Kene Well Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt. №: 14. Erscheint wöchentlich. In Heften à 30 Pfennig. Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Bostämter. Die Schwestern. Roman von M. Kautsky. Das Zimmer hatte indeß durch die vereinigten Bemühungen der Mädchen und einer herbeigerufenen Magd ein anderes Aussehen erhalten. Das auf dem Tisch vorhandene Fett wurde hinweggenommen, derselbe sauber abgewischt und ein grünwollnes Tisch tuch darüber gebreitet, die Stüle wurden herumgestellt und hierauf noch merere Lichter angezündet. Das Gemach erhielt dadurch den behaglichen Charakter eines englischen Sitting room. Die Hausfrau lud nun abermals zum Sigen ein. Sie drängte Fräulein Luise zum Sopha in der Nähe des Buffets und wies Alfred und ihren Mann an, in den danebenstehenden Lehnstülen Platz zu nemen. Die Mädchen sollten sich nach Belieben um sie herum gruppiren. Als ein Gespräch einigermaßen im Gange war, entfernte sie sich, um bald darauf in einer dunkelblauen Seidenrobe und einer höchst auffallenden, mit hochroten Bändern geputzten Haube, die ihr knochiges Gesicht mit dem gelben Teint ungemein grotesk kleidete, wieder zu erscheinen. Man konnte es ihr ansehen, daß sie sich jezt weit vornemer und sicherer, daß sie sich als Dame füle, und so nam sie denn mit ungemeiner Gravität neben Fräulein Luise auf dem Sopha Plaz. Herr Germanet erzälte soeben mit großer Lebhaftigkeit von dem morgigen Ball, dessen Präses er sei, und daß er sich dazu habe wälen lassen, um einmal den Leuten hier zu zeigen, wie man so etwas anpacken müsse. Er habe die Einladungen, die Musik, das Arrangement besorgt, kurz alles, alles. Die Dekorirung namentlich werde von seinem Geschmacke Zeugniß geben. Unsereiner verstet das," versicherte er.„, Und als ich noch Gehülfe war " Seine Gattin stieß ihn ziemlich derb mit dem Fuße an, den sie unter ihrem blauen Seidenkleid hervorstreckte. Ich weiß nicht, warum du immer an diese Zeit zurückdenkst, die fitr dich doch garnichts mer zu bedeuten hat," sagte sie pifirt. ,, Freue dich der Gegenwart, ich denke, du hättest alle Ursache dazu.“ Der Apoteker, der mit offenem Munde dasaß, machte ein etwas dämliches Gesicht, es schien, als würge er einen Seufzer hinunter. ,, Sicher, sicher," sagte Luise in ihrem malitiösesten Ton,„ Herr Germanet erscheint mir ser beneidenswert." ,, Da hörst du's," erwiderte seine Frau, und sich dann rasch zu Luisen wendend:„ Sie haben ganz recht, liebe Freundin, wem wird's denn auch wieder so gut, daß er ein Nestchen so wol durchwärmt und ausgefüttert findet. Die anderen müssen sich 1881. ( 18. Fortsetzung.) durchbeißen, indeß er, sozusagen, gleich in das Volle hineingesprungen ist." Sie zupfte ihr Seidenkleid zurecht, sodaß es knisterte, und wendete sich dann an Alfred:„ Mein erster Mann ist Bürgermeister gewesen, wir haben immer ein feines Haus gefürt, jezt ist Germanek der Chef desselben, und, wie es wol zu erwarten ist, bald selbst Bürgermeister." ,, Je suis content," entgegnete Germanet, dessen stumme Melancholie plötzlich wieder in Frölichkeit umschlug und der dann gerne sein bischen französisch, er wußte nicht viel mer, zum besten gab. ,, Uebrigens hoffe ich, mir mit diesem Ball die allgemeinen Sympatien zu erwerben, besonders bei den Damen." Er schmunzelte nach Elvira hinüber. Ser viel Dekoration werden wir haben, ser viel Lichter, Tannenreisig, wehende Fänchen, das Buffet eine Laube, ich werde alle jungen Damen hineinfüren, im Vorhause zwei Pegasusse, eigens von mir ausgestopft, was sagen Sie dazu?" Die Mädchen lachten. " „ Es wird großartig," bemerkte Frau Germanek voll Würde, und hoffentlich wird es nichts dabei zu lachen geben. Er wird auch ser besucht werden, der Ball, wie denn nicht? Sie kommen doch auch, Herr Depauli?" Alfred entsendete einen flüchtigen Blick nach der Seite, wo Marie saß. " Ich werde kommen." Ser hübsch, ser schmeichelhaft für uns," erklärte Frau Germanek. Aber da können Sie Sich gleich mit Amanda und Lina engagiren, meine Töchter sind ser gute Tänzerinnen und ser gesucht," fügte Mama bedeutungsvoll hinzu. Alfred verneigte sich. Ich würde mir dieses Glück gewiß nicht entgehen lassen, aber leider- ich tanze nicht." Ist das möglich!?" ,, Gewiß, ich kann nicht einmal tanzen." „ Wir werden es Ihnen leren," wagte sich Amanda, ihm einen aufmunternden Blick zuwerfend, hervor. Frau Germanet faßte Amanda's Gedanken mit Lebhaftigkeit auf.„ Ja, ja, Herr Depauli, wir werden Sie tanzen leren, mein Gott, wie vielen jungen Leuten habe ich das schon beigebracht, Sie können mir's glauben." Alfred sah in diesem Augenblick ungemein erschreckt aus, und Luise, die dies bemerkte, wäre darüber bald in ein Lachen ausgebrochen, so heiter erschien ihr das. Frau Germanet ließ indeß mit den weiteren Ausfürungen nicht warten: VI, 1. Januar 1881. 162 Fräulein Luise wird spielen, wir werden tanzen; es ist ja| jede seiner Bewegungen kontrolire. Alfred begann die Geduld selbstverständlich, daß Sie zum Nachtessen hier bleiben, Wurst zu verlieren. Immer unruhiger rückte er auf seinem Stule hin suppe und Specktraut aus unsrer Küche, deliziös, der Doktor und her und immer häufiger namen seine Augen die Richtung kommt und der Herr Adjunkt, zwei junge Männer, wir werden nach dem Piano, wo Marie und Linchen frische Kerzen in die ser frölich sein, Amanda wird dann etwas singen, sie hat Leuchter steckten, und wo auch die Merzal der übrigen Mädchen, an das Instrument gelehnt, standen. eine hübsche Stimme, in der Residenz gebildet, hat viel Geld gekostet, und du Wazlav, du kannst dann ebenfalls etwas vortragen." Der Apoteker erhob sich wie elektrisirt. „ Ich werde den, Strike der Schmiede' vortragen," erklärte er, mit den Händen hin und her gestikulirend und vor Freude rot im Gesicht. Ich habe mir ein Kostüm dazu machen lassen, graue Bluse, Arbeitermüße, ein rotes Tuch um den Hals, ich spreche ihn ser gut, mit der Hacke in der Hand, ganz wie Lewinsky, und noch dazu one Souffleur." ,, Nimm doch lieber etwas, wo Heini auch mitwirken kann," entschied die sorgliche Mutter. " 1 Einverstanden!" rief der gehorsame Gatte. Dann füren wir, Der Bär und die Schildwache auf, komisches Intermezzo, neu von mir in Szene gesezt. Ich spiele zuerst den Korporal und dann den Bären, ich habe mir auch ein eignes Bärenkostum machen lassen, ich sage Ihnen, wunderbar! Heini macht die Schildwache, ganz vorzüglich, es ist zum totlachen." Er lachte selbst darüber mit einer waren Herzenswonne. Ich tue nicht mit," erklärte Heini aus der fernen Ecke, in die er sich zurückgezogen hatte, um dort schmollend und im Innersten getränkt an seinen Nägeln zu kauen. Ich bin heute nicht zu solchen Narrenspossen aufgelegt." " Was hat er denn, der Heini? Sieh doch nach, Germanet." Dieser und einige der Mädchen gingen zu ihm, um ihn durch freundlichen Zuspruch aufzuheitern und zur Teilname zu bewegen. Er aber schien unversönlich. Sie, diese Elvira, sie, die ihn beleidigt hatte, sie kam nicht zu ihm, sie kümmerte sich nicht um ihn, was war er ihr? Nichts. Sie saß bei dem Fremden, ihn sah sie an, ihm lächelte sie zu, für seine Leiden hatte sie kein Gefül. Er wies den teilnemenden Papa und die Mädchen stolz zurück. Dann erhob er sich, die geballten Fäuste in die Tasche steckend, er ging auf und ab, er verspürte etwas Hunger, und dann dachte er wieder daran, ob es nicht gleich gescheiter wäre, sich das Leben zu nemen. Indes hatte Alfred Zeit gefunden, der Frau des Hauses die Erklärung abzugeben, daß er, so leid ihm dies auch tue, für die ihm zugedachte Ere danken müsse. Die Apotekerin versuchte zwar, diesen Entschluß zu erschüttern, ihn zum Bleiben zu bestimmen, als aber auch Luise versicherte, dies wäre unmöglich, da Alfred Depauli sammt seinen Schwestern den Abend bei ihr zubringen würde, mußte sie sich diesen vorher getroffenen Dispositionen fügen. Jetzt war sie nur darauf bedacht, Alfred, der ihr ser wol gefiel, mit all' den geistigen Genüssen, die ihr Haus zu bieten vermochte, bekannt zu machen. Der materiellen ging er verlustig, der Arme, er wußte nicht, was er damit verlor, aber er sollte mindestens gewar werden, welch feine Bildung in dem Hause der Frau Germanek herrsche und wie all' die schönen Künste hier eine Pflegestätte gefunden. Sie begann von Musik und Literatur zu sprechen, und wie sie dafür schwärme, schon deshalb, weil ihre Kinder so gar viel Talent dafür entwickelten. ,, Sie singen, sie malen, sie dichten, meine Kinder," versicherte sie; Sie werden staunen, Herr Depauli, über diese Bildung. Bei uns finden Sie nichts Spießbürgerliches, wie denn auch, wie denn auch, ich habe immer in der Welt gelebt, meine Kinder waren in Pensionen, und mein Mann Ich war fünfzehn Jare Gehülfe bei Weber," berichtete dieser, der nur mit halbem Dr gehört und nun herangesprungen kam, ,, ich war ein Billendreher par excellence." Seine Frau biß zornig die Lippen zusammen. Hören Sie gern Gedichte sprechen?" wante sich Amanda mit einer gewissen prätentiösen Mine an ihn, oder machen Sie vielleicht selbst welche?" fügte sie hinzu, one seine Antwort abzuwarten. ,, Niemals, mein Fräulein," versicherte er ser bestimmt. ,,, das glaube ich nicht," sagte sie mit einem etwas albernen Lächeln, jeder gebildete Mensch macht ja Gedichte, und es ist auch garnicht so schwer, besonders wenn man den, kleinen Reimer' besitzt; ich habe auch Gedichte gemacht." ,, Ser schöne," ergänzte Mama ,,, das lezte, zu meinem Hochzeitstage, war besonders gelungen. Du wirst es aufsagen." Ja, Mama, aber ich muß mich nur erst besinnen." " Borerst fingst du Herrn Alfred eine Arie vor, was hören Sie denn am liebsten?" Alfred sprang in die Höhe. Ich werde Ihnen etwas aussuchen, mein Fräulein," sagte er, sich hastig nach dem Piano wendend. Er hatte eine Gelegenheit, sich Marien zu nähern, gefunden. Aber sobald er gegen das Instrument, auf welchem eine ansehnliche Partie Noten aufgehäuft lag, herangetreten war, stoben die Mädchen vor ihm auseinander und Marie wurde von ihnen mit fortgerissen. Er zürnte ihr deshalb, aber nur gesteigert wurde sein Verlangen, ihr näher zu kommen. Amanda blieb an seiner Seite und Elvira trat nun ebenfalls herzu, um sich mit an der Auswal zu beteiligen. Sie werde den Gesang affompagniren, sagte sie. Alfred wülte in den Noten, er wollte die Produktion verzögern, Marie Zeit lassen, sich ihm zu nähern; er plauderte bald in animirtester Weise mit Elvira, er fand sie allerliebst und seine Sympatie für die ganze Familie Weiß war im Wachsen. Aber Frau Germanek wußte dies Zwiegespräch alsbald zu unterbrechen, indem sie vom Sofa aus ihre Meinung mit ser deutlicher unzufriedener Stimme dahin aussprach, daß dieses lange Herumsuchen ganz und gar nicht notwendig sei. " Amanda, du wirst die, Gnadenarie' singen," sagte sie diktatorisch, und Herr Depauli wird gewiß damit zufrieden sein, aber nimm nur einmal die Noten in die Hand, und Sie, Elvira, sehen Sie Sich ans Klavier, dann wirds gleich still werden." Das ging nicht nur Alfred an, sondern auch den jungen blonden Gehilfen, der die Tür der Offizin sachte aufgemacht, hereingetreten war und sich nun mit einer Verbeugung gegen die Frau Prinzipalin etwas genähert hatte. Es war kein Rezept mer ausstehend, und es wird wol auch kaum mer was kommen, dachte er und so hatte ers gewagt, die Wonnen dieses Orts zu teilen. Er wollte zuhören. Der strenge Blick der Prinzipalin bannte ihn nahe der Türe fest, gleichwol sah er ser glücklich aus; sein stralendes Gesicht erschien noch voller, noch rotbackiger und seine Hände falteten sich wie in Andacht. Auch Heini war, als er sah, daß sein Lebensüberdruß heute keine Be achtung fand, näher gekommen, er stellte sich neben Elvira, und halb trozig, halb lachend erbot er sich die Noten umzuwenden. Elvira hatte sich zurechtgesetzt. Amanda begann sich zu räuspern. ,, Also ,, Die Gnadenarie aus Robert der Teufel von Meyerbeer, annoncirte sie, und sich hierauf mit einiger Verschämtheit gegen Alfred neigend, nur weil Sie es wünschen." „ Ruhe, alles soll Platz nemen, Ruhe!" rief Frau Germanet mit noch imposanterer Stimmentfaltung. Die Mädchen placirten sich, die eine hier, die andere dort. Alfred hatte es wol bemerkt, wie Marie ganz zu unterſt, in der Nähe des Fensters sich niedergelassen hatte, hingegen schien Lieber Mann, du könntest wol ein bischen in der Küche er gänzlich blind für die Zeichensprache der ihm so mild genachsehen, du verstehst das ebenso gut, wie ich." ,, Und mein Strife?" Früher laß doch die Kinder deklamiren." Alfred begann es schwül zu werden. Er hatte alles in bester Laune hingenommen, es hatte ihn glücklich gemacht, mit Marien beisammen zu sein, und er hatte gehofft, eine Gelegenheit zu finden, sich ihr zu nähern, einige Worte mit ihr sprechen zu können, aber seit die Frau Apotekerin die rotbebänderte Haube aufgesetzt, hatte sie ihn nicht mer von ihrer Seite, ihn nicht mer aus den Augen gelassen; es schien fast, als ob sie jeden seiner Blicke, sinnten Hausfrau, die ihn mit Augen und Händen wieder zu sich heranwinkte, ihm bedeutend, daß sein Stul an ihrer Seite leer geblieben, und ihn endlich mit einem halblauten aber dringenden:„ Depauli, Depauli!" heranzulocken suchte. Er äußerte sich gegen Amanda, daß er Musik am liebsten aus einiger Entfernung höre, und so wandte er sich denn ganz entschlossen und direkt dem Fenster zu und manövrirte so geschickt, daß er alsbald hinter Mariens Stul zu stehen kami. Ein kurzes Präludium und Amanda begann. Es herrschte die größte Stille, man hätte eine Nadel fallen hören. Marie hielt die 163 Hände im Schoße und saß aufmerksam still, gleich den übrigen. Das leiseste Wort hätte man vernemen müssen, Alfred mußte sich also ganz auf die Beobachtung beschränken. Er betrachtete das dichte, dunkle Haar, das in dicken Zöpfen gegen den Nacken herabfiel, der züchtig umschlossen, nur den schlanken, reizend geformten Hals erblicken ließ. Er war nicht alabasterweiß, er hatte das warme, kräftige Kolorit, das die Maler so lieben. Alfred beobachtete die rasche Pulsation der Halsader, sie verriet ihm, daß ihr Herz stürmisch klopfte; war es seine Nähe, die sie so erregte? was konnte es anders sein? Auch er fülte sein Herz bewegt, süß und freudig, es war also nicht tot, nicht verSorrt, nicht vom Kummer durchkältet? Nein, es konnte wieder lieben, es konnte noch glücklich sein. Und dies liebliche Geschöpf hätte dies Wunder bewirkt? Aber täuschte er sich auch nicht, liebte sie ihn wirklich? Ach, wie eitel ist ein Menschenherz, wie ungenügsam ein Männerherz! Schon genügte es ihm nicht, das Gefül nur zu anen, er verlangte nach dem Geständniß ihrer Liebe. " Amanda sang und immer noch horchte alles in schweigender Aufmerksamkeit. Da plößlich knarrte die Tür, Herr Germanek trat aus der Küche herein, seine Frau rief Pst", er bemüte sich hierauf, möglichst leise und nur auf den Fußspißen aufzutreten, aber seine Stiefel krachten und er, ein wenig die Balance verlierend, stieß an die Stüle an, jetzt läutete es draußen beim Eingang in die Offizin. Der Gehilfe stürzte hinaus. Der Bann war gebrochen, da und dort wispelte es; Frau Germanet begann sich gegen Luisen über diese fatalen Störungen auszulassen, plauderte aber, nachdem ihre Zunge einmal entfesselt, in einem fort, auch die Mädchen zischelten und wispelten weiter, Amanda sang. Alfred beugte sich etwas herab. " Ists nicht eine eigene Fügung, die uns seit den wenigen Tagen meines Hierseins, nun schon zum dritten mal zusammenfürt?" fragte er leise. Marie nickte. Ja," flüsterte sie dann kaum hörbar. ,, Das erstemal, es war bei meiner Ankunft, im Hause meiner Schwestern, da entfernten Sie Sich rasch und unbemerkt, Sie wollten nicht gesehen sein, auch gestern nannten Sie mir nicht einmal Ihren Namen, obwol ich Sie darum gebeten hatte und dennoch erriet ich Sie. Ihre Milde, Ihre Gutherzigkeit hat Sie mir verraten. Die Vermutung lag ja so nahe, daß die, die den armen Bettler beschützt, und diejenige" er machte eine kleine Pause und hierauf die Worte absichtlich dehnend, fur er fort, „ die das Goldstück zu uns gebracht, ein und dieselbe Person sei, und sieh, ich hatte mich nicht getäuscht." ,, Sie wissen also" stammelte Marie, one den Satz zu vollenden. ,, Alles," versicherte Alfred, aufs Geratewol. " Dann hat Minna mich verraten?" Sie schlug die Augen nieder, er konnte die Röte, die Bestürzung in diesem lieblichen Gesichte warnemen, und der Verdacht, daß er selbst in irgend einer Weise in diese Sache verwickelt sein könnte, so wie seine Neugier dies zu erfaren, wuchs in bedenklichem Grade. Weshalb wollten Sie diese Guttat vor mir verborgen halten?" fragte er sanft und herzlich, sich noch etwas tiefer ihrem Or zuneigend. " Weil- nun ja, weil es mißdeutet werden könnte, und ich-" Sie wante sich ein wenig nach ihm herum und schlug nur einen Augenblick ihre Augen mit einem treuherzigen, fast bittenden Ausdruck zu ihm auf. " Ich versichere Sie, es geschah nur Minnas wegen, kein anderer Beweggrund hat mich geleitet, aber sie sehnte sich so ser nach dem Bruder, sie wollte zu ihm reisen und da Alfred ward mit einem mal alles klar. Da war es das Reisegeld, das Sie ihr brachten, ists nicht so?" Marie nickte." Ich habe Minna ser lieb, ihr Kummer war mir nahe gegangen, und da es mir so gar leicht war, ihr zu Hülfe zu kommen, so tat ichs denn; ist das nicht natürlich? Sie kannte ich nicht, Sie dürfen also nicht glauben, daß-" Sie unterbrach sich, als hätte sie schon zu viel gesagt und unwillkürlich fur sie mit der Hand gegen den Mund, als wolle sie diesen fürwißigen Ausplauderer gewaltsam schließen. Er sah sie lächelnd an, sah die Verlegenheit des lieben Kindes, dessen Herz sich auf die Zunge gedrängt, und voll geheimer Freude, voll seliger Ueberraschung und doch mit einer gewissen Ueberlegenheit beugte er sich zu ihr hernieder. ,, Marie," sagte er leise, warum verwaren Sie Sich so ängstlich dagegen, auch mir dabei etwas Liebes zugedacht zu haben? Warum wollen Sie das bischen Teilname verhelen, das Sie für das Unglück eines armen Menschen empfunden haben? Und wenn ich Ihnen nun sage, daß mir Ihre Teilname unendlich woltut und daß, seit ich Sie kenne, mir der Glaube wieder zurückgefert ist, daß es noch ächte, ware, reine Weiblichkeit gibt und daß Liebe und Treue nicht von der Welt verschwunden sind." Sie wendete sich rasch nach ihm um, und ihn mit großen Augen ansehend, die das Entzücken eines unschuldigen Herzens widerspiegelten und zugleich den Zweifel, den Unglauben, die gleichzeitig sich darin erhoben, ausdrückten, sagte sie: ,, Wie ich ich könnte etwas für Sie bedeuten?" Er wollte antworten, aber Händeklatschen und die lauten Bravorufe Herrn Germanets unterbrachen ihn. Amanda hatte geendet, und als ob sie Alfreds Lob und seine Bewunderung vor allen entgegennemen wollte, sah sich nach ihm um. Er mußte sich in das Ünvermeidliche fügen. Er verließ seinen Standort und ging auf sie zu. Jetzt war auch schon die Mama herbeigekommen und sie küßte ostentativ ihre Tochter auf die Stirne. Alfred ward hierauf in so dringender Weise angegangen, sein Urteil abzugeben, und da die Apotekerfamilie Entzücken bei ihm voraussette, so wäre es ganz unmöglich gewesen, ein solches nicht zu bezeigen. Er erklärte denn auch, es sei charmant gewesen, und der Vortrag habe in seinen Augen und seinem Gefül nach nur den einzigen Feler gehabt, daß er zu kurz gewesen sei, ja gewiß, viel zu kurz. Mama nickte ser zufrieden und Amanda dankte mit stolzem, glückstralenden Blicke für dieses liebenswürdige Kompliment. Was konnte man auch Schmeichelhafteres sagen! Mama wollte hierauf nicht anstehen, Alfred mit weiteren Genüssen zu beglücken, aber sie bat sich's aus, daß er an ihrer Seite bleiben müsse, damit sie ihn auf die einzelnen Schönheiten des Vortrags aufmerksam machen könnte; dann folgte ein abermaliges Drängen, doch auch zum Nachtessen zu bleiben. Aber Alfred dankte für alles, und hierauf Luisen einen verständnißinnigen Blick zuwerfend, erklärten sie beide nun ganz entschieden, sie müßten gehen. Alfred hatte alles erreicht, was er erreichen wollte, vielleicht fand er seine Hoffnungen noch übertroffen, hatte er doch die Gewißheit erlangt, daß er dem lieblichen Mädchen, das ihn selbst immer mer interessirte, nicht gleichgiltig war; aber er wollte mit diesem neuen, heimlichen Glück im Herzen nicht länger unter diesen Leuten, in dieser trivialen Umgebung bleiben. Sie erschienen ihm nun vollends unerträglich. Er wollte allein sein, um sich das reizend poetische Bild des Mädchens auszuschmücken nach seiner Weise. Und so waren denn all' die bittenden Blicke Amanda's und all' die Versicherungen der Familie Germanet, daß das Schönere, das Bessere und das Allerbeste erst noch nachkommen werde, vergeblich. Er und Luise empfalen sich, und die ganze Familie geleitete sie, unter Grüßen und Händedrücken und nicht endenwollenden Versicherungen durch die Offizin bis zur Tür. ( Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. Max Vogler. Schon im Jare 1832 waren einige Partien aus den„ Reisebildern" in französischer Uebersezung, die Heine übrigens stets selbst unter Beihilfe geistvoller Franzosen anfertigte, in der„ Revue des deux mondes" erschienen, und das französische Volk begrüßte den Autor als einen mächtigen Alliirten im Kampfe für Freiheit und Völkerglück, ein freundlicher Willkomm, dessen Herzlichkeit ( Schluß.) sich noch erhöte, als im folgenden Früjar eine vollständige Uebersezung der Französischen Zustände" nebst der in der deutschen Ausgabe verstümmelten, jezt aber in ursprünglicher Fassung wiederhergestellten, außerordentlich künen Vorrede in der renommirten Buchhandlung von Eugène Renduel zu Paris erschien. Dann veröffentlichte Heine in dem groß angelegten, aber bald wieder 164 eingegangenen Journal„ Europe littéraire" seine geistvollen Artikel| über die romantische Schule. Im Jare 1834 erschienen sodann in der„ Revue des deux mondes" merere Arbeiten über die deutsche Philosophie, welche in ihrer im Januar des folgenden Jares versanten deutschen Ausgabe abermals durch die Zensur arg verstümmelt worden waren, und zwar so, daß durch Streichung aller politischen Anspielungen der patriotische Geist des Werkes völlig verlöscht und den Gegnern des Verfassers Anlaß zu den unbegründetsten Schmähungen der angeblich nicht patriotischen Gesinnung desselben gegeben wurde. Heine hat sich wiederholt und einmal in der Vorrede zum " Wintermärchen" ser deutlich über seine Art von Patriotismus ausgesprochen. Es heißt an dieser Stelle u. a.: Pflanzt die schwarz- rot- goldne Fane auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschentums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben." Im Frü jar von 1835 fam Heine's Werk ,, De l'Allemagne"— ,, Ueber Deutschland" heraus; schon im Sommer vorher war auch eine französische Uebersehung der " Reisebilder" er= schienen. So günstig auch das Urteil des franzöſischen Publikums über diese Werke lautete, so dauerte es doch noch einige Jarzehnte, ehe man in Frankreich das Wesen der heine'schen Poesie vollständig begriff; dann aber war die Anerkennung eine umso glänzendere. Der eigentümtiche Karakter der literarischen Wirksamkeit Heinrich Heine's hatte endlich zur Begründung einer neuen Schriftstellerschule GNVS 16 ALBERT pflichtung, gegen die Verfasser, Verleger, Drucker und Verbreiter der Schriften aus der unter der Bezeichnung, des jungen Deutschlands oder, die junge Literatur bekannten literarischen Schule, zu welcher namentlich Heinrich Heine, Karl Guzzkow, Heinrich Laube, Ludolf Wienbarg und Theodor Mundt gehören, die Strafund Polizeigeseze ihres Landes, sowie die gegen den Mißbrauch der Presse bestehenden Vorschriften nach ihrer vollen Strenge in Anwendung zu bringen, auch die Verbreitung dieser Schriften, sei es durch den Buchhandel, durch Leihbiblioteken oder auf sonstige Weise mit allen ihnen gesezlich zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern." Ein preußisches Ministerialreskript vom folgenden Tage verbot nicht nur Heine's Buch über die romantische Schule", sondern zugleich alle ,, tünftigen literarischen Erscheinungen des H. Heine". Da richtete Heine unterm 28. Januar 1816 jenes Schreiben an den Bundestag, in welchem er sich über das gegen ihn gerich tete Verfaren nicht nur beschwerte, sondern auch die Sache des jungen Deutschland" als diejenige, welche allzeit die gefeiertsten deutschen Schriftsteller vertreten hätten, mutvoll in Schutz Dieses HWONDOD BOLSTADIVS මා 194 Mitra pedumą, oneri tibi quondam, Alberte, fuerunt Dulcius est Sophia delituisse finu. Albertus Magnus.( Seite 171.) nam. in Schreiben ließ er gleichzeitig deutschen und französischen Blättern veröffentlichen. Es scheint in der Tat, daß die Ausein andersetzungen Heine's etwas ge= fruchtet hatten; denn unterm 16. Februar erließ das preußische Ministerium des Innern und der Polizei eine Erklärung, welche aussprach, daß das Verbot „ die Benannten nicht von jeder schriftstellerischen Tätigkeit abzuhalgierungen, wie Sachsen und Baiern, anschlossen. Die völlige Aufhebung des Verbots erfolgte jedoch erst im Sommer 1842. Der dritte Band des heine'schen„ Salon" wurde trotz seines in politischer wie religiöser Hinsicht ganz harmlosen Inhalts sofort nach seinem Erscheinen in Preußen und Baiern verboten, und sein Autor empfand in der Folge mit äußerstem Mißmut den Druck der Regirungsgewalt, die die Flügel seines Geistes niederzuhalten suchte. gefürt, welche, im Gegensatz zu der sich mer und mer auflösenden| ten" bezwecke, eine Erklärung, der sich auch andere deutsche Reromantischen Richtung, lediglich das moderne Leben zum Gegenstand ihrer reformatorischen Gedankenarbeit machte: das junge Deutschland", dessert eigentlicher Vater Heine und dessen hervorragendster Repräsentant Guzkow war. Die Denunziationen, welche Wolfgang Menzel in seinem„ Literaturblatte" gegen diese neue literarische Richtung veröffentlichte, hatten es glücklich zuwege gebracht, daß der hochwollöbliche Bundestag zu Frankfurt am Main, auf das höchste erregt durch die Furcht vor ,, dem drohenden Um sturz alles Bestehenden", in seiner Sitzung vom 10. Dezember 1835 den Beschluß faßte, mit aller Schärfe und Strenge gegen das junge Deutschland" vorzugehen. Die vom Bundestage fest gesezten Bestimmungen enthielten u. a. unter Absatz 1 folgenden Bassus:„ Sämmtliche deutsche Regierungen übernemen die VerIm Jare 1835 heiratete Heine eine Französin, Matilde Erescence Mirat, die ihn weniger durch Verständniß für sein Schaffen, als durch die Munterfeit ihres Gemüts anzog, und mit der er, obgleich die kirchliche Einsegnung erst am 31. August 1841 stattfand, bis zum lezten Atemzuge zusammengelebt hat. Mancherlei literarische Pläne, die der Dichter um diese Zeit mit sich herumtrug, gelangten nicht zur Ausfürung, wie sich denn 165 überhaupt nicht leugnen läßt, daß seit Mitte der dreißiger Jare seine Arbeitskraft bedeutend erlamite; so ist auch der schon erwänte Roman„ Der Rabbi von Bacharach" nicht vollendet worden und nur als Fragment in die Gesamtausgabe seiner Werke übergegangen. Am meisten arbeitete er jezt an seinen„ Memoiren", die leider durch die Schuld der heine'schen Familie bisher noch Das Kapitol zu Washington.( Seite 171.) immer der Deffentlichkeit vorenthalten worden sind. Die vielen literarischen und persönlichen Kämpfe, in die er hineingeraten war, erzeugten in ihm immer mer jene bittre Stimmung, die der Frische und Freiheit des poetischen und publizistischen Schaffens nicht förderlich sein konnte. In solcher Verbitterung schrieb er auch seine berüchtigte Denkschrift über Ludwig Börne. Der mir für diese Arbeit zugemessene Raum reicht nicht aus, um dieses Buch, welches Heine eine so außerordentlich große 3al erbittertster Gegner geschaffen, nach allen Gesichtspunkten hin richtig zu beurteilen. Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß die beiden Männer bei ihren ersten Begegnungen im Leben einander one Groll und sogar mit einer gewissen Herzlichkeit entgegenkamen, daß aber die Grundverschiedenheit ihrer Naturen keinen ferneren intimen Verker zwischen ihnen gestattete. Börne war der erste, der Heine nicht blos in Privatmitteilungen, sondern auch öffent lich in der Presse angriff, indem er ihm jeden Karakter absprach und ihn des ungerechtfertigtsten Schwankens in seinen politischen Meinungen beschuldigte. Daß aber nun Heine bei Lebzeiten Börne's auf alle diese Angriffe schwieg und erst nach dessen Abtreten von der Weltbüne den bedeutenden Mann, der Börne gewesen ist, unter einer fortwärenden Zurschaustellung der eigenen Vorzüge und Verdienste herabzuwürdigen suchte und selbst es nicht verschmäte, Privatangelegenheiten Börne's in diesen literarischen Standal mit hereinzuziehen, das ist's, was, so ser Heine in manchen Dingen, die er in dem Buche aussprach, recht hatte, die entschiedenste Mißbilligung verdient. Aussönen mit dem Autor mag uns, daß er später selbst bedauerte, dieses Buch geschrieben zu haben. Für die politische Romantik, wie sie seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. in Deutschland zur Geltung kam, konnte sich Heine ebensowenig wie für die künen Hoffnungen der damaligen politischen Tendenzlyrik eines Herwegh, Hoffmann von Fallersleben und Dingelstedt begeistern. Von so vorteilhafter Wirkung auch die freiheittrunkenen Lieder dieser Dichter an sich waren, so war doch Heine durch seine bisherigen Erfarungen zu pessimistisch geworden, um an einen so nahen Sieg des Fortschritts und der Freiheit zu glauben. Er bemerkte auch hier nur allzudeutlich den starken Riß zwischen der Poesie und der Wirklichkeit des Lebens. Am meisten zuwider war ihm aber das Gebaren der sogenannten Nationalitätsrepräsentanten,„ jener falschen Patrioten, deren Vaterlandsliebe nur in einer einfäl tigen Abneigung gegen die Fremde und gegen die Nachbarvölker bestet und welche Tag für Tag ihre Galle, namentlich über Frankreich, ausschütten". Von diesem Gesichtspunkte aus müssen die beiden nächsten poetischen Schöpfungen Heine's beurteilt werden: der Sommernachtstraum ,, Atta Troll"( 1843) und ,, Deutschland, ein Wintermärchen"( 1844). Gleichzeitig veröffentlichte er in einigen der freisinnigsten Blätter von damals, so in den von Arnold Ruge und Karl Mary herausgegebenen, Deutsch- französischen Jarbüchern" äußerst scharfe satirische Gedichte politischen Inhalts. In diese Zeit neuer politischer Wirksamkeit Heines fällt der Anfang jener schrecklichen Krankheit des Dichters, die ihn bis zum Lebensende nicht wieder verlassen sollte. War seine Gesundheit im ganzen wärend der letzten Jare eine recht befriedigende gewesen, so versetzte ihn jetzt ein unerquicklicher Erbschaftsstreit, den er mit dem Sone seines Oheims Salomon, Karl Heine, fürte, in eine solche Aufregung, daß in dieser wol der Grund des so schnellen, unerwarteten Ausbruchs der Krankheit gefunden werden darf. Ferdinand Lassalle war es, der die Freunde des Dichters sowol wie seine eigenen antrieb, einen Druck zu dessen Gunsten auf Karl Heine auszuüben. Lassalle war damals kaum einunzwanzig Jare alt und hatte Heine wärend eines mermonatlichen Aufenthalts zu Paris, von welchem er im Januar 1846 nach Berlin zurückkerte, kennen gelernt. Er ist Heine in derselben Weise sympatisch gewesen und hat ihm durch seinen reichen Geist gleich ser imponirt wie dem Fürsten Bismarck, so daß der Dichter dem jungen Manne in einem Em pfelungsbriefe an Varnhagen folgendes höchst erenvolle Zeugnis ausstellte: ,, Mein Freund, Herr Lassalle, der Ihnen diesen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben: mit der gründlichsten Gelersamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabnis der Darstellung verbindet er eine Energie des Willens und eine Habilité im Handeln, die mich in Erstaunen sehen, und wenn seine Sympatie für mich nicht erlischt, so erwarte ich von ihm den tätigsten Vorschub. Jedenfalls 166 war diese Vereinigung von Wissen und Können, von Talent und Charakter für mich eine freudige Erscheinung, und Sie, bei Ihrer Vielseitigkeit im Anerkennen, werden gewiß ihr volle Gerechtigkeit widerfaren lassen. Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Son der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mer oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt..." Bereits im Januar 1845 wurde der Dichter voneiner Lämung heimgesucht, in deren Folge das linke Auge, welches schon früher erkrankt war, jeht gänzlich geschlossen blieb und auch das rechte sich trübte, so daß er gar nicht mer lesen und nur mit Mühe noch schreiben konnte. Im Früling des folgenden Jares hatte das Uebel schon bedeutende Fortschritte gemacht; die Finger und der rechte Fuß wurden empfindungslos, der Dichter mußte sich bei seinen allmorgenlichen Ausgängen nicht selten des stüßenden Armes eines Freundes bedienen und tastete mit dem Stocke wie ein Blinder vor sich hin. Der Aufenthalt auf dem Lande und in einem Pyrenäenbad hatte keinen sonderlichen Erfolg, und auch nachdem der leidige Erbschaftsstreit beigelegt war, beruhigte sich die Krankheit nicht nur nicht, sondern griff immer weiter und in der bedenklichsten Weise um sich. Jezt bemächtigte sich Heines immer mer ein vollständiger Pessimismus, in welchem er schließlich an allem verzweifelte und in der Welt- und Menschheitentwicklung nur eine große Tragikömodie sah, deren einzelne Szenen und Afte immer mit dem Sieg der Gewalt und des Unrechts über Recht und Gerechtig= feit enden ein Pessimismus, der am Ende zu völligem Nihilismus sich steigerte. Und daher ist auch die sogenannte „ Bekehrung", wie er sie im Nachwort zu dem 1851 erschienenen " Romancero" und in den„ Geständnissen" ausgesprochen haben soll, lediglich als der Ausfluß einer Laune, als ein Heinescher Wiz aufzufassen, und der Dichter hat es noch in den letzten Jaren seines Lebens mit vollster Offenheit und Absichtlichkeit ausgesprochen, daß ihn absolut keines der vorhandenen Religionsbekenntnisse befriedigen könne, so ser er auch in der Tiefe seines Gemüts eine religiös gestimmte Natur im rechten Sinne gewesen ist, so mächtig auch in seinem Herzen die Sehnsucht nach dem Ewigschönen, Ewigwaren, Ewigbefriedigenden gelebt hat. Die Kritit fiel in schonungslosester Weise über den„ Romancero" her und suchte aufs neue an seinem Dichterruhme zu mäkeln. Wir wollen hier noch bemerken, daß der Dichter nebst seinen Memoiren, von welchen mindestens drei Bände fertig gestellt worden sind, und einigen Fragmenten noch eine Anzal Gedichte hinterlassen hat( Letzte Gedichte und Gedanken", 1869), in denen die unnachamliche Schönheit der einen mit dem haarsträubenden Cynismus der andern wetteifert. Im Mai des Jares 1848 hatte der kranke Dichter seinen letzten Ausgang gemacht und seitdem das Bett mit den übereinandergelegten Matratzen- denn der Leib vertrug nicht die geringste Härte des Lagers nur wieder verlassen, um dann und wann in den Kissen des Lehnstuls zu ruhen. Die Rückenmarkserweichung nam unaufhaltsam zu, und Heine wußte, daß seine Krankheit unheilbar war. Er magerte ab am ganzen Körper, der Geschmack verlor sich, und auch die Blindheit wurde zu einer immer größeren. Wie ein Kind wurde er von seinen Wärterinnen, die ihn aus dem Bette und in dasselbe hoben, bedient, und er duldete die unsäglichsten Schmerzen. Dabei blieb - und man hat sich nicht genug darüber wundern können seine geistige Kraft eine völlig regsame und frische. Er diktirte seinem Sekretär, ließ sich von ihm vorlesen und plauderte mit den ihn Besuchenden so geistreich und munter wie einstmals; freilich, so geduldig er sein Leiden trug, entrang sich auch zuweilen ein bitterer Schmerzenslaut seiner gequälten Brust. Selbst an einer französischen Gesammtausgabe seiner Werke, die ihm vollends die größte Liebe und Vererung der Franzosen sicherte, arbeitete er seit dem Jare 1852 noch. Seiner alten Mutter gedachte er in innigster Dankbarkeit und Liebe und suchte ihr die Schwere und Unheilbarkeit seines Uebels zu verheimlichen. Mit der Zeit verminderten sich die vielen Besuche bei dem Dichter und es wurde immer einsamer um ihn. Ich bin krank wie ein Hund und kämpfe gegen Schmerz und Tod wie eine Kaze; Kazen sollen leider ein ser zähes Leben haben!" heißt es in einem Briefe an einen Freund vom Herbst 1855. Seine Frau pflegte ihn mit rürender Sorgfalt und seit dem Oktober des eben genannten Jares saß zuweilen noch ein geistig ungewönlich begabtes und anmutiges Mädchen an seinem Krankenbett zu dem er noch einmal eine tiefe, wehmütig schmerzliche Neigung empfand! Zuletzt durfte die liebliche„ Mouche", wie sie der Dichter nannte, keinen Tag mer mit ihrem aufheiternden Geplauder von seinem Lager fern bleiben, und ihr sind die letzten ergreifenden Lieder gewidmet. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1856 war Heines Zustand besonders bedenklich, und als der Dichter seinen Arzt befragte, verhelte ihm derselbe denn auch nicht, daß sein Ende ganz nahe bevorstehe, eine Mitteilung, die der Kranke mit völliger Ruhe empfing. Morgens um vier Ur es war ein es war ein Sonntagmorgen tat er den letzten Atemzug. Am 20. Februar wurde er begraben, auf dem stillen Friedenhofe Montmartre, wo ,, die Verbannten und Geächteten" ruhen, one alles Gepränge, 167 | ganz wie es der Dichter ausdrücklich gewünscht hatte. Nicht einmal eine Rede aus Freundesmund wurde an seinem Grabe gehalten, auch das hatte er so gewollt. Hundert Personen, darunter französische und deutsche Schriftsteller, standen an seiner Gruft. Und nur ein einfacher Stein, mit dem Namen des Dichters auf einer Marmorplatte, bezeichnet dieses Grab; kein frischer Blumenschmuck ziert die letzte Ruhestätte des deutschen Sängers, dessen Name jetzt in der ganzen civilisirten Welt genannt wird; häßliche Glasperlenkränze nur liegen drauf. Wir aber legen ihm im Geiste noch heute das Schwert auf seinen Sarg, welches er verlangt hat, und auch die nach uns kommen, werden es tun: denn er war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit." Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Quida. Für die ,, N. W." mit Erlaubnis der Verfasserin übersezt von L. v. d. Wieseck. I. Patrasche. Nello und Patrasche waren allein in der Welt gelassen. Sie waren Freunde und in ihrer Freundschaft enger verbunden als Brüder. Nello war ein kleiner Ardenner Patrasche ein großer Flamländer. Sie waren beide von gleichem Alter den Jaren nach und doch war der eine noch jung und der andere schon alt. Sie hatten fast ihr ganzes Leben zusammengelebt; beide waren verwaist und arm und verdankten ihr Leben ein und derselben Hand. Die Gemeinsamkeit ihres Loses hatte sie verbunden, und das Band war von Tag zu Tag fester geworden, so fest mit den Jaren, daß Nichts mer sie trennen konnte. Ihr Heim war eine kleine Hütte am Saum eines kleinen Dorfs eines flandrischen Dorfs, eine Stunde von Antwerpen gelegen, zwischen weit sich hinstreckenden Kornfeldern und Weideflächen, durchschnitten von dem großen Kanal, dessen Ufer durch zwei lange Reihen von Pappeln und Erlen bezeichnet wurden. Das Dorf zälte ein paar Dußend Häuser mit hellgrünen oder himmelblauen Läden, roten oder schwarz und weißen Biegeldächern und Wänden so weiß, daß sie in der Sonne wie Schnee glänzten. Im Mittelpunkte des Dorfs stand eine Windmüle auf einer kleinen, mit Gras und Moos bewachsenen Erhöhung: die Landmarke weit und breit für die Ebene ringsum. Sie war einst scharlachrot angestrichen, die Flügel und alles, aber das war in ihrer Jugend, vor einem halben Jarhundert oder mer, als sie für die Soldaten Napoleons Weizen gemalen hatte, jetzt war sie von Wind und Wetter schmuzig braun gegerbt. Sie arbeitete ruck- und stoßweise, das Alter schien ihr die Glieder steif und rheumatisch gemacht zu haben; trotzdem versorgte sie die ganze Umgegend. Und die Bewoner würden es für fast ebenso sündhaft gehalten haben, ihr Korn in eine andere Müle zu bringen, wie einen anderen Gottesdienst zu besuchen, als die Messe an dem Altar der kleinen, alten, grauen Kirche, mit ihrem zuckerhutförmigen Turme, die der Müle gegenüberstand, und beren einzige Glocke Morgens, Mittags, Nachts mit jener selt samen, dumpfen Traurigkeit läutete, die dem Ton jeder Glocke in den Niederlanden*) eigentümlich ist. In Hörweite von der kleinen melancholischen Turmur hatten sie beinahe von ihrer Geburt an zusammengewont, Nello und Patrasche, in der kleinen Hütte am Rand des Dorfs, angesichts der mächtigen Katedrale von Antwerpen, die nordöstlich emporragte, jenseits des großen grünen Meeres von wallendem Gras und wogendem Korn. Es war die Hütte eines ser alten Manns, eines ser armen Manns des alten Tehan Daas, der in seinen jungen Jaren Soldat gewesen war und sich der Kriege wol erinnerte, welche das Land zerstampft hatten, wie Ochsen die Furchen niedertrampeln, und der aus dem„ Dienst" nichts mitgebracht hatte, als eine Wunde, die ihn zum Krüppel gemacht. Als der alte Tehan Daas die Schwelle der Achtzig überschritten hatte, war seine Tochter in den Ardennen, bei Stavelot, *) Low Countries, die Niederlande ein Ausdruck, der im Englischen noch die ursprüngliche Bedeutung hat und über die Grenze des heutigen Königreichs der Niederlande( Holland) hinausreicht. gestorben, und hatte ihm ihr zweijäriges Sönchen als Erbteil hinterlassen. Der alte Mann hatte Mühe, sich selbst durchzuschlagen, aber er nam one zu murren die neue Last auf sich, und sie wurde ihm bald kostbar. Der kleine Nelle- eine zärtliche Abkürzung für Nicolas- gedieh bei ihm, und der alte Mann und das kleine Kind lebten zufrieden in der ärmlichen Hütte. Es war in der Tat eine ser bescheidene, kleine Lehmhütte, allein sie war rein und weiß wie eine Seemuschel und stand in einem Fleckchen Gartenland, das Bonen, Kartoffeln, etwas Gemüse und Kürbisse lieferte. Sie waren ser arm, erschrecklich arm manchen Tag hatten sie gar nichts zu essen. Sich einmal ordentlich satt essen, wäre die höchste Seligkeit für sie gewesen; sie hätten sich ins Paradies versezt geglaubt. Aber der alte Mann war ser sanft und gut mit dem Knaben, und der Knabe war ein schönes, unschuldiges, treues, liebevolles Geschöpf; und sie waren glücklich bei einer Kruste Brot, einigen Kartoffeln und Krautblättern, und hatten keinen Wunsch an die Erde oder den Himmel zu richten, außer daß Patrasche immer bei ihnen sein möge, denn was wären sie one Patrasche geworden? Patrasche war ihr A und D; ihre Schazkammer und ihr Speicher; ihre Goldgrube und ihre Wünschelrute; ihr Ernärer und ihre Stütze; ihr einziger Freund und Tröster. Patrasche tot oder weg von ihnen tot oder weg von ihnen und sie mußten sich hinlegen und sterben. Patrasche war ihr Körper, Hirn, Hände, Kopf, Füße für sie beide Patrasche war ihr Leben, ihre Seele. Denn Tehan Daas war alt und ein Krüppel und Nello war nur ein Kind, und Patrasche war ihr Hund. Ein flandrischer Hund gelb, braun, großer Kopf, starkknochig, die Dren wolfsartig aufrecht, die kräftigen Beine gebogen, die Füße breit, der ganze Körper muskulös das Vermächtniß harter Arbeit durch viele Generationen hindurch. Patrasche stammte von einer Rasse, die in Flandern von Vater zu Son manches Jarhundert sich hatte abrackern und aufs Blut hatte abschinden müssen- Sklaven von Sklaven, Hunde des Volks, Zugtiere, die, vor schwere Karren gespannt, lebenslang ihre Senen anspannen mußten, und, nachdem ihnen der letzte Rest ihrer Kraft ausgepreßt worden, auf den Straßensteinen verendeten. Patrasche war von Eltern geboren, die one Unterlaß, one Rast, one Ruhe auf dem rauhen Pflaster der Städte und auf den langen, schattenlosen Landstraßen von Flandern und Brabant gefarrt hatten. Er war zu keiner andern Bestimmung geboren worden, als zu Mühe und Arbeit. Er war mit Flüchen genärt, mit Schlägen getauft worden. Warum nicht? Es war fa in einem Christenlande, und Patrasche war nur ein Hund. Ehe er noch völlig ausgewachsen war, hatte er die Bitternisse des Karrens und Zugriemens kennen gelernt. Noch vor seinem dreizehnten Monat war er das Eigentum eines herumziehenden Kurzwaarenhändlers geworden, der nach Süd und Nord das Land zu durchstreifen pflegte von der blauen See bis zu den grünen Bergen. Er wurde billig verkauft, weil er so jung war. Dieser Mann war ein Trunkenbold und ein wüster, roher Geselle. Das Leben Patrasche's war ein Höllenleben. 168 Sein Käufer war ein übellaunischer, verbissener, brutaler| ser stark: wie gesagt, er kam von einer eisernen Rasse, die lange Brabanter, der seinen Karren hoch hinauf mit Töpfen, Pfannen, zu solcher Arbeit geboren und herangezogen war. Er starb also Krügen und anderen Geschirren von Ton, Blech und Eisen be- nicht, sondern schleppte sein elendes Dasein hin, die grausame packte, und es dann dem armen Patrasche überließ, wie er die Last nachzerrend, unter Peitschenhieben, Schlägen, Fußtritten, Last fortbrachte, wärend er selbst faul nebenher schlenderte, seine Flüchen, Hunger und Durst dem einzigen Lon, welchen sein schwarze Pfeife rauchend und bei jedem Wirtshaus am Wege Herr für das unglückliche Opfer, für den geduldigen, fleißigen, Halt machend. unverdrossenen vierfüßigen Arbeiter hatte. ( Fortsetzung folgt.) Zum Glück für Patrasche oder zum Unglück war er Die Bewegungen der Pflanzen. Unter dem Titel„ Die Bewegungsfähigkeit der Pflanzen*)" hat Charles Darwin soeben eine neue Schrift veröffentlicht, deren Inhalt ich hier nach einer englischen Besprechung sum marisch andeuten will, die wissenschaftliche Besprechung den an der Neuen Welt" mitarbeitenden Fachgelerten überlassend. " " Die Tatsache, daß gewisse Pflanzen und ihre Organe sich bewegen, ist seit langem bekannt. Schon Linné hat eine Blumenur zusammengestellt aus Blumen, welche sich zu bestimmten Tageszeiten öffnen und schließen. Und jedes Kind weiß, daß die Sonnenblume sich nach der Sonne dreht. Ebenso ist es allgemein bekannt, daß gewisse Pflanzen des Nachts die Blätter herabhängen lassen, was man den Schlaf der Pflanzen" zu nennen pflegt, und die Gründe dieser Bewegung waren schon zum Teil vor Darwin, zum Teil von Darwin, aber schon vor fünfzehn Jaren, untersucht und bis zu einem gewissen Punkt auch genügend erklärt. Der Wert der vorliegenden Abhandlung berut also weniger in der Neuheit der Tatsachen obgleich eine Fülle neuer Beobachobgleich eine Fülle neuer Beobachtungen niedergelegt ist, als in dem Nachweis, daß die Becircumnutation nennt sie Darwin wegung der Pflanzen Umdrehung wie die des Kopfes und Halses eine allgemeine und für die Pflanzen von großer Wichtigkeit, ja notwendig ist. Ein Stengel dreht sich zuerst sagen wir beispielsweise nach Norden, dann beugt er sich langsam, allmälich ostwärts, bis er nach Osten blickt, und so weiter nach Süden, nach Westen, bis er wieder gegen Norden stet. Wäre die Bewegung eine ganz regelmäßige, so würde der Apex( Gipfel, Scheitel, Spize) einen Kreis, oder richtiger eine kreisförmige Spirale beschreiben, da aber der Apex, nachdem er sich nach einer Seite hin gedreht, sich gewönlich nach der entgegengesezten Seite zurückbewegt, jedoch nicht in derselben Linie zurückkert, so beschreibt der Stengel gewönlich unregelmäßig elliptische oder eiförmige Figuren. Darwin, der bei diesen Forschungen, wie auch auf dem Titel vermerkt ist, von seinem Sone Francis unterstützt wurde, zeigt hierauf, daß successive andere unregelmäßige Ellipsen oder eiförmige Figuren beschrieben werden, deren Längenachsen verschiedenen Richtungen des Kompasses zugewant sind. Wärend der Apex solche Figuren beschreibt, reist er oft in einer Zickzacklinie oder bewegt sich der Hauptbewegung unbeschadet in der Form von Schlingen oder Dreiecken. Bei Blättern sind die Ellipsen meist schmal. Aber bei Tag wie bei Nacht get stets irgend eine Bewegung an den Organen der Pflanzen vor sich. Mit einem Wort, die merkwürdige Umdrehung( circumnutation), dieses Beschreiben von Spirallinien und Ellipsen beginnt von dem Augenblick an, wo das Wurzelchen aus dem Samenkorn hervorschießt und dauert bis zu der Stunde, wo die Pflanze aufhört zu wachsen oder sich in ihre Urbestandteile auflöst. Anfänglich hielt man vermertes Wachstum, erst auf der einen und dann auf der andern Seite für die Ursache dieser Bewegungen; allein jetzt ist dies nicht mer als die Ursache, sondern als eine sekundäre Wirkung erkannt, indem der eigentliche Grund für die Umdrehung in dem vermerten Anschwellen der Zellenbläschen und der Ausdehnbarkeit ihrer Wände liegt.**) Aber warum die *) The Power of Movement in Plants, by Charles Darwin, assisted by Francis Darwin. London, John Murray. **) Die Stelle lautet in der mir vorliegenden englischen Besprechung: Increased growth, first on one side and then on another, was at one time considered to be the cause of these movements; but this is now believed to be not a cause but only a secondary effect, the primary reason for circumnutation being the increased turgescence of the bladderlike cells of which so much of a plant is built up, together with the extensibility of their walls. Ich weiß nicht, ob dies Citat original oder vom Rezensenten geschrieben ist. Warscheinlich das letztere. | Wände ausgedehnt werden und wie die Zellen anschwellen, das ist nicht so leicht zu erklären. Obgleich jeder Teil einer wachsenden Pflanze beständig Drehbewegungen macht, so ist die Bewegung doch selten sichtbar. Man bemerkt sie nur nach Verlauf einiger Zeit, oder an den Linien, welche ein, vermittelst eines dünnen Glasfadens an dem Organ der Pflanze befestigtes Glasperlchen auf einer berußten Glasplatte zeichnet. Die Stengel der jungen Pflänzchen fangen an sich zu drehen, che sie durch die Erde hervorgedrungen sind, und ihre begrabenen Wurzeln drehen sich ebenfalls, so weit die umgebende Erde es erlaubt. Bei einigen Pflanzen, z. B. bei den Blättern der Dionäa und bei den Gelenken( Knoten??) der Gräser- Familie zeigt die mikroskopische Beobachtung, daß die Bewegung aus einer unzäligen Menge von kleinen Oscillationen( Schwingungen) bestet. Der beobachtete Teil schnellt plötzlich 0,002 bis 0,001 Zoll vorwärts, ziet sich dann langsam einen Teil dieser Entfernung wieder zurück und schnellt nach einigen Sekunden von neuem vorwärts, aber mit vielen Unterbrechungen, als ob die Pflanze von einem kleinen Erdbeben bewegt würde. | Der Wert der Drehbewegung für das Pflanzenleben ist ser beträchtlich, denn durch ihre Modifikationen werden viele der Pflanze ser woltätige oder notwendige Bewegungen hervorgebracht. Wenn," um uns der Worte Darwins zu bedienen ,,, wenn Licht die eine Seite der Pflanze trifft, oder wenn Licht mit Dunkelheit abwechselt, oder wenn die Schwerkraft auf einen aus seiner richtigen Lage oder Stellung gebrachten Teil wirkt, ist die Pflanze befähigt, in einer, uns noch unbekannten Weise die stets sich ändernde Schnellung( turgescence) der Bellen auf der einen Seite zu vermeren, so daß die gewönliche Umdrehbewegung modifizirt wird, und der Teil sich der erregenden Ursache entweder zu- oder von ihr abwendet; oder auch eine neue Stellung annimmt, wie bei dem sogenannten Schlaf der Pfanzen." Der Einfluß, welcher die Umdrehbewegung modifizirt, fann von einem Teil der Pflanze zu dem andern übertragen werden. Durch das Wesen der Pflanze bedingte, von keiner äußeren Kraft abhängige Veränderungen modifiziren oft die Umdrehbewegungen in gewissen Perioden des Pflanzenlebens. Da die Umdrehbewegungen allgemein und unaufhörlich sind, so können wir verstehen, wie es kommt, daß Bewegungen derselben Art sich in den verschiedensten Pflanzengattungen entwickelt haben. Man darf daraus indes nicht schlußfolgern, daß alle Bewegun gen der Pflanzen aus modifizirter Umdrehbewegung entspringen. Es gibt Bewegungen, in welchen dies nicht der Fall ist, z. B. die Zusammenziehung der Sinnpflanze, die, wie Brücke gezeigt hat, durch eine von dem Schlafzustand verschie dene Schnellung( Spannung) der Zellen hervorgerufen wird; ferner das Sichkrümmen der Spize einer Ranke( eines Greifhakens tendril hatens tendril- franz. tendon), wenn sie berürt wird; das Sichschließen des Blatts einer fleischfressenden Pflanze, wenn etwas rohes Fleisch darauf gelegt wird. Die Umdrehbewegung läßt sich vortrefflich an den zarten, dünnen Wurzelchen beobachten, welches der erste Teil einer aus dem Samenkorn schlüpfenden Pflanze ist. Im Augenblick, wo das Wurzelchen, sagen wir aus einer keimenden Bone hervor kommt, fängt es an, sich in einer schmalen, kleinen Ellipse umzu fizirt und„ geotropisch", gemacht, d. h. erdwärts( nach unten) drehen. Aber diese Bewegung wird durch die Schwerkraft modi gelenkt. Das Wurzelchen angenommen das Samenforn liegt auf der Oberfläche der Erde- wendet sich sofort nach unten und fängt an sich umzudrehen, wobei die Spize( tip), welche der sensitive empfindliche Teil des Wurzelchens ist, auf die benachbarten Teile irgend einen Einfluß ausübt, welcher fie veranlaßt, 169 bewegung ihrer zarten Jugend. Die Ranken( Greifhaken, tendrils), welche nur modifizirte Blätter sind, beschreiben weite Kreise, wärend gewönliche Blätter sich in einer beschränkten vertikalen Richtung umdrehen. Wenn Blumenstengel sich in Ranken( Greifhafen, tendrils) verwandeln, wächst ihre Drehkraft bedeutend. Der„ Schlaf der Pflanzen" bildet eine zweite Klasse von Drehbewegungen, welche durch äußere Einwirkungen modifizirt sind. In diesem Falle ist der tägliche Wechsel von Licht und Dunkelheit die Ursache der außerordentlich komplizirten Bewegungen. Es ist nicht die Dunkelheit selbst, welche die Pflanzen reizt, sondern der Unterschied in der Menge des Lichts, das sie bei Tag und bei Nacht empfangen. Gewisje Pflanzenarten schlafen bei Nacht nicht, wenn die Blätter bei Tag nicht genügend besich zu beugen. Wenn der Boden weich oder locker ist, dann dringt das durch die Wurzelkappe( root cap) geschützte Würzelchen ein; ist aber die Oberfläche fest, dann entstet ein Aufenthalt und die Drehbewegungen scheinen den Akt des Eindringens zu unterstützen. Dann wird das Samenkorn- außer wenn es in eine Spalte fällt, wo es leichtes Spiel hat durch die Umdrehbewegungen vom Boden in die Höhe gehoben. Und in diesem Fall tritt eine sonderbare Vorrichtung in Tätigkeit. Von dem oberen Teil des Würzelchens wird eine ungeheure Menge wunderbar feiner Wurzel härchen( Haarwürzelchen) ausgestoßen, die sich an Erdkrumen oder Steinen anheften und den oberen Teil festhalten, wärend der untere den Boden zu durchdringen sucht. Diese Wurzelhaare haben freilich auch noch die andere Aufgabe, Wasser und aufgelösten Närstoff aufzuleuchtet worden sind. Einige Pflanzen haben auch eine gewisse saugen. Neigung ererbt, sich zu bestimmten Zeiten zu bewegen, unabhängig von der Veränderung in der Masse des Lichts. Einmal in die Erde eingeteilt, wird die Wurzelspiße sich wol nicht umdrehen können, allein sobald sie in irgend eine Erd- Was bedeutet der„ Schlaf" des Sauerampfers, des Klees und spalte kommt, oder in das Borloch eines Wurms oder einer vieler anderer Pflanzen? Darwin weist nach, daß die Pflanze Larve oder sobald sich sonst die Möglichkeit bietet, beginnt durch den ,, Schlaf" vor Schaden durch die Nachtkälte beauch unverzüglich wieder die Umdrehbewegung. Die Wurzel hat wart wird. Die Wurzel hat wart wird. So verschieden auch der Prozeß vor sich gehen ferner die Kraft, sich von irgend einem harten Gegenstand ab- mag, das Blatt oder der Halm wird bei Nacht stets in eine solche zuwenden, und diese außerordentliche Empfindlichkeit befähigt Lage möglichst vertikal gebracht, daß die obere Blattseite sie,„ mit unfelbarer Kunst die Linie des geringsten Widerstands möglichst wenig der vollen Ausstralung( radiation) ausgesezt ist; zu verfolgen". Die Wurzelspige wird von Darwin mit und es hat sich herausgestellt, daß einem hellen Himmel ausdem Hirn verglichen. Sie tut für die Pflanze, was dieser gesetzte Blätter, die in eine horizontale Lage gebracht wurden, große Nervenmittelpunkt für das Tir tut, indem es sie in den weit mer von der Kälte litten, als andre, die man in ihrer vertiStand sezt, one Nerven, auf eine noch geheimnißvolle Weise über kalen Lage belassen hatte." Bei einigen Gattungen hoben sich die alles was an den äußersten' Enden des gemeinsamen Körpers Blattstengel beträchtlich in der Nacht, sodaß die Blätter nahe zuvorget von Belle zu Zelle die Nachricht zu übermitteln. sammenkommen, wodurch die Pflanze kompakter wird und der Der Geotropismus, das durch die Schwerkraft bedingte Herabsinken Ausstralung eine weit geringere Fläche aussetzt. Heliotropismus", der Wurzel, hilft beim Eindringen in die Erde; aber verglichen die Eigenschaft der Pflanzen, sich der Sonne, d. h. der helleſt mit der Umdrehbewegung und mit der Empfindlichkeit, welche beleuchteten Seite zuzuwenden, ist nur eine modifizirte Umdrehdas Würzelchen für Luft*) hat, die auf der einen Seite( der bewegung. Bei einigen Luftpflanzen( aerial plants), wie den Pflanze) mer Feuchtigkeit enthält als auf der anderen, ist dies Orchideen, haben die Wurzeln eine Neigung, das Licht zu meiden, nur ein ser unwesentliches Moment. Nach der Seite, wo die allein dies ist vergleichsweise selten. Diaheliotropismus“, oder meiste Feuchtigkeit ist, wendet sich die Wurzel, und trotz des die Neigung der Blätter, sich wärend des Tages mer oder weniger ,, Geotropismus" weicht sie von der graden Linie nach unten ab, quer gegen das Licht hin auszudehnen, ist ebenfalls modifizirte wenn Feuchtigkeit in anderer Richtung zu finden ist. Fast alle Umdrehbewegung. Aus der Tatsache, daß Blätter und SamenWürzelchen sind auch gegen das Licht empfindlich und wenden blätter( cotyledon) am Abend häufig ein wenig steigen, scheint sich von ihm ab. Die sekundären Würzelchen, welche von der hervorzugehen, daß der Disheliotropismus wärend der Mitte des Hauptwurzel auslaufen, gleichen dieser in sämmtlichen hier be- Tags eine stark vorherrschende Neigung zu Apogeotropismus, schriebenen Eigenschaften. d. h. eine Empfindlichkeit( Abneigung) gegen die Berürung der Erde, zu überwinden hatte. Endlich benutzen die Blättchen einiger Pflanzen, um nicht durch eine Ueberfülle von Licht zu Schaden zu kommen, die Fähigkeit der Drehbewegung dazu, ihre Kanten dem Licht zuzuwenden, wenn die Sonne grell auf sie scheint. Manche Pflänzchen sind so überaus empfindlich gegen das Licht, daß die Samenblätter einer Phalaris sich nach einer Lampe zu frümten, die so wenig Licht gab, daß ein dicht vor den Pflanzen vertikal gehaltener Bleistift keinen Schatten warf, der auf einer weißen Karte bemerklich war. Kurz, Darwin weist nach, daß fast alle Bewegungen der Pflanzen Drehbewegungen Cirkum nutationen sind; und in dem Kapitel über Heliotropismus fürt er speziell aus, daß die apogeotropischen und geotropischen, und warscheinlich auch die diageotropischen( quer, horizontal über der Erde sich vollziehenden) Bewegungen sämmtlich modifizirte Formen von Umdrehbewegungen sind. Unter modifigirter Umdrehbewegung verstet Darwin, daß Licht, Abwechslung von Licht und Dunkelheit, Schwerkraft, leichter Druck oder andre Reizmittel( irritants), und gewisse, im Wesen des Organismus begründete Zustände der Pflanzen, die Bewegung nicht direkt verursachen. verursachen. ,, Sie füren nur zu einer zeitweiligen Vermerung oder Verminderung jener spontanen Veränderungen in dem Anschwellen der Zellen, welche bereits im Gang sind." Aber warum eine Berürung, ein leichter Druck oder irgendein andres Reizmittel, wie Elektrizität, Hiße oder die Aufsaugung( absorption) tirischer Materie das Anschwellen der affizirten Zellen derart modifiziren kann, daß Bewegung entstet, das genau zu ermitteln bekennt Darwin noch nicht im stande gewesen zu sein. Es ist bekannt, daß verschiedene Pflanzenorgane, wenn sie durch den Boden durchbrechen, eine gewölbte Form annemen, wodurch warscheinlich die zarte Oberseite( the tender- growing top) geschützt wird; auch hierbei ist, wie Darwin nachweist, die Umdrehbewegung im Spiele. Ist das Pflänzchen einmal soweit, daß es einen Stengel aus der Erde heraus treiben kann, so beschreibt jeder Schößling, jeder Blattansaz und jedes Blättchen fortwärend kleine Ellipsen." Die Blumenstengel drehen sich ebenfalls beständig. Wenn wir unter die Erde blicken könnten und unsere Augen die Kraft eines Vergrößerungsglases hätten, würden wir sehn, wie die Spize jedes Würzelchens kleine Ellipsen oder Streise zu beschreiben sucht, soweit es der Druck der umgebenden Erde erlaubt."„ Diese erstaunliche Summe von Bewegung betätigt sich Jar für Jar, von der Zeit an, wo der Baum als kleines Pflänzchen zuerst aus dem Samenkorn hervorgekommen ist." Die langen Senter"( Schößlinge, Ausläufer, runners) langen ,, Senker" einiger Pflanzen, z. B. der Erdbeeren, haben auch ihre Drehungen und überwinden vermittels derselben die Hindernisse, welche sich ihrer Fortbewegung entgegenstellen. Umdrehbewegung in einer modifizirten Form läßt Blätter, die unmittelbar nach ihrer Entfaltung vertikal( scheitelrecht) stehn, sich allmälich herabsenken. Sie drückt Blumenſtengel nieder, wenn die Blume verwelft ist, und hebt andre empor, kurz sie verursacht eine Menge allbekannter, aber bisher unerklärter Erscheinungen. Diese Erscheinungen werden nicht, wie Darwin mit eingehendster Sorgfalt ausfürt, durch eine stetige Bewegung nach oben oder unten hervorgebracht, sondern durch eine Reihenfolge von kleinen Ellipsen oder von Zickzacklinien, d. h. durch eine, nach einer bestimmten Richtung gewante Umdrehbewegung. Das Klettern von Pflanzen, wie Hopfen und Bohnen, ist einfach die stark ausgebildete Umdreh*) Englisch air; es ist das aber wol ein Druckfeler für earth, Erde, was jedenfalls dem Sinn besser zu entsprechen scheint. Das vorstehende Resumé, welches auf Grund eines längeren Aufsatzes des„ Standard“ vom 25. Novbr. v. J. gearbeitet ist, wird wol, ungeachtet seiner Unvollkommenheit, wenigstens genügen, die Bedeutung der neuesten Schrift Darwins hervortreten zu lassen, an der beiläufig die gefällige Form und auch den Laien fesselnde Darstellung" besonders gerümt wird. A. _ 170 Mein Freund, der Klopfgeift. Eine Spiritistengeschichte aus dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Von H. E. ( XIV. Ich füle mich gläubig. Geplante Entfürung. Wie Herr Aloys Mezzig dazwischenkommt und was er mir erzält.) Und noch an einem andern wagte ich seit der lezten Spiritistenfizung nicht mer zu zweifeln: an der Warheit alles dessen, was mir als Spiritismus entgegengetreten war. Mein Gefül war so bis in seine Grundtiefen erregt und von den Ereignissen so in beständiger Wallung erhalten worden, daß dieses den Verstand allmälich zum Schweigen gebracht hatte. Ich liebte Athanasia bis zum Wansinn, wie konnte sie mich täuschen, wie konnte sie auch nur an einer Täuschung, die mich betraf, beteiligt sein? Sie, meine Zauberin, mußte ich mir nun erobern, foste es, was es wolle! Wie aber sollte ich Athanasia mir retten, wie war es möglich? Hanna Wunder hatte mir neulich schon den einzig möglichen Rettungsweg angedeutet, und jetzt hatte sie mir ihn deutlich gezeigt, mit furzen, klaren, ergreifenden Worten gesagt, was geschehen mußte. weit ført, Fliehen, unverzüglich, heimlich ich mit ihr zunächst allein; in einem stillen Winkel Jtaliens, Siziliens, Norwegens oder Schottlands sollten wir uns mit einander niederlassen und Hanna erwarten. Sie, Hanna Wunder, wollte vorerst zurückbleiben, um die etwaige Verfolgung des Magnetiseurs auf falsche Färten zu lenken, überhaupt zu sehen, was da geschehen würde. Ich konnte nicht glauben, daß es mir gelingen sollte, Athanasia zur Flucht mit mir zu bewegen. Hanna Wunder wußte Rat. Seit Jaren stellte sich bei Athanasia ein Zustand der Nervenabspannung ein, in dem sie zwar vollkommen bei Bewußtsein und zu handeln fähig sei, aber doch so schwach, daß sie willenlos dem Rate, der Bitte oder dem Befele ihrer Umgebung sich unterwerfe. Dieser Zustand habe anfänglich nur ganz kurze Zeit gewärt höchstens stundenlang; aber je öfter er wiedergekommen wäre, desto länger hatte er Athanasia beherrscht,- jetzt dauerte er wenigstens tagelang. Wenn wir diese Schwäche benuzten, würde Athanasia mir folgen bis ans Ende der Welt, wenn ich es nur wollte, und sei sie einmal dem furchtbaren Banne ihres Vaters entrissen, so werde sie sicher Hanna Wunder war felsenfest überzeugt davon frisch aufatmen und im Gefüle der gewonnenen Freiheit mich als ihren Retter freudig begrüßen. Keinem andern, als mir, hätte Hanna, wie sie sagte, ihr Kleinod anvertrauen mögen; mir jedoch, wüßte sie gewiß die guten Geister hätten ihr auch diese Ueberzeugung ins Herz gesenkt, daß ich das unbewußte Vertrauen, welches sie, die Wärterin und Pflegerin, die zweite Mutter des gottbegnadeten Mädchens in mich sezte, niemals mißbrauchen würde. Und allzu lange wollte Hanna meine Hülfe nicht in Anspruch nemen; sobald sie uns nach gekommen sei, werde sie mit dem Medium zu ihren Verwanten nach Amerika gehen, dort wären sie beide sicher. Sie schien sagen zu wollen, daß damit meine Mission zu Ende sein sollte. Ich war andrer Meinung. Und ich sagte offen, wie ich dachte und fülte. Ich liebe Athanasia mit glühender Leidenschaft. Ich sei überzeugt, daß sie glücklich werden würde, alsmein Weib. Hanna war augenscheinlich nicht nur erstaunt, sondern sogar erschrocken. Das ändre alles, sagte sie. Das ändre alles, sagte sie. Dann wisse sie doch nicht, ob sie mir ihren Schüßling rückhaltlos anvertrauen dürfe. Ich empfand mich durch diesen Zweifel beleidigt und versicherte sie, daß ich Athanasia, da ich sie nicht von ihrem Vater mir zur Lebensgefärtin erbitten könne, nur aus ihren, ihrer Pflegerin Händen als mein heiligstes Besiztum entgegen nemen würde. Hanna Wunder zeigte sich damit aber keineswegs beruhigt. Sie schüttelte bedenklich den alten Kopf und erklärte, da müsse sie erst wissen, was der Geist dazu sage, sie könne sich Athanasia als Frau, als ein Weib wie andre Weiber doch nicht denken. Wenn der Geist freilich erklären sollte, daß es so gut wäre, dann würde sie es sich zum Frevel anrechnen, zu widerstreben, aber sie könne an seine Zustimmung eben nicht glauben. wenn Ich fragte, wie sie sich der Meinung des Klopfgeistes versichern wollte. Sie antwortete mir, das sei ganz einfach, Athanasia schlafe, antworte der Geist aus ihr auf alle Fragen, welche man an ihn richte, one daß Athanasia selbst jemals eine Anung davon habe. Man kann sich denken, mit welcher fieberhaften Spannung ich die Antwort des Klopfgeistes erwartete. Sie ließ nicht auf sich warten schon am nächsten Morgen kerte Hanna freudestralenden Antliges wieder und teilte mir mit, der Geist habe gesagt, Athanasia sei für mich bestimt, gleichwie ich berufen sei, ein Prophet des Spiritismus zu werden, ein wissenschaftlicher Herold desselben. Dann habe sie Hanna gefragt, ob ich Athanasia auch so magnetisiren würde, wie der Herr, und ob das ihr nicht gradeso wie jetzt schaden würde, und auch darauf hatte der Klopfgeist die überraschend befriedigende Antwort gegeben, ich würde noch viel mer magnetische Gewalt über das Medium haben und sie ausnüßen können, wie ich es für gut fände. Athanasia leide jezt deshalb, weil sie ihrem Vater sich nur mit Widerstreben unterwerfe. Athanasia habe seit langem gefült, daß sie von höherer Macht bestimmt sei, der Gewalt eines andern sich zu unteriverfen, dem sie mit Leib und Seele zugehören werde. Nun empfände sie, ohne sich dessen voll bewußt zu werden, daß der ihr Bestimte nahe sei, daher habe sich ihr seelisches Mißhehagen und ihre körperliche Hinfälligkeit unter der drückenden Abhängigkeit von ihrem Vater so rasch gesteigert. Nach dieser Belerung Hanna's durch meinen Freund, den Klopfgeist, betrachtete mich jene als den Verlobten Athanasia's und drängte zu einer Entscheidung, d. h. zur Flucht. Sie werde dafür sorgen, daß Athanasia mir folge. Ich war zu allem bereit; anfänglich hatte ich den heroischen Entschluß festgehalten, meiner bisherigen Braut mündlich Erklärung zu geben von der alle meine Gedanken und Gefüle umwälzenden Veränderung in meinem Innern. Je näher jedoch die Entscheidung rückte, desto tiefer sant mein Mut. Endlich beschloß ich, ihr aus der Ferne, aber schon am nächsten Tage nach meiner Abreise mit Athanasia, zu schreiben. Im übrigen hatte ich nicht viel Vorbereitungen zu treffen. Eine bedeutende Geldsumme flüssig zu machen, das war das Wesentlichste, im Grunde das Einzige, was nicht umgangen werden konnte. Auch die alte Hanna hatte getan, was nötig schien. Sie hatte eine Bekannte, eine arme, alte, zuverlässige und anständige Wittwe beauftragt, Athanasia und mich zu begleiten, da Athanasia ja unbedingt weibliche Hülfe und Bedienung bedurfte. Ich hatte das selbst eingesehen und war der Alten dankbar für ihre Sorge. So hätte denn meiner romantischen Entfürung nichts mer im Wege gestanden, und ich hätte sie sicherlich auch am heutigen Abende oder vielmer in der Nacht unternommen, wenn mein Raseur, Herr Aloys Mezig nicht gewesen wäre. Er hatte heute kaum seine bartscherende Kunstleistung durch die Ceremonie des Einpinselns mit wolriechender Seife begonnen, als er, one sich durch mein sicherlich bitterernstes Gesicht im mindesten abhalten zu lassen, mit seiner staunenerregenden Zungenfertigkeit zu erzälen begann. Ser wundersame Sachen würden sich demnächst begeben, große Ereignisse, die ihren Schatten bereits vorausgeworfen hätten. Ich antwortete auf diese Phrase nicht; er aber sur unbeirrt fort. Ob ich schon die Geschichte vom Schwamme oder Mauerfraß, oder was es sonst wäre, und von der Baukommission wüßte, fragte er. Ich schüttelte den Kopf, so etwas interessire mich auch nicht, fügte ich hinzu. Das könnte ich nur sagen, entgegnete der unverwüstliche Schwäger, weil ich die Geschichte eben nicht kennte; sie hinge nämlich mit dem Spiritismus, mit dem Magnetiseur Cannabäus zusammen, ser zusammen, und mit dem Schwamm oder dem Mauerfraß würde den Magnetiseur warscheinlich der Teufel holen. ,, Ich ersuche Sie, von solchen Torheiten zu schweigen, Herr Meßig," erwiderte ich. Ich bin durchaus nicht aufgelegt, Ihre Scherze und Fabeln anzuhören." ,, Aber, Herr Doftor, ich muß doch wirklich ser bitten!" antwortete er in beleidigtem Tone, indem er, wie gewönlich, wenn er sich recht in die Brust werfen wollte, einen Schritt zurücktrat, Oberkörper und Kopf nach hinten neigte und die rechte Hand mit dem Rasirmesser hoch erhob.„ Scherze und Fabeln sagen Sie, Herr Doktor, heiliger Ernst und lautere Warheit sage ich! Und zum Beweise müssen Sie mich jetzt reden lassen, Herr Doktor, wenn Sie mich nicht schwer beleidigen wollen. Also die Sache ist nämlich so: Hier in Ihrem Hause, im Keller, glaube ich, haben ein paar Hausbewoner entdeckt, daß es so verdächtig modrig rieche, und da dachten sie erst,' s wär' vielleicht eine Leiche,' ne Kindes - 171 leiche vielleicht, verstehen Sie Herr Doktor; dann kam aber' mal ein Sachverständiger und sagte, das röch' grade so, als wenn hier im Hause der Schwamm wäre, und ein anderer sagte, das Haus wäre ihm auch schon verdächtig gewesen, als wenn's auch den Mauerfraß hätte, und da haben sie solange geredet, bis der Magistrat eine Baukommission schickte, und nun denken Sie, Herr Doktor, was das für ein Aufsehn gemacht hat. Die Baukommission fam, one daß hier im Hause eine Menschenseele eine Anung davon hatte, und alle Mieter ließen die Kommission in ihre Wonungen hinein, nur na, raten Sie einmal, Herr Doktor, wer absolut nicht leiden mochte, daß die Herren vom Magistrat seine Wonung untersuchten?" ,, Cannabäus war's," fur er fast one Unterbrechung fort ,,, und noch einer, der Alte, der grade über dem Magnetiseur wont, und bei dem der Junge, der Kunz, auch die Aufwartung hat. Beide haben erklärt, sie wüßten, daß in ihrer Wonung weder Albertus Magnus.( Bild Seite 164.) Wir haben bei der Beschreibung des Kölner Domes in Nr. 6 des laufenden Jargangs der „ N. W." des Mannes erwänt, dem die Sage den Entwurf des Grundrisses des Kölner Domes zuschreibt, und bringen heute sein Bild, das wie alles, was diesen Mann anget, höchst bemerkenswert ist. Im Kreuzgang von Sanft Markus in Florenz befindet sich ein von dem Maler Fra Giovanni da Fiesole herrürendes Freskogemälde, auf welchem unter anderen Berühmtheiten auch Albertus Magnus figurirt. Nach diesem unzweifelhaft waren Porträt wurde unser Holzschnitt im 16. Jarhundert, vor mer als 200 Jaren, hergestellt und wird das Monument von dem Bildhauer Miller modellirt, welches man dem großen Gelerten in seiner Vaterstadt Lauingen an der Donau errichten wird. Auch der Büste, welche auf dem Prado della Valle in Padua den Ruhm des Albertus Magnus feiert, hat Fiesole's Bild zum Muster gedient. Gleich den Dichtern Petrarca und Dante war Albertus Magnus Gelerter und Politiker zugleich. Wenn wir die Lebensschicksale desselben in einem Roman lesen würden, so dürften sie uns mindestens unwarscheinlich vorkommen. Wie schon oben erwänt, ist er in dem schwäbischen Donaustädtchen Lauingen und zwar im Jare 1193 als Sprosse des adeligen Geschlechtes derer von Bollstätt geboren. Ein Glück für die Wissenschaft, daß der Knabe Albert schwächlich war. Ungeeignet zu dem rohen Ritterdienste, schickte man ihn in Ermangelung etwas Besseren an die Hochschule zu Padua. Um dem Leichtsinn, der Ueppigkeit und Genußsucht, welche damals den geistlichen Stand ergriffen hatten, entgegenzuwirken, trat er in den Dominifanerorden und suchte die Schlemmer in den Klöstern zu Köln, Hildesheim, Freiburg, Regensburg und Straßburg durch Wissenschaft zur Einfachheit zu beferen. Zu diesem Zweck verfaßte er sein ,, Compendium der teologischen Warheit", das aber weder Laien noch Pfaffen zu bessern vermochte, denn gerade in diese Zeit fällt die blutige Fede zwischen dem hochfarenden Kölner Erzbischof von Hochstaden und den Bürgern, welche durch das Ansehen des gelerten Albertus viermal beigelegt wurde. Mit seinem berühmten Schüler Thomas von. Aquino ging er im Jare 1245 an die Universität von Paris, um den Talmud, als ein ,, von Mißbräuchen, Gotteslästerungen und Gottlosigkeit" volles Buch zu bekämpfen, was ihn aber nicht abhielt, gerade diesen verpönten Talmud als Grundlage seiner ,, Scholastik" zu benußen. Nach dreijäriger Abwesenheit ferte er nach Köln zur Grundsteinlegung des Domes zurück. Wie die Besten seiner Zeit hüllte er seine physikalischen Experimente in mystisches Dunkel. Was seine Zeitgenossen davon nicht zu fassen vermochten, hielten sie für Wunder; deshalb erzält auch die Sage, er habe einen Homunculus verfertigt, der einige Worte sprechen konnte. Warscheinlich war es ein Automat und der mitten im Winter dem König von Holland gezeigte blühende Garten das Bild einer Laterna magica. In diese Zeit fällt die Verfassung des Werkes ,, Geheimnisse der Männer und Weiber", worin er den bis auf unsere Tage wärenden Aberglauben bezüglich des Einflusses der Gestirne, vornemlich der Kometen, auf das Geschick Einzelner wie der Völker bekämpft, welche Künheit ihm in Anbetracht seiner abergläubischen Zeitgenossen nicht hoch genug angerechnet werden kann. Die Prediger- oder Dominikanermönche von damals scheinen nicht in dem Maße von heute dem verknöcherten Dogma gehuldigt zu haben, denn sie erwälten den freisinnigen Gelerten zum Provinzial des Ordens für Deutschland. Jeder andere Duzendpfaffe würde den einträglichen Posten zur eigenen Bereicherung benutzt und das erworbene Vermögen in Ruhe genossen haben. Der unermüdliche Albertus, von der Universität zu Bologna für sein Werk, die Ethik, zum Doktor universalis ernannt, zog zu den damals noch heidnischen Polen und Lithauern, um sie nach seiner Weise zum Christentum zu bekeren und kerte nach zweijärigem, mühevollen Umherstreifen in seine Zelle nach Köln zurück, um seine Naturgeschichte zu verfassen. Mit seiner Erklärung, daß der Mensch das vollkommenste Tier sei, lehnte er sich an den griechischen Naturforscher Aristoteles ( 384-322 v. Chr. Geb.) an und ist als Vorläufer und Banbrecher der Entwicklungslere des Engländers Darwin zu betrachten. Im Jare 1259 wurde er an Stelle des wegen Lüderlichkeit entsegten Albert von Böttikau vom Papst Alexander IV. zum Bischof von Regensburg erder Hausschwamm noch der Mauerfraß wäre, und solche Untersuchungen störten ihre häusliche Ruhe, die ließen sie sich nicht gefallen. Die Baukommission bestet aber darauf und wartet blos den Bescheid der Regirung ab auf die Beschwerde des Cannabäus, um dann natürlich doch, und wenn's nicht anders ist, mit Gewalt, seine Wonung und die des Alten oben mal gründlich zu durchstöbern. Und wissen Sie, Herr Doktor, was nun alle Welt meint, das heißt natürlich nur die, die halt den ganzen Spiritismus für Schwindel halten entschuldigen Sie gütigst, Herr Doktor, trotz der Wissenschaft, die nun einmal partout nicht dahinter kommen kann. Die meinen also, daß der Magnetiseur nur deshalb die Kommission nicht eingelassen hat, weil sie dann verschiedenes entdeckt hätte, was auf die Spiritisterei ein wenig Licht geworfen hätte, wie's gemacht wird; und von dem Alten oben meinen sie, daß er mit dem Magnetiseur unter einer Decke steckt." ( Schluß folgt.) " nannt. Der üppige Klerus des Stules von Sankt Emmeran hat den einfachen Mann so gründlich gepeinigt, daß er nach zwei Jaren das Weite suchte, nachdem er das wüste Pfaffentreiben in seiner ,, Politik" und ,, Lucas- Evangelium" für alle Zeit gebrandmarkt hat. Hierauf durchzog er zehni Jare als Wanderprediger Deutschland und Böhmen. Wie Dante auf der Landstraße seine ,, Göttliche Komödie" verfaßte, so stellte Albertus, immer unterwegs, die Commentare zu der Ethik des Aristoteles zusammen. Mit diesem Werk und dem darauf folgenden Das Buch von den Pflanzen", hat sich Albertus, wieder nach Köln zurückgekert, von der Klerisei vollständig losgesagt. Daß ihn die über den Umfang seines Wissens in der Chemie, Physik und Mechanik erstaunten Zeitgenossen für einen Zauberer hielten, darf uns um so weniger in Erstaunen seßen, als selbst Humboldt in seinem ,, Kosmos" den Scharfsinn des Albertus auf dem Gebiete der Naturwissenschaften bewundert. Aus den Grundvesten des Gebäudes, das später Kopernikus, Galiläi, Kepler und Newton vollendeten, schoß Albertus wie eine Feuergarbe hervor, die das mittelalterliche Dunkel weithin erhellte und den Weg zur Vernunft und Natur zeigte. Jeder gewinnt den Stoff lieb, mit dem er sich lange Zeit ernstlich beschäftigt, so zeigen auch die philosophisch- teologischen Werke des Albertus ihn völlig von dem Griechen Aristoteles beherrscht, wärend seine naturwissenschaftlichen Forschungen sich an die arabisch- jüdischen Schriftsteller anlehnen. Die aristotelische Definition von Gott als stofflose Form und der Materie als formloser Stoff scheint seine Bibelfestigkeit vollends erschüttert zu haben. Gleich seinem Gewärsmann, dem spanischen Juden Moses Maimonides( 1139 1205), versuchte Albertus Magnus die spekulative Lere durch dialektische Kunstmittel mit der firchlichen Dogmatik in Verbindung zu bringen, aber Glaube an Ueberweltliches und Wissenschaft sind und bleiben Gegensäge. Der Versuch mißlang, weil er mißlingen mußte. Greisenhaft geworden, verzweifelte er an seiner eignen Fassungskraft und verfiel in Trübsinn, widmete er sich der Kunst und griff doch wieder zum Wanderstab. Jm Jare 1274 war er auf dem Concil von Lyon Gesanter des Kaisers Rudolph von Habsburg und baute 1278 den Chor der Dominikanerfirche in Köln. Am 15. November 1280 erlöste ihn der Tod von den Plagen eines vielbewegten Lebens. Wenn auch die Pfaffen behaupten, daß ihn der Teufel geholt habe, bleibt er doch für alle Zeit ein Markstein auf dem Wege der menschlichen Entwicklung. Die Geschichte läßt ihm insofern Gerechtigkeit widerfaren, als sie ihn gleich dem makedonischen Alexander, dem fränkischen Karl, dem preußischen Friedrich und dem corsischen Napoleon Albertus Magnus, Albert den Großen nennt. Die lateinische Widmung unter dem Bilde des Albertus: , Mitra pedumque oneri quondam, Alberte, fuerunt, Dulcius est Sophiae delituisse sinu" . " heißt frei ins Deutsche übertragen: ,, Krumstab und Mitra waren zur Last dir einstens, Albertus, Süßer doch ist es, fürwar, am Busen der Weisheit zu ruh'n." Der Vers ist ein Spiegelbild von des Albertus Erdenwallen. Dr. M. T. Das Kapitol zu Washington.( Bild Seite 165.) Hoch und mächtig erhebt sich das Kapitol mit seiner majestätischen Kuppel über die Stadt, welche den Namen des größten Bürgers der Vereinigten Staaten und eines der größten Menschen der gesammten Welt trägt, dessen Name noch in fernen Zeiten genannt werden wird, wenn von Freiheit und Unabhängigkeit die Rede sein wird. Aber man wird dabei auch nicht jenes mutige Volk unerwänt lassen können, welches für seine Selbständigkeit so manchen heißen Kampf geliefert und dessen tatkräftige Unterstützung es ihm erst möglich machte, seine humanen Ideen zur Wirklichkeit werden zu lassen. Gibt doch das hier vorgefürte imposante Werk monumentaler Kunst einen glänzenden Beweis der nationalen Kraft und des Selbstbewußtseins des amerikanischen Volkes, das sich in ihm einen Tempel seiner Freiheit erbaut, in dem seine RepräDas sentanten die letztere zu schüßen und zu fördern berufen sind! auf einem sich leicht über die Stadt erhebenden Plateau erbaute Kapitol, zu dem Washington am 18. September 1793 den Grundstein legte, 172 wurde 1814 von den Engländern zerstört und auf seinen Trümmern das neue 1862 vollendete Prachtgebäude aufgefürt und zwar aus Sandstein und weißem Marmor. Es bedeckt eine Grundfläche von 15 060 Quadrat- Meter, ist 229 Meter lang und 42,6 Meter tief. Ueber dem Mittelbau wölbt sich die 1862 vollendete Kuppel, die Laterne der= selben bekrönt von der Statue der Freiheit; das Ganze hat eine Höhe von 93,5 Meter über der Grundfläche. Drei prachtvolle korinthische Bortiken schmücken die östliche Hauptfront, die dazu herauffürenden Freitreppen sind mit den Statuen des Friedens, des Krieges, der Civilisation und des Kolumbus verziert. Legt das Ganze ein beredtes Zeugniß ab von dem Reichtum und der Kraft seiner Erbauer, so hat der ausfürende Künstler nicht minder verstanden, haushälterisch mit der Formenfülle umzugehen und ein Blick auf das Werk zeigt uns, daß er bei den Meistern des klassischen Altertums und der Renaissance in die Schule gegangen ist. Eine erzene Tür, von Müller in München gegossen, fürt in die 54,9 Meter hohe und einen Durchmesser von 29,2 Meter aufweisende Rotunde des Domes, der mit Reliefs und historischen Fresken geziert ist. Dem Haupteingang gegenüber tritt man in die Bibliotek des Kongresses ein, welche 1851 durch einen Brand bis auf 20 000 Bände zerstört wurde, heute aber bereits 250 000 Bände zält. Von der Rotunde südlich liegt die alte Repräsentantenhalle, in der Statuen berümter Amerikaner aufgestellt sind. Dort befindet sich auch die 11 Meter hohe, 42 Meter lange und 28 Meter breite neue Halle der amerikanischen Volksvertreter, wärend im nördlichen Flügel der 24,4 Meter breite, 34,3 Meter lange und 11 Meter hohe Senatssal errichtet und der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten eingerichtet sind. Unter dem letzteren hat eine Rechtsbibliotek von 30,000 Bänden ihren Plaß. Die Baukosten des Kapitols inklusive der von 1851-1862 ausgefürten Neubauten betragen das nette Sümmchen von 52 millionen Mark. Nicht minder großartig wie das Kapitol ist auch die Anlage der Bundeshauptstadt. Am linken Ufer des Potomac in Kolumbia wurde 1791 ein Terrain von 26 QuadratKilometer dazu bestimmt. Die Straßen laufen gerade von Nord nach Süd und durchkreuzen sich rechtwinklich von Ost nach Nord, die dadurch entstehenden Quadrate sind in diagonaler Richtung von Schneißen ( avenues) durchschnitten. Da dies an den Ecken des Quadrats spizze Winkel ergibt, so hat man an jedem Kreuzungspunkt runde oder viereckige Pläße errichtet. Diese letzteren Straßen sind 36-49, die ersteren 21-33 Meter breit. Die Avenues tragen die Namen der Unionsstaaten, die übrigen Straßen sind mit Buchstaben und Nummern bezeichnet. Vom Kapitol laufen sechs Avenues stralenförmig aus. Der Plan ist jedoch noch lange nicht verwirklicht; innerhalb des Stadtweichbildes stehen die Häuser gruppenweis, hie und da ein Palast. Handel und Industrie ist unbedeutend und deswegen herrscht auch dort, ausgenommen wärend der Kongreßßißungen, fein besonders reges Leben. Die Einwonerzal belief sich 1875 auf 150 000, darunter 50,000 Neger. Aber außer dem Kapitol besiẞt Washington noch eine Anzal großartiger Bauwerke, von denen namentlich die im klassischen Stil ausgefürten hervorzuheben sind. So das, an der Südseite des durch die 2 Kilometer lange Pennsylvania Avenue mit dem Kapitol verbundenen Lafayette Square, mitten in einem Park liegende ,, Weiße Haus"( weißangestrichen, daher der Name), die Wonung des Präsidenten, mit jonischem Portifus. Dicht daneben das 177 Meter lange und 21 Meter tiefe Schazamt mit großer jonischer Säulenhalle und das aus Granit aufgefürte Gebäude für die Ministerien des Kriegs, des Auswärtigen und der Marine, 104 Meter tief und 173 M. lang. Neben vielen andern Gebäuden, die für öffentliche Zwecke als Museen, Lehranstalten u. dgl. bestimmt sind, erwänen wir nur die nördlich von der Pennsylvania Avenue gelegene 124 Meter lange und 84 Meter tiefe, aus Sandstein und weißem Marmor aufgefürte Patent- Office, welche auch das Ministerium des Innern birgt und mit vier weißen dorischen Portiken geschmückt ist. Wir haben damit eine Anzal Schöpfungen vor uns, welche die Vermutung auf drängen, als wollte das sonst so nüchterne und praktische Volk der Amerikaner hier auf diesem Fleckchen Erde sich der prosaischen Wirklichkeit entkleiden und gleich den freien Bürgern Athens für alle Zeiten ein Denkmal sezen, welches die spätern Geschlechter an die Taten der Väter erinnern und zur würdigen Nachamung auffordern soll. Möchten sie dabei nie die edlen Gesinnungen des charakter vollen Mannes vergessen, der den Grundstein zu dem vornemsten Bau seiner Namensstadt und zur Freiheit der jungen amerikanischen Republik gelegt hat. nrt. Zum Zwecke der Gründung eines deutschen Freidenkerbundes legt Herr Prof. Dr. L. Büchner, den wir zu unsern Mitarbeitern zu zälen die Ehre haben, nachfolgenden Statuten- Entwurf allen deutschen Freidenkern zur einstweiligen Begutachtung vor: I. Zweck. in § 1. Der am begründete Deutsche Freidenkerbund hat den Zweck, die zerstreuten und darum mer oder minder onmächtigen Kräfte der deutschen Freidenker und des deutschen Freidenkertums in Deutschland und Oesterreich zu sammeln, zu organi firen und durch Bereinigung sowie durch gegenseitige Verständigung aller derer, welche sich selbst und die Menschheit von religiösen Irrtümern und Vorurteilen zu befreien und die volle Freiheit der Gewissen herzustellen wünschen, stark zu machen. Auch soll eine solidarische Verbindung und Freundschaft der deutschen und österreichischen Freidenker in der Art hergestellt werden, daß jeder einzelne auf die Hülfe und Unterstützung aller andern, und umgefert, rechnen kann, und daß namentlich solche Freidenker, welche durch ihr öffentliches oder privates Wirken im Interesse des Freidenkertum in Not und Verfolgung geraten sind, durch die Mittel des Bundes, soweit wie möglich, aufrechterhalten werden. II. Mittel. § 2. Als Mittel zur Erreichung dieses Ziels sollen dienen: 1) Möglichste Verbrei tung freidenkerischer Grundsäge durch Schrift und Wort und Unterstüßung aller hierauf gerichteten Bestrebungen. 2) Alljärlich wiederkerende Versammlungen der Bundesmitglieder, in denen a. die Hauptgrundzüge der Tätigkeit des Bundes für das kommende Jar festzustellen, b. teoretische Fragen des Freidenfertums zu erörtern sind. 3) Bildung von Zweigvereinen an allen hierfür geeigneten Orten. 4) Veranlassung eines möglichst lebhaften persönlichen Verkers der Bundes und Gesinnungsgenossen unter einander. 5) Gründung einer Bundeskasse. § 3. Als Organ des Bundes der Deffentlichkeit gegenüber soll vorläufig das in Gotha unter Redaktion von Dr. A. Specht erscheinende Sonntagsblatt ,, Menschentum" dienen. III. Mitgliedschaft. § 4. Mitglied ist jede unbescholtene volljärige Person, welche sich entweder in die Liste der Zweigvereine eintragen läßt oder dem Gesamtbunde als solchen durch Anmelbung bei dem Vorstande desselben beitrit und einen järlichen, pränumerando zu entrichtenden Beitrag von mindestens 1 Mark leistet. Die Mitglieder der Zweigvereine können von dieser Beitragspflicht persönlich entbunden werden, wenn sich der Zweigverein als folcher mit dem Gesamtvorstand über einen järlich pränumerando abzufürenden und nach der Zal der Mitglieder zu bemessenden Vereinsbeitrag zu der Bundeskasse einigt. Jedes Mitglied erhält behufs Legitimation eine auf seinen Namen lautende gedruckte Mitgliedskarte. § 5. Ueber die Aufname neuer Mitglieder sowie der Zweigvereine in den Gesamtbund entscheidet der Bundesvorstand in Gemeinschaft mit dem Ausschuß. 86. Nichtbezalung des Beitrages, unmoralisches Benemen oder ein Betragen, welches mit den von dem Bunde verfolgten Zweden im Widerspruch stet, hebt die Mitgliedschaft auf, worü er in jedem einzelnen Falle der Bundesvorstand zu entscheiden hat. Ein Refurs von dessen Entscheidung kann an den Ausschuß, resp. an die Hauptversamlung stattfinden. IV. Kaffe. § 7. Die Kasse des Bundes rekrutirt sich: 1) aus den regelmäßigen Beiträgen der Mitglieder; 2) aus sonstigen Zuwendungen, welche ihr von einzelnen Personen oder Vereinen im Interesse der guten Sache gemacht werden; 3) aus dem Verkauf, Vertrieb oder Verlag freidenkerischer Schriften oder dem allenfallsigen Ueberschuß öffentlicher, von dem Verband oder dessen Mitgliedern zu veranstaltender Vorträge, Verlosungen, Versamlungen 2c. § 8. Die Verwaltung der Kasse fürt ein hierzu bestellter und, wenn nötig, honorirter Kassirer oder Schahmeister unter Aufsicht und Kontrole des Vorstandes und Ausschusses, nach vorheriger Stellung einer verhältnißmäßigen Kaution. Balungen aus der Kasse können nur auf Anweisung des Vorsigenden des Vorstandes oder dessen Stellvertreters geleistet werden. V. Hauptversammlung. § 9. Alljärlich findet eine Hauptversammlung jämtlicher Mitglieder statt, deren Ort, Zeit und Tagesordnung der Ausschuß in Gemeinschaft mit dem Vorstand bestimt und rechtzeitig ankündigt. Die Hauptversammlung soll in der Regel zwei bis drei Tage dauern und in den nichtöffentlichen Morgensizungen die geschäftlichen, in den öffentlichen folgen durch einfache Stimmenmerheit aller erschienenen Mitglieder; bei StimmengleichNachmittags- oder Abendsizungen die teoretischen Fragen erledigen. Die Beschlüsse er heit entscheidet die Stimme des Vorsigenden. Bei ser wichtigen oder prinzipiellen Fragen, bei welchen eine weitgehende Meinungsverschiedenheit sich herausstellt, kann eine AbBrüfung der Jaresrechnung geschiet durch eine von der Hauptversammlung zu erwälende stimmung nach Vereinen und nach der Zal der vertretenen Bläge verlangt werden. Die Kommission von drei Mitgliedern. Anträge von Wichtigkeit oder für die teoretischen Sigungen bestimmte Vorträge müssen, wenn sie noch Platz auf der öffentlich bekannt ge machten Tagesordnung finden wollen, vier Wochen vorher dem Bundesvorstand angezeigt werden. Später einlaufende Anträge oder Anmeldungen zu Vorträgen sind nach Maß gabe von Zeit oder Umständen zuzulassen. Ueber die Zulassung sowie über alle die Leitung der Hauptversammlung betreffenden Fragen entscheiden Vorstand und Ausschuß. VI. Verwaltung. § 10. Die Verwaltung oder Leitung des Bundes geschiet zunächst durch einen alljärlich von der Hauptversammlung zu wälenden, aus zwölf Mitgliedern bestehenden Ausschuß, welcher das Recht der Kooptation befizt und nach Bestimmung der Hauptversam lung über die Verbandsmittel verfügt. Er tritt im Fare mindestens zweimal zusammen. § 11. Der Ausschuß wält zur Ausfürung der gefaßten Beschlüsse und zur Fürung der laufenden Geschäfte einen Bundesvorstand, bestehend aus einem Borfizenden und dessen Rechnungsfürer. Die Mitglieder des Vorstandes müssen womöglich in derselben Stadt Stellvertreter, einem Schriftfürer und dessen Stellvertreter, und einem Kassirer oder oder so nahe bei einander wonen, daß ihr öfteres Zusammenkommen keinen Schwierig teiten unterliegt. Sie erhalten ebenso wie die Ausschußmitglieder Vergütung ihrer Reiseund Versäumnißkosten aus der Bundeskasse. § 12. In allen dringenden Fällen, welche einer raschen Erledigung bedürfen, oder wenn die übrigen Vorstands resp. Ausschußmitglieder verhindert sind, zu erscheinen, entscheidet der Vorsitzende des Vorstandes oder dessen Stellvertreter für sich allein, ist aber dem Ausschuß, resp. der Hauptversamlung, für seine Entscheidungen verantwortlich. § 13. Der Vorsigende des Vorstandes erstattet auf der järlichen Hauptversamlung ausfürlichen Bericht über die Vorgänge des abgelaufenen Jares und die Entwicklung des Bundes, sowie der Bundeszwecke; in gleicher Weise der Schahmeister über Einnamen und Ausgaben des Bundes. VII. Organisation. § 14. Der deutsche Freidenkerbund bildet einen Bestandteil des am 29. August 1880 in Brüssel begründeten internationalen Freidenkerbundes und erwält auf seiner Haupt versammlung zwei Abgeordnete, welche ihn innerhalb des internationalen Generalrates zu vertreten haben. VIII. Auflösung. § 15. Im Falle der Auflösung des Bundes bleibt das Bereinsvermögen zur Verfügung des leztgewälten Bundesvorstandes, resp. Vorsitzenden, im Interesse freidenkerischer Zwecke. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky( Fortsetzung). Heinrich Heine. Ein Lebens- und Charakterbild, von Dr. Max Vogler( Schluß). Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Ouida. Für die N. W." übersezt von L. v. d. Wieseck. wegungen der Pflanzen. Mein Freund, der Klopfgeist, von H. E.( XIV.) Albertus Magnus( mit Porträt). Statutenentwurf zum Zweck der Gründung eines deutschen Freidenkerbundes. Washington( mit Illustration). Die BeDas Kapitol zu Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig( Südstraße 5). Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.