Die So Roman von An der Glastür, die von diesem Zimmer direkt in die Offizin fürte, zeigte sich ein dickwangiges, von blonden Haaren umwalltes Gesicht. Es war der Gehülfe, den seine Pflicht in der Offizin festhielt und der nur von Zeit zu Zeit an diese Glastür kommen konnte, um mit verlangenden Blicken nach diesem Paradies von Spcckschnitten und schönen Mädchen zu schauen und über seine Ausgeschlofienheit zu seufzen. Wie beneidete er den Stiefsohn seines Chefs, Heini Herold, der ein zwanzigjäriger Jüngling, also um drei Jare jünger war, als er selbst, der eben erst sein Schulexamen gemacht, der ihm als Tyro untergeordnet war, und dennoch, dennoch das Glück genoß, da drinnen zu sein, zu scherzen, zu tändeln, zu bezaubern. Der Beneidete war in der Tat kein übler Junge, und wenn ihn auch seine beiden Schwestern Amanda und Lina unausstehlich fanden, ein halbes Dutzend ihrer Freundinnen beteten ihn an. In ihren Augen war sein einziger Feler seine große Jugend. Warum war er auch erst zwanzig Jare alt, er verdiente wenig- stcns fünfundzwanzig zu sein, meinten sie, und dann hätk man doch einige Aussichten mit ihm. Aber selbst in dieser Äussichts- losigkeit war er der vielbegerte, und die Mädchen hielten immer kleine Aufträge oder Scherze für ihn bereit, die ihnen den Jüng- ling nahebringen sollten. Er suchte sie rasch abzufertigen, indes seine heißen, brennenden Blicke sich immer wieder nach Elvira richteten, die einen Sessel herangezogen und, sichs darin bequem machend, die Füßchen übereinanderstreckte, die Hände in den Schoß legte, hie und da einen Scherz des Herrn Apothekers entgegennam und ganz und garnicht daran dachte, es in der Arbeit den andern gleich zu tun, und ebensowenig Heini's Augen- spräche zu bcnierken geruhte. Aber er wollte nicht länger der Unbeachtete bleiben, sie mußte auf ihn achten. Er trat zu ihr heran, und auf die geringe Menge des geschnittenen Speckes weisend, der auf ihrem Brettchen lag, begann er sie mit ihrer Untätigkeit zu necken. „Sie haben so gut wie garnichts gemacht, Fräulein Elvira, ich sehe schon, ich werde Ihnen helfen müssen, damit Sie vor- wärts kommen." „Tun Sie das, und Sie können gleich alles fertig machen ich erlaube es Ihnen." Heini fülte sich durch den übermütig überlegenen Ton des Mädchens noch mehr aufgestachelt. „O," meinte er,„so haben wir nicht gewettet, Sie muffen 58. KautöKy.(12. Fortsetzung.) meine Mitarbeiterin sein. Bitte, bitte, Fräulein Elvira." Er hatte ein Messer ergriffen und nam nun ein zweites vom Tisch, ihr dasselbe überbringend. Sie sprang in die Höhe.„Sie drücken mir das Messer in die Hand," rief sie lachend,„nun wolan, mein Herr, machen wir einen Gang." Sie setzte sich in Positur, und das Messer wie einen Dolch erfassend, zückte sie es ihm entgegen. Marie war von diesem Tableau, das sich vor den Augen der außenstehenden Zuschauer entrollte, vielleicht die am wenigsten auffällige Persönlichkeit. Sie war so postirt, daß sie vom Fenster aus nur im Profil zu sehen war, und sie schmatzte nicht, sie gestikulirte nicht, sie war so still, so ruhig und so fleißig. Gleich- mäßig und unaufhörlich schnitt sie ihre Würfel, und sie hatte tvol im Verhältniß zu den übrigen das Dreifache an Arbeit geliefert. Alfreds spähende Augen hatten zuerst dieses Familieninterieur in seiner Totalität erfaßt, nun wendete er sich den Mädchen- gestalten zu, jede einzelne musternd. Luise hatte, da ein Lüftchen zu wehen begann, den einen Zipfel des Vorhanges erfaßt, um ihn am Hinwegflattern zu hindern. Sie gab mit leise flüsternder Stimme einige Kommentare zu diesem Bilde. Alfred schüttelte den Kopf; es setzte ihn einigermaßen in Verlegenheit, daß er seine Heldin nicht herauszufinden wußte; keines, nein, kein ein- ziges dieser Mädchen entsprach dem idealen Bilde, das er in seiner Phantasie geschaffen hatte. Einige Augenblicke hatte Elvira seine ganze Aufmerksamkeit gefesselt. Wie vorteilhaft auch unter- schied sie sich von allen übrigen, wie stolz und frei trug sie den hübschen Kopf, welche anmuttge Natürlichkeit in jeder ihrer Be- wegungen; aber Marie mußte doch anders sein, diese rasche Lebendigkeit, diese sprühenden Augen, dieser Mund mit dem über- lcgenen Lächeln,— das alles entsprach nicht der Charakter- zeichnung seiner Heldin, entsprach nicht dem sanften Ton, den er gestern von ihr vernommen hatte; Marie mußte sinniger, weib- licher sich geben. Als er jetzt den herausfordernden Blick erhaschte, mit dem sie den Jüngling aufzureizen suchte, da sagte er sich: nein, diese kann's nicht sein. Aber welche war es dann? Keine der übrigen entsprach seinem Geschmack, sie waren recht hübsch, aber so gewönlich; ihm bangte für sein Ideal, unter diesen da vermochte er keine Auswal zu treffen. Aber war das Ganze nicht ein kleiner, bos- hafter Scherz von Luisen? Marie war wol garnicht darunter. Schon wollte er diesen Verdacht aussprechen, da bemerkte er eine Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1881. 5 1880] �1 25. Dezember 1880, Bewegung unter denjenigen Mädchen, die vom Fenster abgewendet standen und die er am flüchtigsten beobachtet. Das eine derselben langte nach einem größeren Speckstück, um es ans ihr Brettchen zn legen, und warf dabei das neben sich hingelegte Messer zu Boden. Es für niit der Spitze in das weiche Holz des Fuß- bodens und blieb darin stecken. Das Mädchen sprang zurück, und auf das Messer deutend, rief sie laut: „Seht, seht, das bedeutet einen Gast!" Marie hatte sich rasch umgewendet. Sie lächelte. Jetzt erst konnte Alfred das jugendlich reizende Gesichtchen sehen, und das Geschmeidige der zarten Gestalt, die sich nach dem Messer bückte, um es aufzuheben. Er bemerkte, daß der Aermel ihres, ach nur gar zu einfachen Kleides, etwas zurückgeschlagen war und den weißen Arm in seiner vollen Rundung zeigte, er sah, wie sie das Messer sorgfältig abwischte, und es hierauf der Ungeschickten wie- der übergab. Es lag ein so freundlicher, bescheidener Liebreiz in dieser einfachen Handlung und in dem ganzen Wesen, man mußte es nur genauer ansehen. Alfted empfand es tief, er ver- mochte seine Auge nicht mehr abzuwenden. „Nun," fragte jetzt Luise,„ich habe Ihnen genügend Zeit für Ihre physiognomischcn Studien gelassen, sagen Sie mir nun, haben Sie die Rechte gefunden? schnell, bezeichnen Sie sie mir, und lassen Sie uns gehen, ich mag nicht länger außen ver- weilen, es ist doch kül." „Ich glaube meine kleine Heldin gefunden zu haben," sagte er langsam, ohne sich zu rüren.„Es ist nur Eine hier, die dem rürenden Bilde gleicht, das ich mir entworfen, und das ist diese, die ist's, die das Messer aufgehoben." „Errathen!" rief Luise in freudiger Ueberraschung so unbedacht laut, daß man es notwendig im Zimmer hätte hören müssen, wenn nicht alle Anftnerksamkeit der Anwesenden durch Elvira in An- spruch genommen gewesen. Sie hatte in ihrem Uebermut Heini zum Kampf aufgestachelt, ihre Klingen trafen auf einander. Herr Germanek stand neben ihr, er applaudirte und zeigte sich höchlichst ergötzt. Er versicherte, das sei ganz wie bei Renz, wo die Sennora Dobella im Messerkampf das Ueberraschendste geleistet habe, nur daß sie sammt ihrem Gegner zu Pferde ge- wesen sei. „Bravo, bravo," rief er,„gerade so einen Ausfall machte sie, Fräulein Elvira, jetzt springen Sie zurück, bravo! Was für eine herrliche Stellung, wahrhaftig, ich sehe die Sennora vor mir, ein göttliches Weib!" Frau Germanek wollte sich abwerend nähern und getraute sich doch nicht hinzu und so befal sie denn, sich in vorsichtiger Entfernung haltend, sie sollten aufhören, da mit solchen Dingen kein Spaß zu machen sei und die Mädchen riefen nun ebenfalls im Chor:„Aufhören, aufhören!" Elvira aber hieb nur noch kecker drein, und jetzt schlug sie dem etwas zurückweichenden Heini das Messer aus der Hand, daß es klirrend zu Boden fiel. Sie brach hierauf in ein trinm- phirendes Gelächter aus, das den besiegten Jungen ganz sinnlos machte. Er stürzte nach ihr hin, um ihr das Messer zu eut- winden, sie aber flüchtete vor ihm und uni den Tisch herum- laufend, versicherte sie lachend, sie werde nur gutwillig das Mefser aus der Hand legen. Heini, der ihr nachsetzte, wurde von den Mädchen zurückgehalten— und machte sich immer aufs neue los— er scherzte nicht mehr, er war wirklich wütend, er hielt sich in seiner Ehre gekränkt. Jetzt kam Elvira an dem Fenster vorüber, noch immer ihre Waffe in der Hand. Sic warf einen Blick nach demselben, stutzte und hielt inne. Im nächsten Augenblick hatte sie das Messer beiseite geworfen, und sich hierauf ans das Fensterbrett schwingend, riß sie den Vorhang zurück. „Ah, wir haben Zuschauer, wir werden belauscht," rief sie. Tante Luise hatte nur eben noch Zeit gehabt, den Vorhang los zn lassen, und die verräterische Hand, welche Elvira be- merkt hatte, zurückzuziehen. „Pst," flüsterte sie jetzt ihrer Nichte zu,„verrate uns nicht, wir wollen uns still entfernen." Aber schon war es zu spät. Elviras Ruf hatte Herrn Ger- manek und Frau und die Töchter des Hauses nach dem Fenster stürzen lassen; sie bewillkommten Fräulein Weiß, alle schienen der Meinung, sie beabsichtige einen Besuch, und habe sich durch das Fenster ankündigen wollen. Zugleich bemerkte man ihren Bc- gleiter. Frau Germanek vermochte ihn zwar in der Dunkelheit nicht zu erkennen, aber sie bat ihn nichtsdestoweniger einzu- treten. „Gleich durch die Küche, nicht erst durch die Offizin/f verfügte sie, worauf der Apotheker und einstige Cirknshabitne über das Fensterbrett voltigirte und draußen, indem er Luise und Alfted bei den Händen faßte, in dringendster und unbändig liebens- würdiger Weise zum Hereinkommen nötigte. Eine Weigerung war unmöglich, die begangene Indiskretion ließ sich auch in keiner andern Weise bemänteln. Tante Luise glaubte übrigens zn bemerken, daß sich Alfred in diese Zwangslage mit gutem Humor zu stnden wußte. Jndeß war im Zimmer unter den Mädchen eine Bewegung entstanden, es gab ein Flüstern, ein Hinnndherschießen, ein heimliches Kichern und wieder Zu- sanimenrotten. „Ein junger Mann— ein Fremder— das steckengebliebene Messer, das den Gast ankündigte"— das waren die Schlag- Worte, die unter ihnen zirkulirten und alle in Auftegung brachten. Jetzt ward die Türe aufgerissen und der Apoteker fürte seine Gäste wie im Triumph auf, mit einigen burlesken Körperwen- düngen sich bald nach dem einen bald nach dem andern herum- drehend und endlich Herrn DePauli seiner herbeieilenden Gattin vorstellend. Marie war bei Alfreds Anblick erblassend zurückgefaren, dann stieg eine heiße Röte in ihr auf und tauchte selbst Stirn und Nacken in ein rosiges Inkarnat. Noch hielt sie das Messer in der Hand und im Schreck und in der Verwirrung begann sie es in den Zipfel ihrer Schürze abzuwischen. Sie schnitt sich dabei in den Finger ohne es fülen, ohne es auch nur gemar zu werden, all ihr Empfinden war anderswo. Gleich bei seinem Eintritt hatten sie seine Augen gesucht und gefunden; trotz der Entfernung und über alle hinweg trafen ihre Blicke zusammen, sie erschauerte darunter. Im tiefsten Herzen quoll es geheimnißvoll empor, es war ihr, als überflute sie ein eigenartiges Gefül der Wonne und als umwebe sie dieser Strom von Glückseligkeit allgemach auch von außen, als sei es eine andere Atmosphäre in der sie atme, und als schwebe sie dem Lichte entgegen, vor dem alles, das sie vorher umgab, dunkel zurücktrat. Sie fülte nur ihn, sie sah nur ihn! Frau Germanek erschöpfte sich indeß in Liebenswürdigkeiten. Sie hätte Alfteds Besuch längst erwartet, versicherte sie, und sie habe sich einigermaßen gewundert, daß er so lange damit ge- zögert habe, sie und seine selige Mama seien ja Freundinnen ge- wesen, freilich wäre jene bedeutend älter gewesen, fügte sie rasch hinzu, aber einerlei, dies erkläre das große Interesse, das sie immer für den einzigen Son dieser Freundin empfunden habe. Sie dürfe wol auch seinerseits einiges Interesse für ihr Haus und ihre Kinder voraussetzen. Sie winkte hierauf ihrer Amanda näher zu kommen. „Meine Amanda, was, sie ist groß geworden?" „Und hübsch," fügte Alfred mit einem verbindlichen Lächeln hinzu. Amanda errötete vor Vergnügen. „O, ich bitte," sagte sie, ihre Lippen zu einem kokett ver- schämten Lächeln zusammenziehend. „Und mein Heini," für die geschmeichelte Mutter fort,„ein ganzer Mann schon. Ach ja, die Kinder machen eine Frau alt, wenn sie es auch den Jaren nach noch nicht ist, nicht war, Männchen?" Sie griff ordnend nach ihren Haren und entsann sich in dem Augenblick, daß sie den alten, schon ziemlich deran- girten Kopfputz auf hatte.„Sie werden entschuldigen, mein Kopfputz— gerade heute auch, und diese Jacke, o ich bin nicht immer so— nicht war, Männchen?" Dann wieder zu Alfted: „Sie sehen, es haben sich merkwürdige Dinge zugetragen, ich habe mich wieder verheiratet." „Ich wünsche Ihnen Glück dazu." ,.[st uleine zweite Tochter Lina, die übrigen Damen sind die Geipielmnen meiner Mädchen." übrigen wir werden also nur in Bausch und Bogen vorgeftellt� fragte Elvira, die jetzt plötzlich hervortrat, mit reizender Schalkhaftigkeit. sie hatte feit dem Eintritt Alfreds, ungleich den andern Mäd- chen, die wie ichcue Tauben aufgeflattert und dann wieder näher gehupft waren, ruhig und beobachtend in einem Winkel gestanden. Nicht ein Zug ftines Gesichts, nicht ein Blick seiner Augen war ihrer forschenden Neugier entgangen; ihr Scharfsinn erriet sogleich eine geheime Beziehung dieses Mannes zu ihrer Schwester, und ebenso erkannte sie die mädchenhafte Scheu, die Unbehilflich- reit und Verwirrung derselben. Sie wollte Marien zu Hilfe kommen, und sich selbst einige Klarheit in dieser Sache ver- schaffen. Sie wendete sich daher direkt an Depauli. 151 „Wissen Sie, mein Herr, daß ich eine viel zu gute Freundin Ihrer Schwester bin, um nicht dem, Bruder Alfreds so nennen wir Sie unter uns, in Person vorgefürt zu werden? Ich heiße Elvira Weiß und bin außer einer musterhaften Tochter und Nichte"— sie verneigte sich leicht gegen ihre Tante—„auch die liebevollste Schwester dieses sanftmütigen Geschöpfes, mit dem ich Sie nun ebenfalls bekannt machen möchte." Sie ergriff seine Hand und fürte ihn Marien entgegen, die unbeweglich, mit klopfendem Herzen unfern von ihnen stand. Alfred empfand sogleich, daß er in dem temperamentvollen Mädchen eine Bundesgenossin finden könnte, und er dankte rasch und voll Wärme für diese Liebenswürdigkeit; dann sich vor Marien verneigend, sagte er: „Lassen Sie mich Ihnen beiden herzlichen Dank sagen für die innige Neigung, die Sie meinen Schwestern entgegenbringen." Zugleich streckte er Marien die Hand entgegen. Stumm legte sie die ihre hinein. Er fülte, daß sie zitterte,— weshalb, warum? ftagte er sich, nun selbst bewegt und selbst beklommen. Er hörte in diesem Augenblick nicht, was Frau Germanek sprach, er fülte nur, daß diese warm pulsirende Hand in der seinen bebte und langsam sich ihr entziehen wollte. Er für Plötz- lich zusammen und erhasiIte sie aufs neue. „Was ist das, mein Fräulein? Sie bluten, Sie sind an der Hand verletzt!" rief er besorgt und erstaunt zugleich, ihre Hand seinen Augen näher bringend. „Ich?" ftagte Marie, selbst erstaunt; aber sie bemerkte nun, daß die Innenfläche ihrer Hand blutig und daß auch ihre weiße Schürze von dem hcrabrieselndcn Blute gefärbt war. Die Mädchen alle flatterten herbei, alle mit demselben Aus- druck der Neugier, der Verwunderung in den runden Augen. „Was ist denn geschehen, was ist's?— Sie muß sich ge- schnitten haben,— mit dem Messer,— natürlich!" Mariens Verwirrung schien noch zuzunemen. „Ich weiß es nicht— ich— ich füle es nicht— ich—" Sie wollte noch mehr sagen, aber sie errötete aufs neue, senkte die Augen und schloß mit einem tiefen Atemzuge; wie leicht hätte sie sich verraten können; ihr Geheimniß aber sollte tief und unerforscht in ihrer Brust ruhen. Die Unschuldige! Dieser kleine, unbedeutende Vorgang, war er nicht die ganze Offenbarung ihrer Liebe? Und derjenige, dem sie galt, er wäre ihrer nicht wert gewesen, wenn er sie nicht verstanden hätte. Alfred überkam eine Plötzliche, unsagbare Freude und zugl ich ein zärtliches Besorgtsein. „Schnell, geben Sie mir Ihr Tuch," bat er,„das Blut strömt allzureichlich." Sie gab es ihm, und er preßte damit die Wunde, die alle sehen wollten, zusammen. „Heini, die Verbandschachtel!" befal Frau Germanek mit großer Würde.„Wer wird sich mit einem Sacktuch behelfen, wenn man sozusagen an der Quelle aller chirurgischen Hülfs- mittel sitzt. Germanek, du mußt die Wunde ansehen." Sie faßte ihren Mann an den Schultern und schob ihn Marien entgegen. „Fräulein Weiß, zeigen Sie ihm doch die Hand,— er verstet das." Der Apotheker ergriff die sich ihm entgegenstreckende Hand des jungen Mädchens. „Freilich, freilich," schmunzelte er,„so ein bischen Kurpfuscherei war immer meine Leidenschaft, besonders bei jungen Damen. Bei Renz da hatte ich einmal—" „Germanek," rief seine Frau entrüstet, ihm zugleich die Schachtel hinhaltend,„rede nicht soviel unnützes Zeug und walte deines Amtes!" „Nur ein Stückchen Heftpflaster, bitte, Fräulein Elvira, schneiden Sie mir ein Stückchen herunter,— so,— eine kleine Bandage jetzt, und alles ist m Ordnung. Ach, das war damals ein ganz andrer Fall bei Renz, Miß Zephira hatte das Malheur— denken Sie, es war keine Kleinigkeit, auf Ehre, es war schrecklich,— sie stürzte— man trug sie hinweg,— ich gleich mit den andern hinter den Vorhang,— ich melde mich als vom Fach,— und da sah ich—" „Schweig, Germanek!" gebot seine Gattin noch entrüsteter. „Wir brauchen nicht zu wissen, was du da gesehen." „Ich wollte, ich sähe es wieder!" versetzte er leiser, sich dabei die Lippen leckend. Er hatte die Bandage frisch gewickelt und wollte sie nun um Mariens Hand legen, als Alfted mit einem bittenden Blick Elvira aufforderte, dies Geschäft zu übernemen. Sie verstand ihn, und mit einem raschen Griff dem Apotheker das Linnen aus der Hand nemend, wickelte sie dasselbe so geschickt um die Wunde, daß nichts dagegen einzuwenden war, und somit war dieser Zwischen- fall weit rascher beendet, als man's zu erzälen vermag. (Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. WaL �ogtcr. (3. Fortsetzung.) Dem zweiten Bande der„Reisebilder" gegenüber zeigten sich die Regierungen nicht so duldsam, wie hinsichtlich des ersten, den sie im allgemeinen unbeanstandet sich verbreiten ließen; zuerst wurde das Buch von Hannover, dann von Preußen, Oesterreich, Mecklenburg und den meisten kleineren Staaten verboten. Aber selbstredend machte man auch hier die alte Erfarung, daß hohe Ideen, denen eine unvertilgbare Macht innetvont, durch Polizei- maßregeln in ihrer Verbreitung nicht gehindert ivcrden können; mit noch größcrem Verlangen setzte man sich in den Besitz des Buchs, und Moser machte mit Recht die witzige Bemerkung:„Die Regierungen hätten das Buch garnicht zu verbieten brauchen, es wäre dennoch gelesen worden." Heine war mit einemmale der Herold der öffentlichen Meinung geworden, das Volk sah zu ihm auf wie zu seinem Befteier, und er hatte Recht, zu sagen:„Ich habe durch dieses Buch einen ungeheuren Anhang und Popularität in Deutschland gewonnen; wenn ich gesund werde, kann ich jetzt viel tun; ich habe jetzt eine weitschallende Stimme. Du sollst sie noch oft hören(er sprach sich gegen Moser aus), donnernd gegen Gedankenschergen und Unterdrücker heiligster Rechte. Ich werde eine ganz extraordinäre Professur erlangen in der Universitas hoher Geister." Leider aber— und das muß gesagt werden— hat ihn die Launenhaftigkeit seines Ichs, die Reizbarkeit seines Wesens, welche ihn die große Fortschrittsidee nur zu leicht über den kleineren persönlichen Interessen vergessen ließ, nicht immer zu jenem klarbewußten, konsequenten Wirken gelangen lassen, welches allein ihm das volle Vertrauen des Volkes in jedem Falle sichern konnte. �.._. Um freiere politische Zustände und einen durch kraftigen Parlanlcntarismus geregeltes großartigeres Staatsleben kennen zu lernen, ging Heine nach England und traf gegen Ende April 1827 in London ein. Er fand aber an dem englischen gesell- schaftlichen Leben keinen Gefallen und kehrte anfangs August bereits über Holland und Norderney, wo er wieder einige Wochen verweilte, nach Hamburg zurück. Hier erschien Mitte Oktober diejenige Gedichtsammlung Heine's, welche die schönsten und vor- trefflichsten seiner Lieder enthält, das in der ganzen eivilisirten Welt bekannte„Buch der Lieder". Durch die Vermittlung Varnhagens schon von London aus mit dem als Verleger der Werke unserer Dichterheroen berühmten Buchhändler Baron Cotta in Verbindung gekommen, folgte der Dichter nach langer Verschleppung der Angelegenheit im Oktober von 1827 einer Einladung des letzteren nach München, um da- selbst in Gemeinschaft niit Dr. Friedr. Ludw. Lindner die im cotta'schen Berlage erscheinenden„Neuen politischen Annalen" zu redigiren und an den in gleichem Verlage herauskommenden Journalen„Ausland" und„Morgenblatt" als Mitarbeiter tätig zu sein. Heine's Beiträge für die genannten Zeitungen beschränkten sich indeß auf eine sehr geringe Anzal; er wurde von einer ernst- lichen Krankheit befallen und sülte sich überdies nicht zur Aus- füllung seiner Rolle befähigt. Er schrieb selbst an Cotta, daß weder seine politischen Kenntnisse, noch seine Schreibart ihn zum Redakteur eines politischen Journals geeignet machten, und so schied er aus der Redaktion des Blattes, das Cotta bald ein- gehen ließ, aus. Mitte Juli 1828 finden wir ihn schon wieder auf der Reise,— diesmal war sein Ziel das gepriesene Wunder» land Italien. - 152- In den Bädern von Lucca schrieb er den Anfang seines ita- � der„Reisebilder" einverleibte. Bon Lucca ging er nach Florenz, lienischen Tagebuchs, welches letztere er dann dem dritten Bande von wo er nach mehr als sechswochentlichem Ausenthalt aus die Nachricht von der Krankheit seines Vaters hin aufbrach und heim- � Familie Heine von Lüneburg aus gezogen war den Folgen eines wärts eilte. Er sah indeß den letztern nicht mehr: denn der/Bater Nervenschlages und hinterließ die Mutter, die erst am 3 September erlag bereits am 2. Dezember 1828 m Hamburg, wohin die 1859 starb, in sehr gedrückten, äußeren Verhältnissen 154 Der Dichter war durch diesen unerwarteten Tod des Vaters aufs schmerzlichste berürt und suchte im Umgange mit den alten Bekannten zu Berlin, wohin er sich zu Anfang des Jares 1829 wante und hier in der wemütigsten Stimnmng die Ztiederschrift seiner italienischen Reiseerinnerungen fortsetzte, Trost und innern Frieden. Es litt ihn aber auch diesmal in der Hauptstadt nicht lange; anfangs August weilte er schon wieder auf der Insel Helgoland, welche er erst gegen Ende September verließ, um wieder nach Hamburg zu gehen. Auf das unermüdliche Drängen seines Verlegers hin fürte er jetzt mit allein Fleiß und in über- großer Eile den dritten Band der„Reisebilder" zu Ende, welcher um Reujar 1830 bei Campe erschien. Auch dieses Buch erregte bedeutendes Aufsehen, fand aber, und selbst bei den intimsten Freunden des Verfassers, weniger Beifall, als der zweite Band. In der Tat kann man auch diesem dritten Bande der„Reisebilder", trotz aller Trefflichkeit einzelner Abschnitte desselben und ungeachtet der zuweilen ergreifend schönen und von gefülswarmer Innigkeit getragenen Sprache, nicht den Wert zugestehen, wie den beiden vorhergehenden Bänden. Die Persönlichkeit des Dichters ist darin allzuoft aufdringlich in den Vordergrund gerückt, das Kokettiren mit der Schwere seines politischen Märtyrerwms läßt in dem unbefangenen Leser gar zu leicht den Glauben aufkommen, daß der Dichter die fort und fort von ihm betonte Freiheitsidee nur wie einen Riesenbaum benutze, um daran die bald glührot leuchtenden, bald matt ge- dämpft schinunernden Lampions seiner Gefülsschwärmerei und all' das glänzende Flitterwerk seines Witzes zur Schau zu stellen, und gar zu unüberlegte Angriffe auf einzelne Persönlichkecken, wie z. B. auf den Grafen Platen, der sich allerdings die Be- fedung seitens des ihm geistig ebenbürtigen Dichters verdient hatte, waren keineswegs geeignet, ein vorteilhaftes Licht auf den Charakter des küncn Satirikers zu werfen. Auch der dritte Band der„Reisebilder" wurde in Preußen sofort nach seinem Erscheinen verboten, und sein Verfasser glaubte in der„freien Reichsstadt" Hamburg die beste Sicherheit für seine Person zu finden. Heine verweilte nun zwei Jare lang� in Hamburg, wo er bald in trübstem Mißmut, bald in wildester Ausgelassenheit dahinlebte und nur für das Studiuni der Geschichte der ftanzösischen Revolution ein ernstliches Interesse hatte. Das Morgenrot einer besseren Zukunft schien endlich auf- zugehen. Auf Helgoland erhielt Heine Blicke 1830 die Kunde von dem Ausbruch der Julirevolution in Paris. Eine namen- lose Begeisterung ergriff den Dichter:„Lafayette, die dreifarbige Faue, die Marseillaise!" rief er aus.„Ich bin wie berauscht. Küne Hoffnungen steigen leidenschaftlich empor, wie Bäume mit goldenen Früchten und wilden, wachfenden Zweigen, die ihr Laub- werk weit ausstrecken bis in die Wolken.... Ich weiß jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich muß. Ich bin der Son der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen, worüber meine Mutter ihren Zaubcrsegen ausgesprochen." Es ist bekannt, welch' eine bittere Enttäuschung der begeisterten Hoffnung von damals folgte. Nichtsdestoweniger vollendete Heine in Hamburg, wohin er Ende August zurückgekert war, ein Buch, in welchem er ernsthafter als in seinen letzten Publikationen die großen Fragen der Zeit behandelte und der religiösen und poli- tischen Freiheit begeistert das Wort redete: die„Nachträge zu den Reisebildern", welche anfangs Januar 1831 erschienen. Erbittert, daß die Rückwirkung der Julircvolution auf Deutsch- land nicht einmal die Aufhebung der verabscheuten Censur zuwege gebracht hatte, mißmutig über neue Zerwürfnisse mit seinem Oheim, bekümmert um seine äußere Existenz, hoffend, an der„Wiege der Revolution" freier und erfolgreicher wirken zu können, gedieh Heine's früherer Plan einer Uebersiedlung nach Paris jetzt zur Reife. Der Entschluß wurde ausgefürt, und auf dem Wege über Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe, Straßburg gelangte der Dichter nach der französischen Hauptstadt, wo er am 3. Mai 1831 eintraf. Die ersten pariser Eindrücke auf Heine waren die denkbar günstigsten. Das noch immer in hohen Wogen flutende öffcnt- liche Leben der Hauptstadt närte seine Zukunftshoffnungen, der lebenslustige Sinn der Bevölkerung, das muntere Treiben in den Hauptadern des VerkerS, in den Restaurants und Salons vcr- setzte auch ihn in fteudige Stimmung. Bevor er sich in einen näheren Berker mit den geistigen und gesellschaftlichen Notabili- täten einließ, forschte und beobachtete er scharf und genau, und im Buchladen von Heideloff und Campe war es zuerst, wo er die Bekanntschaft mit manchen der damals in Paris weilenden deutschen literarischen Größen machte, so mit Alex. v. Humboldt und dem Satiriker Saphir. Der unglückliche Ausgang der Julirevolution und die Hal- tnng, welche die europäischen Kabinette der letzteren gegenüber eingenommen, hatten die Erbitterung Heine's gegen die verrotteten politischen Zustände bis zum höchsten Grade gesteigert, und er beschloß jetzt, trotz aller Manungen zur Mäßigung und Vorsicht, die ihm sein Hamburger Verleger Camp: erteilte, so laut und eindringlich, wie möglich, der alten Dame Europa seinen Protest gegen ihren polittschen Unfug ins Gesicht zu schleudern. Der Umstand, daß er seiner Meinung in dem damals bedeutendsten deutschen politischen Blatte, in der„Allgemeinen Zeitung"(die jetzige„Augsburger Allgemeine"), die vor allem„nach oben hin" die größte Vorsicht beobachten mußte, dafür aber auch seinen Artikeln das meiste Gewicht und die allseitigste Beachtung sicherte, Ausdruck verlieh, zwang ihn, diese Meinung vorerst in ein möglichst wenig verräterisches Gewand zu kleiden. Bald aber ertrug er den Zwang, den er sich dabei auferlegte, nicht mehr, und die weiteren Beiträge tragen in Stil und Farbengebung ächt heine'sches Gepräge. Fragen wir nach dem Inhalt dieser Berichte, so ist zu sagen, daß sie eine, aus der auf eigene Faust übernommenen Mission eines Vermittlers zwischen dem deuffchen und französischen Geiste hervorgehende kosmopolitisch-demokratische Tendenz hatten, vor allein den„lächerlichen Uebermut und die völlige Nichtigkeit der herrschenden Bourgeoisie", welche in gröbstem Egoismus nur auf die Sicherheit ihrer Schlafmütze und die un- gestörte Behaglichkeit ihres Erwerbs bedacht war, blosstellten und den„Julikönig" Ludwig Philipp wegen seines Ungewissen Umher- tastens und kraftlosen Schwankens zwischen liberalen und absolu- tistischen Ideen, sowie wegen seiner kleinmütigen Sorge um Fülung mit den übrigen europäischen Kabinetten zum Nachteil des frei- heitlichen Fortschritts auf das energischste bekämpften. Dabei ist Heine jedoch kein„Republikaner" im strengen Sinne des Wortes gewesen, sondern eben nur ein für die Gerechtigkeit und Freiheit begeisterter Mann. Mit einer demokratischen Monarchie, in der Adel und Pfaffheit das Volk nicht mehr am Gängelbande füren und ihm die Augenbinde anlegen könnten, sondern in welcher vielmehr der jeweilige Regent einzig und allein der Repräsentant des Volkswillens, gewissermaßen die Personifikation des letzteren ist, mit einer solchen Monarchie tväre Heine schon zufrieden ge- wesen. Und so sehr Heine im Grunde seines Herzens demo- kratischer Gesinnung sich zuneigte, vermied er doch möglichst den Umgang mit den von einem grausamen Schicksal vernachlässigten niederen Schichten des Volks, und riß seine Witze, wenn Ludwig Börne, der schon vor Heine in Paris seinen Aufenthalt genom- men, deutsche Arbeiter um sich versammelt hatte. Heine war ein Menschenfreund durch und durch, er focht mutig für des Volkes Wol, aber er hatte eine stolze Scheu, seine kleinen, aristokratischen Hände in die harten, schwieligen der Arbeiter zu legen, und wir denken, die letzteren werden ihm ob dieser nebensächlichen Schwäche nicht allzusehr zürnen. Die heine'schen Korrespondenzen erregten nicht allein bei ver- schiedenen politischen Parteien, sondern auch bei der deutschen und französischen Regierung bedeutende Aufmerksamkeit, und der Autor, der sich fortwärend von Spionen umringt glaubte, schwebte in beständiger Angst, gleich so vielen politischen Flüchtlingen arretirt oder sogar aus Frankreich verwiesen zu werden. Daher verHeim- lichte er auch geflissentlich seine Wonung, und diese war zumeist nur seinen intimsten Freunden bekannt. Metternich und Gentz, obgleich sie für die heine'schen Gedichte schwärmten, erkannten vor allem die Gefärlichkeit jener Berichte, die die„ftanzösischen Umsturzideen" einzufüren versuchten. Schlau, wie er war, ließ Metternich durch Gentz einen vertraulich ftcundschaftlichen Brief an den Verleger der„Allgemeinen Zeitung", Baron Cotta. schreiben, der zur Folge hatte, daß der durch das Verbot vieler anderen Zeitungen ängstlich gemachte alte Baron Heine vcr- anlaßte, seine Korrespondenzen einzustellen. Heine hatte darauf- hin nichts eiligeres zu tun, als seine Berichte, nach mancherlei Chikanen seitens der Zensur, unter dem Titel„Französische Zustände" in Buchform herauszugeben, obschon er mußte, daß er sich dadurch die Möglichkeit einer Rückkehr nach Deutschland vielleicht für immer abschnitt. Das Verbot des Buches erfolgte in den meisten deutschen Staaten sofort. Die Preßpolizei suchte jede etwaige Besprechung von vornherein zu unterdrücken. So machte dasselbe nicht das erwartete Aufsehen, vor allem auch deswegen nicht, weil das Publikum durch Börne's„Briefe aus Paris", durch die Redner des„hambacher Festes" und die 155 süddeutschen Flugblätter sich jetzt schon au noch kräftigere Aus- drucksweise gewöhnt hatte. In Heine's schriftstellerischer Wirksamkeit trat jetzt eine neue Periode ein. Der schmäliche Bundestagsbeschluß vom S. Juli 1832 hatte den Vertrieb aller im Ausland in deutscher Sprache erschienenen Druckschriften von weniger als zwanzig Bogen, ohne vorgängige Regierungserlaubniß, untersagt, Bücher aber, die einen Inhalt von mehr Bogen hatten, wurden von der Zensur bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und nach zwei Jaren wurde sogar der gesamte Verlag der bekannten deutscheu Buchhändlerfirmcn in Paris und Straßburg verboten. Es stellten sich also dem Autor die größten Schwierigkeiten entgegen, seine Schriften un- verstümmelt in Deutschland gedruckt, oder, ließ er sie im Ausland herstellen, hier überhaupt verbreitet zu sehen. Dazu kam noch, daß er durch die cynische Sprache und die Frivolitäten im ersten Salonbande auch bei dem gebildeten Teil des deutschen Publikums großen Anstoß erregt hatte, wie man andrerseits mehr und mehr an seiner ernsthaften Begeisterung für die Sache des Fortschritts zu zweifeln begann. Alles dies veranlaßte Heine, jetzt seine Muttersprache mit der französischen zu vertauschen und zunächst für das französische Volk zu schreiben. Es war damals in Frankreich ein reges Streben nach Verständniß der englischen und vor allem auch der deutschen Literatur erwacht, und Heine benutzte diesen abermaligen Aufschwung des französischen Geistes, um jetzt sein Bermittleramt erfolgreicher als je auszuüben. (Schluß folgt.) Nach Archangel verbannt. Schon im April d. I. setzte Graf Loris-Melikoff, der neueste Hausmeier der Romanoffs, eine Komission nieder, welche die Fälle der auf„administrativem Wege" durch die berüchtigte„dritte Abtheilung"(der Polizei) deportirten Personen prüfen, und, wo irgend tunlich, Remedur eintreten lassen sollte. Es stellte sich heraus, daß tausende nach Archangel oder Sibirien verbannt worden waren, 1) weil sie verdächtig, 2) weil sie Verdächtige nicht denunzirt, 3) weil sie gegen Schulinspektoren und Lerer ungehorsam gewesen, und 4) weil sie zu schlechte Zensuren im Lateinischen bekommen. Man lache nicht— das ist wirklich war. Die Zal dieser„Kategorien" beläuft sich auf nahezu IN 000; amtlich werden aber blos 1096 zugestanden. Und von diesen sind bis jetzt blos 115— schreibe hundcrtundfünfzehn— in Freiheit gesetzt worden. Ich betone dies, weil die Lüge verbreitet worden ist, die Zal der„Begnadigten" betrage mcrere tausend. Die Verwaltungsmaschiue arbeitet gar langsam in Rußland, wenn sie überhaupt arbeitet. Von den Unglücklichen, die auf so nichtige Gründe hin mit einem Federstrich aus der Welt geschafft worden sind, ivonen über 200 in Archangel unter den traurigsten Ver- hältnisscn. Die Einwoner des Gouvernements Archangel haben ein Sprüchwort:„Gott hat Rußland gemacht, aber der Teufel Archangel." Die zweihundert und mehr nach dem so drastisch charakterisirten umgekehrten Paradies„Verschickten" sind sämmt- lich jung— junge Männer, größtenteils Studenten, junge Frauen und Mädchen. Sie sind meist hingekommen und wissen nicht, wie. Viktor Jwanowitsch ißt mit seinem Freund Fedor B. zu Abend; sie trennen sich vergnügt,— den andern Morgen ist Fedor B. verschwunden. Viktor erkundigt sich bei den Eltern seines Freundes, sie wissen nichts. Er geht nach der Polizei, und, weil er sich so eifrig nach Fedor erkundigt, wird er verhaftet, und nun erfärt er, was aus diesem geworden ist. Sie finden sich beide auf dem Wege nach Archangel,— weshalb aber, das wissen beide bis auf den heutigen Tag nicht. Das ist eine Geschichte für viele. Fast komisch in ihrer Entsetzlichkeit. Der Verschickung geht nicht einmal die Form eines Prozesses voraus. In der Stadt Archangel;elbst bleiben jedoch nur die wenigsten. Die meisten werden weiter in kleinere Orte des gleichnamigen Gouvernements verschickt. Es wird mit ihnen ganz routinen- mäßig vcrfaren. Sobald ein Gefangener ankommt— meist ist eine Ladung beisammen—, wird er nach der Polizeistation gefürt— einem traurigen Holzbau aus zwei Abteilungen de- stehend, die eine für die männlichen, die andre für die weiblichen Gefangenen. Der einsame Tisch nebst Stul, die vier Wände, ja selbst die Decke sind mit den Namen der jugendlichen Vorgänger und mit allerhand Scherzen und Witzen beschrieben, welche be- weisen, daß die Urheber sich über ihre Lage Illusionen hingeben oder— hingeben wollen. In diesem trostlosen Aufenthalt ver- gehen acht bis zen Tage, wärend deren der Gouverneur von Archangel sich mit der Frage beschäftigt, welcher endgiltige Ver- bannungsort für den neuen Ankömniling am besten paßt: etwa Holmogor, Schenkurek, Pinega oder Mezen. Ist dies festgestellt, dann wird dem Gefangenen mitgeteilt, daß seine„Dokumente" in Ordnung, und ein Gensdarm Witt ein, der ihm sagt, er solle sich bereit machen. Ein primittver Postwagen steht vor der Tür; der Gefangene steigt ein, zwei Gensdarmen folgen, und das Troikaglöckchen über dem Kopf des Pferdes beginnt zu klingen. Fort geht's. Das Glöckchen klingelt und klingelt, tagelang. Wochen- lang— durch Wälder und Sumpf und Ebenen, auf unbeschreib- � lich öden und einsamen Straßen—, bis endlich das Ziel erreicht ist. Ein kleines Städtchen, schwarz von Schmutz, mit Blockhäusern, ein paar ungepflasterten Straßen, einer grün angestrichenen höl- zernen Kirche und einem Viehbestand von zehn oder zwölf grob- knochigen Pferden, einer Herde verkümmerter Kühe und 30 oder 40 Rentiren. Die Bevölkerung übersteigt selten tausend, und be- steht aus dem Jsprawnik(Polizeichef), 10 Snbaltcrnbeamten, dem Friedensrichter, dem Kronförster, einem Popen, einigen Krämern, 30 oder 40 Verbannten, einem„Kettengang" von„gottvergessenen" Sträflingen und einem Haufen finnischer Bettler. Gleich nach der Ankunft wird der Gefangene zum Jsprawnik gefahren, dem absoluten Herrn und Meister des Bezirks. Dieser Vertreter der Regierung läßt ihn die folgenden Fragen beant- Worten: Name? Wie alt? Verheiratet oder ledig? Woher? Adresse der Eltern, Verwanten oder Freunde? Alle Antworten werden in ein Buch eingetragen. Dann wird ihm feierlich das schriftliche Versprechen abgenommen, daß er keine Lektionen irgendivelcher Art geben, überhaupt nicht versuchen wird, jemand zu leren; daß er jeden Brief, welchen er schreibt, dem Jsprawnik vorlegen, und daß er keine andre Beschäf- tigung treiben wird, als Schuhmacherei, Tischlerei oder Feldarbeit. Daun wird ihm gesagt, er sei frei, aber mit der gleichzeitigen Verwarnung, daß er im Falle des Ueberschrcitens der Stadtgrenzen wie ein toller Hund totgeschossen, oder, wenn lebendig gefangen, ohne weitere Formalität, als den Befel des Jsprawnik, nach Ostsibirien werde geschickt werden. Der arme Teufel nimmt nun sein kleines Bündel und, indem es ihm voll zum Bewußtsein kommt, daß er jetzt der Civilisation und jedem Comfort des Lebens Adieu gesagt hat, tritt er hinaus auf die Straße. Eine Gruppe von Verbannten, allesammt blaß und abgemagert, sind da, um ihn zu empfangen; sie füren ihn in das elende Logis des einen oder andern von ihnen und bitten ihn mit fieberhafter Neugier um Nachrichten von zuhause. Der neue Ilnkömmling starrt sie an, wie im Traum; einige von ihnen sind tiefsinnig, andere nervös überreizt, die übrigen haben angen- fcheinlich Trost im Trinken gesucht. Sie leben zu zweien oder dreien beisammen, haben Narung, ein paar kärgliche Kleidungs- stücke, Geld und Bücher gemeinschaftlich, und betrachten es als ihre heilige Pflicht, einander in allen Lagen des Lebens bei- zustehn, ohne Unterschied des Alters, Ranges und Geschlechts. Der Adlige von Geburt erhält von der Regierung etwa 16 Mark den Monat, die Bürgerlichen nur 10, obgleich viele von ihnen ücrfrcirntct unb Titit �rciu unb S�inbctit tu bic �octbcinnunQ 90 schickt sind Täglich besucht ein Gensdarm die Wonungen, in- spizirt nach Belieben die Räumlichkeiten und macht dann und wann in sein Notizbuch einen geheimnißvollen Eintrag. Sollte einer von ihnen einem durchfarenden Verbannten, der grade im Polizeigewarsam ist, warmes Essen, ein paar frische Strümpfe oder ein Hemd bringen, so kann er ziemlich sicher sein, daß es ihm augeschrieben wird. Es ist ein Verbrechen, einen durch- farenden Freund zu begrüßen und ihm eine kurze Strecke das Geleit zu geben. Ist der Jsprawnik übellaunisch— hat er zu- viel getrunken oder Unglück im Kartenspiel gehabt, so haben die armen Verbannten es zu entgelten, und da in diesen ungastlichen Gegenden Schnaps und Karten fast der einzige Zeitvertreib sind, so haben die Verbannten sehr viel von der üblen Laune der Jsprawniks zu leiden und machen sich einer wunderbar großen Anzal von Verbrechen schuldig, die pflichtgemäß dem Gouverneur der Provinz gemeldet werden. Der Winter dauert acht Monate; diese ganze Zeit hindurch bietet die Umgegend den Anblick emes stummen, leblosen, hartgefrorenen Sumpfs dar. Keine Straßen, kein Verker mit der Außenwelt, keine Mittel des Entrinnens. Im Laufe der Zeit wird fast jeder Verbannte von Nervenzuckungen befallen, gefolgt von längerer Apathie und Hinfälligkeit. Manch- mal gelingt es einem, vermittels eines gefälschten Passes die Mein Freunds Eine Spiritistengeschichte ans dem letzten Drit (XIII. Des Klopfgeists Ansicht über den Spiritismus.— Seine Langmut und Klugheit.— Der Geist meines Vaters.) Bei den gläubigen Hörern ringsum erregte der Hustcnanfall meines Barbiers Unwillen, der Klopfgeist selbst aber beachtete die Störung nicht. „Bist du nun auch wirklich schon überzeugt, mein Freund?" fragte die Gespensterstimme. „Nein!" antwortete ich laut und entschieden.„Davon, daß wir es bei den spiritistischen Manifestationen mit Geistern ab- geschiedener Menschen zu tun haben, davon, daß es sich über- Haupt um Erscheinungen handelt, welche das widerlegen und durchbrechen, was die Wissenschaft bisher als Gesetze der Natur erkannt hat, von diesem beiden bin ich nicht überzeugt." Diesmal richtete sich die vernemlich genug zutage tretende Aufregung und Indignation der Versammelten gegen mich. „Unerhört! Er will die Warheit nicht erkennen! Er wird sich nie überwunden geben! Was sollen wir uns länger stören lassen von ihm in unsern heiligsten Empfindungen?" so zischelte es ärgerlich im Kreise. Des Klopfgeists Langmut mit mir war aber lange noch nicht erschöpft. „Du hast recht, mein Freund. Du bist Gelerter, du bist zum Zweifeln erzogen. Du glaubst, so du Außergewönlichem begegnest, solange an Täuschung, als nicht jede Möglichkeit der Täuschung ausgeschlossen ist. Doch, wo stet geschrieben, daß, was das spiri- tnalistische Evangelium euch lert, Naturgesetze durchbricht oder widerlegt? So sprechen die Toren, die nicht begreifen, was da borget. Gebiete der Natur tuen sich vor euren Augen, euren geistigen und leiblichen Augen aus, an denen ihr bis jetzt blind und taub vorübergingt. Also: es handelt sich nur um neue Naturgesetze, welche die euch Menschen bekannten ergänzen, er- Weiter»,—.nicht durchbrechen und vernichten. Vermaßt ihr euch etwa, mit eurem Wissen schon am Ende alles Erkennens zu sein, wie?" „Sicher nicht," antwortete ich.„Aber unser Wissen ist eine Stufenfolge erkannter Warheiten, von denen die eine auf der andern fußt, mit Notwendigkeit aus ihr hervorgegangen ist. Wenn nun die spiritistischen Erscheinungen Anspruch erheben auf wissenschaftliche Anerkennung, so müssen sie eben erkennen lassen, wie sie mit den wissenschaftlich festgestellten Naturgesetzen zu- sammenhängen,— die Brücke zwischen beiden muß warnemdar sein, und von dieser Brücke grade, dieser logischen Verbindung zwischen unsrer Gedankenwelt und der spiritistischen ist bisher— meines Wissens— nichts, garnichts enthüllt." „Weil sich überall erst das Unbegriffene eurer Wiffenschaft in den Weg stellt, deren beschränktes Gebiet ja auf allen Seiten umgeben ist von Unbegriffenem, und weil nicht die natürlichen Tatsachen die Aufgabe haben, jene Brücke zu suchen, sondern weil das eben eure Aufgabe ist, ihr Männer der Wissenschaft!" Es hatte wie Spott geklungen, was die Stimme sagte. Beifalls- gemurmel betonte den in der Tat geschickten, sattelfesten Klopf- geist für den eleganten Hieb, den er mir zu versetzen gesucht. Aber ich hatte im Laufe dieser merkwürdigen Debatte all' meinen Scharfsinn wiedergewonnen und war nicht so leicht ab- zufüren. „Tie Wissenschast muß die Brücke suchen," erwiderte ich,„und die natürlichen Taffachen müssen sie finden lassen,— nicht eher können sie Eingang erlange:: in das eben aus das Erkannte be- schränkte Gebiet unsrer Wissenschast. Bei dem Spiritismus be- gegnet mau aber nicht blos stummen, unbehülflichen Tatsachen, sondern auch Menschen, an die sie gefesselt erscheinen, ja sogar über die Menschenwelt erhabenen Geistern, welche sie hervorrufen und beherrschen. Was man von Tatsachen nicht verlangen kann, Flucht zu beloerkstelligen, aber das kommt sehr selten vor, und die große Mcrzal dieser Opfer der„dritten Abteilung" werden verrückt, begehen Selbstmord, oder sterben am Säuferwansinn. Wenn einst die ganze Warheit enthüllt wird, dann werden wir eine entsetzliche, aller Kultur furchtbar honsprechende Geschichte menschlicher Grausamkeit und menschlicher Leiden hören. 1�. W. der Blopfgeist. l des neunzehnten Jahrhunderts. Von K. ß. hat man mit Recht zu fordern von den Menschen und noch incr von den spiritistischen Geistern. Zum mindesten helfen müssen uns die Magnetiseure, Medien und— die Geister, diese beson- ders, die Brücken schlagen--" „Sprich, was verlangst du?" war die kaltblüffge Antwort des Klopfgeistes. Ich geriet durch diese Frage nicht in Verlegenheit. „Zum allermindesten halte ich für unumgänglich notwendig, daß mir gestattet werde, die Oertlichkeiten, in denen sich die spiritistischen Manifestationen vollziehen, einer ganz ungemein sorgfälttgen Prüfung zu unterziehen." „Willst du sofort damit beginnen?" fragte der Klopfgcist in die lautlose Stille hinein, welche sich über die Gesellschaft gebreitet hatte. Ich hatte das ursprünglich gewollt. Aber um der Sicherheit der zu erwartenden Resultate willen wollte ich diese Untersuchung nicht allein unternemen. Zunächst dachte ich an den Raseur, doch hatte ich Bedei.'en, und wie ich so zögerte, beeilte dieser selbst sich, mich auf einen andern Gedanken zu bringen. „Ich an Ihrer Stelle, Herr Doktor, würde mir da einen Maurer- oder Baumeister, oder sonst einen, der von Mauern, Stubendecken und Fußböden Ivas verstet, zu Hülfe nemen," raunte er mir zu. Ich nickte und erwiderte auf die Frage des Klopfgeistes: „Es scheint mir besser, diese Untersuchung auf eine spätere Sitzung zu verschieben. Dafür aber möchte ich fragen, ob es mir vielleicht gegönnt sein möchte, eine jener Geistererscheinungen zu sehen, jedoch von einer mir nahestehenden verstorbenen Person." Diesmal zögerte der Klopfgeist mit der Antwort und das auffällig lange. „Aha, die Geschichte paßt ihm nicht," brummte der Barbier. Aber schon Hub der Klopfgeist wieder an:„Sage mir, wen du sehen willst, erinnere dich jedoch, mein Freund, daß ich keine Gewalt habe über irgend einen der andern Geister, und daß die Geister, je höher sie schon im Menscheuleben entwickelt waren, desto höher und weiter entfernt von euch Menschen auch stehen im Geisterreich." Daß der Klopfgeist aiffcheinend Ausflüchte suchte, schien meinem Raseur gewaltigen Mut einzuflößen, denn es klang gar nicht mer so ängstlich leise, vielmer recht vernemlich auch für andere als meine Oren, als er flüsterte: „Na, da scheint unser Klopfgeist eigentlich verdammt schlecht entwickelt gewesen zu sein, als er's Zeitliche segnete, sonst könnt er uns doch gewiß nicht so viel erzälen, was Herr Doktor?" Warscheinlich würde dem Herrn Metzig diese Bemerkung ser übel bekommen sein, wenn nicht die Anwesenheit des Geistes die Zungen der entrüsteten Gläubigen und die Fäuste erst recht im Zaume gehalten hätte. „Unverschämt! Hinaus mit ihm!" und noch viel schlimmere Zeichen der allgemeinen Empörung umzischelten uns. Aber der Klopfgeist legte sich wiederum ins Mittel. „Tu hättest recht, mein Sem," entgegnete er in möglichst mildem und feierlichem Tone aus den Spott des Raseurs,„wenn es nicht Ausnamen gäbe überall im Reiche der Natur. Ich würde weit fort sein von eurer Menschenwelt, wenn ich nicht von einer höheren Macht, die uns alle regiert, die heilige Mis- fion erhalten hätte, euch Menschen Licht zu geben von dem, was über euch ist. Und dieser Mission zu dienen--" die Geister- stlmme erklang immer feierlicher und getragener und nun hielt fie wieder einen Augenblick inne, um in dem mir schon bekannten, wirklich ergreisenden Prophetentone fortzufaren:„Und dieser Mission zu dienen will ich versuchen, deine Wünsche zu erfüllen, mein Freund, sei er, welcher er mag. Rede, wen aus der Welt der Abgeschiedenen wünschtest du zu schauen von Angesicht zu Angesicht?" „Meinen Vater wünschte ich zu sehen." Ich tat mit gutem Bedacht grade diese Wal. Einmal hatte der Klopfgeist ja selbst behauptet, eben mit diesem Verstorbenen stände er in vertrauter Beziehung, andrerseits war mein Vater schon so lange tot, hatte so zurückgezogen gelebt und nur ein einziges Bild hinterlassen, welches meine Mutter in einem Me- daillon bei sich trug und, niit unauslöschlicher Liebe zu ihrem Gatten kokettirend, nur äußerst selten und nur die vertrautesten Freunde sehen ließ,— daß mir ein Betrug bei diesein Toten ganz ausgeschlossen schien. „Ich will sehen, ob es dem Geist deines Vaters möglich ist, sich menschlichen Augen zu zeigen, trotzdem er, der wärend seines Menschenlebens schon mit den Menschen und ihrem Leben sich so wenig zu schaffen machte, nun, seit er für eure Welt starb in selten rascher Vergeistigung dem irdischen Leben immerdar fern ist. Vielleicht wenn ich wiederkere, vielleicht--" „Aha ," brummte ivieder der Raseur, seine onehin kleinen Augen mit schlauem Lächeln zusammenkneifend. Der Klopfgeist wandte sich noch an ein oder zwei der An- wesenden mit kurzen Bemerkungen, dann verstummte er und der übliche Spektakel begann von neuem. Indessen dauerte er dies- mal nur ganz kurze Zeit, um dem zauberischen Sange des an- scheinend im Tiefschlafc liegenden Mediums zu weichen. Tie Unterhaltung mit dem angeblichen Geiste hatte, nicht nur so lange sie dauerte, all' mein Denken in Anspruch genommen, so weit sich dieses nur von Athanasia, dem Medium losreißen konnte, sondern sie verhinderte mich noch lange nachher, genau acht zu geben, was sonst im Zimmer vorging. Mein Or hing an den süßen, berauschenden, wie in innigster Bitte flehenden Tönen, welche dem Munde des Mediums bald leise und zögernd, bald lauter, dringender, fast stürmisch entflohen. Eben erklang es wieder wie wehvolles Weinen, das mir tief und schmerzend hineindrang ins Herz, da geschah ein furchtbarer Schlag, wie wenn Pulver oder ein anderer Sprengstoff explodirt, dichter Dampf, rötlich glühend, erfüllte urplötzlich das Zimmer, alles schrie laut auf und sprang von den Sitzen empor, auch mich hatte eS in die Höhe gerissen— mein einziger Gedanke war Athanasia—! Welchen Eindruck mußte der furchtbare Donner- schlag äuf sie, die onehin nervös überreizte, das schwache, kranke, unter tausendfältiger Erregung leidende Mädchen geübt haben? Da fiel ein Lichtstral in's Zimmer, ich achtete nicht darauf, wo- her er kam, er beleuchtete just die Stelle, wo das Medium saß — nein, gesessen hatte, denn jetzt stand Athanasia hochaufge- richtet, als wenn es mit gespannter Erwartung weit in die Ferne schaue, dann erhob sie die Arme und rief: „Komm, o komm— ich vereine meine Stimme mit der seinen — ich rufe zum letzten male, und wenn ich die ganze Kraft meiner Seele verHauche— konim— o komm!" � Da sank sie wieder in ihren Sessel zurück und wieder trat stille ein, die man vor den heftigen lauten Atemzügen der An- wesenden, von denen wol keiner eine gewaltige Erregung be- meistern konnte, unterbrochen wurde. „Ah— also dort— dort!" drängte es sich plötzlich über die Lippen mererer von den Frauen. An derselben Stelle, wo in der vorigen Sitzung die Geistererscheiunngen sichtbar wurden, ballte sich der rötliche Dampf, welcher das ganze Zinimer erfüllt hatte, nebelballeugleich zusammen. Leise, zarte Musik ertönte— jetzt aber nicht vom Gesauge des Mediums getragen- der Jeebel wurde dichter, verschob und dehnte sich aus, bis er die Ge- statt eines Vorhangs angenoiilmmen, dann plötzlich riß er mitten hindurch, und mau sah hinein wie in das undurchdringliche Dunkel einer von keinem Sounenstrale berürten Felsenhöle, doch sogleich tauchte anscheinend in ungeheurer Entfernung ein kleines rotes Licht in dem Ramen der Finsterniß auf. das Licht kam näher, wurde dabei größer, aber matter und dunkler, allgemach »am es Gestalt an, menschliche Gestalt— in männliche Kleidung gehüllt, in einen langen über hagere Glieder hinabhängenden Rock-- jetzt, immer noch in weiter Entfernung, blieb die Gestalt stehen und richtete sich auf, als� ob sie Umschau hielte, um zu erkennen, wo sie wäre, ein Lichtstral wie von elektrischer Beleuchtung traf das Gesicht der Erscheinung und— ich hatte mich erhoben in demselben Augenblicke, als die geisterhafte Ge- statt sich emporrichtete, und mußte nun nach einer Stütze suchen, um mich aufrecht zu erhalten;— ich erfaßte umhertastend den Arm Metzigs und klammerte mich daran fest, indem ich rief: „Beim Himmel— mein Vater!" Die Gestalt neigte das Haupt gegen mich hin,— wie mich däuchte, verklärte ein unendlich wemütiger, aber liebeerfüllter Ausdruck das bleiche, von grauem, spärlichen Bart umramte Gesicht; das Gespenst meines Vaters erhob die Arme, als segne. es mich, und dann begann es lautlos, wie es gekommen war, aber das Antlitz unverwant nach mir gekert, in das nächtige Dunkel seiner geheimnißvollen Umgebung zurückzuschweben. „Vater!" rief ich,— ich vermochte mich nicht mer zu be- herrschen, kein Zweifel regte sich in diesem Momente mer in meinem Herzen wider die Warheit der spiritualistischcn Offen- barung, also hatten meinen von den gewaltsamen Gemüts- belvegungeu der letzten Wochen erschütterten Geist die eben empfangenen Eindrücke in ihrer raschen Aufeinanderfolge und tief eindringenden Macht überwältigt;„Vater, bleibe, sprich zu mir, deinem Sone, der dich so früh verloren, der deine liebe Stimme hören möchte, wie er dein teures Antlitz gesehen, wieder- erkannt hat,— bleibe, Vater, bleibe!" Aber die Erscheinung erhob nur noch einmal ihre Hände zum Segen, sie schüttelte leise das Haupt und hüllte sich allgemach in Nebel, aus dem zulezt wieder das unendlich ferne, duukelrote Licht erglänzte— und auch das nur für einen Moment—, um dann ganz zu verschwinden. Im Zimmer wurde es nun hell, in der Ampel erglomm aufs neue das milde, woltuende Licht. Athanasia lag auf ihrem Sessel, regungslos, leichenblaß— die Hände beide auf das Herz gepreßt.-- Hanna Wunder trat zu ihr, nachdem sie einer der Frauen gewinkt und mir einen Blick voll bittereu Vorlvurfs zu- geworfen hatte, dann hob sie gemeinschaftlich mit jener Frau das Medium empor und trug es mer, als sie es flirte, zu der sich dicht hinter dem Sessel öffnenden und sofort wieder schließenden Tür hinaus. Ich blieb wol noch eine lange Weile wie geistesabwesend stehen und starrte nach der Tür, durch welche das Medium meinem Auge entschwunden war. Was inzwischen um mich her vorging, bemerkte ich nicht. Endlich empfand ich, daß ich der Gegenstand der allgemeinen Ausmerksamkeit seitens der leise aber aufgeregt mit einander flüsternden Anwesenden war. Mein erster Gedanke war, die Sitzung so rasch als möglich zu verlassen, in die Stille meiner Wonung zu entfliehen, um mein pochendes Herz zu beruhigen, meine Gedanken wieder ungestört zu sammeln. In der Ausfü- rung dieser Absicht wurde ich nur einen kurzen Moment aufge- halten— Hanna Wunder trat wieder ein, setzte sich auf ihren alten Platz und stimmte einen frommen Gesang au, in den als- bald die Gläubigen einstimmten. Ich hatte nur zu gehen ge- zögert, weil ich gehofft, von der alten Hanna Auskunft zu er- halten, wie es Athanasia gehe; da der Gesaug meine Absicht vereitelte, bat ich den Raseur, er möchte nach Beendigung der Sitzung sich in meinem Namen bei Frau Wunder nach dem Be- finde» des Mediums erkundigen und mir sofort Nachricht bringen. Für ihn und nur für ihn allein sei ich_ heule noch zu sprechen. Dann ging ich, one mich umzuschauen, still von bannen. ** * Drei Tage waren ins Land gegangen"drei Tage voll der mannigfaltigsten einander überstürmenden Vorgänge, drei-i.age, die mich an den verhängnißvollsten Wendepunkt meines Geschicks gedrängt hatten, vor dem ich jemals gestanden habe. Ich war nahe daran, den Seelenkämpfeu zu erliegen, welche mich durchtobten. Daß ich mit meiner Braut brechen müßte, daß ich von einem unabänderlichen, zu des armen Mädchens Unheil von mir bis vor kurzem nicht geahnten, völlig verkannten Geschick für Athanasia, das Medium, bestimmt, und daß ich heilig verpflichtet wäre, sie, die Unvergleichliche, die schon durch ihre Beziehungen zu einer erhabenen Rätseiwelt so vor Millionen andern Weibern Bevorzugte zu retten aus schwerer, körperlicher und geistiger Bedrängmß, vor einem Vater, der im Fanatismus für sein Evangelium die übernatürlichen Kräfte seiner einzigen Tochter in einer Weise ausbeutete, die diese nottvendig in qual- vollster Weise zugrunde richten mußte--, von alledem hielt ich mich fest überzeugt.(Fortsetzung folgt.) 158 Weihnachten ans der Landstraße.(Bild Seite IS3.) Weih- nachten, das herrliche Fest, ist, wie so mancher änliche christliche Kirchen- gebrauch heidnischen Ursprungs. Die Ansichten über Staat und Religion wechseln von Geschlecht zu Geschlecht, die Naturerscheinungen aber bleiben stets dieselben; nur unsere vervollkommneten Instrumente gestatten uns ihre schärsere Beobachtung und annähernde Erklärung ihrer Ursache und Wirkung. Diese Gradmesser von Zeit und Raum sind die eigentlichen Stister der Naturreligion, in welcher der Christen- und Judenglaube, der Islam und Buddhismus, sowie der Sonnen- kultus der Parsen und Weder wurzelt. Die christlichen Priester haben ost nur den Namen der heidnischen Jaresfeste geändert, doch nicht die seit unvordenklichen Zeiten beobachteten Gebräuche, wie z. B. bei der Sommersonnenwende, in christlicher Ausfassung das Johannissest, die Brandopfer ans den Bergen, die heute noch bestehen. Wir könnten über die Weihnachtsgebränche der verschiedenen Völker eine lange Ab- Handlung schreiben, beschränken uns aber darauf, dasjenige zu schildern, was unsere Borfaren bei der Wintersonnenwende an Festlichkeiten vcr- anstalteten. Gleich den Saturnalicn der Römer, dem Bairam der Mohamedaner, dem Chamuccah der Juden und dem Julsest der Ger- manen war es das Geburlssest der Sonne und wird als Geburtstags- seier Jesu, deren Datum niemals ermittelt worden ist, angesehen. Nach den naiven Anschauungen unserer heidnischen Borsaren bewirkte Frau Holle, die Beschützerin der Ncugebornen, durch Schütteln ihrer Bettwäsche das Schneegestöber und schüttelte in der Wihnacht(heiligen Nacht) von der Wintersonnenwende mit den Schneeflocken zugleich den Julklapp, d. h. überraschende Geschenke für Kinder und Erwachsene, vom Himmel herunter. Dafür verlangte sie im Sommer sreundliche Ausname ihrer geflügelten Boten, der Störche, und im Winter Unter- stützung der sutterlosen Waldvögel. Wärend der zwölf heiligen Nächte, vom Ü4. Dezember bis 4. Januar hielten die Götter feierlichen Umzug aus Erden, damit aller Streit ruhe, und die Sterblichen verzerten als Festgericht den mit Tannenzweigen gezierten, dem Freyer geheiligten Eber, vergaßen aber auch nicht der armen Vögel, denen Frau Halles „Beltsedern" das Futter geraubt hatten. Die Weihnachtsseier unter der Mistelstaude in England und unter dem Tannenbauni in Skandi- navien und Deutschland gehört dem Kinde, der Seele des Familien- lebens. Und der flimmernde Weihnachtsbaum macht uns alle zu Kin- der» mit unfern Kindern und erinnert uns daran, daß wir zunächst Menschen und dann erst Minister oder Fabrikarbeiter sind. Wo die Weihnachtsfreude ausrichligcr, kindlich reiner ist, ob bei dem beschci- denen Male des Armen im Kreise der jubelnden Kleinen, oder beim Gelage des Reichen, mögen die Betreffenden selber entscheiden.— Weihnachtsgelage kennt man wol auch in dem slavischeu Osteuropa, doch nicht die Kindersreude der Wcihnachtsbeschecrung, deren Bedeutung in der tiefen Gemütsanlage der Germanen wurzelt. Zur VerHerr- lichuug eines solchen Weihnachtsgelagcs auf dem Gute des Starosten Wisnicki ist die Kapelle des Scholen! Zizes berufen, wie sie unser Bild veranschaulicht. Diese Kapelle, bestehend aus drei typischen Gestalten polnischer Juden, gehört zu jenen philharmonischen Gesellschaften, wie sie jedes polnische Landstätchen besizt. Mit ihrem seit unvordenklichen Zeiten zusainmengestellten, nur äußerst selten durch eine zweifelhafte neue Nummer bereicherten Repertoire antiker Polkas, Walzer, Mazur- kaS und nier oder minder echter Volksweisen pflegen sie dem musika- lischen Bedürfnis der Umgebung im wörtlichen Sinne entgcgenzu- kommen. Unsere Künstler süren ihre Muse stets zu Fuß spaziren, denn diese Dame, obwol himmlischer Abkunft, ist selten in der Lage, ihren Jüngern den Luxus einer Fargclcgenheit zu vergönnen. Und so wird auch aus der heutigen Kunstrcisc sicherlich das Talent im Musiciren ans minder Harle Probe als das im Marschiren gestellt. Daß alle drei keine Jünglinge mcr sind, zeigen ihre Haare, welche bereits jene Farbe angenommen haben, die das Sinnbild der Ehrfurcht ist. Mit Ausname der beiden Ecklvcken, welche sich in unbeschränkter Freiheil über ihre Schläfen herunterschlängeln und in ihrer Vereinigung mit den grauen Spitzbärtcn ihre Gesichter voll Schlauheit und List ein« raincn, wacht das alttestameutarische Sammetkäppchen mit der darüber gestülpten modernen Kopsbedeckung fast neidisch auf jedes Haar, das sich unter demselben aus seiner Hast hervor an das freie Tageslicht drängen möchte. Wer noch über die jüdische Abkunft der drei Musi- kanten nicht im klaren sein sollte, den wird ihre küngebogenc, in Höcker- form sich schwungvoll ausivcilcnde Nase keinen Augenblick länger dar- Über in Zweifel lassen. Doch glaube nicht etwa, lieber Leser, daß diese drei gleichmäßig in den Kaftan von zweiselhastcr Farbe gehüllten Männer sich auch eine» gleichmäßigen Temperamentes erfreuen. Der Kapellmeister Scholen, Zizes, der einzige, der sich den Luxus eines Regenschirms gestatten darf, spielt mchr nur die erste Geige bei den Niusikaussürungen, sondern auch in der Konversation. Soweit seine Gedanke» zurückreichen, stet er mit dem oppositionslnstigc» Klarinet- tistcii Chain, Türkis aus dem Kriegsfuß, wärend der Baßgeigcr Aaron Brummer stets den stummen Zuhörer des Zungengesechtes abgibt. In einem Wetter, in welchem man keinen Hund hinausjagt, auf einer Landstraße, deren echt polnischen Kot der frischgesallene Schnee mitleidig bedeckt hat, feiern die drei Weihnachten auf der Landstraße. Und doch sind sie wolgemut und guter Dinge. Dieses Wunder bringt nur die sprichwörtlich geivvrdene Genügsamkeit und Ausdauer des' polnischen Juden zu wege. Wärend sich die Geige und das Klarinelt über den Ertrag der heutigen Weihnachtsfeier aus dem Schlosse des Staroslen streiten, berechnet die Baßgeige im stillen, was ihr die nächste christ- liche oder jüdische Hochzeit, eine Taufe oder sonst eine Feier im prun- kenden Edelhof oder in der schmutzstarrcnden Bauernhütte abwerfe» � wird. Die Kupfermünzen werden die Woche über, oft auf Kosten des Magens, zusammengespart, um Weib und Kindern einen fröhlichen Schabbes zu bereiten. Glückliche Parias, denen die Schabbeslampe ' stets wie ein Weihnachtsbaum stralt! Das Kapital, mit dem ihre reichen Glaubensgenossen spekuliren, kennen sie nur von Hörensagen, I dafür wird aber auch ihre bescheidene Existenz von den fieberhaslen ! Pulsschlägen der Börse nicht erschüttert. Es ist das Glück in der Be- schränkung, von dem der deutsche Dichter Jean Paul träumte, welches alle schwindelhasten Errungenschaften überdauert und die Genügsamen nicht nur vor Ueberhebung, sondern auch vor Enttäuschung bewart. _ Dr. M. T. Eisberg im Packeis. Im vorigen Jargang ist den Lesern d. Bl. eine umfassende Skizze aller der Bemühungen gegeben worden, die, von den, Forschertrieb des Menschen angeregt, sich auf die Erkundung der Nordpolgegenden richten. Die Illustration aus Seite 152 zeigt uns nun einen jener glitzernden, kalten Koloffe, welche so oft verderben- bringend für die künen Nordpolfarer sind und sogar zuweilen auch den Meeren der südlicher gelegenen Zone ihren Besuch abstatten, ein Schrecken für die Schiffer, welche die zweifelhafte Ere haben, einem davon zu begegnen. Unser mächtiger Eisberg im Bordergrunde nebst seinen ent- fcrnt sichtbaren Verwantcn hat seine Heimat an der Küste Grönlands und befindet sich in dem grönländischen Eismeere. Die Entstehung der Eisriesen get entweder vor sich, indem die mächtigen nordischen Gletscher, allmälich ins Meer vorrückend, von den wärmeren Strömungen unter- waschen werden, sodaß die über das Wasser hinaushängcnde Eismasse abbricht, oder indem das Eis in dem kalten Wasser nicht zum Schmelzen kommt, tiefer hinabsinkt und sich durch seine Schwere von dem übrigen loslöst. Die Höhe der Eisberge ist zwischen 10 bis 100 Meter; bei einer Höhe von 60 Meter über dem Wasser haben sie ungesär 120 bis 180 Meter unter dem Meeresspiegel. Aber ein nicht minder gesärlicher Feind für Schiffe in jenen Regionen ist das Packeis. Dieses bildet sich aus dem Eise des letzten Winters oder aus Resten früherer Jare, welche, vom Sturm umhergetrieben, sich zusammenschieben und durch die Kälte aneinandergefrieren. Es erhält eine Nicke von durchschnittlich 1 bis 2 Meter über und 6 bis 8 Meter unter dem Wasser und bildet den Kontinenten gleiche Eisfelder. Gerät ein Schiff bei der herein- brechenden Winterkälte in eine Strömung solcher Schollen, so friert es eben unbarmherzig fest und läuft nicht minder Gesar, allmälich zer- drückt zu werden. Mancher Nordpolfarer ist darin zugrunde gegangen, viele haben, in diesen schauerlich-öden Gegenden eingefroren, die schreck- lichsten Strapazen erdulden müssen. Gegen die offene See enden diese Eismassen in einzelne, freischwimmende Blöcke. Sobald die Früjars- wärme auf das Packeis einwirkt, reißen die darunter tätigen Ströme große Eisfelder los und treiben sie gleichfalls in die offene See, und ist es einmal gebrochen, so verschwindet es ser schnell. ort. Das Erdbeben zu Agram.(Schluß.) Die der höchsten Teil- »ame werten Einwohner der Hauptstadt Kroatiens sollten übrigens nicht mit dem einmaligen Schrecken davonkonimen. Am 10. November gc- schahcn nicht weniger als noch vier Erdstöße, deren letzter um 12 Uhr 20 Min. erfolgte und fast so ser als das Erdbeben des vorhergegangenen Tages alle Gebäude bis in ihre Grundmauern wanken machte, die taujende von Mauerrissen erweiterte, die Zimmerdecken eindrückte' und ganze Fluten von Ziegeln und Schindeln auf die Straßen fegte. So schlimm, als am 9. wurde es aber glücklicherweise doch nicht, und nach dem 10. fand keine so gesärliche Erderschütterung mer statt.'Der Erd- stoß vom 9. hat übrigens an mereren Orten auch Erdrisse zurück- gelassen und durch diese Schlammausbrüche zutage geschickt Die be- deutendste dieser Schlammeruptionen hat bei dem Dorfe Resnik unweit Agram, stattgefunden. Die Erdrisse an dieser Stelle bestehen aus einer Hauptspalte, die sich von Ostnordost nach Westsüdwest zieht, 19 Schritte lang und nur etwa 3 Centimeter breit ist, und sich von mereren kleineren Spalteu durchkreuzt zeigt. Rund um dieses Spaktencentrilnr herum, ungesär eine halbe Stunde im Durchmesser, finden sich noch eine Menge anlicher Erdschlitze, welche zumeist, gleich den ersterwänten, von dem seftgewordenen grauen, sich vom Straßenkot deutlich unterscheidenden Schlamme gefüllt sind. Nur einige wenige zeigten noch merere Tage nach den Ausbrüchen Lcffnungen von einem halben bis zu einem ganzen Meter Tiefe. D,e Ausbrüche erfolgten zwischen?>/, und halb II Uhr, warend welcher Zeil das ganze Gebiet, auf dem sich die Spalten be- st�N'.'n bestandigem Schwanken mar. Aus allen Spalten, sowie aus ordeutlichen Schlammkralern, welche letztere nur wenige Ccntinicter hoch waren und nicht über einen halben Meter im Durchmesser hatten, wurden große Mengen mit Schwefelwasserstoff gefülltem Wasser in die Hohe getrieben, die Schlamm, Molluskenrestc und auch reinen Sand »m an die Oberfläche beförderten. Die größte Auswurfsöffnung hat etwa einen halben Meter im Durchmesser gehabt. Die Kraterhöhe war c-A* unbedeutend, weil dem breiigen Auswurf die Fähigkeit feltc, öu hohen Kegeln aufzutürmen, lieber die weiter jolgenden Erd- Uchte berichten wir in einem gelegentlichen Nachlrage, sobald diese un- heimliche Beunruhigung der Bewoner der kroatischen Hauptstadt ganz auf- gehört haben wird. Heut, da wir dieses schreiben, dauert sie schon länger als drei Wochen und scheint immer noch nicht endgiltig überwunden. Ein gemeinnütziges Kunstinstitut. Del Becchio'S perma- nente Kunstausstellung zu Leipzig verdient es unstreitig, auch den Lesern der„Neuen Welt" empfolen zu werden. Da- durch, daß hier in bunter Abwechslung dem Publikum fortwärend neue Stücke und zwar von bekannten und berümten Meistern wie von jungen strebsamen Künstlern vorgesllrt werden, bietet sie dem Freund der Malerei die Gelegenheit, einen nicht unbeträchtlichen Teil der auf diesem Gebiet tätigen Kräste kennen zu lernen. So heben wir aus der großen Anzal mcr oder ininder bedeutender Namen, deren Werke sich hier im Laufe des verflossenen Sommers präsentirten, nur Piloty und W. v. Kaulbach hervor. Momentan fesselt aber unser Interesse ein Gemälde von Chr. Ludw. Bokelmann:„Die letzten Augenblicke eines Walkampfes". Das Wallokal im Vordergrund ist besetzt von Anhängern der verschiedensten Parteien, von denen einzelne geschäftig noch den Nachzüglern, welche vor Torschluß im Begriff sind, ihr wich- tigstcs Staatsbürgerrecht auszuüben, ihren Kandidaten anpreisen. An- dcre betreten oder verlassen das Lokal, an dessen Fassade die Göttin der Gerechtigkeit wenigstens ihren erhabenen Zweck symbolisch andeutet. Auf allen Gesichtern liest man Spannung ob des sich binnen kurzem ergebenden Resultats eines Kampfes, der seine Spuren in den aus dem Pflaster herumgestreuten Fetzen zerrissener Stimmzeitel der mißliebigen Kandidaten lebendig hinterlassen hat. Im Hintergrund der Straße wird lebhaft debattirl— an Stoff dazu felt es ja bekanntlich nicht und es ist deshalb schwer zu unterscheiden, ob die Kornzölle oder sonst ein neues Projekt den Grund dazu abgibt. Was aber die ungemein belebte Szene ganz besonders anziehend macht, ist, daß der Künstler in seinem Werke nicht die gehässige Parteitendenz dominiren ließ, wie dies, leider zum Nachteile des Kunstivcrks, an dein neuen großen Bilde Piloty's(Die letzten Augenblicke der Girondisten) der Fall war. De» sich im Konzentrationspunkt der Handlung auf dem bokelmann'schen Bilde befindlichen Personen sieht man ihre Parteistellung allerdings mehr oder weniger an, aber die Charakteristik tritt uns hier nicht durch die bekannten häßlichen Erscheinungen entgegen, wie sie der politische Parteikampf, namentlich in der Presse, zutage fördert. Und welche treffliche Gelegenheit hätte sich hier nicht geboten, um diesem Vertreter der Arbeiterpartei eine Schnapsnase auszusetzen, jenem ein verstrolchtes oder stupid-fanatisches Aussehen zu geben, wie nian das so oft findet! Bokelmann's Arbeiter stelle» sich dar als solche durch ihre Kleidung, also durch ein rein äußerliches Moment. Und wenn man auch der kleinen Gruppe eine gewisse, aus der gesellschaftlichen Stellung hervor- gehende Scheu ansieht, wärenddem die Vertreter der anderen herrschen- den Richtung sich durch Leichtigkeit der Haltung und jene zum Teil an Leichtsinn grenzende Sicherheit auszeichnen, so prägt sich in de» Phy- siognomien der elfteren hingegen die Ruhe und Willenskraft aus, die nur den Trägern einer großen sittlichen Idee zu eigen ist. Ja, an Intelligenz überragen sie ihr Gegenüber— z. B. die zwei Stimm- zettel verteilenden Commis-voyageurs, unstreitig Wortsürer des Libe- ralismus— sogar sehr bedeutend. Um zu einer solchen Tarstellung zu gelangen, mußte der Künstler vorher das Leben mit echtem Künstler- auge beobachten und die näheren Umstände seines Vorwurfs eingehend studircn, daß er dies getan und dann seine Ausgabe init echtem Künstler- herzen ersaßt und durchgefürt, ist heute, wo das Borurteil die meisten Menschen in verderblicher Weise beherrscht, anerkennenswert und soll hier ausdrücklich hervorgehoben werden. ort. Vom dunkeln Weltteil. Vor weniger als zwei Jaren rüstete die Geographische Gesellschaft in London eine Expedition zur Erforschung von Afrika aus, speziell mit dem Zweck, das Land zwischen der Küste von Zanzibar und dem nördlichen Ende des Sees Nyassa kennen zu lernen. Falls die Mittel ausreichten, sollte die kleine aber wolausge- rüstete Expedition, die von zwei jungen, zu solchen Unternemungen sorgfältig vorbereiteten Männern aus Edinburgh, Mr. Keith Johnston und Mr. Joseph Thomson gefürt war, auch noch das Land zwischen dem Nyassa-See� und dem Tanganyika-See bereisen. Die Expedition ging ab. Ter Fürer Johnston, trotz seiner Jugend schon eine Auto- rität auf dem Gebiet der afrikanischen� Geographie, fiel in den ersten Wochen schon dem Klima zum Opfer, und der kaum zwanzigjärige Thomson hatte die Fürung zu übernemen. Und er erfüllte seine Auf- gäbe voll und ganz; ja er dente seine Reise noch in Landstriche aus, die von der lhm vorgezeichneten Route ablagen. Am 19. Mai 1879 drang die Expedition ins Innere des„Dark Continent",(dunkeln Welt- teils— eigentlich Festlandes) ein, und am 16. Juli dieses Jares kerte sie zurück, nachdem sie 2800(englische) Meilen zurückgelegt hatte, davon 1800 durch bisher von Europäern unbetretencs Land. Thomson war der einzige Europäer bei der Expedition, die unterwegs— abgesehen von dem gleich zu Ansang verstorbenen Johnston— nicht einen Mann verlor. Von den wissenschaftlichen Ergebnissen vielleicht ein andermal. Nur eine interessante Tatsache sei heute dem Bericht c»t- nommen, welchen Thomson am 7. November d. I. der Geographischen Gesellschaft erstattete: nämlich die Friedfertigkeit selbst der ivildesten asrikanischen Stämme gegenüber fremden Reisenden, die friedlich zu ihnen kommen und die Leute zu behandeln wissen. Es ist Thomsons seste Ucberzeugung, daß die zalrcichen europäischen Reisenden, welche von den Eingebornen getötet worden sind, nur deshalb das Leben verloren, weil sie die Eingebornen nicht zu behandeln wußten, und durch kriegerischen Apparat, häufig auch durch direkte Feindseligkeiten, ihr Mißtrauen und ihre Rachsucht erregten. Im Widerspruch mit �S tan- . ley's und Bredschaws Berichten— das sei noch bemerkt— hält | Thomson das innere Afrika für arm an Naturschätzen, für ungeeignet zur europäischen Kolonisation und erklärt den, jetzt in England stark ventilirten Gedanken einer afrikanischen Handelskompagnie, die durch Eisenbanen das Innere des Weltteils zu erschließen habe, vorläufig für i eine utopistische Abgeschmacktheit.—ib. Teures Land. Es ist bekannt, daß der Grund und Boden mit der Dichtigkeit der Bevölkerung an Wert wächst, und daß er in den Städten initunter zu fabelhaften Preisen verkaust wird. Alles, was man in dieser Beziehung gehört hat, wird aber übertroffen durch eine Notiz, welche jetzt durch die englischen Blätter get. Das wcltberümtc Lloyd-Etabliffement in London braucht ein neues Lokal, und gab Aus- trag, ein Grundstück von ungesär 33 000 Quadratfuß zu lausen. Na- türlich muß dasselbe in der City, dem Centruin der Geschästswelt, � liegen. Ein passendes Stück Land fand sich auch. Tie Gesellschaft bot l 200 000 Pfd. Sterl., d. h. 4 Millionen Mark sür die bloße Landfläche . von 33 000 Quadratfuß. Den Eigentümern geiütgtc das aber nicht. Die Gesellschaft ging mit ihrem Gebot schließlich aus 247 000 Psd. Sterl. — 4 940000 Mark!— hinaus, das ist rund 7*/» Psd. Sterl. oder j 150 Mark per Quadratfuß. Und dieses Gebot wurde ausgeschlagen. Die Eigentümer verlangen 350000 Psd. Sterl.— 7 Millionen Mark! i Das ist aber der riesig reichen Gesellschaft des Lloyd denn doch zu viel, und die Verhandlungen haben sich zerschlagen. Schließlich wird indes der Lloyd, der ein neues Geschästslokal in der City braucht, doch in den sauern Apfel beißen müssen, der, wenn zu lange gewartet wird, noch saurer werden könnte. Denn der Wert des Grund und Bodens steigt fortwärend. Wie kolossal das Land in der City von London ge- stiegen ist, erhellt aus folgendem Beispiel: Im Jar 1557 wurde der Grund, aus welchem das St. Thomas-Hospital stet, der Stadt für 50 Psd. Sterl. verpfändet; dreihundert Jare später wurde es für 300 000 Psd. Sterl. verkauft, und jetzt ist es für 600 000 Pfd. Sterl. nicht feil. Man siet, wenn man das Gold, welches der Boden in der City wert ist, in Gestalt von wirklichem Gold in die Erde stecke» wollte, hätte man ein Goldfeld, reicher als das reichste in Kalisornicn und Australien. Ein Beweis, daß menschlicher Fleiß mer in die Erde steckt, als die Erde an edlen Metallen dem Menschen gibt.—ib. Aus allen Winkeln der Zeitliteratnr. Das elektrische Licht in den Bergwerken. Eine neue Verwendung hat das elektrische Licht kürzlich in den pennsylvanischen I Anthracitgruben zur Beleuchtung der Slollengängc und Abbauräume > gesunden. Das elektrische Licht besizt einige vor allem in durch schla- gende Wetter gesärdetcn Gruben besonders wertvolle Eigenschaften, welche hoffen lassen, daß man es künstig mer und mer verwenden wird. Es erfordert keinen Sauerstoff zum Verbrennungsprozeß und verdirbt ! deshalb die Luft nicht; wenn inan die Lampe in eine Glaskugel ein- schließt, hat nian keine Entzündung der Grubengase zu befürchten. Da man außerdem die großen Räume in den Bergwerk:» beleuchten und die Decke bis in ihre kleinsten Einzelheiten prüfen kann, um ihre ' Haltbarkeit auss genaueste zu bestimmen, so lassen sich die Unglücks- sälle vermeiden, welche nur zu ost aus der Ablösung von Kolenstücken von der Decke cutstehen. Die Lampenkoustruktion ist von Brusch, welche gegenwärtig eine der verbreitetsten in Amerika ist und in Boston und Newyork zur Beleuchtung einiger Straßen verwendet wird. Die dynamo- elektrische Maschine ist über Tag aufgestellt, nahe bei dem Motor; die- selbe ermöglicht die gleichzeitige Speisung von sechs Lampen in dem- selben Stromkreise. Jede dieser Lampe» läßt sich leicht an einen andern ! Platz bringen, one den Strom zu unterbrechen, und in gleichem Schritt mit dem Fortschreiten der Arbeit verschieben. Der Leitungsdrat der � Maschine get in Schachten hinab und durchzict die Stollen, um zu den zu beleuchtenden Stellen zu gelangen. Dann fürt er in die Schachte zurück und wieder hinauf zur Maschine. Nach den Mitteilungen im „Engineering and Mining Journal" ist es Bausch jezt gelungen, eine Maschine zu konitruircn, welche 750 Umdrehungen in der Minute macht und im stande ist, gleichzeitig 18 Lampen in demselben Stromkreise zu speisen, wobei sie nur 16 e bedarf. T. Ein neues Genußmittel. Volkswirte und Volkslerer haben j dicke Bücher sür und wider die strenge Einhaltung der Sonntagsfeier ! geschrieben. Das eine stet fest, daß, seitdem der Vcrkaus alkoholhaltiger i Getränke am Sontage in Irland verboten ist, der Verbrauch des— ! Schwefelätcrs bedeutend zugenommen hat. Nach einer Mitteilung der medizinische» Wochenschrist„Lancet" hat die Gewonheit des Schwefel- ätertrinkens an den Usern des Tyrone und Darry(südwestliches Irland) schon längere Zeit hindurch bestanden. Sie blieb jedoch bisher nur auf bestimte Ortschaften beschränkt und kam in andern Teilen Irlands nicht vor. llr. Moffat aus Newarden wies aber kürzlich nach, daß die Anzal der Liebhaber des neuen Genußmittels in stetigem Wachsen be- griffen ist. Diese Tatsache ist umso betrübender, als die entnervende Wir- kung des Schwefelätcrgenusses jene des Opiums noch übertrifft. T. 160 Das Wachstum einer Weltstadt. London, welches schon Tacitus als„eine durch die Menge der Kausleute und den Handels- verker äußerst berühmte Stadt" nannte, aber im Jare 1377 erst 35 000 Einwoner zällc, vergrößerte sich in gradezn unglaublicher Weise. Nach statistischen Mitteilungen vom Jare 1879 werden in der britischen Metropole järlich im Durchschnitt 70'/, Kilometer neu eröffnete Straßen dem Verker übergeben und 14 400 neue Häuser gebaut. Die Bevölke- rung der eigentlichen Stadt, ohne die entsernteren Vorstädte belief sich 1879 auf 3597000 und bewonte einen Flächenraum von 31232 Hektaren. Der Bevölkerungszuwachs der„inneren Stadt" beträgt järlich circa 46 000 Einwoner. In hundert Jaren würde sich letztere demnach um beinahe 5 Millionen Köpfe vermeren! Wird man, vorausgesetzt, daß diese phänomenale Progression wirklich anhält, überhaupt noch lange von einer„Stadt" London sprechen können?!— Bor Jaren bereits rechnete man, daß Paris dreimal, Berlin fünfmal, Hamburg gar drei- unddreißigmal in London Platz hätte. Trotz dieser riesigen Menschen- anhäusung kommen durchschnittlich nur drei Einwoner auf ein Haus. Es ist zweifellos, daß dieser Umstand bei den ausfällig günstigen Gesundheits- Verhältnissen der Riesenstadt einen wesentlichen Faktor bildet. T. Luxus bei den Römern. Welch' unsinnig hohe Summen von einzelnen Bürgern des weltbeherrschenden Rom für Luxusgcgenstände verausgabt wurden, mögen folgende Angaben bestätigen. So ließ Cato zu den Polstern seines Speijesals Teppiche aus Babylon kommen, die ihn 800 000 Sestertien(120 000 Mark) kosteten. Der größte Luxus wurde jedoch mit den aus den am Fuße des Atlasgebirges wachsenden Cypressen gefertigten Möbeln getrieben. Die Eigenart dieses Holzes besteht in einem Knorren in der Wurzel, welcher nach der Bearbeitung die Zeichnung eines Panthcrfelles oder einer Pfauenfeder zeigt. Für zwei daraus gefertigte Tische, deren Eigentümer Gallus und Cethegus waren, wurden beim Verkauf 1 Million Sestertien(140 000 Mark) ge- zalt, und Cicero zalte für nur einen solchen Tisch, obgleich er nicht reich war, dieselbe Summe. Soweit haben es unsere Kommerzienräte denn doch noch nicht gebracht. n- Die Perlenfischerei an den Küsten von Ceylon, welche in diesem Jare vom 9. März bis 2. April dauerte, hat bei einer Beteiligung von 50 Tauchern einen Ertrag von 11 Millionen Muscheln ergeben. Die Muscheln werden an Ort und Stelle von Perlenhändlern gekaust, die dafür etwa 610 000 Mark an den Staat, dem die Perlenfischerei gehört, bezalten, wovon die Taucher den vierten Teil erhalten. Dem- nach kämen auf einen ungesär 3000 Mark für die 22rägige Arbeit: ein„Verdienst", der manchem imponiren wird, welcher weder die eigenartige, furchtbar gefärliche Tätigkeit(cs. Notiz in Nr. 9) noch die übrigen 343 Tage im Jare, an denen der Taucher gleichfalls leben,. d. h. essen, trinken und sich kleiden muß, in Anschlag bringt. Bei den Perlenhändlern spielt das Glück eine große Rolle, denn man kann es| den Muscheln nicht äußerlich ansehn, ob sie eine Perle bergen, und so kann es denn passiren, daß eine Tonne voll Muscheln gar keine Perle enlhält, wärend in einer andern eine ganze Anzal gesunden werden. An ihrem Fundorte haben die größten Perlen einen Wert von 900 bis 1400 Mark, in den großen Städten Asiens und Europas gelten sie dagegen das Dreisache. n- Eine wichtige Erfindung. Der französische Bildhauer Jeannin wendet die Celluloidmasse zur Darstellung von Cliches fiir den Buch- druck an. Das Celluloid, welches aus gepreßter Holzfaser hergestellt wird, besitzt die Eigenschaft, bei der Erhitzung auf 125 Grad Celsius bildsam zu werden, wobei man ihm jede beliebige Form geben kann. Die Cliches nach Holzschnitt- und Kupferstichplatten werden aus galvano- plastischem Wege erzengt und ihre Herstellung ist eine zeitraubende und umständliche Arbeit. Die Celluloid-Cliches sind von außerordentlicher Schärfe und ihre Herstellung erfordert nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit. Dabei sind sie viel widerstandsfähiger, als die galvanisch nieder- geschlagenen Cliches; wärend letztere nicht über 30000 scharfe Abdrücke liefern, konnten mit Celluloid-Cliches 50 000 Kopien gemacht werden, ohne daß die Schärfe des Bildes sichtbar notgelitten hatte. Die Cliches aus Celluloid sind sehr leicht und biegsam, woraus der weitere Vorteil erwächst, daß man sie auch auf den Walzen der Rotations-Buchdruck- pressen anbringen kann. T. Eine verspätete Auszeichnung. Im Jare 1882 werden es 1900 Jare sein, seit Virgilius Maro, der Dichter der Aeneide, bei Mantua das Licht der Welt erblickte. Die Mantuaner haben sich etwas spät ihres bei Lebzeiten sehr gefeierten Landsmanns erinnert und bitten in allen italienischen Zeitungen um Beiträge zur Errichtung eines Denk- mals für einen Mann, der, wie uns bcdünken will, in seinen Werken sich selber ein unvergängliches Denkmal ausgerichtet. T. l, Aus den Regionen der Sterne. Wir wissen, daß die Natur keinen absolut leeren Raum duldet. Laut dieses Gesetzes, den Römern bereits unter der Bezeichnung borror vacui bekannt, muß der Welten- räum, in welchem unsichtbare Gewalten die Gestirne in ewiger Pendel- bewegung schwingen, nicht nur eine Atmosphäre, sondern auch eine Temperatur haben. Die Bestandteile der Weltranmsatmosphäre dürften von der unseren nicht sonderlich verschieden sein, aber über ihre Tem- peratur besitzen wir nur Hypothesen. Fourier bestinimte sie mit—50 bis— 60 Grad. Dagegen bemerkte Arago, daß dieselbe viel geringer sein müsse, weil man aus dem Fort Reliance(Nordamerika) eine Tem- peratur von—56,7 Grad beobachtet habe, und eine so bedeutende Temperaturerniedrigung auf der Erde nicht möglich wäre, wenn die Temperatur des Weltraums nicht iveit niedriger läge. Man schließt nämlich ans die Temperatur des Weltraums aus der Tatsache, daß die Erde aus seurig-flüssiger Masse abgeklllt wurde. Pouillet bestimmte die Temperatur des Weltraums auf dieser Grundlage zu— 142 Gr. T. Literarische Umschau. „Herrn Stöckers Treiben und Leren." Von Dr. A. Bernstein. Berlin, Buchdruckerei der„Volkszeitung". Der christlich-soziale Hof- Prediger ersärt in der kleinen Broschüre— ein Separatabdruck aus der„Volkszeitung"— eine treffliche Abfertigung. Es wird ihm nach- gewiesen, daß nicht das Christentum die Sklaverei abgeschafft, wie er in öffentlichen Borträgen behauptet, daß nicht das Christentum„den damals unerhörten Gedanken in die Welt geworfen, daß alle Menschen Brüder sind" w. Wäre Stöcker der wirkliche Vertreter der Menschen- liebe, der Bruderliebe— meint der Verfasser—, so müßte er genau das Gegenteil von dem tun, was wir ihn tun sehen.„Er müßte nicht einen christlich-sozialen Arbeiterverein, sondern einen christlich- sozialen Verein der Gutsherren, der großen Besizer, der Reichen bilden"— meint Herr Bernstein in dieser lesenswerten kleinen Schrift.-z- Der Vorstand des Physikalischen Vereins zu Breslau übersendet uns folgende Schriftstücke zur Veröffentlichung: Freigebung von AndcrssohnS Deutschem Reichspatent„Teilbarer GlobnS", Nr. 147 vom>0. Juli 1877, Avvarat zur neuen Lebre vom Massendruck.— Durch das lalserl. deutsche ReichZ-Patentamr ist Anderssohns Teilbarer Globus unter Nr. 147 am 10. Juli 1877 für die nächsten IS Jahre vatentirt worden, wodurch nach Zeichnung, Modell und Beschrechung bestätigt wurde, daS im Himmels- und Erdglovus je sechs Wcltrichtungen enthalten sind. Durch die neue Art der Kugelzerlegung ist lonstatirt worden, daß man Kugeln und kugelförmige Räume nur nach drei Dimensionen und doppelt sooielen Richtungen einzuteilen hat und jeder dieser sechs Kugelteile die Gestalt einer Wellrichtung der betreffenden Kugel repräsentirt. Da nun alle Himmelskörper, so- wie der gesammte Himmelsglobus nahezu Kugelsorm besitzen, so ist es nicht zulässig, in der phpsischen Erd- und Himmelsbeschrcibung nur mit Flächen zu rechnen, sondern man ist gezwungen, überall kugelsörmige Körper in kugelsörmigen Räume» miteinander zu vergleichen. Aus der normale» Ginteilung nach de» drei senkrecht auseinander stehende» Axen in der Kugel entstand folgerichtig die Gestalt der sechs einzelnen Kugelsextanten, d. h. sechs Normalpvranuden mit guadratischer Basis als Form sür die sechs Welt- richtungen, welche Form in ihrer Bedeutung, außer bei den Pyramiden erbauern in vor- historischer Zeit, bisher nicht erkannt war. Ueber die besondere Wichtigkeit der Aus- sindung der Gestalt der Kugeliextantcn al« guadratische Pyramiden und deren Zusammen- fetzung zu einer vollkommenen«ugel ist bereits hinreichende Literatur vorhanden, woraus ersichtlich ist, daß die neue Lehre vom„Masiendrulk aus der Ferne" aus der stereo- metrischen Teilung von AnderSIohni„teilbarem Globus" fußt und der malemalische Beweis vom gegenseitigen Drucke der Maffen im Universum nicht one diesen stereo. metrischen Apparat verstanden worden wäre.— Wärend der letzten vier Jare im Allein- besitz dieses Patents, habe ich mit Müh- und Kosten teilbare Globen von Gold, Silber. Bronze, Krystall, Holz, Gips, Papier>c. in allen Größen herstellen und verteilen laffen weshalb sich bereits ein- Anzal derselben im Besitz hervorragender Selcrter befindet. Ebenso erhielten einzelne maiematische und physikalische Kabinete höherer Leranstalten und die Ausstellung neuer Lerapparate dei internationalen wisienschastlichen Kongresses in Amsterdam 187» Modelle zugesant, welche überall Anerkennung sanden Dennoch scheint dieser instruktive Apparat nicht in kurzer Zeit die erwünschte Verbreitung zu finden weil er von niemandem IN Teutschland sabrikmävig hergestellt werden darf Um dieses Hinderniß zu beseitigen, habe lch mich entschloffen, sür die solgenden els Jare wärend welcher Zeit der Apparat noch vor Nachamung geschützt ist, dieses Patent one jede Kosten- entschädigung dem Publikum im allgemeinen Jntereffe der Lere vom Maffendruck frei- zugeben und meinen Ansprüchen aus Gewinn zu entsage», sodaß fortan jedermann den Apparat nach der Beichreibung und Zeichnung dei Patents nachbilde» und öffentlich un- gehindert verlausen kann. Dem Physikalischen Berein zu Breslau bringe ich zunächst meinen Entschluß zur Kenntnlß und ersuche denselben ergebenst. sür die aecianete Ber- öffentlichung meiner Verzichtleiftnng sorgen zu wollen. Breslau S Rov 1880 Aurel Anderssohn,«orsitzender deS Physikalischen Vereins zu Breslau. Indem wir von der vorstehenden Berzichtleiftung des Herrn Aurel Anderisohn in Breslau auf sein D. R.-Patent„Teilbarer Globus" tzir 147 ly Juli 1877 in anerkennender Weise Notiz genommen haben, veröffentlichen wir dessen Anzeige hiermit in der Vgraussetzung, daß(ich in den verschiedenen Orten Deulschlands mit der Nach- bildung des Apparates Mechaniker beschastigen werden, denen aus Wunsch Probeexemplar- des unterzeichneten Vereins zu Gebote stehen. Der Vorstand des Physikalischen Vereins zu Breslau. Dr. Magnus, Sekretär. Fritsch, Kasflrer. Pros. Dr. körber. Dr. Heymann. Dr. Reim. Rolhcr. I>ch«U. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild, von Dr Max Vogler(Fortsetzung).— Nach Archangel verbannt.— Mein Freund, der Klopfgeist, von H. E.(XIII.)— Weihnachten auf der Landstraße (mit Illustration).— Eisberg im Packeis(mit Illustration).— Das Erdbeben zu Agram(Schluß).— Ein gemeinnütziges Kunstinstitut— Vom dunklen Weltteil.— Teures Land.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur.— Literarische Umschau.— Freiaebuna von Anderssohns deutschem Reichspatent„Teilbarer Globus".->-> Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig. Färberstraße 12. II. in Leipzig.