Die Sl! Roman von Jezt gab der Kapellmeister die Aufschlagtakte,— alles geriet in Bewegung. Herr Germanek, seine geputzte, in himmelblau gekleidete Gattin am Arme, von den Töchtern gefolgt, steuerte durch den Ial. Aber als das Orchester die Introduktion be- gann, die die Franyaise einleitete, mit der der Ball eröffnet werden sollte, für er erschreckt zusammen. Das rote Atlaskleid kam ihm in Erinnerung, die Tanzordnung, die er zu liefern versprochen, und auch ein Tänzer mußte für die Bürgermeisterin noch auf- getrieben werden. Er entwand sich dem Arm seiner anhänglichen Gemalin und stürzte gegen das Orchester. „Einhalten!" schrie er. Dann sich gegen die abgesteppte Barriere lehnend, rief er dem Kapellmeister einige Worte ins Or. Dieser klopfte ab, das Orchester schwieg. Gcrmaneks Adlerblicke irrten suchend im Iale herum. Sie blieben an dem Doktor und an Heini hängen, die, nach der Ursache dieser Verzögerung forschend, ihm entgegenkamen. Er faßte sie an den Händen und fürte sie, wie zwei Delinquenten, zur Tür hinaus. Auf dem Vorplatze angekommen, verlangten die beiden, die er noch immer krampfhaft festhielt, eine Erklärung. „Ihr seid vom Comitö, einer von euch wird— einer von euch hat die Verpflichtung—" Er überhastete die Worte, sodaß sie übereiuanderpurzeltcn; er konnte nicht weiter, er mußte erst wieder Atem schöpfen.„Kurz und gut, einer von euch muß mit der ersten und wichtigsten Persönlichkeit— ich meine damit auch die gewichttgstc— sich engagiren; die Bürgermeisterin hat noch keinen Tanzer." „Was gct denn mich das an?" „Und mich?" „Aber mich gct es an, weil ich ihr diesen Tänzer verschaffen muß, und ich laste nicht eher anfangen, als bis ich ihn gefunden habe. „Aber ich bin� schon cngagirt, Papa, und du kannst nicht vcr- langen, daß ich �räulein Elvira diese Beleidigung antue und sie sitzen lasse." „Dann tanzen Sie, Doktor." „Ich bin mit ihrer Tochter cngagirt." „Das tut nichts, ich dispcnsire Sic. Teufel auch, Sie sind der Bürgermeisterin ihr Hausarzt, Sie gehen bei der Bürger- Meisterin aus und ein, Sie müssen Sich dazu verpflichtet fülen,— natürlich, Sie kennen sie auch am besten." „Ich kenne auch ihre Transpiration, und das behagt mir nicht. Tanzen Sic mit ihr." M. itaufsfit).(17. Fortsetzung.) „Aber mir soll's behagen, niir ja, mir ja?" rief der Apo- teker, immer incr erregt.„Ich soll also heute alle Pein auf mich nemen und alle Arbeit, ich soll für euch alle der Sündenbock sein? Aber ich danke schön, und wenn ich mich noch einmal zum Ball- Präses hergebe, so soll mich vorher stückweise der Teufel holen." „Schreien Sie nickst so," mante der Doktor,„machen wir ein Ende." Er wendete sich rasch und wollte in den Saal entschlüpfen, Germanek aber erwischte ihn noch glücklich am Frackzipfel. „Halt da, so entkommen Sie mir nicht! Wenn Sie schon nicht mit ihr tanzen wollen, so geben Sie mir wenigstens eine Tanzordnung für sie." >„Ich habe keine wer." „Was, Sie haben keine wer? Warum haben Sie denn keine mer?" „Weil ich sie alle ausgegeben habe." „Alle ausgegeben, und an alle, und für sie, grade für sie haben Sie keine zurückbehalten,— wissen Sie, daß das eine Injurie ist?" „Schreien Sie nicht so." „Wenn Sic auch an allem schuld sind." „Was— ich— ich soll an allem schuld sein?" Der Doktor machte sich steif wie eine Stange, indes sein Hals allein in kautschukartiger Beweglichkeit aus und nieder zitterte und dabei wie der eines Truthans purpurn anschwoll.„Ich verbitte mir solche Beschuldigungen, Herr Germanek; ich habe sie einfach nicht gesehen." ,;Wenii man die nicht siet, dann muß man blind sein." „Wenn ich mich aber grade umgedreht habe,— oder soll ich, wie ein Argus, auch hinten Augen haben? Sie sind der Un- geschickte, Sie! Sie hätten mich auf ihr Kommen aufmerksam machen und nicht mit ihr über uns Anungslose wie ein Unglück hereinbrechen sollen." Der laute, zornig irritirte Ton, in den die Herren Ausschüsse verfallen waren, wurde in dem kleinen Speisezimmer und auch im Salc gehört. Der Bürgermeister, der vorhin seine Gattin im Stiche gelassen, nachdem er sie dein Herrn Präses durch einen Wink cmpfolen hatte, weil er, wie er behauptete, einer Erfrischung und Erquickung über alles bedürftig war, kam jezt, mit einem Poulardschenkel in der Hand, aus dem Zimmerchen, um nach- zusehen, was es denn da gebe. Auch aus dem Sale drängten sich einige Neugierige herbei. „Ist etwas vorgefallen?" fragte der Bürgermeister. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. VI- 2». Januar 1881. „Eine Vergeßlichkeit, die ich lebhaft bedaure," berichtete der Doktor,„die aber Herr Germanek allein verschuldet hat. Eine Dame hat keine Tanzordnung erhalten." Sprach's und ging wie eine Säule von dannen, grade in den Sal hinein. Germanek stand sprachlos vor soviel Unverschäintheit. Der Bürgermeister fürte seine Keule zum Munde. „Wenn's sonst nichts ist," sagte er gleichmutig. „Sonst nichts!" stammelte Germanek.„Heilige Jungfrau, aber es ist eine Dame, die wir alle hochschätzen und die— die leicht gekränkt ist." Der Bürgermeister für, als wäre ihm ein plötzlicher Gedanke gekommen, in die Fracktasche. Er zog eine Tanzordnung daraus hervor, die der heute ausgegebenen so änlich sah, wie ein Ei dem andern. Nur das Datum war ein anderes, sie trug dasjenige des vorigen Balles, der vor vier Wochen stattgefunden hatte. „Geben Sie ihr diese da, Ihrer Leichtgekränkten," sagte er, „sie wird den Unterschied garnicht bemerken." Germanek bemerkte ihn selbst nicht; er drückte die Tanzordnung an sein Herz und stürzte damit in den Sal. Der Bürgermeister, ein stattlicher Vierziger, mit einem großen, dicken Kopf und roten, wulstigen Lippen, zog sich samt seinem Poulardschenkel wieder an seinen Tisch zurück. Einige Augenblicke später war alles in Ordnung. Die Tanzordnung war überreicht und angenommen worden, Herr Germanek hatte sich als erster darin eingezeichnet, und er schtvankte jezt, blaß und ein wenig bekümmert, seine purpurne Ccntifolie am Arm, und seinen gelben Foulard für alle Fälle in Bereitschaft, nach dem Orchester, das Zeichen zum Beginn gebend. Der Ball war eröffnet. Die Gardedamen rückten etwas näher zusammen. Frau Germanek, die, da ihr Mann bei einer andern den Liebenswürdigen spielen mußte, in ihren Hoffnungen als Tänzerin sich betrogen fand, nam neben Frau Weiß Platz. Die Hofrätin bat, sie möchten sie in ihre Mitte nemen, um sie vor dem abscheulichen Zuge zu schützen. Der Tratsch begann. „Es ist unbegreiflich, woher diese Mädchen das Geld nemen," bemerkte die Hofrätin, mit ihren langen, weißbehandschuten Fingern nach der einen Ecke deutend, wo Minna und Malchen tanzten. „Sehen Sie doch nur den Putz, den sie machen, die Kleine hat ein Kleid nach der neuesten Mode, diese geblümten, zarten Stoffe finden Sie im lezten ,Bazar�, nun, ich denke, die hätten wol etwas Notwendigeres anzuschaffen, als Ballkleider." Frau Germanek näherte ihre große Nase noch vertraulicher den anderen Nasen. „Für die Straße haben die Depaulis so gut wie nichts an- zuziehen." „Die Mädchen verdienen sehr wenig mit ihrer Stickerei," ent- gcgnete Frau Weiß. „Weil sie faul sind," versicherte die Hofrätin;„teuer genug lassen sie sich ihre Arbeit bezalen, aber sie vergnügen sich ja lieber, als daß sie arbeiten,— was brauchen Handarbeiterinnen z. B. aus einen Ball zu gehen? Das hat doch gar keinen moralischen Hintergrund." „Gewiß, liebe Frau Hofrätin, es ist unnötig, und besonders sich daselbst so auffallend zu machen. Sehen Sie nur, Malchen hat frische Rosen im Har und an der Brust. Ich könnte meinen Töchtern keinen solchen Luxus erlauben." „Sie werden doch nicht glauben, liebe Frau Germanek, daß die Mädchen sich diese Rosen gekauft haben." Die Hofrätin zeigte wieder ihr ganzes Gebiß.„Haha, man weiß schon, woher diese Anfnierksamkeiten kommen, aber ich finde, es ist ein Skandal." „Sie glauben also?" „Wir glauben, daß sie einen Liebhaber hat, die Depauli, das ist doch sicher, und ebenso sicher ist es, daß sie ihn begünstigt. Sehen Sie sie nur an, sie tanzen zusammen,— bemerken Sie, wie er den Kopf zu ihr herabncigt und wie sie zu ihm hinaussiet? Sie geniren sich garnicht, ihre Zärtlichkeit ganz offen zur Schau zu tragen, ja, ich glaube sogar, die Mädchen sind mit dem jungen Menschen, dem Berger, allein hierhergekommen." „Nein, sie find mit ihrem Bruder hier," versezte Frau Germanek. „Das ist ein sehr angenemer, feingebildcter Mensch, garnicht wie seine Schwestern, er kümmert sich auch nicht viel um sie, er stet da unten an die Türe gelehnt." „Wo, wo ist er, welcher ist es?" fragte Frau Weiß in hastiger Neugier.„Ich kenne ihn noch garnicht." „Der init den dunklen Haren, die ihm so tief in die Stirne fallen, er trägt keinen Frack." „Der?" machte die Hofrätin Hönisch und gedehnt.„Da irren Sie Sich einmal wieder, meine liebe Frau Germanek, der ist es nicht." Die Apotekerin hatte ein kurzes, sehr Jiberlegenes Lachen. „Der Irrtum dürfte wol ans Ihrer Seite sein. Ich werde ihn doch wol kennen, da er mir gestern seine Aufwartung ge- macht hat." „Er ist bei Ihnen gewesen?" fragte Frau Weiß. „Natürlich, ich war ja eine Freundin seiner Mutter, und er hat immer eine kleine Bererung für mich gehabt." Sie lächelte graziös, und dann mit ihrer dicken Urkette spielend, sezte sie mit affektirter Winselei, ihre heisere Stimme zu einem hohen Diskant hinaufzwingend, hinzu:„Ach, er war auch so liebenswürdig, so gar zuvorkommend und galant, und es hat ihm bei uns so gut gefallen, so gut— ich bedaure es wirklich, daß er heute schon abreisd." Der Frau Hofrätin gab's plötzlich einen Riß, wieder streckte sie ihre langen Finger, nach der Tür zeigend, ans. „Aber wenn dieser Ichwarzgelockte der Maler ist, wer ist denn dann dieser dort? Dieser da, ganz zu hinterst?" fragte sie übereifrig und interessirt. „Welcher?" „Sie müssen ihn doch herausfinden, er siet nicht aus wie ein Einheimischer, er ist so elegant, so distingnirt." „Nun, ich dächte, Eleganz und Distinktion fänden sich auch bei uns," entgegnete die Apotekerin in scharfer Zurechtweisung und sichtlich erbost. „Meinetwegen ja, aber ich möchte doch wissen, wer das ist, wer das sein kann." „Vielleicht ist es Baron Hellenbach," sagte Frau Weiß un- befangen und ruhig. Die beiden Frauen hopsten von ihren Sitzen in die Höhe; dieser Ausspruch alarmirte sie. Die Hofrätin schlug sich vor die Stirne; sie konnte es jezt nicht begreifen, daß ihr Scharfsinn dies nicht selbst herausgefunden; ja, sie machte sich's gradezu zum Borwurf, daß sie den Aristokraten für den Maler gehalten hatte. Die Apotekerin war noch überwältigtcr, sie schnappte förmlich nach Luft.„Der Baron, der Baron!" wiederholte sie. Aber Germanek und der Baron tvaren ja gute Bekannte von der Residenz aus, und wenn der Baron hierher gekommen war, so war er nur ihres Mannes wegen gekommen, er kannte ja sonst niemanden, aber er wollte wol einem alten Bekannten eine freundliche Auf- merksamkeit erzeigen, und Germanek wußte nichts davon und niemand hatte den Baron empfangen, und da schlürfte ihr Mann in Double chainc eben an ihr vorüber. Sie winkte ihm zu, mit dem Taschentuch, mit dem Fächer, mit den Augen, und sie nickte mit dem Kopfe, und wies dann mit den knochigen Armen gegen die Tür. Germanek verbeugte sich und warf ihr eine Kußhand zu.„Aber Germanek, höre, pst, pst!" machte sie. Er verstand sie nicht, er schlürfte weiter. Sie wollte ihm nach.„Pst, Germanek, pst!" Die Hofrätin versuchte, sie zurückzuhalten. Diese Tour sei onedies die lezte, und es sei doch jezt unmöglich, sich durch- zudrängen. Aber schon hatte diese Double chaine zu der herkömmlichen Verwirrung gefürt, die der Arrangeur nicht anders zu lösen wußte, als daß er„Walzer!" kommandirte. Jeder der Herreu ergriff dir Dame, die er grade vor sich hatte. Germanek fand sich plötzlich seiner Gemalin gegenüber, und vom Taumel erfaßt, nam er sie um die Taille und drehte sich mit ihr, trotz ihres zappelnden Widerstrebens, herum. Aber bei der Tür an gekommen, erfaßte sie ihn derb, und bald hatte sie ihn zur Tür hinausbugsirt. Im Vorhause erfolgte die Erklärung. Hierauf brachte sich das Ehepaar gegenseitig ein wenig in Ordnung, und vom Vorsale aus in das Speisezimmerchen tretend, überfiel Germanek den Baron, der noch immer nach dem Tanzsal hinaus- blickte, von rückwärts mit einem Schwall von bewillkomnienden Worten. Hellenbach drehte sich um, und den Apoteker ettvas genauer ms Auge fassend, brach er in ein herzliches Gelächter aus. „Baron Schwämmchen!" rief er und streckte ihm die Hand entgegen.„Warhaftig, unser Witzbold aus der Manege, unser August, unser olcl fellow. How do you do? Sehr erfreut, Sie wiederzusehen." Germanek war außer sich vor Entzücken, er wackelte mit dem Kopfe und schnitt eine Clown-Grimasse. „�ll riglit!" rief er, grade wie die Clowns nach einem ge- lungenen Kunststück, und fügte dann mit einem breiten Lächeln hinzu:„Sic erinnern sich also meiner noch, Herr Baron?" 211 „Natürlich," erwiderte dieser, noch immer lachend,„wir Kavaliere unter uns, was denken Sie, wir behalten uns im Gedächtniß. Ah, Ihr Abgang ist viel bedauert worden, Baron Schwämmchen hat uns allen gesell; ich glaube, sogar die Pferde haben Sie vermißt, und sie, Ihre Schöne vom Nudelbrett, wissen Sie, die kleine Brünette, die Sie damals so energisch angeseufzt haben, sie hat—" Germanek räusperte sich furchtbar laut, dann mit einer raschen Bewegung seine hinter ihm stehende Gattin vorschiebend, sagte er: „Meine Frau! Ich bin seit einem halben Jar verheiratet." „Wir sind sehr glücklich miteinander," flötete Frau Germanek, verschämt die Augen niederschlagend. Der Baron bezeigte seine Freude und sagte ihr einige liebens- würdige Worte. Indes hatte Germanek auch den Bürgermeister, der sich mit einer Fischmajonaise und einer Flasche Vöslauer unterhielt, von der Notwendigkeit überzeugt, den Baron zu be- grüßen. Er stellte ihn vor und machte hierauf auch Alfted Depauli mit dem Baron bekannt. Es erfolgte ein Austausch der gewönlichsten Phrasen, und der �Bürgermeister lud hierauf den Baron ein, an seinem Tische platzzunemen, wo er bereits für seine beiden Mündel hatte decken lassen. Herr Tbomann liebte es, bei öffentlichen Gelegenheiten den noblen und besorgten Vor- niund hervorzukeren. � Schon wollte Hellenbach dankend ablehnen, als er Fritz Berger, seinen neuen Bekannten, den prächtigen Jungen von heute früh, mit einein hübschen, üppigen Mädchen am Arm, beide echauffirt, beide selige Wonne in den Zügen, aus dem Tanzsal hereinkommen sah. Er begrüßte den jungen Mann zuerst, und dieser für so jäh zurück, so von wirklichem Ichreck erfaßt, daß der Baron hätte laut auflachen mögen. Er hatte ihn jezt fest, seinen Cato, und er wollte ihn nicht eher loslaffen, bis er alles erfaren, was er erfaren wollte, bis ihm dieser seine Braut vorgestellt hatte. Es ivar wol das hübsche Mädchen, das ihren runden Arm in den seinen gelegt, und den der Schlingel in diesem Augenblick fest an sich drückte. Gewiß, diese mußte es sein und nicht jenes pikante Kind, das er im Walde getroffen, das er heute in der Messe singen gehört, das er vorhin tanzen gesehen und dem er einen immer bestimmteren Liebreiz zuerkannte, je öfter es ihm begegnete. Malchen kam hcreingehüpst, sie bat die Schwester, ihr die Rose fester zu stecken, die bei der lczten Tour lose geworden war. Hellenbach erkannte diese Rose, und er hörte jezt auch die Namen der beiden Mädchen: Minna und Matchen. Jeder Zweifel war beseitigt, er hatte die Freundinnen Elvira's vor sich, dieselben, von denen diese danials versicherte, sie liebten ihn. Dies alles erlnstigtc ihn höchlich. Jezt wollte er die Einladung des Bürgermeisters gern annemen, schien es ihm doch ausgemacht, daß er hier am ersten Gelegenheit finden tvürdc, mit Elvira in Verkehr zu treten, und daß er andrerseits diesen jugendlichen Othello ein wenig zur Verzweiflung bringen konnte. Er wendete sich daher an den Bürgermeister und versicherte ihn, daß es ihm ein un- geheures Vergnügen geiväre, an seinem Tische platznemen zu dürfen. Ter Bürgermeister leckte sich voll Befriedigung die fetten Lippen und bestellte Champagner. Wieder begann die Musik. Frau Germanek entfürte ihren Mann zum Tanze, Fritz, noch immer seine Minna am Arm, suchte ebenfalls hinauszukommen. Aber Hellenbach trat ihnen entgegen, und mit unnachamlicher Liebenswürdigkeit bat er um die Gnade, dem Fräulein vorgestellt zu werden. Fritz wütete innerlich, aber er mußte willfaren. Das muntere, geistig aufgeweckte Mädchen und der gewante Kavalier, der schon aus Schadenfteude alle Register seiner Liebenswürdigkeit zog, kamen sogleich in eine Konversation, die immer heiterer und lebendiger sich gestaltete. Fritz fülte sich dabei höchst überflüssig, er hätte davonlaufen mögen und vermochte in cifersüchttger Äe- harrlichkeit doch nicht, die Augen von ihnen abzuwenden. Jezt war der erste Walzer zu Ende und es begann sogleich der zweite. Minna war es, die ihn darauf aufmerksam machte, daß er für diesen mit Elvira cngagirt sei. Er erblaßte. Sie schickte ihn fort, und er sollte gehen, den Baron, diesen Wüst- ling, an ihrer Seite zurücklassen? Und mit welch' süßschmelzendcn Augen er sie anblickte! Die Begehrlichkeit lauerte dahinter; ihm war, als müßten diese Blicke sein Mädchen vergifte». „Herr Berger, man stellt sich zum Walzer, Sie werden Ihre Dame doch nicht warten lassen," mante neckend der Baron. „Gewiß, Herr Berger," sagte Minna, und auch ihr Ton war nicht one Schelmerei,„Elvira würde es Ihnen nie verzeihen." Wie kalt, wie förmlich das„Herr" aus ihrem Munde klang. Er warf ihr einen Blick zorniger Wemut, ihm einen voll drohen- der Eifersucht zu und stürmte dann die wenigen Stufen hinunter in den Sal. Elvira hatte ihn schon erwartet. Als sie ihn jezt, hastig durch die Menge sich drängend, herbeikommen sah, als könne er's kaum erwarten, sie zu erreichen, da überflutete es sie so hell, so Ivarm, wie Frülingssonnenschein. Sie erhob sich und trat ihm einen Schritt entgegen. One ein Wort zu sagen, nur sich gegen sie verneigend, hatte er ihre Hand erfaßt. Sie fülte, daß seine Hand brannte, fest hielt sie die ihrige umspannt. Sie stellten sich zum Tanz. Elvira erzitterte leise, als Fritz nun seinen Arm um ihre Taille legte. Sic bog den schlanken Leib zurück, als wollte sie ihm entschlüpfen, er mußte sie noch fester umschlingen.— Jezt flogen sie durch den Sal. Es war, als hätten sie Schwingen, die durch ihre innere Erregung entfaltet worden, so leicht, so elastisch, aber auch so leidenschaftlich, wie von einem Wirbel er- saßt, drehten sie sich im Tanze. Gewiß, sie sangen nicht nur gut, sie tanzten auch gut miteinander, es war die allgemeine Meinung im Sal. Man fand die beiden so jngendschön, so in Gestalt und Wesen wol zusammen passend. Elvira war von einem süßen Taumel erfaßt. Der Boden unter ihren Füßen schien zu weichen, sie fülte nur, daß sie in seinen Armen lag und fülte es mit Entzücken. Und sie empfand seinen heißen und doch so würzig frischen Atem, und sie berauschte sich darin noch mer. Sic hätte ewig so forttanzen mögen, es erschien ihr wie der Inbegriff der Seligkeit, und die abscheuliche Musik erklang ihr wie die himmlischer Sphären. Fritz war es, der plötzlich stehen blieb und mit seiner Tänzerin zur Seite trat. Er sagte ihr, daß sie ermüdet sein müsse und daß es wol gut wäre, aufzuhören. Er hatte nach der Tür ge- blickt, Minna und der Baron standen nicht mer in derselben, sie waren verschwunden. Es drängte ihn, ihnen nachzueilen. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Leben der Insekten. Naturgeschichtliche Skizzen von Dr. L. Iacovy. (1. Fortsetzung.) Bevor lvir daran gehen, eine Erklärung dieser wunderbaren Erscheinungen zu geben und mit Hülfe der Entwicklungsteorie Darwins ihr naturnotwendiges Werden und Entstehen zu ver- folgen, wird es angemessen �sein, aus der Fülle der Tatsachen eine Reihe verwanter und änlicher Fälle kurz anzufüren.„Es gibt Insekten," sagt Michelet,„die zu sagen scheinen: Wir sind für uns allein die ganze Natur. Get sie unter, so werden wir sie spielen und alle Wesen darstellen. Fordert ihr Blätter, so gleichen wir diesen. Nemt, ich bitte euch, diesen Zweig und seht— es ist ein Insekt!" Die Warheit dieses Ausspruchs wird uns recht offenbar, wenn wir eine Heuschrecke,„das wandelnde Blatt"(Phyllium siccifolium) betrachten, ein Insekt, das nicht nur in seinen Flügeln vollkommen ein grünes Blatt mit seinen Aderverzweigungen nachamt, sondern auch durch die flache Aus- breitung der Oberschenkel in den Vorder- und Mittelbeincn zur Blattänlichkeit sich umgestaltet. Man kann sagen, alles an diesem Tier zielt augenscheinlich darauf hin, den Eindruck cineZ grünenden Blattes hervorzurufen; und der Naturforscher Belt crzält uns aus eigner Beobachtung, wie sehr diese Nachamung geeignet ist, das Tier vor seinen wütendsten Verfolgern zu schützen. Er sah nämlich, wie diese Heuschrecke regungslos fitzen blieb inmitten eines ganzen Haufens von insektenftesscnden Ameisen der Tropen- welt, die beständig über sie hinwegliefen, one zu entdecken, daß sie ein Insekt und kein Blatt sei. Da die Heuschrecke Flügel besizt, so hätte sie sich fteilich in diesem Falle den Ameisen durch die Flucht entziehen können; sie tat das aber wolweislich nicht, - 212 denn alsdann wäre sie augenblicklich den Bogel» zur Beute gc- worden, welche die Anieisenschwärine begleiten, um die vor ihnen fortfliegenden Insekten zu fangen. Eine andere Familie der Gradfliigler, die der Gespenst- Heuschrecken(Phasmiden) amt in allen ihren Geschlechtern die Gestalt und das Aussehn trockncr Aeste und Zweige nach. Man kann diese Tiere„wandelnde Stockinsekten" nennen. JSs gibt deren in Indien, Südamerika und Afrika, die über Ist Fußlang sind und dick wie ein Finger, und ihre ganze Färbung, Form und Rauhigkeit der Oberfläche, sowie die Anordnung des Kopfes, der Beine und der Füler sind derartig, daß die Tiere von den ab- gestorbenen Aesten, auf denen sie sitzen, absolut nicht zu unter- scheiden find. Dazu kommt, daß sie die außerordentliche Geivon- heit angenommen haben, ihre stabförmigen Beine unsymmetrisch auszustrecken und sie so geraume Zeit unbeweglich zu halten, wodurch die Täuschung noch vollkommener wird. Nimmt man solch' eine lebende Stabheuschreckc in die Hand, so läßt sie ihre Glieder stellen, wie die hölzerne Modellpuppe eines Malers. Man drehe die drei rechtsseitigen Beine vorwärts, die links- seitigen rückwärts, man strecke die Mittelbeine gradeaus, sodaß sie wie zwei Drähte senkrecht vom Rumpfe abstehen, das Tier bleibt wie eine Statue und gehorcht wie eine Marionette. Was unsere einheimischen Schmetterlinge betrifft, so gleicht der Eichenzipfelfalter sTheelu quercus) sehr genau einem gc- tüpfelten trocknen Eichenblatte, und der smaragdgrüne Brombeer- falter(Tbecla Rubi) einem jungen Himbeerblatt, tvärend die BrzwpbiU glaiulifera und peiia mit ausgebreiteten, teils rein weißen, teils scheckigen Flügeln der wäre Abklatsch der Mörtel- mauern oder der mit allerlei bunten Schorfstechten besezteu Brcter- zäune sind, welche diese Falter zum Ausruhen aufsuchen. Unter den Käfern bildet die Familie der Tigerkäfer oder Sandlaufkäfer(Cicindeliden) ein lehrreiches Beispiel von Mimicry. Die Cieilldkla campestns der grasigen User ist grün, die C. maritima der sandigen Seegestade kleidet sich blaß-bronzegelb; das sammctartige Grün der C. gloriosa wetteifert mit der Farbe des nassen Moses auf den Steinen der Bergwässer; die C. silvatica, die auf den dnnkel-verbrannten, trocknen Mosen der Waldflächen lebt, ist dunkelbraun oder kolschwarz mit weißen Strichelchen, welche genau den weißen Spitzen der Moshare gleichen, und die Cicindela heros von oliven-braungrüncr Farbe läßt sich von dem nassen Schlamm salziger Marschen, auf dem sie umherläuft, nur durch ihren Schatten unterscheiden. Endlich sei hier noch der poetisch schönen Nachamung Erwänung getan, durch welche gewisse kleine, goldgrüne oder grünblaue Schildküfer und Chryso- Auf dem Eise der Düna.(Seite st«.) melinen sich vor ihren Verfolgern schützen; von der Sonne be- schienen, gleichen sie nämlich auf ein Har den glitzerilden Tau- tropfen der Blütcnkelche, auf denen sie sitzen. In allen diesen Fällen haben wir es mit Nachamungen von Pflanzengebilden oder organischen Dingen zu tun. In eine andre, nicht minder interessante Kategorie gehören die Beispiele, wo Insekten sich in eine Art Lebensversicherung dadurch ein- kaufen, daß sie Tiere nachamcn, andre Insekten und zwar stets solche, welche wegen irgendeiner besonders hervorstechenden Eigen- schaff, sei es wegen einer scharfen Waffe, eines Giftstachels, eines harten Panzers oder— und diese Nachamung ist vorzugsweise beliebt— wegen eines ätzenden Saftes, wegen ungenießbaren Geschmacks oder eines häßlichen, widerwärtigen Geruchs von den natürlichen Feinden der nachamenden Insekten gefürchtet und vermieden werden. Das einfachste Beispiel dieser eigentümlichen Art von Nach- äffung liefert uns eine ausgebreitete Abteilung von Schmetter- lingen, die Familie der Glasflügler(Sesiiden). Wärcnd alle übrigen Schmetterlinge eben ihren Namen„Schuppenflügler" sLepidopteren) von den zierlich angeordneten, farbenprächtig glänzenden Sä Uppengebilden haben, mit denen ihre Flügel bedeckt sind, hat die Natur dieser Familie ihre Schuppen fast vollständig genommen und sie dadurch bis zum Verwechseln änlich solchen nacktflügligen Insekten gemacht, welche durch den Besitz von gefärlichen Stichinstrumenten bei ihren Feinden gefürchtet sind, also namentlich den Wespen, Hummeln, Bienen, Hornissen und Stechfliegen. Betrachten wir z. B. den Hornissenschwärmer (3esia apifomis), so wird es uns auch one Hinzuname der Farbe zuerst schwer sein, zu bestimmen, ob wir es hier mit einer großen Wespe oder mit einem Schmetterling zu tun haben. Noch frap- panter aber wird die Aenlidfleit, wenn wir erwägen, daß alle helleren Stellen des Leibes von diesem Schmetterling goldgelb und behart sind, die Adern, Vorderränder»nd Fransen aller sonst völlig durchsichttgen Flügel rostgelb und bronzefarben erscheinen, sodaß es aussiet, als habe das Tier seine ganze Färbung der Wespe gleichsam fortgestolen.— Schon die Namen fast aller zalreichen Arten dieser Schmetterlinge charakterisiren die nach- geamten Schutztiere, deren Doppelgänger sie sind; man nennt sie Bienenschwärmer, Wespenschwärmer, Staubfliegenschwärmer, ' mücken- und schnakenförmige:c. Von den Käfern amt der in die Familie der Cctoniden(Rosen- käfer) gehörende gebänderte Trichius, welcher in Gebirgsgegenden auf blühenden Brombeerbüschcn lebt, sowol durch die Färbung, als insbesondere durck) den dichtbeharten Kopf, täuschend genug eine stachelbewerte, gelbe Hummel nach. Ein Bockkäfer ferner aus Südamerika(Odcmtoeera odyneroides) hat einen gelb- gebänderten und an der Brust eng zusammengeschnürten Hinter- leib, und gleicht so genau einer gemeinen Wespe der Gattung Odynerus, daß der Forscher Bates uns erzält, ivie er sich ge- fürchtet habe, ihn mit den Fingern aus seinem Fangnetze zu nemen, und so wie hier diese Aenlichkeit den Käfer auf ein Har vor der Nadel des Sammlers gerettet hätte, hat sie ihn vorher zweifellos oft genug vor dem Schnabel insektenhungrigcr Käfer bewart.(Schluß folgt.) 214 Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Hulda. Für die„N. W." mit Erlaubnis der Verfasserin übersezt von L. v. d. �Vieleck. (4. Fortsetzung.) III. „Das ist der Alois ihr Namenstag, nicht wahr?" sagte der alte- Tehan Daas in jener Nacht aus der Ecke, wo er auf seinem Bett von Sackleinwand hingestreckt lag. Der Knabe nickte; es wäre ihm lieber gewesen, der alte Mann hätte kein so gutes Gcdächtniß gehabt. „Und warum bist du nicht da? Du hast doch kein Jar ge- felt, Nello." „Du bist zu krank, als daß ich fort könnte," murmelte der Bursche, den schönen jungen Kopf über das Bett beugend. „Pah! Pah! Mutter Bulatte wäre gekommen und hätte sich u mir gesetzt, wie sie es dutzendemal getan hat. Was ist er Grund, Nello? Du hast dich doch nicht mit der Kleinen ge- zankt?" „Wein, Großvater, nie," antwortete der Knabe rasch, über und über rot.„Die Sache ist, Baas Copez hat mich dieses Jar nicht eingeladen. Er hat irgend etwas gegen mich." „Du hast doch nichts Unrechts getan?" „Nicht, daß ich wüßte. Ich habe die kleine Alois auf ein Tanncnbrett gezeichnet— das ist alles." Der alte Mann schwieg; er erriet die Warheit aus der un- schuldigen Antwort des Knaben. Er war seit Jaren an sein Lager von dürrem Laub gefesselt, aber er hatte doch nicht ganz vergessen, wie es in der Welt hergct. Er drückte Ncllo's Kopf zärtlich an seine Brust. „Du bist sehr arm, mein Kind," sagte er und seine vor Alter zitternde Stimme zitterte noch mer als sonst—„so sehr arni! Es ist schlimm für dich." „Nein, ich bin reich," sprach Nello leise vor sich hin; und in seiner Unschuld glaubte er es— glaubte sich reich durch die nn- vergängliche Kraft des Genius, die mächtiger ist als die Macht von Königen. Und er ging an die Türe und beobachtete in der stillen Herbstnacht die Sterne, ivelche am Himmel wandelten, und die hohen Pappeln, welche sich leis rauschend im Winde beugten. Alle Fenster in der Miile waren erleuchtet, und dann und wann drangen Töne der Flöte zu ihm. Tränen tropften ans seine Wangen, denn er war nur ein Kind; und doch lächelte er und sagte sich:„In der Zukunft!" Er blieb, bis alles ganz still und dunkel war; dann ging er mit Patrasche hinein in die Hütte und sie schliefen lang und fest einer neben dem andern. Er hatte ein Geheimniß, das nur Patrasche kannte. Zu der Hütte gehörte ein kleiner Anbau, den niemand betrat außer ihm — ein trauriger Aufenthalt, aber mit einer Flut hellen Lichts vom Norden. Hier hatte er sich von Latten ein Gerüst, eine Art Staffelei aufgeschlagen, und auf zusammengeklebtem grauen Papier einem der zallosen Phantasicgebilde, die sein Hirn er- füllten, Form und Gestalt gegeben. Niemand hatte ihm je etivas gelehrt; Farben zu kaufen be- saß er nicht die Mittel, und die paar primitiven Zurüstungcn herzustellen, hatte er manchen Tag one Brod zubringen müssen, und die Dinge, welche er sah. konnte er nur in Schwarz und Weiß darstellen. Die große Figur, welche er hier mit Kole und Kreide gezeichnet hatte, war nur ein alter Mann, auf einem gefallenen Bauni sitzend— nichts weiter. Er hatte Michel, den alten Köler, oft des Abends so dasitzen sehen. Keine Seele hatte ihm je etwas non Umrissen oder Perspektive, von Anatomie oder Licht und Schatten gesagt, und doch hatte er das müde, durch schwere Arbeit vor der Zeit abgenutzte Alter, die traurige, stille Geduld, das einfache, gramvolle Pathos seines Originals so vollständig und so treu wiedergegeben, daß die Gestalt des einsamen Greises, der nachdenklich im Dämmern der herniedersteigenden Nacht ans dem toten Baum dasaß, ein Gedicht von ergreifender Wirkung war. Das Bild war natürlich sehr wildwüchsig und hatte un- zweifelhaft mancherlei Mängel, allein es hatte die Warheit und auch die ursprüngliche Schönheit der ächten Kunst. Patrasche hatte viele, viele Stunden geduldig dagelegen, und der Arbeit zugeschaut, und er wußte, daß Nello eine Hoffnung hatte— eine eitle und überschwängliche Hoffnung vielleicht, aber felsenfest— nämlich er wollte das Bild nach Antwerpen schicken und sich um einen Preis von zweihundert Francs järlich be- werben, der für Kreide- oder Bleistiftzeichnungen von talentvollen Knaben jeden Stands und weniger als achtzehn Jar�alt, ausgesetzt war. Drei der berümtcstcn Künstler in der Stadt des Rubens sollten die Preisrichter sein und den Sieger nach seinem Verdienst auswälen. Den ganzen Früling, Sommer und Herbst hatte Nello an seinem Schatze gearbeitet, der ihm, wenn siegreich, die erste Stufe zur Unabhängigkeit und zu den Geheimnissen der Kunst sein sollte, die er blind, unwissend, und doch so leidenschaftlich anbetete. Er sagte niemand etwas; sein Großvater hätte ihn nicht ver- standen und die kleine Alois war für ihn verloren. Nur seinem Patrasche sagte er alles und flüsterte ihm zu:„Ich glaube, Rubens würde mir den Preis geben, wenn er lebte." Und Patrasche glaubte es auch; denn er wußte, daß Rubens die Hunde gelieot hatte, oder er hätte sie nicht mit so erstaun- licher Treue malen können; und Leute, die Hunde gern haben, das wußte Patrasche, sind immer mitleidig und gutherzig. Am ersten Dezember sollten die Zeichnungen eingeliefert sein, und am vierundzwauzigsten Dezember die Entscheidung getroffen werden, so daß der glückliche Gewinner mit den Seinen recht frohe Weihnachten feiern konnte. Mit klopfendem Herzen, bald geschwellt von Hoffnung, bald niedergedrückt von Furcht, packte Nello im Zwielicht eines bitter- kalten Wintertags sein großes Bild sorgfältig auf den kleinen, grünen Karren, brachte es, mit Hülfe Patrasche's, in die Stadt, imd legte es dort, wie vorgeschrieben war, in der Vorhalle eines öffentlichen Gebäudes nieder. „Vielleicht ist es gar nichts wert. Wie kann ich's wissen?" dachte er, das Herz von unsäglicher Bangigkeit erfüllt. Jetzt, da er sein Bild abgegeben hatte, kam ihni seine Hoff- nung so gewagt, so eitel, so töricht vor. Wie. konnte er, ein armer, barfüßiger Junge, der kaum lesen konnte, davon träumen, daß er etwas zu leisten vermöge, das von großen Malern, von wirklichen Künstlern auch nur eines Blickes gewürdigt werden lviirdc. Als er aber an der Katcdrale vorbeiging, faßte er lvieder Mut. Die herrliche Gestalt des Rubens schien sich aus dem Nebel und der Dunkelheit zu erheben und vor ihm zu schweben, und die Lippen des frcnudlich lächelnden Meisters schienen ihm zuzurufen:„Habe Mut! Mit verzagtem Herzen und schwächlicher Angst hätte ich niemals meinen Namen für alle Zeiten auf Ant- lverpen geschrieben." Nello eilte durch die eiskalte Nacht nach Hause, getröstet. Er hatte sein Möglichstes getan; das Weitere lag in Gottes Hand, dachte er in jenem unschuldigen, keinen Zweifel kennenden Glauben, der ihm in der kleinen Kapelle zwischen den Weiden und Pappelbäumen eingeflößt worden war. Der Winter war schon sehr kalt. Als sie in jener Nacht die Hütte erreicht hatten, fing es au zu schneien; und es schneite un- aufhörlich merere Tage lang, so daß die Wege und die Grenzen der Felder verschwanden. Und die Bäche waren gefroren und ei» schneidender Wind pfiff über die Ebene. Da war es nun freilich harte Arbeit, die Milch zu holen, wärend die Welt noch in Dunkelheit versenkt war, und durch die Finstcrniß nach der schweigenden Stadt zu faren. Harte Arbeit, besonders für Patrasche, denn der Lauf der Jare, der Nello nur eine kräftigere Jugend brachte, er brachte ihm das Alter, und seine Gelenke waren steif und die Knochen schmerzten ihn oft. Aber er wollte seinen Teil an der Arbeit nicht aufgeben. Nello hätte ihn gern geschont und den Karren selber gezogen, allein Patrasche wollte es nie leiden. Das Einzige, was er erlaubte oder annam, war, daß Nello, wo der Weg besonders schlecht lvar, hinten am Karren schob. Patrasche hatte im Hundegeschirr gelebt, und er war stolz darauf. Er litt oft arg von der Kälte und den abscheulichen Wegen und von Glieder- schmerzen, dann biß er die alten Zäne zusammen, atmete müh- sam, drückte den stolzen Nacken herunter und— trabte voran mit stätiger Geduld. 215 „Bleibe zu Haus und ruhe dich aus. Patrasche— es ist Zeit, daß du Ruhe bekommst, und ich kann den Karren ganz gut allein faren," sagte ihm Nello manchen Morgen. Doch Pa- trasche, der ihn sehr wol verstand, konnte ebenso wenig zu Haus bleiben, wie ein alter Soldat zurück bleibt, wenn zur Attake gc- blasen wird; und Tag für Tag erhob er sich pünktlich, stellte sich zum Einspannen vorn an den Karren, und arbeitete sich tapfer durch den Schnee und über die Felder, in denen seine vier runden Füße so viele, viele Jare hindurch ihre Eindrücke hinterlassen hatten. „Man darf nicht ruhen, bis man stirbt", dachte Patraschc; und manchmal schien es ihm, als wäre für ihn diese Zeit der Ruhe nicht fern. Sein Gesicht war nicht wer so scharf, wie es gewesen war, und es fiel ihm schwer, des Morgens aufzustehn, obgleich er nie auch nur einen Augenblick auf seiner Streu blieb, wenn die Kirchenuhr fünf schlug und ankündigte, daß die Zeit der Arbeit begonnen hatte. „Mein armer Patrasche, wir werden bald ruhig zusammen- liegen, du und ich," sagte der alte Tehan Daas, und streichelte Patrasche den Kopf mit der verschrumpften runzlichen Hand, die so lange die armselige Brodkruste mit ihm geteilt hatte; und das Herz des alten Mannes und das Herz des Hundes quälte der der bittere Gedanke: Wenn wir beide tot sind, wer wird sich um unfern Liebling kümmern? Eines Rachmittags, als sie über den Schnee, der in der ganzen flandrischen Ebene hart und glatt wie Marmor geworden war, von Antwerpen zurückkamen, fanden sie auf der Straße eine hübsche kleine Puppe, eine Tambourinschlägerin, ganz Schar-| lach und Gold, ungcfär sechs Zoll hoch, und ungleich anderen Personen, die das Glück hat zu Fall kommen lassen, gar nicht beschädigt und verletzt durch ihren Fall. Es mar ein hübsches Spielzeug. Rello gab sich Mühe, den Eigentümer zu finden, und, da dies nicht gelang, so meinte er, das beste sei, wenn er die Puppe Alois schenke. Es war Nacht, als sie an der Müle vorbeikamen; er kannte das kleine Fensterchen ihres Zimmers. Es war doch nichts Schlimmes, dachte er, wenn er ihr seinen Fund schenkte, sie waren doch so lauge Gespielen gewesen. Unter ihrem Zimmer war ein kleiner Anbau mit abfallendem Dach; er kletterte hinauf und klopfte leise an den Laden; es war Licht drin. Das Kind öffnete das Fenster, und sah, halb erschreckt, hinaus. Rello gab ihr die Tambourinschlägerin in die Hand. „Hier ist eine Puppe, die ich im Schnee fand, Alois. Nimm sie," flüsterte er,„nimm sie, und Gott segne dich." Er glitt vom Dache herunter, noch ehe sie Zeit hatte, ihm zu danken, und lief durch die Dunkelheit davon. In jener selben Rächt nun war Feuer in der Müle. Ein Nebengebäude und große Frnchtvorräte wurden zerstört— die Müle selbst und das Wohnhaus blieben verschont. Das ganze Dorf war, von Schrecken erfüllt, auf den Beinen.und die Feuer- spritzen kamen durch den Schnee von Antwerpen dahergerasselt. Der Müller war versichert und verlor also nichts; nichtsdesto- weniger ivar er im höchsten Grade aufgeregt und erbost und er- klärte laut, das Feuer sei nicht zufällig entstanden, sondern ab- sichtlich angelegt.(Fortsetzung folgt.) Em Tanzlied Walllzers von der Vagelweide. Von Friedrich"Pokckmar. Man hat sich gewönt, das Mittelalter als eine Zeit geistiger und politischer Finsterniß zu betrachten, welche sich in dem grellen Feuerschein der angezündeten Holzstöße, auf denen man die Ketzer und Hexen verbrannte, nur noch düsterer und trüber ausnimmt. Von dem„finstern Mittelalter" spricht der Gebildete wie der Ungebildete(und Ivo ließe sich hier eine strenge Grenze ziehen), im Tone des Mitleids und der Geringschätzung, und er empfindet dabei ein Gefül innigster Genugtuung, hoch über jener bcdauerns- werten Zeit, auf den lichtvollen Höhen unserer Tage zu stehen, erleuchtet von der Sonne der modernen Wissenschaft. Und in diesem Bewußtsein bestärkt ihn die Eigenliebe, mit welcher jeder die Zeit, in der er lebt, für die fortgeschrittenste und erleuchtetste, ihre Sitten und Gewonheiten, weil sie die seinigen sind, für besser und vollkommener hält, als die Sitten und Gewonheiten aller andern Zeiten. Mit welchem Rechte? Das ist etwas andres. Genug, daß es so ist, und daß wir lieber ungerecht gegen andere sind, als streng gegen uns, und lieber in einem Irrtum beharren, weil er uns schmeichelt, als ihn gegen eine Warheit aufgeben, welche unser eingebildetes Selbstgefül verletzen könnte. Wollten wir z. B. einmal in das Meer von irrtümlichen und falschen Vorstellungen, welches fast über dem ganzen Mittelalter wie über einer versunkenen Stadt rut, untertauchen, vielleicht würden wir auf seinem Grunde Manch' seltene Perle, manch' untergegangenes Kleinod finden, von dem wir bisher nichts ge- wüßt noch geant haben! Und hier ist eines, das jarhunderte- lang da drunten verborgen und vor noch nicht allzulanger Zeit erst wieder an das Licht des Tages gehoben wurde,— köstlich wie eines, welches die Neuzeit hervorbrachte: ein Tanzlied des einst von dem Unverstand und der Unwissenheit geschmäten und verachteten, jezt so hoch gefeierten„Herrn" Walther von der Vogel- weide. Der Leser wird sich erinnern, daß wir schon im vorigen Jar- gange ein Tanzliedchen, und zwar aus dem Gebiete des Kinder- lebens, besprochen haben. Solche„Tanzweisen" oder„Tanzwisen", wie sie im zwölften oder dreizehnten Jarhundert genannt wurden, sind ein eigentümlich schöner Vorzug der vergangenen Zeit, welcher unsrer heutigen Art zu tanzen leider völlig verloren gegangen ist. Nur in dem Kinderspiel hat sich noch ein Rest jener alten, schönen Tanzsitte lebendig erhalten, wie denn das kindliche Gemüt treuer und fester an den ursprünglichen Lebensformen und Gewonheiten hält und sie auch dann noch wie ein heiliges Vermächtnis von Geschlecht zu Geschlecht liebevoll bewart, wenn die Erinnerung daran den Erwachsene» längst geschwunden ist. Versuchen wir indes, ob es uns gelingt, den Geist jener Zeiten aus seinem jarhundertelangen Schlummer zu erwecken und so zu einer möglichst vollständigen und klaren Anschauung von einer Sitte vorzudringen, deren Feleu in der Gegenwart als eine nicht geringe Einbuße an warem Vergnügen und ächtem, reinen Genüsse zu beklagen ist. Es ist Früling geworden und der Mai mit allen seinen Wonnen ist ins Land gekommen. Feld und Wald haben sich zu seinem Empfange festlich geschmückt und ein neues, lichtgrünes Gewand statt des eintönig weißen Winterkleides angelegt. Bäume und Sträucher stehen in schimmerndem Blüteuschmucke, die Veilchen hauchen ihre süßen Düfte aus dem Grase empor und die Haide prangt in tausendfacher Blumenpracht. Aus dem Walde her tönt der girrende Lockruf der wilden Taube, lustiger Finkenschlag und der frölichc Gesang der Drossel, und im grünen Dunkel des Gebüsches singt und klagt ihre süßen Liebesweisen die Nachtigall. Alles lebt, alles genießt und fteut sich des neuen wonnigen Maienglücks nach langer und harter Winterzeit, und der Mensch sollte es nicht? Er allein sollte sich der allgemeinen Lust ver- schließen und nicht frölich mit einstimmen in den lauten und jubelnden Freudenruf der ganzen belebten Natur? Und wenn es das Alter vermöchte, die Jugend vermag es nicht!— Von der Burg hernieder, aus der engen Winterhaft des Frauen- gemachs, steigen die Jungfrauen der Burg, die Fürstin oder Herrin mit ihren Begleiterinnen, ihrem edlen Ingesinde, wie es im Nibelungenlied von der Kriemhild und ihren Frauen heißt, hinab in das grünende, blühende Tal, des Maien Einzug nach uralter Sitte mit festlichem Reigen feiernd zu begehen. Keusch und züchtig umschließen die hellen Früliugsgewänder die schlanken Gestalten, kein entblößter Arm läßt Reize zutage treten/ welche man bei unfern heutigen Tänzen an uvsern Frauen und Jung- frauen nicht mer cntberen zu können glaubt, und als ein ein- ziger unentberlicher Schmuck wiegt aus dem schön gebundenen Haupthar einer jeden sich ein dustig- frischer Blumenkranz*). Leichten Ganges schreitet die anmutige Schar über die blumige *) Aus den Kopfschmuck wurde von den Frauen der früheren Zeit »ichl weniger Werl gelegt, als heutzutage. Namentlich wurde das Har kunstvoll mit Bändern durchslochten und gebunden, was das Ge- bände genannt wurde. Wiese dem Waldrande zu, denn dort unter dem schattigen Blätter- dache der uralten Linde wartet ihrer, die Hand auf das vertraute Zaitenspicl gelegt, der Sänger. Hochgefeiert von Alt und Jung und weithin bekannt in den deutschen Landen, ist er nicht nur der sangesfrohe Meister seiner Kunst mit dem unerschöpflichen Licderquell im Herzen, er ist zugleich der vornemstc Lehrer und Unterweiser der Jugend in der srölichen Kunst des Reigentanzes, unermüdlich im Erfinden neuer Tanzweisen und Tanzarten, und in beiden, als Sänger wie als Reigenfürer, dem Tanze un- cntberlich. Wir modernen Menschen, die wir an eine so ganz andre Art zu tanzen gewönt sind, können uns kaum eine rechte Vorstellung davon machen, wie der Dichter bei dem Tanze der älteren Zeit eine so wichtige und maßgebende Rolle spielen konnte. Allein wir haben es mit dem zwölften und dreizehnten Jarhundert zu tun, mit der ersten wunderbaren Blütezeit unsrer Literatur, der Zeit des Minnegesanges, und so darf es den Leser nicht ver- wundern, wenn er den Dichter, den wir uns so gern hoch über dem Tun und Treiben andrer Menschen erhaben wänen, hier inmitten des frölichsten Lebens als den Frohesten unter den Frohen eines Amtes walten sict, das zu unsrer heutigen Vor- stellung von einem Dichter— wie es jene alten Sänger im vollsten Maße waren— so ganz und garnicht passen will. Fast nirgends tritt der Unterschied der Jarhunderte so deutlich zutage, wie grade an dieser Stelle in der unendlich verschiedenen Auf- fassung, welche ein jedes Zeitalter von seinen Poeten hat und von den Anforderungen, die es sich an dieselben zu stellen berech- tigt glaubt. Wollte man z. B. an einen mooernen lyrischen Dichter das Ansinnen stellen, er solle die Texte seiner Lieder nicht nur mit selbsterfundenen klangreichen Melodien versehen, sondern auch selbst zum Vortrag bringen, also Dichter, Komponist und Sänger in einer Person sein,— er würde darüber gewiß in nicht geringes Erstaunen geraten. Versuchten wir es aber gar, uns ihm mit der Bitte zu nahen, seine Erfindungskraft zum besten einer neuen geselligen Tanzart geltend zu machen, den neuerfnndenen Tanz uns sodann, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, selbst einzustudiren, vorzntanzen und mit Gesang und Saitenspiel zu begleiten, so würde er darin eine Zumutung erblicken, welche fich mit seiner Würde als Mensch und Künstler durchaus nicht vereinbaren lasse. Und doch haben jene geistigen AnHerren unserer heutigen Liederdichter, doch haben die ,, Minne- sänger" an alledem nicht nur keinen Anstand genommen, sie haben es vielmer für eine der ersten Pflichten ihres dichterischen Berufs, für ihre höchste Ehre gehalten, auch den Vergnügungen und Tänzen der Kreise, in welchen sie lebten, mit ihrer Kunst und ihrer Dichterkraft zu dienen und den Sitten und Gebräuchen ihrer Zeit das veredelnde Gepräge ihres Geistes aufzudrücken. Freilich waren diese Sitten ihnen günstiger, als die Sitten unsrer Tage es unfern heutigen Dichtern sind, und„eines schickt sich nicht für alle", sagt der Altmeister unsrer neuen klassischen Dicht kunst, Goethe. Der Leser entschuldige diesen Abschweif, der jedoch zum Ver- Brafilien und die de Der Schreiber dieser Zeilen gedenkt eine Reihe der bei der Auswanderungsfrage in Betracht kommenden außereuropäischen Länder in einer entsprechenden Zal von einander unabhängiger Aufsätze zu behandeln. Wollte er bei dieser Aufgabe mit dem allernächstliegenden be- ginnen, so wäre selbstredend, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika den Reigen zu eröffnen hätten. Ueber die Vereinigten Staaten ist aber seit langem tjenug geschrieben und geredet worden, und diese Mitteilungen sind in alle Schichten des Volks gedrungen; ferner berichten die Tages- zeitungen unausgesezt über nordamerikanische Zustände und Ereig- niste; endlich gibt es tvol kaum einen Deutschen, welcher nicht Verwante oder Bekannte jenseits des großen Wassers hätte oder mit einem Menschen verkehrte, der etliche Jare sich„drüben" aufgehalten hätte und nun„natürlich" alles Mögliche über die transatlantische Republik tausendmal besser weiß oder zu wissen behauptet, als dergleichen irgendein Mensch schriftlich niitzuteilen vermöchte. Lauge nicht so von dcuffcher Auswanderung heimgesucht, als ständnis eines Zeitalters notwendig war, von welchem uns die ungeheure Kluft von sechs, beinahe sieben Jarhunderten trennt. Der Gedanke zwar überspringt diesen Abgrund leicht, doch können wir uns mit jenen fremden Erscheinungen nur dann vertraut machen, wenn wir sie mit Erscheinungen unsrer Tage prüfend vergleichen und sie so in unsre unmittelbare Nähe ziehen. Wir nemen den Faden unsrer Schilderung da, wo wir ihn aus dem genannten Grunde fallen lassen mußten, wieder auf und begeben uns im Geiste unter die Linde zurück und in die Reihen und Gruppen der übrigen Zuschauer, welche die Neugier oder die Freude am Tanz herbeigelockt hat, manchen wol auch die Hoffnung, den hochberühmten Meister der edlen Dichtkunst, Herrn Walther, bei diesem Maienfeste einmal in nächster Nähe belauschen und bewundern zu können. Leicht ist er unter den übrigen herauszukennen, auch wenn er das untrügliche Abzeichen des ächten Minnesängers, die goldne Harfe, nicht trüge. Hoch ragt die ritterliche Gestalt aus der Mitte der Jungfrauen her- vor, die sich zum schönen Kreise um ihn geschlossen haben, seiner Weisungen gewärtig. Und der Tanz beginnt, langsam und feierlich, mit wechselndem Takt, je nach dem Sinne des Erfinders, der selbst ihn vorschreitend fürt und dazu tönt von seinen Lippen nachstehendes Lied, welches wir hier in einer neu- hochdeutschen Ucbersetzung von Simrock wiedergeben, da wir die Kenntnis des Mittelhochdeutschen bei der Merzal unserer Leser nicht voraussetzen dürfen: „Nehmt, Herrin, diesen Kranz," Sprach ich jüngst zu einem Mägdlein wunderhold, „So ziert ihr den Tanz Mit den schönen Blumen, die ihr tragen sollt. Hütt ich viel Gold und Edelsteine, Sie sollten euch gehören, Darf ich redlich schwören, Vertraut mir, daß ich's ernstlich meine." „Ihr seid so wohlgethan, Daß ich euch ein Kränzlein gönnte herzlich gern, So gut ich's winden kann. Noch viel Blumen stehen, rothe, weiße, fern, Die weiß ich dort in jener Haide, Wo sie gar hold entspringen, Bei der Böglein Singen: Da sollten wir sie brechen beide." Soweit die Anrede des Dichters. Es ist also ein Ereigniß aus seinem eignen Leben, welches er seinen Hörern, vor allem aber den lieblichen Tänzerinnen zum besten giebt, eine Begeg- nung mit einer Jungfrau edlen Standes, wie aus der Anrede hervorget. Es ist zugleich die Herrin seines Herzens und ihr hat er den Kranz bestimmt, den er gewunden hat. Den Namen der Geliebten aber verschweigt er— ihn nennen hieße an ihr und seiner Liebe zum Verräter werden, ja es war eine der ersten Pflichten des ritterlichen Minnesängers, das Geheimniß seiner Liebe selbst da zu bewaren, wo er sie in seinen Liedern öffentlich feierte. (Schluß folgt.) tl'che Auswanderung. die glorreiche nordamerikanische Republik der Vereinigten Staaten. ist das südamerikanische Kaiserreich Brasilien; dennoch aber ist unzweifelhaft, daß sich die Blicke sehr vieler europamüder und Deutschlands— leider— leider!— übersatter Landsleute nach dem südlichen Teile des amerikanischen Kontinents richten, zumal es ja niemandem verborgen ist, daß sich auch in Brasilien schon eine verhältnismäßig große Zal deutscher Einwanderer befinden und viele tausende davon sich für immer dort heimisch gemacht haben. Dazu kommt, daß Brasilien eines der interessantesten Länder der Erde� ist, und keineswegs allein deswegen, weil es zu einem sehr großen Teile heute so wenig wie vor Jarhunderten er- forscht ist. Und ferner kommt dazu, daß in neuester Zeit vielfach falsche Vorstellungen über das, was den Ansiedler in dem Lande der undurchdringlichsten Urwälder und riesengcwaltigsten Ströme er- wartet, verbreitet worden sind. Von der einen Seite ist Brasilien geflissentlich als ein vollendetes Paradies geschildert worden, in dein man womöglich nur die Palmfrncht von dem Baume brechen brauche, um auf das köstlichste sich zu uären, und nur die Diamauten vom Boden aufheben dürfe, um ein reicher Mann zu werden. Von andrer Seite hat man überreichlich ans dieses Paradies räsonnirt. Es sei der Inbegriff alles Schmutzes auf Erden, strotze von Ungeziefer und allerlei kleinem und großem Raubzeug, Klima und Witterung seien ungesund und zum Teile vielen Europäern sogar tätlich; die Kost sei nicht zu genießen, die Diamanten stecke wolweislich die Regierung im Verein mit einer kleinen Zal privilcgirter Kapitalisten, in die Tasche, und die übrigen kolossalen Reichtümer des Landes gehörten vorläufig, und warscheinlich noch auf sehr lange Zeit hinaus, niemand anderem, als dem Boden selbst, dem nian sie, u. a. in Anbetracht der hauptsächlich durch ihre Abwesenheit glänzenden Verkehrswege und Verkehrsmittel, absolut nicht entreißen könne, u. s. w. Diese beiden grundverschiedenen Widersprüche sind nun einander wert und würdig; in beiden steckt manches Ware, in beiden viel Falsches und Verlogenes. Brasilien i st ein von der Natur verschwenderisch ausgestattetes Land; aber bei ihm, wie sonst so oft in der Welt, bewärt sich das Sprüchwort: Wo viel Licht, da viel Schatten. Brasilien ist ungeheuer groß, nur etwa um den zehnten Teil kleiner, als Europa, denn es hat einen Flächeninhalt von mer als 154 000 Quadratmeilen, dafür sind aber seine gewaltigen Länderniassen dem Kulturmenschen erst ungefär zum vierten Teile völlig bekannt und höchstens zum zwanzigsten Teile sind sie an- gebaut. Auch die Menge der Bevölkerung stet in gar keinem Verhältnis zur Ausdehnung des Landes; dasselbe hat wenig mer als 10 Millionen Einwoner, ungerechnet eine schwer zu schätzende Zal von Indianern, deren kleinerer Teil, angeblich 500000 Köpfe stark, halbkultivirt und der brasilianischen Regierung Untertan ist, Wärend der vermutlich weitaus größere, nach der warscheinlichsten Schätzung gegen eine Million Seelen umfassende, zwar innerhalb der Grenzen des Kaiserreichs lebt, aber von dessen Herrschaft so wenig zu sülen bekommt, als der Vogel in der Luft. Brasilien ist aber nicht nur eines der allergrößten Reiche der Erde,— es ist vielmer in der Tat auch eines von den aller- reichsten, ein Land, von dem Professor Agassiz one Wagnis be- haupten konnte, es sei schlechthin das prodnklivste der Erde, das geeignet sei, seinen Bcwonern den Erwerb ihrer Lebensmittel ganz besonders leicht zu machen. Neben Achat, Topa;en, Saphiren, Rubinen, Smaragden finden sich in den quarzreicheu Alluvien(dem angespülten Erdreich in und an den Flußbetten) Diamanten und daneben das geschätzteste der Edelmetalle, das Gold, häufig begleitet von den beiden andern Edelmetallen Platin und Palladium. Von den vielfach weit nützlicheren Metallen, welche aber nicht die Ere genießen, zu den edelen gerechnet zu werden, findet sich hauptsächlich Eisen, in Erzen aller Art von teilweise vorzüglicher Beschaffenheit und großer Mächtigkeit. Auch Steinkolen sind vor- Händen in kaum zu erschöpfender Menge. Außerdem harren fast alle Mineralien, die es gibt, in dem brasilischen Boden, mer oder minder verbreitet, der Hand des Bergmanns. Noch mer als der Reichtum des Bodens drängt sich der Anerkennung des Forschers die Fülle und Mannichfalttgkeit der brasilianischen Pflanzenwelt auf. Auf einer Landfläche, die nur eine halte Quadratmeile umfaßte, hat Agassiz 117 verschiedene wertvolle Holzarten angetroffen, die fast alle Farben repräsentirten und zumeist für die feinste Politur empfänglich waren. Ueberreich sind die brasilianischen Urwälder an meieren Cedernarten, dann an Fcrnambuk-, Jakaranda-, Campeche- und Mahagoniholz, an Baumwollbäumen, dem Wollbaum Barrigudo, an Kakaobäumen, Bananen und andern Fruchtbäumen, an Palmen verschiedenster Art, darunter die Tucunapalme, deren Blätter- fasern zu allerhand Geweben, zu Stricken u. dergl. verarbeitet werden u. s. w. ins schier Endlose. Hinzugefügt sei noch, daß man von gewissen brasilianischen Bäumen z. B. auch Wachs ge- Winnen kann, welches zur Kerzenfabrikatton zu gebrauchen ist, daß andre ein Mark oder eineii Saft haben, welcher zur Naruug dient, noch andere in ihren Säften den Menschen berauschende Genußmittel darbieten; daß es endlich eine Palmenart gibt, von der die Indianer alles gewinnen, was sie zu ihres Lebens Not- dürft und Narung gebrauchen, nämlich neben Nutz- und Bauholz Trank und Speise, Stricke und Angeln, Waffen und Harpunen, Arznei und Stoff zu ihren Ruhelagern, schließlich auch Kleider und selbst— Musikinstrumente. Der heilkräftigen Pflanzen ist gleichfalls Legion; hier genüge es, Sassaparilla, Jpecacuanha, Jalappa und China anzufnren. Nicht minder sind Boden und Klima allen erdenkbaren Plantagenprodukten günstig, dem Kaffeebaum wie dem Zucker- ror, der Teestaude wie der Tabakpflanze, und in manchen Landes- teilen leistet die Erde in ununterbrochener Reihenfolge zwanzig Ernten, one Düngung zu verlangen. Alles in allen, kannte man schon vor zehn Jaren etwas mer als 20 000 Pflanzenarten, welche Brasilien eigentümlich sind. Gleichfalls sehr reich ist das einheimische Tierreich vertreten. Am geringsten an Zal zeigen sich die Arten der großen vier- süßigen Raubtiere. Von diesen verdienen die Unzen(ameri- kanische Tiger oder Jaguare) zuerst erwänt zu werden, weil sie die furchtbarsten Raubtiere Brasiliens sind. Sie sollen Menschen nur selten angreifen und, wenn sie sich einmal an die pikante Kost des Menschenfleisches gewönt haben, sich am meisten für Neger und Mulatten, weniger für Indianer und am wenigsten für Weiße interessiren. Die Indianer revanchiren sich dadurch, daß auch sie das Fleisch und Fett des Jaguars nicht verschmähen, trotz des ihm anhaftenden Geruches, und daß sie das leztere so- gar als Parfüm gebrauchen, mit dem sie sich den Körper ein- balsamiren. Uebrigens wissen auch die weißen Bewoner Brasiliens der Unze eine gute Seite abzugewinnen. Erwischen Sie nämlich gelegentlich Unzensäuglinge, so zämen sie dieselben und benutzen sie an Stelle von Hofhunden. Den nächsten Rang in der brasilianischen Raubtierwelt nemen die, in manchen Gegenden sogar in großer Anzal vorkommenden amerikanischen Löwen— auch Silberlöwen, Kuguare oder Pumas genannt— ein. Der Puma wagt sich an Menschen noch viel weniger, als der Jaguar, und get sogar großen Tieren, Pferden, Maultieren, selbst größern Hunden, aus dem Wege. Auch sein Fleisch wird hier und da genossen. Von gefärlichen Raubtieren, welche zu den Säugetieren gehören, hat sonst Brasilien nicht viel zu leiden, man müßte höchstens noch einige Arten blutsaugender Fledermäuse hierher rechnen, über deren Schädlichkeit oder Unschädlichkeit die Berichte iveit auseinandergehen. Stach den einen kommt es vor, daß brasilische Pflanzer wegen dieser Fleder- mäuse ihre Pflanzungen verlassen mußten, um wenigstens ihre Pferde und sonstigen Stutztiere zu retten, wärend sie nach andern nur geringfügigen Schaden anrichten. Das größte einheimische Säugetier Amerikas, der Tapir, war vor Zeiten in Brasilien sehr häusig zu finden, gegenwärtig jedoch sind die Tapire selten geworden. Den Menschen werden sie nicht anders, als durch die Verwüstung der Zuckerrorpflanzungen unangenem, dafür aber auch durch sein wirklich wolschmeckendes Fleisch und sein nicht weniger brauchbares Fell nützlich. Von den unschädlichen Vierfüßlern Brasiliens dürften Stachelschweine und Faultiere unfern Lesern am bekanntesten sein. An gefärlichen Amphibien- und Reptilienarten ist Brasilien reicher. Alligatoren bis zu 16 Fuß Länge finden sich in seinen Flüssen, und Schlangen, darunter neben den Boas auch Klapper- schlangen, machen in großer Mannichfaltigkeit die Wälder, wenn nicht grade sehr unsicher, so doch jedenfalls unheimlich. Dafür sind aber auch die nützlichsten aller Reptilien, die Schildkröten, in den brasilianischen Gewässern massenhaft ver- treten. Nicht nur ihr Fleisch ist zum Essen und ihre Riesenpanzer zur Anfertigung des Schildkrot trefflich zu nützen, sondern auch ihre Eier sind als Narungsmittel und zur Herstellung eines dem Olivenöl an Güte glcichgcachteten Oels hochzuschätzen. Von der bunten Schar der südamerikanischen Vögel haben hier vor allem Anspruch auf Erwänung der amerikanische Strauß oder Emu, dann von den Reiherarten die rote Löffel- qans und der rote Ibis, und den kleinsten, aber auch einen der interessantesten und schönsten Vögel nicht zu vergessen, der prachtvoll gefiederte Kolibri. Am häufigsten von den Säugetieren sind die Affen und von den Vögeln die Papageien, die beide scharenweise anzutreffen sind und mit ihrer von argem Spektakel begleiteten Beweglichkeit die brasilischen Landschaften oft mer beleben, als dem Reisenden angenem ist. Von Insekten sind die mit ausgezeichnetem Honig aus- gestatteten Bienen als die nützlichsten, und die von einem ein- zigen Naturforscher in 14 000. Arten gesammelten Nacht- und Tagschmetterlinge als die schönsten auszufüren. Recht störend treten dagegen vielfach die Ameisen auf, und mer als sie die Moskitos, jene berüchtigte Stechmückenart, und die Sandflöhe, denen nach Bancroft nichts weiter felt, als daß sie hüpfen könnten, um das ganze heiße Amerika total unbewonbar zu machen. (Schluß folgt.) 218 Einiges über der kostbarer» Metalle und Elemente Herkommen, Preise und Verwendung. Die allgemeinen Vorstellungen von den materiell edelsten und kost- barsten Besitztümern pflegen über Gold, Edelsteine und Perlen gewönlich nicht hinauszugehen. Die ächten Spitzen, die, freilich nicht ihren Ver- fertigerinnen, mit Gold reichlich ausgewogen werden, haben doch wesent- lich nur in den Augen luxustreibender Frauen solchen Wert und sind dabei allzu vergänglich. Wenn sie abgenutzt sind, ist ihr Wert ver- braucht. Auch die Kostbarkeit der Perlen ist keine dauerhafte; Alter und häufige Benutzung machen sie unansehnlich, häßlich; einige Tropfen starken Essigs vertilgen ihren Schimmer, ja ihr Dasein unwiderbringlich. Die Schätzung der edlen Steine ist eine sehr wechselnde, je nachdem bald hier, bald dort zalreichere Exemplare einer Gattung aufgefunden werden, dabei ist ihr Zusallswert noch durch Feuer vernichtbar, selbst der Diamant ist in einige Liter fast wertloser Kohlensäure umwandelbar. Da bleiben die goldneu doch die dauerhaftesten Schätze, sicher vor Rost und Motten, weder durch Feuer noch chemische Ztgenticn entwertbar: aus allen Lcgirnngen oder Lösungen läßt dies Metall sich in voller Natur wieder herstellen. Das ist der Vorteil seines elementaren Wesens, den in verschiedenem Grade noch andre Metalle mit ihm teilen, tost- barere und geringer gewertete. Ter Beginn, nicht der speziellen Wertschätzung, die der Schmied etwa für Eisen hat, sondern der gesellschaftlich allgemeinen, ist ja in nationalen Grenzen schon beim Kupfer, dessen Besitz in einigem Quantum, das geprägt ist, doch jederzeit und an jedem Ort das Sattessen er- möglicht. Aber in unsern Scheidemünzen nenien wir das Kupfer be- kanntlich zum Vielfachen seines Marktpreises in Tausch, der jetzt nur 7t) Pfennige pro Pfund beträgt, sodaß danach ein Beamter mit monatlich 250 Mark Gehalt mit 357 Pfund Kupfer ausgelönt werden müßte. Wenn auch Zinn mit 1 Mark und Quecksilber mit 2,50 M. pro Pfund bczalt werden, so sind sie doch zu geringwertig, als daß wir uns bei ihnen aufhalten. Dem Nickelmetal, das für 4 M. psundweis zu kaufen ist, ist in unsern Marken nun auch die zweifelhafte Ere widersarcn, daß es, wenn mit den bekannten, noch in keiner vorsintflutlichen Erd- schicht entdeckten mytologischen Ungeheuern gestempelt, die wir gewon- heitsmäßig Adler nennen, in allen Händen gleiche Schätzung ersaren muß, die gleich dem zweiundeinhalbsachen des richtigen Wertes ist; also ein Pfund Nickel in Geldgestalt gilt bei uns zehn Mark.— So sind die großen und kleinen Nickel freilich sicher, nicht in den Schmelztigel für Neusilber(bestet aus Kupfer, Nickel und Zink) zu wandern!— Das rötlich-wciße Wismutmetall, zwar schon doppelt so teuer als Nickel, als gediegenes Metall, aber nicht häufig in der Natur vor- kommend, erweist sich vorwiegend durch seine leichte Schmelzbarkeit, zu- mal wenn mit Zinn und Blei legirt, nützlich. Können doch mittels solcher Legirung, die schon bei Sl" Celsius, also unterhalb der Hitze des siedenden Wassers schmilzt, nicht nur Druckformen und Stereotypen, sondern sogar Holzschnitte abgeklatscht(clichirt) werden! Indem wir die Metalle und einige ihnen änliche Elemente in der Reihe, als ihre Marktpreise(die immer pro Pfund angegeben werden) steigen, kurz weiter vorfüren, gelangen wir nun schon zu einem merk- würdigern Sonderling, dem Natrium. Es ist das Metall, das in der Soda und im Kochsalz steckt und in Anbetracht der Schwierigkeit, es aus diesen Substanzen rein herauszubekommen, mit 10 Mark billig ge- nug zu haben ist. Doch benimmt es sich noch gar nicht edelmetallijch, bleibt an der Lust keinen Augenblick glänzend, schwimmt aus Wasser, zersetzt es und verbrennt dabei. Wenn man es unzersetzt aufbewaren will, muß man es ganz untergetaucht unter Petroleum halten. Doch kann man mittels seiner manche edleren Metalle aus ihren Berbin- düngen herstellen. Ein leicht entberliches Metall, das als Begleiter des Zinks aus- tritt und in seinen Eigenschaften zwischen diesem und dem Zinn stet, ist das Kadmium. Nur seine größere Seltenheit bedingt den gegen Zink hohen Preis von 11 Mark 50 Psg. Tagegen rürt der mcr als sünffach höhere Preis des Aluminiums (50 Mark für Barren. 05 Mark für Blech, 79 Mark für Trat) einzig von der zu seiner Herstellung nötigen, sehr umständlichen Arbeit und der Verwendung des schon erwänten Natriums dabei her, denn das Metall ist im oxydirten Zustand enthalten in der fast überall vorhan- denen Tonerde, und vielen massenhaft vorkonimcndcn Mineralien. Seine schätzbarste Eigenschaft, neben seiner Geschmeidigkeit(es kann wie Gold und Silber zu Blättchen ausgeschlagen werden) ist seine Leichtig- keit, es ist nur den vierten Teil so schwer als Silber und besitzt nur ein Drittel der Schwere des Zinns oder Eisens. Wer also sein Leben glaubt gegen gewaltsame Angriffe mit einer metallnen Schutzwer ver- sichern zu müssen, der kann sich einen Aluminiumpanzer zulegen und trägt ihn dreimal leichter, als einen stälernen. Zur Münzprägung könnte dieses Metall sehr tauglich erscheinen, als Ersatz der Silber- scheidemünze, es würde den Beutel weniger beschweren, und Falsch- münzen wäre ausgeschlossen, da kein zweites so leichtes Metall von änlichen Eigenschasten existirl; aber das Aluminium hat die nicht ganz noble Passion, sich in Seisensiederlauge rasch auszulösen zu einem Klcckschen ganz ordinären Thons— man denke sich den Lärm im Staate, wenn solche traurige Metamorphose mit den 2-»nd 5 Groschen- stücke» in den Händen waschender Frauen öfters vorkämen!— Das Kalium kostet zwar 85 Mark, zeichnet sich aber vor dem ihm sonst in seinen Eigenschasten durchaus änlichen Natrium nur durch noch größere Leichtigkeit aus. Das Silber mit ungefärem Wert von 90 Mark schließt sich nun an; in unsern Scheidemünzen lassen wir es nach künstlich gesteigertem Wert kursiren, wärend die alten Silbertaler bekanntlich noch immer zitternd am Scheidewege harren müssen, ungewiß, ob sie degradirt in den Nickelrang und außer Landes gejagt werden sollen, oder ob sie wieder millioncnweis in den dunklen Schacht der Bankkeller als teil- weise Notendeckung hinabgeschlungen werden sollen? Das sehr seltne Selen, zwar nicht zu den Metallen gehörig, halb metallisch glänzend, schwarz von Farbe, als Pulver rot, ein Begleiter des Schwefels in der Natur, zeigt sich bei dem anderthalbfachen Preise des Silbers(137 Mark) von höchst merkwürdigen Eigenschaften. Im amorphen Zustand ist es Isolator für Elektricität, wenn krystallinisch, leitet es dieselbe und zwar, wenn es beleuchtet ist, besser, als in der Dunkelheit. Die Leitungssähigkeit des Selens nimmt mit der Stärke der Beleuchtung zu, und es wird, in höchst auffallender Uebereinstim- mung mit der Netzhaut des Auges, von denjenigen Teilen des Spek- trums am meisten beeinflußt, welche das Auge am stärksten erregen. Aus diese Eigenschasten hin hat der durch seine genialen elektrischen Er- sindungen und Konstruktionen bekannte Sienicns ein Photometer(In- strument zum messen der Leuchtstärke) hergestellt, das physikalisch von höchstem Interesse ist. Das silberweiße Magnesiummetall, das sich aber schon bei-30° durch Wasser oxydirt, ist zwar in seinen chemischen Verbindungen in Mineralien massenhaft genug vorhanden, aber schwierig metallisch rein darzustellen; man bezalt es daher in Pulverform mit 110 Mark, in Gestalt von Barren mit 190 Mark, als Trat oder in Bandstreifen mit 200 Mark. Es findet in der Form von Trat sehr wichtige An- wenduug. Brennt man nämlich solchen an einem Ende an, so setzt sich die Verbrennung ununterbrochen fort und mit so intensivem und optisch wirksamem Licht, daß man wie bei Tageslicht dabei photo- graphiren kann. So hat man z. B. bei Magnesiumlicht unterirdische Tempel- und Gräberbauten in Aegypten photographirt: ein zwar kost- spieliges, aus andre Weise aber garnicht mögliches Verfaren. Das zinnweiße, ser schwer schmelzbare Molybdän, für 250 Mark käuflich, kommt oxydirt oder mit Schwefel verbunden, ser selten und spärlich in der Natur vor. Daher ist das molybdänsaure Ammoniak, das der Chemiker im Laboratorium häufig benutzt, eines seiner kost- barsten Neagentien. Das Thallium, ein bleiänliches, weiches, leicht schmelzbares Metall, ist zwar in der Natur verbreiteter, als das vorhergehende, in Mine- ralien, salinischen Wässern und sogar in Pflanzenaschen, wird aber immer nur als sehr geringe Beimengung gefunden. In Stücken kostet das Metall 340 Mark. In seinen Erzen sehr verbreitet, in geringer Menge auch ein häu- figer Begleiter des Eisens, ist das Mangan. Das Metall ist dem Gußeisen änlich und sehr spröde. Nur die ungemein große Schwierig- keit, es von allen Beimengungen zu befreien, rechtserttgt den Preis von 500 Mark. In Legirung mit Eisen dagegen, als sogenanntes Ferromangan, findet es im großen Anwendung zur Bereitung des Bessemerstals; das Pfund einer solchen Legirung kostet freilich nur Mk. 1,50, trotzdem darin 40 bis io0!o Mangan enthalten sind. Wir gelangen nun, als zum nächsttcurern, zu dem wenigstens seinem Ruf nach allgemeiner bekannten Plattn. Als edles Metall kommt es nur gediegen vor, und zwar in, die Ausbringung des Erzes lonender, Menge hauptsächlich nur in Südamerika, mcr noch am Ural. Doch dürsten aus beiden Ursprungsgegenden zusammen järlich kaum 50 Centner des Bietalls gewonnen werden. Daß aber der Geldwert dieser Produktion nicht ganz unbedeutend ist, kann sich der Leser be- rechnen, wenn er erfärt, daß der Preis pro Pfund gegenwärtig sür Plat'nmor oder Schwamm 050 Mark, für Blech und Trat 575 Mark beträgt. Seine Schwerschmelzbarkeit und Widerstandsfähigkeit gegen die meisten chemischen Agentien lassen es zur Anfertigung verschiedener chemischer und technischer Apparate fast unentberlich erscheinen. Das Plaiinmor, d. i. so fein verteiltes Metall, daß es wie schwarzes Pulver erscheint, verdichtet Gase und so besonders den Sauerstoff der Luft in solchem Maße in seinen Poren, daß es durch seine Vermittlung dritte Substanzen entzündet(wie z. B. Wasserstofst oder oxydirt, so z B den Alkohol zu Essigsäure(Schnellessigfabrikation). -vas-rellnr, in seinem Verhalten dem Selen änlich, aber silber- weiß und von starkem Metallglanz, kostet 750 Mark, one eine technische oder chemische erwanenswerte Anwendung zu finden. An das Eisen erinnert das chemische Verhalten des Chrommetalls, das hart, spröde, schwerer schmelzbar als Platin und zinnweiß von Aussehen ist; snne chemilchen Verbindungen finden als Erdsarben, zum Zeugfarben, als Beizen und im chemischen Laboratorium häufige Ver- w�dung; derjenigen des Metalls aber dürfte der hohe Preis von 900 Mark noch lange im Wege stehen. In einigen seltenen Mineralien kommt das Metall Titan oxydirt vor, das in seinem Verhalten dem Zinn änelt; da es mit 1200 Mark pro Pfund bezalt wird, rangirt es hier unmittelbar vor: Gold, das laut Gesetz bei uns 1392 Mark das Psund Feingold gilt. Seine Eigenschasten sind bekannt genug, wenn auch so mancher Grund hat, etwas öftere Berührung mit ihm in geprägter Forin zu wünschen. Die Licht- und Schattenseiten des Wirkens und Treibens des verwandlungssähigsten aller Metalle im sozialen Leben sind anderwärts beständiger Gegenstand des Nachdenkens und der Besprechung. Mag es aber auch allgemeines, gesellschaftliches Aequivalent für alle Güter, selbst für moralische Eigenschaften vieler Leute sein, so wird sich doch wäre Menschenwürde niemals ihm irgendwie äquivalent setzen lassen, noch Kompromisse mit seiner Zudringlichkeit eingehen. Aber auch die Kostbarkeil des Goldes als Metall ist eine sehr mittelmäßige, wie folgende Fortsetzung unsrer Reihe zeigt. Da ist das Uran, das nur aus einem Mineral, dem Uranpecherz fabrikmäßig dargestellt wird, da einige chemische Verbindungen desselben zum Glassärben(meergrün) und zum Porzellanmalen, sowie noch mer in der chemischen Analyse gebraucht werden, und dessen Preis schon 17S0 Mark erreicht. Das Silicium ferner kostet gar 2000 Mk., obgleich es gar nichts seltenes ist: denn seine Sauerstoffverbindung, die Kieselsäure, ist in den meisten Gebirgsarten als Maffenbestandteil vor- Händen und dürste an Gewicht einen recht erheblichen Bruchteil der Erde betragen; die Abscheidung des Elementes aber verursacht solche Kosten. Iridium, Palladium und Osmium, welche entsprechend zu 2100, 2150 und 2550 Mk. berechnet werden, sind drei zusammengehörige Kumpane, die zu dem gewönlichen Gefolge des Platins gehören, aber ihm an Menge in den Erzen immer erheblich nachstehen. Iridium ist weißer und gröber als Platin, aber auch noch schwerer schmelzbar und wird selbst von Königswasser nicht angegriffen. Palladium gleicht dem Platin in allen Eigenschaften am meisten, ist aber bedeutend leichter im Gewicht und schmelzbarer. Osmium dagegen kennt man nur als schwarzes Pulver, da es gar nicht schmelzbar ist; wol aber läßt es sich in Königswasser lösen und zu einer flüchtigen Säure verbrennen, die höchst angreifend auf den menschlichen Organismus wirkt. Von Erbium dürste warscheinlich gar kein ganzes Pfund, aus allen Laboratorien zusammen, aufzutreiben sein; wenige Augen haben es je in Mctallgestalt gesehen, wer aber durchaus ein Pfund davon besitzen wollte, müßte dafür 3500 Mark zalen, obgleich es dem Stande nach nur zur Sippe des Eisens gehört. Wenn man für 4250 Mark ein Psund gelblichen Baryummetalls erwirbt, so vergesse man nicht, daß es in der Form von schwefelsaurem Baryum, natürlichem(Schwerspat) oder künstlichem(Blankfixe) so billig und so gemein ist, um ein beliebtes Hilfsmaterial für Waaren- und Nahrungsmittelfälscher abzugeben. Ein weiterer Gesolgsmann des Platins ist das Rhodium, schwerer schmelzbar und noch widerstandsfähiger, aber von dessen fast achtfachem Preise, nämlich 4750 Mark. Einzig aus der Freiberger Zinkblende ist bis jetzt das Indium hergestellt worden. Es änelt an Farbe dem Platin, ist aber so weich, dehnbar, auf Papier abfärbend wie Blei, welches es dadurch Übertrifft, daß es polirbar ist und an der Lust und selbst in kochendem Wasser blank bleibt. Preis 7000 Mark. Das Calcium ist das metallische Element des Maurerkalks, des Marmors, des Gipses und ganzer Gebirgsschichten. Es ist gelblich, dehnbar, schmelzbar, nur anderthalbmal schwerer als Wasser und ver- brennt so intensiv leuchtend, wie Magnesium, wird aber bei dem Preise von 7500 Mark schwerlich zum selben Zwecke vom Photographen benutzt werden. Cer und Didym sind zwei fast immer zusamnien, aber nur in wenigen, seltenen Mineralien vorkommende Elemente, die gleichfalls der Gruppe des Eisens zugchören; sie sind erst in neuerer Zeit metallisch rein hergestellt worden; das elftere wird auf 8150 Mk., das letztere auf 9000 Mark berechnet. Das leichteste aller festen Elemente, nur 0,6(sechs Zehntel) so schwer als Wasser, ist das Lithium, das nur spärlich in Gesellschaft von Kalium und Natrium sich in der Natur vorfindet und diesen in seinem Verhalten völlig gleicht. Sein Preis ist 10,000 Mk. Dem schon erwänten Silicium ähnelt das Zirkonium; in Form von Kiesel- und Zirkonsäure(oder-Erde) bilden beide vereint den Edel« stein Hyazinth. Zirkon als Element kostet 16,250 Mk. Es tritt uns noch in dem Ruthenium, einem grauweißen, spröden Metalle, das letzte und kostbarste(17,150 Mk.) Mitglied der Platinsippe entgegen, das im Preise nur noch von dem seltenen Metall Vanadin überlroffen wird und zwar erheblich, denn für 25,000 Mk. erhält man nur ein einziges Pfand davon in Form eines schwarzgrauen Pulvers oder in weißen, spröden Blättche». In seinein sonstigen Verhalten stet es den erwänten Metallen Chrom und Molybdän am näcksten. Wie unbedeutend, fast kläglich erscheint gegen die letzteren Metalle das sonst so hoch und höchst geschätzte Gold! Fast achtzehn Pfund muß man hingeben für ein Pfund Vanadin! Es ist offenbar nur die Un- belanntschaft mit diesen kostbaren Dingen in Kreisen, die durch Auf- hängen von solchen an ihrem Körper so gern geschäftliche Ausschwünge fördern, und das bisherige Felcn eines daraus bezüglichen menschen- srenndlichen Winkes seitens eines Sachverständigen, der diesen Elementen einen weilen Wirkungskreis, ein schönes Laos bisher verschlossen hat. Schmuck und Geschmeide von zwölferlei Metallen, alle weit, weit teurer als Gold— welche gediegenen Gespräche ließen sich daran knüpfen aus Bällen' Und wie neu, exquisit und apart müßte» nicht die Schilderungen unsrer bekannten Feuilletonkünstler geraten, wenn sie die Beschreibung der bei Geleqenheit irgend(gleichviel die Veranlassung) welcher Wol- lätigkeits-Soirve erschienenen Toiletten noch würzen könnten durch die Detailmalerei der geschmackvoll abgetönten Effefte de» Halsbandes von Vanadinblättchen, des in Ruthenium gefaßten-lürkiskolllers, der-tibtjni« Ohrringe mit Jndiumbommeln und der weiteren Herrlichkeiten, womit dieser oder jener kommerzienräthliche Stern die Augen entzückte! Nach den Preisen dieser vorher nie genannten Raritäten wird man dann schon fragen und— welcher„Ausschwung" kann vielleicht daraus entstehen!?____ R. L. Die Feinde der Engländer im Kaplande. I. Die Basuto (Schluß). Die genannten Mordinstrumente werden von eingeborenen Schmieden sauber und dauerhast hergestellt; hie und da findet man Leute, die es in der Kunst des Waffenschmiedens zu hoher Fertigkeit gebracht haben. Die Betschuancn nären sich gleich uns sowol von Fleisch, das sie in irdenen Töpfen kochen, wie von Mel, das sie auf einem großen Steine reiben, und von verschiedenen Feldfrüchten, darunter Melonen, Kürbisse, Bönen, Erdeicheln ic. Auch geronnene Milch genießen sie, süße Milch bekommen nur die Kinder. Von den Basuto, unter deren Namen man sehr häufig alle östlichen Betschuanen zusammenfaßt, wissen wir, daß sie auch ein Malzbier brauen. Tabak rauchen alle Betschuanen, vorzüglich die Frauen, und zwar durchweg aus Wasser- pfeifen; früher rauchten sie Haschisch. Aber noch viel eifriger, als sie rauchen, schnupfen sie, sie kneipen förmlich, wenn man so sagen darf, Schnupftabak, d. h. sie schwelgen gesellschastsweise in diesem unsaubern Genüsse. Der Tabak wird zwischen zwei Steinen zu Pulver zerrieben und dann, da er au sich für eine richtige Betschnanennase nicht pikant genug ist, noch mit Holzasche untermengt. Der also zugerichtete Tabak kommt in die aus einer ausgehölten Palmfrucht oder einem kleinen Kürbis bestehenden Dose, die der Betschuane mit dem dazu gehörigen eisernen oder elfenbeinernen Nasenlöffelchen stets bei sich fürt. Aus der Dose wird eine größere Menge Schnupftabak in die hole Hand geschüttet und von da mit dem Löffel in kleinen Portionen in die Nase befördert. Mit dieser Operation wird nun nicht eher aufgehört, bis den Schnupfern im Uebermaß des kitzelnden Genusses die hellen Tränen über die bronzenen Backen laufen. Die Wonungen der Betschuanen bestehen aus backosensörmigen Hütten, die mit Schilf oder Binsen über- dacht sind, wärend Fußboden und Wände mit einem aus Ton und Kuhdünger hergestellten Anstrich versehen sind. Durch den Eingang kann man sich nur in die Hütte hineinquetschen, denn er ist wenig über drei Fuß hoch und ungesär zwei Fuß breit. Die Unreinlichkeit ist in den Betschuanenhütten noch mehr zuhause als die Betschuanen selbst. Jede Hütte ist umzäumt; rings um die Vaterhütte bauen sich die her- angewachsenen Kinder ihre eigenen Behausungen, und je mehr deren werden, desto mehr Ursache stolz zu sein hat natürlich der Vater und die ganze Familie. Möglichst in der Mitte eines solchen Hüttenkrcises befindet sich der Platz der Familienzusammeukünste, Kotla genannt, eine Feuerstelle, um die sich alle Zugehörigen arbeitend oder essend und plaudernd vereinigen. Viele solcher Hüttenkreise gruppiren sich— gleich« falls im Kreise— zum Dorfe oder zur Stadt, welch' letztere 6000 bis etwa 100)0 Einwoner zält. Wie die Stadt oder das Dorf selbst und seine Hütten und Hüttengruppen sind in den Betschuanenortschaften auch die Straßen und Plätze rund, grade Straßen kennt der Betschu- ane ebensowenig als eckige Häuser. Am meisten hält er auf sein Rind- vieh, die„beharten Perlen", wie er sie nennt. Er selbst treibt das Bich auf die Weide, wartet und melkt es; selbst für die Söne von Häupt- lingen ist das Biehüten ein edles Geschäst. Eine große Zal von Ochse» und Kühen, eine erhebliche Anzal von Hütten und ein„wanderndes Haus", d. h. ein Wagen, machen den Betschuanen zum reichen Manne. Neben dem Hirtengeschäft leisten die Männer allerlei Flecht- und Schnitz- arbeiten, z. B. Tierköpfe u. dgl. am Ende der Löffel, außerdem liegen sie der Jagd ob und richten Tierhäute zu. Die Weiber bauen die Hütten, schaffen das Brennmaterial herzu, bestellen mit selbstgefertigten Hacken den Garten und das Feld. Das Verhältniß der beiden Geschlechter zu einander wird nur durch sehr dehnbare und lockere Banden aufrecht erhalten. Wider die Viel- weiberei haben alle Betschuanen nichts einzuwende», doch betrachten sie die Beschränkung aus die Einehe als lobenswert; außerdem sind nur wenige Männer in der Lage, mehr als eine Frau zu nären. Die Häuptlinge halten sich dagegen meist einen ganzen Harem von Weibern. Schon im Alter von 14 Jahren treten häufig die Jünglinge und Jung- fraucn der Betschuancn in den Ehestand. Die Mädchen werden von der Familie des Bewerbers meist für Vieh oder andere den Betschuanen besonders schätzbare Wertgegenstände eingehandelt. Aber erst mehrere Monate, nachdem der Kauf geschehen, siedelt die Braut in die Behausung des Bräutigams über. Gesellt der Mann seiner ersten Frau noch andere zu so bleibt jene ihren Nachfolgerinnen übergeordnet, gleichviel, welcher sich die Neigung des Hausherrn in besonders hohem Maße zuneigt, Alle Betschuanenstämme haben ihre erblichen Oberhäuptlinge, die zwar sehr angesehen und mächtig sind, aber aus den Beirat der gewichtigsten Unterhäuptlinge und die Befragung öffentlicher Volksversammluiigen, Pitscho genannt, in denen es oft zu sehr lebendigen Debatten kommt, an- gewiesen sind. Von Religion hat der Betschuane so gut wie nichts ererbt, dafür haben jetzt viele das protestantische Christentum angenommen, das neben einem Gebirge von Hexenaberglauben u. dgl. sich bei ihnen heimisch gemacht hat. Auf dem�Eise der Düna. Unser Bild Seite 212 zeigt eine für uns seltsame Schlittenpartie: ein gewönlicheS Flußbot saust, gezogen von einem Pferde, über eine weite, augenscheinlich nur mit dünner Schnee- decke überzogene Eisfläche dahin. Die Schneeschuhe an den Füßen der 220 Menschen, welche zur Belebung unsres Bildes das ihrige beitragen, belehren uns, daß wir eine Szene vor Angen haben, welche in einem an strenge Winter und reichliche Schneefälle gewönten Lande spielt. Wir sehen uns auf der Grenze zwischen den beiden russischen Ostsee- Provinzen Kurland und Livland, auf der 149 Meilen langen Düna, in der Nähe von deren Mündung in den Rigaischen Meerbusen der Ostsee. Die Düna ist hier 3900 Fuß breit— kein Wunder daher, wenn wir außer dem besonderen Gegenstande unsrer Jllustrntion nichts weiter sehen, als die weite Eisfläche und die dunkle Wolkenwand, welche den Horizont begrenzt. Tie vermummten Gestalten sind lettische Bauern— ein Volk, dem das Weltgeschick so übel mitgespielt hat, wie sehr wenigen andern. Fast jedes der übrigen Völker hat eine, wenn auch noch so kurze und noch so lange Zeit im Meer der Zeilen unter- gegangene Glanzepoche gekannt und erhebt sich unter dem Drucke gegen- wärtigen Elends in der Erinnerung an vergangenes Glück und vcr- schwundene Größe. Die Letten sind, solange sie die Geschichte kennt, ein unterworfenes Volk gewesen, ein Volk, welches so ganz aus ge- borenen und vollendeten Knechten bestet, daß es nicht einmal eine Adels- klasse aus sich herausgeboren, also wenigstens in einem kleinen Teile zu höhcrem, wenn auch nur materiell höherem Lebensgenüsse sich empor- geschwungen hat. In der uns bekannten frühesten Zeit wurden Livland und Kurland von den Liven beherrscht, einem Volksstamm, der jezt nur in verschwindenden Ueberresten, ein par hundert Menschen an Zal, noch erhalten ist. Ihnen waren die Letten Untertan, als die Dänen und Schweden im 11. und brcmer Kaufleute im 12. Jarhundert die von jenen bewonten Ostseeländer kennen lernten. Diese und andre Kaufleute der Hansestädte waren die Pioniere des Christentums, das wenige Jarzehnte später im heiligen Eifer bekehrend, sengend und mor- dend einzog und seine Bekenner sür diese Arbeit mit der Auslegung des Zehnten und schwerer Abgaben schadlos hielt. Die Herrscher der Ostseeprovinzen wechselten öfter, dieselben lernten nach der christlich- germanischen Ritterordensherrjchast zum Ueberfluß noch die polnische Königswirtschast kennen und seufzen heute noch unter dem russischen Szepter— ein zwar angeblich freies, aber nach wie vor ein Volk, dessen demütigem, ängstlichen Wesen man die Gewonheit ansiet, ge- drückt und gelegentlich auch so recht gewaltsam zu Boden gebrochen zu werden. Daß die Letten heute noch als ein geistig begabter Stamm betrachtet werden müssen, der nur gegen seine Herren, die Russen und den deutschen Adel, mißtrauisch und versteckt, sonst freundlich, gastfrei und offenherzig ist, dies beweist für die schier nicht zu ertötende Spann- traft des Menschengeistes und die hohe Kulturfähigkeit auch jener heute noch weit zurückstehenden Völkerschaften, wer als dicke Bände gelehrter Abhandlungen beweisen könnten. Der Lieblingsautor.(Bild Seite 213.) Nach getaner Arbeit ist gut ruhen, sagt ein Sprüchwort, dessen Warheit auch von den frommen Brüdern in Christo anerkannt wird, die durch den boshaften Pinsel eines unserer tüchtigsten Maler, E. Grützner, dauernd erhalten bleiben und sich hier den sreundlichen Leserinnen und Lesern der „N. W" vorstellen. Nur wird die Arbeit der würdigen Ordensbrüder von den bösen skeptischen Menschen der profanen Welt garzuost weit unter deni Werte taxirt, der ihr von ihren Trägern nebst Gefolge bei- gelegt wird— doch das sind Ansichten, und iver die vielen verschiedenen Meinungen der Menschen betrachtet und bemerkt, wie schließlich sich jeder einbildet recht zu haben, der wird auch gegen unsere drei Kloster- genossen tolerant sein und ihnen aufs Wort glauben, wenn sie be- haupten, daß ihr Leben schließlich„doch nur Mühe und Arbeit ge- wesen sei". Wenn nichts anderes, so würden schon ihre Körperdimen- sionen ein sprechendes Zeugnis ablegen von ihrer Tätigkeit„im Wein- berge des Herrn". Daß ihre Vorfaren so praktische Köpfe waren und das alte Gebäu, in dem sie früh und spat durch Kniebeugen und Rosenkranzabbelen dem Herrn dienen, in den herrlichen Gauen Deutsch- lands auffürtcn, wo de- Bacchus herrlichster Göttertrank den Reben ent- quillt— was können sie dafür? Sie, nicht aus der Art geschlagen, sind eben so praktisch wie ihre würdigen Vorgänger und denken, was nützte denn der Wein, wenn er nicht getrunken würde? und ziehen sich zurück in einen külen Winkel des Klosters um unbelauscht und sicher vor ihren neidischen Mitmenschen ihrem offiziell so mißachteten Körper Stärkung zu weiterer Tätigkeit angedeihen zu lassen. Man sieht ihnen an, daß sie schon manchen Krug geleert haben, man sieht ihnen auch an, daß sie in der Praxis gar nicht so verächtlich vom Fleisch denken, wie sie in der Teorie den Gläubigen weiß machen, und man merkt endlich auch an den behaglich-sinnlichen Physiognomien, daß der Lieblingsautor, dessen Leistungen einer des gelungenen Kleeblatts zum besten gibt, durchaus kein Heiliger ist. Im Gegenteil, die Lektüre ist durchaus weltlich wie der feurige Rebensaft im Römerglase und stimmt gar wenig übercin mit dem vor Jaren abgegebenen Gelübde. Aber das strengste leider nicht in den zehn einbegriffene Gebot?kr. 11 gilt auch hier und ist eifrigst von den taufenden von Genossen der vorge- fürten Brüder befolgt worden. Nur einmal versah man's und den Augenblick hat Grützner glücklich benützt, und der Schalk hat denn auch unbarmherzig diese interne Angelegenheit sachgetreu dem gesummten Publikum wiedererzält. urt. Ueber die Herstelluug des Hartglases, das, wie auch die„N. SB." vor einiger Zeit ihren Lesern berichtet hat, selbst zu so anspruchsvollen Zwecken, wie sie die Slnfgabe der Eisenbahnschienen bietet, verwendet wird, enthält der„Universal Engineer" Mittheilungen, denen wir sol- gendes entnehmen. Nach dem Erfinder des jetzt gebräuchlichen Ver- fahrens, Glas zu Härten, de la Bastie, tvird der fabrizirte Artikel weißglühend in ein aus verschiedenen Fetten und Oelcn zusammengesetztes Bad getaucht. Dr. Schott sand nun, daß gutes Glas verschiedener Slrt ziemlich gleich gut sich Härten lasse. Nur bömisches Glas erwies sich zu diesem BeHufe untauglich. Bezüglich der Temperatur des dem Fett- bade auszusetzende» Glases ergab sich, daß, je höher dieselbe war, desto bester die Härtung gelang. Auch lieferten warme Bäder bessere Ergeb- nisse als kalte. Die Festigkeit des in Oel tcmverirten(abgekülten) Glases zeigte sich auf 30 Kilogramm für den Quadratmillimetcr erhöht, d. h. das gehärtete Glas ist mehr als fünfmal so fest als gewönliches und mehr als doppelt so fest, wie gewönliches Gußeisen. Da Glas- gegenstände von mannigfaltiger Form bei allzu beträchtlicher Tempe- raturerhöhung leicht ihre Gestalt verlieren, so suchte man eine Glassorte, welche auch bei geringerer Hitze sich gut härten ließe. Man sand sie in einem an Kieselsäure reichen und an Kalk armen Glase. Auch in Bezug auf den Prozeß des Temperirens mußten weitere Experimente gemacht werden, weil kleinere Gegenstände in Oel gut zu härten sind, nicht aber große und breite Platten, die dabei meist uneben werden, sich warfen, wie der technische Ausdruck lautet. Friedrich Siemens m Dresden gelang dies mittels geringen Druckes aus die heißen Glas- platten, einige Minuten hindurch geübt durch zwei Fußblöcke mit polirten Flächen, deren Temperatur sorgsältig aus der richtige» Höhe zu halten ist, ehe die Härtung in gewünschter Weise vor sich get. Das von Simens produzirte Hartglas ist für denselben Preis zu haben als Gußeisen von gleichem Gewichte. Da nun Gußeisen dreimal schwerer ist als dieses Glas, so sind eiserne Schwellen dreimal teurer als gläserne, abgesehen von der größeren Dauerhaftigkeit des Glases. Ver- mutlich ist die Zeit nicht ferne, in der unsere Eisenbanen nur aus Glasschwellen gelegt werden, da Holz immer seltener und teurer wird und auch Eisen zu kostspielig und der Zerstörung durch Rosten aus- gesetzt ist. Gegenwärtig wird in England auch geprüft, ob sich Hart. i glas zu Gas und Wafferrören eigne. Voraussichtlich ist dies nicht j minder der Fall; und warscheinlich ist, daß auch nach vielen anderen Richtungen dem Hartglase eine große Zukunft bevorstet. C. Eh. cÄus allen QSinRefn der Leitlileralur. Dampfstrastenbaneil— in Italien. Wärend vor Jares- frist der Stadtrat zu Leipzig und vor wenigen Wochen der Magistrat in der Reichshauptstadt die Konzession zur Herstellung von Straßen- Eisenbanen mit Dampfbetrieb verweigert— weil dieselben zu„ge- färlich" und aus anderen nichtigen Gründen— entwickeln sich die Dampsstraßcnbanen in Italien immer mer. In Mailand wird eine Straßen-Hochban gebaut, die aus ü'/z Metern hohen eisernen Pfeilern ruhen soll. Die 4 Kilomeler lauge Bau erhält 5 Stationen, welche l durch Treppen zugänglich sind. Aber mit den Danipfbanen ist man in Italien noch nicht zufrieden. Am 29. Oktober 1889 veranstaltete ein Herr Gasco auf einer Zweigban der Linie Turin-Modena Vcr- suche mit einer elektrischen Lokomotive. Der elektrische Strom wurde derselben durch zwei neben de» Schienen laufende Drähte zuge- sürt und zur Erzeugung des elektrischen Stromes wurde die Wasser- kraft benützt. Da die letztere selbstverständlich am billigsten zu haben ist, so dürfte sich gegen die Dampfkraft eine sehr beträchtliche Ersparniß herausstellen. Die Experimente gelangen vollkommen.-z- Die letzte Weizenernte der nordamerikanischen Union beträgt nach zuverlässigen Berichten mindestens 399 009 090 preußischer Scheffel, d. i. etwa 130 niillionen Scheffel mer, als die Vereinigten Staaten selbst consnmircn.-z. Anhalt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).- Aus dem Leben der Insekten. Naturgeschichtliche Skizzen von vr. L. Jacoby(Fortsetzung).— Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von Quida. Für die„N. W." übersczt von L. v. d. Wieseck (Fortsetzung).— Ein Tanzlied Walthers von der Vogelweide, von Friedr. Volckmar.— Brasilien und die deutsche Auswanderung.— Einiges über der kostbaren Metalle und Elemente Herkommen, Preise und Verwendung.— Die Feinde der Engländer im Kaplande. I. Die Basuto �Schluß).— Aus dem Eise der Düna(mit Illustration).— Der Lieblingsautor(mit Illustration).— lieber die Herstellung des Hartglases.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Dampfstraßenbanen in Italien. Weizenernte in der nordamerikanischen Union. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.