Die Sei Roman von In dem Augenblick ward er von rückwärts erfaßt und etwas rauh zur Seite geschoben. Es war der Fußgänger, der des Wegs dahergekommen und Zeuge dieses Vorgangs gewesen, es war Alfred Dcpauli, der die Gruppe erreicht und sich berangcdrängt hatte. Im ersten Augenblick hatte er weder die Motive dieser That, noch die Persönlichkeit ihrer Helden sich zu deuten ver- mocht. Er fand ein Mädchen allein, auf dunkler Straße einen Beweis ihrer Unerschrockcnhcit, ihrer Hochherzigkeit geben, aber für wen und in welcher Gesellschaft? Erst, nachdem er einen Theil des Dialogs gehört, ward er einigermaßen über die Situation aufgeklärt. All' sein Interesse, all' seine Theilnahme erwachte für dies junge edelmüthige Wesen, das in zitternder Erregung hier am Ort ihrer That einem Trupp roher Bursche gegenüberstand, die es umdrängten, sodaß kaum ein kleiner Strahl des Lichts dasselbe erreichen konnte. Er vermochte ihre Gesichtszüge nicht zu unterscheiden, aber er hörte ja, daß sie jung und hübsch seh und er wußte nun, daß ihre Aufopferung allein sie in diese falsche Situation gebracht hatte. Und jetzt hatte er den Ber- wegenen, der ihr zu nahe gekommen, zurückgeschlcudert, und an sie herantretend, ergriff er ihren Arm und zog ihn in den seinen. „Mein Fräulein," sagte er ehrerbietig und voll männlicher Würde,„nehmen Sie meinen Schutz an, und erlauben Sie mir, Sie von hier hinweg und nach Ihrer Behausung zu führen." Ein Murren erhob sich unter den Herumstehenden und meh- rere Stimmen wurden laut. „Oho, den haben wir gebraucht, der ist uns abgegangen." „Und beschützen will er sie, vor wem denn? Doch nicht vor uns." „Haben wir ihr vielleicht etwas gethan?" „Nicht angerührt haben wir sie." „Glaubt er, weil er ein' bessern Rock anhat, er dürft' uns verdächtigen? oho!" „No, und ist er vielleicht schüchtern, der da, der; der nimmt sie gleich um den Leib." „Der untersteht sich das!" „Das Fräulein ist dem Umsinken nahe," sagte Alfted besorgt, „sehen Sie denn das nicht." „Freilich, das Halten hätten wir auch getroffen, o ja, grad' so gut," bemerkte der eine und der Stämmige rief, sich vordrängend, voll eifersüchtigen Zornes: „Ich denk', die Fräul'n vor Ihren Unverschämtheiten zu be- schützen, wär' wohl am nöthigsten, und ich werd's thun, lassen Sie sie los." W. KautsKy.(S. Fortsetzung.) Drohend wandte er sich gegen Alfred. Auch die übrigen nahmen eine feindliche Haltung an. Dies alles hatte sich unendlich rasch abgespielt, viel rascher, als man das beschreiben kann. Marie, die sich, als sie allein den Man- nern gegenüberstand, nur mit der äußersten Anstrengung auftecht erhalten, die jeden Augenblick daran war, das Bewußtsein zu verlieren und der nur das Erkennen ihrer gefährlichen Lage die Kraft verlieh, ihr Stand zu halten, sie überkam bei dem unver- hofften Auftreten Alfteds, bei seinem Anblick ein süßes, jubelndes Gefühl des Geborgenseins, aber damit schwand auch ihre Kraft, sie lag an seinen Schultern, an seiner Brust, die Augen geschlossen, ganz ihm anheimgegeben; der drohende Ton der Menge schreckte sie aufs neue empor, ohne ihr das völlige Bewußtsein wiederzu- geben; nur instinktiv erkannte sie, daß auch für ihn Gefahr vor- handen war, und so, noch halb im Taumel, voll Herzensangst, vom Schreck erfaßt, schmiegte sie sich enger an ihn an und wie ein Herzenslaut, so drangvoll, so voll Unmittelbarkeit sprang der Ruf über ihre Lippen:„Alfred!" Ueberrascht, bewegt, drückte er das Mädchen an seine Brust. „Fürchten Sie nichts," bat er, dann wandte er sich mit festem Ton und festem Blick an die Bedränger. „Zurück und Platz für uns, ich dächte doch, die Sache stünde anders— das Fräulein kennt mich und ich kenne sie, ich habe darum ein Recht, wohlgemcrkt, die Pflicht, mich ihrer anzunehmen und sie nach Haus zu führen. Drum machen wir ein Ende, laßt uns fort." Ein noch drohenderes Gemurmel erhob sich Der Fleischer, den bei der ganzen Affaire seine Pferde am meisten interessirten und in Anspruch nahmen, eilte nun herbei. „Was giebt's denn da?" rief er,„wer will sie führen? ich werd' sie führen und niemand sonst, das ist doch selbstverständ- lich," und zu Alfted sich wendend, der sie noch immer umfaßt hielt: „Ich kenne sie auch, Gott sei Dank, und sie kennt mich, nicht wahr, Fräulein Marie, und ich bin ein ansässiger Bürger und ein gesetzter Mann, Gott sei Dank, nicht wahr, Fräulein Marie, und darum muß ich Sie der Mama übergeben, und mein Wa- gerl ist wieder in Ordnung, und sie können gleich einsteigen, und so kommen Sie auch am geschwindesten nach Haus." Das war allen einleuchtend. Die Umstehenden lachten und klatschten in die Hände, sie schienen von dieser Lösung befriedigt. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 5 1880] VI. 4. Dezember 1880. Das Fräulein ging nicht mit dem jungen Herrn, er mußte sie loslassen, das war ihnen die Hauptsache. Der Wirth, der längst schon seine Gäste gern wiedergesammelt hätte, fand, es sei Zeit, ins Gastzimmer zurückzukehren, und die meisten, für die die Sache niit diesem friedlichen Ausgang allen Reiz verlor, folgten ihm dahin nach. Marie athmete auf, die Gefahr war vorüber, sie vermochte sich zu sammeln, zu einiger Klarheit des Denkens zurückzu- kehren, aber damit erwachte auch das Gefühl der Scham; eine unsägliche Verwirrung kam über sie, als sie sich in seinen Armen fand und sie entzog sich ihnen fast allzuhastig. Sie that einige Schritte dem Fleischer entgegen. „Meister Fruhwirth," sagte sie mit einem Ton, der noch bebend klang, und als ob sie mit Thränen kämpfte,„ich fahre mit Ihnen, bringen Sie mich nach Hause." Er nahm sie bei der Hand, führte sie nach dem Wagen, der jetzt ziemlich entfernt stand, und hob sie sogleich hinauf. Er schob ihr eine grobe Decke zu und sie setzte sich zurecht. Alfred war ihr nachgefolgt; er trat so nahe heran, daß er sich an den Wagen lehnte; er sah zu ihr hinauf, aber so sehr er sich auch Mühe gab, er vermochte in der herrschenden Dunkelheit ihre Ge- sichtszüge nicht zu unterscheiden, und kaum die Umrisse festzu- stellen. „Ich darf Sie also diesem Manne, in den Sie so viel Ver- trauen zu setzen scheinen, ohne Sorge überlassen?" fragte er sie in leisem, theilnehmenden Ton. „Gewiß," antwortete Marie, noch etwas beklemmt,„er ist verläßlich, er bringt mich rasch und wohlbehalten zu den Meinen. „Dann leben Sie wohl, mein Fräulein." „Ich danke Ihnen." Es klang ihrerseits so bewegt. „Wofür?" fragte er,„Sie haben mir keine Gelegenheit ge- geben, mich Ihnen nützlich zu machen;" er langte gleichwol nach der Hand, die sie, sich abwärts beugend, ihm entgegengestreckt hatte, und dann, Plötztich innehaltend, ihm doch nicht überlassen wollte. Er erhaschte sie, und hielt sie mit leisem Druck einen Augenblick in der seinen, und wieder sah er mit wachsender Neu- gier, mit Augen, die die Nacht durchdringen wollten, zu ihr auf. „Sie sprachen vorhin meinen Namen aus, Sie kennen mich also?" fragte er.„Ich behauptete freilich dasselbe den Leuten gegenüber, und doch war es eine Lüge, machen Sie's zur Wahr- heit, sagen Sie mir, wer Sie sind." Niemand bemerkte die glühende Rothe, die in Märiens Wangen aufstieg. Sie sollte ihm also ihren Namen sagen, ihm, dem sie schon so innig gut war, noch eh' sie ihn gesehen, und der ihr, als sie ihn zum erstenmal gesehen, so über alles herrlich und liebcnswerth erschienen war, aber ihr däuchte, als wenn sie ihm mit ihrem Namen, mit ihrem Anblick zugleich auch das Geheim- niß ihres Herzens offenbarte. Sie zögerte. Da schwankte der Wagen unter dem Griff des Fleischers, er hatte sich hinaufgeschwungen! und die Zügel ergriffen. Die Pferde zogen sogleich an, Alfred hatte ebenj nur Zeit, zurückzuspringen. In der nächsten Sekunde rollte das leichte Gefährt vorwärts, und bald war es den Augen des Nachsehenden entschwunden. Die Wenigen, die sich noch außen befanden, riefen Alfred einige höhnende Worte zu. Er achtet ihrer nicht. Er drückte den weichen Filz tiefer in die Stirn und ging der Stadt zu. Ihn beschäftigte das soeben Erlebte voll und ganz, und schon war seine Phantasie geschäftig, es in allen Einzelheiten auszu- malen, den Eindruck, den es auf ihn hervorgebracht, noch zu vertiefen. Wieder sah er die jugendliche Mädchengestalt sich den Pferden entgegenstellen, sah diese zurückgerissen sich wild aufbäumen, und wie er sich nun hastete, um näher zu kommen, sah er die dunklen Gestalten aus der Schenke hervorstürzen, jede von ihnen eine Charakterfigur; er konnte bemerken, wie sie das Mädchen um- drängten, es anstarrten, mit wachsender Lüsternheit es bedräuten. Und diese Gruppe war nur von einer Seite mit dem röthlichen Licht, das aus der geöffneten Thür auf die Straße fiel, beleuchet, diesen Gegenständen einen noch phantastischeren Anstrich verleihend, indeß alles sie Umgebende in dunkle Nacht versank. Es war ein Bild, romantisch und düster wie ein Salvator-Rosa. Dann verweilte seine Erinnerung wieder bei einem spätem Moment, der sich ihm noch tiefer in die Seele gegraben. Er stand im Kreise dieser Volksfiguren und hielt das Helden- müthige Mädchen in seinen Armen, sie schmiegte sich an ihn und— „Alfred!" rief sie. Wie kam es, daß sie ihn so nannte? Daß in diesem Augen- blick der Seelenangst, der halben Besinnungslosigkeit, grade diese vertrauliche Benennung ihr von den Lippen fiel? sollte man nicht glauben, daß sie ihr geläufig war? Es berührte ihn seltsam. Und vollends der Ton, in dem sie seinen Namen aussprach, er klang in seinem Herzen wieder. So erinnerte er sich des kleinsten Unistands, und das Bild des Mädchens verklärte sich ihm immer mehr. Einmal brach wohl in seiner Stimmung etwas wie Unmuth durch und er mußte seinen plötzlichen Enthusiasmus selbst be- lächeln, er höhnte sich ob seiner allzuleichten Erregbarkeit. Aber wenn ich diese nicht besäße, wäre ich ein Künstler? antwortete er sich darauf. Und daß ich freier athme, daß diese Apathie von mir gewichen, daß Empfindung und Gefühl wieder bei mir ein- gekehrt sind, daß ich mich wieder für irgendetwas zu erwärmen, daß ich es mir zu idealisiren vermag, ist es nicht ein Beweis wiedergewonnener Kraft und daß ich gesunden werde? muß ich mich nicht darüber freuen? War doch all' mein Schaffen gelähmt, war ich doch fast erdrückt von meinem Unglück. Vielleicht werde ich jetzt wieder arbeiten können. Er hätte gern das Ereigniß zu einem Bilde zusammenfassen, er hätte es malen mögen, aber wie? hatte er doch seine kleine Heldin nicht einmal gesehen. Es begann ihn zu quälen, daß er nicht im stände war, sich das Gesicht des Mädchens zu vergegenwärtigen. Er dachte, daß es schön sein müsse, aber wenn er ihm auf der Straße begegnete, er würde es nicht wiedererkennen; und ebensowenig kannte er ihren Wohnort, ihre Familie, ihren Namen. Aber grade das reizte ihn. Er mußte es zu erfahren suchen. Er wußte, daß sie Marie heißt und daß sie ihn kannte. An dieses Faktum schloffen sich neue Betrachtungen und Kom- binationen. So waren sein Kopf, seine Sinne ganz mit diesem neuen Abenteuer beschäftigt. Schon empfand er das Wohlthätige dieser Reaktion, die doch ftüher oder später eintreten mußte, lvenn er sich nicht selbst verlieren sollte, und so gab er sich den neuen Eindrücken, ohne Widerstand zu leisten, hin. Sechstes Kiipitel. Alfred hatte mit Fritz hinsichtlich dessen Berhältniß zu seiner Schwester einige ernste Auseinandersetzungen. Er konnte sich mit der fernen Aussicht, die sich dem Paare für eine Vereinigung darbot, nur wenig befriedigt fühlen, er hätte für Minna eine schnellere nnd sichrere Versorgung gewünscht, da er aber beide so fest in ihrer gegenseitigen Neigung, so standhaft und zum Aus- harren bereit und namentlich so glücklich und genügsam fand, so blieb ihm nichts übrig, als sich in das nun einmal bestehende Verhältniß zu fügen. Er suchte nur Fritz zu bestimmen, sich mit der Gründung einer Existenz angelegentlicher zu beschäftigen. Er suchte ihn zur Kunst zurückzuführen, da es ihm schien, daß Fritz darin einige Fortschritte gemacht; die Wandmalereien der Kirche und das Portrait des hiesigen Bürgermeisters waren nicht übel gerathen, wenn sie auch eine große Flüchtigkeit bekundeten, und aus den umherliegenden Zeichenbüchern und Skizzen ersah er, daß Fritz mitunter sehr gelungene Naturstudien gemacht. Er sollte doch den Versuch machen, an einer andern Akademie, oder bei einem berühmten Meister als Schüler und zugleich als Ge- hülfe anzukommen. Aber Fritz wollte davon nichts hören. Das bedeute ja wieder die Abhängigkeit und sklavische Ztachahmung, und er werde und könne da nichts leisten. Wiederholt habe man ihn als Stümper bezeichnet, als Farbenklexer, der von allen Regeln der Kunst abweiche, und seine Beurtheiler hätten recht gehabt; jetzt sehe er es ein, er werde nie ein Bild in ihrer herkömmlichen Manier malen können und eine andere erlaube man ihm nicht. Und er, der schon Gebrandmarkte, er solle sich wieder in die Hände dieser akademischen Vorstände geben, seine Existenz aber- mals von ihnen abhängig machen? niemals! Ein Maler ist nicht wie ein anderer Künstler, der von der Gunst des Publikums getragen wird. Wer versteht etwas von Malerei? Das große Publikum hat darin kein Urtheil, oder wagt es nicht, dasselbe auszusprechen, und hat auch keine Gelegenheit dazu. So ist der Maler einzig und allein von seinen Fach- genossen abhängig, ist abhängig von den Vorstehern der Ausstel- lungen, die ganz nach Gutdünken verfahren und Werken, die ihrer Art zu sehen, nicht entsprechen, den Weg zur Oeffentlichkeit ent- weder immer versperren können, oder solchen nur mitleidig einen Platz anweisen, wo sie gar nicht oder schlecht gesehen werden. 115 „Nein, ich will nichts mehr damit zu thun haben," entschied Fritz mit einiger Heftigkeit.„Fch hasse die Malerei, ich hasse die Maler, ich will Sänger werden. Da kann ich mich selber dem Publikum vorführen, und wenn ich das hohe C rein und mit voller Brust herausschreie, dann wird jeder, der Ohren hat, von meiner Kunst überzeugt sein und wird keiner weiteren Ver- mittlung bedürfen. Und wenn ich dann in einigen Jahren meine zwölstausend Gulden Gage habe," fügte er lachend hinzu,„dann werde ich meine Minna heimführen, und du Bruderherz, wirft's dann auch zufrieden sein." Alfred mußte über die Zuversichtlichkeit dieses Tenoristen lachen, die er nicht ganz zu theilen vermochte. Er war hierauf zu Luisen gegangen und hatte sie gebeten, ihm zu sagen, ob Fritz in der That eine Stimme habe, die für die Bühne sich eigne, und die sonstigen Fähigkeiten dafür besitze. Diese hatte zustimmend geantwortet. Alfred hielt sich hierauf nicht mehr befugt, hindernd in diese Carribre einzugreifen, und so mußte er denn den Dingen freien Lauf lassen. Am Morgen nach dem Ereignisse, das sich vor der Schenke abgespielt, hatten die Freunde in ihrem Stübchen den Morgen- kaffee eingenommen. Fritz hatte hierauf seine Gesangsstudien be- gönnen und Alfred zu einem Buche gegriffen. Aber er war bald der Meinung, daß man bei einem solchen Geschrei unmöglich lesen könne, und er verließ das Zimmer, um bei den Schwestern anzuklopfen. Diese hatten bereis alles in Ordnung gebracht und saßen bei ihrer Arbeit. Sie empfingen ihn mit einem freudigen „Willkommen"! Er selbst schien munterer, zum Schwatzen auf- gelegter, als die Tage vorher. Er setzte sich zu ihnen an den Tisch, der in der Fenstervertiefung stand und suchte sich in scherz- hafter Geschäftigkeit nützlich zu machen. Malchen lachte herzlich über diese Versuche. Sie fand den Bruder so allerliebst heute, viel vertraulicher als sonst und ungleich neugieriger. Er forschte nach ihren kleinen Leiden und Freuden, er wollte wissen, wie sie lebten, mit wem sie verkehrten, oder ob es immer so einsam um sie sei. „O nein," meinte Malchen,„wir sind sehr oft bei unserer lieben Luise, und wir haben auch jüngere Freundinnen, die uns besuchen, aber sie kommen jetzt deinetwegen nicht hierher." „Das tlmt mir leid," bemerkte Alfxed,„so war es nicht ge- meint, aller Gesellschaft wollte ich euch nicht berauben, und eure Freundinnen—" „Nein, nein," unterbrach Minna rasch,„ich begreife es ganz gut, daß es dir peinlich wäre, und dann—" sie lqchelte und sah ein wenig von ihrem Stickrahmen auf,„sie selbst würden ja nicht kommen, eben weil sie von deinem Hiersein wissen." „So? Sind sie denn alle so schüchtern und so diskret wie jene—" „Welche?" „Nun, die an jenem Abend hier war." „Ah, du erinnerst dich?" „Wie hieß sie doch nur?" „Marie." „Marie, wirklich Marie!" „Freilich, aber was thust du, Alfred, du verwickelst mir ja die Seide? Alfred bat lachend um Enschuldigung wegen dieser Ungeschicklichkeit und versprach alles in Ordnung zu bringen. Dann fragte er nur so obenhin: „Ist sie vielleicht hübsch, diese Marie?" „O gewiß," meinte Minna. „Sie ist schön," rief Malchen mit ungewöhnlicher Lebhaftig- keit,„weil sie so gut ist, und weil man dies in ihren Augen sieht, die all' ihre Güte offenbaren." Alfred nahm sie beim Kopf und küßte sie. „Weißt du, Malchen, du bist eine kleine Poetin, trotz deines praktischen Sinns, und Ihr liebt sie also beide, diese gute, schöne Marie— wie ist doch ihr Familienname?" „Weiß." „Ist sie verwandt mit der Musiklehrerin, Luise Weiß?" „Sie ist ihre Nichte." „Wirklich!" Minna sandte ihm einen freudig überraschten, aber inquisi- torischen Blick zu. „Jnteressirst du dich für Marie?" Er suchte sich eine möglichst unbefangene Miene zu geben. „Insofern, als sie eure Freundin ist, ja wohl." „Du solltest sie kennen lernen, Alfred." „Ich reise morgen ab." „Freilich, für diesmal ist's zu spät, aber du wirst wieder kommen, und du wirst dich dann besser, freier, fröhlicher fühlen, und wirst dich nicht so ängstlich vor all' den Leuten, mit denen wir verkehren, abschließen, nicht wahr, Alfred, du wirst dann ganz so sein, wie ehemals?" Minna sah ihm liebevoll in die Augen. Er rückte noch näher an sie heran. „Und bin ich's denn nicht schon?" fragte er heiter,„bemerkst du noch Wolken des Trübsinns auf nieiner Stirn? Die Luft der Berge, aber vornehmlich der Umgang mit euch, eure Theilnahme, eure Liebe haben sich wie Balsam auf meine Wunde gelegt, ich fühle mich wieder kräftig,— es dünkt mir fast, als sei ich geheilt." Malchen verließ ihre Arbeit und begann ihn zu liebkosen. „Aber da ich euch so viel verdanke," fuhr Alfred fort,„so möchte ich euch gerne, und besonders dieser Kleinen da, mit irgend etwas eine Freude machen, sagt, wie das geschehen kann?" (Fortsetzung folgt.) Aeber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Cinilisotion nnterworfen ist'"). In Europa ging im ganzen die Richtung der Weltgeschichte dahin, die Natur dem Menschen, außer Europa, den Menschen der Natur unterzuordnen. Um z. B. die Geschichte Indiens zu ver- stehen, müssen wir die äußere Natur zu unserm ersten Studium machen, weil sie die Menschen mehr, als die Menschen sie be- einflußt;«vollen ivir hingegen die Geschichte eines Landes,>vie Frankreich oder England, verstehen lernen, so müssen wir den Menschen zu unserm Hauptstudium machen, denn die Natur ist hier verhältnißmäßig schwach, und so hat jeder Schritt in der großen Entwicklung die Herrschaft des menschlichen Geistes über die Mächte der Außenwelt verstärkt; unsre wachsende Erkenntniß setzt uns in den Stand, nicht sowol die Natur zu beherrschen, als ihre Bewegungen vorherzusehen, und so manches Unheil zu vermeiden, welches sie sonst anrichten würde. Nur in Europa ist es dem Menschen wirklich gelungen, die Macht der Natur zu zähmen, sie unter seinen Willen zu beugen und zu zwingen, seinem Glück zu dienen und den allgemeinen Bedürfnissen des menschlichen Lebens unterthan zu werden. Sonst waren die reichsten Länder die, wo die Natur am gütigsten war; jetzt sind es die, wo der Mensch am tätigsten ist. Wir wissen die Karg- heit der Natur zu ersetzen; ist ein Fluß nicht recht schiffbar oder ein Land schiver zu durchreisen, so können unsre Ingenieure den Fehler verbessern, dem Uebel abhelfen. Haben wir keine Flüsse, so graben wir Kanäle; haben wir keine natürlichen Häsen, so bauen wir künstliche. Diese Neigung, die natürlichen Verhält- uisse nach unfern Bedürfnissen umzugestalten, zeigt sich sogar in der Verteiluiig der Bevölkerung, indem in den civilisirtesten Ländern Europas diejenige der Städte die des Landes überholt, und es leuchtet ein, jemehr die Menschen sich in großen Städten versammeln, destomehr werden sie sich gewöhnen, den Stoff ihres Denkens von der Beschäftigung im Leben herzunehmen, und sie werden sich zunächst weniger um die Naturerscheinungen kümmern, welche die ergiebige Quelle des Aberglaubens sind und durch die in den alten Kulturländern die Entivicklung des Menschen ge- hemmt wurde. Aus diesen Thatsachen können wir schließen, daß der Fort- schritt Europas durch einen verminderten Einfluß der natürlichen und durch einen vermehrten Einfluß der geistigen Gesetze bezeichnet ♦) Diese Arbeit ist eine allerdings für sich bestehende Ergänzung des die„natürlichen Gesetze, welchen der Fortschritt der Civilisation unter- warfen ist" behandelnden Aussatzes in den Nrn. 24 ff. des vor. Jahrg der„Neuen Welt", aus welchen wir hiermit unsere wissenseifrigcn Leser nochmals aufmerksam gemacht haben wollen. Beide Arbeiten sind Auszüge aus Buckle's„Geschichte der Civilisation in England". Red. wird; ist nun das Maß der Civilisation der Triumph des Geistes über die Außenwelt, so wird es klar, daß für den Fortschritt der Menschheit die geistigen Gesetze wichtiger sind, als die natürlichen. Ehe wir an die Untersuchung der Gesetze des geistigen Fort- schritts herantreten, müssen wir fragein Was ist dieser Fortschritt? Worauf die Antwort lautet: Ein zweifacher, ein sittlicher und ein intellektueller, wovon der erste sich auf unsre Pflichten, der zweite sich auf unser Wissen bezieht. Em Volk kann nicht wirklich fortschreiten, wenn auf der einen Seite seine fortschreitende Geschicklich- feit durch zunehmende Laster beglei- tet wird, oder auf der an- deren Seite, wenn es zwar tugendhafter, aber auch zu- gleich unwis- seuder wird. Dieser dop- pelte Fort- schritt, der moralische i und intellektuelle, ist für den Begriff der Civilisa- tion selbst we- sentlich und umfaßt den ganzen gei- stigen Fort- schritt. Daß wir unsre Pflicht tun wollen, ist der mora- lische Teil, daß wir wis- sen, wie wir sie zu tun haben, ist der intellektuelle Teil. Je ge- nauer diese beiden Teile mit einander verbunden sind, desto größer ist die Harmonie, mit der sie wirken, und je genauer die Mittel dem Zweck ent- sprechen, desto vollständiger wird die Be- stimmung un- Der BpsersU« auf dem seres Lebens erfüllt und die Grundlage für den weiteren Fortschritt der Menschheit gelegt werden. Wir haben nun festzustellen, welches von diesen Elementen geistigen Fortschritts das wichtigste ist, welches von beiden am kräftigsten wirkt, damit wir das schwächere Element den Gesetzen des stärkeren unterordnen können. Im großen ganzen tvird die Menschheit in ihrem sittlichen und intellektuellen Betragen durch die sittlichen und intellektuellen Begriffe, die in ihrer Zeit vor- herrschen, geleitet; natürlich werden manche sich über diese Vor- stellungen erheben, manche dahinter zurückbleiben; die Mehrzal aber zeichnet sich weder im Guten noch im Bösen aus, muß nottvendig immer Mittelgut bleiben; weder sehr dumm noch sehr gescheit, weder sehr tugendhaft noch sehr lasterhaft, sondern schläftig in ihrer ftiedlichen und ehrbaren Mittelmäßigkeit/ nehmen sie die laufenden Tagesmeinungen an, untersuchen nichts, erregen keinen Anstoß, kein Erstaunen und halten sich nur eben auf gleicher Linie mit ihren Zeitgenossen, indem sie sich geräuschlos der sitt- lichen Regel und Geistesbildung ihres Landes und ihrer Zeit anbequemen. Schon eine oberflächliche Bekanntschast mit der Geschichte lehrt uns, daß dieses Maß des Zeitgeistes sich fort- dauernd ändert und nie ganz das nämliche ist. Die Meinungen, welche in einer Nation populär sind, wechseln von Jahr zu Jahr. Was in einer Periode als Widersinn und Ketzerei angefeindet wird, das wird von einer neuen Periode als Wahrheit ge- priesen; aber auch sie wird ihrerseits später wieder durch eine neue ersetzt. Suchen wir nach den Ursachen die- ser außeror- dentlichen Unstetigkeit in dem ge- wöhnlichcn Maßstabe der menschlichen Handlungen, so finden wir ohne Mühe, wie äußerst gering der Einfluß ist, den sittliche Motive oder die Gebote des söge- nannten sitt- lichen Ge- fühls auf den Fortschritt der Civilisa- tion ausge- übt haben. Denn es findet sich ohne Zweifel nichts in der Welt, was so wenig Ber- änderung er- litten hat, als jene großen Grundsätze, welche die ... v M Moral» systeme ausmachen. Andern Gutes zu thun, unsre eignen Wünsche Gmfften zu opfern, unfern Nächsten zu lieben wie uns selbst, unfern feinden zu verzeihen, unsre Leidenschaften im Zaum zu halten unsre Eltern zu ehren, die Obrigkeit zu achten, dies und dergleichen mehr sind die Hauptsätze der Moral; aber sie find seit jahrtausenden bekannt und nicht ein Titelchen ist ihnen hlnzuzesügt worden durch alle Predigten und Textbücher, welche 'Moralisten und Theologen zur Welt gebracht; auch das Moral- system des neuen Testaments enthält keinen einzigen Grundsatz, der nicht schon früher ausgesprochen worden wäre, und zu be- haupten, das Christentum habe der Menschheit vorher unbekannte sittliche Wahrheiten mitgeteilt, beweist entweder grobe Unwissen- heit oder gefliffentliche Täuschung. ttußhardt.(Srite 122.) Grotltnwohnungc» der Zigeuner aus dem Monte sacro in Granada.(Seite isz.) Äerqleicheii wir den stationäreil Zustand moralischer Wahr-| welche großen Einfluß geübt, sind wesentlich dieselben, alle großen heiten mit dem torticlimtendeu Zustande intellektueller Wahrheiten, Gedankensysteme sind wesentlich verschieden gewesen. Hinstchtlich so finden wir einen auffallenden Unterschied; alle Moralsysteme, unseres sittlichen Betragens ist jetzt dem gebildetsten Europaer 118 nicht ein einziges Prinzip bekannt, welches nicht auch den Alten bekannt gewesen wäre. Im Verhalten der Intelligenz dagegen haben wir nicht nur in jedem Gebiete des Wissens die bedeutendsten Erwerbungen gemacht, wir haben auch die alten Metoden der Forschung umgestoßen und alle jene Hülfsmittel der Ersah- rung und Beobachtung, welche Aristoteles nur dunkel ahnte zu einem großen Forschungsplan vereinigt und Wissenschaften hervor- gerufen, von welchen der kühnste Denker des Altertums nicht die entfernteste Vorstellung hatte. Daß in der That das in- tellektuelle Prinzip das eigentlich wirkende ist, wird durch ver- schiedene Umstände bestätigt; dasselbe ist nicht nur viel progres- siver als das moralische, sondern bringt auch viel dauerndere Resultate hervor. Die Erwerbungen der Intelligenz werden sorgfältig auf- bewahrt, sie werden von einer Generation der andern überliefert, nehmen so eine zugängliche, sozusagen faßliche Form an und üben öfters auf die entfernteste Rachkomnienschaft ihren Einfluß aus; sie werden die Erbschaft der Menschheit, der unsterbliche Nachlaß des Genius, dem sie ihr Dasein verdanken. Dagegen sind die guten Taten, die wir mit unserer sittlichen Kraft aus- üben, weniger zu vererben; sie haben mehr einen Privatcharakter und etwas Reservirtes; sittliche Vorgänge sind zwar liebenswür- diger und für die meisten anziehender als intellektuelle, sie sind aber in ihren weiteren Wirkungen viel schwächer, von geringerer Dauer und stiften viel weniger Gutes. Wenn wir die Anstren- gungen der tätigsten Menschenfreundlichkeit, der uneigennützigsten Güte betrachten, so finden wir, daß sie von kurzer Dauer sind, daß sie nur einer geringen Zal Menschen zugute kommen, daß sie selten die Generation, die sie entstehen sah, überleben, und tvenn sie die dauerhaftere Form wählen, große öffentliche Wohl- tätigkeitsanstalten zu gründen, so werden solche Anstalten ge- wöhnlich Mißbräuchen unterworfen, geraten in Verfall und gehen bald entweder ganz zugrunde oder werden von ihrer ursprüng- lichen Bestimmung abgelenkt. Je tiefer wir in den Gegenstand eindringen, desto klarer wird sich uns die Ueberlegenheit des intellektuellen Erwerbs über das sittliche Gefühl zeigen. Das„Gute", was man den Menschen erweist, wie groß es auch sei, ist immer vorübergehend; die Wahrheiten, die man ihnen hinterläßt, sind ewig. Ein unwissender Mann mit guten Absichten und mit der höchsten Gewalt, sie zwangsweise durchzuführen, hat jederzeit viel mehr Uebles als Gutes über die Welt gebracht; dies sehen wir z. B. aus der Geschichte religiöser Verfolgungen. Auch nur einen einzigen Menschen für seine religiösen Ansichten zu bestrafen, ist ohne Zweifel eines der schwärzesten Verbrechen, aber eine große Ge- meinschaft von Menschen zu bestrafen, eine ganze Sekte zu ver- folgen, es zu versuchen, Meinungen auszurotten, welche aus dem Znstand der Gesellschaft entspringen und selbst ein Zeichen der wunderbaren und wuchernden Fruchtbarkeit des menschlichen Geistes sind,— dies zu thun, ist nicht nur eine der verderblich- sten, sondern auch eine der törichtsten Handlungen, die man sich denken kann. Nichtsdestoweniger ist es unzweifelhaft, daß die meisten von denen, welche religiöse und sonstige Meinungsver- folgungen geleitet haben, Menschen von der reinsten Absicht und tadelloser Moralität gewesen sind. Dies kann nicht anders sein; sie haben keine bösen Absichten, wenn sie Meinungen, welche sie für gut halten, erzwingen wollen; noch weniger sind es schlechte Menschen, welche ohne jede irdische Rücksicht alle Mittel ihrer Macht, nicht zu ihrem eigenen Nutzen, sondern zur Ausbreitung einer Religion anwenden, von deren Notwendigkeit für die ewige Seligkeit der Menschheit sie überzeugt sind. Solche Menschen sind nicht schlecht, sondern unwissend bezüglich der Natur der Wahrheit und über die Folgen ihrer eigenen Handlungen, aber moralisch genommen, kann man ihren Beweggründen keinen Vor- wurf machen. Es ist vielmehr das Feuer ihres aufrichtigen Eifers, welches sie zu der Verfolgung erhitzt und ihren Fanatis- inus zu einer zerstörenden Tätigkeit erweckt. Wir finden z. B. unter den tätigsten Urhebern der grausamen Christenverfolgungen die Namen der besten Männer, die je auf eineni Trone saßen, während gerade die schlechtesten und verruch- testen die Christen schonten und ihre Verfolgung nicht beförderten. Diese waren zu unbekümmert um die Znkunft, zu selbstsüchtig, zu sehr ganz ihren Vergnügungen hingegeben, um Interesse daran zu haben, ob Irrtum oder Wahrheit den Sieg davon trage; sie ließen deshalb dem Christentum freien Lauf und hemmten es nicht durch jene Strafgesetze, welche gewissenhaftere, aber mehr im Irrtum befangene Fürsten erlassen haben würden. Und so finden wir, daß der größte Feind des Christentums Marcus Aurelius war, ein Mann von gütiger Gesinnung, von unerschüt- terlicher Gewissenhaftigkeit, dessen Regierung aber durch eine Verfolgung geschändet wurde, deren er sich enthalten haben würde, wenn es ihm weniger Ernst um die Religion seiner Väter ge- wesen wäre. Ein ähnliches Beispiel liefert Spanien; der Ver- teidignng des Glaubens wurde alles geopfert, und so erzeugte der Eifer natürlich Grausamkeit und bereitete den Boden, in welchem die Inquisition Wurzel schlug und gedieh. Die Träger jener barbarischen Einrichtung waren keine Heuchler, sondern Schwärmer.(Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. Max Fogter. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts stand in der Bolkcrstraßc zu Düsseldorf am Rhein ein niedrig gebautes, enges, einstöckiges Haus, welches die Nummer KOL trug und worin ein Samson Heine einen Tuchladcn etablirt hatte. Er hatte die Tochter des angesehenen Arztes Dr. van Geldern, Betty, zur Frau genommen, und diese gebar ihm am 13. Dezember des Jahres 1799, wie jetzt ziemlich allgemein und ganz richtig an- genommen wird, einen Sohn, der den Namen Harry erhielt. In diesem Sohne des jüdischen Aeltcrnpaarcs>var der Dichter H. Heine, wie er sich nachmals mit Vorliebe schrieb, geboren worden. Jetzt steht freilich ein neues, größeres Gebäude, das mit der Nummer 53 bezeichnet ist und seit dem 31. Januar 1867 eine einfache marmorne Gedenktafel—„Geburtshaus von Heinrich Heine"— trägt, an Stelle des alten, kleinen Hauses. Wenn Hcine's Vater sich in geistiger Beziehung durch nichts auszeichnete, so ist dagegen seine Mutter eine sehr verständige und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich gebildete Frau gewesen, die, wie fast alle Dichtermüttcr, auf die Herzens- und Geistes- entwicklung des Sohnes den bedeutsamsten Einfluß geübt hat. Wir wissen, daß sie die Werke Rousscaus kannte und daß Goethe ihr Lieblingsschriftsteller gewesen ist. Nachdem ihn die Mutter das Lesen gelehrt, besuchte der Knabe eine israelitische Privatschule und genoß sodann den größten Teil seines Schulunterrichts im französischen Lyceum, ein Unter- richt, der neben den allgemeinen Verhältnissen der Zeit, auf die wir später zurückkommen werden, ebenfalls von nachhaltigster Wirkung ans die Individualität des Dichters war. Das französische Lyceum, welches später unter der preußischen Regierung die Bezeichnung eines Gymnasiums erhielt, besuchte Heine von seinem zehnten Jahre an. Der eigentliche Zweck der damaligen höheren Unterrichtsanstalten bestand darin, die deut- schcn Schüler zu guten Anhängern Napoleons und zu willigen Werkzeugen seiner Regierung zu machen. Daher war die Unter- richtssprache nicht allein französisch, sondern fast auch ein Dritt- teil sämmtlicher Stunden hatten die Lehrer, die nur französische Lehrbücher dulden durften, auf französische Grammatik und Lite- ratur zu verwenden. Die Lehrer am düsscldorfer Lyceum waren fast lauter katholische Geistliche, ivorunter manche frühere Mit- glieder des Jesuitenordens. Geleitet wurde die Anstalt von dem Rektor Schallmeyer, welcher ebenfalls dem geistlichen Stande angehörte, sich aber nicht abhalten ließ, neben dem deutschen Sprachunterricht in der obersten Klasse auch Vorlesungen über Philosophie zu halten,„worin er unumwunden die freigeistigsten griechischen Systeme auseinandersetzte, wie diese auch gegen die orthodoxen Dogmen abstachen, als deren Priester er selbst zu- weilen in geistlicher Amtstracht am Altar fnngirte."„Etwas deutsche Sprache"— schreibt Heine ferner—„lernte ich auch von dem Professor Schramm, einem Manne, der ein Buch über den ewigen Frieden geschrieben hat, und in dessen Klasse sich meine Mitbuben am meisten rauften." Mehr als dieser deutsche Sprachunterricht nutzte dem Knaben die Lektüre der tiecksche» Uebersetzung des weltberühmten satirischen Romans„Don Quixote" von Cervantes und diejenige der„Reisen Gullivers" von Swift. Daß das erstgenannte Werk überhaupt das erste war, welches dem verständiger gewordenen Knaben in die Hände fiel, hat wohl nicht wenig die früh schon rege gewor- dene Steigung Heine's zur Satire befördert. Als die Zelt kam, um welche sich Heine über die Wahl eines Lebensberufes entscheiden mußte, begann damit für ihn eine der qualvollsten Perioden seines Lebens. Seine eigene Neigung zum Universitätsstudium konnte nicht befriedigt werden, weil sein Pater nicht die dazu nötigen Mittel besaß. Er mußte sich daher dem Handelsstande zuivenden und kam im Jahre 1815 zunächst in ein Bankhaus zu Frankfurt am Main, wo er indes nur zwei Mo- nate blieb. In dem Bankhause selbst ist er gar nur vierzehn Tage gewesen, da ihm das einförmige Treiben daselbst nicht das geringste Interesse abzunötigen vermochte, obwol er später ein- mal äußerte:„Gott weiß, ich wäre gern Bankier geworden, es war zuweilen mein Lieblingswunsch, ich konnte es aber nie dazu bringen." Auch hat ihn die maßlose Bedrückung seiner jüdischen Stammesgenossen in der Handelsstadt am Main zum Teil mit veranlaßt, der letzteren den Rücken zu kehren. Nachdem er sich wieder einige Zeit im Aelternhause aufgehalten, ging er im Jahre 1816 oder 1817— es fehlen uns über diesen Lebensabschnitt des Dichters genauere Nachrichten— nach Hamburg, um, da eben nichts anderes übrig blieb, es aufs neue mit der kaufmän- nischen Carriäre zu versuchen. In Hamburg gründete er zu Anfang des Jahres 1818 unter der Finna„Harry Heine& Co." ein Kommissionsgeschäft, welches aber schon im Frühling von 1819 in Liquidation kam. Er gefiel sich in Hamburg womöglich noch weniger als in Frankfurt, und seine späteren Briefe und Schriften sind voll von rücksichtlosen Ausbrüchen Übelesten Miß- muts über diese poesielose Stadt der„Kränier und Bankiers", an die er wider Willen gefesselt war wie im Eise des Alster- bassins die armen weißen Schwäne, denen man die Flügel ge- krochen hatte,„damit sie im Herbst nicht auswandern könnten nach dem warmen Süden, wo die schönen Blumen, wo die gol- denen Sonnenlichter, wo die blauen Bergscen",— und zu alledem kam noch eine andere Pein, die um diese Zeit zum ersten nial j! sein Herz erfaßte und es fein ganzes Leben lang nie wieder ganz verlassen hat. In welchem Dichterleben spielt sie nicht'eine hervorragende Rolle, die„alte Geschichte", die„ewig neu" bleibt und die seit Heinrich Heine's„jungen Leiden" fast sprichwörtlich geworden ist. Alle Welt weiß jetzt, daß ich von Heine's unglücklicher Liebe rede. Es ist uns lange unbekannt geblieben, wie das Mädchen hieß, welches der Gegenstand dieser tiefen Neigung gewesen, jetzt wissen wir, daß es eine in Hamburg wohnende Cousine des Dichters war. Heine selbst hat ihren Namen in den Privat- briefen an seine vertrautesten Freunde niemals genannt. Diese Liebe hat sie ihm ins Herz gehaucht, jene Lieder voll glühenden, schwärmerischen Verlangens, dämonischen Zorns, unheimlicher Todesahnung und wehmütiger Grabessehnsucht, und es war ein ganz andrer To», eine ganz andre Gewalt in den meisten dieser von Heine unter einem Pseudonym am Anfang des Jahres 1817 zuerst in der Zeitschrift„Hamburgs Wächter" veröffentlichen Lieder, als in jenen schwachen Nachahmungen der Gedichte der romanti- schen Schule, mit denen er sich bereits früher versucht hatte: „Ei, kennt ihr noch das alte Lied, Das einst so wild die Brust durchglüht, Ihr Saiten, dumpf und trübe? Die Engel, die nennen es Himmelssreud', Tie Teufel, die nennen es Höllenleid, Die Menschen, die nennen es— Liebe!" Auch Heiiie's Verwandten in Hamburg, namentlich sein Onkel, der Bankier Salomon Heine, begannen jetzt immer mehr einzu- sehen, daß der junge Dichter zum Kaufmann verdorben sei, und letztgenannter Onkel versprach dem„dummen Jungen", wie er den Neffen scherzweise gern nannte, endlich die Mittel zu einem dreijährigen Universitätsstudium. Er stellte dem Harry, als er ihm seine Unterstützung versprach, die Bedingung, daß er das Studium der Rechte ergreife, den Doktorgrad erwerbe und dann sich in Hamburg als Advokat niederlaffe. Heine gab sich vorläufig damit zufneden und eilte, beglückt, daß er dem ihm verhaßten Berufe entsagen durfte, zunächst in seine Vaterstadt(Sommer 1819), wo er sich vorerst einige Monate lang durch Privatunterricht noch weiter auf die Hochschule vor- bereitete. Auch sein poetisches Talent entwickelte sich in dieser stillen Znrückgezogenheit immer mehr, und sie klangen iveniger düster und etwas beruhigter, die Verse, die er jetzt schrieb, was wol zum guten Teil mit auf den besänftigenden Einfluß zurück- zuführen ist, den seine Mutter wieder auf ihn übte: „Und immer irrte ich nach Liebe, immer Nach Liebe, doch die Liebe sand ich»immer Und kehrte um nachhause, krank und trübe. Doch da bist du entgegen mir gekomme», Und ach, was da in deinem Aug' geschwominen, Das war die süße, langgesuchte Liebe...." Im Spätherbst von 1819 begab sich Heine init seinem Freunde Joseph Neunzig nach Bonn, um die dortige ausgezeichnete Uni- versität zu beziehen. Nach leidlich bestandener Maturitätsprüfung, der er sich unterwerfen mußte, iveil er kein Abgangszengniß von einem Gymnasium besaß, wurde er am 11. Dezember 1819 als Student der Rechts- und Kameralivissenschaften immatrikulirt. Ein sogenannter„flotter Bursche" ist Heine nie gewesen; er beschränkte sich in seinem Umgang auf wenige Freunde, sprach wenig und wenn er es that, nur in kurzen, drolligen Bemerkungen und Witzen; er war stets bestrebt, die große Weichheit seines Gemüts durch ein schroffes, zuweilen abstoßendes Verhalten zu verbergen, weshalb man ihm von mancher Seite Eitelkeit und Stolz vorwarf, er rauchte nie und befleißigte sich schon damals in Hinsicht auf den Genuß geistiger Getränke der größten Mäßig- keit, vor allem mochte er vom Bier nicht viel wissen; nur den Fechtboden hat er fleißig besucht, ohne es jedoch zu besonderer Fertigkeit in der Kunst des Fechtens zu bringen. Heinrich Heine, sagt Adolf Strodtmann, des Dichters Biograph und Heraus- geber einer kritischen Gesammtausgabe seiner Werke'*), schloß sich in Bonn der Burschenschaft an, ohne jedoch an den Exzentrizi- täten einer hohlen Deutschtümelei oder gar an den Aeußerlichkeiten einer auffallenden Kleidertracht Geschmack zu finden. Er trug freilich während seines Aufenthalts auf der Rhein-Universität das schwarz- rot-goldne Band, das bald nachher als Abzeichen burschenschaftlicher Gesinnung so streng verpönt ward; niemals aber sah man ihn im damals üblichen altdeutschen Rocke, in welchem Menzel, Jarcke und die meisten anderen Studiengenossen einherstolzirten. Das Studium der Rechte vermochte den jungen Dichter nicht zu erwärmen. Der trockne Inhalt alter und neuer Gesetzesbücher flößte ihm keinerlei Interesse ein, und so besuchte er schon nach einigen Wochen nur ganz selten noch ein juridisches Kolleg. Mit um so größerem Eifer wandte er sich dagegen dem Studium der Geschichte und Literatur zu, und da waren es wieder die damals neuerwachten Bestrebungen zur Erforschung der alt- und mittelhochdeutschen Poesie— die sogenannten germanistischen Forschungen—, denen er mit großer Aufmerksamkeit folgte. Neben Heine's wissenschaftlichen Strebungen blieb seine Muse nicht untätig. Die Traumbilder, Lieder und Romanzen der „Jungen Leiden", des ersten Abschnitts des Buchs der Lieder, haben ihre Entstehung zwar zum größten Teil schon in Hamburg und dann in Düsseldorf gesunden, jedoch sind manche derselben erst in Bonn gedichtet worden, und hier entstanden auch die meisten der Sonette. Er brauchte diese letztere Stropheuform in ganz eigentümlicher Weise, indem er in gellenden Tönen seinen Liebesschmcrz in sie hineingoß und sie zum wunderlichen Kleid seines wilden, trotzigen Weltwehs, zum Ansdrucksmittel für seinen beißenden Spott und Hohn über das Dasein und die Menschen seiner Zeit machte, und nur ganz zuletzt, in dem schönen Sonett: „Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht", kommt eine sanftere, mildere Seelenstimmung zur Geltung. Noch weicher und elegischer erscheint diese Stimniung in der Tragödie„Almansor", die er damals begann und gegen Ende des Sommersemesters 1820 weiter fortführte. lleberraschenderweise faßte Heine im Herbste des genannten Jahres den Entschluß, Bonn zu verlassen, ein Entschluß, den er auch schon im September ausführte, indem er sich zunächst zu seinen Eltern begab und nach kurzem Aufenthalt bei diesen zu Fuß durch Westfalen nach Göttingen wanderte. Diese Fnßreise erfrischte ihn und heiterte ihn auf, und noch lange Zeit nachher hat er der„lieben, guten Westfalen, ein Volk, so fest, so sicher, *) Ad. Strodtmann,„Heinrich Heine's Leben und Werke, 2 Bde, 2. Aufl. Stuttgart 1874(6 Mark)."— ,H. Heine's sämmtlichc Werke. Krit. Ausgabe, 21 Bde, Hamburg 1861-0«!(38 Mark)."—„H. Heine's stimnitl. Werke. Volksausgabe, 12 Bde. Hamburg 1876(18 Mark)." so treu, ganz ohne Gleißen und Prahlen," in größter Liebe gedacht. „Die Stadt Göttingen," beißt es in den„Reisebildern",„be- rühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem Könige von Hannover und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karcer, eine Bibliothek und einen Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorüber- fließende Bach heißt die Leine und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt»nd an einigen Orten sehr breit, daß Luder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hinübersprang. Die Stadt selbst ist schön und gefällt einem am besten, wenn man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen, denn ich erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort iminatrikulirt und bald darauf konsiliirt wurde, hatte sie schon dasselbe Ansehen und war schon vollständig ein- gerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen, Thedansants Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Gnelfcnorden, Pro- motionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relega- tionsräten, Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der Völkerwanderung erbaut wor- den, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exem- plar seiner Mitglieder darin zurückgelassen und davon stamm- tcn alle die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer u. s. w., die noch heutzutage in Göttingen hordenweis und geschieden durch Farben der Mützen und der Pfcifenquäste über die Weendcrstraße einherziehen, auf den blutigen Wahlstättcn Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte aus dein letzten Drit (X. Wie ich meine Vorsätze ausführte.— Ich bin krank für mein Mädchen.— Was am Sylvesterabend geschah.) Die Aufgabe, welche ich mir am ersten Weihnachtsfeiertage gestellt, hatte ich in der ganzen letzten Jahreswoche gewissenhaft gelöst. Mit eisernem Fleiße hatte ich hinter den Büchern gesessen, mit ungeheurer Emsigkeit ganze Gebirge von Notizen durchkramt, und die Arbeit des Ordnens der Errungenschaften meiner spiri- tistischen Studien war mir fast über Erwarten gelungen. Auch die Reihen der in meiner Gegenwart geschehenen spiritistischen Manifestationen hatte ich zehnnial wenigstens von A bis Z durch- genommen und hatte mir kritische Rechenschaft gegeben, was da- von, aus der Höhe meiner wissenschaftlichen Erkenntniß, meines Begriffsvermögens gesehen, als absolut unerklärlich zu betrachten sei. Um den ordinären Spiritistenspektakel, das Musiziren und Lärmen, das Klopfen und Geistersprechen, hatte ich mich dabei nicht weiter gekümmert— das alles konnte sicherlich, so befrem- dend es auch erschien, ans sehr menschlich und handgreiflich sinn- liche Weise, durch taschenspielerischen Betrug, zustande gebracht werden. Auch das räthsclhafte Auftauchen und mysteriöse Hängen- bleiben der Lampe an der anscheinend hakenlosen Zimmerdecke, das brutale Znbodenwerfen Metzigs und des Handwcrksmannes, sammt den überraschenden Geistererscheinungen—, das alles war mir noch von äußerst zweifelhafter Beweiskraft für die Wirklich- keit übersinnlicher Geschehnisse. Aber jene eine, oder vielmehr jene zwei Thatsachen: das auf mir absolut unerklärliche Weise entstandene Autogramm meines Vaters, in Verbindung mit der Erinnerung des Klopfgeistes an das mir selber gänzlich unbekannt gebliebene Ereigniß am 39. Dezember des Jahres 1853— dafür stieg mir auch nicht die leiseste Ahnung einer Erklärung ans, die nicht ebenfalls zu Unerklärlichem, Undenkbarem ihre Zuflucht genommen hätte. Auch meinen Vorsatz, mich an Cannabäus zu wenden mit der Bitte, alle im Interesse wissenschaftlicher Untersuchung not- wendigen Btaßregeln bezüglich der bei ihm geschehenden Wunder- dinge vornehmen zu lassen, hatte ich ausgeführt. Cannabäus schien zu zögern, denn am 27. Dezember war ihm der Brief überreicht worden, der dieses Ersuchen enthielt; zu sehen hatte ich ihn seit Wochen nicht bekommen, und als ich die alte Dienerin nach ihm fragte, erhielt ich die Antwort, ihr Herr sei niemals in der Weihnachtswoche für irgendeinen Fremden zu sprechen. Das wäre seine heilige Zeit, in der er ganz und gar für sich lebte. So Ivar der Sylvester herangekommen. Ich hätte natürlich diesen Abend, wie den Weihnachtsabend, bei meiner Braut zu- der Rasenmühle, des Ritschenkruges und Bovdens sich ewig unter- einander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben und teils durch ihre Dnces, welche Haupthähne heißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Komment heißt und in den leZibus barbarorum eine Stelle verdient, regirt werden." Ferner meinte er, daß Göttingen sich das deutsche Bologna zu nennen pflegt, ob- schon beide Universitäten sich durch den einfachen Umstand unter- scheiden, daß in Bologna die kleinsten Hunde und die größten Gelehrten, in Göttingen hingegen die kleinsten Gelehrten und die größten Hunde zu finden sind. Bei solchen damals zu Göttingen herrschenden Zuständen war es natürlich, daß sich Heine dort grenzenlos langweilte. Das juristische Studium interessirte ihn hier so wenig wie in Bonn, und Geschichte und Literatur waren es wieder, denen er seine Zeit und seinen Fleiß widmete. Außer dem gelegentlichen Umgang mit zwei Kommilitonen und dem hochgebildeten, zu Goethe in freundschaftlicher Beziehung stehenden Professor Sar- torius beschränkte er sich nur auf sich selbst und auf den Vcr- kehr mit einer— Katze, als Gesährttn seiner Einsamkeit. Mit um so größerer Liebe versenkte er sich daher in seine dichterischen Arbeiten, von denen die Tragödie„Almansor" im folgenden Winter vollendet wurde,„und er hatte," so schrieb er mehreren Freunden,„in diese Tragödie sein eigenes Selbst hineingeworfen, mit sammt seinen Paradoxen, seiner Weisheit, seiner Liebe, seinem Hasse und seiner ganzen Verriicktheit...(Fortsetzunq folgt.) der Uwpfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. H. bringen sollen. Aber ich verniochte es nicht. Seit dem Weihnachts- abend war ich nur zweimal bei ihr gewesen— sie hielt mich für krank und zeigte sich in der herzigsten Weise besorgt um mich. Das zu ertragen, ging über meine Kräfte. Es war mir immer, als müßte ich dem armen Mädchen zurufen: Du wirfst deine Liebe und Güte weg, Arme, Beklagcnswerthe. Ich bin deiner nicht Werth, denn ich habe dich und mich selbst getäuscht— ich liebe dich nicht Möhr; wer weiß, ob ich dich je geliebt habe.— Aber auch das brachte ich nicht über die Lippen,— es wäre ja zu grausam, zu niederschmetternd grausam gewesen für das arme Kind. Darum ging ich auf den Gedanken ein, ich sei krank, wenigstens recht empfindlich unwohl, und erklärte, ich fühle, daß ich eine oder die andre Woche das Haus hüten müsse, um mich wieder zu erholen. Aennchen hatte mich tieffchmerzlich angeschaut und ihre weiche, zitternde Hand auf meine Stirn gelegt, als ich das sagte, und vei der Antwort bebte ihre Stimme, soviel Mühe sie sich auch gab, es zu verbergen. „Ja, bleibe zuhaus, schone dich recht, mein lieber Hans, komme nicht zu uns, ja nicht, bis dir wieder ganz wohl ist.' Aber eines versprichst du mir vielleicht, Hans?— Wenn du dich ernstlich krank fühlst, wenn nicht bald Besserung eintritt, und du hast keine Pflegerin, der du mehr vertraust, dann rufe mich, rufe mich; ich werde kommen, was die Leute auch sagen mögen,— ich bitte, ich flehe das von dir, Hans!" Mir ward weich und weh ums Herz bei diesen Worten; ich mochte nicht lange darüber nachdenken; ich versprach es ihr und ging, floh nach gewiß auffallend kurzem Gruße für ihre Mutter aus ihrer Wohnung nach der meinen. Heut, am Sylvester, waren es drei Tage, daß ich sie nicht mehr gesehen. Und es lag nicht an mir, daß wir dennoch in täglichem Verkehr geblieben. Morgen für Morgen, wenn ich kaum mich aus meinem Bett erhoben, erschien bei niir ein munterer Bursche von zehn Jahren, ein Vetter von ihr, der ihr Rachricht bringen mußte, wie es mir gehe, und der mir täglich einen kleinen Strauß frischer Blumen brachte, den sie selbst aus der Blüten- fülle ihrer meisterlich, und mütterlich, möchte ich sagen, gepflegten Zinimerflora für mich wählte, duftende Rosen, prangende Hya- cinthen, eine Sippe Veilchen, und als steten Begleiter, mochten die anderen Blumen noch so oft wechseln, ein schämig unter die Blätterdccke der anspruchsvolleren Schwestern sich bergendes Vergißmeinnicht. So sehr mein Verstand erkannte, wie unendlich viel zarte Liebe aus des Mädchens Verhalten zu mir sprach, so sehr mein Herz blutete, als ginge mir ein treuer, ein unsäglich mitleidenswerther Freund zu Grabe, so gebieterisch nnch mein Ehrgesühl hinzog zu ihr, der ich ewige Liebe und Treue zugeschworcn, so wenig konnte ich meinen Gedanken verbieten oder verwehren, unaufhörlich einen andern Punkt zu umkreisen. Wenn ich an etwas anderes dachte, als an meine spiritistischen Untersuchungen, so war es nur und immer nur— Athanasia. Und auch mitten in den fernstabliegenden, dunkelsten, für meinen Scharfsinn herausforderndsten, für mein heißes Ringen um Erkenntniß fesselndsten Gedankengebieten, tauchte sie tausendmal auf mit ihren großen, mstternächtigen Augen, mit ihrer Sirenen- stimme, in ihrer ganzen ergreifenden geisterhaften Erscheinung, und verwirrte mehr als einmal wieder, was ich soeben sorgfältig geordnet an Meinungen und Tatsachen, an Voraussetzungen und Schlüssen. Heute, wie stets in den letzten Tagen, hatte ich bis zehn Uhr nachts gearbeitet, dann nahm ich rasch das schon seit ein paar Stunden auf mich harrende kalte Abendessen ein, welches mir Kunz aus einem benachbarten Restaurant herzugeholt, und setzte mich ans Klavier. Es war weder Berechnung noch auch nur Absicht gewesen,— doch nachdem die Akkorde ins Zimmer hinein- gerauscht, ging die Erinnerung an den Weihnachtsabend in mir auf und die Frage drängte sich fast aus dem Herzen auf die Lippen: Ob sie wol kommen wird? Ich war auf alle möglichen wunderbaren Erscheinungen ge- faßt, glaubte, die Thüren müßten aufspringen spätestens um Mitternacht— und sie müßte wiederum schlafwandelnd daher- schweben,— dann wollte ich nicht abbrechen, wie ich das letzte- mal gethan, sondern weiterspielen, die süßesten, zauberischsten Melodien ertönen lassen, die mächtigsten, die Herzen am tiefsten ergreifenden Klänge--, aber nur ein einziges nial vernahm ich ein leises Geräusch, als ob so recht vorsichtig eine Tür ge- öffnet würde, dann aber war wieder alles still, und auch die Mitternachtsstunde schlug, ohne daß irgendctivas von dem mit Herzklopfen Erivarteten sich ereignet hätte. Weit über eine Stunde mochte ich gespielt haben,— da brach ich plötzlich ab,— wieder war es mir vorgekommen, als hörte ich leise Töne, die mir antworteten oder die Melodien, welche ich eben meinen Phantasien verwebt hatte, begleiteten. Und wirklich, ich vernahm Gesang, zwar einen Augenblick nur, nachdem ich geendet, und ganz, ganz leise, aber doch unverkennbar. Ich schaute mich erregt und rasch im Zimmer ringsum— nichts besonderes vermochte ich zu sehen, dann sprang ich zur Türe in den Bor- saal, öffnete und stieß— sehr wider meinen Willen und fast zu meiner Beschämung— einen Schrei aus,— mir gegenüber in halbgeöffneter Thür stand sie, aber nicht im Tiefschlafe, oder auch im Halbschlummer— wer weiß es, was sie damals befangen hielt, auch nicht im weißen, in der matten Lampenbeleuchtung wie ein Silberstreif hinter ihr dreinziehenden Schleppgewande— sondern in dunkler, einfacher Kleidung, eine Rose im schwarzen Haar, ein freundliches Lächeln auf den feingezeichneten Lippen des kleinen Mundes, aus dem zwei Perlenreihen blendendweißer Zähne hervor- leuchteten,— bezaubernd schön, wie immer— Athanasia, das Medium. Festgebanirt, mit weitgeöffneten Augen, ganz im Anschauen verloren, stand ich ihr gegenüber. Ich fühlte, daß das Blut mir zu Kopfe drängte, als wollte es die Stirnadern sprengen, daß lichte Glut mein Gesicht übergoß,— aber reden, sie anreden konnte ich um keinen Preis der Welt. „Dank für Ihr Spiel, innigen Dank," sagte sie in ruhig- freundlicher, ungezwungener Weise, gleichwie zu cineni alten Bc- kannten.„Ich habe noch nie so spielen hören, es zog mich an mit einer Gewalt, der ich nicht widerstehen konnte. Hanna sagte mir oft, wie wunderschön Sie spielten, aber ich habe es nie ge- hört,— Sie müssen selten, sehr selten spielen--" „Sie haben mich nie spielen hören?" fragte ich erstaunt. »Auch nicht--" Ich stockte,— durste ich ihr vom Weihnachts- abende sprechen, wenn sie nicht selbst darum wußte? „Auch nicht-?" fragte sie. Ich war verwirrt.„Ich glaubte"— ich stotterte die Worte beinahe nur hervor,—„ich glaubte von Ihrer Dienerin gehört zu haben, daß Sie am Weihnachtstage zuHaus waren--" „Sie haben am Weihnachtstage gespielt, so gespielt, wie heute?" fragte sie mit dein Tone auftichtiger Verwunderung.„Das ist seltsam, denn ich habe während jenes ganzen Tages mein Zimmer nicht verlassen und habe Sie dennoch heute zum erstenmale ipiclen hören." Ich konnte nicht zweifeln, daß sie sprach, wie sie dachte. Sie war also völlig bewußtlos geblieben, auch als sie die Augen aufthat, auch unter meinen Küssen und auch als sie in mir iin- begreiflicher Art und zu einer Zeit, von der ich gleichfalls keine Ahnung hatte, mich verließ. Die Gedanken, welche auf mich ein- stürmten, ließen mich die Antwort vergessen. Aber ich schreckte! empor, als sie fortfuhr: „Sie mögen glücklich ruhen heut, nach dem Seelenbade in den wogenden Strömen jener herrlichen Töne,— gute Rächt und ein glückliches Jahr,— es ist sehr spät und Reujahr ist angebrochen—" Sie winkte inir zu und wandte sich zum Gehen,— dabei fiel ein Heller Lichtstral auf ihr schönes, lilienweißes Antlitz, und es schien mir, trotz der freundlichen, ruhigen Worte, als ob bittrer Schmerz, herbes Seelenleid um ihre Lippen zuckte. Rur einen Moment lang war ihr Gesicht mir in voller Beleuchtung vor Augen getreten, dann hüllten es undurchdringliche Schatten ein. Roch ehe sie die Tür zu schließen vermochte, stand ich an ihrer Seite und streckte die Hand nach ihr aus: „O, gehen Sie nicht so von mir! Wenn Sie mein Spiel erfreut, so lauschen Sie ihm noch, noch lange und recht, recht oft. Ich spiele Ihnen vor, wenn Sie nur mir zuhören wollen. Ja, es ist ein Seelenbad, eine himmlische Erquickung, sich von den Tönen der Musik hinüberschaukeln lassen in das Reich beseligender Träume, aber tausendmal erhöht es den Himmelsgenuß, das Bewußtsein, daß ein Wesen von dem verstanden wird, was man in Tönen spricht und fühlt, mithört, mitfühlt, mitgenießt." Ich ergriff ihre Hand und hielt sie fest, ihrem Bemühen zum Trotz, sie mir zu entreißen. „Lassen Sie mich," bat sie.„Ich darf nicht; auch wenn es nicht spät in der Nacht wäre, dürfte ich nicht,"— ich fühlte, wie sie am ganzen Leibe erzitterte,—„ich bin dazu verdammt, einsam meine Tage zu verbringen, bis mir Erlösung— die letzte Erlösung— koninit, die allen Menschenkindern gegönnt ist, und," — sie erzitterte heftiger noch als zuvor, und wäre umgesunken, wenn mein Arm sich nicht um ihre Taille geschlungen und sie gehalten hätte,—„und wer weiß, ob mir die ersehnte Ruhe auch nur jenseits des Grabes winkt--" Sie sagte das in einem Tone stiller, tiefer Verzweiflung, der mich auf das furchtbarste ergriff; ich bebte auch/ aber es>var mir, als sei ich stärker und thatkräftiger, als je, da ich erwiderte: „O— ich habe es mir gedacht— Sie sind unglücklich, er- barmenswerth unglücklich, aber Sie dürfen an der Erlösung von Ihrem Unglück nicht verzweifeln und nicht an den Tod denken,— nein, das dürfen Sie nicht! Es gibt im Menschenleben Erlösung für jeden, der an sie glaubt und ihrer wert ist, sei er noch so elend,— die Erlösung in der Liebe--" „Liebe,"— das Wort preßte sich laut und schrill über ihre Lippen,—„Liebe! O, wer wird mich lieben!" Dabei riß sie gewaltsam ihre Hand aus der meinen und war, ehe ich noch eine Bewegung zu machen im stände gewesen, durch das dunkle Zimmer hindurch, an dessen Tür ich sie getroffen, in ein Nebenzimmer hinein verschwunden. Ich stürzte ihr nach und warf mich vor der festverschlossencn Tür auf die Kniee und rief ihr nach— ich wußte in dein Augen- blicke nicht, was ich tat—: „Ich liebe dich. Athanasia— ich! Und ich werde dich er- lösen, geschehe, was da mag,— wenn du nur willst!" Da läutete es heftig an der Borsaalglocke. Ich sprang erschreckt auf,— iver konnte das sein? Ich trat an die Tür und fragte, wer da sei. _ Metzig— ich bin's, Herr Doktor! Bitte, machen Sie mir einen Augenblick auf,— ich— ich habe was Wichtiges--" Metzig, der Barbier, was wollte der nach Mitternacht bei mir? Ich öffnete. Es war ganz finster in der Hausflur. Der Raseur trat in den matt erleuchteten Vorsaal— langsam und vorsichtig, als fürchte er zu fallen, oder als erwarte ihn von irgendeiner Seite ein Angriff. Merkwürdig! Wenn ich meine außerordentliihe Erregtheit nur mit Mühe beherrschen konnte, so erging es Metzig nicht besser,— je näher er dem aus meinem geöffneten Zimmer fallenden Licht- scheine trat, desto deutlicher sah ich, daß er kreidebleich war und vor Aufregung sich nur mit Mühe auf den Beinen erhielt. (Fortsetzung folgt.) 122 Störfang in der Elbe. Von H. Schlüter. (Zortsetzung.) Das Netz ist kein Hohlnctz, wie es wohl beini Fischen vom Strande aus benutzt wird, sondern dasselbe hängt senkrecht im Wasser. Steckt nun ein Stör die Schnauze in eine der großen Maschen des Netzes, und fühlt er, daß ihn etwas am Vorwärtsschwimmen hindert, so zieht er die Schnauze nicht zurück, sondern er kehrt sich um, verwickelt sich dabei ins Garn und— ist gefangen._ Die ganze Länge des Netzes beträgt ööll Fuß. Die Tiefe ist 15 Fuß. Da dasselbe nun 15 Fuß unter der Oberfläche des Wassers treibt, so schleift es bei einer Wassertiefe von etwa L5 Fuß 5—7 Fuß auf den Grund des Stroms. Die einzelnen Maschen sind 15 Ccnti- meter im Quadrat. Angefertigt werden diese Garne von den Fischern selbst, die mit ihren Familien durch diese Arbeit den Winter über in Anspruch genommen sind. Unterdes ist das Netz ausgesetzt; die Boie, welche ebenfalls durch eine lange Leine mit diesem in Verbindung, das Ende des Garns be- zeichnet, fliegt über Bord, und prüfend überfliegt das Auge des Fischers die glitzernde Wasserfläche, um sich zu überzeugen, ob das Netz auch gut ausgesetzt, ob es recht quer über dem Strom steht, und ob sonst alles in Ordnung ist. Heute ist alles gut gegangen; ruhig und gerade schwimmt die stattliche Reihe Pümpcl, hier untertauchend, dort wieder aus dem Wasser emporkommend, auf der klaren Flut. Die Strömung ist heute nicht stark, das Wasser schön, und daher,— meint unser Fischer, können wir noch einmal nach„Pagensand" hinüberfahren, um zu sehen, ob nicht etwas Holz zu holen ist. Pagensand ist eine kleine Insel inmitten der Elbe, welche, da sie von Hochfluten beinahe unter Wasser gesetzt wird, unbewohnt ist. Das einzige Bauernhaus ist nur zur Zeit der Ernte bevölkert, wenn die Schnitter und Schnitterinnen daselbst Unterkunst suchen. Sonst betritt das einsame Eiland nur der Fuß des Schiffers und Fischers, der am Strande nach angeschwemmten Gegenständen sucht. Zurückgekehrt von unserer Insel, sehen wir das Netz noch immer gerade und glatt dahintreibcn. Unser Boot fährt langsam am Garn auf und ab. Jede Veränderung am Stand desselben, jedes Unter- ta- chen eines Pümpels wird von der Bemannung des Bootes mit aufmerksamem Auge betrachtet. Doch, was ist das!? Ein Pümpel taucht unter, ein zweiter, ein dritter, zwanzig, dreißig Stück folgen und: ein Stör! ein Stör! tönt es jubelnd von den Lippen unseres Begleiters. Mit kräjtigem Ruderschlage wird das Boot nach der Stelle dirigirt, wo vorhin die Hölzerrcihe auf dem Wasser tanzte. Bei dem, der verschwundenen Reihe zunächst stehenden Pümpel wird das Netz in die Höhe genommen. Der Fischerknecht rudert, tvährend der Fischer das Netz zusammengenommen über seinen Arm gleiten läßt, das Boot nach der Stelle zu, wo der Fisch vermuthlich sitzt. Da plötzlich taucht, ganz von den Maschen des Netzes umstrickt, der Stör aus dem Wasser heraus. Regungslos, ohne Widerstand zu leisten, liegt er auf den Wellen, die ihn spielend aus- und niederwerfen. Von den benachbarten Booten schallt ein donnerndes„Hau cm!"(haue ihn) über die Wasserfläche. Kein Zucken ist an dem Thiere zu bemerken, als ihm jetzt der Fischer einen eisernen Haken mit kurzem Holzgriff mit kräftigem Schlage in den Rücken treibt. Keine Bewegung des Störs zeugt von Leben, als nun der Fischerknecht ihm um Kopf und Brustflosse, wie um den Schwanz je einen Strick befestigt, an denen dann der Koloß ins Boot hinein- gerissen wird. Jetzt erst zeigt das Thier Leben; mit wuchtigem Schlage peitscht der Schwanz desselben die Planken des Bootes; allein es ist zu spät. Schon löst der Fischer die Maschen des Netzes, schon macht er sich daran, dem Thiere ein Tau durch Kiemen und Mund zu ziehen, welches dazu dienen soll, das wieder in sein Element versetzte Thier hinten am Boot zu befestigen. Ein kräftiger Stoß und der Stör ist zwar wieder im Wasser, allein er ist gefangen— angekettet. Der Gefangene ist ein prächtiger Geselle— bei einer Länge von 3 Metern mag er wohl seine 250— 35(1 Pfund wiegen. Was wunder, daß um den Mund des Fischers ein vergnügtes Lächeln spielt. Kein gefangener Stör wird eher wieder über Bord gesetzt, che nicht vermitlels eines kleinen Handbohrers untersucht ist, ob der Fisch ein Rogner oder ein Milchner, d. i. ein Weibchen oder ein Männchen ist. Wir werden später den Grund kennen lernen, warum der Fischer so großes Interesse am Geschlecht des Thieres zeigt. Nicht immer zeigt sich der Fisch bei seinem Fange so ruhig. Gar harten Kamps muß häufig der Fischer bestehen, um das das Wasser mächtig schlagende Thier ins Boot hinein zu bekommen. Das Netz wird jetzt wieder in Ordnung gebracht, und nicht selten glücki's dem Fischer, in einer„Tid" noch ein- oder gar mehreremale einen Fang der Tiefe zu entreißen. Doch nicht immer ist der Fischer so glücklich. Gar manchmal muß er feine Netze anziehen, und nichts, garnichts ist hineingegangen, als taufende und»bcrtausende von kleinen Krabben(Krebsen), die wie höhnend auf dcm Boden des Bootes herumspringen. Auch passirt es häufig, daß das ausgesetzte, aus dem Grunde des Stromes hintreibende Netz sich in einem dort befindlichen fremden Gegenstand verfängt, es „hakt", und nicht nur die Stellung des Netzes wird verdorben, sondern häusig bedarf es harter, langweiliger Arbeiten, zu welchen sogar oft die aus andern Booten befindlichen Kollege» durch Hochstellen der Ruder zur Hülse herbeigerufen werden müssen, um das Netz zu lösen. Trotz aller Hülse gelingt es aber mitunter doch nicht, das Garn frei zu be- kommen, und in diesem Falle bleibt nichts übrig, als das Netz straff am Boote zu befestigen und abzuwarten, bis das Wasser steigt. Sobald dieses geschieht, drückt letzteres von unten dermaßen auf das Boot, daß das Garn reißen muß und auf diese Weise frei wird. Auch bei schlechtem Wetter, bei Regen oder starkem Winde ist die Störfischcrei kein Vergnügen. Wie wird da das Wasser aufgewühlt, daß das kleine Boot wie eine Nußschale herumgeworfen wird. Wie muß da gerudert werden, um nur in der Nähe des treibenden Netzes bleiben zu können. Da müssen weiter die zusammengeschlagenen Enden des Garns ausgerudert werden— kurzum, bei schlechtem Wetter ist's ein trauriges Gewerbe. Wie manch' kräftiger Fluch erschallt, wenn der Fischer die Netze einzieht und sieht, daß ein Stör„durchgegangen" ist, d. h. mit seinem scharfen, keilförmigen Rücken einige Maschen des Netzes zerschnitten hat. Auch manches Opfer wurde schon unter den Fischern vom Strome gefordert, und wie viele von ihnen wurden eine Beute der tückischen Wellen!— Auch hat die Fischerei für die Gesundheit der Betheiligten ihre Nachthcile. Besonders stark leidet das Augenlicht der Fischer. Das anhaltende Hinschauen auf den Stand des Netzes, während die ge- brochcncn Sonnenstrahlen von der glitzernden, wogenden Wasserfläche zurückgeworfen werden, veranlaßt Schwächung und Schädigung der Sehorgane, ja zieht mitunter Erblindung nach sich. Nicht immer, wenn etwas ins Netz gegangen, ist es der so sehnlich herbeigewünschte Fisch. Birgt doch die Tiefe hier schon so mancherlei Ungeheuer, die, der salzigen Flut des Meeres entstiegen, hier im Elb- ström gewissermaßen ihre Sommerwohnung aufgeschlagen haben. Noch nicht lange ist es her, als ein Fischer, der im Glauben, daß ein Fisch sich in sein Netz verwickelt habe, voller Freude dasselbe hoch nahm. Als er nun aber anstatt des erwarteten Störs Plötzlich ein schwarzes Ungetüm der Flut entsteigen sah, welches ihn mit lautem Prusten be- grüßte, ließ er voller Schreck und mit dem Ausrufe:„Herrgott, der Düwel!" sein Netz, und mit diesem das ihm so schreckliche Ungeheuer, wieder ins Wasser fahren. Erst nach einer Weile nahm er sich das Herz, das Netz wieder zu heben. Er mochte sich während der Zeit, trotz der schaurigen Sage vom Teufel in der Elbe, die in jener Gegend von Mund zu Mund geht, doch wol überlegt haben, daß der Teufel schwerlich die Wasser der Elbe zum Aufenthalt gewählt haben dürste.— Was entdeckte unser Freund nun in dcm Ungetüm, welches wiederum, verwickelt in die umstrickenden Maschen des Netzes, an die Oberfläche kam? Es war eine Robbe, ein Seehund, der nach Hamburg verkauft, dort als eines jener fabelhaften Meerungeheuer ausgestellt wurde, die, „halb Weib, halb Fisch," wie es in den Reklamen heißt, dazu bestimmt sind, als Zugstück irgendeiner obskuren Thicrsammlung zu dienen. Auch der Delphin, diese kleinste Art der Wale, ein garnicht seltener Elbbewohner in dieser Gegend, verirrt sich zuweilen in das nicht für ihn bestimmte Netz. Da sich derselbe zur Tranfabrikation sehr gut verwerten läßt, so wird auch solcher Fang von den Fischern ganz willkommen geheißen. Unterdes ist es Zeit geworden, das Netz einzuziehen. Die Flut hat dasselbe, welches vorhin stromabwärts trieb, schon ein ganzes Stück wieder stromaufwärts gesetzt. Das Netz wird hereingeholt, die eine „Tid" ist vorbei, und unser Fischer fährt fröhlich zu seiner Jolle zurück. Kann er doch die erste Frage seiner Angehörigen bei der nächsten Zusammenkunft:„Wat fang'n?"— etwas gesangen?— mit einem freudigen„Ja!" beantworten.(Schluß folgt.) Der Opferaltar auf dem Nußhardt.(Bild Seite 116.) Im nordwestlichen Winkel Bayerns, aus den sanften Bergkronen des Fichtcl- gebirgcs und der sumpfigen Niederung des Frankenwaldes, hausten in uralter Zeit die Stämme der Semnonen und Hermunduren. Diese Naturmenschen spürten in der sichtbaren Welt ringsumher, in Berg und Thal, in Wald und Feld, in Lust und Wasser das Walten gehcimniß- voller Mächte und verpersönlichten diese verborgenen Naturgewalten in ihren Göttcrgestalten. Der römische Schriftsteller Tacitus erzählt in seiner„Germama", der einzigen schriftlichen Kunde aus jener Zeit, die leider mir in Bruchstücken auf uns gekommen ist, daß die Semnonen es der Ehre der Himmlischen für unwürdig erachtet hätten, sie in Mauern einzuzwängen und es deshalb bei ihnen keine Tempel gegeben J- besonders schönen, stillen und erhabenen Orten des Waldes ist die Sage geboren, welche die Götter, Sinnbilder der Naturkräste, und die Riesen, Zwerge, Kobolde und Elsen, diese Verkörperungen menichlicher Leidenschasten, in der Phantasie des Menschen wachrief. Unter uralten Bäumen, am sprudelnden Quell oder auf hoher Felsen- kuppe, wie es unser Bild zeigt, hatten unsere Vorfahren ihre Opfer- stätten, da suchte» sie den vcrineintlichen Zorn ihrer Götter zu besänstigc». Meist floß zu deren Ehre das Blut geschlachteter Pferde; nicht selten traf das Messer des Opfcrpriesters den gesangenen Feind. Da unsere Borsahrcn eine Abneigung hatte», in Städten und Dörfern zusammen- zulebcn, zuweilen aber doch die Notwendigkeit an sie herantrat, die Zusammengehörigkeit der Stämme in streitigen Gemeindeangelegenheiten oder bei drohender Kriegsgesahr darzuthu», zu dem Zweck es aber weder Rathäuser noch Marktplätze gab, so wählte man dazu die Opferstätten. Die altgermanische Sitte, eine Volksversammlung mit einem Opfer zu heiligen, ist eines jener Kultnrclcmcnte, die keineswegs mit dem Christen- tum untergingen, sondern vielmehr, mit demselben sich verschmelzend, das eigentliche Wesen des Mittelalters ausmachten. Aus dem Opfer wurde später die Messe und daher heute noch die Messe die Benennung für die Bierteljahrmärkte in Leipzig, Frankfurt und Braunschweig. Aber auch die alten Göttergestalten gehen als Wichteln im Fichtclgebirgc, eigentlich Wichtelberg, noch inimer um die Opserstätten, wie mancher Köhler und Hirte gesehen haben will. Allenthalben im Fichtelgebirge wiederholt sich die Sage, von goldenen Höhlen, Kapellen, Kirchen u. s. w. im Innern der Berge. Sie tun sich zu gewissen Zeiten auf, meist zur Sommersonnenwende, und Menschenkinder, die in sie geraten waren, angelockt von den Schätzen, die ihnen entgegengestralt, wurden, wenn sie zu lange in der Halle verweilt, einjahrlang eingeschlossen. Eine Mutter vergaß ob der Reichtümer ihr Kind und ließ es zurück; sie fand es am nächsten Sommcrsonnenwendtag, als der Berg abermals offenstand, unversehrt wieder. Das ist die Sage, in welcher der Kreis- lauf des Jahres erscheint; die Mutter ist die Natur, das Kind die Frucht- barkeit, die den Winter über im Erdenschoß schlummert; die Erdgöttin hat das Kind zu sich genommen. Die Menschengestaltung der schaffen- den Kraft, der Spenderin aller Gaben und Wohltaten, an denen das Menschengeschlecht sich nährt und labt, ist ein Seitenstück von dem von uns in Nr. 3 d. I. erzählten, durch Loki's Tücke und Verrat herbei- geführten Tod des Baldur, einer Allegorie des Wechsels der Jahres- zeitcn. Nachdem wir die gewonnenen Ergebnisse der Altertumsfor- schung, wie sie sich als Gedanken und Empfindungen unserer Vorfahren in dem reichen Schatze der deutschen Sage ausprägen, im allgemeinen angedeutet haben, wollen wir uns den Schauplatz unseres Bildes, den Qpseraltar auf dem Nußhardt, ansehen.— Unmittelbar am Fuße des höchsten Punktes des Fichtclgebirges, des 1016 Meter hohen Schnee- bergs, streicht der Ccntralstock des Fichtelgebirges in mäßiger Erhebung »ach Süden. Eine der gewaltigen Steinbildungen, der Nußhardt, ist ein fast unvergängliches Denkmal heidnischen Opferdienstes. Er gehört zu den sogenannten Schalcnsteine», Granitblöcken mit einer oder meh- reren muldenförmigen Vertiefungen, wslche außerdem noch im Spessart, in der Eiset, aus dem Snähättan in Schwedcn-Norwegen, sowie in den Granitcrhcbuiigcn Indiens und Nordamerikas vorgefunden werden. Der Nußhardtrücken trägt kahle, gewaltige Felsen, deren Lagerung eine ansehnliche, gegen 30 Schritt lange Höle geschaffen hat und deren Wöl- bung aus lockeren Steinen so kühn gefügt ist, als hätte sie ein mit der Baukunst Vertrauter aufgerichtet. Den obersten Schalenstcin, einen Block von 40 Kubikmetern im Umfang, scheint der Riesenarm eines Himmelsstürmers hinaufgewälzt zu haben, um die Dauerhaftigkeit der Hölenwölbung zu prüfen. Er enthält neue Vertiefungen, welche auf seiner ovalen Platte in der Weise verteilt sind, daß die größte von den übrigen kreis- oder bogenförmig umschlossen wird. Eins dieser Becken endet in einer Auslaufrinne. Daß diese Aushölungen von Menschen- Hand entstanden sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Dieselben sind senkrecht, mit scharfen Rändern in das Gestein eingeschnitten, was die Annahme einer Auswitterung nicht zuläßt, wogegen übrigens schon die wohlbercchnete Eintheilung spricht. Da in den Vertiefungen immer Wasser steht, nennt sie das Volk des Teufels Barbierschüsseln. Die Hole und die neun Schüsseln sollen uns zur Erklärung des Götter- dienstes aus den» Nußhardt eine Handhabe bieten, denn sie sind die einzigen stummen Zeugen des blutrünstigen Treibens, das die Priester zur Aufrechthaltung ihres Ansehens und zur Ausbeutung des Volkes hier in Szene setzten. Die Vertiefungen auf dem Opserstein des Nuß- Hardt, sowie die auf den benachbarten sogenannten Teufelsitzen von Epprechtstein, Waldstein, Burgstcin und Haberstein lassen ihren Zweck so deutlich erkennen, daß ein Zweifel nicht darüber auskommen kann, es seien hier Menschenopfer gebracht worden. Die schon oben erwähnte geräumige Höle mit der kühn geschwungenen Wölbung galt als Pforte zur Unterwelt oder als Wohnung der Göttin Hel, woraus später die christlichen Priesters das Wort Hölle gebildet haben mögen. Die Vcr- treterin der Göttin Hel bei der Uebernahmc der Seelen der Abgeschie- denen bieß Menglada. Sie waltete ihres Amtes mit neun wohltätigen Jungfrauen. Die Edda, ein isländisches Sagenbuch, die einzige zuver- lässige Quelle über die Gebräuche beim Opserdienst bezeichnet Mengla- da'S bergiges Heim als einen Riesensitz, dessen Gürtung aus des Lehm- riejcn Gliedern, also aus Felsen, erbaut und so stark gestützt ist, daß sie stehen wird, solange Leute leben. Ihre neun Dienerinnen heilten die kranke Menschheit, weshalb ihnen geschlachtet wurde an geweihtem Ort. Ein solcher geweihter Ort, der Hyfiaberg der Edda, war auch der Nußhardt, dessen neun Schüsseln das Blut der den neun Jung- srauen dargebrachten Opfer aufnahm. Bon dem heiligen Haine der Scmnoucn, der heute noch nicht völlig ausgerodet ist, wovon aus un- serem Bilde die stattlichen Föhren und Fichten Zeugnis geben, berichtet Tacitus, daß seine Umfriedung blos nur aus einer Schnur bestanden habe, um dünne Haselstäbe gezogen. Nur gefesselt durste man den geweihten Boden des Haines betreten, weil dem Menschen in der Nähe der Gottheit unbedingte Unterwerfung gezieme. Das Befragen der Gölter mag damals ebenso einträglich gewesen sein, wie der spätere Ablaßschwindel. Die Obrigkeit ging mit den Priester» Hand in Hand, depn nur die Abgesandten des Volkes hatten das Recht, sich im heiligen Haine zu versammeln, um Rat zu Pflegen, Recht zu sprechen und Eni- scheidungen über Krieg und Frieden zu treffen. Reges Leben mag oft den Opseraltar auf dem Nußhardt umflutet haben, als hier noch die Siechen Heilung und die Unterdrückten Rechtsschutz suchten. Heute ist der Altar verödet und in der weiten Waldwildnis ist es still und ein- sam geworden, nur der Zauber der großartigen Landschaft ist geblieben. Dr. M. T. Grottenwohnungen der Zigeuner auf dem Monte sacro in Granada. Unsere heutige Illustration(Seite 117) zeigt uns eine häusliche— wenn dieser Ausdruck hier am Platze— Niederlassung jener Menschenrace, die den aus ihre Weiterbildung und Vermensch- lichung verwandten Scharfsinn ihrer sogenannten civilisirten Mitmen- scheu bisher nicht minder erfolgreich verspottet bat, als die Rothäute in den Prairien Nordamerikas. Nur ist der Zigeuner denen, die ihn zur Kultur heranziehen wollen, nicht ganz so gefährlich wie der mord- lustige Indianer, denn er ist doch meist den Völkern, welche er vorüber- gehend oder dauernd mit seiner Gegenwart beehrt, nur dadurch lästig, daß er sich meist als unverschämter Bettler und Spitzbube zeigt. In einigen Gegenden, wie in Ungarn, Siebenbürgen und Montenegro treibt er sogar leichte Gewerbe, als Roßtäuscher, Vieharzt, Kessel- und Pfannenflickcr, verfertigt allerhand Holzgerätc oder übt seine Lieblings- beschästigung, das Schmiedehandwerk, ans. Daß es der Zigeuner in der Kultur nicht weiter gebracht, wird auch für ihn aus seinem eigen- tümlichen Charakter abgeleitet. Doch dürste der Unverstand, welcher ihm die in Europa übliche Kultur mit Gewalt aufdrängen wollte und der Aberglaube, mit dem er von den verschiedensten Völkern noch heute betrachtet wird, ebenso viel Schuld an der Erfolglosigkeit der Civilisa- tionsbestrebungcn haben, die man bisher an dieses allgemein bekannle Nomadenvölkchen verschwendete.— Verbreitet sind die Zigeuner über ganz Europa, den größten Teil Asiens und einige Strecken Afrikas. Benannt werden sie sehr verschieden; biblischen Behauptungen folgend, nennt man sie auch Egypter, Pharaonen und in Spanien Gitano's. In Frankreich gelten sie für Böhmen(DobömiouL). Die Namen, welche sie sich selbst beilegen, lauten in deutscher Uebersetzung ans Menschen, Menschenkinder, Menschenvolk hinaus, lieber ihren Ursprung hat man lange die verschiedensten Meinungen gehegt, doch ist man heute darin einig, daß ihre Wiege in Indien gestanden. Ihre Sprache hat infolge ihres Lebens unter den verschiedenen Völkerschaften zwar mannichsache Umbildung erfahren, ist aber im Grunde gleichartig. Ueber ihr erstes Borkommen sind die Meinungen noch getheilt, hingegen wird ihr erstes Austreten im westlichen und nördlichen Europa allgemein auf 1417 angenommen, wo sie in Ungarn, Böhmen und Deutschland an der Nord- und Ostsee zuerst ankamen. 1418 waren sie in Meißen, Hessen und der Schweiz und 1422 passirten sie Bologna auf einem Zuge»ach Rom. In Frankreich tauchten sie gleichfalls 1417 auf; 1419 waren sie in der Provence und 1427 hielten sie ihren feierlichen Einzug in Paris. Hier war es ein Häuptling, der sich Gras nannte, welcher am 17. August genannten Jahres mit 10 Männern und 80 Frauen zu Pferde einrückte, allgemeines Erstaunen hervorrufend. In Italien er- schienen, nachdem 1417 in dem sich damals bis an das Schwarze Meer erstreckende Fürstentum Moldau viele tausende angekommen, im nächsten Jahre bereits 18 000. Große Massen wandten sich zugleich nach Polen und Rußland. Wesentliche Unterstützung fand ihr Auftreten in den abergläubischen Anschauungen der damaligen Zeit, die sich die Ein- dringlinge, schlau wie sie sind, bald zu Nutzen machten, indem sie an- gaben, sie seien auf mehrjährigen Pilgerfahrten begriffen und Geleit- briefe vom Papst, Kaiser und sonstigen Herren aufzeigten, wofür ihnen die gläubigen Christen bereitwilligst Unterstützung angedeihen ließen. Die damalige politische und religiöse Zerfahrenheit in Europa kam ihnen zu statten und trug trefflich zu ihrem Bleiben bei. Ein Forscher auf diesem Gebiet, Prof. A. Boltz, schreibt, nachdem er die damaligen Ver- Hältnisse charakterisirt:„In diese Zustände schlichen sich die Fremdlinge rasch und fast überall mehr oder weniger fest hinein. Kein Wunder, wenn dieselben vorzugsweise geeignet waren, ihre angebornen schlechten Anlagen zu voller Blüte und Tätigkeit zu entwickeln. Als man sich über die �iaeuner klar wurde, war es, wie gesagt, zu spät." Hat der Herr Professor recht, so ist man sich über die Zigeuner nie recht„klar" geworden, denn wenn sie ihre angebornen schlechten Anlagen erst unter den nichts weniger als gnte» Verhältnissen Europas entwickelten, diese Verhältnisse aber denn doch einigermaßen den Weg zum Besseren ein- geschlagen haben, trotzdem auch die jetzt aus ihre Kultur so stolzen Nationen, wie allgemein bekannt, von Haus aus mit nicht minder ge- ringsügigen Verstandsanlagen und schlechten Charaktereigenschaften aus- gestattet waren, als die' Zigeuner, so muß man schlechterdings bei seine» Civilisationsbcstrebungen, dem Zigeuner gegenüber, nicht die Mittel angewandt haben, wie sonst üblich. Und man wandte dann auch, als „man sich klar wurde", alle jenen Maßregeln an, die damals im Schwange waren, d. h.„man hetzte sie wie Wild, hing sie zu Massen auf, wo man sie traf, peitschte, folterte, verbrannte sie; kurz, kein Mittel schien zu schlecht, sie zu vertilgen." Freilich ivar das alles nutz- los, denn ihre Schlauheiten und ihre Widerstandsfähigkeit gegen jedes Klima, ihre Genügsamkeit und endlich ihre schnelle Vermehrungsfähig- kcit besiegten doch alle die Verfolgungen. Sic blieben und sind noch, aber sie sind schließlich zu Parias der Gesellschaft geworden, die vor- läufig noch viel weniger Hoffnung haben, in ihrer Lebensstellung eine 124 höhere Sluse einzunehmen, als ihre Schicksalsgenossen anderer Volks- stamme. So erzählt ein Beobachter, daß die Zigeuner in Montenegro ständigen Wohnsitz einnähmen und außerdem kein von den Eingeborncn wesentlich unterschiedenes Leben führten. Wo diese Unterschiede statt- haben, ist wol der Grund darin zu finden, daß man sie von manchen Rechten ausschließt und es z. B. auch für unstatthaft gilt, sich mit einem Zigeuner oder einer Zigeunerin zu verheirate». Kein Wunder, wenn sich bei den letzteren infolgedessen ihre Racecigenlümlichkeit erhält, trotz- dem sie die meisten Gebräuche der dortigen Einwohner angenommen. Die Ausübung der Schmiedekunst hält der Montenegriner für eine Er- nicdrigung, weil dieselbe dort nur von den Zigeunern ausgeübt wird. Als nun die Regierung seiner Zeit eine Waffenfabrik in Rieka errichtete, mußte sie förmlich Zwang anwenden, um nur wenigstens die ärmsten Waisenkinder zu Lehrlingen heranzuziehen. Vor noch gar nicht langer Zeit wollte auch kein Montenegriner mit diesen gefährlichen Schmieden ans einem Friedhof begraben sein, weil derjenige, der die Nägel ge- schmiedet, mit denen Christus ans Kreuz geheftet worden, nur ein Zigeuner gewesen sein könnte. Sind nun nach den beschränkten An- schauunge» dieser biedern Montenegriner alle Schmiede Zigeuner, so sind die Söhne des schwarzen Berges keinesfalls fähig, die Zigeuner zu civilisiren, denn dazu gehört denn doch etwas mehr als diese— Naivität. In den österreichischen Staaten versuchte zuerst die Kaiserin Maria Theresia sie zu Bürgern zu machen; ihre üblen Gewohnheiten wurden verboten. Die erste Verordnung von 1768 blieb jedoch ohne Erfolg und man griff 1773 zu Gewaltmaßregeln, indem man ihnen die Kinder wegnahm, um sie zu Christen zu erziehe», doch war dies erst recht ohne günstige Folgen. Joses II. ging 1782 milder vor, aber wie so vieles, was dieser beste der Habsburger Gutes geschaffen, später vernichtet wurde, so auch das in Bezug hieraus geschaffene. Auch in England und Preußen hat man Erziehungsanstalten für die Zigeuner gegründet, doch ist in letzterem Staat das betreffende Institut(Friedrichslohra bei Nordhausen) 1837 eingegangen. Man sagt, daß sich der Zigeuner unter Menschen, die eine niedrige Bildungsstuse einnehmen, am wohlsten fühle, und daß er auch dort am tvenigsten zur Last salle. Das ist vielleicht auch der Grund, daß sein Stamm in Spanien 40— öv lXXI Seelen zählt. An Verfolgungen hat es ihm in dem klassischen Land der Ketzerver- brennungen natürlich nicht gefehlt. 1499 wurde ihnen durch Gesetz bei Strafe der Landesverweisung befohlen, sich in bestimmte» Städten niederzulassen; dies wurde 1539 wiederholt, wer von ihnen als Vaga- bund getroffen wurde, sollte sechs Jahre auf die Galeere. Unter Phi- lipp II. durfte keiner ohne obrigkeitliche Erlanbniß aus Messen und Märkten etwas verkaufen, Philipp III. befahl ihnen, binnen 6 Monaten Spanien zu verlassen, jeder rückkehrende Gitano solle mit dem Tode bestraft werden. Einige konnten bleiben, wenn sie sich in Städten von mindestens 1000 Feuerstellen ansiedelten, aber es ward ihnen untersagt, sich Egyptcr zu nennen und deren Sprache zu reden. Philipp IV. verbot ihnen jeden Handel, verweist sie in besondere Stadttheile und verbietet ferner die Bezeichnung Gitano. Zugleich werden ihre Tänze, das Tragen von Feuerwaffen, die Ausübung des Schmiedehandwerks und der Besitz von Pferden verboten. Maulthiere und Esel sind gestattet und ferner sollen sie Ackerbau treibe». Aber alle diese Verbote haben nichts gefruchtet, selbst die grausamsten Maßregeln zu deren Durchführung haben die Zigeuner nicht vertrieben. Die meisten leben armselig, von den Spa- niern verachtet, doch sollen sie den Haß reichlich zurückgeben. Des Mordes machen sie sich weniger schuldig als des Bettelus und Stehlens, doch erzählt man hier mich Ausnahmen. Sie sind gewandte Roß- Händler, scheeren Pferde und Maulthiere, während die Mädchen Tän- zerinnen und die Weiber Wahrsagerinnen sind. Am zahlreichsten sind sie in Andalusien, namentlich in Granada. Hier ist der Monte sacro— d. h. der heilige Berg, welcher seinm Namen von den vielen Knochen der Heiligen, die mau hier gesunden haben will, bekommen— ihr liebster Aufenthaltsort. In Grotten und Höhlen, von denen der Berg durchlöchert ist, hausen die in dieser Beziehung genügsamen Gitanos. Unser Bild, von dem berühmten G. Dorn, der dieses Völkchen des österen besuchte, gezeichnet, veranschaulicht das von dem Zigeuner gern geübte süße Nichtstun, sowie seine Verlumptheit deutlich genug. Auch die gleich nach seinem Lieblingsthier, dem Pferde, im Werte folgenden Schweine, hat der Stift des Künstlers zur Belebung dieser Szene, viel- leicht auch symbolisch, in den Vordergrund gestellt.— Die Gitanos in Granada haben olivenbraune Hautfarbe, schwarze, lange und krause Haare und etwas aufgeworfene Lippen. Sie sind meist klein von Gestalt mit hervortretenden Backenknochen und sind von sehr lebhaftem Naturell. Die Weiber sind schlank und fein von Wuchs und, wie man behauptet, zum Teil blendende Schönheiten. Große schwarze Augen, rabenschwarzes Haar und blendendweiße Zähne zeichnen sie aus. Unvergleichlich schön I werden ihre Tänze geschildert. Doch führen sie den ächten Zigeuner- � tanz nicht in den Gasthöfen aus, sondern nur aus dem Monte sacro, wo ihn auch Dore mit ansah. Sie heiraten sehr früh, mit 14 und 15 Jahren, und zwar beruht die Ehe meist nur in der Uebcrcinkunft der dabei Beteiligten; aus Blutsverwandtschaft werden keine großen Rücksichten genommen. Religion wird ihnen allgemein abgesprochen, sie sind Muhamedaner unter den Muhemedanern und Christen unter den Christen, d. h. sie eignen sich manche Lebensgewohnheit derer, unter denen sie leben, an. Der Zigeuner liebt den Branntwein und noch mehr den Tabak.— Die Angaben über die Kopfzal der Zigeuner in Europa sind schwankend. Nach einigen beträgt dieselbe nur zwischen V« bis'/i Million, nach andern 1 Million. Für England und Schott- land hält man die Zal von 1800(1 für zu hoch; Oesterreich besitzt 97000; Moldau und Walachei besitzen soviel wie die Türkei, und zwar 200 000; Deutschland und Frankreich zälen eine geringe Menge im Vergleich zu der großen Anzahl in Spanien. Für Afrika nimmt man 400 000, sür Indien 1 500 000, für den übrigen Teil Asiens 2 Millionelt an. Nach anderen Schätzungen soll aber die Gesammtzal von 5 Mill. sür die alte Welt gleichfalls zu groß sein. urt. Aus allen Winkeln der Zeitlitcratur. Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Amerikanische Zeitungen berichten von einem Eisenbahnkunststück, einzig in seiner Art. Schon bei dem Bau der Pacificbahn(Newyork- San Francisco) leisteten die Amerikaner Staunenerregendes, indenl sie pro Tag eine englische Meile bauten. Ilebertroffen wird diese Leistung womöglich durch die letzthin in einem Tage erfolgte Aenderung der Spurweite von 224 englischen Meilen(358 Kilometer, eine Strecke, wie von Berlin nach Bielefeld) Bahn zwischen Leavittsburg und Dayton(Eriebahn). Bisher hatte diese Bahn noch die breite Spur, und es handelte sich darum, sie auf die Normalbreite von 1,44 Meter zu bringen. Selbstverständlich waren alle Werkzeuge und sonstigen Hülssmittel vorher aus der Strecke ver- teilt, sodaß die in Abtheilungen von je zehn Mann eingeteilten Arbeiter nur darnach zu greifen brauchten, und es wurden letztere kurz vor Beginn der Arbeit bis dicht an die betreffeude Arbeitsstelle gefahren. Nachdem der letzte„Breitspurzug" vorbeigefahren war, gingen die Arbeiter um 4 Uhr nachmittags ans Werk, und andern Morgens um 9 Uhr 30 Minuten war die Riesenausgabe gelöst, wobei freilich zu beachten, daß das Geleise in Amerika in der Regel nicht so kunstvoll befestigt wird, wie in der alten Welt. Um 2 Uhr nachmittags, nach- dem alles revidirt worden, ging der erste„Schmalspurzug" mit ge- änderten Wagen und Lokomotiven ab und befuhr die Bahn mit einer Schnelligkeit von 80 Kilometern in der Stunde. T. Zauberrunen auf unfern Dächern. Unsre germanischen Bor- fahren glaubten den Sturmwind zu versöhnen, indem sie mit Zauber- runen bekritzelte Rindenstücke auf die Gipfel der Bäume steckten. Der Frankenkönig Karl, bekanntlich ein Todseind der heidnischen Gebräuche, konnte diese Sitte nicht ausrotten und wandelte deshalb die Rinden- streiscn in Wetterfahnen um, wie wir sie heute noch auf unser» Haus- dächern sehen, ein Beweis, daß die Kinder des Aberglaubens ein zäheS Leben haben. x. Singende Fische sind nach einem amerikanischen Blatte vou einem dänischen Naturforscher(Sorenssen), welcher lange in Südamerika gelebt hat, entdeckt worden. Der die Töne gebende Apparat der Fische soll in dem einzigen Lustreservoir liegen, welches dieselben besitzen, nämlich in der Schwimmblase, welche bei den musikalischen Fischartcn einen wirklichen Vokalapparat enthalten soll..z. Ein geknüpfter Teppich. In der im Sommer 1880 in Leipzig stategefundenen Ausstellung der deutschen Wollenindustric befand sich unter anderem ein O'/z Quadratmeter großer Teppich, der nicht weniger als 1 231 200 mit der Hand geknotete Fäden enthielt. An der Her- stellung des Teppichs hat ein Mädchen 250 Tage gearbeitet. Der aus- gestellte Teppich ist das erste Exemplar dieser Art, welches überhaupt jn Deutschland gefertigt worden ist..z. Ein seltenes Schreibkunststückchen hat im vorigen Jahre ein Theclnehmer an dem in Bendahl bei Elberfeld abgehaltenen Schwimm- fest ausgeführt. Derselbe, ein ebenso geschickter Stenograph als tüch- tiger Schwimmer, nahm die zur Eröffnung des Festes gehaltene An- spräche im Wasser, auf dem Rücken schwimmend, stenographisch aus!— Eine derartige Fuß- und Handgymnastik dürfte wol„noch nicht dagewesen" sein..z. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Käutsky(Fortsetzung).— Ucber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworsen ist.— Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild, von Hr. M. Vogler.— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spiritisten- gcschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.(X.)— Störsang in der Elbe(Fortsetzung).— Der Opferaltar auf dem Nußhardt(mit Illustration).— Grottenwohnungen der Zigeuner auf dem Monte sacro in Granada(mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitlitcratur. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färbcrstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.