Die Schwestern. Roman von W. Kautsky. (Fortsetzung.) Luise zeigte in dieser Zeit des Kummers eine Thatkraft, eine Ausdauer und eine sich nie verleugnende Herzensgüte und Liebcns- Würdigkeit, die Frau Weiß mit thränenden Augen dankbar an- erkannte und welche die ihr immer gehörende Neigung ihrer Nichten zur innigsten Verehrung steigerte. Aber Luise ließ sich mit dieser bisher geleisteten geistigen Beihülfe nicht genügen. Sie wollte die an keine Roth Gewöhnten auch materiell unter- stützen, ihren beiden Nichten mindestens ein kleines Heiratsgut sichern, und darum beschloß sie, den Schatz von künstlerischem Können, den sie ungehoben in sich trug und in eigensinniger Verbitterung absichtlich vor aller Welt verschlossen hatte, jetzt in acht uneigennütziger Weise zu verwerthen. Sie eröffnete in Waidiugen eine Musikschule. Sie hatte bald eine hinlängliche Anzahl Schüler und Schülerinnen, aber, wie schon gesagt, darunter manche nichtzahlende. Sie hatte an ihnen die meiste Freude; fühlte(ich überhaupt glücklicher und zufriedener, als sie es seit der ihr Leben so traurig gestaltenden Katastrophe gewesen war. Sie erfrechte sich sichtlich an ihrer Thätigkeit und an dem Um- gang mit jungen Leuten beiderlei Geschlechts, die ihr sämmtlich innig zngethan waren. Nur hie und da verdüsterte ein Zug von Bitterkeit und Welt- Verachtung, eigentlich mehr nur Männerverachtung, ihr sonst so liebenswürdiges Wesen. Ihre beiden Nichten hatte sie auf be- sonderen Wunsch der Mama, hinter welcher die heimliche Drängerin Elvira stand, ebenfalls als Schülerinnen aufgenommen. Frau Weiß war jetzt zu der allerdings Praktischen Ansicht gekommen, daß, wenn die Musikschule florirte, diese einmal von der einen oder der andern ihrer Töchter übernommen und weitergeführt werden könnte. Elvira hatte andere Absichten; das, was seit ihrer Kinderzeit instinktiv in ihrer K-ele gelegen, der künstlerische Trieb, der Trieb, aus sich heraus zu schaffen und zu bilden, der bisher nur in unklaren, fast traumhaften Vorstellungen sich ge- äußert hatte, er hatte an Konsistenz gewonnen, er war zu einem Entschlüsse geworden. Sie wollte zur Bühne gehen. Noch hielt sie diesen Entschluß geheim, sie war ja seit ihrer Jugend gewöhnt, was sie entzückte, tief berührte, in ihr Inneres zu verschließen; die Verstellung war diesem Kinde nur allzu geläufig geworden, und der Zeitpunkt, wo dieser Entschluß zur That werden sollte, war noch nicht gekommen. Aber sie dachte immer daran, sie o-beitete und bereitete sich darauf vor, alle ihre inneren Empfin- >..ngen, sowie all' die äußeren Ereignisse brachte sie in Ver- bindung niit demselben, betrachtete sie nurmehr von dem Stand- punkte der angehenden Künstlerin. Es war ein Jahr vergangen, seit die Familie Weiß in dieses Städtchen gezogen war. An dem heutigen Abend war bei Luise Licht; es fiel durch das große Erkerfenster in einem breiten Streifen auf die Straße. Sie hatte bis sechs Uhr Lektionen gegeben, und wahrscheinlich waren noch einige der Schüler bei ihr zurück- geblieben. Während es hier unten finster, kalt und stürmisch war, gab es da oben Licht, Wärme und behagliches Geplauder. Sollten wir da noch länger auf der Straße verweilen? Nein, wir gehen die wenigen Stufen hinauf und betreten Luisens Wohnzimmer, um sie und diejenigen, die sie um sich versaminelt, näher zu be- trachten, genauer kennen zu lernen. Das Wohnzimnier war groß, sehr einfach, aber nicht ohne Geschmack möblirt. Die dunkle Tapete gab ihm etwas Trau- liches und zugleich Distinguirtes. Ein großer bösendorfer Konzert- flügel nahm die dem Fenster gegenüberliegende Wand ein. Er war geöffnet und verschiedene Notenblätter lagen verstreut auf ihm herum. In einer tiefen Ecke stand ein breites Ruhebett, mit einigen gestickten Polstern ausgestattet, es war in diesem Augenblick nicht okkupirt. Die ganze Gesellschaft hatte um den nicht allzu großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, auf bequemen Stühlen Platz genommen, und die Petroleum- lampe, die von der Decke herabhing, überstrahlte mit ihrem Lichte eine ganz allerliebste Gruppe. Dem Fenster gegenüber saß Fräulein Luise; ihr hübsches, ernstes Gesicht, mit den intelli- genten, aber kurzsichtigen Augen, war über einen Brief, den sie in der Hand hielt, tief herabgebeugt, vier reizende junge Mädchen bildeten die liebenswürdigste Umgebung, die man sich denken konnte. Zwei derselben waren die Nichten Luisens, Marie und Elvira, die beiden anderen ihre Freundinnen, die Schwestern Minna und Amelie DePauli. Die letzte, ein zartes, noch wenig entwickeltes Geschöpfchen von sechzehn Jahren, war die jüngste, ihre hochgewachsene, üppig erblühte Schwester, die vor einigen Tagen einundzwanzig Jahre und endlich einmal, wie sie selbst mit großer Zufriedenheit betonte, majorenn geworden war, die älteste unter dieser Jugend. Sie hatten alle ihr Arbeitszeug mit- gebracht, aber die sonst so flinken Finger feierten und die Nadeln und farbigen Knäuel lagen verwirrt oder zerstreut auf dem Tisch und Boden herum, und niemand von ihnen dachte daran, sie aufzuheben. Wer kümmert sich auch um solche Kleinigkeiten, wenn Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1881. E 1380] wichtige und interessante Dinge unfern Geist, unser Herz beschäf- tigen? Dies war hier der Fall. Minna hatte heute ein Schreiben ihres Bruders erhalten, der seit einigen Jahren in der Residenz seinen Berufsstudicu als Maler oblag; der Brief hatte sie heftig erregt, und die beiden, gänzlich verwaisten und alleinstehenden Mädchen waren damit zu Luisen gekommen, um dieser mütter- lichen Freundin, die bisher warmen Antheil an ihrem Geschicke genommen hatte, denselben mitzutheilen. Hier trafen sie Marie und Elvira, auch sie sollten vernehmen, was Bruder Alfred ihnen geschrieben hatte. Drum mußte Luise laut vorlesen, und ihre ZuHörerinnen, die schönen Augen ihr zugewandt, lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit auf jedes Wort, das von ihren Lippen fiel. Handelte es sich doch um einen Gegenstand, der auf un- berührte Mädchcnherzen seinen Eindruck niemals verfehlen wird, und dem sie, trotz ihrer Unerfahrenhcit, das tiefste Verständniß und zugleich das höchste Interesse entgegenbringen, handelte es sich doch um Liebe und, was noch mehr, um unglückliche Liebe. Mit jeder Zeile wurden die Wangen röther, zuckte es um die Lippen in steigender Erregung. Minna hatte die Arme über den Tisch geworfen und ihre Händchen konvulsivisch ineinander geschlossen. Ihre Augen sahen starr auf einen Punkt; ihre dichten Wimpern hielten die Thräncn nicht mehr zurück, sie quollen über und flössen in schweren Tropfen über die vollen Wangen. Luise machte eine kleine Pause, sie wendete das Blatt um; sie schielte dabei ein wenig nach ihren ZuHörerinnen und ein kauni merkliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war jetzt auf der letzten Seite des Briefes angelangt und las weiter: „Nein, liebe Schwestern, niemand kann sich einen Begriff machen von dem, was ich leide, niemand kann meinen Zustand ermessen. Ich bin jung, ich möchte glücklich sein, und doch ist für mich alles, alles dahin! Seit drei Tagen, seit diesem Unglück- seligen Brief, in welchem sie mir in dürren Worten sagt, daß zwischen uns alles aus sei, und mir zugleich mit tödtlicher Kälte räth, ich solle sie vergessen, seit diesem Augenblick habe ich nichts anderes denken können, als mein Elend, als meine Schmach. Ich bin betrogen in meinen heiligsten, unwandelbarsten Gefühlen, betrogen von ihr, die nur ein frevles Spiel mit mir getrieben hat. Sie habe sich in ihren Empfindungen getäuscht, gesteht sie mir, sie habe mich wohl geachtet, nicht geliebt, dies sei ihr jetzt erst klar geworden, wo ihr Herz für einen andern schlage. Ach, so die Ruhe, so das Glück seines Lebens hingeopfert zu sehen, um eines andern, um eines Lasten willen, der sie niemals glück- lich machen wird!— Würde mir doch das Bewußtsein genommen, könnte ich nur auf eine kurze Stunde vergessen! Aber kein Schlaf kommt über mich und meine Nerven sind in einem erschreckenden Zustande. Jeder Ton berührt mich schmerzhaft und läßt meinen ganzen Körper erbeben. Mein Herz schlägt fieberhaft, Krämpfe fassen mich von Zeit zu Zeit und lassen mich schreien in maß- losem Weh,— was soll aus mir werden?— Könnte ich nur fort, fort! Aber kann ich mir selbst entfliehen und den Schmerzen, die mick durchtoben, und dem Zorn und der Scham?— O, ich will sterben, um mit einemmale diese Qual zu enden. Lebt wohl, ihr Unschuldigen, ihr Theuren, und betet, betet für euren Unglück- lichen Bruder!" Luise senkte das Blatt, es war zu Ende. Mmna warf in leidenschaftlicher Heftigkeit den Kopf über die auf dem Tische ruhenden Arme und brach in lautes Weinen aus. Amelie that es sogleich ihrer Schwester nach, und Marie und Elvira, ob- wohl sie den unglücklich Verliebten garnicht kannten, ihn nie gesehen hatten, vermochten doch in inniger Theilnahme und kameradschaftlichem Mitgefühl ihre Thräncn nicht zurückzuhalten, und so schluchzten denn bald alle vier um die Wette. Luise faßte die Sache weit weniger tragisch auf. Sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück, und während ihre Augen einen Blick der Milde, fast der Rührung über diese warm- und weichherzige Jugend gleiten ließen, umflog ihre Lippen abermals ein Lächeln. „Ihr seid Kinder, rechte Kinder," begann sie in ihrem etwas spöttischen Ton,„da heulen sie gemeinschaftlich, weil einem Mann seine Geliebte untreu geworden ist. Aber ihr könnt doch nichts dafür, darum seid vernünftig, und du, Minna, fasse dich." „Mein armer, armer Bruder," schluchzte diese. „Nun ja, er ist zu bedauern, aber er wird's überwinden." „Er wird daran zugrunde gehen." „Glaubst du, Kind?" fragte Luise, und der herbe Zug in ihrem Gesichte trat etwas schärfer hervor.„Aber ich sage dir, die Männer sterben nicht aus Liebe, sie reden und schreiben nur davon, und auch die Frauen sterben nicht daran; es thut weh, aber es geht vorüber." „Mag sein, aber wie soll mich das trösten? Er leidet jetzt!" Sie hob den Kopf und die thränenüberströmten Augen.„Du hörst ja, wie er sich quält, wie ihn der Schmerz halb rasend macht. Und er ist ohnedies zur Schwermuth geneigt; ach, es ist eben nichts Flüchtiges in ihm, seine Empfindungen sind stets so tief, so wahr, und an dieses falsche, abscheuliche Wesen hatte er seine ganze Seele gehängt, er hat sie angebetet." Marie, die neben Biinna saß, nahm das kleine Taschentuch, mit dem sie ihre Wangen getrocknet, vom Gesicht und sah ihre Freundin an. Ihre Augen, in denen neue Thräncn aufstiegen, drückten ein naives Erstaunen aus. „Ich kann es nicht begreifen," sagte sie, und die weiche, süße Stimme zitterte ein wenig.„Kann man denn kalt und rücksichts- los sein gegen den, von dem man sich geliebt fühlt, kann man ein Herz so roh zurückstoßen, dem einmal das eigne voll Zärtlich- keit entgegen geschlagen hat?" Minna ergriff ihre Hand mit innigem Druck.„Du gutes, sanftes Herz, du würdest das freilich nicht thun, du würdest meinen Bruder lieben, so wie er es verdiente, nicht wahr?" Marie erröthete stark.„Ich kenne ihn nicht," stammelte sie, dann trat ein Lächeln auf ihre lieblichen Züge, und sie fügte lauter und lebhafter hinzu:„Aber du sprichst soviel Gutes von ihm, bist ihm so innig zugethan, da muß er wohl brav und liebenswerth sein." „Er ist ein edler, herrlicher Mensch," rief Minna, und ihre feuchten Augen blitzten auf.„Ach, vielleicht kennt ihn niemand so, wie ich. Er ist grade uicht mittheilsam; mir kam es oft so vor, als läge eine gewisse Scheu in ihm, die ihn vor der Be- rührung mit dem Alltäglichen zurückschreckt. Ich kann das nicht so ausdrücken, aber sein zarter, künstlerischer Sinn hatte sich schon ftühzeitig in seinem Widerwillen gegen alles Häßliche und Gemeine geäußert, in seiner großen Empfänglichkeit für alles Schöne und Erhabene. Der Vater sagte öfters, er sei ein Poet, aber er freute sich keineswegs darüber, ja, er spöttelte und ließ ihn oft rauh an, und wenn er dann bemerkte, wie unglücklich der Knabe ward, wie tief entmuthigt und verletzt, dann ward er böse und schalt ihn und nannte ihn eine weichherzige, empfindsame Puppe. Mir war es damals, als Hütte der Vater nicht ganz unrecht, nur die Art und Weise, ihn zu kräftigen, schien mir verfehlt. Ich hatte meinen Bruder immer sehr lieb, ich konnte es nicht mit ansehen, wenn er traurig war, ich suchte ihn dann zu erheitern, und es gelang mir; ich lachte ihm seinen Kummer weg; aber ich er- mnthigte ihn auch, ich lobte ihn und seine Arbeiten und zankte dann wieder mit ihm, daß er sich so leicht einschüchtern lasse, indeß er doch weit mehr und besseres leiste, als alle seine Käme- radcn. Ach, wie war er dem kleinen Mädchen dankbar für die guten Worte! Er küßte mich und ich bemerkte, daß seine Haltung an Zuversicht gewann, daß seine Augen kühner leuchteten. Und wenn er dann mit seinen Kameraden spielte oder sprach, wie liebenswürdig war er, wie fröhlich,— alle merkten es, ich aber freute mich im stillen über meinen Einfluß auf den Bruder, der so begabt war, daß er alle überragte, und dessen Seele doch so zart besaitet war, daß jeder leise Mißton ihn beleidigte, ihm wehe- that. Und dieser Bruder ist jetzt unglücklich, in seinen heiligsten Gefühlen verwundet, er ist in Verzweiflung. Muß ich da nicht zu ihm? Ich will nach der Residenz, ich will an seine Seite eilen, ihn trösten, seinen Kummer lindern, ihn auftichten, wie damals, gewiß, ihr seht es alle ein, ich muß zu ihm, ich werde morgen abreisen." Sie hatte mit all' der Wärme gesprochen, deren dieses lebhafte und resolute Naturell fähig war; ihren Entschluß, zu ihm zu reisen, kündete sie aber in gradezu leidenschaftlicher Weise an. Da beugte sich ihre zarte Schwester zu ihr und flüsterte ängstlich: „Aber Minna, wir haben ja kein Geld." Minna preßte die Hände ineinander.„Aber ich kann es hier nicht aushalten, die Angst, die Sorge um ihn im Herzen, nein, ich kann es nicht ertragen. Und der Gedanke, der furchtbare Gedanke, er kommt mir immer wieder,— Luise, es wäre ja möglich, daß der Arme, der Verzweifelte— er wird sich eine Kugel durch den Kopf jagen!" Sie brach auf's neue in Weinen aus, und Marie und Amelie schluchzten mit._ Elvira aber erhob sich, nachdem sie mit einem Ruck ihren Sessel zurückgeschoben. „Dann ist er ein Feigling!" rief sie, nicht ohne Heftigkeit. „Das ist er gewiß nicht," entgegnete Minna, sich nun gleichfalls 19 erhebend,„aber wenn seine Seele so tief getroffen ist, kann da nicht Ucbcrdrnß des Lebens— die letzten Worte seines Briefes, sie lassen mich das Schlimmste vermuthen." Luise winkte sie mit einer Gcberde zu sich. Minna ließ sich vor ihr auf das Knie nieder und Luise zog mitleidig den Kopf des Mädchens in ihren Schoß.„Du armes Kind, beruhige dich doch," sagte sie, ihr mit der Hand das Haar zurückstreichend. „Der Brief hat dich ganz übermäßig aufgeregt." „Ich werde ruhiger werden, sobald ich weiß, daß es mir möglich sein wird, zu ihm zu eilen. Luise, liebe gute Luise, gib mir das Geld, ich bitte dich darum." „Das Geld würde ich dir wohl geben,"— Minna hob in rascher Freude den Kopf,—„aber," fuhr Luise fort,„deinen Entschluß kann ich durchaus nicht billigen. Ztuii, wir wollen darüber schlafen; komm morgen zu mir, wir wollen dann zu- sammen berathe», was wohl das Beste wäre." „Aber ich muß heute Nacht reisen, sonst könnte es zu spät sein." „Minna," rief Luise, und es lag unwillige Strenge im Ton und Blick,„du siehst in deinem Bruder immer noch den schwachen, weichherzigen Jüngling, denke, er ist ein Mann geworden, der schon manches im Leben durchgekämpft hat, und so wird er männ- lich auch seinen Zorn und seine verletzte Eitelkeit bekämpfen, denn das ist'S doch hauptsächlich, was ihm zu schaffen macht; wäre er aber wirklich aus so weichem, empfindlichen Stoff gemacht, wie du befürchtest, und vermag er einem Verlust, der ihn unverschuldet trifft und nur ihn allein trifft, nicht die Stirn zu bieten, so wird ihn deine Gegenivart auch nicht kräftiger und lebensfähiger machen, und wenn du ihn jetzt auch verhindern magst, eine Feigheit zu begehen, weint du ihn auch dies eincmal vor ihm selbst rettest, so wird das nächste Mißgeschick ihn nicht davor bewahren." „Wie hart du urtheilst," sagte Minna mit bebenden Lippen. „Ja, du bist zu hart, Tante," bestätigte Marie. „Mag sein," erwiderte Luise,„aber wahrlich, ich verüble es ihm, daß er seine Schwestern mit seinen Liebesschmerzen behelligt und ihnen so unnützen Kummer verursacht." „Er hat keine andere Seele, die Antheil an ihm nähme, von uns weiß er, daß wir ihn lieben." „Grade deshalb hätte er dies pathetische Gcwinscl, daß er sterben wolle, vermeiden sollen." Minna erhob sich erregt.„Jetzt bist du ungerecht, du beurtheilst ihn ganz falsch, weil du ihn nicht verstehst." „Ich kann ihn eben nur nach seinem Verhalten euch gegen- über beurtheilen," erwiderte Luise, deren sonst so ruhiger Ton jetzt etwas gereizt klang;„und mir gefällt es nicht, daß er seine jungen Schwestern nach dem Tode der Mutter sich selbst über- lassen hat und nicht einmal fragt: Könnt ihr auch leben? Neichen eure schwachen Kräfte hin, euch zu ernähren, euch zu kleiden? Wie stellt ihr es an, um durchzukommen?" Minna, die während dieser Rede im Zimmer auf- und ab- gegangen war, setzte sich auf ihren früheren Platz, grade Luisen gegenüber, und sie sah ihr ernst und fest ins Auge. „Weißt du, warum er es gethan hat? Weil ich es so wollte, weil ich ihn dazu gezwungen habe. Ich war neunzehn Jahre alt, als die Mutter starb, ich war kein Kind mehr, ich war gesund und stark und bin's geblieben. Ich konnte für mich sorgen und auch für meine Schtvester. Der Bruder aber stand im Anfange seiner Studien, die ihm, dem Berufenen, eine schöne, glückliche Zukunft verhießen,— sollte er diese unterbrechen, sein Glück zerstören? Ein Wort von mir, und es wäre geschehen, ein Wort, und gut uitd liebevoll, wie er ist, wäre er herbeigeeilt, er hätte seiner Kunst entsagt und wäre ein simpler Arbeiter geworden um unsertwillen. Ich habe dieses Wort nicht gesprochen. Bei Gott, ich hätte es nie verantworten können. Und es macht mich nun glücklich und stolz, daß ich kräftig genug war, die Laufbahn meines Bruders zu fördern, statt mich ihr engherzig entgegenzusetzen." Es lag etwas Gewinnendes, wahrhaft Edles in diesen Worten. Sie kamen aus der Seele, und sie klangen darum schön, fast gewählt. Alle empfanden dies. Marie nahm sie um den Hals und küßte sie.„Du bist gut, du bist tapfer, Minna!" rief sie mit einer Art von Entzücke». „Ja, tapfer war ich," entgegnete diese, und über das frische Gesicht mit den zarten Zügen flog ein freudiges Lächeln.„Ich denke, ich habe mich tapfer gehalten. Ich habe der kleinen Amelie die Mutter, die sie so früh verloren hat, ersetzen müssen, ich habe sie zu einem guten, arbeitsamen Mädchen herangezogen, und wir beide bringen uns rechtschaffen durch. O, wir können uns schon selbst durch die Welt helfen, nicht wahr, Malchen?" Die Angeredete nickte und sah mit einem Blick dankbarer Verehrung zu ihrer Schwester auf. „Du hättest dich weit besser durchbringen können ohne mich," entgegnete sie mit ihrer dünnen, etwas belegten Stimme, die noch wie die eines Kindes klang;„du hast was gelernt, du hättest als Lehrerin eine Stelle finden können, aber da hätten wir uns trennen müssen; du hast das nicht gewollt und ich auch nicht, denn dann wäre ich gewiß gestorben. Und so bist du Hand- stickcrin geworden und ich auch, nur daß du viel mehr arbeitest als ich, und dabei noch die größeren Entbehrungen trägst." Minna warf ihr einen verweisenden Blick zu, ihr zugleich Schweigen auferlegend. „Das ist auch ganz in der Ordnung," erklärte sie dann,„ich kann eher einen Puff aushalten; ich glaube, ich würde fast zn dick und vollblütig werden, wenn ich nicht hie und da so ein bischen nm das liebe Brot zu sorgen hätte." Unwillkürlich stieß sie ein kurzes, fröhliches Lachen aus. Sie war eine so durch- aus sanguinische Natur, diese Minna. Luise hatte längst ihren strengen Blick verloren, sie betrachtete vielmehr das Mädchen mit wirklicher Zärtlichkeit. Jetzt reichte sie ihr die Hand über den Tisch. „Tu bist mein wackeres Mädchen, so muthig und tüchtig, wie nur ciuc; aber das hindert dich nicht, eine Menge Thorheiten und Uubesonuenheite» zu begehen, die eben nur ein Ergebniß dieser gänzlichen Verwaisung, dieser gänzlichen Sclbstübcrlasscnhcit sind. Du bist tugendhaft und rein, aber der Schein ist gegen dich und man tadelt dein Verhalten." Minna senkte rasch, wie schuldbewußt, den Kopf. Ein dunkler Purpur schoß in ihre Wangen und ihre Brust hob und senkte sich merklicher. (Fortsetzung folgt.) Alliert Lortzing. Eine Künstlcrbiographie von Theodor Drobisch. (Schluß.) Vielfache Kritiken sind im Lauf der Jahre über die Werke und die Fähigkeiten des Komponisten erschienen, der zwar nicht zu den Heroen der Tonkunst gehörte, aber mit seiner derben Komik und seiner gemüthlichen Weichheit den glücklichen Versuch machte: die Oper als Dichter und Musiker dem Volke näher zn bringen, ohne schädlich auf den Geschmack desselben einzuwirken. Der treffliche Kunstkritiker W. H. Riehl sagt in seinem Skizzen- buch:„Musikalische Charakterköpfe" von Lortzing:„Sein ganzes Naturell machte ihn zum gebornen Widersacher jener überwürzten, reflektirten Tendenzmusik der französischen Nenromautiker, welche die deutsche Oper so lange beherrschte. Lortzing griff das deutsche Volkslied auf und wob es in mannichfacher Veränderung als den köstlichen Schmuck in seine Opern ein. Dieser glückliche Gedanke, die volksthümliche deutsche Liedesform aus der Posse auch in die höhere komische Oper zu verpflanzen, hat ihn zum berühmten Kvmpouistcn gemacht." Für die erste Oper zahlte ihm Ringelhardt kein Honorar, und was das Geld für„Czar und Zimmermann" anbelangt, davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Viel über acht Friedrichs- d'or wird's nicht gewesen sein. Lortzing war ja schon zufrieden, daß sein Bühnenchef die erste Aufführung riskirte, vorausgesetzt, daß die Oper keine Ausstattnngskosten beanspruche. So erzählte mir der Inspizient Barchels nach der ersten Aufführung des „Wildschütz", daß die ganze Ausstattung mit achtundzwanzig Silbcrgroschen abgemacht worden sei, was die bunten Bänder gekostet, womit man einige der dörflichen Schulmädchen und die zwei auf Stangen gesteckten Kränze geschmückt habe. Und nun die Honorare überhaupt. Von allen diesen Opern, 22 welche den Theatern Gewinn brachten, hat er nie eine Tantieme bezogen, selbst nicht einmal von der berliner Hosoper. Dennoch war Lortzing überglücklich, als ihm der damalige General- Intendant Graf Redern für Buch und Partitur von„Czar und Zimmermann" auf immer und alle Zeit hundert Dukaten zu- kommen ließ.— Welch' ein Honorar gegen jetzt für eine Oper, an der, wie einmal Rellstab schrieb, die Berliner sich garnicht sattsehen konnten. Das Hoftheater in München ließ sich unter gleichen Be- dingungen zu einer Zahlung von hundert Thalern herbei, und größere Provinztheater kürzten diese Summe meist bis zur Hälfte, wobei es oft noch lange Zeit währte, che das Geld kam. Ja, das Stadttheater zu Riga zahlte für„Czar und Zimmermann" als Totalsumme nur dreißig Thaler, die Lortzing nicht einmal ganz bekam, denn zwölf Thaler hatte er für Papier und Rein- schrift der Partitur zahlen müssen, und sechs Thalcr zog das Theatergeschäftsburcau von Sturm und Koppe als Prozente ab. Sonach empfing er zwölf Thaler, die ihm der Lausbursche von der sauberen Theaterageutur in die Restauration von Hering auf der Hainstraße brachte, wo Lortzing ein Stündchen vor der Theatervorstellung im Berein mit etlichen seiner Kollegen für zwei Groschen einen Krug wernsgrüner Bier trank. Anfänglich war er über dieses so reduzirte Honorar verstimmt, sein Humor aber kehrte mit den Worten zurück:„Bei so eiuer glänzenden Ein- nähme kann ich mir wohl noch einen Schnitt und eine kalte Brat- wurst kommen lassen!" Kurz darauf' sollte er noch eine größere Täuschung erfahren. Von einer distinguirtcu Persönlichkeit war er angeregt worden, Partitur und Buch von„Czar und Zimmermann" an die Kaiserin von Rußland nach Petersburg einzusenden. Lortzing, der auch in solchen Dingen ein Naturkind war, ging auf den Vorschlag ein, und nach kurzer Fr-ist ging die Partitur, prachtvoll in rotheu Samniet gebunden und mit Emblemen verziert, was ihn vierzig Thaler kostete, an die Kaiserin ab und— kam nach drei Wochen uneröffnet zurück. Auch über diese verfehlte Hoffnung wußte er sich zu trösten und scherzte wohl noch selbst mit, wenn der Komiker Ballmann die Bitte an ihn richtete, ihm doch den prachtvollen Brillantring zu zeigen, den ihm die Kaiserin von Rußland geschickt habe.— Die so schmuck eingebundene Partitur durfte nicht ohne Zlveck liegen bleiben. Eingedenk des Grafen Redern in Berlin, der das splendide Honorar von hundert Dukaten gesendet, ersuchte er selbigen in einem Begleitschreiben, die Partitur als ein Zeichen seiner Hochachtung und Verehrung hinzunehmen. Der Herr Generalintendant revanchirte sich. Er schickte dem Tondichter zwei große Porzellanvasen, die für den Schreiber dieser Zeilen, als er ihrer ansichtig wurde, keine Neuigkeiten waren, denn er hatte sie ein Jahr vorher im Vorsaal des Grafen auf einem Schranke stehen sehen. Als im Jahre 1814 Ringelhardt die Direktion des leipziger Stadttheaters niederlegte und Dr. Schmidt die Verwaltung über- nahm, trat Lortzing von der Bühne ab und wirkte als Kapell- meister bis zum Jahre 1845, wo er dann 1847 in gleicher Stellung mit seiner Familie und seiner Mutter nach Wien an das Theater an der Wien ging. Hier war es, wo sich sein Lebenshimmel ernstlich zu trüben begann. Im Oktober 1848 mußte er die Schrecken der Belage- rung mit aushalten, und als sich Tausende anschickten, die immer mehr bedrohte Stadt zu verlassen, beschloß er, sich mit den Seinigcn nach Baden zu begeben. Einen Wagen aufzutreiben war nn- möglich, denn ein solcher wurde bis Baden mit sechzig bis achtzig Gulden bezahlt. Also fort zu Fuße, bis sich eine Gelegenheit findet. So sah man denn den braven Lortzing unter taufenden von flüchtigen Einwohnern, wie er auf seinem Rücken einen Korb voll Betten trägt: an der einen Hand die alte, gute Mutter, an der andern zwei von seinen Kindern, während sich die vier andern an die Mutter anklammerten. Nach vielfach überstandencr Trübsal kehrte er wieder nach Leipzig zurück, wo er von dem Direktor Wirsing als musikalischer Leiter an die Bühne berufen wurde. Bielfach ncit Jntriguen kämpfend, vielleicht auch im stillen die Ueberzeugung in sich tragend, daß ihm zum Dirigiren größerer Opern die Routine mangele, entsagte er dieser seiner Stellung. Auf der Tauchacrstraße, dem Schützenhaus gegenüber, hatte er eine bescheidene Wohnung genommen und fristete sein Leben, sowie das seiner Gattin und der sechs unmündigen Kinder durch Gastspiele an kleinen Bühnen. Von einem Gastspiel in Alten- bürg, Gera oder Greiz- Schleiz- Lobenstein kam er an einem eis- kalten Winterabend ohne Mantel auf dem Dampfwagen dritter Klasse nach Leipzig zurück, wo er sich in Bickerts Restauration im„Wintergarten" fröstelnd in die Nähe des warmen Ofens setzte. Um die häuslichen Sorgen abzuwehren, hatte er in dieser traurigen Lage vier oder fünf Lieder komponirt, von denen er sicher hoffte, daß sie Breitkopf und Härtel in Verlag nehmen würden, mit denen er früher in Verbindung gestanden, indem diese reiche Musikalienhandlung den Klavierauszug von„Czar und Zimmermann" herausgegeben und damit ein glänzendes Geschäft gemacht. Schon am andern Tag kam das Liedermanuskript an Lortzing mit einem sehr höflichen und den Werth der Lieder anerkennenden Briefe zurück, leider aber wären die Zeiten jetzt nicht dazu an- gethan, sich in neue Unternehmungen einzulassen u. s. w. Kurz, eine abschlägige Antwort für den Tondichter, dem hier mit zwanzig bis dreißig Thalcrn Hülfe geworden wäre. Was ich hier sage, beruht auf voller Wahrheit, denn ich habe den Brief selbst gelesen. In solcher Bedrängniß war es als ein Glück zu betrachten, als man ihm den Dirigentenposten am Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater zu Berlin mit einem Jahresgehalt von sechshundert Thalern antrug.— Er reiste von Leipzig ab. Auf dem Dampf- wagen der dritten, damaligen letzten Klasse kam er in düsterer Abendstunde in Berlin an. Er trug seinen schweren Reisesack und, um das Geld für eine Droschke zu ersparen, begab er sich zn Fuß in die Stadt, wo er beinahe von einer herrschaftlichen Equipage überfahren worden wäre, welche nach dem Opernhaus wollte, in dem an jenem Abend sein„Czar und Zimmermann" gegeben wurde. Kurz nach Antritt seines Amtes empfing ich von ihm einen Brief, der folgende Stelle enthielt:„Es geht mir hier nicht zum besten, ich speise hier mittags oft für zwei Groschen in einem Bumbskeller und muß abends elenden Possenschund dirigiren. So manches Papicrchen aus guter Zeit hat leider schon in Wien versilbert werden müssen, was Du vielleicht schon von Stegmayer oder von dem Dr. Schweizer erfahren hast, in dessen Hause der Professor Wuttkc ja das Bombardement während der Oktober- tage mit ausgehalteu hat." Mit schon gebrochener Kraft schrieb er noch das Musikstück zu dem Singspiel:„Die berliner Grisette" und das„Lied vom neunten Regiment".— Wie ich am Eingang dieser Skizze erzählt, fügte in der Nacht zum 21. Januar 1851 ein Schlagsluß au sein schweres Leben ein leichtes Ende. Weinend und thränenvoll standen die Seiuigen an dem Bett. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode durch Berlin, durch die ganze musikalische Welt; jede Zeitung der Residenz brachte einen Nekrolog, man fühlte, ams die undankbaren Zeitgenossen an ihm verschuldet. Die ahnungsvollen Worte aber, welche der Heimgegangeue wenig Tage vor seinem Ende zu seiner Familie gesprochen:„Wenn ich todt sein werde, kann es euch noch einmal besser gehen!" sie sollten keine Täuschung bleiben. Ter Redakteur Ernst Kossak und der Musikalienhändler Schlesinger ergriffen das Wort und forderten die Künstler der Residenz zur Mitwirkung an einem Konzerte auf, dessen Ertrag zum besten eines verzinslichen Fonds fiir die unversorgten Waisen und die Wittwc Lortzings angelegt wurde. Da wurde denn, so- zusagen, der Todtc lebendig. Gar viele, die ihn im Leben weniger beachtet hatten, wurden rührig, aufmerksam, und der Gcncral- musikdirektor Meyerbeer, immer voran, wo cS die Unterstützung eines begabten Menschen galt, trat mit dem ganzen Gelvicht seines Ansehens an die Spitze des Unternehmens. Er versammelte die Elite der künstlerischen Sphären Berlins um sich, und so kamen Vertreter fast aller Nationen zusammen, dem Frühgeschiedenen zur Ehre und Liebe zu geigen, zu singen und zu deklamiren. Da kam Frau Köster, geborne Schlegel, die königliche Kammersängerin, welche während ihres leipziger Engagements so oft auf der Bühne, vereint mit Lortzing. i» der Oper gewirkt hatte. Es bot sich außer Meyerbeer der Hofkapellmeister Dorn zum Dirigiren an; es drängte sich der Pianist Anton v. Kontski herbei, der sich von Lißt die ungeheure Ausbildung der heroischen Technik und von Thalbcrg das Aristokratische der Manier und Haltung angeeignet. Zu der Kammersängerin Herren burger gesellten sich die 23 italienischen Künstlerinnen Signora Agelini und Laßlo, sodann die Herren Pardini, Leborctta, Atezzoletti und der Hofschauspieler Döring. Noch aber war die Zahl nicht geschlossen. Es kam der Stern'sche Gesangverein, besonders aber die königliche musika- lischc Kapelle und— Frau von Ovim, die ehemalige hochgefeierte Charlotte von Hagn. So strömte denn auch jenem Konzert die ganze vornehme Welt trotz doppelter Eintrittspreise zu und erfreute sich an den Vorträgen, welche mit der Ouvertüre zu„Hans Sachs" von Lortzing eröffnet wurden. Ich saß— es war am 20. Februar 1851— recht still und eingedenk vergangener Tage in einer Parquetloge und dachte: Armer Lortzing, heute vor vierzehn Jahren wurde zu Leipzig deine erste Oper:„Die beiden Schützen" gegeben. Welcher Jubel, welche Lust, als nach'Beendigung der Vorstellung dich eine Zahl deiner Freunde in Auerbachs Keller empfing. Die gefüllten Weingläser erhoben sich auf dein Wohl und auf ferneres gedeihliche Schaffen. Ach,„das war eine löst- liche Zeit!" Und heute? Viele Kenner lauschten den Klängen der obgenannten Ouvertüre, sowie der von der Köster gesungenen Sopran-Arie aus dieser Oper. Es war eine Cavatine, mehr in geinüthlich-heitsrem Stile geschrieben, und man sah es etlichen an, daß wehmüthige Be- trachtungen über sie kamen; sie mochten bewußt werden der Fähigkeiten eines Künstlers, der in dem Treiben des Tages nie zur Ausarbeitung eines gerundeten Orchestcrwerkes gekommen ist. Er konnte sich freilich nicht zur Sommerzeit, wie Meyerbeer, auf ein Landgut nach Meudon bei Paris, oder, wie Mendelssohn, nach Jnterlaken in der Schweiz begeben, um dort ungestört der Muse zu huldigen. Der Arme mußte fast täglich auf der leipziger Bühne in der Oper, im Schau- und Trauerspiel, sowie in der Posse mitwirken. Das Konzert an jenem Abend gab einen Ertrag von etwas über 1078 Thalern, und viele deutsche Bühnen suchten durch Vorstellungen zum besten der Nachgelassenen Lortzings eine Ehrenschuld abzutragen. So kamen denn nach und nach gegen 15000 Thaler zusammen, tvclche das von Meyerbeer gebildete Comitö verwaltete und die Familie vor Mangel schützte. Ja, Anerkennung erst dann, als sich mit der kleinen Erdöffnung aus dem Kirchhofe für den müden Dulder der Himmel öffnete! Das Loos so vieler Geister, die erst der Tod lebendig macht! Wasserversorgung und Wasserreinigung. Von Hiothverg-Lindener. Wer fühlte nicht eine Art stolzer Genugthuung, wenn er Ge- legenheit findet, sich die Ueberlegenheit der geistigen und niate- riellcn Leistungen unserer Zeit, verglichen mit denen früherer Perioden durch Thatsachen klar zu machen, oder doch wenigstens — womit wir uns ja großentheils zufrieden geben müssen— mit Eifer diese Ueberlegenheit behaupten hört? Wie müssen wir doch die edlen Spanier der Zeit vor etwa einem Jahrhundert bemitleiden, da die Frage, ob einer dürren, verschmachtenden Gegend das frucht- und labungbringendc Wasser durch Anlegung eines Kanals zugeführt werden solle, von einer dafür angesehenen, weisen und sachverständigen Kommission dahin entschieden wurde, daß solches Beginnen durchaus verwerflich und gegen die heilige Ordnung sei: denn wenn die Vorsehung gewollt hätte, daß jene Gegend Wasser besitze, so würde sie es schon längst selbst hin- geleitet haben! Wenn wir aber ohne Voreingenommenheit über- legen, ob denn nicht hin und wieder dasselbe Prinzip, nur in verhüllter Gestalt und bei weniger einfachen Gelegenheiten, uns doch gleichfalls noch entgegentrete? wenn wir zur Abhülfe klar erkannter Uebetstände die von Natur und Vernunft vorgezeich- neten Wege, die ja immer irgend wie dem Gewohnten zulvider- laufen müssen, einzuschlagen gewillt sind, so werden wir finden, daß uns Genossen„unserer großen Zeit" das Vorgehen auf dem einzig möglichen Wege und nach einem unzweifelhaft vortreff- lichen Ziel verlegt wird und oft mit Erfolg durch Vetos, die mit jenem spanischen in der Verwechslung von Gewohnheit und heiliger Ordnung übereinkommen und nur statt der Berufung auf das Nichtwollen der Vorsehung als Schild ihrer Willkür sich des Hinweises auf angebliche Naturgesetze oder historisch nothwendig entwickelte Thatsachen, die entgegenstünden, bedienen; welche weise und wissenschaftlich aussehenden Gründe uns ver- blüffen sollen! Beispiele liegen wohl in jedermanns Erfahrung! Wo es sich aber gar um Uebelstände handelt, die aus nicht leicht erkennbaren, oder nicht so einfach zu beseitigenden Umständen hervorgehen, da lassen wir nur zu oft unsere Aufmerksamkeit auf Nebenwege und Nebendinge ableiten und uns, angesteckt durch den so sehr verbreiteten Schachergeist, bei der Behauptung, dies oder jenes müsse vorher erst noch gethan werden, durch Ab- schlagszahlungen in wenig oder oft gar nicht gemeinnützlichen Dingen auf längere Zeit hin zufriedenstellen, während nach Er- reichen des Hauptzieles, unbeirrt auf dem gradesten Wege, diese Kleinigkeiten uns uebenbei mit zufallen müßten. So ist es mit vielen sogenannten hygienischen Maßregeln, die da getroffen werden, weil als gewiß zu erkennen ist, daß das Zusammenwohnen und-Arbeiten größerer Menschenmengen Ursache zu sonst vermeidlichen Gesundheitsschädigungen ist, die sich aber nur gegen die bereits ausgebildeten Krankheiten und deren Verbreitung richten. Dabei bekennen unsere Hygieniker von Fach selbst diejenigen Maßregeln als die wirksamsten und einzig radikalen, welche eine gesunde und kräftige Erziehung des heranwachsenden Geschlechts, sowie angemessene und gesunde Lebensweise des arbeitenden, erwachsenen verbürgen. Warum also nicht die zum letztern Ziel führenden zuerst, aber auch so gründlich ausführen, daß das Resultat sicher ist? Unter den Einrichtungen, welche man den Bewohnern der größeren und auch mancher kleineren Städte als hygienische Wohlthaten in neuerer Zeit gewährt zu haben sich rühmt, nehmen die eine Versorgung mit reinem, gesundem Wasser bezweckenden eine der ersten Stellen ein. Die Frage der Versorgung der Bewohner einer Ortschaft mit Wasser ist nun zwar als eine die Fürsorge der Verwaltungsbehörden angehende auch früher schon angesehen worden, doch wesentlich nur in Hinsicht auf die Quantität. Man erledigte sie einfach dadurch, daß Vorrichtungen zum Schöpfen oder Pumpen von Wasser aus dem nächsten Flusse, falls ein solcher vorhanden, und zur Leitung an eine beschränkte Zahl von Ausflußpunkten getroffen wurden; oder aber, indem durch Vorschrift die Anlage besonderer Brunnen in jedem ein- zelnen Gehöft erzwungen wurde. Jetzt hingegen wird bei Auf- werfen eines Projektes für Wasserzuführung gewöhnlich der meiste Nachdruck auf die Qualität oder Güte des zu liefernden Wassers gelegt. Es ist ein unzweifelhaftes Verdienst der Forschung nach dem Herkommen der Keime der bösartigen Infektionskrankheiten, als welche Pilzkeime angenommen werden, die Aufmerksamkeit auf die Wasserfrage der Städte hingelenkt und den Anstoß zur Einführung von großen Wasserleitungen gegeben zu haben; ein Verdienst, das auch dann bleiben wird, wenn die Gewißheit, mit der man in unreinem Brunnenwasser schon den Centralherd der Ausbreitung von Krankheitskeimen in Pilzform gefunden zu haben meinte, sich nicht in dem geglaubten Umfang bestätigen sollte, wie es nach den neueren Arbeiten der Professoren Nägeli und Pettenkofer den Anschein hat. Die heftigsten Meinungsstreitigkeiten bei Aufstellung der Pläne zu Wasserwerken sind aber in der That über den unsichern Punkt der Qualität geführt worden, oft so sehr, daß man die kritische Untersuchung, ob man auch an Menge genug haben würde/ aus den Augen verlor. Und doch ist das letztere mindestens ebenso wichtig für Anforderungen, deren Berechtigung und nothwendige Befriedigung leicht zu bcurtheilen sind. Denn daß zunächst das Vorhandensein der genügenden Menge von Wasser, das ohne Zeit- oder Arbeitsaufwand jederzeit zu haben ist, Veranlassung gibt, ein größeres Quantuni davon auf Reinhaltung des Körpers und der Kleidung, der Wohnräume und Gebrauchsgeschirre zu verwenden, daß aus demselben Grunde eine entstehende Feuers- gefahr oft noch beseitigt wird, daß durch die Besprengung der öffentlichen Wege im Sommer der Staub getilgt und dadurch sowie infolge der durch die Wasserverdunstung verbreiteten Kühle und die Ozonisirung der Luft der Aufenthalt gesünder wird— das sind unzweifelhafte Thatsachen. Viel schwieriger aber ist eine befriedigende Antwort zu be- kommen auf die Fragen: wie die Beschaffenheit eines gut und rein zu nennenden Wassers sich ausweisen müsse? warum das 24 seither benutzte nicht mehr genüge? durch welche Mittel die Qua- lität des zu Gebote stehenden verbessert werden könne? und bis zu welchem Grade darauf hinzielende künstliche Einrichtungen ihren Zweck erreichten? Schon Wenn die erste Frage aufgeworfen wird, wird sich bald im Widerstreit der Meinungen herausstellen, der durch die Ver- schiedenheit der Zwecke veranlaßt ist, zu denen das Wasser be- nutzt werden soll: ob als Trinkwasser, oder zur Dampferzeugung, zum Waschen, Kochen, Bierbrauen, Färben oder in andern Ge- werben!(Fortsetzung folgt.) Heißsporne und Sicherheitslumnüssnrien im Gebiete der Naturwissenschast. Bon Z!. Heiser. (Fortsetzung statt Schluß.) Auch noch in manchem anderen hat Virchow Höckel gegenüber recht. Und zwar in sehr wichtigen und interessanten Dingen. Wir haben im vorigen Artikel gesehen, wie Höckel in kon- sequcntcr Verfolgung seiner monistisch-materialistischen Grundidee die darwinistische Entwicklungslehre ausdehnt über alles, was da ist. Wir Menschen leben und haben Seele oder Geist, die Thiere leben und haben Seele, die Pflanzen desgleichen, die kleinsten organischen Wesen ebenfalls, und alles Unorganische bis in seinen kleinsten Thcil, die Atome, haben auch Leben und Geist— gleich, im wesentlichen gleich, nnsrem menschlichen Leben, nnsrem menschlichen Geist. Das klingt überraschend und gewinnend, es wäre ganz un- geheuer tröstlich für die, welche Angst haben vor der Vernichtung ihres Lebens, denen es leid ist um die Auflösung, die Verflüch- tigung ihres Geistes! Aber es ist doch sehr verwunderlich und es kann scharfsinnige, steptische, wissenschaftlich zu denken gewöhnte Menschen doch nicht so verblüffen, daß sie nach den Beweisen für diese verwegnen Hypothesen, nach der Erklärung des sich als Welterklärung gebehrdenden, neuen— Räthsels fragen. Virchow— der Mann, welcher auf der Höhe der Wissenschaft steht und mit beneidenswerthem Scharfsinn ausgerüstet ist, fragte nicht nur danach, sondern er ist grausam genug, zu enthüllen, daß der schöne Traum der Atomseelc, also der Allbeseelung der Materie vorläufig eben— ein Traum ist. Virchow sagt, sich gegen Höckel wendend und gleichzeitig gegen den berühmten münchener Professor v. Nägeli, der sich bezüglich der Allbescelung mit Häckel derselben Meinung gezeigt hatte: „Wenn jemand durchaus das geistige Geschehen in Zusammen- hang mit den Vorgängen der übrigen Welt bringen will, so kommt er nothwendig dahin, daß er zuerst die psychischen(seeli- schen) Erscheinungen, wie sie sich bei dem Menschen und den höchstorganisirten Wirbelthieren finden, auf die niederen und immer niedrigeren Thiere überträgt: sodann bekommt auch die Pflanze ihre Seele; weiterhin empfindet und denkt die Zelle, und endlich finden sich die Uebergänge bks zu den chemischen Atomen, die einander hassen oder lieben, die sich suchen oder auseinanderfliehen. Das ist alles sehr schön und vortrefflich, und mag schließlich auch wahr sein. Es kann sein. Aber haben wir denn wirklich ein Bedürfniß, liegt irgend ein positives wissenschaftliches Bedürfniß vor, das Gebiet der geistigen Borgänge über den Kreis derjenigen Körper hinaus auszudehnen, in und an denen wir sie wirklich sich darstellen sehen? Ich habe nichts dagegen, daß Kohlenstoffatome auch Geist haben, oder daß sie Geist in Verbindung mit der Plastidulgenossenschaft bekommen, allein ich weiß nicht, an was ich das erkennen soll. Es ist ein bloßes Spiel mit Worten. Wenn ich Anziehung und Äbstoßung für geistige Erscheinungen, für psychische Phäno- menc erkläre, dann werfe ich einfach die Psyche(die Seele) zum Fenster hinaus, dann hört die Psyche auf, Psyche zu sein. Man mag zuletzt die Vorgänge des menschlichen Geistes chemisch erklären, aber zunächst haben wir doch nicht die Auf- gäbe, meine ich, diese Gebiete durcheinander zu bringen. Wir haben vielmehr die Aufgabe, sie strikte festzuhalten, wo wir sie eben erkennen. Und wie ich einen Werth darauf gelegt habe, daß man nicht in erster Linie die Uebergänge des Unorgani- schen ins Organische anffuche, sondern zuerst den Gegensatz des Unorganischen ms Organische fixire und in diesem Gegensatze seine Studien mache, so behaupte ich auch, daß es einzig förderlich ist, und ich habe die festeste Uebcrzengung, daß wir garnicht weiterkommen, wenn wir nicht das Gebiet der geistigen Vorgänge fixiren da, wo uns wirklich geistige Erscheinungen entgegentreten, und daß wir nicht geistige Erscheinungen vermuthen, wo sie vielleicht vorhanden sein können, wo wir aber keine sichtbaren, hörbaren, fühlbaren, überhaupt erkennbaren Erscheinungen wahrnehmen, die als geistige bezeichnet werden könnten. Für uns ist zweifellos die ganze Summe psychischer Erscheinungen an bestimmte Thiere, nicht an die Gesammtheit aller organischen Wesen, ja nicht einmal an alle Thiere überhaupt geknüpft, das behaupte ich ohne Anstand. Wir haben keinen Grund, jetzt schon davon zu sprechen, daß die niedrigsten Thiere psychische Eigen- schaften besäßen; wir finden dieselben nur bei den höheren und ganz sicher nur bei den höchsten. Nun will ich ja gerne zu- gestehen, daß man gewisse Gradationen(Abstufungen), gewisse allmäliche Uebergänge, gewisse Punke finden kann, wo man von geistigen Vorgängen auf Vorgänge blos physischer oder Physika- lischer Natur kommt. Ich spreche durchaus nicht etwa den Satz aus, daß es niemals möglich sein werde, die psychi- schen Vorgänge mit physischen in einen unmittelbaren Zusammenhang zu bringen; nur sage ich, wir haben gegen- wärtig keine Berechtigung, diesen möglichen Zusammenhang als einen wissenschaftlichen Lehrsatz aufzustellen, uno ich muß entschieden Einspruch dagegen thun, daß man in dieser Weise eine vorzeitige Erweiterung unsrer Doktrin sucht, und daß man das, was schon so oft als ein vergebliches Problem sich erwiesen hat, immer wieder von neuem in den Vordergrund der Darstellung bringt. Wir müssen strenge unterscheiden zwischen dem, was wir lehren wollen und dem, wonach wir forschen wollen. Das, wonach wir forschen, das sind Probleme. Wir brauchen dieselben nicht für uns zu behalten; wir können sie aller Welt mittheilen und sagen, das Problem ist da, dem streben wir nach, wie Kolumbus, welcher, als er auszog, um Indien zu ent- decken, daraus kein absolutes Geheimniß inachte, welcher aber schließlich nicht Indien, sondern Amerika fand. So ergeht es ! auch uns nicht selten. Wir ziehen aus, um bestimmte Probleme, die wir als sicher voraussetzen, zu beweisen, und am Ende finden wir ganz etwas anderes, worauf wir nicht gefaßt waren. Die Forschung nach solchen Problemen, an denen sich die ganze Nation interessiren mag, darf keinem verschränkt sein. Das ist die Frei- heit der Forschung. Aber das Problem soll nicht ohne weiteres Gegenstand der Lehre sein. Wenn wir lehren, so müssen wir uns an jene kleineren und doch schon so großen Gebiete halten, die wir wirklich beherrschen." Von der hie und da hervortretenden Mangelhaftigkeit des hinter der Schärfe und Klarheit des Gedankens zurückbleibenden Ausdrucks abgesehen— ein Fehler, der nur dadurch zu er- klären und allenfalls auch zu entschuldigen ist, daß Virchow seine Rede improvisirte— kann man diesem Passus der virchow'schen Rede nur beistimmen. Er hat im wesentlichen durchaus recht. Die Gesammtheit dessen, was wir von der Geistesthätigkeit des Menschen und der höheren Thiere wissen und was wir eben unter dem freilich keineswegs nach allen Seiten scharfbcgrcnzten Begriffe der Psyche, der Seele, zusammenfassen, diese Gesammtheit von Erkenntnissen hat die Wissenschaft bisher bei der Beobachtung und Untersuchung der Thätigkeit der niederen Thiere gleichwie der Pflanzenwelt nicht wiedergefunden, und noch viel weniger bei der Beobachtung der Bewegung und des Werdens und Ver- gehens der Mineralien, bei denen wir von einer Thätigkeit im eigentlichen Sinne überhaupt nicht sprechen. Die Psyche ist der Inbegriff dessen, was den Menschen und das höhere Thier von den Wesen und Gestaltungen der übrigen Welt unterscheidet. Wenn nun jemand behauptet, daß der uns allen kolossal erscheinende, noch von keiner Gcdankenbrücke überspannte Unterschied nur in besonderen Arten der Aeußerung derselben Kräfte an denselben Stoffen bestehe, so muß er Vese Behauptung bis zur Unwiderlegbarkeit beweisen, falls er Anspruch erhebt auf die Zustimmung der denkenden Menschheit. Wir wären nicht denkende, nicht selbständig und nur auf gute Gründe hin urtheilende Menschen, wenn wir uns von Gedankenrevolutionen mittels luftiger Hypothesen und bestechlicher Redewendungen fort- reißen ließen. Und schenkten wir dennoch Häckel, Nägeli und Genossen diesen nirgends erbrachten Beweis, acceptirten wir un- besehen und unbekrittelt die Allbeseelung, so hätten wir nichts gewonnen, als ein Wort, und noch dazu eines jener gefährlichen Worte, deren gähnende Leere das Bewußtsein von der Bedeu- tung jener Unterschiede zwischen seelischen und nichtseelischen Borgängen zu verschlingen drohte. Wir hätten also schließlich ein klangvolles Nichts eingetauscht gegen ein bedeutungsvolles Etwas. Wir müssen uns demnach hüten, die Allbeseeluug sammt den denkenden Zellen und den liebenden Atomen dankbar als pures Gold der Wissenschaft anzuerkennen. Wir werden daher auch Virchvw völlig zustimmen müssen, wenn er seine Behauptung, der Gelehrte hätre mit möglichster .Schärfe zwischen dem wissenschaftlich Festgestellten und Unbestreit- baren und dem Problematischen zu unterscheiden, mit Bezug auf die Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Dritt <11. Was der Autor vorerst von dem Magnetiseur zu hören bekommt.— Die Bekanntschaft mit Aloys Metzig, dem Raseur.— Des Magnetiseurs Tochter sein Medium und die Kuren des Magnetiseurs.) Ungefähr vierzehn Tage wohnte ich bereits bei Chlodwig Cannabäus, dem Magnetiseur. Es gefiel mir sehr gut in meiner neuen Wohnung. Meine beiden Zimmer waren elegant und geschmackvoll eingerichtet; meine beiden Zimmer— getrost könnte ich sagen, meine drei Zimmer; denn die Kammer, welche mir als Schlafgemach diente, war geräumig genug und ganz so aus- gestattet, wie man es von einem Zimmer nur verlangen kann. Daß ein Ofen darin nicht vorhanden, war für mich kein Fehler. So hatte ich denn Raum soviel, als ein unverheirathetcr, kaum unter den Doktorhut gekommener Gelehrter nur brauchte. Das erste, zweiscnstrige, große, mit Krystallkronleuchter geschmückte und mit kunstvoll geschnitzten Nußbaummöbeln versehene Zimmer war inein Empfangssalon, und in deni zweiten, gleichfalls höchst kom- sortabel ausgestatteten, zwar einfenstrigen, aber nichts weniger als kleinen Zimmer studirte ich. Zu meiner Behaglichkeit trug ungemein bei, daß mich mein Wirth und die Seinen garnicht störten. Ich wurde von einem sehr fleißigen, schweigsamen, auf jeden Wink sorgfältig auf- merkenden, fünfzehnjährigen Burschen musterhaft bedient, und außer dein Burschen sah ich von des Wirthes Familie niemand. Ihm selbst hatte ich nur zweimal gegenübergestanden. Einmal, als ich die Wohnung miethete, das anderemal, als mir von meiner Mutter eine große Kiste zugeschickt worden, und diese grade zwei Minuten, ehe ich nachhause kam, in beschädigtem Zustande in dem Vorsaale der Wohnung des Magnetiseurs ab- geladen war. Beidemale hatte der Mann auf mich keinen antipathischen Eindruck gemacht. Er war groß, hager, ohne grade häßlich dürr zu sein, bleich, ohne fahl zu erscheinen, trug das schwarze Haar in langen, schlicht herabhängenden Schleifen, ebenso schlicht war sein mäßig langer, wohl noch schwärzerer Vollbart, seine Klei- dung war ebenfalls schwarz, die Wäsche sehr sauber,— die ge- sammle Erscheinung hatte etwas Bescheiden-Vornehmes und konnte ebenso gefallen, als imponiren. Die Art, wie er redete, vollendete die Harmonie seines Auftretens, gelassen höflich, kühl freundlich, aber ohne jeden Schatten gesuchter oder bewußter Ueberlegen- heit. War der Mann so, wie er aussah, so mußte man ihm nicht geringen geistigen Werth zuerkennen. War er anders, so hatte man das Vergnügen, in ihm einen Meister- Schauspieler kennen zu lernen. Meine Unterhaltungen mit ihm waren von lakonischer Ge- meffenheit gewesen. „Ich wünsche die hier zu vermiethenden Zimmer zu sehen." „Bitte!" „Darf ich nach dem Preise fragen?" „Zehn Thaler monatlich." wissenschaftliche Lehrthätigkeit an einer andern Stelle seiner Rede in einem Satze zum Ausdruck bringt: „Wir müssen dem Lernenden jedesmal sagen, wenn wir weiter (über die Grenzen des wissenschaftlich Festgestellten hinaus) gehen, dieses ist aber nicht bewiesen, sondern das ist meine IReinnng, meine Vorstellung, meine Theorie, meine Spekulation." Gewiß! Nur bleibt solch' löbliches Vorhaben zumeist an einer nicht unbeträchtlichen Anzahl recht großer Haken hängen. Herr Virchow kennt diese Haken sehr gut. Einmal wird das System der wissenschaftlichen Thatsachen in tausend Adern und Aederchen durchsetzt und durchsickert von dem Gerinne des Vermutheten und Vermeintlichen, so zwar, daß oft selbst das schärfste Gelehrten- auge die Grenze zwischen dem als wahr Erwiesenen und dem als wahr Vermutheten nicht festzuhalten vermag. Virchow sagt selbst:„Ich bekenne offen, daß es mir(als einem Manne, der mehr als dreißig Jahre seine Wissenschaft lehrt) nicht möglich ist, mich ganz zu entsubjektiviren," d. h. persönliche Vermuthungen und Anschauungsweisen vollständig zu Gunsten des als wissen- schastliche Thatsache Erwiesenen abzustreifen. (Schluß folgt.) der Klopfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. 6. „Ich bin bereit, zu miethen. Mein Name ist vootor pliilo- sophiae Hans Eckart. Am ersten August würde ich einziehen. Bestimmen Sie gefälligst die Anzahlung!" Darauf antworteten eine höfliche Bewegung des Kopfes und der rechten Hand und die Worte: „O- bitte!" Ich wollte ihm meine Visitenkarte geben, fand jedoch, daß ich in der Eile mein Kartenetui hatte liegen lassen und bot deshalb noch einmal das Angeld. Wieder eine höfliche Bewegung, diesmal nur mit dem Kopfe: „Danke— beides belanglos." Ich empfahl mich. Der Magnetiseur verneigte sich in stummer Höflichkeit. Bei der zweiten Begegnung war unsre Unterhaltung nicht länger. Herr Cannabäus trat aus seinem Empfangszimmer, als ich durch die in beiden Flügeln geöffnete Vorsaalthür eintrat. Er verneigte sich, wiederum ohne eine Silbe vernehmen zu lassen, und warf einen Blick auf die mächtige Kiste. „Sie ist beschädigt." sagte er.„Haben Sie die Güte, zu verweilen, bis Kunz sie mit dem Hausmann in Ihr Zimmer geschafft hat." Kunz, mein jugendlicher Aufwärter, der an der Vorsaalthür immer irgendwelcher Befehle gewärtig stand, brauchte kein weiteres Kommando, um sofort zu verschwinden. Ich sah aber nicht ein, weshalb ich der Kiste Gesellschaft leisten sollte, und sagte: „Kunz und der Hausmann werden die Sache auch ohne mich besorgen." „Wenn werihvolle Sachen nicht darin sind, dann könnte aller- dings die Fahrlässigkeit der Leute nicht die Schädigung ver- mehren." „Nun, ich weiß zwar nichts weiter, als daß ein zufällig sehr spät aufgefundener Rest der Papiere meines verstorbenen Vaters darin enthalten ist, aber ich glaube mit Sicherheit voraussetzen zu können, daß kein einziges Dokument von größerer Bedeutung dabei ist." Herr Cannabäus hatte schon wieder genug gesprochen. Er verneigte sich und schritt zur Vorsaalthür hinaus. So hatte ich denn meinen Wirth persönlich nur äußerst ober- flächlich kennen gelernt. Von seiner Familie würde ich weder etwas gehört, gesehen noch gewußt haben, wenn ich nicht einen Barbier gehabt hätte. Mein Barbier hieß Aloys Metzig und war geschwätzig, wie selbst Barbiere nur selten sind, aber dabei auch gebildet, wie selten einer seines Zeichens. Er erzählte mir bei der Begrüßung von dem Wetter und den Ernteaussichten; während er mich einseifte und barbierte von der großen Politik— von Bismarck und dem Sultan, von Kaiser Alexander und Gambetta. War er gelaunt, so verglich er die Staatsmänner, Ivelche sich seines Beifalls rühmen durften, mit sich selbst, mit Aloys Metzig, dem„Rasenr und approbirten Heilgehülfen". Gleich ihm, meinte er, seiften sie alle Welt ein— Freund wie Fejnd. Gleich ihm rasirten sie alles, was ihnen überflüssig schiene; wenn es noththue, mit scharfer Klinge. Gleich ihm schnitten sie zuweilen, mitunter sogar tief, ins Fleisch, aber nie schnitten sie sich, sondern immer andere, und gleich ihm wären sie immer unschuldig an diesen Schnitten— das Schicksal, dieses Karnickel, setzte er hinzu, hätte immer die Schuld allein, lind so fiihrte er die Vergleiche noch weiter aus bis zum Aderlaß und den Schröpfköpfen, und man sah ihm an, daß er fest überzeugt war, er thue den großen Herren eine Ehre an. Beim Abwaschen und Trocknen ging er gewöhnlich zu kommu- nalen und Bildungsangelegenheiten oder zu Theater und Musik über. Den Polizeidirektor lobte er stets, weil dieser in muster- hafter Weise für die Ruhe und Ordnung sorgte und daraufhielt, daß die Polizisten im Dienst stets glatt rasirt erschienen; dem Bürgermeister war er dagegen nicht grün, und zwar weil der die Steuerschraube immer stärker andrehte und, was noch viel schlimmer war, weil es ihm ganz egal war, ob die Magistrats- beamten sich täglich oder wöchentlich oder garnicht rasiren ließen. Musikalisch war Aloys Metzig ungeheuer; es wurde damals wohl keine Oper in Deutschland aufgeführt, aus der er mir nicht im Laufe unseres Verkehrs umfangreiche Passagen vorgepfiffen hätte. Die Schauspieler waren ihm auf der Bühne nicht kunst- verständig und in ihrem Privatleben nicht ernst genug; die Schau- spielerinnen mochte er garnicht leiden. Sie wären noch schlimmer, als die Geistlichen, nieinte er seufzend, bei den letzteren dürfe nian sich zwar nie nach ihrem Handeln, sondern nur nach ihrem Reden richten; das Reden der Schauspielerinnen, die doch nur dann ihren Beruf nicht verfehlt haben würden, wenn sie auf der Bühne Musterbilder guter Hausfrauen, Mütter, Töchter und Schwestern lieferten, tauge aber auch nichts niehr, seit die moralischen Dramen des großen Jffland und seiner herrlichen Nachfolgerin, der Charlotte Birchpfeiffer, dem Greuel der Offenbachiaden hätte weichen müssen. Beim Zusammenpacken seiner Utensilien kam Aloys Metzig stets auf den Magnetiseur zn sprechen. Er haßte ihn beinahe so, wie den Bürgermeister und die Schauspielerinne». Er hatte ! aber auch Grund dazu. Rasiren ließ sich Chlodwig Cannabäus nie, und nach seinem Reden und Handeln konnte man sich auch nicht richten, weil man von beiden so gut wie nie etwas zu merken bekam. Chlodwig Cannabäus war also ein Geheimniß- krämer, und das fand Aloys Metzig abscheulich. Und dann war Chlodwig Cannabäus ein Rabenvater,— er mar es— Aloys Metzig vermuthete es. Von Familie besaß Cannabäus nämlich nichts weiter, als eine Tochter— sie war in den Zwanzigen—, diese Tochter hielt der Unmensch- meinte Aloys Metzig— wie eine Gefangene, sie sähe daher auch entsetzlich elend aus, obgleich sie bildschön wäre, und dazu magnetisire er sie immer- fort und mache ihr ganzes Nervensystem kaput, sodaß sie ent- . schieden überschnappen müsse, wenn sie nicht schon übergeschnappt | sei. Was das für ein herzloser Kerl sei, dieser Cannabäus— Herr Metzig, der im übrigen seine Mittheilungen und Belehrungen in möglichst lauter Weise von sich zu geben Pflegte, dämpfte seine schrille Stimme regelmäßig bis zum Flüsterton, wenn er von meinem Wirthe sprach—, das ginge schon daraus hervor, daß er nie„meine Tochter" sage, wenn er von dem Mädchen trotz Die Herde des Hungers im schlcsischen Eulen- und sächsischen Erzgebirge. Von Dr. M«x Vogler. (F-rII«tzu»g.) i„Das Zusammendrängen der Menschen in engen Wohnungen ist enorm; in Altwasser, einer Stadt von achttausend Einwohnern, sollen bis zu sechszehn Personen in einer Stube wohnen. Solche Zustände sind in einem zivilisirten Lande, in der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts möglich!" zc. Indem ich noch einige Belege für die traurige Lage, wie sie schon damals(Anfang März 1878) in den schlcsischen Webcrdistrikten herrschte, gebe, wähle ich als Quelle mit Absicht gerade solche Zeitungen, die gar kein Interesse daran hatten, etwa tendenziös Grau in Grau zu malen. Der„Grenzbote"�) schreibt: ») Damals seitens der„Schlesischen Zeitung" und der„Schlesischen Presse" als Quelle sür eigene Berichte benutzt; ebenso der„Kebirgsbote". seiner Zngeknöpftheit doch einmal sprechen müsse, sondern nur „mein Medium". „Was sagen Sie dazu, verehrter Herr Doktor?" fragte er mich, indem er sich in eine theatralische Pose warf.„Stellen Sie Sich vor, Sie hätten eine erwachsene, schöne, leidende Tochter, Hand aufs Herz, Herr Doktor, würden Sie sie jemals ,mein Medium' nennen können?" Er hatte das beste Zutrauen zu den in meiner Brust schlummernden Vatergefühlen, denn er wartete meine Antwort garnicht erst ab, wie er das überhaupt nie that, und sagte sehr entschieden:„Nein, Sie würden das nicht. Aber dieser—" er wies mit der ausgestreckten Hand nach der Richtung der Wohnung des Magnetiseurs und machte gleichzeitig seine ungeheuer behende Abschiedsverbeugung gegen mich,—„dieser Mensch— na, gebe Gott, daß Sie den nie näher kennen lernen." Eines Tages erzählte mir Herr Aloys Metzig Näheres von Cannabäus' Leben und Treiben. „Sehen Sie, Herr Doktor," sagte er,„was thut dieser Mensch? Von früh bis abends magnetifirt er. Ist das eine Beschäftigung für einen anständigen Menschen?" Zum erstenmale seit unserer Bekanntschaft fragte ich Herrn Metzig etwas:„Wen, was oder wie magnetifirt er?" Metzig zuckte die Achseln. „Sie wissen das nicht, Herr Doktor? Nun, wie man über- Haupt magnetifirt. Er sieht sein Opferlamm scharf an, er läßt � ihn wohl einen großen, blitzenden Diamanten, weiß der Himmel, woher er ihn hat, ansehen, er legt seine Hände auf und murmelt dazu— wer weiß, was?" „Wer sind die Opferlämmer?" „Nun, die Leute, die zu ihm komen, um geheilt zu werden. Leute mit allerlei Leiden. Lahme und Blinde, Schwindsüchtige und Leberkranke. Und wenn keine da sind, dann magnetifirt er seine Tochter. Magnetisire» thut er immerfort." „Dabei verdient der Herr Cannabäus wohl außerordentlich viel Geld?" „Ja, wenn das noch wäre, dann sähe man wenigstens, daß seine Magnetisirerei ein Geschäft wäre, wie andere ehrliche Ge- schäfte auch. Aber keine Spur davon. Er nimmt niemals einen Pfennig für seine Kuren!" „Glücken diese Kuren denn zuweilen?" „Das ist eben auch die verdächtige Geschichte. Sehen Sie, Herr Doktor, das wissen Sie ja am besten, und ich will mich nicht überheben, aber wozu wäre ich approbirter Heilgehülfe,— ich gehöre doch so ein bischen zum Metier, aber grade deswegen weiß ich, daß einem richtigen Doktor die wenigsten Kuren ge- lingen, aber sehen Sie, bei dem gelingt alles, wie nämlich die Leute sagen, die er in Behandlung nimmt. Und alles in der Welt hat er schon kurirt, Menschen, an die ich schon nicht mehr � einen einzigen lumpigen Schröpfkopf riskirt hätte, die also von Gottes und Rechtswegen— das werden Sie mir zugeben, Herr Doktor— hätten sterben müssen, bald sterben müssen, aber ich sage Ihnen, Herr Doktor, was mich da die Leute schon aus- gelacht haben, wenn ich gesagt hatte, der und der muß sterben, er hat das hippokransche Gesicht, bis zum nächsten Frühjahr ist er'rum. Glauben Sie, daß sich, seit der Cannabäus hier wohnt, auch nur ein Mensch damit zufrieden gab? Gott bewahre! Sie rannten zu dem und im nächsten Frühjahr kam der Betreffende zu mir, lachte mich aus, fragte mich, wie mir sein Gesicht gefiele, und i es fiel ihm im Traum nicht ein, zu sterben."(Fortsetzung folgt.) „In den Dörfern unserer Gegenden, wo sonst der Webstuhl fast in jedem Hause, ja, in jeder Stube lustig klapperte, herrscht traurige Stille. Nur sehr vereinzelt, da und dort ist ein Weberschiffchen in Bewegung. Die sonst so fleißigen Arbeiter sind fast gänzlich ohne Beschäftigung. Dieser Zustand dauert nun schon Jahre lang, und noch ist nicht die geringste Aussicht auf Besserung und Hebung der Leinwandgeschäste vorhanden. Was Wunder, daß in den meisten Weberhütten ein sehr unliebsamer und doch so zudringlicher Gast eingekehrt ist— der Hunger. Es ist traurige Thatsache, daß viele Familien nicht mehr satt Brod essen können. Wer jetzt durch diese Dörfer geht, begegnet recht vielen bleichen Gesichtern, welche den Stempel des Hungers und Kummers unverkennbar tragen.... Diese bittere Roth ist in vielen Ortschaften eine allgemeine. Heut sprach ich einen glaubwürdigen Man» aus einer nahen Ortschaft der Grasschaft Glatz*). Dieser äußerte:„Unser Ort zählt über *) lieber die jetzige Lage der Weber in der Grafschaft Glatz wurde beispiels- weise der„Neuen Gebirgszeitung" aus Lewin mitgetheilt:„Die Lohnweber der hiesigen Stadt und Umgegend arbeiten fast ausschließlich drei Stoffarten, und zwar Züchen, 1100 Seelen; aber es gibt bei uns kaum 20 Familien, welche nicht Noth leiden. Sind das nicht traurige Zustände? lind bei alledem muß zur Ehre unserer Weber gesagt werden:„Zum Betteln sind sie mit nur ganz geringen Ausnahmen zu stolz! Sie hungern lieber und darben mit ihren Familien.— Hier wäre ein Gebiet, aus welchem unbedingt Staatshilfe eintreten möchte." Der Habelschwerdter„Gebirgsbote" erzählte u.a. folgendes:„Aehnliche Fälle, wie nachstehende kommen öfters vor: eine blutarme Weberin hatte nach langem, inständigen Bitten endlich einen Fabrikanten bewegt, ihr Garne zn einer Webe Leinwand anzuvertrauen und sich fest verpflichtet, binnen 14 Tagen spätestens die Waare abzuliefern. Es vergingen 3, 10 bis 12 Wochen, aber keine Weberin ließ sich sehen. Endlich stellte es sich heraus, daß die Garne verkauft worden seien, und der Fabrikant strengte gerichtliche Klage an. Die Weberin wurde zum Bezahlen der Garne verurlheilt, und da solche nicht erfolgte, wurde Exekution nachgesucht, welcher der Fabrikant persönlich beiwohnte.... Was für ein trauriges Bild präsentirte sich seinen Augen? In einer kahlen Stube auf einem höchst dürftigen Lager lag die Weberin, die einzige Ernährerin der Familie, seit Wochen darnieder. Durch einen unglücklichen Fall hatte sie ein Bein gebrochen und konnte keiner Arbeit vorstehen. Eine blödsinnige Schwester von ihr und fünf nackte Kinder starrten den Eintretenden entgegen und baten um— Brot! Der Hunger thut weh! Und so war nach und nach ein Stück Garn nach dem andern verkauft worden, und Brot dafür angeschafft. Solchem Elend gegenüber wären kalte Borwürfe nicht angebracht gewesen, und so ging der Fabrikant mit dem Exekutor wieder nach Hause, bezahlte die Gerichtskosten und war tieferschüttert von der traurigen Lage dieser Familie. Bei diesen Betrachtungen drängt sich unwillkürlich die Frage auf, wie ist denn solchen Zuständen abzuhelfen? Alle Sachverständigen sind darüber einig, daß nur einzig und allein die Regierung durch euer- gisches Eingreifen helfen kann. Es sind auch in mehreren Petitionen bei dem Herrn Handelsminister die Mittel und Wege, dieser Roth zu steuern, angegeben worden, allein leider ohne Erfolg." Roch ein Beispiel von der Art der Erwerbsverhältnisse in Schle- sien gestalte ich mir anzuführen. Ich entnehme dasselbe der„Schle- fischen Warte" vom 23. Febr. 1878, welche in der bezüglichen Nummer schreibt:„Im schlesischen Kreise Habelschwerdt gehört die Fabrikation von Zündhölzern zu den am meisten gepflegten Industriezweigen. Die Herstellnng der Holzschachteln, in welchen die Reibhölzer verkauft wer- den, ist im Habelschwerdter Kreise zumeist Gegenstand der Hausindustrie; fast ausschließlich werden Kinder in der elterlichen Wohnung, wenn man den kleinen, dumpfen Raum nicht besser als Schlaf- und Arbeits- stall bezeichnet, mit der Anferligung dieser Schachteln beschäftigt. Zu einer Million schwedischer Reibhölzer sind tausend Schachteln nothwendig. Die kleinen Arbeiter erhalten das Holz- und Papiermaterial fertig ge- schnilten aus der Fabrik. Die Arbeit der Kinder besteht darin, die einzelnen Stücke zusammenzukleben. Um tausend Stück solcher Schach- teln fertig zu stellen, sitzen vier Kinder vom frühen Morgen bis zum späten Abend, einen vollen Tag mit vierzehn- bis sechszehnstündiger Arbeitszeit, Kinder im Alter von sechs bis vierzehn Jahren an der Arbeit. Für das tausend solcher Holzschachteln wird ein Arbeitslohn von fünf- undachtzig Pfennigen bezahlt. Ein Kind verdient somit täglich einund- zwanzig Pfennig bei einer Durchschnittsarbeitszeit von fünfzehn Stunden. Was wir hier rein objektiv erzählen, ist, so märchenhaft es klingen mag, kein Märchen, es ist eine Thalsache, von der sich jeder in den Hütten der Dörfer des Kreises Habelschwerdt, sobald es ihm beliebt, überzeugen kann." Wenn man die Höhe des Nothstandes, welche derselbe obigen Be- richten zufolge bereits in den Jahren 1877 und 1878 erreicht hatte, auch nur oberflächlich erwägt und sich vergegenwärtigt, daß der Staat sich seither irgendwelche Mittel dagegen in Anwendung zu bringen nicht genöthigt sah, so wird man sich gar nicht wundern, daß derselbe, durch die letztjährigen Mißernten und Ueberschwemmungen noch wesentlich gefördert, gegenwärtig einen so furchtbar ernsten Charakter angenommen, der ihn selbst in den Augen der Behörden fast nicht minder groß als den des Jahres 1847 erscheinen läßt*).(Schluß folgt.) Schürzen und meistens einen ganz geringen Futterstoff, welcher letztere unter dem Namen .Schimmel' belannt ist und dessen Lerlausspreis circa 20 Pj. pro Meter beträgt. Tie- icnigcn Weber, welche Züchen und Schürzen jertiaen, verdienen täglich circa«0—70 Pf., refp. 90 Pt. bii 1 TO. 20 Pf., und tonnen noch allenfalls ihre Familien mit diesem Verdienst, wenn nicht UranlheitSsälle und infolge dessen Arbeitiunsähigleit eintritt, noth- dürftig unterhalten. Tieiemgen Weber aber, welche den geringen Funerslosf verfertigen oder wegen Mangels an anderer Arbeit verfertigen müssen, verdienen täglich nur SO bis höchstenz 40 Pscijaiige, und follen von diesem so sehr geringen Verdienst für sich und ihre oft starten Familien< ,d>e Bevölterung in Lberfchiesten vermehre sich ganz über die Gebühr,' sagte Or. Virchow>m preußischen Abgeordnetenhause!) TOiethe zahlen, sowie Kleidung, Lebensmittel und FeuerimgSmaterial verschaffen!! Für einen in die Verhältnisse Uneingeweihten erscheint diele Angabe unglaublich, sie ist aber wahr, und nur der Augenschein kann daS elende Lebe» dieser unglüchlichen Weber dokumcntiren, welche gern arbeiten, aber bei dem sehr geringen Verdienst, dem Mangel deS Haupt- nahrungSmiitelS, nämlich der Kartoffel, infolge der Mißernte in hiesiger, vom Bahn- verkehr abgeschlossenen Gegend und bei dem strengen Winter im hiesigen Gebirge— thatsächlich mit ihren Familien darben muffen.— Die Zahl derjenigen Webersamilien, welche den obigen geringen Verdienst von taglich nur 30— 40 Pf, haben, beträgt in hiesiger Stadt über 70! hierzu treten noch ca. SO Taglöhnersamilicn, welche vollständig arbeitslos sind, sodaß die Zahl der hierorts nolhleidenden Familien 100 beträgt(die Stadt Lewin hat im ganzen kine Einwohnerschast von 1670 Seelen!)." D. Verf. *) In einer am IS. Dezember v. I. zu Ratibor abgehaltenen NothstandSionserenz erklärte der kgl. Landrath Pohl u. a., daß die Verhält, ilsse des Kreise» Ratibor saltisch lo lägen, daß die Arbeiterbevölkeruug au» Mangel an schützender Kleidung zuhause hinter dem Qs-,I sitzen müsse und daß sie ihre einzigen Lebensmittel, bestehend in schlechten, wässerigen Kartoffeln, bereits aufgezehrt habe. Der dadurch hervorgerufene Arabesken zur Jndcnhatz. An die frommen Judenhafser: „Jemand lieb' ich, das ist nöthig; Niemand hass' ich; soll ich hassen, Auch dazu bin ich erbötig, Hasse gleich in ganzen Massen."— (Aus Ludwig Börnes Tagebuch.) Wollte man alles, was contra. eJiutaeos(wider das Judenthum) geschrieben worden, in einen Band vereinigen, es läge vielleicht ein Werk im Umfange einiger fünfzig Druckbogen vor uns, das nach der löblichen Mode unserer Zeit irgend ein unternehmungsfreudiger Ber- leger illustriren und auf jeder Seite mit Arabesken zieren zu lassen, in dem uneigennützigen Gedanken, der deutschen Welt ein Nationalpracht- merk zu schenken, keinen Anstoß nehmen würde. Nun, sehr geehrter Herr Verleger, hier einige Stilmuster für den künstlerischen Schmuck Ihres Buches!— Der ehrsame deutsche Kaiser Wenzel erließ dereinst eine Erklärung, daß alle Schuldforderungen der Juden an die Christen getilgt seien, wenn diese— ihm 15 Prozent dafür entrichteten.— Im Jahre 1261 ließ Erzbischof Rupert von Magdeburg die daselbst zum Laubhüttenfeste versammelten reichen Juden gefangen setzen, ihre Buden erbrechen und das vorgefundene Gold und Silben wegnehmen, nur gegen Zahlung von 100 000 Mark wollte er sie freilassen.— Als im Jahre 1347 in Deutschland eine furchtbare Pest ausbrach, deren Opfer die Zeitgenossen aus die Hälfte des menschlichen Geschlechtes angeben, war es das Werk fanatischer Priester, daß die Ursache dieser Epidemie den Juden in die Schuhe geschoben wurde; sie sollten, so hieß es, die Brunnen vergiftet haben. In Folge dessen brach in fast ganz Deutsch- land, zumeist in den größeren Städten, eine Judenverfolgung aus, die an Schrecknissen reich, wohl keine zweite nur annähernd ähnliche hat. Von der Donau und den Quellen des Rheins hinaus bis zur Ostsee griff der Pöbel die Unglücklichen mit einer unsagbaren Wuth an, viele tausend wurden unter den schauderhaftesten Szenen gemordet. Ihre Wohnungen wurden verbrannt.„Sie selbst", so schreibt Rotteck,„zünde- ten dieselben an, stürzten ihre Kinder in die Flammen, sich selbst in Dolch und Schwert."— Bekannter ist, daß von den kirchlichen Behör- den in Deutschland den Juden verboten war: Christliche Ammen(!) zu halten(der Jude, der eine Christin verführte, wurde verbrannt); an christlichen Sonn- und Festtagen zu arbeiten oder ihre Buden zu öffnen; dieselben offen zu halten, wenn das„heilige Sakrament" vorbeikam; während der Charwoche auszugehen; an Fasttagen Fleisch zu kaufen und anderes Aehnliche mehr. Es wurden ihnen zum Oeftern ihre Kinder weggenommen und gegen ihre Einwilligung getauft. Als 1241 zu Frankfurt sich die Juden dagegen widersetzten, wurden ihrer 180 erschlagen; die übriggebliebenen 24 wurden getauft; das Erbe der Er- schlagenen zog Heinrich IV. als„herrenloses Gut" ein. Wer freiwillig getauft war und dennoch zurücktrat, erlitt bisweilen die Todesstrafe. Nicht minder und oft noch schrecklicher erging es den Juden in Frank- reich und England. Aus der Menge der verbürgten Beispiele sind wenige hinreichend, die Lage der Unglücklichen auch in's einzelne zu charakterisiren. Im Jahre 1180 ließ König August vonjsraukreich die Juden im größten Theile seines Reiches an demselben Tage festsetzen, weil sie ein Christenkind in die Loire geworfen hätten, und— ihr Vermögen einziehe».— In Avignon mußten sie(ebenso wie die lieder- lichen Dirnen) alles kaufen, was sie— berührt hatten.— 1231) erließ Ludwig IX. die Vorschrift: es soll gegen den, der einen Juden erschlug, keine Klage erhoben werden. An Geld und einzelne am Leben bestraft, wurde die Gesammtheit der Juden bald ganz verbannt, bald wieder zurückgerufen, dann aber, nachdem sich ihre Taschen wieder gefüllt, ihr Vermögen eingezogen, sie selbst entweder gemordet oder des Landes von neuem verwiesen. Sie wurden also gleichsam als Geldsauger von den Fürsten an's Volk gesetzt und hatten sie sich recht voll gesogen, von diesen selbst wieder ausgepreßt. In England war es nicht anders bestellt. Im Jahre 1210 ließ König Johann alle Juden einsangen, damit sie sich mit Geldern lösten. Einem, welcher sich weigerte, das Verlangte zu geben, wurde täglich— ein Backenzahn ausgezogen; zu wankelmüthig und durch Schmerzen erschöpft, zahlte er beim Verluste des achten Zahnes.— 1239 mußten die Juden wegen angeblichen Christenmordes den dritten Theil ihrer Einkünfte abliefer»; zwei Jahre später zahlten sie bei Strafe der Verweisung oder lebensläng- lichen Gesängnisses 200 000 Mark; 1243, also wieder zwei Jahre darauf, nahm Heinrich 111. von den nochmals Besteuerten das Gold eigen- händig— in Empfang, seine Beamten— nur das Silber! Nach diesen Beispielen wird es den Leser nicht wundern, wenn wir die Behaup- tung aufstellen, daß den egoistischen Interessen der Fürsten die religiösen Motive, aus welchen früher vielleicht der Kampf geführt sein mochte, gewichen waren.— Bielleicht die einzigen, die den Religionsnnter- schied nicht ganz außer acht lassen wollten, waren die römischen Päpste und die Schriftsteller der katholischen Kirchengeschichte. Sie nannten als leitende Gedanken des Kampfes die schädlichen Lehren des Talmuds und anderer jüdischer Schriften. Gregor IX. und Jnnoeenz IV. befahlen in Folge dessen, daß ihnen alle diese„gefährlichen" Bücher verbrannt werden sollten. Daß es aber mit ihren Lehrbüchern keine„gefährliche" Bewandtniß gehabt zu haben scheint, geht schon aus folgenden Sprüchen Nothstand sei nicht nur schon im vollsten Maße vorhanden, fondern sei auch durch den bedentlichen Gesundheitszustand der nolhleidenden Bevölkerung„sichtbar nicht mehr fern von dem de» Jahres 1«47". D. Verf. 28 großer jüdischer Gelehrten der damaligen Zeit hervor, und wenn diese Männer Aussprüche wie die solgenden in einer Zeit der größten Erniedri- gnng für sie thun können, wer wollte dann noch an einen Talmud-Juden im schlimmsten Sinne des Wortes glauben?„Auch der Frömmste", so sagt der große Jehuda,„hat keinen Anspruch auf göttliche Belohnung, und er kann in taufenden von Jahren nicht die kleinste der empfangenen Wohl- thaten vergelten."—„Bei allem, was du thust, bei jedem Vorsatz, den du fassest, vergiß nicht, daß du vor Gott stehest."(Moses von Evreux.) -„Diejenigen", spricht Moses von Coucy,„die lügenhaft sind gegen Nichtjuden und sie bestehlen, entweihen den Namen Gottes." Es waren, so darf man freimüthig sagen, ihre Verfolgungen schlimmere, als die, unter welchen die ersten Christen zu dulden hatten, nicht, als wenn sie blutiger, systematischer oder grausamer in der Wahl des Martyriums gewesen wären, nein,— aber während dort die Christen als sta ats- feindliche Helden neuer Ideen in einen Tod geschickt wurden, dessen die Sache werth war, für die man focht, der die Dulder in den höchsten Grad der Begeisterung zu setzen vermochte, als eine Marter für eine große und schöne Sache, wenigstens für ein bestimm es Ziel, werden hier die Juden gemartert ohne einen großen Zweck, ohne eine Staats- oder Religionsidee. Denn wer möchte noch des Glaubens sein, daß es im Kamps des Christenthums und des Judenthums gewesen sei, daß überhaupt kulturhistorische oder religiöse Beweggründe obwalteten? Kein Christ konnte im Schöße einer überall anerkannten, in ihren absolu- tistisch-despotischen Gesetzesausführungen unangefochtenen Kirche an eine gefährliche Gegnerschaft des Judenthums glauben;— die ganze Ber- solgung ward immer mehr eine niedere Leidenschaft, über die sich der einzelne nicht mehr Rechenschast geben konnte; was Jude war, war nun einmal ungeschützt vor der gesetzlichen Willkür; was Jude war, galt stillschweigend Generationen hindurch für ein Opfer, das hinzu- schlachten, wenn auch gerade keine Pflicht, so doch keine Unehre war. __ M. B. Ein Opfer der See.(Bild Seite 20—21.) Wie eine Schaar Küchlein an die Henne schmiegt sich die Gruppe der nordsriesischen Inseln— 17 an der Zahl— an die Westküste Schleswigs. Die größte unter ihnen ist Sylt, der nördliche Nachbar Föhrs. Jede einzelne von ihnen bietet in ihrer Kllstenentwicklung die trefflichste Gelegenheit zu Seebädern, aber auch zum Anprall der unaufhörlich nagenden Flut, und in der That sind die Nordseebäder der nordfriesischen Inseln ebenso altberllhmt wie die zähe Ausdauer ihrer Bewohner im Kampfe mit den Elementen. Unser Bild führt uns nach dem großen, schönen Dorfe Nieblum auf Föhr. Offen, gerade gegen Westen gekehrt, liegt hier in meilenlanger Ausdehnung der Strand mit seinen Dünen, hinter denen die Wohnungen stehen, bei Sturm mit Wogen kämpfend, die sich aufrechtstellen und überstürzen. Ist es ein Wunder, daß die Wetter- harten Männer, die Zeit ihres Lebens mit der tückischen Salzflut kämpfen, wortkarg und verschlossen sind? Und doch sind aufrichtigere Menschen, wie diese Jnselfriesen, schwerlich anderswo zu finden. Die Frauen und Töchter des Hauses gehen ganz in der Sorge für die Männer auf und haben auch»och eine andere, nicht zu unterschätzende Eigenschaft, nämlich die, ebensowenig Worte wie ihre Männer zu machen. Der Bewohner des stattlichsten Hauses von Nieblum, dessen Psorte zwei Buchen beschatten, hieß Jochen Lahrsen und war ein griinmer Seebär, der, nachdem er seine Jugend aus den Schiffen fast aller seefahrenden Nationen verbracht, im Alter wohlbestallter Lootse seiner Hcimatsinsel wurde. Trotz dem Haufen blanker Thaler in seinem Spinde ist er nicht glück- lich, weil ihn sein Weib nur mit einem Töchtcrchen, der schniucken, blonden Tine beschenkt hatte. Deshalb beneidet der alte Griesgram seinen lustigen Nachbar, den Krämer Jansen, nicht etwa um seine gute Laune— die er doch nicht zu schätzen wüßte— nein, um seinen Sohn Jan. Obzwar der forsche Junge ein ebenso schneidiger Seemann zu werden versprach, wie es einst der alte Lahrsen gewesen, war er diesem ein Dorn im Auge. Daß Tine und Jan unzertrennliche Spielgefährten waren, blieb Lahrsens größter Kummer und mehrte täglich seinen Groll für alles, was Jansen hieß. Als der Krämer zur Verwunderung von Njeblums Insassen, die sammt und sonders seit Menschengedenken nur die Dorfschule absolvirt haben, seinen Sohn aus die Handelsschule nach Hamburg schickte, da lachte Lahrsen verstohlen ins Fäustchen, aber Tine und Jan vergossen reichliche Thräne» und schwuren sich ewige Treue. Auch das bewährte Mittel zur Linderung der Liebesschmerzen, der Briefwechsel, wurde in Anwendung gebracht, und man muß es zu ihrer Ehre gestehen, daß er in ungeschwächter Lebhaftigkeit, dem alten Lahrsen zum Trotz, fünf volle Jahre währte. Als nach dieser Zeit Jan Jansen als ausgelcrnter Kaufmann mit einer Anstellung in der Tasche nach Nieblum zurückkehrte und um Tine's Hand anhielt, schlug sie ihm Lahrsen mit dem Bedeuten ab, kein Federfuchser, nur ein Seemann solle seine Tochter zum Altare führen. Tine's Thränen schnitten dem jungen Kaufmann ins Herz, doch lähmender Kummer ist nicht Friesen- sache. Er machte kurzen Prozeß, zog die blaue Seemannsjacke an, be- ! stand sein Steuermannsexamen und ging zur See, von Tine's SegenS- wünschen begleitet. Der harte Vater hatte die Hochzeit auf noch weitere drei Jahre hinausgeschoben und Tine's einziges Vergnügen während dieser Frist bestand darin, so oft sie konnte, an den Strand zu wan- dern, um dem Meere ihre Sehnsucht nach dem geliebten Jan zu ver- trauen.— O über das trügerische Element, das sich das arme Mäd- che» zum Bertrauten erkoren! Am Morgen liegt es da, sanft schim- mernd, glatt und friedlich im Sonnenscheine, und am Abend, wenn der Nordweststurm pfeift und salzige Schaumflocken mit scharsein Flugsand weit über das Gestade schleudert, schlägt es donnernd gegen den Strand. Einige Tage vor Ablauf der Prüfungszeit gab der Sturm ein Extra- konzert. Die beutegierige Flut drohte das nebelumhüllte Eiland zu verschlingen und die großen Strandvögel stimmten in kurzem Klage- laut sein Todtenlied an. Trotz Ungemach, Sturm und Kälte eilte Tine an den Strand. In dem ausgeweichten Marschboden, worin ihre Füße bis an die Knöchel einsanken, ging es viel zu langsam für ihre Sehn- sucht vorwärts, desto schneller aber auf dem graugelbem Sandboden der Dünen. Als sie den höchste» jener wandelnden Hügel erklomm, dessen Sandmassen der Sturm morgen vielleicht auf der entgegengesetzten Seite der Insel aushäufen wird, zog sie einen Brief heraus und durch- las zum, der Himmel weiß, wie vieltenmale seinen Inhalt. Jan be- richtete ihr seine Fahrt von Christiauia nach Hamburg, es sollte seine letzte sein, denn nach der Verheiratung mit Tine wollte er die Lootsen- stelle des alternden Schwiegervaters übernehmen. Er gab ihr genau Tag und Stunde seiner Vorbeifahrt an den Watten zwischen Sylt und Amrum an. Freilich gehörten die Augen einer Friesin dazu, das dunkelbordige Schiff zwischen den sturmaufgewühlten Wogen in Meilen- weiter Entfernung zu erkennen, aber was hofft der Liebende nicht alles, und was er hofft, das glaubt er. Vorderhand hinderte ein bleigrauer Nebelvorhang jegliche Aussicht, aber mit den launenhaften Sprüngen des Wetters jener Küstengegenden bekannt, hoffte Tine noch immer aus einen freien Ausblick. Das wetterfeste Mädchen, das Zeit ihres Lebens den kraftvollen, salzdurchtränkten Meeresathem eingesogen, war auch an die Schrecknisse des Meeres gewöhnt; aber heute beängstigte sie der ungewöhnlich brüllende Wogendrang. Kälte und Nässe machten sie er- schauern. Immer und immer wieder, wenn ihre Augen den Nebelvor- hang nach der angedeuteten Richtung zu durchdringen suchten, beschlich sie Todesahnung. Plötzlich zerriß die scheidende Sonne den Nebelvor- hang und trat zugleich rothglühend aus dem Wettergewölk, daß ihr Abbild, in purpurnen Fetzen und Funken zerrissen, aus der dunkel- wogenden Flut ausspiegelte. Die Thurmuhr von Nieblum schlug sieben. Das war die im Briefe Jans angegebene Stunde der Vorbeisahrt. Tine strengte ihre Augen an, um auf dem für einen Augenblick glän- zenden Wasserspiegel Jans Schiff zu erspähen. Jetzt hält sie den Athem an. Von dem goldumränderten Wolkenzug am Rande des Horizontes hebt sich ein schwarzer Punkt ab und gleitet mit der Flut zum Strand. Ist es eine Schiffsplanke, ein Seehund oder ein Mensch? Tine muß Gewißheit haben. Als echte Friesin entledigt sie sich, ohne sich lange zu bedenken, ihrer Schuhe und läuft die Düne herab durch große und kleine Tümpel der Stelle zu, wo der Gegenstand landen muß. Jetzt stößt er auf den Sand. Bei seinem Anblick entringt sich ein Schrei des Entsetzens ihrer Brust— es ist die Leiche ihres Bräutigams. Mit letzter Krastanstrengung zieht sie den Ertrunkenen aus den Strand und stürzt neben ihm ohnmächtig zusammen.— Unser Bild stellt den Moment dar, wie Onkel Andersen, der Tine mit dem Leichnam am Strande gefunden und beide»ach Nieblum zurückgebracht hat, das entsetzliche Unglück dem alten Lahrsen und dem schmerzgebeugten Jansen erzählt. Jans Mütterchen humpelt am Stocke herbei und die Nachbaren strömen in der Lootsenstube zusammen. Weder ihr Klagen, noch Tine's Verzweiflung kann den Todten zum Leben erwecken. — Die Opfer der See, Jans Gefährten, elf an der Zahl, die zwischen Amrum und Sylt gestrandet und als Leichen aus Föhr gelandet waren, wurden am andern Tage mit Jan zur ewigen Ruhe bestattet. An dem offenen Grabe war Tinen der Trost der Thränen versagt, weil der Kummer ihren Born erschöpft hatte, dafür raubte ihr das gütige Gefchick das volle Bewußtsein des unersetzlichen Verlustes. Bon Wahn- sinn umnachtet, wähnte sie den Bräutigam schlafend und unterbrach die Grabrede des Pastors mit dem Ausrufe:„Es kann nicht sein, nein, es kann nicht sein!" Aber der Tod hat eine stärkere Uebxrredungsgabe als der Pastor, denn als die Erdschollen auf dem Sargdeckel wie Hammerschläge dröhnten, zerriß der Schleier des Wahns, der ihr die traurige Wahrheit verhüllte, und im vollen Bewußtsein ihres unsag- baren Jammers starb sie am gebrochenen Herzen. vr. M. T. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Albert Lortzing. Eine Künstlerbiographie von Th. Drobisch (Schluß).— Wasserversorgung und Wasserreinigung, von Rothberg-Lindener.— Heißsporne und Sicherheitskommissarien im Gebiete der Naturwissenschast, von Bruno Geiser.— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H- E.(II.)— Die Herde des Hungers im schlesischen Eulen- und sächsischen Erzgebirge, von vr. Max Vogler(Fortsetzung).— Arabesken zur Judenhaß.— Ein Opfer der See(mit Illustration). Verautwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.