L° IG. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Die Schwellern. Roman von M. KautsKy. (15. Fortsetzung.) Der Baron zuckte die Achseln, er legte ssich in den Sessel zurück und kreuzte die Beine, er hatte ein ser überlegenes, gleich- wütiges Lächeln. „Ich bin immer so geliebt worden, wie ich es wünschte und solange ich es wünschte, und das ist nicht nur bequem, es ist überhaupt alles,>vas ein Mensch verlangen kann. Diese so- genannte ideale, diese empsindsame oder ewige Liebe, die gibt's heutzutage nicht wer, nicht einmal in Romanen; glauben Sie mir, mein junger Freund, ich kenne die Welt, ich habe darin Erfarung." Die Augenbrauen des jüngeren zogen sich etwas zusammen; seine offenen, frölichen Augen vertieften sich zu einem ernsten Blick und der kräftige Mund erhielt einen herben Ausdruck. „Sie mögen mir wol ser überlegen sein, Herr Baron, ich kenne die Welt nur wenig, aber etwas habe ich doch erfarcn, von dem Sie keine Anung zu haben scheinen; ich habe erfarcn, daß es reine und charaktervolle Frauen gibt, die auf die Liebe nicht drcssirt sind, die voll Würde und Selbstgefül ihr Herz nur demjenigen zu eigen geben, der ihren Werth begreift und der sie treu und warhaft liebt. Ich habe erfaren, daß die Liebe eines solchen Mädchens bessernd und veredelnd auf den Mann wirkt, ja, daß sie ihn erst eigentlich zum Manne macht. Sie offenbart ihm die Tiefen seines eigenen Gemütes und alle Fähigkeiten seines Herzens, sie läßt ihn die Welt in ihrer hohen, sittlichen Bedeu- tung erst erkennen. Eine solche Liebe macht stolz und mutig! Wie kräftigt sie den Geist, die Arme, den ganzen Menschen; und wie glücklich macht sie ihn! Wer sie nicht empfunden hat, der weiß ja garnicht, was für ein Glück es auf der Erde gibt!— Wenn eine Menschenseele der andern sich erschließt in all' ihren guten, zarten, innersten Regungen, wenn alles nur Warheit zwischen ihnen wird und Liebe, ist das nicht das Höchste und was kann diesem gleichkommen? Meine einzige Sorge� ist die, daß ich nicht der Würdigste sein könnte, daß ein anderer sie mer verdienen könnte, dann bin ich oft unwirsch gegen mich selbst,— aber ihr Blick, ihr Lächeln, und selbst ihr Zürnen macht alles wieder gut,— o, sie verstet mir schon den Kopf zurechtznsezen; ja, selbst ihr Schelten erscheint mir lieblich, und wenn sie»lir dann einen Kuß—" Er brach plötzlich ab, und aus dem warmen Herzens- ton seiner Schilderung in einen derb-launigen übergehend, fügte er hinzu:„Ach, was red' ich da einem Blinden von der Farbe, Sie haben's eben nie erfaren und— das können Sie mir glauben, Herr Baron, Sie werden es auch nie erfaren." Hellenbach lachte.„Ich glaube es ja selbst; ich habe es ein- mal verpaßt, jetzt bin ich viel zu alt und viel zu nüchtern, uni so süßen Illusionen zugänglich zu sein. Ich mißgönne Ihnen deshalb nicht die Ihrigen; schwelgen Sie in Glück und Liebe, solange Sie können, aber wenn Sie Sich diese Leidenschaft und ihre zauberischen Illusionen erhalten wollen, so heiraten Sie nicht, um Gotteswillen, tun Sie das ja nicht. Ich versichere Sie, und Sie können das durch die tägliche Erfarung bestätigt finden, das Familienleben wirkt auf die Dauer der Leidenschaft ser ungünstig und es gibt nichts Unpoetischeres, als den Ehestand, und schließ- lich auch nichts Langweiligeres. Oder meinen Sie, daß auch das Schelten Ihres Weibes Ihnen noch allerliebst erscheinen wird, meinen Sic, daß ein Blick ihrer Augen Sie besänftigen oder daß ihr Kuß, der zur Alltäglichkeit herabgesunken ist, Ihnen irgendein Wonnegefül erregen wird?" Er lachte cynisch und wie herausfordernd. Fritz fülte sich immer mer gereizt. „Das eheliche Leben wird nicht zu dem Zweck eines immer- ivärcnden Sinnenkitzels geschlossen, so meine ich, eine solche Zu- sammengehörigkeit aus Liebe und freier Wal erhält seine Weihe, seine höchste Bedeutung erst durch die Kinder, die daraus hervor- gehen." „Haha, Sie denken schon an die Kinder!" rief Eugen, immer mer belustigt.„Sie beschäftigt schon die nächste Generation?!" „Sie finden das wol ser lächerlich, aber in dieser nächsten Generation konzcntrirt sich das höchste, ja das einzige Interesse der Menschheit, sie ist sein Zweck, sein Fortschritt und sie bedeutet das Glück und die Zukunft jedes einzelnen. Ich für meinen Teil kann mir nichts Schöneres denken, als Kinder zu haben und aus ihnen tüchtige, glückliche Menschen zu machen. Ihr Reichen freilich, ihr wißt nichts von euren Kindern, ihr überlaßt sie andern, ihr hegt und pflegt und bildet sie nicht, ihr sorgt und freut euch nicht mit ihnen, euch bleiben sie daher gleichgiltig, so wie eure Weiber euch gleichgiltig bleiben und so wie ihr es Ihnen bleibt. Ihr wollt ja kein selbständiges, freies, euch gleichgestelltes Wesen, ihr wollt keine Gefärtin in Freud und Leid, mit gleicher Ber- antwortung, aber auch mit gleichen Rechten, ihr fragt, wenn ihr wält, nicht einmal nach der Besten und Liebenswürdigsten und Gesundesten, ihr fragt nur nach der Reichsten und allenfalls noch nach der Schönsten. Und so kriegt ihr denn ein Geschöpf, nein, eine Puppe, schon als Kind verzogen, verhätschelt, verwönt, vom Luxus und der Schmeichelei verdorben. Diese junge Dame kennt VI- n>. Januar 1881. die Sorgen des Lebens nicht einmal vom Hörensagen, Schmerz und Kummer sind ihr fremde Dinge, sie kennt nnr Freude und Genuß, und sie verheiratet sich, um eine Erhöhung dieser Freuden, eine Erhöhung des Genusses noch zu finden. Einer solchen werdet ihr aber niemals genug davon bieten können. Und was kann sie euch werden in dieser Oberflächlichkeit? Was? Nichts. So get ihr bald gelangweilt und unbefriedigt neben einander her, euch gegenseitig quälend;— der Mann greift, um sich zu erfrischen, nach dem Wechsel, und die Frau in ihrer Genußsucht, vielleicht auch aus Revanchegelüsten, macht es ihm nach. So, ja so mögen sie beschaffen sein, die Ehen, die Sie vor Augen haben, Herr Baron, die Sie mit Recht fürchten oder vor denen Sie mich warnen wollen. Aber um mich brauchen Sie nicht besorgt zu sein, mein Mädchen ist kein weichliches Geschöpf, sie ist gesund und mutig, sie ringt und kämpft mit dem Leben, wie ich selbst, und sie ist besser und klüger, wie ich selbst, aber mich demütigt dies nicht, ich sehe darin, sowie in ihrer Liebe, die sie mir ehrlich und offen gestanden hat, die Gewär unsres künftigen Glücks." „Bravo, bravo!" rief der Baron.„Es bleibt doch immer was Schönes, um so einen jungen Idealisten. Man möchte es ihm fast glauben, was er da vorbringt, dieser Apostel der Armut und Familienliebe, so überzeugend schildert er sein Glück. Ich fürchte nur, daß— nach einigen Jaren schon— besonders beim Tcater, haha, das ist ein ser schlüpfriger Boden, auf dem Sie Sich mit ihrer erhabenen Tugend schrecklich abplagen werden; nemen Sie Sich in acht, ich muß es Ihnen gestehen, mir wird für Ihr Eheglück ganz ungeheuer bange." Der Baron lachte und Fritz lachte mit. Dann griff er nach seinem Hute. „Sic wollen schon fort?" ftagte Hellenbach.„Nicht doch, bleiben Sie noch." „Ich kann nicht, ich muß in der Messe singen." „Wirklich? Und Sie singen da mit einem jungen Mädchen, das— ich habe davon gehört— das ebenfalls eine hübsche Stimme haben soll?" „Eine herrliche Stimme." „Wäre dieses junge Mädchen vielleicht Ihre Braut?" Der Baron tat diese Frage mit auffallender Lebhaftigkeit. „Weshalb ftagen Sie das?" „Weil ich es erfaren möchte; warum haben Sie auch dem Mädchen ihrer Liebe ein so enthusiastisches Lob gesungen, jezt bin ich neugierig, es kennen zu lernen." „Ich wenigstens werde diese Neugierde nicht beftiedigen." „Sie sind eifersüchtig?" „Wie ein Othello." „Ah, das ist lustig; aber sagen Sie mir doch wenigstens den Namen Ihrer Braut, nur ihren Taufnamen,— ich bitte Sie darum." „Sie können mich lebendig rädern, von mir erfaren Sie nichts." „Sie halten mich also für gefärlich?" „Ich halte Sie für sehr schädlich; Männer von Ihren lockeren Grundsätzen, dabei mit äußerlichen Vorzügen, können der Un- erfarenheit verderblich iverden" „Haha, wissen Sie, daß Sie mich durch dies Abweren erst recht aufteizen? Ich werde mich selbst auf Kundschaft legen, und ich werde erfaren, mit wem Sie singen." „Das kann ich Ihnen nicht verbieten, sonst täte ich's. Und nun leben Sie wol." „Vergessen Sie Ihre Rose nicht." „Es ist war." Fritz entnam sie der Vase. Hellenbach war ebenfalls aufgestanden, er hatte sein Messer hervorgezogen und mit einem Schnitt einen Zweig mit mereren Blüten herabgeschnitten. „Diese sind herrlich," sagte er, sie dem Jüngling hinreichend, „geben Sie sie Ihrer Braut von mir." „Ich danke, aber meme Braut wird diese Blumen nicht an- nemen." „Sie sind ein reizender Mensch mit Ihrer Eifersucht. Aber einerlei, diese Blumen müssen;Sie jezt nemen, aeben Sie sie, wem Sie wollen." „Sie sollen unsre kleine Schwester schmücken," sagte Fritz, die ihm aufgedrängten Blumen entgegennemend und zur Tür voran- schreitend, wohin ihm Hellenbach folgte. „Schniücken?" ftagte der leztere, das Wort absichtlich dehnend. „Die jungen Damen werden also warscheinlich den hentiqen Ball besuchen? Und Sie werden auch dort sein?" „Ich rette mich vor Ihrer Wißbegirde, Herr Baron; sie sängt an, mir unheimlich zu werden." Hellenbach nickte ihm mit scherzender Frölichkeit zu, und die Worte Mephisto» citirend: Ei, Possen, das ist nur zum Lachen, Sei nur nicht ein so strenger Mann, reichte er ihm die Hand zum Abschied. Fritz legte die seine hinein, aber nur zu einem kurzen, flüch- tigen Druck. Dann entfernte er sich rasch._ Eugen Hellenbach blieb an der offenen Tür stehen und sah ihm nach. Er lachte in sich hinein und murmelte:„Ein prächtiger Bengel, und von einer rürenden Naivetät. Es gibt also wirklich noch so unverdorbene, ursprüngliche Gemüter? Es ist zu ergötz- lich." Jezt verdüsterte sich sein Gesicht ein wenig.„Wenn diese kleine, reizende Elvira wirklich seine Braut wäre, ich iveiß nicht warum, aber es würde mich verdrießen— und weshalb? Wenn ich sie ihm abspenstig machte— es wäre zum totlachen! Aber wer weiß, ist sie es auch? Wir werden sehen." Er verließ das Gewächshaus, und den Garten durchschreitend, betrat er die Villa. Ueber einige Stufen kam er in eine Loggia, die mit hübschen Fresken geschmückt war, von da fürte eine Glas- tür in das Rauchzimmer. Er verfügte sich in dasselbe. Es war ein mäßig großes Gemach, das mit geschmackvollem Holzgetäfcl versehen war und eine Anzal Divans und niederer Sessel ent- hielt, alle mit orientalischen Teppichen belegt. In der Mitte desselben, auf einem reichgeschnitzten Tisch, lagen die Pläne für die neuauszufürenden Gartenanlagen. Die Mama und eine Schwester des Barons wollten, ehe sie in die Bäder reisten, hier einen kurzen Besuch machen, und für diesen Aufenthalt mußten eben einige Vorbereitungen getroffen werden. Der Baron war zu dem Behufe hierher gekommen, er wollte seine Anordnungen treffen und dann wieder in die Residenz zurückkeren. Jetzt drückte er auf einen Knopf, der den Telegraphen in Bewegung sezte. Ein Diener one Livree, in einem kleidsamen Civilanzuge, trat herein. Der Baron sagte, er wolle ausgehen. Dann ftagte er, wie im Vorbeigehen: „Es ist ja heute hier im Städtchen etwas los, ein Kränzchen, glaube ich, wird veranstaltet oder ein Ball,— haben Sie nicht davon gehört?" „Gewiß, gnädiger Herr, und der Herr Apoteker, ich glaube, er war's, der war ja gestern morgens selbst hier, den Herrn Baron dazu einzuladen, aber der Herr Baron waren nicht zu- hause." „So, so, es ist gut, ich werde den Ball besuchen. Haben Sie einen Frack eingepackt?" „Ei, frettich, Herr Baron, nie one diesen; man kann ja nicht wissen, selbst auf dem Lande—" „Sie sind die Vorficht selbst, Heinrich." „Ich schmeichle mir, Herr Baron." Eugen Hellenbach begab sich in das Garderobezimmer. Er betrachtete sich einen Moment im Spiegel,— seine Frisur, sein Anzug waren tadellos; etwas verstaubt fand er den Aermel seines Rockes, das war im Gewächshause geschehen. Der Diener bürstete ihn auf das sorgfältigste, dann schlüpfte er in seinen Paletot und nam Hut und Handschuhe. „Werden der Herr Baron zum Mittagessen zuhause sein?" frage der Diener. »Ja, ich gehe nur in die Kirche, ich muß heute dringend eine Messe hören." Er lachte, und auch der Diener erlaubte sich ein Lächeln. Hierauf verließ der Baron zu Fuß seine reizende Villa und ging nach der Stadt hinunter.— Neuntes Kapitel. Es war abends sieben Ur. Der Tanzsal im„goldnen Löwen" erglänzte unter dem soeben angezündeten Lüster in ftischer Wichse und in farbenbuntester Dekoration. Von allen Seiten nickten und winkten blaue, rote, grüne Fänchen, bauschten sich Draperien in den kühnsten Windungen oder legten sich in steife Falten, und darüber unendliche Gnirlandcn von Tannenreisig, denen papierne Rosen in erstaunlicher Ueppigkeit entwuchsen. Zunächst der Ein- gangstür Ivar eine Art Verschlag hergerichtet, den Herr Germanek weiß und rot tapeziren und wie eine Matratze hatte absteppen lassen. Dahinter sollte das Orchester seinen Platz nemen, und zwar in der Weise, daß von diesen guten Leuten und schlechten 187 Musikanten nur die Köpfe sichtbar waren, was hinsichtlich ihrer Haltung und ihrer Gewonheiten allerdings als eine ästhetische Neuerung erkannt werden mußte. Die Fenster, welche bisher offengestanden, um den vereinigten Gerüchen von Leim, Wachs und Farbe freien Durchzug zu gestatten, wurden jezt geschlossen. Der Wirt und zwei langbefrackle Kellner richteten und ordneten hier und dort, glitten hin und wieder, wobei ihre Stiefelsolen die widerwärtige Neigung zeigten, sich an dem frischgewichsten Fußboden festzukleben, sodaß die Trennung nur gewaltsam und mit einem kleinen Knistern erfolgte. Die Voreiligen! So ent- trugen sie das schöne, teure Wachs ungenüzt und unverstanden, und für die Tänzer blieb nur Leim und Farbe übrig. Vor dem Hause sammelte sich jezt, trotz des sanft nieder- rieselnden Regens, eine Anzal Schaulustiger. Sie harrten der Glücklichen, die da hinaus„auf den Ball" gingen, und obwol vorauszusehen war, daß sie nur hinaufgenommene Unterröcke und übergeworfene Winterhüllen zu sehen bekommen würden, so mußte ihre Phantasie doch erregt werden durch das, was da drunter stecken könnte, und die Falte eines weißen Kleides, eine sich hervordrängende Locke oder ein Handsträußchen, das ihr Blick zu erhaschen vermochte, war schon geeignet, unter dieser kleinen Schar das höchste, bewunderndste Entzücken hervorzubringen. Bisher war noch niemand gekommen, aber der Lüster war angezündet worden, sein Schein fiel auf die Straße herab, und sie drängten sich in demselben zusammen und freuten sich der gehobenen Stimmung, die er unter ihnen entstehen ließ. Jezt ward ein kleines Handwägelchen herangerollt und in die Hausflur dirigirt. Die Schauenden umdrängten, umschnüfselten es. Ein Deuten und Flüstern erhob sich runduni. Es ist der Zuckerbäcker, der Zuckerbäcker, ging's von Mund zu Mund, und ein kleiner Junge mit lüsternen Augen und offenem Munde, der mer Zanlücken als Zäne wies, versicherte, da drinnen sei das Gefrorne. Mit ehrftirchtsvollen, leuchtenden Blicken ward der Karren nun angestaunt, und ihre Augen folgten ihm, bis er an der Treppe verschwand. Den alten Israeliten hatte ihre Bundes- lade schwerlich größere Ehrfurcht und gewiß nicht soviel Ver- langen eingeflößt. Der Konditor kümmerte sich nicht darum. Er trug seinen Kasten nach der ersten Etage, wo der Tanzsal sich befand. Auf dem weiten, geräumigen Vorplätze, wo die von Herrn Gcrmanek eigenhändig ausgestopften Pegasusse aufgestellt waren, deren Flügel sonderbar lahm aussahen, war dem Kon- ditor eine Laube errichtet worden. Er musterte sie, und hierauf seinen Kasten öffnend, begann er hier seine Waaren auszulegen. Langsam und vorsichtig ging er dabei zuwerke und er ließ sich durch die vorbeischießenden Kellner und den hin und her kom- mandirenden Wirt nicht in seinen künstlerischen Anordnungen stören. Die Speiselokalitäten wurden jezt gedeckt, und da sämmt- liche Türen nach diesem Vorraum gingen, so war die Bewegung und Regsamkeit dahier wol erklärlich. Rechts voni Tanzsal befand sich ein großes Speisezimnier, wo der Comitötisch bereits in besonderem Schmucke prangte; um denselben gruppirten sich kleine, runde Tische mit ängstlich ab- gemessenen Tischtüchern, an welchen die übrigen gewönlichen Ballgäste sich niederlassen dursten. Links war noch ein kleines Zimmerchen, das nur Raum für einen einzigen, fteilich ziemlich großen Tisch enthielt, das aber, da es etwas höher lag, den Vorteil hatte, daß man von hier aus den ganzen Ballsal über- sehen konnte, und den weiteren, daß man möglichst weit von der Musik entfernt war. Dieser Tisch wurde nun gleichfalls etwas sorgfältiger bedeckt und bedacht und der Wirt spießte eigenhändig auf eine in einem Glase baumelnde Gabel einen großen Zettel, mit der Inschrift:„Herr Bürgermeister" auf. Dieser gespießte Bürgermeister sollte allen Unbeftigten als Warzcichen und War- nungszeichen dienen und ihnen in passendster Form begreiflich machen, daß sie hier nichts zu suchen haben. Der Wirt trat wieder auf den Vorplatz. Außer dem Sal- eingange und den zwei Türen der Speisezimmer, die sämmtlich geöffnet standen, fürten von hier aus zwei anders nach seiner Wonung, welche nach rückwärts hinaus lag und deren Fenster nach dem Flusse gingen. Das eine größere Gemach ward von den Möbeln geräumt und es waren in die Mitte desselben große, praktikable Kleiderrechen gestellt worden, auf deren hölzernen Haken die abzulegende Garderobe der Ballgäste aufgehängt werden sollte. An einer Seitenwand war ein großer, leider zerbrochener Spiegel angebracht und davor ein etwas wackliges Tischchen gestellt. Der Wirt brachte nun zwei Lichter in silbernen Leuch- lern und stellte sie in schöner Symmetrie vor dem Spiegel auf. Er legte hierauf ein Stecknadelkissen auf den Tisch und einen Kamm, der seit Jaren, trotz seiner ausgebrochenen Zäne, bei allen änlichen festlichen Gelegenheiten in Verwendung stand, und dies alles prüfend überblickend, fand er, daß es gut sei und daß dies sorgfältige Arrangement hoffentlich die Anerkennung seiner Gäste erringen werde. Wie er jezt hinaustrat, rannte er an den ersten an. Es war der jüngere Arzt des Städtchens, für diesen Abend Ballausschuß. Die lange, hagere Gestalt steckte in einem furchtbar riechenden Käutschukmantel, unter welchem nur ein paar Stiefletten hervorguckten, die um so größer schienen, da er die Beinkleider soviel als möglich hinaufgenommen hatte. Er bc- grüßte den Wirt ernst, mit steifer Grandezza und trat in die Garderobe ein. Er war in der Tat der erste. Er entkleidete sich des Kautschuks, den er an einen Haken sorgfältig aufhing, dann stülpte er seine Beinkleider um und stellte sich hierauf vor den Spiegel. Es war ein noch junger, bartloser, ungemein gravitätisch aussehender Mensch mit borstig hoch aufstehendem Haar und einem ungebürlich langen, starkgeröteten Hals, der sich bei jeder Bewegung noch zu verlängern schien. Er betrachtete sein Spiegelbild lange und aufmerksam, stillvergnügt und beftiedigt, und streckte dabei den Hals immer höher aus seiner weißen Kravatte hervor. Als jezt die Türe knarrte, wuchs dieser noch um ein erkleckliches, und er drehte ihn hierauf mit erstaunlicher Gelenkigkeit, wie eine Taube, one den Körper zu wenden, nach der Tür um, um zu sehen, wer eingetreten wäre. Es war der Apoteker mit seinem Stiefson. Auch sie entledigten sich ihrer Garde- robe, dann erst schüttelte man sich die Hände.(Fortsetzung folgt.) Allerlei Gesundheilssemde in uns und um uns. In neuester Zeit wird das Streben immer allgemeiner, an Stelle der Unsumme von Vorurteilen, niit denen unsre Vorfaren, selbst zumeist unsre Eltern noch, den Krankheitserscheinungen und Krankheitsgefaren des täglichen Lebens gegenübertraten, Erkennt- ms des Wesens unsrer Krankheiten und Beseitigung ihrer Ur- fachen treten zu lassen. Der gute Wille, etwas zu lernen über die Art, wie wir unsre Gesundheit schützen, sie Pflegen können, gewinnt an Ausbreitung in den Volksmassen, und die löbliche Absicht, zu lehren, was die Wissenschaft über das Wesen der Krankheiten und die Möglichkeit, wie die Mittel, ihrer Verhütung erforscht hat, tritt in der Presse, in Vereinen, in öffentlichen Vorttägen, selbst in Parlamenten und Ministerien nicht mer gar so selten, wie noch vor zwei Jar- zehnten, zutage.. Freilich kann man auch heute har, tränkender Torheit begegnen. wenn man die Leute nach ihrer Ansicht über diese oder jene An- gelegenheit der Gesundheitspflege fragt. Ich brauche nur an die inimer noch weitverbreitete Lustscheu alter Weiber männlichen und weiblichen Geschlechts zu erinnern. „Um Gotteswillen machen Sie das Fenster zu!" hat jeder von uns schon tausendmal rufen hören, wenn, selbst in warmer Sommernacht, in qualmgefüllten Kneiplokalen ein Fenster geöffnet wurde, oder in Eisenbancoupäs, deren übermäßig beschränkter Raum von mit acht bis zehn schwitzenden, mit voller Lungen- kraft atmenden und pustenden, rauchenden, wol auch an ihrem gröblich vernachlässigten Körper nicht eben gleich den Rosen von Schiras duftenden Herren und Herrinnen der Schöpfung bis zum Ersticken vollgepökelt ist. Daß die ftischere Außenluft es einigermaßen eilig hat mit der Verbesserung der in Grund und Boden hinein verdorbenen Binnenattnosphäre solcher Pökel- und Räucherkammern wird ihr arg übelgenommen von dem gescheiten Zweifüßler, der sich mit höchst unberechtigtein Stolze Mensch nennt. Natürlich!„Es ziet ja fürchterlich!" Und wenn„es ziet", so ist das gradeso lebens- gefärlich für die unglücklichen, vom„Zuge" Getroffenen, als wenn eine Lawine� einen zu verschütten droht oder ein Orkan ein Schiff auf offner See. befällt oder die Cholera im Anzüge ist. Natürlich für Schwächlinge beider Geschlechter und aller?lltersklassen, und auch bei diesen in den weitaus meisten Fällen nur in der Ein- bildung. Wenn bei kalter Winternacht in einem Tanzsal, dessen Luft durch die toten Heizvorrichtungen und die lebendigen, durch- einander springenden und jagenden Menschenöfen zu tropischer Hitze durchwärmt ist, urplötzlich ein Fenster aufgerissen wird und die nach Reaumur 10 Grad unter Null kalte Nachtlust herein- schießt und hereinschlägt in die Salatmosphäre mit ihren 22 Grad über Null, wenn jene eisige Lust entblößte, stark transpirirende Nacken und Busen, weitgeöffnete Lippen und Nüstern und nach vermerter Luftzufur lechzende, heftig arbeitende Atmungsorgane trifft— dann kann und wird dieser„Zug" schaden. Wenn aber ein solcher Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen nicht vorhanden, wenn der menschliche Organismus nicht Wärme entwickelt, wie ein Backofen, infolge übertriebener Bewegung, wenn die innern Atmungsorgane ruhig und die Haut nicht ge- reizt und feucht ist, dann kann man den„fürchterlichsten Zug" sicherlich zehnmal leichter ertragen, als die Stickluft schlecht venti- lirter Kneipen und Teater, selten gelüfteter Won- und Schlaf- zimmer und konservebüchsenartig verschlossener Eisenbancoupös. Aber gegen die Zugscheu Krieg zu füren, ist keineswegs der eigentlicheZweck dieser Zeilen. Es gibt andre, nicht minder ge- sundheitsgefär- liche Borurteile, zalreiche Ge- jundheitsfeinde in und um uns genug, die bis- her noch viel weniger in ihrer Gefärlichkeit er- kannt sind. Von den Vorurteilen sind es Haupt- sächlich zwei, welche beson- ders in den dichten Reihen der minderge- gebildeten und -bemittelten Volksteile über- aus zalreiche Opfer jarhun- dertelang gefor- dert haben und heute noch for- dern. � Das eine dieser Vorurteile danken wir religiösem Wane, der seine Früchte sehr oft auch da noch treibt, wo die Wurzeln stammen Aberglaubens längst gänzlich ausgerottet scheinen.„Wer einmal eine Krankheit kriegen soll, der kriegt sie doch;" oder sogar„Wem's nun einmal bestimmt ist, zu sterben, der stirbt, und da mag man machen, was man will," so hört man selbst Mütter reden, deren arme kleine Kinder durch rechtzeitige ärztliche Hülfe, durch gesunde Luft und erhöte Reinlichkeit oft genug vor Krankheiten geschüzt und nicht selten sogar dem Tode aus den Knochenarmen gerissen werden könnten. Das andre Vorurteil ist nicht minder töricht und nicht minder alt. Es ist hervorgewachsen aus der Afterwissenschaft längst ver- gangener Zeiten, welche alle Krankheiten als nach Art und Zeit- dauer genau bestimte, über eine geringe Anzal fertiger Leisten zu schlagende Erscheinungen auffaßte. „Jede Krankheit hat ihre Zeit," sagen die Leute.„Der Kench- husten dauert nun'mal 18 Wochen— das muß man eben ab- warten." Und so sehen die unklugen Menschen ruhig zu, wie sich ihre armen Würmer winden und quälen in Stickhusten und Krämpfen, und wenn die Kleinen diese bequeme Abwarteteorie der Eltern nicht aushalten und zugrunde gehen— nun, die Frommen denken:„Der Herr hat sie gegeben, der Herr hat sie genommen." Und die Unstommen trösten sich auch.„Gegen so was kann man eben nichts machen." Für jede einzelne Krankheitserscheinung kann man freilich nicht ein bestimmtes Kanipffchema entwerfen, wie es die frühere Zeit Die Feldbestellung in Indien,(«eite 19».) bis vor ganz kurzem in ihrer beschränkten, einsichtarmen Weise getan hat. Man siet auch nicht jedem Gesundheitsfeind in unsrer Umgebung an, daß er einer ist; es hilft eben hier wie da, auf dem Gebiete der Gesundheitspflege wie auf jedem andern Wissens- felde nichts, man muß überall mit Sorgfalt und Geduld die Erscheinungen und ihren Verlaus kennen zu lernen suchen, ihren Ursachen nachforschen, die Mittel, den Gesundheitsstörungen zu be- gegnen, unermüdlich zu erkennen streben. Der Mann und die Frau aus dem Volke dürfen diese Aufgabe den Männern der Wissen- schaft nicht allein üoerlasfen, zum mindesten muß jeder denkende und es mit sich und seinen Mitmenschen wolmeinende Mensch das von der Wissenschaft über Krankheitsursachen und Gesundheits- pflege Ermittelte und Festgestellte kennen zu lernen, zu verstehen und ihm Wirksamkeit zu schaffen eifrigst bemüht sein. Der Feinde, die uns unbekannt oder unbeachtet umgeben, sind viel, und das Verständnis, uns vor ihnen zu schützen, ist gegenwärtig noch gar sehr gering. Wer denkt z. B. daran, daß das Geld, das vielbegehrte, heiß- geliebte Geld in seinen kleinen und großen Stücken und Scheinen zu den Feinden unsrer Gesundheit gehört? Hält eine epidemische Krankheit irgendwo ihren furchtbaren Rundgang, so sucht man durch Reini- gung, Desinfek- tion oder Ver- nichtung der Wonungen, Kleidungsstücke, Betten des Be- fallenen die An- steckungsgefar zu vermindern, die die Krank- heit verbreiten- den Kontagien, die Träger der Ansteckung, zu vernichten. Nur die über Gebür hochgeschätzten Nickel-, Silber- und Goldstücke, wie die Bank- papierchen, spa- ziren ungehin- dert, unkontro- lirt und un- gereinigt aus einer Tasche in die andre, schlei- chen sich in alle Krankenstuben hinein und wieder hinaus, und sind doch nicht minder gefärlich für Gesunde, wenn sie eben aus der nahen oder fernen Berürung mit Menschen kommen, welche von ansteckender Krankheit befallen sind, als Kleider und andre Gegenstände, um deren Unschädlich- machung man sich die größte Mühe gibt. An die durch das Papiergeld getragene Ansteckungsgefar wird jeder leicht glauben; das Metallgeld aber wird man, und nicht ganz mit Unrecht, für weniger[geeignet halten, einen Krankheitsstoff zu verschleppen. Aber nur bei neuem, blanken Golde hat man dazu Ursache. Das umlaufende Gold und Silber wird aber rasch abgenutzt und umziet sich mit einer Schmutzschicht, die sich, wie jeder weiß, oft zu einer dicken Schmutzkruste ausbildet. Die„Braunschweiger Monatsblätter für öffentliche Gesundheitspflege" schrieben vor einiger Zeit über die Gefärlichkeit solchen schmutzüberzogenen Geldes einen Auffatz, aus dem das Folgende, gewiß allgemein Beherzigenswerte hier mitgeteilt werden mag. Der Arzt, sagen sie, reinigt und desinfizirt seine ohnedies säubern und blanken Instrumente vor der kleinsten Operation nochmals, um sie nicht zu Trägern eines denkbarer Weise daran haftenden Krankheitsgistes zu machen. Ist das Geld, welches nie gereinigt wstd, weniger sähig, eine Ueberttagung zu ver- mitteln? Die Hand, welche soeben mit Geldstücken in Kontakt war, berürt oft in den nächsten Minuten die Schleimhaut der Lippen oder der Nase. Das Geld kommt gerade ser häufig in die Hände der Kranken, besonders ist dies bei Kindern der F»ll. Aermere Leute, welche nicht in der Lage sind, Kindern Spielzeug kaufen zu können, geben ihnen ser gewsnlich Geld zum Spielen. Es ist mir ser häufig begegnet, daß die Kleinen Tage lang mit denselben schon klebrigen Stücken in ihren Bettchen spielten. Wie oft wird eine bittere Arznei erst durch einige Pfennige oder Groschen versüßt, schmackhaft gemacht. Nach überstandener Krankheit werden die Krankenzimmer vorsichtig desinfizirt, die Wäsche in kochendem Wasser gereinigt, der Patient gebadet, damit seine Berürung den Angehörigen nicht schade. Das klingende Spielzeug geht unbe- achtet seine weiteren Wege im allgemeinen Verkehr. Bei den er- wachsenen Kranken liegt der Fall nahezu änlich. Sie trennen sich häufig nicht vom Gelde, welches entweder auf dem Betttische oder gar in einem Beutelchen unter dem feuchten Kopfkissen des Besitzers rut, bis es in die Hände des Nachfolgers gelangt. Leider ist man wol nur in den seltensten Fällen im Stande, die Wanderung der einzelnen Stücke von Person zu Person zu verfolgen. Es ist daher schwer, den Beweis zu füren, daß dieselben im einzelnen Falle einen Krankheitsstoff vermittelten. Dies wird uns nicht hindern, aus dem Gesagten einige prak» tische Folgerungen zu ziehen: Man gebrauche das Geld nur zu den Zwecken, welchen es dienen soll. Es ist eine schlechte Gewonheit, dasselbe unver- schloffen in den Taschen mit sich zu tragen, und dadurch den Schmutz andrer am eignen Körper zu reinigen. Ebenso ungehörig ist es, Kommoden und Schränke jur Aufbewarung des Geldes zu benutzen, in denen gleichzeitig Wäsche oder Eßwaaren liegen. Vor allem vermeide man es, Kindern das Geld zum Spielen zu geben. Es ist eine bekannte Gewonheit der Kleinen, Gegen- stände aller Art in den Mund zu nemen. Die zarten Schleim- häute der Kinder sind viel empfänglicher als die der Erwachsenen. Jägerlatein«(Seite 194.) Mundfäule, Bildung von Schwämmchen und Diphtheritis sind besonders Krankheiten des Kindesalters, die sich häufig auf solche Gelegenheitsursachen zurückfüren lassen. Die Gefar des Verschluckens von Minzen in manchen Fällen mit tätlichem Ausgang verdien ebenfalls hervorgehoben zu werden. Besonders empfelenswert erscheint es, auf die allgemeinen Reinlichkeitsregeln speziell mit Berücksichtigung des Gesagten hin- zuweisen. Ein häufiges Waschen der Hände bei Kindern und Erwachsenen, auch bei solchen, deren Geschäft ein sogenanntes reinliches ist, wird am besten ini Stande sein, die Gefaren zu umgehen, welche der notwendige Geldverkehr mit sich bringt.— Ein andrer in sehr vielen Haushaltungen und wol fast überall da, wo Kinder sind, eingebürgerter Gebrauchsgegenstand, der leicht zum Feinde und Vemichtcr menschlicher Gesundheit werden kann, ist—— der Waschschwamm. Der rühmlichst bekannte Arzt und unermüdliche Vorkämpfer Vernunft- und wissenschaftsgemäßer Volksgesundheitspflege, Professor Dr. Reclam, hat in seiner „Gesundheit"(Zeitschrift für öffentliche und private Hygieine) über d'>..Waschschwämme als Krankheitsverbreiter" interessante Mit- teilungen gemacht. Danach wurden vor zwei Jaren in der chirur- gischen Klinik des Professor Billrotb in Wien nach meieren großen Operationen, bei denen durch die sorgsamsten Borsichtsmaßregeln jede Möglichkeit einer Uebertragung von etwa in der Luft be- findlichen Krankheitsstoffen ausgeschlossen war, schnell nacheinander einige Todesfälle durch äußerst rasch verlaufende Faulvergiftung des Blutes(Sepsi») beobachtet. Der Verdacht, die Ansteckungs- quelle zu bilden, fiel einerseits auf die bei den Operationen zur Blutstillung und Wundenreinigung benutzten Schwämme und andrerseits auf die Seide, welche zum Verbinden der Gefäße und für die Nähte gebraucht worden war, obwol die Aerzte beide durch Einlegen in fünfprozentige Karbolsäurelösung hinreichend desinfizirt zu haben glaubten. Der Chirurg, Prof. Frisch, welcher schon seit langem sich mit Untersuchungen von Spaltpilzen und deren Beziehimgen zu ansteckenden Krankheiten beschäftigt, unter- suchte die Schwimme und die Seide, indem er kleine Teile von beiden in gläserne Gefäße einschloß, welche mit Flüssigkeit, in denen die Spaltpilze gedeihen und sich vermeren, angefüllt waren. Zwei verschiedene Flüssigkeiten wurden zu diesen Experimenten benutzt, und zwar erstens eine von Prof. Ferdinand Cohn in Breslau als„normale Bakterienflüssigkeit" bezeichnete Mischung -- 190 von einem Teil phosphorsaurem Kali, einem Teil schwefelsaurer Aiagnesia, zwei Teilen weinsteinsaurem Ammoniak, Vio Teil Chlorkalk in 200 Teilen Wasser, und zweitens frischer„normaler Harn", den man solange mit kolensaurem Natron versezte, bis das eingetauchte Lackmuspapier eine deutlich blaue Färbung zeigte. Hierauf wurde der Harn zwei Stunden lang� gekocht, wobei er sich durch Ausfällung von phosphorsauren Salzen trübte und nun filtrirt werden mußte. Nach wiederholtem Kochen trübte sich der Harn wieder und mußte von neuem filtrirt werden. Wärend des dritten Kochens blieb der Harn in der Regel klar und mußte dann durch weitere sieben Stunden kochend erhalten und das ver- dampfende Wasser unaufhörlich durch kochendes destillirtes Wasser ersetzt werden. Der so behandelte Harn und die normale Bakterienflüspgkeit bilden im Verein eine Narung für die in neuester Zeit so be- rüchtigt gewordenen mikroskopischen Schmarotzer des menschlichen Körpers, in der jede Art derselben gedeiht; kommt eine Art in der einen jener Flüssigkeiten nicht fort, so befindet sie sich bestimt ungemein wol in der andern. Eine bessere Metode in der Unter- suchung, als gleichzeitig mit in der erwänten Weise präparirtem Harn und der Bakterienflüssigkeit war daher in dem vorliegenden interessanteu Falle überhaupt nicht anzuwenden. Um von der außerodcntlichen Schwierigkeit und Mühseligkeit solcher wissenschaftlichen Nachforschung einen annähernd zutreffen- den Begriff zu geben, sei auch des weiteren Ganges derselben hier noch Erwänung getan. Die Züchtungsflüssigkeitcn wurden in Glaskolben gegossen und diese mit sicher schließenden gedrehten Wattenpfropfen verschlossen, die vorher zum Zwecke der Befteiung von jeder etwa störenden Verunreinigung im Trockenkasten drei Stunden lang einer Hitze von 140 Grad Celsius(gleich 112 Grad Röaumur) ausgesetzt worden waren. Zu Versuchsgläsern dienten dünnwandige Rören, welche sorgfältigst ausgewischt und ausgespült und dann in der Gasflamnie leicht ausgeglüt worden waren, damit auch hier jeder etwa vor- handeue tierische oder pflanzliche Keim getötet iverde. Darauf wurden auch diese Gläschen mit drei Stunden lang erhitzten und noch heißen Wattepftopsen sorgfältig verschlossen. Alsdann wurden die Züchtungslösungen selbst in den Gläschen noch einmal auf- gekocht und, nachdem sie danach so rasch als möglich mit erhitzter Watte geschlossen worden waren, bis zur Vorname der eigent- lichen Untersuchungsopcrationen merere Wochen laug bei einer Temperatur von-ft 35 bis 38 Grad Celsius(gleich 28 bis 31 Gr. Wärme nach Rsaumur) beobachtet, ob sich in ihnen ctiva doch noch Pilzsporen entwickeln könnten. Erst nachdem sich Professor Frisch überzeugt hatte, daß alle Versuchsgläschen vollkommen klar blieben, wurden die Versuche begonnen. Der mit so mühevoller Sorgfalt beobachteten Vorsicht halber wurden auch die auf Bakteriengehalt zu prüfenden Schwämme und die Seide stets mit eben erst aus- geglüten kleinen Zangen gefaßt und damit in die Versuchsgläschen eingesenkt. Neben diesen, welche beide bakterienverdächtige Gegen- stände enthielten, wurden etliche nur mit Närlösungen, nicht mit Seide und Schwamm, versehene Gläser unter genau denselben Umständen derselben Untersuchung unterzogen. Der Erfolg dieser nicht minder umständlichen, als umsichtigen und gewissenhaften Nachforschungen war die wissenschaftliche lieber- zeugung, daß Schwämme und Seidenfäden nur dann vollständig verschont waren von Spaltpilzen, d. h. also von Krankheitskeimen, wenn sie entweder in fünfprozentiger Karbolsänrelösung drei Stunden lang Hintereinauder im Kochen erhalten wurden, oder wenn sie, eingeschlossen in dickwandige Glasröhren, in einen Trockenkasten gebracht und darin langsam erhitzt worden waren, bis das Termometer' eine Biertelstunde hindurch-ff 140 Grad Celsius(gleich 112 Grad Wärme R.) gezeigt hatte. Für die Chirurgen folgt aus dieser Erkenntnis die Lere, daß sie weder Schwamm noch Seide bei ihren Operationen gebrauchen dürfen, ehe sie dieselben nicht auf die eben angegebene Weise ge- reinigt haben. Im privaten Haushalt kann man überhaupt nicht gut, und ain wenigsten vor jedem Schwammgebrauch— der Seidenfaden kommt, als mit dem Körper nur selten in allzunahe Berüruug kommend, weniger in Betracht—, solche langwierige Reinigung nach allen Regeln der Wissenschaft vor sich gehen lassen; man soll sich aber hüten, den Schwamm mit Wunden am menschlichen Körper in Berürung zu bringen und dafür sorgen, daß die kleinen Kinder die unter ungünstigen Verhältnissen gcfärliche Liebhaberei, die Schwämme in den Mund zu stecken und daran herumzunutschen, sich abgewöneu. Daß die Schwämme nicht weit öfter Unheil anrichten, als es geschiet, kommt wol hauptsächlich daher, daß die beständig im Gebrauche befindlichen Schwämme den Bakterien keinen so günstigen Närboden bieten, als ungebrauchte, und daß außerdem nur die Berürung mit irgendwie bereits krankhaft affizirten Körperstellen empfindlichen Nachteil im Gefolge hat. Jedenfalls aber ist tnnlichste Vorsicht den Schwämmen gegen- über im Haus und besonders in der Kinderstube nicht weniger geboten, als dem Gelde gegenüber. Bei nächster Gelegenheit wollen wir weitere, garnicht oder nicht genügend beachtete Feinde der menschlichen Gesundheit dem erkenntnisbegierigen Lescpublikum der„Neuen Welt" vor die Augen füren. 0. Sr. Zleber die geistigen Gesetze, denen der Fortschritt der Civilisation unterworsen ist.(Schluß.) Es darf nicht vergessen werden, daß jede große Reform nicht hauptsächlich darin bestanden hat, etwas Neues zu tun, sondern etwas Altes abzuschaffen. Die wertvollsten Gesetze bestanden in der Abschaffung früherer Gesetze. So bestet z. B. die Abname der religiösen Verfolgung, one Zweifel eine ungeheure Woltat, offenbar nur darin, daß die Gesetzgeber ihr eigenes Werk unge- schehen machten und aufhörten, sich in die Meinungsangelegen- heiten des Volks einzumischen. Es ist klar, daß wir den Fort- schritt der Civilisation nicht denen verdanken können, die so viel Unheil gestiftet haben, daß ihre Nachfolger als Woltäter gefeiert werden, blos weil sie das Gegenteil von dem tun, was die frü- here Politik tat und die Dinge wieder zu dem Zustand zurück- füren, in dem sie geblieben sein würden, wenn die Politiker ihnen erlaubt hätten, den Verlauf fortzusetzen, welchen das Bedürfniß der Gesellschaft verlangte. Die Ausdcmnig, in welcher die regierenden Klassen überall sich eingemischt und die verderblichen Folgen dieser falschen An- sichten von Schutz, den die Völker auf den verschiedenen Gc bieten der Religion, des Handels und der Industrie nötig haben sollten, haben den Fortschritt der meisten europäischen Länder in hohem Maße verlangsamt. Wiederholt haben die großen christ- lichen Regierungen lebhaste Anstrengungen gemacht, die Freiheit der Presse zu zerstören und die Menschen daran zu hindern, ihre Ansichten über die wichtigsten Fragen der Politik und Religion auszusprechen. Fast in jedem Lande hatten sie mit Hülfe der Kirche ein ausgedehntes System literarischer Polizei eingerichtet, deren einziger Zweck es war, das unzweifelhafte Recht jedes Bürgers, seinen Mitbürgern seine Ansicht vorzulegen, abzuschaffen, und Ivo sie nicht offen die freie Verbreitung des Wissens ver- bieten konnten, haben sie doch alles getan, um sie zu hindern. Auf alle möglichen Mittel, wodurch Wissen gewonnen und ver- breitet wird, wie Papier, Bücher, politische Journale u. dgl. haben sie so schwere Abgaben gelegt, wie wenn sie geschworene Vertreter der Volksunwissenheit gewesen wären, so daß man mit allem Nachdruck behaupten kann: sie haben den menschlichen Geist besteuert; sie haben selbst die Gedanken der Menschen Zoll be- zalen lassen. Es ist warlich traurig, zu sehen, wie das Wissen gehindert und der Ertrag redlicher Arbeit, ausdauernden Den- kens und manchmal tiefen Genies vermindert wurde, damit ein großer Teil dieses armseligen Verdienstes den Prunk eines müs« sigen und unwissenden Hofes verwerte, der Laune weniger mäch- tiger Individuen diente und ihnen nur zu oft die Mittel ge- geben wurden, den Reichtum, den das Volk geschaffen, gegen das Volk selbst zu wenden. Alles in allem genommen, müssen wir uns mit Recht wun- dern, wie so vielen störenden Einflüssen gegenüber die Civili- sation überhaupt fortschreiten konnte. Daß sie unter solchen Um- ständen fortgeschritten ist, beweist entschieden für die außerordent- liche Energie des Menschen und rechtferttgt den zuversichtlichen Glauben, daß der Fortschritt auch fernerhin von statten gehen werde. Aber widersinnig ist es, ja ein Hon gegen alle gesunde 'Vernunft, der Gesetzgebung irgend einen wesentlichen Anteil an dem Fortschritt zuzuschreiben oder von künftigen Gesetzgebern irgend eine Woltat zu erwarten, ausgenommen die, künstliche l Schranken der Kultur abzuschaffen, die ihre Vorgänger errichtet haben. Dies ist es, was die gegenwärtige Generation von ihnen verlangt und man sollte sich erinnern, was die eine Generation als eine Gunst verlangt, das fordert die nächste als ein Recht. So sind wir im Verlaufe dieser Untersuchungen zu der wich- tigen Erkenntniß gelangt, daß nur das intellektuelle Element des geistigen Fortschritts diesen selbst bedingt, wärend das»10- ralische dagegen ganz in den Hintergrund tritt*). Aus Ursachen, die wir nicht wissen, verändern sich die mora- tischen Eigenschaften onc Zweifel fortdauernd und bei dem einen Manne, vielleicht auch bei der einen Generation wird ein lieber- maß von guten Absichten, bei der andern ein Uebermaß von schlechten vorhanden sein. Aber wir haben keine Ursache, zu glauben, daß eine dauernde Veränderung in dem Verhältniß ein- getreten ist, worin die, welche von Natur gute Absichten hegen, zu denen stehen, die mit bösen behaftet zu sein scheinen. Was man die angeborene und ursprüngliche Sittlichkeit der Mensch- hcit nennen könnte, macht, so weit wir sehen, keinen Fortschritt. Von den verschiedenen Leidenschaften, die uns angeboren sind, herrschen einige zu dieser, andere zu jener Zeit vor. Erfarung aber lert uns, das sie immer in Widerstreit mit einander sind und sich daher durch ihren eigenen Gegensatz die Wage halten. Die Wirkung eines Beweggrundes wird durch die Wirkung eines andern berichtigt, denn jedes Laster hat seine entsprechende Tu- gend. Der Grausamkeit wirkt Wolwollen entgegen, durch Leiden wird Mitleiden erregt, die Ungerechtigkeit der einen ruft die *) In diesem, wie in manchem andern Punkte, sind wir andrer Meinung, als Buckle, dem unser Herr Mitarbeiter in diesem seinem Auszüge aus einem Kapitel der berühmten„Geschichte der Civilisation in England" streng objektiv folgt. Wir werden gelegentlich unsere ab- weichenden Anschauungen darlegen und zu begründen suchen. Red. d. N. W. Woltätigkeit der andern hervor; neue Uebel finden neue Heil- mittel und selbst die ungeheuersten Verbrechen, die jeiuals be- kannt geworden sind, haben keinen dauernden Eindruck hinter- lassen. Die Verwüstung von Ländern und das Hinschlachten ihrer Bewoner sind Verluste, die sich unfelbar wieder ersetzen und in einigen Jarhunderten ist ihre Spur gänzlich wieder ver- wischt. Tie riesenhaften Verbrechen Alexanders oder Napoleons verlieren nach einiger Zeit ihre Wirkung und die Augelegenhciten der Welt kehren auf ihr früheres. Maß zurück. Dies ist die Ebbe und Flut der Geschichte, die fortwärende Strömung, der wir nach den Gesetzen der Natur unterworfen sind, lieber alle dem bewegt sich eine weit höhere Welt und wie die Flut weiter rollt, jetzt vor und jetzt zurückget in ihrem endlosen Hin- und Her- schwanken, gibt es eins und nur eins, was ewig wärt. Die Taten schlechter Menschen bringen nur zeitweilige Uebel hervor, die Taten guter nur zeitweiliges Gutes und endlich sinkt Gut und Uebel völlig zu Boden, wird aufgehoben durch nach- folgende Generationen und get in lue unaufhörliche Bewegung folgender Jarhunderte auf. Aber die wisseuschaftlichen Ent- deckungen großer Männer verlassen uns nie, sie sind unsterblich; sie enthalten jene ewigen Warheitcn, die den Sturz von Reichen überleben, die länger dauern, als die Kämpfe streitender Re- ligionsparteien, ja eine Religion nach der andern in Verfall ge- raten sehen. Alle Religionen haben ihr eigenes Maß und ihre eigene Regel; eine gewisse Meinung gilt für ein Zeitalter, eine andere für ein anderes. Sie schwinden dahin wie ein Traum, sie sind Phantasiegeschöpfe, von denen selbst die Umrisse nicht stehen bleiben. Nur den Entdeckungen der Wissenschaft verdanken wir alles, was wir haben, nie jung und nie alt, tragen sie den Samen ihres eigenen Lebens in sich; sie fliehen fort in einem unsterblichen Strome, sie gebären stets neue Erkenntniß und wirken so auf die entfernteste Nachkommenschaft, ja nach dem Ver- lauf von Jarhunderten wirken sie stärker, als sie es im Augen- blick ihres Bekanntwerdens vermochten. Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Huida. Für die„N. W." mit Erlaubnis der Verfasserin übersezt von L. v. d. wieleck. (2. Fortsetzung.) Ein paar Jare später wurde der alte Tehan Daas, der schon über ein halbes Jarhundert ein Krüppel war, so steif und lam in den Gliedern, daß er mit dem Karren nicht wer ausgehen konnte. Da nam der kleine Nello, der inzwischen sechs Jare alt ge- worden war und die Stadt, in welche er seinen Großvater so oft begleitet hatte, ser genau kannte, die Stelle des alten Tehan Daas ein, trabte neben dem Karren her, verkaufte die Milch, kassirte das Geld und brachte es den Eigentümern mit einer kindlichen Anmut und Ernsthaftigkeit, die jedermann entzückten. Der kleine Ardenner war ein schönes Kind, mit dunkeln, ernsten, zärtlichen Augen, einem rosigen, lieben Gesicht und blon- den Locken, die bis in den Nacken herabhingcn; mancher Künstler zeichnete die Gruppe, als sie an ihm vorbeizogen— der grüne Karren mit den messingenen Milchkannen, der große, gelbbraune, brcitbrustige Hund, mit seinem schellenbehängten Geschirr, das lustig klingelte, und die kleine, nebenhcrlaufende Gestalt, mit ihren kleinen, weißen Füßchen in großen Holzschuhen und mit dem janften, ernsten, glücklichen Gesicht, änlich einem der kleinen hübschen Kinder von Rubens. Nello und Patrasche machten ihre Sache so gut und arbei- teten so einträchtig zusammen, daß Tehan Daas, als der Som- mer kam und er sich wieder besser fülte, gar nicht nötig hatte, mer anszugchn, sondern in der Tür in der Sonne sitzen konnte. Da sah er denn vergnügt mit zu, wie sie durch das Garten- pförtchen hinausfuren, und nickte dann ein wenig ein und träumte und betete ein wenig und nickte wieder ein und wachte auf, wenn die Ur drei schlug, um ihre Heimkunft zu erwarten. Und wenn sie heimkamen, schüttelte Patrasche mit ftölichem Gebell das Geschirr ab und Nello erzälte stolz die Erlebnisse des Tags. Und dann gingen sie zusammen herein zu ihreni Mal von Roggenbrot und Milch, und hernach setzten sie sich an den Kanal, um die vorüberfarenden Schiffe zu betrachten, oder beobachteten von der Schwelle der Hütte, wie die Schatten sich auf die Ebene streckten und das Zwielicht die Katedrale umschleierte, und dann lagerten sie sich zu ihrem friedlichen Schlummer, wärend der alte Mann ein Gebet hersagte. So vergingen die Tage und die Jare, und Nello's und Pa- trasche's Leben war glücklich, unschuldig und gesund. II. Namentlich im Früling und im Sommer waren sie guter Dinge. Flandern ist kein besonders liebliches Land und um die Stadt des Rubens ist es vielleicht am wenigsten lieblich. Getreide und Rübsaat, Weideland und Pflugland reihen sich in ermüdendem Einerlei aneinander, und die Einförmigkeit der Landschaft wird nur unterbrochen durch einen Kirchturm hier und da, oder durch einen Mann, der ein Reisigbündel trägt, oder durch eine Aerenleserin, die ihre Garbe nachhaus bringt, sonst keine Abwechslung, keine Mamiichfaltigkeit, keine Schönheit; und wer auf den Bergen oder in den Wäldern gelebt hat, fült sich in der endlosen, traurigen Ebene gedrückt wie in einem Gefängniß. Aber sie ist grün und sehr fruchtbar und bietet eine unbegrenzte Fernsicht, die trotz ihrer Langweiligkeit und Monotonie doch einen gewissen Reiz hat; und zwischen den Binsen am Wasser wachsen Blumen, und die Bäume erheben ihre dichtbelaubten Wipfel, wo die Schiffe dahingleiten mit ihrem großen, schwarzen, sonncnbe- schienencn Rumpf, ihren grünen Fässern und ihren bunten Wim- peln, die an die überhängenden Zweige fast anstreifen. Jedenfalls ist genug Grün und genug Raum da, und für ein Kind und einen Hund reicht das aus, auch wenn es der Landschaft an malerischer Schönheit felt. Nello und Patrasche kannten es nicht besser und sie verlangten es nicht besser. Sic waren zufrieden und glücklich; und wenn die Arbeit vorüber war, dann gab es für sie keine größere Seligkeit, als sich ins hohe Gras anc Kanal hinzustrecken und die mächtigen Schiffe vorbeifahren zu sehen, welche den frischen belebenden Salzgeruch der See mit sich ins Land hereinbrachten. Freilich im Winter war's nicht so gut; sie mußten in der Dunkelheit und in der bitteren Kälte aufftehn, und sie hatten selten so viel, daß sie sich satt essen konnten und die Hütte war nicht viel besser als ein halboffener Heuschober, wenn die Nächte frostig und windig waren, obgleich sie bei warmem Wetter so hübsch aussah mit dem riesigen Weinstock, der zwar keine Trau- den trug, dafür aber in den Monaten der Blüte und Ernte mit seinen üppigen Blättern und seinen rankenden Zweigen die Hütte desto besser bedeckte und umschlungen hielt. Im Winter fanden die Winde gar nianchcn Riß in den Wän- den der armen, kleinen Hütte, der Weinstock war schwarz und blätterlos, und das kale Land sab gar öde und traurig aus, und wenn es überschwemmt war, drang das Wasser oft bis in die Hütte hinein und fror auf dem Fußboden. Im Winter war es hart, und der Schnee erstarrte die kleinen weißen Glieder des kleinen Nello, und das Eis zerschnitt die tapferen, unermüdlichen Füße des großen Patrasche. Aber auch dann hörte man sie nicht jammern— keinen von beiden. Die Holzschuhe des Kinds und die vier Füße des Hun- des trabten unverdrossen über Schnee und Eis, bei dem lustigen Geklingel der Glocken des Geschirrs; und manchmal reichte ihnen in den Straßen Antwerpens eine gutmütige Hausfrau einen Napf Suppe und eine Handvoll Brod; oder ein freundlicher 5lrämer warf ihnen einige Stücke Holz oder Kolen auf den Karren, wenn sie nach Haus füren; oder ein Bauerweib in ihrem Dorfe erlaubte ihnen etwas von der Milch für ihre eigene Na- rung zu behalten; und dann rannten sie über das weiße Land, durch die frühe Finsterniß, froh und glücklich und stürzten mit Freudengeschrei und lustigem Gebell in die Hütte. Im ganzen erging es ihnen also gut, sehr gut; und wenn Patrasche auf der Straße den vielen Hunden begegnete, die von früh Morgens bis spät Abends sich abschinden müssen, nur Schläge und Flüche zum Lon bekommen, mit einem Fußtritt vom Karren losgemacht werden— und nach denen kein Han dann mer kräht— wenn Patrasche diese seine unglücklichen Kameraden sah und sich an sein früheres Schicksal erinnerte, dann war er sehr, sehr zufrieden mit seinem Los und meinte in seinem dank- baren Herzen, er könne es gar nicht besser haben. Und obgleich er oft hungrig, wirklich recht hungrig war, wenn er sich Abends aus die Streu legte; obgleich er in der brennenden Hitze des Sommers und in der betäubenden, beißenden Kälte des Winters zu arbeiten hatte; obgleich seine Füße oft wund waren von scharfen Eisstücken oder von spitzen Steinen; und obgleich seine Arbeit eigentlich gegen seine Natur und über seine Kräfte ging — so war er dankbar und zufrieden; er tat jeden Tag seine Schuldigkeit, und die Augen, welche er liebte, lächelten ihm fteundlich zu. Und das war genug für Patrasche. Nur eins verursachte Patrasche in seinem Leben einiges Un- behagen: Antwerpen, wie jedermann weiß, ist voller Kirchen und Türme, wettergeschwärzt und alt, und majestätisch, in winkligen Ecken stehend, eingezwängt zwischen Kneipen und Toren, am Rande des Wassers, mit Glockenspielen hoch oben, und manchmal mit prächtiger Musik im Innern. Da stehen sie, die großartigen Heiligtümer der Vergangen- heit, wie Gefangene inmitten des Schmutzes, des Treibens und Drängens der unliebenswürdigen modernen Geschäftswelt,— und den ganzen Tag segeln die Wolken über ihnen weg, die Vögel umkreisen sie, die Winde senden ihnen seufzende Grüße, und unter der Erde, zu ihren Füßen schläft— Rubens. Und die Größe des gewaltigen Meisters rut noch auf Ant- werpen. Wohin wir uns wenden in den winkligen, engen Straßen, sein Ruhm tritt uns entgegen, und alles Gemeine wird durch ihn verklärt, geläutert, erhöt; und wenn wir lang- samen Schrittes durch die krummen Gassen wandeln, und am Rand des, mpstgen Wassers, durch die übelriechenden„Höfe" � da ist sein>ruß bei uns, und die wunderbare, heroische Schön- heit seiner Visionen ist um uns, und die Steine, die einst den Tritt seines Fußes füllen und seinen Schatten trugen, sie scheinen sich zu erheben und mit lebendigen Zungen von ihm zu reden. Denn die Stadt, welche das Grab des Rubens ist, lebt für uns noch immer durch ihn und nur durch ihn. One Rubens, was wäre Antwerpen? Ein schmutziger, dumpfi- ger, geräuschvoller Markt, den niemand des Ansehens wert hielte, mit Ausname der Krämer, die dort Geschäfte machen. Mit Rubens und durch Rubens ist es für die ganze Menschenwelt ein heiliger Name, ein heiliger Boden, ein Bethlehem, wo ein Gott der Kunst das Licht erblickte, ein Golgatha, wo ein Gott der Kunst tot liegt. Es ist so ruhig da, bei diesem großen weißen Grabmal— so ruhig, außer wenn die Orgel brauset und der Chor das „Salve Regina" oder„Kyrie eleison" hinausschmettert. Sicher- lich, kein Künstler hatte je einen großartigeren Grabstein als jenes Marmorheiligtum im Herzen seines Geburtsorts, im Aller- heiligsten der Sankt Jakobskirche. Oh ihr Völker! Hütet euere großen und guten Männer wie einen Schatz, denn nur durch sie wird die Zukunft euch kennen. Flandern war seiner Zeit weise. Als Er lebte, verherrlichte es Ihn, seinen größten Son, und seit Er tot ist, feiert� es seinen Namen und sein Andenken. Allein solche Weisheit ist selten. Was Pallasche in Verlegenheit setzte war dies: in jenes große traurige Steinmonument, welches seine melancholische Majestät über die zusammengedrängten Hausdächer erhebt, schlüpfte oft, oft der kleine Nello, und verschwand durch das dunkle, gewölbte Portal, wärend Pallasche, draußen auff dem Pflaster allein gelassen, vergebens grübelte, welcher Zauber seinen unzerllennlichen Freund von ihm weglocken könne. Ein oder zweimal wollte er selbst nachsehen und drang mit seinem Milchkarren die Treppe hinauf, aber er wurde stets von dem fetten Türhüter, der in seinem schwarzem Gewand und seiner Dienstkette gar würdevoll dastand, one Federlesens zurück- gewiesen; und da er seinem kleinen Herrn Unanncmlichkeiten zu bereiten fürchtete, so stand er von dem Versuch ab, und blieb ge- duldig vor der Kirche liegen, bis der Knabe zurückkam. Nicht die Tatsache, daß Nello in das Gebäude ging, war für Pallasche das Auffallende; er wußte, daß Leute in die Kirche gehn: das ganze Dorf ging in die kleine, ruinenhafte, dem Ein- stürz drohende Kirche gegenüber der rotbraunen Windmüle. Was ihni auffiel war, daß Nello stets so sonderbar aussah, wenn er wieder erschien, eigentümlich aufgeregt und ser blaß; und wenn er nach solchen Besuchen heimkam, pflegte er schweigsam und träumerisch dazusitzen, an kein Spielen denkend, und die unter- gehende Sonne jenseits des Kanals mit scnsüchtigen, abwesenden Blicken betrachtend, gedrückt, fast llaurig. Was war das? fragte sich der arme Patrasche, und er fand keine Antwort. Er meinte, es sei nicht gut und nicht natürlich, daß der kleine Knabe so ernst sei, und in seiner stummen Hundeart tat er sein Möglichstes, um Nello bei sich zu halten in den sonnigen Fel- dern oder in dem geschäftigen Treiben des Marktplatzes. Aber in die gewönlichen Kirchen ging Nello nicht; er ging fast nur in die große Katcdrale, und Patrasche, der draußen auf den Steinen an den Eiseutrümmern des Thors von Quentin Mathys zu warten hatte', streckte sich und gänte und seufzte, ja mitunter heulte er sogar— alles umsonst, bis die Tore ge- schloffen wurden und das Kind wieder herauskam, ihm die Arme um den Hals schlang, die breite, gelbbraune Stirn küßte und immer dieselben Worte vor sich hin niurmelte: „Wenn ich sie nur sehen könnte, Patrascke! Wenn ich sie nur sehen könnte!" Was„sie"? grübelte Pallasche, mit seinen großen, nachdenk- lichen, treuen Augen aufschauend. Eines Tags, als der Türhüter zufällig weg war und die Tore halb offen standen, gelang es ihm, einen Äugenblick einzu- dringen und er sah.„Sie" waren zwei große verhüllte Gemälde auf beiden Seiten des Chors. Nello kniete, wie verzückt, vor dem Altargemälde der Assumtion (Mariä Himmelfart), und als er Pallasche bemerkte und sich er- hob, und den Hund sanft hinauszog, war sein Antlitz von Tränen überströmt, und er blickte nach den verhüllten Stellen und flüsterte seinem Gefällen zu: „Es ist so entsezlich, Pallasche, sie nicht sehen zu können, weil man arm ist und nicht zalen kann! Er haue, als er sie malte, gewiß nicht die Absicht, den Armen das Ansehen zu verbieten. Er hätte sie uns gewiß jeden Tag, alle Tage sehn lassen. Und da hat man sie versteckt, verhüllt, im Dunkel begraben— die schönen Bilder! Und sie sehen das Licht nicht, und keine Augen schauen auf sie, außer, wenn reiche Leute kommen und zalen. Könnte ich sie nur sehen! Ich wäre zuflleden und wollte gern sterben!" Aber er konnte sie nicht sehen, und Patrasche konnte ihm nicht helfen. Denn das Silberstück zu verdienen, welches die Kirche als Preis für den Anblick der„Kreuzcserhöhnng" und der „Kreuzesabname" erheischt, war ebenso sehr außerhalb des Bereichs ihrer Fähigkeiten, als den Kirchturm der Katedrale zu erklettern. Sie hatten nie einen Sou übrig; wenn sie genug hatten, um ein bischen Holz für den Ofen und ein bischen Suppe für den Topf zu kaufen, so waren sie sehr vergnügt. Und doch verzerte das Herz des Kindes sich in Sehnsucht nach den zwei verhüllten Gemälden von Rubens. Die ganze Seele des kleinen Ardennerknaben war erfüllt von unendlicher Liebe zur Kunst. Auf seinen Wegen durch die alte Stadt, früh bei Tagesanbruch, noch ehe die Sonne und die Menschen herunterblickten, war Nello, der kleine Bauerujunge mit dem Hunde-Milchwagen, in einem Traumhimmel, dessen Gott Rubens war. Nello, kalt und hungrig, mit nackten Füßen in den Holzschuhen, seine Locken und armseligen dünnen Kleidchen vom Winterwind zerzauset, lebte in einer Welt für sich, und sah nur das schöne, verklärte Gesicht der Maria, und die Wellen ihres goldnen Hars auf ihre Schultern Winkelmann in seinem Beruf.(Siehe Nr. 51 und 52 d. vor. Jahrg.) Es ist von hohem Interesse, zu erfaren, wie der Mann, der zu den größten Geistern des vorigen Jarhundcrts gehört, der lange einen ununterbrochenen Kampf um die physische Existenz füren mußte und dabei trotz alledem nicht in seinem Feuereifer für die Wissenschast gehemt wurde, sich in seiner Berussstellung bewegen wird. Er hat ost seine Vorliebe für den Berus als Lehrer ausgesprochen, one wol früzeitig sich über das seinem Wesen zusagende Gebiet klar zu sein. Am allerwenigsten war er aber jedenfalls in der Stellung am Platze, die er nach seinem Abgang von der Universität einnam, als Konrektor in Seehausen.— Zunächst mögen einige Mitteilungen über Winkelmanns materielle Lage folgen. Sein Gehalt betrug ungesär 120 Taler, allerdings wenig, aber für einen Menschen mit so bescheidenen Ansprüchen wie Winkelmann, immer noch genug, um sich davon Bücher zu kauscn und seinen kranken Vater zu unterstützen. Justi, welcher sein Leben sonst vortrefflich und aussürlich schildert, erwänt nicht, daß er aus Maugel wolhabende Leute habe um Freitische bitten müssen, wie andere behaupten. Nach seiner Angabe sind in den I2V Talern 40 enthalten, welche an Stelle der 1700 eingefürtcn„Rumspeisung" gezahlt wurden. Dagegen habe ihm ein Herr Krusemark seinen Tisch angetragen, weil es ihm ein Vergnügen mache, einen artigen Menschen am Tische zu haben. W. war auch anfangs zufrieden und lehnte noch 1744 eine angebotene günstigere Stelle in Rathenow ab. Als jedoch die Schülerzal an der Schule zurückging, und man ihm, der still und zurückgezogeil lebte und damit den Philistern vor ihre dicken Köpfe stieß, daran Schuld gab, wurde auch ihm die Situation unangenehmer. Gebessert wurde sie keineswegs durch seine Stellung zur Geistlichkeit, und in erster Linie zu dem gestrengen griesgrämigen Kircheninspektor Schnackenburg. Dieser nahm es W. gewaltig übel, daß er ihm nicht, wie sein Vorgänger, einen beträchtlichen Teil seiner Amtstätigkeit abnam, d. h. predigen, katcchisiren und Leichenreden halten. Er war zlvar in kirchlichen Dingen sonst fügsam, kommunizirte, wenn man ihn dazu einlud,„er war allemal fertig dazu," aber anstatt Sonntags den Predigten seines Inspektors beizuwohnen, las er im Homer. Kein Wunder, wenn der beleidigte Herr Schnackenburg nebst anderen geistreichen Zeitgenossen W. für einen Gottesleugner hielten und ihn dementsprechend behandelte»; klagt doch der„Ketzer" später über„viele gegen ihn bezeugten Unhöflichkeilen". Am tiefsten war der letztere jedoch getroffen, daß sein Inspektor Zweifel in sein Latein setzte und wenn er nach ein paar Jahren von„ausgeblasenen dummen Psaffen" schreibt,„die nnr ihr Dorf und Halle gesehen haben," so mag er dabei wol an Schnacken- bürg gedacht haben. Noch tiefer drückte es ihn jedoch, daß er schließ- lich Schülern den ABC« Unterricht erteilen mußte. Dabei studirte er mit dem riesigsten Fleiße seine Allen und man erzählt, daß er einen ganzen Winter in kein Bett gekommen sei. Sobald er mit seiner Schule fertig war, habe er sich in den Pelz gehüllt, in den Lehnstuhl gesetzt, bis Mitternacht studirt, das Licht gelöscht und bis 4 Uhr mor- gcns sitzend geschlafen und dann wieder bis 6 Uhr, wo seine Ler- tätigkeit begann, studirt. Zur Sommerzeit soll er auf einer Bank ge- schlafen haben, mit einem Klotz an den Füßen, welcher ihn beim Herabfallen aufweckte. Neben diesem ungemein stark entwickelten Trieb zum Studium besaß er einen nicht minder starken Trieb zum Wandern. Und so machte er denn von seinem jetzigen Aufenthaltsort in seiner sreien Zeil Reisen nach Halle, Braunschweig, Magdeburg, Leipzig, Haders« leben, und zwar stets zu Fuß. Den elf Meilen lange» Weg bis Magdeburg legte er in anderthalb Tagen zurück, ging dann aber dort nicht aus Boysen's Studirzimmcr heraus. Die Bibliotheken und Kunst- sammlungen sind bei ihm natürlich immer die Anziehungspunkte. Er trägt sich sogar mit dem phantastischen Plan, und spart bereits dazu, „einen Zug nach Egypten zu thun und unter den Pyramiden die Kunst der Alten zu studiren". In Ermangelung der alten Bauwerke des Südens sprengt er aber hier vorläufig Hünengräber und sammelt Ur- nen. Die Bloßlegung einer kolossalen Grabkammer von 96 Fuß Länge und 22 Fuß Breite ist sein Werk und hat sich bis in die neuere Zeit niederfallend und das Licht der ewigen Sonne auf ihr Antlitz. In Armut ausgezogen, vom Glück mer als stiefmütterlich de- handelt, unwissend, von den Menschen unbeachtet, hatte Nello die Entschädigung oder den Fluch des Genius. Niemand wußte es. Er selbst so wenig, als ein anderer. Niemand wußte es. Nur Patrasche, der immer bei ihm war, wußte, wie er mit Kreide alles, was ihm vorkam, alles, was wuchs und atmete, auf die Steine zeichnete;— hörte ihn auf seinem kleinen Bette von Heu furchtsame und inbrünstige Gebete murmeln, alle gerichtet an den Geist des großen Meisters; sah, wie sein Auge sich schwärmerisch schloß, und sein Gesicht stralte beim Glühen der Abendsonne oder beim rosigen Aufdämmern des Tages; und fülte viele und viele male die Tränen seltsamen, namenlosen Schmerzes, pepart mit Freude, heiß aus den hellen, jungen Augen auf seine eigne runzliche, gelbbraune Stirn träufeln. (Fortsetzung folgt.) erhalten.— Die Anregung, die W. in Halle zum Studium der Ge- schichte empfangen, trug hier ihre Früchte, denn neben den alten Klassi- kern ist es die deutsche Reichsgeschichte, welcher er seine Aufmerksamkeit schenkt. Er hat sogar Lust, sich ganz der Geschichte zu widmen und sich an irgend einer Lehranstalt als Dozent niederzulassen. In den beiden traurigsten Jahren zu Seehausen, 1740—47, faßte er noch manchen Entschluß; so will er nach England gehen und in einer griechischen Druckerei Korrektor werden. Tann meldet er sich zu verschiedenen anderen Stellen, one Erfolg zu haben; so an der Schule zu Kloster-Berge bei Magdeburg im Jahre 1747. Nachdem er sich noch an anderen Orten vergeblich um ein Unter- kommen bemüht, erhält er endlich eine Stellung als Bibliothekar beim Grafen Bünau auf Röthenitz unweit Dresden. Dieser besaß damals die bedeutendste Privatbibliothek in ganz Deutschland— sie zählte bei seinem Tode 42,139 Bände, darunter 149 Handschriften— Winkelmann war also ganz in seinem Element. Ein großes Interesse empfand er jedoch für die Dresdner Ge- mäldegalerie, welche durch August III. bedeutend gepflegt und erweitert wurde. Anfangs hatte er Schwierigkeiten, den freien Eintritt zu erlangen und man vermutet, daß er von dem Beichtvater des Königs, Leo Rauch, an den Oberinspektor Riedel empfolcn worden sei, folge- dessen er dieselbe zu jeder Zeit besuchen konnte. Wie sehr er von den dort aufgestellten Kunstwerken in Anspruch genommen wurde, beweist, daß er die feste Absicht hegte, selbst zu zeichnen. Dann war es aber auch die herrliche Antikensammlung, welche ihn in das klassische Reich der Kunst einführte und ihm soniit die Hauptveranlassung zu seiner ersten epochemachenden Schrift gab. Hier waren vertreten die Meister- werke aus der blühendsten Periode Griechenlands, andererseits in der Architektur Dresdens die von dem Italiener Chiaveri entworfene und bis auf den Thurm vollendete Hoskirche und die von dem Dresdner Raths-Zimmer- und Baumeister Georg Bähr erbaute Frauenkirche— zlvpi der imposantesten Werke monumentaler Kunst— und all diesem gegenüber der das üppige Hosleben August des Starken gleichsam ver- sinnbildlichendc Barockstil des Zwingers— ist es ein Wunder, wenn dieser Kontrast Winkelmann, dem die Literatur der alten Hellenen über die Misere seines nordischen Lebens hinweggeholfen, dem der Homer zum Evangelium geworden, die Feder in die Hand drückte, um den modernen Künstlern die Nachahmung der Alten zu empsehlen! Aber die aus dieser Anschauung erwachsende Erkenntniß erweckte denn auch die Sehnsucht mehr und mehr in ihm, Rom mit seinen Kunstschätzen selbst zu sehen; aber immer noch fehlten ihm die dazu nöthigen Geld- mittel. Da kam ihm denn die Hilfe und er erkaufte sie um einen Preis — den Uebertritt zur katholischen Kirche.(Schluß folgt.) Die Feldbestellung in Indien. Unsre Illustration auf S. 138 sürt uns nach Dekan, der Südspitze Hindostans, der Hölle der Wen- schcn und Tiere. In diesem von der Natur gesegneten Landstrich, der zur Hälfte dem Nizam von Hyderabad und zur Hälfte zu der Regent- schast Madras gehört, haben die neuen Einrichtungen der Engländer so gut wie gar nicht Eingang gefunden. Der Bauer, Raiat genannt, arbeitet in der glühenden Sonnenhitze und im strömenden Regen fast nackt und ist durch Elend verbittert, gefüllos für die Schwäche seiner weiblichen Angehörigen und grausam gegen die Haustiere. Seine Hütte ist aus Fachwerk, die Wände mit Lem ausgefüllt, Luft- und Lichtlöcher mit Läden vertreten die Fenster; das Dach bilden Planken, mit Lem belegt, auf welchen als Schutz gegen Lecke» wie gegen die große Land- plage Indiens, die weißen Anieisen, etwas salzige Erde gebracht wird. Das Innere ist in ein Wonzimmer und verschiedene Kammern einge- teilt, dje als Vorratsräume dienen. Die Hitze und die daraus ent- stehenden Krankheilen zwingen die Frauen zur Reinlichkeit— im in- dischen Sinne. Die Stuben werden täglich gewaschen und öfters im Tage mit Kühdünger belegt. Kühmist ist nämlich nach brahmanischer Neligionsanschauung das Hauptreinigungsmittel gegen die vom recht- gläubigen Hindu so gefürchteten Verunreinigungen. Der Erdboden ist gereinigt, wenn man Kühe darauf hat lagern lassen; das Hinduweib jeder Sekte schmiert täglich Türpfosten und Mauern mit Kuhmist ein, der Herd wird mit Kuhmist belegt, ehe für einen Angehörigen hoher Kaste gekocht wird. Gewebe und Kleider reinigt man durch Besprengen mit Kuhharn; Asche mit Kuhmist eingenommen, sürt die innerlichen ilnreinlich leiten ab. Ein Mal von Kuhmist aus der Stirn macht sich Hoch und Niedrig; der Sterbende kann noch von allen Sünden befreit werden, wenn er den Schwanz einer Kuh festhält. Der Stier wird vom Jndier zu Siwa, dem zeugenden und zerstörenden Gotte, in Be- ziehung gebracht, dessen Reittier, Wahama, er ist; jede Faser an ihm ist Tugend, sein Schweif endet, wo Adharma, das Unrecht beginnt. Sorgfältige Pflege genießen jedoch nur die Tempelochsen, alles übrige Rindvieh wird bis aufs Blut geschunden. Der Zebu mit dem Fett- Höcker, von dem wir vier Exemplare auf unserem Bilde sehen, ist ein kleines Tier mit einem Durchschnittsgewicht von nur 350 Psund. Der Hindu gebraucht den Zebu zum Ziehen und Lasttragen; er ziet schwer beladene Wagen wie die Staatskutschen der reichen Jndier, am Göpel setzt er kreischende Oel- und Zuckermülen in Bewegung. Millionen uärcn sich von der Kuh, deren Milch das Lieblingsgetränk der besseren Klassen bildet und als Butter oder zu Ghi(saure Milch) ausgelassen in unglaublichen Mengen zur Bereitung von Speisen gebraucht wird. Wie aber schon oben angedeutet, geschiet zur Pflege des Rindes gar nichts. Stallflltterung kennt man nur für die Arbeitstiere, alles Milch- vieh sucht sich sein Futter auf der Weide, viele one Hirten zum Scha- den der Felder, drei Bierteile des Jares nagt das Vieh am Hunger- tuche, nur unmittelbar nach der Regenzeit findet es überall reichlich Futter; Hunger und Seuchen raffen in jedem Distrikte järlich tausende von Tieren hinweg. Die Arbeitstiere sind trotz der hohen Verehrung der Tempeltiere zu bedauern; statt der Peitsche wird das Tier mit einem spitzen Stocke in die hintern Weichteile gestoßen oder durch schmerzhaftes Drehen des Schweifes angetrieben, viele Tiere haben den Schweis merfach gebrochen und werden bis zu tötlicher Ermattung ge- martert. Der Dekanbauer hat durchschnittlich zwei Par Arbeitsochsen, einige Kühe und Kleinrinder. Der Viehstall ist im Wonhause, ein Fa- milienglied schläft darin zur Beaufsichtigung der Tiere. Die Ackerge- räte des Dekanbaucrs sind wie allenthalben in Indien äußerst einfach. Der Pflug hat lediglich die Scharsspitze one Koltermesser und Streich- brett; er wirft die Erde nur auf und geht selten tiefer als acht Centi- meter, das ganze Geräte ist so leicht, daß es der Arbeiter, wie aus unserem Bilde ersichtlich, nicht auf den Acker färt, sondern auf der Schulter trägt. Man pflügt den Acker kreuzweise und reißt noch häufig mit einer schweren Zanegge nach. Die Arbeit fördert langsam und be- anspracht für einen Hof mittleren Umsanges ö3 Arbeitstage. Die Saat wird reichlich gegeben unter Verschwendung von Saatgut; man wirst die Saat mit der Hand, lieber wird aber mit dem Saatkasten gesät, einem Trichter mit einer Oeffnung im Boden, in welche drei bis vier Bambusrohre einmünden, unten in Furchenbrcite von einander abstehend. Das Ganze stet auf Rädern und wird von zwei Ochsen ge- zogen, beim Gebrauche geht eine Person hinter der Maschine her und schüttet Saatgut ein; wird der Acker, was ser häufig geschiet, mit zweierlei Frucht bestellt, so hat die Maschine zwei Rörensysteme und bedarf zwei Leute. Nach der Saat geht ein Schollenbrecher über den Acker und wird der Boden mit den schweren Eggebolen geglältet; schießt viel Unkraut auf, so reißt man den Boden zwischen den Furchen mit einer von zwei Ochsen gezogenen schweren Harke aus, was auch der Frucht zu gut kommt. Die ganze Bestellung schließt mit Ein- heguug der Felder durch Dornreiser; fast volle drei Monate gehen im Pflanzen, Säen, Reinigen und Einhegen auf. Zeit der Aussaat und der Ernte richten sich nach dem Moonsun, dem regenbringenden Winde, den wir im vorigen Jargang der„Neuen Welt" beschrieben haben. Sein Erscheinen hängt von den Passatwinden ab, welche zur bestimmten Zeit und in bestimmter Richtung rund um den Aequator streichen und die Feuchtigkeit der gemäßigten Zone den heißen Wendekreisen zusüren. Wo, wie in Dekan, der Westmoonsun den Regen im Früjar, also in Indien im Februar bringt, wird im April und Mai gesät, und im August und September geerntet; umgekert, wo die Nordostregen den, Boden Feuchtigkeit zusüren, erfolgt die Aussaat im September oder Oktober und die Ernte im Februar oder März. In der Fruchtsolge halt der indische Bauer eine feste Reihenfolge nicht ein, aber er läßt auf eine den Boden aussaugende Frucht eine leichte Saat folgen, aus schlechtem Boden hält man alle drei Jare Brache. Düngen kennt der Jndier fast nur in der Form von Zusüren von Wasser. Der Anwen- dung animalischen Düngers stehen religiöse Vorurteile entgegen und der Bauer bedarf des Kuhdttngers zu Brennmaterial; zur Bereitung andern Düngers fehlt noch das Verständniß, zum Ankauf mineralischeu Düngers Kapital. An Bauernregeln ist der indische Kalender nicht weniger reich, als der deutsche, auch wird der Brahmane zu Rat ge- zogen und das Urteil dieses schlauen Wetterpropheten ist für den Be- ginn jeder wichtigen Feldarbeit ausschlaggebend. Die Frlljarsernte heißt Rabi, die Herbsternte Kharif, Gewächse der kalten Jareszeit und Gegenstand der Rabiernte sind die europäischen und die dazu gehörigen Getreidearten, Reis, Baumwolle, diese unentberlichen Erzeugnisse des indischen Bodens, Zucker, Mangosrüchte, die in Dekan und im übrigen Südindien einen wichtigen Bestandteil der täglichen Narung bilden, dann die Gcspinnstsaser Dschute aus Bengalen, die neuerdings in der mechanischen Textilindustrie eine so große Rolle spielt, sind Gewächse der heißen Jareszeit und werden mit der Kharifernte eingebracht. Ge- schnitten wird das Getreide mit der Hand unter Gebrauch einer kurzen Sichel von der Form einer Adlerklaue. Die Tagelöner, die man dazu annimmt, werden in Getreide ausgelönt. Ein voller Monat geht in Erntearbeit auf. Das Ausdreschen erfolgt entweder, wie in der Zeit der alten Patriarchen, durch Austreten durch das Vieh, oder man nimmt die Garben in die Hand und schlägt damit gegen einen Holz- klotz. Daß die Ertragsfähigkeit des Bodens nicht zur Hälfte ausge- nützt wird, ist bei dieser Art und Weise der Feldbestellung mit mangel- hasten Ackergeräten selbstverständlich. Was der indische Boden zu bieten vermag, beweisen die Mustergüter des englischen Regierungs- Ackerbaudepartements, oder die im Betriebe der Missionäre stehenden Versuchsstationen, die mit großartigem Erfolg englische Pflüge und Ackergeräte, sowie die englische Düngungs-, Saat- und Ernteweise in Gebrauch genommen haben; die Eingeborncn sind nicht blind gegen ihre Vorzüge, und in den hochkultivirten Baumwollenstrichen, die zu der Provinz Dekan gehören, aber von englischen Behörden verwaltet werden, haben bereits verbesserte Ackergeräte Eingang gefunden, doch leider nur auf den Ansiedelungen großer Grundbesitzer, welchen durch Zucker- und Baumwollenverkaus europäisches Kapital zufließt. Der Kleinbauer mit seinen zehn bis zwanzig Hektar Land arbeitet in der alten Weise fort und kommt deshalb niemals dazu, die verschwenderische Fülle der indischen Naturgaben auszubeuten. Jägerlatein.(Bild Seite 189.) Münchhausen, das schwer er- reichbare Vorbild aller Aufschneider ist tot, aber diese Spezies von Menschen ist mit ihm nicht ausgestorben. Am zalreichsten ist sie wol noch vertreten unter den Vererern des edlen Waidwerks, wenigstens hat sie sich hier unter dem technischen Ausdruck„Jägerlatein" sprüchwörtlich gemacht. Das ungebundene Waldleben, vielleicht auch die Mißerfolge manches Sonntagsjägers, jedenfalls aber die zur Stärkung und Er- heiterung bei Jagden reichlich genossenen„geistigen" Flüssigkeiten tragen ihr Teil bei um die Erfindungsgabe zu stärken und zu wecken und kleine, wirklich erlebte Späße bis ins Unglaubliche zu übertreiben. Un- glaublich sind sie jedoch nur für den, der nicht„vom Fach" ist, wie die zwei Glieder der genannten Waidgenossenschast, die unsere Illustration darstellt und deren interessantes Gespräch wir zu belauschen das Ber- gnügen hatten. Max hat Sepp, einem gewaltigen Nimrod vor den, Herrn, eben erzält, wie er einst einen gehörnten Hasen geschossen, der sich durch ganz besondere Schlauheit ausgezeichnet habe. Vielen seiner Genossen war er schon entwischt, allemal dieselben durch Männchen- machen verhönend. Nur dadurch war er ihm beigekommen, daß er Kleie, ein Lieblingsfutter Lampes, dem Schuß beigemischt, und diese habe ihn so angezogen und gefesselt, daß er dem so lang ersehnten durch eine gut angebrachte und dirigirte Ladung Schrot das Lebens- licht ausblasen konnte. Nachdem er dann noch so nebenbei mitgeteilt, wie er einst auf der Gemsjagd beim Nemen einer Prise über sich ein heftiges Niesen wargenommen und nach genauer Orientirung gesunden, daß der Geruch seines Tabaks einem Gemsbock in die Nase gefaren sei, welcher dadurch an die Stelle gefesselt, von ihm nun mit Lcichtig- keit von den Qualen des Lebens und denen des Nikotins hätte erlöst werden können, bricht der Sepp los:„Das ist starker Tabak, aber lange nichts gegen das, was mir einst mit einem Kapitalhirsch passirte. Es ist schon lange her, als man immer meine Sicherheit im Zielen und Schießen anzweifeln wollte. Sitzt da eine ganze Gesellschaft beim Kasper und spricht dem Maßkrng eifrig zu, als ich zum soundsovielte» male mit der Büchse auf den Anstand ging. Allgemeines Gelächter ertönt, als man mich sieht, der.Sonntagsjaga' schreien sie und»och manches andere. Ich, nicht faul, wette fünfzig Maßkrüge gegen einen, wenn ich nicht binnen einer Stunde zurück bin und gute Beute mit- bringe. Das Glück ist mir günstig, ich treffe schon beim Eintritt in den Wald einen Vierzehnender; erhitzt über die empfangene Ver- spottung halte ich über Schußweite drauf und bin erstaunt, daß beim Schuß sich der Hirsch umdreht und ruhig stehen bleibt. Ich draus loS und denke, warte du entwischt mir nicht! Als ich heran komme, finde ich, daß mein Schuß den Hirsch beider Augen beraubt und er stock- blind und vor Schreck stehen geblieben ist. Teufel, denk ich, das giebt einen Spaß, mache mit Hilfe meiner Hosenträger und dem Tragriemen der Jagdtasche einen Zügel und füre meinen sonst immer noch gesun« den Hirsch im Triumph zu den zechenden Gesellen zurück. Das gab ein Hallo und fünfzig Maß. Hahahaha! Und der Kapilalhirsch, Fünszehncnder! bin seit der Zeit der berühmteste Schütze gewesen, hahahaha!" Sapperment, denkt Max, dagegen ist mein starker Tabak allerdings nichts. Allen Respekt vor dem Sepp, Kapitalkerl! urt. Die Rcgenwürmer als Träger des Milzbrandgiftes. Der Franzose Pasteur hat in der Nr. 23 v. I. der„Bulletins de l'Academie de Medecine" eine Arbeit über die Entstehungsursachen des Milz- brandes veröffentlicht, welche, falls sich die darin gewonnenen Resul« täte bestätigen sollten, von gradezu epochemachender Bedeutung ist. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der Milzbrand eine der mörderischsten Tierkrankheiten ist und daß er insbesondere unter den Schafen jaraus jarein zallose Verherungcn anrichtet, one der Opfer unter Rindern, f Pferden und Menschen zu gedenken. Man nimmt an, daß der Milz- brand im eminentesten Sinne des Worts kontagiös ist, d. h. nur durch direkte Uebertragung von einem mit dem spezifischen Gifte behafteten Tiere auf ein gesundes Tier übertragen werden kann, und in der Tat ließ sich in häufigen Krankheitsfällen eine derartige direkte Ansteckung nachweisen. Allein das plötzliche und spontane Auftreten der Seuche mit ihrem blitzartig da und dort einschlagenden Karakter war damit nicht erklärt. Nun gelang es Pasteur durch äußerst sorgfältige, jare- lang fortgesezte Experimente den direkten Beweis zu liefern, daß der eigentliche Ansteckungsherd sich stets dort befindet, wo milzbrandkranke Tiere in die Erde verscharrt wurden. Es gelang ihm, nicht blos die spezifischen fadenförmigen Bakterien selbst zwei Jare nach der Ver- scharrung mikroskopisch im Boden nachzuweisen, sondern auch durch Infektion mit denselben direkt Milzbrand bei gesunden Tieren hervor- zurufen. Diese Versuche sind im höchsten Grade überraschend, umso überraschender, als die sehr exakten Versuche seines Landsmanns Davaine bis zur Evidenz bewiesen hatten, daß am Milzbrand gestorbene Tiere nicht mer ansteckungsfähig seien, sobald der Kadaver einmal in Fäulnis übergegangen sei. Diese leztere Tatsache war auch den Abdeckern längst bekannt, so sehr bekannt, daß unter ihnen die allgemeine Anschauung herrscht, nur der noch warme Kadaver des verendeten Tieres könne den Milzbrand übertragen. Sei er einmal kalt und beginne die Fäul- nis, so sei keine Gefar mer vorhanden. Ein zweiter, nicht minder schwerwiegender Einwand ist der, daß die Erde bekanntlich ein sehr mächtig wirkendes Filtrum ist und alle, selbst die niikroskopisch feinsten Keime zurückhält, one sie emporsteigen zu lassen. Grade über diesen Punkt hat Pasteur selbst seinerzeit in Gemeinschaft mit Joubert sehr frappirende Untersuchungen veröffentlicht. Wie lösen sich nun diese Rätsel?— Pasteur macht zunächst darauf aufmerksam, daß bei der Verscharrung von Tieren, welche am Milzbrand zugrunde gegangen find, der Boden fast immer teilweise mit Blut oder Urin oder andern Flüssigkeiten des Tieres getränkt werde. Bon diesem Augenblicke an stehen das Blut oder diese andern Flüssigkeiten nicht mer unter den Bedingungen eines Fäulnisprozesses, sondern die atmosphärische Lust haltende Erde ist vielmer ganz vorzüglich geeignet, die Bakteridien des Milzbrandes recht eigentlich zu züchten. Daß dies in der Tat, und zwar mit großem Erfolg geschiet, beweist Pasteur in endgiltiger Weise damit, daß es ihm gelang, die Bakteridien noch nach zwei Jaren nach- zuweisen und durch Infektion mit ihnen Milzbrand zu erzeugen. Wie aber kommen diese unendlich feinen Organismen an die Oberfläche des Bodens, um von den weidenden Tieren verschlungen werden zu können? Die Untersuchungen Pasteurs lassen kaum mer einen Zweifel, daß es die Regenwürmer sind, welche dieses liebenswürdige Amt auf sich nemen und den schrecklichen Parasiten aus der Tiefe des Bodens zu- rage fördern. Es sind kleine, erdige Cylinder oder ganz niedliche Erd- teilchen von krümlichem Aussehen, welche die Regenwürmer morgens nach einem Tau oder nach einem warmen Regen an die Oberfläche der Erde schaffen. Leben die Würmer in einem Boden, der Milzbrand- Bakteridien enthält, so enthalten auch die Erdcylinder, welche die Leibes- höle der Würmer füllen, eine Unmasse dieser Organismen, welche sich unter dem Mikroskop leicht nachweisen lassen.— Wir unterlassen es, auf die enorme Tragweite dieser Entdeckung noch des näheren einzu- gehen. Der Name Pasteur bürgt dafür, daß das großartige Versuchs- selb, welches sich hier der Lehre von den Entstehungsursachcn der Krank- heiten auftut, nicht brach liegen bleiben wird. L)r. A. Mülberger. Etliche Proben des HumorS unserer Vorfaren. Wenn es gegenwärtig noch viele Leute gibt, welche den Kulturfortschritt der Neu- zeit mit Mißtrauen betrachten, indem sie bestenfalls zugeben, daß das menschliche Wissen und der menschliche Verstand Fortschritte gemacht, aber bestreiten, daß es mit der Hauptsache, mit der allgemeinen Sitt- lichkeit nämlich, vorwärts gegangen ist, so gibt es unter anderen keinen besseren Beweis von der sittlichen Uebcrlegcnhcit unserer Zeit über die vor zwei Jarhundertcn zum Beispiel, als die Darlegung der Art und Weise, was unseren Ahnen Vergnügen bereitet hat. Wie er sieb freut, so ist der Mensch, daß kann man gewiß mit größter Berech- Ugung sagen. Wer sich nur an edlem ergötzt, ist gewiß kein schlechter Mensch, am wenigsten der, der sich am höchsten freut an der edlen Freude anderer. Wer aber im stände ist, sich zu ergötzen am Schaber- nack, den er andern spielt, wen der Schaden, der Schreck oder der Aerger auf das Köstlichste amüsirt, wer förmlich darauf studirt, wie er sich iiber andere lustig machen, wie er Menschen oder Tiere erschrecke oder auäle der ist sicher ein unmoralisches Individuum, das nicht wert ist, sich Mensch zu nennen. Es kann nun leicht nachgewiesen werden, daß un- sere biedren Ahnherren und Ahnfrauen nicht nur förmlich daraus ras- finirten, wie sie ihren Nächsten einen Schabernack antäten, sondern daß sogar schwergelehrt; und höchst angesehene Bücher, noch dazu von den Dienern des Herrn verfaßt, die ja die Weisheit gepachtet hatten, zu allerlei unverständiger, unästhetischer und unsittlicher Kurzweil ein- gehende und mannigfaltige Unterweisung gaben. Vor mir liegt ein dicker Foliant, fein säuberlich, oder vielmer unfein und unsäuberlich in das unverwüstliche Schweinsleder gebunden, 3 Teile von je 400 bis •000 Seiten umfassend und folgenden intcressanien Titel fürend:„Fleis- siges Herren-Auge j Oder Wohl- Ab- und Angeführter Haus-Halter> das ist: Grüntlich- und kurtz zusammen gcfasster Unterricht| von Bestell- und Führung eines nutz: und einträglichen Land:Lebens und Wirthschafft\ Worinnen gar außführlich j und aus vielfältig-gründlicher Ersahrung> Anweisung geschihet j wie nicht nur der Feld: und Ackerbau Teiche und Fischerehen> Brauerey j Brandtwein-Brennerey| Küchen- und Obst-Gärten| Weinberge| Waldung| und Gehöltz| Schäfereyen und andere Vieh-Zucht j sampt dem Geflügel-werck leicht> ordentlich und nützlich anzulegen und zu führen| sondern auch| wie die vorfallenden mancherley Fehler, Hindernissen j Abgang und Schäden zu verhüten| oder zu verbessern sehn. Anfänglich in Lateinischer Sprache beschrieben von R. P.*) Christophoro Fischern| Soc. J.**)| Hernach in's Tcutsche übersetzet von �gatflo-Larions. Mit Röm. Kayserl. Majestät sonderbarer Gnad und Freyheit nicht nachzudrucken. Auch mit Bewiligung der hohen geistlichen Obrigkeit. Nürnberg| In Verlegung Johann Ziegers| Buchhändlers.| Druckts Johann Michael Sporlin 1696." Dies der gewiß an Ausfürlichkeit nichts zu wünschen übriglassende Titel des Buches. Es selbst ist noch viel reichhaltiger, als sein Titel vermuten läßt, und um auch nur annähernd angeben zu können, was es alles enthält, müßten wir wenigstens eine kleine Broschüre schreiben. Für den Zweck dieser Zeilen genügt es völlig, wenn wir mitteilen, daß des dritten Teiles dritte Abteilung von allerhand raren und kurieusen Künsten und Zubereitungen aus vielerhand Wissenschaften, von den Elementen und andern in der Natur befindlichen Dingen her- genommen; darbey auch solche Dinge abgehandelt werden j Welche zum Kochen j Haus Artzneyen\ Distilliren| Vogelfangen| Jägerey| Stutte- rey u. s. s. a. erfordert werden s Welche itzt benannte Materien ver- mittels nachfolgender 1000 Kunststücken zu des Curieusen Lesers Nutzen und Ergötzen sich vorstellig machen.— Von diesen>000 Kunststücken, die, nebenbei gesagt, kunterbunt untereinander interessante physikalische und chemische Experimente und harsträubenden Unsinn enthalten, nur einige, besonders den Humor der Deutschen vor 200 Jaren beleuch- tende Pröbchen. So z. B. wäre es gewiß spaßig, wenn man Geflügel lebendig braten könnte. Unsere Anen konnten das nicht blos, sondern sie taten es auch. Hier ein Rezept: Eine Henne zuzurichten, daß sie aus der Schüssel laufft, wann man drein schneidet. Gib einer Hennen Wein zu trinken> so läßt sie sich berupffen, und lege ihr das Haupt zwischen die Flügel| nimm acht Eyerdotter j schlichte und schmiere das damit wol j und lege Feuer zu den Hun| so wird's gelb| darnach lege es in ein? Schüssel bedeckt| und setze es aus den Tisch| und wenn man davon schneiden will j so lauffts davon.— Mit einer Gans kann man sich denselben Scherz leisten. Kunststück 602: Eine Gans lebendig zu braten j daß sie in der Schüssel schreyet\ wann man von ihr schneidet. Nimm eine Gans s berupffe sie bis an den Halß und Kopff| mache rings um sie ein Feuer| nicht allzu nahe j auf daß sie nicht ersticke j sondern daß sie allgemach brate> setze zu ihr ein Gesäß voll Wasser! darunter Honig und Saltz vermischt| damit sie offt möge trinken! Darnach nimm Aepffel| schneide sie klein| koche sie in einer Brat- Pfanne> betrcuffel damit offt die Gans| daß sie desto ehe gebraten werde s rücke das Feuer näher zu ihr j aber doch eile nicht zu ge- schwinde j und wenn sie anhebet zu kochen| laufft sie innwendig im Feuer herumb\ und begehrt zu fliegen| welches so sie(von wegen des Feuers) nicht kann zuwegen bringen| trincket sie ohn Unterlaß| sich zu erlaben| und zu erkühlen: und wenn sie heiß worden| brät und kocht sie auch innwendig j dn mußt aber ohn Unterlaß das Haupt und Hertz mit einem feuchten Schwamm erkühlen j und wenn sie anhebt zu fallen und zn zappeln| so nimm sie hinweg vom Feuer| lege sie in eine Schüssel j und gib sie den Gästen zu essen j so ist sie gebraten\ und lebet noch und schreyet| wann man von ihr schneidet| welches fast lustig zu sehen. Ein weiteres Kunststück, auch mit einer Henne zu verüben, trägt nicht minder den Stempel der Roheit, noch mer aber den der Unglaub- Würdigkeit an der Stirn. Kunststück 639 will nämlich lehren, eine Henne durch den Kopff zu stechen\ daß es ihr im geringsten nicht schade. So man einer Hennen den Kopff auf den Tisch leget| ihr ein Messer recht mitten auf den Kopff setzet\ und mit einem Teller oder Hammer gantz durch den Koff schlägt| also| daß das Messer in dem Tisch stecket s wird es der Hennen nichts schaden| wenn nur das Messer geschwind wieder aus dem Tisch gezogen| der Hennen aber der Schnabel ge öffnet| und ein Bröcklein Brot darein geschoben wird. Hätte ich es nicht selber probieret j so würde ich solches zu glauben schwehrlich beweget worden seyn. Das 644. Kunststück des hochwürdigsten Paters Christophorus Fischer gibt gelehrte Unterweisung in einer sinnreichen Metode des Taubenstelens. Es lautet: Zu verschaffen j daß die Dauben srembde mit sich heimbringen. Es sagen Etliche j wann man Weiden oder Band- saamen> etliche nennens Künschbanm| oder Schafmülle| sonst nennet nians 8alicem rnarinarn oder Agnuin Castuin, oder Arborern Abrahae, nimmt| und einen Tag in alten Wein weichet, darnach Wicken in den Wein leget und quellet sie| und dieselben den Dauben vorwirfft j wann sie jetzt ausfliegen wollen| so kommen die ftembden alle mit in das Dauben-Haus j wann sie nur den Geruch empfinden.— Damit die einmal aus diese Weise zugelockten Tauben fein dableiben und nicht etwa ebenso leicht, wie sie dem biedern Michel zugeflogen, sich wieder zu dem Nachbar- Besitzer Hinz, oder dem Nachbar-Spitzbuben Kunz verirrt, gibt der Pater eine sehr schöne Anweisung im Kunststück 645; „Zu machen, daß die Dauben nicht entfliegen," und in 646 eine noch D. h. reveremüssimo patri, zu Deutsch: dem hochwürdigsten Vater. "l Sodetale Jesu, zu Deutsch: von der Gesellschast Jesu, von den Jesuiten. 196 schönere und viel aussürlichere:„Ten Dauben ein Gefreß zu machen, daß sie wiederkommen." Da unler den Lesern der„N. W." aber keine Taubendiebe sich befinden werden, können wir diese Rezepte hier wol verschweigen, umsomer, als alle Ursache vorliegt, anzunemen, daß der Verfasser und die Leser des„Fleißigen Herrenauge" die Anweisung zum Taubenstelen garnicht humoristisch, sondern sehr ernst aufgefaßt haben. Zwar nicht grade roh, aber ebenso einfach als albern ist der Spaß, wie man weiße Stohren zuweg bringe. Das wird so gemacht: Nimm Baum-Oel s bestreiche die Eyer damit| und lasse sie also aus- brüten| so werden sie weiß.— Geschmackvoll ist auch der Scherz, Fliegen zu ersäufen und sie dann wieder lebendig zu machen. Kunst- stück 686: Ertränke Fliegen in Bier oder Wasser| streu geschabte Kreide oder Wasser auf sie> so werden sie wieder lebendig.— Viel weniger harmlos dürste das Rezept 679 benutzt worden sein: Alle Fliegen der Gegend an einem Orte zusammenzubringen. Es schreibt vor: Nimm einen Zweig RdodockaxlrnsZ| das ist 1 von Oleander| sammt seinen Blättern\ zerstoß ihn| und leg ihn in eine Gruben I so versammeln sich alle die Fliegen.— Dieser Unterweisung entsprechen eine ganze Reihe anderer, nach denen man beliebig große Maulwurf-, Wiesel-, Fisch- und Flohversammlungcn veranstalten kann. Das letztere wird so gemacht: Mache unten eine Grube oder ein Loch, fülle es aus mit Geiß-Blut i Bärenblut j Böcken-Unschlitt j oder Jgelschmaltz| so versammeln sich daselbst alle Flöhe und sterbe». Wem dies Rezeptchen zu umständlich sein sollte, kanns auch so machen: Nimm ein weißwollen Tuch| bestreiche mit Eselsmilch 1 legs in das Bett| so werden alle Flöhe, so in dem Bett sind| an das Tuch kommen.— Das letzte gibt allerdings nur eine Art Bezirksversammlung der Flöhe, wä- rend das erstere eine Massenversammlung des gesammten Flohvolkes in einem ganzen Hause verspricht. Einen gelinden Schreck kann man einer abergläubischen Hausfrau oder Köchin verursachen, wenn man macht, daß sich ein Hering selbst umkehrt auf dem Rost(K. 751). Nimm eine Ganßfeder| und thue Quecksilber darein> stopfe die Feder wol zu I und stecke sie in den Hering s so wird sich der Hering selbst umkehren. In noch viel ärgeres Entsetzen kann man die Leute, auch das starke Geschlecht, versetzen, wenn man bey der Nacht eine Kammer voll Schlangen präsentirt. Pater Christophorus Fischer macht das also: er schlägt eine Schlange zu todt| thuet sie in einen neuen Topff mit neuem Wachs über das Feuer\ bis sie eindörret j macht darnach mit demselben Wachs eine Kerze oder Liecht| und zündet sie an in einer Kammer\ so scheint sie voller Schlangen. Schade nur, daß dieser curieuse Scherz einen weniger mit himmlischer Gnade ausgeiiatteten Menschen als dem Pater Christophorus nicht gelingen dürste. Zu den obenbezeichnetcn Rezepten von Liehversammlungen kommt im Kunst- stück 778 noch eines sür eine Versammlung aller Hunde eines Dorfes, die warscheinlich auch nur dem Veranstalter, keineswegs aber den Hundebesitzern und übrigen Dorfbcwonern sonderliches Vergnügen be- reiten möchte. Das Rezept ist nicht reinlich genug, um es hier wieder- zugeben. Dafür kann ein Mittel angegeben werden, wie man Hunde so lange im Kreise herumhetzen kannsxbis sie wie todt auf die Erde fallen. Man hängt nämlich etwas von rsem Kraut Hundszunge an den Hals eines Hundes, also daß ers nicht mag anrühren mit dem Maul so lauft er stets ringsweis umb wie ein Rad s bis er aus die Erde nicdcrsällt| als wäre er todt. Seinem Natbbar kann man einen gewiß lustigen Schabernack spielen, wenn man Xbewirkt, daß einem die Schweine defielben allenthalben nachlauscn. Die Sache ist sehr einfach und schon der alte Geschichtsschreiber Plinius gibt, wenn wir unsrem Pater Christophorus glauben dürfen, das Rczept\dazu: Man soll den Schweinen im Gespühlicht das Hirn von einem Raben s oder ihm solches sonst zu fressen geben j so lauffen sie ihm nach| der es ihnen gegeben hat.— Mit Rindern kann man dieses Kunststück nicht minder schön exe- kutiren als mit den Schweinen. Laur Christophotus Fischer schreibt Albertus Magnus in seinem Buche„ve virtutibus, Herbarum-' d. h. „Ueber die Tugenden der Kräuter" wie folgt: Män soll das Kraut Taub Nesseln| und zwar die mit den weißen Blümchen> an einen Rindeshals hängen i so folgt es einem nach s wo d hin will.| Einen Kuhhirten kann man schier zur Verzweiflung bringeh durch das Kunst- stück 887: Zu machen! daß eine Kühe nicht in ihren Stall gehe| man peitsche und schmeisse sie auch wie man will. Andreas Jesner schreibt in seiner Kunst-Kammer s man soll eine Wolffsleber braten mit Kuh- Milch 1 und die Thür am Stall damit reiben| so soll man keine Kuh hinein bringen können j es werde dann wieder abgewaschen. Item kann man eme Hausfrau, die buttern will, leichtlich in höchsten Aerger und Wuth versetzen. Nämlich: Eine Vexation anzustellen j daß eine Frau nicht ausbuttern kann. Wenn man ein Stücklein Zucker in den Rahm oder Milch thut| so kann man keine Butter machen j wegen der Subtilität des Zuckers| die lasset die Milch nicht zusammen rinnen! noch zu Butter werden. Balsam-Blätter in süsse Milch gelegt J lässet sie nicht gerinnen.— Damit wollen wir für heute genug sein lassen des grausamen Spiels. Die Leser der„N. W." können uns glauben, daß wir mit den hier gegebenen Proben lange nicht die schlimmsten, rohsten, widerlichsten, für unsere wolerwürdigen Borsaren kompromittirendsten ausgewält haben. C- Ch- Aus allen Winkeln der Zeitliteratur. Die neueste und erfolgreichste Nordpolexpedition. Ein Kaufmann, Namens Leigh Seuth ließ im Früling des Jares 1886 im schottischen Hafen Peterhead die Dacht„The Eira" ausrüsten, um auf Spitzbergen, einer Inselgruppe im nördlichen Eismeer unter dem 73. Grad nördlicher Breite Robben zu schlagen. Mit dem Photo- graphen Grant am Bord, verließ die„Eira" am 26. Juni den Hafen und nam ihren Kurs nach Spitzbergen. Da weit und breit kein Eis zu sehen war, drang man weiter hinaus und wurde von einem wüten- den Sturm gefaßt nach Nordosten getrieben. Am 18. August ankerte die„Eira" unter dem 86. Grad nördlicher Breite im Angesicht des von den österreichischen Nordpolfarern Payer und Weyprecht entdeckten Franz-Joseph-Landes und zwar zwischen zwei riesigen Eisbergen, die aus dem Meere emporragten, nicht weit von der Stelle, wo das Expe- ditionsschiff„Tegetthof" vom Eise zerdrückt, von der Mannschaft unter Payer's und Weyprecht's Kommando verlassen werden mußte. Die von dem ungewönlich warmen Sommer begünstigten Engländer suren noch 165 englische Meilen nördlicher und schildern das Franz-Joseph- Land als eine gebirgige Inselgruppe, die sich unübersehbar nach Nor den erstreckt, menschenleer, mit spärlichem Pflanzenwuchs; das Meer jedoch wimmelte von Walfischen, Robben und Seevögeln. Der Maler Grant brachte eine reiche Ausbeute photographischer Aufnamen mit. Am 12. Oktober lief die„Eira" wolbehalten im Hafen von Peterhead ein. T. Pennypost schon vor 266 Jaren. Bisher hatte man allge- mein geglaubt, der vor Kurzem verstorbene englische Postmaster-General Sir Rowland Hill sei der Erfinder der Penny-Post gewesen. Jetzt stellt sich aber heraus, daß man in London bereits vor 266 Jaren, im Jare 1686 eine Penny-Post hatte und zwar für die Stadt und die i Vorstädte. Die Briefe wurden in der innern Stadt 16—12 mal und in den entlegenen Vorstädten 4—5 mal täglich abgeliefert: sie trugen, aufgestempelt, in der Gestalt eines Herzens, die Zeit des Abgangs von � der Post und sollten, laut dem noch vorhandenen Prospektus,„binnen � einer Stunde von der Zeit des Abgangs an gerechnet, wenijj früher oder später in den Händen der Adressaten sein", was beiläufig, wenn es gehalten wurde, mer ist als, heutzutage durch unsere Stadtposten geleistet wird. Der Preisftenipel lautete kenuy kost!Laiä L sPenny Post bezalt London), die drei ersten Worte ein Dreieck bildend und in dessen Mitte das I-. Jedenfalls hat Sir Rowland Hill, dessen Ver- dienste dadurch beiläufig um nichts geschmälert werden, von dieser Einrichtung gewußt. Id. Trichinen. Eine ungefäre Borstellung von der Gesärlichkeit der Trichinenerkrankung kann man sich machen, wenn man sich vergegen- wärtigt, wie zalreich diese kleinen Schmarotzertiere auftreten. Nach dem Trichinen-Katechismus von Niemeyer beherbergt eine einzige Mutter- trichine 3—566 Eier und kann in wenigen Tagen 1666 und mer Junge gebären. Aus ein stecknadelkopfgroßes Stückchen Muskel kommen circa 26 Stück. Bei einer gewönlichen Malzeil, wo es z. B. Bratwürste gibt, können nach den Berechnungen von Leuckart, Bogel und Rup« recht möglicher Weise 26 666 Trichinen und mer mit einigen Bissen verschluckt werden. Absoluten Schutz vor Trichinenerkrankung gewürl nur starkes Kochen(55—66° Reaum.) des Schweinefleisches; nur das nach dem Braten oder Kochen nirgends mer blutig, sondern überall grau erscheinende Fleisch kann also unbedenklich genossen werden,-z- Die Gebeine des Christoph Kolumbus. Wie von San Domingo(einer der Antilleninseln unter dem 19. Grad n. Br.) gc- meldet wird, hat der Kongreß der Republik San Domingo beschlossen, i die am 16. September 1877 in der Katedrale der Hauptstadt aufgefundenen Gebeine, welche in unzweifelhafter Weise als die des Christoph Kolumbus identifizirt sein sollen, unter einem zu diesem Zwecke zu er- richtenden Atonunicnte beizusezen. Sämintliche amerikanische Regirungen ' c»' worden, sich hieran durch Geldbewilligungen zu beteiligen. I Die Regirung von San Domingo selbst hat 10 000 Dollars beigesteuert. In Genua, der Vaterstadt des Entdeckers von Amerika, ehrt seit Jaren schon ein Denkmal sein Andenken. T. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Allerlei Gesundheitsseinde in uns und um uns- Ueber du geistigen Gesetze, denen der Fortschr.lt der Civilisation unterworsen ist(Schluß).- Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Ouida Für d.e„N. W." übersezt von L.°. d. Wiejeck(Fortsetzung).- Winkelmann in seinem Berus.- Die Feldb sti Sstr.).- Zus°allen'Sl?SZ�ra�r � �miger des Milzbrandgiftes.-' Etliche ProÄ- Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).- Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.