jVsI». Jllustrirtes Unterhalwngsblatt für das Volk Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1881. Die Schwestern. Roman von M. KautsKv. (18. Fortsetzung.) Elvira hatte indes nicht verstanden, was er sagte, das Plötz- liche Stillestehen hatte ihre Betäubung verinert, sie wankte und legte sich in seinen Arm zurück und schloß die Augen.„Mir schwindelt," flüsterte sie matt. „Das kommt vom Tanzen und von der nnausstelichen Hitze im Sal,— ich denke, wir hören auf. Kommen Sie mit mir ins Nebenzimnier, da ist's besser, da wird uns beiden woler werden." Der fast unwillige Ton seiner Stimme brachte sie rasch zu sich. Sie blickte in seine Augen und sie für nach ihrer Stirne, als erwache sie aus einem Traum, und als sei dies Erwachen schmerzhaft. Wie scharf kontraftirte der Ton seiner Stimme, der Blick seiner Augen mit den Empfindungen, in denen sie sich so- eben noch gewiegt! Er hatte nicht das gleiche Glück empfunden, wie sie, er war nicht in denselben Taumel verfallen, das Feuer, das in ihr brannte, es hatte sich ihm nicht mitgeteilt, sie wußte es nun; er hatte nur einer gesellschaftlichen Pflicht genüge getan, und nun drängte es ihn von ihr hinweg, nach jenem Zimmer, wo Minna war. Nur für sie hatte er also Augen, nur für sie Gefül, und in ihrer Nähe empfand er nichts, als die Hitze des jiales! Sie preßte die Lippen fest aufeinander. Mag sie ihn behalten, dachte sie, ich werde nicht weiter an ihn denken, ich werde stark sein. Es»var ein stolzer Borsatz, mit dem sie den kurzen, süßen Traum hinwegscheuchte. Ihre Haltung war auf- recht, der Kopf erhoben. "�hcn wir," sagte sie, das Wort hervorstoßend, und kaum fülbar legte sie ihren Arm in den seinen, den er ihr angeboten. Mit einem fast verächtlichen Lächeln auf den Lippen schritt sie dahin und über die Stufen nach dem kleinen Speisezimmer. Der Bürgermeister hatte Champagner bestellt. Malchen saß an der Wand hinter dem Tische, sie hatte eine Portion Eis und ein Glas mit dem perlenden Schaumwein vor sich; für sie die Verwirklichung des höchsten, was Reichtum und Vornemheit zu bieten vermögen. Sie kam sich auch selbst wie eine Prinzessin vor, und sie nippte von dem Champagner voll Neugierde und mit einem Hochgcfüle der Lust und weidete dann wieder ihre Augen an dem rot-weißen Eis, das so schön und appetitlich auf dem Glastellerchen vor ihr aufgehäuft lag, und sie verzcrte das- selbe nur in kleinen, ganz kleinen Portionen, um den seltenen Genuß zu verlängern. Sie sah garnicht auf, als jezt Elvira und Fritz hereintraten,— wie gleichgiltig waren chr auch die meiden in diesem Augenblick! Bon den übrigen wurde Elvira mit Akklamation begrüßt. Der Bürgermeister schenkte sogleich ein Glas voll, winkte sie an den Tisch heran und bat, ihr einen Schmeichelnamen beilegend, sie möge ihm zutrinken. Der Baron hatte sie schon mit einem leuchtenden, vielsagenden Blick begrüßt, und er bat nun den Bürgermeister, ihn der jungen Dame vorzustellen. Sie nam die Vorstellung entgegen, freundlich-kül, und sie beantwortete seinen Blick mit einer so unbefangenen Gleichgiltigkeit, als wäre sie einem Menschen, von dem sie nichts wußte und den sie noch nie gesehen, entgegengetreten. Es frappirte ihn. Er hatte erwartet, sie werde erröten, vor ihm die Augen niederschlagen, und er hatte sich schon im vor- hinein an dieser mädchenhaften Befangenheit geweidet. Es war anders gekommen. Wo nam nun dieses junge, auf dem Lande erzogene Mädchen die Sicherheit der Haltung, diese kecke Un- bekümmertheit her, und vor allein diese Ruhe? Es imponirte ihm, sein Interesse wuchs. Er wußte nicht, daß dieses junge Mädchen soeben einen viel erstaunlicheren Beweis ihrer Selbst- beherrschung gegeben, indem sie eine aufkeimende, warme Neigung ihres Herzens zurückdrängte und jede Hoffnung auf einstige Gegen- liebe zu ersticken suchte. Noch zuckte und tobte es unter dieser angenommenen Maske der Gleichgiltigkeit, noch waren ihre Sinne in leidenschaftlicher Erregung; sie suchte nach einem Halt, nach einem Ersatz, sie verlangte Genugtuung für sich selbst. Fast gewaltsam wante sie ihre Augen von Fritz ab, der sich üW Minna's Stul lehnte und eindringlich mit ihr sprach. Sie lächelte dem Bürgermeister zu. der ihr gestand, er sei heute in der Messe über ihren Gesang ganz entzückt gewesen, und der dabei mit seinen plumpen Fingern ihren zarten Arm tätschelte. „Meiner Seel', es war ganz erquickend," versicherte er,„und wenn Sie so fortfaren, Fräulein Elvira, werden Sie bei uns noch Ere aufheben." Der Baron neigte sein Haupt in respektvoller Huldigung ihr zu. „Mein Fräulein, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie wie eine gottbegnadete Künstlerin gesungen haben." Ein Stral jähen Glücks erhellte Elvira's Züge und blitzte ans ihren tiefen Äugen ihm entgegen. „Sie haben mich gehört?" fragte sie rasch. „Gehört und bewundert, mein Fräulein. Ich darf wol sagen, ich habe selten eine so glockenreine, eine so zum Herzen sprechende Stimme gehört." I---- 5 Februar iggi, Ihr Blick wurde ernster, forschender, ihre Brust hob und senkte sich in der starken inneren Bewegung. „Ist es war, wirklich war, kann ich es glauben?" „Ich schmeichle mir, ein Kenner zn sein und eine Gesangs- leistung wol beurteilen zu können." Sie vermochte ein Ah! stolzer Befriedigung nicht zu unter- drücken.„Ich danke Ihnen, Herr Baron, Ihr Urteil wird mir ein Sporn sein- und ein Trost," sezte sie leiser, wie für sich selbst hinzu. Der Baron wollte antworten, da erschien Heini, um Elvira als seine Tänzerin zu reklamiren. Sie zögerte erst, sie schien unentschlossen, ob sie ihm folgen solle; dann wante sie sich aber ihm zu und nam seinen Arm. „Kommen Sie, wir wollen tanzen, wir wollen fliegen!" Es klang so seltsam, als ob sie unter dem Andrängen der verschiedensten Gcfüle fast ersticke und sich Lust machen müsse durch eine heftige Aeußerung ihrer physischen Kraft. Der Baron sah ihr nach; ein Lächeln der Befriedigung trat auf seine Lippen. Er hatte den empfindlichen Punkt in dem Gemütsleben dieses Mädchens entdeckt, sie war ehrgeizig. Es regte sich wol schon das Bewußtsein ihrer künstlerischen Fähig- keilen in ihr, sie verlangten nach Anerkennung. Sie sollte ihr werden! Jezt wußte er, welcher Leidenschaft er zu schmeicheln hatte, um über dieses junge Herz Gewalt zu erlangen.— Aber er mußte an diesem Abend noch weiter mit ihr kommen. Er hoffte mit Zuversicht, daß sie nach dem Tanze wieder hierher zurückkehren werde, und er erwartete sie. Wärend die jüngere Schwester so von heftigen Empfindungen bestürmt, eine plötzlich aufkeimende Neigung, ein sehnsüchtiges Verlangen zurückdrängte, gewaltsam aus ihrem Herzen riß und voll Lebensdrang und bewußter Kraft sich neuen Hoffnungen, neuen Planen zuwante und so mit Macht ihr eigenes Schicksal zur Entscheidung brachte, saß die ältere Schwester in zaghafter Untätigkeit und still bescheiden an der Seite ihrer Mutter, und doch war ihr Herz nicht weniger bewegt. Von dem Augenblick, wo sie Alfred in der Tür stehend, zuerst gewar geworden, mußte sie heimlich und verstolen immer zu ihm hinüber blicken. Die ganze Länge des Sales trennte sie, und doch kam es ihr vor, oder war es nur törichte Einbildung, daß auch seine Blicke sie suchten. Ihr Herz klopfte stärker, sie erwartete sein Kommen. Aber er kam nicht, und jezt sah sie ihn von der Tür zurück- treten; er entschwand ihr und alle Freude schwand auch aus ihrem Herzen hinweg. Die Zweifel kamen, und sie fand nicht den Mut, sie abzuweren. Was erwartete sie denn auch? Weil er ihr gestern ein freundliches Wort gesagt, ihr verraten hatte, daß ihre Teilname ihm woltuend sei, berechtigte sie das, zu glauben, zu hoffen, daß— sie wollte es nicht ausdenken, sie schämte sich dieser raschen Voraussetzungen ihres eigenen Herzens, sie erschienen ihr so dünkelhast, so anmaßend. Sie liebte ihn freilich, das wußte sie seit gestern, und das war ja so natürlich, aber liebte er sie? Konnte das sein? Und doch, ach, wenn es wäre!— So blieb sie voll„Hangen und Bangen". Ein Tänzer kam und wurde abgewiesen; Alfred tanzte nicht, sie hatte auch keine Lust dazu. Indes wurde Alfred immer ungeduldiger, immer ungehaltener, er stellte sich an der Tür ans, ging und kam wieder. Auch er erwog und machte sich Gedanken. Ihretwegen war er gekommen, ihretwegen hatte er sich der Marter dieses Ballabends unter- worfen; sie mußte das wissen, und doch blieb sie ihm fern, saß unverrückt auf diesem abscheulichen Platze, neben zwei alten Damen, die er nicht kannte und deren Bekannffchaft zu machen er ganz und ganncht gesonnen war, selbst nicht unter der Voraus- setzung, daß die eine ihre Mutter sein könne. Die Mutter, so reflektirte er, die Mutter käme vorderhand noch garnicht in Be- tracht. Und was sollte er dort? Er war in Reisekleidern, er konnte nicht tanzen, er durfte es nicht, wenn er Frau Germane! und Töchter, die ihn gestern und auch heute schon dazu auf- gefordert hatten, nicht empfindlich und in wirklich taktloser Weise beleidigen wollte. Er konnte Marie also nicht hinwegholen, er mußte sich demnach hüten, diesen Gardedamen, diesen Hyänen des Ballsals, die sich gierig auf alles Abgestandene, Nichttanzende stürzen, nahe zu kommen. Er mußte ihnen unfelbar zum Opfer fallen, one einen Gewinn daraus zu ziehen. Aber die Zeit ver- floß. Um Mitternacht ging der Zug ab, und er sollte vielleicht fort, one auch nur ein Wort mit ihr gewechselt zu haben? Er konnte es nicht. � Aber mußte das Mädchen nicht ein gleiches Verlangen empfinden, drängte sie nichts ihm entgegen? Aber warum kam sie denn nicht, warum machte sie sich nicht unter irgendeinem Vorwand von ihren Gardedamen los und trat in dieses Zimmer? Elvira war gekommen, sie hatte ihre Freun- binnen hier ausgesucht,— warum tat sie nicht dasselbe?_ Und da saß sie, den hübschen Kopf gesenkt, jezt blickte sie nicht einmal wer zu ihm hinüber. Hatten es ihr die alten Damen verboten? Aber ist sie denn ganz one Willen, ganz one Energie?— Er tadelte, er beschuldigte sie schon, als ob er ein Recht auf ein Entgegenkonimen hätte, ihre Gleichgiltigkeit wurde ihm unerträglich, ihre Zurückhaltung regte ihn auf. Hätte er sich vielleicht abermals einer Täuschung hingegeben? Wäre all' die Teilname, die sie an seinem Geschick genommen, wäre ihr gestriges Benemen, ihr Erschrecken bei seiner Ankunft, ihr Blick, ihr Erröten nur Trug und Lüge gewesen? Nein, es war nicht möglich, diese da konnte nicht lügen, und dennoch— ängstlich forschend sah er nach ihr hinüber. Da erhob sie den Kopf, ihre Augen trafen zusammen in einem langen Blick. Sie lächelten beide. All' sein Zorn war ver- flogen und all' ihre Zweifel. Es wurde in dem Augenblick nicht getanzt, im Sal drängten sich die Gruppen zusammen, die Aussicht blieb frei, ungehindert konnten sie einander anblicken. Seine Augen wurden kühner, und sie verstand ihre Sprache. Er glaubte ihr Erröten zu be- merken und ihr freudiges, glückliches Lächeln. Hätte sie dieser Ermutigung bedurft? Und ihre Zurückhaltung wäre also nur Verzagtheit gewesen? Das liebe, schüchterne Kind, wie reizend erschien es ihm jezt. Grade dies keusche Jnsichzurückziehen ent- flammte ihn nur heftiger. Er mußte ihr Mut machen, den Mut, zu ihm zu kommen. Sollte er diese Macht nicht besitzen? Aus der Augensprache ging er zu einer, freilich sehr diskreten Zeichen- spräche über. Er trug eine Rose vorgesteckt, er nam sie in die Hand und fürte damit alle jene kleinen Manöver aus, die gewön- lichen Sterblichen ganz unverfänglich erscheinen mögen, den höheren Sinnen eines Verliebten aber eine Reihe zarter, inniger Empfin- düngen zu offenbaren vermögen. Nachdem er sie von diesen hinlänglich unterrichtet, zog er seine Ur, und die Art und Weise, wie er sie betrachtete und dann zur Tür sah, mußte ihr klar machen, daß es die höchste Zeit ,ei, ihre Zurückhaltung aufzu- geben. Sie hatte ihn verstanden, sie erhob sich; schon triumphirte er, da sah er, wie die eine ihrer Hüterinnen, die kleinere, magere, sie wieder zu sich winkte. Sie sprach zu ihr, er konnte das bos- hafte Lächeln bemerken und die weißen, unheimlich blinkenden Zäne, und endlich mußte er sehen, wie Marie, warscheinlich einem gegebenen Befele gehorchend, ihren früheren Platz an ihrer Seite einnam. Er hätte das alte Weib erwürgen mögen! Die Musik Hub aufs neue an; die Pare stellten sich zum Tanze. Alfred war voll Unmut, er wollte fortgehen, den Ball verlassen und nach dem Banhofe eilen; als er unwillkürlich doch noch einmal zurücksah, bemerkte er, daß Marie nicht mehr zwischen den beiden Damen saß, sie war fort. Wohin? Ah, er bemerkte sie jezt am Arm eines Jünglings, sie tanzte. Wie leicht und anmutig sie dahinschwebte, wie züchtig dabei ihre Haltung war, und doch überkam ihn jezt ein eifersüchtiger Ver- druß, daß ein andrer ihr so nahe sein, ihren schlanken Leib umfassen durfte. Sie kamen näher, jezt waren sie bei der Tür. Er sah sie plötzlich im Tanze innehalten, und er hörte, wie sie zu ihrem Tänzer sagte:„Ich muß aufhören, ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht." In der Tat, sie hinkte ein wenig und war bestrebt, einen Stul zu erreichen, cher zunächst der Tür stand. Alfred hätte ausjubeln mögen. Sie log, sie gebrauchte eine Finte, sie besiegte die angeborne Schüchternheit und Zurückhaltung, um zu ihm zu gelangen._ Endlich, endlich ein Beweis, nicht mitleidiger Teil- name allein, einen solchen hatte sie ihm schon gegeben, nein, ein Beweis ihrer Neigung, ihres Verlangens, ihm nahe zu sein! In der nächsten Sekunde war er an ihrer Seite, und sie, voll glücklicher Verwirrung, voll reizender Verschämtheit, vergaß ihren verstauchten Fuß und blieb, die Augen niederschlagend, vor ihm stehen. Er fragte sie, ob sie Schmerz füle. Da legte sich's wie Schelmerei und Spitzbüberei um ihre Mundwiirkel,— sie lächelte; er hatte diesen Ausdruck noch nicht an ihr bemerkt, er ließ sie noch lieblicher und so frölich erscheinen, er hätte sie küffen mögen. Indes drängten sich merere Frager ebenfalls an sie heran. Sie versicherte allen, daß es ganz unbedeutend sei, aber sie werde heut doch nicht wer tanzen können, und so verabschiedete sie denn ihren Tänzer. 223 Alfred bat sie hierauf, sie möge sich in dem kleinen Ziminerchen ein wenig ausruhen und erholen, sie werde daselbst nicht von herzudrängenden Tänzern belästigt werden, auch werde sie Minna dort finden. Sie nickte bejahend, er bot ihr seinen Arm, sie legte leicht und schüchtern den ihren hinein. Sie stiegen die Stufen hinauf. Endlich konnte er mit ihr sprechet, ihr rasche, leise, dringende Worte zuflüstern. Er sagte ihr, sie sei grausam in ihrer Zurückhaltung gewesen, und sie habe ihn zur Verzweiflung gebracht. Sie sah ihn an gut und lieb und doch ein wenig Vorwurfs- voll:„Habe ich nicht den Anfang machen müssen, obwol sich dies für ein Mädchen garnicht schickt, bin ich nicht zu Ihnen ge- kommen? Denn das mit dem Verstauchen"— sie sah zu Boden und wieder zeigte sich das kleine, spitzbübische Lächeln„das war nur List, Verstellung, das ist gamicht war." Er wußte es ja schon, und doch, bei diesem einfachen, herzigen Geständnis kam erst die süßeste Befriedigung über ihn. Sie waren in dem Zimmerchen so gut wie allein. Fritz war nicht mer hier, auch Minna und Malchen waren nicht anwesend, der Bürgermeister saß noch am Tische, aber er schien bereits in einem Zustande der Unzurechnungsfähigkeit; der Baron hatte das Fenster geöffnet und stand, seine Eigarre rauchend, an demselben; er zeigte ihnen den Rücken. Alfted zog Mariens Hand an seine Lippen und küßte sie wiederholt. In dem Augenblick trat Elvira mit einiger Hast herein, noch heiß vom Tanze. Sie warf einen schnellen, forschenden Blick umher; der Baron wendete sich nach ihr um; er hatte sich also nicht verrechnet. Ja, seinetlvegen war sie hierher zurückgekehrt, sie wollte ihn sprechen, nur einen kurzen Augenblick, aber one Zeugen; sie hatte den nächsten Tanz nicht vergeben, alles war ihrem Vorhaben günstig, nur ihre Schwester und dieser Alfred genirten sie, sie wollte sie entfernen— beide. Sie hatte sich er- schöpft in einen Stul geworfen. „Ah, hier ist es kühl," sagte sie, gierig die frische Luft ein- atmend,„aber ich bin erhitzt, ah, so erhitzt!" Der Baron wollte eiligst das Fenster schließen, sie bat ihn, es zu unterlassen; die Luft tue ihr wol, sie werde nur eine Mantille umwerfen. „Marie," sagte sie mit einem freundlich bittenden Ton zu ihrer Schwester, die sich ihr genähert hatte,„du bist gewiß nicht so sehr echauffirt, habe die Güte, mir meinen Umwurf aus der Garderobe zu bringen." „Sehr gern," anttvortete diese,„aber indes? Wer weiß, ob ich ihn augenblicklich finden kann." „Indes hülle ich mich in dieses Tuch," sagte Elvira, das- jenige, das über ihrem Sessel hing, um ihre entblößten Schultern werfend. Marie versicherte, sie werde schnellstens wieder zurück sein, und behende entschlüpfte sie durch die kleine Tür in den Vor- räum. Die jüngere blieb unbeweglich sitzen, sie hatte die Füße über- cinandergelegt und sah etwas nachdenklich auf ihre Fußspitzen, die unter dem Kleide hervorguckten. Alfted ward von ihr nicht berücksichtigt, er mußte empfinden, daß er hier überflüssig sei. Und in der Tat, er verlangte nichts sehnlicher, als nicht zurück- gehalten zu werden. Auch er wollte in die Garderobe, es schien ihm Plötzlich, obwol es erst halb elf war, hoch an der Zeit, den Ball zu verlassen. Er wollte das unbemerkt bewerkstelligen. Er ging durch den Sal, wo die dichtgedrängten Pare sich zu einer Franijaise aufftellten; er gewann den Ausgang und eilte in die Garderobe, wo er Marien noch zu treffen hoffte. Elvira war mit Hellenbach allein, der Bürgermeister zälte nicht mer; sie hatte erreicht, was sie erreichen wollte, und Hellenbach erst recht. Ein ernster Zug legte sich um ihren zusammengepreßten Mund; als sie jezt die Augen aufschlug, begegnete sie denen des Barons, der, in der Fenstervertiefung lehnend, aufmerksam und zuwartend nach ihr herübersah. Er wußte nicht recht, wie er das Mädchen zu nemen hatte. Er hatte die Kombination, die dieses tete-a-tete herbeifürte, wol bemerkt, aber er wollte nicht voreilig sein; er beschloß, sie an sich herankommen zu lassen. Elvira war bereit, den Anfang zu machen. „Herr Baron," sagte sie mit klarer und ernster Stimme, indes ihre Äugen mit einem festen Ausdruck ihm entgegensahen,„ich habe eine Frage an sie zu stellen." Eugen verließ seinen Ort und seine zuwartende Stellung, er nam sich einen Sessel und sezte sich neben sie.(Fortsetzung folgt.) Aus dem Leben der Infekten. Naturgeschichtliche Skizzen von vr. L. Iacoby. (Schluß.) Einer der merkwürdigsten, bisher bekannt gewordenen Fälle der Nachamung gefürchteter und gefärlicher Tiere durch Insekten betrifft die große Raupe, welche derselbe Forscher Bates erwänt uiid welche ihn durch ihre tvunderbare Aenlichkeit mit einer kleinen Schlange erschreckte. Die drei ersten Ringel hinter dem Kopf der Raupe waren nach Willkür des Insekts verschiebbar und erweiterungsfähig und hatten jederseits einen großen, schwarzen Fleck, welcher genau dem Auge einer Schlange glich. Noch mer, die Raupe änelte nicht etwa einer harmlosen Schlange, sondern gradezu einer giftigen Viperart jener Gegenden, wie die genaue Nachamung gekielter Schuppen am Kopf der Raupe bewies, ja sogar die Angriffsbewegung dieser Viper wurde nachgcamt, indem sich die Raupe mit der Attitüde eines Schauspielers, der eine effektvolle Rolle vortäuschen will, nach rückwärts warf. Älicht minder zalreich und interessant sind die Fälle von Nach- amung und Nachäffnng solcher Insekten, welche durch einen häß- lichen Geschmack oder Geruch ungenießbar sind und daher von den Jnsektenftcssern verschmät Iverden. Besonders sind es Schmetter- linge und Raupen, tvelchc diese Art von Nachamung und Ver- kleidung in der Jnsektenwelt repräsentiren. Da die Raupen einen so großen Teil der Narung für die Vögel ausmachen, so war es lange Zeit nicht verständlich und zuerst garnicht mit Darwins Teorie zusammenzurcinien, weshalb einzelne Raupen so außer- ordentlich prächtige und auffallende Zeichnung und Farbe haben, welche sie ihren Feinden besonders sichtbar machen müssen. Darwin hatte Wallace diesen Umstand als eine Schwierigkeit seiner Teorie vorgelegt. Der leztere schloß sofort, daß diese präch- tige, auffallende Färbung nichts andres bedeute, als das Kenn- zeichen und das zur Schau getragene Merkmal solcher Raupen, welche durch einen unangcnemen Geschmack und ätzenden Saft rc. den Vögeln ungenießbar sind, und dieser teoretische Schluß wurde durch die Beobachtung aufs glänzendste bestätigt. So wird z. B. die so auffallend schwarz und tveiß gefleckte Raupe des Stachel- beerspanners, des sogenannten Harlekins(Abraxas grossulariata), von allen raupenfressenden Vögeln verschmät. Alle Vögel, denen diese Raupe vorgelegt wurde, wiesen sie mit offenbarem Abscheu zurück. Und diese Raupe, sich ihrer Ungenießbarkeit ivolbewußt, klettert daher, ohne sich irgendwie zu verbergen, recht sichtbar und offen an den Blättern umher, indem sie ihre auffallende Färbung ordentlich zur Schau trägt. Dasselbe geschiet mit der Raupe des Iteinbrechwidderchens sAntbrooera tilipenckulak), die grellbunt, gelb mit dicken, schwarzen Flecken gefärbt erscheint. Es werden nun aber auch Ranpen dieses Schutzes des Stichtgefressenwerdens teilhaftig sein, welche an sich jene für ihre Feinde unangenemen Eigenschaften nicht besitzen, welche durchaus genießbar und schmack- hast sind, wenn sie es nur verstehen, in Kleidung, Färbung und Gestalt jene geschützten Arten nachzuäffen, sich in die Maske der Ungenießbaren zu hüllen. Und ebenso wie bei Raupen wird dies bei den vollkommenen Schmetterlingen und bei andern In- selten der Fall sein. Die Feinde werden hier in gleichem Sinne getäuscht,>vie etwa ein Räuber einen recht auffallend zerlumpten, in schmutzige Kleidung gehüllten Reisenden, als für ihn ungenießbar, ruhig passiren lassen wird, one zu anen, daß derselbe unter seinen Lumpen reiche Schätze verborgen hat. So gehören zu den häufigsten Tagfaltern Südamerikas die Helikoniden, eine Familie großer, auffallend gefärbter Schmetterlinge, welche trotz ihres langsamen Fluges, wegen ihres unschmackhaften Fleisches von den Hauptinsektenjägern, den Puffvögeln, nicht angerürt werden. Nun gibt es aber Tagfalter aus einer ganz andern, mit jener garnicht verlvanten Gruppe, die Leptaliden, welche an sich für die Vögel durchaus genießbar sind, die aber in ihren einzelnen Arten die verschiedenen Helikonidenformen so sprechend nachamen, daß selbst Bates durch die Aenlichkeit wiederholt getäuscht wurde. Für die Vögel, für welche die äußere Gestalt und Färbung maßgebend ist, und welche nicht, wie ein Forscher, jeden einzelnen Fall prüfen können, sind sie daher ihres Lebens absolut sicher, und sie fliegen, indem sie auch die Be- Wegungsart ihrer Schutz- tiere nachäffen, dreist, ja gradezu unverschämt, vor ihren Todfeinden herum. Von Käfern werden vielfach Wanzen nach- geamt, wegen des haß- lichen Geruches, der diese Ordnung auszeichnet, und der ihre Feinde zurück- schreckt; ferner werden bestimte Arten Rüssel- käfer nachgeäfft wegen des undurchdringlichen Flügelpanzers, dessen sie sich erfreuen, und der schon oft bei vergeblichen Aufspießversuchen die Verzweiflung des Sam- lers bildete.— Hinterlistig und raffinirt wird diese Form der Nach- amung, wenn sie nicht des Schutzes, sondern des Angriffs wegen geschiet. Eine schwarze,' breit- gestaltete Fliege, die Federfliege, VolueeUa pellucens, ist den schwarzen Hummeln so zum Verwechseln änlich, daß sie sich ungenirt in deren Nester begibt, um, wä- rend sie von den Hum- nieln für ihresgleichen gehalten wird, Hummel- larven und Puppen zu verzercn. Es ist dies dieselbe Bosheit, wie bei gewissen Sand Wespen (�mmopbiln sadulosa und arenaria), welche, um ihre Beute, eine Grillengattung(Spba- cura), leichter zu überlisten, sich ganz in die Verkleidung ihrer Opfer werfen, Wärend andrer- seits eine Fangheuschrecke in Afrika sich in die un- scheinbare Tracht und Gestalt der Termiten ver- wandelt, um mitten unter ihnen ihr Raubgeschäft zu verrichten. Fragen wir nun nach einer erschöpfenden Er- klärung dieser wunder- baren Erscheinungen, so ist der Schlüssel, der all' diese Rätsel löst, in dem- jenigen Teil der darwini- schen Lehre zu finden, der „natürliche Auslese" oder „natürliche Zuchtwal" ge- nannt wird. Beginnen wir mit dein einfachsten Fall. Wir finden die große Merzal aller derjenigen Raupen, die auf frischen Blättern leben, grün gefärbt;— tvie erklärt sich diese Erscheinung? Richtiger: wie ist sie entstanden? Nemen wir an, es haben in unvordenklichen Zelten aus der ursprünglichen Zeugungskraft der Natur alle möglichen Farbenvariationen, bis zur auffallendsten Buntheit solcher Raupen, tatsächlich existirt, die Der Dostillon auf grünen Blättern leben. Die natürlichen Feinde und Ver- tilger der Raupen sind die auf Bäunien nistenden und bäum- besuchenden Vögel, vor allem die Singvögel unsrer Büsche und 225 Wälder. Die notwendige Folge inujzte nun sein, dag die bente-. spähenden Vögel alle diejenigen Raupen zuerst erblicken und also am leichtesten forthaschen konnten, deren Leibesfarbe von dem (Seite 231.) Grün der Blätter, auf denen sie sitzen, am grellsten absticht. Da dies von Generation zu Generation sich tviederholte, so mußten nach und nach in dem grünen Laub, das sie fressen, alle Raupen von grellbunter Farbe vertilgt werden, und es konnten schließlich nur solche Raupen erhalten bleiben, deren Leibesfarbe iner oder weniger dem Laube änelt. Rur ihre Geschlechter, weil sie am schwersten von den Fein- den aufzufinden und zu vernichten ivaren, hatten die Warscheinlichkeit und die Möglichkeit, sich fort- zupflanzen, und wenn etwa aus den Eiern ihrer Schmetterlinge wiederum auch solche Raupen krochen, deren Farbe ans- fallend vom Grüu ver- schieden war, gingen diese alsbald wieder zugrunde. So wurden in dem Laub die grüne» Raupen aus der unzälbaren Mengz der einst existirenden Farbenvariationen gleich- sam ausgesiebt und herausgewält, und dies ist die natürliche Ursache, weshalb wir heute vor- zugsweise griingefärbte Raupen finden. Wir sehen, wie durch diese Erklärung die früher all- gemein geglaubte Zweck- inäßigkeitslehrc in der Natur, die Anname von der besonderen, bewun- derungswürdigen Weis- heit eines Schöpfers:c., die zu den höchsten Unge- reimtheiten fürte,, vollständig entbcrlich wird. Aber dies Prinzig der „natürlichen Auslese" ist auch im stände, von die- fem einfachsten Fall aus- gehend, uns hindurch- zufüren durch alle die tcheinbar so verwickelten Zusammenhänge der „Mimicry", der Nach- amung und Nachäffung in den früher geschilderten Beispielen bis zu ihren zugespitztesten, feinsten Erscheinnngsäußernngen, die uns die Jnsektcnwelt darbietet. Erinnern wir uns an die wunderbare Nachamung eines wan- delnden Blattes durch die Heuschrecke. Wir wissen, daß die Jungen einer Tierart schon bei der Geburt nicht voll- ständig und absolut ein- ander selbst und ihren Eltern gleich sind, son- der» in Färbung und geringfügigen Einzelhei- ten der Gestalt variiren; wir nennen Wissenschaft- lich solche Verschieden- heilen eben die Merkmale einer Varietät. Nemen wir nun an, vor undenk- lichen Zeiten sei unter der Menge der existirenden Varietäten eine solche geboren worden, welche neben der grünen Fär- bung die Besonderheit eines kleinen, verbreiterten Auswuchses an den Flügeln besaß. Diese Besonderheit gab ihr einen Borteil vor 226 dcn andern Heuschrecken ihrer Art, vor ihren nächsten Mitbewerbern im Äainpfe itms Dasein; denn sie bewirkte eine, wenn auch noch so geringe und unvollkommene Blattänlichkcit, sodaß diese Heuschrecke bereits einen oder den anderen ihrer natürlichen Feinde eher zu täuschen vcrniochte als die Individuen ihrer Art, welche diese Eigenschaft nicht besaßen. Die Folge davon war, daß diese Varietät geschützter blieb und eine größere Warscheinlichkeit hatte, ihr Ge- schlecht fortzupflanzen. Von ihren Nachkommen aber wurden stets von neuem diejenigen durch natürliche Auslese ausgewält, welche jene Verbreiterung in irgend einem, wenn auch um noch so ge- ringes vervollkommneteren Grade zeigten als ihre Eltern. Daß aber solche Besonderheiten und Merkmale in der Tat im Laufe der Generationen sich steigern und vervollkominneu können, ist ein durch Experimente und Erfarungen bestätigtes Gesetz; es wirken hier kombinirt die beiden Prinzipien der Anpassung und Vererbung, welche die Hauptstütze der Darwin'schen Lehre bilden. So cnt- standen allmälich unter den neuen Geschlechtern Hcuschrcckenarten, welche nicht nur an den Flügeln, sondern auch an den Schenkeln der Vorberbeine jene blattänlichen Erweiterungen und zwar in immer verstärktcrem Maße zeigten, so entstanden die Blattadcr- Zeichnungen auf dem Rücken dieser Verbreiterungen; auch die ge- ringste Veränderung in Färbung und Gestalt unter den Jndi- viduen einer neuen Generation, welche zur Blattänlichkeit hinneigte, wurde durch die natürlichen Existenzbedingungen im Laufe der Zeiten ausgewält, blieb erhalten, steigerte und vervollkommnete sich naturnotwendig, und so sehen>vir heute das wandelnde Blatt vor unseren Augen sich bewegen, ein lebendiges Wunder, noch vor Jarzehuten angestaunt als eine unbcgrcisliche, unerklärliche, persönliche Laune des Schöpfers aller Dinge, heute ein Zeugnis; dafür, wie in dem Lichte einer neuen Erkenntnißlchre die organische Natur gezwungen ist, Geheimnisse ihres Werdens und Entstehens zu entschleiern. Ganz auf dieselbe Weise erklärt sich das Eni- stehen all der bizarren Formen von Mimicry, die wir geschildert haben. Diejenigen unter den Gespenstheuschrecken, welche durch eine noch so geringe Aenlichkeit mit trockenen Zweigen und Aesten, die ihre Feinde zu täuschen vermochte, vor ihren Mitbewerbern im Kampfe ums Dasein im Vorteil waren, blieben erhalten und wurden von der Natur weiter gezüchtet, indem sie die ihnen nütz- lichen Eigenschaften im Lause der Generationen steigerten und vervollkommneten. Irgend ein Individuum dieser Phasmiden hatte einmal bei Annäherung eines Feindes vor Schreck eine seiner langen Extremitäten in unsymmetrischem Winkel starr und unbeweglich ausgestreckt gehalten; es war dadurch der Gefar, bemerkt zu werden, entgangen,— das Sichtotstcllcn ist ja eines der gewöhnlichsten Schutzmittel der Insekten, wie jeder Käfer- sammler weiß— es behielt nun diese Gewohnheit, vervollkommnete sie durch Uebung und Gebrauch, und vererbte sie in gesteigertem Maße auf seine Nachkommen. So ist es möglich geworden, daß heutzutage auf Java die Einwoner eine solche lebendige, auf einem Zweige sitzende Gespensterhcuschrecke dem Fremden vor Augen halten, ohne daß diejer geraume Zeit im Stande ist, das große, 9 Zoll lange Thier nur zu entdecken und etwas anderes zu sehen, als vertrocknete Zweige.— So erklärt sich das Raffinirte der Zeichnung von scheinbar verfaulten und verwesenden Blätter- theilen auf der Unterseite der Flügel jenes malayischen Schmetter- linges Uallima paraleeta, der Wallace durch seine Fähigkeit zu verschwinden, in Erstaunen versetzte, so auch die vollkommene Wiederspiegelung der Eichenrinde auf den Unterflügeln unseres Sabyrus, so die Nachaniung eines Häufchens Vogeldung durch dcn Rüsselkäfer, so die Schlangenänlichkeit einer Raupe in den vorgetäuschten Augen, Schuppenbildung und Beweguugsart, und wie die unzälbar mannigfaltigen Formen von Nachäffungen und Verkleidungen in der Jnsektenwelt alle heißen, davon wir ja hier nur eine geringe Zal der frappantesten Fälle vorfüren konnten. Diejenige Form der Nachäffung, welche die Gestalt und das Aussehen schutzbcwaffneter oder ungenießbarer Insekten sich zum Vorbild nimmt, hat im Gegensatz zu den anderen Arten von „Mimicry" stets die Eigentümlichkeit, daß es für ihre Besitzer von Vorteil ist, bemerkt zu werden und sich auffällig zu machen. Nur dadurch, daß sie ihren Feinden schon von weithin gleichsam ein Aushängeschild entgegenhalten mit der grell sichtbaren Auf- schrift:„Ungenießbar" oder„Sehr gefärlich"— entgehen sie den getäuschten Verfolgern, wäreud die Insekten, welche Pflanzen oder unorganische Stoffe nachamen, allein durch Verborgen- bleiben vor ihren Feinden gerettet werden. Wir erwänten be- reits, daß dieser zuerst von Wallace entdeckte und hervorgehobene Umstand für die Geschichte des Darwinismus von Bedeutung wurde, indem er aus einer Schwierigkeit seiner Lehre, welche die Gegner eifrig aufgriffen und zu verwerten wußten, sich zu einer glänzenden Rechtfertigung und Bestätigung umgestaltete. Möge diese kleine Skizze über Mimicry den Leser zu eigenen Beobachtungen in der Jnsektenwelt anregen. Sie sind auf Spaziergängen in Feld und Wald überall nicht schwer zu machen, und er wird sich durch die hirnerfrcuende Wirkung, die das Eindringen in die Lebensweise dieser wunderbaren Tierklasse gewärt, für seine Mühe tausendfach betont finden. Ein flandrischer Hund. Aus dem Englischen von chuida. Für die„Zt. W." mit Erlaubnis der Verfasserin übersezt von L.». d. Mcseck. Nello, aus dem Schlaf ausgeschreckt, lief herbei, um gleich dcn übrigen zu helfen. Baas Copez stieß ihn zornig zur Seite. „Du hast dich hier im Dunkeln herumgetrieben," sagte er rauh.„Bei meiner Seele, ich glaube, du weißt von dem Feuer mer als irgend ein anderer." Nello hörte ihn schweigend an, halbbetäubt-- er konnte nicht annemen, daß jemand so etwas anders als im Scherz sagen könne, und er begriff nicht, wie jemand in einem solchen Mo- ment einen solchen Scherz machen könne. Trotzdem sagte der Müller am folgenden Tag das Nämliche vielen seiner Nachbar», und zwar öffentlich; und wurde auch nie eine ernstliche Anklage gegen Nello erhoben, so verbreitete sich doch das Gerücht, er sei nach Dunkelwerden unter verdächtigen Umständen im Mülenhof gesehen worden, und er sei aus den Müller übel zu sprechen, weil dieser ibm den Umgang mit der kleinen Alois verboten habe. Und so kam es, daß das Dorf, welches den Worten des reichsten Grundbesitzers mit knechtischer Unterwürfigkeit folgte, und in welchem sämmtliche Familien die Reichtümer der Alois ihren Sönen zuwenden wollten, für den Enkel des alten Tehan Daas nur noch küle Blicke und küle Worte hatte. Niemand sagte chm öffentlich etwas; aber das ganze Dorf war einig darin, dem Vorurteil des Müllers zu schmeicheln; und in den Hütten und Pächtereien, wo Nello und Patrasche jeden Morgen die Milch abzuholen pflegten, gab es für sie jetzt nur <5. Fortsetzung.) abgewante Augen und kurzangcbundene Redensarten anstatt des herzlichen Lachens und der scherzhaft-freundlichen Grüße, an die sie gewönt waren. Nicht, als ob jemand den abgeschmackten Verdacht des Müllers und die daran sich knüpfende furchtbare Anklage im Ernst für begründet gehalten hätte, aber die'Leute waren sehr unwissend und sehr arm, und der einzige reiche Mann im Ort hatte sich gegen Nello ausgesprochen. Nello in seiner llnschuld und.seiner Frcuiidlosigkeit hatte nicht die Macht den Strom der öffentlichen Meinung zu dämmen. � sthr grausam gegen den armen Jungen," wagte die Müllerin einmal ihrem Mann vorzustellen;„er ist doch warhaftig ein braver, unschuldiger Junge, und treu wie Gold, und würde nie, auch nur im Traum, an eine so abscheuliche Tat denken, so weh es chm auch wegen deines Beneinens ums Herz sein mag." Aber Baas Copez war halsstarrig, und wenn er einmal etwas gesagt hatte, blieb er verbissen dabei stehn, und wenn er innerlich doch wol wußte, daß er Unrecht hatte. Inzwischen ertrug Nello das ihm zugefügte Unrecht mit einer gewissen stolzen Geduld, die jede Rechtfertigung verachtete; nur wenn er mit Patrasche ganz allein war, ließ er mitunter seinen Gefiuen Lauf. Und außerdem dachte er:„Wenn mein Bild qc- Winnen sollte! Dann wird es ihnen vielleicht leid tui." Für einen kaum sechzehnjärigen Burschen, der sein kurzes Leben lang nur in einer kleinen Welt gelebt, und den in seiner Kindheit jedermann geliebkoset und gelobt hatte, war"s indes doch eine harte Probe, daß diese kleine Welt sich jezt gegen ihn wante, und um nichts. Besonders hart in jener traurigen Winterszeit, wo die Wege verschneit waren und Hungersnot herrschte und wo kein Licht und keine Wärme zu finden war, als am Herde der Dorshütten und in dem freundlichen Grüßen der Nachbarn. Im Winter schlössen sich alle näher aneinander, alle an alle, außer an Nello und Patrasche, mit denen kein Biensch mer etwas zu tun haben wollte, und die sehen mochten, wie sie fertig wurden mit dem alten, gclämten, ans Bett ge- fesselten Mann, in der kleinen Hütte, deren Herd oft kalt und deren Tisch oft one Brod war. Denn jezt kam ein Milchhändler von Antwerpen, der in einem hübschen, mit einem Maulesel bc- spannten Wagen herumfur und die Milch bei den Bauern und Pächtern aufkaufte; und nur drei oder vier Bauern hatten sich mit ihm nicht eingelassen und waren dem kleinen grünen Milch- karren treu geblieben. So war die Last, welche Patrasche zu ziehen hatte, sehr leicht geworden und die Centimesstücke in Nello's Tasche leider sehr dünn gesät. Der Hund machte noch, wie gewönlich, halt an allen be- kannten Türen, die ihm nun verschlossen waren, und schaute mit einem sehnsüchtigen Blick, stumm fragend, ob niemand komme; und die Nachbarn empfanden immer so etwas wie Gewissensbisse, wenn sie ihre Türen und Herzen verschlossen und Patrasche seinen Karren leer weiter zieh» ließen. Sie taten es aber doch, denn sie wollten Baas Copcz zu Gefallen handeln. Weinachten war ganz nahe. � Das Wetter ser stürmisch und kalt. Der Schnee lag drei Fuß tief, und das Eis war stark genug, um Wagen und Ochsen zu tragen. Um diese Jareszeit war das kleine Dorf ftölich und vergnügt. In der ärmsten Hütte gab es Warmbier und Kuchen, Spiel und Tanz, Zuckerheilige und vergoldete Christkinder. Die lustigen flamländer Glöckchcn klingelten überall an den Pferden; überall, in jeder Wonnng, stand ein wolgefüllter Topf auf dem Feuer und summte und dampfte; und draußen sah man überall lachende Mädchen in bunten Röcken und dicken Mänteln durch den Schnee zur Messe und von der Messe trippeln. Nur in der kleinen Hütte war es dunkel und ser kalt. Nello und Patrasche waren ganz allein, niutterseelenallcin auf der weiten Welt. In einer Nacht der Woche vor Weinachten hatte der Tod Einzug gehalten und den alten Tehan Daas ab- gerufen, der von dem Leben nie etwas anderes kennen gelernt hatte, als Armut, Elend und Schmerzen. Er war lange schon halb tot gewesen, unfähig ein Glied zu bewegen und unempfind- lich für alles, außer für ein fteundliches Wort; und dennoch traf sein Tod die beiden wie ein betäubender Schlag und erfüllte sie mit leidenschaftlichem Schmerz und tiefster Trauer. Er war im Schlaf von ihnen gegangen, und als der dämmernde Morgen ihnen ihren Verlust offenbarte, da brach das Bewußtsein un- aussprechlicher Verlassenheit und Hülflosigkeit über sie herein. Er war viele Jare lang nur ein armer, schwacher, gelämtcr Greis gewesen, der keinen Finger zu ihrer Verteidigung erheben konnte, aber er hatte sie so innig geliebt; sein Lächeln hatte stets ihre Heimkunst begrüßt. Sie trauerten um ihn, als wäre ein Stück von ihnen selbst weggerissen worden, und sie wiesen jeden Trost zurück als sie den tannenen Brettersarg, der seine Leiche enthielt, nach dem namenlosen Grab neben der kleinen Kirche geleiteten. Sie waren die einzigen Leidtragenden, diese zwei, welche er one Freund auf der Erde zurückgelassen hatte~ der junge Bursche und der alte Hund. „Jetzt wird er sich doch sicher erbarmen und den armen Jungen herkommen lassen?" dachte des Müllers Weib, und warf einen verstolenen Blick nach ihrem Mann, der am Herd seine Pfeife rauchte. Baas Copez kannte ihren Gedanken, aber er härtete sein Herz und ließ die Türe nicht aufriegeln, als der kleine ärmliche Leichenzug vorbeikam.„Der Bursche ist ein Bettler," sagte er sich,„er darf nicht um die Alois sein." Die Frau wagte es nicht, ihren Gedanken laut auszusprechen, aber als das Grab zugeworfen war und die Leidtragenden sich entfernt hatten, gab sie Alois einen Jmmortellenkranz, den sie nach deni Kirchhof zu bringen und auf dem schwarzen, durch kein Kreuz bezeichneten Erdhügel niederzulegen hatte. Nello und Patrasche gingen mit gebrochnem Herzen nach Haus. Aber selbst der Trost dieses armseligen düstern Heinis war ihnen versagt. Eine Monatsmiete war schon seit Wochen fällig, und die Kosten des Begräbnisses hatten den letzten Sou Nellos verschlungen. Er ging zu dem Eigentümer der Hütte, einem Schumacher, der jeden Sonntag Abend mit Baas Copez zusammen seine Pinte Wein trank und seine Pfeife rauchte; und bat ihn flehentlich um Nachsicht— nur auf wenige Zeit— und er werde ja alles bezalen. Aber der Schumacher war unerbitt- lich. Es war ein harter, geiziger, habsüchtiger Mann. Für sein Mietgeld legte er Beschlag auf jedes Brett und jeden Stein, auf jeden Topf und jede Pfanne in der Hütte und befal Nello, sie den folgenden Morgen mit Patrasche zu räumen. Die Hütte war ärmlich genug, ja mer noch als ärmlich, und doch war sie ihnen ans Herz gewachsen. Sie waren darin so glücklich gewesen, und im Sommer, wenn der Weinstock und die blühenden Bohnen sich um sie rankten, lag sie so schön und so hell da in den sonnigen Feldern! Ihr Leben in der Hütte war ein Leben härtester Arbeit und schwerster Entberungen gewesen, und doch hatten sie sich so zufrieden gefült, so glücklich, wenn sie zusammen nach Haus liefen, sicher, von dem alten Mann mit einem Lächeln des Willkommens empfangen zu werden. Die ganze Nacht saßen der Knabe und der Hund an dem erloschenen feucrlosen Herd in der Kälte und der Finsterniß, beide ganz dicht aneinander gedrängt, um einander zu wärmen. Ihr Körper litt nichts von der Kälte, aber das Herz war ihnen wie zu Eis geftoren. Als der Morgen über der weißen hartgefrorenen Erde däm- werte, war es der Morgen vor dem heiligen Christabend. Mit einem Schauder schlang Nello die Arme um seinen einzigen Freund und seine Tränen rieselten heiß auf die erliche Stirne des Hunds.„Laß uns gehn, Patrasche, mein lieber, guter Pa- trasche," murmelte er.„Wir wollen nicht warten, bis man uns hinausjagt; laß uns gehn!" Patrasche hatte keinen andern Willen als den Nellos, und so verließen sie denn, Patrasche neben Nello hergehend, betrübten Herzens das kleine Heim, das sie so liebten, und in dem jedes Eckchen, jedes Gerät— alles ihnen teuer und von unschätzbarem Wert war. Patrasche ließ den müden Kopf traurig hängen, als er an seinem grünen Karren vorbeiging: ach, er war nicht mer sein— er war gleich dem übrigen von dem hartherzigen Eigen- tümer der Hütte für die rückständige Miete zurückgehalten, und das mcssingbeschlagene Geschirr lag unnütz und glitzernd im Schnee. Der Hund hätte sich gerne daneben gelegt, um zu sterben, jedoch so lange der Knabe lebte und ihn brauchte, durfte Patrasche solchen Gedanke» nicht nachgeben. Sie gingen die alte gewonte Straße nach Antwerpen durch das Dorf hindurch, die meisten Fensterladen waren noch ge- schloffen, nur einige Bauern waren auf den Beinen. Sie namen keine Notiz von deni Hund und dem Knaben. Vor einer gcöff- neten Tür blieb Nello stehn und blickte sehnsüchtig hinein; sein Großvater hatte den Bewoneru des Häuschens bei Lebzeiten manchen nachbarlichen Dienst geleistet. „Wollten Sie wol so gut sein und Patrasche eine 5?ruste Brod geben?" fragte er mit gepreßter Stimme.„Er ist alt und hat seit gestern Morgen nichts zu essen bekommen." Die Frau schlug hastig die Tür zu, und brummte etwas von teurem Korn. Der Knabe und der Hund gingen müd weiter; sie baten niemand mer um Brod. Nach müsamem Marsch auf den zum Teil ungebanten Wegen erreichten sie Antwerpen, als die Glocken der Türme zehn schlugen. „Wenn ich nur etwas bei mir hätte, das ich verkaufen könnte, um ihm Brod zu verschaffen!" dachte Nello, aber er hatte nichts als seinen dünnen Anzug von Leinwand und Barchent und seine Holzschuhe.,, � � Patrasche verstand ihn und rieb nach Hundeart seine Nase an Nellos Hand, als wolle er ihn bitten, sich doch ja um Pa- trasche keine Sorgen zu machen. Um zwölf Ur sollte der Gewinner des Preises ausgerufen werden, und nach dem öffentlichen Gebäude, wo er seinen Schatz niedergelegt hatte, wante nun Nello seine Schritte. Auf den Stufen und in der Vorhalle war eine Menge von jungen Leuten versamnielt, einige in seinem Alter, andere älter, alle mit Eltern, Verwanten oder Freunden. Das Herz wollte ihm schier zcr- springen, als er, nur von seinem Patrasche begleitet, in die Schar der Mitbewerber trat. Die großen Glocken der Stadt kündeten mit eherner Stimme die Mittagsstunde. Die Tore des Saals öffneten sich; in atemloser Erwartung stürmte der Hanfe hinein: es war bekannt, daß das auserwälte Bild auf einem hohen Ge- rüst über den andern ausgestellt werden sollte. (Schluß folgt.) 228 Ein Tanzlied Walthers von der Vogelweide. Von Iriedrich'Dotckmar. (Schluß.) „Ihr seid so wolgetan," fürt der Dichter in der zweiten Strophe fort und meint damit alles an ihr, ihr Wesen, wie ihre Gestalt sei so voller Liebreiz und so vollkommen, daß er ihr gern einen weit schönem Kranz und damit den Preis der Schön- heit vor allen andern Frauen erteilt hätte. Denn der�Dichter ist zugleich der feinste Kenner und höchste Richter alles Schönen und deshalb wer als jeder andere, ja in einem gewissen Zinne allein berechtigt, darüber zu Gericht zu sitzen und� in dem holden Wettstreit der Schönheit der Schönsten auch den Siegespreis zu- zusprechen. Dies war wenigstens der Gedanke der alten Zeit, und Walther macht von diesem Vorrecht des Dichters in zal- reichen Liedern und Sprüchen mit dem vollsten Bewußtsein seines dichterischen Berufs Gebrauch, wie er z. B. in der Frage, welches Land die schönsten Frauen besitze, den Streit dahin entscheidet, daß die deutschen Frauen alle andern an Schönheit und Tugend überträfen. Die dritte Strophe des Liedes lautet: „Sie nahm, was ich ihr bot, Einem Kinde gleich, dem Freundliches geschieht; Ihr Wänglein wurde roth, Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht. Ihr Auge schämte sich, das lichte, Ein holdes Gegengrüßen Ward mir von der Süßen, Und bald nach— was ich nicht berichte." Kann es etwas lieblicheres geben, als dieses errötende Mäd- chen, das mit der Dankbarkeit und dem Herzen eines Kindes die einfachen Gaben des Geliebten entgegennimmt, als wären sie der kostbarste Schmuck? dessen Auge sich in jungfräulicher Scham zu Boden senkt, wenn es dem seinen begegnet, und das ihm doch den holdesten Gegengruß nicht versagen mag? Und das was er nicht berichtet?-- Jede der Tänzerinnen, welche den Sänger umgeben, weiß es, jede fült es, und auch ihre Wangen erglühen in rosiger Scham. Ihre Augen suchen den Boden und keine wagt es, den Blicken des Sängers zu begegnen, denn konnte nicht die, von welcher der Dichter so anmutiges erzält und noch holderes andeutet, sicb in ihrer Mitte selbst bestnden? Und stand nicht jede in dem Verdachte, daß sie diese eine sei, und wurde sie nicht von den übrigen dafür gehalten? Alle diese Fragen drängen sich in rascher Folge ihnen auf, ihre Spannung wichst und die Erwartung, wie der Dichter dies alles lösen werde, beschleunigt und hemmt zugleich die Schläge ihres Herzens. So ist es denn Walther gelungen, aus den ZuHörerinnen seines Liedes zugleich Teilnemerinnen zu machen und sie in den Zauber- kreis semer Poesie hineinzuziehen. Doch sie sollen über den Aus- gang des Liedes nicht lange in Ungewißheit bleiben: „Ich glaubte niemals mehr Freude zu gewinnen als ich da besaß; Die Blüthen fielen schwer Von den Bäumen bei uns nieder in das Gras. Ich war so fröhlich, daß ich lachte. Als mich der Traum umsponnen Hielt mit solchen Wonnen, Da ward es Tag, und ich erwachte." Die Spannung, mit welcher die Hörerinnen den Worten des Sängers und der Entwicklung seiner kleinen Erzäluug gelauscht, löst sich in einem tiefen erleichternden Atemzug. So also war es gemeint! Erträumt nur war, was sie für wirklich erlebt ge- halten und erfunden alles, und wenn auch Träume oft viel be- deuten können, so ist die Bedeutung hier doch nicht schwer zu fassen. Herr Walther hatte sie necken, sie überraschen und prüfen wollen, und es war ihm vollständig gelungen. Ehe die Vögel e» anten, hatte der schlaue Vogelsteller sie mit seinen Ziehen um- garnt und jetzt gab er ihnen die Freiheit wieder und alles war nur ein Scherz gewesen. Und so klingt denn das Lied in der letzten Strophe heiter und neckisch ans, wie es der fröhlichen Art des Reigens und der Absicht des Dichters entspricht, der als echter Künstler dem Schlüsse seines Gedichts die höchste Wirkung vorbehält. Sie lautet, in Anknüpfung an das vorhergehende: „Mir ist von ihr geschehen, Daß ich allen Mägdlein jetzt zur Sommerzeit Muß in die Augen sehen, Fand ich meine wieder: o der Seligkeit!" Und nun mit einer neuen, überraschenden Wendung znur Schlüsse: „Wär sie bei diesem Ringeltanze? Ihr Frauen habt die Güte Rücket auf die Hüte: Säh ich sie wieder unterm Kranze!" d. h. sollte es wirklich nur ein Traum gewesen sein? sollte man wirklich so lebhaft träumen können, daß die Erinnerung daran uns auch wachend nicht wieder verläßt und mit unbezwinglicher Sehnsucht nach dem verlorenen Glücke unser Herz erfüllt?„Ihr Frauen habt die Güte, rücket auf die Hüte", d. h. in diesem Falle die Kränze, den festliegenden Kopfschmuck, welcher die Stirn und beiin Niedersenken des Gesichts auch dieses zum Teil mit seinem überhängenden Blumengeivinde, wie unter dem schützenden Rande eines Hutes verdeckt und es so einer genauen Betrach- tung züchtig"entzieht, wie aus der letzten Vcrszeile unseres Liedes:„Fänd ich sie wieder unterm Kranze" deutlich hervor- geht. Der eigentümliche Kopfschmuck der Frauen jener Tage wurde übrigens geradezu Hut oder mit einem dem ftanzösischen entlenten Namen"ebapol(das heutige chapeau) genannt. Mit dieser neckenden Wendung und dem ausgesprochenen Wunsche des Dichters, daß er sein holdes Traumbild hier unter den Tänzerinnen wiederfinden möchte, schließt das� Lied und mit ihm der Tanz, dessen vielfach wechselnde, kunstvolle Touren wir selbstverständlich dem Leser hier nicht vorfüren konnten. Es muß deshalb seiner Phantasie überlassen bleiben, sich� denselben nach dem Gleichniß unseres heutigen Contre und unserer Polo- naise zu ergänzen, welche beide noch eine gewisse Aenlichkeit mit den Schreit- und Schleistänzen(so nannte man die ruhigeren Tanzarten, zu denen auch unser Reigen gehört, zum Unterschiede von den lebhafteren Springtänzcn) der alten Zeit haben, nur, daß sie, der neuen Zeit gemäß, der Mitwirkung des Gesanges und der seelischen Belebung durch das Lied entberen und folg- lich auch keinen so vollen und harmonischen Genuß gewären können, als er der alten Zeit in ihren besten geselligen Tänzen beschieden war. Daß wir in dem vorliegenden Beispiele von dem Baume der Vergangenheit eine der schönsten Blüten ge- pflückt, deren unvergänglicher Duft uns noch heute nach so vielen Jarhunderten selbst anmutet, brauchen wir wol nicht nocH_ ausdrücklich hervorzuheben und ebensowenig, daß am Fuße desselben zwischen dornigem Gestrüpp manch schädliches Unkraut üppig wucherte, daß neben dem allzeit seltenen Guten und Schönen sich in jenen Tagen auch allerlei schlechtes und verwerfliches findet, daß man nicht zu übersehen braucht, wenn man sich auch ungern damit befaßt. Wie wenig wir jedoch Ursache haben, über die Sitten der alten Zeit den Stab zu brechen, das beweist das vorliegende Beispiel, dem wir, trotz allem Herrlichen und Großen, das die moderne Literatur hervorgebracht hat, nichts änliches an die Seite zu setzen haben. Noch in den schönsten Tagen der zweiten Blütezeit unsrer Dicht- kunst war eine letzte Erinnerung an jene verlorene Sitte und die Bedeutung, welche sie für die Dichtkunst hatte, in der Seele des größten unserer Dichter, in Goethe, lebendig. In einem Herr- lichen Liede, der Musenson überschrieben, schildert er sich in seiner rastlosen Dichtertätigkeit, wie er, durch Wald und Feld sein Liedchen pfeifend, dahinschweift und wie alles an ihm und um ihn seinem Genius dienen und sich ihn, und seiner Zaubergewalt unterwerfen muß. Denn, heißt es u. a. in der vorletzten Strophe: Denn wie ich bei der Linde Das junge Völkchen finde, Sogleich erreg' ich sie: Der stumpfe Bursche blät sich Das steife Mädchen drei sich Nach meiner Melodie. Das, was uns Goethe von sich hier erzält, wird uns nach dem vorhergegangenen nicht mer überraschen noch verwundern. Er ist hier aber nur der Sänger im alten vollen Sinne deS Wortes, der seine eignen Lieder noch selbst singt und im Frü ling die Jugend zun: ftölichen Tanze damit ernnintert, ja selbst die Linde felt nicht, unter deren geheiligten Aesten seit uralten Zeiten und stellenweise noch heute die Tanzvergnügen abgehalten iverden. Goethe und Walter von der Vogelweide! Sechs Jar hunderte liegen dazwischen, und doch reichen sich beide über den Ungeheuern Abgrund der Zeit im Geiste die Hand: Es winken sich die Weisen aller Zeiten. 229 Brasilien und die deutsche Auswanderung. (1. Fortsztzung.) Die Behauptung, daß so kleine, wenn auch lästige, so doch anscheinend nicht sehr gefärliche Tiere, wie die Saudslöhe, aus ganzen, weiten Landesteilen die menschliche Bewouerschaft ver- treiben könnten, falls ihnen die Natur größere Bewegungsfähigkeit verliehen hätte, mag gewaltig übertrieben erscheinen, und doch hat sie sehr viel für sich. Diese nichtsnutzigen Tierchen vermeren sich nämlich riesig und haben die Gewonheit, sich bei dem Menschen in die Haut unter die Fußnägel und in die der ganzen Sole, hauptsächlich an der Ferse, einzugraben und dahinein ihre Eier zu legen. Wird nun die Einguartirung nicht rasch genug ent- fernt, durch Herausziehen mit Nadeln oder durch öfteres Waschen der Füße mit Tabaksblätterabsud, Citronensaft und dergleichen, so verursacht sie bösartige und nicht selten tötliche Geschwüre. Glücklicherweise hüpfen diese kleinen Bestien eben nicht, leben auch nur im Sande und kommen garnicht in die Betten. Ungeheuer gesegnet ist Brasilien mit Fischen. Mer als 11000 neue Arten hat Agassiz allein im Amazonenstrom ge- sunden, und in allen Strömen wie an allen Küsten ist kein Mangel an Bewonern aus diesem Reiche der Tierwelt. Ebensogut wie die in Brasilien einheiniischen Tiere gedeihen, fülen sich dort in den meisten Gegenden die aus Europa ein- gefürten heimisch. Pferd und Rind haben sich in die hundert- tausende und Millionen vermert; den Schweinen behagt Brasilien gleichfalls vorzüglich, und Ziegen wie«chafe finden auch ihr Fortkommen. Neben dem Pferde sind als Reit- und Lasttiere auch der Esel und der Bastard vom Eselhengst und der Pferdestute, das Maul- tier, verbreitet. Auch der Maulesel, der Bermischung des Pferde- Hengstes mit der Eselstute entsprossen, findet sich häufig genug, aber weil er lange nicht so nutzbar ist, als sein Stammesvetter, doch bei weitem nicht so zalreich, als dieser. Der Esel ist be- kanntlich in warmen Ländern weder ein dummer, noch ein träger Haus- und Arbeitsgenosse, und das Maultier erbt die Tugenden nicht nur seines Baters, sondern auch die der Mutter. Es ist stark und mutig, wie das Pferd, genügsam, ausdauernd und so sicheren Schrittes wie ein Esel. Mit einer Last von drei Centnern auf dem Rücken täglich sechs bis sieben geographische Meilen zurückzulegen, fällt ihm nicht schwer. Es ist daher nicht zu ver- wundern, daß besonders schöne und tüchtige Maultiere in Bra- silien häufig den Pferden vorgezogen und teurer bezalt werden, als diese. Im Vorhergehenden wird der freundliche'Leser" der Belege genug gefunden haben für die Behauptung, daß Brasilien ein von der Natur hochbegünstigtes Land ist. Leider haben aber diejenigen keineswegs ganz unrecht, welche meinen, daß die Schätze der brasilischen Natur, die Fülle und Mannichfaltigkeit seines Pflanzen- und Tierreichs den Bewonern nur zu einem sehr ge- ringen Teile zugute kommen. Einmal stehen grade die Faktoren, welche diesen Reichtum geschaffen haben, seinem Genüsse vielfach störend im Wege. Es sind dies das Klima und der ungeheure Wasserüberfluß des Landes. Das erstere ist, besonders in den nördlichen Gegenden, viel zu heiß, für europäische Einwanderer auf die Dauer sogar kaum erträglich, und die durch den Wasser- reichtum bedingte Versumpfung weiter Bodenstrecken, wie die in kolossalem Maßstabe die Ufergegenden der zalreichen und mächtigen Wasseradern verheerenden, regelmäßigen Ueberschwemmungen ver- hindern die Bodenbebauung und Ansiedlung und sind die Träger und Närer mannichfacher Krankheiten. Indessen wenn auch das Klima Brasiliens für die Ein- geborenen des europäischen Nord- und Mittellandes zum guten Teile nicht zuträglich genannt werden kann, so ist doch nicht zu vergessen, daß der brasilische Süden in klimatischer Beziehung weitaus günstiger gestellt ist, als der Norden, und für Europäer ebensogut bewonbar ist, als die meisten Länder Europas. Aenlich ist es mit den Brasilien in höherem Maße anhaftenden Krank- heiten, als andern Ländern: sie sind keineswegs überall heimisch und treten in vielen Gegenden nicht so häufig und heftig auf, daß sie der Besiedlung derselben und der �Nutzbarmachung ihrer �Naturschätze ein ernsthaftes Hindernis in den Weg zu sezen ver- möchten. Dafür gibt es eine andre Hemmkette für die rasche Entwick- lung des Wolstandes in dem südamerikanischen Kaiserreiche. Der Brasilianer selbst und seine Regierung mag den sehr guten Willen haben, die Schätze des Landes zu heben, alle wirtschaftlichen Vorteile, welche sich ihnen darbieten, auszubeuten, aber bei ihnen gilt in hohein Grade das Sprüchwort: Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach. Die Brasilianer könnten aus allen möglichen Naturprodukten ihres Landes Kapital schlagen, sie wissen auch, daß sie es könnten, sie wollen es auch, sie treffen sogar allerlei Anstalten dazu, sie machen aber selten einmal völligen Ernst, ihnen felt die geschäft- liche Energie und Betriebsamkeit des Jankees und des Engländers nicht minder, als die zähe Ausdauer des Deutschen. Der Vereinigung dieses Umstandes mit den beiden andern leichter zu beseitigenden, nämlich: der Schwierigkeit des Trans- Ports größerer Lasten und der Kostspieligkeit und Spärlichkeit der Arbeitskräfte, ist es z. B. zuzuschreiben, daß die großartigen Koleuminen, die mächtigen Lager von Kupfer-, Blei- und Eisen- erzen Brasiliens zumeist heute noch gradeso vergeblich auf den Ausbau warten, wie die reichlichen Borräte von Alaun, Salpeter, Vitriol und vielen andern Staturprodukten sonst. Selbst bei Handelsartikeln, mit denen Brasilien gegenwärtig schon allen konkurrirenden Ländern den Rang abgelaufen hat, tritt dieser brasilische Nationalfeler deutlich hervor. So beim Kaffee, der jetzt in fast hundertfach erhöhter Quantität gewonnen wird, als zu Anfang dieses Jarhunderts und bei dem der Wert einer einzigen Jaresernte den Gesammtertrag der berümten bra- silischen Diamantwäscherei in deren Glanzperiode, d. i. in den achtzig Jaren von 1740—1820, übertrifft. Die Brasilianer geben sich aber mit der Kultur des Kaffeebaums keine Mühe, daher steht die Qualität des brasilischen Kaffees heute noch weit hinter der des indischen zurück und erzielt lange nicht so bedeutenden Absatz und so gute Preise als erzielt werden könnten. Genau dasselbe ist der Fall bei dem Bau des Tabaks und des Tees, der nur sorgsamer betrieben zu werden brauchte, um die brasi- tische Waare jeder fremden Konkurrenz ebenbürtig zu machen. Auch auf andern Gebieten fällt der Mangel an Energie und Ausdauer, welcher den Brasilianer charakterisirt, ins Äuge. So erzält z. B. Oska- Canstatt, der längere Zeit in Brasilien ge- lebt und dort Regieruugsbeamter gewesen ist, daß ihm oft ir- gend ein Bau oder ein sonstiges Unternemen aufgefallen sei, welches großartig begonnen, vor der Vollendung aber ungenützt liegen geblieben oder abgebrochen worden sei. Dieser Hang zum Geheulassen der Dinge, wie sie eben gehen, hat sich in Brasilien auf verschiedenen Feldern des öffentlichen Lebens bis zur Lüderlichkeit gesteigert. Hiervon erzälen dem Fremden verständlich genug die vornemsten Verkehrsmittel: Dampfschiffe und Eisenbanen. Bezüglich der Dampfschiffe tadelt der dem transatlantischen Kaiserreiche sehr geneigte Canstatt die Gebrechlichkeit der Schiffe, den Schmutz, die mangelhafte» Ein- richtungen jeder Art, die UnPünktlichkeit und Rücksichtslosigkeit des Schiffspersonals gegen die Reisenden, als die Hauptfeler, denen man auf brasilianischen Dampfern begegnet. Die kurze Schilderung, welche Canstatt von dem Dampfer gibt, der ihn zum erstenmale von Rio Grande nach Porto Alegre aefürt, ist zu charakteristisch für die brasilianische Zweidriktels- kultur, als daß rch sie hier übergehen möchte. „Das Schiff," sagt er.„war etwa so groß, wie die Neckar- dampfschiffe, die Wirtschaft auf demselben brasilianisch, das heißt schmutzig, wenn auch nicht in dem Grade wie auf dem.Gerente� (das war das Schiff, welches den Reisenden von Rio de Janeiro nach der Haupfftadt der Provinz Santa Catharina, S. Desterro gebracht hätte). Doch liefen auch hier Schweine und Hüner frei auf dem Teck herum. Höchst unbequem fand ich es, daß für die Nacht für keinen besonderen Schlafraum auf dem Steamer gesorgt war. Man mußte sich eben mit den gepolsterten Bänken in dem allgemeinen kleinen Speisesaal begnügen. Ein Brasi- lianer, der ffich nicht genügend mit Decken gegen die Külte der Nacht vorgesehen, war naiv genug, das weiße Tischtuch von der Tafel zu nemen und sich darein zu wickeln. Am Morgen wurde sodann das Früstück wieder uns allen darauf servirt. Indessen — ich war nun in Brasilien, und sollte später noch sonderbarere Dinge zu sehen bekommen." Gegenüber den soeben gekennzeichneten Charaktereigenschaften des Brasilianers ist die Einwanderung betriebsamer, ausdauern- der, minder leichtfertiger Elemente aus fremden Völkern für das ganze Land und für die Kulturwelt überhaupt ein unzweifel- hafter Segen. — Und grade die deutsche Einwanderung hat sich in Brasilien als die tüchtigste erwiesen und als diejenige, welcher die meiste Aussicht auf Erfolg zur Seite steht. Die Provinzen des südlichen Brasiliens sind gegenwärtig schon zu einem, für die Bevölkerungszal überhaupt, nicht un- erheblichen Teile mit deutschen Ansiedlern besezt. Schon im Jare 1875 belief sich die Zal der eingewanderten Deutschen nach einem Bericht des brasilianischen Ackerbaumlinsters auf 130 000 Seelen, von denen weitaus der größte Teil im süd- lichen Brasilien.— wenigstens 70000JDeutsche ivonen allein in der südlichsten Provinz Rio grande do Sul,— eine neue Heimat gefunden hat, und die inzwischen durch beständigen Zuzug verstärk: worden sind. Tie drei südlichsten Provinzen— neben Rio grande do Sul noch Santa Catharina und Parana— hatten 1879 zusammen einen Flächeninhalt von 9158 Quadratmeilen, also nahezu soviel als das ganze deutsche Kaiserreich mit 9312V, Quadratmeileu, aber nur 717 402 Einwoner, d. s. noch nicht halb soviel als das Großherzogtum Baden. Auf Rio grande allein kommen 4205 Quadratmeilen, also über 15 mal mer als das Königreich Sachsen aufzuweisen hat, und 430878 Einwoner, d. i. etwa ein Siebentel von Sachsens Bevölkerungszal; auf Santa Catharina 1318 Quadratmeileu mit 159 802, ans Parana 3935 Quadrat- meilen mit gar nur 126 722 Bewonern. Daß unsre Landsleute sich in einer von diesen drei brasiliani- schen Provinzen angesiedelt haben, war, wie wir oben bereits angedeutet haben, das gescheiteste, was sie in Brasilien nur tuu konnten. Grade dieser Teil des Landes ist es, den der Brasilianer 0 paruiso do Brasil— das Paradies Brasiliens— nennt, und wenn er auch damit ein wenig überschwenglich urteilt, so lügt er doch nach allen uns vorliegenden Berichten nicht eben: Südbrasilien ist nicht zum kleinsten Teile ein ebenso schönes als reiches Land. Die Südprovinzen erstrecken sich vom Wendekreise des Stein- bocks, d. i. ungefär vom 23. Grade südlicher Breite bis zum 33. Die Serra Geral, ein bis zur Höhe von beinahe 4000 Fuß (1300 Meter) emporsteigendes Gebirge, scheidet sie in ein schmales Küstenland, das nach dem Meere hin zum Teil in kurzen und steilen Abhängen niederget, und in ein Hochplateau, welches sich nach Westen und Südwesten bis zu den beiden Strömen Parana und Uruguay in mäßig geneigter Ebene senkt. Das Küstenland im Norden hat feuchtwarmes Klima mit starken Sommer- und Winterregcn, erstere vom Januar bis März, leztere vom Sep- tember bis Oktober. Dabei sind die Sommer heiß, wenn auch nicht bis zur Unleidlichkeit, und in der Temperatur gemäßigt durch den Regen und periodisch wiederkehrende Seewinde. Im ganzen weist der nördliche Küstensaum ein Klima auf, wie der Norden Afrikas oder der Süden Spaniens. Weit günstiger noch ist die Hochebene des Nordens gestellt, die wärend des ganzen Jares nur geringe Temperaturunterschiede zu verzeichnen hat, und sich, änlich wie die begünsttgtsten Gegenden Südfrankreichs eines beinahe beständigen Frülings erfreut. Küstenland und Hochland im Süden haben ein dem tropischen ziemlich nahe kommendes Klima, etwa wie die Inseln des Mittel- meeres, welches erhebliche Temperaturgegensätze und das gelegent- liche Auftauchen der Sehnsucht nach einem guten Stubeuosen nicht ausschließt. An der Küste finden sich vorzugsweise Frühjars- und Herbstregen, wärend das Hochland besonders im Winter von Regengüssen heimgesucht wird. Nur in den höheren Gebirgs- regionen gefriert zuweilen das Wasser, und auch der Schnee ist überall in den brasilischen Südprovinzen nicht häufig; daß er auf einzelnen Stellen der Hochebene drei Tage lang erhalten geblieben ist, bildet die höchste Leistung des südbrasilischen Winters, deren ,fich die Bewoner erinnern. Von der Küste aus ziet sich fast one Unterbrechung der Ur- wald bis zur höchsten Gebirgshöhe hinauf; etwa ein drittel des Gesammtflächeninhalts der drei Provinzen ist vom Walde bedeckt. Die westlichen Gebirgsabhänge sind von dem üppigen Gras- wüchse der Campos(der südamerikanischen„Prairien") über- wuchert, die nur spärlich von Waldflächen unterbrochen werden. Erzeugt und gcnärt von den häufigen und starken Regen, gepflegt und geschützt von dem Urwalde, finden sich im Süden Brasiliens eine große Menge von Flüssen und Strömen, von denen sich die nach Westen fließenden in den La-Platastrom === ergießen, der durch die Vereinigung des an Größe der Wolga gleichkommenden Parana mit dem unserm Rhein an Länge über- treffenden Uruguay entstet. Die nach Osten fließenden sind kürzere, aber meist gleichfalls bedeutende und schiffbare Küstenströme des Atlantischen Ozeans. Der größte der Küstenflüsse ist der Aacuy oder Gllayba, oer sich jedoch in die Lagoa dos Patos ergießt. Unter der geringen Zal der brasilischen Landseen ist die Lagoa dos Patos(zu deutsch: Entensee) der größte. Dieselbe wird nur durch eine, auch an breitester Stelle wenige Meilen breite Land- zunge, die Praya do Estreito, von dem Ozean getrennt. Die Lagoa ist 150 Seemeilen, also etwas über 37 deuffche Meilen, lang und 45 Seemeilen oder 11'/« deutsche breit. Mit dem Ozean ist sie nur durch eine einzige schmale und seichte Mündung, die Barra vom Rio Grande, verbunden. Die Praya do Estreito wie die Umgegend von Rio grande, der Hauptstadt der Provinz Rio grande do Sul, ist mit feinem und jedem Windstoße nachgebenden Sande bedeckt, der oft bis zu gewaltiger Höhe aufgeschichtet ist und allein am Ufer der Lagoa nur mit vieler Mühe zu erhaltende schmale Grassäume auskommen läßt. In diese Sandwüste sich one ortskundige Fürung hinauszuwagen, soll ein Unternemen sein, dessen Kühnheit, oder besser, dessen Unbesonnenheit schon mancher mit dem Tode gebüßt haben soll, infolge von Untersinken im Sande, der Roß und Reiter, ja selbst Wagen mit Bespannung und Insassen, zu ver- schlingen mächtig genug sei. Soweit die Küstenländereien vom Urwalde befteit und nicht, wie die Lagoa dos Patos entlang, vom Flugsaude kultur- unempfänglich gemacht sind, ist der Ackerbau verbreitet. Dagegen sind die Campos des Hochlandes für die Viehzucht ein bequemes Feld, die leider nur infolge der mangelhaften Pflege zwar un- geheuer zalreich, aber in der Qualität schlecht genug gediehen ist. Von Körnerftüchten werden am meisten angebaut Mais, Reis und Haser, von Hülsenfüchten die Bönen und, vor allen andern Nutzpflanzen der Kassava- oder Mandioccastrauch, dessen knollige Wurzel die Farinha gewärt, d. i. jenes Mehl, aus dem überall in Brasilien das Narungsmittel gemacht wird, welches unser Brot ersetzt. Die Mandioccakultur ist für Brasilien so wichtig, daß hier der Gewinnung der Farinha einige Worte gewidmet sein mögen. Die armsdicke und nicht selten bis 30 Pfund schwere Wurzel des Kaffavastrauches wird zunächst von der lederartigeu Ichale befreit und gereinigt, dann wird ihr Inhalt zu einem Brei zer- rieben, den man darauf in Säcke füllt und aufhängt, damit der Blausäure enthaltende Saft abläuft. Ist das geschehen, so wird der Brei noch ausgepreßt, getrocknet und zu einem groben Pulver zerrieben, das eben die Farinha bildet, etwa wie Hafer- grütze schmeckt und entweder in dieser Sägemehlform oder auch durch Wasserzusatz wieder in einen Närbrei verwandelt genossen wird. Auch Kuchen und eine Art von Zwieback werden daraus gemacht. Von jener Art des Kassavastrauches, dessen Wurzeln süß und von Blausäure frei sind, werden diese auch unzerrieben gekocht und gleich unfern Kartoffeln gegessen. Die aus der Farinha bereiteten Narungsmittel sind nicht nur sehr narhaft, sondern auch sehr dauerhaft und eignen sich, da sie weder von Würmern noch Insekten angegriffen werden, besonders gut zu Proviant für längere Reisen. Im größten Teile Brasiliens, auch in den deutschen Kolonien liefert die Farinha das tägliche Mittagsmal, insbesondere der arbeitenden Bevölkerung. Neben Reis und Hafer, die beide vortrefflich gedeihen, kommt auch der Weizen fort, gleichwie alle übrigen Getreidearten. Indessen werden sie allesamt nur in geringem Maße angebaut, einerseits weil in Brasilien selbst nicht viel Nachfrage nach Feld- Produkten dieser Art ist und dem Export große Schwierigkeiten im Wege stehen, und dann weil der Ackerbau, der schon den Vorgängern der gegenwärtigen Ansiedler in manchen Gegenden des Gebirges reichlichen Ertrag geboten hat, von jenen äußerst unverständig betrieben worden ist und den zur Getreidekultur, wie z. B. zu der des Weizens, nötigen Bodengehalt an Mergel und Kalk erschöpft hat. Nicht gar schwer könnte es sein, diese Gebiete eines dereinst üppigen Weizenbaus für denselben wieder- zuerobern. Wie mangelhaft auch heute noch der Ackerbau, von dem deutschen Ansiedler so gut, wie von dem Brasilianer, be- trieben wird, werden wir im weiteren Verlaufe unsrer Darstellung ieh-n.(Schluß folgt.) Aas �Volkslied. Wohin du immer wanderst Aus diesem Erdenrund, Es spricht zu dir im Liede Des Volkes Klagemund. Und ist dieselbe Weise Und gleiche Melodie, Die aller Orten laut wird, Und du vergißt sie nie. Ob du den Fellah hörest, Wenn er das Schöpfrad dreht, Und ob den nord'schen Bauer, Wenn hinternl Pflug er get. Der Slave und der Ire Und der Romane singt Sein schwermutvolles Liedlcin, Das dir zu Herzen dringt. Von tausendjär'gcm Leide Ein Hauch ins Or dir weht, Wie die gepreßte Stimme, Die leis' um Hilfe fleht. Und nach des Elends Ende Ein Sehnen tief und bang, Wie eine Prosezeiung Hörst du aus diesem Sang. Leopold Jacoby. Der Postillon zur Winterzeit.(S. Jllustr. Seite 224—225.) Wie der Briejträger heute noch, so war noch vor gar nicht langer Zeit, wo das Posthorn öfter als heule aus der belebten Verkehrsstraße seine sentimentalen Weisen ertönen ließ, der Postillon, oder vielmer der „Schwager", der Liebling des Publikums, vor allem des reisenden. Er war der Vertraute des von Ort zu Ort ziehenden Geschäftsmannes, verbannte diesen die Langeweile in die öden Gegenden; er war aber auch ebenso der sichere Fürer und Auskunftgeber der Vcrgnügungs- reisenden— beiden gleich angenem. Als Vermittler unserer intimsten Angelegenheiten, des beständigen Verkehrs mit lieben Freunden, Ber Wanten und Geschäftsfreunden hat er sich nicht minder diesen Platz im Herzen des Publikums erworben, und man könnte ihn nicht mit Un- recht als die Personifikation des gesellschaftlichen Triebes im Menschen bezeichnen. In unserer Zeit des Dampfes ist er freilich vielfach seines bisherigen Dienstes enthoben worden, indem an seine Stelle ein mäch- tiger Konkurrent, der Eisenbanschaffner trat, aber wenn dieser auch in ebenso direktem Berkehr mit dem reisenden Publikum stet, so ist dieses sein Verhältniß doch kein so inniges geworden, wie das zwischen dem „Schwager" und dem Passagier des Postwagens. Die ungleich höhere Anzal der Reisenden aus der Eisenbau, die Schnelligkeit, mit welcher der Zug dahinbraust, lassen ihm keine Zeit, sich um Dinge zu kümmern, die außerhalb des Bereichs seiner Dienst-Jnstruktion liegen.— Einige Bemerkungen über die Entwicklung des trefflichen Instituts, dem der Held dieser Zeilen dient, find vielleicht am Platze. Berkehrsanstalten hatte man schon im Altertum, aber die reitenden Boten der Perser mit ihren Pferdewechselstellen, die Fußboten der alten Griechen, die unter Augustus hervorgerufenen und von den römischen Kaisern sortgesezten Bejörderungsanstalten für Regierungs- Depeschen und Beamte(Cursus publicus), welche ein sich über das ganze römische Reich erstreckendes Verkehrsnetz, zalrciche Stationen mit sicheren Straßen verbindend, bil- beten, dienten alle direkt nur Staatszwecken. Nachdem mit dem Unter- gange des römischen Reiches auch diese römische Post zerstört wurde, entberte der öffentliche Berkehr lange jeder Organisation, und nur unter Karl dem Großen wird von einer Staatsbotenanstalt berichtet, Kloster- brüder, Pilger, Metzger, reisende Kausleute und sonstiges„sarendes Volk" besorgten die Vermittlung im Verkehr. Geistlichkeit und Fürsten bedienten sich reisender Boten. Mit der Entwicklung der Städte und deren Lebenselement, der Gewerbe, entstehen dann besondere Boten- anstalten für die Kausleute, desgleichen kommt auch zwischen den Uni- versitäten ein geregelter Verkehr zustande. Der mer und mer aufblü- hende Handel verlangt jedoch besser organisirte und sichrere Verkehrsweisen, und so setzen sich denn die nordischen Hauptstationen der mächtigen Hansa mit Nürnberg, dem Knotenpunkt der nach den südlichen Handels- Plätzen fürenden Verkehrsstraßen, in Verbindung. Gleichfalls bildet sich ein geordneter Verkehr mit den Städten Süd-, Mittel- und Nord- deutschlands, und zwar schon im 13. Jarhundert. Bon einer öffentlichen Sicherheit und Bequemlichkeit, wie von den Rechten und Pflichten einer öffentlichen Anstalt ist natürlich keine Rede; die letztere dient lediglich den Interessen der Kausleute der betreffenden Städte. Das gleiche ist der Fall bei der 1276 vom deutschen Orden in Preußen er- richteten Verkehrsanstalt mit dem Reich. Die Reformationszeit erst brachte neben so manchem Fortschritt auch hier eine Verbesserung, indem die Institution des Verkehrslebens öffentlich organisirt wurde. Von Kaiser Maximilian veranlaßt, gründete Franz v. Taxis 1516 die erste wirkliche Post zwischen Wien und Brüssel; weitere derartige Unter- nem ingen wurden teils von der Fantilie Taxis, teils von anderen Reichsfürsten begründet. 1543 wird Leonhardt von Taxis zum nieder- ländischen Generalpostmeister ernannt und 15S5 wird er mit derselben Charge im Reiche bekleidet. 1597 wird die Post kaiserliches Regal, doch kommt eine allgemeine deutsche Post nie zustande, sie bleibt viel- mehr das Monopol des Thurn und Taxis'schen Hauses. Da viele Reichsfürsteu selbst Posten einrichten, so nemen die Kämpfe und Streitig- kciten kein Ende, die zwischen dem Monopolisten und den Fürsten ge- fürt werden, und wir erinnern nur an den zwischen Brandenburg und Thurn und Taxis gefürten Streit, der zu Gunsten des er- steren ausschlug. Bedeutend beschränkt wird die Gerechtsame der Taxis durch die Errichtung des Rheinbundes unter dem Protektorat Bonapartcs L, aber durch Artikel 17 der wiener Bundesakte wird die- selbe nochmals gewärleistet, one doch der Errichtung von Postanstalten jeitens der einzelnen Landesregierungen Hindernisse zu bereiten. Das Postwesen ist deshalb in der ersten Hülste dieses Jarhunderts sehr oer- wickelt, 13 Staaten haben eigene Postanstalten, einige lassen ihr Post- Wesen von Fremden verwalten und der Rest desselben ist in den Händen von Thurn und Taxis, Schwierigkeiten des Verkehrs und Verteuerungen des Portos sind die Folge der kollidirenden Sonder- bestrebungen. Am 18. Oktober 1847 tritt endlich auf Veranlassung Oesterreichs in Dresden eine Postkonferenz zusammen, um eine Ber- einigung der verschiedenen deutschen Postverwaltungen herbeizusüren. Die Arbeiten derselben werden durch die politische Bewegung von 1848 und 49 vorläufig unterbrochen, aber am 6, April 1856 wird zwischen Preußen und Oesterreich der deutsch-öperreichische Postvertrag verein- bart, der am 1. Juli 1850 ins Leben tritt und dem sich allmälich die übrigen deutschen Staaten anschließen. An Stelle dieser Vereinbarung tritt den l. Juli 1852 der revidirte deutsch-österreichische Postvereins- vertrag und später der vom 18. August 1860. Aber durch die Er- stehung des norddeutschen Bundes erfärt diese so hochwichtige Anstalt für den öffentlichen Verkehr eine totale Umwälzung. Am 28. Januar 1867 wird nämlich von der preußischen Regierung mit dem Hause von Thurn und Taxis ein Vertrag geschlossen, laut dem das von dem letz- leren 3'/2 Jahrhunderte lang besessene Monopol abgelöst wurde und in die Hände der norddeutschen Reichsregierung überging. In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli 1867 ging die Lehnspost in Deutsch- land zu Grabe, und von jezt an erfärt diese für das gesammte Gesell- schastsleben so wichtige Einrichtung eine Umgestaltung und Organisation, wie sonst keine. Nachdem Oesterreich schon anfangs der 60er Jare eine einheitliche Portotaxe eingefürt, änliche Anträge im übrigen Deutschland aber gescheitert sind, wird nunmer die Post in Norddeutschland einheit- lich und staatlich verwaltet, Verträge, wie die mit Nordamerika, Däne- mark, Norwegen und Belgien, werden abgeschlossen und dadurch die allgemein bekannten Portoermäßigungen eingefürt. Mit der Entstehung des deutschen Reiches erfärt die Post wiederum bedeutende Erweiterungen; Bayern und Würtemberg behalteii ihre selbständige Verwaltung, aber das Reichspostwesen wird durch Reichsversassung und-Gesetzgebung garantirt und geregelt. Am 9. Oktober 1874 wird zu Bern der Welt- postvertrag geschlossen, der den Berkehr zwischen fast allen Staaten der Welt regelt. Derselbe tritt am 1. Juli 1875 allgemein in Kraft; Frank- reich gehört ihm feit dem 1. Januar 1876 an. Wir glauben es bei der kurzen Schilderung der allmälichen Gestaltung des Postwesens in Deutschland bewenden lassen zu können, indem die Entwicklung desselben in den übrigen Staaten eine ganz änliche mar. Hochgestellte, bevor- rechtete Personen haben sich auch dort redliche Mühe gegeben, diese Verkehrsanstalt als ein Mittel zum Füllen des Säckels zu benutzen. Ebensowenig bedarf es einer speziellen Ansürung der Vorteile des über die gesammte zivilisirte Welt verbreiteten Instituts. Der intellektuelle Einfluß desselben läßt sich in Zalen wol kaum ausdrücken. Hier mögen nur noch einige Zalen aus der amtlichen Statistik der deutscheu Reichs- postVerwaltung Platz finden. Nach dieser gab es 1875 in Deutschland 6555 Postanstalten mit 55,004 Personen, als Beamten jc. Befördert wurden Briefpostsendungen: 978,875,905, Packereien und Geldsendungen 60,296,022 Stck. Der Gesamtwert der Geldsendungen betrug 15,116,242,182 Ntark. Die Gesammtzahl der beförderten Personen betrug 4,455,922, die Gesammteinnahme der Postverwaltung 103 781313,09 Mark, die Gesammtausgabe 94 567 724,64 Mark. Außergewönliche Ausgaben: 985 089,01 Mark. Ueberschuß 8 223 499,44 Mark. Hinzufügen wollen wir nur noch, daß sämmtliche angesürten Zalen gegen 1874 ein be- trächtliches Mer aufweisen, mit Ausname der Personenbeförderung, die 1874 ein Mer von 482 631 Personen betrug. Jedenfalls ist dies auf die sich von Jar zu Jar steigernde Erweiterung des Eisenbannetzes zurückzufüren, wodurch der Personenverkehr durch die Post herabsinkt und schließlich— wie lange wird es noch dauern?— gänzlich aufhört. Wir erfüllen demnach wol eine angenemc Pflicht, wenn wir die Person im Bilde vorsüren, welche in der Jarhunderte langen Entwicklung der Post deren steter Begleiter tvar und jezt nur noch in den Gegenden ihren Platz behauptet, wo der Geist der modernen Zeit noch nicht seine Eisenwege gebaut hat. In Wind und Wetter, wo andere Menschen- linder Schutz suchen konnte», hat der„Schwager" auf dein»Bocke sitzend treu und redlich seine Pflicht erfüllt— ein Pionier im Dienste der Humanität— und wie die dahineilende Zeit selbst, die er durchlebt, ist er jezt daran, dem unmittelbaren Schauen entrückt oder doch vielen un- bekannt zu werden. So viele Vorteile gegenüber der Vergangenheit unser heutiges Verkehrsleben darbietet, so sollen wir doch nicht Derer ver- gessen, die durch redliche Arbeit in früherer Zeit den Grund zu dem gelegt haben, was uns erst heute zum Genuß beschieden ist. ort. 232 Die Feinde der Engländer im Kaplande. II. Die Boers. Äon den betschuanischen Bajuio zu den Boers ist, räumlich betrachtet, der Weg nicht weit; ihre Gebiete stoßen aneinander— das der Laers beginnt wenig mer als hundert deutsche Meilen nordöstlich von der Kapstadt—, und auch ihre Interessen sind nach einer gegenwärtig sehr in den Vordergrund getretenen Richtung die gleichen: beide streben danach, von den Engländern, die sie zu ihren Untertanen gemacht haben, sich wieder unabhängig zu machen. Was die Engländer aber einmal haben, das geben sie gutwillig nicht wieder heraus. Dafür blieb den Boers wie den Basuto nur ein Besreiungsmittel, nämlich der Kampf aus Leben und Tod. Wir werden unsern Lesern später die Vorgeschichte dieses Kampfes erzälen; heute wollen wir die Boers zu- nächst kennen lernen, wie wir die Basuto kennen gelernt haben, in ihrem Leben und Tun und in ihren Sitten und Gebräuchen. Die Boers(zu sprechen Burs) halten sich sür ganz besonders bevorzugte Leute: sie nennen sich selbst mit Vorliebe schlechtweg„Menschen" und wollen sich damit nicht blos von den dunkelsarbigen Afrikanern, sondern im Grunde von allen übrigen sonst nicht minder zu der Gattung Mensch gerechneten Zweifüßlern unterschieden haben. Nicht viel be- scheidener nennen sich die Boers auch die„Afrikaner", welche Bezeich- nung ihnen gleichfalls vermeintlich allein gebürt; im Notsalle gestehen sie allerdings auch zu, daß sie„zuidafrikanische Boeren", d. h. jüd- afrikanische Bauern, sind, als welche sie sich vollauf berechtigt meinen zur Verachtung der rings um sie her wonenden„Schepjels", der schwarzen„Geschöpfe". Schon der Name„Boers" weist auf die hollän- dische Abstammung der Leute hin. In der Tat bestet ein erheblicher Teil ihrer Vorsaren aus den holländischen Einwanderern, welche die holländisch-ostindischc Handelskompagnie anfangs des 17. Jarhunderts au dem Kap der guten Hoffnung ansässig machte. Indessen haben sich die Nachkommen jeuer Holländer mir deutschen, englischen, dänischen, norwegischen Ansiedler», und selbst mit den Farbigen vielfach vermischt, dadurch ein Mischvolk gebildet, das ein besonders mit deutschen, sranzösi- scheu und englischen Worten und Redensarren reichlich gespicktes Platt- holländisch spricht und im allgemeinen eine Haulfarbe zeigt, welche trotz der Nähe des Aequarors an Weiße der unjrigen wenig nach- gibt. Sie sind ein körperlich tüchtiger Menschenschlag, diese Boers, v/« bis nahe an 2 Meter hoch gewachsen, stark in Gliedern und breit in Brust und Schultern. Die geistige Entwicklung ist jedoch weit hinter der körperlichen zurückgeblieben; sie sind ungebildet, zum Teil bis zur vollendeten Roheit, und an Aberglauben nemen sie es mir ihren belschuanischen Nachbarn und allen geistig beschränkten Menschen der Welt aus. Dabei bewären sie alle die Tugenden, welche liesstehenden Völkerschaften eigen zu sein pflegen. Sie sind einfach und erlich, ob- wol hin und wieder kleine Diebstäle vorkommen, gurmütig, gastfrei, ausdauernd, zähe und natürlich auch fromm. Der Grundzug ihres Wesens ist ein gewaltiges Phlegma, das bei den von harrer Arbeit nicht allzusehr in Anspruch genommenen Weibern die Fettbildung in einer Weise fördert, welche die onehin sehr bescheidene Körperschönheit arg beeinträchtigt. Noch die meiste Bildung haben sich diejenigen Boers zu eigen gemacht, welche als Weinbauern zu lebhastem Verkehr mit der Kapstadt gezwungen sind. Auch die Getreide bauenden„Kornboers" sind von der Kultur beleckt; die hauptsächlich Vieh züchtenden Boers, d. i. der weitaus größte Teil des Volkes, ist trotz der vielverbreiteren Fertigkeit des Lesens und Schreibens haarsträubend bildungslos. Städte und Dörfer haben die Boers nur wenig angelegt, am liebsten lebt jede Familie sür sich auf ihrer von anderen menschlichen Wohnungen fernen Farm. Eine solche, etwa WCK) Morgen Land umfassend, muß ein jeder Boer besitzen, wenn er von seinen Stammesgenossen geachrel werden will. Wer ein„bywoner" ist, d. h. auf fremden Mannes Boden lvont, ist als ein armer Teufel schlecht angesehen. Nur ein geringer Teil der Farm wird mit Getreide oder Feldfrüchten bebaut, das üorige bildet die Weide fiir das Vieh. Die Boers wouen in dickwandigen Lehmhütten, die mit trockenem Grase gedeckt sind. Die Stelle der Fenster vertreten Luken, welche geschlossen werden, wenn der Boer mit seiner Familie schlafen geht, was sehr früh geschieht. Sie schlafen immer in voller Kleidung, die nie gewechselt wird. Frühzeitig erheben sie sich auch wieder von ihrem Lager; an irgend eine Art der Reinigung denken sie aber nicht; von dem Schmutze, der bei ihnen herrscht, kann man sich daher kaum eine zu schlimme Vorstellung machen. Mit den Betschuanen haben sie die in ausgelöstem Kuhdünger bestehende Tünche gemein, mit der sie den Lehmsußboden ihrer Behausung bestreichen. Die innern und äußern Hütrenwände sind weiß gestrichen. An Möbeln findet sich bei ihnen weder Ucberfluß noch Luxus: ein oder zwei Tische nebst einigen wenigen Stülen init Sitzen aus Tierfellstreifen und eine große Sitz- dank, schließlich noch an den Wänden ein paar Bretter, auf denen Bibel, Gesangbücher, Katechismus und verschiedenerlei Hausmedizinen stehen, machen das ganze Mobiliar aus. Von irgend welcher gewerb- lichen Tätigkeit hält der Boer gar nichts, daher werden alle Kleidungs- stoffe, fammt den, allerdings wenig_tnaniiichsaltigen Gegenständen seines Waarenbedarfs, eingefürt. Ter Schnitt ihrer Kleidung ist dem europäischen ziemlich änlich. Als Kopfbedeckung tragen die Männer Hüte nnt breiten Krämpen, die Weiber tragen Kattunröcke und die so- genannten Helgoländer Hüte. Das christliche Bekenntniß der Boers ist das evangelische und zumeist das der niederdeutsch-reformirttn Gemeinde. Bei den strengen Calvinisten unter ihnen kleiden sich die Frauen gelb. Die Boers nären sich gut, größtenteils essen sie dreimal am Tage warm und Fleisch. Ihr Leib- und Magengetränk ist der Kaffee.— Die freundliche» Leser sehen, daß das sonderbare Völkchen am Kap der guten Hoffnung, wenn auch im ganzen von uns sehr verschieden, doch mit vielen, sogar dem zarten Geschlecht zugehörigen Kulturmenschen wenig- stens eine Lieblingsneigung gemein hat. C. Eh. Selbsttötung durch Politur-Trunksucht. Es wird nicht allen unsern Lesern bekannt sein, daß zu den spirituösen Flüssigkeilen, welche Gegenstand der Trunksucht sind, auch die meist aus einer Spiritus- schelllacklösung bestehende Politur gehört, die von unsern Tischlern beständig gebraucht wird. Indessen ist das in Fachkreisen zur genüge bekannt, und um nicht die Politurlösung, wenigstens in nicht zu großen Mengen, ihrem eigentlichen Berufe entfremden zu lassen, vertrauen manche Tischlermeister solchen Leuten, die wegen ihrer Trinkerleiden- schaft verdächtig sind, immer nur kleinere Quanlitälen dieses sonder- baren Genußmittels an. Wie nun vor kurzem der Prosektor des städtischen Krankenhauses in Berlin, vr. C. Friedländer, in der berliner medizinischen Gesellschaft berichtet hat, ist in dem obengenannten In- stitute ein Mann, seines Zeichens Tischler, nach achttägigem Kranken- lagers und erfolgloser Behandlung mit Abfürmitteln und Eingießungen an Darmverstopsung(Ileus) gestorben, der ein Politursäuser gewesen ist. Bei der Untersuchung des Toten stellte sich heraus, daß ein fester Körper in dem Dünndarm eingeklemt war, der ihn völlig füllte und absperrte. Diesem Konkrement leisteten noch eine ganze Menge andrer Steine in den Dännen des Verstorbenen Gesellschaft— Steine, die zusammen nahezu zwei Pfund schwer waren und von denen einige gänseeigroß und alle bräunlich gefärbt und nicht leicht zu zerbrechen waren. Diese Konkremente zeigten sich nun als aus Schelllack be- stehend, und diese Massen sesten Schelllacks, welche den vorzeitigen Tod des betreffenden Tischlers herbcigesürt haben, hallen sich aus der Spiritus-Schelllacklösung, die der Mann zu trinken pflegte, im Magen niedergeschlagen, indem der Spiritus dort resorbirt worden war.— Somit hat sich der Politurtrunk als gefärlicher herausgestellt, als jede andre Art, die Trinkerleidenschaft zu befriedigen. Xz >?K.edaklionskorresponden). Magdeburg. Junger»ausmann. Sie machen Gedichte über jedes beliebige Tema, und zwar io vortrenlich, dab Sie uns prophezeien, wir würden garnicht daran denlen, Ihre Poßme zurückzuweisen. Recht crireulich! Leider sügen Sie in einer sehr anerlennenswencu Anwandlung von Selbüerlenntnis und Bescheidenheit hinzu:„Blos die Ideen seien mir manchmall Also bitte: schreiben Sie mir, was ich Ihnen dichten soll, und Sie solle» umgehen d