Die 3i Roman von Jetzt wurde ein zweitesmal, und zwar minder heftig angepocht, alle erwarteten mit einem gewissen Schreck, daß sich jetzt die Thür öffnen würde, aber schon war Minna herzugcsprungen und hatte mit rascher Hand den Riegel vorgeschoben. „Ach, das ist gut," rief Minna laut und voll Befriedigung die Hände zusammenschlagend. „Was ist's?" rief Malchen abermals. Sie war noch immer nicht völlig wach und begriff nichts. „So," sagte Minna fest und ruhig,„jetzt sind wir vor einem Ueberfall gesichert, und jetzt ftage ich, wer das ist, der sich unter- steht, zu so später Stunde bei uns Einlaß zu fordern, und noch dazu in so ungestümer Weise." „Ach, es war schrecklich unvorsichtig, die Thür offen zu lassen," bemerkte Marie, die sich darüber noch nicht beruhigen konnte. „Ich bin ganz Ihrer Meinung, meine Damen," antwortete von draußen eine klangvolle Männerstimme,„es war sehr un- vorsichtig, aber ich erwarte nichtsdestoweniger, daß Sie, meine Fräulein, mir den Riegel schnellstens wieder zurückschieben werden." Die Schwestern stießen einen Schrei jubelnden Entzückens aus. „Alfted!" rief Minna. „Alfted!" rief Malcken, die mit einemmale wach war und nun mit überhastender Eile in ihre Röcke zu schlüpfen versuchte. „Alfred!" wiederholte auch Marie in bebender Verwirrung. Das Blut wallte ihr zum Herzen und drang ihr gegen die Schläfen, es raubte ihr fast die Besinnung. Sie sah sich im Zimmer um, wie ein erschrecktes Mäuschen, ob es nicht ein Versteck erspähen könnte, und sei es noch so klein, sie wollte sich hineinzwängen,— oder gab's einen Ausweg? Aber nein, hier war nur die eine Thür— und doch, es war ihr, als könne sie ihn jetzt nicht sehen, diesen Alfted, als dürfe er sie nicht hier finden. Ein eigenthümliches Gefühl zaghafter Scham überkam sie, von dem sie sich keine Rechenschaft geben konnte. Minna war der Thüre zugestürzt, um den Riegel zurück- zustoßen. Marie flüchtete in eine Ecke. Die Thür war offen. Ein junger Mann, schlank, von Mittelgröße, hübsch und elegant in seiner äußeren Erscheinung, erschien aus der Schwelle und breitete im raschem Hereintreten seinen Schwestern die Arme ent- gegen. Sie stürzten ihm um den Hals und erstickten ihn fast mit Liebkosungen. Marie sah auf dies Bild geschwisterlicher Zärtlichkeit, und Freude und Mitgefühl sprachen auch ihre Züge aus; dann aber, den Augenblick des ersten Taumels benutzend, enffernte sie sich rasch und unbemerkt. W. Kants Ky.(4. Fortsetzung.) „Alfted, mein theurer Alfred, so habe ich dich wieder," rief Minna, noch ganz in der Extase des Entzückens;„o nun wird alles, alles wieder gut!" „Lieber Bruder," sagte Malchen, mit ihren Aermchen seinen Hals umschlingend,„du hast uns soviel Angst gemacht; wie haben wir um dich geweint!" „Verzeiht mir, ihr Theuren," bat Alfred, sie beide in seine Arme schließend. Dann hielt er sie ein wenig von sich und be- trachtete sie mit Zärtlichkeit.„Aber ihr seid gesund, du siehst so blühend aus, Minna, und das kleine Ding da scheint mir ge- wachsen, aber leicht und dünn ist sie, wie eine Feder." Er hob sie in die Höhe. Malchen lachte, dann half sie ihm den Paletot ausziehen und drängte ihn hierauf zu einem Sessel. Er bemerkte, daß sie nur unvollständig bekleidet war. „Du mußt wieder ins Bett zurück," sagte er. Sie aber schwang sich auf seine Kniee und schmiegte den dünnen Leib an seine Brust.„Nein, ich will bei dir bleiben, Minna kann mir ein Tuch bringen, und du, leg' nur den Arm recht fest um mich, so, o das macht warm." Minna brachte einen Plaid und die Geschwister hüllten sie damit sorglich ein. Alfted zog die Kleine noch fester an sich, dann legte er sich etwas in den Sessel zurück, und ein schmerz- licher Seufzer entstieg seiner Brust. Minna hatte nun ebenfalls einen Stuhl genommen und sich zu ihm gesetzt; sie betrachtete ihn mit zärtlich besorgtem Blick. Sie fand ihn blaß, seine dunkel- blauen Augen schwermüthig gesenkt, und wenn sein Mund auch lächelte, so vermochte dies doch nicht den Ausdruck des Grams, der darüber lag, völlig zu verwischen. Minna zog seine Rechte in die ihrige und drückte sie. „Du bleibst jetzt bei uns, nicht wahr?" „Ja, eine Woche lang." „Und du wirst nicht mehr traurig sein, Fredi?" schmeichelte Malchen,„du wirst diese Abscheuliche vergessen?" Alftcd schüttelte den Kopf. „Es war zu tief gegangen, glaubt mir's, ein solches Weh bleibt ewig unvergessen." „Sie hatte dich nicht wahrhaft geliebt, sie hätte dich niemals glücklich machen können," sagte Minna ernst;„und drum ist die rasche Lösung die beste." „Vielleicht, aber auch die schmerzhafteste. Ach, es hatte mich erfaßt wie ini Wahnsinn," er fuhr mit der schmalen, weißen VI. 30. Oktober 1880. Erscheint wöchentlich. — Preis viertehahruch 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter._J Hand gegen die Stirne, als sei all' die Qual, die er erduldet, hier eingegraben und erwache in brennender Stärke aufs neue. „Ich war tagelang ein Raub der verschiedenartigsten Gefühle, die in wilder Gährung mein Inneres durchwühlten, dann blieb ein unendlicher Ekel als Bodensatz zurück. Ich haßte und ver- achtete mich selbst und sie, die ganze Welt. Das Leben schien mir nutzlos, unerträglich; ich wollte— da dachte ich an euch, und der Gedanke hat mich gerettet. Ich wußte, hier seien zwei Wesen, die mir in reiner und uneigennütziger Liebe zugethan, und für die mein Leben doch noch einigen Werth haben könnte." Malchen schmiegte sich noch enger an ihn. Minna sah ihn ernst und vorwurfsvoll an. „Es wäre grausam, es wäre fürchterlich gewesen, Alfred—" „Ja, und Grausamkeit war es auch schon, euch diesen Wahnsinn zu offenbaren; ich machte mir die peinigendsten Selbstvorwürfe, als es zu spät war, nachdem der Brief schon abgegangen. Da kam mir's wie ein Lichtgedanke, ich wollte selbst zu euch, euch be- ruhigen und in eurem Anblick, in eurer theilnahmSvollen Zärtlich- keit auch für mich Beruhigung und Trost finden." Die Küsse und Thränen seiner Schwestern unterbrachen ihn, sie sprachen beredter als Worte. Auch seine Augen waren feucht geworden. „Ach," sagte er,„es thut so wohl, unter Wesen zu sein, die uns angehören, die uns lieben. Ich fühl's, mir wird hier besser." In der That, es kam ihm vor, als läge in einem Schmerz, der soviel Theilnahme erregte, etwas Süßes. Nach und nach beruhigten sich die allzu hochgehenden Wogen, und Minna erin- nerte sich, daß ein Mensch, der seit Morgens unterwegs sei, auch Hunger haben könne; sie wollte schnell einen Imbiß besorgen. Alfted versicherte jedoch, daß er bereits auf dem Bahnhofe zu Nacht gegessen. Er hatte nicht die Absicht gehabt, die Schwestern zu wecken, er wollte nur bei Fritz anklopfen. Nun hatte er aber, von der Straße aus, in ihrem Zimmer Licht gesehen, und des- halb sei er so heraufgestürmt. Er sah sich jetzt im Zimmer um, als spähe er nach einem Gegenstande. „Wir sind doch allein?" fragte er dann. „Ganz allein, wie du siehst." „Aber, ich besinne mich jetzt, als ich draußen vor der Thür stand, hörte ich außer euch noch eine dritte Person hier sprechen. Es schien mir eine angenehme, jugendliche Mädchenftiimne. „Es war meine Freundin Marie," entgegnete Minna. „Ach wirklich," sagte Malchen, der dies auch jetzt erst auffiel, „Marie war hier gewesen, weshalb denn?" In dem Augenblick bemerkte sie das Etui, das Minna unter den Ereignissen der letzten halben Stunde vollständig vergessen hatte und das auf dem Tische zurückgeblieben war.„Ach, sie hat das gebracht,— was ist's denn?" Minna streckte ebenfalls die Hand darnach aus, um es an sich zu nehmen, aber Malchen war rascher gewesen, sie hatte es in den Händen und öffnete es sogleich. Die Goldmünze funkelte ihr entgegen. „Fredi, schau, schau!" rief sie, die ganz zum Kinde ward. „Das ist Mariens Taufmünze, oder wie sie's nennen, sie hat mir's einmal gezeigt, es ist wunderschön, sieh, hier die Taufe Johannis und auf der andern Seite die Jahreszahl— Mariens Geburtsjahr, sie ist also grade zwanzig Jahre alt. Aber wes- halb brachte sie's denn nur?" Minna war in sichtlicher Verwirrung, am liebsten hätte sie die Wahrheit gesagt, aber sie erinnerte sich des Versprechens, das sie ihrer Freundin gegeben hatte, und gleichzeitig mußte sie darüber lächeln, wie sich das getroffen, daß Alfted der erste war, dem dies, ihm verborgen bleiben sollende, vor die Augen kam. „Marie hat es gebracht, damit ich es verkaufen solle," sagte sie,„der Erlös ist für ein armes Mädchen, das in augenblick- licher Verlegenheit ist und dieses Geldes dringend bedarf." „Wer ist denn das?" ftagte die neugierige Amelie. Minna antwortete nicht. Sie nahm das Etui und schloß es in ihre Lade. Dem Bruder war ihre Verwirrung nicht ent- gangen, er achtete jedoch nicht weiter darauf. Malchen hingegen zeigte sich lebhast interessirt. „Ich möchte doch wissen, was das schon wieder für ein Ge- heimniß ist; aber wo ist Marie hingekommen? Sie ist wohl vor dir davongelaufen, Fredi?" „Marie ist schüchtern und zartfühlend," bemerkte Minna, sich wieder den Geschwistern zuwendend,„sie wollte unser Wiedersehen nicht stören." „Ich bin ihr dafür dankbar," erwiderte Alfted.„Nichts wäre mir peinlicher gewesen, als hier mit Personen zusammenzutreffen, die mir gleichgiltig sind. Ueberhaupt, ich will, solange ich hier bin, niemanden sehen und von niemandem gesehen werden." Um den Mund und die feingeformten Nasenflügel des jungen Mannes zuckte es verächtlich.„Am liebsten wäre es mir, wcnn� meine Ankunft ganz und garnicht bekannt würde, aber das ist wohl von einem so kleinstädtischen Nest zuviel verlangt." Seine Sttmme hatte sich etwas erhoben, da wurde die Thür mit einem Druck aufgerissen. Eine hohe Jünglingsgestalt mit einem scharfmarkirten Kopf, dessen Wangen eine jähe Blässe zeigten, dessen weitgeöffnete Augen drohende Blitze sprühten, stürzte herein. Sein erster Blick traf auf Alfted, seine Zähne schlugen aufeinander, dann, soweit dies die schlechte Beleuchtung gestattete, ihn näher ins Auge fassend, änderte sich mit einemmale der Ausdruck dieses wildentflammten Gesichts. Ein Freudenstrahl brach aus den braunen Augen und der Mund öffnete sich zu einem breiten, überaus glücklichen Lachen. „Du bist's, Alfted, Herzensfteund,— willkommen!" rief der Neuangekommene, und er warf sich Alfted an den Hals und um- armte und küßte ihn und drückte ihn wiederholt an seine Brust. Alfted konnte sich dieser stürmischen Liebkosungen nicht er- wehren; als er endlich wieder ftei aufathmen konnte, äußerte er sein Erstaunen und zugleich seinen Unwillen, daß Fritz Berger in dieser Weise in das Zimnier seiner Schwestern einzudringen wage.„Oder", ftagte er, einen antwortheischenden Blick auf seine Schwestern heftend,„ist er vielleicht dazu berechttgt?" Minna vermochte nicht, sogleich zu antworten, ihre Wangen glühten, aber Malchen rief ganz empört: „Nein und hundertmal nein, niemand hat es ihm erlaubt, und ich würde mir auch dergleichen schön verbitten. Was ist Ihnen denn beigefallen, daß Sie wie eine Bombe ins Zimmer platzen, Herr Berger?" Fritz sah in diesem Augenblick sehr schuldbewußt aus. „Ihr müßt mir vergeben," sagte er,— es lag etwas un- endlich Herzliches, Gutmüthiges in diesem etwas beklemmten Ton,—„und besonders Sie, Fräulein Minna,"— er stockte wieder, dann in einem Schwalle die Worte herausstoßend:„Ich war ein Narr, ein ganz Verrückter, ich wollte soeben durch den Korridor leise auf mein Zinnner schleichen, da hörte ich hier sprechen, und eine Männerstimme— um elf Uhr des Nachts, hier bei den Mädchen eine Männerstimme— mir fuhr's wie Dolche in den Leib und wie Wahnsinn tobte's mir im Kopf. Ich dachte nichts, ich sah und hörte nichts— ich weiß kaum, was ich that, ich kam erst wieder zu mir, als ich dich erkannte." Alfted zog die Brauen finster zusammen.„Du bist also eifer- süchtig, Fritz," sagte er langsam,„und ich bin nicht im Zweifel mehr, auf wen. Minna, was hast du hierauf zu antworten?" Diese ging entschlossen auf Fritz zu und ergriff seine Hand. „Daß er ein Recht hatte, zu thun, was er that, und doch wieder Unrecht, denn ich liebe ihn, ich habe ihm Treue zu- geschworen, und er soll an mich glauben." Drittes Kapitel. Die Stadtmauern von Waidingen, welche an den östlichen Thurm sich anschlössen, waren theilweise abgetragen, hie und da aber hatte man Fenster hineingebrochen und, das vorhandene Material benutzend, dazugebaut und angeflickt, und so waren an dieser Stelle einige Häuschen entstanden, die in ihrer Unregel- Mäßigkeit und Willkürlichkeit, ihrem Neben- und Uebereinander von dicken und dünnen, alten und neuen Mauern, krummen Winkeln und hölzernen Treppen jeder modernen Bauordnung Hohn sprachen. Die Vorderftont ging in ein enges Gäßchen, das, da nur einstöckige oder ebenerdige Gebäude hier heraus- gewachsen waren, hinreichend Luft und Licht hatte. In einem dieser Häuschen wohnte Frau Weiß mit ihren Töchtern. Nach dem Gäßchen hinaus lag das Vorzimmer, die Küche und das Schlafzimmer der beiden Mädchen; nach rückwärts, wo der ehe- malige Stadtgraben angeschüttet worden und daraus Garten- anlagen entstanden waren, befand sich das sogenannte„Sitzzimmcr" der Familie und das Schlafzimmer der Mama. Das erstere war ein fteundliches, großes Gemach, in welchem das Piano und die besten Möbel aufgestellt waren und vor dessen Fenstern die weißen Spitzenvorhänge in wohlgeordneten Falten hernieder- hingen. Durch diese Fenster hatte man einen ganz reizenden Ausblick. Zunächst, den Häuschen entlang, die Gartenanlage, 55 unmittelbar daran die Fahrstraße, dicht niit Pappeln besetzt, und jenseits derselben Wiesentristen mit einzelnen Bauingruppen, welche allmälich ansstegen und über welche eine Serpentine in den Wald führte. In ziemlicher Höhe lag der Kirchhof und links davon, aber im Thale, bemerkte man die Kirche, das Schulhaus und eine Reihe anstoßender Gebäude, welche in grader Linie nach dem Flusse führten. Das Thermometer war in den letzten Tagen gestiegen, der April zeigte indeß noch immer seine herkömmliche Launenhaftig- keit, und auch der heutige Tag bot ein reizendes Wechselbild von mildfreundlichem Sonnenschein und hart niederrasselnden Regenschauern. Es war um die fünfte Nachmittagsstunde. Elvira saß am Piano. Sie sang und begleitete sich selbst. Ihre Stimme klang voll und schön; ein hoher, ungemein sympathischer Sopran. Sie sang eine Arie aus dem„Barbier von Sevilla", welche sie heim- lich dem Notenkasten ihrer Tante entnommen hatte. Nieniand beachtete diese häuslichen Studien; Mama verstand nichts davou, wenn sie einmal fragte, so antwortete ihr Elvira, es sei ein Kirchengesang, und Marie war immer viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. All' die Sorgen und Arbeiten des Haus- Halts ruhten allein auf ihren jungen Schultern; ja, es schien allen selbstverständlich, daß, wo es eine Arbeit gab, diese von Marie verrichtet werden müsse, wußte sie doch niemand so geschickt auszuführen. Mama war stolz auf diese gelungene Heranbildung zur künftigen Hausfrau, und wenn dies in Zukunft gut für ihre Tochter sein konnte, so war es jetzt bequem für sie selbst. Elvira war ebenfalls von kleinauf an das emsige Walten ihrer Schwester gewöhnt, und selbst Tante Luise, die sonst so Einsichtsvolle, war nur zu sehr geneigt, Marie, als von der Natur prädesstnirt zu betrachten, von jedem eigenen Bedürfen abzusehen und ihren hauptsächlichen Beruf und ihre Freude darin zu finden, anderen zu dienen. Und war es denn nicht auch wirklich so? Aber eben diese angeborne Herzensgüte und ihre Sanstmuth machten sie oft zur Dulderin, ihre Bescheidenheit zu der am wenigsten Beachteten, und ihre Unermüdlichkeit und Arbeitskraft brachte es mit sich, daß sie, wie oft, die Ueberbürdete war. Auch heute gab es für sie Arbeit in Hülle und Fülle. Das Dienstmädchen hatte mit der Wäsche zu thun, Marie hatte allein die Küche über sich. Nach dem Mittagessen war sie daran ge- gangen, zehn Meter weißer Zinnenstreifen zu plissiren; in einigen Tagen sollte der letzte Ball der Saison stattfinden, für die Mädchen der erste, den sie besuchen wollten, und da war ihr natürlich die ganze Herstellung des Putzes zugefallen. Nun hatte, zum Uebcr- fluß, vor einer Stunde sich die Frau Hoftäthin zum Kaffee an- sagen lassen; der mußte frisch gebrannt werden, sie trank nur solchen, etwas ftisches Gebäck sollte besorgt werden, und Mama wünschte auch das feine Kaffeeservice, das wohlverwahrt in der Vorrathskammer sich befand, auf dem Tisch zu sehen. Schließ- lich fand Mama, die, ihre Anordnungen überdenkend und alles mit kritischen Augen prüfend, hin und her trippelte, daß auch die Thürklinken nicht mehr glänzend polirt aussähen, und da sollten denn auch diese noch rasch geputzt werden. Man sieht, Frau Weiß wußte die Auszeichnung zu würdigen, die ihr durch die häufigen Besuche der verwittweten Frau Hoftäthin zutheil ward. Diefe besonderen Aufmerksamkeiten wurden freilich mehr durch die Furcht, als durch die Freude veranlaßt. Die Dame galt im Städtchen als eine Frau von hoher Bildung und Distinktion, wozu ihr Titel allein schon die Berechtigung gab— in unsrer Gesellschaft existirt ja noch immer dieser enorme Respekt vor Titeln—, dann besaß sie auch eine Zunge und übte damit eine schonungslose Kritik; man mußte sich also in acht nehmen und durfte sich vor ihr keine Blöße geben. Sie selbst war von ihrer hohen, geistigen Ueberlegenheit auf das innigste überzeugt; sie glaubte sich deshalb autorifirt, sich überall und in alles ein- zumischen, um gute Sitte und guten Ton unter die Leute zu bringen und ihnen über ihre Beschränktheit die Augen zu öffnen. Herrgott, wie würde es auch in Waidingen aussehen, wenn sie alles gehen ließe, wie es ginge, nicht hie und da rüttelte und die guten Leutchen vor der Versumpfung oder vor allzukrassen Jrrthümern bewahrte! In diesem Sinne hielt sie ihre Allerwelts- bemutterung für eine große moralische Pflicht. Für den Empfang dieser Frau wurden also alle Vorbereitungen getroffen. Marie, welche den Wünschen der Mama bestmöglichst nachzukommen suchte, kam einigemalc erhitzt von der Küche in das Zimmer und ging, nachdem sie einiges zurechtgestellt, wieder zurück. Elvira hatte sich bisher in ihrem Gesang nicht stören lassen. Auch ihre Wangen waren geröthet von der freudigen Empfindung, die das Bewußt- sein fortschreitenden Gelingens in einer ehrgeizigen Brust erregt. Technische Schwierigkeiten, die ihr vor einigen Monaten noch Mühe kosteten, überwand sie jetzt mit Leichtigkeit, und damit gelangte sie auch zu einer immer mächtigeren Entfaltung ihrer schönen Mittel. Und mit der Lust an dem eigenen künstlerischen Vermögen wuchs die Begierde, eine solche Lust auch bei andern zu erwecken. Sie verlangte, gehört zu werden, sie dürstete nach Anerkennung. (Fortsetzung folgt.) Diät des Geistes und des Heyens. Von Dr. med. Hduard Weich. Sehen wir, daß eine Bevölkerung sehr großes Gewicht auf das gute Essen und Trinken legt, so bemerken wir meist gleich- zeitig, daß daselbst dem Geiste wenig gehuldigt, ja, derselbe oft genug garnicht geachtet, ganz in den Schatten gestellt werde. Eine solche Art, das Leben zu durchschreiten, ist nicht allein unwürdig, sondern auch ungesund; denn die Erhaltung des Gleich- gewichts der Kräfte, und damit der Gesundheit, erfordert, daß nicht blos Ernährungsstoffe gebildet und in den Muskeln zersetzt werden, um Kraft und Wärme fteizumachen, sondern auch in den Nerven umgesetzt werden, durch geistige Thättgkeit und Erhebung des Gemüths. Daraus folgt, daß die eigentliche Gesundheitspflege eine Diät des Leibes ist, des Geistes und Gemüths, und daß kein Theil dieser Diät vernachlässigt werden dürfe, wenn die Wohlfahrt des einzelnen und der Bevölkerung erhalten bleiben soll. Im großen und ganzen sind geistig regsame Nationen, die zugleich angemessen körperlich arbeiten, gesunder und von längerer Dauer des Lebens, als geistig zurückstehende, unentwickelte. In Europa wissen wir von den Skandinaviern und Franzosen, daß dieselben die besten Gesundheits- und Lebensverhältnisse bekunden. Dies ist jedoch nicht blos die Folge der günstigen geographischen Lage der nordischen Länder und Frankreichs, sondern auch der größeren Regsamkeit des Nervensystems bei den Bewohnern dieser Länder, der besseren Harmonie von Muskel- und Nervenarbeit. Nordländer und Franzosen sind lebhaften Temperaments, er- nähren sich angemessen und zeichnen sich durch den Trieb, geistig thätig zu sein, aus. Das Nervenlcben ist bei diesen Nationen gesteigert, ohne das leibliche Leben krankhaft zu überflügeln. Nirgends in Europa wird soviel gelesen, als in Skandinavien und Frankreich. Mögen auch viele Bauern auf ftanzösischer Erde des Lesens nicht mächtig sein, so macht dies ihrer geistigen Reg- samkeit keinen Abbruch und sie lassen Zeitungen zc. von andern sich vorlesen. Die Provenyalen haben viele große, breitschulterige, kräftige Gestalten aufzuweisen, die keineswegs das gute Essen und Trinken verschmähen; aber diese Kraftmenschen sind lebendig, beweglich, empfindlich, erinnern in keinem Stücke an die trägen Fettbäuche und werden auch bei weitem weniger, als diese, voni blutigen Schlagflusse getroffen. Infolge des gesteigerten Nerven- lebens kann bei dem Südfranzosen das Ernährungsleben niemals recht die Oberhand gewinnen, und es muß demgemäß die Gesund- heit auf einer etwas mehr gesicherten Grundlage stehen. Es läuft aber auch allen Normen der Natur zuwider, wenn die Geistesthätigkeit stärker ist, als der Nahrung und ganzen Leibespflegc entspricht und wenn die Anstrengung des Gehirns durch Schule und Erziehung allzu frühe beginnt. In beiden Fällen erfährt die Entwicklung des Körpers Hemmungen, und es entstehen, wegen des Ueberwiegens der Nervenarbeit und des Fehlens der nöthigen Menge ergänzender Stoffe, Zustände von Nervosität, Blutmangel, Lebensschwäche. Die Bewohner jener Staaten, woselbst dem Körper nicht alles gegeben wird, was des Körpers ist, und von dem Geiste mehr gefordert wird, als derselbe bieten kann, pflegen große Mengen büit Bier zu trinken und möglichst viel Tabak zu rauchen. Es findet dies weit weniger vorsätzlich, als instinktiv statt, weil der Organismus genöthigt ist, mit den ihm dargebotenen Ernährungs- stoffen sehr haushälterisch umzugehen, somit Sparmittel auf- zunehmen. Biertrinken und Tabakrauchcn können, wie aus dem bisherigen fließt, nicht durch bloßes Moralprcdigen und polizeiliche Maß- regeln beschränkt und möglichst aus- getilgt werden, sondern nur durch bessere Ernährung des Leibes und Vermeidung alles geistigen Ueber- forderns und Ueberschraubens seitens der Schule, des Staates und der Gesellschaft. Nicht nur mo« ralisch und poli- tisch, sondern auch leiblich ist es von größtem Nachtheil, wenn der Ver- stand einseitig ge- pflegt, das Ge- müth vernachläs- sigt wird, und wenn andrerseits wieder das Ge- müth über alles und der Verstand garnicht in Be- trachtung kommt. Harmonische Eni- Wicklung aller see- lischenKräftebleibt stets das Vortheil- hasteste für die leibliche Gesund- heit, weil sie das Gleichgewicht her- stellt in den körper- lichen Funktionen, die in letzter Reihe doch alle von dem Gehirn beeinflußt, regiert werden. Bevölkerun- gen, mit deren gei- stiger Bildung es ungünstig steht, bekunden weniger erfreuliche Lebens- und Gcsundheits- Verhältnisse, als wohl gebildete, vorausgesetzt, daß die äußeren Um- stände die gleichen sind; denn wer gesund bleiben will, muß die Am AchuMtt. Dinge der Welt um sich her kennen und beurtheilen, und durch normal gesteigerte Nerventhätigkeit die Vorgänge innerhalb des Körpers angemessen beeinflussen. Zu diesem letzteren Ende ist Pflege des Willens und der mora- tischen Gefühle ebenso nöthig, als Pflege des Geistes. Jeder tvilleuskräftige, sittcnreine Mensch übt ein relativ be- deutendes Maß von Herrschast über seinen Körper aus und ist, vermöge dieses größeren Maßes von Nervenkrast, elastisch, tvider- standsfähig. Demnach wird es geboten sein, in der Erziehung eine gewisse Gymnastik des Willens, hauptsächlich in Form von Selbstbeherrschung, stattfinden zu lassen und auf beste Remhaltung der moralischen Gefühle hinzuwirken.— Man sieht oft genug Menschen von schwacher Konstitution und vielen ererbten Krank- heitsanlagen ein hohes Alter erreichen, Außerordentliches leisten, den größten Gefahren Trotz bieten und immer fröhlich im Gemüthe sein; wogegen nicht selten die kräftigsten, von hausaus gesundesten Menschen dem ersten heftigen Anprall von Krankheitsursachen erliegen, trocken oder duselig sind, sehr wenig leisten und ver- hältnißmäßig frühzeitig ihr Le- ben lassen. Die erstcren pflegen durch Willenskrast und Sittcnreinheit sich zu kennzeich- nen, die letzteren wissen nichts von Selbstbehcrr- schung, von Zucht und Ordnung, von Reinheit der Ge- danken und Ge- fühle. Alle sorgfältig erzogenen Jndivi- duen, Familien, Bevölkerungs- gruppen, einerlei wie kräftig oder nichtkräftig deren Konstitution ist, übertreffen die nicht, verkehrt, ein- festig erzogenen Individuen, Fa- Milien, Gruppen an Lebenszähig- keit und Wider- stand gegen viele Krankheiten. Neh- wen wir an, eine Bevölkerung be- stehe zu der einen Hälfte aus sorg- fältig erzogenen, zu der andern Hälfte aus nicht angemessen erzo- genen Menschen, und die ganzen Besitzes-, Lebens- und Gesundheits- Verhältnisse der beiden Arten seien die gleichen, so werden, wenn eine Epidemie herein- bricht, die sorg- fältig Erzogenen bei weitem weni- ger Opfer abgeben, als die anderen. Zahlreiche Momente, die der nicht oder falsch iS-ite et.) Erzogene ganz außer acht läßt, versteht der gut Erzogene zu erfassen und sich gegenüber in das richtige Ver- hältniß zu stellen. Dies macht das Geheimniß des Sieges aus, den der wohl Erzogene über die Mächte der äußeren Welt so häufig und regelmäßig davonträgt, während der andere unter- liegt. Oeffentliche Belustigungen können als nicht unbedeutende Mittel in der Diät des Geistes und des Herzens betrachtet werden. Musik und Theater gehören zunächst in dieses Gebiet; gut aus- geführt, tragen dieselben sehr viel dazu bei, Herz und Geist zu veredeln, beiden die tresslichste Nahrung zu geben. Jedes gesunoe 57- Zeitalter kennzeichnet sich durch die Richtung von Musik und Gelingt es, Sinn und Verständniß für das Klassische der Theater nach dem Klassischen; jedes kranke, entartete Zeitalter Kunst in der Bevölkerung, besonders in den gebildeten Kreisen durch Verlassen dieser Richtung, durch Verderbtheit des öffent- derselben, wiederherzustellen, so darf man mit Gewißheit erwarten, lichen Geschmacks und Nichtverständniß des Klassischen. daß das ganze Volk Auffchwung zu moralischer und auch zu Settenk�Thicre.(Seite es.) leiblicher Gesundheit nehmen swerde denn ein geläuterter, ver- edelter Geschmack bei den Tonangebenden hat, wenn diese letzteren nicht durch eine chinesische Mauer von der übrigen Bevölkerung sich abschließen, immer erhebende Wirkung auf die unteren Klassen, steuert jener Roheit, die in jeder sich selbst überlassenen, geknech- teten, vernachlässigten Mehrheit sich entwickelt und die Ursache zahlloser Erkrankungen und Leiden ist. Eine veredelte Kunst wirkt durch die Sinne veredelnd auf Gemüth und Geist; eine erbärmliche, sittenlose Kunst wirkt auf die Sinne, die Leidenschaften und Begierden entflammend, und auch den Geist verödend, das Gemüth verwildernd. Leidenschaft- lichc Menschen, ohne das genügende Maß von Geist und Herz, zeichnen sich durch ein höheres Maß von Krankheit aus. Ich betrachte den Einfluß veredelter Kunst als einen der oberste» und 58 mächtigsten Faktoren, denen die Bevölkerung der kleinen Staaten des mittleren Deutschland es verdankt, ihrer mancherlei tief- sitzenden Gebrechen ungeachtet, doch lange durchschnittliche Lebens- dauer aufzuweisen. Zu Entartung des Volksgeistes und Schädigung der Volks- gesundheit tragen alle jene öffentlichen Belustigungen sehr wesent- lich bei, welche die Sinne erregen, den Verstand betäuben, die Leidenschaften in Aufruhr bringen und auf der einen Seite Aus- schweifungen veranlassen, auf der andern den Genuß geistiger Getränke befördern. Alle Bänkelsängereien, unzüchtigen Schau- stellungen und Ballete, Stiergefechte, Hahnenkämpfe, Jahrmarkts- freuden zweideutiger Art gehören in diese Gattung. Daß die Ausschweifungen, die Erkrankungen des Gehirnes und des Herzens, die Todesfälle in den mittleren Lebensjahren, die Wirthshäuser und Bänkelsängereien zunehmen, die Theater sich leeren, das Aechte dem Nachgemachten, das Seelische dem Sinnlichen weicht, oas eigentliche Verständniß des Klassischen nicht blos zurückweicht, sondern zur Ausnahme wird,— dies alles entspringt aus gemeinsamer Quelle, aus einer Entartung, deren Ursache einerseits die alle Beziehungen des Lebens über- wältigende Selbst- und Genußsucht ist, andrerseits das immer größer werdende Elend, welches durch die von der Beschränktheit für ausreichend befundenen Mittel der Nationalökonomie immer mehr wuchert und den Bestand des gesellschaftlichen Lebens be- droht, aber nur den Mitteln weicht, die aus dem unerschöpflichen Borne der Gerechtigkeit und Nächstenliebe den Ursprung nehmen. Aeber das Problem des Fliegens. Von Ingenieur Köhler. Der Mensch hat in der geschickten Verwendung der Natur- kräfte gradezu Fabelhaftes erreicht. Er jagt auf seiner Lokomotive mit dem Sturmwind um die Wette und mit Hülfe des blitzschnellen elektrischen Stromes korrespondirt er mit seinesgleichen auf der andern Erdhälste. Die Natur muß ihm mit derselben Genauig- keit die entlegensten Fixsterne auf deren Zusammensetzung analy- siren, mit der sie ihin die mikroskopische Welt aufhellt. Aber auch in anderer Weise hat sich die Befähigung des menschlichen Organismus bewährt. Obgleich von Natur durch eine eigen- thümliche Entwicklung unbeholfener, als die meisten Thiere, hat der Mensch mit richtiger Benutzung der gegebenen Verhältnisse so manches an Fertigkeiten sich angeeignet, welches uns wunder- bar erschiene, würde es uns zum erstenmal vorgeführt. So lernte er mit dem Velocipede fahren, auf dem Eise tanzen und ini Wasser schwimmen,— sollte es ihm nicht auch möglich sein, wie die Vögel in der Luft zu fliegen? Es ist angesichts der Resultate menschlicher Thätigkeit und Geschicklichkeit begreiflich, daß der Gedanke, die Luft als Medium zur Fortbewegung zu benutzen, trotz der bisherigen notorischen Mißerfolge, immer und immer wieder auftauchen inußte. Abgesehen von dem mythischen Ikaros des Alterthunis, der sich der Sage nach Flügel mit Wachs an die Schultern geklebt hatte, um auf die Sonne zu fliegen, dann aber, bis in die Nähe der Sonne gekommen, mit seinen Flügeln jämmerlich verunglückt sein soll, reichen die ältesten Berichte über Luftschifffahrt bis zum Jahre 1306 zurück, in welchem Jahre in der chinesischen Haupt- stadt Peking bei Gelegenheit der Thronbesteigung eines Kaisers die Veranstalter der Festlichkeiten einen Luftballon auffteigen ließen. So berichtet wenigstens der ftanzösische Missionar Vassou im Jahre 1694, also beinahe 400 Jahre darnach, und zwar will er dies aus offiziellen Aktenstücken erfahren haben. Ist die Ge- schichte wahr, so geht daraus mindestens das eine hervor, daß die wahre Kultur von der Priorität der Erfindung von Luft- ballons nicht abhängig ist. Die meisten Ideen und Erfindungen im Fache der Luftschiff- fahrt und des Fliegens wurden jedenfalls angeregt durch den Flug der Vögel, jener allbekannten Bewegungsart, die aber jeder- zeit das Interesse und die Bewunderung denkender Menschen in Anspruch nehmen wird. Die ältesten der zu unserer Kenntniß gelangten Versuche liefen auch in der That darauf hinaus, den Vögelflug einfach nachzuahmen, zu welchem Zweck man ver- schiedene Flugapparate vorschlug und theils auch ausführte. Der erste allgemein bekannt gewordene Vorschlag zu einer Flug- Maschine ging von dem Franzosen Laurent um das Jahr 1709 aus. Ein vogelartig gebautes größeres Gestelle mit Räumen zur Aufnahme von Personen sollte an den Seiten mit Flügeln versehen werden; betreffs der Hauptsache, wie nämlich die Be- wegung der Flügel bewirkt werden sollte, darüber fehlen jedoch weitere Nachrichten. Im ferneren Verlaufe des 18. Jahrhunderts tauchten noch verschiedene Entwürfe und auch Ausführungen von Fliegapparaten auf, ohne daß etwas erreicht worden wäre. Alle ausgeführten Apparate hatten den einen Fehler, daß sie eben zum Fliegen so gut wie garnichts taugten. Man erzählt, man habe die betrübende Wahrnehmung machen müssen, daß die Muskelkraft des Menschen nicht ausreiche, den eigenen Körper in der Luft emporzuheben und dauernd in der Höhe zu erhalten; von Weiterfliegen sei daher erst recht keine Rede. Ich will diese Frage nachher noch etwas näher beleuchten. Jene ersten Erfahrungen haben wohl auch dazu beigetragen, daß man sich später in größerem Maße mit jenen Hülfsmitteln beschäftigte, welche das Schweben mit Hülfe rein physikalischer Wirkungen ermöglichen sollten; ich meine die Luftballons. Be- kanntlich ist das Prinzip der letzteren dasselbe, wie das der Schwimmblasen: ein Beutel oder Behälter ist mit einem Stoff angefüllt, der leichter ist, als der außen befindliche, den Behälter oder Beutel umschließende. Die Gewichtsdifferenz bringt den bekannten Auftrieb hervor, der als ein eigenes Bestreben des Ballons erscheint, während in Wirklichkeit das Emporsteigen durch die schwereren äußeren Stoffe veranlaßt wird. Mit der Idee des Luftballons trat in Europa zuerst der Jesuit Lana um das Jahr 1680 auf. Lana's Ballon sollte von sehr dünnem Kupferblech gefertigt und die Erleichterung des Ballons durch Auspumpen der Luft mit der, dreißig Jahre vor- her von Otto v. Guericke in Magdeburg erfundenen Luftpumpe bewerkstelligt werden. Seitens mancher„Gelehrten" hat man sich später über diese Idee lustig gemacht; man meinte, der äußere Luftdruck würde bei der Ausfüllung eines derartigen Ballons nicht ein Emporsteigen desselben, wohl aber ein unerwünschtes Zusammenklappen der Kupferhülle zur Folge gehabt haben. Dem wäre nun aber sehr leicht abzuhelfen gewesen: ein solcher Ballon hätte nur gehörig innen versteift werden müssen. Zur wirklichen Ausführung einer Art Luftballon kam es indeß erst im Jahre 1736. Vermittels eines ballonartigen, hölzernen, mit Papier überzogenen Gestelles, dessen Hohlraum durch Feuer erwärmt wurde, gedachte der portugiesische Physiker Don Guzman dem Könige Johann V. vor dessen Palaste das noch nie gesehene Schauspiel einer Lustfahrt vorzuführen; der Ballon verunglückte aber durch Anstoßen an dem Gesims des Palastes, Don Guzman ließ sich herab, ohne weiteren Schaden zu nehmen. Die In- quisition, welche sich ins Mittel legte, verhinderte weitere Ver- suche dadurch, daß sie Don Guzman einsperrte und zum Feuertode wegen Zauberei verurtheiltc. Nur dem energischen Einschreiten des Königs Johann V. gelang es noch rechtzeitig, den Physiker von dem bekannten, in der„guten alten Zeit" nicht ungewöhn- lichen Loose der Forscher und Erfinder, eben dem Lebendig- verbranntwerdcn, zu retten. Als die eigentlichen Erfinder des Luftballons werden drei Franzosen, die Brüder Montgolfier und der Professor Charles betrachtet. Die ersteren traten in ihrem Heimatstädtchen Annonay im Jahre 1783 mit einem ganz ähnlichen Apparate in die Oeffent- lichkeit, als 47 Jahre vorher der Portugiese; mit einem Ballon, der mit erwärmter Luft gefüllt und mit einem Feuerbrande aus- gerüstet war, nachdem sie vielerlei Versuche und Experimente angestellt hatten. Das Aufsteigen des(unbeladen en) Ballons wurde am 4. Juni 1783 unter ungeheurem Zulauf in Annonay in Szene gesetzt und hatte den Erfolg, daß sich bald alle Welt mit der neuen Erfindung beschäftigte. In demselben Jahre noch führte Professor Charles in Gemein- schaft mit zwei Mechanikern, den Gebrüdern Robert in Paris, im Auftrage eines Comitä's, welches sich bald nach Bekannt- werden der montgolfier'schen Erfolge zum Zweck der Herstellung eines Lustballons gebildet hatte, einen solchen aus, den ersten in Paris, jedoch nach seiner Idee, zur Füllung des Ballons nicht erwärmte Luft, sondern das leichte Wasserstoffgas zu benutzen. Es war am 28. August 1783, nachmittags gegen 5 Uhr, als sich dieser Ballon auf dem Marsfelde in Paris unter dem Jubel von 200000 Menschen in die Lüfte erhob, natürlich noch ohne Passagiere, und von da an datirt jener Wettkampf der Luft- schiffer, deren es bald eine ganze Menge gab, immer das Neueste und Seltsamste der Schaulust zu bieten, welcher durch die Be- gcisterung, die man der neuen Erfindung allgemein entgegen- brachte, auch die größte Anregung erhielt.' Eine große Anzahl von glücklichen und unglücklichen, theils zu wissenschaftlichen Zwecken unternommenen, theils zwecklosen Luftreifen hat eine wesentliche Vervollkommnung des Luftballons nun nicht zur Folge gehabt, auch nicht dazu gedient, der Sache eine größere praktische Bedeutung zu geben. Nur in einzelnen Fällen hat der Luftballon gute Dienste geleistet, wie beispiels- weise den Parisern bei der letzten Belagerung oder zu wissen- schaftlichen Forschungen. Mit der ungefähr ebenso alten Erfindung der Dampfmaschine kann sich die des Luftballons nicht messen, wenn man die Erfolge und die Bedeutung für das Leben und die Entwicklung der Völker in Betracht zieht, wenngleich deren Erfindung mit weit weniger Geräusch in die Welt eintrat und sich unendlich mühsamer Bahn brechen mußte, als die andere. Doch— um nicht ungerecht zu sein— eine ausgedehntere Anwendung hat der Luftballon bei Schaustellungen der Seiltänzer, bei Konzerten, Feuerwerken und anderen von der Spekulation veranstalteten Festlichkeiten gefunden, wo es nicht selten vorkommt, daß eine kleine Montgolfiere(Luft- ballon mit Feuerbrand, so genannt nach den erwähnten Erfindern Gebrüder Montgolfier) in die Luft geschickt wird, nachdem unter andern Herrlichkeiten für die gaffselige Menge auch das„Auf- steigen eines Luftballons" angekündigt worden ist.— Sollte der Luftballon die Bedeutung eines brauchbaren Flieg- apparates erlangen, so mußte man es dahin zu bringen suchen, denselben nach Willkür fortbewegen und steuern zu können. Aber hier stellten sich die größten Schwierigkeiten in den Weg. Das Bestreben, den Ballon nach Belieben zu bewegen, machte sich schon bald im Ansang der Erfindung, und zwar nach den Be- richten zuerst 1784 geltend, in welchem Jahre in Dijon ein Luftballon, mit flossenartigen Flügeln und großen Rudern zum Fortbcwegen versehen, aufgestiegen ist. Doch noch heute ist der Luftballon das, was er seiner Natur nach sein muß und voraus- sichtlich auch immer sein wird— ein Windbeutel mit wenig Masse und viel Oberfläche, daher ein fast hüls- und willenloser Spielball der Lüfte, zu dessen Bewegung gegen den Wind eine unverhältnißmäßig große Kraft erforderlich wäre. Ein mäßiger Ballon von 20 Meter Durchmesser, dessen Passagierbekastung zwei bis vier Personen betragechfkann, wird von einem ganz leichten Winde von nur zwei Meter Geschwindigkeit pro Sekunde mit einer Kraft von ca. 100 Kilogramm gleich zwei Centnern erfaßt; eine gleiche Kraft(und zwar 100 Kilogramm mal 2 Meter gleich 200 Kilogrammeter oder 22/3 Pferdekraft) müßte entwickelt werden, um den Ballon gegen den Wind im Stillstand zu erhalten. Wollte man den Ballon gar gegen den Wind mit einer Geschwin- digkeit von nur 1 Meter fortbewegen, so würde ein Widerstand entwickelt werden müssen von ca. 200 Kilogramm, gleich 4 Ctrn., denn der Luftwiderstand wächst im Quadrate der Geschwindig- keit. Um sich gegen einen lebhaften Wind von 7 Meter Ge- schwindigkeit, wie er für Windmühlen branchbar ist, nur zu halten, würde derselbe Ballon schon den enormen Widerstand von 840 Kilo- gramm, also nahezu 17 Centnern, aufzubieten haben. Jede Kraft- Wirkung braucht aber einen außerhalb des zu bewegenden Körpers liegenden Stützpunkt oder Widerstand. Es wird nun jedem schon nach einfacher Betrachtung der Sachlage ohne zahlenmäßigen Nachweis einleuchten, daß sich der nöthige Stützpunkt für der- artige Kraftwirkungen in dem leichten Medium der Atmosphäre nicht so leicht wird schaffen lassen. Der Ballonschiffer befindet sich mit seinem Ballon beinahe in ähnlicher Lage, wie der be- rühmte Archimedes der Erdkugel gegenüber. Dieser versprach, die Erde aus ihren„Angeln" zu heben, sobald ihm ein Stütz- Punkt außerhalb derselben geliefert würde, wo er seinen Hebel an- setzen könne. Doch ein Stiitzpunkt war eben nicht zu beschaffen. Die Luft würde den nöthigen Widerstand für bewegende Flügel und andere Vorrichtungen nur dann abgeben, wenn die Flügel ic. bei genügender Größe sehr rasch bewegt würden, was aber eine große Triebkraft erfordern würde, zu deren Erzeugung eine starke Maschine, daher Vergrößerung der zu tragenden Lasten und eine weitere Vergrößerung des Ballons nöthig wäre.— Es ist hier nicht zu verges'-n, daß sich die Luftmasse, auf die man sich stützen will, selbst bewegt, und daß die Flügel oder treibenden Organe, die den wirksamen, treibenden Theil ihrer Bewegung doch in der Richtung der Luftbewegung selbst auszuführen haben, diese Bewegung stets bedeutend schneller voll- führen müssen, als die Luftmasse vorbeitreibt, weil sonst über- Haupt kein Angriffswiderstand für die treibenden Organe ent- steht. Wer sich schon in einem Kahne auf einem lebhaft fließenden Strome durch Rudern stromaufwärts bewegt hat, der wird ge- funden haben, daß alles Rudern nichts half, wenn es nicht mit bedeutend größerer Geschwindigkeit geschah, als das Wasser floß, daß ferner überhaupt die Arbeit höchst anstrengend war. Ganz ähnlich aber ist es mit jener Bewegung in der Luft. Eine Maschine, welche den nöthigen Widerstand für Fort- bewegung und Steuerung in der Luft durch rasche Rotation von Flügeln und dergleichen zu schaffen und die mächtige Fläche eines Ballons gegen den Wind zu treiben vermöchte, würde aber nie- mals in einem Verhältniß zur Tragkraft dieses Ballons stehen. Es kommt hinzu, daß alle Flügelvorrichtungen zweckmäßigerweife am Ballon selbst und nicht, wie es bisher meistens geschehen und leider aus verschiedenen technischen Gründen auch kaum anders möglich ist, an der untenhängenden Gondel angebracht sein müßten. Am 24. September 1852 stieg der französische Ingenieur Giffard mit einem mit Steuer und Schraube und einer drei- Pferdigen Dampfmaschine versehenen walzenförmigen Ballon auf, mit dem er seitwärts wenden und Kreise beschreiben konnte. Gegen den Wind zu fahren, war ihm nicht eingefallen, wie er nachträglich selbst erklärte. Wer sich an einem oberflächlichen Urtheil über die Bedeutung des Windes und die Rolle, die derselbe bei jeder Art Luftschiff- fahrt stets spielen wird, genügen läßt, der kann sich dasselbe ver- schaffen, wenn er den Flug eines Vogels bei starkem Winde beobachtet. Viele Projekte von lenkbaren Luftfahrzeugen wurden ent- worfen, bei denen die Lenkung in gleicher Weise wie bei Segel- schiffen mit verschieden gestellten Segeln und ähnlichen Mitteln erreicht werden sollte. Die Erfinder von solcherweise„lenkbaren" Luftschiffen bekunden damit nur, daß sie keine blasse Ahnung von dem Vorgange der Steuerung eines Schiffes im Wasser besitzen. Schon die oberflächlichste Betrachtung lehrt, daß man Fahrzeuge, welche ringsum, oben und unten von ein- und demselben und zwar sehr leichten Element umgeben sind und darin nicht nur lhren Halt für das Fortbewegen suchen müssen, sondern auch ihren Äewegungswiderstand erfahren, in Betreff der Lenkung nicht mit Schiffen vergleichen darf, welche unterhalb von der relativ sehr widerstandsfähigen Masse des Waffers getragen werden und mit ihren Kielen, Schaufeln oder Schrauben in das- selbe wirksam einschneiden, während oberhalb alsdann nachdrück- lich mit Wind und Segelstellung operirt werden kann. Wie oft kommt es übrigens nicht vor, daß Schiffe�,, verschlagen" werden, wenn bei Sturm und bewegtem Meer die Steuerung er- schwert oder gar zur Unmöglichkeit wird. Als eine unglückliche Idee muß es auch bezeichnet werden, ganze Luftschiffe aus mehreren großen Ballons zusammensetzen zu wollen. Die Schwierigkeit der Lenkung muß sich bei diesen mit der Anzahl der Luftballons einfach multipliziren. Ein Pariser, Petin, hat sich längere Zeit mit einem derartigen Projekt ge- tragen. Sein Schiff sollte aus einem Gestelle von 140 Meter Länge und 60 Meter Breite bestehen, welches von vier großen Ballons getragen, mit allen möglichen Vorrichtungen zur Fort- bewegung und Steuerung versehen und zur Aufnahme vvn 20 bis 25 Personen bestinimt sein sollte. Das Projekt ist nicht aus- geführt worden. Es steht zu befürchten, daß bei derartigen „Schiffen" nicht nur das„Verschlagen", sondern mehr noch das Zerschlagen zur stehenden Regel werden würde. Die Luftschiffer kamen in dem Bestreben, nach Belieben die Richtung ihrer Luftfahrten bestimmen zu können, auch auf den Gedanken, verschieden gerichtete, übereinander hingehende Luft- strömuugen, wie sie thatsächlich manchmal auftreten, in einfnchster Weise zu ihrem Zwecke als Triebkraft zu benutzen, wozu nichts weiter nöthig gewesen wäre, als sich in die betreffende paffende Strömung durch Auf- oder Absteigen zu versetzen. Es gehört nun freilich/ etwas starker Glaube dazu, voraus- zusetzen, es werden sich in der Luft immer alle beliebigen Strö- mungen der Windrose vorfinden; thatsächlich hat sich dieser Glaube auch als trügerisch erwiesen. Die Beobachtung hat ergeben, daß mitunter wohl zwei übereinandergehende Luftströmungen vor- kommen, die in mehr oder weniger entgegengesetzten Richtungen — doch meist in ganz verschiedener Stärke— vor sich gehen; diese Strömungen sind aber doch nur in den seltensten Fällen zu benutzen. Es ist ferner Thatsache, daß man Luftströmungen als entgegengesetzte ansah, die durchaus keine entgegengesetzten, sondern gleichgerichtete waren. Bei einer Ballonfahrt— nähere Angaben sind mir nicht zur Hand, ich glaube, es war in Nord- deutschland—, bei welcher man das vorgeschlagene Mittel zur Auffindung der passenden Windrichtung, nämlich kleine Probeballons nach oben und unten vorauszuschicken, au deren Bewegung man die Strömung der höheren oder tieferen Luftschichten erkennen sollte, angewendet hatte, da geschah es, als die Luftschiffer einen durch einen Probeballon angezeigten passenden Luftzug zu be- nutzen geglaubt, sie zu ihrem großen Erstaunen grade eine ent- gegengesetzte Reise gemacht hatten. Die Täuschung rührte von der Beobachtung des Probeballons her. Man hatte wahr- genommen, daß sich der höher befindliche Ballon nach und nach in horizontaler Richtung vom Hauptballon entfernte, und schloß daraus, daß der obere Wind entgegengesetzt der Fahrt des Haupt- ballons wehe, während in Wahrheit die obere Strömung dieselbe gewesen war, wie die untere, nur daß sie bedeutend langsamer vor sich ging. In der Richtung ihrer Fahrt änderte sich mithin garnichts, auch als sie in die obere Region aufgestiegen waren. Derartige Täuschungen mögen wohl noch mehr vorgekommen sein.— (Schluß folgt.) Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drit (V. Das Rezept des Klopfgeistes gegen Zahnschmerz.— Die verjüngte Alte.— Zwei selige Geister.— Der Sitzung drastischer Schluß und der erste Gruß meines verstorbenen Baters.) Der Klopfgeist verweilte nicht länger bei mir. Er hatte noch viel zu thun. Zu jedem einzelnen der Anwesenden wendete er sich fragend, Auskunst und Rath ertheilend. Seine Rathschläge waren meist medizinischen und hygienischen Inhalts und erschienen mir ziemlich zutreffend, aber so einfach, daß sie nach den Mit- theilungen, welche die fraglichen Personen über ihre Leiden machten oder schon gemacht haben mochten� jeder beliebige Arzt mindestens ebenso gut ertheilt hätte. Bis zur genauen Angabe ganzer Rezepte ließ sich der Klopfgeist herab; wenigstens ließ er dem einen Mädchen, welches über Zahnschmerzen klagte, plötzlich einen Papierstreifen ins Gesicht flattern, auf dem das angeblich unfehlbar helfende Rezept sich befand. Ob der Klopfgeist merkte, daß ich insgeheim lebhaft bedauerte, um die Kenntniß dieses kost- baren Mittels zu kommen, weiß ich nicht, aber beinahe konnte es so scheinen, denn als das Mädchen noch ganz verzückt auf den aus einer andern Welt heruntergesegelten Papierstreifen hinstarrte, befahl er ihm, das Rezept laut vorzulesen. Drei oder vier aus der Versammlung nahmen höchst eifrig Bleistift und Papier aus der Tasche und schrieben das Rezept nach. Ich folgte diesem Beispiel und schrieb dem langsam vorlesenden Mädchen folgende Worte nach: „Bei Hellem Mondschein und offnem Fenster übergieße 4 Loth feingestoßene spanische Kamillenwurzel mit 32 Loth Lavendelgeist und V? Drachme salzsauren Ammoniak. Lass' dies zwei Tage lang in der Wärme ausziehen, filtrire es dann, wieder nur bei Mondschein und offnem Fenster, tröpfle es auf Baumwolle und lege diese auf den schmerzenden Zahn." Vom Mondschein abgesehen, war das Mittel keineswegs geister- Haft, und Herr Metzig hatte außerdem nicht ganz unrecht, als er mir zuflüsterte: „Wenn einer zu mir kommt, thut's ihm höchstens noch drei Minuten weh, und ich reiß' den Zahn für zwei Gute. So dauern die Schmerzen wenigstens noch zwei Tage— ich danke für das Vergnügen." Das zahnschmerzbehaftete Mädchen mußte aber anders über das Rezept denken. Denn sie strahlte förmlich vor Vergnügen und schob das Geisterpapierchen mit vor Auflegung zitternder Hand tief in den Busen hinein, als fürchte sie, man könne ihr das Kleinod rauben. Was der Klopfgeist sonst noch mit den Leuten redete, schien mir von gar keiner Bedeutung zu sein. Nur bei einer altern Frau fiel mir, oder vielmehr meinem Raseur, noch etwas Beson- deres auf. Als die Gespensterstimme sich au die Frau wendete, welche bisher so fern von uns, als es das Zimmer überhaupt zuließ, und auch inehr im Schatten, als die meisten übrigen ge- sessen hatte, schaute Herr Metzig aufmerksam nach ihr hin, und noch aufmerksamer ward er, als sie antwortete. „Nein, es ist doch wirklich die Menschenmöglichkeit," flüsterte er mir zu.„Diese alte Hexe müssen sie in die Altweibermühle gethan haben, die ist ja wenigstens um zwanzig Jahre jünger geworden. Ich sag' Ihnen, Herr Doktor, schon � vor drei Jahren der Klopfgeist. ?l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K.&. sah sie aus wie der leibhaftige Tod, ging krumm wie'n Fiedel- bogen, hustete unaufhörlich und krächzte nur noch so, dabei war sie zaundürr und wie von altem Leder überzogen und jetzt—" Er kam nicht weiter. Der Klopfgeist, welcher der Frau eben die jedenfalls nicht unangenehme Mittheilung gemacht hatte, sie werde noch lange leben, wenn sie eine so gläubige Anhängerin „unsrer andern Welt" bleibe, machte eine Pause, und alles schaute wieder auf meinen Raseur, dessen Flüsterlaute in allen Ecken ge- hört, wenn auch nicht verstanden werden konnten. Zeit, ihren Ingrimm zu äußern, hatten die Herrschaften aber nicht. Mit einem Schlage wurde es wieder stockpechftnstere Nacht und der Höllenspektakel von vorhin feierte eine neue Orgie. Bald hatte der Tumult seinen Gipfelpunkt erreicht, und nun dämpften sich die Töne ab, der ohrenzerreißende Spektakel verwandelte sich in leis verklingende und verschwimmende, seelenberauschende Sphärenmusik und gleichzeitig— mitten zwischen Decke und Fuß- boden, da, wo die Fenster in den Garten hinausgingen— ballte 'es sich zusammen, wie zu einem Nebelknoten— erst in mattem, kaum wahrnehmbaren, durchsichtigen Grau, dann immer heller und dichter, endlich fast blendend hell, wie ein riesiger, durch dichte, weiße Schleier verhüllter Lichtball. Dieser wuchs mehr und mehr und wurde beim Wachsen wieder matter und dunkler, an seiner Stelle verbreitete sich ein tiefdunkles Roth, über dem weißen Nebel hin und her schwankend,— dann zeigte es sich in dem dunkelrothen Hintergrunde, in unsicheren, verschwommenen Umrissen, wie eine gewalttge Gestalt, die aber rasch kleiner wurde, sich in einen größeren und einen kleineren Theit auflöste, um allmälich in festeren Konturen das Schattenbild einer weiblichen Person und das eines kleinen Thieres erkennen zu lassen. Ein leises, aus tiesstem Herzen aufsteigendes feierliches Ah! ging über die ganze Versammlung. Die Gestalten kamen näher und waren schließlich völlig deutlich zu sehen; die Frau war alt, ihre Züge und Körperformen ließen jedoch für einen Geist merkwürdig viel Farbe und Fülle wahrnehmen. Das Thier präsentirte sich als einer jener Hundebastarde, Mischling von Pinscher und Spitz, wie man sie heutzutage auf jeder Straße todtzutreten in Gefahr kommt. Von einem seligen Geiste hatte es auch nicht das min- deste an sich; dafür aber— beim Himmel!— hingen dem gefühl- vollen Thierchen dicke Thränen unter den Augenrändern. Alles wartete offenbar in fieberhafter Spannung auf die ersten Worte, respektive das erste Bellen, aus dem Munde der beiden Seligen; aber statt dessen ertönte auf einmal ein arges Poltern, wie wenn wieder ein schwerer Manneskörper auf den Fußboden stürzte. Unmittelbar darauf klatschte es, als ob einem dicken Winterrocke mit einer Klopfpeitsche die Motten ausgetrieben werden sollten, ein derber Fluch antwortete auf das Klatschen, die Ge- spenster verschwanden spurlos und sofort wurde es auch wieder hell im Zimmer. Was sich da unseren Augen darstellte, erregte von neuem allgemeine Sensation. Der noch junge, robust aussehende Mann, deni ich auf den ersten Blick den bemittelten Handwerkerstand angesehen hatte, raffte sich eben, kirschroth im Gesicht und mit wuthentflammter, aber gleichzeitig verdutzter Miene, von dem Fuß- boden auf. Weit von ihm entfernt, hinter dem Stuhle, auf dem es mehr gelegen, als gesessen hatte, lag das Medium gleichfalls ~ am Boden, es regte und rührte sich nicht— stumm und starr, wie eine Leiche, blieb sie liegen. Die alte Dienerin sprang zuerst auf von ihrem Platze und, wie es schien, in höchster Anftegung rief sie: „Fort, fort— auf der Stelle fort, alle. Sie stirbt sonst. Es ist ein Frevel geschehen,— kein Mensch darf auch nur eine Minute im Zimmer bleiben, sonst ist sie todt. Fort, fort!" Und damit drängte sie die ihr zunächst Sitzenden zur Thür. Und die Frauen halfen ihr alle,— auch Aloys Metzig und mich faßten sie an den Armen und rissen uns mit sich fort, und ehe wir uns besannen, waren tvir zur Thür hinausgewirbelt, die schwer hinter uns ins Schloß fiel. Ich war bis in die Hausflur gedrängt worden. Erst hier sah ich mich wieder um. Mein Barbier und der Handwerker, welcher zuletzt mitten im Zimmer gelegen hatte, verschwanden grade zusammen durch die Hausthür. Sie waren die ersten hinaus. Ich musterte die übrigen, welche nun auf mich nicht mehr acht hatten. Es war wohl niemand zurückgeblieben— wie? Doch! Zwei Hauptpersonen fehlten: die ältliche Jungfrau und der alte Herr, sie beide grade, welche soeben mit dem Er- scheinen von ihnen theuren Geistern beglückt worden waren. Ich ging in mein Empfangszimmer und lehnte die Thüre nur an, ohne den Riegel ins Schloß fallen zu lassen. Ich war aus all' meiner philosophischen Seelenruhe gebracht. In der kurzen Zeit von zwei Stunden hatte ich das tollste Zeug erlebt, war aber vorläufig nicht auf die leiseste Spur gekommen, wie es wohl menschlich-vernünftig erklärt werden könnte. Zwar war mir vielerlei aufgefallen und einigermaßen verdächtig vorgekommen — so hatte ich grade während der Geistererscheinungen ganz zu- fällig meinen einen Fuß weit vorgestreckt und war dabei an etwas Ein Hauch von Lessings Geiste. Ob es Leute gibt, welchen unsre deutschen Theaterverhältnisse als gut und in bester Ordnung erscheinen? Wahrscheinlich! Allerdings hat der Schreiber dieser Zeilen noch keinen einigermaßen urtheilsfähigen Menschen getroffen, der die Kühnheit gehabt hätte, das schlankweg zu behaupten. Dagegen kennt er sehr viele, auch sogenannt gebildete und in ihren Kreisen sogar für hervorragend gescheit geltende Menschen, welche sich über ein motivirtes Urtheil über Theaterangelegenheiten durch ein Achselzucken hinweghelfen. Sie— die Achsclzuckenden— stehen ja— eingebildetermaßen—■ geistig so hoch, sind von soviel wichtigeren Dingen in Anspruch genommen, daß sie sich um Dinge— wie die Komödie, nicht kümmern können. Die Schaubühne ist nach ihrer Meinung— hundert Jahre nach Lessings und sünfundsiebenzig nach Schillers Tode— immer noch nichts anderes als eine Anstalt zur Belustigung, ein Institut, welches dem gelangweilten oder durch seine Berufsarbeit ermüdeten einzelnen die schwere Arbeit des leidlich amüsablen Zeittodtschlagens für ein paar Stunden von den Schultern nimmt. Bestenfalls gestehen diese oft schwergelehrten Böotier gnädig zu, daß das Theater mehr sein könnte— eine Bolksbildungs- oder Erziehungsschule, auch wohl eine„moralische Anstalt", aber sie denken sich wenig oder garnichts dabei und sind der gemllthlichen Ucberzcugung. daß die Schaubühne in dieser ihrer edleren Eigenschaft sehr wohl auch vermißt werden könnte. Die Kulturbewegung geht unbekümmert um solche Kleinigkeiten, wie das Theater eine ist, ihren glorreichen Gang— wir werden von Tag zu Tag gescheiter und besser und glücklicher— wer merkte das nicht, und wer wagte daran zu zweifeln, seit sogar ein an sich geistreicher Gedanke dahin mißverstanden worden ist, daß es bei der Kulturentwicklung nur auf die wirthschaftliche Entwicklung ankomme, und daß diese sich vollziehe mit der Nothwendigkeil eines Naturgesetzes, gleichviel, ob wir unsre Schulen gut oder schlecht, unsre Literatur claurensch oder gocthisch einrichten, ob wir unser Theater mit den Machwerken der Offenbachs und Lindaus oder gemäß den Leistungen und Forderungen Lessings und Schillers ausstatten. Schade nur, daß diese Philosophie geistig vornehmthuender Bärenhäuterei uns den Beweis für ihre Allgcmeinberechtigung, der sehr zwingend aus- fallen müßte, gänzlich schuldig geblieben ist. Schade— oder um bei hochernster Angelegenheit das Visir der Ironie einen Augenblick zu lüpsen: ein Glück ist es, daß die Masse des Volkes lange nicht ein- seitig genug veranlagt ist, um ihre Bestrebungen ans ein Rad im tausendfältig verwickelten Maschinenwerk des Menschenlebens und Trei- bens zu konzentriren, und ein Glück ist es nicht minder, daß immer wieder einzelne sich erheben, um kulturwichtige Dinge, welche nicht auf der Oberstäche des Stromes der Tagesintcressen leicht und luftig daher- treiben, in den Bereich der öffentlichen Antheilnahme, auf die Bahn der Volksbestrebnngcn hereinzuziehen. So betrachtet der Schreiber dieses Artikels es als einen wahren Segen, daß soeben ein Buch erschienen ist, welches den Titel führt: „Der Versall der deutschen Schaubühne und die Bewälti- gestoßen,— was es war, wollte ich eben genauer zu fühlen suchen, als der Schlußspektakel hereinbrach; als aber in derselben Minute noch Licht wurde, war auf dem Boden nirgend solch' ein Gegenstand des Anstoßes zu entdecken. Jedenfalls mußte ich mir jede Kleinigkeit, die ich heute wahr- genommen hatte, auf das genaueste merken. Ich nahm die mir von meinem Lieb' verehrte, gestickte Brieftasche hervor— ich Pflegte sie auf dem Herzen in der linken, inneren Seitentasche meines Rockes zu tragen—, und begann sie zu öffnen, während ich mit aller Gewalt meine Gedanken zu sammeln versuchte.— Aber was war das? Ein sonderbarer, zarter und dabei doch intensiver Veilchcngeruch strömte mir aus der Brieftasche ent- gegen. Wie war dieser Duft, von dem die Brieftasche sonst nicht eine Spur aufzuweisen hatte, dahineingekommen? Ich schlug die darin eingehefteten Notizblätter auf—— da—— ich fuhr empor und traute meinen Augen nicht, aber es war einmal nicht anders!! Dicht unter den Zeilen, die ich noch mit eigner Hand vor kaum vier Stunden niedergeschrieben hatte, standen in einer höchst eigenthümlich verzogenen, ausgeprägt charakteristischen Hand- schrift die Worte zu lesen: „Rette— rette sie!" Ich stürzte mit dem Notizbuch in der Hand an meinen Schreib- tisch. Aus einem geheimen Fache, zu welchem ich mir eigens ein kunstvolles Schloß hatte machen lassen, nahm ich einige Briefe, deren Schrift ich mit den auf mir gänzlich unerklärliche Weise unter meine Notizen gekommenen Zeilen verglich. Die Briefe waren von der Hand meines verstorbenen Vaters und--- das „Rette— rette sie!" war auch von der Hand meines Vaters!! (Fortsetzung folgt.) gung der Theaterkalamität. An den Thatsachen dramaturgisch beleuchtet von Georg Köbcrle," ein Buch, daß der deutschen Theater- Misere mit anerkennenswerther Energie und durchweht von einem Hauche lessingischen Geistes zu Leibe geht. Im Nachfolgenden sei, was das Werk will und ivas es leistet, für die, wie ich annehme, allesammt belehrungsdurstigen Leser der„Neuen Welt", so kurz, als Stoffreichthum und Gedankentiefe zulassen, skizzirt. Der Verfasser kennzeichnet die Aufgabe, welche er sich gestellt, in der„Meine Ouvertüre" überschriebeuen Einlciwng folgenderweise: „Vorerst will ich dem freundlichen Leser nur einen kurzen Rund- blick über den gcsainmten Bereich der dramatischen Kunst bieten, will nur seine Aufmerksamkeit aus diejenigen Vorkommnisse hinlenken, welche den tonangebenden Theatern gemeinsam anhasten und als der eigent- liche Typus der modernen Bühne zu betrachten sind. Um dem spröden Stoffe nach Möglichkeit auch eine angenehme, unterhaltende Seite ab- Zugewinnen, habe ich als Form der Darstellung den lebendigen, die verschiedenen Tagesströmungen durch charakteristische Personen ver- tretenden Dialog gewählt. Die nachfolgenden Blätter erheben, als schlichte Einleitung zum Thema, nur den Anspruch, die eigentliche Aus- gäbe eines wahren Dramaturgen erörtern, d. h. die Fundamentalgesctzc der Bühnenkunst klarstellen und die geistverlassene Hohlheit der zur Zeit die Bretter beherrschenden Modepoeten zergliedern zu wollen." Neben dieser von edler Bescheidenheit durchleuchteten Umgrenzung des ebenso schweren wie in mehr als einer Beziehung undankbaren Unternehmens gibt Herr Georg Köberle in der„Ouvertüre" Rechen- schast von der Stellung, die er bisher den Theaterangclegenheiten gegen- über eingenommen hat. Schon 1S72 hatte er ein Buch erscheinen lassen über„die Theater- krisis im neuen deutschen Reiche", welches vielseitig Entgegnung fand. Bühnenfreunde in Publikum und Tagespresse, sowie„diplomatische Wortführer der Kritik", wie er Leute gleich dem Hofrath v. Gottschall nennt, hatten die Berechtigung seiner Ansichten anerkannt, die Berufung zum Leiter der karlsruher Hosbühne war die hervorstechendste Folge gewesen, gleichzeitig waren aber auch alle„unlauteren Elemente der Theaterwelt", geführt von dem preußischen General-Theaterintendanten Herrn v. Hülsen, wider ihn in den Harnisch gerathen. Es begann nun, wie in solchen Fällen zn geschehen pflegt, ein reguläres Kesseltreiben auf den Störenfried des seicht-srivol- ideenlosen Theaterschlendrians. Zeitungen verschiedenster Parteischattirungen bildeten die Treiber, ge- liässige, auf Unwissenheit und Leichtgläubigkeit des Publikums speku- lirende Kritiken und Denunziationen mehr oder weniger schmutziger Art die Geschosse und„literarische Rausbolde", wie sie gegenwärtig bei uns als tonangebende Muster und Meister im Reiche der literarisch- ästhetischen Kritik gelten, zeichneten sich als die Jäger dabei aus. Der Erfolg blieb nicht aus: Dr. Köberle wurde seines Amtes als Hosbühnen- chcs enthoben, um, wie man hoffte, aus dem Tumulte der so kunstvoll erzeugten allgemeinen Entrüstung in das Dunkel der Vergessenheit zurückzutreten. Wie man die übliche Praxis bei der Behandlung der Gegner des allgemeinen verrückten Konsenses, um mit Goethe zu reden, auch bei diesem doch gewiß nach gewöhnlichen Begriffen nicht staats- gefährlichen Konflikt innehielt, möge der Ausspruch beweisen, welchen in der köbcrle'schen Angelegenheit ein Staatsanwalt öffentlich zu thun für angemessen hielt:„Man brauche gegen Dr. Georg Köberle weder Zeugen noch Beweise, denn seine—(dramaturgischen?!)— Verbrechen seien so notorisch, daß Thron und Staat in Gefahr kämen, wenn man ihn ungezüchtigt ließe." Indessen ist die Züchtigung Köberle's über den Verlust der Bühnen- leitung nicht hinausgegangen, hat ihn vielmehr in eine Stellung ge- drängt, in welcher er sich geistig und materiell völlig unabhängig sieht, und von der aus er den begonnenen Kampf gegen die Theatermisöre mit schärferen Waffen fortseien kann, als er ihn begonnen. Um einem Mißverständnisse zu entgehen, welches für die Beurthei- lung seiner Bestrebungen in der That verhängnißvoll werden könnte, setzt Köberle in der Einleitung noch hinzu, daß sein in der„Theater- krisis" enthaltener Vorschlag, die Theater unter die öffentlichen Staats- anstalten aufzunehmen, aus der Voraussetzung beruhte, es sei:„1) der Reichsregierung das Theater etwas Höheres und Edleres, als a tout prix nur eine Zerstreuungsstätte für den großen, gedankenlosen Troß; und 2) die Entwicklung des neuen Reiches steure einer freien Staats- organisation zu." Eine tveitere Beschäftigung mit der Theaterfrage in diesem Sinne ierschcint ihm aber jetzt selbst als allzu„sanguinisch" und„unfruchtbar". Er sucht daher das Heil des Theaterwesens nicht mehr bei der Regierung. Es kann mir natürlich nicht einfallen, den ganzen Inhalt des zwanzig Bogen starken, und überraschend ideenreichen Buches auszugs- weise hier wiedergeben zu wollen: vielmehr ist es wohl so ziemlich selbstverständlich, daß ich nichts besseres thun kann, als den Gedanken- inhalt einiger nach meiner Ansicht besonders hervorstechenden und für das gesammte Werk vorzugsweise charakteristischen Partieen in thunlichst kondensirtcr Form zu kennzeichnen. Dabei werde ich vernünftigerweise solche kurze Abschnitte wörtlich wiederzugeben haben, welche, wie mir scheint, sich als Kern- und Knotenpunkte der köbcrle'schen Entwicklungen darstellen und so gelungen formulirt sind, daß jede Umschreibung nur eine Abschwächung wäre. Von der zur Belebung der ebenso ausführ- lichcn als tiesboh eenden prinzipiellen Erörterungen thatsächlich auf das vorthcilhafteste beitragenden Diskussionsform, wie sie Köberle gewählt hat, kann ich füglich bei meinem verhältnißmüßig kurzen Referate ab- sehen. Köberle knüpft zunächst an einen Satz Lessings an; wie es ja eben garnicht anders geht, wenn man heutzutage kunsttheoretische Fragen bei ihrer Wurzel angreifen will. Unsre heutigen Bühnenschriftsteller thun das Gcgentheil von dem, was Lessing ihnen vorschrieb. Lessing sagt in der„Hainburgischen Dramaturgie":„Der gute Schriftsteller, er sei von welcher Gattung er wolle, wenn er nicht blos schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, hat immer die Erleuchtetsten und Besten*) seiner Zeit in Augen, und nur, was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt, läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten imv zu bessern, nicht aber ihn in seinen Vorurtheilen, ihn in seiner unedlen Dcnkungsart zu bestärken." Nach Köbeilc's Ucberzeugung trifft jedoch die dramatischen Dichter der Vorwurf, diesem lessing'schen Grundgesetz für alles schriftstellerische Produziren zuwiderzuhandeln, nur in demjenigen Theile, welcher von den Bühneuteiluugen bevorzugt wird. Es wäre grundfalsch, meint er, einen Schluß auf die ganze Bühnenliteratur der Gegenwart zu ziehen aus dem, was die Bühnenleiter den, Publikum an Novitäten vor- zusetzen für passend erachten.„Nicht unsre moderne Bühnenliteratur, sondern deren Abschaum wird von den Theatern der Gegenwart kultivirt." Unsre Bühnenleitung sei— völlig im allgemeinen— so in Grund und Boden hinein verrottet, behauptet Köberle,„daß selbst der größte deutsche Dramatiker, Schiller, unsre sämmtlichcu Bühnen verschlossen fände, wenn er erst heute als Neuling unter uns erschiene, und nicht, zum großen Aerger so vieler Bühnenchefs, noch als eine theure Erbschaft ans dem vorigen Jahrhundert geduldet werden müßte." Die Geistesrichtung der schiller'scheu Dramen und die Tendenz, unter deren Herrschast das Theater heute gebeugt ist, widersprechen einander aus das schärfste. Schiller kämpft für den Sieg des Gött- lichcn, d. h. des Menschlich-Erhabenen, Edelen in der menschlichen, d. i. ihrer natürlichen Entwicklung gemäß ursprünglich thierischen— Natur. lLic heutige Bühne dagegen steht entweder, als Institut pro- fcssionsinäßiger Unterhaltungs- und Spaßmacherei um jeden Preis, in demselben Rang mit Tingeltangeln, Kunstreiter-Cirkusscn, Affentheatern und dergleichen, oder was, nach Köberle, fast noch schlimmer ist,„sie nimmt den Schein höherer Bestrebungen an, während sie sich in Wahr- heit al i Fahnenträgerin vorüberziehender Tagesströmungcn verdingt."— Eine solche Bühne beurtheilt ein Drama danach, ob„die Handlung zur ♦) Unter beu„Erleuchtetsten und Besten" verstaub Lelstng natürlich nicht bie heute iogenaunt„Gelnlbctsteu" ober gar bie iogenannt„Vornehmeu", welche sich allerbingS in ihr.r Mehrzahl für bie Besten halten. Zu Lcistngs„Erleuchtetsten und Besten"— grabcio wie zu feinen„Freimaurern"— gehört ein jeber, gleichviel web Stanbes er ist irnb wieviel Gclehrfamkeit er in sich aufgcnommm hat, ber sich von Vorurtheilen frei, von lverechtigkeilsgesühl erfüllt, in cblem Wohlwolle» mit leinen Mitmenschen verbunden und von dem groben Streben nach allgcmeineni Menfchenglück und allgemeinem Geistes- foriichritt geleitet wcib. Westen Wesen und Wollen jedoch auch nur eine biefer Beding engen misten läßt, gehört zum Pöbel— fei er, wer er mag. B.®. Glorifikation der augenblicklich fungirenden Leiter der Staatsmaschine" diene und ob„die Helden, falls sie ihre Handlungen unter uns in der prosaischen Wirklichkeit verübten, als lopale Unterthanen gelten" würden. Solcher Tendenz gegenüber wäre Schiller, wenn er nicht schon längst unwiderruflich zum wirklichen ewigen Leben eingegangen wäre, freilich ein todter Mann. Köberle schildert ergötzlichst, wie es Schiller ergehen würde, wenn er das Unglück hätte, im letzten Drittel des 19. Jahr- Hunderts statt im letzten Drittel des 18. an die Thören der Bühnen- vorstände pochen zu müssen: „,Die Räuber? Hinaus mit dem Rebellen Karl, der unsre ge- sittete Weltordnung in ein Chaos zurückschleudern möchte, aus die Gefahr hin, daß sodann zum zweitenmale ein Schöpser den Ruf: ,Es werde Licht!' erschallen lasse..Fiesco' und ,Tell'? Ins Zuchthaus mit dem starrköpfigen Republikaner Verrina und mit den republikanischen Hirten, die nicht einsehen wollen, daß das einzige Heil in der Welt von der Monarchie kommt!.Kabale und Liebe'? Zum Teufel mit der Verleumdung, daß an den Höfen nicht alles in paradiesischer Un- schuld zugehe! ,Don Carlos',.Maria Stuart' und.Braut von Messina'? Einen Strick für den Autor, der von schwarzen Thaten fürstlicher Häuser zu sprechen wagt!.Wallenstein' und.Jungfrau von Orleans'?� Auf die Festung mit dem utopischen Schwärmer, der uns einen kaiserlichen General als Hochverräther vorzuführen und ein Loblied auf das Land der Revanche anzustimmen wagt!"—„Hiermit— fährt Köberle fort— wären denn die neun Originalmeisterwerke unsres größten Dramatikers aus das bequemste beseitigt, und auch mit Schiller, dem Bearbeiter von Dramen aus fremden Sprachen, würde man um so leichter fertig, als zuverlässig irgendein ordenslustiger Hofdramaturg sich die Entdeckung nicht entgehen ließe, daß das prächtige Diplomatenpärchen Tartaglia und Pantalon in der chinesischen.Turandot' eigentlich eine Satire auf das Käbinet des gnädigsten Herrn sei, und daß es sich überdies für den Bühnenverein nicht schicke, dem beleidigenden Verfasser der zwei Abhandlungen.Ueber das gegenwärtige Theater' und.Die Bühne als moralische Anstalt betrachtet' noch Chancen in der Bretterwelt offen zu halten." Aus der Tendenz, welche bei der Auswahl der dramatischen Novi- täten maßgebend ist, folgt für Köberle mittelbar auch die zunehmende Verschlechterung der schauspielerischen Leistungen. Mit vollem Recht und tiefem Verständnisse weist er darauf hin, daß jeder Schauspieler mit der Größe der ihm gestellten Aufgabe wächst und mit der Klein- heit derselben in seiner Leistungsfähigkeit sinkt. Da die bei unseren Theatern„für zulässig befundenen Novitäten höheren Genres weit weniger menschliche Charaktere enthalten, als vielmehr Marionetten und Typen ohne psychologische Vertiefung und ohne Konsequenz, die, wie Figuren auf dem Schachbrette, nur da sind, um ohne individuelles Leben der Verwirklichung eines für den gesammten dramatischen Bereich einförmig oktroyirten konventionellen Zweckes zu dienen, so muß noth- wendig auch das darstellende Personal mehr und mehr verflachen und sich endlich einen Schlendrian angewöhnen, der es zur Lösung höherer Kunstaufgaben unfähig macht".(Fortsetzung folgt.) Am Schuylkill.(Bild Seite 56.) Römer und Griechen, obschon in der Schifffahrt wohlbewandert, waren keine eigentlich seefahrenden Nationen; sie befuhren nur Binnenmeere und erforschten die Küsten benachbarter oder doch nicht allzuweit entlegener Länder— aus die Weltmeere, wie es doch die Phönizier schon gethan, wagten sie sich nicht hinaus. Zwar sagt schon der römische Schriftsteller Seneca: „Nicht der Länder letztes ist Thüle," allein diese Aeußerung beruhte mehr auf Bermuthung, denn auf positiver Kemitniß. Den romanischen und germanischen Völkerschaften war es vorbehalten, die unendliche Wasserwüste nach neuen Welttheilen zu durchforschen. Mit der Ent- dcckung Südamerikas(1498) begann leider auch die Vertilgung seiner Eingebornen, doch auch Nordamerika sollte dieses blutige Schauspiel nicht erspart werden. Nachdem die weltliche Macht Cromwclls in England gebrochen war und seine Anhänger sich allenthalben gedrückt und verfolgt sahen, entschloß sich im Jahre 1681 eine kleine Gemeinde von Puritanern zur Uebersiedlung nach Nordamerika. Die„Pilger der Wildniß" haben nach schwerer Mühsal am Flusse Schuylkill Phila- delphia(Stadt der Bruderliebe) gegründet und billig, jedoch ehrlich, den Indianern das umliegende Land abgekauft. Da das„heilige Erperinient", die Gründung des Quäkerstaates auf einem Areal von 2450 Quadratmeilen, von dem englischen König Karl dem Zweiten nicht anerkannt wurde, mußte der Gründer William Penn seine Rechtskräftig- keit noch einmal mit 16000 Pfund Sterling erkauscn. So entstand der Embryo der Vereinigten Staaten Nordamerikas. Die primitiven Kolonien erstarkten nach und nach in stetem Kampfe mit den Indianern, bis sie endlich dieselben siegreich zurückdrängten. Die Geschichte der in vielen Beziehungen so hochbegabten rothen Rasse hat es leider traurig genug bestätigt, daß der Indianer überall von der Civilisation verzehrt wurde, ob er nun gegen sie aukämpfte oder sich ihr unterwarf. Was heute noch davon übrig geblieben, ist Menschenschutt, den der nächste Sturm auf seinen Schwingen entführen wird. Mit dem In- dianer ist auch sein Ernährer, der Urwald, verschwunden. Die neuen weißen Ansiedler brauchen Ackerland und rotten schonungslos die Riesen der Pflanzenwelt aus. Der hochkultivirte Osten Nordamerikas hat, mit Ausnahme der großen Waldbestände am Alleghanygebirge, nur spärliche Baumoasen auszuweisen. Unser Bild, welches sich am Fuße des Alleghanygebirges, dieses letzten Hortes der Romantik, entsaltet, bestimmt uns zu einer Schilderung desselben. Diese granitne Wasser- scheide zwischen dem Atlantischen Ozean und den großen Seen nebst dem Riesenstrome Mississippi, erstreckt sich vom nordöstlichen Theile Alabamas aus in nordöstlicher Richtung über 2200 Kilometer weit durch die mittleren atlantischen Staaten und Massachusetts bis jenseits des Hudson in die Neuenglandstaaten, anfangs im Süden in bedeuten- der Entfernung von der Ostküste Nordamerikas sich erhebend, dann sich derselben allmälich nähernd und am nördlichen Ende oberhalb Newyork an der Hudsonsmündung nahe an dieselbe herantretend. Es besteht aus langen, parallelen, durch flache Längsthäler getrennten Ketten, deren Zahl an einigen Stellen bis auf zwölf steigt und die so schmal sind, daß sie von der ganzen, 200—300 Kilometer betragenden Breite des Gebirges nur etwa ein Dritttheil einnehmen. Die mittlere Kammhöhe des Gebirges, das von zahlreichen Ouerthälern durchsetzt wird, ist S00 Meter, und seine höchsten Gipfel steigen nicht viel über 2000 Meter empor. Dessenungeachtet machen die Alleghanyketten, wenigstens auf der Ostseite, wo sie im allgemeinen ihren steileren Abfall haben, einen imposanten Eindruck. In einem dieser tief eingeschnittenen Querthäler der Allcghanys entspringt der Schuylkill, der auf einem kurzen, aber schönen Lauf an Philadelphia vorbeigleitet, um in der Bai von Delaware zu münden. Die Szenerie unsres Bildes ist ober- halb Philadelphia. Aus dunkelschattirtem Gestein und lichtem Baum- grün hat die Natur hier einen Dom aufgebaut, den sie mit der azur- blauen Himmelskuppel überwölbte. Auf einem verwachsenen, durch Geklipp und Gestrüpp aus- und niedersteigenden Pfade hat unser Wanderer im Morgengrauen sein Lieblingsplätzchen im Walde auf- gesucht, um den erwachenden Tag zu begrüßen. Lieber Leser, ich rathe dir, wenn du es noch nicht gethan hast, so schnell als möglich dem Beispiel unsres einsamen Wanderers zu folgen. Jeden Menschen, welcher nicht ganz ohne Natursinu ist, wandelt ein zugleich feierliches und frohes Gefühl an, wenn er an einem schönen Sommermorgen in die Stille und Einsamkeit eines weiten Waldes sich verliert. Mit der Andacht weckenden Dämmerung umfängt ihn der kühle Forst. Das Auge badet sich mit Wollust in den harmonisch ineinanderfließenden Schattirungen saftigen Grüns, der frische Harzgeruch schmeichelt den Sinnen wie entzündeter Weihrauch, durch die Kreuzbogendecke der tausendfach verschlungenen Wipfel rieselt verstohlen grüngoldenes Licht herab, rings in Moos und Busch regt sich leise schwirrend zahlloses Jnsektcnleben, ein entzückendes kühles Säuseln macht die Blätter kaum hörbar rauschen; dann hebt dadrüben im schattigsten Dickicht die Drossel ihr schmelzendes Morgenlied an, und dort hämmert der muntere Specht den Takt dazu. Deine Brust hebt und weitet sich, du fühlst dich be- glückt, wieder einmal in recht unmittelbaren Verkehr mit der Natur getreten zu sein, und mischest stillselig deinen Odem mit dem ihrigen. Zu solcher Stunde und auf solchem Gange spürest du so deutlich, wie sonst nie, jenes geheimnißvolle Etwas dich anhauchen, was die Menschen Begeisterung, Andacht, Poesie zu nennen pflegen, jenes Emporgehoben- sein über die Schranken kleinlich konventioneller Verhältnisse in die Sphäre süßbestrickender Naturgewalten, welche nun und nimmer müde werden, sortzudichten an ihrem ewigen Wundermärchen. Auch unsern Wanderer lockte die Phantasie in das romantische Land der Träume, um ihm dort seine kühnsten Wünsche verwirklicht zu zeigen. Da gellt der Pfiff eines Dampfers, der die sonncnglitzernde Spiegelfläche des Schußlkill durchschneidet, und das duftige Traumgebildc der Romantik ist am rauhen Fels der Wirklichkeit zerschellt und zerstoben. Der stille, sinnende Wanderer wird zum Raubthier und wirft den Hamen aus, um die muntere Forelle zu ködern. Hat er ein Recht dazu? Fragt den Löwen, warum er kein Pflanzenfresser ist. Der Fischfang ist gleich- wie die Jagd ein Eingriff in den Haushalt der Natur. Beide ent- springen dem Zerstörungstrieb, der, so paradox das auch klingen mag, von dem Erhaltungstrieb hervorgerufen wird. Die Wechselwirkung dieser beiden Pole ist der Hebel jeglicher Arbeit. Sie hat Religionen und Gesetzbücher diktirt, Berg- und Feldbau, Handel und Gewerbe ins Leben gerufen, und wird, von der Wissenschast unterstützt, den Traum des griechischen Philosophen Plato verwirklichen, insofern es die menschliche Leidenschast zuläßt. Wo einst auf der Achtung, die der Orkan in den fast undurchdringlichen Urwald gerissen, der Delaware-Jndianer den Spuren des Wapiti-Hirsches folgte, und später der weiße Jäger(Trapper) dem Biber, dem Waschbär und der Moschusratte Fallen stellte, oder der Hinterwäldler(Backwoodsman) mit Wolf und Bär um den Besitz der Wildniß stritt, stampft das Dampfroß auf länderverbiudcndcn Schienen und trägt den Ueberfluß von fünf Weltthcilen zum Bedarf der meilen- großen Städte, die in ihren stolzen Mauern Einwohner nach Hundert- lausenden beherbergen. Während der unausgesetzte Krieg der rothen Ureinwohner selbst die Annäherung der Nachbarstämme verhinderte, eilt der weiße Mann unangefochten auf den Schwingen des Dampfes von Newyork nach San Francisco und liest im Eisenbahncoupö, während der Zug die 6000 Fuß hohe Barre der Felsengebirge auf- und nieder- dampft, die tclegraphischen Berichte aus allen füns Weltthcilen. Und all' diese Wunder hat sein Geist im Laufe von ein paar Generationen bewerkstelligt. Amerika brauchte zu seiner Civilisirung ebensoviel Jahr- hunderte, wie China, Indien und Aegypten Jahrtausende. Das ist der sreie Antrieb eines freien Volkes. Wer kann heute d,e Grenzen der menschlichen Thätigkeit bestimmen? Wer kann in die Zukunft sehen und sagen, wie es in hundert oder zweihundert Jahren aus Erden aussehen wird, wo jeder Tag neue Erfindungen und zu deren Verwirk- lichung neue Bauten bringt. Und doch sind die kühnsten Bauten, verglichen mit dem Ausbau der Gestirne, Maulwurfshügel, die dem Zahne der Zeit kaum ein paar Jahrhunderte widerstehen. „Wohl stürzt, was Macht und Kunst erschufen, Wie für die Ewigkeit bestimmt, Doch alle Trümmer werden Stufen, Darauf die Menschheit weiter klimmt." Dr. M. T. Seltene Thiere.(Bild Seite 57.) Wer kennt sie nicht, jene buntgefiederten, kugelschnäbeligen Geschöpfe, die wegen ihrer Geschwätzig- keit die Lieblinge der Menschen geworden sind, und vielleicht grade weil viele Menschen durch diese Eigenschaft sich mit ihnen verwandt zu suhlen Ursache haben! Soviel steht fest, durch die hochgradige Ent- Wicklung und den Gebrauch der Sinne steht der Papagei mit aus der höchsten Stufe des Thierreichs und, wenn man den Mittheilungen der zahlreichen Beobachter vollen Glauben schenken darf, kann aus seinem Betragen mancher Mensch etwas lernen. Wegen ihrer geistigen Ent- Wicklung haben sich mit dem Thierleben eingehend beschäftigende Forscher, wie z. B. der verdienstvolle Brehm, die Papageien„befiederte Affen" genannt, die alle guten und schlechten Eigenschaften ihrer Vorbilder besitzen. Andere Vögelzüchter stellen sie wegen ihrer ihnen eigenen ver- hältnißmäßig bedeutenden Fähigkeit zur Erlernung der verschiedensten Sprachen und der oft gradezu frappirenden geschickten Anwendung von erlernten Redensarten an geeigneter Stelle, hoch über den Affen. Es mag zugleich bemerkt werden, daß sie namentlich in Nordostasrika fast ausschließlich in Gesellschaft dieser„Vicrhänder" leben. Mit Ausschluß Europas bewohnen die Papageien alle Erdtheile. Von den 355 Arten, die man 1868 kannte, leben 142 in Amerika, 85 auf den Papuinfelu und Biolukken, 60 in Australien, 30 in Polynesien, 25 in Afrika, 10 in Südasien und auf den Sundainjeln. Durch neuere Entdeckungen sind noch einige 20 neue Arten hinzugekommen, doch dürste das Verhältniß wohl wenig dadurch geändert worden sein. Zumeist leben sie in der heißen Zone und in den Wäldern, doch leben auch einzelne Arten in baumlosen Ebenen und Steppen, andere sogar in den Höhen der Andes (die unter dem Namen Cordilleren bekannte amerikanische Gebirgskette), über dem Holzgürtel— d. h. die Grenze, wo größtenthcils insolge der Kälte das Gedeihen der Bäume unmöglich ist—, 3500 Meter über dem Meeresspiegel. In den tropischen Wäldern sind sie am zahlreichsten und wie Brehm mittheilt, in Afrika so stark vertreten, wie bei uns die Krähen, ebenso in Australien, wie in Deutschland die Sperlinge. Außer der Brutzeit leben sie meist in Gesellschaften, machen gemeinsame Ausflüge, um Nahrung zu suchen, wobei sie ihre Wachen ausstellen, um sich gegen Ueberfälle zu schützen, und kehren des Abends wieder nach ihrem Lagerplatz zurück. Ihre täglichen Wanderungen erstrecken sich oft auf 12 bis 20 Kilometer Entfernung. Einzelne Arten hat man beobachtet, wie sie des Morgens ausflogen, des Mittags badeten und sich dann in dem dichten Laub der Bäume vor den Sonnenstrahlen verbargen, des Nachmittags wiederum Nahrung suchten und, nachdem sie des Abends noch ein Bad genommen, wieder nach ihrem Wohnort zurückflogen. Letztere nehmen sie entweder in dichten Laubkronen, durch- löcherten Felsen oder in Baumhöhlen, und zwar auch gemeinschaftlich. Da ihre Zerstörungslust noch ihre große Gefräßigkeit übersteigt, so sind sie in den Maisfeldern und Obstplantagen ungern gesehene Gäste. Sie gehen jedoch bei ihren Räubereien so listig zu Werke, daß ihnen schlecht beizukoimncn ist. Entweder verhalten sie sich beim Nahen des Angreifers so mäuschenstill— was ganz gegen ihre sonstige Gewöhn- heit ist—, daß niemand ihre Anwesenheit merkt, oder die Wachen geben ihre Signale und der ganze Schwärm fliegt davon, laut schreiend, wenn er außer Schußweite ist. Dabei ist ihre Anhänglichkeit so groß, daß wenn ja ein über den angerichteten Schaden erboster Landmann mehrere von der Schaar erschießt, die Uebcrlebenden immer wieder zu ihren todten Genossen zurückkehren, um schließlich auch den Wirkungen des Feuergewehrs zum Opfer zu fallen. Pflanzenstoffe, wie Früchte, Sämereien, Blüthenhonig und Blllthenstaub sind ihre Nahrung; doch gibt es auch Fleischfresser. Das Geschäft der Fortpflanzung verrichten sie in der Jahreszeit, die in ihrer Heimat unserm Frühling gleich- kommt. Einige Arten brüten nur einmal, andre zwei- bis dreimal im Jahre. Zur Brütstätte benutzen sie ähnliche Plätze, wie die oben- genannten, oder arbeiten sich in Ermanglung deren auch selbst Höhlen vermittels ihres Schnabels in Baumstämme oder auch in die Erde. Die Alten füttern ihre Jungen, pflegen sie in der zärtlichsten Weise und verthcidigen sie hartnäckig gegen etwaige Feinde. Dabei leben sie, wie behauptet wird, aus Lebenszeit in der strengsten Einehe. Ver- waiste Junge werden ost von ältern gepflegt und aufgezogen. Verschieden- artige treten auch in Freundschafts- und Liebesverhältnisse zu einander, und ein Beobachter erzählt, daß ein Männchen, dem sein einer andern Art angehörendes Weibchen gestorben, einem andern seines Geschlechts die der Art der Verstorbenen angehörende Gattin abspenstig gemacht habe und zwar, indem er den Käfig derselben zerstörte.— Thcils wegen ihres Fleisches, aber noch öfter wegen ihrer schönen Federn, macht man Jagd aus die Papageien. Um die Jungen zu fangen, fällen die Wilden einfach die Bäume, in denen sich die Nester befinden, und wesentlich auf diese Weise ist die Urbarmachung der heißen Wälder 64 zustande gekommen; man brachte die Federn den Herrschern als Frohn- gäbe. Bei der Entdeckung Amerikas haben die Papageien eine Rolle gespielt._ Pinzon, der Begleiter des Kolumbus, hatte diesen gebeten, den Lauf des Schiffes zu ändern, indem er sagte:„Es ist mir wie eine Eingebung, daß wir anders steuern müssen." Alexander von Humboldt belehrt uns jedoch:„Die Eingebung und was das Herz ihm sagte, verdankte Pinzon, wie den Erben des Kolumbus ein alter Matrose erzählte, einem Fluge Papageien, den er abends hatte gegen Südwesten fliegen sehen, um, wie er vermuthen konnte, in einem Gebüsche zu schlafen. Niemals hat der Flug der Vögel gewichtigere Folgen gehabt." Die Zähmung der Papageien ist sehr alt, gewiß wurde sie schon kultivirt zur Zeit Alexanders des Großen. Im Alter- thum werden sie öfters erwähnt und bereits bei der Entdeckung Amerikas fand man gezähmte vor. Diese erwiesen sich oft als Wächter, indem sie ihren Pflegern, den Eingebornen, durch lautes Schreien die Ankunft der europäischen Feinde verristhen. Die größeren Arten gewöhnen sich nicht nur in den kälteren Zonen an die dortige Nahrung, sondern auch oft nebst anderm an Thee, Kaffee, Wein und Bier; die kleineren weichen jedoch nicht von ihrem Körnerfutter. Die üble Gewohnheit, sich die Federn auszurupfen, soll nach manchen Angaben ihren Grund in der Fleischkost haben, andere behaupten dagegen, daß die Langeweile diese von Natur so lebhaften Thiere zu solcher Unart treibe. Ein Stückchen weichen Holzes dem Papagei zur Verfügung gestellt, genüge, um seine Zerstörungssucht von seinem Federkleide abzuleiten. Genügendes Futter sei ein ebenso probates Mittel. Hans, hartgekochter Reis, Haser, Mais, Salat, Kohl und Früchte sind für die größcrn, Hirse, Kanariensamen, Salat und Pflanzenblütter für die kleineren Arten die beste Nahrung; Petersilie und bittre Mandeln sind Gift für sie. In der Gefangen- schaft pflanzen sie sich nur fort, wenn man ihnen jahraus jahrein neben einem geräumigen Lokal die sonst nöthigen und oben angedeuteten Be- dingungen einräumt. Der höchstbegabte unter den Papageien ist der Jako, und man erstaunt über die Fertigkeiten, welche derselbe bei fleißiger Schulung in der Sprache und Beobachtung erhält. Wer sich darüber näher unterrichten will, den verweisen wir auf das treffliche Werk Brehms. Der finstere Gesell, welcher sich oben links auf unsrem Bilde befindet, ist der Ararakakadu und gehört zu den größten unter den Papageien. Seine Gattung wird bestimmt durch die aus dem Kopf befindliche Federhaube, welche sich jedoch durch andre Bildung von der der wahren Kakadus auszeichnet. Sein Gefieder ist tiefschwarz und etwas ins Grünliche schillernd; durch den mehligen Staub, der aus den Federn des lebenden Vogels liegt, erscheint letztere Farbe eher grau. Das nackte Gesicht ist roth. Besonders sticht er hervor durch seinen riesigen Schnabel, mit dem er selbst Nüsse, deren Schale nur mit einem schweren Hammer zu zersprengen ist, öffnet und verspeist. Man erzählt von ihm, daß er in der Gefangenschaft alles Geschirr aus gewöhnlichem Thon, Porzellan und Gußeisen zerbrochen habe und in seinem Zerstörungs- eifer erst aufgehalten wurde, als er Ersatz von schmiedeeisernen Schüsseln er- hielt, die er weder umzustürzen, noch zu zerbeißen vermochte. In zoo- logischen Gärten ist er selten anzutreffen; der berliner soll, wie man uns mittheilt, ein Exemplar besitzen. Diesem Vogel gegenüber zeichnet sich der Fächerpapagei— der mitttere unsrer Gruppe— durch sein buntes Federkleid aus. Sein Gesicht ist bräunlich-fahl, Hinter- und Seitenhals, sowie die ganze Oberseite und die Schenkel sind glänzend- dunkelgrün, der sich namentlich im erregten Zustande aufrichtende Hals- kragen ist karminroth ins veilchenfarbige spielend, jede Feder an der Wurzel braunfahl und an der Spitze von einem breiten blauen Saum eingefaßt; die ganze Unterseite ist mit Ausnahme der seitlichen, außen grünen Brustfedern, ebenso gefärbt und gezeichnet; die Handschwingen und deren Deckfedern sind ganz, die vorderen Armschwingen an der Wurzelhälfte der Jnnensahne schwarz, die drei letzten grün, die Schwanz- federn, mit Ausnahme der äußersten innen schwarzen, außen dunkel- schwarzblauen, grün wie der Rücken, innen breit mattschwarz gerandet. Die ganze Länge des Bogels bettägt L7, die Fittiglänge 18 und die Schwanzlänge 14 Centimeter. Sein Wohnsitz ist, soviel bekannt, in den Wäldern am Amazonenstrom, Surinam und Guayana. Gezähmt wird er zu den freundlichsten Exemplaren seiner Gattung gezählt. Der dritte im Bunde, der einen Meter lange, mit einer Fittiglänge von 42 und einer Schwanzlänge von 58 Centimeter, Hyacintharara, steht nicht allein durch seine Größe, sondern auch durch seine Schönheit obenan unter den Papageiarten. Sein Schnabel ist groß, sein Gefieder einfarbig dunkel kobaltblau, Hals und Kops etwas lichter, die Wurzel der Federn grau, die Jnnensahne der Federn schwärzlich gesäumt; die Schwingen, Steuerfedern und die größten Unterflügeldcckscdern sind glänzend schwarz nebst deren Schäfte. Das Auge ist ticfbraun, der nackte Augenkreis nebst der nackten Haut um den Unterschuabel hoch orange, der Schnabel schwarz, der Fuß schwürzlichbraun. Er ist aus dem nördlichen Theil des mittleren Brasiliens verbreitet, aber tritt auch dort nur einzeln auf und ist eine seltene Erscheinung auf dem Vogelmarkt.— Der aus unserm Bilde als Repräsentant seltener Säuge- thiere fungirende Marderhund hat seine Heimat in Japan, China, im gemäßigten Ostsibirien und den Amurländern. Unter den langen, braunen Haaren besitzt er eine dichte, graue Wolle, wodurch bei der Bewegung des Thieres sich Falten im Pelz bilden, was zur Folge hat, daß dieser an einigen Stellen als grau, an andern als braun erscheint. Stirn und Schläsenpartie, Halsseiten und ein Fleck hinter dem Schulter- blatt, Nasenrücken und das Innere der Ohren sind bestimmt hell ge- färbt, dagegen sind Beine, Brust, Gesicht und Kehle schwarzbraun. Die Färbungen weichen sedoch vielfach von einander ab. Sein Kopf erinnert lebhast an Meister Reinecke, wie man versichert, soll er jedoch schüchtern von Natur sein und sich leicht erziehen lassen. In seiner Heimat wird er vielfach wegen seines schmackhaften Fleisches gejagt. nrt. Literarische Umschau. „Magazin für die Literatur deS Auslandes. Leipzig, Verlag von Wilhelm Friedrich." Diese von Dr. Ed. Engel in Berlin vorttefflich redigirte und von Mitarbeitern, wie Paul Heyse, Geibel, Bodenstedt, Alfred Meißner, Emilio Castelar unterstützte Zeitschrift bildet seit einem halben Jahrhundert den besten Anknüpfungspunkt sür alle auf die Pflege der Weltliteratur gerichteten Bestrebungen. In dem Todesjahr Goethe's gegründet, hat es schon bei seinem Entstehen die Aufmerksam- keit selbst dieses Hochmeisters deutscher Literatur erweckt. Es beschäftigt sich in gleicher Sorgfalt und Liebe mit sämmtlichen Literaturen der Kulturvölker und gewährt damit eine Umschau über die geistige Be- wegung aller dieser Völker, wie sie jedem wahrhaft Gebildeten, wenn nicht Bedürfniß ist, so doch jedenfalls sein sollte. Die Auf- gäbe, welche der Verleger seinem„Magazin" gestellt hat, nämlich, um seine eigenen Worte zu gebrauchen:„jede bedeutsame Erscheinung der Literatur, gleichviel, ob in Frankreich oder in China, in Ruß- land oder in Portugal— wenn sie nur für gebildete Leser von Jnter- esse ist— kritisch seinem Publikum vorzuführen, ist jedenfalls eine der schwierigsten, welche auf dem Gebiete der Zeitliteratur überhaupt gestellt werden können. Es freut uns, versichern zu können, daß der Erfolg dieses berufenen Unternehmens nicht blos in dem Tröste besteht, Großes gewollt, sondern auch in der Thatsache, wirklich Rühmenswerthes geleistet zu haben. Nicht allein in Anbetracht des Inhalts, sondern auch angesichts des 32 große Spalten umfassenden Umfangs der Wochen» schrift ist der Preis, 4 Mark vierteljährlich, äußerst wohlfeil zu nennen. „Deutscher Handwerker- und Arbeiter- Notizkalender für das Jahr 1881. Nürnberg, Verlag von Wörlein und Gen." Der neue Jahrgang dieses in immer weiteren Volkskreisen beliebt werdenden Kalenders enthält außer dem Kalendarium und den diesem angefügten Daten bezüglich der Geburts- oder Todestage berühmter Männer oder der Jahrestage erinncrnswcrther Ereignisse eine stattliche Reihe von Gesetzen und gesetzlichen Bestimmungen, welche sür Handwerker und Arbeiter von besonders hoher Bedeutung sind; nämlich die für Arbeiter und Gewerbtreibende wichttgsten Bestimmungen der Reichsgewerbe- ordnung, das Haftpflichtgesctz, das Wuchcrgesey, das Gesetz gegen die gemciiigesährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, sowie das die Verlängerung desselben bestimmende Gesetz vom 31. Mai 1880, endlich das Wahlgesetz für den deutschen Reichstag. Außerdem bietet der Kalender eine reichhaltige Zusammenstellung der das große Publikum angehenden Bestimmungen des Postverkehrs nebst einer Zinsbcrechnungs- tabelle und einem Wechselstempeltarif für das deutsche Reich. Den Schluß bilden die sür die Notizen eines jeden Tages im Jahre be- stimmten leeren Blätter, an Zahl und Papierbeschaffenheil für die An- sorderungen derer, denen der Kalender gewidmet ist, wohl vollkommen genügend. Der so sehr billige Preis berechtigt die Verlagshandlung zu der Hoffnung auf erhebliches Steigen des Absatzes ihres auch schon in den früheren Jahren in vielen taufenden zur Verbreitung gelangten gemeinnützigen Werkchens. Sprechsaal für jedermann. Wo befindet sich illr. Franz Bröcker, Manufacturer of Segara. Derselbe wohnte vor circa vier Jahren in Rew-Uork, City 1075, Third Ave, Amerika, und soll jetzt in Baltimore wohnen. Derselbe wird gebeten, seine Adresse an Fritz Haburg, Potsdam, Junkerstraße 24, behufs wichtiger Mittheilung gelangen zu lassen.— Alle befreundeten Blätter in Amerika werden um Abdruck gebeten. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Diät des Geistes und des Herzens, von Dr. meck. Ed. Reich.— lieber das Problem des Fliegens, von Ingenieur P- Köhler.— Mein Freund, der Klopsgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.(V.)— Ein Hauch von LejsingS Geiste.— Am Schuylkill(mit Illustration).— Seltene Thiere(mit Illustration).— Literarische Umschau.— Sprechsaal für jedermann. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südsttaße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.