet, sodaß die Taucher bei dem Licht, das während einer Dauer von sechs Stunden stetig fortleuchtet, ihre Arbeiten bequem ausführen können. Wie man auf unserm Bilde sehen kann, gelangen die in bekannter Weise ausgerüste ten Taucher in die Meerestiefe auf die früher schon von uns beschriebene Art. Das bazin'sche Observatorium, auf unserm Bilde zur Rechten, dient dem Leiter der unterſeeischen Expedition zum Aufenthalt. Es hat die Form einer nach aufwärts gerichteten Kanone, ist bei ungefähr 2 Fuß Durchmesser 9 Fuß hoch und mit zwei runden, durch Glas verschlossenen Deffnungen versehen, durch welche der in dem Observatorium Weilende die Arbeiten der Taucher beobachten kann. Hat er Befehle zu geben, so werden dieselben leicht vernehmbar, da bekanntlich das Wasser den Schall gut leitet. In diesem Observaein torium vermag Mann 3/4 Stunden bequem auszuhalten. Wird durch irgend einen Zufall das Glas einer Ausgucköffnung verleßt, sodaß das Wasser in die Deffnung bringt, so begibt sich der im Observatorium Befindliche in den helmförmigen Aufsatz des Apparats, wo er ganz gut sieben bis acht Minuten aushalten kann, während welcher Zeit er seine Signale gibt und mittels der Ketten, an welchen das Observatorium befestigt ist, auf die Meeresoberfläche befördert wird. Selbst eine kleine Verzögerung hat noch keine üble Folge. Die von dem Erfinder wiederholt ausgeführten Experimente sind bisher stets von glücklichem Erfolg gefrönt gewesen und haben ihm eine ganze Sammlung verschiedenartiger Sachen eingetragen, die er von den Wracks untergegangener Schiffe wieder zutage förderte, deren viele schon seit einer langen Reihe von Jahren auf dem Meeresgrunde ruhten und ohne Beihülfe der elektrischen Beleuchtung des Meeresgrundes für immerdar dort geruht hätten. Möge unser Fortschritt sich in jeder Richtung fortbewegen, ebensogut abwärts als aufwärts und vorwärts, den Trost kann uns niemand rauben, daß das Weltmuseum der Erfindungen immer reicher wird, und daß das Zeughaus neuentdeckter Naturkräfte sich von Jahr zu Jahr vergrößert. Jede Erfindung auf naturwissenschaftlichem Felde ist ein Troß der Menschenseele, der, wie Jakob mit seinem Jehova, mit den Mächten des Verderbens ringt. Wenn längst das Andenken der Erfinder von Vernichtungswerkzeugen im Strome der Zeit versunken sein wird, dann werden noch immer die Namen der Wohlthäter der Menschheit, wie Galiläi, Newton, Kopernikus, Fulton, Watt und Stephenson in ungeschwächter Klarheit am Ruhmeshimmel glänzen. Dr. M. T. Der gefangene Riese. Kein Märchen. Von Rudolf Lavant. Er rang sich wund an seinen Ketten Verzweiflungsvoll in strenger Haft, Und nimmer hofft er sich zu retten Aus dem Verließ durch eigne Kraft, Und Sonnenlicht und Wellenrinnen Und Finkenschlag und Fichtenduft, Sie wurden seinen trüben Sinnen Zu Traum und Schaum im Bann der Gruft. Es starrt sein Blick in öde Weiten Und grau ist alles, todt und kalt. Da sieht er schlüpfen es und gleiten Behend durch jeden Gitterspalt, Und Zwerglein sieht er dann erscheinen In knappen Wämsern, silbergrau, Und all' die fünfundzwanzig Kleinen, Sie nicken tröstend ihm und schlau. Und emsig trippelnd sieht er eilen Ans Rettungswerk den Zwergenschwarm, Und emsig, unermüdlich feilen Die Fesseln sie von Fuß und Arm. Sie sehn mit ficherndem Gelächter, Wie er die Eisenthür erbricht Er fällt mit einem Schlag den Wächter Und stürmt empor zu Luft und Licht. Es fliehn mit schreckensbleichen Wangen, Die lange sicher sich geglaubt, Seit sie den Mächtigen gefangen Und Reich und Freiheit ihm geraubt. Er war im Kerker wohl verdorben, Von wannen teine Wiederkehr, Er war vielleicht bereits gestorben Sie durften schwelgen nach Begehr. Nun steht er da sein Auge lodert. Zerstoben ihr gestohlen Glück! Mit drohender Geberde fodert Sein Recht der Schreckliche zurück. Es scheucht der Anblick seiner Züge Den Troß, der lange ihn verlacht, Es flüchtet die entlarvte Lüge Zurück ins Schattenreich der Nacht. Und Jubel weckt in Feld und Gassen Das Tagen einer bessern Zeit, Und freudig zeigt der Fürst den Massen Die Zwergenschaar, die ihn befreit. Er neigt sich dankend vor den kleinen, Die ihn erlöst aus Kerkerdunst Ja, als Erretter darf erscheinen Dem Menschengeist die Druderkunst. 14 gebieten der Natur der Sache nach auf diese Art von Industrie einzuwirken vermögen. Es ist dies eine so ausgemachte Thatsache, daß hierüber kein Wort verloren zu werden braucht. Immer wieder sind daher in unserm Jahrhundert unter diesen Handwerkern in allen Gegenden bittere Nothstände ausgebrochen, so 1837 und die nächstfolgenden Jahre während der allgemeinen, welterschütternden Handelskrisis, so vor und während der achtundvierziger Revolutionsjahre, wann, wie allbekannt, die Noth in Schlesien in ihrer schrecklichsten Gestalt auftrat, dann Ende der fünfziger Jahre, in denen namentlich das Königreich Sachsen auf das schwerste heimgesucht wurde und( 1858-60) im Erzgebirge der Hungerthyphus wüthete, ferner während und kurz nach dem sechsundsechziger Krieg und endlich nach dem infolge des deutsch- französischen Kriegs, hereingebrochenen" Milliardensegen, nach den Orgien und Bachanalien der Gründer- und Schwindelperiode. Das aber sind, wohlverstanden, nur immer die Zeitpunkte, zu denen die Noth am stärksten hervortrat und in ihrer Schwere zum Bewußtsein der Allgemeinheit gelangte. Wie viel Entbehrung, Mangel und Elend in ganzen Distrikten oder in einzelnen Gemeinden und Familien dazwischen lagen, das kann hier nicht im entferntesten angedeutet, geschweige denn genau erörtert werden. Das Elend mußte in jenen Hungerjahren sich stets mit um so furchtbarerer Gewalt zeigen, je unzulänglicher die vorherige Ernährungsund Lebensweise, je niedriger und unzureichender die Bildung in den vom Nothstand betroffenen Kreisen gewesen ist*). Hat doch gerade auf diesen letteren Umstand in den offiziellen Berichten selbst ausdrücklich hingewiesen werden müssen, und ist doch die ärmliche Daseinsart der sächsischen Erzgebirgler sprüchwörtlich bekannt! Wer hätte nicht von jenen Dörfern im sächsischen Grenzgebirge gehört, wo die Leute in zerstreut liegenden schindelbedachten Holzhütten familienweise beisammen sind drei bis vier Familien, jede mit einem Herdchen von Kindern, oft 20-24 Personen in einer einzigen Stube, die kaum neun Ellen lang und acht Ellen breit ist, Familien, deren Hauptnahrung Kartoffeln mit Salz sind, bei denen ein Fleischgericht als ein besonderer Leckerbissen nur etwa an Sonn- oder Festtagen auf den Tisch kommt, und deren Lieblingsgetränk, der Kaffee aus Cichorien, Möhren, Gerste u. dgl. besteht dieser Kaffee, der weniger stark, als wie der Erzgebirgler sich ausdrückt recht ,, lang" ist? Aber und das ist das schlimmste man braucht heute nicht mehr nach diesen elenden Gebirgsdörfern zu gehen, um über die Möglichkeit eines solchen Lebens den Kopf zu schütteln,- der Weg zu den Stätten, an denen man derartige Erfahrungen machen kann, führt gegen= wärtig nicht minder über die ausgetretenen Schwellen der niedrigen Wohnungen kleiner Städte, wie über die steinernen Treppen der Häuserkasernen der Großstadt. Die Berichte über das allgemeine Elend aller Orten predigen es deutlich genug, und doch wie sehr bleiben in manchen Fällen die Schilderungen dieser Berichte noch hinter der grausamen Wirklichkeit zurück! Der erwähnte Nothstand in Schlesien, der, kaum nachdem im vorigen Jahre die Kunde von dem unsäglichen Elend im Spessart, im Rhön- und Fichtelgebirge etwas vergessen, die allgemeine Aufmerksamkeit und Theilnahme auf sich zog, besteht, gerade wie im sächsischen Erzgebirge und an den Abhängen desselben, nicht etwa erst seit Jahresfrist. Er hat schon in den Jahren 1873 und 74 seinen Anfang genommen und seit dieser Zeit nur immer mehr um sich gegriffen und seine jezige schreckliche Höhe erreicht. Schon im Sommer 1877 berichtete man der ,, Sozialforrespondenz" aus Breslau über die Arbeiterverhältnisse in der Grafschaft Glaz u. a.:,,Die meist Weberei treibende Bevölkerung darbt und hungert. Für ein Stück Leinwand, das für Langenbielau gearbeitet wird, gab es in regulären Zeiten 6 Mark und darüber Lohn, heut erhalten die Weber, die oft 3-4 Meilen zur Ablieferungsstelle wandern müssen, 2-22 Mart pro Stück, und dabei wird ihnen noch eine bestimmte Ablieferungsfrist vorgeschrieben, so daß sie jeßt nur zwei Stück pro Woche liefern dürfen, gegen 3-4 Stück in früherer Zeit." Im März von 1878 war schon der Ausbruch des Flecktyphus in verschie denen Ortschaften Ober- und Niederschlesiens konstatirt. Schon haben in dem einzigen Krankenhause von Waldenburg" schrieb damals der kranke Aufnahme gefunden und die schreckliche Krankheit ist bereits bis Breslau vorgedrungen. Die nächste Ursache der Noth ist entweder der gänzliche Mangel an Gelegenheit zur Beschäftigung oder der unglaublich niedere Arbeitslohn, auf den namentlich die Beschäftigung der Weber Die Herde des Hungers im schlesischen Eulen- und sächsischen Merkur", dem man keine Nebenabsichten unterschieben wird ,,, 40 TyphusErzgebirge. Von Dr. Mar Vogler. Die Ursachen des allgemein herrschenden wirthschaftlichen Nothstands sind mannigfacher Art; in den neuestens davon am schwersten heimgesuchten obengenannten Distrikten sind sie eine Folge des in den daselbst vertretenen Industrien eingeführten und immer mehr um sich greifenden Maschinenbetriebs. So sehr die Einführung der Maschinen in die Industrie einen fraglos großen Fortschritt nicht allein für dieſe, sondern für die gesammte menschheitliche Entwicklung bedeutet, eine so große Beschränktheit in der Auffassung der wirthschaftlichen Verhältnisse und des gesammten Kulturlebens die namentlich in kleinbürgerlichen Kreisen, mehr als man gemeinhin glaubt, noch gegen dieselben bestehenden Vorurtheile an den Tag legen- ebenso sehr springt die Thatsache in die Augen, daß seit dem Ueberhandnehmen des Maschinenbetriebs die Hausindustrie, in unserm Falle die Handspinnerei und Handweberei also, einen immer härter gewordenen Kampf um's Dasein, heute geradezu den Todeskampf kämpft, und daß namentlich die Lage der Handweber eine um so unsichrere und schlechtere iſt, je mehr die allgemeinen Weltbegebenheiten und selbst die Zustände und Ereignisse in fernen Länder*) Der ,, Oberschlesische Wanderer" schrieb: ,, Der wahre Grund, weshalb bisher die Wiederkehr von Rothständen in den untersten Schichten der oberschlesischen Bevölkerung immer noch möglich war, ist einfach der, daß die Lebensbedürfnisse dieser Schichten selbst in normalen und guten Zeiten auf ein solches Minimum herabgedrückt sind, daß sie nicht um den kleinsten Theil mehr verringert werden können, ohne die Fortexistenz der einzelnen Individuen auf das äußerste zu gefährden. Tritt in solchen Zuständen nur irgend ein an sich und unter anderen Verhältnissen durchaus nicht so schädlicher unglücklicher Bufall, Mißernte oder Theurung oder auch nur ein vorübergehender Mangel an Arbeit in der Land- und Forstwirthschaft ein, so muß der oberschlesische Arbeiter sofort immer wieder von neuem der Gefahr des Untergangs ausgefeßt sein, denn von dem Wenigen, auf welches er seine Lebensbedürfnisse bereits reduzirt hat, kann er absolut nichts weiter entbehren. Auch müßte der Staat auf seinen Gruben, in seinen Forsten und auf seinen Domänen mit der Gewährung höherer Tagelöhne, als die bisherigen es waren, vorangehen, um den Arbeitern und deren Familien ein menschenwürdiges Dasein zu ermög lichen." Wie unzulänglich für die allgemeine Voltsbildung in dem nothleidenden Distritte gesorgt ist, dürfte aus dem Zugeständniß des preußischen Kultusministers von Buttkamer( in der Sigung des Abgeordnetenhauses vom 12. Januar d. J.), daß die Bahl der im Regierungsbezirk Oppeln fehlenden Lehrer sich auf 250 beläuft, hervor gehen. Auf das massenhafte Busammenwohnen des größten Theils der Nothleidenden in ganz engen, ungesunden Räumen" und die dadurch begünstigte Verbreitung ansteckender Krankheiten ist in vielen Berathungen und Berichten hingewiesen worden. D. Verf. 1 -15 herabgesunken ist. Der tägliche Arbeitsverdienst eines Webers im Eulengebirge beträgt 60 Pfennige. Erdarbeiten, für welche am Bau der Eisenbahn von Dittersbach nach Glaß einige Gelegenheit vorhanden, werden infolge der übermäßigen Konkurrenz im Arbeitsangebot mit 75 Pfennigen täglich gelohnt; doch sind die Weber dazu in der Regel nicht mehr kräftig genug und vermögen daher auch im Afford nicht auf einen höheren Lohn zu kommen. ( Fortseßung folgt.) Karl der Große und sein Gefolge.( Bild Seite 5.) Wie im Alterthum verschiedene Städte sich um die Ehre stritten, wo Homers Wiege gestanden, so wissen wir auch nichts Zuverlässiges über den Ort, wo der große Frankentönig Karl im Jahre 742 geboren wurde. Einige Geschichtsschreiber geben das Schloß Salzburg in Oberbayern, andere das Schloß Ingelheim bei Mainz, noch andere die Stadt Aachen als seinen Geburtsort an. Mehr als je ein Völkerbeherrscher verdient dieser Frankenkönig den Beinamen des Großen, den die Geschichte ihm beigelegt hat. Denn groß war er nicht nur in dem, was sein Zeitalter schäßte, ehrte und suchte, in kriegerischer Wirksamkeit, sondern auch in dem, was es kaum kannte, nicht achtete, am wenigsten suchte und liebte, in Bildung des Geistes und Gründung des Glückes seiner Völker durch dieselbe. Es ist der größere Ruhm seines Andenkens, daß durch ihn der gänzliche Verfall der Wissenschaften im Abendlande verhindert und ihrem schon erlöschenden Lichte neue Nahrung verschafft wurde; daß er die Bildung der Völker für ebenso bedeutend, als ihre Vereinigung und Unterjochung hielt. Noch höher ist dieser Sinn für das Geistige bei einem Fürsten anzuschlagen, der unter Waffenübung und Jagd herangewachsen, aus dem Strudel der Kriege sein ganzes Leben lang nicht herauskam, und in einer Zeit, wo nicht der Reiz schöner Muster geistige Beschäftigung zum Genuß machte, sondern Gelehrsamkeit und Wissenschaft, ohne Anmuth in schwerfälligen Formen einherschreitend, eher zurückschreckte, als einlud. Der grimme Held, dessen siebenundvierzigjährige Regierung ein einziges Friedensjahr aufzuweisen hat, war ein Freund geistiger Bildung und verdient als solcher den Namen des Wiederherstellers der Wissenschaften und des Lehrers seiner Völker. Durch seine freisinnige Denkungsart zog er die ausgezeichnetsten Gelehrten an seinen Hof, unter anderen Alcuin aus England, den er zu seinem eigenen Lehrer wählte, ferner Peter von Pisa, der den Titel seines Grammatikers erhielt, und Paul Warnefried, bekannter unter dem Namen Paulus Diaconus, der dem Kaiser in der griechischen und lateinischen Sprache Unterricht ertheilte. Auf Alcuins Rath legte Karl in seinem Balaste zu Aachen eine Akademie an; den Sigungen derselben wohnte er mit allen Gelehrten und schönen Geistern seines Hofes, dem Leidrados, Theodulph, den Erzbischöfen von Trier und Mainz und dem Abte von Corvey bei. Alle Mitglieder dieser Akademie hatten besondere, ihren Talenten oder Neigungen entsprechende Namen angenommen; einer hieß Damötas, einer Homer, ein anderer Candidus; Karl selbst nannte sich David. Aus Italien zog er Lehrer in Sprachen und der Mathematik herbei und stellte sie in den vornehmsten Städten seines Reiches an. Bei den Domstiften und Klöstern, den einzigen Kulturstätten dieser barbarischen Zeit, errichtete er Schulen für humanistische Wissenschaften und für Theologie, welche damals von dem Dogmenzwang noch nichts wußten. Er selbst bestrebte sich unablässig, durch den Umgang mit Gelehrten seinen Geist auszubilden und sein Wissen zu bereichern, und seine einzige und liebste Unterhaltung blieb bis an seinen Tod dieser Umgang. Er sprach mehrere Sprachen fertig, besonders lateinisch. Weniger gelang ihm das Schreiben, weil er sich erst in höheren Jahren darauf gelegt hatte. Im Winter las er viel und ließ sich selbst bei Tische vorlesen. Daß er das Steckenpferd der Kirche ritt, wird ihm niemand verargen, weil die Kirche damals das Gemüth der Menschen vollständig beherrschte und somit ein wichtiger politischer Faktor war. Karl, nichts weniger als ein Frömmler und blinder Anhänger der Bischöfe von Rom, war ein großer Freund der römischen Kirchengebräuche und wollte dieselben auch in seinen Staaten einführen, allein die Geistlichkeit, die an den alten heidnischen Gebräuchen hing, leistete großen Widerstand. Nur allmälich gelang es dem Frankenkönig, den Festen der Wyhnacht und Ostara einen christlichen Stempel aufzudrücken und die Brandopfer der Sonnenwende in die Johannisfeier umzuwandeln. Auch dem Kirchengesange ließ er eine Verbesserung angedeihen. Obzwar er sich in einer so stürmisch bewegten Zeit, wie die feinige, hüten mußte, durch eine Vereinigung aller seiner Vasallen zu einem Staatskörper mit gleichem Rechte jedes derselben, ihnen ein gemeinsames Handeln wider ihren Regenten möglich zu machen, strebte er doch die Centralisation auf nichtpolitischem Gebiete an. Bei all' den von ihm besiegten Völkern, denen er nicht ganz ihr Herkommen und ihre Geseze entzog, führte er doch die Gleichheit des Maßes und Gewichtes, sowie die einheitliche Prägung der Münze durch. Ein andrer großer Plan seiner Regierung war die Verbindung des Rheins mit der Donau und dadurch des Atlantischen Ozeans mit dem Schwarzen Meere vermittelst eines Kanals. Das ganze Heer mußte in Friedenszeiten, die leider nur von kurzer Dauer waren, daran arbeiten, aber er konnte nicht ausgeführt werden, weil es in jener Zeit noch an Kenntnissen im Wasserbau fehlte, die sich erst eine spätere Zeit erwarb. Dafür errichteten die von ihm beschüßten Künste andere köstliche Dentmäler für die Nachwelt. Die Stadt Aachen wurde besonders von ihm ausgeschmückt. Sie erhielt ihren französischen Namen Air- la- Chapelle ( Bäder zur Kapelle), von einer prächtigen Kapelle, die er aus ita| lienischem Marmor erbauen ließ. Die Pforten diefes Tempels waren von Bronze, und sein Dom trug eine massivgoldene Kuppel. Die kaiserliche Pfalz war äußerst prachtvoll, aber auch Bäder ließ Karl nach klassischen Mustern erbauen, in denen mehr als hundert Personen in warmem Wasser schwimmen konnten. Frankreich verdankt ihm die ersten Fortschritte des Seewesens. Er ließ die seit der Völkerwanderung eingestürzten Leuchtthürme wieder aufrichten und die versandeten Häfen ausbaggern. Er hob die Schranken auf, die der Geiz seiner Vorfahren dem Handel gezogen hatte und begünstigte das Handwerk und den Ackerbau. Das heute noch vorhandene Gesez über die Meiereien ( de villis) ist ein Beweis seiner tiefen Einsicht in die Landwirthschaft. Er versammelte Konzilien, Parlamente, machte die Kapitularien und farolinischen Bücher bekannt, schrieb viele Briefe, von denen mehrere noch vorhanden sind, auch eine Grammatik, sowie verschiedene lateinische Gedichte. Nach der Lage und Ausdehnung seines Reiches, welches ganz Frankreich, den größten Theil von Catalonien, Navarra und Arragonien, dann die Niederlande, Deutschland bis an die Elbe und Eider, Ober- und Mittelitalien, Istrien und einen Theil Slavoniens umfaßte, haben weder die Franzosen das ausschließliche Recht ihn ihren Charlesmagne, noch die Deutschen ihn ihren großen Karl zu nennen. Sein bunt zu ſammengewürfeltes! Imperium hielt nach seinem Tode dem Ansturm der Zeit ebensowenig Stand, wie das des Säbelkaisers Napoleon; aber sein Ruhm erfüllte bei seinen Lebzeiten nicht nur den Occident, sondern auch den Orient. Er empfing Gesandte vom Patriarchen von Jerusalem, von den griechischen Kaisern Nicephorus und Michael und zweimal ließ ihn der berühmte Khalif von Bagdad Harun Al- Raschid durch Gesandtschaften begrüßen, die er seinerseits erwiderte und dadurch die Errungenschaften der Erd- und Völkerkunde nicht unerheblich vermehrte. Wenn wir in ihm noch die Eigenschaften des gütigen Vaters, zärtlichen Gatten und großmüthigen Freundes hervorheben, und ihn troß seines äußeren Aufwandes als Muster von Sparsamkeit im inneren Hauswesen schildern, so haben wir die Lichtseiten seiner Erscheinung erschöpft. Sein politisches Wirken, zuweilen nachsichtig bis zur Unklugheit, ist nur zu oft streng bis zur Grausamkeit gewesen. Zu Karls Charakteristik auch nach dieser Richtung hin müssen wir einen kurzen Umriß seines thatenreichen Lebens entwerfen. Karls Vater und Großvater, Pipin der Kleine und Karl Martell( der Hammer), waren tüchtige Heerführer, die sich vom Haus- und Reichsheerverwalterposten zur Königswürde Frankreichs durch nichts weniger als ehrliche Mittel aufschwangen. Karl Martell, der Maurenbesieger in der Schlacht bei Boitieu, der die Staatsgeschäfte seines königlichen Herrn aus dem Hause der Merowinger per procura führte, ließ diesen Schattenkönig dem Namen nach bestehen, doch der fleine, aber energische Pipin machte furzen Prozeß, steckte ihn in's Kloster und nahm seine Stelle ein. Sein Sohn Karl, der die Herrschaft mit seinem Bruder Karlmann theilen sollte, machte es ebenso mit dem Bayernfürsten aus dem Hause der Agilolfinger, Tassilo. Nach Karlmanns Tode schickte er die Wittwe mit den Kindern und ihre Schwester, seine eigene Frau, dem Vater Desiderius, dem Longobardenfürsten zurück und nahm eine andere Frau, wahrscheinlich diejenige, deren Belter auf unserem Bilde der schmucke Edelknabe führt. Den Aufstand der Vasallen von Aquitanien, der zu Gunsten der Söhne seines verstorbenen Bruders aufloderte, schlug er blutig nieder. Um den Freiheitssinn der Unzufriedenen zu bändigen und ihre Aufmerksamkeit von den inneren Angelegenheiten des stets wachsenden Reiches abzulenken, mußte er sie in auswärtigen Unternehmungen beschäftigen. Der Eifer für die Ausbreitung des Christenthums diente ihm als Ausrede zu dem Plan, die Sachsen zu unterwerfen. Diese heidnischen Bewohner, denen die Unabhängigkeit das erste Gut des Lebens war, widerstanden zweiunddreißig Jahre dem Ansturm der Franken. Erst als ihr Land zur Einöde verwandelt war, ließen sich ihre Führer Wittekind und Alboin taufen, nach damaligen Begriffen die sicherste Bürgschaft der Unterwerfung. Ein glänzender Beweis für Karl's Feldherrntalent ist die bei dem Zustande des Heerbanns, der bekanntlich alle Winter auseinander lief, fast unerklärliche Thatsache, daß er zu gleicher Zeit mit den Sachsen, den Longobarden, den Hunnen, den Saraceyen, den Britanniern, den Dänen und mit seinen empörten Vasallen fertig wurde. Ueberall siegreich, schien er überall anwesend zu sein, gewiß ein Kunststück bei dem erbärmlichen Zustande der Straßen, die gleich dem heute noch bestehenden Rennstieg in Thüringen, um Sümpfen und Urwäldern auszuweichen, zumeist über den steilgewundenen Grat der Berge hinliefen. Von dem römischen Bischofe Hadrian, dem ersten, der den Großmachtskizel der Päpste spürte, nach Italien berufen, zertrümmerte er nach zäher Belagerung von Pavia das Longobardenreich und sperrte nach dem Beispiele seines Vorfahren seinen Schwiegervater Desiderius und seine Schwägerin mit ihren Kindern in ein Kloster. Vier Jahre später ( 778) sehen wir ihn in Spanien bei der blutigen Arbeit. Nach der Eroberung der maurischen Festungen Pampeluna und Barcelona wollte er sich über die Pyrenäen zurückziehen und erlitt bei dieser Gelegenheit im Thale Ronceval eine fürchterliche Niederlage. Hier fiel einer seiner berühmtesten Paladine, der von vielen Geschichtsschreibern für eine fabelhafte Person gehaltene Roland. Sein treues Schwert Durenthal hochschwingend, reitet er auf unserm Bilde zwischen dem Pfaffen Turpin und dem Geheimschreiber Eginhard. Lezterer war nicht nur ein geheimer Schreiber, sondern auch geheimer Anbeter der Kaiserstochter Emma. Bisweilen liebt es die Geschichte, sich zu wiederholen. Gleichwie Napoleon im Anfang unsres Jahrhunderts mit seinen Brüdern die verschiedenen Throne Europa's besezte, so gab Karl den verschiedenen unterjochten Völkern besondere Beherrscher in der Person seiner Söhne, die aber in drückender Abhängigkeit von ihrem Vater standen; der älteste, Pipin, der sich dieser politischen Bevormundung widersetzte, wanderte nach der beliebten Methode ins Kloster, hinter dessen Mauern er, wie alle seine Vorgänger, spurlos verschwand. Im selben Jahre ( 780) büßten 4500 aufrührerische Sachsen ihren Freiheitstraum mit dem Leben. Auf der Höhe seiner Macht fehlte dem ländergierigen Nimmersatt Karl nur noch die Befriedigung des sehnlichsten Wunsches seines Großvaters Karl Martell, die Wiederherstellung des abendländi schen Kaiserthums. Doch auch dabei blieb er nicht stehen. Um das Abendland und das Morgenland unter seinen Hut zu bringen, war er gar nicht abgeneigt, die ihm angetragene Hand der alten Irene, die als Kaiserin von Griechenland in Byzanz( Konstantinopel) residirte, anzunehmen. Eine Revolution, welche Irene vom Throne stieß, brachte die Welt um das seltene Schauspiel der durch einen Franken wiederher gestellten römischen Weltherrschaft. Zu Weihnachten des Jahres 800 ließ sich Karl in Rom vom Papste Leo dem Dritten zum Kaiser des Occidents( Abendland) krönen. Die ungeheuere Volksmenge, die ihn zum Cäsar und Augustus ausrief, ahnte nicht, daß sie alle Gräuel der Cäsarenwirthschaft herbeilockte. Die Meinung, welche die Päpste von diesem Augenblicke an bis auf unsere Tage auf alle Weise zu erhalten bemüht waren, daß der Fürst der Kirche allein die königliche Gewalt verleihen könne, folglich über dem Kaiser stehe, hat in dem vielhundert jährigen Kampfe der Welfen und Weiblinger hunderttausenden das Leben gekostet und spielt heute noch in dem Kulturkampf seinen letzten Trumpf aus. Der hinfällig gewordene Recke sah alle seine Söhne, mit Ausnahme Ludwigs des Frommen, den er noch bei Lebzeiten zum Mitregenten annahm, ins Grab sinken, bevor er am 28. Januar des Jahres 814, im 71. Jahre seines Lebens und im 47. seiner Regierung ihrem Beispiel folgte. Seine Furcht, daß sein Reich nicht lange dem Andrang der Feinde widerstehen würde, hat sich bald bestätigt. Der fromme Ludwig, der selbst für seine Zeit sich mehr als nothwendig mit dem Himmel befaßte, war nicht der Mann, die bluterkaufte Errungenschaft des Vaters zu behaupten. Karl war der größte, aber auch der legte Held seines Stammes. Aus der Geschichte gold'nem Spiegel strahlt Des Kaisers Bild, auf blut'gem Grund gemalt. Der Hintergrund unseres Bildes, die Schweizerstadt Zürich am Limmat, im Vordergrunde mit seinem Münster und am fernen Hori zonte die nebelblauen Firnen, bestimmt uns zu der Erklärung, daß es fein gemaltes, sondern ein lebendes Bild ist, welches wir im Holzschnitt wiedergeben, ein lebendes Bild, wie es bei dem originellen züricher Frühlingsfest, das Sechseläuten genannt, von den Zünften unter der Serie ,, Bilder aus Zürichs Vorzeit und Gegenwart" dieses Frühjahr vorgeführt wurde. " Dr. M. T. Das russische Bublikum in russischer Darstellung. Die vom Nihilismus tief aufgewühlte russische Gesellschaft hat bei den Zeitungslesern aller Länder das Interesse für das Parteigezänk des westlichen Europas in den Hintergrund geschoben. Ueber die Verkommenheit des wirklichen und scheinbaren russischen Publikums lesen wir in der russi schen Zeitung ,, Molwa" eine beachtenswerthe Erörterung. Der Feuilletonist schildert, wie er das wirkliche, eigentliche Publikum gesucht, es aber nirgends gefunden habe. Dafür habe er aber die Entdeckung gemacht, daß die Breßreferenten sich ein eigenes, künstliches Publikum zurecht gemacht hätten, in der Art der schreienden Eisenbahnpuppen der Amerikaner. Von den Leiden und Freuden, Sympathien und Antipathien dieser Publikumpuppe" machen die Journalisten viel Geschrei und benutzen sie als bequeme Stüge. Ohne hinter dem Schreibtisch hervorzukommen, ohne sich darum zu kümmern, was wirklich in der Welt vorgeht, oftroyiren sie ihren eigentlichen Zorn oder ihr eignes Wohlwollen, ihre Gedanken und Gefühle je nach ihrer Gemüthsstimmung und den Erfordernissen ihres journalistischen Handwerks ihrer bequemen Puppe. Wenn uns z. B. der Schah von Persien besucht, so setzt sich der Wächter der öffentlichen Meinung" besagter Puppe gegen über und schreibt mit Begeisterung von den enthusiastischen Empfindungen des Publikums bei dem Anblick des theueren Gastes, von der geistigen Verwandtschaft zwischen den slavischen Brüdern" und den persischen Brüdern" u. s. w. In Wirklichkeit drückt sich der ganze Boltsenthusiasmus auf der Straße in den Worten aus: Boz tausend, Bruder, sieh' mal, was der für Diamanten an sich trägt, es ist fabelhaft!" Dem Journalisten kommt es nicht auf die Wahrheit, sondern nur auf einen tönenden Artikel an, der von hier an bis dahin" reicht, ohne bei der Censurbehörde anzustoßen. Das sind die Folgen der ge Knebelten Presse! Weiter heißt es: Wenn der Sumpf unseres schläf1 16 rigen öffentlichen Lebens durch irgend einen großen Diebstahl aufwallt, wenn ein Juchanzew seine Hand gar zu fühn in eine öffentliche Kasse steckt und sich einige hunderttausend Reisegelder nach Sibirien oder in die minder entfernten Gouvernements herausholt, dann entrüstet sich unser sogenanntes reines Publikum nicht so sehr über das außerordentliche Ereigniß', als es sich über die zeitweilige Unterbrechung der allgemeinen Langeweile freut, ähnlich, wie nach Heinrich Heine's Deutschland die gelangweilten aachener Hunde den Wanderer um einen Fußtritt anflehen, weil sie sonst vor tödtlicher Langeweile sterben. Das nach Skandal gierige, sich unsagbar ennuyirende Bublikum verhält sich in einem Fall, wie dem obenerwähnten, sehr herablassend gegen einen kühnen Dieb, sieht ihn als einen jungen Mann von interessantem Aeußeren an, als einen neuen Rocambole, der Wunder diebischer Tapferkeit verrichtet und sein Leben in Orgien unter Cocotten und feurigen Zigeunerinnen, verbrannt hat. Und dieses alles verzeihende Publikum stürzt kopfüber auf die Auktion, in die verödeten Appartements des diebischen Kassirers, betrachtet mit fieberhafter Neugier seine Einrichtung und kauft seine verschiedenen Nippessachen auf, die es nicht minder hochschätzt als den Degen Napoleons, den Stock Balzac's oder die Stiefel Friedrichs des Großen. So geartet ist dieses Publikum, welches jedes über das Alltagsleben hinausreichende Ereigniß, sogar jedes Verbrechen als ein Kapitel aus dem Lebensroman im Geschmack eines Xavier de Montepin ansieht, aus einem Roman, der es zerstreut und seine abgeſtumpften, verholzten Nerven leicht aufregt. Was singen indessen die verschiedenen Pharisäer und Tartüffes der Presse in Veranlassung eines solchen Ereignisses für ein Lied? Mit nassen Schnupftüchern am Auge, mit erregter Stimme und in erregtem Stil bringen sie zur Kenntniß ihrer Leser, daß ein unerhörter, kolossaler Diebstahl in dieser oder jener Bank oder Rentei die ganze Bevölkerung der Stadt vom Greise an bis zum Säugling in den Zustand des Entsetzens versetzt und den Ausbruch einer allgemeinen Entrüstung hervorgerufen habe. Viele Bürger seien bis in die Tiefe der Seele durch das freche Verbrechen des Attentäters gegen fremdes Eigenthum erschüttert, krank geworden und ins Hospital befördert, ein ehrenwerther Greis von edlen Lebensregeln, Vater einer zahlreichen und eben so edlen Familie, habe die sittliche Erschütterung nicht ertragen können und sei infolge eines Schlagflusses eines raschen Todes verblichen.... So oder ähnlich wird immer geschrieben und gesprochen über unser Publikum, welches extremer Aeußerungen seiner Gefühle wirklich nicht beschuldigt werden kann und immer anständig- apathisch und wohlgesinnt zurückhaltend in seinen Meinungsäußerungen ist, wenn es sich um irgend welche öffentliche Erscheinungen oder allgemeine Fragen handelt. Warum verleumdet man dieses unser armes Publikum in dieser Weise, unser Publikum, welches dieses Leben wie einen schlechten und langweiligen Roman erträgt, von diesem Leben nur Spielzeug und Zerstreuung fordert und bei welchem die Fluth jeglicher Begeisterung und jeglicher Erregung rasch deren Ebbe Platz macht. Hat der Gewährsmann von der Molwa" recht, so fürchten wir, daß die Lohe der Erregung, welche der Nihilismus entzündet, im moralischen Sumpfe des russischen Volkes alsbald erlöschen wird. Und der Grund dieser Versumpfung? Rußland zerfällt in zwei sehr ungleiche Theile: die Klasse der Gebildeten, die ohne Auswahl alles verschlingt, was der Westen an ,, Kultur" produzirt, und die schwarze Brut", Tschorni narod, unreif und deshalb unempfänglich für alle Aufklärung; erstere zählt höchstens eine halbe, lettere sechzig millionen Menschen. Peter der Große konnte es nicht abwarten, sein Volk aus der Wurzel zu veredeln, er pfropfte deutsche und holländische, die Kaiserin Katharina französische Reiser auf die Krone. Diese trägt nun ihre südlichen Früchte, der derbe und gesunde Stamm und seine weitausgebreiteten Zweige treiben die alten Holzäpfel fort. Die plößlich und gewaltsam eingeführte westeuropäische Civilisation ist nirgends in die unteren Schichten der Gesellschaft eingedrungen. Im Musterlande der Gleichheit, in England, sehen alle Stände äußerlich gleich aus, nicht einmal der Bauer trägt eine besondere Tracht. Dabei ist eine allgemeine Bildung durch alle Klassen verbreitet, welche die geistige Verschiedenheit ausgleicht. In Rußland stehen die Unterschiede schroff neben einander: Paläste neben Hütten, prachtvolle Städte in öder Gegend, eine hundert Meilen lange Eisenbahn( Petersburg- Moskau), die zwischen Anfang und Ende keine bedeutende Stadt berührt, Ananashäuser, wo kein Korn wächst, parquettirte Fußböden und halsbrechendes Straßenpflaster, kurz, Ueberfeinerung neben Roheit. Im Angesicht dieser Thatsachen entsteht die wichtige Frage, ob man die Civilisation fremder Nationen und anderer Klimas immer weiter verbreiten oder ob man versuchen will, das ungebildete, aber gelehrige Volk aus sich selbst zu kultiviren. Man muß gestehen, daß die russischen Machthaber Unglaubliches geleistet haben in der Berkümmerung des Volkes. Dr. M. T. " Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky. Albert Lorging. Eine Künstlerbiographie von Theodor Drobisch( mit dem Porträt Lorgings). Die Ameisenstadt in Pennsylvanien, von Prof. Dr. L. Büchner. Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.( I.) Heißsporne und Sicherheitskommissarien im Gebiete der Naturwissenschaft, von Bruno Geiser. Falsche Erziehungsmethode und zu frühzeitige geistige Anstrengung. Chongil, das chinesische Schach. Unterseeisches Observatorium und elektrische Lampe( mit Juustration). Der gefangene Riese, Gedicht von Rudolf Lavant. Die Herde des Hungers im schlesischen Eulen- und sächsischen Erzgebirge, von Dr. Max Vogler. Karl der Große und sein Gefolge( mit Illustration). Das russische Publikum in russischer Darstellung. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.