Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Die 3i Roman von Fritz Ivar in seiner eisersüchtigen Erbitterung hierher geeilt; er wollte fort, nichts sollte ihn zurückhalten, und doch wäre er so gern geblieben, er wollte Minna seinen ganzen Groll empfinden lassen, und doch lechzte er nach einem Lächeln, nach einem freund- lichen Blick von ihr. Er suchte seinen Rock und fand ihn. Schon hatte er ihn umgenommen, da öffnete sich die Tür und Minna trat herein. Er vermochte einen Ausruf froher Genugtuung nicht zu unterdrücken. Richtsdestoweniger sezte er einen Hut auf, der ihm grade zunächst lag, es war nicht der seine, und sagte in einem schweren, ungemein düstern Ton:„Lebe wol!" Sie sah ihn verwundert an, die kleinen schelmischen Grübchen wurden in den Wangen sichtbar.„Du gehst fort?" fragte sie gedehnt. „Ja," antwortete er kurz,„ich kann das Girren dieses faden Gecken nicht länger niit ansehen, es ist mir zum Ekel." „Willst du mich nicht mitnemen, Fritz?" Sie sagte es so sanft Er fülte, wie all' sein Groll dahin schmolz, aber er meinte, allzuschnell dürfe er sich doch nicht versönt zeigen. „O," sagte er mit einem knappen, rauhen Lachen,„dich scheint es ja höchlich zu amüsircn, dir scheint das Hofmachen zu schnieicheln, du findest wol Gefallen daran?" „Und aus was schließest du das?" fragte sie ebenso ruhig, ebenso so sanft. „Weil du sonst seine Galanterie nicht angehört hättest und weil du nicht an seiner Seite geblieben wärst, wärend der ganzen langen Zeit, in welcher ich niit Elvira tanzen mußte." ..»Du hast mich selbst mit dem Herrn bekannt gemacht, warum sollte lch nicht mit ihm sprechen? Er ist ja auch sehr angenehm." Fritz riß mit Heftigkeit an den Krämpen des Huts, den er sich fest über die Oren zog, und machte dann eine Bewegung, als wollte er gegen die Tür stürzen. Sie hielt ihn an der Hand zurück.„Fritz!" rief sie halb bittend, halb lachend. Er wante sich unmutig ihr zu.„Lache nicht, nein, du sollst nicht lachen." Sein Ton wurde heftiger.„Es ist kein Grund dazu und es könnte mich rasend machen!" Sie ward plötzlich ernst und sah ihm mit großen Augen voll ins Gesicht. „Soll ich es ernst nemen, Fritz? Es wäre eine Beleidigung für dich und mich. Soll ich ernstlich daran glauben, daß dii mich verdächtigst? Weil ein Mann mich angelächelt hat, sollte das meine Liebe zu dir erschüttern können, oder wolltest du mir in grundloser, eifersüchtiger Laune nur wehe tun? Nein, ich M. KautsK».(2«. Fortsetzung.) will's nicht glauben, ich habe eine bessere Meinung von dir und du mußt eine bessere von mir haben, und darum bleibst du auch hier, nicht war?" Ihre Stimme gewann wieder all' ihre sonstige Frölichkeit.„Und jezt sollst du mir's auch gestehen, daß du nur fortgestürmt bist, um mich dir nach und hierher zu locken, gelt, du Schlechter? Und jezt mach schnell ein freundliches Gesicht, weil dir's doch so gut gelungen ist, und vor allem gibst du den abscheulichen Hut herunter, der einem noch viel, viel größeren Dickkopf gehören muß, als du einer bist." Sie hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und lachend, voll herziger Bcrtranlichkeit, nam sie ihm den Hut herunter und warf ihn auf den nächsten Sessel. Er versuchte eine Einwendung; sie hielt ihm den Mund zu.„Pst," machte sie,„du mußt hübsch brav sein, und daß du's nur weißt, du gehörst mir, und darum darfst du nicht so eigcnmächttg handeln, ich erlaube das nicht, wenn du aber fortgehen willst, Fritz, dann, dann gehen wir zu- sammen, denn wir gehören zusammen." Fritz umschloß sie voll aufjubelnden Entzückens mit seinen Armen.„Minna, Mietz!" rief er. Dann sagte er nichts mer, denn ihre Lippen drückten sich fest, voll heißer Innigkeit aufeinander. Plötzlich füren sie in die Höhe. Schritte näherten sich der Tür, jezt drückte jemand auf das Schloß. Instinktiv hatten sie sich an den Händen gefaßt, und sie sprangen nun zurück, den Kleider- ständern entgegen, und waren im nächsten Augenblick hinter den dicht aneinanderhängenden Mänteln verschwunden. Die Tür ging auf, Marie trat herein. Sie tat einige Schritte, blieb stehen und sah spähend um sich, es war ihr vorgekommen, als hätte sie ein Flüstern gehört, aber sie sah nichts und vernain nichts, als das laute Rauschen des Flusses. Sie glaubte, sich getäuscht zu haben. Dann ging sie ans den linksseitigen Ständer zu. Ganz in der Ecke hingen einige lichte Damenüberwürfe; Elvira hatte auch den ihrigen hier abgelegt; sie suchte und ver- mochte ihn nicht zu finden. Minna dachte daran, hervorzutreten, der Diskretion Mariens ivar sie sicher; leise wispernd teilte sie Fritz ihren Entschluß mit, schon wollte sie ihn ausfüren, als ein Druck seiner Hand sie zurückhielt; gleichzeitig vernam sie ein abermaliges Oeffnen der Tür. Wieder war jemand hereingctreten. Es war ihr Bruder. Wollte er schon fort? Fritz bedeutete ihr, sich stille zu verhalten. Alfred kannte ja Marie kaum, so dachte sie,— was konnten sie sich zu sagen haben? Sie würden das Zimmer wol alsbald wieder verlassen. I 19- �Wfiriirtr läai Ii Es kam freilich anders, als sie erwartet hatten. Auch Marie > hatte sich, als die Tür ging, rasch umgedreht. „Herr Depanti," rief sie leise, freudig und doch nicht one Zagen, es war das erstemal, daß sie allein ihm gegenüberstand. Er kam rasch auf sie zu. Unwillkürlich vor ihm zurückweichend, drängte sie sich in die dunkle Ecke. „Marie," sagte er mit jener tiefen, weichen Modulation der Stimme, die eine niedergehaltene innere Bewegung anen läßt und so berückend auf ein Frauenherz wirkt,„warum entziehen Sie Sich mir? Sie fürchten Sich doch nicht, mir nahe zu sein?" Sic antwortete nicht, er hörte nur ihren raschen, fliegenden Atem. „Marie," wiederholte er, und er legte sein ganzes Herz in das kleine Wort,„wir müssen Abschied nemen." Ein leiser, bebender Seufzer drang über ihre Lippen. „Wie gerne blieb ich noch," für er fort,„aber ich muß nach der Residenz zurück, und so reise ich heute noch— jezt." „Jezt," rief sie erschreckt,„jezt schon?" „Bedauern Sic es, Marie?" Eine Pause entstand, er schien eine Antwort zu erwarten. Sie versuchte zu sprechen, ganz leise nur, wie ein Hauch kam es aus ihrem Munde: „Und fülen Sie Sich nicht mer traurig und krank,— fülen Sie Sich besser,— und wenn Sie jezt zurückkehren- werden die alten Schmerzen nicht wieder erstehen?" „Nein, Marie," sagte er voll männlichen Ernstes,„ich bin geheilt, die alten Schmerzen sind vorüber,— ich träume von einer neuen Zukunft, von einem schöner» Glück." Er beugte sich über sie herab, als Ivollte er in ihren Zügen lesen, aber ihre Augen blieben gesenkt und es war so dunkel. Plötzlich hatte er ihre Hand erfaßt, und als könnte ihm das Sehen Gewißheit bringen, zog er sie mit sanfter Gewalt an dem Garderobeständer vorüber, dem Fenster zu. Das helle Mondlicht umfing mit seinem milden Glanz die schlanke, in Weiß gekleidete Gestalt des Mädchens. Er umfaßte sie mit einem Blick und sah dann zärtlich forschend ihr ins Angesicht. Ein tiefes Erröten lag auf ihren Wangen und wie Tau glänzte es in den Wimpern und in den lieben, feuchten Augen. Sie weinten, diese Augen, indes die roten frischen Lippen ein Lächeln zeigten, und oh, ein so glückliches! Ein jungfräulicher, unsäglicher Liebreiz sprach sich hier aus, der ganze Zauber erster Liebe war über sie ausgegossen. Alfreds Herz erbebte vor Wonne, indes seine Augen gierig, trunken an dem Mädchen hingen; so rürend schön war ihm noch keine erschienen und noch niemals hatte er sich so bewegt gefült; ward ihm hier doch zum erstenmal die für ein Menschcnherz so über alles beseligende Gewißheit, daß er geliebt sei. Er legte die Hand um ihren Leib. „Marie, du liebst mich?" fragte er leise. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht. Er zog sie an seine Brust. „Antworte mir, liebst du mich wirklich, oder hätte ich mich abermals einer Täuschung hingegeben?" Heiß und drängender ward sein Ton. „Nein, nein, nein!" rief sie in inniger, überwallender Zärtlich- keit, und dann lag sie schluchzend an seinem Halse, und unter Tränen flüsterte sic's ihm zu:„Ich liebe Sie— so unendlich!" Er beugte sich zu ihr herab, sein Mund suchte in glückseligem Berlaugen den ihrigen. Marie gab und empfing den ersten Kuß der Liebe. Minna und Fritz war es indes in ihrem Verstecke schwül geworden. Anfänglich, als die zwei von ihnen ziemlich entfernt in der äußersten, entgcgeugesezten Ecke standen, und zivischen ihnen nur kurze, leise Worte fielen, konnten sie sie weder hören noch sehen, sie konnten die Situation nicht recht begreifen. Das Mondlicht erst enthüllte auch ihnen das Geheimniß dieser Liebe. Unfreiwillig waren sie zu Mitwissern geworden. Sie konnten jezt nicht mer hervortreten, wollten sie nicht Mariens und Alfreds Gesüle aus das tieffte verletzen, und doch wäre Minna den beiden am liebsten uni den Hals gefallen und hätte ihr eigenes Ent- zücken zu dem ihrigen legen mögen. „Wenn wir uns nur fortschleichen könnten, one daß sie's merkten," flüsterte Fritz seinem Mädchen zu. Minna machte eine bezeichnende Bewegung mit dem Finger: „Durch diese Tür vielleicht," erwiderte sie ebenso unhörbar, ganz an sein Or geschmiegt. Die bezeichnete Tür fürte nämlich in das zweite Gemach des Wirtes, welches, wie alle Gelasse dieses Stockwerks, einen Aus- gang nach dem Korridor hatte. „Unmöglich," gab Fritz zurück. In der Tat, diese Tür be- fand sich in dem vom Mondlicht etwas erleuchteten Teil des Gemaches, und ein Hervortreten aus ihrem Versteck hätten die am Fenster höchst warscheinlich sogleich bemerkt.„Viel eher könnten wir jezt hier hinaus entwischen." Fritz zeigte nach der II;[ Eingangstür. Zugleich trat er mit einem Fuß aus seinem Versteck heraus, aber im nächsten Augenblick hatte er ihn wieder zurück- gezogen. Die Eingangstür wurde niit Heftigkeit aufgestoßen und das rote Atlaskleid rauschte über die Schwelle. Der Bürgermeister folgte so rasch, als es die Schleppe nur gestattete. Er� pustete stark und sein großes, fettes Gesicht glänzte in reichlichem Schweiß, warscheinlich in dem bisher vergeblichen Bemühen, die zornig empörte Dame wieder zu versönen. Die schöne Rote schien wirk- lich sehr aufgeregt. Sie warf den Fächer auf den Spiegelttsch, und sich mit dem Fuße die Schleppe zuschleudernd, erfaßte sie dieselbe, um sie mit einer Nadel hinauszustecken. Der Gemal näherte sich ihr ein wenig, in der guten Absicht, ihr dabei be- hülflich zu sein. „Ich danke dir," sagte sie barsch und abwehrend,„ich bedarf deiner nicht, ich möchte dich überhaupt bitten, mir aus den Augen zu gehen." Er stampfte ärgerlich mit seinen wuchtigen Füßen den Boden. „Ich muß dich doch nachhause bringen, da du hier aus Eigensinn nicht länger bleiben willst." „Ich werde allein nachhause gehen," sagte sie,„ja, ich will allein gehen, und ich verbiete es dir, mich zu begleiten." Sie warf ihm einen funkelnden, drohenden Blick zu. Er wendete sich um mit einem trotzigen Brummen.„Meinet- wegen, meinetwegen, wenn du durchaus einen Skandal haben willst. Er wollte gegen die Tür, aber jezt eilte sie ihm nach, und voll Enipörung sich ihm entgegenstellend, rief sie, indem sie ihrer fetten Stimme einen Anstrich verlezter Würde zu geben versuchte: „Was— ich? Ich will einen Skandal? Und das wagst du mir zu sagen, Ungeheuer, nachdem mir deine ganze skandalöse Auffürung bekannt geworden ist?!" Sie riß die Tanzordnung, dieselbe, die ihr Herr Germanek überbracht und, von ihr befragt, ihr auch verraten hatte, von wem er sie erhalten, aus dem Giirtel und hielt sie ihm, gleichsam als Corpus delicti, entgegen.„Ich weiß alles!" „Nun, was weißt du denn? Du weißt, daß ich auf diesem Ball gewesen bin, das ist auch was." „Aber heimlich bist du dort gewesen, hinter nieinem Rücken, hinter nieinem anungslosen Rücken, Heuchler! Mich hattest du von diesem Balle zurückgehalten, mir wolltest du nicht gestatten, daß ich ihn besuche. ,Jch gehe ja auch nicht/ sagtest du mir,.fällt mir garnicht ein/ und indes, indes ich schlafe, machst du dich heim- lich auf, gehst auf den Ball und bleibst bis zum Kehraus." „Schrei nur nicht so." „Ei was, was du getan hast, das ist wol für niemand ein Geheimniß geblieben, als für mich. O, wie müssen Sie über meine Leichtgläubigkeit gespottet haben, wie werden sie die be- trogeue Gattin verlacht haben! Mir gegenüber kennst du keine Rücksichten, mich hast du heute nicht einmal in den Tanzsal ge- leitet, die vielen Frauenzimmer seien dir zuwider, hast du mir weißgcmacht, und du magst den Tanz nicht, hahaha, aber wenn ich nicht dabei bin, da sind sie dir nicht zuwider und da tanzest du bis zum frühen Morgen." „Das ist nicht war." „Du willst noch leugnen, Bösewicht? Aber hier ist der Beweis." Wieder hielt sie ihm die Tanzorduung entgegen.„Die erste Seite ist leer, ich bemerkte es nicht gleich, aber als ich umblättere, auf der zweiten Seite, nach der Ruhe, finde ich alle Tänze angestrichen, von deiner Hand, und die Namen der Tänzerinnen sind beigesezt, natürlich, damit du sie nicht vergessen sollst." „Aber ich weiß nichts davon," rief der jezt ernstlich beunruhigte Gatte;„ich versichere dich, Annita, ich kann mich garnicht mer darauf erinnern, und wenn ich's getan habe, muß es in einem Zustand gewesen sein, der nicht— der nicht ganz—" „Das ist mir alles eins, aber ich werde mich rächen! Und jezt will ich fort, und allein." Sie stürzte auf den Kleiderrechen zu; grade an der Stelle, wo Minna stand, hing ihr Pelz. Da hörte man von außen sich nähernde Schritte und die lauten Stimmen verschiedener Personen, warscheinlich wollten sie herein, um nachzusehen, was es denn hier gebe. Für unsere Liebespare wurde die Situation immer kritischer, im nächsten Augenblicke 247 konnte das Zimmer voll Leute und sie entdeckt sein, auch der Bürgermeister fürchtete dies Hereindrängen. „Du wirst bleiben und ruhig sein," herrschte er mit unter- drückter Stimme seiner Frau zu,„ich will keinen Skandal." Er stürzte gleichfalls den Kleiderständern entgegen, er wollte seine Frau hindern, den Pelz herunterzunemen. Aber sie hatte ihn schon erwischt und sie riß mit Heftigkeit daran. Fritz sersah die günstige Gelegenheit, er gab dem Ständer einen leichten Stoß, der neigte sich init seiner schweren Last nach vorne, stürzte, und in der nächsten Sekunde war das streitende Ehepar, einen Auf- schrei ausstoßend, unter einem Wust über sie herfallender Kleidungs- stücke begraben.— Alfred, der Marie in seinen Armen gehalten und mit ihr still und bewegungslos dem Ende dieses Auftrittes entgegengesehen, fülte sich plötzlich an der Hand erfaßt, Fritz stand vor ihm, Minna ergriff Marie, und ehe sich beide noch von dem Vorfalle Rechenschaft geben konnten, waren sie fortgerissen und befanden sich in dem anstoßenden Zimmer; sie hörten noch das Eindringen der Ballgäste, das Rufen und Schreien, dann ent- wischten sie nach dem Korridor, der voll Menschen� war und wohin alles aus dem Sale drängte. Man stürmte soeben das Garderobezimmcr. Unter dem Pöle-mele von Mänteln, Röcken und Ueberziehern ächzte und stöhnte es, hob und senkte sich's wellengleich. Man nam die obersten Kleider hinweg, ein rotes Atlaskleid kam zum Vorschein.„Die Frau Bürgermeisterin!" rief man, und der Ruf ging in allen Tonarten und Ausdrucks- weisen von Mund zu Mund. Der Bürgermeister hatte sich schon selbst befteit, endlich war, nach manchen ungeschickten Augriffen, auch die Ausgrabung der üppigen Dame gelungen. Alles an ihr wogte vor Zorn, Scham und Wut. Sie machte mit ihren roten Armen einige verzwciflungausdrückende, ruderartige Be- wegungen und fand hierauf, daß es das Vernünftigste sei, in Onmacht zu fallen. Zehnte» Kopitet. Wir befinden uns in dem gemeinschaftlichen Schlafgemache von Marie und Elvira. Sie sind von dem Ball zurückgekehrt. Noch dämmert es kaum, sie haben dennoch kein Licht angezündet. Rasch und be- hende haben sie den verknitterten Putz von sich geworfen, und sich hierauf völlig entkleidet. Marie saß jezt ani Rande ihres Bettes, nur in etwas von ihrer roten Decke umhüllt, unter der die herabhängenden Füßchen hervorguckten, Elvira auf einem Niedern Schemel, den Rücken dem Fenster zugewendet, vor ihr. Ter sichelförmige, tiefstehende Mond blickte neugierig durch das- selbe herein, und hob mit keckem Fürlvitz das blendende Linnen und die weißen Schultern der Mädchen aus dem sie umgebenden Dunkel. Elvira legte ihren hübschen Kopf ermüdet auf die Knie der Schwester, sie sollte ihr die Blumen aus den verwirrten Haaren lösen. Marie tat dies mit liebevoller Vorsicht. Die Mädchen plauderten. „Und er hat dir also seine Liebe gestanden?" ftagte Elvira. Marie nickte mit einem glücklich verschämten Lächeln.„Mer, er hat mich davon überzeugt." „Und er hat dir Versprechungen gemacht, ernste, bindende für die Zukunft?" forschte Elvira iveiter. Marie sah etwas erstaunt.„Er liebt mich," sagte sie leise und mit einem Ton, als ob diese Gewißheit alles, alles ent- hielte, was das Herz eines Mädchens verlangen kann. „Und du liebst ihn wieder?" Marie beugte sich über die Schwester.„Ach, ich bin so glück- lich, so— mau kann das nicht so sagen, es liegt zu tief." Elvira richtete sich etwas in die Höhe. Sie stützte die Ell- bogen auf ihre Knie und den Kopf in die Hände; mit einem for- schenden Blick suchten ihre tiefe» Augen denen der Schwester zu begegnen.„Und glaubst du, daß ein solches Empfinden auch Dauer hat, daß es nicht wie ein Rausch ist, der versliegt?" Mariens sanftes Gesicht überflog ein Schatten von Trauer. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube, wenn ich ihn nicht mer lieben könnte oder dürste, dann möchte ich sterben." Das klang so einfach und doch so überzeugend. Elvira, unbeweglich, starrte die Schwester an, ihr war's, als sei ihr da plötzlich etwas offenbart worden, von dem sie bisher noch keine Anung hatte. Ja, es muß etwas Schönes, Mächtiges sein, so dachte sie, um die Liebe, um die geteilte, erwiderte Liebe; wo jedes Gefül des eigenen Herzens, in dem des andern ein Echo findet, wo kein Zweifel sich mer erhebt, alles zu einander strebt und sich findet in geheimnißvollcr Harmonie.„Ja, das muß schön sein," flüsterte sie dann, gleichsam im lauten Nachsatz zu ihren Gedanken. Marie schlang zärtlich liebkosend den Arm um ihren Hals. „Du wirst es auch kennen lernen, Elvira, auch für dich wird diese schöne, selige Zeit kommen, auch du wirst glücklich sein." Elvira senkte den Kopf, das dunkle gelöste Haar fiel tief her- unter und überschattete ihre Züge.„Wer weiß," sagte sie leise, „solches Glück mag selten genug sein, und könnt mir's im Gegen- satze nicht beschieden sein, daß ich liebe und nicht verstanden würde? daß der Gegenstand meiner Neigung kalt und unem- pfindlich an mir vorüberget, weil er sein Herz schon an eine an- dere dahingegeben?" Marie drückte die Schwester noch inniger an ihre Brust.„O, das wird nicht der Fall sein, ein solches Unglück wird dich nicht treffen, Gott wird's verhüten." Elvira entzog sich ihr, und mit einer kräftigen Geberde sich empor richtend und ihr Haar zurückwerfend, rief sie mit einem stolzen-Lächeln:„Nun, ich würde es auch ertragen, ich bin nicht so weich, Marie. Ich glaube, ich bin nicht für die Liebe gemacht; nein, ich kanns nicht denken, mich so ganz hinzugeben an einen andern, bis zum Aufgeben meines Willens, meiner eigenen Persönlichkeit; nein, nie, ich muß suchen auf eine andere Weise glücklich zu werden." Sie wollte aufspringen, aber Marie hielt sie schmeichelnd zurück. „Komm," bat sie,„es ist spät, wir wollen schlafen gehen." Zugleich zog sie die kleinen entblößten Füße unter die Decke. Elvira hüllte sie hierauf in diese Decke bis zur Brust ein. „Schlafe mein Kind," sagte sie mit einem fast mütterlichen Ton, „und träume von ihm."' Marie warf den Arni über ihre Augen und legte sich auf die Seite.„Ach ja, von ihm," flüsterte sie mit einem kleinen Wonneschauer,„von ihm, der jezt in die Nacht hinausfärt, und weiter, immer weiter sich von mir entfernt; Ivann werde ich ihn wiedersehen!" Sie vergrub ihr erglühendes Gesicht in die weißen Linnen. Elvira betrachtete einen Augenblick dies liebliche jungfräuliche Wesen, über das so plötzlich die Liebessensucht gekommen war, und damit ihrer Schönheit einen neuen wunderbaren Reiz an- fügte. Sie beugte sich zu ihr herab und küßte sie ans die Stirnc.„Gute Nacht, Marie." Diese umschlang ihren Hals mit beiden Armen und sie zu sich hcrniederziehend, küßte sie sie auf den Mund wiederholt und heftig.„Gute Nacht, gute Nacht, lebe wol!" flüsterte sie. Elvira lächelte und als Marie niit geschlossenen Augen und einem glückseligen Lächeln tvieder in die weißen Polster zurück sank, trat sie hinweg und ans Fenster. Der Mond senkte sich hinter den Dächern des schmalen Gäßchensjjemieder. Ein grauer Morgennebel erhob sich; auch vor ihrer Seele lag alles so grau, so nebelhaft. Lange, lange sah sie hinaus, träumerisch, sinnend. „Werde ich's erreichen, werde ich Ruhm erwerben und glücklich sein?" fragte sie sich. Dann streifte wieder ihr Blick die ruhig atmende Zchläferin.„Niemals so wie sie," sagte sie sich,„nie- mals, niemals!" Der erste Lichtstral des hereinbrechenden Tages erglänzte in den Tränen ihrer Augen.(Fortsezung folgt.) ZU Hessings hundertjnriger Todesfeier. tHterzu tu» Porträt SttfingS.) Alle Leser der„Neuen Welt", welche bei ihr schon länger europäischen Kulturbegriffen gebildete Menschheit im Geist heran- als einen ganzen Jargang hindurch in Treue ausgeharrt haben, tritt, um wemutsvoll den Zoll unerschütterlicher Verehrung und wissen Ausfürliches von dem Leben und Wirken des großen tiefster Dankbarkeit darauf niederzulegen. Toten, an dessen Grab am 15. Februar- 1881 die ganze nach Die ganze gebildete Menschheit— die Menschheit, in des : Wortes voller Bedeutung überhaupt, soweit sie von ihm weiß und ihn begreift— denn auch Lessing gehört ihr ganz mit jeder Faser seines warmen Herzens, mit jedem Akte seines mächtigen Wollens, mit jedem Werke seines großartigen Schaffens. Er war nicht nur einer der größten und besten Deutschen— er war schlecht- hin einer der allergrößten und edelsten Menschen, die je gelebt,— ein Geist, der in mancher seiner Leistungen von keinem andern Menschen— auch von dem größten nicht— erreicht worden ist. Die Leser der„Neuen Welt" mögen mir gestatten, zu der Feier dieses Gedenktages dadurch mein äußerst bescheidenes Scherflein beizutragen, daß ich kurz hindeute auf einen Punkt in Lessings Wirksamkeit, welcher Mittel- und Brennpunkt derselben gewesen, oder auch die unerschöpf- liche Quelle des- selben. Wie er nach War- heit rang und wie er ihr Wesen begriff, darin vor allem ist er Meister und Muster für alle Zeiten. In der 1778 ge- schriebenen Duplik sagt Lessing: „Ein Mann, der Untvarheit unter ent- gegengesczter Ueber- zeugung in guter Absicht ebenso scharf- sinnig als bescheiden durchzusezen sucht, ist unendlich mer wert, als ein Mann, der die beste, edelste War- heit aus Vorurteil mit Verschreiung sei- ner Gegner auf all- tägliche Weise vcr- teidigt.-— „Nicht die War- heit, in deren Besiz irgendein Mensch ist, oder zu sein ver- meint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewant hat, hinter die Warheit zu kommen, macht den Wert des Men- scheu. Denn nicht durch den Besitz, son- dern durch die Nach- forschung der War- heit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Bollkom- mcnheit bestet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz—. t. r. „Wenn Gott in seiner Rechten alle Warheit und m seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Warheit, obschon mit dem Zusätze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wäle! Ich fiele ihm in Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Warheit ist ja doch nur für dich allein!" Gewiß wird es viele geben, welche auf den ersten Blick und der landläufigen Anschauungsweise folgend, sich garnicht in das, ivas Lessing über die Warheit und das Streben nach ihr sagt, hineinzufinden vermögen. Ein Mann, der die Warheit, noch dazu die beste, edelste War- heit, verteidigt, soll unter Umständen viel weniger wert sein, als ein andrer, der etwas, was er zwar für war hält, das aber den- noch irrig ist, in gewisser Weise zur Anerkennung zu bringen sucht. Indessen ist das Verständnis für diese Behauptung Lessings wol nicht so schwer zu gewinnen. Wer etwas Wares aus„Vor- GaUhold Ephraim Ltsting, urteil" verficht, hat darüber nicht tiefer nachgedacht, er hat das Ware nicht mit eigener Mühe gefunden, er stieß darauf, wie— um ein triviales Bild zu gebrauchen— die blinde Henne auf das Korn, daß er in diesem beftimten Falle im Besize eines Granes Warheit ist, daran hat er kein Verdienst. Und auch auf diesem Gebiete gilt der Grundsaz: wie man etwas gewonnen, so gibt man es gemeinhin auch aus. Wer nicht mit saurem Gedanken- schweiß sich eine Erkentnis errungen, der schwäzt, wenn er seine Meinung verteidigt, leichtsinnig ins Zeug hin, siet geringschäzig auf die Leute herab, die andrer Meinung sind— ist es doch so leicht, zur richtigen Ansicht zu kommen, wie er glaubt. Dieser wird mit seiner Verteidigung von etwas Warem die schärfer denkenden und edler fülenden Gegner nicht überzeugen, sondern vor den Kopf stoßen, er wird die Warheit nur kompromittiren und im allgemeinen mer schaden als nüzen. Wie ganz anders der Mann, der seinen Irrtum„in guter Absicht ebenso beschei- den als scharssinnig" durchzusezen sucht! Er leistet sich selbst damit den größten Dienst, indem er, wie Lessing selbst hervorhebt, seine Kraft, zu forschen und durch eigene Denk- fähigkeit zu erkennen — nicht mit Hülfe eines glücklichen Zu- falls ein Stück War- heit vom Wege auf- zulesen— erweitert und stärkt. Dabei nüzt dieser Mann der Warheit, indem er auch andere zum Denken anregt und anreizt, statt sie da- von abzuschrecken. Und im ganzen und großen wird der leztere deni ersteren immer überlegen sein. Neben einer Warheit schwirren hundert und tausend Irrtümer in der geistigen Atmo- sphäre herum,— wer da gewont ist, one viel Besinnen den Mund aufzusperren, wenn es gilt, sich geistig zu nären, der wird und muß eher von Torheit gefüllt sein bis zum Ersticken, bevor vom Weine der Warheit auch nur wenige Tröpflein über seine Lippen gekommen sind. Aber Lessing ziel ja sogar das unausgesezte Irren dem Besiz alles dessen, was Warheit ist, vor.— Nun, grade dieser Teil der zitirten Aeußerung beweist, ivie tief Lessing das Wesen der Warheit erfaßte. Absolut war ist unsre Erkentnis von den Dingen ilur, wenn wir diese in ihrem ganzen Sein und in allen ihren Beziehungen, d. h. in und mit allein, Ivas da ist, erfassen.— Solch' ein Allesumsassen der menschlichen Erkentnis ist aber undenk bar,— das menschliche Wissen ist und kann nur bleiben ein Fort- schreiten vom weiter umfassenden, tieferen Nichtwissen zum minder umfassenden, minder tiefen, und grade in diesem Fortschreiten liegt alle Befriedigung, die der menschliche Geist zu empfinden fähig ist.' Lessing hat uns also auch niit diese-r Auffassung des Waren und der Forschung danach auf die rechte Ban gewiesen, ein Stück unbezalbarer Selbsterkentnis uns gelert. B. G. 250 Cattefius und KpinoM. Ihr Verhältnis nir modernen Weltanschauung. Bon Dr. Ärthur Wütverger.-(l- Forts.'zung.) „Das Wesen," sagt Cartesius,„welches eine solche Existenz hat, daß es keines anderen Wesens bedarf, nm zu existiren, nenne ich Substanz. Nur Gott aber ist ein solches Wesen, das durchaus keine anderen bedarf. Alle anderen Substanzen können nicht one den Beistand Gottes existiren. Das Wort Substanz hat daher eine andere Bedeutung, wenn von Gott, eine andere, wenn von den übrigen Wesen die Rede ist. Die körperliche Substanz und der Geist oder die denkende Substanz können beide unter der gemeinschaftlichen Bestimmung begriffen werden, daß sie Gottes Mitwirkung oder Beistand zur Existenz bedürfen. Allein aus der bloßen Existenz kann die Substanz nicht erkannt werden, denn die Existenz bestimmt nicht; leicht wird sie dagegen ans jedem ihrer Attribute erkannt. Jede Sub- stanz hat jedoch nur eine Haupteigenschaft, die ihr Wesen aus- macht und auf die alle anderen Eigenschaften oder Attribute zu- rückgefürt werden können. So konstituirt die Ausdehnung das Wesen der körperlichen Substanz, das Denken das Wesen der denkenden, alle übrigen Eigenschaften sind nur molli, bestimte Arten und Weisen des Denkens. Wir haben also zwei klare und deutliche Ideen oder Begriffe, den Begriff der erschaffenen, denkenden Substanz und den Begriff der körperlichen Substanz, vorausgesezt nämlich, daß wir alle Attribute des Denkens genau von den Attributen der Ausdehnung unterschieden. Ebenso haben wir auch eine klare und deutliche Idee von der unerschaffenen und unabhängigen denkenden Substanz, nämlich von Gott."— Diese Worte des Cartesius gewären einen außerordentlich tiefen Einblick in sein innerstes Denken. Er, der uns erklärt hat, daß zum Begriff der Materie einzig die Ausdehnung gehöre, daß also diese Ausdehnung das Wesen der Materie bilde, er faßt nun beide Momente unter dem Namen Substanzen zusammen. Er fült aber selbst im Innersten die Unvereinbarkeit, den Wider- spruch dieser Substanzen, die er begrifflich jede für sich erfaßt. Um diese Unvereinbarkeit aufzuheben, braucht er ein höheres, noch allgemeineres Prinzip— Gott. Dieser Gott ist bei ihm aber nur eine Borstellung, die er nicht entbehren kann, die er absolut braucht, um die tatsächlich unvermittelten Grund- anschauungen seiner Philosophie zu versönen. Dieser Gott ist also nicht blos eine Substanz, sondern schlechtweg die Substanz, d. h.„ein Wesen, welches eine solche Existenz hat, daß es keines anderen Wesens bedarf, um �n existiren". Wir stehen an der Schwelle zu Spinoza. Wol ist auch ihm der Geist eine Substanz, die Materie eine Substanz und jedes von beiden kann eben als Substanz für sich allein begriffen werden. Allein, was heißt das? Der Geist ist in Beziehung auf die Materie eine rein gegensäzliche, negative Bestimmung, eine bloße Negativ ität. Er faßt und erkennt sich, wie Carte- sius gezeigt, eben in seinem Gcgensaz zur Materie. Und wie ist es mit der Materie? Nicht anders als mit dem Geiste: sie ist das dem Geiste Entgegengeseztc, von ihm Zurückgestoßene, auch sie ist bloße Negation des Geistes, Negativität. Beide aber, Geist und Materie, erhalten ihre positive Bestimmung im Be- griff der Substanz. Für sich allein ist keins von beiden etwas, vielmer jedes nur die Negation des andern, aber im Begriff der Substanz finden sie sich, in ihm lösen sie sich auf, in ihm werde» sie gleichzeitig identisch. Die Abhängigkeit beider von Gott ist bei Cartesius eine schwankende, unsichere, bloo in der Borstellung seiende; tatsächlich sind sie ihm beide unabhängig, selbständig. Die Tätigkeit oder Einwirkung Gottes war nur eine Ursprung liche, weit, weit zurückliegende, keine unmittelbar bestimmende. Ein anderes ist die Substanz des Spinoza. Da Geist und Materie ihre positive Bestimthcit erst in der Substanz erhalten, so sind sie für sich nichts, bloße Abstraktionen, Negirnngen; was in ihnen vielmer ist, ist allein die Substanz. Die Substanz ist also das einzige, schlechthin positive, wirklich reelle, bestimte Sein; Geist und Materie sind nur Formen der Substanz, für sich allein hat keines von beiden Existenz. Die Substanz ist daher jenes allgemeinste, unendliche Wesen, ivelches bei Cartesius als Gott über den unvermittelten Gegensätzen schwebt; sie ist, mit einem Wort, Gott. Wirklichkeit, Existenz, objekttve War- haftigkeit hat daher nur die Substanz. Der Begriff der Sub- stanz kann aber nicht mer unterschieden werden vom Begriff Gottes. Keiner dieser beiden Begriffe hat mer eine besondere Existenz für sich, sie sind eins- die absolute, reine, all- einige Wirklichkeit. Die Substanz des Cartesius also,� dieses exoterische(draußen seiende) Wesen, wird durch Spinoza esoterisch (drinnen seiend), rückt in den Mittelpunkt des Alls, wird�mit ihm gleich und identisch. Die Einheit dieser spinozistischen Sub- stanz wird zum absolut reellen, unendlichen Wesen, das alle Wirklichkeit in sich faßt, wird das Wesen, dessen Existenz von seinem Wesen nicht unterschieden ist. Taraus folgt, daß die Substanz oder Gott keine von seinem Wesen unterschiedene, also persönliche Existenz haben kann; das absolut reale Wesen hat eine absolut reale Existenz. Es umfaßt die ganze Sphäre des Seins: sein Sein ist alles Sein und alles Sein sein Sein. (Feuerbach)— est omne esse et praeter quod nullum datur esse. Hören wir Spinoza selber:„Gott," sagt er,„existirt not- wendig. Deim Nichtexistirenkönnen ist ein Unvermögen, wie von sich selbst erhellt, dagegen Existirenkönnen ein Vermögen. Wenn daher das. was bereits notwendig existirt, nur endliche Wesen sind, so haben die endlichen Wesen mer Vermögen, mer Macht, als das absolut unendliche Wesen, was aber, wie durch sich selbst klar ist. ein Widerspruch ist. Also existirt entweder nichts oder das absolut unendliche Wesen existirt auch notwendig. Nun existiren aber wir, sei es nun in uns, oder in einem anderen, was notwendig existirt. Also existirt das absolut unendliche Wesen, d. i. Gott, notwendig."„Gottes Existenz und Wesen sind identisch; seine Existenz ist folglich nichts anderes als sein Wesen."„Außer Gott kann keine Substanz sein, noch gedacht werden. Hieraus folgt, daß die körperliche und die denkende Substanz zu Gott gehören. Das Denken ist also ein Attribut Gottes oder Gott ist ein denkendes Wesen. Ebenso ist aber auch die Ausdehnung ein Attribut Gottes oder Gott ist eiu ausge- dehntes Wesen." Ser schön erläutert nun Spinoza, wie die Erkenntnis des Denkens und der Ausdehnung als Attribute Gottes jeden Ge- danken eines„Erschaffenseins. Entstehens" überhaupt ausschließe. „Alle," sagt er,„die nur einigermaßen über das Wesen Gottes nachgedacht haben, behaupten, daß Gott nichts Körperliches oder kein Körper sei. Dies ist auch ganz richtig; denn unter einem Körper verstet man eine bestimmte Ausdehnmig von einer bc- stimmten und begrenzten Gestalt und diese kann natürlich nicht dem absolut unendlichen Wesen zukommen. Aber sie gehen noch weiter, sie sprechen selbst die körperliche Substanz Gott ab und nemen an, das; dieselbe erschaffen sei. Aus welchem Vermögen Gottes sie übrigens erschaffen werden konnte, wiffcn sie durchaus nicht und zeigen damit an, daß sie selbst nicht verstehen, Ivas sie sagen. Sic verneinen aber die körperliche Substanz von Gott aus diesen Gründen, nämlich, iveil sie aus Teilen zusaminenge- setzt, also endlich, weil sie teilbar, also passiv und folglich eine Gottes, als des unendlichen und absolut reellen Wesens unwür- dige Bestimmung sei. Allein die Anname, daß die körperliche Substanz, die doch nur unteilbar, einzig und unendlich gedacht werden kann, aus endlichen Teilen zusammengesetzt, vielfach und teilbar sei. ist eben ganz falsch und nicht weniger ungereimt, als die Anname, daß der Körper aus Oberflächen, die Oberflächen aus Linien, die Linien aus Punkten zusammengesetzt sind und kommt nur daher, daß wir auf doppelte Art die Ausdehnung auffassen. Die eine ist die oberflächliche und abstrakte, nämlich die der sinnlichen Borstellung, die andere die der Vernunft, die sie nicht abstrakt und oberflächlich, sondern allein als Substanz denkt. Wenn wir daher die Ouantität betrachten, wie sie in der sinnlichen Vorstellung ist, und diese Betrachtung ist uns die ge- läufigste, so finden wir sie endlich, teilbar und zusammengesetzt; betrachten imr sie aber, wie sie in der Vernunft ist, und fassen sie als Substanz, was übrigens ser schwer ist, so finden wir, daß pe unendlich, einzig und unteilbar ist.— Daß wird nun alle», � ,e"!en Unterschied zu machen wissen zwischen Borstellung oder Einbildung und Vernunft, hinlänglich klar sein, zumal, wenn sie erwägen, daß die Materie überall dieselbe ist und Teile in ihr nur unterschieden werden, imviefern wir sie auf verschiedene Weise bqttmmt denken, ihre Teile daher nicht mit ihrem wirklichen m r», sondern nur der Art und Weise nach, wie dieses Eine Wesen bestimmt ist(nicht der Materie, nur Form nach) unter- tchieden sind. Das Wasser z. B. als Wasser kann wol geteilt und ferne Teile können von einander abgesondert werden, aber i inwiefern es körperliche Substanz ist, kann es nicht geteilt und gesondert werden. So entstet und verget auch das Wasser als Wasser, aber als Substanz ist es unentstanden und unvergäng- lich. Die Ausdehnung oder Materie ist daher als Substanz not- wendig ein Attribut oder eine Bestimmung Gottes." Der Begriff der beiden Attribute und ihre Beziehung zur Substanz ist der Knotenpunkt der spinozistischen Philosophie. In ihm konzentrirt sich die grandiose Weltanschauung Spinoza's, hier liegt seine Stärke, aber auch, wie wir später sehen werden, seine Schwäche. Hören wir den Denker weiter:„Gottes Wesen ausdruckende Bestimmungen oder Attribute," sagt er,„sind also Denken und Ausdehnung, in denen alle Dinge begriffen sind. Alle besonderen Dinge sind daher nichts als Affektionen der Attribute Gottes oder Arten und Weisen, welche die Attribute Gottes auf eine bestimmte Weise ausdrücken." „Alles, was ist, ist in Gott und nichts kann one Gott sein, noch gedacht werden," „Aus Gott oder dem unendlichen Wesen ist Unendliches auf unendliche Weisen d. i. alles notwendig gefolgt, und folgt ivieder mit derselben Notwendigkeit aus ihm ebenso, wie aus der Natur des Dreiecks von Ewigkeit zu Ewigkeit folgt, daß seine drei Winkel zweien Rechten gleich sind. Bon Ewigkeit her war dix Allmacht Gottes tätig und wird bis in Ewigkeit in derselben Tätigkeit beharren." „Der Wille kann nicht eine fteie Ursache, sondern nur eine notwendige oder gezwungene genannt werden. Denn der Wille ist, wie der Verstand, nur eine bestimnite Art des Denkens und es kann daher, da alles Einzelne nur durch Einzelnes, alles Be- stimmte nur durch Bestimmtes bestimmt wird, kein Willensakt existiren oder zum Wirken bestimmt werden, wenn er nicht von einer anderen Ursache bestimmt wird, diese wieder von einer an- deren und so fort, bis ins Unendliche." „Gott handelt darum nicht aus Willensfreiheit, und der Wille gehört nicht zu ihm. Wille und Berstand verhalten sich nur so zum Wesen Gottes, wie Bewegung und Ruhe und über- Haupt alles, was aus der Nottvendigkeit der göttlichen Wesen- heit folgt." „Gott wirkt daher nicht aus Absicht, oder irgend eines Zweckes wegen; denn das ewige und unendliche Wesen, nämlich Gott oder die Natur wirtt aus derselben Notwendigkeit, aus der es ist. So notwendig nämlich, als seine Existenz aus seinem Wesen folgt, ebenso notwendig folgt auch sein Wirken aus ihm. Die Ursache daher oder der Grund, warum Gott wirkt und die Ur- fache oder der Grund, warum Gott existirt, ist einer und der- selbe. Wie er also keines Zweckes wegen existirt, so wirkt er auch keines Zweckes wegen, sondern wie seine Existenz, so hat auch sein Wirken keinen Zweck und Grund." „Die Zweckursachen sind überhaupt nur menschliche Erftn- düngen oder Erdichtungen, denn alles quillt aus der ewigen Notwendigkeit und höchsten Vollkommenheit der Natur hervor. Die Anname von Zwecken in der Natur kert daher die ganze Natur um. Denn das, was warhaft Ursache ist, macht sie zur Wirkung und umgekert, ferner, das, was der Natur nach früher ist, zum Späteren und endlich das, was das Höchste und Vollkommenste ist, zum Unvollkommensten. Denn die vortrefflichste Ursache ist die, welche von Gott unmittelbar hervorgebracht wird." „Die Dinge konnten auf keine andere Weise und in keiner anderen Ordnung von Gott hervorgebracht werden, als sie her- vorgebracht sind. Denn alle Dinge sind nottvendiq ans der Natur Gottes gefolgt." „In der Wirklichkeit gibt es nichts Zufälliges, sondern alles l,t von der Notwendigkeit des göttlichen Wesens bestirnt, aus eine gewiste Weise zu existiren und zu wirken." Mit der gleichen grandiosen Einfachheit und Klarheit spricht Spinoza zur Philosophie des Geistes:„Die Idee." sagt er.„ist der Begriff des Geistes, welchen der Geist deswegen, weil er ein denkendes Wesen ist, bildet." „Die Ideen der einzelnen Dinge müssen so in der unend- lichen Idee Gottes enthalten sein und begriffen werden, als das formale, wirkliche Wesen der einzelnen Dinge oder die einzelnen Dinge selbst in den Attributen Gottes enthalten sind." „Die Ordnung und der Zusammenhang der Ideen ist iden- tisch mit der Ordnung und dem Zusammenhang der Dinge. Hieraus folgt, daß das Denkvermögen Gottes seinem Vermögen, zu wirken, gleich ist, d. i. daß alles, was formaliter aus der unendlichen Natur Gottes folgt, auch objektiv in Gott aus der Idee Gottes: in derselben Ordnung und demselben Zusammen- hang folgt. Die denkende und die ausgedehnte Substanz ist nämlich eine und dieselbe Substanz, die jezt unter diesem, jczt unter jeneni Attribut betrachtet wird." „Geist und Körper sind also ein und dasselbe Individuum, welches jezt unter dem Attribut des Denkens, jezt unter dem Atttibut der Ausdehnung betrachtet wird, und ebenso ist die Idee des Geistes und der Geist selbst eine und dieselbe Sache, ein und dasselbe Wesen, welches unter einem und demselben Attribute, nämlich dem des Denkens, gedacht wird." „Die Menschen glauben freilich steif und fest, daß Ruhe und Bewegung und andere Handlungen des Körpers blos vom Willen des Geistes und dem Denkvermögen abhängen; aber sie wissen nicht und niemand hat noch gezeigt, was der Körper allein nach den Gesezen seiner Natur, inwiefern sie nur als körperliche betrachtet werden, alles zu tun und zu wirken vermag. Sie wollen sich dabei nur auf die Erfaruug stützen und es als eine Tatsache behaupten, daß der Körper träg wäre, wenn nicht der menschliche Geist zum Denken aufgelegt wäre und daß es ganz in der Gewalt des Geistes stehe z. B. ebensowol zu spre- che», als zu schweigen. Aber, was das Erste betrifft, lert uns denn nicht im Gegenteil die Erfarung, daß, wenn der Körper träg ist, zugleich auch der Geist nicht zum Denken aufgelegt ist? Denn, wenn der Körper im Schlafe ritt, so bleibt auch zugleich mit ihm der Geist in Untätigkeit und hat nicht die Fähigkeit, so, wie im Wachen, zu denken. Auch haben wol alle schon die Er- farung gemacht, daß die Fähigkeit zu denken, zu verschiedenen Zeiten auch verschieden ist und von der Disposittou und Fähig- keit des Geistes abhängt. Was aber das Zweite betrifft, so würde es warlich besser mit dem menschlichen Leben stehen, wenn das Schweigen ebenso in der Gewalt der Menschen stände, als das Reden. Leider wissen wir aber nur zu gut aus der Erfa- rung, daß die Menschen nichts weniger als ihre Begierden be- zämen können. Das Kind glaubt freilich, es begehre die Milch aus Freiheit, der zornige Knabe, er wolle die Rache, der Feige, er wolle die Flucht, der Betrunkene, er spreche aus freiem Geistes- cntschlusse, daS, was ihn nachher im nüchternen Zustand reut, gesagt zu haben. Das Kind, der Narr, der Schweiger und die meisten Menschen dieses Gelichters sind derselben Meinung, näm- lich, daß sie aus freiem Geistesentschlusse reden, wärend sie doch ihrem Drang zum Reden keinen Einhalt tun können. Ebenso deutlich als die Vernunft, lehrt daher die Erfarung, daß die Menschen nur deswegen glauben, sie seien frei, weil sie ihrer Handlungen zwar sich bewußt sind, aber nicht die Ursachen wissen, von denen sie bestimmt werden." „Das Wesen(oder die Freiheit) des Geistes bestet allein in der Erkenntnis." „Wir sind nur insofem frei oder tätig, als wir erkennen, denn nur die Erkenntnis folgt mit Nottvendigkeit aus dem Wesen unseres Geistes allein, sie kann nur aus den Gesezen der Natur des Geistes allein abgeleitet und erkannt werden." „Die wäre Metode der Erkenutniß ritt allein auf der Idee Gottes." „Jeder, der eine wäre Idee hat, weiß ja, daß die wäre Idee die höchste Gewißheit enthält; denn eine wäre Idee haben, heißt eben nichts anderes, als von einer Sache die beste und voll- kommenste Erkenntnis haben. Was gäbe es denn auch noch Klareres und Gewisseres, als die ivare Idee, so daß es die Norm der Warheit sein könnte? Warlich, wie das Licht sich selbst und die Finsternis offenbart, so gibt die Warheit sich selbst und ihr Gegenteil zu erkennen. Ueberdem bedenke man, daß der mensch- liche Geist, insofern er die Dinge warhaft betrachtet, ein Teil der unendlichen Vernunft Gottes ist." Was ist denn nun aber diese absolute, reine, alleinige Wirk- lichkeit Spinozas? Was ist sein alles bestimmender Gott, seine Substanz, die einzig warhafte Existenz hat, deren Existenz mit ihrem Wesen identisch ist? Was ist das für eine wunderbare Einheit, in welcher sogar die Gegensätze von Geist und Körper, Bewegung und Materie verschwinden, der gegenüber diese scheinbar wirklichsten Gegensäze zu bloßen Attributen, d. h. Formen, Eigenschaften heruntersinken? Es ist— selbst, wenns uns Spinoza nicht di- rckt gesagt hätte, könnte die Antwort nicht zweifelhaft sein— es ist die Natur.„Die Macht" sagt er,„wodurch die einzelnen Dinge und folglich der Mensch sein Sein erhält, ist selbst die Macht Gottes oder der Natur. Die Macht der Menschen ist da- her ein Teil der unendlichen Macht Gottes oder der Natur." Und ältlich spricht sich Spinoza an merfachen andern Stellen seiner Werke aus."(Schluß solgt.) 252-- Die Herrin von Dar-Dschun. Von Wand« v. Dnnajew*). Unmittelbar nach dem zweiten Sturze Napoleons begann die bonrbonische Monarchie ihre alten Jntriguen. Unter den politischen Agenten, die man in den Orient sante, damit sie dort unter der christlichen Bevölkerung agitirten, befand sich ein junger Fran- zose, namens Armand Lucnay, der Son einer alten, ehrwürdigen Familie. Die Regierung hatte ihn beauftragt, sein Augenmerk besonders auf den Libanon zu richten und dort die christlichen Maroniten für Frankreich zu gewinnen. Lucnay landete in Saida. Von hier aus begann er seine Tätigkeit. Um der furchtbaren Glut, die bei Tage herrschte, zu entgehen, zog er gewönlich die frischen, fast külen Nächte zu seinen Streifzügen vor. Mit wenigen Begleitern von einem Anfürer der Maroniten zu dem andern ziehend, kam er auf diese Weise einmal Nachts in ein herrliches, kleines, rings von großen Felsen- wänden eingeschlossenes Tal des Libanon. Es war eine wunder- bare, von süßen Düften durchwogte Mondnacht, deren fremd- artigem Zauber sich der junge Manu mit ganzer Seele hingab. In liebliche Träume versunken, bog er mit seinen Leuten aus dem mondhelleil Grasland in die dunklen Schatten eines Cedern- Waldes ein. Kaum hatten sie darin nur wenige Schritte gemacht, wurden sie von Drusen überfallen, und ehe sie sich noch zur Were sezen konnten, wurden sie von denselben zu Gefangenen gemacht. Armand Lucnay verfluchte seine und seiner Leute Sorglosig- keit, er wünschte sich lieber auf dem Grunde des Meeres, als in den Händen der Moslims zu sein, von denen er sich bereits auf den nächsten Markt geschleppt und als Sklave verkaust sah. Die Gefangenen mußten den Weg zurück, den sie gekommen waren. Als sie wieder in dem klaren Licht des Mondes dahinritten, sprengte plötzlich ein junger Türke auf feurigem Pferde heran. Armand erkannte an der reichen Kleidung desselben, daß er von vornemem Stande sein müsse, und rief ihn in seiner Mutter- spracke an. Der Türke brachte überrascht sein Pferd zum Stehen, und die Drusen namen sofort eine ehrerbiettge, ja demütige Hat- tung an. Lucnay schilderte ihm den Ueberfall und bat um seine Hülfe, und dieser antwortete ihm im reinsten, elegantesten Fran- zösisch, wie es damals nur die höchsten Kreise in Paris sprachen. Mit einer stolzen Handbewegung rief er den Anfürer der Drusen, Emir Beschy, zu sich. Armand verstand nicht, was er ihm sagte, aber der Ton seiner Worte klang befelend und verweisend. Der Emir neigte sein Haupt bis zur Erde und ließ sofort den Ge- fangcnen die Fesseln abnemen. Armand dankte dem Retter in warmen Worten, die dieser mit huldvollem Lächeln entgegennam. Das Auge des Franzosen hing wie gebannt an der von Reichtum und Schönheit stralen- den Erscheinung des jungen Türken. Wer konnte das sein? Die Frage beschäftigte ihn unaufhörlich. Der rätselhafte Fremde forschte nun, wohin er sich zu wenden gedenke und bot ihm, falls er für diese Nacht nichts mehr zu unternemen habe, seine Gast- fteundschaft an. So artig auch diese Einladung klang, so war doch das ganze Wesen des jungen Mannes von jener befelenden Weise, wie sie nur Königen und Herrschern eigen ist. Lucnay, dessen Neugierde auf das höchste gespannt war, nam das Ge- botene dankbar an. Sie ritten einen steilen Felsenpfad hinan und kamen nach etwa einer Stunde an eine hohe starke Mauer. Der Türke ließ ein kleines silbernes Horn, das auf seiner Schulter hing.�er- tönen, und wie mit einem Zauberschlage öffnete sich das Tor. Durch dasselbe kamen sie in einen Vorhof, der ein riesiges Felsen- schloß umgab, das mer einer Festung, als einem friedlichen Wohnsize glich. In dem Hofe lagerten neben kleinen Zelten weiße und schwarze Sklaven, die bei dem Anblicke ihres Herrn sich mit dem Gesichte zur Erde warfen. Der schöne Türke er- teilte mit lauter Stimme Befele, Armand verstand kein Wort, es war offenbar arabisch, aber er begriff es vollkommen, daß seine Untergebenen mit Blizesschnelle seinen Wünschen nach kamen, denn er selbst fülte sich niedrig und klein der dämonischen Gewalt dieses seltsamen Mannes gegenüber. „Ich hoffe, Sie werden gut schlafen," sagte der Türke, leicht vom Pferde springend und sich mit vornemem Anstand vor dem Franzosen verneigend,„ich habe bereits für Ihre und Ihrer Leute Unterkunft gesorgt." Lucnay dankte und folgte dem Wink eines Mannes, der ein Auffeher zu sein schien und der ihn samt seinem Gefolge in eines der Nebengebäude fürte, wo sie ein gutes und angenemes Nachtquartier fanden. Früh am nächsten Morgen, noch ehe die Hize das Verweilen im Freien unangenem machte, verließ Armand mit seinen Leuten das Schloß, um seinen durch das Abenteuer unterbrochenen Weg fortzusezen. Er konnte seinem gastfreundlichen Retter, den er zu so früher Stunde nicht zu stören wagte, nicht mehr danken, und ebenso hatte er vergebens versucht, durch die Dienerschaft des Schlosses zu erfaren, wer der Besizer desselben sei. Ein seltsames Geheimnis schien das schöne Felsenschloß zu umgeben. Lucnay sollte indes für diesmal den beabsichtigten Weg nicht machen. Kaum war die kleine Karawane einige Stunden geritten, als sie von einem reitenden Boten eingeholt wurde, der Armand eine Depesche überbrachte, die ihn sofort nach Saida zurückzukcren bestimmte. Dringende Geschäfte namen ihn dort durch einige Tage un- unterbrochen in Anspruch, so daß er nahe daran war, die Ein- ladung einer vornehmen griechischen Familie, deren Bekanntschaft er in Saida gemacht hatte, zu einer Soiree zu refusiren, wenn derselben nicht die lockenden Worte beigefügt gewesen wären: kommen Sie, Sie werden bei uns die interessanteste Frau des Jarhunderts kennen lernen. Der junge Diplomat arbeitete nun doppelt fleißig, um die wenigen Abendstunden für sein Vergnügen zu gewinnen, was ihm auch gelang. „Wer ist in Ihren Augen die interessanteste Frau des Jar- Hunderts?" war seine erste Frage, als er bei seinen Freunden einttat. „Lady Hefter Stanhope, die Königin von Palmyra," ant- worteten diese lächelnd. „Von welcher Lady Stanhope sprechen Sie?" ftagte der Franzose wieder. „Von welcher sonst, als von der Nichte des großen Pitt!" „Sie nannten Sie doch die Königin von Palmyra?" „Wissen Sie denn nicht, daß die Bewoner jener Gegend sie zu ihrer Königin ausgerufen haben?" Lucnay wußte es nicht. Er kannte wol den Ruf der Nichte des berühmten englischen Staatsmannes, als den der geistreichsten und schönsten Frau Englands, er wußte, daß sie zu Lebzeiten Pitts eine große Rolle gespielt hatte, daß sie die Vertraute ihres Onkels war, der sie in alle seine Pläne und llnternemungen ein- weite, daß sie init ihrem durchdringenden Verstände selbst dem apatischen Könige imponirt hatte, der sie seinen treucsten und besten Minister genannt, aber seit dem Tode Pitts wußte er nichts mer von Lady Hefter Stanhope. Er wußte nicht, daß sie den Orient bereist hatte, daß ihr Bioslims wie Christen überall Triumphe bereiteten, daß ihr Geist und ihre Schönheit meiere syrische Stämme bewog, sie zu ihrer Königin auszurufen und ihr wie einer solchen zu huldigen. Alles das und noch mer erzälte ihm die Hausfrau und reizte damit seine Neugier so ser, daß er die Ankunft der berühmten Engländerin kaum erwarten konnte. Man war noch mitten im Gespräch, als die Türe ausging und eine hochgewachsene Frau in kostbarer türkischer Kleidung, aber unverhttllten Hauptes, eintrat. Gang und Haltung der Dame ivaren von offenbar ungekünstelter Majestät, aber alles übersttalte ihr Gesicht, das von einer warhaft blendenden Schön- heit war. „Lady Hefter Stanhope," sprach die Hausfrau, die Fremde vorstellend. Armand Lucnay wagte nicht, ihr ins Gesicht zu lehen, es schien ihm wie ein Märchen ans Tausend und eine Nacht. Denn Lady Hefter und der schöne Türke, der ihn ge- rettet, waren eine und dieselbe Person. *) Dieser kleinen Erzälung der unter dem oben angegebenen Schriststellernamen schreibenden Frau von Sacher-Masoch liegt historische Warheit zugrunde; die Hernn von Dar-Dschun hat gelebt und ist in ihrer geschichtlich äußerst merkwürdigen Individualität von der geehrten Verfasserin sehr treffend gezeichnet.$ v 253 Die rätselhafte Frau selbst riß ihn aus seiner Verlegenheit, indem sie ungezwungen auf ihn zutrat und ihn an das inter- essante Abenteuer erinnerte. Schnell hatte sie ihn in ein Ge- sprach verwickelt, und war er früher geblendet von ihrer Schön- heit, so war er es jezt noch in weit höherem Maße von ihrem Geist, dem großen vorurteilsfteien Blick, mit dem sie Menschen und Verhältnisse beurteilte. Armand fülte sich fast beschämt dieser Frau gegenüber, die ihm berufen schien zu herrschen und die Geschicke ganzer Völker zu lenken. Der Zauber ihrer Er- scheinung hielt ihn gebannt, bis sie wieder aufbrach, um Abschied zu nemen. „Kommen Sie auf mein Schloß im Libanon und bleiben Sie einige Zeit bei mir," sagte sie ihm herzlich die Hand reichend, „wir wollen über Politik sprechen." Lucnay sagte zu, und sie ging, einen unauslöschlichen Eindruck in der Seele des jungen Mannes zurücklassend. Armand beeilte sich nun so ser er konnte, seine Arbeiten in Saida zu beenden und der Einladung Lady Hefters zu folgen. Eine Woche mußte er der Ungeduld Zügel anlegen, dann war er frei. Lady Hefter Stanhope enipfing ihn mit ausrichtiger Freude. „Ich bin ser dankbar, daß Sie kommen," sagte sie ihm die Hand reichend, die er ehrerbietig küßte,„manchmal wird es mir doch zu einsam hier und ich sehne mich nach Gesellschaft, nnd Sie kommen ja aus der großen Welt— aus Paris." Der Gast erhielt einen Flügel des Schlosses zu seiner Wo- nung und ein ganzes Duzend Sklaven zur Bedienung. Hefter hauste auf ihrem Felsenschloffe Dar-Dschun wie eine echte asia- tische Despotin, von ihren Untertanen ebenso geehrt als gefürchtet. Die Bevölkerung des Libanon hielt sie für eine„heilige Frau", für eine Seherin, die in den Sternen lesen und den Menschen und Völkern ihre Zukunft vorhersagen könne. Tatsache war, daß Hefter oft in sternenhellen Nächten auf einen der Türme des Schlosses stieg und dort den Gang der Gestirne beobachtete, bis sie im Morgengrau verschwanden. Auch liebte sie es, ihre Träume zu beobachten und zu deuten und sie wußte jedes wich- Zum hundertjärigen Geburtstage EhamiflVs. (gortsetzunz.) Es war ein alter Student der Medizin, der da am 17. Oktober 1812 aus der jungen Universität Berlin seinen Einzug hielt, nach- dem er bereits Offizier gewesen und zwei Jare vorher schon hatte Professor werden sollen.— Der im folgenden Jare ausbrechende Befreiungskrieg wider Napoleons Zwingherrschaft wurde für seinen schwer z» zügelnden Taten- und Freiheitsdrang wieder zu einer harten Prüfung. Er bewunderte zwar Napoleons Geistesgröße, aber er haßre glühend seinen Despotismus und hätte leidenschaftlich gern zu dessen Sturze beigetragen. Aber er hätte ja seinen Degen gegen Franzosen zücken müssen, und jede Kugel, die an seiner Seite aus des mit seinen Riesenpläne» scheiternden Welteroberers Truppen abgefeuert worden wäre, hätte sein edles Herz mit getroffen. Das erwägten die Freunde sorglicher, als er selbst, darum hinderten sie ihn an der Ausfürung seiner Absicht, als Freiwilliger an dem gewaltigen Kampfe teilzunemen. Daß es„aufteibend" für ihn war,„bei solcher waffen- freudigen Volksbewegung müßiger Zuschauer bleiben zu müssen", wird ihm niemand bezweifeln. Aber auch jener Spott und Hon, welcher sich über seine unterliegenden Landsleute und ihren Kaiser ergoß, der un- geheure, varteiblinde Haß gegen das Volk seiner Geburt, der ihn in Deutschland in wilden Wogen jarelang umbrandete, zerriß ihm das Herz. Seine damalige Gemütsstimniung kennzeichnet ani besten ein Brief, worin der Gründer der großen Buchhandlung von Perthes, Friedrich Cristoph Perthes im Jare 1813 an Fouque über ihn berichtete.„Ein wunderbarer uud wunderlicher Mann! Ich habe ihn sehr liebenswürdig, sehr geistreich und sehr verstandvoll gesunden. Aber höchst unglücklich ist der Mann: er hat kein Baterland! seine Natur gehört ganz seinem Mutterlande an und er kann davon sich nicht trennen, und kann doch auch nicht zu den Menschen gehören, die dort wachsen." Ein Glück war es für ihn, daß ihm die Familie Jhenplitz in jener peinvollcn Zeit ein Asyl bot in ihrem Landsitze Cunersdors, wo er in stiller Weltabge- schiedenheit die Muße zum Studiren und Schaffen wiederfand. Hier entstand ein kleines Werk, das zuerst seinen Namen weltberüml machen sollte:„Peter Schlemihl's wundersame Historie". Wer den Inhalt der Historie des„Peter Schlemihl" versteht, begreift den gewaltigen Erfolg, den sie in dem ersten Jarzehnte ihrer literarische» Existenz erzielte und wird der Behauptung recht geben, daß sicherlich noch viele, viele Jar- zehnte, wenn nicht noch ein Jarhundert, darüber vergehen werden, bis der„Peter Schlemihl" als veraltet gelten, bis sein innerster Gehalt dem Bolksgesüle fremd geworden sein wird. Ein junger Mensch, ein armer Teufel von Haus her, verkaust einem mysteriösen, mit den son- derbarsten Zauberkräften ausgestatteten Alten, den er im Hause eines tige Ereignis ihres Lebens vorherzusagen. Wie in den Sternen, so las sie auch in den Seelen der Menschen, kein Gedanke konnte ihr verborgen bleiben, ihr scharfer Blick erriet alles. Ellis, ein junges Mädchen, das sie aus England mitgebracht hatte, war ihre einzige Gesellschaft, alle andern waren Diener und Sklaven� Hefter hatte die Gewonheit einer Königin, und so überfloß ihr Haushalt von Reichtum und Pracht. Der Luxus einer ganzen Welt war in ihren Wonzimmern zusainmengetragen worden, um ihr das Verweilen in denselben angenem zu machen. Berauschender Blumenduft erfüllte die Räume, und sie sog ihn mit Behagen ein, wenn sie, hingestreckt auf die schwellenden Di- vans aus rotem golddurchwirkten Damast, ihre herrlichen Glie- der ausruhen ließ. Dann ließ sie sich gerne von ihren Diene- rinnen die schweren Flechten lösen, deren goldene Wellen bis auf die Erde fluteten. Bei Tage schlief sie. Erst nach Sonnenunter- gang stand sie auf und begann ihre Tätigkeit. Stundenlang saß sie am Schreibtisch; ihre Korrespondenz erstreckte sich über die ganze Welt, mit allen großen Männern ihrer Zeit stand sie in geistigem Verkehr, an allen politischen Ereignissen nam sie regen Anteil. Fortwärend kamen nnd gingen Sendboten aus allen Teilen des Orients, um sich bei ihr Rat und Beistand zu er- bitten. Ihr Einfluß auf die türkischen Paschas, die Fürsten der Drusen, die Anfürer der Maroniten war so groß, daß man nichts zu unternemen wagte, one sie vorher um ihre Meinung befragt zu haben. Ihre Sklaven und Diener behandelte sie strenge, oft grausam, aber immer gerecht. Armand Lucnay bewunderte dieses Weib, das durch seine eigene geistige Kraft sich zu dieser Höhe emporgeschwungen hatte, und— fürchtete sich zugleich ein wenig vor ihr. Wenn er nach langen und ernsten Gesprächen von Lady Hefter kam, dann liebte er es, mit der kleinen bescheidenen Ellis über unbedeutende, nichtssagende Dinge zu plaudern. Der Geist Hefters regte ihn auf, und er mußte alle seine Kräfte anspannen, um demselben zu folgen, wärend die milde weiche Stimme Ellis ihn beruhigte und besänftigte.(Fortsetzung folgt.) vielbcgüterten.«ausmanns begegnet, seinen Schatten für einen Geldsack, in welchen der Besitzer nur hineinzugreifen braucht, uni haufenweise immer neue Schätze herauszuholen. Er ist nun unermäßlich reich, aber er ist unglücklicher als zuvor, denn den Schattenlosen flieht alle Welt, man weist aus ihn mit Fingern, man entsezt sich vor ihm ärger als vor dem schlimsten Verbrecher. Den aus der Welt gleich einen. Aus- sätzigen Ausgestoßenen sucht der Teufel— er war jener mit Reichen und Vornemen aller Art auf dem vertrautesten Fuße lebende Hexen- meister, der den Schalten gekaust— zu einem weiteren Geschäfte zu versüren. Er will ihm den Schatten wiedergeben und seinen Reichtum laßen, nichts weiter als seine Seele soll er ihm verschreiben. Aber Schlemihl läßt sich ein zweitesmal nicht fangen: er verzichtet auf Schatten und Reichthum und läßt sich um seine Seele nicht prellen. Dafür spielt ihm das Schicksal Siebenmeilcnstiefcl in die Hände, oder richtiger: an die Füße, und mit diesen durchstreift er nun kreuz und quer die Welt im Dienste der Wissenschaft und damit im Dienste der Menschheit. Das ist der Kern der Historie: ein kleiner unscheinbarer Kern, wenn man ihn in so nackter Darstellung bietet, und schier unerschöpflich an ideellen Beziehungen und unergründlich im Gemüt, das sich darin offenbart, wenn man die äußerlich so anspruchslose kleine Geschichte selbst liest. Natürlich hat man, und vorncmlich in Deutschland, viel darüber nach- gedacht und gesorscht, was der Dichter denn eigentlich unter dem Schatten verstanden haben möchte, und fast ergötzlich ist es, zu sehen, wie sich deutsche Literaturhistoriker Mühe geben, sich und die Welt über das zu täuschen, was Schlemihls Schatten in Wirklichkeit ist. Der demokratische Kurz sogar findet die Auslegung, daß Chamisso unter dem Schatten nichts anderes habe bezeichnen wollen, als das Vaterland,„durchaus verselt" und meint, er habe„ganz einfach den alten Erfarungssatz zur Anschauung gebracht, daß der Mensch in der gesellschaftlichen Welt sich nur durch den Besitz der bedeutungslosesten, nichtigsten Dinge Ansehen und Anerkennung verschaffen könne. Er muß sich in der Gesellschaft bewegen können, der Mode huldigen, einen Orden, einen Titel haben, sich in nichts von den andere» Menschenkindern unterscheiden, mit einem Worte: im hergebrachten Geleise leben." Nun bedenke man die Zeit, in der Chamisso den Peter Schlemihl geschrieben— es war das Jar der einmütigen Kriegserhebung des deutschen Volkes, ja Europas, eine Zeit, in der nur die allerbeschränktesten, aller besseren und höheren Ge- süle baren Menschen an solche Nebensachen, wie Titel, Orden, gesell- schaftliche Anerkennung noch zu denke» vermochten. Und Chamisso, derselbe Chamisso, der sich bitter darüber grämt, daß er in einer solchen waffensreudigen Zeit daheim bleiben muß— hinter dem Ofen hervor der erhofften Völkerbesrciung tatenlos zuschauen— er soll versuchen wollen, der Welt in diesem denkbar unpassendsten Moment zu Gemüte zu füren, wie grausam sie ist gegen die Titel- und OrdenSarmen, speziell gegen ihn, den sie auch noch mit solch' einem geschmackvollen Anredehenkel und Adressenzierat verschont hat. Aber es ist doch un- möglich, so denkt der, gewiß verdienstvolle, Literarhistoriker Kurz, daß Chamisso das Baterland mit jenem nichtigen Tinge, dem Schatten, habe vergleichen wollen!— Unmöglich? Chamissos wirkliches Vater- land war Frankreich. War es ihm blos darum zu tun, dieses Baterland wieder zu gewinnen, warum war er nicht für die Dauer nach Frank- reich zurückgegangen— es hinderte ihn ja kein Mensch daran, und so lieb wie die deutschen Regierungen war ihm zweifellos die des ersten Napoleon auch. Die Literarhistoriker hätten sich nur daran zu erinnern brauchen, was Chamisso als seine Heimat betrachtete, so würden sie nicht mer haben leugnen können, daß ihm dieses angeborene Vater- land trotz ihrer blinden Voreingenommenheit für alles Angestammte nicht mer war als ein Schatten. Wie sang er bei der Ankunft in Swinemünde von seiner Weltreise im Oktober des Jares 1818? Heimkehret fernher aus den fremden Landen, In seiner Seele tief bewegt der Wandrer; Er legt von sich den Stab und knieet nieder, Und feuchtet deinen Schoß mit stillen Tränen, O deutsche Heimat!— Deutschland also war ihm Heimat, hier— nicht im Lande, in dem er geboren, in seinem Vaterlande,— wollte er leben und sterben. In einer anderen Zeit, als die von 1813, hätte sonach Chamissos fein em- pfindendes Herz von dem Gefüle der Vaterlandslosigkeit kaum mer als gestreift werden können, und unter anderen Kulturmenschen, als deutsche Philister nun einmal sind, würde es ihn wol auch nicht mit einem leisen Hauche angefochten haben, nachdem ihm das Land, wo er aus der Geistcsdämmerung der Kindheit zum Vollbewußtsein des Mannes herangereift, zur waren Heimat geworden war. Aber gute Deutsche waren und sind selber zu gesülvoll, als daß sie nicht jede Gelegenheit benutzen sollten, bei jedeni Mitgesülsmenschen beständig die empfind- lichsten Gemütssaiten aus purem Mitleid anzuschlagen.„Der Mann ist ser unglücklich— er hat kein Baterland", schreibt der biedere Perthes. Wie oft mögen Chamisso diese Worte in jener vaterlands-überbegeisterten Zeit ans Or geklungen sein? Wie oft mag er sie von gutmütigen, mit einer gewissen Scheu— wie sie einen vor notorischen Unglücksmenschen zu ergreifen pflegt— ihn betrachtenden Antlitzen abgelesen haben? Wie oft mag er dieses Mitleid, das nicht blos bei ganz rohen Naturen gar leicht umschlägt in jene Selbstzufriedenheit, welche von den neu- testamcntlichen Worten trefflich charakterisirt wird: Ich danke Dir, Herr, daß ich nicht bin wie dieser Zöllner— wie oft, frage ich, mag er nicht diese Art Mitgefül mit Fug und Recht übersetzt haben in das Ärndt'sche Anatema: Pfui über Dich Buben hinter dem Ofen zwischen den Schranzen, zwischen den Zofen? Und daß für alles Wehe, welches Freund und Feind dem tatendurstigen, freiheitsglühenden Manne, der in der taten- ftohesten, sreiheitsgewissesten Zeit dennoch zu tatenlosem Zuschauen ver- dämmt blieb, daß dieser sich wenigstens innere Genugtuung zu schaffen suchte, dadurch, daß er in des Peter Schlemihl tragikomischer Historie jenen und sich den Spiegel vorhielt,— wer findet nicht dies gerade so natürlich, so ganz eines Dichters würdig? Bon diesem Gesichts- punkte aus deutet sich auch auf das einfachste die sonst angesichts der religiösen Anschauungen Chamissos schwer erklärliche Wendung des Märchens, bei der Schlemihl aus die Wiedergabe des Schattens gegen Verpfändung seiner Seele verzichtet. Dieses Schlemihls„Seele" war die Liebe zur neuen Heimat, das Bewußtsein, daß er sich nicht mer lossagen könne von dem deutschen Land und dem deutschen Lied, das war's, was ihn den Schatten des angestammten Vaterlandes für alle Zeiten hingeben ließ.(Schluß folgt.) Studentinnen und Permantes. Das alte Borurteil, daß es „unweiblich" sei, den weiblichen Geist wissenschaftlich zu bilden, ver- schwindet mer und mer. In Paris wird jezt ein Gymnasium ein- gerichtet, in dem Mädchen wesentlich denselben Unterricht erhalten sollen, wie Knaben und Jünglinge in den Lyceen. Und wärend die deutschen Universitäten sich noch gegen die Zulassung von„Studentinnen" sträuben, haben die beiden für so verzopft geltenden Universitäten Englands, Oxford und Cambridge, wissenschaftliche Institute für Damen gegründet. Daß an den schweizer Universitäten Damen immatrikulirt werden können, ist bekannt. Die italienischen Universitäten sind ebenso tolerant; vergangenes Jar studirten auf denselben, wie Prof. Laveleye berichtet, elf junge Damen, die ihr Maturitätsexamen gemacht hatten und von ihren Lehrern sehr gelobt wurden. In Italien ist es bei- läufig nichts neues, daß Mädchen den Wissenschaften huldigen. Die Professorinnen der Rechte Novella und Calderini, welche im 14. Jar- hundert, und die Prosefforinnen Arcangela Paladini, Laura Bassi, Maurolmi, Agneti und Tambroni, die später, bis zum Ende des vorigen Jarhunderts, an der Universität Salerno Philosophie, Natur- Wissenschaften und die klassische» Sprachen lehrten, haben die wissenschaftliche Befähigung des weiblichen Geschlechts glänzend bewiesen, und es ist in der Tat schwer faßlich, wie, angesichts solcher Beispiele, über- Haupt noch ein Zweifel obwalten kann. Die obengenannte Calderini war beiläufig das Modell für die Portia im„Saufmann von Venedig". Am meisten ist für die wissenschaftliche Gleichberechtigung des Weibes in Amerika geschehen. Im Jar 1879 wurde der Harward- Universität ein„Annex" für Damen zugefügt; und sofort meldeten sich 27 Studentinnen, welche die Kollegien für Griechisch, Lateinisch, Sans- krit, neuere Sprachen, Geschichte, Matematik, Physik und Naturwissen- schaften besuchten. Nach Verlauf eines Jares schreibt der berühmte Professor Goodwin über das„Experiment":„Die Erfarungen des ver- flossenen Jares haben mich überzeugt, daß unser Erziehungsplan für das weibliche Geschlecht durchaus seinen Zweck erfüllt. Strebsamen Mädchen ist jezt bessere Gelegenheit geboten, sich wissenschaftlich auszubilden, als jungen Männern noch vor IS Jaren." Die jungen Damen sind sehr fleißig und bekommen durchschnittlich bessere„Marken" (Zeugnisse), als die Studenten.„Tie jungen Damen", sagt I)r. Peabody, „find ausnamslos von ernstein Wissenseifer erfüllt und fähig, und einige von ihnen sind sogar ungewönlich begabt." Außer dem Harvard- Annex gibt es in den Vereinigten Staaten noch verschiedene, mit Unv- versitäten verknüpfte Anstalten zur wissenschaftlichen Ausbildung von Mädchen, darunter auch eine„Gesellschaft für das Studium zuhause", welche durch Ratschläge, Unterrichtsbriefe u. s. w. schriftlich wirkt, und die günstigsten Resultate erzielt. Durch dieses Institut, an welchem ISO Lehrer und Lehrerinnen tätig sind, erhalten etwa tausend Studen- tinnen(stuäsnts) in sämmtlichen Staaten der Union und in Kanada Anweisung und Unterricht. Das Honorar beträgt järlich blos zwei Dollars, wofür noch Bücher geliehen und mineralogische und sonstige Sammlungen zur Ansicht geschickt werden— natürlich gegen Zalung des Portos. Wol noch wichtiger als diese, speziell für Mädchen und Frauen bestimten Anstalten, ist für die Erziehung des weiblichen Geschlechts in Amerika, daß fast sämtliche höhere Bildungsanstalten, Colleges(Gymna- sien) und Universitäten weibliche Schüler und Studentinnen gleich- berechtigt aufnemen. Im Jare 1899 gab es in den Vereinigten Staaten 24 Colleges, von denen kein einziges Mädchen zuließ; zwischen 1869 und 1879 sind 75 neue Colleges errichtet worden, und von diesen sind vier Fünftel beiden Geschlechtern offen. Der gemein- fame Unterricht beider Geschlechter bewärt sich vorzüglich.„Noch kein College, welches Mädchen einmal zugelasfen hatte, hat Ursache gehabt, es zu bereuen," heißt es in einem uns vorliegenden Bericht. Es gibt aber auch eine ganze Menge Colleges blos für Damen. Die berühmtesten sind das Smith College und Vassar— nach den Stiftern benannt—, welche über Lehrkräfte ersten Ranges verfügen. Am Vassar College lehrt u. a. die Professorin Maria Mitchell, seil dem Tode der bekannte» Mary Somerville, die erste Astronomin der Welt. Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß in den Vereinigten Staaten das weibliche Geschlecht mit dem männlichen auf vielen Gebieten konkurrirt, die man bei uns als über dem weiblichen Horizont liegend betrachtet. Es gibt viele Advokatinnen, namentlich in den westlichen Staaten; in San Francisco hat z. B. Miß Gordon eine der bedeutendsten Klientelen,—„sie plädirt in einem schwarzen seidenen Kleide, eine Rose im Gürtel." Ferner hat man in Amerika 67 Geistlichinnen verschiedener Konfessionen, und 525, in Worten: fünshundertsünfundzwanzig, rite— obgleich in Amerika, doch nicht „amerikanisch" promovirte Aerztinnen,— allerdings den 62 999 männlichen Aerzten gegenüber noch eine winzige Minorität, die reißend schnell wächst. Id Heilkunde in der Kinderstube.(Bild S. 249.) Hat man doch seine liebe Roth mit den Kleinen! Kaum ist der junge Erdenbürger auf der Welt, so beginnt auch schon der Kampf ums Dasein, die Sorge, das bischen Leben zu erhalten. Und nun gar, wo eine liebe alte Tante im Hause ist, die den Beruf in sich fült, der Gesundheit des kleinen Würmchens mit so allerlei altbewärten Hausmittelchen auf die Strümpfe zu Helsen. Da mag der Papa noch so ser protestiren, Wenns nicht anders angeht, werden hinter seinem Rücken dem unschuldigen Kindlein allerlei Säst- chen und Tees beigebracht. Die kann der kleine schwache Magen natür- lich nicht vertragen, und das Elend ist fertig. Eine ganze Schar bedenk- licher Kinderkrankheiten hält, nicht trotz— sondern gar oft wegen der leidigen Kurirerei, ihren Einzug ins Haus, sodaß die geängstigten Eltern immer um das Leben ihres Lieblings einen langen und schweren Kampf zu kämpfen haben.— Beim Kommerzienrat Leberecht Habermann ist die Medizinflasche keine Seltenheit. Die Leute haben's dazu, sie können einen Hausarzt bezalen; und daß der sein Honorar nicht umsonst empfängt, dafür ist schon gesorgt. Eins ist wenigstens immer„unwol" m der Familie, und wenn es auch nur ein ganz ordinärer Schnupfen wäre, welcher der Frau Mama— die schon in der Pension in brillanten Onniachten eine annerkennenswerte llebung gewonlien hat— die gräßlichsten Leidensgeschichten entlockt. Nun gar die beständigen Zanschmerzen Gustav s, des Erstgebornen. Trotzdem der Junge nie anders als wol- verpackt im Kaisermantel und mit Watte in den Oren an die Luft kommt und ihm wegen der„garstigen" Witterung die umsichtige Mutter streng das seinen Kameraden viel Freude machende Schlittschulaufen verboten hat, sind doch— oder auch hier vielleicht gerade deshalb— Erkältungen an der Tagesordnung. Da muß der Doktor Helsen— ja, tvas man doch für Not mit den mindern hat!— Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. Die kleine, hübsche und gute Lisbet weiß schon längst Krankengeschichten zu erzälen. Die schmucke Gliederpuppe, ihr hübsches Gretchen, das sie mitten aus den weichen Polsterst»! placirt hat, kriegt offenbar die ersten Zäuchen, und so etwas get selbstverständlich nicht one Schmerzen ab. Lisbet quält in einem sort und will für ihre Patientin auch etwas zum Eingeben haben. Das schöne Bilder- buch wird achtlos bei Seite geworfen und Tante Eleonora muß un- weigerlich ein paar Medizinpillen zurechtmachen, wenn anders sie sich nicht garstig und herzlos zeigen will. Die kleine Lisbet muß ihrem eigenen kleinen, liebevollen Herzen, in dem eine Anung ausdämmert von Mutterliebe und Mutterschmerzen, Genüge tun, und sie weiß es nicht besser— denn wie die Alten sungcn, so zwitschern halt die Jungen! Drum jammert sie altklug: Ach, nimm nur ein Löffelchen, liebes Gretchen, wenn's auch bitter schmeckt, damit nur wenigstens das böse Fieber rasch vorbeiget. Aber es scheinen nicht ein paar homöopatische Tropfen zu sein, welche das Kommerzienratstöchterchen gewissenhaft abzält— nein, eine bittere allopatische Mixtur ist's wol, denn Fräu- lein Pupp« schneidet ganz jämmerliche Gesichter und will sich nicht be- ruhigen, obgleich Lisbet schon zwanzigmal zärtlich gesungen hat: Gretchen, was fällt dir ein, Laß doch das Weinen sein! Nun, sicher wird's bald besser werden; ist doch die kleine Ouacksalberin in Wirklichkeit eine echte und rechte Naturheilkünstlerin und gilt im übrigen bei dem kranken Gretchen unselbar das Wort: Wasser tut's freilich! Kein Wunder, daß dies selbst der kluge Bello zu begreifen scheint. Er überläßt sein unterhaltendes Ballspielen, das er vordem mit Lisbet getrieben, dem ausgestopften Aeffchen in der Kaninchenhaut und schaut so sensüchtig drein, als möchte er auch seinen Teil haben von dem so kostbaren Lebenselixir. Schade nur, daß eine derartige Erkenntnis so ser vielen Herren der Schöpfung abget. Denn wenn uns auch die Behauptung keineswegs ganz richtig erscheint, daß der- jenige, welcher stets das Gegenteil von dem tut, was der Arzt ihm anrät, in der Regel am besten gedeit,*) so wird doch sicher auch heute noch mancher sündhafte Mensch mit Hilfe der Medizin, insbesondere mit Hilfe der ihrer eignen Bequemlichkeit und dem Apoteker zulieb nach altem Siil kurirenden Aerzte vorzeitig ins Jenseits befördert,-z- *) Bgl. Dr. Lidlmann« Hygieinische Lkbensregeln sür die heranwachlende Jugend im„Teuischen Jugendicha?". ii einzig. Bering von 38. Jini. Glücklich die Blonden. Blondes Haar zu besitzen, hat zu allen Zeiten für einen großen Borzug gegolten, und die Damen, denen die Natur dieses Glück versagt, haben sichs schon viel Mühe und schweres Geld kosten lassen, die Natur zu— korrigiren. Le donne di Venetia si fanno biondi i capelli(die Damen von Venedig färben sich ihre Haare blond), erzählt Cesare Vecellio, der im IL. Jarhundert ein Buch über die„alten und neuen Klcidertrachten der ganzen Welt" schrieb. Er teilt die Rezepte mit. Die Florentinerinnen ahmten in ihrer Lei- denschaft für blonde Haare bekanntlich nur den alten Römerinnen nach, die um jeden Preis mit den schönen Germaninnen konkurriren wollten. Im 17. und 18. Jahrhundert herrschte unter den französischen Damen die„Wut" der blonden Haare. Die Königin Anna(von Oesterreich, d'.4utrieb) war blond, ebenso die Herzogin von Longueville, und die Kaiserin Maria Theresia war sogar hochblond. Jede Dame, die am Hofe war oder an den Hof kam, mußte blondes Haar haben oder wenigstens tragen. Madame de la Balliere und Fräulein de la Fon- tanges, deren Regiment dann kam, waren beide blond, letztere sogar etwas„riskirt" oder„impertinent" blond, und Madame de Montespan, die ihnen folgte, beseitigte sorgfältig den Naturfeler dunkelen Haares und prangte bei Hof im schönsten Blond. Blond war gleichbedeutend mit schön. Und im englischen bedeutet heute noch dasselbe Wort— fair — blond und schön. Auch die alten Griechen, die Meister des Schönen, verbanden die Begriffe blond und schön, indem sie die Göttin der Schönheit und Liebe, die Schaumentstiegene(Aphrodite) mit blondem Lockenhaar darstellten. In Frankreich beschränkte sich beiläufig die Mode der blonden Haare nicht auf das schöne Geschlecht. Wir haben einen Vers des Dichters Guillaume Coquillart, aus dem IS. Jarhundert, also lautend: Taut aux jours ouvriers qu'ä la feste(ftte), A Paris uu tas de bejaunes I.avent trois fois le jour leur teste(tele) Atin qu' ils aient le chevalure blonde. An den Tagen der Arbeit, wie der Feste Wäscht in Paris ein Haufe von Gelbschnäbeln Sich dreimal des Tages den Kopf, Um einen blonden Haarwuchs zu haben. Auch heute sind blonde Haare in Paris noch besonders„gesucht". Unsere blonden Landsmänner wissen in der Tat gar nicht, ivas sür einen Schatz sie aus dem Kopfe tragen. Ib. Aus der vierten Dimension. In der vierten Dimension muß irgend eine Schraube los sein, denn es kommen da ganz bedenkliche Dinge vor Am 30. November v. I. erschienen vor der Queens Bench in London Mrs. Lowe und Mr. Fitzgerald, die Mrs. eine„Lady" und der Mr. Redakteur des Central-Spiritisten-Organs„Spiritual Notes", nebenbei natürlich„Gentleman", und beide Mitglieder der„British National Association of Spiritualists"(britischen nationalen Spiritisten- bunds— in der vierten Dimension scheints also auch„Nationalitäten" zu geben). Der Mr. hatte die Mrs. in seinem Blatte verspottet, sie, wegen irgend einer Behauptung sür„verrückt"(mad) erklärt— daher der Prozeß. Die Mrs. gab zu, daß sie öfters im Irrenhaus gewesen und erregte durch ihre— viertdimensionalen Aeußerungen allgemeines Erstaunen, daß sie es nicht noch war, imponirte aber dem Mr. dadurch so gewaltig, daß er ihr Abbitte tat, worauf eine Aussönung erfolgte und das Paar vergnügt abzog. Und genau vier Tage später— am 3. Dezember d. I.— stau- den sich in London wieder zwei Viertdimensionale Parteien vor Gericht gegenüber— diesmal wird aber die Sache nicht so harmlos verlaufen, denn der Prozeß ist ser verwickelt. Die Klägerin ist abermals eine Dame, eine Mrs. Davies, und zwar eine sehr reiche Dame, gewesen, ihres Glaubensbekenntnisses Spiritistin. Die Angeklagten, Mr. und Mrs. Fletcher, Mann und Frau, zwei berümte„spiritistische Media". Mrs. Davies, die von ihrem Manne getrennt lebt, ist seit Jaren kränk- lich und hatte sich, zunächst wol zu Heilzwecken, den„berümten Me- dien"(importirt aus Amerika) angeschlossen. Bald war sie in die ge- heimsten Geheimnisse der vierten Dimension eingeweiht. Wenn Pro- fessor Zöllner die Schilderung der„seanoes"(Sitzungen) liest, in denen ihr das Licht der Erkenntniß ausgesteckt wurde, muß ihm das Wasser im Mnnde zusammen laufen. Es wurde geklopft und geschrieben nach Noten; Engelspsötchen und-Füßchen ä disoretion; tanzende, springende Stüle, Tische, Sophas, en gros und en masso. Und da wurde denn auch die vierte Dimension richtig entdeckt. Allerdings nicht von Mrs. Davies, aber doch von ihren Juwelen und Schmucksachen im Betrag von 4000 Pfd. St.(80,000 Mark), die bei dieser Gelegenheit in die vierte Dimension verschwunden, jedenfalls in keiner andern Dimension zu finden sind. Zur Gesellschaft haben sie für etliche 10000 Pfd. St. Schuldverschreibungen und Schenkungsurkunden mitgenommen, die in- des„in jener besseren Welt" nichts nützen werden, weil unsere grob- sinnliche Welt sie sür ungültig erklärt. Der modus proeedendi(die Art des Vorgehens, d. h. des Einseifens) war: die— längst verstorbene — Mutter der Mrs. Davies schrieb aus das bekannte Täfelchcn, diese, Mrs. Davies, solle alles tun, was Mrs. Fletcher, ihre„geisttge Schwester, ihr anrate". Mrs. Davies hat als fromme Tochter den Rath ihrer Mutter befolgt, und— Mr. und Mrs. Fletcher werden aus ein paar Järchen aus der vierten Dimension in ein grobsinnliches englisches Gesängniß zu wandern haben. Ib. Füs äffen QgtnRefn der Zeitttleralur. Was wir dem Dampfe danken. Bor jezt hundert Jaren be gann der Dampf mit der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt seine umwälzende Tätigkeit. Welch kolossale Umgestaltung unsere gesellschaftlichen Verhältnisse durch ihn erfaren haben und welche Vor- teile er der Menschheit gebracht, mag hier unerörtert bleiben, nur einige Zalen aus den statistischen Angaben des Dr. Engel, Direktor des Stat. Bureaus zu Berlin, mögen den gewaltigen Aufschwung, den das Ma schinenwesen bisher genommen, illustriren. Nach diesen besitzt Deutsch- land gegenwärtig 59 000 Dampfkessel, 10S00 Lokomotiven und 1700 Schiffskessel, darunter Preußen an feststehenden Dampskesseln aller Art 32 411, an beweglichen Dampfkesseln und Lokomobilen 5536 und in Summa 29 895 seststehende Dampsmaschinen; dazu kommen noch 702 Schiffsdampfkessel, 623 Schiffsdampsmaschinen und 6991 Lokomotiven, Wärend das Königreich Sachsen 4974 seststehende Dampfkessel aufweist. Oesterreich besitzt 12 600 Dampfkessel und 2800 Lokomotiven, Frankreich 49 500 Dampfkessel, 7000 Lokomotiven und 1850 Schiffskesscl. Die Zal der Lokomotiven in den genannten Ländern nebst denen Nordame- rikas und Englands beträgt 105 000; die Länge der Eisenbanlinien, aus denen sie sich bewegen, 350 000 Kilometer. Sümmtliche aufgesürten Dampfkessel— die Lokomotive» mit inbegriffen— erreichen eine Mächtigkeit von 46 Millionen Pferdekräften, verrichten also eine Arbeit, welche der von 966 Millionen Menschen gleich geschätzt wird. Um sämmtliche Eisenbanen diesseits und jenseits des Kanals in Betrieb zu setzen, war ein Kapitalauswand von 100 Milliarden Franken notwendig, dagegen kosteten die industriellen Dampfmaschinen 65 Milliarden. Nach Dr. Engel beträgt die Zeit, welche die Reisenden seit 1844 aus der Eisenbau ver- brachten, sür Preußen 1061 mill. Stunden. Hätten diese Reisen mit gewönlichem Furwerk gemacht werden müssen, so hätte man zehnmal mer Zeit dazu gebraucht. Der Eisenbanverkehr kostete nun 2030 Mill., Mark; rechnet man noch dazu den auf der Eisenbau verbrachten Zeit- aufwand a Stunde mit 10 Pfg.— 106,1 Mill. Mark, so erhält man die Gesammtsumme der Kosten von 2136,1 Mill. Mark. Mit Land- furwerk würde aber nach Engel ein Kostenauswand von 2830 Mill. Mark dafür nötig gewesen sein, wozu noch der dazu erforderliche zehn- mal größere Zeitauswand kommt; das macht, die Stunde wieder zu 10 Psg. berechnet, 1061 Mill. Mark, also eine Gesammtausgabe von 3391 Mill. Mark. Dies ergiebt ein Mer von 1754 Mill. Mark, die durch die Eisenbau erspart wurden. In änlicher Weise berechnet Dr. Engel auch die Ersparnisse im Güterverkehr und erhält 20 Milliar- den Mark als Ergebnis. Darf man sich da wol die Frage erlauben, wo die Milliarden hingekommen sind?— Auch nicht übel wäre, wenn man erfaren könnte, welchen Einfluß dieser gewaltige Verkehrs« und Belriebsapparat aus das Kleingewerbe ausgeübt hat! nrt. 256 Unendlichkeitea oder wenigstens Undentbarkeiten Die Leser dieses Blattes wissen, was ein Radiometer ist, jenes interessante Stralenmülchen, welches im möglichst luftverdünuten Räume die mecha- uische Wirkung von Licht und Wärmestralen zur Erscheinung bringt. Rtan rechnet, daß unter der Glasglocke des Radiometers die 2uft_ auf ein Millionstel von der Dichtigkeit unserer gewönlichen atmosphärischen Lust verdünnt ist und daß eine noch um das zwanzigsache weitergehende Verdünnung möglich ist. Der Erfinder des Radiometers, der englische Gelehrte Crookes, ziet nun aus der Möglichkeit solcher Luftverdünnung allerlei geistreiche und für unsere wissenschaftliche Erkenntnis außer- ordentlich belangreiche Schlüsse, von denen hier nur folgendes erwänt sein möge. Crookes sagt:„Eine Glaskugel von 0,135 Meter(also etwas weniger als'/« Meter) Durchmesser enthält nach ungefärer Schätzung mer als eine Quadrillion Moleküle... Eine Quadrillion! Eine Eins, der 24 Nullen folgen; teilt man diese Zal durch eine Million, so repräsentirt der Quotient die Zal der in der gedachten Kugel ent- haltenen Moleküle, nachdem die Lust darin auf den millionsten Teil einer Atmosphäre verdünnt ist. Dieser Quotient ist eine Trillion, d. h. eine Million zweimal mit sich selbst multiplizirt: die Eins, gefolgt von 18 Nullen. Der Geist vermag solche Unendlichkeiten nicht zu erfassen; ebenso ist es ihm unmöglich, sich die Kleinheit der materiellen Btoleküle vorzustellen. Denken wir uns die Glaskugel bis aus ein millionste! Atmosphäre entleert. Mittels eines kräftigen Funkens können wir ihre Wand durchboren, und die so entstandene Spalte ist so klein, daß man sie nur durch eine starke Lupe zu erkennen vermag. Aber durch diese unbemerkbare Spalte stüzen die Moleküle der äußeren Lust in die Kugel, und wenn wir annemen(eine Anname, welche weit unter der Wirklich- keit bleibt und nur gemacht wird, um eine Idee von diesen Unendlich- leiten zu geben), daß in einer Sekunde zehn Millionen Moleküle durch die Spalte eindringen können, wie viel Zeit wird es wol brauchen, bis diese kleine Kugel mit' Luft von gewönlichcm Drucke vollständig gefüllt ist? Wird es eine Stunde, einen Tag, ein Jar, ein Jarhundert wären?— Nein: es würde für menschliche Begriffe eine Ewigkeit dauern, nämlich ungefär 10 Millionen Jare, und wenn wir annemen, das Experiment habe begonnen, als unser Sonnensystem sich gebildet, so wäre es nicht vollendet, wenn einst die Sonne, die reichliche, aber nicht unerschöpfliche Quelle von Wärme, Licht und Kraft, erkaltet sein wird.— Xz. Literarische Umschau. Parlamentarisches über Äonst und Kunsthandwerk nebst Glossen dazu von A. Reichcnsperger. Köln. Bachem. Die Kunst- gewerbesrage nimmt immer mer das öffentliche Juteresse in Anspruch. Bisher hatten die diesbezüglichen Kreise eine so exklusive Stellung ein- genommen, daß entweder der Künstler dem Handwerk stemd gegenüber stand und seine Ausgabe in„höheren Regionen" suchte oder indem Handwerker und Gemerbtreibende die Erreichung irer Ziele nur einseitig auf materiellem Gebiete zu finden hofften. Man vergaß, daß der ge- werbliche Berufsarbeiter nicht nur die Aufgabe hat, technisch gutes und dauerhaftes zu liefern, um dafür eine entsprechende Entschädigung zu erhalten, sondern daß er auch in Rücksicht auf geschmackvolle Ausführung Pflichten zu erfüllen habe. Ihn hier durch Lieferung guter Vorlagen und Entwürfe zu fördern, ist Pflicht des Künstlers. Die Notlage des Gewerbes hat nun wol in erster Linie dazu beigetragen, daß man dies mer und mer einzusehen anfängt. Auch den auf diesem Gebiete durch merere Schriften bekannten Bersasser mag dieser Umstand bestimmt haben, seine bei den verschiedensten Gelegenheiten im Parlament über diese Frage gehaltenen Reden mit einleitenden Glossen herauszugebe». Sein Standpukt in politischer und religiöser Beziehung ist bekannt, und dieser macht uns auch seine Anschauungen über Kunst und Kunstgewerbe erklärlich. Können wir aber nicht in allem mit ihm übereinstimmen, so gestehen wir doch gern, daß er zuin� weitaus größten Teile recht hat. Sehr angebracht ist z. B. der scharfe Tadel über das verderbliche Sub- missionswcsen, die systematische Pflege der Bielwisserei und die Vernach- lässigung der Förderung der praktischen Kenntnisse auf unseren Kunst- schulen. Die von ihm angeführten Beispiele bilden eine treffliche Illustration. Beistimmen muß man ihm auch, wenn er die Praxis der deutschen Künstler angreist, welch letztere mit großer Vorliebe— namentlich in der Plastik— ihre Stoffe aus der Antike entlehnen, wodurch sie dem gesammtcn Volke fremd und unverständlich bleiben niüssen. Er hat dabei das„Nationalmuscum" zu Berlin im Auge, welches eine Straße Anzal der bedeutendsten Werke besitzt, die dieser Vorwurf trifft. Ächon das im Stil der antiken Architektur aufgeführte Gebäude entspräche nicht den auf dem Fries befindlichen Worten:„Für deutsche Kunst". Mit vollem Rechte weist er darauf hin, daß zu solchem Zwecke die vaterländische Geschichte dem Künstler an Stoffen die ergiebigste Ausbeute gewäre. Auch der Tadel gegen den den Stilzesetzen sern- stehenden und sich auf diesem Gebiete in echt bureaukratischer Weise geltendmachenden Staatsmechanismus ist am Platze. Hatte doch der Chef des Reichspostwesens, Herr Dr. Stephan, als der Versasser gegen die dem Reichstage in seiner vorjärigen Session vorgelegten Entwürfe zu neuen Postgebäuden Bedenken geäußert, da die Merzal der Pläne nicht zu ihrem Vorteile Anläufe nach den verschiedenartigsten Stilen hin zu erkennen gäben, erwidert,„sein Bestreben gehe dahin, die Post- und Telegrafengebäude möglichst in einem der architektonischen Physiog- nomie der betreffenden Stadt entsprechenden Stile zu halten". Diese der in der anftk-klassischen Kunstperiode sowohl als auch der heute von den genialsten Künstlern und Teoretikern gelehrten und geübten Kunstpraxis gegenüber sehr naiv erscheinde, Ausfassung findet denn auch in der vor- liegenden Broschüre die ihr gebürende Antwort. Reichensperger sagt: „Fast sollte man glauben, auf dem Baubureau des Gencralpostmeisters ständen, etwa wie in Apoteken, die Stile in Büchsen bereit, so daß je nach Bedarf der mit dem Bauwesen betraute Beamte nur zuzugreifen brauche. Solcher Berfarungsweise liegt der weit verbreitete Irrtum zu Grunde, es sei der Stil etwas rein Aeußerliches k." Wie erklärlich, richtet sich sein Borwurf auch namentlich gegen das Nackte. Das Herr- schende Christenthum hat in der Ertötung des Fleisches immer seine erste Aufgabe gesehen, und es ist deshalb kein Wunder, wenn einer seiner hervorragendsten Repräsentanten auch heute noch diese Maxime als Maßstab für die philojofischen und künstlerischen Bestrebungen be- trachtet. Seine Einwände mögen gelten, wo die Sinnlichkeit um ihrer selbst willen dargestellt wird, was ja heute vielfach der Fall ist. Aber nicht da, wo es sich beispielsweise um die Darstellung des personifizirten Schmerzes— wie beim Laokoon— oder des Schönheitsideals— der Aphrodite— handelt. Hier das Nackte negiren, heißt die menschlichen Gesüle, also den ganzen Menschen negiren, denn diese haben ihren Sitz nicht allein im Gesicht. Trotz alledem und trotz der von uns nicht getheilten Hoffnung, die der Verfasser aus die für das Kunsthandwerk fördernd sein sollenden Zunstbestrebungcn der Neuzeit setzt, enthält die Schrift so viel des Gute» und Beherzigenswerten, daß wir dieselbe allen nur zum Selbstlesen empfelen können. urt. „Der Arbeiterfreund." Kalender für das Jar 1881. Berlin, Wiegandt ck Grieben. In der christlich-sozialen Arbeiterpartei liegt das Heil der Welt und— Stöcker verrichtet, wie er meint, zur Ehre seines Herrn und Heilandes Jesu Christi Handlangerdienst an dem großen und herrlichen Einigkeitswerke, durch die Warheit des lauteren evangelischen Christentums einzuwirken aus das öffentliche Leben. Darauf läuft etwa der Inhalt dieses christlich-sozialen Agitationskalendcrs hin- aus. Seine Parole ist selbstverständlich: Mit Gott für König und Vaterland. Am Schlüsse ist das Programm, die Statuten und der Organisationsplan der christlich-sozialen Arbeiterpartei, sowie ein Ber- zeichnis der Agitations-Flugblätter gegeben. Zwei Lichtdruckbilder, von denen das eine— darstellend die Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein— aussiet, als sei es in einer Rußkammer sabrizirt, wärend das andere, weniger miserabel gedruckte, das Bild Sr. anti- semitischen Heiligkeit(natürlich mit tendenziöser Biographie) zeigt, zieren den wirklich und warhaftigen—„Arbeiterfreund".-z- LJ�cdaklionsksrrclpondeni. R. Abonnent Szriedr. ö. Hebet bie Gciamtheit der„Rordpolfatlen" hat der vor Iargang der„N. 98." aussiirlichen Bericht gebracht und«Uder von Lanbichaiten der SiSregionen sind gleichfalls öfter gebracht worden. Breslau. Eine H-uSfrau. Durib Wachimilch laifen sich derlei Nauren aus Slips oder ansichem Material bortrefflich konferoiren. Dieielben nernen, damit überzogen. L b-sttt nicht darauf. Nur ,mm man beim Auftragen der Milch die Borsicht gebrauchen, die giguren oder den«örper erst w» Wasier nah zu machen, es wurde sich tonf! das Wams ftellenweife anbäuien'.eruer eignet sich bieie Milch zum Poliren der Möbel fer gut. oder auch zum BeN�-ick�ek Fußböden Man stellt sie her. indem man lno Gramm Potasche mit Kilo Wasier b>S zum Sieden erb, zt und unter Umrüren nach und nach son«ramm WbchS binlulezt ES wird ein Äiifbraiifeii entnehen, und man sezt, wenn das vorüber tisch:. Kilo Wasier Ä"�.u?�°lb>»ts°wuge bis eine gleichartige Masie geworden ist.«usbewart wird dst Wachimilch in Flaschen, die vor dem Gebrauch tüchtig durchzuschütteln sind SLWMMMSWW � X e-. Die Schwestern. Roman von M. Kautsky(Fortsetzung).— Zu Lessinqs lOOfimaer Todesfeier lmif tum. o X Carteftus und Spinoza. Ihr Verhältniß zur modernen Weltanschauung. Bon vr. A Mülberaer föortfpfcmml 1 Portrat Les sing— von Wanda v. Dunajew.— Zum 100järigen Geburtstaae Cbamiflo's lirortiesiunnt"i d lFortsetzung).— Die Herrin von Dar-Dlchun, Kinderstube(mit Illustration).- Glücklich die Blondes- Ms' der �- Heilkunde in der dem Dampfe danken. Unendlichkeit-,, oder wenigstens Undenkbarkeiten.- Literarische Umschau.-: Was w,r Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße ü).- Expedition: Fürb-rstr°ße 12. II. m �ip»g -uucf und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.