7. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 5 fsso] Die Schwestern. Roman von M. KautsKy. (6. Fortsetzung.) Die Hofräthin setzte rasch die Tasse ab. „Sie werden gehen?" fragte sie Frau Weiß. „Ich habe die Absicht, ja, meine Mädchen haben diesen Fasching noch nicht einmal getanzt—" „Aber wir haben jetzt Fasten," unterbrach die Hofräthin streng. Fran Weiß sah etwas verlegen aus. „Freilich, aber Sie wissen, liebe Frau Hofräthin—" ihr Ton ward bittend,—„man nimmt es jetzt nicht mehr so genau." „Leider sagen Sie die Wahrheit, unsere Frömmigkeit wird stets geringer und die Sitten werden schlechter und alles ver- wildert— die zweite Tasse ettvas weißer, wenn ich bitten darf, o genug, übergenug— und sie wollen also wirklich den Ball besuchend „Er soll sehr schön werden, der Doktor und der Apotheker sind im Ausschuß." „So, das beruhigt mich, liebe Freundin, das beruhigt mich merklich;" die kleine Frau stopft sich ein Stück Kuchen in den Mund.„Wenn mir etwas zustoßen würde, wäre doch gleich Hülfe bei der Hand. „Wie, Sie hätten die Absicht?" riefen Mutter und Töchter fast gleichzeitig. Die Hofräthin brachte den weichen Kuchen, der sich an ihre Zähne festsetzte, nur mühsam hinunter. Sie schmatzte und schluckte. „Ihretwegen thu' ich's," antivortete sie dann, mit ihrer Zunge noch immer im Munde hin und her fegend.„Sie kennen mich, liebste Freundin, was thäte ich nicht Ihnen zuliebe!" „O, Frau Hofräthin-" „Run ja, Ihre Mädchen werden tanzen und Sie würden dann allein und gelangweilt im Saale sitzen. Da will ich Ihnen denn hübsch Gesellschaft leisten, und wir werden dann zusammen beobachten können, wie's unsere Jugend treibt. Und der Ball ist also Sonntag? das ist übermorgen." „Ja, und am Morgen desselben Tages singt Elvira in der Kirche." „So, so." Die Hofräthin nickte und kostete von ihrem Kaffee, dann hielt sie Marie die Tasse entgegen. „Roch ein bischen schwarz, wenn ich bitten darf, noch ein Tröpfchen, so—" Sie wendete sich plötzlich Elvira zu und mit einem Ausdruck dreister Neugier blickte sie ihr gerade in's Gesicht.„Und Sie singen wieder mit dem jungen Bcrgcr, wie neulich, wie?",..™ Elvira fühlte, wie ein heißes Roth in ihre Wangen stieg. Sie war voll Aergcr darüber, sie verwünschte dieses Erröthcn und konnte es doch nicht hindern. Die Augen der Hofräthin blinzelten boshaft. „Ein hübscher Mensch, was? Gewachsen wie eine Tanne, und singt sehr gefühlvoll, hchc! Ist auch ein Schüler Ihrer Tante. Nun ja, die nimmt ja alles, und bei ihr finden sich Männlcin und Weiblein zusanimcn, wie in der Arche Noah. Aber jetzt noch ein Stückchen Zucker, Sic erlauben." Ihre knochigen Finger griffen in die Dose. Elvira war all' ihre gewohnte Keckheit abhanden gekommen, ihr Athem begann zu stocken und nur mühsam brachte sie die Worte heraus: „Wir haben Separat�Lektioncn— wir sehen uns selten—" „Selten, selten, aber doch zuweilen." Die Dame rührte im Wirbel ihren Kaffee um, dabei voll Schadenfreude die Verwirrte betrachtend.„Wenn es öfter wäre, so würde ein gewisses Fräu- lein dagegen wohl heftig Protestiren, und sie hätte vielleicht recht." „Welches Fräulein?" stammelte Elvira. „Beste Frau Hofräthin, ich verstehe Sie nicht,— was wollen Sie damit sagen?" fragte die Mama mit einer gewissen Aengst- lichkeit. Diese wendete sich rasch nach ihr um und hopste dabei von ihrem Sitze etwas in die Höhe. „Daß es ein Skandal ist, ein wahrer, offenbarer Skandal, daß diese Depauli, diese Minna mit dem jungen Menschen zu- sammen wohnt." Marie, die bisher geschwiegen, erhob nun die schönen, sanften Augen und sagte mit ruhiger Würde: „Das ist nicht so, Frau Hofräthin, Minna ist mit ihrer jungen Schwester zusammen, und wenn Herr Berger Thür an Thür wohnt, wie wir es alle mit unfern Nachbarn thun, so darf wohl niemand ihr daraus einen Vorwurf machen." „Ei, ei, ei,"— der Löffel ward Ivieder im Kreise herum- gedreht,—„und dieser Nachbar ist ihr wohl ebenso gleichgiltig, wie es die unseren uns sind, und sie sagen sich einen kühlen guten Morgen, diese jungen Nachbarsleute,— nicht wahr?— und kümmern sich nicht weiter um einander, haha! Ich aber sage Ihnen, die beiden haben ein Verhältnis;." „Und wenn es so wäre," rief Marie in warmblütiger Ans- Wallung,„und wenn sie sich liebten, ist das etwas Böses?" Die Hoftäthin brach in lautes, höhnisches Lachen aus. ist bei ihr nichts Böses!" „Das �1. 13.?!ovember 1880. „Schweig, Marie!" herrschte Mama Weiß sehr geärgert ihrer Tochter zu.„Du verstehst nichts davon, du sprichst wie ein Kind." „Nein, Mama, aber ich kenne Minna, ich weiß, wie brav und tugendhaft sie ist, und daß sie nie etwas thun wird, was nicht gut und ehrenhaft wäre." „Nun, das wäre ja höchst erfreulich," kicherte die Hofräthin, „und Sie, Elvirchen, Sie haben wohl dieselbe gute Meinung von Ihrer Freundin?" „Ja," sagte diese kurz und bündig. Sie mar wieder voll- ständig Herrin ihrer selbst.„Und ich halte Minna außerdem auch noch für sehr klug; sie kann nicht daran denken, diesen jungen Mann ernstlich zu lieben, ihn, der nichts ist und der sie in einigen Monaten schon verlassen wird. Er muß in die Welt hinaus, um dort in einein vielgestaltigen, vielbeivegten Leben sich Künstler- rühm zu holen. Er wird dann sie und unser Städtchen und all' diese kleinlichen Verhältnisse bald vergessen haben." Die Hofräthin schlug wie im Beifall in ihre Hände. „So ist's, aufs Haar hat sie's getroffen, die Ä leine. Er wird sie verlassen, er wird sie vergessen, aber vorher wird er die Ge- legenheit benutzen, hehe— ich will nichts weiter sagen. Aber liebe, theure Weiß, wenn ich junge Töchter hätte, ich würde die Vorsicht gebrauchen und ihnen den Umgang mit Depaulis ver- bieten." Sie begann wieder zu schlürfen. „Ich habe schon zum öfteren abgerathen, liebe Frau Hof- räthin, aber da ist Luise, die so große Stücke auf sie hält und sie gleichfalls für Tugendheldinnen ausgibt." Die Hofräthin hüstelte, dann schob sie ihre Tasse zurück. „Ich kann den Kaffee wirklich nicht trinken, Sie haben ihn so süß gemacht." „Vielleicht etwas schwarzen dazu?" „Und auch etwas weißen, werde ich bitten." Marie schenkte ein. „Nun," meinte die Hofräthin, die von dem Thema nicht los- kommen konnte, gleichwohl aber die Nothwendigkeit einsah, etwas mildere Saiten aufzuziehen,„uns kümmert's ja eigentlich nichts, die Mädchen haben einen Vormund, cer hätte die Verpflichtung,— aber, du lieber Gott, unser Bürgernieister der nimmt's ja selbst mit der Moral sehr leicht, der macht selbst den Mädchen den Hof; es war ein kluger Einfall, den Bock zum Gärtner zu machen. Mich dauert nur der Bruder, der kommt zu Besuch und findet die saubere Wirthschaft. Es soll eine furchtbare Szene abgesetzt haben und gleich bei seiner Ankunft soll er die Schwestern mit Vorwürfen überhäuft haben." „Das glaube ich nicht," sagte Marie mit einem sanften Lächeln, indeß über ihre Wangen eine dunkle Wolke jagte. Es entging der Hofräthin nicht.„Ah, Sie kennen ihn wohl schon, er hat sich Ihnen vorgestellt, Frau Weiß?" „Nein, und ich habe mir's auch nicht verlangt, zu meiner Schwägerin hat ihn Minna gebracht." „Ei, ei, so, so, zu Fräulein Luise?" „Ich höre, er will sonst niemandem Besuche machen, er soll verstimmt und niedergeschlagen sein, ich weiß nicht, weshalb." „Ich sagte es Ihnen ja, es ist aus Verdruß über die Auf- führung seiner Schwester, er schämt sich einfach, unter die Leute zu gehen, der arme, arme Mensch, und er ist so hübsch und scheint so liebenswürdig." Die Mädchen sahen überrascht auf. „Sie kennen ihn, Sie haben ihn gesehen?" „Seit drei Tagen geht er gegen Abend, fast zur selben Stunde an meinem Fenster vorüber." „Er wird Ihnen doch nicht Fensterpromenade machen?" meinte Elvira lächelnd. Die Hosräthin lächelte ebenfalls, sie war in eine bessere Laune gekommen. „Sie kleiner Naseweis," meinte sie,„wenn Ihnen auch nur ein viertel von solchen Promenaden gemacht worden sind, wie mir, so könnten Sie damit zuftieden sein, aber Spaß beiseite, der junge Maler ist wirklich ein sehr netter Mensch." „Beschreiben Sie ihn doch, wie sieht er aus?" bat Elvira. „Nun, ich sagte es ja schon, hübsch, schlank, mittelgroß, sehr elegant, kurz, wie ein Gentleman." „Schwarz oder blond?" forschte das neugierige Mädchen. „Das Haar konnte ich nicht sehen, er trägt einen kleinen, grauen Filzhut mit schwarzem, breiten Band; schon das finde ich sehr fein, niemand im ganzen Städtchen hat einen solchen, sein kurzgeschnittener Vollbart ist aber mehr licht als dunkel." Marie öffnete die Lippen, wie zum Widerspruch, sie biß sie aber schnell zusammen, sie durfte nicht sagen, daß das nicht richtig und daß Alfred ganz ausgesprochen brünett sei, sie hätte sich damit schön verrathen. „Und er kommt also des Abends regelmäßig an ihrem Hause vorüber?" „So um die sechste Stunde. Ich war dieser Tage meiner Mattigkeit wegen schon um diese Zeit zuhause, und da sah ich ihn denn vom Walde herunterkommen und durch die Anlagen nach dem Städtchen gehen. Der arme Mensch, er ist gezwungen, die Einsamkeit der Wälder zu suchen." „Und woher wissen Sie denn, daß dieser Herr der junge Depauli ist?" fragte die vorsichtige Mama. Die Hoftäthin hatte wieder ihr überlegenes Lächeln. „Wer sollte es denn sein? Oder glauben Sie vielleicht, es gäbe einen Einheimischen, den ich nicht kenne? Nein, meine liebe Frau Weiß, das gibt es nicht. Meinem Spaziergänger sieht inan übrigens den Residcnzler, und noch mehr den Künstler, schon von der Ferne an. Aber, warum starren Sie mich denn so an, Elvira?" „Frau Hofräthin sehen ungemein echauffirt aus," bemerkte die Boshafte. „Wie, bin ich vielleicht roth? Habe ich erhitzte Wangen?" ftagte die Hofräthin, schon angstvoll erregt. „Sehr roth, sehr erhitzt," bestätigte Elvira und fuhr dann mit heuchlerischer Theilnahme fort:„Ich fürchte sehr, Frau Hof- räthin haben schon wieder Die kleine Dame war mit beiden Händen nach ihren Wangen, nach ihrem Kopf gefahren. „Kongestionen habe ich, natürlich,— o, ich muß sehr roth sein, ich spür' es— ich— nun ja, das habe ich von Ihrem starken Kaffee,— nirgends findet man so starken Kaffee, und ich— nun, da haben wir's, Herzklopfen habe ich auch, alles vom Kaffee. Fühlen Sie nur mein Herz,— und ich bin also sehr roth, nicht wahr, nicht wahr?" Ihre Stimme schnappte um, sie rang nach Athem und fuhr sich Plötzlich mit der Hand nach dem Halse, diesen pressend und würgend. „Was haben Sie denn, liebe Frau Hoftäthin?" ftagten Frau Weiß und Marie, beide besorgt und bekümmert, mdeß Elvira die Lippen zusammenpreßte, um nicht laut auszulachen, so komisch erschien ihr die Alte in ihren angstvollen Einbildungen. Die Hoftäthin drückte und quetschte noch immer am Halse herum.„Auch die Rachenhöhle muß entzündet sein, ich spür's, der Hals schmerzt, wenn ich dran greise,— ah, aber das kommt bei mir immer von kalten Füßen. Die meinen sind eisig, Ihr Fuß- boden ist aber auch kalt, wie ein Gleffcher, und keinen Teppich— da muß man sich ja verkühlen." Elvira stürzte fort, um einige Decken zu holen, sie fürchtete, herauszuplatzen. Marie richtete indeß ein niederschlagendes Pulver her, welches die Hoftäthin verlangt hatte. Nachdem ihre Füße in die warmen Hüllen gewickelt waren und sie gegen ihre Kongestion ein Pülverchcn und einige Kügelchen, die sie stets bei sich trug, genommen, fühlte sie sich besser, und sie willigte ein, mit Frau Weiß zu ihrer weiteren Beruhigung eine Mariage zu spielen. Diese fesselte alsbald die Aufmerksamkeit der beiden alten Damen vollständig. Die Mädchen hatten sich zu dem Arbeits- tisch ani Fenster gesetzt. Marie nahm die Plisses, die auf Elvira'» Ballkleid geheftet werden sollten, vor und begann sie einzureihen. Elvira sah zum Fenster hinaus. Die Luft war ruhig geworden, die Wolken waren verschwunden und die tiefstehende Sonne ent- sendete ihre warmen Strahlen und erleuchtete alles mit ihrem goldigrothen Schein. Sie schien etwas zu überdenken; nach einer Weile erhob sie sich und, zum Klavier tretend, begann sie einige Noten zusammenzusuchen und in eine Mappe zu legen; hierauf verließ sie das Zimmer. Nach etwa zehn Minuten kam sie wieder mit Hut und Radmantel. Das Kleid hatte sie etwas herauf- gezogen, sodaß die kleinen, allerliebsten Füße darunter sichtbar wurden. „Ich muß zum Schullehrer," sagte sie nachlässig, gegen die Mama gewendet,„ich habe eine kleine Repetition mit der Orgel; ich bin bald wieder zurück." Sie nahm die Noten. Mama nickte, ihre Dame hatte soeben einen Stich gemacht und sie zog ihn ein. Elvira nahte sich mit einem befriedigten Lächeln ihrer Schwester und warf ihr einen Handschuh zu. „Nähe mir schnell den Knopf an, bitte, Marie." Marie willfahrte sogleich, als sie der vor ihr Stehenden aber den Handschuh zurückgab, blieben ihre Augen an einer eleganten, blaßrosa Kravatte hängen, welche Elvira in zierlichen Schleifen unter den Halskragen gebunden und welche ihr allerliebst zu Gesichte stand. „Ah," machte Marie, und dieser Ausruf drückte einiges Er- staunen aus. „Pst," flüsterte Elvira,„errege nicht ihre Aufmerksamkeit." „Aber, du hast ja meine Kravatte umgenommen, mein Weih- nachtsgeschenk, das ich selbst nicht einmal noch getragen habe," entgegnete Marie ebenso leise. „Nun, eben drum, mein Kindchen," lispelte die jüngere mit allerliebster Unverftorenheit,„da liegt das arine Ding, in Seiden- papier gehüllt, schon monatelang und vergilbt, ich will's einmal spazieren führen." „Ich denke, du gehst zum Schullehrer?" „Natürlich." „Und seinetwegen?" Elvira hatte ein kurzes, fröhliches Lachen. „Ja, ich will das alte Manuskript bezaubern." „Elvira, du hast andere Absichten,— du—" Elvira küßte sie auf den Mund und unterdrückte somit jede Iveitere Aeußerung ihrer hellsehenden Schwester. Dann wendete sie sich rasch dem Tische zu. Sich tief herabbeugend, küßte sie ihrer Mama und hierauf der Frau Hofräthin die Hände. Die letztere nickte gnädig, sie wollte sich nicht verzählen und gab weiter. Mama rief ihr zu: „Wenn du den Herrn Pfarrer siehst, nielde meine Empfch- lung." „Gewiß, Mamachen." Im nächsten Augenblick war sie aus der Thür, und gleich darauf konnte man sie durch den Garten nach der Allee schreiten sehen. Es wurde sehr stille im Zimmer. Man hörte nur einzelne Ausrufe der kartenspielendcn Damen und Mariens fleißige Nadel. Das Mädch� schüttelte von Zeit zu Zeit das Köpfchen. Sie geht nicht zum Schullehrer, ich möchte darauf wetten, dachte sie. Viel eher zu Tante Luise, oder vielleicht gar— sie wagte es nicht auszudenken, aber ein kleiner Seufzer sprang über ihre Lippen; sie beneidete in diesem Augenblick die Schwester um ihre kecke Selbständigkeit und Verschmitztheit, die ihr half, ihren Willen durchzusetzen. Sic blickte durch die Scheiben. Es war so schön draußen, die Wiesen waren schon grün, ein goldiger, flimmernder Hauch lag über ihnen, die knospenden Pappeln warfen lange Schatten über die Straße und die Sperlinge und neuzurück- gekehrten Singvögel sprangen in den Zweigen und in den Gc- büschen lustig hin und her und erfüllten mit ihrem Geschrei und Gezwitscher die Luft � Frühlingsahnung lag draußen in der Natur, und in Märiens Herz zog es wie Sehnsucht; es pochte stärker in unbestimmtem Verlangen; ihr war, als müsse sie aufspringen und forteilen, flüchtigen Fußes durch Wiese und Wald, und tief, tief einathmen die wonnige, würzige Luft; aber das durfte sie nicht, sie mußte zuhause bleiben und fleißig sein. Sie beugte sich über ihre Arbeit und stichelte emsig iveiter. Aber konnte sie's hindern, daß ihre Gedanken bestimmtere Formen annahmen und das Bild wieder vor ihre Seele trat, das in den letzten Tagen so aus- schließlich ihre Phantasie beschäftigt hatte? Sie sah die schlanke Männergestalt wieder die Schwelle überschreiten, sah das schöne, blasse Gesicht, das ihr in dem Halbdunkel so düster, so schwer- müthig erschien, und das beim Anblick der Schwester ein Lächeln überflog. Sie sah ihn hierauf die Arme ausbreiten und die Mädchen in überwallender Zärtlichkeit an sein Herz drücken, sie küssen— ah, gewiß, dieser Mann verstand zu lieben, besser, inniger, reiner als andere Männer, und grade er war getäuscht, betrogen worden, und grade er, der so sehr verdiente, glücklich zu sein, er mußte unsägliches leiden. Wie bewegte der Gedanke ihr eigenes Herz, wie strömte es über von Mitgefühl und Zärt- lichkeit für den Betrogenen. Einen Augenblick lehnte sie das Köpfchen zurück und die Stirne berührte das kühle Glas der Scheibe. Sie schrak aber auf, als sie die Karten zusammen- werfen und ihre Mama sagen hörte: „Nun, da ist ja alle Aussicht vorhanden, daß Elvira's Kleid pünktlich fertig wird, wenn du bei der Arbeit einschläfst, Marie." Mama war übler Laune, sie hatte verloren. Die Frau Hof- räthin zeigte sich indessen sehr aufgeheitert. Sie erhob sich und gab ihre Absicht kund uachhause zurückzukehren. Sie dürfe nicht die Dämmerung, noch die kühlere Nachtluft abwarten, und so bat sie Mariechen, ihr ihre Garderobe hereinzubringen. Diese gehorchte unverzüglich. „Wie wäre es denn, wenn mich mein Mariechen nachhause begleiten würde?" fragte sie schmeichelnd, indem sie Mutter und Tochter gleichzeitig angrinste.„Ich gehe so ungern allein, und ihr wird der kleine Spaziergang nicht schaden." „Ach nein!" rief Marie, und sie hätte in freudiger Dankbar- keit die kleine Dame fast umarmt, so glücklich war sie über die Gelegenheit, hinauszukommen. Mama gab ebenfalls ihre EiiUvilligung, und so half denn Marie mit äußerster Behendigkeit der Frau Hofräthin all' ihre Puls- und Seelenwärmer, ihre Tüchelchen und Jacken, ihren Mantel und ihre Pclzhaube anlegen, dann, ihre eigene Toilette in der einfachsten Weise vervollständigend, warf sie ein großes Tuch über und setzte ihr ältestes Hütchen auf. Die Frau Hofräthin drückte ihrer Freundin die Hand, schob einen Bonbon zwischen die Lippen und ließ sich hierauf mit einem seidenen Tuch den süßen Mund verbinden. So ausgerüstet, trat sie, fest au Mariens Arm gelehnt, den Heimweg an. (Fortsetzung folgt.) Ein Mustkrinstitut für volksthütnüche Naturkunde; der botanische Garten zu Kreslau. Von Hlothöerg-Lindener. Während kenntnißreiche, einsichtige jund wahrhaft humane Männer in immer größerer Zahl es anerkennen, daß natur- wissenschaftliche Kenntnisse als sicherste Grundlage einer brauch- baren und menschlich würdigen Allgemeinbildung zu dienen ge- eignet sind, und während diese Leute sich mit Verbreitung dieses im Volksunterricht so gut wie ausgeschlossenen Theils des mensch- lichen Wissens bemühen, tritt ihnen als vornehmliches Hinderniß für einen rasch umsichgreifenden Erfolg ihres zwar lohnenden, aber recht schwierigen Bestrebens immer wieder der Umstand entgegen, daß sie das sorgfältig gewählte und ausgearbeitete Material, bei dessen schriftlicher Mitthcilung an eine zerstreute Schaar Lernbegieriger, nicht zugleich diesen sinnfällig vorführen, die Erklärung von Naturvorgängen nicht durch Experimente ver- deutlichen können, durch welche naturwissenschaftliche Kenntnisse am raschesten zum Berständniß kommen und am sichersten haften bleiben. Im Gebiete der Physik ist eine noch so überlegte und alles Wesentliche bezeichnende Beschreibung eines Experiments, selbst wenn auch noch Abbildungen der benutzten Apparate vor- geführt werden können, doch nicht im stände, zu einer so klaren Anschauung zu verhelfen und dieselbe dem Gedächtniß als dauern- den Erwerb so einzuverleiben, als der Anblick der Einleitung und des Verlaufs des Experiments selbst. Noch schwieriger ge- staltet sich das Unternehmen, zu popularisiren, wissenschaftliche Vorgänge dem Unkundigen zu verdeutlichen, bei dein chemischen Zweige der Naturwissenschaft. Die Apparate sind hier viel neben- sächlicher, als in der Physik, da sie nur dazu bestiniint sind, die Stoffe, deren Umwandlungen und gegenseitige Einwirkungen beobachtet werden sollen, einzuschließen. Hier werden die ge- schehenden Reaktionen, bei denen Entiveichen gasiger Theile, Zeit der Einwirkung, Geruch, äußerliches Verhalten von Niederschlägen nach Abscheidungsweise, Konsistenz und hauptsächlich nach der Farbe zu beobachten ist, sich meistentheils erst dann durch Worte ganz deutlich machen lassen, wenn der Lernbegierige wenigstens die charakteristischen Reaktionen der einfacheren Stoffe einmal mit eignen Augen gesehen hat. Immerhin aber dürfte es noch öfter gelingen, dem in irgend- einem Gewerbe thätigen�Menschen, einem, der mit Formung und Veredlung materieller Stoffe zu thun hat, naturwissenschaftliche Kenntnisse auch ohne demonstrirende Experimente beizubringen, wenn derselbe nur einigen Beobachtungssinn besitzt und sich selbst zu fördern sucht, als denjenigen Bevölkerungsschichten, die ihr Beruf nur mit unverändert bleibenden Waaren(wie im Zwischen- Handel) in Berührung bringt, oder deren Denken nur dazu ge- schult ist, mit Abstraktionen zu hyntiren und höchstens von Prin- zipien und festgesetzten Maximen eine selten ganz zulängliche Anpassung auf Fälle des realen Lebens zu machen, wobei die 80 Thatsachcn nur zu oft sich müssen in das enge Bett der vorher- gegebenen Regeln zwängen lassen. Bekannt und sogar ein beliebter Gegenstand nicht unverdienten Spottes ist die Unbehiilflichkeit, mit der z. B. klassisch gebildete Philologen, trotz ihrer Uebung und oft großen Schärfe im for- malen Denken, über die gewöhnlichsten Gegenstände des täglichen Lebens hinwegsehen, sozusagen darüber stolpern und straucheln, weil eben ihr geistiger Blick für die Auffassung und Beobachtung des Materiellen garnicht eingeübt ist! So Berdienstliches nun auch von dieser Seite in gewisser sehr beschränkter Hinsicht, für Fachkreise und sehr indirekt auch für das Allgemeine geleistet werden mag, eine Förderung der geistigen Bolkstüchtigkeit werden wir von die- ser Seite zu- nächst nicht erwarten können. Eine Fä- higkeit, alles um uns her Borgehende, seien das Er- cignissc in der freien Natur oder solche des gesell- schaftlichen Zusammen- und Gegen- Wirkens, nüchtern und ohne Selbste täuschnng in die Werkstatt des Verstan- des aufzu- nehmen, dort zu verglei- chen, zu zer- gliedern, zu unterscheiden und das We- sentliche ge- ordnet dem Gedanken- vorrath des Gedächt- nisses einzu- verleiben; ferner einen ans bcstän- dige Be- Nutzung die- ser Erfahrun- gen basirten Willen und das Streben, die physische Natur zum eigenen und allgemeinen Besten Adam Gotllod tlchlenschläger.(Stile 86.) das Sichtbarwerden und Vergehen des Wachsthnms der Pflanzen- Wesen eine auffallende und bei einiger Anregung zum Beobachten dauernd interessante Erscheinung. Der Eindruck ist und bleibt aber immer ein oberflächlicher, solange nur das unbestimmt umher- schweifende Auge bei gelegentlichen Spaziergängen diese Freude an der Pflanzcnvcgetation nährt. In einer ganz ungemein sicheren und dauernden Weise da- gegen kann der Beobachtung und Kunde der Natur, und damit auch der des umgebenden materiellen Lebens, Vorschub durch einen systematisch angelegten botanischen Garten geleistet werden. Ein solcher muß dann aber außer der Eintheilung des In- Halts nach einem der bekannten botanischen Systeme, welche genügen würde, ihn für den wissenschaftlichen Gebrauch nutz- bar zu ma- chen, auch all' die zahlrci- chen, in die Augen fallen- den Anord- nungen ans- weisen, und diejenigen Erläuterun- gen an Ort und Stelle geben, welche den Weg durch einen solchen Gar- ten auch für den nichtfach- Wissenschaft- lichVorgebil- detcn, ohne daß er vcr- wirrt werde oder das Wesentliche übersehe, zu einem genuß- und lehr- reichen gc- stalten. Obgleich aber bereits seit etwa vier- hundert Iah- ren botanische Gärten existi- ren, so ist doch in den meisten noch gar keine Spur einer Einrichtung, die sie für den _u___________ unterthänig und nutzbar zu machen, dabei erwähnten volksthümlichen Zweck brauchbar machte; andre fangen aber auch die gesellschaftlichen Einrichtungen in Ueber- erst jetzt an, sich desselben bewußt zu werden und treffen einzelne cinstimmung mit dem auf diesem Boden gesicherten Wissen dahin zielende Maßnahmen, mehr widerwillig, wie es scheint, zu fördern und zu entwickeln: das sehen wir gegenwärtig als! dem anderwärts gegebenen Beispiele folgend. Es erfordert eben wesentliche Aufgabe der Bildung, den durchschnittlichen Grad der vor allem die Leitung eines solchen Instituts eine volle Einsicht Erreichung dieses Zieles zugleich als den der geistigen Volks- in die Wichtigkeit seiner Ausbeutung zur Verbreitung allgemeiner tüchtigkeit an.— Jede öffentliche Einrichtung oder private An- Kenntnisse und Bildung; eine Leitung, die trotz der Schwierig- strengung nun, welche die Denkfleißigen jeder beliebigen Volks- keit der Aufgabe sich stets den schaffensfreudigcn, ausdauernden schicht nach dieser Richtung zu fördern geeignet ist, müssen mir demnach als ein hochverdienstliches Werk ansehen; der Anreger und Durchführer eines solchen verdient unsre bereitwillige An- erkennung und Hochachtung. Es dürfte wohl kmrm einen andern Zweig der Naturwissen- schaft geben, der zur Einführung in das weite Gebiet so geeignet ist und den Neuling in so freundlicher und anregender Weise empfängt und vorbereitet, als die Botanik. Für uns Bewohner der Zonen des veränderlichen Niederschlags ist von Kindheit an Willen auch in dieser Hinsicht bewahrt— dann erst kann ein günstiges, gemeinnützliches Resultat erzielt werden. Ein Musterinstitut in dieser Hinsicht, das, soviel uns bekannt, allen anderen vorangegangen ist und noch voransteht, ist der botanische Garten zu Breslau, der königlichen Universität zu- gehörig. Es ist die Einrichtung desselben in seiner jetzigen Ge- stalt und besonders die zahlreichen, noch genauer anzuführenden Maßnahmen, welche ihn zu einer allgemein zugänglichen Stätte der Belehrung und Erholung gestaltet haben, ausschließlich dem _ -— 81- jetzigen Direktor des Gartens, dein Professor H. R. Göppert, zu 29 Jahren thätig ist.— Gleichwie Breslaus weitberühmte Proverdanken, der in diesem Amte bereits die selten lange Zeit von I menaden auf der Stätte der früheren Stadtwälle und Bastionen angelegt sind hat auch das glücklicherweise eingetretene und sterns, eines zur Bertheidigung der Dominsel bestimmten Werks, anerkannte Unbrauchbarwerden der alten Befestigungen der sich lieferte die 2g- Morgen Gartenland, auf denen im Jahre 1811, unaufhaltsam ausdehnenden Stadt, das Terrain für den botani- nach Bereinigung der breslauer und frankfurter Universitäten, scheu Garten verfügbar gemacht. Die Äassirung des Spring- j der botanische Garten angelegt wurde. Der hierbei eingerechnete 82 sieben Morgen große Festungsgraben wurde, unter angemessener Veränderung seiner gradlinigen Ufer ins unregelmäßigere, mit in die Anlagen hereingezogen und trägt viel zu dem landschaft- lich malerischen Anblick einzelner Partien des Gartens bei. Die letzten Direktoren desselben haben die Genugthuung genossen, daß sie die Entwicklung der Anlagen nach dem von ihnen aufgestellten Plan haben durchführen können, dann vom Jahre 1830 bis 1851 stand demselben der Professor Aees von Esenbeck vor, seit dieser Zeit aber und gegenwärtig noch der bereits genannte Botaniker, dessen Ruf auch außerhalb der sachwissenschaftlichen Kreise genug- sam bekannt ist. Der allgemeine Eindruck des breslauer botanischen Gartens ist der von einem Park mit mächtigen Baumpartie», Gesträuch- gruppen, Blumenstücken, Dekorationen von Topfgewächsen und Glashäusern für tropische Pflanzen, denen effektvolle Gruppirun- gen, Kontraste und Durchsichten mit malerisch abschließenden! Hintergrund nicht fehlen. Das diesen Lehrgarten vom Park Unterscheidende ist aber einmal das Fehlen der in Luxusgärten so beliebten und für das, nur für die Farbe empfängliche Auge so wohlthuenden, kurzgeschornen grünen Rasens, für dessen ein- förniige, weitausgedehnte Flächen hier nicht Raum übrig ist. Ferner aber findet der nicht ganz gedankenlose Beschauer hier Hindernisse, die sich blos gemüthlichem Durchschlendern entgegen- stellen, und zwar werden sie nicht etwa seinen Füßen bereitet, denn die Wege sind in bester Ordnung und wohlgehalten, son- dern vermittels des Auges wird bei jedem Schritt der Verstand, die Ueberlegung des Besuchers gefesselt. In einem vollkommnen Schloßpark strebt alles— Teppichpflanzungen, Topfgewächs- gruppen, Baumdekorationen und dazwischen sich breitende grüne Rasenflächen— dahin, den Blick angenehm darüber weg und weiter gleiten zu lassen, zu verlocken zum Sichvertiefen in die schattigen Gänge, dem Auge leichte Abwechslung zu bieten, die wohlthuende Nähe der lebenden Statur empfinden zu lassen, ohne daß der Genuß durch irgend nennenswerthe körperliche oder geistige Anstrengung erkauft zu werden brauchte. Ganz anders in unserm botanischen Garten. Bei jedem Schritt fast stößt dem Blick etwas Frappantes, zu genauer Be- obachtung Aufsorderndes auf. Man gelangt nicht weit, ohne zu bemerken, daß hier alles zu uns spricht, daß jeder Baum und jedes Gesträuch, einzeln oder in Gruppirung mit andern, uns etwas zu lehren haben. Und wie natürlich auch der Waldboden unter den hochstämmigen Bäumen oder niedrigem Gebüsch beim ersten Hinsehen sich zeige, und ob er ganz wie im freien Wald seine mehr oder weniger spärliche und wild aussehende Vegetation krautartiger Pflanzen zu treiben scheint,— ein schärferes Aufmerken versichert uns auch hier, daß diese Vegetation in ziel- bewußter Absicht au diesen Ort versetzt oder doch ihre Verbrei- tung in diesem bestimmten Maß geduldet wurde. Gelangt man dann in die Abtheilung des Gartens, welche in Parks das Schloß unmittelbar umgibt und, um die Aussicht nicht zu hindern, mit niedrigen Blumen und exotischen Dekorationspflanzen bedeckt zu sein pflegt, so muß hier auch dem wenig mit der vegetativen Natur Vertrauten beim Anblick der in kleinen Gruppen neben- einander sich zeigenden Pflanzen, die einander zwar in ihrem ganzen äußern Erscheinen ähneln, aber doch nach und nach, bald in Größe, bald in Form der Blätter und Blüten Abänderungen aufweisen, klar werden, daß er es mit systematisch geordneten verwandten Gewächsen, mit Familien zu thun hat, die unmöglich nur zum Vergnügen des Beschauers, als zerstreuende Dekoration ihren Platz einnehmen. Bei alledem ist aber auch an dieser Stelle der gärtnerischen Kunst noch Raum zur Entfaltung ge- lassen worden, und die Anordnung des Ganzen beweist wie- derum, daß das Lehrhafte sich allemal in gewissem Maß mit dem Gefälligen vereinen läßt und dabei nichts weniger als Schaden erfährt. (Fortsetzung folgt.) „Aennchen von Tharau die mir gefällt." Wer hat das einfache, seelenvolle Licbeslied noch nie gehört oder mitgesungen? Soweit die deutsche Zunge klingt, steht es in allen Liederbüchern und geht es von Munde zu Munde. Der Verfasser aber, Simon Dach, ist halb vergessen und sein Name nur noch in der Literaturgeschichte kurz erwähnt. Freilich ist auch wenig von ihm zu melden, sein Dasein spann sich in engem Rahmen ad: er war ja mir ein geplagter in der Zucht des Hungers aufgewachsener Kandidat des Predigeramtes. Zu Königsberg hatte der aus Meinet gebürtige Dach im Anfang des siebenzchnten Jahrhunderts Theologie und Philo- sophie studirt und war dann ein Schulmeister geworden, der in seiner Armuth Trost bei der Dichtkunst suchte und fand. Em Schüler und Verehrer von Opitz, durchbrach er gleichwohl dessen pedantische Form. Sein von musikalischem Sinn unterstütztes frisches Gefühl führte ihn von der dürren Regelnhaide hinweg zum volksthümlich sing baren Liede. Der Umkreis seiner poe- tischen Gedankenwelt war eng, aber es lag eine sonnige Heiter- keit über derselben. Sein von reiner, natürlicher Empfindung zeigendes„Lob der Freundschaft": „Der Mensch hat nichts so eigen, So wohl steht ihm nichts an, Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft halten kann" liest sich heute noch gut, noch besser aber lesen sich die Strophen zum Preise Aennchcns von Tharau. Sie sind uns in der hochdeutschen Einkleidung bekannt, die ihnen Herder später ge- geben; Dach schrieb sie in plattdeutscher Mundart und die ersten drei derselben lauten: „Anke van Tharam ös, de mi gesollt, Se vs min Leewen, min Goct on min Gölt, Anke van Tharaw hefft weider cer Hart Bi mi geröchtet än Low on an Schmart. Anke van Tharaw, min Rikdom, min Goct Du mine Seele, min Fleesch on min Bloet". Die Sage geht, Aennchen sei eine Tochter des wohlehrwürdigen Pastors von Tharau gewesen und habe,— wie dies öfters in der Welt schon vorgekommen— den blöden, zimperlichen Sänger stehen lassen, als ein„praktischerer" Bewerber sie um ihre Hand bat. Der Herausgeber von Simon Dachs„Ausgewählten Dich- tungen" bestreitet die Acchtheit dieser Sage; was liegt uns in- dessen an dem Namen des holdseligen Kindes, das den mageren Schulmeister so poetisch zu stimmen ivußte? Bei seinem dürftigen Gehalt durfte Dach selbstverständlich lange nicht daran denken, ein— Aennchen heimzuführen, wie sehr er sich auch nach einem häuslichen Paradiese sehnte. „Herr Dach soll sich nicht in die Jungfer Bordine verlieben," bemerkte Opitz brieflich einem Freunde des armen Magisters „sie ist ihm zu frisch; ein Liedlciu mag er ihr wohl koinponiren/' Der wohlgenährte„Vater der deutschen Poeterei" hatte gut scherzen; dem„Herrn" Dach war ganz anders zu Muthe, er aß nicht aus fürstlichen Krippen! Ein edler Freund nahm schließlich den kränkelnden Dichter in sein Haus aus. ließ ihn pflegen und setzte es durch, daß ihm eine angemessene Beförderung zu theil wurde. Nun brachen etwas bessere Tage an für Dach. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm ernannte ihn zum Professor der Poesie an der Universität Königsberg,— doch mit der Kraft war es aus, Dachs Leben ging rasch zur Neige— er starb, erst vierundfünfzig Jahre alt. Von den tausenden, die über den„Kampf ums Dasein" reden, hat nur eine winzige Zahl diesen Kampf bestanden und seine Schrecken an sich selbst erfahren. Und ebenso ahnen die von den Wellen leicht dahin getragenen Kinder des Glückes nur selten, wieviel Hochsinn und Talent in den Banden der Noth zugrunde geht. In Simon Dachs Adern fließt unzweifelhaft„rothes rasches Dichterblut"; aber es ist ein Jammer, zu scheu, wie die kläglichen Zustände ihn einengen, drücken und zum Gelegenheits- reimer erniedrigen; Hunger und loyale Unterthanentreue sind für einen Dichter keine ermunternden Begleiter. Da singt uns denn der Biedermann bei der„orfreulichen" Geburt des erstgebornen Sohnes seines Monarchen: „Herzlich bin ich jetzt erfreut, Daß, was ich geprophezeit Zweimal schon hat sich erwiesen, Denn ein Fräulein kam voraus. Jetzt ziert auch ein Prinz das Haus Durch die Fruchtbarkeit Luisens." I 83 Die erhabene Nachricht von der Entbindung einer Prinzessin be- rührt ihn wie ein„Donnerschlag". Alle— versichert der Poet— selbst die Kranken, sprechen von dieser Hof- und Staatsaktion ja selbst„Das Geflügel läßt sich hören. Singt auf unterschiedenen Chören, Dich, Kind, seinen Herzog an." Die aufrichtige Herzensfreude des Schulmeisters schwillt zu vollen achtundfünfzig sechszeiligen Strophen an. Seine Trauer beim Tode eines Prinzen fällt beinahe ebenso weitläufig aus, und schluchzend hebt er an: „Das Brandenburger Haus Sieht angst- und kläglich aus; Der Rhein muß schwerer fließen, Elb, Oder, Uder, Spree, Anstatt des Wassers Weh Uns heiße Thränen gießen...." � Weib und Mann, verlangt er, sollen, die Lauterkeit ihres Schmerzes zu dokumentiren, grobe Kittel anziehen, auf dem Bauche liegen, sich winden und das Antlitz auf das schmutzige Erdreich drücken. „Der Buße Seife soll Mit Thränenlaug' euch waschen!" ruft er ihnen zu, und in der letzten Strophe gewinnt bei ihm der lutherische Theologe vollends die Oberhand: „Wer jetzt sich fröhlich stellt, Säuft, Gastereien hält Und Lust ihm sucht zu schaffen, Er sei auch, wer er sei, Ist allem Recht nach frei Mit Thurm und Bann zu strafen." Daß„die unverhoffte Ankunft Sr. Churfürstlichcn Durch- laucht in Königsberg" den ehrlichen Dach in den obersten Himmel der Wonne versetzt und zu dem Rufe enfflammt: „Doch daß du jetzt zu uns kommen, Gönnest Preußen dein Gesicht, Ist ohn' Gottes Antrieb nicht..." und daß ihn eine Stromfahrt der hohen Herrschaften zu dem Einfall verleitet, die Wasser werden sich glücklich schätzen, Prin- zessinnen zu führen, kann nach all' diesen Proben kaum befremden. Immerhin ist man es der Wahrheit schuldig, zu sagen, daß Simon Dach niemals den unsauberen Schmarotzerton anstimmte, auf den sich die Mehrzahl der damaligen Poeten so trefflich ver- standen hat. Er war kein zudringlicher Bettler; nur einmal trat er schüchtern und zagend vor seinen Landesherrn und bat ihn um Ueberlassung eines Gütchens, und zwar mit folgender komischer Motivirung seines Gesuches: „Hat ein Pferd sich wohl gehalten, Und zuletzt beginnt zu alten, Und nicht mehr taugt in die Schlacht Es muß fressen, bis es stirbet. Ja, kein alter Hund verdirbst, Der>ms treulich hat bewacht. Laß auch mich nun Futter kriegen, Bis der Tod mich heißt erliegen, Bin ich dessen anders werth. Hab' ich mit berühmter Zungen Deinem Haus und Dir gesungen, WaS kein Rost der Zeit verzehrt." Wie jammervoll, wie entsetzlich muß der Charakter einer Epoche sein, da ein Mann von dem Talent und dem sittlichen Werth eines Simon Dach sich zu der Bitte veranlaßt sieht, man möge ihn doch nicht schlimmer halten, als einen gedienten Gaul oder einen alten Hund. Das geschah im siebzehnten Jahrhundert,— indessen hat auch der Schulmeister des neunzehnten Jahrhunderts in manchen Landen immer noch reichlich Gelegenheit, zwischen dem Luxus gewisser Ställe und demjenigen seiner Amtswohnung inter- essante Vergleiche anzustellen. R. R. Mein Freunds der Klupfgeili. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittelndes neunzehnten Jahrhunderts. Von K. K. (VII. Mein Erwachen aus schweren Träumen.— Was Herr Aloys Mctzig meint und zu erzählen hat.) Es war beinahe Mittag, als ich am ersten Weihnachtsfeier- tage aus bleischwerem Schlafe erwachte. Wilde Träume hatten mich gequält, Träume von schreckenerregender Lebendigkeit, aber trotzdem standen vor meinem Geiste nur noch verworrene Bilder des Geträumten, aus denen sich keine einzige Begebenheit, keine einzige Gestalt verständlich und erkennbar abhob. Nicht nur bei den Versuchen, mir die Gegenstände des Traumes ins Gedächtniß zurückzurufen, ließ mich dieses im Stich. Gleich als ob ich aus langer Krankheit erwachte, als ob ich Lethe ge- trunken, die Quelle des Vergessens, so war anfänglich alles, was ich in den jüngst vergangenen Tagen erlebt hatte, in meiner Erinnerung verwischt, und ich mußte mich gewaltsam zusammen- raffen, um nur auch die wichtigsten Thatsachen in voller Klarheit vor mein Gcistesauge zn rufen. Meine Gedanken tanzten und wirbelten um einen Punkt, zn dem sie unverzüglich zurückkehrten, wenn ich sie auch mit noch soviel Anstrengung auf andere Gegenstände gelenkt hatte. Sie war bei mir gewesen,— ich hatte sie in meinen Armen gehalten,— ich hatte zu ihr gesprochen,— ich hatte— es über- lief mich abwechselnd glühendheiß und eiskalt bei dem Gedanken— ich hatte meine Lippen auf die ihren gepreßt. Was weiter geschehen war, davon vermochte ich mir auch nicht die leiseste Ahnung in das Gedächtniß zurückzurufen. Eine Reihe von Stunden mußte ich gewesen sein wie todt— ohne Bewußtsein, ohne Empfindung. Wie war ich aus meinem Besuchszimmer hinaus, durch das Studirzimmer hindurch in mein Schlaf- gemach gelangt? Wie auf mein Bett, auf dem ich bis mittags elf einviertel Uhr völlig angekleidet gelegen und so schwer, so abspannend, so nervenzerrüttend geträumt hatte? Es klopfte an die Thür meines Arbeitszimmers, in dem ich just so, wie ich mich vom Nachtlager erhoben, auf und ab ging. Herr Aloys Metzig erschien auf der Schwelle. Er war schon zweimal dagewesen, aber von Kunz abgewiesen worden. Der Herr Doktor müßte diesmal ordentlich geschwiemelt haben, hatte der Junge pfiffig lächelnd meinem Raseur initgetheilt— er schlafe wie'n Bär und habe sich nicht einmal ausgezogen, ehe er ins Bett gegangen und alle Thören habe er offen stehen lassen. Aloys Metzig war empört über den sonst schweigsamen und be- scheidenen Jungen: Der Kerl sei fürchterlich geschwätzig, und das sei das größte Laster auf Gottes Erdboden; es könne ihm nur nützen, wenn der Herr Doktor ihm mal was Ordentliches aufs Maul gäbe. Mir lag begreiflicherlveisc verzweifelt wenig daran, ob und was der Junge schwatzen möchte. Ich antwortete gar nicht; aber das ivar auch gar nicht nöthig. Herr Mctzig selber schwatzte unverdrossen weiter. „Wissen Sie, Herr Doktor, daß die beiden Alten, die alte Jungser und der Herr, denen die seligen Geister— der alte Zankteufel— Gott verzeih' mir meine Sünde!— und der Mops damals in unserer Gegenwart erschienen sind— daß die nicht ein einziges mal mehr in die gottverlassenen Spiritistenkonventikel gekommen sind? Nicht ein einziges mal mehr, sage ich Ihnen! Und an dem Abende damals selber sind sie nicht fortgegangen von hier. Das Hab' ich Ihnen wohl schon gesagt, daß ich und der Maschinenbauer— Sie wissen schon, Herr Doktor, der, den's zuguterletzt damals auch mitten in die Stube geworfen hatl— daß wir also aufgepaßt haben— die halbe Stacht wenigstens. Und keine Mcnschenseele kam mehr von Cannabäussen heraus, nachdem wir andern mit einem Schub an die Luft befördert waren. Ich kenn' nun die Bedienung von der alten Jungfer, Fräulein Zelter heißt sie, und die habe ich gefragt, wann ihre Alte zuhause gekommen wäre. Und wissen Sie, was die gesagt hat? Die wohnt in demselben Hause, wie ihr Fräulein. Nun — sie wüßt' es selber nicht, aber's Fräulein hätte gesagt: sie wäre die ganze Nacht im Himmel gewesen, im wirklichen Himmel, und um ein Uhr, wie die Stunde der seligen Geister geschlagen hätte, da wär' sie direkt aus dem Himmel in ihr Bette versetzt worden. Und das Tollste ist, daß Herr Traube, eben der alte F Herr, bei dessen Köchin sich der Maschinenbauer, der nebenbei gesagt, ein famoser und geschcidter Kerl ist und mit dem ich seit der Zeit gut Freund geworden bin, bei dessen Köchin, wollt' ich sagen, sich mein Maschinenbauer erkundigt hat, der alte Herr also sagt genau dasselbe und spricht von dem Cannabäus, als wenn er der Heiland oder gar der Herrgott selber wäre Was sagen Sie dazu, Herr Doktor?" „Ein merkwürdiger Mann ist dieser Magnetisenr Cannabäus jedenfalls," sagte ich sehr ernst und nachdenklich. Das schien Herrn Mctzig nicht zu gefallen. Er begann, so leise, wie er das stets zu'thun pflegte, wieder ganz entsetzlich ans den Magnetisenr zu räsonniren. Er sei ganz bestimmt ein Bösewicht. Er, Mctzig, sei gewiß nicht abergläubisch, aber das glaube er sicher, daß dieser Cannabäus ein Hexenmeister, wenn nicht gar der leibhaftige Satan selbst sei. Warum sei er denn z. B. in gewissen Nächten im Jahre immer vollständig ver- >chwunden! „In ivelchen Nächten?" fragte ich. „Nun grade heute ist wieder so'ne Nacht gewesen. Sehen Sie, das weiß ich schon lange, das haben sich die Leute hier im Hause immer erzählt und auch der Junge, der Kunz, und die Wunder, Cannabäussen seine alte Hexe, hat's auch eingestanden. In der Christnacht und in der Sylvesternacht schließt sich ihr Herr Abends um 7 Uhr ein. Um 8 Uhr springt die Thür zu seiner Stube von selber weit auf und von ihm ist keine Spur zu entdecken— zum Schlüsselloch oder zum Schornstein, oder weiß der Satan wie, ist er hinaus und ist längst über alle Berge. Uebrigens hat er noch mehr solche Nächte— ich Hab' nur noch nicht herauskriegen können, welche das sind, aber ich wette, in der Walpurgisnacht ist er auch oben aus dem Blocksberg...." Herr Aloys Metzig machte eine bedeutsame Pause und schüt- telte sich, als wenn ihn Grauen und Abscheu übermannten. Ohne daß ich recht wußte, was ich sagte, entschlüpften mir die Worte:„Mag dem sein, wie ihm wolle— sie ist jedenfalls Werth, daß sie dem für ihren Körper und Geist gefährlichem Treiben ihres Vaters entrissen wird____" Ein Hauch von Lessings Geiste. (Schluß.) Zu einer Frage, welche grade in neuester Zeit vielfach Anlaß zu erbittertem Meinungsstreit gegeben hat, gelaugt Köberle im VII. Kapitel seines Buchs. Was ist Naturalismus? Und wieweit kann und darf er die Kunst beherrschen? Naturalismus schlechthin ist die Bezeichnung für jene Art des Be- treibeus einer Wissenschaft oder Kunst, welche nicht an der Hand eines strengen Studiums geschieht, sondern nur der natürlichen Begabung des betreffenden Wissenschasts- oder Kunstjüngers folgt. Diesen Natura- lismus, diesen„Mangel an sachgemäßer Schule" nennt Köberle den offenen Naturalismus. Wäre eines der hervorstechendsten Merkmale unsres Jahrhunderts nicht eine heillose Begriffskonfusion, die von nicht minder heilloser Denkfaulheit gesäugt und gehätschelt wird, so dürfte man den Versuch nicht mehr nöthig haben, gebildeten Menschen klarzumachen, daß in Zeiten höherer Geistesentwicklung nackter Naturalismus, gleichviel ob in Wissenschaft oder Kunst, ein Unding ist. Aber Köberle weiß sehr wohl, warum er sich auf die Einwürfe einläßt,„eine allzustrenge Ver- dammung der Naturalisten könne uns in Widerspruch mit der Ent- stehung aller Kunst, also wohl auch der Kunst selbst, setzen." Die Künste seien„ursprünglich von Naturalisten ausgegangen". Erst aus schon vollendeten Meisterwerken habe man ja„dasjenige abstrahirt, was jetzt die Wissenschaft der Kunst oder die Schule genannt werde, nämlich eine Anzahl gewisser Regeln zur Darnachachtung für die Epi- gonen und nebenbei auch zn dem Zwecke, dem Kunstlaien die tieferen Schönheiten jener Meisterwerke begreiflich zu machen". Die dramatischen Musterschöpsungcn eines Aeschylos, Euripides und Sophokles würden schon seit mehr als 2000 Jahren bewundert; Gründer der Aesthetik, als einer systematischen Wissenfchaft des Schönen, sei erst der Hallenser Professor Baumgarten in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, also vor wenig mehr als hundert Jahren geworden. Ein Kunstgenie müsse eben das Wesen der Natur ersaßt haben, bedürfe keiner Fachkenntnisse, trage, eine Kunstgesetze in sich selbst und lasse seinem künstlerischen Schapen keine ihm widerstrebende Regel aufdrängen. Die nächstliegende Entgegnung auf solche Einwendungen ist: auf dem Gebiete zeder Kunst sind sehr viele als Talente zu schaffen berufen, sehr wenige aber als Genies auserwählt, eigne Bahnen zn wandeln. Aber selbst für die weißen Raben, welche man Genies nennt, kann nackter Naturalismus als bausicheres Fundament für ihre Kunst- schöpsiingen nicht anerkannt werden: desto weniger, je weiter die Kultur Ich nahm sofort wahr, daß es besser'gewesen wäre, wenn ich geschwiegen hätte. Aloys Metzig ließ meine Nase, deren Spitze er eben mit Zeigefinger und Daumen� erfaßt hatte, um sie seiner mir unerklärlichen Gewohnheit gemäß bald rechts, bald links, gelegentlich auch in die Höhe zu biegen, wie erschrocken fahren, trat mit dem Rasirmesser in der hocherhobenen rechten Hand einen Schritt zurück und fixirte mich scharf. „Sie?" fragte er.„Sie? und werth, entrissen zu werden? Na, entschuldigen Sie gütigst, Herr Doktor, aber ich will nicht hoffen, daß sich so'n schwergelehrter Mann, wie Sie, von der Hexe wird kapern lassen." Der Rasenr traf mich an wunder Stelle.„Herr Metzig," fuhr ich auf,„ich muß doch sehr bitten--" Er entschuldigte sich eifrigst. Er wisse ja, daß ein Herr, wie. ich, zu so'ner furchtbaren Dummheit nicht fähig sei. Mitleid habe er mit dem Medium auch immer gehabt, aber seit er sich die Geschichte so von nahem betrachtet habe, hätte er sich doch sagen müssen, daß sie entweder eben so eine Schwindlerin sei, wie ihr Vater oder eine Hexe, wie der ein Hexenmeister. Und da wär's bei ihm mit dem Mitleid aus gewesen. Außer- dem Hab' ich so verschiedenes munkeln hören und wenn ich Ihnen das erzählen wollte, Herr Doktor--" Er war fertig mit dem Rasiren und ich mit meiner Geduld. Ich sprang auf: „Ich danke, Herr Metzig. Für das, was die Leute munkeln, habe ich kein Ohr. Der große Haufe schwatzt Unsinn und ver- leumdet seine Mitmenschen selbst dann fast immer, wenn er laut und offen über ihn spricht; wo man aber nur munkelt, da weiß der Menschenkenner mit aller möglichen Sicherheit, daß es sich um baares und meist schmähliches Hirngespinnst handelt." Ich trocknete mich selber ab. Das und meine Worte im Ver- ein beleidigten Herrn Aloys Metzig tief. Mit einer Verbeugung, die noch viel geschwinder vor sich ging als gewöhnlich, nahm er Abschied und verschwand, ohne ein Wort noch zu sagen. (Fortsetzung folgt.) der Zeit und des Volkes vorgeschritten ist, in deren Rahmen die Genies wirken. Und wenn nichts weiter feststeht, als daß ein Genie, welches durch tiefeindringendes Studium in die Werke seiner Vorgänger, in die Bedürfnisse seiner Zeit und das Wesen der menschlichen Natur aus- gezeichnet ist, höher steht und nothwendig größere Werke schaffen wird, als ein anderes, von solcher Berührung mit der„Schule" jungfräulich frei- gebliebenes Genie, so wird zugegeben werden müssen, daß auch für diese auf der höchsten Stufe menschlicher Begabung Stehenden die Schule, das Studium, ein dringendes Bedürfniß ist. Aber bei hohem Kulturniveau verhält sich die Sache noch viel ungünstiger: da sind die menschlichen Charaktere und Handlungen so mannichsaltig und kom- plizirt, in ihrem Wesen wie in ihren Motiven,— bei den Einzelnen, wie bei den Massen sind hier die Ansprüche der Phantasie, dort die des Verstandes und an dritter bester Stelle die beiden zugleich so ge- steigert und verfeinert, daß jeder Künstler, mag seine Begabung auch noch so gewaltig sein, auf dem Piedestal der Erfahrungen seiner Vor- läufer stehen, sich emporarbeiten muß an den Leistungen der Kunst- denker aller Zeiten; welches letztere übrigens umso leichter ist, als die Menschheit an wahrhaft großen Kunfttheoretikcrn leider nicht halb so- viel in den 2>/z Jahrtausenden ihres Kulturlebens aufzuweisen gehabt hat, als Jahrhunderte verronnen sind. Wer das Studium der Werke unsrer großen Künstler und Kunst- denker verschmäht oder ungenützt läßt, wird heutzutage ein Stümper bleiben müssen, und wenn er auch mit der natürlichen Begabung eines Shakespeare oder Schiller oder Goethe ausgerüstet wäre. Die Geschichte des Lebens und Wirkens unsrer großen Kunstheroen beweist das Gewicht, welches sie selbst alle auf das Studium, die Schule, gelegt haben, auf das deutlichste. Bei Shakespeare freilich können wir höchstens aus der stetig zunehmenden Vollendung seiner Schöpfungen, soweit uns die Zeitfolge derselben bekannt ist, auf den Eifer seiner Studien schließen, von seinem Leben und dem Gange seiner geistigen Ausbildung wissen wir viel zu wenig; von Schiller und Goethe lehrt aber die armseligste Biographie, daß sie Zeit ihres Lebens durch ihre Studien, vornehmlich durch ihre genialen Bemühungen um die Ergrün- dung der Kunstgesetze auf dem Boden dessen, was ihre Vorgänger ge- leistet, ihren Werken eine immer festere Grundlage zu geben gewußt. Daß Köberle meint, die heutigen Stätten der dramatischen Kunst beherrschten nicht Meister, sondern Stümper, ist uns bekannt. Natura- listen sind nach ihm die Heroen unsrer Bühne. Anhänger des nackten oder, wie unser Kunsttheoretiker sagt, offnen Naturalismus sind die tonangebenden Dramatiker der Gegenwart aller- dings nicht, aber„verhüllte Naturalisten", d. h.„Dramatiker, welche, sei's aus Mangel an wissenschaftlicher Bildung überhaupt, sei's aus Gcringschäbung der Leistungen unsrer großen Kunstdenker,— nur ganz oberflächlich aus der nächstbesten Quelle einige Fachkenntnisse zusammen- raffen und daraus ein System für ihre eigne Feder konstruiren, ohne sich»m weiteres zu kümmern," also Dichter, welche die Schule der Kunsttheorie nicht redlich absolvirt, sondern weidlich geschwänzt haben und ihr schließlich entlaufen sind, um sich poetisch selbständig zu machen, aber viel zu früh, um das auch nur im entferntesten fertig zu bringen. Wesen und Wirken dieses schädlichen verhüllten Naturalismus demonstrirt Köberle an einem der meistbeliebten Werke eines meist- beliebten dramatischen Dichters unserer Zeit, des„genialen" Paul Lindau, wie ihn die vortrefflich einexerzirte Zeitungsclaque und, dieser urtheilslos nachschwätzend, ein großer Theil unsreS Publikums nennt, desselben Lindau, den der unzweifelhaft bedeutendste deutsche Dramatiker des letzten Menschenalters, Karl Gutzkow, weniger schmeichelhaft einen berliner literarischen Gassenjungen zu nennen olympisch grob genug war. Zu Herrn Lindau's größtem dramatischen Erfolge verhalf ihm das „Lustspiel":„Ein Erfolg". In ganz Deutschland fand der„Erfolg" bei den Theatern angelwcit offene Thüren und eine klatsch- und Hervorrufs- lüsterne Zuschauerschast. Um was dreht sich nun dieser Erfolg? Nun, um einen„genialen" Dramatiker Fritz Marlow, in dem Herr Lindau einen Abklatsch seiner werthen Person vorzuführen ebenso geschmackvoll als freundlich ist. Fritz Marlow ist ein Mensch, der vier geschlagene Akte hindurch zwar nicht handelt, was eigentlich seine dramatische Auf- gäbe wäre, aber witzelt, oft in frivolster, kalauerhaft fauler Art, ein Mensch, der sich in ein junges Mädchen verliebt, weil sie den Un- verstand oder die Selbstverleugnung besaß, elf Exemplare eines Buches von ihm zu kaufen und baar zu bezahlen, was ihm besonders wesent- lich erscheint;—— letzteres eine Thatsache, die auf des hoffnungs- vollen Jünglings platonische Liebe zur Rcellität ein allerdings günstiges Licht wirst. Fritz Marlow ist serner ein Mensch, der grade Geist genug Hat, um für alle die Fälle, in denen es ihm beikommt, das Herz eines weiblichen Opfers im Sturme zu erobern, eine einzige Begriffsschablone zu verwenden, und zwar,— dies Pröbchen ist zu bezeichnend für Marlow-Lindau's„Genialität", um hier übergangen zu werden— folgende:„Ich knüpfe mit dem Opfer ein beliebiges Gespräch an. Nach liM Minuten sage ich: Sie sind ein ganz eigenthümliches kleines Mädchen! Daraus sagt sie: Wieso? Darauf sage ich: Sie haben zwei ganz verschiedene Naturen in sich.— Das kann man nämlich immer sagen, denn das stimmt immer.— Darauf sagt sie: Sie haben recht! lind bewundert meinen psychologischen Scharfblick. Das Eis ist ge- brachen. Die Theilnahme ist erweckt. Jetzt kommt die große Steige- rung. Eine unabsichtliche Rosenknospe, die ich im Knopfloch trage oder mit der ich in der Hand spiele. Sic wirst einen verstohlenen Blick darauf— ganz unwillkürlich, aber auch ganz unfehlbar. Mein liebes Fräulein, sage ich/ und dabei betone ich.liebes' mit zitterndem Aus- druck so: mein.liebes' Fräulein, darf ich Ihnen diese Knospe, das keusche Symbol der erwachenden Sympathie, zu Füßen legen? Sie schlägt die Augen nieder— und nimmt die Knospe. Nun ist die Stimmung da— nun kommt Eichendorff. Der Uebergang von der Rose zur Poesie ergibt sich von selbst; dann kommt.Deutscher Dichter- wald' und endlich mit einem sinnigen Wortspiel— der.deutsche Waldes- dichter'. Lieben Sic Eichcndorfs? frage ich; und um sie nicht in Ver- legenheit zu bringen, mir sagen zu müssen, daß sie wenig von ihm gelesen, fahre ich, ohne ihre Antwort abzuwarten, fort: Es ist doch ein herrlicher Poet. Diese Frische, diese Einfachheit, wie das lebt—, wie das athmet! Und nun— nun werde ich großartig. Allmälich senke ich das Organ in eine angenehme Mittellage, ich spreche mit halblauter Stimme, und in diesem vibrirenden, poesiedurchzitterten Tone hebe ich also an: Die Welt ruht still im Hafen." Dann deklamirt also dieses verblüffend simple„Genie", nachdem es alle Mädchen seiner Augenblickswahl mit genau derselben, nur durch ihre Inhaltsleere beinahe imponirenden Redensart und derselbe», von ledem Häringscommis zu gleichem Zwecke mißbrauchten Blume molestirt hat, ewig und immer dasselbe Gedicht, in der selsenfesten Ueberzcugung, daß kein Mädchen diesem Zauber widerstehen könne. � ai«der an dem„Erfolge" des Herrn Paul Lindau ist, daß Fritz Marlow vor seinem eignen Nebenbuhler mit seinem Liebes- rczept rcnommlrt, noch che er es an dem von ihm umworbenen Coeur- Gänschen erprobt hat. Der Nebenbuhler natürlich— nicht faul— verräth das Rezept weiter an besagtes Dämchen, Fritz Marlow schnurrt unmittelbar darauf sein zauberisches Gefasel vor ihr ab, sie ist an- sänglich wirklich darüber entrüstet, aber nur um bald darauf, durch eine» Brief ihres genialen Fntz— einen Brief, von dessen Inhalt man rücksichtsvollcrweisc nicht eine Silbe erfährt— versöhnt, in den amüsanten Jüngling bis über die Ohreu verliebt zu sein. Weiter aus des Herrn Paul Lindau großen„Erfolg" einzugehen, ist hier nicht Raum. Nur soviel sei hinzugefügt, daß alle Personen darin just das sind, was sie nicht sein sollen, Schablone» oder Karri- katuren, die, insofern überhaupt von einer Art Handlung die Rede ist, von wirklich dramatischer Handlung ist keine Spur vorhanden—, aus möglichst ordinären Motiven möglichst ordinär handeln, eine Sprache führen, ungesähr wie gebildete Hausknechte und dito Nähmamsells und durch vier Akte— dem unerläßlichen dramatischen Gesetze von der Einheit der Handlung zum Possen— drei ganz verschiedene, mit ein- ander in keinem inner» Zusammenhange stehende Begebenheiten müh- sam hindurchschleppen. Das ganze dramatische Ding oder Unding gefällt, und das Geheim- niß dieses Erfolges ist zu erklären, abgesehen von der auch in aller- neuester Zeit wieder unglaublich saden Reklainc, wel.�e Herr Lindau und der ihm geistesverwandte literarische Troß bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zu machen weiß, aus dem Behagen, welches unser Publikum bei dem Genüsse der pikanten Sauce empfindet, die die Skribenten der lindau'schen Art über ihre ideeumagcrn dramatischen Gerichte auszugießen pflegen. Das Pikante ist so sehr nach dem Geschmacke unsres Durchschnittspublikums, daß man dreist die elendeste Anekdote, die langweiligste Begebenheit, den puren Unsinn auf die Bretter bringen darf, welche die Welt bedeuten sollen, und wenigstens des vergnüglichen Beifallsschmunzelns, wenn nicht stürmischsten Jubels gewiß sein kann, falls man besagte Jammergeschichte nur mit einem Schock möglichst derber, sauler Witze und ein paar Mandeln inöglichst unzweideutiger Zötchen spickt,— die Hauptsache ist ja im Theater sür den Theil unsres Theaterpublikums, der die erste Geige spielt, im ersten Range und im Parquet seinen Platz und nebenbei die Bildung, jene vornehme Bildung mit den zierlichen Gänsefüßchen gepachtet hat— die Hauptsache, sage ich, ist für diese Leute ja nur, daß sie lachen können im Lustspiel und daß sie, ohne sich zu blamiren, die vorsorglich mitgebrachten zwei oder drei Reservetaschentücher vollweinen im Trauer- spiel. Alles andere ist gleichgiltig, von all' dem andern verstehen die guten und gescheiten Leute keine Bohne, und für all' das haben sie in der Sparsamkeit, mit der sie ihren Gemüthshaushalt aus die absolut un- vermeidlichen Ausgaben einzuschränken geivöhut sind, nicht sür einen Heller Gefühl übrig. Nur dadurch wird erklärlich, daß ein Mann wie Paul Linda» eine beinahe dominirende, anscheinend hochansehnliche Stellung in der Lite- ratur der Gegenwart, hoffentlich nur in der nnsrcs kurzen Zeitmoments, einnehmen konnte, ein Mann, den Köberle außerordentlich treffend und dabei noch sehr glimpflich also charakterisirt: „Paul Lindau gleicht einer Wespe, die ruhelos von Bluine zu Blume schivirrt. Bon allen Wissenschaften weiß er ein bischen, tappt in allen herum, sticht und nascht und ist bisher in keiner einzigen recht einheimisch geworden. Seine kritische und seine dramaturgische Feder bekunden, selbst abgesehen von ihrer schon früher geschilderte» Gewissenlosigkeit, die Schwächen eines Dilettanten, welcher dcn Dileltan- tismus in der Literatur zu seinem Lebenszweck gemacht hat und mit einer angebornen Beweglichkeit die Lücken seines Wissens geschickt unter blendenden Phrasen zu verstecken weiß. An seine Dramen darf man den ästhetischen Maßstab nicht anlegen, sonst fallen sie bei der ersten Berührung der Sonde in nichts zusammen. Ihr Reiz besteht nicht im dramatischen Nerv, der angekünstelt ist; er liegt im theatralischen Bei- werk, in der raffinirten Zusammensügung photographischer Typen»ach dem Leben. Der Grund des Beisalls, den diese Art von Dramatik unter einem Theile des Publikums der größeren Städte, wenn auch selbst dort in schon sichtlich wieder abnehmenden Maße bisher fand, liegt wohl einleuchtend nahe. Lindau würzt seine Arbeiten mit den Begriffen und Sitten des Boulevards. Das glitzernde Phrasenspiel sozialer Charakteitypen ohne Moral und Tiefe, welches der Esprit jeii- seits der Bogesen zuin modernen Theaterideal erhob, ist auch sein Ideal. Die Schule des Aristoteles lernte er kaum mehr, als nur dem Namen nach, kennen. Ob er Lessings, Goethe's oder Schillers ästhetische Hinter- lassenschaft studirte, ist»lindestens zweifelhaft; jedenfalls hat er, ivie seine eigenen Erzeugnisse beweisen, nichts daraus erlernt. Er kopirt, ohne sichtlichen Ernst, leichthin sein sranzösisches Vorbild, aber verstand es nicht, die Borzüge der Franzosen mit Vermeidung von deren Schwächen auf eine Art nachzuahmen, welche sich urwüchsig uaturali- sircn und dem deutschen Gemüthc nachwirkende Sympathie abgewinnen könnte. Die Ursachen, aus welchen seine Theaterstücke den habituell sinnlichen und gedankenlosen Theil der Theaterbesucher anziehen und demnach dem Zuschauer keinen ungetrübt künstlerischen Genuß zu ge- währen vermögen, sind wohl jetzt schon niemandem mehr ein Geheiinnnifj geblieben; sie liegen im System des verhüllten Naturalisnius. Lindau entkleidete den Schönheitsbegriff seiner ethischen Weihe und bedeckte die entstandene Blöße mit schaler Pikanterie. Dies Experiment wiederstrebt der innersten Natur der Kunst, und daher ist zum Prognoslikon keine Prophctengabe nöthig. Als Dramen betrachtet, sind solche Theater stücke nur dialogisirte novellistische Kuriosa und gehören zu den sinn- kitzelnden Seifenblasen der Zeit. Daß sie just deshalb von vielen Theaterdirektoren mit Vorliebe gesucht werden, erklärt sich hinlänglich aus dem allgemeinen Niedergang der modernen Bühne." Im weiteren erörtert Köberle den Stilbegriff, dessen Inhalt sowohl der erfaßt haben muß, welcher ein gutes Drama schreiben will, als der, welcher ein Drama, wie jede künstlerische Arbeit überhaupt, recht beurtheilen will. Stil heißt ursprünglich in der Kunst, seinen Gedanken schriftlich oder mündlich Worte zu leihen, der gute, sprachliche Ausdruck und die charakteristische Art und Weise desselben. In der Aesthetik sind drei Momente des Stilbegriffs zu unterscheiden: Stil alS das Gesetz jedes besonderen Kunstgebiets, Stil als charakleristisches Merkmal der Zeit und Stil als Ausdruck der höchsten künstlerischen Idealität. Bei dem ersten Momente des Stilbegriffs handelt es sich um die Technik des fraglichen Kuustzwcigs, bei dem zweiten um seine historischen Eigen- thümlichkeiten, d. i. um das, was man z. B. in der Architektonik griechischen, römischen, golhischen Stil nennt, und bei dem dritten, schwerst zu erfassenden Momente darum, daß die nach sinnlich ergreifender Gestaltung ringende Idee in der ihr diese Gestaltung gewährenden Form völlig aufgehe, wie diese in ihr, daß der Idee nichts Zufälliges, ihr Fremdes beigemengt, sondern nur das, was nothwendig aus ihr hervorgeht, durch die Form zur Erscheinung gebracht werde. Als ein bekanntes Drama, welches dem historischen Stilmomente ins Gesicht schlägt, weist Köberle den„König Roderich" des königs- berger Professors Felix Dahn auf, dessen dramatischen Charakteren gröblich unhistorisch und verwerflich tendenziös Reden in den Mund gelegt werden, wie sie die deutschen Reichstagsabgeordneten in den Debatten über die Maigesetze vom Stapel gelassen haben. Als Beispiel für die künstlerisch ganz unzulässige Vernachlässigung des dritten, wichtigsten Stilmomcnts zergliedert Köberle Heinrich Laube's „Karlsschüler", deren Held Schiller sein soll, aber besser Schulze oder Müller genannt worden wäre, weil in der dramatischen Form der „Karlsschüler" ein Schiller zur Darstellung gelangt, der sich durch keinen Zug seiner geistigen Physiognomie als der Genius kennzeichnet, als den die Kulturgeschichte Schiller kennt, die Wahrheit ihn hochzuhalten, die Poesie ihn darzustellen hat. Als besonders verdienstvoll ist es Köberle anzurechnen, daß er dieses, sich der meisten Anerkennung erfreuende Stück Laube's zur Charakteristik der herrschenden Stillosigkeit gewählt hat, weil Laube der hervorragendste Vertreter, man darf sogar sagen, der Vater der neuesten Richtung geworden ist, welche die dramatische Mache genommen hat, jenes„Vermengens aller möglichen Stile", das in dem Streben besteht,„aus den verschiedensten Abzweigungen der Dramatik einen für alle dramatischen Genres passenden neuen Stil zu konstruiren," der„in Wahrheit kein Kunststil" ist,„sondern nur Manier und nur das hohle Blendwerk der aus augenblickliche Erfolge abzielenden Effekt- hascherei begünstigt."— Sehr interessant und beherzigenswerth ist auch, was Köberle über die totale Verkehrtheit zu sagen weiß, welche bei der Vertheilung der Rollen eines Dramas an die Schauspieler herrscht. Alle sechzehn Schablonen der üblichen„Rollenabschachtelungs- niethodc" seien unbrauchbar, meint er mit gutem Grunde. Es sei grundfalsch, daß ein Mime, der irgendeinen Helden oder irgendeinen Bösewicht leidlich gut spiele, alle Helden oder alle Jntriguants zu- ertheilt erhält, man unterscheide da ganz fälschlich nach Aeußerlichkeiten, mit Hülfe deren man zu den tollsten Absurditäten komme und kommen müsse, wie z. B., daß Franz Moor von einem berühmten Charakter- komiker gemimt werde, dem die tragische Ader ganz fehle, daß im Faust ein als erster Heldenliebhaber engagirtcr Kulissenvirtuose bramar- basire und daß Wallenstein von einem im vorgerückten Alter befind- lichcn Naturburschen und Bonvivant verhunzt werde. Eine völlig neue Facheintheilung nach rein psychischen Momenten, nach gewissen Charaktergrundzügen sei nothwendig, sodaß z. B. alle dämonisch angelegten Naturen von eigens mit dem dämonischen Charaktcrgrundzug ausgestatteten Mimen, alle ideal angelegten von dazu besonders veranlagten dargestellt würden. Leider kommt Köberle in diesem Punkte nicht zur systematischen Entwicklung seiner Gedanken; ebenso wie er darauf verzichtet, den Nachweis zu liefern, daß die dramatische Produktion auch gegenwärtig Erzeugnisse liefere, welche seinen strengen Anforderungen genügen. Er thut letzteres aber nur, weil er fürchtet, den wahrhaft talent- vollen Dramatikern durch seine bei unfern korrupten Theaterleitungen verpönte Empfehlung einen schlechten Dienst zu leisten, und rechnet zu- versichtlich auf einen Ausschwung unsrer dramatisch-theatralischen Verhält- nisse, sei es auch aus dem Wege, welchen ein alter Professor der Aesthetik in einem Briefe an ihn in solgenden markigen Worten angibt:„Ich bin langst zu der Ueberzeugung gelangt, es könne mit dem ganzen zerlumpten Theater nicht eher besser werden, als bis der Teufel die ganze Wirthschaft geholt haben wird, wozu sie längst reif ist.—— Viel eher als von irgendeinem ständigen Theater erwarte ich Heil von irgendeinem mit unverwüstlicher Jugendkrast und leidlichem Geld aus- gestatteten Patron, der sich eine kleine Bande gesunder Jungen und Mädel zusammentrommelt, um, von Stadt zu Stadt ziehend, ein halbes Dutzend mit Begeisterung eingeübter Stücke, in wenn auch noch so arm- seliger Ansstattung, vorzuführen. Aus der Bande könnte eine achtbare Gesellschaft, aus dem halben Dutzend könnte ein großartiges Reper- toire werde», wenn der Palron der rechte Mann ist, den Thyrsos zu schwingen."___ Adam Gottlob Oehlenschläger(Bild Seite 80), berühmter dänischer Dichter und Begründer einer neuen Epoche in der dramati- schen Literatur seines Vaterlandes, wurde am 14. November 1779 in einer nach dem schönen Lustschlosse Friedrichsberg hinauslicgenden Vorstadt Kopenhagens geboren. Sem Vater, ein Schleswiger von Geburt, war damals Organist, später Verwalter des königlichen Schlosses. Mit ihm besuchte der Sohn alle Sonntage die Kirche, wo er wegen seiner schönen Singstimme als freiwilliger Vorsänger sungirte. Anfangs in eine Kinderschule geschickt, die unter der Aus- ficht einer alte» strengen Frau stand, besuchte er später die vom Küster geleitete Dorfschule. Das schöne Schloß mit seinen herrlichen Park- anlagen, sowie das bunte Treiben des Schwarms von Herren und Damen, der im Summer mit dem Hof nach Friedrichsberg kam, ver- fehlten nicht, ihren Eindruck aus den werdenden Dichter zu machen. Der Herbst brachte wieder mit seinen nothwendigen Arbeiten in Schloß und Garten neue Abwechslung, und der Winter, wo das Schloß ver- einsamt war, wurde vom Vater dazu benutzt, um seinen Angehörigen aus den aus der Leihbibliothek entliehenen Büchern Vorlesungen zu halten. Mit seinem zwölften Jahre hatte der junge Adam nach eigenen Angaben bereits„300 Bände der, Leihbibliothek verschlungen" und „wußte die Komödien Holbergs auswendig"; so hatte er auch in seinem neunten Jahre bereits ein geistliches Gedicht versaßt. Da seine Eltern zu unbemittelt waren, ihn eine seinen Talenten entsprechende Bildungs- anstatt besuchen zu lassen, so kam die Hülfe Eduard Storms, des Vor- stchers einer Realschule zu Kopenhagen, sehr gelegen. Derselbe gewährte unentgeltliche Aufnahme, sodaß den Eltern nur noch die Sorge für die Wohnung und Kost verblieb. Storni gehörte zu der damals von Ba- sedow vertretenen Richtung in der Pädagogik, welche in erster Linie die Schüler zu nützlichen Staatsbürgern erziehen wollte und hatte seinen Unterricht dementsprechend eingerichtet. Den meisten Geschmack fand der junge Oehlenschläger an der nordischen Mythologie und der Ge- schichte und schrieb nebenbei Komödien, die er mit seinen Mitschülern aufführte. Auch besuchte er eine zeitlang die Akademie und nahm Zeichenunterricht. Mit sechszehn Jahren ward er konfirmirt und sollte Kaufmann werden, was aber zu seiner Freude fehl schlug. Er bereitete sich jetzt privatim zum Besuch der Universität vor, als aber seine Vor- studien nicht den gewünschte» Fortgang nahmen, wurde er Schauspieler. Seiner damaligen Meinung nach hielt er es für den Schauspieldichter nöthig oder doch wenigstens vorthcilhaft, die darstellende Praxis zu absolviren. Er hatte jedoch das Komödienleben bald satt und verließ die Bühne wieder, nachdem ihm Johann Christian Oersted dazu ge- rathen und ihn zum Studium der Rechte ermuntert hatte. Als im Jahre 1800 eine akademische Preismedaille für den Studenten angesetzt wurde, der die Frage beantworten könnte:„Würde es unserer schönen Literatur zum Nutzen gereichen, wenn die nordische Mythologie statt der griechischen von den Dichtern gebraucht und eingeführt würde?" da betheiligte er sich und erhielt für seine im bejahenden Sinne ab- gefaßte Abhandlung den zweiten Preis, während der erste einem zu- fiel, der sich für die griechische Sage entschied. Noch ist aus jener Zeit zu erwähnen, daß O., als im Jahre 1801 die Engländer Kopen- Hagen init ihrer Flotte angriffen, in dem zur Vertheidigung der Stadt errichteten Studentcnkorps als Fahnenjunker diente. Mehrere seiner bis dahin veröffentlichten Gedichte fanden neben dem allgemeinen auch den Beifall des Grafen Schimmelmann, was zur Folge hatte, daß dieser ihm ein Reisestipendium vermittelte, mit Hülfe dessen er 1805 seine Reise zunächst nach Teutschland antrat. In Halle, Berlin, Dresden, Weimar weilte er längere Zeit, besuchte dort alte Bekannte und trat mit den bedeutendsten Männern in Berührung, wie Schleiermacher, Fichte, Ticck, Körner, Wieland, Goethe u. s. w., von denen er lernt, ihnen seine Gedichte deutsch vorliest und sich dadurch die deutsche Sprache so zu eigen macht, daß er sie später als Medium für seine künstlerischen Produktionen benutzen kann. Namentlich verkehrt er in Weimar viel mit Goethe und muß diesem seinen„Aladdin" und „Hakan Jerl" ganz aus dem Stegreis deutsch vorlesen. Von hier, wo er während der Schlacht von Jena war, geht er nach Paris und von dort zurück nach Stuttgart, wo er an Cotta seine Gedichte verkauft, um für den Erlös nach Italien zu reisen. Zu der in Tübingen ge- machten Bekanntschaft mit Uhland, gesellt sich noch die von A. W. Schlegel, Zach. Werner, Benjamin Constant, die er in Coppet auf dem Schlosse der Frau von Stael, welch' letztere ihn bereits in Paris hier- her geladen, antraf. In dieser geistreich-romantischen Gesellschaft ver- lebte er einige Monate, übersetzte einige seiner Stücke und reist dann weiter durch die Schweiz nach Italien. Bei der Betrachtung der Fresko- gemälde Correggio's in einer Kirche Parma's faßt er auch den Ge- danken zu seinem Drama„Correggio", das er in Italien schrieb. Nach längerem Ausentbalt in Rom kehrt er, mehrere Städte Deutsch- lands besuchend, nach Kopenhagen zurück und wird an der dortigen Universität Professor der Aesthetik. 1817 machte er noch eine Reise durch Deutschland nach Paris; aus einer Reise nach Schweden wird er mit Ehrenbezeugungen förmlich überschüttet. Dagegen wird er auch daheim von verschiedenen Seiten angegriffen, am heftigsten von Baggesen. Gestorben ist er am 20. Januar 1850 als dänischer Konfercnzrath. Neben den erwähnten Stücken schrieb er noch eine große Anzahl anderer und übertrug außerdem Holbergs Lustspiele ins Deutsche. Seine un- geheure Produktivität beweist die 1843—52 erschienene vollständige Ausgabe seiner Werke, die 38 Bände umfaßt. Von seinen in deutscher Sprache verfaßten und übersetzten Schriften zählte die zweite 1833 er- schienene Ausgabe 21 Bände. Seine Stoffe wählte er mit Vorliebe aus der nordischen Mythologie. Er versucht sich auf allen Gebieten der Poesie und bekundet überall eine nicht gewöhnliche Meisterschaft, am bedeutendsten offenbart sich jedoch sein dichterisches Talent im Drama, obgleich er auch hier nicht die Höhe und Vollendung unserer Klassiker erreicht.__ nrt. Restaurirte Ansicht vom Innern der Wohnung des Aedilen Pausa in der verschütteten Stadt Pompeji.(Bild Seite 81.) Wie wir in der vorherigen Nummer anläßlich der Beschreibung des kölner Domes bemerkten, daß der gothische Baustil aus dem roma- nischen entstanden ist, so veranlaßt uns der Gegenstand des vorliegen- den Bildes, das in Pompeji ausgegrabene Haus des Aedilen Pausa, zu der Bemerkung, daß der römische Baustil aus der etrurischen und griechischen Bauweise hervorgegangen ist. Sehen wir im gothische» Stil die Kreuzform im Grundplan und den Spitzbogen im Gewölbeplan vorherrschen, so gewahren wir in dem römischen Stil die Anwendung meist rechteckiger oder ans Rechtecken zusammengesetzter Planformen und wagrechter, ans Stcinbalken bestehender Decken aus steinernen Säulen in drei Grundformen, nämlich der dorischen, jonischen und korinthischen Ordnung. Die Anordnung des hölzernen Dachgebälkes sowie der rund- liche Gcwölbebau an den römischen Bauten ist ctrurischen Ursprungs, hingegen die innere Ausschmückung des Hauses, sowie die Form des Hausgeräthes nachgriechischen Vorbildern entstanden. Ziehen wir noch den Umstand in Betracht, daß die Römer den Griechen den Götter- dienst, die Dicht- und Redekunst, sowie alle staatlichen Einrichtungen entlehnt haben, so können die Römer außer der Verfassung des Gesetz- buches vom römischen Recht und einigen Militäreinrichtungen wenig Ursprüngliches aufweisen, was sie von den von ihnen so gründlich verachteten deutschen Barbaren unterscheiden würde. Wie unter den Äaisern die römische Gesellschaft sich aus den Nationalelementen dreier Welttheile, Europa's, Asien's und Afrika's zusammensetzte, so war auch die Bauweise der Römer dieser Epochen von allen möglichen Stilarten beeinflußt. Nur in der räumlichen Anordnung des Familienhauses blieben die Römer der Kaiserzeit den Ueberlieferungen ihrer republika- nischen Vorfahren treu. Wir haben den Lesern der„Neuen Welt" im Jahre 1879 erzählt, daß Pompeji im Jabre 79 n. Chr. Geburt durch den großen Ausbruch des Vesuv, an dessen Fuß die Stadt gelegen, mit dem benachbarten Herculanum und Stabiä vollständig verschüttet wurde, nachdem sechzehn Jahre vorher der Ort von einem heftigen Erdbeben heimgesucht worden war. Wir wollen uns heute mit den Ergebnissen beschästigen, zu welchen die bisherigen Ausgrabungen ge- führt haben und führen im Bilde das vom Schutt blosgelegte Haus- innere des Aedilen Pansa vor, welches als Musterbild der römischen Hauseinrichtung gelten kann. Die Aedilen waren römische Beamte, die zuerst 493 v. Chr. Geburt zugleich mit den Bolkstribunen aus dem Plebs(dem gemeinen Volke) gewählt und jenen insofern als Gehilfen beigeordnet wurden, als ihnen mit der Aussicht über die öffentlichen Spiele und der Verwaltung der Stadtpolizei auch die Sorge für Ge- treidemagazine und wohlfeile Marktpreise, also die Pflicht oblag, das Volk vor den Bedrückungen der Grundbesitzer zu schützen. Mit der Stadt- und Marktpolizci war die Beaufsichtigung des Gottesdienstes behufs der Fcrnhaltung ausländischer Religionsgebräuche, der Theater und öffentlichen Spiele, der Bäder, Wirthschaften und öffentlichen Ge- bände, namentlich auch die Entscheidung von Kauf- und Baustreitig- leiten verbunden. In den Städten lateinischen Rechts, wozu auch Pom- peji gehörte, hießen Aedilen die höchsten Magistratspersonell. Der Eigenthümer des durch unser Bild veranschaulichten Hauses, Cajus Martius Pausa, war also nach unsern modernen Begriffen Oberbürger- meister von Pompeji, und der Blick in sein Hauslvcsen führt uns ein Kulturbild der Zeit vor 1800 Jahren vor. Die Straße vor seinem Hause, kaum für ein Fuhrwerk passirbar, war eng und bot keinen be- sonders mannigsaltigen Anblick dar; das Haus hing mit der Straße durch eine schmale Eingangsthür zusammen und hatte nur im oberen Stocke kleine Fenster. Obzwar den Römern das Glas bekannt war, verwendeten sie es nur in seltenen Fällen zu Fensterscheiben; wahr- scheinlich war es zu kostspielig. Pansa's Haus besteht, wie alle andern in Pompeji aus der Kaiserzeit stammenden Behausungen aus zwei hintereinanderliegenden Hälften, von welchen der vordere Theil der Oeffentlichkeit, dem Geschäftsleben und dem allgemeinen Zutritt bestimmt war, während der Hintere nur dem Familienleben diente. Unser Bild zeigt den vorderen Theil. Die Hausthür, in welcher der Pförtner, ein gefesselter Sklave, Wache hielt, führte auf den Vorhos, Vestibulum genannt, in das Atrium(von Ater schwarz, rauchgeschwärzt). Das Atrium erhielt sein Licht von oben. Zu beiden Seiten führten Thüren in die Zimmer der Seitenflügel des Hauses. Hinter dem Atrium be- fand sich das nicht bedeckte Cavädium, d. h. hohles Haus. Zur Zeit der streng moralischen Republik enthielt das Atrium das Ehebett, den Herd, die Webstühle der Sklavinnen, die Familiengötter, die Geldkiste; später, als sich die schlichten Bauern zu Weltbczwingern ausgebildet hatten, diente es mit Zunahme des Luxus vorzugsweise als Empfangs- saal der Klienten, wie es der Hintergrund unsres Bildes darstellt, und er- hielt als solches eine andre Ausstattung, verlor aber seine familiäre Bedeu- tung mit der Ausschmückung von Brunnen, Rasenplätzen und Säulenreihen. Am Schluß der Seitengemächer, die das Atrium umgaben, lagen zwei nach Innen offene Räume, Alae(Flügel) genannt. Der Herd, der in den Zeiten der Republik im Atrium seinen Platz gehabt hatte, wurde in der Kaiserzeit tief in das Hinterhaus in eine besondere Küche ver- legt, welche, mit vielen Vorrichtungen ausgestattet, oftmals für sehr viele und sehr anspruchsvolle Gäste zu sorgen hatte. Das gemein- schaftliche Essen hatte zur Zeit der Republik auch im Atrium in der Nähe des Herdes stattgefunden; zu der Zeit, aus welcher unsere Ab- bildung stammt, unter den Kaisern Claudius und Nero wurde es in die hintere Hälfte des Hauses verlegt, in ein besonderes Speisegemach, das Triclinium. Die Penaten, Schutzgottheitcn des Hauses, hatten durch die Verlegung des Herdes ebenfalls ihren Platz verloren und er- hielten denselben wieder in einem besonderen Zimmer, Tablinum ge- nannt. Dieses Tablinum, der Vordergrund unseres Bildes, ein großes, nach vorn und rückwärts weit offenes, mit Vorhängen geschlossenes Gemach, wurde nach seiner Lage das eigentliche Herz des Hauses: außer den Götterbildenr übernahm es zur Aufbewahrung die Masken und Bilder der Ahnen, die Reliquien der Familie und ihre Dokumente; es war Familienmuseum und Familienarchiv. Die schmale Thüre, rechts auf unserem Bilde, führte in einen schmalen Gang, Fauces, Schlund, und stellte die Verbindung des Vorderhauses mit dem Hinterhause, des Atriums mit dem Cavädium her. Wie wir schon eingangs erwähnten, war das Cavädium eine Wiederholung des Atrium und nur dem Familienverkehr gewidmet. Das Cavädium am Hause des Pansa ist von einem Porticus umgeben, der von vierundvicrzig Säulen getragen wird. Das Cavädium war von Familiengemächern umgeben, deren größtes und am reichsten geschmücktes die Exedra hieß, wo die Ma- trone, die Dame des Hauses, Besuche empfing. Die Kinder und Sklaven schliefen im hintersten Theile des Hauses, wo sich auch die Vorraths- räume befanden. Die Römer hatten eine Abneigung gegen mehrstöckige Häuser, deshalb wurden die oberen Stockwerke der großen Stadthäuser nur von armen Leuten bewohnt. Vornehm war nur, was zur ebenen Erde lag; was darüber lag, das war Nothbehelf. Wenn der Raum es gestattete, so lag hinter dem Hause ein kleiner Garten, gewöhnlich mit einem Säulengange. Gartenartig ivar auch der mittlere Raum des Atriums und Cavädiums behandelt, ein vertieftes Bassin(siehe unser Bild) oder ein Rasenparterre, von Blumen und Gewächsen um- stellt und mit einem zierlichen Brunnen geschmückt, der mit seinem plätschernden Wasser die Lust erfrischte. Daraus ersieht man, daß das römische Haus wohl kühl und lustig war, aber verhältnißmäßig wenig Licht hatte, weil die kleinen Fenster nur auf Atrium und Cavädiuni hinausgingen. Trotz dieser ungenügenden Beleuchtung waren aber alle Räume des Hauses mit Malereien geschniückt. Die Wand wurde von dem Maler in drei Theile, Sockel, Mittelfeld und Fries getheilt. Jede Abtheilnng hat ihre eigene Dekoration, die reichste pflegt dem Fries zuzukommen. Die in Pompeji nach 1800jähriger Nacht wieder ans Licht getretenen schwebenden Wandfiguren sind so leicht und lustig mit dem Pinsel hingehaucht, als ob sie, der Schwere entledigt, sich von selber tragen und des Bodens unter ihren Füßen nicht bedürfen wür- den. Ueber dieser anmuthigen Malerei, die heute noch in wirkungs- vollen Farbentönen prangt, lag eine lichte Decke, gleicherweise mit hei- terer Malerei überzogen. Der Decke entsprach ein zierlich gearbeiteter Fußboden, zusammengesetzt aus kleinen Steinchen(Mosaik), welche ein- fache geometrische Muster bildeten, aber auch zu figürlichen Gegen- ständen, ja selbst zu großartigen historischen Darstellungen sich erhoben, wie z. B. die vor einigen Jahren in Pompeji enthüllte und in Mosaik ausgeführte Alexanderschlacht. So empfing den Besucher, sowie er den Fuß in das Atrium setzte, anmuthige Augenlust. Traf es sich, wie auf unserem Bilde, daß die Vorhänge des Tablinums offen waren, so sah er wie durch das Haus hindurch, den Brunnen des Atriums, die reichverzierten Wände, die bemalten Colonnaden des Cavädiums mit dem Grün und den Blumen in ihrer Mitte und den edelsten Schmuck des kunstliebenden Hausherrn, Statuen in Marmor und Erz. Solcher Dekoration des Hauses mußte die Ausstattung, das Geräth entsprechen. Es ist auffallend, wie einfach die Ausstattung eines römischen Gemaches war im Berhältniß zu derjenigen des modernen Salons, aber das einzelne Stück war um so kostbarer, um so kunstvoller. Bunte Gewebe, Teppiche und Decken aus Alexandrien und Babylonien bildeten einen Hauptbestandtheil der Ausstattung. Sie hingen zeltartig an heißen Tagen über der Oeffnung des Atriums und Cavädiums, Schatten und Kühlung gewährend, dienten als Verschluß der Thür- und Fenster- öffnungen, hingen zur Zierde zwischen den Säulen und lagen über den Sitzmöbeln und Lagerstätten. Hohe Wandkasten nach unserer Art waren nicht gebräuchlich, statt ihrer wurden Nischen und Einschnitte in der Mauer benutzt. Die gewöhnliche Form der Vorrathskasten, in denen Gold und Kleider ausbewahrt wurden, war die der Truhen mit auf- zuhebendem Deckel. Es haben sich einige derselben von Metall in Pom- peji erhalten, in Pansa's Hause sogar mit ziemlich viel Geldmünzen, wahrscheinlich Stcuergeld. Dafür gingen die hölzernen und rcichge- schnitzten Betten, Bänke und Stühle zu Grunde. Die in der Mitte des Tablinums stehenden Möbel, Tisch und Stuhl, sind von Bronce', auch im Relies verziert, deren Drcisußgestellc in Form von Thiersüßen aufs feinste in Guß und Ciselirung gearbeitet sind. Aus dem Sitzmöbel steht eine Lampe, mit unserem Auge betrachtet ein sehr unzulänglicher Bcleuchtungsapparat. Es ist eine kleine ölgcfüllte Metallschale mit einem Dochte, der aus dem engen Loch einer Schnauze hervorkam. Man konnte den Docht nicht über eine gewisse Stärke machen, sonst rauchte er; man konnte also das Licht nur verstärken, indem man es vervielfältigte oder in verschiedener Höhe anbrachte. Diesem Uebel- stände verdanken wir die so zierlich gearbeiteten Candelaber, die aus unserem Bilde im Tablinum stehen. Aber auch das übrige Geräth, soviel dessen das Haus in Wohn-, Speise- und Schlafzimmer, ja selbst in der Küche bedurfte, ist veredelt durch Verzierung und durch die Linien der Form. Kasserolc und Kessel, das Geschirr, in dem die Speisen aufgetragen wurden, der Becher, den man zum Munde führte, alles zeugt von der griechischen Künstlerhand, alles von einem großen, reichen, bewegten Kulturleben, welches sich in den beiden ersten Jahr- Hunderten des Kaiserthums über das ganze, damals bekannte Erden rund erstreckte. Ist es ein Wunder, daß es Lobredner gab, die da meinten: durch Rom habe die Welt das Eisen weggelegt und prange im Festgewande, in Herrlichkeit und Lust; die Erde sei wie von Krank- heit genesen und sei wie ein Garten geschmückt,— da verwandelte ein Ruck der unterirdischen Mächte, die Jahrtausende geschlummert hatten, den Garten am Vorgebirge der Minerva in ein Leichenseld und deckte ihn mit grauem Aschenmantel zu. Achtzehnhundert Jahre blieben die Paläste, Ringplätze, Wasserleitungen und Tempel verschüttet, bis es den 88 Epigonen gestattet war, die einstige Pracht und Herrlichkeit in ihren Ueberresten aufzusuchen und sie mit ihren eigenen Einrichtungen, nicht immer zum Vortheil derselben, zu vergleichen. Beim Anblick der ver- schütteten, aber dadurch vor dem Verfall bewahrten Stadt geräth man in Zweifel, ob man niehr über die Wuth der Elemente oder über die Unzerstörbarkeit der Materie staunen soll. Dr. M. T. Der kölner Dom in seiner Vollendung.(Schluß.) Köln sank immer tiefer und tiefer und kein Mensch dachte mehr au den Ausbau des Doms. Als die Heere der französischen Republik der reichstädtischen Herrschaft ein Ende machten, war es auch um den letzten Rest von Wohlstand geschehen. Die Bevölkerung war von 150Ml) Seelen auf ZlMXMI zusammengeschmolzen. Leer war der Hafen, in dem sich einst eine stolze Flotte von Kauffahrteischiffen gewiegt, öde das Kaufhaus, und verlassen erschienen die weiten Hallen, die Zunfthäuser und die Märkte. Ein Heer Bettler, SOOO behaupten die zeitgenössischen Ge- schichtsschrciber, durchzog die Straßen und belästigte die Fremden. Ganze Stadtviertel wurden in Weingärten umgewandelt. Im Jahre zog man innerhalb der Ringmauer Kölns 15,000 Ohm Wein. Dieses Elend kontrastirt gar seltsam mit den Berichten, die uns der Historiker Aeneas Sylvins und der italienische Dichter Petrarca von der alten Herrlichkeit Kölns entworfen, eine Herrlichkeit, die sich im Kirchen- bau kundgab, denn das„deutsche Rom", wie Antonius von Worms die Kapitale der Rheinlande nennt, hatte soviel Kirchen, als Tage im Jahr. Erst dem 19. Jahrhundert blieb es vorbehalten, bessere Ver- Hältnisse für Handel und Gewerbe anzubahnen und somit auch an die Möglichkeit der Vollendung des Doms zu denken. Dichter und Denker erhoben ihre Stimme zur Mahnung und Anregung, die herrliche Kathedrale als Symbol der deutschen Einheit von allen Stämmen aus- bauen zu lassen. 1807 erschien Boisseree's Prachtwerk über den Dom, das die Kenntniß des unvollendeten Bauwerkes in allen Schichten des Volkes vermittelte, 1814 forderten Joseph Görres und Max von Schenkendors zum Weiterbau auf. Im selben Jahre fand Baurath Moller den Originalplan in Darmstadt aus und wies die erforderlichen Mittel des Ausbaues nach. Es war die höchste Zeit, das Meisterwerk gothischcr Baukunst vor dem nahenden Verderben zu retten, als der Prcußenkönig Friedrich Wilhelm der Dritte die verwitterten und sonst schadhaft gewordenen Säulen, Bögen und Wölbungen unter Ahlerts und dann unter Zwirners Leitung restaurmm ließ. 1842 bildete sich ein Central-Dombauverein, dessen Vorsitzender der Alterthumsfreund Friedrich Wilhelm der Vierte wurde. Am 14. August des Sturm- jahres 1848 feierte man nach Vollendung des Langschiffes die sechste Säkularseier der Grundsteinlegung. Die im Jahre 1855 bewerkstelligte Vollendung des Nord- und Südportals erschloß dem Dombau erhöhtes Interesse und neue Geldquellen. Nachdem man den Ausbau des Haupt- portals, an unserem Bilde unter den beiden Thürmen, und 1859 auch die Vollendung der Thürme in Angriff genommen hatte, wurde die überhaupt noch erforderliche Summe zu 3,600,000 Thaler veranschlagt, trotzdem seit dem Jahre 1824 bereits 1,838,655 Thaler auf Bau und Ausschmückung des Doms verwendet worden waren. Nach Zwirners im Jahre 1861 erfolgten Tode übernahm der Vollender des Dombaues, Baumeister Richard Voigtei die Leitung. 1863 waren Langschiff und Querschiff eingewölbt, der Transscpt vollendet und dadurch die Formen- schönheit des Riesenbaues übersichtlich geworden. Seit der im Jahre 1863 eingeführten Dombaulotterie nahmen alle Stände regen Antheil an der Förderung des Baues. 1867 wurde die Schlußfiale auf den Wimperg über dem Mittelportale der Westfassade gesetzt. Zur selben Zeit hatte man zum Bchufe des Weiterbaues des Südthurmes den alten baufälligen Ärahn entfernen müssen, der ein halbes Jabrtausend lang das Wahrzeichen der rheinischen Metropole gewesen ist. Am nördlichen Thurme wurde die Kreuzblume am 21. Juli, und am süd- lichen am 14. August 1880, also am Gründungstag des 632. Bau- jahres aufgesetzt. Um den äußeren und inneren figuralen Schmuck zu schildern, müßten wir ein Buch schreiben, und wollen uns deshalb nur auf die Angabe der Größenverhältnisse beschränken. Der Dom ist wie alle großen Kirchen des Mittelalters) in Form eines Kreuzes gebaut. Sieben Kapellen umgeben den Chor, dessen Höhe 200 Fuß beträgt. Die ganze Länge wird im Acußeren zu 466 Fuß, die durchschnittliche Breite zu 175 Fuß angenommen. Die Länge des Querschiffes beträgt 274 Fuß, seine Breite 128 Fuß; die Höhe des Mittelschiffes vom Bo- den 150, und bis zur oberen Kante der Gallerte 154 Fuß. Im In- neren haben folgende Messungen stattgefunden. Ganze Länge des Schiffs 433 Fuß; Breite des Langschiffs 144 Fuß, des Mittelschiffs 42 Fuß. Höhe vom Boden bis zum Gewölbe 143 Fuß, Höhe der großen Gewölbepfeiler 106 Fuß, Länge des Querschiffs 233 Fuß. Höhe eines Fensters in den Seitenschiffen 43 Fuß, Breite desselben 16 Fuß. Höhe des großen Fensters 52 Fuß, Breite desselben 17 Fuß. Die beiden Thürme sind 500 Fuß hoch. Im Tecimalmaß zu 157 Meter berechnet, sind sie das höchste Bauwerk der Erde, dem sich die andern Hochbauten in nachstehender Reihenfolge unterordnen: Der Dachreiter des Doms zu Ronen 151,12, die Nikolaikirche in Hamburg 144,20, das Münster in Straßburg 142,10, die Petruskirche in Rom 138, die Pyramide des Cheops in Gizeh 137, Sankt Stephan in Wien 136,70, die Kathedrale in Amiens 134, die Pyramide Chcphrens 133, Sankt Martin in Landshut 132,50, der Dom zu Freiburg im Breisgau 125, die Kathedrale zu Antwerpen 123, der Dom zu Florenz 119, die Paulskirche in London 111,80, der Dom zu Mailand 109, das Rathhaus in Brüssel 108, der Jnvalidendom in Paris 105, der Dom zu Magdeburg 103,60, der Dom zu Augsburg 102, die Mn- thenakirche zu Wesel 102, der Schloßthurm zu Dresden 101, die Lieb- frauenkirche in München 99, die Pctrikirche in Berlin 88, der 5lirch- thurm in Erkelenz 81,50, das Münster zu Ulm 80, die Notre-Dame- Kirche in Paris 68, die Sophienmoschee in Konstantinopel 58, der schiefe Thurm in Pisa 47, der Triumphbogen de l'Etoile in Paris 44, das Pantheon des Agrippa in Rom 43, der Obelisk auf dem Place de la Concorde in Paris 27 Meter hoch.— Die Thürme des kölner Doms bestehen aus 4 Stockwerken, der vierte als Achteck gebildet und überragt von den rosettenartig durchbrochenen Helmen, deren Spitzen die riesigen Kreuzblumen krönen. Am Fuße der Helme steigen schlank und lustig konstruirte Fialen und breite Wimperge über den Fenstern aus. Die beiden unteren Geschosse haben an jeder Seite zwei Fenster niit doppeltem Maßwerk, während der dritte nur eins besitzt. Passend angebrachte Heiligenfiguren erhöhen die Pracht der ungemein mannig- fach gegliederten Ornamentik. Die Thurmriesen sind da, wo sie noch mit der Westfassade zusammenhängen, wuchtig und beinahe zu schwer gebildet. Man sieht aber an den Eckpfeilern, wie sie allmählich sich frei und leicht entwickeln, indem diese sich verjüngen. Wo die Thürme sich über das Mittelschiff emporheben, nimmt der Eindruck des Leichten, Schlanken und Zierlichen zu, der seinen Höhepunkt erreicht bei den durchbrochenen, pyramidenförmig aufsteigenden, in den Ecken ausge- zackten Helmen, deren Spitze die schon erwähnten Kreuzblumen bilden. Diese selbst sind 15 Meter hoch und bestehen aus einem Stengel, einer unteren breiten Blätterkrone, einer oberen und einem birnenartig ge- stalteten Knopf, auf welchem die Blitzableiter angebracht sind, Von der Spitze des Blitzableiters bis zur Sohle des Grundbaues dürste eine Entfernung von beiläufig 600 Fuß sein, denn der erste Schilderer des Domes, Boisseree, erzählt, daß er in einen Schacht, der am Strebe- pseiler des südlichen Thurmes gegraben worden, niedersuhr, ohne bei 40 Fuß Tiefe den Ansang des Fundaments zu finden. Die Glocken befinden sich im dritten Stockwerk des südlichen Thurmes. Es sind dies die 540 Centner schwere, aus im Jahre 1870—71 eroberten fran- zösischen Kanonen von Hamm in Frankenthal gegossene Kaiserglocke, dann die Pretiosa, Speciosa und die Dreikönigenglocke, die kürzlich zer- sprang und sich augenblicklich zum Umguß in Dresden befindet. Die Thurmuhr, mit freiem Pendel konstruirt, ist aus der Fabrik von Johann Manhardt in München hervorgegangen.— Möge uns der Leser zum Schluß in das Innere des Domes folgen, in dessen schier unüber- jehbaren Räumen die Vollendungsfeier am 15. Oktober 1880 abge- halten wurde. Wir treten unter den Thürmen, also durch das west- liche Portal ein. Vor uns breitet sich das Langhaus mit seinen beiden Nebenschiffen aus. Hohe gewaltige Säulen streben wie Riesenstämme empor. Altäre und Standbilder schrumpfen zu nebensächlichen Deko- rationen zusammen. Das Langhaus ist durch 48 freistehende Säulen in fünf Gänge getheilt, von denen der mittlere die doppelte Breite der übrigen hat. Auf den Steinplatten zittern die mannigfachen Farben der gemalten Fenster. Die kostbaren Glasmalereien sind Geschenke ver- schiedener Fürsten, freier Städte und Privatleute. Ein eigenthüm- liches Gefühl ergreift den Beschauer. Es ist die Macht der Kunst, die uns aus diesem wunderbaren Bauwerk wie die Majestät des Waldes anweht, dessen Riescnstämme den Himmel zu tragen scheinen. Es ist ein Wald voll hoher Bäume, Die Zweige seh' ich fröhlich blüh'n, Und aus den Wipfeln fromme Träume Zum fernen Reich der Geister flieh». Es ist die Arbeit einer Reihe von Geschlechtern, die ihre Ge- danken mit stets erneuter Lust dem einen großen Plane zuwendend denselben immer freier, in stets mehr geläuterter Schönheit zu ent- wickeln vermochten. Die reiche Entfaltung aller Künste zu einem Zweck steigt in Gestalt des kölner Doms wie ein Lobgesang der mensch- lichen Ausdauer von der Erde zum Firmament empor. Dr. M. T. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Ein Musterinstitut für volksthümliche Naturkunde; der bota- nische Garten zu Breslau, von Rothberg-Lindener.—„Aennchen von Tharau ist's, die mir gefällt."— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.(VII.)— Ein Hauch von Lessings Geiste(Schluß).— Adam Gottlob Oehlenschläger(mit Porträt).— Restaurirte Ansicht vom Innern der Wohnung dcS Aedilen Pansa in der verschütteten Stadt Pompeji (mit Illustration).— Der kölner Dom in seiner Vollendung(Schluß). Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.