VI. 23. Oktober 1880. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen dnrch alle Buchhandlungen und Postämter. Die Kchwestern. Roman von W. KautsKy. (3. Fortsetzung.) Wie man sichs denken kann, war der Empfang des Herrn Onkels nichts weniger als liebenswürdig, und doch nicht ganz so schlimm, als ihn Fritz erwartet hatte. Es gewährte dem Techant eine gewisse Befriedigung, daß Fritz, da er im kirchlichen Fache durchgefallen war, nun auch in einem weltlichen nichts zu leisten vermochte. Er sagte ihm, er wolle noch einen Versuch, einen letzten mit ihm machen, ehe er von ihm, als von einem Taugenichts, seine väterliche Hand für immer abziehe. Er werde ihn in der herrschaftlichen Kanzlei als Schreiber unterbringen. Ein Jahr müsse er natürlich als Volontär ohne Bezahlung dienen, im nächsten werde er indeß schon ein kleines Salär er- halten. Bis dieser Fall einträte, wolle er ihn mit allem Röthigen, wie er bisher gethan hatte, versehen. Fritz willigte ein. Aber schon nach den erstell Wochen fühlte er, daß er es bei dieser geisttödtenden, rein mechanischen Beschäf- tigung nicht werde aushalten können. Er begann, sich die Zeit und Langeweile, denn es gab nicht allzuviel zu thun, aber die Kanzleistnnden mußten strenge ein- gehalten werden, mit kleinen Federzeichnungen zu vertreiben, die er auf ein mitgebrachtes Papier, das er ans seine steifgebundcnen Schreibhefte legte, hinkritzelte. Er ließ da ganz seiner Laune die Zügel schießen und komponirte das tollste Zeug, wobei es frei- lich nicht fehlen konnte, daß die Herren Beamten selber darin figurirten. Er ward aber dabei ertappt und ihm energisch be- deutet, daß man solchen Unfug in einer herrschaftlichen Kanzlei nicht dulden könne. Was sollte er thun, er mußte sich darein ergeben, und von da an machte er's wie die andern, er ließ sich von der Schwüle der Hochsommernachmittage in einen süßen Schlaf lullen, aus den ihn nur von Zeit zu Zeit die Zudring- lichkeit der Fliegen weckte, was ihn jedoch nicht hinderte, immer wieder einzunicken, uni erst am Ende der Kanzleistunden mit einem unendlichen Gähnen völlig zu crivachen. Das dauerte so bis Mitte August, dann fand er, daß er genug geschlafen habe und daß es ihm unmöglich sei, dies Hamster- leben noch länger fortzusetzen. Er packte eines schönen Morgens sein Ränzlcin, schrieb einen rührenden Brief an seinen Herrn Onkel und verließ, noch ehe dieser erwacht war, dessen Haus, mit dem Vorsatze, nimmer dahin zurückzukehren. Zwei Silberthaler war alles, was er an irdi- schein Mammon sein eigen nennen konnte und mit sich fortnahm. Er machte sich gar keine Vorstellungen über das zunächst zu ergreifende, er wollte den Zufall walten lassen; er fühlte sich zu jeder Arbeit aufgelegt und wollte sich nichts bewahren, als die Freiheit, wieder davon zu gehen, sobald es ihm beliebte. Aber früher als er erwartete, sollte er eine Thätigkeit finden und zwar in einem Berufe, der ihm völlig neu war und an den er bisher nicht einmal gedacht hatte. In dem Gasthanse, in dem er an diesem Abend �zu über- nachten beschloß, fand er eine zahlreiche Gesellschaft. Eine lvan- dernde Schauspielcrgruppe, die hier einige Vorstellungen geben wollte, und um welche sich bereits einige ländliche Protektoren gesammelt, hatte sich hier niedergelassen. Als Fritz eintrat, ward er sofort von allen gemustert; die schöne Figur, der ausdrucks- volle Kopf schien die allemeine Aufmerksamkeit erregt zu haben. „Das wäre ein Held und Liebhaber," hörte er sagen. Er verstand nicht, was das heißen solle und bestellte Brod und zwei weiche Eier. Auf die Frage, ob er Bier oder Wein wünsche, antwortete er in einem etivas ungewissen Ton, daß er nur Wasser vertragen könne. Diese Frugalität schien die übrigen zu einer Vertraulichkeit zu berechtigen. Er ward von denen am großen Tisch eingeladen zu ihnen zu kommen. Es wäre doch zu dumm, wenn er sich da allein mopsen sollte, er sei gewiß auch ein lustiges Haus»nd solle darum zu ihnen halten. Fritz sagte nicht nein; er begab sich hinüber und war bald der fidelsten einer. Er lachte über die alten komödiantischen Anekdoten und Späßchen, die er zum ersten male hörte, aus vollem Halse. Alle Aufforderunge», mitzutrinken, lehnte er indeß beharrlich ab und verblieb in stolzer Genügsamkeit bei seiner Wasserkur. Bald wußte man von ihm, daß er sich' in jener ge- sellschaftlichen Unabhängigkeit befinde, die aus Mangel jeder Be- schäftigung und jedweden Besitzes hervorzugehen pflegt. Der Vagabund wurde hierauf als einer der Ihren angesehen und schon eine Stunde später als neugebackenes Mitglied beglück- wünscht. Man spielte bei dieser Truppe ans Theilung, wobei deni Direktor in seiner dreifachen Eigenschaft als Direktor, Regisseur und Schauspieler drei Theile, seiner Frau und seinen beiden Töchtern ebenfalls drei Theile zufielen. Fritz Berger sollte, obwohl Anfänger, auch seinen Theil er- halten wie die übrigen. Am nächsten Abend wollte man die Räuber aufführen und er sollte darin den Karl spielen, den er, wie er sagte, auswendig konnte. Da die Mitglieder sich den Tag ttbcr irgend einer nützlichen Beschäftigung hingeben mußten, weil sie von ihrer Kunst nicht leben konnten, so Pflegte man nur von neuen Stücken Probe zu halten. Hier wollte man sich mit einer Szenenprobe begnügen, in der die unter den Dorfbewoh- nern geworbenen Räuber gedrillt werden sollten. Trotz dieser mangelhaften Borbereitungen führte doch Fritz seine Rolle, nach dem Beifall zu urtheilen, den ihm das Publikum spendete, brillant durch. Er brüllte sie so wacker herunter, daß er schon im 3. Akte total heiser war. Was ihm von da an Stimme abging, suchte er durch lebhaftes Spiel zu erreichen, wobei sich's traf, daß er mit einigen neu aguirirten Räubern ziemlich schlecht um- ging, was diese, die, wie sie sagten, nur aus guten Willen sich mit dem Komödiantenpack eingelassen, nicht ungestraft hingehen lassen wollten, sodaß es bald zu einer Prügelei auf offner Szene gekommen wäre. Auch die Mitglieder beklagten sich über den Debütanten. Keinen hätte er ausreden lassen, niemals das Stichwort abgewartet, und er hätte natürlich allen Applaus allein geerntet, da er das Stück allein gespielt habe. Uebrigens nehme er es mit seiner Wildheit so ernst, daß neben ihm- niemand seines Lebens sicher sei. Kurz, die Kabalen und Jntrignen begannen für ihn schon nach diesem ersten Erfolg, und sie hätten ihn vielleicht von selbst vertrieben, wenn der Direktor nicht nach einigen minder gut besuchten Vorstellungen erklärt hätte, die Gesellschaft nicht länger beisammen halten zu können, und sich hierauf zuerst aus dem Staube gemacht hätte. Die übrigen verschwanden gleichfalls, man wußte nicht wohin, und so blieb nur Fritz übrig, den man plötzlich für die zurück- gelassenen Schulden seiner Kameraden verantwortlich machen wollte. Da er mit Leichtigkeit beweisen konnte, daß er kein Geld habe, um zu bezahlen, ward ihm von dem Wirth die Thür ge- wiesen. Er ging. Vorher verbrannte er noch einen Brief seines Onkels, der von seinen theatralischen Heldenthaten Nachricht er- halten und es für seine Pflicht erachtet hatte, ihm kund zu thun, daß er von einem Menschen, der sich einem so schändlichen Ge- werbe in die Arme geworfen Ihabe, nichts mehr wissen wolle und ihm noch obendrein seinen Fluch nachsandte. Fritz wanderte trotz dieser geistlichen Belastung lustig weiter. Das Thal, durch das der schäumende Bergstrom schoß, war so schön, der Himmel so blau, die Luft so würzig milde. Seine Armuth raubte ihm nicht den künstlerisch genießenden Sinn. Alle Augenblicke blieb er stehen, eine Felspartie, eine Gruppe Bäume, einige in wilder Ueppigkeit aufsprießende Gräser und Disteln betrachtend. Er nahm dann unwillkürlich sein Skizzen- buch heraus und zeichnete das, was sein Auge durch malerische Wirkung entzückt hatte. Ein bischen Milch und Brot, das ihm die Bauern gutwillig gaben, oder für welche er sie porträtirt, reichte für seinen Lebens- unterhalt, aus und es vermehrte seinen Frohsinn und seine gute Laune, als er inne ward, mit wie wenigem sich der Mensch begnügen und dabei glücklich sein könne. Ach, wenn nur der Himmel gleichfalls seine Heiterkeit bewahrt hätte, wenn er immer so südlich blau auf ihn herabgelächelt, die Sonne immer so warm geschienen hätte, die Näch*; so lau und lind geblieben wären, und wenn er dabei immer Milch und Brot gehabt hätte, er wäre so fort gepilgert, sein Skizzenbuch in der Hand, dem Süden zu. Dort sind solche Existenzen nichts ungewöhnliches, aber unser Norden kennt keine Poesie der Armuth, und als es Mitte Sep- tember geworden und es zu regnen und zu stürmen begann, und als der Aufenthalt im Freien unmöglich und der unter Dach und Fach nicht immer umsonst zu haben war, da fühlte er mit einem male das ganze Elend seiner Lage und daß er aus ihr heraus- kommen müsse, so bald wie möglich. Er war sieben Stunden von Waidingen entfernt. Dort vermuthete er seinen Freund Alfted, der während der Ferienmonate seine Schwestern besuchen ivollte. Zu ihm gedachte er zu gehen, bei dem älteren Freunde sich Rath zu holen. Er führte das Vorhaben aus. Es war ein kühler. regendrohender Herbstnachmittag, als er mit verstaubtem Rocke und zerfetzten Stiefeln, Haar und Bart verwildert, einen Knoten- stock in den magern gebräunten Händen, an die Thür der Schwester Depauli pochte und nach dem Bruder ftagte. Er sei nicht hier, ein Freund habe ihn auf sein Landgut geladen und er wäre deshalb nicht gekommen, berichtet Minna. Einen Augenblick senkten sich seine Augen, und seine Brust hob sich wie unter einem Seufzer, dann grüßte er die beiden Mädchen und wandte sich wieder der Thüre zu. Minna, die einen Augenblick un- schlüssig gewesen, trat ihm entgegen, ihr mitleidiges Herz hatte alles errathcn: sie bat ihn, noch zu verweilen. Sie führte ihn in das Stübchen, das für den Bruder bereitgehalten war und zeigte ihm dort sein eigenes wohlgetroffenes Bildniß, das an der Wand hing. Er sei ihnen kein Fremder mehr, setzte sie fteund- lich hinzu, vielmehr als der beste Freund ihres Bruders, ein Wohlbekannter, drum möge er sich's vorläuftg hier gefallen lassen, sich ausruhen und stärken. Fritz nahm dies Anerbieten mit leb- hafter, dankbarer Freude an. Er bat um die Erlaubniß, von hier aus an seinen Freund zu schreiben und dessen Antwort ab- warten zu dürfen. Schon am nächsten Tage hatte er Minna all seine Erlebnisse mitgetheilt. Sie hieß ihn bleiben. Sie fragte in ihrer Herzensgüte nicht darnach, ob dies auch passend sei, und wie die bösen Zungen des Städtchens das Borkommniß beurtheilen, ja verurtheilen würden, sie dachte in ihrer Unschuld nicht einmal daran, und hätte man sie darauf aufmerksam ge- macht, sie hätte den Gedanken, daß dieser Jüngling mit den treuherzigen Augen, die Gastfteundschaft, die sie, die selbst Armen und Bedürftigen, ihm gewährt, je mißbrauchen könnte, mit Ent- rüstung zurückgewiesen. Und sie hätte recht gehabt. Alfred schrieb zurück, er rathe Fritz, bis er etwas besseres gefunden, in Waidingen zu bleiben und die Arbeiten auszuführen, welche man ihm, im Falle er hierher gekommen wäre, hatte über- tragen wollen. Diese, die Reparatur einiger Fresken der hiesigen Kirche, seien zwar nicht bedeutend, der kleine Verdienst würde ihn aber doch über die erste Zeit hinaushelfen und es wäre immerhin möglich, daß weiteres folgen würde. Er überschickte ihm gleichzeitig ein Schreiben, welches er bei dem Herrn Bürgermeister, welcher auch der Vormund seiner Schwester war, abgeben sollte und worin er Fritz Berger, seinen erprobten Freund, demselben auf das wärmste empfahl. Fritz erhielt die Arbeit, und da er dem Herrn Bürgermeister versicherte, er werde ihn und seine Frau Gemahlin umsonst porträtiren, so zeigte sich dieser ihm so wohlgesinnt, daß er ihn auch als Mieths- mann bei seinen Mündeln acceptirte. Seitdem war ein halbes Jahr verflossen. Er hatte außer dem Herrn Bürgermeister noch einige andere Celebritäten des Ortes gemalt, billig natürlich, dann das Hündchen einer alten Jungfer, einige Schießscheiben und Schilder:c. Sobald er etwas verdiente, gab er ziemlich viel aus, dann lebte er wieder wochenlang fast von nichts, ohne sich darüber zu beunruhigen. Diese Sorglosigkeit lag eben in seinem Wesen. Er rechnete überhaupt nie, der gute Fritz, und Minna war gerade so fteigebig und genügsam, ebenso der Freude bedürftig und die schwere Roth des Lebens so leicht ertragend wie er. � Die beiden hatten sich wohl vom ersten Augenblick an geliebt, sie hatten die Gegenseitigkeit ihrer'Neigung empfunden und dies hatte ihr Herz mit bisher nicht gekannter Wonne er- füllt, aber sie hatten es lange nicht gewagt, dieselbe einander zu gestchen. Fritz fühlte nur zu gut, welche Delikatesse ihm dies nahe Zusammenwohnen den Mädchen gegenüber auferlegte, über- dies war er ja so ein aussichtsloser armer Teufel, daß er gar nicht daran denken durfte, sich ein Bräutchen zu erwerben. Seit einigen Monaten aber hatte sich ihm eine neue Zukunft in glück- strahlender Perspektive eröffnet. Er hatte entdeckt, daß er eine herrliche Tenorstimme habe, und seitdem stand es bei ihm fest, diese elende Schmiererei, gegen die er jetzt nur mit Verachtung erfüllt war, vollends an den Nagel zu hängen und Opernsänger zu werden. Er wurde Luisens Schüler und sie zeigte sich von seinen Fortschritten sehr beftiedigt. In dieser jugendlichen Hoff- nungsfteudigkeit hatte er nun vor einigen Wochen der Geliebten sein Herz entdeckt und sie hatte mit dem Geständniß ihrer Ge- fühle nicht zurückgehalten Die beiden waren von diesem Glücke wie berauscht, aber was sie sich jetzt voll übermüthiger Seligkeit nicht oft genug wiederholen konnten, vor allen andern sollte es noch ein Geheimniß bleiben; sie hatten sich's feierlich zugelobt. Die Thörichten! jeder ihrer Blicke, die sie sich schenkten, mußte sie verrathen. Heute war auf diesen Liebessonncnschein plötzlich ein trüber Wolkenschatten gefallen—, und selbst die so optimi- stische Minna räsonnirte in diesem Augenblick, wo sie all diese Erinnerungen an sich vorübergehen ließ, daß auf Erden kein volles Glück zu finden sei. Aber ihre Augen blickten doch schon wieder, frei von Thränen, j zu dem Bilde des Geliebten auf, und ihre Lippen, mit denen sie jetzt ihre Fingerspitzen küßte, und ihn, mit diesen einen Kuß zu- sendete, lächelten voll inniger Zärtlichkeit. Dann völlig der realistischen Gegenwart und ihren Forderungen sich zuwendend, räumte sie rasch das Zimmer auf und betrat hierauf init dem Lichte in der Hand ihr eignes Gemach, dieses sorgfältig hinter sich 43-- abschließend. Sie bemerkte, daß Amalie über ihrer Arbeit ein- geschlafen war. Das müde Köpfchen war gegen die Brust geneigt, die Hand, welche die Nadel gehalten, hing schlaff herab, während diese selbst am Fadeu hin- und herbaumelte. Eine sanfte Röthe war über dem zarten Kindergesichtchen ausgegossen, welches die dunkelblonden Flechten so schön umrahmten. Minna ging auf sie zu und berührte leise ihre Hände, sie fühlten sich eiskalt an. Malchen fuhr auf und die Augen gewaltsam öffnend, suchte sie sich zu fassen und wollte weiter arbeiten, aber Minna führte die Schlaftrunkene zum Bette und löste ihre Kleider. Malchen wehrte sich nicht und als sie bald darauf unter der Decke lag, that sie einen Seufzer tiefinnersten Behagens, und mit einem Blick voll Dankbarkeit sagte sie:„Gute Nacht, Minna," dann legte sie sich auf die Seite und in der nächsten Minute hörte man die tiefen gleichmäßigen Athemzüge der wieder Eingeschlafencn. Minna setzte sich zur Arbeit. Es war nur etwas über neun und sie war gewohnt, bis Mitternacht zu arbeiten. Die Nadel flog flink auf und nieder, bei ihrem jedesmaligen Durchstechen der in den Rahmen gespannten Leinwand ein hartes, prasselndes Geräusch verursachend. Bon Zeit zu Zeit, wenn die angestrengten und verweinten Augen zu brennen anfingen, hielt sie einen Augen- blick inne, hauchte in die hohle Hand und legte diese hierauf über die Augen. Man hatte ihr'gesagt, daß dies die müden Augennerven wieder beleben solle, sie fand es nicht bestätigt. Dann sah sie wieder einmal auf die eintönig tippende Uhr, die cinviertel und dann einhalb schlug. Plötzlich fuhr sie in die Höhe, es war ihr, als taste jemand von außen an der Thür herum, und jetzt vernahm sie ein leises, ganz leises Pochen. Wer kann das sein, dachte sie, so spät? Fritz hat doch nicht seinen Schlüssel verloren? Sie näherte sich der versperrten Thüre. „Wer ist's?" fragte sie mit unterdrückter Stimme,— sie wollte Malchen nicht wecken. Eine zarte Flüsterstimme antwortete:„Mach' auf, ich bin's, Marie." Im Augenblick war der Schlüssel umgedreht, die Thür öffnete sich und Marie überschritt die Schwelle. „Du, und allein!" rief Minna, aufs höchste überrascht. „Pst!" machte Marie, den Finger an den Mund legend und einen Blick nach dem Bette werfend, in welchem Malchen, im Schlafe murmelnd, sich soeben umgewendet hatte.„Pst, wecke die Kleine nicht; ich ivollte— nur einige Worte mit dir—" Minna faßte sie bei der Hand und leise auftretend führte sie sie zum Tische, wo sie ihr einen Stuhl anwies und hierauf selbst so nahe wie möglich an ihrer Seite Platz nahm. Forschend sah sie ihr ins Antlitz. „Was ist's denn, ist etwas vorgefallen?" „Sticht das Geringste," erwiderte ihre Freundin, ihre Stimme herabdämpfend,„aber ich wußte, daß die Unruhe, die Sorge um den Bruder dich nicht schlafen läßt— und darum"— sie hielt einen Augenblick wie verlegen inne, dann, sich noch näher zu ihr hinbiegend, sagte sie hastig, fast ohne Athem:„Minna, du weißt garnicht, wie gut ich dir bin, wie alles, was dir wehe thut, auch mich berührt, und wie gern ich in deinem jetzigen Kummer"— sie stockte. Minna ergriff ihre Hand.„Du bist gekommen, um mich zu trösten, du gutes Herz." „Ja, aber auch helfen möchte ich dir." „Wieso helfen, Marie?" „Nun," flüsterte Marie,„es muß dir doch alles daran liegen, deinen Bruder wiederzusehen, ich meine selbst, es kann dies nicht rasch genug geschehen,— in seinem Zustande— wie sehr bedarf er einer treuergebenen Seele." „Sticht wahr, du fühlst das auch!" „Ganz so, wie du, und daß es nicht verschoben werden darf." „Ich will, ich muß gleich morgen, wenn nur—" „Die Tante diese �Einsicht hat," fiel Marie in erregtem Tone ein, wobei sich ihre stimme ein wenig stärker hob; sie bemerkte es, und sich sogleich mäßigend, fuhr sie wieder mit halber Stimme fort:„Ich fürchte sehr, sie wird morgen mit noch kälteren Augen die Sache ansehen und dir die Reise erst recht widerrathen; so gut sie auch sonst ist, für solche Leiden hat sie kein Berständniß." Minna drückte die Hände ineinander. „Nein, sie hat kein Berständniß," wiederholte sie bestimmt „aber was soll ich thun? Ich müßte—" „Beruhige dich, ich bin gekommen, dir zu sagen, daß nichts dich zurückhalten darf, du reisest jedenfalls, und wenn dir die Tante das Geld nicht gibt, so"— sie zog in Hast ein Etui unter dem umgeworfenen Mantel hervor,—„nimm und ver- kaufe dies, es wird die Reise decken." Minna nahm es überrascht entgegen und es vor sich auf den Tisch stellend, öffnete sie dasselbe. „Eine Münze von Gold!" rief sie. „Pst, nicht so laut," mahnte Marie, die sich erhoben und ihr über die Schulter sah.„Es ist mein Eigenthum, ein Geschenk, glaube ich, meines Pathen, ich habe es unbenutzt im Kasten liegen; es soll zehn Dukaten schwer sein, soviel mußt du wenigstens da- für erhalten." Minna schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht nehmen." Marie sah sie mit großen Augen an. „Nicht?" fragte sie mit einiger Heftigkeit.„Aber es handelt sich um deinen Bruder; es gilt vielleicht ein Unglück zu ver- hüten, und du weisest dies zurück, du spielst die Empfindliche mir gegenüber? Aber dann ist dir dieser Bruder nicht so theuer, als du sagst, dann liebst du ihn nicht." Minna nickte ihr zu:„O, du hast recht, wie könnt' ich zaudern, ich nehms von dir und'danke dir dafür aus ganzer Seele, und Alfred selbst, wenn er erfahren wird, was für ein gutes, edles Herz für ihn Marie unterbrach sie erschreckt. „Für ihn, sagst du? O nein, ich thue das nicht für ihn, das darfst du nicht glauben, das ist nicht wahr, ich thu' es für dich, weil ich's nicht ansehen kann, wie du dich härmst—" Sie hielt in lieblicher Berwirrung inne, als sie das kleine, schalkhafte Lächeln bemerkte, das Minna's Lippen kräuselte und in ihren Augen sich aussprach. Diese nahm sie um den Hals und flüsterte ihr ins Ohr: „Doch auch für ihn, ein wenig, ein ganz klein wenig, wie? Was thut's, du bist ja keine alte Tante, die für solche Fälle kein Berständniß hat, du hast's, du hast's, gcstch's." Marie senkte die Augen.„Nun ja, man hat doch Mitgefühl für alle guten Menschen, aber"— ihr Ton wurde ernst und dringlich—„du darfst ihm das nie und nimmermehr verrathen." „Wenn's aber nur allgemeine Menschenliebe—" „Einerlei, er darf es nicht erfahren, daß ich dir das gegeben habe, es ist nur unbedeutend, freilich, und dennoch will ich's nicht, du darfst» ihm nicht erzählen und niemanden; versprich es mir, versprich mir's feierlich." Sie hielt ihr die Hand hin, Minna erhob mit schalkhaft über- triebener Wichtigkeit die ihre. „Ich verspreche es feierlich." Ein kräftiger Handschlag be- siegelte dies Uebereinkommen, dann küßte Marie ihre Freundin. „Und nun leb' tvohl." „Du gehst schon?" „Muß ich denn nicht? Ich. bin fortgegangen, ohne es zu sagen, ich habe den Augenblick benutzt, als Elvira sich zum Piano setzte und Mama auf dem Sopha eingenickt war. Ich bin ge- laufen, so schnell ich konnte,— aber nun muß ich auch zurück, Adieu!" „Du wagst dich so heraus iu Nacht und Sturm,— wie un- vorsichtig." „Das thut mir nichts." „Und nur um meinetwillen?" „Stur um deinetwillen, du wirst es doch glauben,— und jetzt halte mich nicht länger auf." Auf den Zehenspitzen schritt sie der Thür zu. In dein Augen- blick vernahm man rasche, kräftige Fußtritte, die über den Korridor kamen und sich der Thür näherten; gleich darauf ertönte ein starkes Klopfen. Die beiden Mädchen schreckten zusammen und wechselten einen Blick, der ebensoviel Ueberraschung als Bcklem- mung ausdrückte. ,Was ist's?" rief Malchen, die, unsanft aus dem Schlafe geweckt, sich hastig aufsetzte und sich in angstvoller Verstörtheit die Augen rieb. „Ist's Berger?" flüsterte Marie, ihre Freundin vorwurfsvoll anblickend. Diese trat einen Schritt zurück, indcß ein schamhaftes Roth auf ihren Wangen aufloderte. „Wie kannst du das glauben, Marie, Fritz Berger kommt nie des Abends zu uns, und in dieser Weise würde er es niemals wagen." „Aber dann— wer kann das sein? Und— ach Gott- die Thür ist nicht einmal verschlossen." (Fortsetzung folgt.) Wasserversorgung und Wasserreimgung. Von Wothöerg-Lindener. (Schluß.) Für die bis in die jüngste Zeit häufig und in größtem Maß- stabe ausgeführte Wasserversorgung aus Flüssen sind�vor allen andern die allerdings sehr gewichtigen Gründe der ohne Schwierig- keit auszuführenden Wassergewinnung und eine fast absolute Sicher- heit in Bezug auf die benöthigtc Menge die ausschlaggebenden gewesen. In den Fällen, wo dieses Wasser ausschließlich nur zu Arbeitszwecken gebraucht wird, wäre auch dagegen garnichts einzuwenden. Es ist aber ein kostspieliges und unrationelles Verfahren, wenn das Trinkwasser daneben noch auf andrem Wege be- schafft werden soll. Soll indeß das Flußwasser gleich- zeitig mit als Trink- wasser benutzt wer- den, so treten den angeführten Vor- theilen auch sehr er- hebliche Nachtheile gegenüber. Zu- nächst sind die Tem- peraturschwankun- gen eines Tag- Wassers, das schon längere Zeit mit der freien Luft in Berührung war, und daher während des ganzen Jahres den Wärmeverän- dernngenderAtmo- sphäre folgt, im Winter den Gefrier- Punkt wenig über- schreitet, im Som- mer bis einige zwanzig Wärme- grade aufweist, für den menschlichen in- nerlichen Gebrauch eine höchst unan- genehme, oft grade- zu abschreckende Beigabe. Dazu kommt ferner, daß, wenn dieses Wasser infolge längerer Berührung mit der Luft das etwaige Uebermaß seines Gehaltes an kohlen- sauren Verbindun- gen von Kalk und Magnesia verloren hat, dieses Weichsein doch oft bis zu solchem Grade fortgeschritten ist, daß es unserm Ge- schmack, dem eine größere Härte eher zusagt, widerstehen kann. Ueberhaupt aber ist der Gehalt an festen Stoffen ein häufig wechselnder, je nachdem dem Flusse durch Niederschläge in dieser oder jener Gegend seines Quell- oder Zuflußgebiets mit dem Wasserzugang gelöste sowohl, als suspendirle, von der Erd- oberfläche herrührende Substanzen zugeführt worden. Endlich tritt noch dazu die fast unvermeidliche Verunreinigung der Flüsse durch Abwässer aus an den Ufern liegenden Städten, die orga- »ische und faulende oder fäulnißfähige Stoffe in Masse enthalten, sowie oft auch durch ganz fremde und schädliche chemische Sub- stanzen, die aus Fabriken herrühren. Das Thema der Verunreinigung der Flüsse durch Abwässer aus größeren Städten hat in den letzten Jahren zu lebhaften Verhandlungen und Kontroversen zwischen Vereinen, städtischen und Staatsbehörden geführt. Bekannt ist der Fall anläßlich der beabsichtigten Kanalisirung von Köln, da das preußische Staats- Kurl Ltbrecht Imimrimmn.(Seite 81.) Ministerium, gestützt auf das Gutachten der wissenschaftlichen Deputation für Medizinalwesen die Einleitung der menschlichen Fäkalstoffe in Flüsse für unstatthaft im Interesse der öffentlichen Gesundheitspflege erklärte. Der deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege dagegen fand ein solches Verbot als höchst beunruhigend für eine große Zahl von Städten und sprach sich sowohl gegen die Nothwendigkeit als gegen die Möglichkeit einer strikten Durchführung dieser Verordnung aus. Er hält dafür, daß gesundheitsgefähr- liche Einwirkungen von verunreinigten Flüssen auf die Anwohncrschaft bis jetzt weder durch direkte Forschung noch durch die me- dizinische Statistik nachgewiesen seien. Die Fäulnißpro- dukte sollen je nach der Größe des Flusses durch die geschehende Ver- dünnung mehr oder weniger rasch ab- nehmen. Ferner sei die so gefürchtete Uebertragung von Krankheitskeimen, die durch städtische Kanäle ins Fluß- wasser gelangten und vielleicht an- derwärts getrunken würden, bis jetzt ganz hypothetisch. Die neuesten For- schungen von Pet- tenkofer und Nägeli sprächen eher gegen als für die Ueber- tragung von In- fektionspilzen durch Wasser oder durch exkrementelle Massen. Ueberdies bildeten die un- gehindert in den städtischen Kanälen den Flüssen zuge- führten sonstigen flüssigen Schmutz- massen gegenüber den gefürchteten festen Exkrementen(die zudem auch zu chz aus Wasser beständen), so sehr das Uebergewicht, daß ein Unterschied von Kanalwasser mit oder ohne Exkremente kaum zu konstatiren sei.— Der letztere Punkt scheint uns den wesentlichen Einwand gegen das Genügen der Motivirung des ministeriellen Verbotes zu enthalten. Aber, wenn auch zugegeben ist, daß der Beweis für die Ueber- tragung etttmiger ms Abwasser gelangter Keime gefürchtetcr in- fektiöser Krankheiten noch vollständig aussteht, so steht andrerseits doch die Schädlichkeit faulender organischer Substanzen überhaupt fest, und die Vorsicht und Abneigung gegen unmittelbaren Genuß von Wasser aus verunreinigten Flüssen sowohl als Brunnen ist eine ebensowohl gebotene als begründete, sodaß eine Bevölkerung die Annahme eines derartigen Wassers als Trinkwasser entschieden ablehnen>vird und niuß. Unter diesen Umständen tritt die wirthschaftliche Seite der Frage in den Vordergrund. Die bereits von etlichen großen Städten mit äußerster Anspannung ihrer Finanzkräfte eingerichteten Anlagen zu anderweitiger Beseitigung der Fäkalstoffe enthaltenden Abwässer wird von vielen Seiten als ein am Ende doch ver- I erfüllbare Anforderungen entstehen, oder ob und wie eine Abände- fehltes Unternehmen und das Kapital als weggeworfen angesehen.| rnng dieser Einrichtungen den bestehenden Uebeln abhelfen und Andere Ktädte Andere Städte erklären sich als zu solchen Ver- suchen von vorn- herein außer stände; und schließlich ist doch der, für den Augenblick nur die städtischen Interessen zu übersteigen schei- nende Gesichts- Punkt ein berech- tigter, wonach dieAufrechtcrhal- tung der Landes- kultur es erfor- dert, daß die aus dem Konsum der Städte an Nähr- und Nutzstoffen hervorgehenden festen Abfälle so- wohl als die Ab- Wässer, die einen sehr erheblichen Dungwcrth rc- präsentiren, einer ebenso großen Düngung wieder zugute komnien, als zum Unter- halt dieser Be- Völkerungsmasse nöthig ist,— nicht aber, daß sie auf einer viel kleineren Fläche im Ucbermaß angehäuft werden dürfen, die durch dasselbe ertrags- unfähig gemacht wird, wie bei der sogenannten Be- rieselung sich schon zu zeigen beginnt. Ohne uns weiterhin in dieses, hier nicht zur Hauptsache gehörige', weit- schichtige Thema zu vertiefen, möchten wir dem Leser doch zur eignen Erwägung die Frage an- heimgeben, ob angesichts der hier, wie bereits in mancherlei an- deren Fällen ein- gestandenen Ohn- macht der heuti- gen Kommunen zur Erfüllung aller durch die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse -ocryamupe ihnen erstehenden Aufgaben, es crstrebenswcrther sei, dieser all- künftigen vorbeugen könne!— In den Fällen, in welc gemeinen Entwicklung Einhalt zu gebieten, damit den unverän- man der Billigkeit wegen die Wasserversorgung aus! derten kommunalen Einrichtungen' nicht noch weitere unmöglich! nächstliegenden, wenn auch unreinen Flusse eingerichtet hat, 46 neuerdings zur möglichsten Abhülfe der Uebelstände zugleich immer eine Filtration eingerichtet worden. Dieselbe besteht wohl überall in einem Durchsickern des Flußwassers durch Schichten von zuerst feinem, dann gröberem, reinem Sand und Kies. Daß die Temperaturschwnnkungen dadurch nicht ausgeglichen werden, ist selbstverständlich, ebensowenig die wechselnden Zusanimensetzun- gen des Abdampfrückstandes. Es werden hauptsächlich nur die gröberen organischen Stoffe und Schlammtheilchen bei dieser Art Filtration zurückgehalten, und zivar umso unvollkommener, je mehr der Strom mit solchen Schlamm- und Schmutztheilchen gesättigt ist, wodurch zugleich die Rückhaltungsfähigkeit dieser Filter um so rascher abnimmt und aufhört. Einige Zahlen er- weisen sowohl die zunehmende Verunreinigung auch eines großen Stromes nach der Mündung hin, als auch den Grad der Wirk- samkeit der Filtration am einfachsten. Es enthielt Elbwasser in 100000 Theilcn bei: Abdamxsrüllstand Organ. Substanz Salxeteriäure Chlor Schweseljaure kalk Magnesia Härte Magdeburg 26 3,45 0,14 3,83 4,80 5,6 1,6 7,8 Hamburg 27 17,45 Spur 2,97 2,40 6.7 0,73 7.7 Hamburgische Wasserleitung 22,5 8„ 1,85 2,75 5,04 0,73 6,1 Man sieht, daß die in der letzten Reihe angezeigte organische, also fäulnißfähige Substanz von Hamburger Leitungswasser das früher festgestellte Maximalguantum(5 Theile) um mehr als die Hälfte übersteigt, krotz Verminderung derselben um 54 Prozent durch die Filtration;— während in allen oben angegebenen Analysen von Quellwasser der betreffende Gehalt sehr erheblich danmter bleibt. Und doch ist für die Filtration im großen Maßstab, welchen alle kommunalen Wasserversorgungsanstalten verlangen, eine andere Art der Einrichtung der Kosten wegen nicht möglich. Um Wasser für den Hausgebrauch reinigen zu können, sind seit längerem zahlreiche Arten von Filtern im Handel empfohlen worden, von denen die meisten jedoch sich nützlicher für ihre Fabrikanten und Händler,'als für die nach reinem Wasser dür- stenden Benutzer erwiesen haben. Ein solcher Filterapparat muß den Ansprüchen genügen, neben Billigkeit des Apparats und des in ihm befindlichen, eigentlich die Reinigung vollziehenden Ma- terials,— das nach kürzerer oder längerer Zeit in jedem Fall erneuert werden muß— die Reinigung des in höherem Grade als die in Wasserwerken eingerichteten Sandflilter zu bewirken. Auch muß die Bedienung ganz einfach und die Erneuerung oder Reinigung des filtrirenden Materials selbst leicht zu bewerk- stelligen sein. Unter diesen Bedingungen können überhaupt nur in Betracht kommen die künstlichen Filtrationen durch Knochenkohle, durch so- genannte plastische Kohle und durch Eisenschwamm in Verbin- dung mit Grus von Marmor oder gewöhnlichem Kalkstein, oder mit Knochenkohle. Die in kleine Stückchen zerbrochene Kohle aus bei Luftab- schluß geglühten thierischen Knochen wird bekanntlich im aus- gedehntesten Maßstab in der Zucker-, Spiritus- und andern Fa- brikationen als Filtermaterial benutzt. Sie bietet bei ihrer großen Porosität der durchziehenden Flüssigkeit eine ungemein große Oberfläche dar und wirkt nicht nur mechanisch durch Zurück- halten von sichtbaren, schwebenden Theilchen reinigend, sondern entfernt auch mancherlei Farbstoffe und gelöste organische Sub- stanzen, sowie von Gasen besonders das Ammoniak. Aber indem sie diese Stoffe in den Poren zurückhält, verstopfen sich dieselben nach und nach, und die Kohle büßt ihre Absorptionsfähigkeit ein. Wenn die abgesonderten Uureinigkeiten zum größern Theil orga- nischer Natur waren, so läßt sich das Filtrationsvcrmögen von Knochenkohle eitzige male, wenn auch nicht bis zum anfäng- lichen Grad, erneuern durch das sogenannte Wiederbeleben, das in Auswaschen mit verdünnter Salzsäure und erneutem Glühen in verschlossenen Gefäßen besteht. So fungirt die Knochenkohle auch bei der Filtration von Wasser anfänglich ganz vorzüglich. Nach etwa dreimonat- lichem Gebrauch aber hat sie diese Eigenschaft so sehr ver- loren, daß das Wasser sogar noch verunreinigter das Filter ver- läßt, als es aufgegeben wird. Die Entwicklung der Ausguß- thierchen scheint durch solches verunreinigte Filter sogar noch er- heblich befördert zu werden. Es bedarf also ein Knochenkohle- silier der sorgfältigen Kontrole, um den Zeitpunkt des beginnenden ungenügenden Filtrirens zu erkennen; sowie auch beim Einkauf von frischer Knochenkohle diese erst probirt werden muß, da der Unkundige alte, ausgenutzte und trotz Wiederbelebens nicht mehr branchbare Kohle nicht von ungebrauchter, neuer unterscheiden kann. Die im Handel sehr empfohlenen Filter aus geformter künst- licher oder sogenannter plastischer Kohle stehen den oben bespro- chenen bei weitem nach. Ihr Filtrationsvermögen ist, auch so lange sie neu sind, erheblich geringer und nimmt mehrfach rascher ab. Das als sehr leicht behauptete Reinigungsverfahren des Filter- kolbens durch Atlsbürsten mit reinen: Wasser ist nur ein äußer- liches und, da grade die inneren Poren der Kohle wesentlich wirksam sein sollen, nur wenig vorhaltend. Dabei enthalten die geformten Filter oft feine, nicht sofort bemerkbare Risse, sodaß sie beim Gebrauch leicht springen. Eine öftere Erneuerung der Filterkolben aber macht diese Reinigungsmethode zu einer ziemlich kostspieligen. Schon seit langer Zeit wollte man beobachtet haben, daß auf Schiffen faules Wasser, das in eisernen Behältern mitgeführt wurde und durch das„Rollen" des Schiffes in seinen einzelnen Schichten in immer erneute Berührung mit den Wänden solcher Behälter kommt, in seiner Beschaffenheit sich bessere. Professor Bischof in Glasgow erprobte nun in neuerer Zeit die Wirkung von aufs feinste zertheiltem Eisen(Eisenschwamm) als Filter- Material und fand dieselbe verhältnißmäßig äußerst günstig. Der Eisenschwamm ist metallisches Eisen, das aus Eisenoxyd dargestellt wird, ohne daß die einzelnen Partikelchen, wie bei Bildung von gewöhnlichem Roheisen, in eine kompakte, flüssige Masse zusammenschmelzen. Es ist dann so schwammartig porös und locker, daß ein Liter davon nur 2,4 Pfund wiegt, während das gleiche Volumen festen Eisens über 15 Pfd. wiegt. Die Versuche ergaben folgende Wirkungen des Eisenschwamms auf hindurchfiltrirtes,' unreines Wasser: Reduzirung eines Theils (28 Prozent) der vorhandenen Salpetersäure zu Ammoniak; Zer- setzung eines Theils der organischen stickstoff- sowohl als kohlen- stoffhaltigen Substanz und Verminderung derselben; Auflösung von etwa 10 Milligramm Eisen pro Liter Wasser durch die darin enthaltene Kohlensäure und zwar unter Bildung von kohlensaurem Eisenoxydul. Letzteres oxydirt sich bald zu kohlen- saurem Eisenoxyd, das als sehr feiner gelblicher Niederschlag das Wasser trüben würde. Bischof ließ nun nach dem Durch- filtern durch Eisenschwamm das Wasser noch durch Kalksteingrus gehen, welches diesen Eisenoxydschlamm völlig beseitigt. Die Befreiung des Wassers von freiem Ammoniak(das jedoch meist nur in sehr unerheblichen Mengen vorkommt) geschieht dagegen nur in sehr geringem Maße. Diesem Uebelstand wurde später dadurch abgeholfen, daß Bischof statt des Kalkstcingruses wiede- rum Knochenkohle anwandte, die in dieser Kombination eine mehrfach verlängerte Wirksamkeit zeigt, da durch sie nunmehr nur ein schon im Wesentlichen gereinigtes Wasser zu passiren hat. Derartige Filter erwiesen sich noch nach acht Monaten un- ausgesetzten Gebrauchs durchaus wirksam. Zum Hausgebrauch wird das Filtermaterial am einfachsten in einem Gefäß von Steinzeug, das über seinem eigentlichen Boden noch in einiger Höhe einen durchlöcherten Sicbboden enthält, unter dem sich das reine Wasser sammeln kann, auf diesem Siebboden in der Weise aufgeschichtet, daß zu unterst eine 4 Zoll hohe Schicht von Kalkstein oder Knochenkohle gebracht wird, darauf etwa 6 Zoll grö- bern und auf diesen 2 Zoll hoch feinsten Eisenschwamm. Der hier zu verwendende Eisenschwamm soll im Große» zum Preise von ungefähr nur 2-/2 Mark der Centner herzustellen sein, und ein Filter, das 5 Liter, also etwa 12 Pfd., davon enthält, im stände sein, ein Quantum von 100000 Liter Wasser mit vollständiger Wirksamkeit zu reinigen. Die Erfahrung, daß destillirtes und Regemvasser auf Blei, also auch auf Bleiröhrcu, durch welche solches Wasser geleitet wird, eine auflösende Wirkung ausüben, und da die tückische, gefährliche Wirkung von Blei in jeder Form, das in den mensch- lichen Organismus gelangt, bekannt ist, gab zu großen Befürch- tungen wegen einer allgemeinen Gefährdung der Gesundheit Veranlassung, wenn das Wasser öffentlicher Leitungen,>vie überall üblich, in den feineren Verzweigungen durch Bleiröhren in die Häuser geführt wird. Bielfache Versuche haben aber festgestellt, daß nur dann eine solche Besorgniß begründet ist, weiin das Wasser erheblichere Mengen von Salpetersäure oder deren Salzen enthält; daß gelöstes Blei aber nicht nachzuweisen ist, wenn das - 47- Wasser einige Härtegrade besitzt; die Verbindungen von kohlen- ist, durch ein Eisenschwammfilter geleitet, so wird ihm dieser sauren Erden, die im Wasser gelöst sind, erweisen sich also in schädliche Bestandtheil vollständig entzogen; es ist das eine Er- dieser Hinsicht sehr vortheilhaft für unsere durch Blei geführten scheinung, die auf chemischer Umsetzung mit dem Eisen beruht, Leitungen. Wird Wasser, in dem aufgelöstes Blei enthalten und die kein anderes Filter zeigen kann. Die deutschen Kulturhistorische Skizze Auf das Zusammenlaufen der Geworbenen folgte die Muste- rung. Darüber schreibt Fronsperger vor: Das Musterheer „soll sein gut auffehen haben und mit allem Fleiß daran sehn, daß ein fendlein mit 400 guter Kriegsknecht besetzt, die gesundt und wolgemut sehn, vnd der keinen mustern oder passieren lassen, der krumm, lahm oder tadelhafftig sey;... Item soll er auch einem jeglichen Fendlein nicht mehr denn 50 guter geschickter Hackenschützen, und jedem ein Gulden über sein gewöhnliche Besoldung, und nicht mehr geben oder passieren lassen." Ferner soll er„fleißig aufsehn haben", daß keiner auf eins andern Namen durchgehe(durch das aus 2 Hellebarden und einer darüber gelegten Lanze gebildete Thor). Nach der Musterung ward der Eid in die Hand des Regi- mentsschultheißen geleistet und im Ring wurden die„hohen Aemter" vorgestellt: des Obersten Leutnant(loeoteuantö— Platzhalter, Stellvertreter), der Proviantmeister, der Quar- tierme ister, der Profos, d. i. der öffentliche Ankläger und Urtheilsvollstrccker, dann jedem Fähnlein sein Hauptmann und dessen Leutnant; die Landsknechte selbst wählten dann unter Leitung des Feldweibels den Gemeinweibel, theilten sich in Rotten von 10 Spießen und setzten sich ihre Rottmeister. Der Oberst, der„Diktator der Soldatenrepublik", erhielt hundertfachen Monatssold, also 400 Gulden rheinisch und 200 Gulden für 8 Trabanten und besaß große Gewalt. Der Schult- heiß, zum Stab des Oberst gehörig, mußte peinlichen und bür- gerlichen Rechtes kundig und ein besonders ehrbarer und frommer Mann sein. Der Profos schuf im Lager einen Markt, dessen Kauflcute und Mercatantcu(Marketender) er streng in Zucht und Schutz hielt, Steckeuknechte, Stockmeister und der Freimann(Henker) waren ihm beigegeben. Bunt sah der Troß aus, dem ein besonderer Weibel vor- stand, weil nach altgermanischcr Sitte auch der Kriegsknecht„sein ehlich Weib"(und nach strengen Artikelbriefen nur dieses!) mit ins Feld schleppte. Dieser Weibel mußte mit Hülfe des Rumormeisters den Troß so schwenken und ziehen lassen, daß er nicht hinderlich iverde, wohl aber„vor den Feind ein nach- denkliches Ansehen gebe." Wichtig ist uns ferner noch die glänzende Gestalt des Fähn- drich, der geloben mußte,„beim Fähnlein Leib und Leben zu lassen, und an einer und der andern Hand beschädigt, sein Fähn- lein ins Maul zu nehmen, sobald er aber vom Feinde über- rungen sei, sich eher darin zu wickeln und zu sterben, als es mit Gewalt verlieren." Ein farbenprächtiges Gemälde bot ein solch Regiment beson- ders deshalb dar, weil an heutige Uniformen nicht gedacht wer- den darf und dem freien Belieben in der Tracht alle Freiheit gegeben war. Oft sah die Gesellschaft natürlich recht abgerissen und elend aus. Wenn sie aber etwan eine Stadt plünderten und„mit der langen Ehle", der Lanze, Seide und Sammt„ab- messen" konnten, entfalteten die frummen Landsknechte einen kolos- salcn, phantastischen Kleiderluxus, wobei grelle Farben, Unmassen von Stoff, Gepufftes und Gebauschtes sowie Geschlitztes eine große Rolle spielten. Die besten Meister des 15. und 16. Jahr- Hunderts verewigten die Gestalt des Landsknechtes im Bilde, wir nennen nur Namen wie Daniel Hopfer, Jost Ammann, Peter Flötner, Manuel, genannt Deutsch, Lucas Cranach, Lucas von Legden, Beham und viele andere. Eine verhängnißvolle Schattenseite des Landsknechtslebens war es, daß sie, wie auch unsere heutigen Soldaten, nach langer Dienstzeit ihr Handwerk vergessen hatten. Damals nun suchten sie aus eigne Faust Kleinkrieg, Plünderung und Gewalt aller Art übend, ihr Kriegshandwerk einfach fortzusetzen als„gar- dende" Landsknechte, wie man das nannte. Gabe zehrend, Speis und Trank, wohl auch Geld und Geldes Werth, nahmen sie mit Gewalt, was ihnen versagt wurde. Die„Lungerer und Landsknechte. von Manfred Mittich.(Schluß.) Gardebrüder" existirten dann nur bis in das 17. Jahrhundert hinein, wo sie dem Landvolk förmlich zur Aushaltung über- wiesen wurden. Im„großen Kriege", dem dreißigjährigen, tritt diese Landplage übrigens unter einein andern Namen, unter dem der Marodeurs, auf, welche Bezeichnung entweder von„marode" kommt, womit man entkräftete Leute bezeichnete, die infolge der überstandenen Unbilden und Anstrengungen des Krieges nicht inehr Reihe und Glied halten können und nur sich umhertreibcnd durch Erpressung, Diebstahl und Gewaltthat ihr Leben fristen, oder es soll diese Benennung vom Korps des General Marode im 30jährigen Kriege herstammen, welches sich durch Zuchtlosigkeit dergestalt auszeichnete, daß man alle plündernd und stehlend umherstreifenden Nachzügler der Heere Marodcbrüder nannte. Johann Jacob von Wallhausens 1615 gedrucktes Kricgswerk, ein Katechismus erlesenster Dichtkunst, gibt ein bös Gemälde der Heerzustände, die wir als schon bei den früheren Landsknechten vorhanden annehmen müssen. Bei 3000 Mann deutschem Kriegs- Volk findest du gewöhnlich 4000— Weibsvölker und Buben, und bei solchem Gesindlein Fluchen, Placken, Stehlen und lose, böse Händel, daß ein Heide darob erstarren würde. Höherer Sold wird ertrotzt, so daß 3000 Mann auf sechs Monat mehr als noch einmal so theuer sind als für ein ganzes Jahr nach Kontrakt und Billigkeit. Dazu käme noch Laufgeld, Handgeld, Liegegeld, zu geschweigen der Schindereien der Bauern durch den Troß, Entschädigung für Durchzug durch Freundesland und des Schadens auf dem Abdankeplatz. Sind nach so theuren 6 Monaten die Regimenter fern in Ungarn abgedankt, laufen diese bezahlten Soldaten ins Reich auf„die Gart" den Winter durch. In allen Fürstenthümern an Oestreichs Grenze ist von den Herren ausdrücklich jedem Bauern befohlen, den„Gartenden" einen Heller zu reichen, weshalb sich die meisten Soldaten auf die Abdankung freuen.„Brächte man das den armen Unter- thanen Abgemauste zuhauf, so könnte man jährlich 30000 Mann in Ungarn besolden." Und außerordentlich ähnlich, wenn nicht gleich, dürfen wir uns das„Hausen und Practisiren" der Lands- knechte denken, lvenn sie ihrer Dienste entlassen wurden. Dazu kamen noch die häufigen Meutereien bei etwa_ ausbleibendem Sold, oder auch, wenn die Herren, pochend auf ihre Gewalt, mit dem ausgemachten Lohnsatz nicht zufrieden, höheren zu ertrotzen suchten. Das wechselvolle, unsichere Leben ließ in dem Kriegsvolk den Grundsatz fest und fester werden, daß man jeden gebotenen Genuß nach Kräften ausnutzen müsse, und diese Lebensweisheit hat im Sprüchwort folgende Fassung gefunden: „Ein Landsknecht und ein Beckerschwein Die sollen allzeit voll seyn, Denn sie nicht können die Zeit ausrechen, Wenn man jhiien wird die Kehl' abstechen." Wenn freilich die Dinge schief gingen, so mußte ein Landsknecht auch entbehren und dulden und mit dem schlechtesten vorlieb nehmen: ein Landsknecht muß Spitzen von Radnägeln verdauen können, und: man findet selten einen alten Landsknecht, sagten die Leute. Spiel, Trunk, galante und ungalante Liebesabenteuer, Fluchen, Raufen und allerlei Gewaltthat waren an der Tagesordnung. „Der Landsknecht Stahl nahm nur vier Gulden Monatssold, denn nährn' er acht, soff er sich todt." So wird von einem Chronisten berichtet. Interessant ist das Lied, welches ausschließlich den Zweck hat, den„Landsknechtorden" zu preisen, und aus dem wir ein paar Wendungen ausheben wollen. Es beginnt: Gott genad dem edlen Kayser also frommen, Maximiliano, bei dem ist auf kommen Ein Orden, zeucht durch alle Land Mit Psciffen und mit Trummen, Landsknecht sind sie genannt. Ii [ Der Vergleich mit einer geistlichen Ordensbriiderschaft wird dann humoristisch fortgeführt: Fasten und beten lassen sie wol bleiben, Sie meinen, Pfaffen und Münch sollens treiben, Die haben dervon ihren Stift. I Und weiterhin: Wenn sie denn jhr Kapitel*) wollen halten, Viel Spieße und Helleparten sieht man walten. Am Ende des Liedes bekennt sich in einer der erhaltenen Fassungen zum Verfasser Görg Grafs, der auch sonst genannt wird als Dichter und zugleich Landsknecht: hatte doch das bürgerliche Element eine Menge Anschauungen und Gepflogenheiten mit- gebracht aus dem Handwerks- und Zunftverband zum Landsknechts- brauch, und dieser und die Meistersingerei ivaren nach einem kun- digen Geschichtsschreiber des deutschen Heerwesens Geschwister. Haus Sachs, der allem Anschein nach selbst dereinst auch „Landsknecht gewest", hat sich mit dem„frumen Orden" des öfteren beschäftigt. Prächtig ist der Schwank:„Das Gespräch i Sanct Peter mit den Landsknechten." Neun armer Landsknecht zogen auß Und garteten von Hauß zu Hauß, Dieweil kein Krieg im Lande was. Eins morgens da trug sie jhr straß Hinnauff biß für das Himmel Thor, Da klopften sie auch dauor, Wollten auch in den Himmel garten. Als sie Sankt Peter bei Marter, Leiden und Sakrament fluchen und schwören hört, vermeint er, sie reden von heiligen Dingen, und bestimmt den Herrn, sie hereinzulassen, der aber Petrus ge- warnt hat und ihm zur Bedingung macht, sie dann auch wieder hinauszubringen. Die neuen Gäste treibens wie auf Erden und heben schließlich„Händel von der besten Sorte" an. Da will sie nun Petrus begütigen, wird aber von ihnen weidlich zerbläut, sodaß er die Hülfe des Herrn in Anspruch nehmen muß. Der heißt ihn einen Engel vor das Himmelsthor zu schicken und mit einer Troiitmel Lärm schlagen zu lassen,>vas sich denn auch be- währt. Aber Sankt Peter ist seit der Zeit geheilt und mag nie mehr einem Landsknecht Einlaß geben. Aber auch der Böse mag von solchem Besuch nichts wissen, auch der Nobiskrug, die Hölle, ist dem„frommen Orden" ver- schlössen, wie uns Hans Sachs in einem Gedichte desselben Jahres < l557) belehrt. Der Satan hält Hofstaat und es kitzelt ihn die Neugier, die neue Brüderschaft kennen zu lernen, und er spricht: „Man sagt, es sey in teutschen Landen Gar ein böses Volk aufferstanden, Welche man nennet die Landsknecht, O, der mir jr ein Dutzet brecht, Daß ich nur seh, was für Leut wern. Man saget, sie fasten nit gern, Sie sind lieber allezeit voll, Mit schlemmen, prassen sey jn wol, Achten sich betens auch nit vil, Sonder man sagt wie ob dem Spil Sie übel fluchn und palgn darneben, Auch wie sie nit vil Almuß geben, Sonder lanffen selb auff der Gart, Essen oft übel und ligcn hart, Doch dienen sie gercn allezeit Eim Kriegsherren, der jn Gelt zeit, Er habe gleich recht oder nit, Da bekümmern sie sich nit mit. Schließlich wird einer vom diabolischen Hosgesinde, namens Beltze- bock, ausgesandt, ein Dutzend von der merkwürdigen Sippe herbei- zuschaffen. Der Sendling geht auf die Erde in ein Wirthshaus, *) Rathsversammlung geistlicher Herren. Mein Freund, Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drii (IV. Wie der Klopfgeist klopft und musizirt.— Wie er Nacht macht und Licht.— Wie das Medium singt und der Klopsgeist spricht.) Endlich war das Lied zu Ende. Die Befürchtung Aloys Metzigs, der mir zuflüsterte:„Nu geht's wahrscheinlich noch i verschicdencmalc so los— die gröhlen manchmal zwei Stunden Da die Landsknecht fassen im sauß, Praßten und einander zusoffen. Der Teuffel stellt sich hintern Ofen, Hört wie die Landsknecht theten sagen, Wie's mit den Feinden hetten geschlagen, Gestürmt, geraubet und gebrannt Jn diesem und in jenem Land, So große Streich, daß jm sürwar Gleich gen Berg stunden all sein Har. Da winkt einer der Zecher dem Wirth, er solle den alten Hahn, der hinter dem Ofen hing, ohne daß ihn Beltzebock bemerkte, hernehmen, rupfen und braten. Der höllische Bote bezieht diese Weisung auf sich, eilt von dannen und gibt im Fegefeuer dem Obersten der Teufel Bericht, der auf Grund desselben beschließt, nie einem Landsknecht die Pforten der Hölle zu öffnen. So sind denn die„frummen Landsknecht" aus Himmel und Hölle ausgesperrt. Auf einem fliegenden Blatt jener Zeit frißt der Teufel, in Mönchsgewand dargestellt, Pfaffen, die auf dem Weg der Ver- dauung in Landsknechte verwandelt, auf der andern Seite wieder zum Vorschein kommen. Ein um Gnade flehender Pfaffe fällt auf die Knie, und auf dem Spruchband, welches aus seinem Btunde herausfliegt, steht zu lesen: Ach, lieber Wollfink*), laß mich leben, Ich will doch selbs ein Landsknecht geben! Der Mund des Volkes, welches soviel von den gardenden Landsknechten zu dulden hatte, ist nicht gut auf sie zu sprechen und hat manches böse Wort auf sie gemünzt.„Landsknechte be- dürfen keiner Katzen, sie können wohl selber mausen."—„Landsknechte haben zur Arbeit krumme Finger und lahnie Hände, aber zu Mausereien und Beuteholcn sind alle krummen Hände grade geworden."—„Landsknechte lassen nichts liegen, als Mühlsteine und glühend Eisen."— „Wo die Landsknecht sieden vnd braten Bnd die Geistlichen zu Weltlichen Sachen rathen, Vnd die Weiber führen das Regiment, Da nimbts selten ein gut end." Und nun zun: Schluß das Urtheil eines Zuständigen:„Da siehst du, wie ich bin, das sind die Früchte des Krieges! Drei Dinge sollten einen jeden vom Krieg abschrecken: die Verderbung und Unterdrückung der armen, unschuldigen Leute, das unordent- liche und sträfliche Leben der Kriegsleute und die Undankbarkeit der Fürsten, bei denen die Ungetreuen hoch kommen und reich werden und die Wohlverdienten unbelohnt bleiben." So faßte der Vater der frommen Landsknechte, Georg Frundsberg, dessen Lebenselement doch der Krieg war, die Summa seiner Ersah- rungen zusammen, als er zu sterben kam, nachdem er sich über eine Meuterei seiner„lieben Kinder", wie er glaubte, einen Schlag- anfall geholt hatte. An einer andern Stelle wird berichtet, daß ein frommer Kriegshauptmann sich in seinem Gewissen beschwert fühlte über die Thaten der Gewalt, die das Kriegshandwerk mit sich brächte, und Luthern seine Roth klagte. Der entgegnete ihm:„Waffen- gewalt in gerechter Sache, nicht des Angriffs oder Raubes halber, sondern in ehrlicher Nothwehr sei statthast." Trotz alledem und alledem ist aber der Krieg und alles was druni und dran hängt, ein Unglück der Menschheit. Schade, daß diese Wahrheit nur gar so sehr blvs Sonntagstheorie bei den Völkern ist und lahmgelegt wird durch ein fliegendes Wort des größten Landsknechtsvolkes des Alterthums, der Römer:„Willst du den Frieden, so rüste den Krieg." Ebenso wahr und wahrer ist es, daß das stete Rüsten ebenso häufig den Krieg gebiert. Auf welchen Bahnen die Kulturvölker der Neuzeit wandeln und wan- deln müssen, ist männiglich bekannt und darüber kein Wort weiter nöthig. *) Uebername des Teufels. der Klopfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von Ss.&■ lang," bestätigte sich glücklicherweise nicht.— Die Todesstille, welche nach Beendigung des Gesanges eingetreten war, unter- brach Plötzlich ein dreimaliges, deutlichst wahruchmbares Klopfen an der Zimmerdecke, dem fteudige Bewegung fast aller der An- wesenden folgte. I „Gr ist da! Der Himmel sei gelobt, so bald kommt er beute." „Wissen Sie, wer da ist?" fragte ich Metzig unter dem Schutze der allgemeinen Erregung. „Na, der Klopfgeist,— wer denn sonst?— Nu passen Sie auf, Herr Doktor— jetzt erleben wir was." War es ein Geist, was sich durch Klopfen angemeldet hatte, so war ihm der Name Klopfgeist mit Fug und Recht geworden. Es war offenbar seine Leidenschaft— das Klopfen; denn er konnte garnicht genug bekommen davon. Bald klopfte es rechts oben an der Decke, bald links unten am Fußboden, bald an der einen, bald an der andern Wand, bald unter dem Tische, an dem das Medium saß, bald unter den Bänken, an allen Ecken und Enden— auch unter Aloys Metzig, der sofort mit dem Kopf unter die Bank fuhr, wahrscheinlich um die persönliche Bekannt- schaft des Klopfgeistes von Augesicht zu Angesicht zu machen,— leider ein vergebliches Bemühen, denn er sah unter der Bank nichts.„Nicht einen Floh," theiltc er mir flüsternd mit. Auch unter meinen Füßen klopfte es oder schien es zu klopfen. Allgemach mochte dem merkwürdig lebendigen Geist das Klopfen indeß so langweilig geworden sein, wie mir, denn plötzlich— mit einem donnerähnlichen Spektakel, der an allen vier Wänden des Zimmers herumzufahren schien, endete es. Es trat eine Pause von zwei Minuten ein, währendder Grabesstille über den Anwesenden lagerte. Auch Herr Aloys Metzig schwieg, und ich lugte umher, so gut es die immer tiefere Schatten werfende Dämmerung gestattete, und lauschte, ob ich nicht etwas Ver- dächtiges, etwas zur natürlichen Erklärung des Spukes Bei- tragendes gewahren möchte. Da, mit einem Schlage legte sich dunkelste Nacht über das Zimmer. Ich glaubte im ersten Augenblick, man habe geräuschlos in ihren Angeln gehende Fensterläden geschlossen, aber ich erkannte bald, daß ich mich geirrt. Während ich im Zimmer nicht die Hand vor den Augen zu erkennen vermochte, sah ich— zwar ganz schattenhaft, schwarz in tiefstes Dunkelgrau gemalt,— die Aeste der dicht vor dem Fenster stehenden Bäume und hörte die leise vom Winde bewegten Zweige, ebenso deutlich, als zuvor, an das Glas schlagen. Nachzudenken, wie solche urplötzliche Verwandlung mäßiger Dunkelheit in rabenschwärzeste Stacht wohl zugegangen sein könne, dazu hatte ich keine Zeit. Denn sofort begann der richtige Spiritistenspcktakel. Als wenn drei oder vier Leute mit Schmiede- hämmeru auf hohlem Faßboden herumtrommelten, so dröhnte es zunächst, dann begannen ein halbes Dutzend Klingeln, wahr- nehmlich von verschiedenster Größe, ein tolles Läuten, darauf mischten sich ein paar Baßgeigen, ein halbes Dutzend gellender Lärmtroiupeten und eine reguläre Pauke in das Höllenkonzert, das selbst in mir die Besorgniß rege machte, mein Trommelfell möchte soll ungeheuerlicher Anspannung nicht gewachsen sein. „Halten Sie das noch lange aus, Herr Doktor?" zischelte mir während eines etwas ruhigeren Moments Herr Aloys Metzig zu.„Ich werde verrückt,— Gott steh mir bei, das ist ja ein niederträchtiger Kerl, dieser sogenannte Klopfgeist." Herr Metzig hatte in seinem Entsetzen wohl etwas zu laut gezischelt. Die Gläubigen mußten ihn verstanden haben, denn alsobald erhob sich ein Murmeln der Entrüstung, das aber in dem nun, wenn möglich in noch verstärkter Heftigkeit,, ausbrechenden Skandal alsogleich unterging. „Jesus Maria!" hörte ich aus einmal meinen Nachbarn in den Tumult hineinrufen. Aber der Ruf kam nicht von seinem Platze neben mir, sondern vom Fußboden vor mir. Der Klopf- und Poltergeist hatte sich gerächt. Stöhnend erhob sich der Raseur. „Ich bitte Sie um alles in der Welt, Herr Doktor, setzen Sie Sich auf meinen Platz; ich Hab' Ihnen da von der Wand aus einen Stoß in den Rücken bekommen— einen Stoß, sag' ich Ihnen, wie er faktisch von'nem Menschen garnicht kommen kann,—'s ist rein unmöglich. O, du mein Gott, mein Gott, alle Knochen thun mir weh——" Ich wechselte in der That mit ihm den Platz. Aufgebracht, bis zum größten Aerger aufgebracht war ich über die Unverschämt- hcit und Roheit des Humbugs, der hier aufgeführt wurde. Der Gedanke, daß mich plötzlich auch ein Stoß in den Rücken mitten ins Zimmer hineinwerfen könne, war mir zwar abscheulich, aber jetzt grade entschloß ich mich, koste es, was es wolle, den frechen Schwindel zu entlarven. Um mich möglichst gegen ähnliche Stoß- Mißhandlung zu schützen, setzte ich mich so schräg, als es anging, auf die Bank und legte meine linke Hand fest an die Wand. 1 Woher aber hier überhaupt jemand einen Stoß in den Rücken bekommen könne, darüber ging mir vorläufig auch nicht die leiseste Ahnung auf. Hinter die Bank konnte keine Menschenseele— sie stand dicht an der Mauer, und diese war massiv,— das lehrte mich mein durch Riugsumherklopfen sorgfältig prüfender Finger. Als der Spektakel wieder leiser zu werden begann, klang Gesang hinein, ein Gesang, wie er zu der Höllenmusik, in welche er sich mischte, nimmermehr paßte. Es war eine Frauenstimme, eine so melodiöse, weiche, sympathische Stimme, wie ich sie nie gehört zu haben glaubte. Der Spektakel schwieg endlich ganz— der Gesang goß dafür lauter und voller als vorher seine wunder- sam beruhigenden Töne über uns aus. Wundersam beruhigend— ja! Wie mit einem Zauberschlage war all' mein Groll ver- schwunden; auch Herr Aloys Metzig stöhnte urplötzlich nicht mehr, sondern er athmete hörbar hoch auf und ein Laut des Entzückens: „Ach, das ist aber himmlisch," entschlüpfte seinen Lippen. Den Gesang, von dessen Sprache ich, der Sprachenkundige, nicht eine Silbe verstand, akkompagnirte ein Musikinstrument, über dessen Beschaffenheit ich auch nicht ins klare kommen konnte, bald klang es wie ein Mclodeon, bald wie eine Ziehharmonika— immer aber begleitete es die wehmüthigen Weisen der Sängerin in zart- sinniger, überraschend verständnißvoller und lobenswerth diskreter Weise. Jetzt kehrte auch ein rasch intensiver werdender Schimmer von Licht ins Zimmer zurück. Zuerst zeigte sich phosphoreszirende Helle auf dem geisterhaft bleichen Antlitze des Mediums. Das Medium saß starr— weit zurückgelehnt in seinem Lehn- stuhle in einer Haltung wie eine Todte, aber da, wahrhaftig— es bewegte die Lippen— das Medium, Athanasia Cannabäus selbst war es, die da so entzückend schön sang. Mälich ward es ganz hell im Zimmer. Das Licht strömte aus von einer Ampel, die an der Decke mitten im Zimmer hing. „Wissen Sie, wie die Lampe da an die Decke gekommen ist, Herr Doktor?" flüsterte wieder der Raseur. Keiner von uns wußte es. Aber völlig zuverlässig wußten wir alle beide, daß an der Stelle, Ivo die Ampel jetzt hing, vor Eintritt der Dunkelheit nichts gehangen hatte. Nicht einmal ein Haken, an dem solch' eine Lampe hätte aufgehängt werden können, war zu sehen gewesen. Der Klopfgeist hatte offenbar in den letzten zwanzig Minuten eine Thätigkeit entfaltet, wie sie in ihrem Umfange und ihrer Mannichfaltigkeit drei oder vier sehr eifrigen Menschenkindern alle Ehre gemacht haben würde. Der Gesang des Mediums war während dieser äußerst wenig Zeit in Anspruch nehmenden Betrachtungen wieder leiser und langsamer geworden, mit ihm waren die Töne des begleitenden Instruments in ein immer zarteres Adagio übergegangen, bis sie völlig verhauchten. Bon neuem trat eine Pause ein. Seltsam bewegt saß ich dem Medium gegenüber. Dieses schöne, zarte, beim Gesänge zauberisch bestrickende Geschöpf, das unter dem mattblauen Lichte der Ampelglocke einem in schwarze Tücher gehüllten Bildwerk aus Alabaster glich,— war das Werkzeug, vielleicht oder wahrscheinlich die bewußte Helfers- Helferin, frechen Betruges! Abscheulich und doch— so traurig. War sie mitschuldig, diese Athanasia, und wie konnte es anders sein?— dann war sie gewiß auch bemitleidenswerth! „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes seid mir gegrüßt, liebe Seelen!" klang es plötzlich dumpf und hohl— eine richtige Gespeusterstimme— durch das Zimmer. „Na, fromm ist der Klopfgeist wenigstens. Gott sei Dank." raunte Herr Metzig mir ins Ohr, der einigermaßen seine Eon- tcuance wiedergefunden hatte, seit es mit der Höllenmusik und der mitternächtigen Finsterniß zu Ende war. Die lieben Seelen beantworteten den Gruß nur durch Neigung der Häupter, wie man jetzt noch bei frommen Leuten in Kirchen sehen kann, wenn der Name des Heilands genaimt wird. „Ihr seid erschienen, gläubig den Offenbarungen unsrer höheren Welt zu lauschen," redete der Klopfgeist weiter zu seiner athem- losen Zuhörerschaft.„Aber--" der Klopfgeist hielt lange iune, als ob er sich besänne oder Umschau hielte—,„es sind auch arge Ungläubige und Spötter unter euch." Eine Bewegung ging durch die Versammlung. „Au weh, er stichelt aus uns, Herr Doktor," zischelte der Raseur, und er hatte jedenfalls recht, denn die Blicke der Mit- anwesenden hafteten allesammt auf uns beiden, die einen neu- gierig, die andern entrüstet oder gar feindselig und drohend. „Die Wahrheit aber siegt über Unglauben und Spott," ließ sich die Gespeiisterstimme wieder vernehmen,„also werden auch diejenigen unter euch, welche heute für Lug und Trug halten, was sie schauen und hören, über ein kleines gläubiger sein, denn jeglicher von euch, und hingehen in alle Lande und predigen vom neuen Reiche, das sich dem Menschengeiste erschlossen hat." „Nanu wird's aber gut, Herr Doktor. Wir zwei beide Spiritistenprediger! Sie der Magnetiseur und ich wahrscheinlich Ihr Medium;— au Donnerwetter, das kann schön werden—" Herr Metzig hatte zwar sehr leise gebrummt, aber der Klopf- geist mußte doch für nöthig halten, sich wieder etwas in Respekt zu setzen. Denn die letzten Worte meines Nachbars schnitt ein furchtbarer Donnerschlag ab, der die Frauen, mit Ausnahme des unbeweglich verharrenden Mediums, laut aufschreien und empor- fahren machte. Gleichzeitig verdunkelte sich auf eine mir auch völlig unerklärliche Wehe das Licht der Ampel für einen Augen- blick und in demselben Moment flog etwas, wie es schien, schnür- grad von der Decke herunter, dicht an der Nase des ungläubigen Metzig vorbei auf den Fußboden. Seine Wirkung verfehlte dieser Scherz des Klopfgeistes nicht. Die andern schauten sehr beftiedigt drein, Herr Aloys Metzig dafür umso verdutzter und ärgerlicher. Etwas zu sagen oder sich zu rühren, wagte er indeß vorläufig nicht. Vielmehr suchte er sich dadurch in die Gunst des Klopfgeistes zu setzen, daß er sich zwang, möglichst unschuldig und harmlos dreinzuschauen. „Du, liebe Seele," wandte sich jetzt die Geisterflimme direkt an einen der Anivesenden, der mir sogleich als der alte Herr, welcher vorhin das Gespräch mit der alten Jungfer geführt hatte, erkenntlich war,„hegtest den Wunsch, den seligen Geist deiner dahingeschiedenen Gattin wiederzusehen, nicht wahr, liebe Seele?" „Es war mein innigster Wunsch," erwiderte der alte Mann mit leiser, zitternder Stimme. „Du wirst sie schauen, wie auch du, liebe Seele, das Thierchen, welches deinem zarten Gemüthe theuer war." Die ältliche Jungfer stieß einen Seufzer des Entzückens aus. „Heute noch?" brachte sie ganz leise und schüchtern hervor. „Wenn uns die Ungläubigen und Spötter die seligen Geister, die da an den Verkehr mit euch in der Erdenwelt Zurückgebliebenen nicht gewöhnt sind, nicht verscheuchen, dann— sicherlich, liebe Seele." Aha, dachte ich. Der Raseur aber konnte eine schnöde Bemer- kung länger nicht zurückhalten, und da ein allgemeines Räuspern des Unwillens durch die versammelten Gläubigen ging, so glaubte er es ungestraft thun zu können. „Daß die beide» Seligen, die alte Schachtel und der Mops im Jenseits so schüchtern geworden sind, find' ich merkwürdig," sagte er. Aber er verstummte sofort, als sich das Räuspern legte, und schnitt zur Beruhigung des Klopfgeistes ein wirklich an- erkennenswerth dummes Gesicht. Milchwein oder Kumys. Während es vielen Leuten schon als Anmaßlichkeit angerechnet wird, wenn sie Neigung zeigen, gleich anderen„gut zu essen", nämlich derartig zubereitete Speisen, daß auch der Geschmackssinn angenehme Befriedigung bei der Magenfüllung findet, sowie wenn sie eine gewisse Abwechslung der Gerichte begehren, die sich doch auch nachweislich als dem Körper zuträglich erweist, wird nun gar das„Trinken", worunter ganz allgemein der Genuß gegohrner oder alkoholischer Getränke ver- standen werden soll, ganzen Bevölkerungstheilen als ein aus Unver- standj und Uebermuth oder gar aus Bosheit begangenes Vergehen an- gerechnet. Schon der Umstand, daß die Bereitung und der Genuß derartiger Getränke so allgemein verbreitet ist bei civilisirteu und roheren Völkern aller Erdtheile, sollte wohl zu bedenken geben, ob nicht eine Physische Nöthigung dieser angeblichen„Berirrung" der menschlichen Natur zugrunde liegen könne? Trotzdem hören wir, sobald unter gewissen Umständen und Zeitverhältnissen auf Straße und Markt die Beweise für den, ja unbedingt verwerflichen, übermüßigen Verbrauch von Alkohol zutage treten, von feiten jener Eiferer, unter Appell an den allgemeinen Widerwillen und Ekel vor der Trunksucht, eine Verschärfung nicht nur der bereits üblichen Maßregeln und Strafen gegen die Unmäßigen verlangen, sondern sogar die Anwendung des Prügels und allerhand Ausschank- und Konsumverbote. Daß sie da- mit nur im großen ganzen ein Scheingefecht gegen Symptome führen, wobei die eigentlichen Quellen der Neigung zum Trinken unverstopft bleiben, merken diese Leute nicht— oder könnte man vielleicht mit mehr Recht sagen: sie wollen das nicht merken! Denn von„gebildeten Leuten" kann man doch die Kenntniß der klassischen Schriften unserer Zeit verlangen! Und zu diesen gehört an bervorragendster Stelle, nach Urtheil unseres Kultur- und Literarhisto- „Du bist heut zum erstcnmale hier erschienen, mein Freund," redete die Gespeiisterstimme weiter. Allgemeine Sensation ging durch die Versammlung. „,Mein Freund/ sagt er, mein Freund, nicht stiebe Seeleh" murmelten sie.„Welchen von beiden mag er meinen?" Der Raseur schaute mich an, ich ihn— wir wußten es auch nicht. Der erstere sperrte schon den Mund auf zu einer Ant- wort, aber er traute sich doch nicht recht. „Du bist so jung noch, mein Freund," fuhr die Stimme fort. „So jung nild doch schon ein Meister der Wissenschaft, der menschlichen Wissenschaft——" „So furchtbar jung bin ich nn allerdings nicht," brummte Herr Metzig, der im übrigen gern bereit gewesen wäre, die schöne Schmeichelei einzustecken. „Dein Vater aber lvnßte und konnte noch mehr als du, mein Freund, von euren Wissenschaften, und er glaubte bis au seinen Hingang aus eurer Welt nicht an ein Jenseits und ein Wieder- sehen nach dem Tode,— weißt du das, mein Freund?" „So that er gleich mir," antwortete ich der direkten Frage laut und fest. Wieder ging eine Bewegung— eine Bewegung des Ent- setzens durch die Reihe der Anwesenden. „Er verscheucht uns die Seligen, was will er hier, hinaus mit ihm!" umzischelte und umraunte es mich. Die Gespensterstimme aber fuhr unbeirrt fort: „Du thust recht, mein Freund, daß du sprichst, wie ich es in deiner Seele geschrieben sehe. Weißt du aber auch, daß dein verklärter Vater an inciner Seite weilt, er, der da jetzo weiß, was er dereinsten nicht geglaubt— weißt du,"— die Stimme erklang jetzt lauter und tiefer als vorher, und wie Prophetenton schallte es über die Versammlung—„daß dein Vater dich wieder- sehen will, daß du ihn schauen wirst, gleich als ob er noch unter euch Menschen wandelte? Daß er dir sagen läßt durch mich, er j wolle noch einmal mit dir thun, wie in der Mitternachtstunde des 30. Dezembers auno äomini 1853 er gethan hat?" „Wenn der, welcher da spricht," erwiderte ich laut und fest, wie zuvor,„meine Gedanken wirklich kennt, so muß er auch wissen, daß ich gekommen bin, ernst und mit allen Mitteln der Wissenschaft zu prüfen, was sich hier begibt, wenn es mir nicht verwehrt wird, und nicht blindlings für wahr zu nehmen, was hier gesprochen wird--" „Du thust unsrer heiligen Sache einen großen Dienst, mein Freund," schallte es zurück.„Du— bist kein Spötter. Du sollst die Finger legen— wie der ungläubige Thomas sie legen durfte in die lltägelmale des Herr»,— in die Hände deines Vaters und seinen Mund fühlen aus deinem. Nun— über ein kleines wirst du der besten einer sein von den unseren. Segen über dich."—(Fortsetzung folgt.) rikers Scherr, das„Chemische Briefe" betitelte Werk des hinlänglich berühmten Verfassers. Nun lesen wir aber im 32. Briefe über das Trinken Folgendes: „Man hat die Verarmung und das Elend in vielen Gegenden dem überhand nehmenden Genuß von Branntwein zugeschrieben; dies ist ein Jrrthum. „Der Branntweingenuß ist nicht die Ursache, sondern eine Folge von der Nolh. Es ist eine Ausnahme von der Regel, wenn ein gut genährter Mann zum Branntweintrinker wird. Wenn hingegen der Arbeiter durch seine Arbeit weniger verdient, als er zur Erwerbung der ihm nothwendigcn Speise bedarf, durch welche seine Arbeitskrast völlig wieder hergestellt wird, so zwingt ihn eine starre, unerbittliche Naturnothwendigkeit seine Zuflucht zum Branntwein zu nehmen; er soll arbeiten, aber es fehlt ihm wegen der unzureichenden Nahrung täglich ein gewljses Quantum von seiner Arbeitskraft. Der BranM- wein, durch feine Wirkung aus die Nerven, gestattet ihm die sehlende Kraft auf Kosten seines Körpers zu ergänzen, diejenige Menge heute zu verwenden, welche naturgemäß erst den Tag darauf zur Ver- Wendung hätte kommen dürfen; er ist ein Wechsel, ausgestellt aus die Gesundheit, welcher immer prolongirt werden muß, weil er aus Mangel an Mitteln nicht eingelöst werden kann; der Arbeiter verzehrt das Kapital anstatt der Zinsen, daher denn der unvermeidliche Bankerott seines Körpers." Hier zeigt sich allerdings eine Aussassung aus erweitertem Gesichts- Punkt, der weder dem beschränkten gesellschaltlichen Vorurtheil, noch dem Bedürfniß, über die allgemeine menschliche Verderbtheit zu zetern, entspricht.— Und so wird man es hoffentlich auch uns nicht als bos- hafte Absicht auslegen, wenn wir hier eines in unfern Gegenden sich neuerdings mehr einführenden alkoholischen Getränks und seiner Be- reitungsweise Erwähnung thun. Es ist dieses der aus Milch bereitete moussirende Wein oder Kumys. Dieses Getränk wird bekanntlich schon längst bei den Tataren und verschiedenen nordasiatischen, nomadisiren- den Völkerschaften, denen stärkemehl- oder zuckerhaltige Früchte zur Branntweinbcreitung nur in geringein Maße zur Verfügung stehen, aus Stutenmilch bereitet. Bei uns führt es sich, wie im Mittelalter der Alkohol, zunächst als Heilmittel ein. In Anstalten zur Heilung Lungenkranker wird Kumys verabreicht und neuerdings wird derselbe sabritmäßig bereitet und mit Gebrauchsanweisung für 1.50 Mark pro Flako» in den Zeitungen ausgcbvten. Aus letzterer Veranlassung, und da die Bereitung des Getränks so einsach ist, daß sie in jedem Haushalt ausgeführt werden kann, geben wir hier eine genaue Vorschrift dafür nach F. Wilkens. Gute, frische Kuhmilch, unabgekocht und ohne Wasserzusatz, wird in gereinigte, starke Flaschen(am besten Champagnerflaschen) gefüllt, nachdem ihr pro Liter 3 Neuloth feingestoßener Zucker zugesetzt wurde und derselbe sich gelöst hatte. Von Preßhefe, die aber frisch, nicht sauer sein muß, und die durch Ueberstreuen mit weichem Zucker aus- geweicht wurde, setzt man dann jeder Flasche ein Stückchen an Größe wie zwei Erbsen hinzu. Man verkorkt nun die Flaschen aufs beste mit den schon vorher eingepaßten, sehr gut schließenden Korken, zwischen welchen und der Oberfläche der Milch eine reichlich zollhohe Luftschicht frei sein muß; der Kork wird mit starkem Bindfaden durch doppelten Ehampagnerkiioten festgebunden. Hat man nur Bierhefe zur Verfügung. so wird davon jeder Flasche ein Theelöffel voll zugesetzt. Der Inhalt der Flaschen wird öfters tüchtig umgcjchüttelt. Während der ersten zwei Tage läßt man sie am besten im Zimmer stehen, im Winter in einem geheizten; dann werden sie noch drei Tage in de» Keller gestellt, ansänglich auch noch umgeschllttclt. Nach fünf Tagen ist der Milch- wein trinkbar und bleibt es bis etwa zum zwanzigsten Tage, wonach dann leicht unerwünschte Zersetzungen eintreten. Will man also den Kumys ziir Kur immer gut und frisch haben, so bereitet man ansäng- lich sechs Flaschen und setzt für jede täglich ausgetrunkene je eine frische nach Vorschrist an, um die Zahl immer komplet zu haben. Dieser Kumys moussirt ziemlich stark, worauf beim Eingießen in ein Glas zu achien ist, hat einen geistigen, säuerlich-süßen Geschmack, einen nicht grade unangenehmen Geruch, das Kumysbouquct, und steigt beim Trinken in die Nase, wie Schaumwein. Derjenige Stoff, welcher die Milch zu einer gährungssähigen Flüssig- keit macht, ist der Milchzucker, eine in seiner elementaren Zusammen- setzung mit den andern Zuckerarten übereinkommende, bis jetzt aus- schließlich im Thierreich vorgefundene Zuckerart, welche den Molken den schwachsüßlichen Geschmack verleiht. Nach Hesezusatz erleidet der Milchzucker Umwandlung in Laktose, welche in wenig geistiger Gährung Alkohol und Kohlensäure liefert; durch faulende Stoffe aber, nament- lich durch sich zersetzendes Kasein erfährt der Milchzucker die Milch- und Buttersäuregährung. Aus letzter»! Grunde müssen bei fortgesetzter Benutzung geleerter Kumysflaschen diese vom Rückstand mit peinlicher Sorgjalt gereinigt werden. Da, wie erwähnt, in jüngerer Zeit in den Zeitungen im Reklame- stil„Liebigs Kumys" als Heilmittel gegen eine ganze Reihe chronischer, besonders auch Hals- und Lungenleiden empfohlen und in Quantitäten von sechs Flakon angeboten wird, so ist nach allen Erfahrungen sehr wahrscheinlich, daß viele Hülfsbedürftige auch nach diesem Mittel mit Eiser langen und den Preis unbesehen darauf geben werden. Eine Berechnung nach obigem Rezept zeigt nun aber, daß selbst bei höchsten Milchpreisen einer Großstadt sich jeder das Getränk für höchstens 50 Pfg. pro richtigen liirer(nicht Flakon!), in kleinen Städten und aus dem Lande aber ganz leicht für 20 Pfg. herstellen kann. Der Name„Liebig" trägt natürlich zur Heilwirkung nichts bei, hat auch mit dem des berühmten Chemikers nichts zu thun, der dies Getränk weder erfunden noch empfohlen hat; die ganz entbehrliche, oder höch- stens einmal nöthigc Gebrauchsanweisung aber wäre doch mit 10 bis 13 Groschen für jedes Flakon entschieden zu hoch bezahlt! R. L. Karl Lebrecht Jmmermann.(Porträt Seite 44.) Unser Bild stellt den hervorragendsten Epigonen der Romantik, Karl Lcbrecht Immermann(1790—1840), dar, der auch als Mensch in unserer Achtung eine hervorragende stelle einnimmt, weil er in den Zeiten der sranzö- fischen Unterjochung und der„Freiheitskriege" weder der Macht noch der Menge schmeicheln mochte. Tie seltsame Disharmonie der Seele, welche ihn an der vollen Entwicklung seines großen Talents gehindert, verdankt er seinem väterlichen Erzieher, einem'. isten, ja selbst harten Mann. Von diesem Standpunkte müssen wir ach sein„Reijcjournal" und seine„Memorabilieu" betrachten, worin er seine gallige Verstimmung an der Zeit und den Zeitgenossen ausgelassen hat/ Daß Jmmermann trotz seiner Produktivität über den romantischen Zaubcrkreis nie hinaus- kam, hat die damalige politische Atmosphäre verschuldet, in deren dun- stigcr Schwüle sich nur Schriftsteller wie Kotzebue und Raupach wohl- fühlen konnten. Seine dramatischen Erstlinge, die Tragödien„Ronccval", „Edwin",„Cardenio und Cclinde", sowie � die Komödien„Das Auge der Liebe" und„Prinz von Syrakus" sind Nachahmungen Shakespeares, Gryphius', Apels und anderer. Erst im„Trauerspiel in Tyrol" steht Jmmermann auf eigenen Füßen. Leider ist der Stoff verfehlt. So hochherzig der Aufstand der Tyroler war, so großen Muth sie in den schwierigsten Lagen entwickelten, so fehlte ihnen doch das Bewußtsein eines freien, selbständigen Volkes, welches für seine Freiheit Gut und Blut aufzuopfern bereit ist. Die Kämpfer waren Fanatiker und ihre Führer, der tüchtige Hofer nicht ausgenommen, von der wiener Cama- rilla geleitete Marionetten. Das historische Drama„Kaiser Friedrich", die Trilogie„Alexis" und die für das Theater bearbeitete Mythe „Merlin" bezeichnen den Höhepunkt seiner Schöpfungskrast. Trotz des romantischen Nebels, in welchem die Umrisse des Reinmenschlichcn un- deutlich verschwimmen, zählt Johannes Scherr das Vorspiel zu„Merlin" zu dem Großartigsten, was je gedacht und gedichtet worden, während Heinrich Kurz in seiner„Geschichte der deutschen Literatur" Jmmer- manns Erzählerzabe über seine dramatische Gestaltungskraft stellt. „Münchhausen" ist eine„Geschichte in Arabesken", in tvelcher er die Falschheit und Heuchelei der modernen Bildung bei den höheren Klassen im Gegensatz zu dem kräftigen, treuen Wesen des noch an der alten Biederkeit hängenden Bauernstandes darstellt. Der Dichter, welcher das westphälische Volksleben aus eigner Anschauung gekannt und ohne romantische Brille beobachtet hat, persiflirt in der Titelfigur des Ro- maus„Münchhausen" das verkommene Junkerthum, das sich durch „Gcschäftcmachen" aus der Versunkenheit retten will. Im Hosschulzen und seiner Umgebung ist das kräftige, an Zukunft reiche Volksleben geschildert. Leider ist sein zweiter Roman„Die Epigonen" nur eine schwache Nachbildung von Goethe's„Wilhelm Meister", worin nur die geistreichen, aber den Aufbau des Romans verunstaltenden Bemerkungen über den Kampf der alten und neuen Zeit während der Jahre vor der pariser Julirevolution unbedingtes Lob verdienen. Jmmermanns So- nette, Elegien, Balladen und Temen(gegen Plate» gerichtet) beurkunden gleich seinen Dramen und Romanen poetisches Talent, lassen aber zu weilen das Streben durchblicken, dem an sich Unbedeutenden durch einen gewissen, dem Olympier Goethe abgelauschten Ton Bedeutung zu geben. Der Inhalt des Heldengedichtes„Tulifäntchcn", worin der Satyrikcr Jmmermann seinen Gegenfüßler und Todfeind, den Dichter Platen, als Däumling hinstellt, entzieht sich der öffentlichen Beurtheilung, weil es nur persönliche Beziehungen behandelt. Der Romanzenkranz„Tristan und Isolde", nach Gottsried von Straßburg, ist leider unvollendet ge- blieben. Das Gedicht ist voll lebenswarmcr Phantasie und zeichnet sich insbesondere durch die herrlichsten Schilderungen aus, in denen Immer mann eine seltene Fülle von Beobachtungen und unübertreffliche An- schaulichkeit entfaltet. Wir wollen nicht in der Art verzopfter Kriktiker mit ihm darüber rechten, ob die epische Bewegung des Originals durch seine Zuthaten beschleunigt oder verlangsamt ivurde, können aber kon- statiren, daß Gottfried von Straßburg mit der Neubelebung durch Jmmermann zufrieden sein kann. Wenn wir Jmmermanns schvn ein- gangs erwähnten polemischen Tagebücher„Reisejournal" und„Memo- rabilien" anführen, so haben ivir seine literarische Thätigkeit erschöpft und bleibt uns nach diesen Proben seines Bildungsganges nur noch die Schilderung seines Lebenslaufes übrig. Wie bei andern die Heiter« keit des Lebens, so lockte bei ihm das Herbe desselben sein angeborenes Dichtertalent schon im 12. Jahre und zwar in der Gestalt eines Ge- burtstagsgedichtes hervor, im 16. Jahre schrieb er ein Drama„Pro- metheus" nnd eine poetische Verherrlichung auf den Tod des unglück- lichen Heinrich von Kleist. Nach Absolvirung des Gymnasiums seiner Vaterstadt Magdeburg bezog er die Universität Halle, um nach seines Vaters Willen die Rechte zu studiren, und zog zwei Jahre später in den Krieg. Nach dem Frieden kehrte er zu seinen Büchern nach Halle zurück. Hier gerieth er in einen Konflikt mit den Trägern der damals herrschenden Deutschthümelei, als dessen Folge die Verbrennung seiner Schrift„Ueber die Streitigkeiten der Studierenden in Halle" bei dem Wartburgssest anzusehen ist. Nach vollendeten Studien zog er in die Tretmühle der Beamtenkarrivrc. Nachdem es der Jünger der gestrengen Frau Themis bis zum Landgcrichtsrath gebracht hatte, wurde er ihr plötzlich untreu und schwur zu Thalia's Fahne, d. h. in Prosa aus- gedrückt, er wurde Theaterdirektor und bekundete als solcher ein Erziehungstalent wie unser Zeitgenosse Dr. Heinrich Laube. Ucber- haupt bietet die Leistungsfähigkeit dieser beiden herben, aber kernigen Männer manche Berührungspunkte. Jmmermanns tüchtige Leitung erhob Düsseldorfs Bühne trotz der geringen Mittel, die ihm zu Gebote standen, zu einer Musteranstalt. Nach einer zweijährigen, dornenvollen Theater- laufbahn kehrte er zu Frau Themis zurück, um zwei Jahre später auch den Staatsdienst zu verlassen, und ganz der Poesie zu leben, leider nicht lange genug, um sein letztes und bestes Werk„Tristan und Isolde" durch Ueberarbeitung zu dem befriedigendsten Produkte der episch-romantischen Dichtung zu gestalten. Gerade in der letzten Periode seines Lebens regte sich der Geist des streitlustigen Sängers frei und gesund. In vollster Thätigkeit raffte ihn am 25. August 1840 ein plötzlicher Schlag- fluß hinweg. Nur der Tod hat die Reife seines Talentes gehindert. Wäre ihm ein längeres Leben gegönnt gewesen, so hätte er unzweifel- Haft nicht nur im Epos, sondern auch im Drama jene Eigenthümlich- keit bekundet, die wir bei seinen Nachbildungen von Shakespeare, Goethe und Caldcron vermissen, wir meinen die Selbständigkeit des künstleri- schen Schaffens, ein charakteristisches Gepräge, das nur ein Original aufweisen kann.___ Dr. M. T. Exorzismus.(Jllustr. Seite 45.) Das Christenthum hat die Vielgötterei nicht abzuschaffen vermocht. Wenn man die Poltergeister oder vierdimensionalcu Wesen, wie man sie getaust, um den Dingern einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben, und jeden Teufclsspuk in Betracht zieht, so könnte es fast scheine», als seien die Götter oder Gespenster, an die der eine glaubt, die der andere verehrt oder fürchtet, zahlreicher 52 als jemals. Die Phantasie hat den Menschen doch nie im Stich ge- lassen und sie hat namentlich da, wo sie nicht durch die Vernunft ge- reinigt in ihrer ursprünglichen Naivetät nach Belieben schaltete, sich wunderbar schöpferisch erwiesen, wenn auch ihre Leistungen in quali- tativer Hinsicht vor den Augen des wirklichen Kulturmenschen wenig Gnade gefunden.„Wie der Mensch, so sein Gott, drum ward Gott so oft zu„Spott". Mit diesem schönen Spruch hat Goethe das Wesen des landesüblichen Götterglaubens trefflich gekennzeichnet. Und wenn das Christenthum das„Wir glauben all einen Gott" vorschreibt, so dürfen wir nicht vergessen, daß das„Wir" von taufenden und millio- neu ausgesprochen wird, von denen jeder einzelne seinen eigenen, seinem Vorstellungsvermögen entsprechenden Begriff von dem Wesen hat, wel- ches ihn von dem Uebel erlösen und ihn zu dem so sehnlich ersehnten Reich des Friedens verhelfen soll. Da jedoch dieses Wesen von den Teufeleien, die im Menschen stecken, befreit sein muß, wenn ihm nicht anders seine erhabene Mission mißlingen soll, so ist erklärlich, wenn zugleich mit dem Repräsentanten der absoluten Vollkommenheit dessen Extrem, die„Spottgeburt von Dreck und Feuer", entsteht, als war- nendcs Exempel und strafende Macht für die gestrauchelten Menschen- linder. Daß der Beelzebub mit seinen Trabanten bisher„in dieser Welt" viel bessere Geschäfte machte, als alle guten Geister, wag wohl seinen Grund darin haben, daß seine Herrschaft die angenehmere war. Ehrliche Mühe hat mau sich gegeben, um sie ihm streitig zu machen, oft ist es auch gelungen, aber noch öfter sind die eifrigen Streiter selbst erlegen und in der Praxis seine gewiegtesten Anhänger geworden. Bibelsprüche und Psalmen sind in den wenigsten Fällen die geeigneten Mittel, um den Teufel zu erschrecken, und wenn er sich auch hie und da den Anschein der Furcht gibt, so thut er es doch nur, um sich zu verstecken oder selbst psalmirend unter der Maske scheinheiliger Fröm- migkeit sein Wesen um so toller zu treiben. Unser Bild zeigt uns eine Teufelbeschwörungs- und Austreibungsszene, die man technisch Ex- orzismus nennt. Wahrlich, die vom Satanas Besessene, ein Mädchen im blühendsten Alter, macht ganz den Eindruck, als hätte sie den Teufel im Leibe. Ihre, zu ihren Häupten stehende, das Weihrauchgesäß haltende üppige Schwester scheint das zu wissen und uns will bedünken, als Hütte der Künstler durch die graziöse Stellung und den Gesichts- ausdruck auch dach Warum angedeutet. Ob der Böse durch den Weihrauchduft sich verlocken, durch die frommen Sprüche des eifrigen Paters erschrecken lassen wird, um seine schöne Wohnung zu verlassen, wer weiß es?--- Der sichtlich fromme Eifer der dabei Thätigen sowie die Verblüfftheit der an der Eingangsthür stehenden bornirten Domestiken thut zwar sein mögliches, aber ob dieser Umstand nicht schuld sein dürfte, wenn alle Bemühungen erfolglos sein sollten?— Der Exorzismus war schon früh bei Orientvölkern und Juden, siehe das Neue Testament, im Brauch und wurde auch mit in das Christen- thum mit den Teufeln herübergenommen. Bei der Taufe der Neu- bekehrten wurde er angewandt, weil man den, bei den Heiden üblichen Götzendienst als Teufelswerk ansah und man durch die Beschwörung den Täufling von allem Heidnischen zu entlasten zu können glaubte. Jeder heidnische Teufling wurde demnach als ein vom Teufel besessener betrachtet. Im 4. Jahrhundert wird der Exorzismus auch bei der Kindertaufe eingeführt, und zwar so, daß zuerst der taufende Priester oder der ihm beigegebene Exorzist den unsaubern Geist aushauchte, um nach diesem dem Täufling den heiligen Geist symbolisch einzu- hauchen. Mit der kirchlichen Sanktion der Erbsünde im 5. Jahrhundert erst wird der Exorzismus allgemein eingeführt. Man gebrauchte die Formel:„Fahre aus du unreiner Geist und gib Raum dem hei- ligen Geist", oder auch:„Ich beschwöre dich bei dem Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, daß du ausfahrest und weichest von diesem Diener Jesu Christi!" Die Nestorianer, eine christliche Sekte, welche sich in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts begründete und namentlich seit 489 in Persien und Indien als die chaldäischen oder Thomaschristen bekannt und verbreitet, hatten die Teuselsbeschwö- rungen nicht aufgenommen, ebensowenig die schweizerischen Resorma- toren, Zwingli und Calvin, dagegen aber die Lutheraner. Luther selbst soll sie zwar nicht für unbedingt nöthig gehalten haben, aber sein Glaube an den Teufel und Dämonen dürfte doch wesentlich dazu beigetragen haben, daß seine Anhänger diesen Gebrauch beibehalten haben. Als ihn im Jahre 1558 die preußische Kirchenordnung weg- läßt, protestiren sogar die Landstände gegen diesen vernünftigen Schritt der Kirchenbehörden. Das 18. Jahrhundert mit seinen gewaltigen Kämpfen gegen den blinden Glauben und der Unwissenheit beseitigt ihn endlich ganz aus dem Ritual der protestantischen Konfession, aber 1822 brachte ihn die berliner„Hof- und Domagende" wieder in Vor- schlag, nachdem die Taufhandlung mit den Worten:„Der Geist des Unreinen gebe Raum dem heiligen Geiste" nebst den Zeichen des Kreuzes an Stirn und Brust des zu Taufenden und der sich an diesem richten-. den Frage:„Entsagst du dem Bösen und seinem Wesen?" begleitet werden soll. Auch in Hannover machte man ähnliche Versuche. Als aber sich die Tanszeugen weigerten, auf die Fragen zu antworten, wird den Geistlichen die Weglassung der Cercmonie gestattet, ihnen aber an- empfohlen in der Taufrede derselben„in angemessener Weise" Aus- druck zu geben. Im 1. Jahrhundert wurde bei den Christen der Ex- orzismus von deu Bischöfen oder Presbytern(Kirchenälteste) ausgeübt, später nahm man dazu Glieder der Niedern Geistlichkeit, die eigens dazu vom Bischof geweiht, und mit einem Buch, welches die Beschwö- rungsformeln enthielt, versehen wurden. Fasten und Beten seitens des Beschwörers und der Besessenen galten als Vorbereitungen. Bei dem Akt selbst kniet der letztere bedeckten Hauptes mit dem Kruzifix in der Hand in der Kircheuthür, der Exorzist spricht seine Beschwörungsfor- mein, Gebete und Psalmen, schlägt die Zeichen des Kreuzes, legt die rechte Hand aus das Haupt des Besessenen und beschwört den bösen Geist im Namen Jesu auszufahren. So war's allgemein Brauch. Unsere Illustration zeigt zwar eine Ausnahme, doch aus die wird es ebensowenig ankommen wie auf die, nach welcher sich in früher Zeit bereits Privatpersonen die Fähigkeit des Teuselaustreibens zutrauten und das wenig dankbare Geschäft übten. Denn wenig dankbar mag es sein, eingewurzelte Bosheiten, Schlechtigkeiten mit leerem Ceremo- nienkram auszutreiben. Denn„'s ist ein Gesetz der Teufel und Ge- spenster: Wo sie hereingeschlllpft, da müssen sie hinaus."„Hinein- geschlüpft" sind sie aber mit der mangelnden oder falschen Erziehung, die finstre Unwissenheit ist ihr Element. Darum mehr Licht in die Köpfe, dann werden auch die Dämonen bald die Lust verlieren, den Exorzisten noch Arbeit zu machen. Ausklärung heißt die einzig wirk- same Zauberformel, und Hebung des Menschen in geistiger Beziehung ist der einzig wahre von Erfolg gegen die Spukgeister begleitete Ex- orzismus! ort. cJKissenschastlicher QiUllsgeber. Halle. L. H. Für Formerei und Eiicngiebcrei ist zu empfehlen:„Wisseuschaftlich- tclhuischcs Handbuch de« gksammten Eiscugiesiereibetriebe«. Bon E. F. Dürre, veipzig, Arthur Felix", da« in Beherrschung de« Stoffs und guter Darstellung Formerei, Giesicrci, Bearbeitung des Gusse«, Gmailliren>c. behandelt. Eine umfassendere Senntnift der gesummten Ersenhüttenlunde ist zu erlangen aus:„Bruno Kerl, Grundriß der Eisenhütten- künde. Leipzig, Arthur Felix", oder dem noch ausführlicheren(und theurerern)„Hand- buch der Eisenhüttenkunde von Percp, bearbeitet von H. Wedeling." Ferner enthält „A. Ledebur, Berg- und hüttenmännische Zeiwng" vieles in diesem Fach Wichtige(z. B. über„dichten Guß", Jahrg. 1874). Stadtilm. G. F. hat seine Wette verloren. Gute Wärmeleiter sind nur die Metalle, und zwar die edlen die besten, z. B. Gold sünsmal besser als Blei. Tagegen sind Erde, Lust, Wolle, Glas, Haare, Asche, Kohle, Holz, Schnee, Stroh tc. schlechteste Wärmeleiter. Sollte G. F. vielleicht die Diathermanttät oder Fähigkeit, strahlende Wänne lohne eigene Erwärmung) durchzulasien, im Sinne gehabt haben? Glas ist mittelmäßig diathermant: diese Eigenschaft hängt mit seiner Durchsichtigkeit nicht zu- summen, auch fast undurchsichtig schwarzes Glas ist ebenso diatherman. Burgstädt, Engclmann— will wissen, wozu Nußbaumsast gut ist. Es ist uns nicht bekannt, daß man zu technischer Berwendung den Nußbäumen Sast abzapfe. Jedoch wird'Nußschalenextrakt bereitet, der außer zum Haarsärden technische Verwerthung findet zur Imitation von Nußbaumholz. Da« kann nach solgendem Rezept geschehen. Aus das gehörig trockne und erwärmte zu beizende Holz wird eine unter Erwärmung bis zum Koche» und Umrühren bereitete Beize aus 1 Psd. Nußschalen extrakt und 6 Psd. Wasser ein- bis zweimal ausgetragen. Nachdem da« Holz halblrocken geworden, wird e« noch mit Auslösung von 1 Psd. rothem chromsauren Kali in 5 Psd. kochend heißem Wasser überstrichen. Nach völligem Trocknen kann es wie gewöhnlich geschliffen und poiirt werden, denn die Farbe ist 1—2 Linien tief eingedrungen. Besonder« aus Rothbuchcn- und Erlenholz läßt sich amerikanisches Nußbaumholz aus diese Weise täuschend imitiren. Lindenau-Plagwitz. K.M. E. M. und K. H.») Zu zahlreicheren Experimenten brauchbare Elektrisirmasldinen lasten sich zwar größer und kleiner konstruiren, aber die Konstruktion derselben läßt sich nicht vercinsache», da alle Thcile nöthig sind, noch ist sie überhaupt einfach genug, um jemanden ohne genaue Abbildungen Anleitung zur Her- stcllnng geben zu können. Theile von Holz, Glas, Metall, Seidenstoff kommen in Be- tracht und müstcn sehr exakt gearbeitet und zusammengestellt werden. Zu einigen ein- fachen Versuchen kann der Elektrophor dienen. Er besteht aus einem dünnen Harzkuchen der in einen Teller von Eisenblech oder einen solchen von Holz mit Stanniol überzogen' gegosien ist, und aus einem metallnen Deckel von etwa« kleinerem Turchmcster Der Deckel hängt an seidnen Schnuren zum Ausheben destelben, ohne ihn mit der Hand direkt zu berühren. Wenn man den Kuchen mit einem Fuchsschwanz peitscht, wird er negativ elektrisch. Setzt man dann den Deckel daraus und berührt denselben so gibt er nach dem Ausheben einen positiv elektrischen Funken. Die Masse zu dem Kuchen besteht au« 8— 10 Theilen Schellack und 1 Thcil vcnctianischem Terpentin, oder now bester aus 5 Th. Schellack, 5 Th. Mastix, 2 Th. venetianischem Terpentin und 1 Th Marineleim— b) Eine Boltaische Säule wird in folgender Weise hergestellt: Man löthct Platten von Zink und Kupier von 1—4 Zoll Durchmester aneinander. Dieselben werden dann zwischen zwei Glassäulen, die in der Weite ihres Durchmesiers von einander abstehen so auseinander geschichtet, daß zwischen je zwei solcher Plattenpaare eine Filz- oder Tnchscheibe von etwas kleiiicrem Durchmester zu liegen kommt, die in einer Auslösung von Kochsalz in Essig oder von Salmiak in Master eingeweicht worden ist. Die gleich- namige» Aletalle, z. B. sämmtliche Ziiikscheiben, müsten nach unten oder oben liegen. An die erste Zink- und letzte Kupserplatte sind Drähte mit«lemmschrauben angelöthet. Tie Glassäule» stecken oben und unten in Holzplatten. Um eine stärkere Wirkung zu erzielen, legt man 4V 50 Plattenpaare auseinander, will man aber mehr benutzen, so baut man lieber zwei Säulen in umgelehrter Ordnung aus, da sonst die Flüssigkeit aus den Filzplättche» ausgepreßt wird. Wird zwischen die Zink- und Kupserklemmschranben ein Draht eingeschaltet, so entsteht ein elektrischer Strom.— c) Brot, Kartoffel» und Fett (selbstverständlich ist die genügende Menge Wasser daneben zu genießen» enthalten allerdings die zum Leben nöthige» Stoffe; ob aber bei täglichem Genuß derselbe» ohne Abwechslung das körperliche Wohlbennden erhalten bleibt, ist zu bezweifeln; ob ein im Wachsen be- griffener Mensch sich bei dieser Ernähning vollkommen ausbildet und ein arbeitender seine Korperiräste aus gleicher Stuse erdalten kann, wird einmal vom Gesammtgewicht der Nah- rung und von dem Berhältniß dieser einzelne» Lebensmittel unter einander abhängen Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Käutsky(Fortsetzung).— Wasserversorgung und Wasserreinigung, von Rothberg-Lindener (Fortsetzung).— Tic deutschen Landsknechte. Kulturhistorische Skizze von M. Wittich(Schluß).— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritisten- aeschichle ans dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.(IV.)— Milchwein oder Kumys.— Karl Lebrecht Jmmermann(mit Porträt).— Exorzismus(mit.Illustration).— Wissenschaftlicher Rathgeber. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färbcrstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.