Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. l«81. [1380] Die$A Roman von Das Geräusch, das Marie mit dem klirrenden Porzellan her- vorbrachte, wirkte ernüchternd und brachte einen schnellen Wechsel in Elviras Stimmung hervor. Sie brach plötzlich ab und sah mit einem Blick des Unwillens um sich. „Welche Vorbercitnngen," murmelte sie,„welcher Aufwand von Zeit und Mühe eines alten Weibes wegen, dessen Besuch man zu einem Ereigniß erhebt. Sie gehen förmlich darin auf, und sie lassen sich's noch kosten,— aber können sie sich diesem Zwange entziehen, kann ich es? Wir leben unter diesen Leuten, wir müssen uns ihnen anpassen,— und ist diese Hofräthin vielleicht die schlechteste unter ihnen?" So sann sie einen Augenblick nach, dann schleuderte sie das Notcnhcft über das Pult hinweg, schob dieses zurück und, sich vornüber beugend, Ivarf sie mit einem gewissen Ungestüm beide Arme über den Kasten und ließ ihren Kopf darauf fallen. „Könnte ich nur fort, hier sterbe ich!" Sie rief's in nur halb unterdrückten Lauten, die aus der Tiefe des Herzens kamen. Elvira war nicht in dieser Umgebung aufgewachsen; sie war fast siebzehn Jahre alt gewesen, als ihre Mama hierher übergesiedelt war, und damals bereits regte sich das ehrgeizige Streben in dem Mädchen, und lange vorher schon der dunkle Drang nach künstlerischer Ausbildung. War's ein Wunder, wenn ihre Augen all' diese Verhältnisse, die ihrer In- dividualität, ihrem innerlichen Bedürfnisse entgegenstanden, miß- günstig betrachteten? Nach einer Weile erhob sie sich und trat an das Fenster. Sie öffnete es, es war heiß in dem Zimmer, sie verlangte nach Kühlung. Sie blickte hinmis, ohne etwas zu sehen. Unbestimmte Gestalten zogen an ihrem Geist vorüber, goldene Ideale der Kunst und auch— der Künstler. Die dunklen, tiefen Augen, die eines so wechselnden Ausdrucks fähig waren, blickten nun sanfter, �um den interessanten Mund lagerte sich ein verklärender Zug. Jetzt lächelte sie. Sie gedachte eines jungen Mannes, der wie sie unter diesen Kleinstädtern zu leben ge- zwungen war, der wie sie der Kunst angehören wollte, und dessen Ausbildung, wie bei ihr, durch widrige Verhältnisse verzögert ward. Fritz Bergers gedachte sie. Und wieder wechselte der Ausdruck ihres Gesichts. Er ward ernster.„Er ist ein Mann, er kann diese widrigen Schicksale leichter überwinden," sagte sie sich;„er wird es auch, er wird von allem Hemmenden sich be- steien und dorthin gehen, wohin ihn seine Begabung ruft,— aber ich? Nun. sollte es denn für mich so ganz unmöglich sein?" Sie richtete sich auf und warf den Kopf in die Höhe, aus den KavtsKy.(5. Fortsetzung.) Augen sprühte ein Feuer, das einen festen Willen verkündete. „Unmöglich?" wiederholte sie, wie sich selbst befragend. Welch' kräftig organisirtes, achtzehnjähriges Gemüth glaubt an etwas Unmögliches, was scheint ihm unerreichbar?! Auch Elvira glaubte nicht recht an diese Unmöglichkeit, obwohl sie bisher noch keine Möglichkeit sah, dem heißersehnten Ziele auch nur um ein geringes näher zu kommen. Keine Anregung, keine Förderung, keine Unter- stützung von irgendeiner Seite ward ihr zutheil, und sie war nur ein arines, Hülfloses Mädchen. Jetzt steckte Marie den Kopf zur Thür herein.„Die Hof- räthin kommt!" rief sie.„Wie, Elvira, du hast das Fenster ge- öffnet? Ich bitte dich, schließe es nur schnell, du kennst sie ja." Schon war sie wieder draußen. Elvira nickte langsam mit dem Kopfe, als ein Zeichen der Bejahung, daß sie sie sehr gut kenne, dann schloß sie ebenso be- dächtig die Fensterflügel ineinander, ohne sie indeß durch den Riegel zu befestigen. Schon vernahm sie die begrüßenden Stimmen ihrer Mama und Schwester und die hohe, schnarrende der Frau Hofräthin. Nochmals warf sie einen Blick schelmischen Froh- lockens, der nicht ganz ohne Bosheit war, nach dem Fenster und schlüpfte hierauf rasch in Mamas Schlafstübchen, von wo einige Stufen und eine winzige Tapetenthür nach ihrem und Mariens Zimnier führte. Im Vorzimmer war man noch um den„lieben" Gast be- müht. Die Hofräthin hüstelte, sie beklagte sich über das ungesunde Wetter und über den weiten Weg, und betonte, wie nur ihre große Freundschaft für Frau Weiß sie bewegen könne, ihre Gesund- heit in ähnlicher Weise aufs Spiel zu setzen. Frau Weiß dankte in gerührten Worten für diese große Auf- merksamkeit und Selbstlosigkeit. Marie war indeß daran, die Daiiw aus ihren Hüllen heraus- zuschälen. Dies war aber nicht so leicht zu bewerkstelligen. Schon hatte sie eine beträchtliche Menge davon abgelegt, und noch immer zeigten sich neue, den kleinen, dürren Körper nach allen Rich- tungcn umschlingenden Gewebe. Die Frau Hofräthin hatte eine ewige und ganz ungemeine Furcht vor Erkältungen, und war in der ängstlichsten Weise bemüht, sich dagegen zu verwahren und zu schützen. Durch diese übertriebene Sorgfalt, sich warm zu erhalten und nur ja kein Lüftchen an sich herankommen zu lassen, erreichte sie grade die entgegengesetzte Wirkung und sie>var Ver- kühlungen nur um so leichter ausgesetzt. Sie glaubte sich immer leidend. Aber das immerwährende Mitsichbcschäftigtsein zerstreute VI. K. November 1880. sie; sie begann medizinische populäre Schriften zu lesen, die sie nur halb verstand, und sie fand bald ein ungemeines Vergnügen daran, sich von all' ihren wirklichen oder eingebildeten liebeln selbst zu kuriren. „Mariechen, mein liebes Ämd," schnarrte sie,„nehmen Sie doch die Bonbonniere ans meinem Mantelsack, ich kann sie nicht missen. Sie wissen ja, liebe Weiß, mein ewig trockner Hals, meine Kehlkopfaffektionen, wenn ich da nicht eine kleine An- feuchtung nähme! Haben Sie die Bonbonniere? Danke schön. Noch das Sacktuch, es steckt im Müffchen." „Hier ist auch eins, sogar zwei," bemerkte Marie, dieselben aus der Manteltasche hervorziehend. „Lassen Sie sie nur stecken, ich kann ihrer nicht genug bei mir tragen; ich bitte Sie, bei meiner Enrhümirung, bei meinem Stockschnupfen—" Sie schneuzte sich.„Aber was wollen Sie denn?" fuhr sie fort, Marie abzuwehren,„Sie werden doch nicht erwarten, daß ich meinen Seelenwärmcr schon hier im Vorzimmer ablege, noch dazu, wo hier ein Fenster geöffnet gewesen. Leugnen Sie es nur nicht, ich habe es gesehen, wie Sie es, als ich herein- trat, schnell geschlossen haben, und nicht einmal völlig, wie mir scheint. Ich versichere Sie, Frau Weiß, es gibt nichts Verderb- licheres, als diese sommerlichen Gelüste im April, davon kommen die meisten Krankheiten; aber das wird natürlich nicht beachtet, ja, ja." Sie seufzte über diesen leichtsinnigen Unverstand ihrer Mitmenschen tief auf. „Bitte nur einzutreten, Frau Hofräthin," sagte Frau Weiß, die im Gegensatz wieder an großer Hitze zu leiden Pflegte,„ich habe Ihretwegen das Zimmer heizen lassen; dann werden wir auch bald heißen Kaffee bekommen." Die Hofräthin nickte gnädig. „Ich sehne mich heut wirklich darnach, und bei Ihnen ist er wenigstens trinkbar." „Frau Hofräthin sind zu gütig." „Ja, ich sage es allerwegen, bei der Weiß trinke ich den Kaffee gern, bei euch andern muß ich mich dazu zwingen." Sie hatte sich der Zimmerthür genähert und hielt die Klinke in der Hand.„Nur noch die Füße abputzen, damit ich Ihnen die schönen Böden nicht schmutzig mache." „O, Sie beschämen mich, Frau Hofräthin, mein Fußboden, ach, mein Gott, der ist nicht so, wie der Ihre." „Nun ja, liebe Freundin, ich bin auch in allem, was Reinlich- kcit heißt, wirklich extrem." Sie wischte und putzte noch immer. Endlich öffnete sie die Thür. Ein heftiger Windstoß fuhr ihr entgegen; die Fensterflügel des Vorzimmers wurden weit auf- gerissen, die entgegengesetzten im Zimmer schlugen dröhnend und klirrend zusammen. Die Spitzenvorhänge, aus ihren Haltern getrieben, bauschten sich hoch auf. Die Hofräthin stieß einen Schrei des Entsetzens aus. „Himmlische Güte, mein Kopf, mein Hals,— wollt ihr mich tödten?" Marie stürzte nach dem einen, Frau Weiß nach dem andern Fenster, um sie zu schließen. Sie erschöpften sich hierauf in Entschuldigungen, den Wind und die schlechtschließenden Fenster für das Malheur verantwortlich niachend. Die Hofräthin hatte in zorniger Hast bereits einige Hüllen über sich geworfen, und sie langte nun nach den übrigen. Sie wollte fort. Ihre Eni- rüstung war zu groß, sie wollte sich nicht zurückhalten lassen. Nur die inständigsten Bitten von Frau Weiß und der Geruch von frischgebrannteni Kaffee wirkten allmählich besänftigend auf ihre Nerven und sie steckte nun doch, vorsichtig fühlend, den Kops zur Thür hinein, um erst, nachdem sie die angenehme Temperatur, welche innen herrschte, erprobt, mit einem Seufzer die Schwelle zu überschreiten. Sie ließ sich, wie erschöpft, auf dem Sopha nieder, und Marie hatte sie bald von allen Seiten dergestalt mit Kissen um- geben, daß sie kaum Platz zum Sitzen hatte. Sie Hüftelte, nahm wiederholt Bonbons und verlangte mit schwacher Stimme nach weicher Baumwolle, um sie in die Ohren zu stopfen,„da sie bereits das Reißen bis in das Gehirn hinein verspüre." Frau Weiß setzte sich neben sie, der Grämlichen, Unzufriedenen alle nur erdenklichen Liebenswürdigkeiten erweisend, und sich be- mühend, sie durch die Mittheilung von Geschichtchen und allen möglichen Neuigkeiten aufzuheitern und ihr Interesse wachzurufen. Aber die Hoftäthin fügte nur hie und da eine malitiöse Be- merkung hinzu und versicherte kühl und gelangweilt, daß sie das alles schon wisse. Aber mit dem Ofen wurde auch die Hofräthin wärmer, und endlich richtete sie sich in ihren Kissen auf und, ihrer Wirthin einen triumphirenden Blick zuschleudernd, bemerkte sie: „Wie können Sie Sich, meine Beste, mit so alten Geschichten herumtragen, und von den wirklich neuesten Ereignissen haben Sie keine Ahnung, wie es scheint." Frau Weiß gab es einen Riß.„Wie, es gäbe noch andere Vorkommnisse?" Die Hofräthin hatte ein überlegenes Lächeln, wobei man einen Tbeil ihres falschen Gebisses in seiner kunstvollen Gleichmäßig- keit bewundern konnte, dann neigte sie sich ihrer Freundin zu. „Der junge Baron wird in der Villa erwartet. Er kann heute oder morgen eintreffen." Frau Weiß schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. „Was Sie sagen, ist es möglich? Er hat sich seit dem Be- gräbniß seines Onkels, der ihm die schöne Villa hinterließ, nicht hier sehen lassen." Die Hofräthin lachte hohnvoll auf. Das ganze Gebiß leuchtete in glänzender Weiße entgegen. „Sehen lassen, haha, sehen lassen! Haben Sie ihn vielleicht gesehen? Ich war nicht so glücklich. Absichtlich verborgen hat er sich gehalten, mit niemandem hat er verkehrt, hatte aber dann die Unverschämtheit, zu sagen, Waidingen sei ein langweiliges Nest. Nun freilich, die Lustbarkeiten, an die er gewöhnt ist, hat er hier nicht finden können; ich sage, Gott sei Dank, obwohl es bei uns mit der Moral nicht zum besten bestellt ist, aber für so einen lockeren Zeisig, für so ein an alle Laster gewöhntes Individuum ist es hier—" Ein Husten unterbrach sie; sie Ivendete ihren Zorn gegen Frau Weiß. „Sehen Sie, das habe ich davon— hm, hm— kuz, kuz— das sind die Folgen Ihrer Unvorsichtigkeit,— mein Hals ist ein Reibeisen,— kuz, kuz,— wenn ich krank werde, haben Sie die Schuld." Nachdem sie einen Bonbon genommen, wurde sie wieder sanft- müthiger. „Der Onkel war gradeso," erzählte sie, ihre Zunge an dem Bonbon festsaugend und daran schmatzend,„auch so ein mauvais sujet, aber doch viel liebenswürdiger." „Sie kannten ihn also?" fragte Frau Weiß. „Ich kannte die ganze Familie," versicherte die Hofräthin mit viel Aplomb,„nur dieser Neffe ist mir nie in die Quere ge- kommen." „Und weshalb kommt er denn jetzt? Für einen Landaufenthalt ist die Jahreszeit noch zu wenig vorgerückt, meine ich." Wieder zeigte die Hofräthin ihr häßliches Lächeln. „Wer weiß es denn? Er braucht vielleicht dringend etlvas! Landlust, der junge Herr, etwas Ruhe und Erholung, haha, hat es wohl in der Wintcrsaison etwas zu arg getrieben." „Sie werden das schon erfahren, liebe Frau Hofräthin." „Ja, von wem denn?— ich bitte Sie. Wenn da oben nicht eine taube Haushälterin wäre und ein Gärtner, ungehobelter und brummiger, als ein Bär. Wenn ich nicht zu Lebzeiten des alten Herrn in die Villa gekommen wäre, ich wüßte garnicht, wie es darin aussieht." „Sie soll im Innern sehr hübsch eingerichtet sein,— sehr geschmackvoll." „Das ist zu wenig gesagt, meine liebe Weiß, viel zu wenig. Sie ist luxuriös, mit äußerster Pracht in allen Theilen aus- gestattet. Ah, der Alte hat das verstanden, er war ein Kunst- freund und Kenner, es war die letzte Zerstreuung und Unter- Haltung, die er sich verschaffen konnte, zu allem andern war er unfähig geworden." In dem Augenblick hörte man eine kräftige Stimme die Skala von 0 bis C, zwei Oktaven, wiederholt auf und nieder singen und hierauf in Harpeggien sich ergehen, die rein und perlend klangen. „Ah, Elvira ist zuhause," rief die Hofräthin Pikirt,„und sie ist noch nicht gekommen, mich zu begrüßen?" Die Mama sucht ihre Tochter zu entschuldigen, die Hoftäthin war aber nicht geneigt, das gelten zu lassen. „Sie gestatten dem Mädchen eine Freiheit des Benehmens, die ich durchaus nicht billigen kann. Glauben Sie mir, theure Freundin, Ihre Elvira hat eine Anlage zum Leichtsinn." „O, Sie urtheilen zu strenge, Frau Hofräthin, sie ist ein so gutes, unverdorbenes Mädchen." „Sie müssen die Zügel straffer anziehen oder die Folgen dieser Schwäche fallen auf Ihr Haupt zurück." 67 Frau Wciß sah sehr erschreckt aus, die Hofräthin fuhr mit einer gewissen Härte"sort:„Was braucht sie zum Beispiel deu ganzen Tag zu singen, das ist doch keine Beschäftigung, ich habe nie in meinem Leben gesungen." „Sie singt in der Äirche, liebe Frau Hosräthin, zur Ehre Gottes, und sie singt sehr schön." Der demiithige Ton der Frau Weiß wurde zuversichtlicher, und es sprach sich eine gewisse Be- friedigung darin aus.„Der Herr Pfarrer selbst ist entzückt von ihr, und er meinte neulich, die Engelein im Himmel müßten, grade wie er, ihre Freude daran haben." „Wenn nur den lieben Engelein die Freude nicht baldigst verdorben wird," höhnte die Hofräthin,„wenn der leibhaftige Thcaterteufel in sie hineingefahren sein wird." Die Mama fuhr auf. Ihre welken Wangen wurden purpurn vor Unwillen und Entrüstung. „Wie können Sie so etwas sagen, Frau Hofräthin, der Theater- teufel! Gott behüte, das wird nicht sein, das kann nicht sein." „Oho, warum denn nicht, meine Liebe? Jetzt geht ja alles zum Theater und Elvira hat ganz das Zeug dazu; was noch nicht ist, wird werden, und Fräulein Luise, ihre Tante, wird schon redlich ihr Theil beitragen, um das herauszuzeitigen." „Das darf sie nicht, das wagt sie nicht," rief Frau Weiß noch erregter.„Sic weiß, wie mein seliger Mann darüber ge- dacht hat, was er ihr darüber gesagt hat, sie wird dem letzten Willen ihres verstorbenen Bruders nicht zuwiderhandeln, und dann bin ich auch noch da, und zum Theater laß ich sie nicht, nie und nimmer, und wenn sie alles von mir erreichte, das erreicht sie nicht." Es lag etwas ungemein Festes, Bestimmtes in dem Ton dieser sonst so schwachen und gefügigen Frau. Selbst die Hof- räthin erlaubte sich nicht, einem solch energischen Ausspruch gegen- über einen Zweifel zu äußern, sie zuckte nur mit deu Ächseln und blickte dann etwas ungeduldig gegen die Thür, ob denn der Kaffee noch immer nicht aufgetragen würde. Dem Wunsche folgte die Erfüllung auf dem Fuße. Marie erschien mit dem Kaffee- brett und sie machte sich sogleich daran, die Tassen zu füllen. Elvira trat nach ihr herein. Sie näherte sich der Hofräthin und bot ihr freundlich einen guten Tag. Diese, die gewohnt war, daß junge Mädchen ihr die Hand küßten, erwiderte den Gruß ziemlich ungnädig und wendete sich Marien zu. „Liebes Kind, ich hoffe, Sie haben deu Kaffee hübsch stark gemacht?" „Gewiß, Frau Hofräthin!" „Dann bitte ich, nicht allzuviel davon zu geben, lieber mehr Sahne, die Sahne ist doch gut?" „Die beste, die ich bekommen konnte. Ich denke, das wird die rechte Mischung sein?" „Sieht sehr gut aus, Sie sind ein liebenswürdiges Geschöpf, Mariechen." Sie nahm die Tasse entgegen und begann den Zucker umzurühren. Mama hatte unterdes; ihrer Elvira einen unzufriedenen Blick zugeworfen. Diese setzte sich neben die Hof- räthin und fragte in zuvorkommender Weise nach ihrem Be- finden. Die kleine Dame lächelte ein wenig, Elvira hatte sie an ihrer schwächsten Seite gefaßt. Ueber ihre Leiden und körper- lichen Zustände sprechen zu können, gewährte ihr eine viel zu große Befriedigung, als daß sie nicht die Gelegenheit ergriffen und sich eingehend darüber ausgelassen hätte. Sie sprach von allen möglichen„Symptomen", die sich bei ihr gezeigt, von Nerven- anfüllen und Krämpfen, von chronischen und akuten Uebeln, die ihr zu schaffen machten, welche sie aber, vermöge ihrer Erfahrung und ausgezeichneten Diagnostik, sofort erkenne und durch eine rationelle Behaudlungsweisc möglichst rasch zu beseitigen suche. Nur ihrer zarten Empfindlichkeit, welche sie immer wieder neuen Leiden zugänglich mache, vermöge sie nicht zu steuern und ebensowenig ihrer schwachen Verdauung. Sie hatte dabei ein Kipfel eingetaucht und verzehrt, jetzt legte sie ein großes Stück Kuchen auf ihren Teller. „Besonders in diesen Tagen," schloß sie ihre interessanten Ausführungen,„spüre ich eine abnorme Mattigkeit in allen Gliedern, die von rcagircndem Gähnen begleitet ist, ja, ich vcr- sichere Sie, liebe Weiß, meine Schwäche ist so groß, daß ich, fobald ich mein Bett besteige, bewußtlos zurücksinke." „Um erst am nächsten Morgen wieder zu neuem Lebe» zu erwachen? Wär' es möglich!" rief Elvira mit gut gespieltem Be- dauern, indeß es»in ihren Mund spöttisch zuckte. Die Hofräthin bejahte dies, den Rest ihrer Tasse hinunterschlürfend. „O, wie schade!" bemerkte Elvira.„Da können Sie also nicht deu Ball besuchen, natürlich bei solcher Schwäche, es würde Sie viel, viel zu sehr anstrengen." (Fortsetzung folgt.) Aeber das Problem des Fliegens. Bon Ingenieur 3?. Köhter. (Schluß.) Wahrscheinlich in der richtigen Erkenntniß von der Unzlveck- Mäßigkeit der ungeheuer voluminösen Luftbeutel betreffs der Lenkung im leichtbeweglichen Luftozcanc hat mau sich in neuerer Zeit wieder den Flugmaschinen zugewandt. Auf dem Papiere entstanden Flugmaschinen mit Dampf oder anderen Kräften be- lebt, große, drachenartige, feuerspeiende Ungethüme mit gewaltigen Flügeln, Flossen und Schwänzen, deren etwaige Ausführung in ihrer Ungeheuerlichkeit fast so erscheinen könnte, als hätte der Mensch eine zweite Auflage fliegender Urwcltsthicre veranstaltet, vielleicht uni sich die Langeweile zu vertreiben; denn jeder Nu- befangene würde von vornherein mehr oder minder starke Zweifel über die Zweckmäßigkeit derartiger Schöpfungen hegen. Man begegnet unter den Projekten von Flugmaschinen besonders zwei Formen der bewegenden Organe: den durch die Natur der Sache gebotenen Flügeln und der Luftschraube. Die letztere fußt auf demselben Prinzipe, wie die Wasserschraube, ist auch dieser ganz ähnlich konstruirt. Die Luftschraube würde in gleicher Weise für das Emporsteigen und Schweben, wie auch für die Lenkung und Bewegung einer Flugmaschine geeignet sein. Auf der Ausstellung von Modellen für Fluzmaschinen im Jahre 1868 in Sydenham bei London war die Konstruktion von Kaufmann die bemcrkenswertheste. Diese Maschine war Vogel- artig gebaut, mit Flügeln, die von einer zweipferdigen Dampf- Maschine auf- und niedcrbcwegt werden, versehen, und sollte eine Breite, über die ausgespannten Flügel gemessen, von 20 bis 24 Meter erhalten. Von einer Ausführung des einen oder andern der ausgestellten Modelle hat bis jetzt nichts verlautet. Uebrigens gehört die Lenkbarkeit und überhaupt die Brauch- barkeit von Flugmaschinen, im Gegensatz zu deu Luftballonschiffen, nicht zn den technischen Unmöglichkeiten, was sich aus dem später Folgenden ergeben wird. Sie bieten dem Winde nicht im cnt- fernten solche Flächen dar, wie die Luftballons, weshalb sie auch bei ungünstigen Luftströmungen schon eher mit Erfolg nach be- stiinmten Kursen gesteuert werden könnten. Nach meinem Dafürhalten wird es jedoch trotzdem schwerlich dahin kommen, daß die Luftschifffahrt, resp. die Flugpost, ein allgemeines Vcrkehrsinstitut wird, selbst wenn es»och gelingen sollte, alle Fragen der Steuerung und Bewegung befriedigend zu lösen, wozu, wie eben erwähnt, nur bei den Flugmaschinen einige Aussicht ist. Die regelmäßige Beförderung von Personen und Gütern wird— so ist fast mit Sicherheit anzunehmen— für alle Zeiten den Eisenbahnen und Schiffen verbleiben, mögen diese nun von Dampf, Elektromagnetismus, vom Winde oder von komprimirter Luft betrieben werden. Der Grund liegt ganz einfach in vergrößeren Oekouomie der Eisenbahnen und Schiffe gegenüber der Luftfahrt. Bei ersteren Transportmitteln ist die ganze Betriebskrast disponibel für die Arbeit der Fortbewegung, die— mit Ausnahme der Steigungen bei Eisenbahnen— einzig und allein in der Reibung der Räder und Axen und den Wider- ständen in der Luft, resp. im Wasser, besteht. Bei der Luftfahrt hingegen muß unter allen Umständen ei» beträchtlicher Theil an Betriebskosten darauf verwendet werden, die Maschine sammt der Last in der Lust im Schweben zu erhalten. Der Gewichtsdruck wird bei Eisenbahnen von der festen Erde aufgenommen, und es bildet der Reibungswiderstand der Räder auf den Schienen und in deu Axen, der zusammen nur etwa Veoo des ganzen Gewichts des Transportkörpers ausmacht, gleichsam einen Tribut, der für die Benutzung der Erde als Trägerin der Lasten an die Natur gezahlt werden muß, und man kann nur sagen— es ist ein sehr billiger Zins, den die Natur hier einnimmt. Bei Schissen ver- hält sich's ähnlich. Das Luftschiff und die Flugmaschine haben zwar jene Abgabe nicht zu entrichten, dafür muß aber durch An- briugung und Bewegung großer Flügel oder Lufträder oder durch Herstellung theurer Gase oder in anderer Weise für die Aufnahme des ganzen Gewichtsdruckes gesorgt werden, und der hierfür nöthige Aufwand an Kraft oder Arbeit wird im Berhältniß zum Gewicht jedenfalls einen bedeutend größeren Werth repräsentiren, als der Bcwegungswiderstand bei Eisenbahnen und Schiffen darstellt. Die Meinung vieler, daß der ganze Gcwichtsdruck der Flugmaschine direkt von der Betriebskraft aufgenommen werden muß, ist aller- dings ein Jrrthum, wie noch gezeigt werden soll. Auch in der Verwendung zu den schon erwähnten Ausnahme- zwecken steht der Luftschifffahrt keine allzu große Zukunft bevor, denn Vorgänge, wie Kriege und Belagerungen werden mit der zunehmenden Vernunft und Selbständigkeit der Menschen seltener und seltener werden, und später so gut zu den Märchen einer barbarischen Zeit gehören, wie uns heute etwa die Ritterfehden und„Kriegszüge" der„Fürsten und Herren" des Mittelalters nur noch als märchenhaste Bilder einer düsteren Vergangenheit erscheinen. Der Werth der Luftfahrten zu wissenschaftlichen Beobachtungszwecken ist aber insofern ein sehr beschränkter, als die Luftfahrzeuge einen ruhigen Standpunkt, der meist nöthig ist, nicht darbieten. So ergibt sich von selbst das Feld, auf dem sich die Luftfahrt nur behaupten kann, beziehungsweise, welches sie vielleicht einst einnehmen wird, nämlich gleich dem Schwimmen, Schlittschuh- laufen u. dergl. das Gebiet der Vergnügungen, des Sports und in der That hat das deutsche Patentamt die Luftschifffahrt dahin klassifizirt. Jenes Gebiet ist übrigens groß genug, denn die menschlichen Vergnügungen, Leibesübungen und Zerstreuungen werden nicht nur als solche stets einen hervorragenden Platz im gesellschaftlichen Leben der Menschen einnehmen, sondern auch in gesundheitlicher Beziehung und hinsichtlich ihrer Wirkungen auf das Zusammenleben der Menschen von nicht so geringer Bedeutung sein. Und das mag als hinreichender Grund gelten, die Frage einmal ganz durchzusprechen. Das Problem des Flicgens ist nun überhaupt dieses: Ist es theoretisch und praktisch möglich, daß sich der menschliche Körper mit künstlichen Mitteln ohne Luftballon in die Luft erheben und fliegen kann oder nicht? Leute, welche etwas von Mechanik resp. Dynamik zu verstehen glauben, in Wahrheit aber nur ganz von Ferne davon länten hörten, haben durch Rechnung zu beweisen gesucht, daß die Arbeit des Fliegens die Kräfte des Menschen übersteigt. Ja, sie haben noch mehr ausgerechnet, sie haben nachgewiesen, daß das Fliegen eigentlich überhaupt eine Unmöglichkeit ist, indem sie berechneten, daß die in einem Körper, sei dieser nun Dampfmaschine oder Mensch, entwickelte Kraft niemals ausreiche, dessen Gewicht im Schweben zu erhalten. Daß die gesammte Vogelwelt etwas ganz anderes beweist, hat man einfach nicht beachtet. In einer leip- ziger illustrirten Zeitschrift, wenn ich nicht irre, dem„Neuen Blatt", wurde vor einiger Zeit berechnet, welche Arbeit die Dampf- Maschine eines Flugapparates leisten müsse, um den ganzen Apparat schwebend zu erhalte«, und man kam zu dem Resultat, daß diese Arbeit bedeutend größer sei, als die betreffende Maschine leisten könne. Ungefähr war die Rechnung so: eine Dampfmaschine von 1 Pferdekraft wiegt mit Flugapparat und Lust- schiffer mindestens 609 Pfund gleich 300 Kilogramm. Nach den Gesetzen des freien Falles der Körper würde die Maschine, wenn die Flügel in jeder Minute 120 Schläge ausführten, von einem Flügelschlag zum andern, also in dem Zeitraum von'/-> Sekunde, von einer gewissen Schwebehöhe aus— die sie vielleicht mit Hülfe eines Lustballons erreicht haben könnte— 1,225 Meter herabfallen, wenn sie sich selbst überlassen wäre, und daher müßte sich auch die Maschine um dieselbe Höhe in jeder halben Sekunde emporheben, um ihre Schwebehöhe zu behaupten. Die Leistung. eine Last von 300 Kilogramm in jeder Sekunde 2,45 Meter hoch zu heben, sei aber 2,45 mal 300 gleich 735 Kilogrammmeter und diese durch 75 dividirt, ergibt«schon theoretisch) nahezu 10 Pferdekraft, also eine bedeutend größere Arbeit, als die Ma- schine leisten kann. In einem andern illustrirten Blatte wurde gar vor einiger Zeit zur Ermittelung derjenigen Arbeit, welche ein Mann, der mit seinem Flugapparat 160 Pftind schwer an- genommen war, liefern müßte, um sich in jeder Sekunde in der Luft 5 Fuß weit vorwärts zu bewegen, nach der Formel: Wider- stand mal Weg frischweg gerechnet: 160 Pfund mal 5 Fuß, das macht 800' Fußpfund oder l2h Pferdekraft. Es sei hier gleich hinzugefügt, daß es kaum einen größeren Blödsinn geben kann, als diese Rechnungen vorstellen. Dies zu beweisen, wird zu- nächst ein praktisches Beispiel das beste sein. Es sei nach An- leitung obiger Formeln die Arbeitsleistung berechnet, welche ein Vogel, z. B. ein Storch von 12 Kilogramm Gewicht während des Fluges bei einer Fluggeschwindigkeit von 15 Meter(pro Sekunde) durch die Thätigkeit seiner Muskeln vollbringen müßte. Die Arbeit des Schwebens verursacht dem Vogel bei einer Flügelbewegung von 130 bis 140 Schlägen pro Minute nach der ersten Rechnung eine sekundliche Kraftausgabc von 2,23 Meter (der Gesammtsallbewegung pro Sekunde bei der obigen Flügel- geschwindigkeit) mal 12 Kilogramm gleich ca. 25 Kilogramm- nieter. Die Arbeit des Fliegens, d. h. der Fortbewegung in der Luft wäre nach der Anleitung des andern„Theoretikers" 15 Meter multiplizirt niit 12 Kilogramm, welches 180 Kilogrammmeter ergäbe. Beides, die Arbeit des Schwebens und die des Fort- bewegens— welche durchaus zum Fliegen gehören�— zu- sammcnaddirt, ergibt 205 Kilogrammmeter pro Sekunde, oder die Kleinigkeit von etwa 2-/z Pferdekraft. Ein Storch also hätte beim Fliegen soviel Kraft zu entwickeln, als 2�/, Pferde, oder — da 7 Menschenkräfte auf 1 Pferdekraft gerechnet werden— wie 18 Menschen! Daß die eben mitgctheillen„Beweise" für die Unmöglichkeit des Fliegcns somit gänzlich werthlos sind, liegt auf der Hand, und dasselbe gilt füglich auch von so manchem,>vas in Zeit- schristen zu lesen ist. In Wirklichkeit verhält sich nun die Sache ganz anders. Was zunächst die Frage des Schwebens und den damit zusammen- hängenden Abschniil der Mechanik vom freien Fall der Körper betrifft, so sei an die Thatsache erinnert, daß wohl im luftleeren Raum, keineswegs aber ni der Luft alle Körper gleich schnell fallen. Hier spielt im Gegenthcil das Berhältniß der Masse, resp. des Gewichts des Körpers zu seinem Volumen und besonders zu seiner horizontalen Fläche die größte Rolle. Je größer für ein bestimmtes Gewicht die horizontale Fläche ist, welche auf die Luft beim Fall drückt, desto kleiner ist der Raum, den der Körper in einer bestimmten Zeit durchfällt. Wenn sich ein Mensch riesig große, breite Flügel, von ganz leichtem Stoff natürlich, aber mit genügender Steifigkeit, an die Schultern schnallen könnte, so würde er nach der Theorie nahezu ohne jede Kraftanstrengung m der Luft schwebend verharren können. Die Luft kann bei großen Flügeln nicht so schnell seitwärts entweichen, als bei kleinen und demzufolge wäre der Fallraum in der Zeiteinheit für einen mit einem Flugapparat ausgerüsteten Menschen, ganz allgemein genommen, um so geringer, je größer die Flügelflächen wären, und indemselben Maße auch die Anstrengung, um einen durch Herabsinken verlorenen Standpunkt wieder zu gewinnen. Eiiie kurze Berechnung wird lehren, daß unter gewissen Be- dingungen die menschliche Muskelkraft für das Fliegen ausreichen kaun. Nach einer von mir mit Hülfe praktischer Versuche vor- genommenen Schätzung würde ein Mensch, der mit Flugapparat 75 Kilogramm Gewicht hätte, bei Flügeln von zweckmäßigem leichten Stoff, ebenso zweckmäßiger Form und Einrichtung sowie einer Flügelfläche von zusammen 10 Quadratmeter, bei 120 Flügel- schlügen pro Minute(der Mensch macht beim Rennen mit jedem Beine 100 bis 130 Bewegungen) von einem Flügelschlag zum andern etwa 50 Millimeter gleich'/»? Meter fallen, welche«nähe durch die Arbeit der Flügel wieder eingebracht werden müßte, um die Schwcbchöhe zu erhalten. Die Arbeit des Schwedens wäre demnach pro Sekunde V-o mal 2 nial 75 gleich 7,5 Kilo- grammmeter, ivas soviel wäre, wie'/iv Pferdekraft. Was nun die Arbeit des Fortbewegens betrifft, so ist diese mit Ausnahme der ersten Augenblicke, wo die Trägheit der zu bewegenden Masse erst überwunden werden muß, oder populär gesagt, in denen der Körper erst in Schwung gebracht wird, bei ruhiger Luft so gering, daß sie gar nicht in Betracht kommt, und erst bei Luftströmungen je nach deren Stärke eine gewisse größere oder geringere Kraft erfordert. Die ganze Arbeit des Fortbewe- gens besteht— eben mit Ausnahme des Anfangs— nur aus der Ueberwindung des Luftwiderstandes; dieser wächst allerdings im Quadrate der Geschwindigkeit. Die letztere wird nun stets eine solche, bei welcher sich der Widerstand der Luft und die für dessen Ueberwindung disponible Kraft gleich sind, was in der Regel schon eine sehr hohe Geschwindigkeit zulassen würde. Nun und— wenn das Fliegen nur zum Vergnügen getrieben wird, und der Wind bläst einmal zu sehr, so läßt man einfach den Spaß, bis das Wetter günstig ist. Ungleich schwieriger und anstrengender als das horizontale Fortbewegen bei ruhiger Luft würde für den Flieger das Auf- steigen, das Emporfliegen sein, dessen Möglichkeit jedoch nicht aus- geschlossen, sondern daran gebunden ist, daß man genügend große Flügel, resp. Flächen anbringt, welche das Zurückfallen durch Druck auf die Luft möglichst reduziren. Ist für das Schweben nur nöthig, daß der von einem Flügel- schlag zum andern durchfallene Raum durch die Arbeit der Flügel- bewegung immer wieder eingebracht wird, also Fallraum und Steighöhe sich gleich sind, so verlangt das Emporsteigen, daß letztere den Fallraum übersteigt. Nach der von mir oben gegebenen ungefähren Berechnung würde für das Schweben eines Menschen, der mit Flugapparat 75 Kilogramm wiegt, etwa 7,5 Kilogrammmeter erforderlich sein. Hierzu würde noch der Betrag der durch Reibung in den Ge- lenken u. s. w. absorbirten Arbeit kommen, die mit 3 Kilogramm- meter veranschlagt, zu der zum Schweben nöthigen theoretischen Leistung von 7,5 Kilogrammmeter addirt, als erforderliche Kraft- leistung die Summe von 10,5 Kilogrammmeter ergibt. Da der Mensch, und zwar mit den Beinmuskeln, auf kurze Zeit ganz gut eine Arbeit von 20 Kilogranimmcter zu leisten vermag, so würden nach Abzug der für das Schweben nöthigen Leistung noch ca. 10 Kilogrammmetcr für das Auffteigen übrig bleiben. Diese Arbeitsgröße würde hinreichen, um die gegebene Last von 75 Kilogramm unter Voraussetzung aller vorhin angegebenen Verhältnisse in 2 Minuten an 15 Meter emporzuhebend Auch die Flugmaschinen mit Dampfbetrieb können die Kraft entwickeln, um sowohl das Aufsteigen als auch das Schweben zu ermöglichen, wenn sich nur die Kraft vermittels gehörig großer und geeigneter Flügel oder anderer Vorrichtungen— die aber immer als wichtigste Attribute mächtige Fläche und Leichtigkeit besitzen müssen— die nöthige Stützfläche und Wirkungsbasis in der Luft verschaffen kann. Zur regelmäßigen Anwendung der Dampf-Flugniaschinen zu Verguügungszwecken wird es wohl aber ebenfalls niemals kommen, weil die Benutzung derartiger eiserner Riesenvögel stets mit allerlei Gefahren verbunden sein muß. Man denke, daß die kleinste Flugmaschine nicht unter 20 bis 30 Meter Flügelspannung zu haben wäre, weil die treibende Maschine selbst schon bei 1 Pferdestärke eine Last von einigen Centnern reprä- sentirt.— Was also von der ganzen Lustflicgcrci sich möglicherweise realisiren wird, das ist das Fliegen einzelner Menschen mit Hülfe eines im wesentlichen aus großen Flügeln bestehenden, vielleicht auf den Rücken geschnallten Apparates, bewegt von der eigenen Muskelkraft, und es ist vielleicht manchem von Jntereffe, wenn die allgemeinen Erfordernisse eines brauchbaren Flugapparates noch schließlich kurz angeführt werden. Das Urbild und Muster der Flügel bieten die Fittige der Vögel. So wie diese müssen sie erstens äußerst leicht sein, da- mit das unthätige Heben— der Maschinenbauer würde sagen: der Leergang oder der todte Hub— derselben schon an sich so wenig als nur möglich Kraft erfordert. Sodann ist es nöthig, Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drit (VI. Wintersturm am Weihnachtsabend draußen und im Herzen.— Wunder und Schrecken der Gespensterstunde.) Wie ein Eisbär muß ich anzusehen gewesen sein, als ich ohn- gefähr dreiviertel Stunden vor Mitternacht am Weihnachtsabend nachhause kam. Es schneite Lawinen; ein furchtbarer Wind trieb die riesengroßen Flocken vor sich her, wirbelte sie wild durch- einander und drohte den Verwegenen, der sich auf die Straße wagte, umzuwerfen und unter stockwerkhohen Gebirgen des sich fest zusammenballenden Schnees zu vergraben, zu ersticken. Ein Unwetter da draußen— und ein Unwetter da drinnen im eigenen sturmdurchwühlten Herzen! Ich kam von meiner Braut. Heute hatte sie mich in ihr Haus eingeführt, heute war sie ihrem Mütterchen bitterlich schluch- zend um den Hals gefallen und hatte ihr endlich gestanden, was Mutterscharfblick längst erkannt, daß ihr Kind liebe— rein und innig und ewigtreu. Und ich— der Geliebte— war vor die Mutter hingetreten, hatte sie um die Hand des Töchterleins ge- daß die Flügelflächen beim Emporheben die Lust an allen Stellen durchlassen, weil sonst ein schädlicher Luftwiderstand erwächst, der den fliegenden Körper nach unten zu bewegen strebt, außer- dem unnöthig Kraft verbraucht. Die Flügel müssen sich genau, wie die der Vögel, beim Emporheben gewissermaßen ventilartig öffnen. Beim Abwärtsschlagen der Flügel dagegen muß das Gegeuthcil eintreten: jeder Flügel muß sich in seiner ganzen Fläche dicht schließen, damit nicht der mindeste Luftdurchtritt stattfinden kann. Die Flügel der Vögel sind ganz regelrecht nach diesen Prinzipien eingerichtet, wie sich jeder überzeugen kann. Flugapparate, bei denen diese Einrichtung an den Flügeln fehlt, werden niemals zum Fliegen tauglich sein; vermuthlich liegt hier auch der Hauptgrund, daß bisher noch keiner der gebauten Flug- : apparatc viel mehr gewesen ist, als ein Haufen vergeudetes Ma- terial. Ferner müssen die Flügel, wiederum gleich den natür- lichen Vorbildern, nach unten zu etwas konkav sein, um das seitliche Entweichen der Luft möglichst zu vermindern. Als für die Bewegung der Flügel am geeignetsten müssen die Beine bezeichnet werden, weil nur deren Muskeln die nöthige Stärke besitzen. Die Bewegung des zur Lenkung vielleicht an- gebrachten Schwanzes oder Steuers würden die Arme übernehmen können. Die übrigen speziellen Einrichtungen, die sich vielfach erst aus praktischen Versuchen ergeben würden, müssen demjenigen -überlassen bleiben, der sich den Ruhm erwirbt, der erste zu sein, der einen praktischen Flugapparat schafft. Die Arbeit des Schwedens ließe sich noch durch Zuhülfenahme eines kleinen Ballons in etwas erleichtern, freilich dürfte der Hülfsballon nicht größer sein, als dadurch die Widerstandsfähig- keit des ganzen Apparates gegen Luftströmungen nicht zu sehr beeinträchtigt wird. Ob die Anwendung eines in ungefähren Umrissen angedeu- teten oder eines andern Flugapparates zu Vcrgnügungs- oder Ausnahmezwccken eine dauernde, wie die der Schlittschuhe, oder eine zeitweise, vorübergehende, wie die der Velocipeden, sein würde, das läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es würde dies Haupt- sächlich darauf ankommen, in welchem Grade das Fliegen an- strengen und ob zu regelrechtem Fliegen erst die Erlangung einer Virtuosität sich als uöthig erweisen würde. Lernt man die Flügel so leicht herzustellen, daß man ihnen eine genügende Größe geben kann, ohne das Gewicht zu sehr zu ver- mehren, so wird auch das Fliegen nicht allzu anstrengend sein, und es liegt alsdann in der Möglichkeit, daß das Vergnügen, mit Storch und Stieglitz in Konkurrenz zu treten, ein allgemeines und dauerndes, eine willkommene Leibesbewcgung unserer, durch die Arbeit der Maschine von den Lasten mechanischer Arbeit be- freiten Nachkommen werden wird. Wir sprechen heute, wenn wir, gelockt vom schönen Wetter und der frohen, freien Natur, der Prosa der Werkstatt und des Berufes auf einige Stunden entfliehen und eine Vergnügungspartie unternehmen, oft bildlich von einem Ausfluge— im etwai- gen Zeitalter des Flugapparates würden lustige Gesellschaften von Herren und Damen alsdann im buchstäblichen Sinne des Wortes— Ausflüge veranstalten. der Klopfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. H. beten, dessen Herz ich seit vielen Monden schon mein eigen wußte, hatte die zitternden Finger der alten Frau auf meinem Haupte gefühlt, die Thränen in ihren matten, beinahe erblindeten Augen blinken sehen und den aus tiefftem Mutterherzen kommenden heißen Segenswunsch lispeln hören, den die Alte für das Glück des einzigen Kindes am Weihnachtsabend,— der neu geweiht wurde durch des Mädchens Geständniß,— zum Himmel schickte. Ursache genug hatte ich gehabt— nicht nur heftig bewegt zu sein, sondern auch glücklich, mindestens doch so glücklich, als ich es war an jenem Julitage, dessen sich der freundliche Leser wohl erinnert. Aber ich war nicht glücklich, nicht zufrieden— ich sah nicht heitren, hoffnungsfrohen Blickes in die Zukunft. Was ich heute gethan hatte, war nicht das Werk meines vollen freien Willens gewesen. Von Anbeginn unserer Liebe war mir der Gedankej, von meinen Gefühlen, die so unerwartet und überwältigend über mich gekommen waren, zu irgend einem dritten Menschen zu sprechen, nicht angenehm gewesen. Es war mir vorgekommen, als könnte diese meine erste Liebe vor der Profanation einer Veröffentlichung gar nicht lange und sorg- fältig genug geivahrt werden. Heimlich wollte ich der Liebe süßem Zauber mich hingeben, tief, allertiefst im Verborgenen. Auch meinem Aennchen war die heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß, anfänglich als die beste Liebe, als die einzig wahre Liebe erschienen. Aber der Anfang verging und der entzückende Duft der heim- lichen Liebe, die einem Kranze gleicht, gewunden aus seligen Seufzern und wonnetrunkenen Blicken und genetzt mit dem Thau von Freudenzähren, verwehte langsam und leise, bei mir, wie bei ihr. Bei ihr trat an die Stelle des ersten verschwiegenen Liebes- rausches der Stolz auf ihr Glück, der Drang, es anerkannt zu sehen vor der Welt und von der Welt, und wohl auch das süße Sehnen, aus den Aetherhöhen reiner Seclcnliebe sich hinabzulassen in die paradiesischen und doch irdischen Gefilde heißblütiger, Seele und Leib gebender und empfangender, wahrhaft menschlicher Liebe. Ihr Bkund sagte mir nicht, wie sie fühlte; aber mancher un- bewachte Blick, manch' ein plötzliches, lebhafteres Auf- und Nieder- wallen des Busens, manche unbeabsichtigte Wendung des Gesprächs ließ mich errathen, was ihr Herz und Sinn bewegte. Sonderbar jedoch— bei mir war die junge Liebe nicht in gleicher Weise gereift. Ich liebte mein Aennchen noch— ich em- Pfand, daß ich sie nicht betrüben möchte, ich fühlte mich wohl und glücklich in ihrer Nähe, ich hätte sie auf Händen tragen mögen, auf daß ihr Fuß an keinen Stein stoße auf dem Wege durchs Leben, aber— mir war oft zu Sinnen, als wenn sie meine Schwester wäre. Der Gedanke, das zarte, unschuldige, harmlos fröhliche Ge- schöpf dereinst als mein Weib an meiner Seite, als die Mutter meiner Kinder zu sehen, muthete mich, je älter unsere Liebe wurde, desto fremder an. Ob sie etwas davon ahnte,— ich wußte es nicht. Oft schaute sie mich nachdenklich an, strich mir die Locken aus der Stirn und versenkte ihre Blicke tief in die meinen. „Liebst du mich heut' noch so wie einst und wirst du mich wirk- lich immer lieben?" fragte sie mich just eine Woche vor Weihnachten. „Wie kannst du nur fragen--" „Willst du mich recht, recht glücklich, unendlich glücklich machen, so, wie damals, als du mir zuerst von deiner Liebe sprachst?" Ahnungslos, was da kommen würde, gab ich das Versprechen. „Dann schenke mir nichts weiter, gar nichts weiter zum Weih- nachtsfeste, als--" Sie machte eine lange Pause, während der sich ihr Busen stürmisch hob und senkte, eine glühende Röthe ihr liebes Antlitz überflog und die herzensguten, dunkelblauen Augen sich mit Thränen füllten: „-- � gar nichts weiter, als deinen Eintritt am heiligen -- heiligen Abend in— das Haus— meines Mütterleins!" Sie mußte ihr furchtbar schwer geworden sein— diese so einfache, so sehr berechtigte Bitte. Denn sie sank in die Knie an der Gartenbank, an der wir beide standen,— sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und schluchzte. Was konnte, durfte ich anders thun, als ihr zu gewähren, was zu fordern ihr heiligstes Recht war, und was sie so über- wältigend rührend von mir zu erbitten verstand. Aber so unsäglich weh, als mir bei ihrer Bitte geworden war ums Herz, ward es mir fortan immer von neuem, so oft ich sie nun wiedersah. Und heute, da ich hätte glücklich sein, mich reich wissen sollen wie ein König, kam ich mir arm und unglücklich vor wie ein Bettler. Was war es nun eigentlich, das mich bedrückte, das mich heute auch fortgetrieben hatte so früh aus dem trauten Heim meines Mädchens, in dem mich ein leuchtender Christbaum und sinnige Geschenke und eine zärtliche, glückliche Mutter empfangen? Ja— was war es? Ich warf meinen schneebeschwerten Mantel ab auf den Tep- pich des Besuchszimmers-- was kümmerte es mich? Das Klavier öffnete ich mit fieberisch eiliger Hand, um die Macht der Töne an der Gewalt des Sturmes, der in meiner Brust tobte, zu erproben. Was ich in dieser Nacht spielte— phantasirte, davon weiß und wußte ich nichts. Ich entsinne mich nur, daß ich Minuten- lang anhielt, wie um Athen, zu schöpfen und dann um so toller die Hände über die Tasten toben zu lassen. In solch' eine Pause hinein schlug die Mitternachtsstunde. Ich hatte eine Schlaguhr im Zimmer, deren seltsam hohler, dumpfer Ton mir noch nie so aufgefallen war, als heute. Als mache ihr jeder Schlag schwere Arbeit, so langsam, wie unter Lasten keuchend stieß die Uhr jeden einzelnen Schlag hervor- endlich hob sie zum zwölften aus, jetzt zum letztenmale schlug es, — und im selben Augenblicke krachte es um niich her, als wenn das Haus über mir zusammenstürze. Ich fuhr überrascht, erschreckt jäh empor und wandte mich um— die Wände waren unversehrt und die Decke auch, aber die festeingeklinkten Flügelthüren waren aufgesprungen, sowohl die in mein Arbeitszimmer, als die hinaus auf den Vorsaal, und, was das sonderbarste war, nicht nur der eine Flügel, der ge- wöhnlich geöffnet ward, sondern auch der, wie ich meinte, fest in den Thürrahmen eingeriegelte zweite Flügel stand angelweit auf- gerissen. In keinem meiner Zimmer fand sich auch nur die leiseste Spur eines lebenden Wesens. Der Vorsaal nicht minder war leer, und alle übrigen seiner Thüre» waren geschlossen, wie zuvor. Weshalb ich unmittelbar nach diesen Beobachtungen nur den Hahn der einen Gasflamme weiter aufschraubte, die schon den ganzen Abend, auch während meiner Abwesenheit, aber in kümmer- lich kleinem Sdjeine gebrannt hatte, und warum ich, ohne die Thür zu schließen, mich dann sofort wieder zum Klavier setzte, um in die Geisterstunde hinein weiter das Reich der Töne in wilder Hast zu durchstteifen,— darüber gab ich mir keine Rechenschaft. Jndeß— kaum waren die ersten Klänge unter meinen Fingern hervorgerauscht, da fühlte ich mich angehaucht wie von einem Frühlingswehen,— ein zauberhaft zarter Veilchenduft umfing mich auf einmal und in die Töne des Klaviers mischte sich das leise Singen einer wunderholden Stimme. Ich spielte fort, aber ich schaute mich um,— da— war es möglich? War es nicht ein Blendwerk meiner rebellischen Sinne?— Wenige Schritte von mir entfernt stand sie— in schneeweißem, lang hinabwallenden Gewände, die Arme halb erhoben, die Hände wie tastend vor- gestteckt, die durchsichtigen Augenlider geschlossen, aber die Lippen leicht bewegend-- Athanasia, das Medium. Sie wandelt und singt im Schlaf— dein Klavierspiel hat sie aus der Ruhe emporgeschreckt, hat sie mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen, die Arme, die Bemitleidenswerthe, die so ent- zückend schön vor dir steht, wie die Statue der Venus-- Es war mir, als ob ich die Stimme meines Vaters ver- nähme:„Rette— rette sie!" Ich hörte zu spielen auf. Als die Töne verklangen, zuckte sie zusammen, griff mit den Händen krampfig in die Luft, als wollte sie sie fassen und halten, und stürzte, wie vom Blitz ge- troffen, rücklings zu Boden. Entsetzt sprang ich auf. Wenn ihr hier ein Unglück geschähe, wenn sie stürbe oder auch nur lange in Ohnmacht läge!? dachte ich. Was um alles in der Welt thun?— Doch— es war ja so einfach,— ich mußte sofort ihren Vater, ihre Wärterin oder sonst irgendwen rufen— sofort. Ich that's. An allen Thüren pochte, klinkte, rüttelte ich,— ich rief— laut und lauter— aber kein Mensch hörte mich, kein Ton antwortete mir. Ich wollte hinaus zum Vorsaal, um andere Hausgenossen herbeizurufen, aber das Schicksal spielte mir heute so schlimm mit, wie noch nie im Leben,— ich konnte meinen Vorsaalschlüssel nirgends finden. Ich rief wieder, ich schrie zuletzt, doch alles blieb still wie im Grabe. Und sie?-- Sie lag immer noch da— lang ausgestreckt auf der Erde, regungslos wie eine Todte. Ich kehrte zu ihr zurück. D a— ich prallte zurück, meine Haare sträubten sich und ich mußte die Zähne fest aufeinander pressen, daß die Kiefern nicht zuckend zusammenschlugen—— ihre Augen waren jetzt geöffnet— weit aufgerissen und in Todtenstarre— so schien es mir— wie anklagend auf mich gerichtet. Ich warf mich auf die Kniee nieder, ihre Hand war eiskalt; hastig, mit angehaltenem Athem, beugte ich mich über sie, trotz der schrecklichen, schönen, weitgeöffneten Augen. Ich legte mein Ohr an ihren Mund. War sie todt, wirklich, unrettbar todt? Jetzt— ich weiß nicht, ob ich ausglitt oder in meiner furcht- baren, wahnsinnigen Erregung mich nur nicht mehr in der Gewalt hatte, als ich mich erheben wollte— ich hatte auch nicht den leisesten Hauch eines Athemzugs gefühlt— jetzt sank ich, wie von magnetischer Kraft hingerissen, nieder— Antlitz berührte Antlitz— meine Lippen die ihren. Die Lippen waren warm— menschlich, lebendig warm, und— beim Himmel!— jetzt war es mir auch, als ob die Todtgeglaubte athme,— ja, sie lebte.— Meine Erregung kannte keine Grenzen mehr und ließ mir keine Besinnung.(Fortsetzung folgt.) Ein Hauch von Lcssings Geiste. (Fortsetzung.) Daher kommt es also, daß die wirklich großen Schauspieler all- gemach ausgestorben und von einem Nachwüchse ersetzt sind, der den großen Meistern, wie sie noch vor wenig mehr als einem Menschen- alter unsre Bühnen zierten, nicht mehr das Wasser reicht: Komödianten statt Schauspielern, Schablonen- und Dcklamationshelden an Stelle von Künstlern!» Aber das Theater ist eben auch nur ein Zeichen der Zeit, und der Vertreter vornehm-sarkastischer Weltbetrachtung in Köberle's Tis- knssion hat recht, wenn er fragt:„Werden die Handlungen des großen Trosses der lebenden Generation von inneren Ueberzeugungen und von den Rücksichten auf ein höheres Ziel unseres Daseins geleitet oder von den Eingebungen des kleinlichsten Egoismus? Wo sind unter uns die Helden, die sich, außer wenn sie im Krieg zur Schlachtbank geführt werden und der Strammheit des militärischen Kommandos nicht ans- weichen können, für ein großes Ziel anfopscrn möchten? Ich will ein Schuft sein, wenn sich unter uns mehr tausende solcher Selbstsuchtlosen zusammentrommeln lassen, als die Nation Millionen an Selbstsucht- reichen zählt. Und wo sich noch eine Ausuahme findet, da stolpert sie gewiß über den Eigennutz ihrer Unigebung, und die Welt ruft unbarm- herzig aus: ,Dem utopischen Narren geschah ganz recht, warum hat er nicht an sich selbst gedacht und sich versorgt.' Zu Worten, ja in Worten sind wir alle unübertroffene Helden. Wenn es aber gilt, das Wort zur That zu machen, dann guckt auch schon das charakteristische Ehren- zeichen unseres Zeitalters, die Inkonsequenz, aus dem durchlöcherten Wammse hervor, und wir verleugnen heute, was wir gestern heilig bctheuert hatten. Das ist der Muth von Maulhelden, ist eine Tugend, in der uns selbst die Thierwelt tief beschämen muß. Der Tiger, der Panther stürzen sich, selbst ohne Kommando, dem überlegenen Feind entgegen und setzen in der Hitze des Raushandels ihr Leben ein. Der Löwe, der Elephant verratheu sogar Anlage zur Uneigennlltzigkeit und Großmuth. Ter Mensch von heute nahm sich den Fuchs zum Vorbild, und wenn ihm die Trauben zu hoch hängen, so nennt er sie sauer, stiehlt sie aber heimlich dem Gärtner noch vom Kelter weg, bevor dieser die Weinpressc in Thätigkeit gesetzt und den Göttertrank für den durstigen Zweifüßler bereitet hat." Unsere Theater sind also nichts weiter, als ein Spiegel der Zeit genau so gut oder, ohne Schmeichelei, genau so jämmerlich, als die Zeit selber ist. Aber Köberlc meint, wiederum mit vollem Rechte, das Theater erfülle seine Aufgabe schlecht, indem es, gcwissenhail und— stupid wie ein Wandspiegel, die Menschen und ihr Treiben sklavisch nur kopire. Die Bühne soll ein Jdealspiegel der Zeit sein, nicht ein Bild, sondern ein Vorbild derselben malen. Sie halte„den Unarten des Zeitalters ein Musterbild der Menschheit vor, in welchem jedermann sich geistig spiegeln, d. h. erkennen kann, wie der Mensch innerlich beschaffen sein sollte; der Dramatiker entnchnie jedoch das Ideal des reinen menschlichen Urbildes nicht einer utopischen Welt, sondern stelle es so hin, daß der Zuschauer darin die beabsichtigten Parallelen mit seiner eigenen Verunstaltung auch richtig ausfinden kann." Köberle gehl nun zu der Bestimmung der Bühncnbedürsnisse und zur Erläuterung der dabei in Frage kommenden Grundbegriffe über. Das erste Bedürsniß einer jeden Bühne sei stilvolle Wahl des Repertoirs. Mau nähme gegenwärtig gewöhnlich an, daß sich bei der Dramen- wähl, wie bei der dramatischen Produktion und im Kunstleben über- Haupt zwei einander feindliche Strömungen den Rang streitig machten, die idealistische und die realistische. Idealist sei ein Me.isch, der nach der Verwirklichung eines Ideals strebe, d. i. eines in der Richtung des wahrhast Guten, Edlen, Vollkommenen liegenden Vorbildes oder Musterbildes. Jdcalisiren heißt demnach, ein„Wirkliches nach einer Regel der Vollkommenheit behandeln". Da nun ein Realist derjenige ist, welcher das Wirkliche genau so nimmt und wiedergibt, wie es ist, so ist der ächte Idealismus nichts weiter,„als der veredelte Zwillings- druder des Realismus". In Ucbereinstimmung mit dieser Begriffs- bestimmung steht Lessings goldne Regel sür alle dramatische Produktion: Kunst und Natur Sei auf der Bühne eines nur, Wenn Kunst sich in Natur verwandelt, Dann hat Natur mit Kunst gehandelt. In der Trennung von Kunst und Natur, in dem Einandergegenüber- stellen des Idealen und des Realen hat immer das Hauptmerkmal unkünst- lerischer Bestrebungen bestanden. Auf dem höchsten Gipfel der Kunst thront der, in dessen Kunstschöpsungen Ideales und Reales ganz in eins verschmolzen sind, wie bei Shakespeare und Goethe. Bei Schiller herrscht der Idealismus noch über den Realismus, welcher vorzugsweise in der dramatischen.Charakterzeichnung, in der Jndividualisirung der drama- tischen Personen zu seinem vollen Recht kommen mußte; Schiller wollte in erster Linie Lehrer, Erzieher seines Volks sein und der Künstler stand ihm in zweiter Linie, die Kunst war ihn, mehr Mittel zum Zweck als Selbstzweck. Der Gefahr, bei solcher Kunstbchandlung den unentbehrlichen Boden des realen Lebens unter den Füßen zu ver- lieren, in den Nebelhöhcn der Phantasterei sich zu verlieren, vermochte Schillers Riesengenie siegreich zu trotzen, ja, er konnte sogar sein ganzes Volk, d. h. alles, was im deutschen Volke bereits edel menschlich zu denken und zu fühlen fähig war, ini Fluge seines Genius weit über die Schranken des realen Lebens mit sich fortreißen, und damit hat er aus die Kulturentwicklung des deutschen Volkes einen Einfluß, gewaltig und unberechenbar an Tiefe und Umfang, ausgeübt, wie er weder Shakespeare noch Goethe auch nur annähernd zum Lohne geworden ist. Aber dieser eine beispiellose Ersolg machte den andern unmöglich, der Shakespeare sowohl als Goethe zutheil wird, jenen höchsten Preis künst- lerisiyen Schaffens, in gleicher Weise Verständniß und Begeisterung zu finden bei allen Kulturnationen und, soweit Menschen in die Zu- kunft hinauszuschauen und auf sie zu rechnen vermögen, über alle Zeil- schranken hinaus. Von den neuen Dramatikern haben viele entweder Schiller oder Shakespeare und Goethe nachahme» wollen, und find dabei, wie es nicht anders sein konnte, entweder wirklichkeitsfremde Schwärmer und Phantasten oder prosaische Abklatscher des gewöhnlichen Lebens geivorden. „Im Reiche der Kunst gelangt man eben durch jede bloße Nachäffung nur in die Arbeitsstätte eines Handwerkers und nicht in das Atelier des Künstlers. Es ist das Geheininiß der ächten Kunst, daß sie ewig un- nachahmbar bleibt, d. h. daß der Künstler die richtigen Gesetze für die ihm obliegende Verschmelzung des Idealen und Realen in seinem eignen Genie aufsuchen muß und sie nicht von etwas außer ihm Liegenden adoptiren kann, und wären es mich die Werke des vollendetsten Meisters. Die Zeit, in der er lebt, liefert ihm sür beide nur den Rohstoff. Die Art, aus diesem Rohstoffe ein Künstbild zu formen, bleibt seine Sache, und er wird die Behandlung umsoweuiger einem früheren Meister blind- lings entlehnen dürfen, als jenem früheren Meister ein anderer Roh- stoff vorlag, dessen künstlerische Behandlung an Voraussetzungen geknüpft war, die für ihn selbst längst andere geworden sind." Hier dürste wohl noch hinzuzufügen sein, daß sür jeden Künstler die Art der künstlerischen Ausfassung und Behandlung seiner Stoffe aus seiner eigenen künstlerischen Individualität hervorgehen muß, und daß durch diese gleichfalls unerläßliche Forderung das künstlerische Gelingen künstelnder Nachahmung vollends zur Unmöglichkeit gemacht wird. „Jeder Künstler und Dichter," fährt Köberle fort,„selbst der genialste, ist ein Kind seiner Zeit, und je getreuer er den wahrhasteu Ausdruck seiner Zeit repräsentirt, desto vollendeter wird er als Künstler oder Dichter dastehen, desto unsterblicher wird er in seinen Werken fort leben." Da handelt es sich nun freilich zunächst noch um eine Kleinigkeit: seine Zeit voll und ganz, bis in den innersten Kern ihres geistigen Wesens und Wollcns hinein-- zu verstehen! Und an dieser Bedingung scheitern wiederum sehr viele, die sich Künstler zu sein berufen wähnen. Die erste beste oder die erste schlechteste Schaumblasc aus der Ober- fläche des Zeitlebens erscheint dem große» Haufen des Künstler- und Dichtervolks als die Signatur, als die Erscheinung und Darstellung des geistigen Wesens der Zeit. Solch' eine Schaumblase nun ist das Jagen nach materiellem Ersolg, das Raufen um die niedrigen Genüsse ordinären Wohllebens— diesen Inhalt dessen, was als„grasser Mate- rialismus" für das hauptsächlichste und charakteristische Merkmal unsrer Zeit von gedankenarmen oder heuchlerischen Moralisirern verhetzt und von den, alles Ideale in läppisch-täppischem Hochmuthe verächtlich über die Achsel ansehenden Nur-Realistcn in cynischer Begeisterung gepriesen wird, von diesen Priestern des„Gemeinen", die im Gegensätze zu den Moralisirern und mit viel mehr Recht, als diese zur Führung ihres Namens haben, sich die Demoralisirer nennen dürsten. Der Schreiber dieser Zeilen zählt indeß auch den„großen Krieg von 1870" nicht, wie Köberle thut, zu den Zeichen vom Geiste unsrer Zeit, sondern grade wie den„Materialismus" der Anbeter des goldenen Kalbes zu den Schaumblasen, deren Schimmern und Schillern, Aufquellen und Zerplatzen das reine Bild des wahren Zeitgeistes nur trüben kann— er meint, daß das deutsche Volk besser ist, als es sich i» jenem Kriege gezeigt hat, aber er ist wieder vollständig ein- verstanden mit den folgenden Sätzen, die ihm mit der Begeisterung des von ihm besonders hochgeschätzten Kunstlheorelikers für diesen Krieg nicht recht im Einklang zu stehen scheinen:„Man beurthcile", sagt Köberle,„den Charakter einer Zeit nach dem, was sie Geistiges er- zeugt, und nicht einseitig blos nach ihren materiellen Extravaganzen. —— Sehen wir nicht in allen Bereichen der menschlichen Eikeuntnisse und Fertigkeiten grade jetzt Werke reisen, die sich würdig den höchsten Kunstschöpfungen der blühendsten und sruchtbarstcu Jahrhunderte an- reihen, ja in ihrer Gesammtheit vielleicht die Leistungen der voran- gegangenen Jahrhunderte weit überragen?-- Unter allen schädlichen Thorheiten ist die schädlichste die: am Guten zu verzweifeln, weil man nicht das Beste schon verwirklicht sieht. Selbst Athen im Zeitalter der höchsten Blüthe besaß seinen kunstfeindlichen Pöbel. Die ganze Ver- gangenhcit hat ihn besessen und alle Zukunft wird ihn besitzen. Auch wir sind nicht arm daran, und es darf niemanden besrcmden, daß er nicht blos mff den Straßen zu finden ist. Zu allen Zeiten wußte er auch in den Palästen sich eine Heimstätte zu sichern, aber zur Scgnatur der Zeit konnte er von jeher nur in den anarchischen Perioden er- starken." Eine den Gesetzen, welche in dem Wesen der Dinge liegen, höhn- sprechende Zügellosigkeit übt zwar im modernen Leben überall ihre zerstörende und zersetzende Wirkung, aber sie beherrscht das moderne Leben nicht in ihrem wahren Gehalte, und nur das wäre wirklich Anarchie. Wenn aber auch nicht im gesammten Leben, so doch aus der Schaubühne dokumenlirt sich Anarchie, d. h. es macht sich„nicht etwa der Mangel einer gewissen gleichmäßigen Ordnung", sondern „völlige Verwahi losung der ästhetischen Satzungen" bemerklich. Daß bessere Bühnenleistungen in der That auf Beifall im Publikum rechnen könnten, beweist die neueste Geschichte der meiningischen Schau- spielertruppe. Tie Meininger verfügen„über sehr geringe Mittel im Vergleich zu jeder großen Hosbühne, sie streben aber ernstlich, das Theater in einer der Bildungsstufe des Zeitalters entsprechenden Weise umzugestalten," und dieses Streben sichert ihnen, obgleich es sich in ein- seitiger Weise wesentlich auf die Pflege des Aeußerlichen beschränkt, reichen Beifall überall, wo die deutsche Zunge klingt, von Berlin bis Wien, von Köln I is Riga, der sowohl den Leitern des Hosschauspiel- Hauses in der Kaiserstadt an der Spree, als dem des Burgtheaters an der Donau die Scljamröthe ins Gesicht treiben sollte. Und wie die meisten Bemühungen der Meininger, so sind auch die dankenswerthen Versuche vereinzelter Bühnenleitungen mit Aufführungen literarhistorisch und theatergeschichtlich merkwürdiger Stücke, bis zur Antigone des Sophokles hinab in die Tiefe der Jahrtausende, nicht ohne Erfolg geblieben, haben sogar die Kassen gefüllt. Das Publikum also beweist mit seinem Verhalten den Meiningern und den klassischen Aufführungen gegenüber, wenn nicht sein tieseres Kunstverständniß, so doch ein garnicht so schwer anzuregendes Kunst- gefühl. Allerdings übt heute der durch die Richtung der Zeit auf das Reale geschärfte Sinn— auch— und vielleicht vornehmlich— der Massen— gegenwärtig eine schärfere Kritik, als früher, an den thcatra- lischen Leistungen, aber diese ist nur„Situationen und Gesühlsausbrüchen, welche von unserm Verstände nicht gesund und folgerichtig befunden werden" gefährlich, dem reinen, von jeder krankhaften Empfindelei und Verzerrung freien Ideal würde diese Kritik mehr und mehr zu statten kommen, sich an ihr schärfen und veredeln. Wenn heute ein Theaterdirektor den Hamlet, morgen die Antigone und übermorgen ein poesielos realistisches Schauspiel der modernen Tendenzmache oder„den dialogisirlen Zwitter irgendeines renommirten Novellisten" aufführt, dann hat er es seinem eignen Unverstände zu danken, wenn die Theilnahme des Publikums sofort wieder erkaltet. Neben solchen Fehlern lassen sich die Theaterdirektoren noch viele andere nicht minder grobe Vergehen wider ihren Beruf zu Schulden kommen. So geht ihnen überall der Schauspieler, sobald er Virtuose ist und Namen hat, über das Schauspiel. Um die Virtuosen und die Virtuosinnen reißen stch die Bühnenchefs, jagen sie einander ab mit schwerem Gelde, und lassen ausführen, was nach deren Meinung diesen am besten auf den Leib paßt und Spektakel macht. Auf den inneren Gehalt des Dramas kommt es dabei nicht im geringsten an. Der Dramatiker tritt hinü r dem Darsteller erst recht zurück. Neue Dramen werden in einem Bureauwinkel aufgestapelt, aber nicht geprüft; blind- lings wird gegeben, was anderwärts gefällt. An diese Kritik unserer Theaterzustände reiht sich eine Kritik der Kritik, welche gegen das Fundanient der köberle'schen Kunstanschauungen ausgespielt worden ist. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" hatte in ihrer gelehrten Beilage das Werk:„Die Theaterkrisis im neuen deutschen Reiche" durch den Vorwurf abzutrumpfen versucht, Köberle's Kunstanschauung schlüge „aller Aesthetik ins Gesicht", und sei eine der seichtesten zu nennen, die ihr„von einem berühmten Manne bekannt geworden" sei; sie sei „kurzweg Moral"— von den Aufgaben und dem Wesen der Kunst als solcher habe er kein Verstündniß. Das Zeitungsg'schwister, bettelarm an Gedanken und allem Besseren gegenüber begriffsstützig, wie es einmal ist, obendrein von Profession sich dazu berufen fühlend, überall milzureden und nüt der unwiderstehlichen Neigung behaftet, was aus den Geleisen des Ordinären weicht, nach Leibeskräften Hern: terzureißen, machte natürlich sofort den Chorus zu der Melodie, welche die offiziöse Norddeutsche vorgepfiffen, und wenn sich Köberle nicht sehr energisch gewehrt hätte, so wäre es so ziemlich in ganz Deutschland ausgemachte Sache gewesen, daß einer der hervor- ragendsten von den paar Dutzend Männern im deutschen Reiche, die das innerste Wesen der Kunst wirklich erfaßt haben, absolut in Kunst- fachen nicht mitst rechen dürfe,, wegen gröblichen Mangels an Verständniß wie es durch den glorreichen„allgemeinen verrückten Konsens" glücklich festgestellt worden war. Köberle w:ll freilich ein„ethisches Theater", aber ein„ästhetisch. ethisches". Tie„Norddeutsche Allgemeine" und der Zeitungsschreiber- trotz wollten von der Etliik, der Moral auf dem Theater natürlich nichts wissen, wenn das Theater nur„ästhetisch" ist, sich nur um das Schöne und nichts weiter kümmere; das Schöne muß ja Selbstzweck sein, was soil also die Moral daneben, Moral ist Spießbürgersache— eine veralte:- Forderung für das Gebiet der schönen Künste— was ist das für ein beschränkter Mensch, der so etwas noch nicht weiß! Aus diese geistreiche Manier gedachte der Kunstgelehrte der„Norddeutschen" die Berechtigung des Unmoralischen, der kleinen und der großen, der deklamirten, gesungenen und getanzten Zoten für die Bühne schlagend• u erweisen. Er übersah dabei nur cines oder wollte es über- sehen: nämlich daß das Schöne und Gute, oder gelehrter ausgedrückt: das Aesthcüsche und Ethische(Moralische) nicht zwei Dinge sind, sondern ein einziges, was sich absolut nicht ttennen läßt, und wenn man mit der ganzen Kraft der Uninoralität des neunzehnten Jahrhunderts auf der einen und der vollen Wucht der Geschmacklosigkeit desselbigen Jahr- Hunderts auf der andern Seite daran herumzerrt. Das Schöne ist das in und mit den menschlichen Sinneswerkzeugen geschehende äußere Erscheinen des Wahren; und das Gute ist das sich der mensch- lichen Vernunft offenbarende innere Wesen des Wahren. Es ist allerdings nicht so gar leicht, das Wesen des Wahren, Schönen und Guten mit einem nicht begriffsgewandten Verstände zu durchdringen; und es ist speziell mit Bezug ans die Definition des Schönen vielfach von unsren Philosophen gesündigt worden. Köberle sucht ihn folgendermaßen vor Mißverständnissen zu schützen. Er sagt: „Der Schönheitsbegriff ist einer der wichtigsten in der Aesthetik, seine nähere iheoretische Erklärung eine der schwierigsten. Vielleicht liegt eine annähernd richtige Definition in der Anforderung, daß die ästhetische Schönheit des.harmonischen Gleichgewichts' und der.innigsten Durch- dringung des Geistigen und Sinnlichen' nicht entbehren könne. Fügen wir dieser, bekanntlich von Schelling und Hegel besonders kulti- virten Anforderung als weiteres Merkmal noch die von Lessing und Schiller so sehr betonte Eigenschaft bei, daß die ästhetische Schönheit mit den Vorschriften der Ethik im philosophischen Sinne des Wortes harmonirt, so möchte man sich wohl eine klare Vorstellung von dem Begriffe machen können, den ich mit dem Ausdrucke schön gern ver- Kunden sehen möchte." Die Folgerung, welche Köberle aus dieser seiner Definition des Schönheitsbegriffes zieht, ist sehr wichtig und richtig. „Meine Definition legt dem Dramatiker nicht die Pflicht auf, daß er uns Charaktere bieten müsse, welche dem Schönheitsbegriffe voll- kommen entsprechen; vielmehr liefert sie ihm nur den Maßstab zur Auswahl und Nebeneinanderfügung der für sein Kunstwerk sich eignenden Gestaltungen, und er wird z. B. laut dieser Definition leicht das Er- habene in dem Hervorragen des Geistigen über das Sinn- liche, das Komische umgekehrt in dem Hervorragen des Sinnlichen über das Geistige, und das Häßliche in der rohen, geistverlassenen Sinnlichkeit erkennen. Ihm steht die ganze Mannichfaltigkeit der menschlichen Charaktere zur Versügung, wie das Leben dieselben darbietet. Ja, er wird, just um dem Schön- heitsbegriffe sein Recht zu verschaffen, nach Maßgabe der Eigenart des dramatischen Genres sogar zu unvollkommnen Charakteren greifen müssen." Die Entwicklung der Ausgabe des Dramas erläutert das Vor- stehende und bietet auch des Interessanten viel. Der Inhalt des be- züglichen Abschnittes ist folgender: Drama heißt Handlung. Diese Handlung muß bestehen in dem Kampf zweier Gegensätze, in dem Kon- flikte menschlicher Leidenschaften, und aus den darin gegebenen Begriffen Handlung, Streit, Widerstreit entspringen alle dramatischen Gesetze. „Der Dramatiker hat das Schönheitsideal mittels der Charaktere, aller j> aus ihren Leidenschaften entspringenden Konflikte und Handlungen oder vielmehr mittels der Folgen dieser Konflikte und Handlungen und mittels deren(dieser Folgen) läuternden Rückschlägen aus die Charaktere, nicht durch die Charakteranlagen selbst zur Anschauung zu bringen." Nach mehreren Kapiteln kritischer Ausführungen, welche die Mode- dramcn der Lindau, Felix Dahn und Laube gebührend in ihrer Schwäche und dramatischen Nichtigkeit kennzeichnen und in unserm Schlußartikel in kurzer Zusammenfassung gewürdigt werden sollen, wendet sich Köberle zu eingehender Erläuterung dessen, was er unter dramatischem Charakter versteht. Er entwickelt diesen Begriff solgendermaßen:„Jeder normale Mensch besitzt in seinem Innern ein ihm eigenthümliches Ideal, d. h. die Vorstellung von einem Zustande, der ihm als der Inbegriff der höchsten Schönheit und Glückseligkeit erscheint. Dies subjektive Ideal steht nicht selten im vollsten Widerspruch mit dem objektiven Ideal, d. h. mit dem Begriffe wahrer Schönheit und Glückseligkeit. Nichts- destoweniger gehört es zur innern Natur des Menschen und ist von ihm unabtrennbar; die Marionette besitzt kein Ideal: sie liefert nur Stoff zu phantastischen Verzerrungen, die man mit den Augen des Ver- standes nicht prüfen kann, ohne sich widerwillig davon abzuwenden." Daher darf„keinem dramatischen Helden eine Handlung oktrohirt werden, welche seinen Charakter der Naturwahrheit beraubt und ihn zu einer lebensunfähigen Spielmarke in der Feder des Autors ernie- drigt; zweitens ist jede Begebenheit im Drama, welche nur den sub- jektiven Zwecken des Autors dient und nicht der naturwahr treibenden Willenskraft der dramatischen Charaktere entkeimt, undramatisch und verdient den Namen einer Handlung nicht." Wir finden in den Charakteren der Menschen, meint Köberle, die- selbe Mannichfaltigkeit und dieselben Grundzüge, wie in den Gesichtern der Menschen. Alle haben etwas allgemein Menschliches aufzuweisen; unterscheiden sich aber von einander durch etwas jedem einzelnen Eigen- thümliches und durch die besondere Art, wie sie das der Gattung Anhaftende mit dem jedem Eigenthümlichen zu einer untrennbaren Einheit verbinden. Dies alles hat der Dramatiker bei der Darstellung seiner Charaktere aus das genaueste und liebevollste wiederzugeben. Derjenige, welcher seinen Charakteren nur das allgemeinmenschliche Gepräge gibt, zeichnet Schablonen, während der andere, welcher nur die Charaktereigenthümlichkeiten wiedergibt, Karrikaturen entwirft. Beide, Schablone» und Karrikaturen, entbehren des eignen dramatischen Lebens, und ihre dramatische Unzulänglichkeit kann nur durch allerhand theatra- lischen Firlefanz oder durch die läufchendc Virtuosität der Darstellung küm- merlich verdeckt, in keinem Falle aber gehoben werden.(Schluß folgt.) lieber PfianzenwaibSthum bei gehemmter Transpiration. Allen denjenigen, die ein Vergnügen darin finden, grünende Gewächse im Zimmer nicht nur zu pflegen, sondern auch gelegentlich selbst zu ziehen, wird es bekannt sein, daß manche Pflanzeustecklinge erheblich rascher und sicherer zum Anwurzeln zu bringen sind und auch in der Folge besser gedeihen, wenn sie gleich nach dem Einpflanzen mit einem die Lust abschließenden Glase überdeckt werden. Es entsteht dabei die Frage, inwiefern durch dies Verfahren die Lebensbednigungen der Pflanze abgeändert werden? An dem überdeckenden Glase ist besonders während und nach Bestrahlung durch Sonnenlicht ein Niederschlag von Wasser zu bemerken, der schließlich an demselben herabrinnt.„Es schwitzt", sagen viele Leute; freilich ist es nicht das Glas, sondern die Pflanze, welche grade so schwitzt in einer mit Feuchtigkeit, die nicht entweichen kann, übersättigten Atmosphäre, als wir den gleichen Zu- stand erleiden, wenn vor einem Gewitter die Sonne„sticht" und unsere Hygrometer nahe an äOO Prozent Durchsättigung anzeigen. Denn die Nothwendigkeit, Wasser abzusondern, auszudünsten, haben wir, als thierischc Organismen, mit den Pflanzen gemeinsam, wenn auch in unserm Einathmen von Sauerstoff und Ausathmen von Kohlensäure ein Gegensatz, oder besser gesagt, eine Ergänzung zu der pflanzlichen Lebensthätigkeit stattfindet, die im Einathmen von Kohlensäure und Aushauchen von Sauerstoff besteht. Da das von den grünen Pflanzenblättern ausgedünstete Wasser zum großen Theile dazu gedient hat, aus dem Boden die der Pflanze unentbehrlichen mineralischen Bcstandtheile derselben zuzuführen und so ihre Ernährung und ihr Wachsen zu vermitteln geholfen hat, so liegt die Vermuthung nahe, daß bei Hemmung der natürlichen Transpiration einer Pflanze auch deren innere Lebensvorgänge und die Resultate der- selben, also die Bildung von festen, organischen Bcstandtheilen, Ab- änderungen erfahren müssen. Es liegen zur Lösung dieser Frage in chemischer Hinsicht interessante Versuche von Th. Schlösing vor, welche über die sich einstellenden Thatsachen Auskunft geben. Zu den Versuchen dienten vier gleich große Tabakspflanzen. Sie wurden in ebenso viel Töpse, die ganz gleiche Bodenmengen von derselben Zusammensetzung enthielten, eingepflanzt. Ter Tops der ersten Pflanze(sie sei hier A. genannt) wurde in die Mitte eines ZinkgesüßeS gesetzt und mit einer Glasglocke von etwa 2 Liter Hohlraum überdeckt, so daß sie inner- halb des Gesäßes dicht auf dessen Boden ruhte. Ferner waren geeig- nete Vorrichtungen angebracht, um durch die Glocke Lust mit dem durchschnittlichen Gehalt an Kohlensäure hindurchleiten zu können, und zwar in 24 Stunden 500 Liter. Das geringe Quantum Feuchtigkeit, welches der Luftstrom fortführte, sowie das sich an der Glasglocke niederschlagende und hcrabrinncnde Wasser wurden genau bestimmt und ergaben das Maß für die Transpiration von A. Tie drei übrigen Tabakspflanzen(Ii, C und D) blieben an freier Luft. Um ihre Wasser- ausscheidungen zu messen, wurde ihr Erdboden mit Feuchtigkeit gesät- tigt und die Töpse dann mit Deckeln dicht geschlossen. Das zum Be- gießen des Bodens nöthige Wasser wurde während der ganzen Ver- suchsdauer, unter Berücksichtigung etwaiger Verluste durch Auslausen, genau gemessen und die Versuche bei demselben bestimmten Feuchtig- keitsgrad des Bodens, als er zu Beginn besaß, abgeschlossen. Sämmt- liche Pflanzen waren so beschnitten, daß sie keine Blüten treiben konnten. Ter Versuch dauerte sechs Wochen und es sahen die Pflanzen während- dessen sämmtlich fortwährend gesund aus. Während nun A 7,9 Liter Waffer verdunstet hatte, betrug der Durchschnitt für jede der Pflanzen B, C und 1) je 23,3 Liter. Tagegen wies A ein Gcsammtgewicht an getrockneten Blättern von 48 Grammen, die drei andern nur je 37,4 Grammen auf. An anderen gleich großen Pflanzen war festgestellt worden, daß bei Beginn des Versuchs jede Pflanze 8 Gr. trockne Blatt- substanz besaß. Während demnach die Pflanze A 40 Gr. oder pro Liter verdunstetes Wasser 5,2 Gr. Blattsubstanz erzeugt, hatte diejenige der Pflanzen B, C und D nur um 29,4 Gr. oder 1,2 Gr. pro Liter zugenommen. Es stellte sich nun ferner heraus, daß die Zunahme an Blattsubstanz bei Pflanze A nicht in gleichem Maße als bei den andern eine Gewichtsvermehrnng von Mineral- oder Aschcnbestandtheilen cnt- sprach. Beim Verbrennen hinterließen die Blätter von A 13 pCt., diejenigen von B, C und D aber 21,8 pCt. Asche, deren einzelne Be- standtheilc in beiden Fällen in ihren Verhältnißzahlen abweichen. Es enthielt in 100 Theilen Asche von A.vonB.C.I). A,BonB,C,D. Kohlensäure 23,00 19,25 Kali 23,40 19,00 Chlor 6,51 10,21 Kalk, Magnesia, Eisenoxyd 35,06 36,40 Schwefelsäure 6,14 5,30 Sand und Kieselsäure 4,59 10,76 Phosphorsäure 3,68 1,89 Der Gehalt von Tabaksblättern an Asche beträgt im Durchschnitt nicht unter 20 pCt., ist also bei der unter der Glasglocke gewachsenen Pflanze ausfällig verringert. Das zeigt sich noch ausfallender, wenn man nur die einsachen Gewichtszunahmen der Blätter an mineralischen Bestand- theilen seit Beginn der Versuche vergleicht. Die 8 Gr. Blattsubstanz enthielten nämlich in allen vier Fällen anfänglich 1,74 Gr. Aschentheile, so daß der Totalzuwachs bei den Blättern von A 4,5 Gr., bei denen von B, C, L» je 6,41 Gr. betrug. Wenn man das Vcrhältniß der Zu- nähme an Mineralbestandtheilen zur Gesamintgewichtszunahme in Be- tracht nimmt, so ergibt sich die interessante Thatsache, daß eine Pflanze bei gehemmter Transpiration dasselbe Quantum organisirter Substanz unter gleichzeitigem Verbrauch von ungefähr nur halb so viel ininera- lischen Bodcnbestandthcilen hervorzubringen vermag, wie solche, die unter sonst gleichen Bedingungen an freier Luft gewachsen sind.— Obgleich dieses Resultat nur aus Untersuchungen der Blätter ge- Wonnen ist, kann es doch ohne Beanstandung aus die ganze Pflanze bezogen werden, da bei gleichen Arten die Wurzeln, Stengel und Blätter sich im entsprechenden Vcrhältniß entwickeln, und es sich hier überhaupt nur um Vergleichungen handelt. Während, wie schon erwähnt, das äußere Aussehen keinen Unter- schied der Farbe, Form und sonstigen physikalischen Eigenschaften aller vier Versuchspflanzen erkennen ließ, zeigte die chemische Bestimmung der einzelnen organischen Bestandtheile der Blätter, daß doch der Mangel an mineralischen Bestandtheile» in Pflanze A gleichfalls deren Zusammensetzung beeinflußt hatte. Es fanden sich nämlich in 100 Thei- lcn von A,vonB,c:,v. A,vo»B.C.D Nikotin 1,32 2,14 Cellulose(Holzfaser) 5,36 8,67 Organische Säuren 8,61 17,29 Stärkemehl 19,30 1,00 Harze 4,00 5,2 Stickstoffsubstanzen 17,40 18,00 Besonders in die Augen fallend ist der um 18,3 Prozent den normalen übersteigende Gehalt an Stärkemehl in den Blättern der von der Glas- glocke überdeckten Pflanze. Schlösing sieht darin eine Bestätigung des Satzes, daß die Pflanze aus Kohlensäure und Wasser zunächst Stärke- mehl bilde. Während sie nun unter normalen Verhältnissen ganz nach ihrem Bedürfnisse Mineralbestandtheile aus dem Boden ausnimmt und das Stärkemehl unter deren Mitwirkung sich nach und nach in die verschiedensten Pflanzenkörper umwandelt, ist bei gehemmter Transpi- ratio» die Ausnahme von Aschetheilen zu gering, so daß nur ein Theil Stärkemehl weitere Umwandlungen erfährt, der Rest aber aufgespeichert wird. Es läßt sich hiernach der Vorgang leichteren Anwurzelns mancher Pflanzenstccklinge bei Bedeckung mit einem Glas begreifen. Indem derartige Stecklinge gewöhnlich noch gar keine, oder nur mangelhaste Wurzelansätzc haben, sind dieselben zunächst außer Stande, aus dem Boden die zur normalen Vegetation der oberirdischen Organe benöthigte Menge Mineralstoffe aufzusaugen. Wird nun durch Uebcrdccken die Transpiration gehemmt, so kann die Pflanze mit etwa der Hülste jener Stoffe ihr vegelatives Leben im Gange erhalten; die Wurzeln bilden sich mittlerweile aus, können dann zur weiteren Assimilirung der in den Blättern angesammelten, einsachen organischen Produkte des Pflan- zenlebens die vorher fehlenden Mineralstoffe liesern, und die Vegetation entwickelt sich daraus um so lebhafter vorwärts. R.-L. Der kölner Dom in seiner Vollendung.(Bild Seite 68—69.) Die Blüthe des Handels und der Gewerbe im Mittelalter zog in den deutschen Städten eine Kunstthätigkeit groß, die uns heute ihrer Vollen- dung halber als eine die unserige weitüberragende erscheint. Geistige Kraft und materielle Macht des Volks vereinigten sich in Köln wie in Straßburg, Ulm, Freiburg und anderwärts, um Kunstwerke zu schaffen, die heute noch die Seele des Beschauers mit Staunen und Bcwunde- rung erfüllen. Köln war so recht ein gedeihlicher Boden für die Bau- kunst. Von den Römern zu einem befestigten Lager auscrsehcn, hat sich Colonia. agrippina in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrech- nung zur Stadt entwickelt, in welcher die Legionäre der weltbehcrrschen- den Imperatoren Tempel und Gerichtsgebäude errichteten, deren Grund- mauern heute noch den kölner Kirchen als Unterbau dienen. Als sich die eingewanderten Römer und die eingeborncn Ubier taufen ließe», wurden die heidnischen Tempel in christliche Kirchen umgewandelt. Die Altäre, die dem Mars und Jupiter, und früher vielleicht dem Thor und Wotan geweiht waren, mußten dem überall siegenden Kreuze weichen. So entstand aus den Ruinen eines heidnischen Tempels die Vorgängerin des kölner Domes, die Domkirchc, als deren Gründer der Bischof Hildebold, ein Zeitgenosse des großen Frankenkönigs Karl, gilt. Sie stand genau auf der Stelle des Domes und war im romanischen Stil erbaut. Schriststeller des 10. Jahrhunderts schildern sie als eines der reichsten und großartigsten Gebäude am Rhein, sodaß es den spä- teren Domkirchcn von Mainz, Worms, Speyer, sowie den Abteikirchc» von Laach und St. Gallen als Vorbild diente. Als diese Kirche theil- weise ein Ziaub der Flammen geworden war, faßte Erzbischof Engel- bert den Plan zur Gründung einer neuen, des Ansehens der kölnischen Kirche würdigen Kathedrale. Engelberts Nachsolger, Conrad von Hoch- staden, legte am 14. August 1248 unter großer Feierlichkeit den Grund- stein zu dem am 14. August 1880 vollendeten Dome. Da seit dieser Zeit, einige Pausen abgerechnet, unausgesetzt an dem Dome gebaut wurde, so gleicht der Riesenbau einer versteinerten Chronik. In dem Dome verkörpert sich aber auch der Nationalcharakter seiner Erbauer. Gleichwie die Peterskirche in Rom, die sich mit ihrem Goldschmuck und ihrer Farbenpracht wirksam ausdrängt, den Italiener charakterisirt, so spiegelt der aus gleicher Felsart bis zur Spitze aufgethürmte kölner Dom den deutschen Charakter wider. Die italienischen Kuppeldomc gleichen einer unverhüllten Schönheit, deren Reize man mit einem Blick umfaßt, während man sich in die labyrinthisch verschlungenen Formenräthsel der Gothik tief versenken muß, um sie zu fassen und zu genießen. Desto größer ist aber die Ausbeute, denn die gothischen Münster, deren über das ganze Gebäude verbreitete Zier die Masse in der Form aufgehen läßt, gleichen der Fülle der Natur, welche in der Vollkraft ihres Schaffens alles mit Laub und Blüthen überzieht, durch welche die tausend und tausend kleinen Geschöpfe im bunten Wechsel wimmeln. Alles scheint absichtslos, zwecklos, und ist doch nothwendig bis zur untersten Zelle. Der gothische Baustil charaktcrisirt sich durch einen ans der Tiefe des deutschen Wesens hervorgegangenen schöpfe- rischen Geist, der alle Baugestalten und Verhältnisse in schönste Har- monie bringt und von der Beherrschung der kolossalsten Massen bis in die einzelnsten Ornamente denselben einheitlichen Plan besolgt; er charakterisirt sich ferner durch schönere Formen, freiere Bewegung, reich- lichere Ausstattung der Gebäude, als wie sie der romanische Stil, aus welchem der gothische hervorgegangen, aufweisen kann. Hohe Giebel, steile Dächer, schlanke Thürme, Spitzbogen in Thiiren und Fenstern, kühne Gewölbe, in die Höhe strebende Pfeiler, die statt der früheren bloßen Wandstreisen auf den äußeren Mauern emporragen, archilcklo- nische Ausschmückung an den inner« Flächen, wie an Thülen und Fenstern— das ist das Gepräge der gorhischen Baukunst, deren sämmt- liche Gebilde auf dem Gesetz einer konsequenten Entwicklung weniger Hauptsormen beruhen. Und wem verdanken wir die Kunst, die unsere Kirchen und Rathhäuser wie mit steingewordenem Spitzeugcwebe über- zogen hat? Wir wissen es nicht, die undankbare Menschheit hat die Namen der Baumeister vergessen und nur die ihrer Brotherren, der Bischöfe, erhalten. Wohl waren es Bischöfe, die auch in der römischen Pflanzstadt die Baukunst zur Geltung brachten, man darf aber, wenn man die Priester als Förderer der Kunst rühmt, niemals vergessen, daß ihr Mäccnatenthuni stets einer sehr egoistischen Triebfeder ent- sprang, daß sie die Kunst nicht um ihrer selbst willen, sondern lcdig- lich zu kirchlichen Zwecken oder zur Erhöhung des Prunkes begünstigten und unterstützten. Die Rührigkeit der Kölner war es, die diesen groß- artigen Plan ins Leben rief. Auf allen Meeren segelten ihre Schiffe, in allen Häfen der damals bekannten Welt fanden ihre Waaren Absatz. Als Mitglied der Hansa(norddeutscher Städtebund) brachte Köln den niederländischen Handel und das Hansakomptoir zu Brügge(eine Stadt in Flandern) fast allein in seinen Besitz. Damme bei Gent und London, damals eine unbedeutende Stadt, wo die Gildhalle der Kölner sich be- befand, waren die Vermittler zwischen dem Rhein einerseits und Flan- der« wie England andererseits. Das im Jahre 1259 erworbene Stapel- recht, demgemäß alle die Stadt passirenden Schiffe dort ausladen, Zoll entrichten und dann auf kölnischen Schiffen weiter gehen sollten, trug gleichfalls zur kommerziellen Macht der Metropole der Rheinlande bei. Dazu blühten Gewerbszweige aller Art. Die Tuchweber wurden in- folge des starken Absatzes, den ihr Fabrikat aus allen Märkten Europa's fand, so übermüthig, daß sie wiederholt Aufstände anzettelten. Der regelmäßige Zustand der Stadt Köln in dieser Zeit war Ausruhr gegen die Patrizier und Parteifehde mit den Bischöfen und infolge dessen die Hinrichtungen so zahlreich, wie in einem asiatischen Staat. Dies wohl der Grund, daß die Chronisten jener Zeit nur Kriegsereignisse aufzeich- neten, ohne sich viel um Fricdenswerke zu kümmern. Im Jahre 1257 wird neben Heinrich Sunere Meister Gerhard als Bauleiter des Domes genannt. Den Entwurf des Grundrisses schreibt die Sage dem Domi- nikanermönch Albertus Magnus zu, einem Universalgenie, der nach spanischem und französischem Muster die gothische Bauart in Deutsch- land eingeführt haben soll. Doch darf zur Steuer der Wahrheit nicht verschwiegen werden, daß den fast unglaublichen Thaten des Albertus Magnus der historische Hintergrund fehlt. Etwas bestimmter tritt der Baumeister Gerhard von Köln im Jahre 1235 vor. Siebenundzwanzig Jahre später vollendete Meister Johann den Chor des Domes, hundert Jahre später war der südliche Thurm zur Hälfte gediehen, aber erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts wurde das Seitenschiff mit den prachtvollen Glasfcnstern vollendet. Jetzt brach eine böse Zeit für den kölner Dom herein, Reformation, Krieg und Verarmung diktirten dem „deutschen Rom" das Naturgesetz der Nothwendigkeit, nämlich von der Höhe herabzusteigen. Religionsstreitigkeiten bestimmten die sühigsten Ge- werbtreibenden zur Auswanderung. Nach Auflösung des Hansabundcs wurden die Holländer tonangebend im Handelswescu und ruinirten im I. 1566 durch die sogenannten Licentgebühren die Hafenstellung Kölns. Da konnte man deutlich sehen, daß der Bau des Domes nicht aus dem Säckel der Psaffen, sondern aus dem des Volkes bestritten wurde, und das Volk nagte am Hungertuch.(Schluß folgt.) Literarische Umschau. „Die Verwahrlosung des modernen Charakters." Ein Straf- und Mahnwort an die Zeitgenossen von Dr. M. Vogler. Leipzig, Verlag von Paul Frohberg. Preis Mark: 1,26. Das bezeichnendste Merkmal des modernen Charakters ist, keinen Charakter haben. Der Schein ist es, der herrscht, dem man nachjagt und die Heuchelei ist das Mittel, durch welches man sich in seinen Besitz zu setzen sucht. Das gilt sür's private und öffentliche Leben, und alle Gesellschaftsklassen stellen ihr Kontingent zu diesem Verderb- lichen Treiben. Die sogenannten Gebildeten oder höheren Schichten sind nicht davon auszunehmen, weil sie das wahre Wesen echter Bil- dung und Gesittung infolge der unserer Zeit cigenthümlichen Erziehung meist nicht erkannt und das wenige, was sie vom Werth des Menschen � kennen gelernt, unter der faden und schalen Maske der Etikette und der hohlen herrschenden Form des Salons ertödtet haben; die nieder» nicht, weil ihnen überhaupt eine höchst mangelhaste Erziehung zu theil geworden, und andererseits die Sorgen um die Existenz jedes selbstän- dige Denken und Fühlen vernichtet haben, und sie infolge dessen nicht in der Lage sind, den Dingen auf den Grund zu kommen, also bei ihrem Urtheil an der Oberfläche, am Schein kleben bleiben müssen. Wer den Erfolg hat, dem wird zugejubelt, ohne zu untersuchen, ob man sich einer Selbsttäuschung hingibt oder nicht: heute ist man begeistert für den Milliardensegen und den Freihandel, morgen begrüßt man freudig die Schutzzölle, heute ist man für diesen oder jenen großen Mann, morgen ruft man„Steinigt ihn!" und erhitzt sich für seinen Gegner. Genau so im Parteileben. Wie anders wäre denn sonst das Renegatenlhum und die Großmannssucht zu erklären, die in dem Be- streben zutage tritt, seine früheren Gesinnungsgenossen in der wider- lichsten Weise mit Schmutz zu bewerfen, wenn nicht aus dem Umstände, daß die äußeren Erfolge irgend welcher Partei eine große Zahl Wen- scheu herbeizogen, die aber zu beschränkt, um in das innere Wesen der Sache selbst einzudringen, in Fällen der Roth davonliefen, um das, was sie früher vergöttert und gepriesen, in den Staub zu ziehen! Cha- rakterfestigkeit, Selbständigkeit un Denken und Handeln gilt für Narr- heit, wird verspottet oder doch verächtlich über die Achseln angesehen. Mit einem Wort, das, was den Menschen zum Menschen macht, die Wahrung seiner Individualität, hat in der herrschenden Tagcsmeinung keinen Werth; die Person soll untergehen in dem trüben und schlam- migen Brei der herrschenden Parteien. Die Intoleranz ist somit zu dem einzig herrschenden Prinzip geworden. Religiöse(Kulturkanipf und Judenhatz) und politische Verketzerungen und Hetzereien bestätigen dies. Ist es ein Wunder, wenn weniger stark beanlagte Menschen— die große Mehrheit ist dies leider!— diesem Druck der öffentlichen Meinung nachgeben, zu Heuchlern werden, um sich ihre leibliche Exi- stenz zu sichern, und wenn infolge dessen alles Pflichtgefühl gegen die Gesammtheit mehr und mehr verschwindet, nur noch das Sonderinter- esse herrscht und das Streben»ach dem äußeren Schein, nach Titeln, Orden u. dgl. immermehr zum Verderben des Menschenwohl um sich greift? Ist nicht eine feile, gesinnungslose Presse sofort bei der Hand, um die sich irgendwo regende Gcsinnungstüchtigkeit öffentlich zu denun- ziren und somit ihrem Trüger die Existenz abzuschneiden!— Der den Lesern der„N. W." zur genüge bekannte Verfasser der obengenannten Schrift hat das Verdienst, den unserer Zeit eigenen Typus des Cha- rakters, d. h. der herrschenden Charakterlosigkeit, blosgelegt und dessen Verwahrlosung nebst den dazu beitragenden Ursachen gezeigt zu haben. Der verderbliche Einfluß der Presse, die von dieser Großmacht ersten Ranges gepflegten Schamlosigkeiten, das öffentliche Feilbieten in den Zeitungen von allen dem gesitteten Menschen heiligen Gütern, den Ge- heimmittelschwindel, Heiratsanzeigen, Unterstützung der gemeinen Speku- lation auf ökonomischem und politischem Gebiet u. s. w. u. s. w. finden ihre verdiente Züchtigung. Ebenso der verflachende und versumpfende Charakter unserer belletristischen Literatur, die Prositmacherischen Be- strebungcn vieler Verleger, die Käuflichkeit der Schriftsteller, die Ehe- Vermittlungen, der Einfluß des Mammons auf die Gesetzgebung, kurz, das verderbliche Umsichgreifen der Unsittlichkeit auf allen Gebieten der Oeffentlichkeit, die Sphären der Kunst nicht ausgenommen. Wir müssen uns bei dem hier kurz Angedeuteten genügen lassen, wer sich über das hochwichtige Thema nähere Ausklärung verschaffen will, der kaufe sich die empfehlenswerthe, 6 Bogen starke, sich auch äußerlich gut reprä- sentircnde Broschüre selbst, er wird darin viel des BcherzigenSwerthcn finden. Die Mittel und Wege zur Besserung sind gleichfalls angedeutet, wenn wir auch die Bemerkung nicht unterdrücken können, daß hier etwas mehr Ausführlichkeit am Platze gewesen wäre. Doch auf einen Hieb fällt kein Baum und auf einem von vornherein engbestimmten Raum lassen sich nicht so hochwichtige wissenschaftliche und philojophische Fragen endgültig erledigen. Daß der Verfasser aber von vornherein sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe vollständig bewußt war, sagt er in seiner Vorrede selbst, und es mag hier nur eine, von ihm als berechtigt anerkannte und mitgetheilte Stelle aus einem Werke von Melchior Mehr dies bestätigen:„Es ist eine entsetzliche Mission, an der Veredlung der Menschen arbeite» zu sollen. Man muß die Halunken an- greisen, die Glück machen bei der Menge— und das erklärt sich der Pöbel aus Neid; und sogar in den Augen besserer Menschen hat es etwas Gehässiges. Man muß sich rein ausopfern und gegen den Strom schwimmen unter den Verwünschungen der Charlatane und ihrer Ver- ehrer und unter dem Achselzucke» der Philister. Man hat Teufelsmühe und Teufelsdank!" m Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Ueber das Problem des Fliegens, von Ingenieur P Köhler (Schluß).— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts, von H. E.(VI.)— Ein Hauch von Lcssings Geiste(Fortsetzung).— Ueber Pflanzenwachsthum bei gehemmter Transpiration.— Der kölner Dom in seiner Bollenduna (mit Jllustratton).— Literarische Umschau. � Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.