Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. H880]. Die Schwestern. Roman von W. KautsKy. Siebentes Sapltet. Es war um die Dämmerstunde, als Alfred sich von der Not- Ivendigkeit durchdrungen fülte, Fräulein Luise seine Abschieds- Visite zu machen. Sie hatte ihn freundlich empfangen; sie hatte die Lampe angezündet und die dunklen Vorhänge herniederge- lassen; jetzt saß>ie auf ihrem kleinen Sopha und Alfted in einem Fauteuil neben ihr. Wieder war Fritz und die Aussichten, die ihm eine Bühnen- karriere bieten könnte, der Hauptgcgenstand ihres Gespräches. Luise erkannte ihm entschiedenes Talent zu, seine Mittel wären, wie sie versicherte, die herrlichsten, er imhse reüssiren. Was ihm felc, könne er nur auf der Bühne selbst sich zu eigen machen, und sie riet daher, er solle demnächst schon ein Engagement zu erhalten suchen. Alfred solle darauf dringen, und sei es auch nur deshalb, um ihn von seiner Schwester baldmöglichst zu trennen. Alfred versprach, sich in der Residenz selbst für Fritz zu vcr- wenden und ihn durch einen Agenten zu placiren. Alfted er- zälte ihr hierauf von seiner morgigen Abreise und äußerte sich über seine eigenen künstlerischen Bestrebungen und Aussichten/ So waren sie bald in ein gemütliches und vertrauliches Ge- sprach gekommen. Alfted fand Gefallen an dem klugen scharfen Verstand und dem durchaus distinguirten Ton des Fräuleins, und Luise, die sich bei seinem ersten Besuch etwas kül und re- servirt gehalten, schien heute ungleich günstiger für ihn gestimmt, ja, sie gestand sich, daß er wirklich sehr liebenswürdig sei und dasjenige besitze, was Frauenherzen am leichtesten gefährlich wird, ein interessantes Aeußere und eine geradezu entzückende Feinheit und Delikatesse im Ton und Ausdruck, die niemals ge- sucht, die ihm natürlich war und sich mit einer gewissen künstle- rischen Nonchalance sehr wohl verband. Er seinerseits� wußte, daß er die Tante jener Marie, jener Freundin seiner Schwester vor sich habe; fteilich, ob diese mit jenem Mädchen identisch sei, das er am Abend vorher in so abenteuerlicher Weise kennen gelernt, das wußte er noch immer nicht, aber er wünschte es zu erfaren. Er wünschte, Luise selbst möge ihm von ihrer Nichte erzählen, und mit vieler Gewandtheit suchte er sie daher diesem Thema entgegen zu drängen; aber, war es Zufall, war es Berechnung, sie wich ihm aus. Sie waren jetzt in einer kleinen Debatte über die herrschende Geschmacksrichtung begriffen, die sie beide nach verschiedenen Ge- sichtspunkten hin tadelten, als es läutete. (11. Fortsetzung.) Sie trat in das Vorzimmer und öffnete. Es Ivar Marie. Sic blieb vor der Türe stehen und überreichte ihrer Tante ein Päckchen mit Schnittwaren, welche sie im Auftrag der Tante gekauft und ihr nun überbrachte. Sie wolle nicht eintreten, bc- merkte sie, sie könne sich nicht aufhalten, und so küßte sie, Ab- schied nehmend, ihre Tante auf die Wange. „Hast dws denn gar so eilig?" ftagte diese lächelnd. „Du weißt ja, wir sind heute unten bei Apothekers geladen, Elvira ist schon voraus, kommst du nicht ebenfalls?" „Nein, gewiß nicht," versicherte Luise,„ich fülc mich nicht berufen, diesem pikanten Feste beizuwohnen, das dem Mast- schwcine der Frau Apothekerin zu Ehren gegeben wird." Marie lachte.„Da sieht man die Großstädterin, du kannst dich noch immer nicht in unser ,Ländlich-sittlickst hineinfinden, aber eine ächte Landpomeranze wie ich bin, hat ihre Freude daran." „An Wurstsuppe und Spcckkraut?" fragte Luise etwas spöttisch. „Ist beides sehr gut, Tantchcn, wenn es gut bereitet ist. Aber hier gilt's nicht allein zu essen, das Essen muß vorher auch vcr- dient sein, und da kommen denn, das ist ein alter Brauch, die jungen Mädchen alle, die dein Haus befreundet sind, zusammen, um den Speck zu schneiden. Da ist denn jede von uns bestrebt, den größten Teil zu liefern,— du siehst, ich darf nicht säumen." Und wieder küßte sie ihre Tante und war im nächsten.lugen- blick die abscheuliche hölzerne Treppe hiuabgehüpst. Als Luise die Eingangstür wieder sorgfältig schloß, ward die des Zimmers aufgerissen und Alfred trat ihr entgegen. „Ist sie wieder fort?" fragte er hasttg.„Warum ist das Fräulein nicht hereingekommen?". Luise war über diese ebenso unerwartete als ungestüme Art der Fragestellung überrascht, sie antwortete auch nicht sogleich, sie trat in das Zimmer zurück, und als sie hier, ihm ins Gesicht blickend, ihn so erregt fand, drängte sich die Gegenfrage auf ihre Lippen, was ihm denn fele? „Sagen Sie mir, mein Fräulein, ich bitte Sie darum, wer ist die junge Dame, mit der Sie soeben gesprochen haben?" „Könnte Sie das so sehr interessircn?" „Gewiß, ich bin schon einmal mit ihr zusammengetroffen und habe sie an der Stimme wiedererkannt." „Sie werden Sich tvol geirrt haben, Herr Depanli, diese junge Dame war meine Nichte. „Marie!" rief er lebhaft, und im Innern rief er sich's mit süßer Befriedigung zu: Also doch, doch, ein und dieselbe! VI. 18. Tkzembkr 1880. Die Tante zeigte sich sehe erstaunt. „Sie kennen sie? aber wie, woher?" Alfred nahm wieder an ihrer Seite Platz. „Ich sehe," sagte er in seinem weichen, liebenswürdigen Ton, „ich muß Sie zur Vertrauten machen, und Ihnen das kleine Abenteuer erzälen, das uns zusammengebracht und dessen Heldin Fräulein Marie gewesen ist." Luise schlug die Hände zusammen. „Marie, unsere Marie, die Heldin eines Abenteuers, das muß ein Irrtum sein, das ist nicht denkbar!— Aber erzälen Sie immerhin, ich bitte Sie darum!" Alfred beschrieb die nächtliche Szene vor dem Schenklokale in allen ihren Details und schilderte in warmer Nachempfindung die aufopfernde, wahrhaft mutige Tat des jungen Mädchens. Luise hörte aufmerksam zu; als er geendet, saß sie eine Weile still und sah sinnend vor sich hin. „Das war Marie," sagte sie dann leise vor sich.„Daran er- kenne ich sie, keine andere hätte das getan. Das Gefül für fremdes Weh ist übermächtig in dem jungen Herzen; wo es zu helfen gilt, da überlegt sie nicht, sie handelt unbewußt einem Herzensdrang gehorchend— jaj, ja, das liegt bei ihr im Blute, drum achtet sie's für nichts." _„Und darum müssens andere um so höher stellen," entgegnete Alfred voll schöner Wärme,„gerade so bescheidene Tugend, die sich des eigenen Werts noch kaum bewußt ist, die sich nicht selbst taxirt, ist wahre Tugend." „Wer sucht sie?" fragte Luise nicht ohpe Bitterkeit,„niemand; alles hascht nach Glanz und falschem Schiinmer, man weiß, man ist betrogen, aber man amüsirt sich, man schmeichelt seiner Eitel- keit, und so huldigt man denen, die es verstehen, sich selber auf den Tron zu setzen und diese einfachen bescheidenen Blumen, wie Marie eine ist, die stets sich unterordnen, diese blühen und ver- blühen unbemerkt." „Nicht doch," rief Alfted in lebhafter Entgegnung,„gerade ein Herz, das diese Erfarungen gemacht, das von dem falschen Schimmer angelockt und geblendet war und dann getäuscht sich fand; das was es für anbctenswürdig gehalten, als falsch und niedrig erkannt, ein solches Herz sehnt sich nach dem Wahren, nach dem Guten, es sucht und findet das Beilchen, und in dessen Duft, in dessen stillverborgenen Reizen, erkeiint es die ächte Poesie." „Und wenn der Duft eingeschlürft und verflogen ist, dann langweilt uns das Veilchen und man verlangt aufs neue nach Sinnenreiz,— oder ist's nicht so, bestätigt das nicht die tägliche Erfarnng? Die meisten Männer fragen nicht viel nach seelischen Eigenschaften, sie wollen nur Genuß." „Welch' ein hartes, ungerechtes Urteil, Fräulein Luise, ich kann es nicht gelten lassen. Wer Gutes sein eigen nennen kann, verlangt nicht nach dem Schlechten. Ein jeder wünscht ein Weib mit wahrem, ächten Gefül sein eigen zu nennen, ein Weib voll Sanftmut und Bescheidenheit und Herzensgüte, und wenn er eines fände, das für fremdes Weh so warm empfindet, welche Garantie würde es ihm bieten für ein dauernd glückliches Zusammenleben! Was würde das für eine Gattin, für eine Mutter sein, welcher Liebe, welcher Aufopferung fähig!" Luise sah ihm wie prüfend in seine blauen, schwärmerischen Augen, die jetzt in einem tieferen Feuer fast dunkel glänzten. „Sie sind rasch entzündbar, Herr Depauli," sagte sie ziemlich trocken. „Weil ich das Gute und Edle liebe, auch wenn es nicht für mich bestimmt ist?" sagte er, und es lag etwas Unwilliges in seinem Ton.„Wohlbemcrkt, Fräulein Luise, ich erwärme mich hier für eine Idee, nicht für einen bestimmten Gegenstand." „Mir schien es gleichwol, als schwebe Ihnen eine Repräsen- tantin dieser Idee ziemlich deutlich vor Augen." „Ach, das ist's ja eigentlich, was mich peinigt!" rief er, halb lachend, halb ärgerlich.„Ich weiß nicht, wie sie aussieht, meine Augen verlangen aber nach plastischer Gestaltung, nach Ver- körperung dieses Frauenideals, fie wollen sich nicht länger mit Phantasiegebilden abspeisen lassen." „Sie sagten aber doch—" „Daß ich Fräulein Marie kenne, daß ich mit ihr zusammen- getroffen bin, ja, aber ich habe sie nicht gescben, es war bereits Nacht. Und eine bewölkte Stacht, ohne Straßenlaternen, ist, ich versichere Sie, der Feststellung einer noch unbekannten Physio- gnomie sehr ungünstig." „Sie wissen also nicht, wie sie aussieht?" „Ganz und garnicht, aber ich bin ungeduldig, es zu erfaren, und abermals wäre mir der Zufall günstig gewesen, sie kam hierher,— aber daß Sie sie auch garnicht gebeten haben, herein- zukommen,— es war boshaft." Luise lachte. „Ich hatte ja keine Ahnung, daß unsere schüchterne Marie Abenteuer besteht und sich einen Ritter erobert hat, der nach ihrem Anblick schmachtet. Ich hätte es nie von ihr geglaubt." Alfred, der, nach einem Gegenstand spähend, im Zimmer umhergesehen, sprang jetzt auf, und sich einem kleinen Spiegel- tische nähernd, ergriff er ein daselbst liegendes Album und kehrte mit demselben auf seinen Platz zurück. „Da sind Photographien, ich wette, die Ihrer Nichte befindet sich darunter, ich bitte, zeigen Sie sie mir." „Suchen Sie sie," sagte sie neckend,„oder hätten Sie so wenig Divinationsvermögen?" „Ich werde Sie finden," versicherte Alfred mit fröhlicher Be- stimmtheit.„Nach den beiläufigen Umrissen, die mir die Dunkel- heit verraten, nach dem Ton ihrer Stimme, nach dem Benehmen und den Handllingen, von denen ich Zeuge war, ja, nach all' den kleinen, reizenden Charakterzügen, die ich von ihr vernommen, habe ich mir ein Bild von ihr gemacht, habe es ausgefürt bis ins Detail, und ich bilde mir jetzt ein, es müsse so ähnlich sein, daß ich, wenn ich ihr begegne, sie erkennen würde. Hier bin ich nicht so ganz sicher," meinte er, ein Blatt nach dem andern wendend und jedes Gesicht genau bettachtend,„denn eine Photo- graphie birgt grade selten den wahren seelischen Ausdruck." „In natura aber, und wenn Sie sie z. B. unter einem Dutzend junger, fast gleichaltriger Mädchen träfen, alle im Haus- kleide, alle derselben Beschäftigung obliegend, da meinen Sie, würden Sie sie wol herausfinden?" „Ganz gewiß." „O, seien Sie nur nicht allzu sicher, man macht sich von Personen, die wir noch nicht mit allen Sinnen wahrgenommen, meist ein ganz falsches Bild. Die Phantasie ist eine große Lügnerin." „Ich habe zu der meinen mehr Vertrauen." „Ah, und wenn ich Sie auf die Probe setzte'?" „Wie das?" Er sah sehr gespannt aus. Luise hielt einen Augenblick, wie überlegend, inne; dann sagte sie langsani: „Im Hause des Apothekers sind heute eine Anzal junger Mädchen geladen, Marie ist darunter. Ich werde sehen, ob Sie sie herausfinden." Alfreds Gesicht verfinsterte sich etwas. „Beim Apotheker?" wiederholte er.„Aber ich hatte es ab- sichtlich vermieden, diesen Leuten meinen Besuch zu machen, ob- wol es vielleicht passend gewesen wäre. Frau Germanek war eine Freundin meiner Mutter; aber mir sind all' diese klatschenden Kleinstädter— und Frau Germanek ist das Prototyp derselben— herzlich zuwider, geht es wol an, daß ich mich nun, einen Tag vor meiner Abreise und zu so unpassender Stunde, daselbst vor- stelle?" Luise lachte.„O, so ist's nicht gemeint, mein Freund. Ich selbst hätte keine Lust, da unten eine Visite zu machen, und noch weniger fällt mir's ein, Sie dahinein zu bringen. Stein, nein, ich will Ihnen den Anblick dieser jungen Damen nur per Distanz verschaffen." „Das ist herrlich!" „Sie werden sie alle in einem Raum versammelt und in ein sehr prosaisches Geschäft vertieft finden." Luise hatte wieder ihr etwas boshaftes Lächeln:„Sie haben heute bei Germaneks ge- schlachtet, und da wurden alle Herzensfteundinnen der Haustöchter zum Ipeckschneiden befohlen." Alfred, der sich erhoben, tat einen kleinen Schritt zurück. „Speckschneiden!" rief er, vor diesem Gedanken zurückschreckend. Dann wandte er sich in halbkomischer Enttüstung an Luise. „O, Fräulein, dahinter steckt eine abscheuliche Bosheit, Sie wollen einem Künstler sein mit aller Huld geschmücktes Ideal in dieser hausbackenen, vulgären Beschäftigung zeigen? Sie wollen also den Zauber brechen, ihm das Herz vergiften und jedes Interesse für dieses Wesen schon im Keim ersticken? Aber das ist ein moralischer Mord!" Luise antwortete auf diese scherzhafte Apostrophe mit einem ernsteren Blick. „Veilchen wachsen am Boden, unter den Sternen sind sie nicht zu finden, und wer sich vor dem Herniederbeugen fürchtet, 139 und wein davor bangt, sein teilnamsvolles Interesse könnte rasch verschwinden, sobald er die nüchterne Realität ins Auge faßt, der mag nur gleich von vornherein von so'nem armen Dinge wegbleiben." Alfred erfaßte ihre Hand und sah ihr bittend in die Augen. „Sie haben recht, und meine Äußerung war töricht.— Es ist wahr, alles Kleinliche, Allzugewöhnliche stößt mich häufig ab, aber das Rützliche kann und darf nicht lächerlich werden, und ich Iveiß, daß gerade das einfachste Kleid und die einfachste Be- schästigung uns ein Mädchen unendlich rürend erscheinen lassen." Sie nickte versöhnt. „Dann kommen Sie." Einen Augenblick später standen sie beide im dunklen Hofe des Hauses und blickten durch das ebenerdige und, was sie nicht erwartet hatten, sogar geöffnete Fenster in die. Wohnstube der Fa- milie des Apothekers Germane!. Ein kleiner weißer Vorhang, der vorgezogen war, schützte sie selbst vor einer Entdeckung, ohne ihre neugierigen Augen nur im mindesten zu beschränken; sie übersahen einen ziemlich großen, hellerleuchteten Raum, in dem sich eine Anzal von Personen, in der Mehrzal Mädchen, zu- sammengefnnden, die in ihrer gemeinschaftlichen Tätigkeit ein hin- länglich bewegtes Bild darboten. Fast ein Dutzend jener lieb- lichen Geschöpfe zwischen achtzehn und zwanzig Jahren standen um einen mächtig großen Tisch herum, in dessen Mitte ansehn- liche Stücke des weißen glänzenden Speckes aufgehäuft lagen, indeß jede von ihnen auf einer hölzernen Scheibe, die sie vor sich hatte, bemüht war, denselben in zierliche Würfel zu schneiden. Die fleißigen Hände arbeiteten unermüdlich weiter, und da die Mündchen auch nicht feierten, so entstand ein Geschnatter und Gekicher, ein Durcheinander von Stimmen und Sprechweisen, so daß man im ersten Augenblick diesem Tohuwabohu etwas ver- wirrt gegenüber stand. Die Wand, dem Fenster gegenüber, zierte ein hochaufragendes Büffet, auf welchem die Hausfrau die Schüsseln, die sie soeben aus der Küche hereinbrachte, aufzu- stellen begann. Es war eine große, magere, grobknochige Dame, die an diesem mit Schweinefett gesegneten Tag sich in etwas nachlässiger Toilette präsentirte. Sie hatte, obwol sie den Höhe- Punkt weiblicher Anmut längst überschritten, sich kürzlich wieder verheiratet und liebte es nun, die kokette Verschämtheit der neu- vermälten Wittwe zur Schau zu tragen. Sie rief den umher- flatternden Gatten immer wieder an ihre Seite, um ihm ein zärt- liches Wort, einen zärtlichen Blick zu schenken, oder ihn wohl gar mit ihren spitzen Ellbogen schäkernd in die Seiten zu stoßen, welche Liebenswürdigkeit der Gatte mit einem süßsauren„aber Röschen" beantwortete, worauf sie, ihre Stimnie zu einem hohen Diskant zwingend, ein„Wazlav" girrte. Herr Wazlav Germane! war ein wolkonservirter Vierziger, dessen einst quecksilberne Behendigkeit durch ein anwachsendes Embonpoint sich etwas vermindert hatte. Traurige Ereignisse, der Gram, so behauptete er, hätten diese Fettansammlung be- günsttgt. Ein trüber Schatten war auf seine jüngste Vergangen- heit gefallen. Er war Magister der Pharmacie und als Gehülfe in einer der ersten Apotheken der Residenz in Verwendung ge- standen, seit Jahren der Gelegenheit harrend, bis ihm selbst eine solche und zwar in der Hauptstadt übertragen würde�. Jeden Antrag, in der Provinz ein Geschäft zu übernehmen, hatte er mit Geringschätzung zurückgewiesen; er war, wie er behauptete, ein Residenzler durch und durch und könne sich nur in dem groß- städtischen Leben behaglich fühlen. Er ließ bei einem ersten Schneider arbeiten und zälte sich selbst, obgleich er nicht eine Spur von Eleganz an sich hatte, unter die Dandys. Er hatte eine Leidenschaft für die dramatische Kunst und ihre Künstler, einen noch größeren Enthusiasmus aber für die Kunst in der Manege. Er besuchte jede Premiere und hatte ini Cirkus unter den Sportsmcn und Eingeweihten beim Eingang in die Manege seinen Platz, wo man ihn Baron titulirte und ihn mit„Jhchau" begrüßte. Er war stolz und glücklich, und eine eben entrirte Liaison mit einer freilich etwas untergordneten Rcitkünstlerin— sie fand nur in der Quadrille Verwendung— versetzte ihn in den siebenten Himmel. Aber ein tückisch grausames Geschick raubte ihm seine Freuden und er ward aus seinem Eden hinaus- gestoßen für immer. Am Morgen nach einem Abend, wo alle Genüsse des Cirkus sich ihm erschlossen und er noch in der Er- innerung all der ungesattelten Renner, der Voltigen und Lnlti mortali schwelgte, fertigte er ein Rezept aus, nach dessen Zusich- name eine widerstandsunfähige Patientin sanft verschied. Eine Analyse des Medikaments ergab, daß in demselben statt Chinin Morphin enthalten war und die gerichtliche Untersuchung bezeich- nete Wazlav Germane! als den Schuldigen. Er leugnete und behauptete, die Verivechslung müsse schon bei Füllung der Vasen stattgefunden haben; sein Verteidiger machte noch ferner geltend, daß die Kranke so miserabel war, daß sie ja sowieso gestorben wäre; man acceptirte zwar Milderungsgründe aber der Cirkus- baron mußte dennoch zwei Monate sitzen. Als er herauskam ward er seiner Stelle entlassen und mit seiner Carriere in der Residenz war es für immer vorbei. Tiefgebeugt, von Gram durchwült, verließ er den Schauplatz seiner künstlerischen Ge- nüsse und ging in das kleine Landstädtchen Waidingen, wo er eine Stelle als Provisor erhalten hatte. Bald nach seiner An- kunft starb sein Chef, aber nicht an Morphin, sondern an Tuberkulose. Zwei Jahr später war Wazlav Germanek der glückliche Besitzer der Apotheke und, da das eine nicht ohne das andere zu haben war, der zurückgelassenen Wittwe. Sie ermangelte nicht, ihm zu beweisen, daß dies für ihn ein außerordentliches, unverdientes Glück sei, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als es zu glauben. Er war in dieseni Augenblick mit der Mi- schung unterschiedlicher Schnäpse beschäftigt, was in Hinblick auf die fette Abendmalzeit als eine für seine Gäste ersprießliche Tätigkeit angesehen werden konnte; er selbst kostete ein wenig davon, um sich schon vorher den Magen gegen Wurstsuppe und Speckkraut zu wappnen, dann machte er sich wieder bei den Mädchen, namentlich bei Elvira zu schaffen, bei welcher er für seine Komödien- und Cirkus-Geschichten, welche er nur allzugern auftischte, ein offenes Ohr fand.(Fortsetzung folgt.) Ueber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Eivilisation unterworfen ist.(2. Fortsetzung.) Eine dritte große Ursache, welche die Neigung zum Kriege schwächte, ist die Erleichterung des Verkehrs der Völker unter- einander durch die Anwendung des Dampfes, wodurch frühere Vorurteile gehoben wurden und die verschiedenen Völker, statt, wie bisher, einander zu hassen, sich gegenseitig keunen und achten lernten. So haben z. B. die Franzosen und Engländer blas durch die Macht vermehrten Verkehrs günstiger von einander denken lernen, und jene törichte gegenseittge Verachtung, der sie sich früher hingaben, fallen lassen. In jedem Falle wird ein gebildetes Volk, jemehr es mit einem andern bekannt wird, destomehr bei ihm zu schätzen und nach- zuahmen finden. Von allen Ursachen des Nationalhasses ist Unwissenheit die mächtigste; jemehr aber der Verkehr zunimmt, desto- mehr nimmt die Unwissenheit ab, und so vermindert sich der Haß. Diese Verminderung des häßlichsten aller menschlichen Laster hat mehr genutzt, als alle Lehren der Moralisten und Theologen. welche jahrhundertelang ihr Amt ausgeübt, ohne die Kriege im geringsten zu vermindern. Jede neue Eisenbahn dagegen, jeder neue Dampfer ist eine neue Garantie für die Herbeifürung fried- licher Zustände, welche allein das Glück und die Interessen der Völker zu erhalten und zu fördern im stände sind. So haben wir gefunden, daß religiöse Bersolgungen und Kriege, die beiden größten Uebel, welche die Menschen bisher ihresgleichen zugefügt haben, fortdauernd, wenn auch langsam, im Abnemen begriffen sind und daß ihre Abname bewirkt worden ist weder durch den Einfluß sittlicher Gefüle, noch durch moralische Lehren, sondern einzig und allein durch die Tätigkeit des menschlichen Verstandes und durch die Erfindungen und Entdeckungen, welche der Mensch im Laufe der Zeiten gemacht hat. Dank dieser intellektuellen Tätigkeit sind die Hauptkulturvölker seit einigen Jahrhunderten hinlänglich fortgeschritten, um den Einfluß jener physischen Mächte abzuschütteln, durch welche auf einer frühern Stufe ihre Ent- Wicklung gehemmt wurde. Im ganzen also hängen die Ver- änderungen bei jedem Kulturvolke einzig und allein von drei Dingen ab: zuerst von dem Umfang des Wissens seiner aus- gezeichnetsten Männer, zweitens von der Richtting, welche dieses Wissen nimmt, d. h. von den Gegenständen, auf welche es sich bezieht, drittens und vor allem von der Ausdehnung, in welcher dieses Wissen verbreitet ist, und von der Freiheit, womit es alle Klassen der Gesellschaft durchdringt. Dies sind die drei großen Hebel der Kultur, und obgleich ihre Wirkung durch mächtige Einflüsse gestört loird, so haben sie sich doch stark genug erwiesen, die Menschheit auf ihre jetzige Kultur- höhe emporzuheben. Diese störenden Einflüsse gehen von der Religion, der Literatur und den Regierungen aus, und da die Meinung weit verbreitet ist und manches für sich zu haben scheint, daß grade sie von äußerster Wichtigkeit und die Haupthebel alles menschlichen Fortschritts seien, so ist es notwendig, das Irr- tümliche dieser Ansicht darzulegen und die wahre Natur des Ein- flusses zu untersuchen, den diese drei großen Mächte allerdings ans den Fortschritt der Ei- vilisation ausüben. Im großen und ganzen ist die Reli- gion nicht die Ursache, sondern die Wirkung der Civilisation. Diese Erfahrung haben die Missionäre schon oft ge- nug gemacht, indem sie sich immer über den Wankelmut ihrer Be- kehrten beklagten, bis sie entdeckten, daß eine gewisse Civilisation der Bekehrung vorhergehen oder sie lvenigstens begleiten müsse. Es gibt keinen Fall, in welchem irgendein Volk dauernd zum Christentum be- kehrt worden wäre, wenn nicht die Missio- näre Kenntnisse sowol als Frömmigkeit be- saßen und die Wilden mit der Gewohnheit des Denkens vertraut ge- macht, ihren Ver- stand aufgestachelt und sie zur Aufname der religiösen Prinzipien vorbereitet haben, die sie ohne solche Geistes- erhcbung nicht hätten verstehen können. Immer ist der Er- folg einer neuen Mei- nung von dem geisti- gen Zustande des Vol- kes abhängig, unter dem sie verbreitet wird. Ist eine Religion oder In Nerülchung eine Phflosophie einem Volke zu iveit voraus, so bleibt sie für den Augenblick wirkungslos, bis die Zeit ge- kommen ist, da die Geister für ihre Aufnanie reif sind. Zo hat auch jede Wissenschaft und jeder Glaube seine Märtyrer, Männer, die sich der Verleumdung, ja dem Tode ausgesetzt sahen, weil sie mehr wußten, als ihre Zeitgenossen und weil die Gesellschaft noch nicht hinlänglich fortgeschritten war, um die Warheiten auf- zunemen, welche sie mitteilten. Gewöhnlich vergehen ein paar Generationen, bis die nämlichen Wahrheiten als Gemeinplätze angesehen werden, und»och etwas später werden sie für not- wendig erklärt, und dann wundert sich selbst der simpelste Ver- stand, wie sie nur jemals haben Widerspruch finden können. Als das Christentum austrat, war die Gesellschaft noch in einem Zustande, wo der Aberglaube unvermeidlich ist und Ivo ihn die Menschen, wenn sie ihn in einer Form nicht haben können, in einer andern sich aneignen. Die Gemüter der Menschen waren zu weit zurück für die einfache Lehre und den einfachen Gottes- dienst des Urchristentums, und so wurde der Aberglaube nicht vermindert, sondern nur in ein neues Bett geleitet, die neue Religion wurde durch die alten Torheiten verdorben. Auf die Anbetung der Götzen folgte die Anbetung der Heiligen, der Dienst der Cybele wurde durch den Dienst der heiligen Jungfrau ersetzt; nicht nur heidnische Ceremonien wurden in christlichen Kirchen eingerichtet, sondern auch heidnische Dogmen wurden der neuen Religion einverleibt, sodaß nach wenigen Generationen das Christentum eine so abenteuerliche und widerwärtige Form an- genommen hatte, daß seine besten Züge verloren und seine ursprüngliche Reinheit gänzlich zerstört war. Erst als die Kennt- nisse der Menschen allmälich fortschritten, wurden ihnen jene Formen des Aberglaubens zuwider, bis dieser Widerwille im 16. Jarhundert iu jene große Begebenheit aus- schlug, welche unter dem Namen der Reforma- tion einen der wichtig- sten Abschnitte der neue- ren Geschichte bildet. Hätte diese große Be- wegung einen ununter- brochenen Fortgang gehabt, so hätte sie in wenig Generationen den alten Aberglauben über den Haufen ge- worfen und einen ein- fachen Glauben an die Stelle gesetzt; natürlich würde die Schnelligkeit dieses Verlaufs im Vcrhältniß zur intellek- Wellen Tätigkeit der verschiedenen Völker gestanden haben. Un- glücklicherweise aber hielten die europäischen Regierungen, welche sich immer in Dinge misch- ten, die sie nichts an- gingen, es für ihre Pflicht, die religiösen Interessen des Volkes unter ihren Schutz zu, nehmen; sie verbanden sich mit der katholischen Geistlichkeit, hemmten mit Gewalt die Ketzerei und hielten so'die natürliche Entwicklung des Zeitalters auf. Diese Einmischung war in manchen Fällen vielleicht wolgemeint, und muß lediglich der Unwissenheit der Herr- scher über die Grenzen .(Seite 147.) ihres Amtes zugeschrie- ben werden, aber man kann die Uebel, welche durch diese Unwissenheit verursacht wurden, nicht zu hoch an- schlagen. Fast 150 Jare lang litt Europa unter Religions- kriegen, religiösen Verfolgungen und Metzeleien, welche nicht stattgefunden hätten, wäre die große Wahrheit anerkannt gewesen, daß der Staat sich nicht um den Glauben der Menschen zu küm- mern und daß er nicht das geringste Recht hat, sich in die Form der Gottesverehrung, welche sie annemen, zu inischen. Wie töricht sind die Versuche der Regierungen, eine Religion beschützen und erhalten zu wollen! Paßt sie für ein Volk.'so wird sie keinen Schutz brauchen, paßt sie nicht dafür, so wird sie nichts Gutes wirken. Was die Literatur, d. h. die Form, in welcher das Wissen eines Landes aufgezeichnet, die Gestalt, die ihin� gegeben wird, bettistt, so ist sie hauptsächlich wertvoll als Waffenkammer des menschlichen Geistes, woraus seine Waffen, wenn man sie braucht, schnell entnommen werden können. Leider hören wir viel zu viel über die Notwendigkeit, die Literatur zu schützen und zu belohnen, 141 und zu wenig über die Notwendigkeit der Freiheit und Kühnheit Literatur völlig wertlos ist. Es herrscht ein allgemeiner Zug der literarischen Leistungen, in deren Ermanglung die glänzendste zum Mistverständniß dessen, worin das Wissen eigentlich besteht; G /=» =S S c: R> wirklicbes Missen dasieniae. worauf die Civilisation begründet anderen Worten, in einer Kenntniß der physischen und geistigen ist bestellt ein- ia'und allein in der Bekanntschast mit dem Ver- Gesetze. Bis alle di-se Gesetze bekannt sein werden, hangt der hä'ltniß der Dinge und Ideen zu einander und unter sich; mit Wert der Literatur davon ab, in welchem Ätaßc sie entweder die -- 142 Kenntniß dieser Gesetze oder die Mittel, wodurch sie entdeckt werden können, mitteilt. Aber die Literatur, dieser Speicher de» Gedanken der Menschheit, ist nicht nur voller Weisheit, sondern auch voller Abgeschmacktheiten, denn selbst auf einer vorgerückten Stufe der Civilisation wird immer der Teil der Literatur, der alte Vorurteile begünstigt, dem vorgezogen, der sich ihnen wider- setzt, sodaß oft die einzige Wirkung großer Gelehrsamkeit ist, den Stoff zur Aufrechthaltung alter Irrtümer herbeizuschaffen und den alten Aberglauben zu befestigen, und wir finden sehr häufig Männer, deren Gelehrsamkeit ihrer Unwissenheit dient und die desto unwissender werden, jemehr sie lesen. Es gab Zeiten, in denen die Literatur bei weitem mehr Schaden als Nutzen stiftete, wie z. B. in der ganzen Periode vom 6. bis zum 10. Jar- hundert. Jemehr gelesen wurde, destomehr wurden jene lügen- haften und unverständigen Fabeln, aus denen die damalige Theologie bestand, geglaubt; mit anderen Worten, je größer die Gelehrsamkeit, desto größer die Unwissenheit, und mit Recht sagt Laplace in seinen Bemerkungen über die Quellen des Irrtums: „Dem Einfluß der Meinung derer, welche die Masse für die gelehrtesten hält und denen sie ihr Zutrauen in den wichtigsten Angelegenheiten des Lebens schenkt, verdankt man die Verbreitung der Irrtümer, welche die Erde überschwemmt haben." Wäre im 7. oder 8. Jarhundert die Kenntniß des Alphabets gänzlich ver- loren gegangen, sodaß die Leute ihre Lieblingsbücher nicht mehr hätten lesen können, so würde der Fortschritt schneller von statten gegangen sein, als es nun der Fall war. So ist für ein Volk der Besitz einer Literatur ungleich un- wichtiger, als die Geistesverfassung, womit es sie liest; in jenen dunklen Jarhunderten gab es wol eine Literatur mit wertvollem Inhalt, aber niemand wußte sie zu benutzen, man warf das Gold beiseite und sammelte die Schlacken. Was damals statt- fand, geschieht in geringerem Grade noch heute. Jede Literatur enthält einiges Wahre und viel Falsches, und ihre Wirkung hängt vornemlich von dem Verstände ab, womit das Wahre von dem Falschen gesondert wird. Neue Gedanken und neue Entdeckungen besitzen voraussichtlich eine Wichtigkeit, die man nicht leicht überschätzen kann; aber bis diese Gedanken Eingang gefunden, diese Entdeckungen anerkannt worden sind, üben sie keinen Einfluß aus und wirken daher nichts Gutes. Keine Literatur kann einem Volke nützen, wenn sie das- selbe nicht schon vorbereitet findet. Sind Religion und Literatur den Bedürfnissen eines Landes nicht gemäß, so werden beide ver- nachlässigt und bleiben ohne Macht; die besten Bücher werden nicht gelesen, die reinsten Lehren verachtet; die Werke des Geistes werden vergessen, der Glaube verderbt und artet aus. Eine dritte irrtümliche Ansicht ist die, daß wir die Civilisa- tion Europas vornemlich der Geschicklichkeit und Scharffichtigkeit verdanken, welche die verschiedenen Regierungen entfaltet, um den Uebeln der Gesellschaft durch Maßregeln der Gesetzgebung vorzubeugen. Von allen Gedanken über das Schicksal der mensch- lichen Gesellschaft ist aber keiner so gänzlich unhaltbar und so verkehrt, als dieser. Zunächst leuchtet ein, daß die Regierer eines Landes immer die Einwohner dieses Landes waren, genährt durch seine Literatur, in seinen Ueberlieferungen erzogen und unter dem Einfluß seiner Vorurteile lebend. Solche Männer sind nur die Geschöpfe, nie die Schöpfer ihrer Zeit; ihre Maßregeln sind die Wirkungen des sozialen Fortschritts, nicht seine Ursachen. Keine große politische Bewegung, keine große Reform ist je in irgend- einem Lande ursprünglich von seiner Regierung ausgegangen. Die ersten, die solche Schritte vorschlugen, sind kühne und geist- reiche Denker gewesen, die den Mißbrauch erkannten, aufdeckten und Mittel dagegen angaben. Aber lange, nachdem dies getan ist, faren selbst die aufgeklärtesten Regierungen fort, den Mißbrauch ausrecht zu erhalten und die Mittel dagegen zu verwerfen, bis schließlich der Druck von außen so stark wird, daß die Re- gierung nachgeben muß; wenn dann die Reform gemacht ist, so wird vom Volke erwartet, daß es die Weisheit seiner Regierung bewundern soll, die dies alles getan. Daß dies der Verlauf politischer Verbesserungen ist, muß jedem bekannt sein, der die Gesetzbücher verschiedener Länder in Verbindung mit deni vorher- gegangenen Fortschritt ihres Wissens studirt hat. Die gesetzgebende Regierung war immer nur das Werkzeug einer Macht, die viel größer ist, als alle andern Mächte zusammen, sie war einfach die Auslegerin eines Ganges der öffentlichen Meinung, der oft lange vor ihrer Zeit mit dem betreffenden Gegenstände begann, und das äußerste, was sie tun konnte, war, das in Wirksamkeit zu setzen, was andre lange vorher gedacht. (Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. SKa* Hogker. (2. Fortsetzung.) Durch die glänzende Anerkennung, die diese erste Sammlung seiner Gedichte fand, ermuttgt, ging Heine an rüstiges neues Schaffen. Im Herbst von 1821 wurde der„Almansor" vollendet, welchem im Januar des Jares 1822 noch ein zweites Drama, „William Ratcliff", folgte, hinsichtlich dessen der Dichter sagt: „Ich habe die süße Liebe gesucht Und Hab' den bittern Haß gefunden, Ich habe geseufzt, ich habe geflucht, Ich habe geblutet aus tausend Wunden. Auch Hab' ich mich ehrlich Tag und Nacht Mit Lumpengesindel herumgetrieben; Und als ich all' diese Studien gemacht, Da Hab' ich ruhig den Ratcliff geschrieben." Fast sämmtliche Lieder des„Lyrischen Intermezzo" und einige andere Lieder entstanden im Sommer 1822. Daneben schrieb Heine noch manche Prosabeittäge für verschiedene Journale, die meist Bücherrezensionen waren, unter denen sich aber auch die umfangreicheren Arbeiten„Briefe aus Berlin" und die Beschrei- bung seiner bereits erwähnten Reise nach Polen befanden. Im April 1823 erschienen bei Ferdinand Dümmlcr in Berlin die„Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo", und der Dichter konnte diese Tragödien—„Almansor" und„Ratcliffe"— init dem lyrischen Intermezzo vereinigt um so passender in einem gemeinsamen Bande herausgeben, als alle diese Schöpfungen in dem deutlich hervortretenden Zweck, eine Verklärung seines Liebes- Unglücks zu geben, ein und dieselbe Grundlage haben. Obwol sich Heine in einem Briefe an seinen Freund Steinmann über die„Tragödien" äußert:„Ich weiß, man wird sie sehr herunter- reißen, aber ich will Dir im Verttauen gestehen: sie sind sehr gut, besser als meine Gedichtesammlung, die keinen Schuß Pulver ivert ist," und obgleich er auch noch anderswo seine große Zu- friedeuheit mit diesen Schöpfungen ausspricht, kann eine un- befangene Kritik denselben einen so hohen Wert nicht zuerkennen. Denn sie sind nichts weniger, als dramatisch; ihr Hauptwert liegt vielmehr in einzelnen ihrer lyrischen und balladcuartigen Partien. Heine war überhaupt nicht zum dramatischen Dichter geschaffen; er hatte viel zu viel mit seinem Subjekt, mit seinem eignen Ich zu tun, um das Vermögen ruhiger Gestaltung, prägnanter und konsequenter Charakterzcichnung, wie es der Dramatiker braucht, besitzen zu können. Später hat Heine selbst die Mängel seiner „Tragödien" eingestanden und den„Ratcliff" eine„dramattsirte Ballade" genannt. Bemerkt sei schließlich noch, daß Heine im „Ratcliff", wenn auch in sonderbarer Art, zuweilen die soziale Frage, die er die„große Suppenfrage" nennt, berührt und daß darin die darbende, bleiche Armut manchen schweren Borwurf wider den Druck, der auf ihr lastet, und die, welche sie dafür verantwortlich hält, erhebt. Weit mehr Lob als die„Tragödien" verdienen die Gedichte des�„Lyrischen Intermezzo", in denen namentlich die Beziehungen zwifchen den: Naturleben und den Stimmungen und Empfindungen der Dichterseele, die allenthqlben hineingewoben sind, eine zauber- volle Wirkung üben, sei es, daß der Dichter seligen Liebes-' aufgang„im wunderschönen Monat Mai" besingt, sei es, daß er die Geliebte„auf Flügeln des Gesanges" fortträgt, nach dem rotblühenden Zaubergarten Indiens, wo„die Veilchen kichern und kosen" und die Rosen sich heimliche Märchen ins Ohr er- zälen, und niit ihr Lieb' und Ruhe trinkt und seligsten Traum träumt unter dem Palmenbaum, sei es, daß er in verzweifeltem Liebesgram sein wildes Weh der ttaurigeu Herbstnacht kündet: „Die Mittemacht war kalt und stumm; Ich irrte klagend im Wald herum. Ich habe die Bäum' aus dem Schlaf gerüttelt, Sie haben mitleidig die Köpfe geschüttelt...." Tie Zeit von Heine's berliner Ausenthalt ging ihrem Ende zu, und wir wollen hier nur noch erwähnen, daß sich der junge Dichter auch den damals von Berlin aus angeregten jüdischen Resormbestrebungen mit großer Begeisterung anschloß. Eine Anzal talentvoller, freidenkendcr junger Männer beabsichtigte durch diese Reformbestrebungen eine allmälige Befreiung der Juden von den ihnen durch die Gesellschaft auferlegten Fesseln zu erwirken; Heine hat unter diesen energischen Kämpfern für die gesellschaftliche Freiheit manchen warmfülenden Freund gewonnen, so vor allem den strebsamen, hochgebildeten Moses Moser und den Mit- begründer und nachmaligen langjärigen Leiter des„Magazins für die Literatur des Auslandes", Joseph Lehmann. Als Heine in den ersten Tagen des Mai 1823 Berlin ver- ließ, trug er sich bereits mit dem Gedanken, nach Paris zu gehen und dort als Schriftsteller für die Verbreitung und das Ver- ständniß der deutschen Literatur in Frankreich zu wirken. Denn er hatte vorläufig noch nicht die geringste Neigung, zum Christen- tum überzutreten, was er hätte tun müssen, wenn er in Deutsch- land die Juristenkarriere, etlva als Advokat oder im Staatsdienst, antreten wollte; außerdem ärgerte es ihn, daß ihm im Vaterlande seine jüdische Nationalität fort und fort zum Vorwurf gemacht wurde und ihm die verschiedenartigsten Hindernisse bereitete. Des Dichters Eltern hatten seit einem Jare das Städtchen Lüneburg zum Wohnsitz genommen; der Vater war durch zu- ncmcnde Kränklichkeit zur Liquidation seines düsseldorfer Ge- schäfts gezwungen worden und lebte jetzt mit den Seinen von den bescheidenen Zinsen, die das aus dem Erlös der Masse und dem Verkauf des Hauses erzielte Kapital abwarf. Vorher hatten sich die Eltem kurze Zeit in der Stadt Oldesloe im südöstlichen Holstein aufgehalten. Nach Lüneburg ging jetzt H. Heine zu- nächst, um für sein immer heftiger werdendes Nervenübcl in stiller Zurückgezogenheit Linderung zu suchen und sich weiter zur Aus- fürung seiner Pläne vorzubereiten. Konnte schon an und für sich das Leben in der kleinen hannöverischen Provinzialstadt für ihn in keiner Weise anregend sein, so mußte er sich dort noch umsomehr langweilen, als die in ziemlich ärmlichen Verhält- nissen lebende Familie des Dichters seit ihrem kurzen Aufenthalt daselbst nur erst ganz wenige Bekanntschaften anzuknüpfen ver- mocht hatte. Es kann ja auch für einen jungen unbekannten Dichter, der nicht das Glück hat, einem sogenannten vornemen Hause anzugehören, kaum einen unerfteulicheren Aufenthalt geben, als den in einer Kleinstadt, wo das leidige Spießbürgertum ihn mit neugierigen Blicken und schwatzhaften, nicht selten verleumde- rischen Zungen verfolgt und das stolze Häuflein der„Hono- ratioren" verständnißlos und naserümpfend an ihm vorbeigeht. Und für Heine mußte der Aufenthalt im elterlichen Hause um so unerträglicher sein, je weniger Glauben an sein poetisches Ta- lent er bei den Seinen vorfand. Er suchte sich über die Ein- tönigkeit des Augenblicks durch die Lektüre einiger Werke und eine lebhafte Korrespondenz, die er mit seinen Freunden unterhielt, hinwegzusetzen, und entschloß sich dann in der ersten Woche des Juli nach Haniburg zu reisen, um mit seinem Onkel Salo- mon Rücksprache über seine Zukunftspläne zu nemen und wo- möglich für dieselben die Unterstützung des reichen Bankiers zu gewinnen. Seine Absicht wurde aber vereitelt, da der Oheim eben eine längere Geschäfts- und Erholungsreise anzutreten im Begriff war, und er erhielt von ihm nur zehn Louisd'or zum Geschenk, um eine ihm vom Arzt angeratene Badereise nach Cux- Häven unternemcn zu können. Im frischen Seebade fand er Stärkung für seine Nerven und im Anblick des wunderbaren Meeres, das er damals zum ersten mal mit leiblichen Augen sah, neue poetische Anregungen, denen Lieder, wie:„Eingehüllt in graue Wolken",—„Der Wind zieht seine Hosen an",—„Der Sturm spielt auf zum Tanze".— „Wir saßen am Fischerhause",—„Du schönes Fischermädchen", —„Der Mond ist aufgegangen",—„Auf den Wolken ruht der Mond",—„Der Abend kommt gezogen",—„Wenn ich an deinem Hause",—„Das Meer erglänzte weit hinaus" u. a. ihren Ursprung verdanken. Gegen Anfang September nach Hamburg zurückgekehrt, kam auch jetzt des Dichters Absicht, nach Paris überzusiedeln, seinem Oheim gegenüber nicht zur Sprache, da infolge der leidigen Geldangelegenheiten eine Verstimmung zwischen den beiden ein- getreten war. Nichtsdestoweniger gewärte ihm der im Grunde gutmütige Onkel die Mittel für ein weiteres einjäriges Studium, damit sich der Neffe doch ja den Doktorgrad erwerbe. Heine hatte jetzt den festen Entschluß gefaßt, sich eifrig dem Studium der Jurisprudenz hinzugeben, um sich bald sein Brod selbst zu verdienen, und in Zukunft seinen Onkel nicht mehr um Unter- stützung angehen zu müssen:„Ich will aus der Wagschale der Themis mein Mittagsbrot essen,"— schrieb er—„und nicht mehr aus der Gnadenschüssel meines Oheims". Ende September befand sich Heine schon wieder in Lüneburg, eifrig privatim juristische Studien treibend, dabei dem dichte- rischen Schassen jedoch nicht entsagend. Außer den bereits de- zeichneten Liedern der„Heimkehr", die in Hamburg und Cux- Häven gedichtet wurden, sind fast alle Gedichte dieses Cyklus— darunter auch die herrliche Lorelei-Ballade:„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" im Herbst von 1821 in Lüneburg entstanden. Am 19. Januar 1824 reiste er nach Göttingen, nachdem er sich am 24. Dezember des vorhergehenden Jares in Berlin hatte exmatrikuliren lassen. In Göttingen studirte er nun die Rechts- Wissenschaft etwas eifriger als früher, reiste jedoch in den letzten Märztagen schon wieder einmal nach Berlin, kehrte nach vier- wöchentlichem Aufenthalte nach Göttingen zurück, hörte, da die traurige Notwendigkeit ihn nun einmal dazu drängte, die für das Examen unerläßlichen Vorlesungen, beschäftigte sich nebenher mit dem Roman„Der Rabbi von Bacharach" und unter- nam im September eine vierwöchentliche Fußreise durch den Harz und Thüringen, auf der er auch Goethe in Weimar besuchte und der wir die anmutigen, bezaubernd schönen Lieder der„Harz- reise" verdanken. Das Jar 1824 ging zu Ende und Heine hatte noch immer das Doktor-Examen nicht gemacht. Sein Oheim gab ihm eine» weiteren Geldzuschuß für noch ein halbes Jar, betonte aber aus- drücklich, daß er ihm unter keiner Bedingung eine fernere Unter- stützung werde angedeien lassen, bevor er ihm nicht seine erfolgte Promotion angezeigt. So ineldete sich Heine denn endlich zum Examen, und wurde, nachdem er dasselbe mit Mühe und Not bestanden, am 20. Juli 1825 zum Dottor beider Rechte ernannt. Vorher war Heine, wenn auch mit innerstem Widerwillen, doch aus den schon angegebenen Gründen endlich dazu gezwungen, zur evangelischen Kirche übergetreten— in dem preußischen Oert- che» Heiligenstadt, unweit Göttingen, wurde seine Taufe am 28. Juni 1825 in aller Stille vollzogen. Im Herzen ist Heine niemals ein Christ geworden; seit dem Tage seiner Taufe hatte er sich im Innersten mit sich selbst entzweit..... Zum Zeichen seiner Anerkennung, daß sich der Neffe nun- mehr den Doktorhut erworben, gab ihm Salomon Heine jetzt die Mittel zu einem Aufenthalt auf der Insel Norderney, wohin der Dichter im Sommer ging. Er fülte sich auf der einsamen Insel geistig und körperlich sehr wol und schuf hier den ersten Cyklus seiner unvergleichlichen„Nordseebilder". Von Norderney zurückgekehrt, hielt er sich wieder kurze Zeit bei seinen Eltern in Lüneburg auf, jetzt als Dr. juris hoch angesehen, und kam dann Mitte des November mit dem Plane nach Hamburg, sich hier als Advokat niederzulassen, ein Plan, den er jedoch sehr bald wieder aufgab, da es ihm immer mehr zum Bewußtsein gelangte, daß sein ganzes Wesen der trockenen Juristerei widerstrebe. Mit dem Buchhändler Julius Campe, einem klugen, energischen, um die Verbreitung freisinniger deutscher Literatur hochverdienten Manne, bekannt geworden, trug er diesem den Verlag;euier ..Reisebilder" an. Campe akzeptirte denn anch gegen ein ein- maliges Honorar von fünfzig Louisd'or den ersten Band bieftr Lieder und interessanten Feuilletons, welcher gegen Ende Ma, des Jares 1826 zu Hamburg erschien. Obwol Heine selbst keine großen Erwartungen auf den Erfolg des Buches hegte, war die Wirkung doch eine blitzartige, durchschlagende. Der erste Band der„Reisebilder- enthielt die. Lieder der Heimkehr", die Lieder und die humoristische Prosadichtung der ".Harzreise" und die erste Abteilung der Gedichte„Nordsee". Vor allem rief die„Harzreise" das unerhörteste Aussehen hervor, und das hatte seinen guten Grund. Ein kühner, überlegener Geist goß hier die ätzende Lauge seines Spottes über ein in jämmerlich kleinlichen Interessen dahinlebendes Philistertum, über die ekelhafte Rauf- und Sauflust der meisten studentffchen Kreise von damals, über den leeren Formelkram der göttinger Gelehrten- Weisheit, über die Verlogenheit und Gespreiztheit der literarischen Welt jener Tage aus. Sein übermütiges Gelächter, sein gellender Hohn rüttelte die Geister aus ihrem Schlafe auf, und sich aus gleichgiltiger Ruhe erhebend, wollten sie selbst kaum glauben an den mittelalterlichen Spuk, von dem sie geträumt; sie waren wie geblendet von dem warmen Sonncnstral des Lebens, der ihnen aus diesen leicht dahinfließenden, wolgeformten Zeilen entgegen- flutete, und gelangten so endlich zum Bewußtsein von der Tor- heit und Erbärmlichkeit der Daseinsformen und Verhältnisse ihrer Zeit, dem Dichter nachsprechend: �Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassiren,— Ach, wenn sie nur Herzen hätten!" Die„Nordseebilder", diese reimlosen, in wechselvollem Rhythmus einherschreitendcn Gedichte gehören zu dem schönsten, was die Poesie aller Zeiten hervorgebracht hat; nichts kann anziehender und er- greifender sein, als die mannichfaltigen Wechselbeziehungen zwischen der von den verschiedensten Stimmungen, bald wild, bald leise bewegten Dichtcrscele, und dem majestätischen, bald grollend sich aufbäumenden, bald wiegenliedheimlich rauschenden Meere,— reizvolle Gedankcnspiele, die in allen diesen Nordseegedichten walten. Heine hat auch den durchaus reformatorischen Charakter unsers Jarhundcrts, der, Dummköpfe, Heuchler und Feigherzige mögen sagen, was sie wollen, mit innerster Notwendigkeit zu seinem Ziele drängt und es erreichen wird, erreichen muß, Heine hat diesen Charakter am tiefsten erkannt und gesagt:„Hcüchlcrische Duckmäuser, die unter der Last ihrer geheimen Sünden niedergebeugt einherschleichen, wagen es, ein Zeitalter zu lästern, das vielleicht das heiligste ist von allen seinen Vorgängern und Nachfolgern, ein Zeitalter, das sich opfert für die Sünden der Vergangenheit und für das Glück der Zukunft, ein Messias unter den Jar- Hunderten, der die bluttge Dornenkrone und die schwere Kreuzes- last kaum ertrüge, wenn er nicht dann und wann ein heiteres Vaudeville trällerte und Späße risse über die neueren Pharisäer und Saduzäer. Die kolossalen Schmerzen wären nicht zu er- tragen, ohne solche Witzreißerei und Persiflage! Der Ernst tritt um so gewaltiger hervor, wenn der Spaß ihn angekündigt." Im Sommer von 1826 befand sich Heine wieder aus Norderney, wo die zweite Abteilung der Nordseegedichte entstand, weilte dann Mein Freunds Eine Spiritistengejchichte aus dem letzten Drit (XII. Hanna Wunders Mitteilungen.— Was mein Freund, der Klopf- gcist, von mir verlangt.) Die alte Hanna wendete sich hier ab und wischte sich mit der Schürze die Augen. Ob ich denn nicht vielleicht ihrem armen, unglücklichen Fräulein helfen könne, fragte sie, sie wäre so gut und schön, übermenschlich gut und schön, und es wäre warhaftig zu traurig, wenn ein so junges Blut sterben müsse; ich sei ja ein schwer gelehrter Herr und Doktor und da wüßte ich doch gewiß ein Mittel, daß sie nicht zu sterben brauche. Ich belehrte sie, daß ich leider kein Arzt sei, so schmerzlich mich dies der vorliegende Fall auch bedauern lasse und daß über- dem auch die Aerzte sehr vielen Leiden gegenüber, besonders Nervenleiden, wie eins Athanasia quäle, rathlos seien. „Die Nerven, ja, ja, das ist's!" eiferte Hanna und für sich wieder mit der Schürze nach den Augen.„Und die Nerven hat sie erst bekommen, seit--" Sie wollte abbrechen. „Seit?" fragte ich gespannt. „Nun— ach Gott, guter, bester Herr Doktor. Sagen Sie's nur ja meinem Herrn nicht, daß ich's verraten. Es wäre sonst gewiß mein Tod. Seit er sie zum Medium gemacht hat, da war's gleich alle, rein alle mit ihr. Sie aß nicht mehr ordent- lich und trank kaum noch ein halbes Gläschen Wasser täglich und sonst garnichts, sie ging nicht mehr aus, sie hatte für nichts Teilname mehr— es war eben aus. Und nach jeder Sitzung wurd's schlimmer, und seit ein paar Wochen ist's gar nicht mehr auszuhalten. Sie fällt immerfort in Ohnmacht, spricht tagelang kein Wort, sitzt oft viele Stunden lang regungslos und ohne daß man auch nur merkt, daß sie atmet, auf einem Flecke— kurz, man sieht, daß sie viele von den unglücklichen Sitzungen nicht mehr aushält." „Haben Sie eine Ahnung, wie geholfen werden könnte?" fragte ich sie. Wärend des letzten Jaresviertels abermals in Lüneburg und ging am 15. Januar 1827 nach Hamburg, um den Druck des zweiten Bandes der„Rcisebildcr" persönlich zu überwachen. Dieser zweite Band erschien Mitte April des genannten Jarcs und rief wo- möglich noch größeres Aufsehen als der erste hervor. Das Urteil der Presse im ganzen war dem Werke indeß durchaus nicht günstig; alles zeigte sich durch die nie dagewesene Dreistigkeit, mit der der Dichter sich darin gegen alle Zustände und Meinungen der sogenannten Restaurationsperiode aussprach, auf das äußerste überrascht und verblüfft. Heine fürte von diesem Bande der „Reisebilder" an einen planmäßigen Kampf gegen die Aristokratie und das Pfaffenttim, die im wesentlichen durch ihre sittliche Ver- sumpfung und Verrottung die französische Revolution herbcigefürt hatten; er begriff, daß es vor allem galt, die durch diese groß- artige Bewegung gewonnenen Güter zu verteidigen und zu hüten, wenn sie nicht in der Erschlaffung jener Tage wieder verloren gehen sollten. Wie klar Heine das Ziel seines oben charakterisirtcn Kampfes im Bewußtsein gegenwärtig war, bezeugen u. a. folgende seiner Feder entstammende Worte:„Was ist aber diese große Aufgabe unserer Zeit?— Es ist die Emanzipation. Nicht blos die der Jrländer, Griechen, frankfurter Juden, westindischen Schwarzen und dergleichen gedrückten Volkes, sondern es ist die Emanzipation der ganzen Welt, insonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie. Mögen immerhin einige philo- sophische Renegaten der Freiheit die feinsten Kettenschlüsse schmie- den, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind als Lasttiere einiger tausend privilegirter Ritter; sie werden uns dennoch nicht davon überzeugen können, solange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Sätteln auf dem Rücken und diese mit Sporen an den Füßen zur Welt gekommen sind." Und in ähnlicher Weise hat Heine zu unzäligenmalen die soziale Frage als die brennendste unsres Jarhunderts und ihre Lösung als die Hauptaufgabe desselben bezeichnet, und ist somit auch einer der tätigsten und überzeugtesten Pioniere bei der harten Arbeit an der Befreiung und Veredlung des Menschen- geschlechts gewesen.(Fortsetzung folgt.) der Rlopsgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. S. Sie schüttelte den Kopf. „Nein," sagte sie.„Ich habe mich schon seit langer Zeit ab- gequält und bin auch zu Doktoren, d. h. zu solchen von der Medizin, gelaufen, heimlich heißt das, die aber haben den Kopf geschüttelt und haben von genauer Untersuchung gesprochen und auf den Spiritismus geschimpft, aber von Untersuchung will's Fräulein nichts wissen und von den Doktoren auch nicht und der Herr ist furchtbar böse geworden, als ich einmal gewagt Hab', ihm von meinen Sorgen um's Fräulein zu sprechen und daß 'ne Kur nottvendig wäre, oder daß die Sitzungen auf eine Zeit lang lieber aufhören sollten." Ich sprang, von tausenderlei Gedanken und Gefülen bestürmt, auf und ging raschen Schrittes im Zimmer hin und her. Auch Hanna Wunder schien von ihren Empfindungen vollauf in Anspruch genommen. Gesenkten Hauptes und von mir ab- gewandt, mit der Schürze vor den Augen, stand sie da. Nachdem ich zwei- oder dreimal das Zimmer durchmessen hatte, blieb ich vor ihr stehen: „Es muß geholfen werden, Frau Wunder, es muß. Athanasia darf nicht zugrunde gehen an diesen— diesen spiritistischen Ex- perimenten ihres Vaters._ Sagen Sie mir nur um Himmels- willen: wenn sie füll, wie sie dadurch mehr und mehr angegriffen, aufgerieben wird, weshalb läßt sie sich immer wieder dazu miß- brauchen? Cannabäus darf seine Tochter nicht dazu zwingen, sich ihm zu opfern, er darf nicht—" Hanna Wunder war heftig erschrocken. „Ich bitte Sie um alles in der Welt, Herr Doktor, sprechen Sie nicht so. Ich darf so etwas ivenigstens nicht anhören. Unsre Athanasia wird nicht vom Herrn gezwungen, der Geist tut es ja. Freilich——" Sie warf"einen Blick nach der Tür, neigte sich zu mir hin und hielt die eine Hand vor den Mund, um mir vorsichtig leise zuzuflüstern: 145 „Freilich hat der Geist mir über sie Macht, wenn sie der Herr vorher magnetisirt hat. Und ich habe schon immer gedacht, wenn sie einmal eine Zeitlang, vielleicht ein Jar oder wenigstens ein paar Monate fort wäre vom Herrn, sodaß er garnicht wüßte, wo sie wäre, dann könnte sie noch gerettet werden. Aber anders gewiß nicht.-- Doch was red' ich da— ich weiß ja garnicht, ivas ich sage,— adien, Herr Doktor,— ach, ich bitt' Sie, denken Sie nur, Sie hätten von mir garnichts gehört——" Damit war sie, che ich mich's versah, zur Tür hinaus.'Ich ging ihr nach, ich rief nach ihr, aber die Alte blieb verschwunden. Ich ging zum Fenster, lehnte meine heiße Stirn an die Scheiben und starrte ins Blaue. Die Gedanken wirbelten mir in tollem Reigen durchs Hirn, mein Herz pochte laut.--- Was thun? Sie— Athanasia, die Bezaubernde, für die in mir verzehrende Leidenschaft flammte, war dem Verderben nahe.—„Wenn sie eine Zeitlang fort wäre voni Herrn, so-- daß er garnicht wüßte, wo sie wäre— dann könnte sie noch gerettet werden—" sagte ihre alte, gewiß in herzlicher Liebe für sie besorgte Vcr- traute. Sicherlich hatte sie recht, ja— sicherlich! Aber wie sie von ihrem Vater trennen, wo sie verbergen? Und sie wollte ja doch nicht fort. Oder— wenn sie vielleicht doch wollte, wenn sie jener Stimme folgen möchte, der einmal wenigstens im Leben kein Mensch zu widerstehen vermag, sei er auch der willensstärkste und vcrstandcskältefte— dem Rufe der Liebe? Ich kämpfte einen schweren Kampf,— sollte ich es versuchen? Und wenn es nun gelang, was dann? Was sollte geschehen mit meiner Braut, mit meinem— mit dem armen Aenuchen? Trotz heißestem Gedankenriugen gelang es mir nicht, zu einem Entschlüsse zu kommen. Suche dich erst zu beruhigen, rief es in mir, bevor du dir zu handeln vorsetzest. Und es litt mich nicht länger im Zimmer,— ich hing meinen Ucbcrrock um und stünnte hinaus. Draußen stieß ich wieder ans Hanna. Erst wollte sie. ent- schlüpfen; dann aber blieb sie stehen und fragte, ob es denn war wäre, was Kunz sage, daß der Barbier heute Nacht bei mir ge- schlafen; sie hätte vorhin schon fragen wollen, aber-- Sie brach ab. Ich bejate und fügte auch hinzu, weshalb er bei mir Herberge gesucht. Sie mochte wol noch mehr auf dem Herzen haben, aber ich brachte es nicht über mich, sie länger anzuhören, ich mußte ins Freie und allein sein mit mir. Zwei Tage darauf fand wirklich eine Spiritistensitzung statt. Sie begann und verlies anfangs genau so, wie die erste, der ich beigewout hatte. Auch die Teilnemer waren im ganzen dieselben. Herr Aloys Metzig saß, wie damals, neben mir und uns schräg| gegenüber hatte.der stämmige Handwerker Platz genommen, der in der vorigen Sitzung der Leidensgefärte meines Naseurs ge- Wesen war. Zwei oder drei Personen waren mir unbekannt, da- für war weder der alte Herr, noch die ältliche Jungfer erschienen, denen die Geistererscheinungen der vorigen Sitzung gegolten hatten. Ich kümmerte mich diesmal viel weniger um die An- wesenden, als das vorigemal, auch über die mir noch ganz Un- bekannten ließ ich nur einen flüchtigen Blick jjlciten, obwol die eine durch den tiefen Schleier, der ihr Gesicht verbarg, die Neu- gierde eines weniger mit seinen eigenen Angelegenheiten Beschäf- tigteu auf sich gelenkt hätte. Nach dem üblichen Höllenspektakel erschien wieder die ge- heimnißvolle Ampel an der Zimmerdecke, jenes milde Dämmer- licht bestralte den Kreis der Anwesenden und in ihrem Lehnstule lag Athanasia, wie es mir schien, angegriffener, beängstigender geisterhaft, als ich sie je gesehen hatte. Mich meinen Gefülen hinzugeben, blieb mir keine Zeit: der Klopfgeist begann zu reden. Anfangs die üblichen frömmelnden, nichtssagenden Redensarten, die an niemanden besonders'adressirt waren. Dann unterbrach sich die Gcspensterstimme mitten in cineni Satze, um fortzu- faren: „Ah, du mein Freund? Du hast die Bücher des neuen Evangeliums studirt— hast du gefunden, was du mit heißem Bemühen gesucht: Täuschung, Betrug?" Eine atemlose, unheimliche Stille herrschte nach diesen, wie aus tiefer Steingruft emporschallenden Worten. Aller Augen hingen an meinen Lippen, keine andre Lippe rürte, kein Glied regte sich, nur das Medium selbst, nur Athanasia-- beim Himmel, auch mir verging fast der Odem, als ich sah, wie es' in dem Busen des sonst immer bewegungslos wie ein Marmor- bildniß daliegenden Mädchens wallte und wogte. „Du willst., oder du kannst nicht antworten, mein Freund?" Mit Gewalt preßte ich die Antwort über die Lippen:„Ich habe geforscht mit aller mir zu Gebote stehenden Geisteskraft— --- und ich habe gefunden des Erstaunlichen, des mit den Er- kenntnißmitteln unserer bisherigen Wissenschaften nicht Erklär- lichcn viel, sehr viel." Was ich bekannte, erregte allgemeine Sensation. Leise Aus- rufe, wie:„Also doch! Er ist bekehrt! Die guten Geister haben gesiegt über den Unglauben! Gott sei Dank!" schwirrten von rechts und links an meinem Ohre vorüber. Herr Aloys Mctzig platzte in die allgemeine Erregung mit einem heftigen Hustenanfall hinein, er geberdcte sich, als ihm etwas im Halse stäke, so daß er trotz der Bewegung, welche ob meiner Antwort auf die Fragen des Klopfgeistes durch die bunt- zusammengewürfelte Gesellschaft ging, doch die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich lenkte. (Fortsetzung folgt.) ZUM Me'lhnschtsktst Die Weihnachtsglockcn!— Horch, es hallt ihr Schlag I» aller Weise wieder durch die Tale, Dort schwimmt der Mond, und saust verglüt der Tag, Und wundersam ist mir mit einemmale; Das Abendrot webt goldig durch die Baume, Und nieder steigt ihr, süße Kinderträume! Laß mich dich halten, hehre Abendstunde, Mit alle» deinen Zaubern weile still, Vernimm, was ich aus tiefstem Seelengrunde Aus brünst'gem Herzen zu dir sagen will: Wie Kinder, die des Herzens Wunsch erzälen, So laß mein heiß' Gefül mich dir vermalen! Du bist so selig, sried- und freudevoll, Doch draußen tobt der Kampf auf alle» Gassen, Des Hasses Eifer finstcnn Wahn entquoll, Der Liebe sind die Menschen schier verlassen; Die bleiche Not geht fröstelnd durch die Lande, Und miste Torheit— wert ist sie der Schande. Wer denkt der Botschaft, die uns schrieb die Kraft Des hcil'gcn Geists der Menschheit ins Gewissen,— Ward sie'verweht im Sturm der Leidenschaft, Hat sie der Toren plumpe Hand zerrissen? Mit Blindheit ist die Menschenwelt geschlagen, Und zweifeln, fragt da� Herz: Wann wird eS tagen? Du hehrer Geist, der diese Stunde waltet, Man rühmt, man preiset deine sel'ge Macht: Gieß aus dein Licht in Herzen, die erkältet, Und die verhönt die Warheit und verlacht, In Liebe laß im Tiefsten sie entbrennen, Und alle— was das höchste ist— erkennen! Erkennen, daß das Heil uns nur ersteht, Wenn jeder treu dem anderen verbündet, Mit Mut und Kraft die Bahn des Rechtes geht, Am Schönen, Edlen seinen Geist entzündet. Dann, Fest der Weihnacht, würd' dir rechte Weihe: Denn Menschen trüg' die Erde,— ächte, freie! M-r Bogt». Störfang in der Elbe. Von H. Schlüter. (Schluß.) Unser Stör(�.eipenser 8timo) gehört zu den Schinelzschuppern, zur Ordnung der Knorpelstöre, deren einzige Familie, die Rüsselstöre, außer ihm nur noch wenig Repräsentanten hat. Tie Thierordnunz der Störe hat überhaupt nur wenig Arten, wärend die Vorwelt mit ihnen gar reichlich bedacht war, wie uns Spuren und Uebcrbleibsel derselben in verschiedenen Gcbirgsformationen zeigen. Wie man die Dickhäuter— de» Elephanten. das Nashorn u. s. w.— als Erscheinungen einer Tierwelt aufgefaßt, die eigentlich ihre Zeit hinter sich hat. und die nur noch als die Ueberreste einer einst großen und weitverbreiteten Tierfamilie, die im Aussterben begriffen ist, auf uns gekommen sind. obgleich sie gewissermaßen mit der gegenwärtigen Entwicklungsperiode des Tierreiches in Widerspruch steht, so kann man auch von den Stören sagen, daß sie— Ueberbleibsel einer großen Fischgattung— das in der Fischwelt sind, was die Dickhäuter im Reich der Säuge- tiere darstellen. Wie der Dickhäuter mit seinem kolossalen Körperbau im Widerspruch zu den meisten Säugetieren steht, so steht auch der Bau des Störes im Widerspruch zum Bau der meisten Fischarten, und auch ihn können wir auffassen als Uebcrbleibsel einer Thierwelt, welche sich mit der gegenwärtigen Entwicklungsperiode der Fauna im Wider- spruch befindet. Sein knorpliches Gerippe, seine rüsselförmige. Hecht- artige und unbewegliche Schnauze, wie sein unterständiges zahnloses Maul, welches er trichterförmig vorstrecken kann und das einem Saug- apparat ähnelt, steht im Widerspruch mit den gleichen Organen der meisten Fischarten. Das verkümmerte Maul befindet sich an der un- lern Seite des Kopfes und ist von einer dicken Unterlippe umgeben. Vor demselben befinden sich vier Bärtel, an denen das Thier außer- ordentlich empfindlich ist, und welche ihm als Tastwerkzeuge dienen. Auch die Bekleidung des Fisches ist eine andere, wie die der meisten übrigen Fischarten. Dieselbe besteht nämlich aus fünf Reihen Knochen- schildern, welche, besetzt mit scharfen, dornartigen Knochcnhakcn in der Mitte einen Keil bilden, wodurch der Fisch eine fünfeckige Gestalt er- hält. Seine Schwanzflossen sind sichelförmig und ist besonders die obere von bedeutender Größe. Die Farbe des Störs ist ein dunkles Braungrau, wärend die untere Seite glänzend silberweiß ist. Seine Länge beträgt gewöhnlich nicht mehr als zwei Meter, doch wird er bis zu sechs Meter lang und repräscntirt in diesem Falle das stattliche Gewicht eines kleinen Ochsen, nämlich bis 400 Pfund und darüber. Der Stör ist kein eigentlicher Flußbewoner, sondern seine wirk- liche Heimat ist das Meer. Von hier geht er im April und Mai hin- aus in die Flüsse um daselbst geeignete Stellen aufzusuchen, seinen Laich abzusetzen. Man nam früher an, daß Witterungsumstände die Fische bewegen könnten, das Meer zu verlassen und die Flüsse zu be- suchen, allein dieses ist falsch. Wie bei allen Fischen, so ist auch beim Stör der Fortpflanzungstrieb die einzige Ursache seiner Wände- rung. Aus dieser dringt er mitunter sehr hoch in den Flüssen hinauf. So geht er z. B. in der Elbe bis nach Böhmen hinein und ist sogar in der Moldau gesangen worden. Freilich sind dies Ausnamen und der Hauptfang in der Elbe ist unterhalb Hamburg bis zur Mündung. Wenn auch der Störsang in der Elbe keinen Vergleich aushält mit dem Fang ähnlicher Fischarten im kaspischen See und seinen Neben- flüffen, so ist derselbe doch bedeutender, als man gewönlich annimmt. Von Hamburg bis zur Elbmiindung beschäftigen sich etwa 200 Fischer mit dem Fang, und da man aus jede» Fischer etwa 30 Störe jährlich rechnen kann, so ergibt das einen Fang von 0000 Fischen im Jahr, die schon ein ganz ansehnliches Kapital repräsentiren. Im Sommer vorigen Jahres war der durchschnittliche Preis des Störs in Hamburg für Milchner(Männchen) 15 Mark und für Rogner(Weibchen) 42 Mk., was, gleichviel Rogner und Milchner gerechnet, für den gesammten Fang in der Elbe die ganz hübsche Summe von 171 000 Mark jähr- lich ergibt. Da der Störfang in der Weser ebenfalls ziemlich lebhaft betrieben wird, so kann man 9—10 000 Störe rechnen, welche alljährlich in Deutschland gefangen nnd verzehrt werden. Sobald der Fisch seine Wanderung vom Meer aus stromaufwärts beginnt, also ani Anfang April, stellen auch die Fischer sich ein, um erst Anfang August— so lange hält der Fisch sich in den Flüssen auf — ihr Gewerbe wieder einzustellen. Die meisten Fische werden in der Elbe vor der Mündung der Stör, eines Nebenflusses der ersteren, der wol nach dem Fisch seinen Namen haben mag, und bei dem Orte -Osdorf gesangen. Die Fischer bringen größtenteils ihre Beute nicht selbst an den Markt, da sie zu viel Zeit damit versäumen würden, son- der» sie verkaufen dieselben schon vor Ansang der Fangzeit kontraktlich an einen Zwischenhändler, der sie an Ort und Stelle in Empfang uimmt und dann nach Hamburg auf den Markt schafft. Wie schon angedeutet, ist in andern Ländern, besonders in Ruß- land, der Störfang ein ungemein großartiger und bedeutend einträg- licherer wie m Deutschland, und bildet derselbe für die Bewohner der Gegend des kaspischen Sees und des schwarzen Meeres einen wichtigen Nahrungszweig. Hier ist es ein größerer Vertreter der Störfamilie, der Hausen(Acipcnser Huso), dem hauptsächlich nachgestellt wird, und wir müssen sagen, daß derselbe sich wohl des Fanges lohnt; wird dieser größte aller Flußbewohner und beinahe größte aller Fische— nur einige Haifischarten kommen ihm gleich— doch bis zu vierund- zwanzig Fuß lang und in diesem Falle 3000 Psund schwer. Außer seiner Größe unterscheidet sich der Hausen von unserem einheimischen Störe nur durch seine kleineren Knochenjchilder, ist im übrigen dem- selben aber ziemlich ähnlich. Im Früling, wenn der Fisch aus den erwähnten Meeren in die Flüsse hinaussteigt, entwickelt sich an den Ufern derselben eine rege Tätigkeit. Wo sonst die traurige Einöde kaum von eines Menschen Fuß betreten wurde, entstehen plötzlich wie durch Zauberei blühende Dörfer, in denen sich der rege Verkehr, das Schachern und das Feilschen einer modernen Handelsstadt entwickelt. Da wird Fischerbaracke an Fischer- barackc hingebaut, da werden Hütten aus Schilfstroh errichtet, Zelte aufgeschlagen und Magazine und Schlachthäuser hingestellt; neben dem Fischer erblickt man dort den Unternemer und den Kaufmann, welcher die gefangenen Fische verpackt, sie versendet und an den Markt schafft. Der Betrieb des Fanges wird genossenschaftlich gepflegt. Irgend ein Unternemer liefert die Hütten, die Boote, die Netze, Fässer ic. ac. und nimmt sich die Fischer an. Was diese fangen, wird gemeinschaftlich verrechnet und die Bezalung der geleisteten Arbeit geschiel durch Anteil am Gesammtgewinn. Die Buchfürung, der Verkauf des Fanges an den Kaufmann, die Fürung der Kasse u. dergl. Arbeiten mehr, werden von einem dazu gewälten Mitglied der Genoffenschaft verrichtet. Die Hütten werden aus Psälen am Strande so gebaut, daß der gefangene Fisch direkt aus dem Boote in dieselbe gebracht werden kann. Hier wird auch das Tier durch eine ihm in der Nähe des Schwanzes beigebrachte Wunde, welcher eine große Masse von Blut ent- strömt, getötet. Auch dient die Hütte als Küche und Schlafsaal. Draußen am Strande sind hohe Mastbäume errichtet, an denen oben ein Korb befestigt ist, in welchem eine Wache sitzt, die den Fluß zu beobachten hat. Durch langjärige Uebung erhalten die Sinne dieser Wachen eine außerordentliche Schärfe, und es ist wunderbar, zu sehen, mit welcher Sicherheit diese Leute angeben können, wenn Fischzüge im Anzug sind. Im Herbste, wenn der Fang vorbei, werden die Dörfer abge- rissen und dort, wo eben noch menschlicher Fleiß und menschliche Ar- beit angewandt wurde, um der Gesellschast die verschiedensten Genuß- mittel zu schaffen, wo das Interessen die Einzelnen zwang, zum Ge- triebe der Allgemeinheit seine Kraft zu leihen— da streicht der Wind wieder so lange über die öde Steppe dahin, bis menschliche Arbeit wiederum Veränderung schafft. Eine eigentümliche Art des Hausensanges trifft man bei den Ko- saken an der Wolga. Sobald sich der Fluß mit einer Eisdecke über- ziet, legen die Fischer sich auss Eis, um den am Grunde des Fluffes in einer Art von Winterschlaf liegenden Fisch zu erspähen. Zu diesem Zwecke decken die Suchenden sich ein dunkles Tuch über den Kops und könnm so durchs Eis hindurchblicken. Mitunter entdecken die Fischer aus diese Weise ganze Herden des ungeheuren Fisches zusammenliege». Hat man nun das Gesuchte in genügender Anzal gesunden, so ver- sammelt sich der ganze Stamm. Aus ein, durch einen Kanonenschuß gegebenes Zeichen stürzen nun sämmtliche Versammelte mit großem Geschrei aufs Eis, und hauen an den Stellen, wo Fische entdeckt wur- den, Löcher hinein. In diese Löcher steckt man lange Stangen, welche unten mit scharfen Haken versehen sind. Der Hausen, durch den großen Skandal, wie auch durch das Einhauen der Löcher ins Eis aufgeschreckt, schwimmt, oder kriecht vielmehr stromabwärts dicht am Grunde dahin. Fült nun einer der Fischer, daß ein Fisch seine Stange streift, so zieht er sie mit raschem Rucke in die Höhe, der Haken särt dem Tiere in den Leib, es wird in die Höhe gezogen, das Loch im Eise vergrößert und dann der Fisch vermittelst kleinerer Haken, welche ihm, sobald er an der Oberfläche erscheint, eingetrieben werden, vollends aufs Eis gebracht. Auch durch Tauchen suchen die Kosaken dem wertvollen Tiere beizu- kommen. Bewaffnet sind sie bei diesen Besuchen in der Diese nur mit einem kurzen Haien, der an einem Lederriemen am rechten Arm des kühnen Tauchers befestigt ist. Auch die zalreichen Ströme der„Neuen Welt" Amerikas werden von den Vertretern der Familie Stör bevölkert. Freilich ist die dort vor- handene Art etwas kleiner, wie die in deutschen Flüssen einheimische, allein dafür zeigt sie sich auch desto zalreicher. Was Wunder, daß auch der spekulative Yankee sich auf den Fang und den dadurch her- beigefürten Gewinn geworfen hat. Die Verwendung des Störs ist bekannt. Sein Fleisch wird frisch und gesalzen, am meisten aber geräuchert in den Handel gebracht. Wärend das frische Fleisch, selbst nach längerem Kochen, immer noch einen etwas tranigen Geschmack behältj. ist da- geräucherte Fleisch von außerordentlichem Wolgeschmack. Wer hätte noch nicht das schöne, rotbraune Störfleisch geschmeckt, welches im Früling und Sommer IN den Fischhandlungen feilgeboten wird?! Schon die alten Römer und Griechen brachten dieses Fleisch auf ihre reichbesetzten Tafeln und wußten dasselbe gar hoch zu schätzen. Mehr indeß noch als das Fleisch waren die Eier, der Laich des Störs, gesucht, und auch heute noch bilden diese, verarbeitet als Caviar, einen wichtigen Handelsgegenstand. Aus dem hohen Wert des Caviar erklärt sich auch der 2>/z mal höhere Preis des Rogners gegenüber dem Milchner. Der Eierstock des weib- lichen Störs enthält aber auch Millionen von Eiern, nimmt derselbe doch den vierten Teil des ganzen Gewichts des Fisches ein. Wie bei vielen Fischen ist auch das Weibchen des Störs um ein bedeutendes größer wie das Männchen. Um den Caviar zuzubereiten, werden die Eierstöcke des Fisches mit Ruten gepeitscht und dann durch Siebe gerieben, um so die hau- tige Umhüllung der Eier zu lösen und dieselbe von diesen zu sondern. Hierauf werden sie getrocknet, gut gesalzen, in Tönnchen verpackt und so in de» Handel gebracht. Der Caviar wird auf Brod gegessen und ist eine gesuchte Delikatesse, die freilich des großen Preises halber bei dem frugalen Male des armen Mannes nicht zu finden ist, dafür aber von der„feinen Welt" mit um so größeren Behagen verzehrt wird. Auch die Schwimmblase des Störs wird verbraucht und zwar wird dieselbe zu feinem Leim, zur Gelatine verarbeitet. Außer ver- schiedenen technischen Zwecken dient diese gleichfalls zur Zubereitung von Speisen, besonders von Saucen, sodaß beinah der aesammte Fisch, — Fleisch, Eier und Schwimmblase— dazu dient, die Bedürfnisse der Menschen, wie deren, durch die Kultur immer mehr verfeinerten, gastro- nomischen Ansprüche zu befriedigen.— In Versuchung. Für die kleine Heldin unserer Illustration (Seite 140) ist der heutige, schon seit Wochen freudig erwartete Tag als ein warer Festlag angebrochen. Sie, das Lieblingstöchterchen Lischen, hatte auch allen Grund, sich im voraus darauf zu freuen, hat er doch keine geringere Bedeutung, als der Geburtstag ihrer wichtigen, höchsteignen Persönlichkeit zu sein, der nun schon zum sechstenmale wiederkehrt! Sie hat sich denn auch in der letzten Zeit der größten Artigkeit befleißigt, ist sie doch nun bereits recht groß und verständig geworden und hat der im allgemeinen ihr gegenüber nicht allzustrengen Mama, als sie ihr kürzlich zum soundsovielten male in einem un- bewachten Augenblick ein Stück Konfekt wcggenascht, unter Beteurung ihrer guten Vorsätze versprochen, daß sie so etwas ganz gewiß nicht wieder tun wolle. Bis zur Stunde hat sie auch redlich Wort gehalten, und wie sich alles Gute in dieser Welt belohnt,— namentlich wenn man solche Gönner hat, wie unser Lieschen, denen eine eventuelle Belohnung keine besondern Schmerzen und Schwierigkeiten in der Tageskasse ver- ursacht,— so ist auch sie heute reichlicher beschenkt worden, denn je. Erhöht der, von einem, als zerstreut geltenden Junggesellen, ein in der Provinz wohnenden reichen Onkel geschickte Elefant, der dem Zuge des Bändchens, an dem sie ihn hat, in würdevoller Haltung ihre» Spuren durch die Geburtstagsräume folgt, ihr äußeres Dasein, so nimmt eine von der Großmama gebrachte mächtige Torte, zur Befriedigung ungleich wichtigerer Bedürfnisse, einen noch höheren Rang ein. Sie ist nun ein- mal auf die Süßigkeiten versessen, wie weiland ihre vor Ururzeiten im Paradiese lebende Ahne Eva, die dem eingefleischten Fleischcsscr von heute freilich nur ein mitleidiges Achselzucken abgewinnt, weil sie in jugendlichem Leichtsinn ihren gottähnlichcn, sündlosen Zustand für einen gewöhnlichen Apfel preisgegeben,— wäre es noch wenigstens ein Fasan oder ein Rebhuhn gewesen! Das sind jedoch Geschmackssachen, über die sich wol streiten, aber kein endgiltiges Urteil fällen läßt, solange„die Geschmäcker" verschieden sind. Item, welchen Zweck haben denn die süßen Früchte, wenn sie nicht genossen werden sollen? So denkt sicher auch unser Geburtstagskind, und es macht sich dadurch noch lange nicht der Vorbereitung einer so sträflichen Handlung schuldig, wie die eine war, bei der ihre über den Unterschied der Begriffe von mein und dein noch wenig ausgeklärte Vorsarin in flagranti ertappt wurde,— sintemalen ja die so gewaltige Anziehungskraft ausübende Torte ihr unveräußerliches Privateigentum ist! Sie hat dieselbe geschenkt be- kommen, und nun hat die freigebige Mama bereits davon verschiedene Stückchen an die Gouvernante und sonstige für dergleichen empfäng- liche Familienglieder verteilt, und außerdem steht für Nachmittag, Punkt 3 Uhr, der Besuch von Nachbars Lenchen und deren wilden Brüdern Karl und Hans in sicherer Aussicht, die, laut Erfarung, schon an ganz gewöhnlichen Erdentagen stark kommunistische Bestrebungen heraus- stecken, wenn es sich um derartige Bissen handelt. Ist es ein Wunder, wenn der sich allen, und selbst den jungen Menschenkindern ausdrängende alte Adam— meinethalben auch die Eva— erwacht und sich ihr ernst- hast der Entschluß aufdrängt, ihr Eigentum in Sicherheit zu bringen!? Ob sie der.Versuchung widerstehen wird? Schwerlich, der Moment ist zu günstig, sonst gänzlich unbemerkt, vor dem einzigen Zeugen der «zene, dem Elefanten, vor Verrat sicher, denn hätte sie dessen Folgsam- mt nicht sicher erprobt, so wäre doch sein über allen Klatsch erhabenes Wesen die beste Bürgschaft für sicheres Stillschweigen.- Jedenfalls hat der Künstler den Augenblick, wo das ewig menschliche egoistische Prinzip sich mit dem gesellschaftlichen in dieser Kinderseele im noch un- entschiedenen Kampf befindet, meisterhast dargestellt, es der Phantasie des Beschauers überlassend, die Lösung zu finden. Unbenommen bleibt es auch deren kühnem Fluge, auszuspüren, ob ein von der launigen Fortuna stiefmütterlicher behandeltes Menschenkind, gleichen Alters mit' unsrer Heldin, in ähnliche Versuchungen kommen kann? Da wäre denn auch die Beantwortung der Frage, von wannen denn dieser egoistische Trieb kommt und wo die Grenze seiner Berechtigung zu finden, gar- nicht so übel!__ urt. Ter Raubgua der Kurden.(Bild Seite 141.) Ein Aufstand, der weithin durch Borderasien Furcht und Schrecken verbreitet, lenkt gegenwärtig die Blicke Europas auf das Kurdenvolk. Diese ebenso frei- heitsmutigen als wilden Nomaden, welche zwischen Persien und der asiatischen Türkei von den Quellen des Tigris bis an den Urmia- un Wansee Hausen, gehören zu jenen Ueberresten der Völkerwanderung, die wie Granittrümmer aus dem Strome der Jarhunderte empor- ragen. Keine der zallosen politischen Wandlungen, die man in Asien mit Blut und Eisen ins Werk setzt, vermochte die handwerksmäßigen Räuber zu glätten und abzurunden. Was vor Jartausenden der grie- chische Feldherr und Geschichtsschreiber Xenophon von ihren Vorfaren, den Gordyärn, schrieb, paßt heute noch aus die Kurden. Die patri- archalische Verfassung, wenn man von einer solchen reden kann, beruht auf überlieferten Familicnrechten, d. h. die zwölstausend Geschlechter der Assireten(Raubritter) drücken und beuten die Kaste der Guranen(Acker- bauer)aus. Im Falle einer Mißernte, die bei der schlechten Bewirtschaftung nicht selten eintritt, üben sie das Gewonheitsrecht bei ihren Nachbarn aus, was so viel besagen will, als, sie quartiren sich mit Kind und Kegel bei den Armeniern und Nestorianern(chaldäischeü Christen) ein. Trotz- dem sie im IS. Jarhundert den Islam vom sunnitischen Zuschnitt an- genommen haben, zalen sie weder den sunnitischen Türken, noch den schiitischen Persern irgend eine Steuer. Auch Rußland denkt nicht daran, die flinken Reiler mit irgend einem Tribut zu belästigen, weil es die- selben heute gegen Persien und morgen gegen die Türken hetzt. Die Martinigewehre, welche den Kurden in dem gegenwärtigen Raubzug so ersprießliche Dienste leisten, sind allem Anschein nach russisches Fabrikat. Der kurdische Assirete, den die üppigen Wiesen seines Vaterlandes aller Futterkosten entheben, ist vielleicht die Veranlassung zur Entstehung der Sage von den Centauren(Pferdemenschen) gewesen', weil man ihn niemals zu Fuße gehen sieht. Wie schon eingangs erwänt, ist er heute wie vor Jartausenden tapfer, gastfrei und keusch, auch bis zu einem gewissen Grad worttreu; dagegen hat er keinen Sinn für Ackerbau, weil der Gurane für Feldsrüchte sorgt. Wie alle Nomaden keiner ge- setzlichen Kontrolle unterworfen, ist er der Blutrache leidenschaftlich er- geben und hält eine Raubtat in gleicher Ehre mit der Heldentat. Die schlechten Seiten seines Charakters wird aber nur der Feind gewar, denn in der Familie herrscht eine auf Sittenreinheit beruhende Innig- keit, die sich mancher Kulturmensch zum Vorbild nemen könnte. Die Stellung der Frauen ist bei Hoch und Gering eine freiere als sonst im Morgenland; von der durch de» Islam erlaubten Vielweiberei wird nur selten Gebrauch gemacht. Der Bräutigam, der hier wie überall im Orient die Braut kaufen muß, holt sie schon als zwölf- järiges Mädchen aus dem elterlichen Hause, oder vielmehr aus dem Filzzelt ihrer Angehörigen. Mißhandlung einer Frau wird von den Stammesältesten als Verbrechen bestrast.— Zur Erklärung unseres Bildes, welches assiretische Krieger auf einem Raubzug vorstellt, wollen wir die Tracht dieser gesürchteten Steppenbewohner schildern. Ihre Kleidung besteht in weiten Beinkleidern, einem enganliegenden Rock und einem weiten Kaftan. Uebcr das Ganze wird bei schlechtem Wetter noch ein Filzmantel geworfen. Dies alles ist eigenes Fabrikat der Frauen, die auch die Kopfbedeckung der Männer, kegelförmige Filzmützen mit turban- artiger Umhüllung, anfertigen. Unser Bild enthebt uns der Schilde- rung der in Kurdistan üblichen Waffen. Wie schon oben erwänt, sind zu den bisher üblichen in neuester Zeit auch Hinterlader hinzugekommen. Die kurdische Sprache ist mit der persischen verwant, woraus sich ihre indogermanische Abkunft sicher ergibt. Auch die Form des Schädels und der Schnitt der Gesichtszüge beweist die Berwantschast der Kurden mit den arischen Persern und Tscherkessen und hat nichts mit den semi- tischen Arabern und den ugrisch-seldschukischcn Türken gemein. Daß sie seit jeher gesürchtete Gäste waren, beweist die noch in Trümmern vor- handene kaukasische Mauer, welche die persischen Menschenschinder Cyrus und Cambyses aufsüren ließen, um den verheerenden Zug der Kurde» aus der Wiege des menschlichen Geschlechts, dem Kaukasus, aufzuhalten. Auch die Griechen und Römer und später die Kreuzfahrer hatten mit den räuberischen Kurden ihre Not. Alle Unterwerfungs- und Eivm- sationsversuche scheiterten an der eigentümlichen Beschaffenheit des Landes. Wärend der südliche Teil Kurdistans eine grasreiche Steppe ist, hat die Oberfläche des nördlichen Teiles den Charakter eines Ketten- gebirgslandes mit ausgedehnten Hochebenen zwischen den Ketten(siehe den Hintergund unseres Bildes), die, für nicht landeskundige Truppen unersteiglich, den Eingeborenen als sicherer-Zufluchtsort dienen. Unter den Römern gab es Straßen. Wasserleitungen und Kastelle, deren tHirinen noch unfcrc SöcnjunbcrunQ erregen, Ijeute gibt onfjer ben von Armeniern und Persern bewonten Diarbekir, Bltlis, Mardm und Kirmandschahan keine Orlschasten von Bedeutung, keine gebahnten Wege und keinen Verkehr als feindliche Raubzüge. Obzwar sich ritterliche Züge bei den von Kampf- und Raublust beherrschten Kurden vielfach kundgeben, wird doch der Müssiggang dieser Wanderhorden den seß- hasten armenischen, jüdische» und nestorianischen Nachbarn verderblich, weil die Nomaden sehr unklare Begriffe von Mein und Dein haben. Daß der türkische Steuereintreiber bei den Kurden das leere Nachsehen hat, haben wir schon oben angedeutet, der freie Son der Steppe gibt sich aber auch nur in den seltensten Fällen zum türkischen Kriegssöldner her, weil der Haß gegen die Türken einen nationalen, allen Kurden ge- meinsame» Zug bildet. Nur in einer Hinsicht stimmen die gcschwo- renen Feinde überein: was der Kurde dem Armenier nicht raubt, nimmt ihm der Türke für wer weiß wie oft schon bezalte, aber niemals quit- tirte Steuern ab. Der arme Bauer muß eben für sich, dann für seinen berittenen Kostgänger und schließlich auch noch für den feisten Faullenzer, den Türke», Steuern bezalen, die in der Regel in der Tasche des letzteren stecke» bleiben, ein Schwindel, der den Ruin der 148 türkischen Regierung und ihrer Untertanen herbeisürt und die Besetzung des Landes durch die Russen, denen der Rubel voranreitet, nur als eine Frage der Zeit erörtern läßt. Deshalb ist der Ausrur perma- nent. Was wir von dem Ringen für die kurdische Unabhängigkeit vom Türkenjoch aus den letzten Jarhnnderten wissen, hat Moltke aufgezeichnet. Die Kurden können sich des seltenen Falles rühmen, die Pläne des schweigsamen Schlachtenlcnkers durch einen kühnen Ueber- fall bei Nisibin durchkreuzt zu haben. Die Nachkommen Noahs, wie sie sich zu nennen pflegen, hat noch niemand zu bändigen verstanden. Anfang Oktober dieses Jares umzingelten sie die Stadt Urmia und forderten sie zur Uebergabe auf. Tie Belagerungsmetode der Kurden ist die auch bei den Turkmenen übliche Verwüstung der Umgebung und Abgraben des Wassers. Der englische Generalkonsul von Tabris, der persischen Handelsstadt an der Grenze des asiatischen Rußland, Herr Abbot, bemüte sich, das fürchterliche Blutvergießen abzuwenden, wenn die Stadt erstürmt wird. Auch Persiens reguläre Truppen rückten mit Artillerie zum Entsatz heran. In früheren Jaren zerstreuten sich die Kurdenhorden nach dem ersten Schuß der weittragenden Kanonen, um unbehelligt unter ihren Zelten zn verschwinden, aber die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Die bisher ohne staatlichen Verband nur wä- reud der Raubzüge zusammenwirkenden Familienoberhäupter haben in Scheik Abdullah Khan aus dem Stamme der Zibari einen militä- rischen Organisator gefunden, der seine Marschordnung warscheinlich von dem russischen fidegsmiiiisterium diktirt bekommt, denn er schiebt seine Reiterschaare», deren Vorzug in ihrer unnachahmlichen Beweg- lichkeit besteht, in zerstreuten Schwärmen nach Norden vor, um, wenn er in der Provinz Aderbeidschan, dem Grenzteil zwischen Persien, der Türkei und Rußland, geschlagen werden sollte, mit letzteren Fülung zu behalten. Nur Rußland ist im Stande, mit der barbarischen Beharrlichkeit, mit welcher es den Kaukasus unterwarf und dessen mohamedanische Bewohner zur Auswanderung zwang, auch mit den Kurden fertig zu werden, um mit den besoldeten Unterjochten Kleinasien und Persien zu bedrohen. Schon der Czar Peter der Große, der im Jare 1722 die kaukasische Mauer besuchte, und der russische Oberst Werchowsky, der sie im Jare 1818 vermessen und aufgenommen hat, wiesen auf die Notwendigkeit hin, Kurdistan dem russischen Länder- koloß einzuverleiben und dadurch in den Besitz der Tigris- und Euphrat- Mündungen zu gelangen und den englischen Besitzungen in Indien zu Schiffe beizukommen. Väterchen Czar scheint zu diesem Zweck auch Genieoffiziere zur Leitung des gegenwärtigen Kurdenaufstandes kom- mandirt zu haben. Allem Anschein nach hält die russische Regierung den gegenwärtigen Zeitpunkt für sehr günstig, den längst morsch ge- wordenen Persertron umzustoßen. Die Kurden haben die Belagerung von Urmia plötzlich aufgehoben und gegen ihre bisherige Kampfweise bei Ankhar, etwa 6 Kilometer von Urmia, die zum Entsatz heran- rückende persische Armee angegriffen. Nach großen Verlusten ans beiden Seiten sollen die Kurden zurückgeschlagen worden sein. Auf ihrem Rückzüge haben sie Ankhar niedergebrannt, 200 Einwoner niedergemacht und den Rest gefangen weggeschleppt. Vorläufig hat Rußland an seiner Grenze ein Beobachtungskorps von 30 000 Mann aufgestellt, das, Gewehr beim Fuß, den Greueln zusieht, oder vielmehr auf den Augenblick lauert, um einen Teil von Persien oder von der asiatischen Türkei in dem Nimmersatten Rachen Rußlands verschwinden zu lassen. Leider mußte das Verderben über eine Reihe von blühenden Ort- schaften hereinbrechen, um uns das Kurdenvolk in Erinnerung zu bringen, von dessen erfolgreichem Widerstand gegen Alexander von Macedonien, gegen Chrosreff, Nuschirwan und andere Fürsten der Cha- sarcn uns die Auszeichnungen von Baer, Gmelin und Klaproth erzälen und um dessen abenteuerliches Leben die parsischen Chroniken einen Märchenkranz gewoben haben. Dr. M. T. Das Erdbeben zu Agram. Seit der Zeit vom 9. November an ist über Agram, der Hauptstadt des zum österreichischen Kaiserstaat gehörigen Königreichs Kroatien, ein furchtbares Unglück gekommen. Der Tag des 9. November war kaum angebrochen; die Uhr zeigte 34 Minuten 15 Sekunden über 7 Uhr, da erbebte die ganze, mehr als 25 000 Einwohner zälende Stadt unter donnerähnlichem Krachen in ihrem gesammten Fundamente, und sofort schlugen von den Dächern herab Schornsteine, Gesimse brachen herunter, Feuermauern stürzten zusammen; was von dem Mauerwerk der Häuser nicht völlig zusammen- brach, bekam Risse, alle Möbel in den Wonungen wurden zu Boden geworfen und größtenteils zertrümmert, daß alles prasselte und krachte, als wenn die Welt unterginge, und es wurde wieder ganz Nacht, denn eine dicke Staubwolke legte sich über die so urplötzlich und gänzlich unerwartet hereingebrochene Zerstörung. Nur zehn Sekunden hatte dieses erste Erdbeben gedauert; die erste Bewegung war wirbelsörmig drehend gewesen, ihr folgten Wärend der angegebenen Zeit heftige Stöße in der Richtung von Nordnordost gegen Südsüdwest. Der Schrecken der Einwohnerschaft war selbstverständlich ungeheuer. Jammernd und ratlos liefen sie in ihren Behausungen hm und her oder flüchteten hülfeschreiend und händeringend auf die Straßen, wo sie ein Hagel von Ziegelstücken, Fensterkreuzen und Giebclbalken empfing. Ohne Ver- wundungen konnte es da nicht abgehen; beinahe als ein Wunder könnte es angesehen werden, daß nur ungefär 12 Menschen lebensgesärlich, und dann noch einmal soviel leichter verletzt wurden, indeß ein ein- ziger sofort tot auf dem Platze blieb. Als das erste Entsetzen vorüber war, ging man sofort an die Räumung aller in erheblicher Weise ge- schädigten Wohnungen. Die einen zogen zu Bekannten oder Verwanten, deren Häuser bewonbar geblieben waren, andere mieteten sich familien- weise in Omnibussen und Wagen ein, wieder andere namen Quartier in den Kaffeehäusern und Restaurationen, die unausgesetzt gefüllt waren, weil in ganz außerordentlich viel Oefen, auch in denen von bewohnt blei- benden Häusern, nicht gekocht werden durfte. Als man den Schaden einigermaßen überblicken konnte, fand man, daß kaum eines von den mehrstöckigen Häusern ganz ohne Beschädigung davongekommen war. Wenigstens 500 Feuermauern waren eingestürzt und tausend Schorn- steine niedergebrochen. Man schätzt den Schaden auf 3 bis 5 Millionen Gulden, ohne die furchtbare Zerstörung, welche die Kirchen heimgesucht hat. In der einen, der Markuskirche, stürzte der älteste Teil der west- lichen Giebelwand und- ein zum Zwecke einer Renovirung der Portale aus- gerichtetes Gerüst ein und verwundete dabei die vier auf dem Gerüst be- schästigteu Arbeiter schwer. Gleichzeitig rissen die die Westfront mit dem Schiff der Kirche verbindenden Gemäuer aus beiden Seiten, voin Dache an bis auf den Fußboden auseinander, sodaß diese Front völlig von der Kirche getrennt wurde. An einer zweiten, der Katharincnkirche, stürzte der größte Teil des Stirngiebels ein und die hohe Mauer des Satteldaches verschüttete eine ganze Straße. Am schlimmsten ist es der in gotischem Stile großartig angelegten Domkirche ergangen. Das Netzgewölbe oberhalb des Sanktuariums, d. i. der Hauptaltar, wurde zertrümmert, schmetterte den Hochaltar wie den Stul des Erzbischoss und die Chorstüle zu Boden, und vergrub sie unter meterhohem Trümmer- werk. Daneben trägt der Dom noch an allen Ecken und Enden ge- waltige Spuren der Zerstörung. Auch die Universität, das General- kommandogebäude, die erzbischöfliche Residenz haben so gelitten, daß sie ganz oder zum größten Teil unbenutzbar wurden. Weit über das Weichbild der kroatischen Hauptstadt hinaus machte sich das furchtbare Naturcreigniß merkbar. Sogar in Wien und Budapest spürte man es, und in zalreichcn Ortschaften Kroatiens richtete es Schaden an, ohne jedoch irgendwo so vernichtend aufzutreten, als in Agram.(Schluß folgt.) Literarische Umschau. „Deutscher Jugendschatz. Ein Festgeschenk für die reifere Jugend." Preis eleg. broschirt IM., kart. IM. 20 Pf., cleg. geb. 1 M. 50 Pf. Leipzig, W. Fink. Wie im vergangenen Jare die Verlags- Handlung dieser Zeitschrift die„Edelsteine deutscher Dichtung", die sich noch immer außerordentlichen Beifalls erfreuen, herausgab, so legt sie jetzt ein schönes Festgeschenk für die Jugend auf den Weihnachtstisch, das sicherlich allen Lesern der„Neuen Welt" willkommen sein wird. Der Inhalt des durch zalreiche Illustrationen geschmückten Buches, über den aus dem Inseratenteil d. Bl. Näheres ersichtlich, besteht durchweg aus vortrefflichen Originalarbciten von W. Hasenclever— unter dessen redaktioneller Mitwirkung die Schrist erschienen ist—, Fräulein M et a Wellmer, Dr. Ed. Reich, Dr. H. Oidtmann, W. Liebknecht, Rudolf Lavant, Dr. Max Vogler u. a. m. Wir können uns dem Lobe, das dem Buche von hervorragenden Zeitschriften gespendet wird, nur rückhaltslos anschließen und den„Jugendschatz" nicht allein für die reifere Jugend, sondern auch allen Eltern und Jugendfreunden aufs wärmste empfeleu. Durch den billigen Preis wird die Anschaffung des hübschen Festgeschenkes jedermann ermöglicht. E. K. „Die Mappe", Fachzeitschrift für dekorative Gewerbe, Heraus- geber und Redakteur Friedrich Nauert, Verlag von E. L. Morgenstern, Leipzig, Königstraße. Was die„Mappe" will, hat unfern Lesern der Prospekt mitgeteilt, der das, vom 1. Januar 1880 ab, allvierzehntägige Erscheinen des in einem Bogen von 8 Quartseiten zur Ausgabe ge- langenden Blattes ankündigt. Wer unsere Kunstgewerbe sammt ihrer hohen und bedeutungsvollen Aufgabe wie ihren noch so sehr unzu- reichenden Leistungen kennt, wird zugeben, daß ein Blatt, wie die „Mappe" es zu werden verspricht, einem garnicht lebhaft genug zu empfindenden Bedürfnis gerecht wird, und deshalb werden sie aus das, was die„Mappe" an Belerung bereit hält, gleich uns gespannt sein. Die Illustrationen zeigen, gleich dem Text des Prospekts, daß sich die Redaktion der„Mappe" des Umsangs wie des Inhalts ihrer Auf- gäbe bewußt ist. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Ueber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworfen ist(Fortsetzung).— Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild, von Dr. M. Vogler(Fortsetzung).— Mein Freund, der Klopf- geist, von H. E.(XII.)— Zum Weihnachtsfcst, Gedicht von Max Vogler.— Störfang in der Elbe(Schluß).— In Versuchung(mit Jllu- stration).— Der Raubzug der Kurden(mit Illustration).— Das Erdbeben zu Agram.— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Druck und Verlag von W. Fink in Leipzig. Färberstraße 12. II. in Leipzig.