C tösoj Die A Roman von Die Schwestern meinten, er solle noch einen Tag zugeben und an diesem nicht von ihrer Seite weichen, das wäre ihr liebster Wunsch. Alfred bedauerte, ihn nicht erfüllen zu können, sein Professor, der ihn als Mitarbeiter bei mehreren Bestellungen angenommen und ihn dafür bezahle, hätte nur ungern in diesen kurzen Urlaub gewilligt; durch eine Unpünktlichkeit, durch ein Nichteintreffen könnte er ihn erzürnen und dieser Mitarbeiterschaft verlustig gehen. Sie müßten demnach schon einen Wunsch ersinnen, der sich erfüllen ließe. Die Schwestern behaupteten lachend, sie hätten keinen. „So, ei?" machte Alfred,„und doch erzählte mir Fritz, daß ein gewisses Mädchen, das er kenne, ihm vertraut hätte, wie über alles gern es den morgigen Ball besucht hätte." „O, das heißt," erwiderte Minna rasch, gleichsam entschul- digend,„ich hätte Malchen gerne hingeführt, da sie noch niemals auf einem Balle gewesen ist, nicht wahr, Malchen?" „Nun ja, ich hätte mir's gerne einmal angesehen, aber es sind mehrere Gründe, die sich diesem Wunsche entgegensetzten. „Der vornehmste war ich, nicht wahr, Kinder? Ihr wolltet mich an dem letzten Abend meines Hierseins nicht allein lassen." „Das geschieht auch nicht, Alfred, du bist uns lieber, als jeder Ball." „Wenn aber der Alfted mit sammt dem Ball zu genießen wäre? Was sagtet Ihr dann dazu?" Die Mädchen fuhren auf — in ungewisser Freude ihn anblickend. „Wie, wär's möglich, du wolltest?—" „Ja, ich will; wir gehen auf den Ball, ich sichre euch hin." „Du, du Alfted!?" „Nun, weshalb erscheint euch denn dies so ganz unglaublich, so ganz ungeheuerlich?" rief er fast geärgert. „Aver du, du wolltest doch reisen?" „Ich reise auch, aber der Zug fährt, glaube ich, um Mitter- nacht, da kann ich vorher doch tanzen." Minna sprang auf und fiel dem Bruder um den Hals. Sie jubelte laut. „Aha," lachte Alfted,„jetzt kommt die Heuchelei an den Tag, und auch Malchen war für dich nur ein verschämter Vorwand, du freust dich selbst am meisten darüber." „Ach ja," rief Minna, voll Entzücken in die Hände schlagend, „ich tanze so gern, ach so gern!" „Natürlich, mit ihrem Fritz," bemerkte Malchen naseweis. Minna rannte in fteudiger Erregung hm und her.„Herr- M. Kautsky.(10. Fortsetzung.) gott, und der Ball ist morgen schon, da heißt's jetzt, Toiletten richten." „Richten?" spottete Malchen,„du willst sie richten, aber da müßten sie doch vorher da sein, ich bin mir keiner Balltoilette bewußt, ich weiß nicht, was wir anziehen werden." „Mädchen finden für solche Gelegenheiten immer etwas, da zeigt sich ihr ganzer Scharfsinn," behauptete Alfted. „O, ich werde auch etwas finden," versicherte Minna in fröh- lichem Eifer,„verlaßt euch darauf." Sie stürzte zu dem Kasten, und begann alle Laden herauszuziehen. Alfted sagte, er wolle sie in dieser hochwichtigen Beschäftigung und bei diesen Berathungen nicht stören und sich zurückziehen. Er näherte sich Minna, die in den Laden wühlte, um ihr die Hand zu geben; bei dem zufälligen Blick, den er in diese Interieurs warf, mußte ihm ein Gegenstand besonders aufgefallen sein. Er langte darnach. Es war die goldne Münze, welche Minna noch in Verwahrung hatte. „Ei, sieh doch," rief er verwundert,„wer hat mir denn ge- sagt, daß irgendein armes Mädchen in plötzlicher Verlegenheit sei und auf den Erlös dieses Goldstückes ungeduldig harre?— Nun," sein Ton wurde noch launiger,„ihr laßt sie harren, diese Arme,— oder war diese Verlegenheit vielleicht doch nicht so groß?" Er nahm seine Schwester bei der Hand und sah ihr mit forschendem Lächeln gerade in die Augen. Sie errötete stark, brach aber dann in ein schelmisches Lachen aus. „Plötzliche Verlegenheiten können durch plötzliche Zwischenfälle aufgehoben werden; mein armes Mädchen brauchte das Geld nicht mehr, da das, was damit erreicht werden sollte, von selber gekommen ist;" sie lachte noch stärker,„ja, ganz von selber ge- kommen. Aber sieh mich nicht länger so durchdringend an, du erfährst nichts weiter, gewiß nicht, ich darf und will's nicht sagen, sie hat mir's verboten." „Sie, Marie? Und sie will, daß es mir, grade mir verborgen bleiben soll?" Minna hielt sich den Mund zu. „Sie kennt mich also, und es existirt eine gewisse Beziehung zwischen uns? Ich bitte dich, sage mir das." „Herr Bruder, ich finde, daß du schrecklich neugierig geworden bist." „Ihr habt mich dazu gemacht, ihr sprecht ja immer nur von diesem Mädchen," sagte er mit einiger Heftigkeit. „Wir? O nicht doch, du sprichst von ,hr." Jlluftrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. VI�u�D-jember�lSSo� „Und kennt ihr wirklich nur diese eine Marie, oder gibt es noch eine andere?" „Ein halbes Dutzend wenigstens. Aber nur Geduld, auf dem Balle sollst du sie alle kennen lernen." Alfred machte eine abwehrende Bewegung. „Davor bewahre mich der Himmel, das wäre zuviel. Wohl- gemerkt, ihr werdet mich niemand vorstellen, als dem ich vor- gestellt zu werden wünsche, und nun Adieu!" Er winkte den Schwestern zu und ging. Er fühlte, daß er das tiefe Interesse, das er an dieser Marie nahm, nur allzu deutlich schon verrathen hatte; aber er hatte doch auch einiges über sie erfahren. Aber war diese Marie auch dasselbe Mädchen, das er getroffen? Er wünschte es, er wußte selbst nicht, warum. Aber die Zeit, die noch vergehen mußte, ehe er darüber Gewiß- heit erlangen konnte, dünkte ihm unerträglich lang. Er beschloß, den Bürgermeister aufzusuchen, Malchens Vormund; er hatte diesen-notwendigen Besuch immer verschoben, heute würde er ihn zerstreuen, hoffte er. Indessen kramte Minna immer eifriger in allen Kasten herum, und sie brachte ein weißes, stark vergilbtes Kleid von Linon und eine unglaubliche Menge von alten, sehr alten und sehr nichtigen Putzgegenständen zum Vorschein. So oft sie eine solche Reliquie aufftöberte, begrügte sie sie niit einem lauten Ausruf und einem vergnügten Lachen. »Ja, jetzt heißt sich's schön machen," rief sie,„sehr schön, damit wir uns neben unserm eleganten Alfred sehen lassen können. Amalie blieb am Stickrahmen, sie war keineswegs so Phantasie- voll, wie ihre Schwester, und sie betrachtete die Dinge und sogar diesen ihren ersten Ball, viel nüchterner. „Aber mit was willst du uns denn schön machen?" fragte sie endlich etwas ungeduldig,„ich sehe keine Möglichkeit dazu. Du kannst im Notfalle das alte, weiße Tarlatankleid anziehen, ob- schon es sehr gelb aussieht." „Das bekommt bei Licht erst einen feinen Ton, gib acht, und wenn das ausgebügelt ist,"— Minna strich mit der Hand darüber hinweg—„wunderschön wird es noch." „Kann sein, aber ich habe das nicht einmal." „Keine Angst, Herz, ich werde dir schon etwas zusammen- richten. Ach, ich fteue mich, ich freue mich wie ein Kind!" Sie schlug in die Hände, dann lief sie von der Schwester wieder zum Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand.„Sieh nur, Malchen, diese Unmasse von Bändern und Blümchen." „Und schönfarbigen Mckrestchen," fügte die jüngere halb hunio- ristisch, halb ärgerlich hinzu.„Ich kenne dich, du wirst mir daraus eine Harlekinsjacke zusammenstoppeln,— o ja, du bist das im stände, und aus dem andern Plunder wirst du mir eine Unzal Anhängsel und Schleifen fabriziren, aber dann fehlt mir noch immer der Rock." Minna kraute sich in den Haaren.„Das ist richtig, ein Kleid ist die Hauptsache." „Ich dächte auch; ich müßte nur mein schwarzes anziehen, aber es ist auch nicht mehr schön." „Wanim nicht gar, schwarz, so ein junges Mädchen, das muß ganz licht, ganz duftig—" „Ja, licht und duftig," spottete Malchen,„aber woher denn nehmen? Licht und duftig,— da müßte ich mich nur in den alten Vorhang wickeln." Minna lachte, dann Ivarf sie die schöne Auslese von qua- drillirten, gestreiften und geblümten Bändern aus Atamas Nach- laß wieder auf einen Haufen und flog auf die Schwester zu. „Ich hab's, ich hab's!" rief sie triumphirend.„Und du wirst licht und duftig und die schönste von allen sein; aber Geduld, mein Herzchen." Sie küßte sie. Malchen sah sie etwas ungläubig an.„Geh, was meinst du denn?" „Erinnerst du dich noch an die großen Couvertdecken von Papas und Mamas Betten?" „Aus großgeblumtem Zitz?" „Ja, sie müssen auf dem Boden sein." „Nun, du wirst sie doch nicht für mich herunterholen wollen?" „Ich mache dir ein Kleid daraus." Malchen sah empört auf, sie wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Du bist abscheulich, du willst mich zum besten halten." „Bewahre, Malchen, ich werde—" Malchen hielt sich die Ohren zu und stampfte voll Indignation mit dem Fuße auf. „Gib dir keine Mühe, ich werde nicht im großgeblumte» Zitz mich zeigen, ich will nicht zum Gelächter dienen, da bleibe ich lieber zuhause." „Aber laß mich doch ausreden, du Kind, ich habe ja eine geniale Idee. Diese Couvertdecken sind mit weißem, sehr feinem Musselin gefüttert, ich trenne ihn heraus, ich wasche und stärke und bügle ihn, und passe auf! morgen Abend hast du ein neues, lichtes, duftiges Kleid." „Das ist nicht möglich." � „Verlaß dich drauf." „Aber da muß ich—" „Du hast vor der Hand nichts dabei zu tun, sticke nur fort, ich werde dich überraschen." „Ah, Minna, du kannst dick solchen Illusionen hingeben." „Und du bist ein kleiner Pyilister, der an allem menschlichen Witz verzweifelt, weil er selber keinen hat; aber warte, du sollst mich morgen um Verzeihung bitten." Sie nahm ein Tuch und schoß wie ein Blitz zur Thür hinaus. Sie stieg auf den Dachboden. Nach einer Weile kehrte sie zurück, ein altes, argverstaubtes, ungemein verknülltes Zeug mit sich schleppend. Sie hütete sich, damit der Schwester vor die Augen zu kommen, sie blieb in der Küche und trennte hastig den Musselin ab, den sie sogleich ein- weichte, um nach einiger Zeit die weitere Prozedur des Waschens und Plättens vorzunehmen. Das Mittagessen der Mädchen bestand an diesem Tage nur aus Milchreis. Minna behauptete, sie habe keine, durchaus keine Zeit, etwas anderes zu kochen, und sie schickte deshalb Alfted in die Restauration„zum goldnen Löwen", wo Fritz gewöhnlich zu speisen pflegte. Die jungen Männer kehrten etwas spät am Nach- mittage zurück, und da die Schwestern noch immer mit Ball- angelegenheiten beschäftigt waren, so blieb Alfted auf seinem Zimmer bis zu der späten Nachmittagstunde, wo er gewöhnlich das Haus verließ, um einen Spazirgang in die Umgebung zu unternehmen. Fritz begleitete ,hn nicht. Er war diesen Tagen von einer neuen Kompositton sehr in Anspruch genommen, er hatte ein Trockenöl erfunden, das, seiner Meinung nach, herrliche Resultate liefern mußte. Er probirte und suchte diese zu studiren, und strich zu diesem BeHufe alles nur mögliche und ihm erreich- bare an. Er war soeben dabei, einen Kasten mit seinem Trocken- öl zu überziehen, als Minna, den gewaschenen und fein durch- geplätteten Musselin am Arme, an seine Tür klopfte. Er strich und sang dabei und hörte das Klopfen nicht. Erst auf ein zweites, stärkeres, rief er laut:„Herein!" Als er Minna eintteten sah, ein Fall, der sich bisher nur gar selten ereignet, errötete er vor Entzücken und eilte ihr, noch den Pinsel in der Hand, entgegen. „Minna!" rief er. „Zurück von meinem Musselin!" gebot sie, diesen an die Brust drückend.„Kommen Sie mir nicht zu nahe, solange Sie diesen abscheulichen Pinsel in der Hand haben, denn daß Sie's nur wissen, das ist ein Ballkleid." Fritz warf den Pinsel beiseite. „Es ist also wahr, wir gehen auf den Ball und werden zu- sammen tanzen,— das wird herrlich!" Er glaubte nun, ein Recht zu haben, ihre Hand zu erfassen, aber sie wehrte noch immer ab. „Erst muß ich's in Sicherheit gebracht haben, mein Kleid, aber wohin? Bei Ihnen sieht es wieder schön aus, Herr Berger." Er lachte und wies auf die Gegenstände ringsum „Du siehst mich hier umgeben von Zeugen meiner That, aber leider, ich furchte— ,sie stinkt zum Himmel', diese That." Minna rümpfte lachend ihr Näschen. „Ach ja, ganz entsetzlich. Fritz, ich werde es hier nicht aus- halten können. „Du willst bei mir bleiben?" rief er voll jäher Freude.„Aber so wirf doch einmal dieses Zeug weg, damit ich dir näher treten kann," bat er. „Wenn aber alles voll ist!?" „Legen wir's aufs Bett, die Polster habe ich verschont." . So geschah es auch und die beiden Liebenden fanden jetzt erst Gelegenheit zu der für Liebende passenden Begrüßung. Fritz wollte damit immer wieder von vorne anfangen, aber Minna meinte, sie hätte keine Zeit, zu tändeln, sie müsse heut noch sehr, sehr fleißig sein, und sie sei eben hergekommen, um seine Hülse mit in Anspruch zu nehmen. Er versicherte, er sei zu allem bereit, sie möge nur befehlen. Sie wies wieder auf den Musselin. 127 Es sei eine Ueberraschung für Malchen, erklärte sie, ein Ballkleid, das heißt, sie wolle erst ein solches darans machen. „Das wollen wir schon vollbringen," versicherte er,„ich kann sehr gnt znschneiden, und nähen kann ich auch." Sie mußte unwillkürlich zu ihm aufsehen, der so hoch und statt- lich vor ihr stand und dessen scharfgeschnittenes, kühnes Gesicht mit den blitzenden Augen,, so garnicht der Tradition eines Schneider- gesellen entsprach. So erschien ihr denn sein Antrag allzu drollig, und sie mußte herzlich darüber lachen. „Nein," sagte sie,„dergleichen will ich Ihnen nicht znmuthen." „Sie?" wiederholte er gedehnt und runzelte dabei die Brauen. „Sind wir nicht allein und gönnst du mir da nicht das trauliche ,Du'?" „Du!" sagte sie, und wie sagte sie's. Ein Kuß lohnte sie dafür, aber der Lohn schien ihm noch zu gering. Minna versicherte aber, sie müsse sich nun ernstlich mit dem Ballkleid beschäftigen. „Siehst du," erklärte sie,„das ist ein alter Stoff, den ich ge- waschen habe, ganz weiß ist er nicht mehr geworden und er sieht recht unscheinbar aus." „Sehr hinfällig, man pflegt das setzig zu nennen." „Aber ick habe Malchen versprochen, ein schönes Kleid daraus zu machen." „Ich fürchte sehr, du wirst dies Versprechen nicht halten können." „Aber Fritz, dann geht sie nicht, und dann gehe ich auch nicht, und dann—" „Dann könnte ich nicht mit dir tanzen? Minna, es ist mein sehnlichster Wunsch, er muß erreicht werden, und wenn wir zaubern müßten." „Ja, zaubern, das wollen wir," rief Minna, das Wort auffangend, voll fröhlichen Uebermuts.„Wir wollen Rosenknöspchen darauf hinzaubern, in solcher Anzahl und Menge, daß man vor den Blümchen den Stoff nicht sieht." „Versteh ich dich recht, wir werden sie darauf malen?" „So ist's." „Aber das ist ja eine herrliche Idee." „Die Idee ist von mir." „Dafür muß ich dich küssen." Er ließ die Tat dem Worte folgen. „Aber Fritz, wir müssen sehr fleißig sein." „Nun ja, wir werden fleißig malen und küssen." „Ich weiß nur nicht recht, wie wir das machen werben." „Das Küssen?" „Nein, das Malen!" „Wir malen mit Leimfarbe, das trocknet sogleich „Und patrouiren die Knöspchen auf den Stoff." „Bravo, du hast Erfindungsgeist. Was sind mir für ein Paar! Wie werden wir unsre Hauswirthschaft einrichten! Praktisch und billig; ich werde dir alle Kleider malen, und unsre Möbel—" „Die wirst du mit Trockeuöl anstreiche», das, wie mir scheint, die Eigenschaft hat, daß es niemals trocknet. Da, es klebt alles, sogar der Tisch,— aber Fritz, Fritz!" „Ja, auch der Tisch," gestand Fritz reumütig. „Wohin sotten wir aber den Stoff ausbreiten, um ihn zu malen?" Fritz überlegte einen Augenblick, dann brachte er eine Anzal Reißbretter und legte sie über die Tischplatte. „So, das ist rein und sicher," sagte er;„und nun will ich gleich den Leim kochen und die Farbe mischen." „Das werde ich machen, Fritz, hier am Spiritus, schneide unterdessen die Patrone." So tummelten sie sich voll regen Eisers, voll glücklicher Ge- schäftigkeit hin und her. Und aus dem alten Deckenfutter der feligen Ellern erblüten alsbald zarte rosa Knöspchen unter ihren Händen, und auch in ihrem Herzen knospete es und blüte es. Sie waren in der Rosenzeit der ersten Liebe und in der glück- lichsten im Menschenleben, besonders wenn die Liebe so rein und so genügsam bleibt, wie hier. (Fortsetzung folgt.) Utber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Eivilisation unterworfen ist.(».Fortsetzung.) Der Verbreitung von Keuntnissen, und nur ihr allein, ver- danken wir daS allmäliche Aufhören des größten Uebels, welches die Menschen je sich selber zugefügt. Denn daß religiöse Ver- folgung ein größeres Uebel ist, als irgendein anderes, leuchtet ei», nicht sowol aus der unendlich großen, ja fast unglanblichen Zal ihrer bekannten Opfer, als aus dem Umstände, daß die nn- bekannten viel zalreicher sein müssen, indem die Geschichte uns keine Nachricht gibt von denen, die körperlich verschont wurde», damit sie geistig desto mehr leiden möchten. Wir hören viel von Märtyrern nnd Glaubenszeugen, von denen, welche durch das Schivert ninkamen oder vom Feuer verzehrt wurden, aber wenig von der viel größeren Zal derer, welche durch die bloße Drohung der Berfolguiig zum äußerlichen Aufgeben ihrer Ansicht getrieben wurden und dann, zu einem Abfall, vor welchem sich das Herz entsetzt, gezwungen, ihr ganzes übriges Leben in der Ausübung einer sortdauernden, erniedrigenden Heuchelei zugebracht haben. Ties ist der wahre Fluch religiöser Verfolgung. Wenn die Menschen gezwungen werden, ihre Gedanken zu verbergen, so entsteht die Gewohnheit, sich durch Verstellung zu sichern und Straflosigkeit durch Betrug zu erkaufen. So wird der Betrug eine tägliche Notdurft, Heuchelei eine Gewohnheit des Lebens, die ganze Haltung des öffentlichen Denkens verdorben und die Masse des Lasters und des Irrtums furchtbar vermehrt. Ein anderes Uebel, welches der Menschheit unendliche Leiden verursacht hat, ist ohne Zweifel das Kriegfüren. Auch hier werden wir finden, daß jede Vermehrung der Intelligenz ein schwerer Schlag für den kriegerische» Geist gewesen ist. Mit den intellektuellen Erwerbungen eines Volkes vermindert sich die Nei- gung zum Kriege; in völlig barbarischen Ländern gibt es keine solchen Erwerbungen, der Geist ist eine leere, dürre Wüste, und so bleibt nichts übrig, als Tätigkeit nach außen; persönlicher Mut erscheint als das einzige Verdienst. Der Manu gilt nichts, der keinen Feind getötet hat, und sein Ruhm wächst mit der Zal der getöteten Feinde. Bon diesem Znstand der Wildheit bis zu der Höhe der Eivilisation fürt eine lange Stufenleiter; auf jeder Stufe verliert die Herrschaft der Gewalt etwas und gewinnt die Macht des Gedankens. Langsam, eine nach der andern, er- heben sich die intellektuellen und friedlichen Klassen; zuerst werden sie von den Kriegern tief verachtet, dennoch fassen sie allmälich Boden, nehmen zu an Zal und Macht und schwächen bei jedem Zuwachs den alten kriegerischen Geist. Handel, Verkehr, Industrie, Gesetze, Diplomatie, Literatur, Wissenschaft, Philosophie— alles dies war ursprünglich unbekannt und wurde dann zu einer be- sondern Aufgabe für eine besondre Klasse, deren jede nun für das Ansehen ihres Tätigkeits- oder Wissenszweiges nach Kräften wirkte.— So wird mit dem Forschritt der Kultur ein Gegengewicht erlangt und der kriegerische Eifer durch Beweggründe aufgewogen,. von denen nur Kulturvölker geleitet werden könne», weil sich bei ihnen gewisse Klassen der Gesellschaft gebildet haben, welche bei der Erhaltung des Friedens interessirt sind und deren vereintes Geivicht genügt, den Klassen, in deren Interesse der Krieg liegt, die Wage zu halten*). In einem zurückgebliebenen Zustande der Gesellschaft drängen sich hervorstechende Talente zur Armee, so wie aber die Gesellschaft sich weiter entivickelt, erosinen sich neue Quellen der Tätigkeit und entspringen neue Bernfsarten, die einen wesentlich geistigen Charakter haben und dem Talent Ge- legenheit zu edlerem Erfolge bieten. Wärend in der- alten Geschichte die Hauptkrieger nicht nur Männer von bedentender Bildung, sondern auch von uinfaffendem Geiste und in jeder Hinsicht die ersten ihrer Zeit waren, wie Themistokles, Epaminoudas, Perikles, Aleibiades, Demostheues, Thueydides, Zleiiophon und viele andre, finden wir dagegen in der neueren Geschichte, seit dem sechzehnten Jahrhundert, unter dem Kriegerstaud nicht zehn Schriftsteller, welche jene Alten als Autoren oder Denker erreicht hätten. Selbst Gustav Adolf, Friedrich der Große, Eromwell, Washington, Napoleon können nicht für tiefe Denker in schwierigen Gegenständen gelten und haben auch nichts Bedeutendes zu dem Ichatz unsrer Wissenschaft hinzugefügt. *) Für unsere europäischen„Kultur"völker teilweise noch Zukunftsmusik. Red. fetminstc 130 Dieser Unterschied der militärischen Genies in der alten und neuen Zeit ist auffallend; er läßt sich aber augenscheinlich auf den Umstand zurückführen, daß jetzt wegen der unendlichen Zu- nähme geistiger Beschäftigungen nur wenig hochbefähigte Menschen einen Stand wählen, zu dem sie sich im Altertum mit Eifer drängten, weil sie da am besten ihre Fähigkeiten verwerten konnten, welche in höher civilisirtcn Ländern besser zu verwenden sind. Diese wichtige Veränderung war aber das langsame Werk vieler Jahrhunderte, und nur das allmäliche, aber anhaltende Ucbergreisen der fortschreitenden Wissenschaft vermochte die mäch- tigsten Geister von den Künsten des 5irieges zu denen des Friedens herüberzuziehen. Von den verschiedenen Ursachen, welche diesen Fortschritt be- wirkt haben, ist die Erfindung des Schießpnlvers eine der wich- tigsten. Vor dieser Zeit war fast jedermann Soldat; stehende Armeen waren gänzlich unbekannt, das Kriegshandwerk hatte keine abgesonderte Existenz oder, richtiger gesagt, alle anderen Beschäftigungen gingen in dieser einen aus. Nur der geistliche Stand machte eine Ausname, sodaß Krieg und Theologie die einzigen Berufszweige waren, über tvelchen alles wahrhaft Wichtige vernachlässigt wurde; es gab Priester und Krieger, Predigten und Gefechte die Hülle und die stille, aber weder Handel noch Ver- kehr, noch Fabriken, keine Wissenschaft, keine Literatur, aber durch das Schießpulver wurde die Kriegskunst kostspieliger und ver- wickelter, es wurden Uebung und Disziplin notivendiger, und man fand es rätlich, große Menschenmassen blos für den Krieg abzurichten und ihren Stand soviel als möglich von den anderen Beschäftigungen zu trennen, womit sich früher alle Soldaten gelegentlich während der kurzen Friedcnspausen abgegeben hatten. So bildeten sich stehende Armeen und zugleich eine entschiedene Kluft zwischen dem Soldaten und dem Bürger und ein eigener Militärstand, welcher verhältnißmäßig nur aus einem kleinen Teil der Bürger sich zusammensetzte und es den übrigen über- ließ, anderen Berufsgeschästen nachzugehen. Nach Adam Smith kann unter den civilisirten Völkern des neuern Europa auf die Dauer nur der hundertste Teil der Einwohner eines Landes zum Militärdienst verwendet werden, ohne das Land, welches die Kosten dafür trägt, zugrunde zu richten. Auf diese Weise entwöhnten sich allmälich große Menschen- masseu ihrer alten kriegerischen Sitten; sie wurden zum bürger- lichen Leben gezwungen und ihre Kräfte für die früher vernach- lässigten Künste des Friedens nutzbar gemacht. Die Folge war, daß sich eine eigne Mittel- oder intellektuelle Klasse bildete, welche jene Eroberungslust zu zähmen begann. Im allgemeinen entwickelte diese Klasse zuerst im 14. und 15. Jahrhundert eine unabhängige Tätigkeit, welche aber erst im 16. eine bestimmte Form annahm, zunächst in religiösen Kämpfen zutage trat und im 17. Jahrhundert erst praktische Energie zeigte, sich gegen die Mißbräuche der Regierungen wandte und eine Reihe von Auf- ständen verursachte, denen kaum ein Teil von Europa entging und welche im 18. und 19. Jahrhundert sich auf jeden Zweig des öffentlichen und Privatlebens erstreckte, Erziehung verbreitete, die Gesetzgeber unterrichtete, die Könige beschränkte und vor allem der Oberherrschaft der öffentlichen Meinung eine sichere Grund- läge bereiteten, einer Macht, welche jetzt nicht nur konstitutionelle, sondern selbst die despotischten Herrscher beachten müssen. Eine zweite intellektuelle Bewegung, durch welche die Liebe zum Kriege geschwächt wird, ist neueren Ursprungs und hat ihre natürliche Wirkung noch nicht vollständig ausgeübt. Es sind dies die Entdeckungen, welche durch die politische Ockoiiomie gemacht worden sind, einen Wissenszweig, von welchem die Alten keine Ahnung hatten, dessen praktischer Wert aber nicht leicht über- schätzt werden kann und der, vielleicht nur den fortgeschrittensten Denkern vollständig bekannt, allmälich auch von Männern gcwön- lichcr Bildung anerkannt wird. Handelseifersucht ivar früher eine der Hauptursachen der Kriege und gründete sich auf die sehr irrige, aber sehr natürliche Mei- nung, daß die Handelsvorteile von der Handelsbilanz abhängen und daß, was ein Land gewönne, ein andres verliere» müsse. Reichtum, glaubte man, bestände blos im Gclde, und es sei des- wegen das wesentliche Interesse eines jeden Volkes� wenig Waren und viel Geld einzuführen. Wo dies nicht der Fall ivar, hieß es, verliere man seine Hülfsquellen, ein andres Land übervorteile uns und bereichere sich auf unsere Kosten. Dagegen hielt man Handelsverträge für das einzig wirksame Mittel, wodurch das Volk, welches uns den Schaden zufügte, genötigt werden würde, mehr von unfern Waaren zu nehmen und uns mehr von seinem Golde zu geben. Wenn es sich aber iveigern würde, den Vertrag zu unterzeichnen, so müßte es durch einen Krieg dazu gezwungen iverden. Dieses Verkennen der wahren Natur des Verkehrs zeigte sich früher allgemein; selbst die besten Politiker waren darin befangen, und so wurde es nicht nur unmittelbar eine Veranlassung zum Kriege, sondern crhöte auch noch den Nationalhaß, der zum Kriege reizt, da jedes Volk meinte, es hätte ein direktes Interesse daran, den Reichtum seiner Nachbarn zu vermindern. Die Folge ivar, daß der Handel durch wiederholte unbequeme Anordnungen gestört ivurdc, indem die europäischen Staatsmänner es für die Pflicht jeder Regierung hielten, den Handel ihres eignen Volkes durch den Schaden, den sie dem Handel anderer zufügten, zu begünstigen. So wurde der Gedanke an eine wirkliche Gegenseitigkeit un- möglich, mit jedem Handelsverträge suchte eine Nation eine andre zu übervorteilen; jeder neue Tarif war eine Kriegserklärung, und ein Geschäft, welches das friedlichste von allen sein sollte, wurde eine Ursache nationaler Eifersucht und nationalen Hasses, durch welche der Krieg am meisten befördert wird. Aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde von Adam Smith die politische Oekonomie durch Erforschung der Gesetze, welche das Entstehen und die Verteilung des Reichtums bestimmen, zu einer Wissen- schaft erhoben. Man gelangte zu der Einsicht, daß Gold und Silber nicht Reichtum, fondern nur Vertreter von Reichtum sind. daß Reichtum nur in dem Werte besteht, den Geschicklichkeit und Arbeit mit dem rohen Stoff zu verbinden wissen, und daß das Gold einem Volke zu nichts andrem nützt, als zur Erleichterung der Zirkulation seiner Reichtümer. Man begriff, daß, wenn man den Handel frei läßt, seine Vorteile jedem Lande zugute kommen, ivelches sich dabei beteiligt; daß, wenn es kein Monopol gibt, die Handelsvorteilc notwendig gegenseitig sind; daß sie, weit ent- sernt, von der Masse des empfangenen Geldes abzuhängen, ein- fach von der Leichtigkeit abhängen, womit sich ein Volk der Waaren entledigt, die es am lvolfeilsten hervorbringt, und ivomit es dafür diejenigen ivicdcrerhält, die es nur mit großem Kosten- aufwand erzeugen könnte, welche aber hingegen das andre Volk, infolge der Geschicklichkeit seiner Arbeiter und der günstigen 9iaturverhältnisse seines Landes, billiger liefern kann. Hieraus folgte, daß es in demselben Maße absurd iväre, die Verarmung eines Volkes, mit dem wir handeln, herbeizuführen, wie es von Seiten eines Kaufmanns töricht sein würde, den Bankrott eines guten Kunden zu wünschen. Der früher oft kriegerische Handelsgcist ist jetzt unwandelbar friedlich. Obgleich von hundert Kaufleuten kaum einer mit den Gründen vertraut ist, ivorauf sich diese ökonomischen Entdeckungen stützen, so hindert doch das die gute Wirkung nicht, ivclchc diese Entdeckungen auf ihre Gesinnungen hervorbringen. Während daher allerdings nur wenige Kaufleute mit der politischen Ocko- noinic bekannt sind, so verdanken sie dennoch einen großen Teil ihres Reichtums den 9tationalökono»ien, welche die Hindernisse hinweggeräumt haben, die die Unwissenheit der Staatsregicrungcn dem Handel in den Weg legte.(Forisetzung folgt.s Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. Mail �ogrer. (1. Fortsetzung.) Heine's stilles, zurückgezogenes Leben in Göttingen wurde bald ein halbes Jahr, und er verließ daher, wol ohne besonderes •rfi*mn> TimSiiIP �itpffrtprrfnrhfp Vhp fiipr fpinu vuoifnva SWurtAfitttn � a �. c � v.:,. it..:,.«.. welcher die Herausforoerung zum Zweikampf mit Pistolen voll- vegeven zogen hatte, das Consilium abeundi(den Rat, abzugehen) auf zusetzen. " JLU6L- IIUUJ-NjtllUl auf der dorttgen Hochschule seine Studien fort- 131 „Das Schicksal hätte der geistigen Entwicklung H. Heine» nicht leicht eine größere Gunst enveisen können, als indem es ihn von Göttingen nach Berlin verschlug. Ans der Rumpelkammer todter Gelehrsamkeit trat er an den Herd der weltbewegenden philosophischen Gedanken des Jahrhunderts,— aus den eng- herzig abgeschlossenen studentischen Kreisen und der Jsolirzelle des Poetenstübchens in das gesellige Leben der Residenz und den Berkehr mit der Elite der Geister,— aus den phantastischen Nebelträumen der Romantik mitten in die bunt erglänzende Tages- helle der Wirklichkeit." Mit diesen Worten charakterisirt Ad. Strodtmann treffend die Bedeutung, welche in diesem Aufcnthaltswechsel des Dichters lag. Allerdings gab es auch in Berlin manches, was Heine keines- Wegs angenehm berühren konnte. Das preußische Volk seufzte unter der drückendsten Reaktion, und die akademische Jugend, die gehofft hatte, aus dem Blut der„Freiheitskriege" den jungen Baum der Freiheit erwachsen zu sehen, war durch die Demagogen- hetze zu unwilligem Schweigen verurteilt. Das öffentliche Leben in Berlin konzentrirte sich vor allem in der Theater-, Konzert- und Ballschwärmerei. Hatte die roman- tische Poesie sich bei den Berlinern keiner sonderlichen Wirkung zu erfreuen, so war es hingegen die Musik,„die romantischste aller Künste", welche damals in Berlin zu hoher Geltung ge- langt war. Wenngleich Heine nach längerem Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt sehr richtig über dieses bunte, geräuschvolle Treiben und über die blöde Zerstrcuungssucht des damaligen Berlin urteilte, so berauschte und blendete ihn doch der erste Eindruck, den er zunächst von alledem erhielt. Mit heftigem Verlangen tauchte er in die flutenden Wogen dieses flimmernden und tönenden gesellschaftlichen Lebens. Es dauerte aber nicht lange, bis Heine Berlin und seine Leute mit kälteren, ruhigeren Blicken ansah. Die Stadt selbst kam ihm monoton und geschmacklos vor; er vermißt den Reiz der Altertiimlichkeit und ist ärgerlich, vom Andenken Lessings, obgleich dieser sich längere Zeit in Berlin aufhielt, keine Spur zu finden. Um so angenehmer war es Heine, in der stillen Dichter- genieinde, die seit langem dem literarischen Heros des Jahr- Hunderts, Goethe, einen vcrehrungsvollen Kultus widmete, in dem Gesellschaftszirkcl der Rahcl Levin, eingeführt zu werden. Ein anderer schöngeistiger Gescllschaftszirkel, den er besuchte, war der der Dichterin Elise von Hohenhausen. Auch die lustige Gesellschaft junger Schöngeister und Künstler, die sich im alten Kasino in der Behrenstraße und in der Wein- stube von Lutter und Wegener versammelte, zälte Heine zu den ihren. Heine bedurfte damals der Zerstreuung, wenn ihn einsame Qual nicht verzehren sollte; war es doch um diese Zeit, im Frühjahr von 1821, daß er die Nachricht von der Verlobung der Geliebten, an die sein Herz mit allen Banden innigster, leiden- schaftlichster Neigung gefesselt war, erhielt. Sie hatte einen reicheren Bewerber dem jungen Dichter, dem damals schon der Lorbeer zu grünen begann, vorgezogen, und zwar, nach Heine's Meinung, durch die ihm feindlich gegenüberstehenden Verwandten dazu gedrängt. Diese Meinung, daß die Geliebte ohne sonder- «che Steigung und weil ihr wärend seiner Abwesenheit„die Zeit zu lang geworden", einem andern die Hand gereicht habe,. sich aber in der neuen Ehe nicht glücklich füle, sondern elend sei, wie er, elend durch ihre Falschheit und ihren Treubruch, hat Heine in vielen seiner schönsten Gedichte zum Ausdruck gebracht. Ich führe hier nur das folgende an, dem die Robert Schumann'sche Musik eine noch ergreifendere Sprache verliehen hat: „Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht, Ewig verlornes Lieb! Ich grolle nicht. Wie du auch stralst in Diamantenpracht, Es fällt kein Stral in deines Herzens Nacht. Das weiß ich längst. Ich sah dich ja im Traum, Und sah die Nacht in deines Herzens Raum, Ich sah die Schlang', die dir am Herzen frißt, Ich sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist....." Inwieweit diese Annahme Heine's berechtigt ist, wissen wir nicht, sondern eben nur soviel, daß Amalie Heine, die Tochter seines Oheims Solomon— denn diese war des Dichters Ge- liebte—, am 15. August 1821 dem Gutsbesitzer John Friedländcr in Königsberg ihre Hand reichte. So vertraute er sein Leid der Muse, und diese gab ihm da- für zurück melodische, weiche Lieder, in die all' der wilde Schmerz so anmutig eingesponnen war, daß sich der Dichter besser mit ihm verstehen lernte. Er widmete sich auch den bisher so arg vernachlässigten juristischen Studien mit neuem Eifer, wozu nicht das wenigste seine Beschäftigung mit der hegel'schen Philosophie beitrug. Außerdem setzte er sein Studium der altdeutschen Lite- ratur fort und beschäftigte sich, durch die Vorlesungen Franz Bopps dazu veranlaßt, auch eingehender mit den orientalischen Sprachen und den in ihnen geschriebenen Werken. Ferner besuchte er die wölfischen Kollegien über griechische Literatur oft und gern. Heine dachte jetzt ernstlich daran, eine erste Sammlung seiner Gedichte herauszugeben. Schon früher, in Bonn, hatte er eine solche Sammlung in Angriff genommen und das Manuskript an den Buch- Händler F. A. Brockhaus in Leipzig gesandt; letzterer schickte ihm aber nach einigen Wochen die Gedichte mit dem üblichen Bemerken zurück, daß er zur Zeit schon durch zu viele Verlagsartikel all- zusehr beschäftigt sei. Der Dichter wußte sich damit zu trösten, daß das Bemühen tausend anderer bedeutender Geister, und z. B. auch Goethe's, ihre ersten Schöpfungen an die Oeffentlichkeit zu bringen, von nicht besserem Erfolg begleitet gewesen sei. In Berlin nun vermittelte ihm Varnhagen die Bekanntschaft des Professor Gubitz, der die in rein literarischen Dingen damals besondere Geltung besitzende Zeitschrist„Der Gesellschafter" herausgab, und in der letzteren veröffentlichte dann der junge Poet vom 7. Mai 1821 an eine Anzal feiner Gedichte, die durch ihren wild erregten, leidenschaftlichen Klang und ihre eigentümliche Form sofort nn- gewöhnliches Auffehen hervorriefen, sodaß sich der Chef der maurer'schen Buchhandlung, der Verleger des„Gesellschafter", daraufhin bestimmen ließ, die heine'schen Gedichte in Verlag zu nehmen, wenn auch, ohne dem Dichter dafür ein andres Honorar als vierzig Freiexemplare zu gewähren. Wenn diese Gedichte auch in ihrer Form zuweilen, z. B. durch den Gebrauch altertümelnder Wendungen und manche schon in ihren Stoffen den Zusammenhang der Entwicklung des Dichters mit der romantischen Schule nicht verkennen ließen, so waren sie im einzelnen doch wieder zu eigentümlich gehalten, als daß man die darin zum Ausdruck gelangende bedeutende Originalität des jungen Poeten hätte übersehen können. Mit dem einfachen Charakter des Volksliedes, welchem nachzuahmen sich die Roman- tiker Brentano, Fouquä und Arnim bestrebt— Heine hatte in dieser Hinsicht besonders von Uhland, dessen Lieder und Balladen er fchon ftühzeitig gelesen, prositirt—, vereinigten diese Lieder und Romanzen eine Leidenfchastlichkeit und Kraft des Inhalts, die ihren Grund in der Gewaltsamkeit und Macht des wirklich Erlebten, ihren Quell in dem stnrmbewegten, von den Qualen einer unglücklichen Liebe zerrissenen Herzen des Dichters hatten, entgegen der kunst- lich erzeugten Gefühlsduselei und den widernatürlichen Gedanken- verrenkungen der meisten Romantiker.(Fortsetzung folgt.) Eine verschollene Tugend. Streiflichter auf die Kultur der Vergangenheit und Gegenwart. Viele von unseren Leser kennen wol das Gedicht Seume's von dem„Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte", dabei aber ein Biedermann war vom Scheitel bis zur Sole. Besagte ehrliche Rothaut beweist durch die Gastfreundlich- keit, die sie einem bleichgesichtigen Pflanzer gewärt, welcher em hartherziges Scheusal gewesen sein muß, dieweil er den bei dem "schrecklichsten der Donnerstürme" an seinem Herde Schutz suchenden Wilden schnöde abgewiesen und höchst beleidigend beschimpft hat. Man ist gewöhnt, den roten Menschenbriidern in Nordamerika nicht viel Gutes zuzutrauen. Sie halten eine heftige Abneigung gegen alles, was Civilisation heißt, hartnäckig fest; sind zur all- gemeinen Menschenbrüderlichkeit weder in der Theorie gekommen, noch in der Praxis, wärend wir europäisch gebildeten Leute theo- retisch und wenn es weder etwas kostet, noch sonst Unbequemlich- leiten verursacht, uns, teilweise wenigstens, zu dieser schönen Lehre bekennen; sie sehen es durchaus nicht für unmoralisch an, gelegentlich über einen civilisirten Postwagen herzufallen, ihn anszuplündern und Mann und Maus darinnen todtzuschlagen oder wenigstens zum ewigen Angedenken zu skalpiren, wohingegen wir christlich- germanischen Deutschen z. B. es schon für garnicht schön erachten, wenn einer auf der Post einmal ein kleines Brieflein erbricht und sich in den Mitgennß des Gedankeninhalts setzt,—— kurz, sie unterscheiden sich recht zn ihrem Nachteile von uns, diese roten Lente jenseits des großen Wassers, deren Biederkeit der wackere Seume in dem erwähnten Gedichte ein Denkmal aere xerennins — dauerhafter, als wäre es von Erz— gesetzt hat. Um dem Kanadier sowol als unserm Seume gerechtzuwerden, müssen wir uns den Schluß des Gedichts noch einmal vor Augen halten: der Pflanzer hat sich auf der Jagd verirrt und findet nach langem Suchen in dieser Wildniß und zwischen schwarzen Felsenwänden,„über Stock und Stein, durch Tal und Bäche", endlich eine kleine Behausung, deren Insassen er um Obdach bittet: Konimt herein, versetzt der Unbekannte, Wärmt euch; noch ist Feuer in der Hüttel Und er führt ihn aus das Binsenlager, Schreitet finster trotzig in den Winkel. Holt den Rest von seinem Abendmahle, Hummer, Lachs und frischen Bärenschinken, Um den späten Fremdling zu bewirten. Mit dem Hunger eines Waidmanns speiste, Festlich wie bei einem Klosterschmause, Neben seinem Wirt der Europäer. Fest und ernsthaft schaute der Hurone Seinem Gaste spähend auf die Stirne, Der mit tiefem Schnitt den Schinken trennte, Und mit Wollust trank vom Honigtranke, Den in einer großen Muschelschale Er ihm freundlich zu dem Male reichte. Eine Bärenhaut auf weichem Moose War des Pflanzers gute Lagerstätte. Und er schlief bis in die hohe Sonne. Wie der wilden Zone wildster Krieger, Schrecklich stand mit Bogen, Pfeil und Köcher Der Hurone jetzt vor seinem Gaste, Und erweckt ihn, und der Europäer Griff bestürzt nach seinem Jagdgewehre; Und der Wilde gab ihm seine Schale, Angefüllt mit süßem Morgentranke. Als er lächelnd seinen Gast gclabet, Bracht' er ihn durch manche lange Windung Ueber Stock und Stein, durch Tal und Bäche, Durch das Dickicht auf die rechte Straße. Höflich dankte sein der Europäer; Finsterblickend blieb der Wilde stehen, Sähe starr dem Pflanzer in die Augen, Sprach mit voller, fester, ernster Stimme: Haben wir vielleicht uns schon gesehen? Wie vom Blitz getroffen stand der Jäger, Und erkannte nun in seinem Wirte Jenen Mann, den er vor wenig Wochen In dem Sturmwind aus dem Hause jagte, Stammelte verwirrt Entschuldigungen. Ruhig lächelnd sagte der Hurone: Seht, ihr fremden, klugen, weißen Leute, Seht, wir Wilden sind doch bessre Mensche»! Und er schlug sich seitwärts in die Büsche. Wie reimt sich nun die, möchte ich sagen, heroische Humanität dieser Gastfreundlichkeit zu der Wildheit, Sittenroheit und Gefül- losigkeit für fremdes Leid, wie sie den Jndianerstämmen, gleich allen Völkern auf ttefer Kulttirstufe, notorisch eigen ist? Wer sich das Antworten leicht zu machen gewohnt ist, wird geneigt sein, den menschenfreundlichen Dichter schlankweg der Erfindung oder um mindesten gröblicher Uebertreibnng zu zeihen. Solche Huronen ebten nur in Seume's Kopfe, wird er sagen; einem Menschen, den man nicht leiden kann, der einen schlecht behandelt hat, erweist ja nicht einmal ein Kulturmensch Woltaten, viel weniger ein Wilder. Aber so einfach ist die Sache doch nicht abzutun, denn— Senme brauchte sich die Huronen seiner Poesie nicht erst selbst zu schaffen, sondern fand sie wirklich wildwachsend vor in den Wäldem der britischen Besitzungen in Nordamerika, die er als von den Engländern dem Kurfürsten von Hessen abgekaufter und von dessen Werbern auf der Landstraße gestolener Soldat kennen zu lernen das Vergnügen hatte. Die Rothäute sind roh, furchtbar, tterisch roh— das ist eine unbestrittene Wahrheit; sie sind aber vielfach anch von einer weit über unsere Kulturbegriffe hinausgehenden Gastfteundlichkeit— das ist nicht minder wahr. Ein umherstreisender Indianer hat nicht nötig, auf eine Ein- ladnng zn warten, wenn er hungrig ist und vor einer fremden Jndianerwohnnng steht; er tritt ein, wenn es ihm so gefällt, ohne zu grüßen oder sonst ein Wort zu sagen, schaut sich nach Speisen um und Trank, sättigt sich und geht darauf von dannen, ohne auch nur die leiseste Notiz von seinem freiwillig unfrei- willigen Gastgeber genommen zn haben. Ist er müde, so legt er sich zum Schlafe nieder und zieht sich erst ebensowenig eeremoniös zurück, wenn er ausgeruht ist. Die Indianer sind übrigens keineswegs die einzigen Menschen, welche sich durch die Tugend der Gastlichkeit auszeichnen; letztere findet sich vielmehr bei den meisten kultnrarmen Völkern der Vergangenheit und Gegenwart. Als das, eine herrliche, leider nur viel zu rasch vorübereilende Zukunft verheißende, Frührot der altgriechischen Kultur über die nordöstlichen Gestade des Mittelmeers hin zu leuchten begann, stand dort jeder Fremde, den sein Weg an hellenischer Tür vorüberfllrte, unter dem Schutze des Zeus Tenios, des gastlichen Götterkönigs. Man fragte nicht, von wannen einer kam und wo er hinging, so wenig wie bei den amerikanischen Indianern, aber man ging ihm freundlich entgegen, bereitete ihm ein Bad, daß es ihn erquicke, lud ihn dann zum Male, das aus Fleisch, Brot und Wein bestand, ließ ihm von den sangeskundigen Dienern des Hauses von den Taten der Helden vorsingen, stellte ihm die Herrin des Hauses vor, die zwar nicht am Male teilzunehmen pflegte, sondern nur die Unterhaltung zu würzen kam, wärend sie gleichzeitig ihre häusliche Arbeit verrichtete. Erst wenn der Wein gesprächig gemacht, oft auch erst nach mehreren Tagen, fragt man den Fremdling nach Namen und Geschäft. Dann gönnt man ihm die Ruhe in der Halle des Hauses, wo aus weichen Lagerdecken für ihn eine Schlummerstätte bereitet wurde. Der Gast bleibt, solange es ihm gefällt, und wenn er scheidet, gibt man ihm freundliche Wünsche auf den Weg und ein Gast- geschenk, welches zur Erinnerung aufbewahrt wird und oft als Besieglung einer Art von Gastfreundschaftsvertrag auf Gegen- seittgkeit gilt. Auch bei unfern Vorfahren und ihren Nachbaren, den Ger- manen und Slawen, hielt man auf gastfteien Empfang der Fremden. Daß sie zumeist nicht so reich waren, als die homeri- schen Helden, stört sie dabei nicht. Ungenirt verzehrten sie mit dem Gaste, was sie hatten, dann aber machten Gast und Gast- geber gemeinschaftlich einen Besuch beim Nachbar und aßen und tranken dem alles auf, was er besaß, um dann, wenn die Zech- und Schmauselust sich garnicht besiegen lassen wollte, auch mit diesem noch ein oder einige Häuschen zu gleichem Zweck weiter- zuziehen. Tagelang währten so die Wandergelage unserer, wahr- scheinlich noch mit besseren Magen als wir ausgerüsteten Altvordern. Die Slawen strengten sich nicht weniger für den Gastftennd an; hatten sie nach ihrer Meinung nicht genug, um ihn gebührend zu bewirten, so legten sie sich eifrigst auf das Rauben und Stelen, damit der Gast ja nicht zur Klage Ursache bekäme. Von den vielen Völkern, welche bis in die letzten Jahrhnn- derte noch sich durch opferfreudige Gastfteundschaft auszeichneten, sind die unfern Lesern wenigstens dem Namen nach wohlbekann- testen die Tscherkessen. Ihr fteilich nach unfern Begriffen meist sehr ärmliches Haus stand dem Gaste völlig zur Verfügung; selbst die unverheirateten Töchter mußten ihm dtenen, ihn liebkosen, und suchten sich ihm besonders dadurch gefällig zu erweisen, daß sie gewissen Thierchen nachstellten, welche den Körper, und vor- nehmlich das Haupt des würdigen Freundes oft in unzälbarer Menge heimgesucht hatten und belästigten. Die den Tscherkessen benachbarten andern Kaukasusbewohner, die Osseten, jetzt noch im Westen des Kasbek wohnend, machen sich erst recht zum Sklaven des Gastes. Der Hausherr bedient stehend den Fremden beim Mal oder nimmt, wärend dieser ißt, als Schildwache mit einem Stock in der Hand vor dem Zelte platz. Bei anderen Völkern auf derselben Kulturstufe bedient der Wirt den Gast, ohne selbst mit ihm zu essen, wie bei den im Norden vom Kaukasus sitzenden Abchasen und den im Himalaya- land Kafiristan zwischen Ostindien und Afghanistan wohnenden Kafirs oder Schiaposch. Bei einigen ähnlich gesitteten Völker- stämmen darf der Wirt in Gegenwart eines Gastes nur das essen, was der Gast ihm zuwirft. Gleichzeittg entwickeln diese Völker bei der Fremdenbewirtung eine Zartheit der Rücksichtname, wie man sie kaum fitr möglich halten sollte. Weil im Himalaya die Gebiete verschiedner Religionsgemeinschaften aneinanderstoßen und ineinanderlansen, einzelne Religionen aber besonderen Borschrtt. 1 133 folgen beim Schlachten des Viehs, so bringt der Kafir dein nn- bekannten Gaste, nach dessen religiösein Bekenntnis zu forschen, er für ungastlich hält, das zur Verspeisung ausgewälte Schaf oder die Ziege lebendig, damit der Fremde sie nach dem Gesetze seiner Religion schlachten könne. Bei einer großen Zal von Völkern gehen die Pflichten der Gastlichkeit noch viel weiter. So bei den Bewohnern des zum nordamerikanischen Alaska gehörigen Katharinenarchipels, gleich- ivie bei den Tschuktschen und Korjaken im nordöstlichen Sibirien, bei einzelnen Stämmen der nordamerikanischen Indianer und selbst der arabischen Beduinen, bei denen die Frau des Gast- gebers gegen den Gast dieselben Pflichten zu erfüllen hat, als gegen den eignen Gatten. Bei den genannten sibirischen Stämmen gilt es sogar als eine schwere Beleidigung des gastlichen Hauses, wenn der Fremde nicht Gebrauch macht von den ihm durch diese Sitte eingeräumten Rechten. Auch der Brauch des Geschenkgebens an den abziehenden Fremden, welchen wir bei den Griechen fanden, bestand und besteht heute noch bei vielen Völkern. Unsre deutschen Ahnen erlaubten sich nicht einmal, die Geschenke selbst auszuwälen, sondern über- ließen das dem Gaste selbst— er mochte uehnien, was ihm gefiel. Und den meist christlichen Bewohnern der in neuester Zeit viel- genannten Samoainseln tut selbst die Weisung des Neuen Testa- ments nicht genüge: So du zween Röcke hast, so gib den einen dem, der keinen hat. Sie ziehen ihr gutes Kleid vom Leibe, falls sie eins haben, und tauschen es ein gegen das schlechte Gewand des ihre Gastfreundschaft ansprechenden Reisenden. Vielleicht werden die Leser meinen, all' diese Gastlichkeit reiche immer noch nicht an den Edelmut hinan, den der seume'sche Hurone bewiesen habe, indem er seinem persönlichen Feind Obdach und Schutz gewährt habe. Aber grade dies ist die Krone des gastlichen Benehmens der meisten wilden Völker, daß sie auch Feinde, Todfeinde sogar, so behandeln, wenn sie Schutz suchend an die Pforte des Hauses klopfen. Chamisso's Gedicht„Corsische Gastfreundschaft" hat einen nicht minder reellen Hintergrund, als das oben citirte seume'sche. Die Blitze erhellen die finstre Nacht, Der Regen strömt, der Donner kracht, Der mächtige Wind im Hochwald saust, Der wilde Gießbach schwillt und braust. Und düsterer noch, als der nächtliche Graus, Starrt Rocco der Greis in die Nacht hinaus, Er stehet am Fenster und späht und lauscht, Und färt zusammen, wcnn's näher rauscht. „Der Bote muß es, der blutige, sein. Du bist es, Better Giuseppe?— Nein!— Die Zeit ist trag— es wird schon spat— Ist solche Nacht doch günstig der Tat. „Du, Polo, bringst uns selber dein Haupt, Hast thöricht die Rache schlafend geglaubt, Hast her dich gewagt in unsern Bereich, Die Rache wacht, das crsärst du gleich. „Du kommst dort über den Gießbach nicht. Euch Schütze» geben die Blitze Licht; Geschmähet seid ihr— trefft ihn gut! Wascht rein die Schmach in seinem Blut!" Da pocht's an die Tür', er fährt empor, Er öffnet schnell— wer steht davor?— »Du, Polo?— zu mir?— zu solcher Zeit? Was willst du? rede."„Gastlichkeit. Die Nacht ist schaurig, unwegbar das Tal, Es lauern mir aus die deinen zumal."— »Ich weiß dir Dank, daß würdig du hast Von mir gedacht: Willkommen mein Gast." Er sürt ihn zu den Frauen hinein lind heißt sie ihm bieten Brot und Wein; Sie grüßen ihn staunend, gemessen und kalt; Die Hausfrau schafft ohn' Aufenthalt. Sobald er am Herd sich gewärmt und gespeist, Erhebt sich Rocco, der folgen ihn heißt, Und sürt ihn selbst nach dem ober» Gemach: „Schlaf' unbesorgt, dich schirmt mein Dach." Er steht, wie im Osten der Morgen graut, Bor seinem Lager und rufet laut: Wach' aus! steh' auf. es ist nun Zeit; Ich gebe dem Gast ein sich'res Geleit." Er reicht ihm den Imbiß und führet alsbald Ihn längs des Tals durch den sinstern Wald Und über den Gießbach die Schlucht hinan, Bis oben auf den freieren Plan. „Hier scheiden wir. Nach Corsenbrauch Hab' ich gehandelt; so tätest du auch; Die Rache schlief; sie ist erwacht: Nimm fürder vor mir dich wol in acht." Chamifso hat den Gegenstand seines Gedichts also auch tat- sächlichen Verhältnissen entlehnt, gleich Seume. Vorgänge, wie der von ihm im Jahre 1836 poetisch geschilderte, kommen heute noch vor ans der hochromantischen Insel des Mittelmecrs, welche dem furchtbarsten Krieger der Neuzeit, Napoleon Bonaparte, das Leben gegeben. Dem Todfeinde, welchem eine Sippe die Vendetta, die Blutrache, erklärt hat, gewährt sie ohne Weigern Unterkunft und unverbrüchlichen Schutz, sobald er den geheiligten Bann des Hauses seiner Feinde einmal erreicht hat. Jenseits einer gewissen Grenze, hier der Gießbach, ist der Feind wieder der Rache ver- fallen, aber erst muß ihn sein Wirt in Sicherheit gebracht haben, er muß dessen Augen unversehrt entschwunden sein, bevor die Vendetta in ihr altes Recht tritt. Genau dieselben Bräuche, und ebenso scharf ausgeprägt, finden wir bei südamerikanischen Jndianerstämmen, z.B. bei denGoajiros, bei denen der Feind, wenn er erst in die Hütte eingedrungen ist, ohne daß ihn Pfeil oder Kugel erreicht hat, feierlich und freund- lich aufgenommen und bewirtet werden muß. Und wieder tritt uns hier ein Zug besonders zarter Rücksichtname vor Augen: gar oft nämlich verhüllt der Wirt sein Gesicht vor dem Gaste, damit diesen ja kein Blick des Hasses treffe. Auch bei nord- amerikanischen Indianern ist eine ähnliche zeitweilige Aufhebung der Todfeindschaft durch das Gastrecht im Schwang, wenn sie auch nicht grade so heilig gehalten und ausnamslos streng de- obachtet wird, als bei den soeben genannten Völkern und neben diesen bei den Arabern, den Kaukasusvölkern und den Kirgisen. Wol bei diesen allen, insbesondere aber bei den Bewohnern des Kaukasus, erstreckt sich der wirkliche Schutz über die Mauern des Hauses, ja selbst über das Weichbild des Dorfes hinaus, wenn der Wirt den feindlichen Gast begleitet oder ihm ein Zeichen seines Schutzes mitgibt, so auch bei den afrikanischen Takun, bei denen der Stab des Gastgebers als Sicherheitspaß gebraucht wird. Wird der Gast Wärend der Dauer des wirklichen Schutzes getötet, so kommt bei verschiedenen Völkern, z. B. den Tscherkcsscn, dem Wirte und seiner Familie die Pflicht der Blutrache zu, bricht der Wirt selbst die Gastfreundschaft, so übt bei Tscherkessen und Osseten die Dorfgemeinde die Gerechtigkeit der Strafe, welche letztere meist in der durch Herabstürzen von einem Felsen geübten Todesstrafe besteht. Zu verschiedenster Zeit und bei verschiedensten Völkern finden sich gesetzliche Verordnungen sowie eine Organisation gastlicher Fremdenbewirtung und Beschützung gewissermaßen embryonal, im Keime, vor. So bei den Burgundern, welche ursprünglich in den Fluß- gebieten der Netze und Warthe saßen und im fünften Jahrhundert nach Chr. zwischen den Alpen und Cevennen ihr vom Mittelländischen Meer bis zur Champagne hinaufgehendes Reich grün- deten. Bei ihnen wie bei den chinesischen Mongolen bestrafte das Gesetz die Versagung der Herberge mit schwerer Buße, bei den Burgundern in Geld, bei den Mongolen in Sieg. In Samoa hat bei zalreicherem Fremdeubesuch— nicht selten geschieht es, daß ganze Stämme solche Visiten abstatten �bie ganze Gemeinde einzutreten. Aus jeder Familie werden Mit- glieder ausgewält, ivclche für denjenigen Teil der Lebensniittel zu sorgen haben, der von einem imt dieser Aufgabe betrauten Häuptling als auf jede Familie fallend bezeichnet wird. Hat dem Stamme ein vornehmer fremder Häuptling die Ehre seines Besuchs geschenkt, so überreichen ihm alle Mitglieder des Stammes ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, in feierlicher Gänsemarsch- Prozession bei ihm vorbei paradirend, die betreffenden Nahrungs- mittel, indem sie sie eines»ach dem andern vor ihm auf die Erde legen. Bei anderen, vorzüglich bei afrikanischen Negervölkern, über- trägt die Gemeinde ihrem Häuptling die Pflicht der Fremden- beherbergung, und gibt ihm dafür eine Abgabe, entweder einen größeren Anteil an der gemeinsamen Ernte, bei Einzelwirtschaft einen Fruchtzehnten u. dgl. Da, wo die Beherbergung der Fremden durch die Gemeinde geschieht, werden dieselben häufig im Bersammlungshaus des Dorfes untergebracht; so auf den polynesischen Inseln und den Fidfchiinseln u. v. a. Die Fidschiinsulaner widmen auch ihre Tempel diesem Zwecke. Noch weiter vorgeschritten sind die Be- wohner von Madagaskar, die von Beludschistan, die der Insel Dahlak im Rothen Meer, welche gleich den Kretenscrn im griechi- schen Altertum eine besondere Gasthütte oder ein Gasthaus auf Gemeindekosten errichtet hatten, welches den Fremden zu Gebote stand. Bei einzelnen Kaukasusvölkern, z. B. den schon genannten Osseten und Abchasen und bei den Armeniern erbauen solche Gast- behausungen die reichen Stammmitglieder auf eigne Kosten, Wärend die etwas weniger bemittelten gradeso gut wie die wolhabenderen Mitglieder der Kulturvölker meistens besondere Zimmer in ihren Wohnhäusern, Besuchszimmer, für Fremde in Bereitschaft halten. Ein weiterer Kulturfortschritt, welchen das Bewußtsein gast- licher Pflichten veranlaßt hat, war es ohne Zweifel, wenn die in kulturhistorischer Beziehung so überaus bedeutsamen Religionen, die im Schöße der asiatischen Völker nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren weitaus überwiegenden Ver- breitungskreis gefunden haben, die Religion Buddha's, die per- fische Religion des Zoroaster und die des Muhamed, es nicht nur für eine religiöse Pflicht erklären, den Reisenden Obdach und Erquickung zu gewähren, sondern auch Wege zu bauen und die Wege in gutem Stand zu erhalten. Die Perser machen Brunnen an den Landstraßen zum Gegen- stände frommer Gelübde; auf Ceylon findet man an den Straßen mächtige Krüge mit Wasser gefüllt— hier wie dort sind Becher an den Brunnen oder an dem Krug befestigt. Auch der Buddhis- mus empfiehlt das Graben von Brunnen zu Nutz und Frommen der Reisenden. Aus demselben menschenfreundlichen Pflichtgefül sind die Vor- bilder unsrer Chaussee-Alleen entstanden. Die bezüglichen Be- stimmungen der orientalischen Religionen verlangen die Bepflan- zung der Landwege mit Bäumen, damit die Reisenden vor der Sonne Brand geschützt seien und Früchte ihren Hunger und Durst stillen möchten. Auch bei den alten Griechen standen die Früchte der Obst- Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drit (XI. Herr Metzig übernachtet bei mir.— Der Besuch von Hanna Wunder.) „Was ist Ihnen, Herr Metzig? Womit kann ich Ihnen helfen,— Ihnen muß etwas Furchtbares geschehen sein!" „Ich— mir?" stotterte er.„Gott bewahre— mir ist gar- nichts geschehen—" „Aber Sie sind ganz bleich--" „Ich, Gott bewahre, aber Sie, Herr Doktor, Sie sind gewiß— krank, schwer krank, Sie glühen ja förmlich, als wenn, als wenn Ihr ganzes Blut Ihnen im Kopfe steckte,— ich will Ihnen zur Ader lasten, wenn Sie gütigst erlauben--" Er hatte nicht unrecht. Alles Blut drängte mir zum Kopfe, meine Stirn- und Schläfenadern waren hoch angeschwollen und hämmerten um die Wette,— aber was ging das den Raseur an? „Ich danke Ihnen für den guten Willen," sagte ich abweisend. „Mir fehlt nichts. Aber was Ihnen fehlt und was Sie hier wollen, Herr Metzig, möchte ich nun gern wissen." „Nun, Herr Doktor, zunächst ein fröhliches, gesundes Neu- jähr." Er sah wie in größter Verlegenheit im Zimmer umher, suchte in seinen Taschen und tat ganz wie ein Mensch, der keine Ahnung hat, was er selbst eigentlich will.„Ich— ich habe nämlich meinen Hausschlüssel vergessen——" „Und?" „Und— ich, nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Doktor, da wollte ich Sie bitten, Herr Doktor, ob ich nicht vielleicht bei Ihnen übernachten könnte." Er athmete auf und pustete laut, als dies Anliegen heraus war. Mir war, als ob ich einen Irrsinnigen vor mir hätte. „Bei mir übernachten? Wol in meinem Bette, Herr Metzig?" „Ach Gott, was Sie von mir denken, Herr Doktor. Ich lege mich, wenn Sie mir erlauben, auf die Decke im Vorsaale, die Fußbodendecke, und nehme eine Kiste unter den Kopf, oder was Sie sonst wollen, nnd ich hätte Sie ganz gewiß nicht gestört, wenn draußen nicht ein Hundewetter wäre nnd in meinem Hanse bäume am Wege dem Wanderer zum Genüsse frei; auf Otahaiti sind ganze Wäldchen von Kokospalmen in gewissen Zwischen- räumen an den Landstraßen angelegt, welche dem Staate gehören und der Absicht dienen, mit der der Kokosnuß entquellenden erfrischenden Milch, die in den älteren Nüssen zum Haselnuß- artigen Eiweißkörper des Kokosnußkerns erhärtet, den Wanderer zu laben. Ebenso gehören auf den Samoainseln die Kokosnüsse an den Wegen den Reisenden, denen es hier auch erlaubt ist, im Not- falle Bäume zu fällen und nach Belieben zu benutzen; und in Armenien unterhalten reiche Landeigentümer ganze Obstgärten ausschließlich oder hauptsächlich zur Benutzung der Wanderer. Bei einer Reihe von Jndianerstämmen kann der Fremde seinen Hunger an den Speiscopfern stillen, welche den Göttern durch Niederlegen am Wege dargebracht werden. Dafür hat er nur irgendetwas anderes, sei es an Wert noch so gering, hinzulegen, am besten Tabak. Merkwürdig ist, daß dieser indianischen Sitte eine altgriechische vollkommen entspricht: man legte vor den an der Straße stehenden Götterstatuen Speisen nieder, die zu genießen nur dem hungrigen Wandersmann nicht zur Sünde angerechnet ivurde. Aber nicht allein die Beherbergung, Bewirtung und Beschützung der Fremden ist bei fast allen weniger hochcivilisirten Völkern, als wir zu sein uns rühmen können. Brauch, selbst Gesetz, sondern bei vielen ist es sogar ausgesprochene und ängstlich festgehaltene Sitte, dem Fremden mit freundlichem, liebevollen Benehmen ent- gegenzukommen. Dies finden wir wiederum in Altgriechenland, ferner in Irland und gegenwärtig noch auf den mehrerwähnten Samoainseln. Die Tugend der Gastfreundlichkeit führte also mehr als jede andre Tugend ihren Namen mit der Tat und wäre sicherlich wert gewesen, von unsrer Kultur nicht so gänzlich bis auf wenige sparsame Ueberreste ausgerottet zu werden. Aber diese Tugend ist, und wird bleiben, verschollen,— kalt und teilnahmslos treibt der riesig gesteigerte Verkehr die Menschen aneinander vorbei und läßt dem Gemüt nicht Zeit, zu Atem und zu seinem Rechte zu kommen. der Klopfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. K. ein Hausmann wäre, der niich hereinlassen könnte. Ich weiß, Sie müssen mich für einen unverschämten Kerl halten, aber ich sah Licht bei Ihnen, Herr Doktor, und Ihr HauSmann kam grade auch nachhause, und da dacht' ich, so ein Plätzchen, wie einem müden Hundeköter würden Sie mir auch gönnen,—'s ist wirklich en Wetter, bei den, man nicht gern einen Hund vor die Tür jagt, und wir Barbiere sind doch auch so'ne Art Menschen—" Was konnte ich thun? „Legen Sie Sich hier aufs Sopha, Herr Metzig,— da ist ein Kissen unter den Kopf,— hier sind Decken. Wenn Sie einen Schluck Wein wollen, so nehmen Sie diese halbe Flasche, welche von meinem Abendessen übrig ist; auch essen können Sie noch ein paar Bissen. Wenn Sie aber großen Hunger haben, so tut's mir leid, darauf war ich nicht eingerichtet. Gute Nacht, Herr Metzig!" Er dankte mir dutzendmal und hielt noch eine lange Rede, um die ich mich nicht kümmerte. Ich schloß inzwischen die Tür. welche in den Borsaal führte, so fest als möglich ab; denn ich hegte den lebhaften Wunsch, meinen Raseur vor jeder Geister- oder Körpererscheinung nach Kräften zu schützen. Herrn Metzig tat ich damit offenbar einen persönlichen Gefallen, denn er rieb sich, sehr im Gegensatz zu seinem bisherigen auffällig verlegenen und ängstlichen Gebahren, vergnügt die Hände, als er mich das zweitemal herumschließen hörte, sagte:„Also mit Ihrem gütigen Verlaub, Herr Doktor!" und schenkte sich ein Glas Wein ein, das er dann mit einem Zuge auf meine Gesundheit leerte. Der arme Teufel mußte wirklich arg gefroren haben;— er flößte mir Mitleid ein, daher klang das erneute„Gute Nacht!", ivelches ich ihm sagte, als ich mich selbst zur Ruhe legen wollte, viel freundlicher, als das erste. �„Ach, noch eins, Herr Doktor!" rief mir der unermüdliche Schwätzer nach, als ich schon die Tür in mein Arbeitszimmer hinterjnir schließen wollte.„Nur eine ganz kurze, aber gewiß interessante Nachricht. Nächsten Sonntag, also überübermorgen, wird wieder ein großer Geisterspuk bei Cannabäussen los sein, die Alte hat's gesagt— die alte Hanne." Ich sagte nichts weiter, als:„So!" und schloß die Tür hinter mir ad. Die Nachricht war mir allerdings interessant. Da mußte sich's ja entscheiden, ob der Magnetiseur meinen Untersuchungen freien Spielraum lassen wolle oder nicht. Aber nur einen Augen- blick vermochte dieser Gedanke meine Aufmerksamkeit zu fesseln, dann brach mit verstärkter Gewalt wieder die Erinnerung an sie, an meine Zauberin, die mir heute nur erschienen war, um so- gleich wieder zu verschwinden, hervor. Ich warf mich nur halb entkleidet auf mein Lager,— ich dachte und träumte von ihr und von ihr allein. �. * Als ich am folgenden Tage zu noch ziemlich früher Stunde in mein Empfangzszimmer trat, war Herr Aloys Metzig, mein Gast, schon verschwunden. Kunz berichtete mir, der Raseur lasse mir unterthänigst danken, er hätte ausgezeichnet geschlafen. Dem guten Jungen war es augenscheinlich höchst rätselhaft, was der Barbier Wärend der Nacht bei mir zu schaffen gehabt hätte. Ich würde jedoch seine Neugier natürlich auch dann nicht befriedigt Hans Sachs und die Meistersinger.(Bild Seite 128—29.) Als unter der Herrschast der Hohenstaufen Minnesang und Ritterdich- tung an den Hosen der österreichischen Herzöge zu Wien und an dem User des schwäbischen Meeres widertönte, ging ein freudiges Singen und Klingen durch alle Schichten des deutschen Volkes. Das Ritter- tum und die Kirche, ja selbst gekrönte Häupter, wie der Stause Heinrich der Sechste und der böhmische König Wenzel der Zweite, suchten und fanden Anerkennung in der Ausübung der Dichtkunst. Aber auch das Volk ging in dem edlen Wettstreit nicht leer aus. In den srischaus- blühenden Städten entfaltete sich Industrie und Handel, der sich in der durch die Kreuzzüge und Römerfahrten vermittelten Bekanntschast und Verbindung mit den italischen Handelstädten bereicherte und erweiterte und dem Kaufmann und Handwerker zu einer einflußreichen Stellung im Staate verhalf. Der wachsende Wolstand suchte die Genüsse des Lebens, worunter damals in erster Linie die Pflege der Dichtkunst ge- hörte, sich eigen zu machen. Die beiden Gegner, Wolfram von Eschen- bach und Gottsried von Straßburg, weckten die selbständige Bolkskraft. Die Nachwehen der Kreuzzüge, welche über sieben Millionen Menschen verschlungen und andere Millionen an den Bettelstab gebracht, und die Pest(1348), der schwarze Tod genannt, machten' dieser Herrlichkeit ein Ende. Geselligkeit, Schönheitskultus, Lebensfreude— alles war dahin. Alles Irdische ist Rauch, Frau Welt, scheinbar so schön und lockend, ein scheuslicher Leichnam, ein Madensack, sang damals Heinrich von Melk.— Als das höfische Minnelied verstummt war, ging die Kunst von den Rittern aus die Handwerker über. Die Schulen der Meister- singer prägten der Dichtung einen trockenen lehrhaften Charakter in verkünstelte» Formen auf, wärend das Volkslied durch Ursprünglichkeit allgemeine Anerkennung gewann und bei den niederen Klassen der Be- völkerung treue Pflege fand. Der Meistersinger hohe Schule wurde Mainz und die Töchterschulen Nürnberg und Straßburg. Der Sprüch- Wortsammler und fahrende Sänger Michael Behaim, der Wappenmaler Hans Rosenplüt und der Barbier Hans Folz, die um 1439— 60 l.-bten, sind als die eigentlichen Gründer des Meistergesangs zu betrachten, ob- zwar eine alte Tradition den Ursprung desselben in die Zeit des beut- schen Kaisers Otto des Ersten(962) verlegt. Der fruchtbarste wie der bedeutendste aller Meistersänger ist aber Hans Sachs, über dessen Lebenslauf unsere Leser in Nr. 2 des Jahrgangs 1880 der„Neuen Welt" nachschlagen mögen. Obzwar mit wirklichem Dichtcrtalent ausge- stattet, behandelte er alle Formen der Poesie im Sinne der Rcfor- mation, d. h. mit nüchterner Einförmigkeit und gesuchter Reimerei, aber niemand kann es ihm verübeln, daß er der Sohn seiner Zeit war. Unser Bild stellt den poetischen Schuster dar, wie er seinen Freunden einen seiner Schwänke, die stets mit einer Sittenpredigt endigen, vor- liest. Ihm zur Seite sitzt der Schlosser Conrad Nachtigall, der selbst so sehnsüchtig und klagend zu singen verstand, daß er seinen Namen wol mit Recht führte. Hinter dem Schlosser lehnt an der Wand der würdige Lehrer des Hans Sachs, der sangcskundige Leineweber Leon- hard Nunnenbeck. Der gestrenge„Merker der Tabulatur", Glocken- gießcr Adam Beckmesser raunt dem Kaufherrn Behaim ins Ohr, daß sich Meister Hans Sachs in einer Silbe„versungen". Die aufmerk- samen Zuhörer im Hintergrunde sind Fritz Kothner und der lunge Behaim, zwei hoffnungsvolle Singeschüler. Die Mutter mit dem Kind � ist Sachsens zweite Frau, die schöne Barbara Harscherin, die der rüstige Sechsziger im„Frawenlob" poetisch verherrlichte. Das sinnende Mädchen, das in der Rechten eine Blume hält, ist Jungfer Eva, eine glühende Verehrerin der Muse des Hans Sachs. Den Abschluß un- seres Bildes soll der lyrische Schusteriunge David machen, den der Maler mit etwas modern angehauchtem Weltschmerz ausgestattet hat. Eine solche Schwärmerei kommt wol bei Schusterjungen selten vor. Richard Wagner, der den David in seinem Musikdrama„Die Meister- singer zu Nürnberg" ebenfalls verewigte, hat ihn seinem ursprünglichen haben, wenn ich weniger mit meinen eigenen Angelegenheiten be- schäftigt gewesen wäre. Aber noch jemand anders wünschte Auskunft über den sonder- baren nächtlichen Besuch. Hanna Wunder, die alte Dienerin des Magnetiseurs, ser- virte mir mein Frühstück zum erstenmale selbst. Kunz habe einen eiligen Gang zu machen gehabt für den Herrn, sagte sie, und damit ich nicht zu warten brauche, käme sie. Mir kaut dieser angebliche Zufall sehr gelegen; auch zum erstenmale fragte ich sie nach dem Befinden Athanasias. Die Alte sah mich forschend an und sagte dann, dem Fräulein ginge es gar nicht gut.— Die Berichterstatterin schaute sich dann um, als Ivollte sie sich vergewissern, daß uns niemand belausche, darauf fuhr sie leise und geheimnißvoll fort: zwar sei das Fräulein so heiter und schiene so glücklich, wie sie schon lange nicht gewesen, aber diese Heiterkeit habe etivas ganz llnheimliches an sich und sie habe ihr auch anvertraut, sie wolle und werde nun ganz gewiß bald sterben— das im Verein mit noch etwas anderem, was sie der Alten nicht sagen dürfe, mache sie glücklich und zufrieden. (Fortsetzung folgt.) Element, dem derben Humor, wiedergegeben.— Das Wirken des Hans Sachs bezeichnet die Blütezeit des Meistergesangs und doch fiel er kurz nach seinem Tode gleich Shakespeare einer gründlichen Verachtung bis zur späteren Ehrenrettung durch Ranisch und Goethe anheim. Die Buchführung der Nürnberger Meistersinger, worin auch die meisten Fabeln, Kirchenlieder, Allegorien und biblischen Erzählungen des Hans Sachs verzeichnet waren, ist im Jahre 1799, wie so manches andere in Nürnberg spurlos verschwunden. Glücklicherweise hat man Sachsens Werke in einer Spezialausgabe später aus der Stadtbibliothek vorge- sunden. Sie werden immer als Sinnbild des geistigen Emporkommens des Handwerkerstandes gelten.— Obzwar die Meistersinger die züns- tige Gesetzmäßigkeit ihrer Kunst auf zwölf Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts zurückführten und ihr Gesetzbuch, Tabulatur genannt, aus den Werken der Dichter Wolfram von Eschenbach, Conrad von Würzburg, Reinmar von Zweier, Klingsor, Ofterdingen und Heinrich Frauenlob ableiten wollten, so dürfte doch nur der letztere mit dem Schmied Bartel Regenbogen die erste Singer-Jnmmg im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts in Mainz gestiftet haben. Die Verbreiter des Meistergesangs, Behaim, Rosenplüt und Folz haben wir schon oben genannt. Noch im Laufe desselben Jahrhunderts entstanden Meister- singeschnlen in Straßburg, Frankfurt, Würzburg, Zwickau und Prag, im nächsten Jarhundert in Augsburg und Nürnberg, und wieder hun» dert Jare später in Kolmar, Regensburg, Ulm und München. Aus- läufer des genossenschaftlichen Verbandes drangen östlich bis Steier- mark, Mähren und Schlesien und nördlich bis Magdeburg und Danzig, aber überall war man mit peinlicher Sorgfalt bemüht, die Statuten der hohen Schule von Mainz einzuführen, deren Tabulatur� als Dogma galt. Wem die Tabulatur noch nicht geläufig war, hieß Schüler; wer sie kannte, Schulfreund; wer einige Töne zu singen verstand, Singer; wer nach fremden Tönen Lieder machte, Dichter; wer einen neuen Ton erfand, Meister. Diese Töne oder Weisen hatten wunderliche Bezeich- nungen wie z. B. des Regenbogen güldener Ton, der Müglcn langer Ton, der blaue oder rothe Ton, die Gclbveigleiuweis, die gestreifte Saffranblümleinwcis, die gelb Löwenhautweis, die verschlossene Helm- weis, die kurze Affenweis, die fett Dachsweis. Die Versarten hießen Gebäude, der Strophenbau Bar und die Strophen Gesätze. Daß die Erfindung neuer Töne und neuer Strophenformen nach und nach zur Hauptsache im Meistergesang wurde, und dieses mühsame Reimezu- sammenschweißcn vorwiegend biblische Erzählungen behandelte, ivar die Ursache der erkünstelten Form und des lehrhaft hausbackenen Wesens des Stoffes. An die Stelle der ritterlichen Uebcrschwenglichkeit der Minnesänger trat die nüchterne Verständigkeit der Meistersinger. Seit Karl der Vierte die Meistersinger mit Jnnungsrechlen und Freibriefen begabt hatte, mehrten sich die Singeschulen ungemein und die Lieder- kunst wurde gewerbsniäßig behandelt, bis die Meistersingerei zum leeren Schaugepränge wie etwa unser Concertwesen wurde; Beweis davon, daß bei Lebzeiten des Hans Sachs Nürnberg 259„Meistersänger" aus- zuweisen hatte. Auch an der Kritik in unserem heutigen Sinne selte es nicht, welche als Gemerk, bestehend aus dem Büchsenmeister, Schlüssel- meister, Merkmeister und Kronenmeister die Uebungeu leitete, um die Feier der vorgetragenen Stücke anzunierken, das Urteil über die Sänger zu sprechen und denselben die Preise zuzuerkennen. Der erste Preis bestand in einem aus Goldblech geschlagenen Bilde des Königs David, der zweite aus einem Diadem von Silberblech, der dritte aus einem Kranz von seidenen Blumen. Die Lieder wurden singend, jedoch ohne Musikbegleitung aus dem Singest»! vorgetragen. Wer„versungen" hatte, mußte den Stul verlassen, wärend derjenige, der„in der Kunst glatt" war, von dem Kronenmeister mit dem Preise ge- schmückt wurde, den die Merker ihm zuerkannten. Das„Schulsingen" fand alle Sonntage im Rathause, die„Fest-Schule" jedoch nur drei- mal im Jare, zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten in der Kirche 136 statt. Mcistcr, Dichter, Singer, Schnlfreimde und Schüler waren an solchen Feiertagen versammelt, die ehrsame Verwandtschaft, Männer und Frauen, gegenwärtig, um manches reiche Muttersöhnchen mit den geistigeil Erzeugnissen eines armen Schluckers prunken zu hören.— Wie einst die Pest und die Kreuzzüge, welche Burgen und Weiler ver- ödeten, den Minnegesang verstummen machten, so hat der dreißig- jährige Krieg, der den Wohlstand der Städte vernichtete, die Singe- schulen entvölkert. Schon als Luthers Zeitgenossen, die sorgsamsten Pfleger des Meistersingens, welche zumeist der neuen reforniatorischen Kirchenlehre zugetan waren, dahin starben, schwand die geistige Bedeu- tung des Meistergesangs. Als auch Handel und Gewerbe durch fast unerschwingliche Kriegskontributionen gehindert waren und die deutschen Städte durch das 17. und 13. Jahrhundert ein kümmerliches Dasein fristete», war der Geist des Volkes ein zu entarteter, als daß es je zu einem nachhaltigen Aufschwünge der Singekunst hätte kommen können. Das Kind des einst kräftig blühenden Städtewesens siechte dahin, wenn auch einzelne Singeschulen ihre Tätigkeit still und treu bis tief ins 18. Jahrhundert und später fortgesetzt haben, wie denn z. B. in Ulm noch 1330 zwölf alte Meistersinger vorhanden waren, von denen am 21. Oktober 1339 die vier zuletzt übriggebliebenen den alten Meister- sang feierlich beschlossen und ihr Inventar dem Ulmer Liederkranz ver- macht haben.— Künftige Kultur- und Literarhistoriker werden es den Meistersingern hoch anrechnen, daß diese ehrsamen Handwerker zu einer Zeit, wo es die zünftigen Gelehrten unter ihrer Würde hielten, für das Volk zu schreiben, in ihrem Kreise manchen Keim der Bildung gepflanzt und gepflegt haben. Ehre ihrem Andenken, das uns die merkwürdigste Erscheinung der deutschen Geistesgeschichte vermittelt. Die Sänger der Blüte-Epoche unter den Hohenstaufen haben gleich den geistigen Ti- tauen des zweiten goldenen Zeitalters der deutschen Literatur mit der herrlichsten Schönheit der hellenischen Welt Unerreichtes gezeugt, aber an gcmüthlicher Hingebung an den Gegenstand und Wärme des Ge- fühls haben sie die Meistersinger nicht übertroffen. Dr. M. T. Die„Stümper" Mozart und Beethoven. Mozarts„Don Juan" wurde in Berlin zum erstenmale am 20. Dezember 1790 im Nationalteater aufgeführt. Bald darauf erschien in der„Berliner Chronik" eine Kritik, aus welcher wir der Seltsamkeit wegen folgende Stelle hervorheben:„Mozart wollte in seinem ,Don Juan' etwas Außer- ordentliches schreiben, so viel ist gewiß, das Außerordentliche ist da, aber nicht das Unnachahmliche und Große! Grille, Laune, Stolz, aber nicht das Herz waren ,Don Juans' Schöpfer-- dessen Ausgang so ziemlich analog ist mit einer Schilderung des jüngsten Gerichts, wo, wie Seifenblasen, die Gräber ausspringen. Berge platzen und der Würgengel mit der Schreckenstrompete zum Aufbruch bläst" u. s. w. Beethovens„Fidelis" wurde zum erstenmale in Wien im Theater au der Wien am 20. November 1804 ausgeführt und fand in der „Allgemeinen musikalische» Zeitung" nachstehende Beuriheilung:„Das Merkwürdigste unter den musikalischen Produkten des Monats November war wol die schon lange erwartete becthoven'sche Oper.Fidelis' oder .Die eheliche Liebe', welche sehr kalt ausgenommen wurde. Wer dem bisherigen Gange des beethoven'jchen sonst unbezweiselten Talentes mit Aufmerksamkeit und ruhiger Prüfung folgte, muß etwas ganz anderes von diesem Werke hoffen, als gegeben worden. Beethoven hatte bis jetzt so manchmal dem Neuen und Sonderbaren aus Unkosten des Schönen geopfert; man mußte also vor allem Eigenthümlichkeit, Neu- heit und einen gewissen originellen Schöpsungsglanz von diesem seinem ersten teatralischen Singprodukte erwarten— und gerade diese Eigen- schaften sind es, die man am wenigsten darin antraf. Das Ganze, wenn es ruhig und vorurteilsfrei betrachtet wird, ist weder durch Er- findung noch durch Ausführung hervorstechend. Die Ouvertüre besteht aus einem sehr langen, in alle Tonarten ausschweifenden Adagio, woraus ein Allegro aus O-Dur eintritt, das ebenfalls nicht vorzüglich ist, und mit andern becthoven'sche» Jnstrumentalkompositioneii— auch nur z. B. mit seiner Ouvertüre zum Ballet,.Prometheus', keine Ver- gleichung aushält. Den Singstücken liegt gewöhnlich keine neue Idee zum Grunde, sie sind größtentheils zu lang gehalten, der Text ist un- aufhörlich wiederholt, und endlich auch zuweilen die Charakteristik auf- fallend verfehlt— wovon man gleich das Duett im dritten Akte, G-Dur, nach der Erkenntnißszene zum Beispiele anführen kann. Denn das immer laufende Akkompagnement in den höchsten Violinkorden drückt eher lauten, wilden Jubel aus, als das stille wehmüthig-tiefe Gefühl, sich in dieser Lage wiedergesunden zu haben. Viel besser ist im ersten Akte ein vierstimmiges Kanon gerathen, und eine effektvolle Diskant- arie aus D-Dur, wo drei obligate Hörner mit einem Fagotte ein hüb- schcs, wenngleich zuweilen etwas überladenes Akkompagnement bilden. Die Chöre sind von keinem Effekte, und einer derselben, der die Freude der Gefangenen über den Genuß der freien Lust bezeichnet, ist offenbar mißrathen. Auch die Ausführung war nicht vorzüglich, sodaß die Oper nach zweimaliger Aufführung vom Repertoire verschwand." Armer Beethoven! Deine Zeitgenossen haben an dir sowie an Mozart kein gutes Haar gelassen und doch sind heute alle Musikver- ständigen, mit Ausnahme derer von Rio Janeiro, die jüngst den „Don Juan" auspfiffen, darüber einig, daß„Don Juan" und„Fidelis" das Vollendetste bieten, was wir an dramatischer Musik besitzen— selbstverständlich Wagners Musikdramen nicht mitgerechnet. Was wird man wol in hundert Jahren über den bei Lebzeiten verhimmelten Richard Wagner schreiben? Dr. M. T. Seltsame Grabaufschriften. Auf dem alten Johannissriedhose in Leipzig befindet sich ein Leichenstcin, dessen Inschrift so recht den wunder- lichen Geschmack des Mittelalters und der„leipziger Kausleute" ins- besondere bekundet. Die Inschrift ist in der Form von zwei Folioseiten eines Hauptbuches abgefaßt und enthält folgenden Wechselbrief: Anno 1669 den 7. April ge- Kapital-Conto. Für des Christus unschätzbares Lösegeld und Ranzion Conto 100 000 Thaler. Gewinn- und Vertull- Conto. Am glückseligen Sterbegewinn: Wohlgestorben ist der beste Gewinn— 100 000 Thaler. boren in Scheibenberg. Aus F(elix) A(dami Blech- schmidts bestimmten Sterbetag anno 1700 den 2l. Oktober ge- lobe ich Jesus Christus Selbst- bürge zu bezahlen diesen meinen Solawechselbries an denselben, den Werth habe ich selbsten ver- dient, bin mit seinem Glauben und Leben vergnügt, schenke ihm daher die ewige Seligkeit aus Gnaden. Jesus Christus. Diese Inschrift wird von einer in den Wolken schwebenden Figur ge- halten. Eine andre Figur, den verstorbenen Blechjchmidt darstellend, hält den Wechselbrief in der Hand, um die Valuta(den Betrag des Wechsels) in Empfang zu nehmen.— Eine ebenfalls interessante In- schrift aus einem Leichensteine in der Kirche zu Kohren(aus derselben Zeit) wurde neulich von einem leipziger Blatte mitzetheilt. Sie lautet: A et 0. Die Harpffe liblich klingt— nehmlich: Herr George Hund, Organist, Richter, Hospitahlverwalther und Wohlberühmther Harpffenmeister war Ao. 1644 den 11. May zu Constappel gebohren, zu Meißen, Dresden, Leipzig wohl gestimt, gab liblich schönen Thon allhir, von 1674, als Organist, und von 1677 als ein Ehemann mit Fr. Sophia, geb. Königin, welche Ihm 6 Kinder gebohren, aber 1696 d. 10. Aug. die Harpffe kläglich springt und im 53 Jahre. Mein Harpffen Klang mein süßer Thon klingt itzt vor Gottes hohen Thron. Eine andere derartige Ausschrist hat folgenden Inhalt:„Sterb- licher, bedenke die Sterblichkeit, welche Fr. Rahel Regina geborne Sagerin angetreten zu Steinbach, fortgeführt im Heiligen Ehestände mit Mr. Gottsried Eichtern ohne Leibes Erben verlassen zu Kohren den 9. April 1698." Diesen merkwürdigen Inschriften mögen noch zwei aus der neuesten Zeit, wie sie P. K. Rosegger im„Heimgarten" mittheilt, angefügt werden. Nach demselben trägt das Grabmal eines Predigers in Klagen- surt die inhaltsvolle Inschrift: „Was in der andern Welt ist? Wie oft Hab' ich's gesagt und konnt's nicht wissen; Jetzt weiß ich's und kann's nicht sagen." Und auf einem andern Grabstein ist zu lesen: „Ein jeder müde Mensch, Wenn man ins Grab ihn legt, Läßt noch ein Kreuz zurück, Das seinen Namen trägt. Die trauernde Wittwe." Solch' unfreiwilliger Humor dürfte wohl dem griesgrämigsten Hypo- chonder ein Lächeln entlocken. Zum Schluß noch eine amerikanische Grabaufschrist, die sich nach I. H. Mehle aus einem Friedhose in New-York befinden soll. Sie lautet: „Hier liegt John Smith, er erschoß sich mit einem Revolver, System Colt, der auf der Stelle tödtet. Die beste Waffe für diesen Zweck."-z- Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Ueber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworfen ist(Fortsetzung).— Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild, von Dr. M. Vogler(Fortsetzung).— Eine verschollene Tugend Streiflichter aus die Kultur der Vergangenheit und Gegenwart.— Mein Freund, der Klopfgeist. Eine Spirilistengeschichte aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von H. E.(XI.)- Hans Sachs und die Meistersinger(mit Illustration).— Die„Stümper" Mozart und Beethoven.— Seltsame Grabausschriften. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig.