Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.» Die Schwestern. Roman von W. KautsKy. (22. Fortsezung.) Jezt werde ich seine Hülfe annemen, sagte Elvira sich, ich werde die Hand, die sich mir teilnemend entgegenstreckt, nicht länger zurückweisen; mir bleibt kein andrer Ausweg, und wenn ich nicht all' meinen Hoffnungen entsagen will, so muß es sein. Ja, es muß. Dann aber ftagte sie sich doch wieder, ob dieser Mann es auch ehrlich meine, ob seine Absichten wirklich so un- eigenniizig seien, wie er sagte, und eine Flut neuer, aufregender Gedanken brach über sie herein. In einer Anwandlung von Verzweiflung schlang sie ihre weißen Arme ineinander und löste sie wieder, um sie aufs neue noch krampfhafter zu verschlingen. Warum bin ich so jung, so gar jung, rief sie; warum bin ich ein Mädchen! Es ist traurig, ein Mädchen zu sein; wäre ich ein Jüngling, wie leicht wäre mir das Leben, wie wenig drückte mich meine Armut, wie srölich köntc ich in die Zukunft blicken. Ich würde nach der Residenz gehen und kunstverständige Männer aussuchen und meine Stimme prüfen lassen. Als Mädchen kann ich das nicht, es ziemt sich nicht, sagen sie, und so sehe ich mich denn bei jedem Schritt, den ich selbständig ins Leben wage, dem Miswollen ausgesezt und den schlimsten Deutungen, und ich habe sogar für meine Person zu zittern. Sagte es nicht Hellenbach selbst? Sprach er nicht von gefärlichen Gelüsten der Männer und daß das Schlimste mich bedrohe? Aber wenn ich jezt zu ihm gehe, heimlich und allein, habe ich da nichts zu fürchten? Ein Gcfül der Angst brauste in ihr auf, eine steberhafte Be- klemmung schnürte ihr die Brust zusammen. Sie erinnerte sich des Blicks seiner Augen, des Schmeicheltons seiner Stimme, des flüchtigen und doch so heißen Druckes seiner Hand, und instinktiv erriet sie die ganze Gcfar, die ihr auch von ihm drote. Und wenn sie jezt in diese Zusammenkunft willigte, und sie mußte es tun, wenn sie nicht ihren Plan aufgeben und der Büne entsagen wollte; und wenn sie nun vor ihn hintrat und ihm bekante, wie es um sie stand, und daß sie niemanden habe, der ihrem leiden- schaftlichen Ehrgeiz zuhülfe kommen wolle, als ihn, und wenn sie diese Hülfe dann wirklich entgegen»«»!, hatte sie ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit nicht an ihn verloren, hatte sie sich dann nicht ganz in seine Hände gegeben? Es durfte nicht sein! Aber als Mädchen, war ihr nicht jede Sclbsthülfe versagt? Sie stöhnte auf in dem Gefüle ihrer Hülslosigkcit, ihrer Schwäche, die nicht in ihrem Charakter lag, nein, die die Gesellschaft ihr zur Pflicht machte, gleich einer Tugend.— Aber bleibt dem Schwachen kein Mittel, um sich gegen die Uebcrgriffe des Starken zu verteidigen? Und der Unfteie, vermag er sich nicht zu schüzen vor dem Misbrauche der Gewalt?—— Sie sann und sann. Schon fiel das erste, schwache Licht des anbrechenden Tages durch die Scheiben. Elvira, halb aufgerichtet, den Arm auf dem Polster, den Uopf in die Hand gestüzt, sah gedankenvoll in dieses Morgen- grauen, und wie'allmälich die Gegenstände um sie herum in be- stimten Umrissen aus dem Dunkel sich lösten, und es hell und heller wurde, so gelangten auch die sich drängenden Gedanken in ihr zu größerer Klarheit. Auch sie hatte das Mittel gefunden, das einzige, das dem Weibe zu seiner Selbstverteidigung oder um seinen Willen geltend zu machen, geblieben ist, nein, zu dem es verdamt ist: List und Verstellung. Bald hatte sie sich ihr Verhalten ihm gegenüber völlig znrecht- gelegt, und einmal damit im reinen, beschloß sie, sogleich aktiv vorzugehen. Sie erhob sich vom Bette, leise und unhörbar, und noch ehe die Sonne über die Hügel sich erhoben, saß sie am Schreibtisch und schrieb folgenden Brief an Baron Hellenbach: „Herr Baron! „Ich bin voll Freude und Entzücken! Da ich Ihre freund- liche Teilname für alles kenne, das meine geringen Talente for- der» kann und meine künstlerische Laufban protegirt, so müssen Sie auch sogleich erfaren, was sich in dieser Hinsicht für mich günstiges ereignet hat. „Nach langem Zandern fand ich heute den Mut, meiner Familie meine Absicht, zur Büne zu gehen, zu entdecken, und ich ivar so glücklich, sie für meine Pläne zu gewinnen. „Meine Mutter sowol wie meine Tante sind nun meinen Absichten nicht mer entgegen, ja die leztere bezeigt das lebhafteste Interesse dasür und hat mir ihre Unterstüzung in allem und jedem zugesagt und mir ihre, freilich nur beschränkten Mittel zur Verfügung gestellt. Ich füle mich wie befteit von einem schweren Druck, ich bin froh und glücklich. Gewiß, Herr Baron, Sie werden meine Freude begreifen. Ich kann nun offen und one Rückhalt meinen Studien obliegen, ich kann alles mit Bedacht vorbereiten, gemeinsam mit den Meinen prüfen und das Beste wälcn. „Ich bin jezt kein ungeratenes Kind mer, das gegen den Willen der Seinen heimlich zum Teater läuft und infolge dessen tausend Torheiten zu begehen gezwungen ist. Ich werde nun mit weniger Romantik, aber mit größerer Sicherheit mein Ziel zu erreichen suchen. „Es soll mir gelingen. Alles erscheint mir in einem helleren, ruhigeren Lichte, auch Ihre Freundschaft und Gönnerschaft, Herr Vl. 5. März 1881. Baron, die ich weniger als je vermissen möchte. Jezt, da mir alles so nahegeriickt und erreichbar erscheint, ist mir Ihre Bit- dung, Ihre Sachkentnis, sind mir Ihre Ratschläge unentberlich. Ich will sie hören, will sie dankbar aus Ihrem Munde selbst entgegennemen. Sie werden bestimmen, was nun, da die Hinder- nisse, die ich am meisten fürchtete, beseitigt sind, geschehen muß, um mich am raschesten und sichersten meinem Ziele entgegen- zufüren. Ich willige in diese Zusammenkunft, die ich erst in ihrem Resultat den Meinigen bekaut geben werde. Vor der Hand bleibt sie zwischen uns ein kleines, wolbehntetes Geheimnis. „Sie werden mir mitteilen, sobald Sie aus der Stadt in Ihre Villa zurückgekehrt sind, und ich werde dann Ort und Stunde dieses Wiedersehens bestimmen. Ich freue mich darauf, demjenigen wieder zu begegnen, der die felende Zuversicht in mein Talent mir eingeflößt hat und damit allen Mut, um zu wagen und zu kämpfen." Elvira hatte rasch geschrieben. Sie überlas den Bris noch einmal, seztc in festen Zügen ihre Unterschrift darunter und legte ihn in ein Couvert, auf welches sie Eugens Adresse sezte. Sie barg hierauf den Btif in dem Schubfach ihres Schreibtisches und begab sich wieder zu Bette. Sie schlief jezt, da die unruh- volle Spannung von ihr gewichen war, den gesunden Schlaf der Jugend, bis sie von ihrer Mutter geweckt ward. Nach zwei Tagen schon hatte sie Eugens Rückantwort. Sie war etwas reservirt gehalten, der Ton im Vergleich zu den vorhergehenden Brisen kül und gemessen. Er dankte für das liebenswürdige Vertrauen, das sie ihm entgegenbringe, und daß er trachten werde, sich dessen würdig zu zeigen, leider aber könne er nicht sogleich nach Waidingen zurückkehren, da ihn mancherlei wol noch eine Woche lang hier zurückhalten werde. Er bat sie jedoch, ihn durch weitere Mitteilungen über ihre Studien, über ihre häuslichen Verhältnisse, über ihre Pläne einigermaßen für diese Verzögerung zu trösten. Elvira willfarte der Bitte. Es war eine ziemlich lebhafte Korrespondenz, die sich da aus dem Hause Weiß nach der Resi- denz entsponnen hatte, denn auch Marie erhielt immer häufigere Brise von Alfred, und die gute Frau Weiß, die sich einbildete, eine sorgfältige, nicht zu hintergehende Hüterin ihrer Töchter zu sein, hatte von all' dem keine Ahnung. Eines Nachmittags war Marie von einem Besuch ihrer Freundinnen zurückgekehrt, die ihr abermals einen Bris des Bruders eingehändigt. Sie wollte ihn erst in ihrem Kämmer- lein lesen, und sie stand nun bald errötend, bald erblassend mit klopfendem Herzen am Fenster, und ihre halbgeöffneten Lippen lispelten die Worte nach, die da geschrieben standen und die der feuchte Schimmer ihrer Augen zu verschleiern drote. Alfted fragte sie in diesem Brise, ob sie sein Weib werden wolle. Er schrieb, daß er gehofft habe, zu Ostern schon seinen Besuch in Waidingen zu wiederholen und die stets wachsende Sehn- sucht nach der Geliebten in diesem Wiedersehen doch teilweise zu stillen, aber diese schöne Hoffnung sei vereitelt worden. Er könne im Augenblick nicht fort und sei's auch nur für einen Tag. Er habe soeben eine glänzende, ihn ehrende Bestellung erhalten, ein großes historisches Bild für einen Rathaussal in einer Provinz- stadt, das aber in der kürzesten Zeit geliefert werden solle. Die Professoren der Akademie, welche die Arbeit zu ver- geben hatten, hatten ihn als den Würdigsten dafür bezeichnet. Wenn nun aber sein nächster Wunsch sich nicht erfüllen könne, so werde ihm dadurch ein noch höherer erreichbar. Jezt könne er daran denken, sich ein Heim zu gründen. Die Arbeit werde ihm eine nicht unbedeutende Summe eintragen und sie»verde ihn sofort bekant machen, ihn in die Reihen der beachtens- werten jungen Talente stellen, denen es an Aufträgen nicht zu felen pflegt. Er könne seiner Marie wol kein glänzendes Los bieten, ja, es würden noch Jare vergehen, ehe er eine behagliche Künstlerexisteuz sich gesichert, aber er kenne ja ihren bescheidenen Sinn, ihre Anspruchslosigkeit und er glaube an ihre innige wäre Liebe. In Gedanken habe er sich bereits gewönt, sie als sein heiligstes Eigentum zu betrachten, one das es für ihn kein Glück und keine Freude mer geben könne, und so frage er sie denn, ob sie als sein geliebtes Weib sein Schicksal mit ihm teilen, Leid und Freud mit ihm gemeinschaftlich tragen wolle. Er er- warte ihre schleunige Antwort mit ungeduldigem zitternden Herzen. Ihre Liebe, ihr bräutlichcs Verhältnis selbst, solle auch noch ferner für alle Welt, außer für die. die ihnen zunächst stünden, ein Geheimnis bleiben. Er fragte sie hierauf, ob sie es wünsche, daß er schon jezt bei ihrer Mutter formell um ihre Hand au- halte, und schloß den Brief mit jenen zärtlichen Worten und Beteuerungen, wie sie eben Liebenden zu Gebote stehen. Marie erbebte unter einem leisen Wonneschauer, sie schloß die Augen: da wurde ihr Empfinden aber noch seliger. Sic glaubte Alfred an ihrer Seite, sie glaubte den süßen Einfluß seiner Nähe zu fülen. Wie ein Uebermaß von Glück überkam sie's; verdiente sie's denn auch? Alles, nach dem ihr Herz nur heimlich zagend verlangt, weil es ihr als das Höchste erschienen war, es hatte sich ihr so rasch, so plötzlich erfüllt—. Sie sollte sein, ganz sein werden. Ach, sie war es ja schon, all ihr Denken und Fülen gehörte ihm. Sie ging an diesem Tag mit gesenktem Haupt, und einem stillen, glücklichen Lächeln herum, sie trat noch leiser auf als sonst, ihr war, als schwebe sie. Sie fand nur Zeit und Ge- legenheit, einige ivenige Worte auf das Papier zu krizeln; sie war keine gewante Schreiberin, aber diese Worte sagten alles, was Alfred nur wünschen konnte. Zu gleich bat sie ihn, nur ja gleich bei der Mutter um sie anzuhalten, es bedrücke sie, ihre Freude, ihr großes Glück vor der Teuren geheim zu halten. Sie vermochte es in der Tat nicht zu verbergen. Als der Mutter ihr seltsam verändertes Wesen auffiel und sie sie fragte, was es denn eigentlich sei, daß sie bald in stiller Verklärung lächle, und dann wieder in lauter Frölichkeit schwäze, einmal den Kopf hängen lasse, und garuichts arbeite, und dann wieder nicht genug tun könne und alles allein machen möchte, da fiel ihr die Tochter unter Tränen um den Hals, und gestand ihr alles, und sie er- zälte ihr die Geschichte ihrer Liebe bis auf wenige Details, die eben ein zartfülendes Gemüt niemanden eingestehen kann, als deni Geliebten selbst. Frau Weiß war bedeutend weniger entzückt als ihre Tochter. Ihr erschien das alles zu rasch, zu unüberlegt gehandelt; und Marie hätte noch Zeit, sie sei erst zwanzig Jare alt und es könne sich leicht eine bessere Partie finden. Marie sah sie mit großen, verwunderten Augen an.„Mama!" rief sie, und es lag etwas von bebendem Schreck in dem Aus- ruf, als würde einem frommen Gläubigen sein Heiligtum ge- lästert.„Ist denn nicht Alfred der beste und edelste der Men- scheu! Ach, Mutter, das ist ein großes, fein empfindendes Herz, ich stehe weit unter hm, das Glück seiner Liebe ist für mich ein so unverdientes, und du kannst so sprechen?" Frau Weiß machte eine verdrießliche Geberde.„Nun, ich kenne diesen Herrn nicht, er hat es ja nicht einmal der Mühe wert gefunden, sich mir vorzustellen, natürlich die Mutter ist die lezte; ich weis nicht iner von ihm, als daß er ein anständiger Mensch ist, aber das ist mir noch nicht genug." Mama Weiß war an diesem Tag selbst durch die Tränen Mariens nicht günstiger zu stimmen; als am nächsten aber gegen Abend ein Brif Alfreds, an Frau Weiß direkt adressirt, abge- geben wurde, und als die gute Dame darin soviel Ehrerbietung und schmeichelnde Anerkennung fand, als die liebenswürdigen herrlichen Eigenschaften der Tochter als von ihr allein ausgehend bezeichnet und ihr dafür der innigste Dank dargebracht ward, und als nun der künftige So» an ihr Mutterherz appellirte und sie bat, ihn durch die Verbindung mit ihrer Tochter glücklich zu machen, als er ihr hierauf von seinen Aussichten sprach, da ward ihr Herz gerürt, und sie gab ihre Zustimmung mit einem Seufzer, und einem ergebenen:„Nun, wie Gott will!" Zwölftes Kapitel. Eugen Hellenbach war nach Waidingen zurückgekehrt. Das Rendezvous zwischen ihm und Elvira war für den nächsten Tag verabredet. Sie wollte, da ihr der Morgen passender als der Abend erschienen war. um vier Ur ftüh ncich dem Parke kommen, der seine Villa am Buchberg umgab. Ihr Schlaf war auch in dieser Nacht, die der Zusammenkunst voranging, ein unruhiger, häusig unterbrochener. Sie für jäh in die Höhe, als das erste schwache Grauen durch ihr Fenster schlich. Sie sah nach der Taschenur, die sie sich nahe gelegt, es war drei Ur. Sie glitt aus dem Bett und nur notdürftig sich ankleidend, faßte sie die übrigen Kleidungsstücke zusammen und huschte damit aus dem Zimmer. In dem Gemache, das nach dem Garten ging, ver- vollständigte sie erst ihre Toilette. Der Abend war noch heiter und angenem gewesen, aber die Witterung hatte sich rasch ge- ändert. Schwere Regenwolken ballten sich zusammen und senkten sich immer tiefer herab, wärend die dem Boden entstiegenen Dünste wie Nebelschleier hin und herwallend, sich mit ihnen zu 2rr vereinigen strebten. Auch die Temperatur war stark gefallen, das Termometer ivies kaum vier Grad über Null. Glvira stand am Fenster und sah mit einiger Besorgnis nach diesen ungünstigen Zeichen. Es wird gleich zu regnen anfangen, dachte sie, aber sie nadelte dennoch eilfertig ihr schönes dichtes Har, das sie in einem lockeren Dreher zusammen gefaßt und das ihr weit über den Nacken herabfiel, fest, und machte sich zum ausgehen fertig. Sie tvarf einen Regenmantel um und nam ihre Handschuhe, ehe sie aber den Hut aufsezte, trat sie zum Spiegel und sah hinein. Elvira war nicht mer das sorglos übermütige Kind, das in un- befangener Eitelkeit sich mit allem und jeden zu schmücken liebte, ihre reiferen Pläne, ihre höheren Ansprüche an das Leben hatten auch sie gereift, und der Blick, mit dem sie sich jezt besah, war ein ernster prüfender. Sie wollte auch heute schön sein, aber sie hatte absichtlich all den armseligen Puz, den sie ihr eigen nannte, vermieden, er genügte ihr nicht mer. Sie strich das, in einem natürlichen Gelock gegen die Stirn fallende Har etwas zurück, um diese noch fteier hervortreten zu lassen. Sie fand ihr Ge- ficht blaß, aber ihre Augen hatten jenen sascinirenden Glanz, den eine seelische Ausregung hervorzurufen pflegt. Behutsam setzte sie den weichen Filz auf und einige Minuten später schob sie behende den kleinen Riegel zurück, der die Tür im Borhause gegen den Garten zu abschloß und durch diesen eilend, befand sie sich bald auf der Straße. Nachtruhe noch ringsumher. Nichts regte und rührte sich. Das Firmament war jezt nur eine eintönige graue Wolkenmasse, ans welcher ein dichter, feiner Regen herniederrieselte. Die Luft war ruhig und kalt, fröstelnd hüllte sie sich fester in ihren Mantel. Der Ausenthalt im Park war unmöglich geworden, das wußte sie. dennoch ging sie weiter in nervöser Energie ihre kleinen Zäne fest aufeinanderbeißend. Sie hatte den Buchberg erstiegen und betrat den Wald. Es dampfte ihr daraus entgegen. Die zunächst stehenden Bäume sahen dunkel und riesenhaft aus, alles Weiterstchcnde hüllte sich bei der zuncmcnden Helle in lichmcbelige Schleier, die in immer- wärender Bewegung sich ineinander webend, sich verschlingend und wieder lösend, einen geheimnißvollen Reigen tanzten. Der Wald schien, von ihnen erfüllt sich zu weiten, zu dehnen, in diesem unfaßbaren grauen, jglizernden Duft ins unabsehbare zu wachsen. Immer dichter rieselte es hernieder; kein Tierchen war zu sehen, kein Bogelschrei zu hören, kein Zirpen einer Grille; nichts war vernembar als das monotone fein klingende Geräusch der niederfallenden Regentropfen. Es troff von Feuchtigkeit; jede Nadel der breitästigen Tannen und Fichten war mit einer schim- mernden Perle gekrönt, indes die weicheren Blätter und Halme unter der Last dieser Perlen sich neigten; kleine Rinnen ent- standen, Silbersädcn gleich. Der leiseste Windhauch, der durch den Wald säuselte, entlud über das rasch dahinschreitende Mäd- chen einen nach allen Seiten sprühenden Regenschauer. Je höher sie kam, desto frischer wehte es ihr entgegen, die Nebelschleier begannen zu zerreißen. Die Sonne war aufgegangen, aber sie war noch dicht umhüllt, man ahnte sie nur hinter dem hellen weißen Gewölk. Hanengeschrei tönte zu ihr herauf; sie beschleu- »igte ihre Schritte. Sie hatte die Höhe erreicht und lief nun aus der anderen Seite hinunter. Sie mußte über eine Lichtung; wie ein See breitete sie sich vor ihr aus— eine graue glizernde Wassermasse, und doch waren es nur die dicht gesäeten Tropfen, die auf dem Grase lagen und diese Täuschung hervorbrachten. Sie nam ihr Kleid noch höher und schritt mitten hindurch, sie fülle, wie ihre Füße durch die starke Beschuhung hindurch feucht wurden. Aber jezt sah sie auch schon das Türmchen der Villa aus den sie umgebenden Bäumen hervorragen. Noch einige hundert Schritte und sie ivar an den« hölzernen Stackete ange- langt, die Hellwalds Besizung umgab. Das kleine Türchen darin stand offen, sie wurde erwartet. Langsamer ging sie jezt vorwärts, ein breiter, wolgehaltener Schlangenweg fürte nach der Billa. Bon Zeit zu Zeit blieb sie stehen und horchte. Kam er ihr nicht entgegen? Ihr Schritt ivard zögernd, er verlangsamte sich immer mer. War es die Kälte und Feuchtigkeit, die sie durchdrang, mar es die Aufregung und Ungeduld,— ihre Zähne schlugen bebend aneinander. Sie bemerkte jezt die Fenster des Hauses, die nach dieser Seite hin lagen, sie waren verschlossen und nichts rürte und regte sich, keine Aeußerung von Leben ringsum. Es ist vier Uhr, warum ist er nicht da? Oder vermeint er, ich würde one weiteres in die Villa treten, um ihn dort anfzu- suchen? Das»verde ich nicht tun, gelvis; nicht, eher kehre ich um. Aber ehe sie noch eine Wendung ausgcfürt, hörte sie ihren Namen aussprechen und gleich darauf trat Eugen aus dem Laubengang, der bis an die Seite des Hauses sich hinzog, ihr entgegen. „O, mein Fräulein, ich glawbte dies Glück kaum noch er- warten zu dürfen," rief er in einem Ton lebhaften Entzückens, indem er sich ihr näherte.„Wie liebenswürdig ist das,»vie heldenhaft, einem solchen Wetter zu trozen, um sein Wort zu halten!" Er hatte ihre Hand ergriffen und in überzarter, fast affektirter Weise, fürte er ihre Fingerspizen an seine Lippe»»; dann in erschreckter Besorgnis»„Aber mein Gott,»vie durchnäßt Sie sind,»venu es Ihnen iiur keinen Schaden bringt, lassen Sie uns eiligst ins Trockene kommen." Er hatte mit ihr den Laubcngang durchschritten und vor dem Hause angelangt, stieß er eine kleine Tür auf, die von hier in dasselbe fürte. Sie zögerte einen Augenblick. „Mein Fräulein, Sie treten in das Hans eines Edelmannes, »vas könten Sie fürchten?" Sie tvendcte ihm ihr Antliz zu, und mit einem festen Blick aus ihren großen Augen sagte sie ernst, fast hoheitsvoll: „Ich fürchte nichts." Es ivar das erste Wort, das sie zu ihm gesprochen. Sie»varen durch ein kleines Vestibül gekommen, hinter dem- selben befand sich das Stiegenhaus, das durch Oberlicht eine ungemein günstige Beleuchtung erhielt. Ein breiter Teppich»var über die Stufen gelegt und auf dem Treppenabsaz»varen hohe B-attpflanzen aufgestellt. Eugen sprang einige Stufen voraus, und sich hierauf zurückneigend, reichte er Elvira die Hand ent- gegen, um ihr beim Heraufsteigen behülflich zu sein. Die feine, elastische Gestalt des jungen Kavaliers sah in dieser graziösen Betvegung, von dem oben einfallenden Licht überflutet, äußerst vorteilhaft aus, und die ausgesuchte Eleganz seiner Toilette crhöte die Wirkung. Er trug ein modernes Jaquet von dunkel- blauem Sammet, das, bis zum Hals geschlossen, nur die licht- seidne Kravatte sehen ließ; seine Beinkleider bauschten sich über dem Knie,»värend der untere Teil des Beins in rehledernen Gamaschen steckte,»velchc die hübsch geformten Füße und den elegant gearbeiteten Stiesel kokett hervorhoben. Das sorgfältig frisirte Har war unbedeckt und glänzte in Lichtreflexen. Elvira fülle sich von dieser Eleganz der Erscheinung, von dieser Eleganz der Hingebung unwillkürlich beeinflußt. In einem Vorzimmer, das»nit großen Spiegeln ausgestattet ivar, bat er um die Erlaubnis, ihr den Hut und das nasse Ober- kleid abnemen zu dürfen. Er»vollte die Agraffe des Mantels lösen, aber schon hatte sie denselben zurückgeworfen und sie legte nun auch den Hut ab. Hierauf vor einen Spiegel tretend, be- müte sie sich, das hochaufgcschürzte Kleid rasch herunterzulassen. Er»var diskret einige Schritte zurückgetreten und kam doch»vieder näher, und auch die feinen, länglichen Finger streckten sich dienst- beflissen ihr entgegen, sich nähernd und rasch sich»vieder zurück- ziehend,»vie Fttlhörner, deren Tastvermögen schon ans einiger Entfernung Eindrücke zu empfangen vermag. Sie dankte für all' diese Zuvorkommenheit, sie sei an Selbsthülfc gcivöhnt, versicherte sie. Sie zog nun mit einiger Mühe die Handschuhe herab, die gleichfalls naß getvorden»varen. Besorgt erfaßte er ihre Hand. Wie kalt sie war. fast erstarrt; mit sanftem Driick hielt er sie in der seinen, um sie zu erlvärmen; er glaubte, ihr leises Zittern zu verspüren, und hinter der heuchlerischen Maske mitleidigen Bedauerns dachte er voll unsäglicher Befriedigung: und sie fürchtet sich dennoch und sie erzittert in» Geflll ihrer Schwäche, und doch habe ich noch alle Trümpfe ausznspicle». Laut aber sagte er: „Wir wollen diese bösen Einflüsse rasch paralisiren; treten Sie ein, mein Fräulein, hier»Verden Sie Sich bald behaglicher fülen." Er öffnete eine Tür. Einen Augenblick später befand sich Elvira in dem berühmten Boudoir, welches der edle Onkel mit all' dem Raffinement, das die Phantasie eines alten Junggesellen erdenken kann, und»nit all' dem Luxus, den ein Millionär sich erlauben darf, für die erhoffte Gattin seines Neffen hatte einrichten lassen. Eine angeneme Wärme und ein süßer, fast betäubender Duft strömten ihr entgegen. Sic tat einige Schritte auf einem dicken, orientalischen Teppich, der den ganzen Boden bedeckte, und blieb, wie vor einem Wunder, betroffen stehen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß die verschivenderische Pracht des Reich- tnins, durch die Anordnungen eines künstlerischen Geschmacks zu harmonischer Wirkung entfaltet, ihr vor Augen trat. Das Gemach, im reichsten Renaissancestil, war durch sein architektonisches Ar- rangement gleichsani in zwei Teile geteilt, von denen der kleinere durch Pilaster und Vorhänge sich fast zu einem Alkoven verengte. Hier war am Plafond und an den Wänden Holzgetäfel mit kleinen Nischen, in welchen herrliche Gefäße, Nachamungen aus derZeit des Cinque- cento, sich befanden. Das einzige Fenster des Alkovens war mit Glas- Malereien geziert und unter dcinsel- ben befand sich ein breiter, nut weichen Teppichen und Polstern ausgestatteter Divan, ein echtes Haremsmöbel. In diesem Teil herrschte ein sanftes, traumhaftes Dunkel, das, wie der Onkel meinte, die süßen Geständnisse und das Liebesgetändel der Neu- vermälten begünstigen sollte; in dem größeren hingegen war alles heller, lachender, voll unbefangener Lieblich- keit. Der Plafond im iveißen Stuck mit Gold, die Tapete blau, sammet- artig mit eineni kleinen Dessin in Gold; das zierlich gebaute Sopha und die Fauteuils ivaren mit einem lichten Seidcnbrokat überzogen, der mit unendlich zartfarbigen Blumen und Goldfäden durchmebt und an den Seiten mit blauem Sammet montirt war. Aus denselben Stoffen waren auch die Portieren und Fenstervor- hänge. Bor denl Sofa stand ein kleiner Tisch mit einem farbenpräch- tigen Teppich aus Beludschistan, da- rauf eine breite, silberne Schale mit Reliefs, in Ivelcher eine Menge der herrlichsten Rosen, sorgfältig arran- girt, ihren lieblichen Duft ausström- ten. Exotische Blüten und Blatt- pflanzen prangten auch vor den Fenstern, die hier nach dem Walde gingen und durch deren helle Schei- ben das Morgenlicht hereinflutete. Vom Alkoven schief gegen das Fenster zu, war ein Pianino von Erard aufgestellt; es war geöffnet und die Noten aufgeschlagen, als harre es nur der belebenden Hände. Dem Pianino gegenüber und, wie dieses, vom Alkoven gegen das Zim- nicr zu einen stumpfen Winkel bil- dend, aufgestellt, befand sich ein kleiner Kamin aus lichtem Marmor, mit Figuren und Nippsachen aller Art beladen, in welchem in diesem Augen- blick ein helles Feuer braute und eine sanfte, woltuende Wärme verbreitete. Draußen rieselte noch immer ein seiner, kalter Regen hernieder und die Fensterscheiben überzogen sich mit einem feinen Dunstschleier, als woll- ten sie all' das Rauhe, Unfteundliche, was da draußen lag, ausschließen vor dieser reizenden Behaglichkeit hier innen. Welch' ein Kontrast auch! Und Elvira, die allein und geängstet in dem grauen Morgennebel dabin- geeilt, von Feuchtigkeit und Kälte durchdrungen, von unbestimten Vorstellungen gefoltert war, sie Der Ciugauz?ur Grotte von Antiparo».(Seite S78.) einemmale, daß dieser Effekt ein von ihm in vorhinein wol- berechneter gewesen, daß er sie hierher gcfürt mit der Absicht, sie zu blenden, ihr Verlangen nach den Genüssen des Reichtums zu erwecken. In blizartiger Eingebung fiel ihr die neutestamen- tarische Sage ein, wo Satan Christus auf den Berg gefürt und ihm da alle Herrlichkeiten der Welt gezeigt, um ihm zu sagen: Sieh, dies alles will ich dir geben, wenn du mich dafür anbeten willst. Christus hatte den Versucher hinweg gewiesen, sie besaß nicht diese Erhabenheit der Gesinnung, nicht diese fromme Ent- sagung. sie begehrte nach diesen Reich- tümern, sie wollte sie für sich erringen, vermöge ihres Talents, vermöge ihrer Kraft. Mit dem Versucher, der sich an sie herangedrängt und der ihr durchaus kein Grauen einflößte, hoffte sie in dem Mädcheniibermut ihrer achtzehn Jare wol fertig zu iverden. Die Augenblicke des Zagens, der Uuentschlosscnheit waren für sie vor- über, und jezt, da sie der Gefar ins Auge blickte, sülte sie eine Art Kampfesfreude in sich entstehen. All' die Elastizität ihres Geistes war ihr zurückgekehrt, und damit ihre Fassung. Sie hatte die Situation angenommen, sie wollte sich zum Herrn derselbe» machen. Dies Fülen und Denken hatte sich blizartig vollzogen; ein wolorganisirtes Gehirn ist ein rasch arbeitender Apparat. Noch im Schauen begriffen, hatte sie ihr Be- nemen sich schon zurechtgelegt. Sie durste keine Verblüfftheit zeigen, ihre Begerlichkeit nicht verraten, es mußte scheinen, als ob das sie hier Um- gebende ihr altgewonte Dinge wären, oder doch solche, die keinen allzutiefen Einfluß auf sie übten. So suchte sie auch das einmal verratene Entzücken nicht zu verbergen, sondern ihni rasch eine weniger verfängliche Richtung zu geben, und in einem Ton freudiger Munterkeit rief sie: „Ah, diese Blumen, diese Rosen, wie liebe ich ihren Duft, und wie freundlich es hier ist und wie an- genem durchwärmt!" Sie wante sich nach dem Kamin.„Wie, ein wirkliches Feuer! Ach, Baron, das war ein guter, mildtäftger Gedanke, ich segne Sie dafür." Sie näherte ihre Füße, ihre Hände der Flamme, und halb klagend, halb lachend rief sie:„Ich bin wirklich ganz erstarrt." Eugen hatte schon einen kleinen Fauteuil vor den Kamin gerollt; sie solle sich's darin behaglich machen, bat er, und als sie darin Plaz ge- nommen, schob er den Stul noch näher und zeigte sich nun in der heiter sorglichsten Weise um sie be- müt. Ihre Füßchen müßten vor allem trocken werden, meinte er, und hierauf verwies er ihr mit deni anmutigsten Ton von der Welt diesen unverant- wortlichen Leichtsinn, der sich in solchem Wetter one wasserdichte atmete auf in dieser ihr plözlich erschlossenen Wunderwelt, in Beschuhung durch den Wald wage. diesem Tempel des Schönen, wo alles, sie umschmeichelnd, zu �„Und was täte ich," scherzte er,„wenn diese Stimme, deren ihren Sinnen sprach. Sie hatte die Hände vor der Brust gefaltet, � Schulung und Bildung ich derzeit als meine Vorneinste Beschäf- von der ein tiefer Atemzug sich löste, und ihre Lippen öffneten tigung ansehe, plözlich dahin wäre, verloren auf Nimmerwieder- sich nun, um dem überwallenden Entzücken Ausdruck zu geben.' finden?" Da fiel ein Blick in den ihr gegenüber hängenden Spiegel, sie sah darin den Baron, der hinter ihr stand, sie sah sein Lächeln und den lauernden Ausdruck seiner Augen, und sie wußte mit finden?' Sie lachte.„Sie wären außer Dienst und müßten Sich pensio- niren lassen, aber beruhigen Sic Sich, ein Landmädchen wie ich verträgt dergleichen, one Schaden zu nemen. ---- 273------ Er hatte sich vor dein Kamin auf ein Knie niedergelassen, I Scheite, svdaß sie aufs neue aufloderten. Elvira freute sich über und den Feuerhaken ergreifend, stieß er damit in die brennenden! das Aufsprühen und Knistern, und wie die bläulichen Flammen aus den dunklen Gluten aufzüngelten. Er legte noch ein Stück und als sie sich nun in den Sessel zurücklehnte, fragte er wieder- Holz auf und zog dann das Kamingitter in die Höhe. Gegen � holt, ob es so recht, ob sie die Wärme verspüre, ob es ,hr so dasselbe sollte sie ihre Füße stemmen, so ganz nahe, ganz fest; behaglich sei.(Fortsezung folgt.) Weinveredlung oder Äiationalgetränk für die Deutschen ist der Wein zwar nicht, wird es auch aller Voraussicht nach nicht werden, denn das dem Weinbau gewidmete Ackerland hat gegen frühere Zeiten schon erheblich abgenommen(man denke, daß in der Mark und in dem Ordensland Preußen ehedem Wein gebaut wurde!) und nimmt noch tveiter ab aus klimatischen und andern Gründen. Bier für besser Situirte und narhaftere Zeiten, und Schnaps für mangel- Haft gesättigte Mägen werden diesen Plaz behaupten und sich nur je nach der wechselnden Zeitlage gegenseitig etwas wer oder weniger Plaz abdrängen. Aber doch behauptet der Wein auch bei uns Deutschen ein gewisses allgemeines Interesse, indem er einmal in den südtvestlichen und westlichen Landesteilen in den geringern Sorten auch den unbemittelten Kreisen nicht unzugäng- lich ist und Iveiterhin, indem er im ganzen Land bei sehr hohen Fest- und Familienfreudentagen ausnamsweise auf den Tisch konit, und man dann von ihm eine außerordentliche Erhöhung des Frosinns und des Lebensgenusses erwartet. Es ist bekant, daß nur zu häufig das für billigern, oft auch ziemlich teuren Preis als Wein gelieferte Kunstprodukt die Freude bald recht schnell, bald doch Hintennach um so gründlicher durch seine üblen Nachwirkungen verdirbt. Sollte etiva solches Gebräu bei dem von mancher Seite geäußerten Wunsch, der Wein möge deutsches iUatioimlgctränk werden, gemeint gewesen sein, so dürfte gegen dessen Einfiltrirung doch wol selbst die deutsche Straußenverdauung sich aufbäumen. Darüber, daß der Verkauf von Flüssigkeiten, die, one Lerwen- dung von Weinbeeren, durch künstliche Zusammenmischung einiger dem Wein eigentümlicher oder dessen Bestandteilen änlicher Sub- stanzen mit gefärbtem Wasser, unter der einfachen Bezeichnung „Wein" ein Betrug und eine Fälschung sei,— darüber sind die meisten Stimmen im Lande wol einig! Dagegen wird von Weinproduzenten und Händlern sowol, als auch� von mancher andern, nicht genügend informirten Seite, die künstliche Verbesse- rnng oder Veredlung minderwertiger Sorten oder ganzer schlecht geratener Jargänge von Traubensaft als ein ganz reelles, sogar dem allgemeinen Interesse der Konsumenten dienliches Verfarcn verfochten. Nun iväre ja der Teorie nach allerdings gegen ein Getränk nichts einzuwenden, das, auf künstlichem Wege zusammengesezt, doch sämmtliche und genau dieselben Bestandteile in derselben Menge enthielte, als das entsprechende natürliche, und das weder durch chemische Hilfsmittel, noch durch unsere Sinneswcrkzeuge davon zu unterscheiden wäre. In Wirklichkeit ist die Erfüllung dieser Anforderung aber gegenwärtig unmöglich, da man nicht alle im Naturwein vorkommenden Stoffe künstlich aus andern herzustellen vermag, da ferner schon der Zusaz ganz reiner, dem echten Wein eigentümlicher Bestandteile den Fabrikanten künstlichen Weins ihr Fabrikat zu teuer machen würde, und sie daher eben lieber manche weglassen, dafür andre Surrogate nemen, deren Gesund- heitsschädlichkeit für sie kein Hindernis der Verwendung bildet. Auch die Weinverbesserer oder-Veredler gelangen, selbst wenn die Absichten mancher nicht unreell sein sollten, doch in der Regel zu keinem günstigen Resultat, nämlich einem für den Konsumenten mit gutem' Gewissen zu empfelenden Getränk, da sie aus lln- wisscnheit oder der Billigkeit wegen zu einem Surrogat für den felcndcn Zuckergehalt im Most, um den es sich sonst stets handelt. greisen, das nie rein geliefert wird und bei der Vergärung des Mostes sich durchaus nicht ganz gleich dem zu ersezenden Trauben- zucker verhält. Bei Beurteilung der Güte seines Mostes ist bekantlich sür den Weinproduzenten ausschlaggebend das Verhältnis vom Säure- zum Zuckergehalt. Für gute Sorten und günstige Jare sind auf 1 Teil Säure bis 29 Teile Zucker vorhanden: für mittelmäßige Sorten und schlechtere Jargänge ist das Verhältnis ungefär l zu 16, wärend ein solches von 1 zu 10 die Verzweiflung des Weinbauers erregt, denn derartiger Most ist unzweifelhaft sauer, unreif und sür sich zur Weinbereitung ganz ungeeignet. Das von Chaptal vorgeschlagene Auskunftsmittel fand daher allgemei- nen Beifall, dem Most soviel Zucker zuzuiezen, als ihm zu dem Gehalt, den er in besseren Jaren aufweist, fele. Da nun bei gutem Herbst der Traubensaft im Liter 300 Gramm Zucker eut- hält, der bei schlechtem bis auf 150 Gramm fällt, so kann hier- nach ein zusäzliches Zuckerquantum bis 15 Kilogramm für den Hektoliter Most beansprucht werden. Nun ivird bei diesem, Chap- Weinverfälschung? talisiren genanten, Berfaren zwar der Alkoholgehalt im Weine vermehrt, und durch den unvergornen Zucker auch der zu stark saure Geschmack des Mostes verdeckt, immerhin aber bleibt ein im Verhältnis zu gutem Wein absolut zu großes Quantum an Säure in dem Getränk vorhanden, denn bei gutem Ausreifen der Trauben steigt in ihnen nicht nur der Zuckergehalt beständig, sondern es nimt gleichzeitig ebenso der Säuregehalt ab. Diesem Uebelstand abzuhelfen ist nur das nach Gall genante Verfaren, dem sauren Most Zucker und gleichzeitig Wasser �»zu- sezen, nach einer Seite hin geeignet. Das Verhältnis von Säure zu Zucker läßt sich auf diese Weise dem des normalen Trauben- safts gleichstellen; aber es gehört auch ein gewisser Gehalt von Extraktivstoffen und aromatischen Substanzen zum Wesen dieses Getränkes, welches durch das Verznckerwasscrn oder Gallisiren absolut sinken muß. Was aber beide Verfaren, zu deren Gunsten man anfüren kann, daß sie es ermöglichen, aus sonst nur zur Essigsabrikation geeiguetem Most noch ein trinkbares Etwas herzustellen und so in manchen Jaren und Gegenden den Weinbau überhaupt noch zu retten, in die Kategorie des sogenannten„Weinschmierens" lsinabstößt, ist die Verwendung von Kartoffelzncker(Stärkczuckcr als Zusazmittel. Der Grund, warum man ihm vor dem Rorzucker (Rübenzucker) den Vorzug giebt, ist einleuchtend: dieser muß rasfi- nirt mit etiva 40 Mark pro Zentner bczalt werden, wärend der Kartoffelzncker mit 16 Mark und billiger käuflich ist. Um die die Bennzung eines solchen Surrogats etwa scheuen den Winzer zu gewinnen, hat man wol sür das Zuckcrfabrikat aus Kartoffelstärke die wissenschaftliche Flagge„Tranbenzucker" ausgezogen und behauptet, die Chemie habe nachgewiesen, daß der Kartoffelmehlzuckcr ganz eben derselbe sei mit dem Zucker der Trauben. Es läßt sich aus Stärke durch Behandeln mit Säuren allerdings ein chemisch sogenanter Traubenzucker her- stellen, aber in den Tranben selbst ist der Zucker nur zum klci »er» Teil als Traubenzuckerart(Dcstrose), sondern größtenteils als Fruchtzucker oder Levulose enthalten. Von letzterem ist in dem Fabrikat keine Spur, es hat ihn auch noch kein Ehemiker aus Kartoffelmehl hergestellt. In den sechsziger Jaren untersuchte Fr. Mohr verschiedene Stärkezuckersortcn des Handels und fand darin 9 bis 45 Prozent Verunreinigungen. Die Fabrikation dieses Artikels scheint seitdem in der Verbesserung des Fabrikats keine erheblichen Fortschritte gemacht zu haben, solcher vielleicht auch nicht fähig zu sein, denn mer als ein Jarzehnt später stellte C. Neubauer wieder zalrciche Analysen an und konstatirte in den untersuchten Stärkezuckersorten 13 bis 24 Prozent unvergärbarc Substanzen, ja außer dem immer vorhandenen Wassergehalt sogar bis 35 Prozent fremde Stoffe. Der Gärrückstand von diesen sogenannten Traubenzuckersortcn des Handels stellt konzentrirt einen braun gefärbten Syrup vor, der außer Bernsteinsäure und Glycerin andre, noch nicht näher untersuchte Gärprodnkte enthält, die sich durch einen höchst wider- lichen Geschmack auszeichnen. Es ist alle Warscheinlichkeit, daß sich darunter auch Fuselöl(oder dessen Hauptbestandteil Amyl- alkohol) befindet, der sich ja bei der Kartoffelspiritusbcreitung allemal bildet und erst durch dessen Raffiniren größtenteils ent- fernt wird, wärend bei der Weinbereiwng sämtliche aus der Gärung hervorgehenden Produkte und flüssigen Rückstände zum Verzehr durch den Menschen gelange». So kann also chaptali- sirter oder gallisirter Wein unter Umständen noch ungünstigere Nachwirkungen als ein Schnaps, zu dessen Bereitung entfuscltcr Spiritus benuzt wurde, zuwege bringen! Die Asche des Gär- rückstandes bcstet zumeist aus Gips. Unreiner«stärkezucker ist serner wenig haltbar. Auch der in fester Forin— der größte Teil wird als Syrup verkauft— im Handel gesürte ist oft nicht einmal trocken, sondern von schmieriger, affenartiger Konsistenz. In geschlossenen Gläsern sogar bedecke» stch diese Fabrikate schnell mit Pilzvegetation: beim Oeff- neu der Gefäße bemerkt man einen ekelerregenden Geruch, und nach und nach wird der Zucker absolut ungenießbar, nicht selten zu einer braunen, stinkigen Masse zerfließend, wie Neubauer beobachtet hat. Bei Aufbewarung größerer Quanfftäten in Fässern, wo die Luft noch leichter Zutritt hat, müssen diese Erscheinungen bei schlechten Präparaten und in feuchter Luft nicht minder ein- treten— und nun denke man sich die damit zu vollfürende „Weinveredlung"! Der Geschmack einer derartigen Göttergabc Zio dcs kartoffellaubbekränzten Bacchus ist ein widrig pappiger; das Gebräu fällt sehr leicht gänzlichem Verderben anHeim. Die zelo- tischen oder persönlich interessirten Anhänger Gall's freilich be- haupten, mit Rorzucker könne man nicht gallisircn, da werde der Wein„spiz", aber der Traubenzucker(der kartoffelgeborene) der- leihe ihm„Schmalz". Nun denn, meinen wir, lieber ungeschmalz- nen oder gar keinen Wein, als derartig geschmierten! Mag also die Stärkezuckergcwinnung auch ein löbliches land- wirtschaftliches Nebengewerbc sein, so sollte man dieses Fabrikat doch nicht eher zur Weinverbcsscrnng zulassen, bis seine Hersteller im Stande sein werden, es mit höchstens ö Prozent fremden Substanzen zu liefern; auch der Rorzucker läßt ungefär 4'/, Pro- zent unvergärbaren Rückstand. Und wenn die Anforderung, neue Metoden zur Rcindarstellung von Stärkezncker herauszufinden, auch zunächst und für einige Zeil den Fabrikanten einiges Kopf' zerbrechen verursachen sollte, so ist das doch wol gerechtfertigter und erträglicher, als wenn viele Tausende den landesüblichen oder zu ausnamsweiser Freude geschehenden Weingenuß mit den nachträglichen, wütenden Kopfschmerzen und der geistigen Ab- stumpfung des Kartoffclfnsels büßen sollen! R.-L. Die Herrin mm Dar-Dschun. Von Manda v. Junajew. (Schluß.) Ellis zitterte bei dem Gedanken, daß Ladh Hefter ihr Geheim- nis entdecken und ihrer Verbindung entgegentreten könne. Der philosophische Geist Hefters glaubte nicht an Liebe, und sie meinte die Menschen zu retten, wenn sie sie abhielt, sich für das Leben zu verbinden. Tie Liebenden kamen daher überein, sich nur selten zu sehen und nur Nachts im Park zusammen zu kommen. Es war eine angenehme, küle Herbstnacht, als Hefter erwachte und durch das große Bogenfenster den sternbesäten Himmel ge- Warend rasch ihr üppiges Lager verließ, lieber ein weißseidenes Nachtkleid, dessen reiche Falten ihren schlanken Leib wie Silber- Wellen umflossen, zog sie einen türkischen Kastan von rotem Da- mast mit schneeweißem Hermelin besezt und gefüttert. Das gold- blonde Har wogte aufgelöst über ihren Rücken und reichte ihr fast bis an die Knie, die schönen Füße hatte sie in rote, eben- falls mit Hermelin besezte Pantoffeln gesteckt. Die weiten Aermel ihres Kaftans ließen den weißen Arm, der von einem Bildhauer gemeißelt schien, fast ganz sehen. So kam sie auf die Terrasse vor ihrem Schlafzimmer und von da über eine kleine Treppe in den Garten. Mit künen, stolzen Schritten ging sie die Alleen entlang, den Blick ihrer glänzenden Augen auf den Sternenhimmel gerichtet. Ihr Fuß glitt unhörbar auf dem weichen Sande dahin, Wärend die hohen Wipfel der Bäume leise über ihr rauschten. Eine Stunde oder mer war sie so durch die weitläufigen An lagen des Parkes gegangen, als sie, um auszuruhen, in einen kleinen Pavillon trat, der auf ihrem Wege lag. Ueberrascht blieb sie in der Türe stehen. Ihr scharfes Auge hatte sofort Armand und Ellis crkant, die mit verschlungenen Händen dort saßen und nun erschreckt aufsprangen. Bei allen bedeutenden Eigenschaften war Hefter doch wieder von echt weiblichen Schwächen durchaus nicht frei. In wilder Leidenschaft empörte sich ihre maßlose Eitelkeit und ihr Stolz, als sie sah, daß Armand, der es gewagt hatte, zu ihr cmporzu- blicken, und ihr noch vor einigen Tagen von Liebe zu sprechen, und dessen Anbetung sie, wie sie meinte, in unendlicher Groß- mut, gnädig angenommen, wenn sie auch nicht im Draum daran gedacht, ihm auch nur die geringste Gunst zu gewären, jezt zu den Füßen ihres kleinen Gesellschaftsfräuleins lag. In ihrer Verblendung glaubte sie sich tief beleidigt durch die Nachfolgerin, die er ihr gab; um nun den Treulosen zu strafen, wies sie ihm mit stolzen Worten die Tür, wärend sie Ellis befal, ihr sofort zu folgen. Armand, tief verlezt durch das hochmütige Benemeu der Lady, flüsterte seiner Braut nur noch einige beruhigende Worte zu, eilte in den Stall, sattelte selbst sein Pferd und verließ ungesäumt das«chloß. � Die Nacht war bereits stark vorgerückt, als Lucnay auf der Straße gegen Äaida dahiuritt. Er mußte eine Schlucht passiren und nur mit Mühe brachte er sein Pferd auf dem unbekanten Wege vorwärts,— da knallte ein Schuß und eine Kugel pfiff dicht an seinem Ore vorüber. Um der Gcfar zu entkommen, spornte er sein Pferd, aber das erschreckte Tier strauchelte und konte nicht mer auf. Armand sprang ab, aber schon umgaben ihn von allen Seiten räuberische Trusen. Rasch riß er seine Sattelpistolen aus dem Halfter und feuerte sie auf den nächsten ab. Die Kugel hatte dem Anftircr der Feinde, Emir Saud, den Kopf zerschmettert, aber ehe Armand noch Zeit hatte, einen zweiten Schuß abzugeben. war er von den Drusen gefangen, geknebelt und auf ein Pferd gebunden. Tic Drusen, die den ihnen feindlichen Franzosen aus dem Felseuschloß der Lady Stauhope wußten, hatten ihm längst auf gelauert und nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um ihn zu fangen und ihn unschädlich zu machen. Im Triumphe brachten sie ihn nach Saida und lieferten ihn Abdallah Pascha aus. Als dieser durch seine Tatkraft und Grau- samkeit gleich bekante Pascha veruam, daß Lucnay seinen Freund, Emir Saud, getötet habe, schwur er, diese Tat blutig zu rächen. In einem ekelhaften Kerker ließ man Armand merere Tage schmachten, ehe man ihn, an Händen und Füßen gefesselt, vor seinen Richter sürte. Der elegante Franzose war kaum mer zu erkennen, als er vor diesem erschien. Abdallah Pascha, in einen grauen, mit Gold gestickten Pelz gehüllt, empfing ihn, aus seidenen Polstern sizend, mit einem bösen Lächeln in dem blutgierigen Gesicht, das jeden andern zittern gemacht hätte. Das Gerichtsverfaren war ein sehr einfaches und kurzes. Aus die Schmähungen und Drohungen des Paschas ließ mau Armand garnicht antworten, ebenso überhörte mau seine Ver teidigung, in welcher er sagte, daß er der Angegriffene gewesen sei und nur sein Leben verteidigt habe. Und als er zulezt den Schuz des französischen Konsuls anrief, lachte man ihm einfach ins Gesicht. „Ja, wenn du am Pfal steckst, Christenhund," schrie der Pascha wütend,„dann kanst du deinen Leichnam unter den Schuz deines Konsuls stellen." „Meine Regierung wird Rechenschast von euch fordern," rief Armand enipört. „Die Frauken sollen nur kommen," höhnte Abdallah.„Wir werden sie würdig empfangen, du aber stirbst am Pfal. Vorher will ich dich jedoch unter der Peitsche wimmern hören." In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und von vier Sklaven begleitet, trat Lady Hefter Stanhope ein. Abdallah Pascha erhob sich und ging der gefeierten, von ihm ganz besonders verehrten Frau ehrfurchtsvoll entgegen. „Was besielst du, schöne Sultana?" frug er, sich fast demütig vor ihr verneigend. Lady Hefter sah in der Tat wie eine schöne, majestätische Sultanin aus in ihrem prachtvollen orientalischen Kostüm, dessen kostbare Stoffe reich mit Gold und Perlen gestickt� waren, und ihrem mit dunklem Zobel verbrämten Kastan. Sie trug das schöne Haupt stolz und unverhüllt, und reichte dem Pascha die mit pariser Handschuhen bekleidete Hand, die dieser galant küßte. „Ich komme als Bittende," erwiderte Lady Hefter,„schenke mir deinen Gefangenen." „Zu welchem Zweck?" „Mir eine Laune zu erfiillen. Ich möchte ihn zum Sklaven haben." Abdallah sah die schöne Bittstellerin mistrauisch an.„Was fällt dir ein? Er war doch dein Freund," sagte er lauernd. „Er war mein Gast," erwiderte Hefter,„und hat das Gast- recht verlezt und mich in meinem Hause beschimpft. Wenn du ihn zu meinem Sklaven machst, wirst du mer gerächt sein, als wenn du ihn aus der Stelle tötest." „So nimm ihn," sagte Abdallah Pascha, zufrieden lächelnd, „er ist dein Eigentum. Mache mit ihm, was dir beliebt. Ich kenne dich, ich weiß, du wirst dich und uns besser an ihm rächen, als ich es vermöchte. Zeige dich erfinderisch, Qualen für ihn zu ersinnen." Wärend der ganzen Unterredung hatte die Herrin von Dar- Dschun Armand nicht eines Blickes gewürdigt, sie sprach in seiner Gegenwart von ihm wie von einer Sache. Auch jezt befal sie ihrem Sklaven nur kurz, ihn fortzufüren, sie selbst blieb noch bei dem Pascha, um sich über die Statsgeschäste mit ihm zu besprechen. Armands Innerstes empörte sich über die Art, in der man mit ihm verfnr. Lieber hätte er sich zehnmal von den Henkern erdrosseln lassen, als Lady Hefter zu gehören. Tränen der Wut traten ihm in die Augen, wenn er an das grausame Schicksal dachte, das ihm bevorstand. Wenn er noch hätte hoffen dürfen, daß sie ihn, wie jenes Pferd, im Zorn erschießen werde! Aber das wäre mitleidig gewesen, das war nicht zu erwarten. Unter tausend physischen und nioralischen Qualen sah er sich zu Tode gepeinigt, und Ellis, das gute, unschuldige Mädchen mußte vielleicht zusehen, wie er in dieser Weise endete. Unter solchen und änlichen Gedanken brachte man in später Abendstunde den Gefangenen auf daß Schloß im Libanon. Lady Hefter war noch nicht aus Saida zurückgekehrt. Man sperrte ihn vorläufig in ein festes Verließ des Turmes, bis die Herrin Zeit finden würde, uach Gutdünken über ihn zu verfügen. Armand verbrachte eine qualvolle Nacht. Als der Morgen graute, spähte er ängstlich hinaus; er hoffte, irgendwo die Geliebte zu entdecken und sich durch Zeichen mit ihr zu verständigen. Aber er spähte vergebens; sein Fenster ging auf kale Felsenwände, die wol noch nie ein menschlicher Fuß betrat. Verzweifelnd warf er sich zur Erde und versank in gedankenloses Brüten, aus dem ihn nach niereren Stunden zwei Sklaven weckten, die ihn vor ihre und jezt auch seine Gebieterin fürten. Auf.das äußerste gefaßt, folgte er denselben. Hefter empfing ihn in ihrem kleinen eleganten Salon. Sie war diesmal in französischer Toilette, von den Seidenwellen eines hellblauen Schlafrockes umwogt, und hatte das Har nach der damaligen Mode hoch ausgesteckt. Sie lag auf einer Ottomane, den Kopf anmutig zurückgelehnt.„Armand," sagte sie nachlässig,„Sie wissen wol, daß Sie in meiner Macht sind, und daß ich über Sie verfügen kann, wie ich will?" „Ich weiß es," erwiderte der junge Mann dumpf, und ganz zu ihr hinttetend, warf er sich auf die Knie und bat:„Was Sie auch mit mir beginnen wollen, Lady, ich bin vollkommen in mein Schicksal ergeben, nur um eins bitte ich Sie, geben Sie Ellis frei, lassen Sie sie nicht um meinetwillen leiden, sie hat warlich nichts verschuldet." „Ob Ellis Ihretwegen noch leiden wird, hängt ganz von Ihnen Za|f Blätter aus der Gel Wir haben im vorigen Artikel gesehen, wie die Juden in Spanien den fanatischen Bekehrungsverfuchen und den Verfol- gungen seitens der Christen des wcstgotischen Reiches hartnäckigen passiven Widerstand entgegensezten, der sich unter dem Deckmantel weitestgehender Nachgiebigkeit verbarg. So tat im allgemeinen das jüdische Volk. Die jüdischen Schriftgelehrtcn dagegen verteidigten vielfach den Glauben ihrer Väter öffentlich tapfer mit den Waffen der ihnen zu Gebote stehenden Wissenschaft. Ob Jesus der vom alten Testament ge- weissagte Messias sei oder nicht, daruni drehte sich zwischen ihnen und den christlichen Teologen der Streit. Jesus sei der Messias nicht— behaupteten die Juden. Die 6000 Jare des Bestandes der Welt, nach deren Verlauf der Messias erscheinen und eine neue Weltordnung hcrauffüren werde, wie die Bibel verkündete,— diese 6000 Jare seien noch nicht verflossen gewesen, als die nazarenische Zimmermannsbraut ihren Erstgebornen zur Welt gebracht. Der Segen Jakobs weise auf Jesus als den Messias hin, behaupteten dagegen die Christen, indem er sage: Nicht weichen wird das Szepter von Juda und der Herrscherstab zwischen seinen Füßen, bis da komt, der u. s. w. Demnach müsse der MessiaS schon erschienen sein, denn die Macht sei längst von Juda geivichen. Dementgegen ließen sich die Juden nicht ausreden, daß fern im Osten immer noch jüdische Könige regierten, und daß sie damit nicht so ganz unrecht hatten, werden wir im Verfolg unsres Temas noch erfaren. Indessen brach über das Reich der Westgoten am Anfang des achten Jarhunderts daS Ende mit Schrecken herein. Ein Heer ab," erwiderte Hefter ruhig, stand auf und öffnete die Tür des Nebenzimmers, durch welche Ellis errötend eintrat. Hefter nam sie an der Hand und fürte sie Armand zu; dann zog sie ein Packet Schriften hervor. „Hier," sagte sie,„haben Sie Ihre Braut und hier ihre Aus- steuer und die Papiere, die Sie nötig haben, um unbelästigt den Orient zu verlassen. Ich werde Sie heute Nacht auf einem ver- borgcnen Pfade bis an das Meer füren, wo Sie eine Barke er- warten wird. Der Besizer der Barke ist vollkommen verläßlich, er wird Sie an Bord eines französischen Schiffes bringen." Sie wollte rasch das Zimmer verlassen, aber Armand und Ellis er- griffen ihre Hände und zogen sie dankbar an ihre Lippen. „Danken'Sie nicht," sagte Lady Hefter mit einem bitteren Lächeln,„sonst tönte ich vielleicht noch meine Schwäche bereuen." Was Hefter versprochen, hielt sie auch. Sie selbst brachte die Liebenden bis an das Meer und sah sie noch die Barke besteigen und fortsegeln. Gesunkenen Hauptes, in tiefes Sinnen verloren, schritt sie den Weg zurück, den sie gekommen war. Stach einiger Zeit verbreitete sich in Saida das Gerücht, daß Lady Hefter Stanhope einen jungen Franzosen nach grausamen Qualen zulezt in einen Turm gesperrt habe und dort habe ver- hungern lassen. Abdallah Pascha lächelte zufrieden, und um sich der schönen Lady dankbar zu zeigen, sante er ihr zwei der schönsten Pferde aus seinem Marstall. Seit dieser Zeit kam Hefter nicht mer nach Saida. Immer mer wich sie dem Verkehr mit der Welt aus. Nur wenigen ge- lang es noch, bis zu ihr zu dringen, und nur dann, wenn sie vorher in wichttgen Angelegenheiten um den Rat der weisen Frau nachsuchten. In die Geheimnisse der Sternenwelt einzudringen, war ihr einziges Trachten; sie verbrachte ihre Nächte damit, den Lauf der Gestirne zu verfolgen. Bald hatte sie lm ganzen Lande den Ruf einer Prophetin erlangt, und mit heiliger Andacht wallfarteten Moslims wie Christen zu dem Felsenschloß im Libanon und warfen sich an- betend mit dem Gesicht zur Erde nieder, wenn es ihnen gelang, in das Antliz der„Heiligen" zu schauen. Als Hefter älter wurde, entließ sie den größten Teil ihrer Sklaven, nur die notwendigsten behielt sie; ihr selbst durfte sich nur eine alte Negerin nahen, und selbst mit dieser sprach sie nur durch Zeichen. Kein Fremder hatte mer Zutritt, die Tore ihres Schlosses blieben verschlossen, und erst nach ihrem Tode wurden sie tvieder geöffnet. Mit allen Ehren einer Königin ivurde sie be- erdigt, und ihr Andenken lebt heute noch im Munde des Volkes. »ichte zweier Kutturkämpse.(Schluß.) von Mauren, jenem an der nordafrikanischen Küste aus den Resten der mauritanischen Eingebornen und den verschiedenen Eroberern, von den Vandalen bis zu den Arabern, entstandenen Mischvolke, landete in Spanien und unterwarf innerhalb kurzer Zeit die ganze Halbinsel der maurischen Herrschaft und dem Islam. In der Stunde der Vernichtung für die Christenherrschaft schlug die Glocke der Befreiung für die Juden. Und wie sie den arianischen Westgoten den Dank für die Duldung ihres Glaubens und für die Freiheit ihres Wandels und Wirkens redlich heimgezalt hatten, so statteten sie ihn auch ein halbes Jartausend hindurch den Mauren ab, indem sie bedeutungsvollen Anteil namen an deren Kulturarbeit. Nicht nur durch Handels- gewantheit und industrielle Betriebsamkeit zeichneten sie sich aus, nicht nur durch Anhäufung materiellen, insbesondere Geldreichtums, worin sie überall und zu allen Zeiten Meister waren, sondern auch als tüchttge Schriftsteller und eifrige Gelehrte, selbst als Politiker und Statsmänner namen viele von ihnen einen hohen Rang ein. Diese ihre Erfolge erregten natürlich, gradeso wie die jüngsten Gründerprofite und der parlamentarische Einfluß vieler deutscher Juden in der Milliardenära des neudeutschen Kaiserreichs, den Neid und Haß des Pöbels aller Gesellschaftsklassen. Es be- gannen allmälich Anfeindungen und Chikanen aller Art, bis in dem durch seine Ueppigkeit verfallenden Maurenreiche die fanatische Sekte der Almohaden zur Herrschast kam, und damit nach viel- hundertjäriger bürgerlicher Ruhe wieder eine Zeit der Verfolgung für die Juden anbrach. So schlimm aber wie unter der Geißel, welche die frommen Pächter der Nächstenliebe über Fremdgläubige immerdar ge- schwungen haben, wurde es auch diesmal nicht für Israel. Wenn sich die Juden und init ihnen die Christen im Alauren- reiche nur äußerlich zu Allah und seinem Propheten bekanten, so konten sie im Herzen bleiben, was sie wollten. Synagogen und Kirchen wurden freilich zerstört und wer nicht zum Islam übertreten wollte, mußte flüchten. Weitere Verfolgungen schlimmer Art gab es aber nicht. Das Reich der Almohaden wurde gegen Ende des 13. Jar- Hunderts zertrümmert, die Mauren aus einem ihrer spanischen Königreiche nach dem andern verdrängt,, das Christenthum löste den Mohamedanismus wieder ab und die Judenbedrückungen be- gannen sofort ärger als zuvor. Dem frommen Bettelorden der Dominikaner, der eigens zur Ausrottung aller Kezerei gegründet worden war, haben die Juden die erbarmungsloseste Verfolgung, die zalreichsten und grausamsten Blutbäder zu ver- danken, die sie überhaupt betroffen haben. Die dominikanischen Kezerrichter, unterstützt von Renegaten des Judentums, verfuren streng nach den Bestimmungen des im Jare 1229 abgehaltenen Konzils zu Toulouse, deren Wortlaut so bezeichnend für die christliche Wirtschaft jener Zeit ist, daß er hier wiedergegeben zu werden verdient. Das genannte Konzil verordnete: „Jeder Bischof soll bei Strafe der Absezung järlich seine Diözes visitiren, in jeder Parochie drei oder mehrere Laien von gutem Rufe nebst dem Parochus eidlich verpflichten zur Denun- ziation aller Verdächtigen und zur Unterstüzung ihrer Bestra- fang. Jeder Fürst, Bischof, Gutsherr oder Richter, welcher einen Kezer verschont, soll seines Landes, Amtes oder Gutes verlustig sein; jedes Haus, in welchem ein Kezer gefunden wird, soll niedergerissen werden. Zu Kezeni und Verdächtigen(!) wird auch in tötlicher Krankheit kein Arzt und kein Genosse ihres Ver- brechens zugelassen. Aufrichtige Reuige werden, wenn ihre Hei- mat verdächtig ist, aus dieser entfernt, erhalten besondere Tracht und sind aller öffentlichen Rechte bis auf päpstliche Dispensation verlustig. Bußfertige aus Furcht werden eingeschlossen." Mit der Ausfürung dieses nichtswürdigen Erlasses begnügten sich übrigens die Inquisitoren in Spanien, wie überall da, wo sie unbeschränte Macht gehabt, nicht. Bald kamen noch eine Menge Verschärfungen hinzu. Man sah schon die als verdächtig an, welche es wagten, Kezern und Verdächtigen irgendwelche Hülfe oder Unterstüzung, selbst das geringste Almosen zuteil werden zu lassen. Verdächtig der Kezerei wurde auch, wer zu- fällig nur mit einem Kezer oder Verdächtigen in ein und dem- selben Wirtshause betroffen wurde, wer einem Kezer oder Ver- dächtigen den Bart rasirte, seine Wäsche wusch oder ihm Wasch- Wasser reichte, wer ihm Narungsmittel verkaufte, wer einen Kezer grüßte, und so weiter in's haarsträubende hinein. Wer einen kezerischen oder verdächtigen Gatten nicht sofort verleugnete, Kinder, welche ihren kezerischen oder verdächtigen Eltern nur noch das geringste Zeichen der Liebe und Anhänglichkeit erwiesen, wareil gleichfalls strafbar. Freilich gingen alle diese tollen Bestimmungen die Juden nicht unmittelbar an; sie richteten sich direkt nur gegen die vom allein berechtigten, kirchlich anerkanten Glauben abweichenden Christen. Aber um die Juden als Kezer so recht nach Herzens-� tust malträtiren zu können, brauchte man sie ja blos vorher zu Christen zu machen. Das wurde denn auch mit allen erdenklichen Mitteln besorgt. Anfänglich wendete man zu diesem angeblich gottgefälligen Zwecke nur geistige Mittel an. Man gründete Schulen, welche die hebräische und arabische Sprache zu lehren hatten, damit Juden und Mohamedaner bekehrt werden könten. Auf daß die Juden von der Irrigkeit ihrer Glaubensanschauungen überzeugt würden, griff man wieder einmal zu dem amüsablen Mittel der Disputattonen. Gleichviel ob die Juden wollten oder nicht, sie mußten ihren Glauben wider maulgewante Mönche, die nicht selten selbst nur getaufte Juden ivaren, verteidigen. Daß es sehr heiß herging bei solchen Redeschlachten und daß es mit diesen ungeheuer ernst genommen wurde, get u. a. daraus hervor, daß sie oft nicht nur Tage, sondern Wochen dauerten, ja, daß die uns bekante größte, in Tortosa vom 14. Februar 1443 bis zum 12. November des folgenden Jares, also ein ganzes Jar und neun Monate, gedauert und nicht weniger als achtundsechzig vielstündige Zizungcn in Anspruch genommen hat, in deren jeder bis zur völligen Erschöpfung der Redenden geschwäzt worden ist. Wurden die jüdischen Rabbis besiegt in diesen Kämpfen, so ging es den jüdischen Gemeinden, die bei solchem frommen Ver- gnügen zuzuhören gewaltsam gepreßt wurden, schlecht,— sofort schlecht, wenn sie sich weigerten, Christen zu werden, sehr bald schlecht, wenn sie sich dazu bereit finden ließen. Erst recht schlecht ging es ihnen aber, wenn ihre Rabbis über die Mönche den Sieg davontrugen,— denn da hatten sie sich unfelbar vom Teufel unterstüzen lassen, und das forderte blutige Strafe— wie jeder fromme Christ leichtlich einsah. Ließ sich die weltliche Obrigkeit nicht ganz so bereitwillig zum blinden Werkzeug priesterlicher Verfolgungssucht gebrauchen, so wurde der christliche Pöbel fanattsirt, wozu die Disputationen selbst das beste Mittel hergaben. Dann wurde„Volksjustiz" geübt, und so z. B. im Sommer 1391 nicht weniger als siebzig jüdische Gemeinden, insbesondere die zalreichen Judenschasten von Sevilla, Barcelona, Valencia, Burgos und Kordoba ge- inartert, geplündert und gemordet. Viele tausende waren es, die in wenigen Tagen niedergemezelt wurden, andere tausende, hauptsächlich Kinder und Frauen, wurden in Sklaverei verkauft, sehr wenige vermochten zu fliehen, und die sich aus Furcht taufen ließen, kamen, wie bereits gemeldet, nur vom Regen in die Traufe. Aenliche Judenmezeleien en gros wiederholten sich im Laufe der Jarhunderte öfter, und am 31. März 1492, im selben Jare, als durch die Eroberung Granadas der lezte Rest der maurischen Herrlichkeit in Spanien vertilgt wurde, erließ der König Ferdinand der Katolische ein Edikt, das allen Juden Spaniens anbefal, innerhalb vier Monaten Spanien zu verlassen, und zwar mit Zurücklassung all' ihres Besiztums an Geld und Gut. Alle Be- mühungen, diese furchtbare Auswcisungsmatzregel nicht zur Aus- sürung gelangen zu lassen, scheiterten, und über 300000 Juden konten nichts besseres tun, als dem Lande ihrer Geburt auf immer den Rücken zu kehren, heimlich, wie der Dieb in der Nacht, mitschleppend, was von ihrem Eigentum beweglich und leicht zu verbergen Ivar. Später kam's noch besser. Allmälich waren wieder viele Juden nach Spanien zurückgekehrt, andere, die sich selbst oder deren Eltern sich aus Furcht zum Christentum bekaut, hatten, als der schlimste Druck für kurze Zeit nachließ, wieder der alten, aus den Herzen und Köpfen auf brutale Weise nicht auszurottenden Religion sich zugewendet,— kurz, Spanien hatte wieder, zwei. Jarzehnte nach der großen Austreibung, viele hunderttausende von Juden aufzuweisen. So konte denn Ferdinand noch kurz vor seinem lölö erfolgten Tode eine zweite Judenverfolgung ins Werk sezen, und hatte die Genugtuung, zu sehen, daß diese an Großartigkeit die vorangegangene noch übertraf. Diesmal teilten die Moriskos, die zum Christentum übergetretenen Nachkommen der in Spanien zurückgebliebenen Mauren, der Juden herbes Los, und das Land verlor auf einen Ruck über drei Millionen seiner gewerbfleißigstcn, tüchtigsten Bewoner. Dieser größten Judenvertteibung folgten im Laufe der nächsten Jarhunderte noch verschiedene kleinere. Daß immer wieder Juden in Spanien, diesem Lande der grauenhaftesten Kezerquälereien, vorzufinden waren, ist ein wares Wunder; sie völlig auszurotten, hat man nie vermocht. Noch bis in unser Jarhundert, das 19. nach Geburt des Christenheilands, dauern die Verfolgungen der Juden fort, und wenn die Juden heute sich offen zu ihrer Religion bekennen dürfen, wenn sie den übrigen Statsbürgern— kaum seit ein par Jarzehnten— gleichgestellt sind,— nun, die frommen Christen können gewiß nichts dafür. Ist doch der bedauerliche„Kulturkampf" gegen das Volk, aus dem den Christen ihr Heiland geboren ward, soeben erst— in den Jaren 1880, 81 u. s. w. in schönster Blüte. Man verbrennt sie zivar nicht, aber man beschimpft und mißhandelt einzelne von ihnen gelegentlich bis aufs Blut, wo man es ungestraft tun kan, und Scherz war der in den„Antisemiten"reihen der Gegenwart aufgetauchte Wunsch nicht, die deutschen Juden möchten aus Deutschland ver- jagt werden. Spaß war selbst der Ruf nicht, der vor wenigen Wochen in einer großen Bersamlung in der Reichshauptstadt Berlin, der Metropole deutscher Intelligenz, erschallte: Die Juden müffen wieder verbrant werden! Der Verfasser dieser Skizze achtet das„Kultur"gesindel zu wenig, welches solche Kämpfe fürt, und kent die Geschichte unsrer Kultur zu gut, um über diese Zeichen der Bestialität in den Menschen der Gegenwart erstaunt oder gar erbittert zu sein; er fült sich ferner ebensowenig zu den Juden hingezogen, als zu den Christen und zu'llen denen, deren Geist und Gemüt der Krücken irgendwelchen religiösen Aberglaubens noch bedarf; aber er empfindet die Verpflichtung, gegen Jud' und Christ gerecht zu sein, und hält es für nicht überflüssig, in Zeiten, wo der Pöbel, sei es der vorneme oder der geringe, in Judenverfolgungsorgien sein bischeu Verstand und Tatkraft vergeudet, durch Streiflichter auf die Geschichte der Vergangenheit zu zeigen, daß die Leiden dieses Volkes tausendmal schwerer wiegen, als seine schlimsten Untugenden in die Wagschale fallen könten. Hätte das Juden- tum selbst zehnmal mer Verbrecher zur Welt gebracht, als irgend- ein andres Volk, irgendeine andre Religion,— hätten sie nur den zehnten Teil von dem für wäre Kultur und Humanität ge- leistet, was wir ihnen wirklich zuzuschreiben haben,— das was sie mer erdulden mußten, als die Angehörigen andrer Völker, die Bekenner andrer Religionen, haben sie doch nicht zum tausendsten Teile verdient. Wie man ihnen in allen Christenländern Kinder- morde, Brunnenvergiftungen, Seuchenanstiftung u. s. w. auf den Hals log, um sie berauben und verjagen, martern und morden zu können, das ist so bekannt, daß ich hier, nachdem ich einen Abriß ihrer spanischen Leidensgeschichte gegeben habe, nicht darauf zurückzukommen brauche. Um zu einem einigermaßen versöhnenden Schlüsse zu kom- men, will ich von den Königen im fernen Osten erzälen, auf welche sich schon die Juden des westgotischen Reiches, wie wir sahen, berufen haben, zum Beweise, daß das Szepter noch nicht gewichen sei von Inda, der Ware Messias also noch nicht gekommen sein könne. In den ersten Jarhunderten nach Christi Geburt hingen merere arabische Fürsten, z. B. der des parthischen Vasallen- staates Adiabene und die der unter römischer Hoheit stehenden Kommagene dem Judentum an. Um 230 errang sich ein Jude den Fürstentron von Jemen in Arabien. In Abessinien gründeten alexandrinische Juden einen Staat, der sich bis ins 15. Jarhundert erhalten hat. Indische Juden follen ferner am Ende des 5. Jarhunderts eine staatlich unabhängige Gemein- schaft gebildet haben, die erst nach tausendjärigem Bestände von einem indischen Fürsten zerstört werden konnte. Im achten Jarhundert nach Christi jedoch kam das Juden- tum in einem seiner Teile zu dem höchsten Glänze, der es seit dem Untergange seines palästinensischen Reiches bis heute um- stralt hat, indem sich Bulan, der Chakan der Chasaren, zur Religion Abrahams, Isaaks und Jakobs bekehrte. Die Chasaren traten in dem Massengedränge der Völker- Wanderung im vierten oder fünften Jarhundert der christlichen Zeitrechnung in den Kaukasusländern auf und gewannen lange Zeit stetig an Herrschergewalt über Land und Leute. Finnisch- ugrischen Stammes, also Brudervolk der Magyaren, oder, wie andre meinen, türkischer Abstammung,— in späterer Zeit jeden- falls aus Völkern.von ser verschiedener Herkunft gemischt, waren sie ein kriegerisches Volk, welches von der Jagd und Viehzucht lebte und seinen Nachbarn durch beständige Raubzüge recht lästig gefallen sein mag. Regiert wurde jeder ihrer Stämme von einem Fürsten, der mit allen seinen Standesgenossen einem Oberkönig, Chakan genannt, untergeben war. Im achten Jarhundert kamen die Chasaren mit den gegen den Kaukasus vordringenden Mohamedanern in blutige Kämpfe, die sie siegreich bestanden. Darnach scheinen sie, oder wenigstens die herrschenden Familien, zum Islam übergetreten zu sein, denn noch im selben Jarhundert sehen wir das Judentum mit der Religion Mohameds im Streite um die Herrschaft im Chasaren- reiche. Auch dabei unterlag der siegesgewonte Mohamedanismus gegen die sonst in der ganzen Welt verachteten und mit Füßen getretenen Nachkommen Jakobs— in der Mitte des achten Jarhunderts war es ungefär, daß es gelang, den Chakan Bulan zum Judentum zu bekehren. Seitdem blieb das Reich der Chasaren bis an sein unverdient Der Eingang zur Grotte von Antiparos, wie er sich(S. 272) aus unserm Bilde den Blicken der Leser darbielet, läßt es begreiflich erscheinen, daß diese herrliche Tropffteinhöle den Alten unbekannt ge- blieben ist. Das ist schon nicht mer(Singang, sondern Einkletterung, wenn man, wie hier, an Seilen und auf Strickleitern über Abgründe hinweg steigen muß, und dabei natürlich jeden Augenblick in die fatale Lage kommen kann, sein bischen Leben einzubüßen. Antiparos ist eine kleine unbedeutende griechische Insel, welche zu der im aegaeischen Meere(Archipel-, Jnselmeer) liegenden Cycladenqruppe gehört und neben dem, nur durch eine ser schmale Meeren-" kennten, im Altertum frühes Ende— dennoch aber etwa 250 Jare lang— jüdischen Königen gehorsam und hier durfte sich Israel nicht blos das auserwälte Volk zu sein glauben, sondern es konnte sich mit bestem Grunde auserwält vor allen andern fülen. Und es hat von seiner Herrschergewalt unvergleichlich besseren Gebrauch gemacht als jedes der christlichen Reiche, nicht nur der damaligen Zeit, sondern aller Zeiten bis heute. Die Juden unter den Chasaren quälten und verfolgten Andersgläubige nicht—, nein, sie ließen jeden ganz ungestört— nach feiner Fayon selig werden. Und sie duldeten die fremden Religionen nicht blos, sondern sie räumten ihnen volle Gleichberechtigung ein und gewärten allen ihren religiösen Gegnern Anteil an der Regierung. Unter dem jüdischen Könige und neben dem jüdischen Minister stand ein aus Mitgliedern aller im Lande vertretenen Religions- Parteien zusammengesezter Ministerrat; und damit religiöse Partei- lichkeit bei der Rechtsprechung ausgeschlossen sei, wurden moha- medanische Angeschuldigte von mohamedanischen Richtern, christliche von christlichen, Anhänger asiatischer Naturreligionen von ihren Religionsbrüdern und jüdische gleichfalls von jüdischen Richtern gerichtet. Alle die Berichte aus jener Zeit, welche sich in freilich äußerst spärlicher und lückenhafter Weise mit den Chasaren be- schäftigen, beweisen übereinsttmmend, daß diese zu einer Verhältnis- mäßig hohen Kultur emporgesttegen waren. Unter den Judenkönigen gelangten die Chasaren auch auf den Gipfel ihrer Macht. Ihr Reich umspante in der zweiten Hälfte des neunten Jarhunderts das ganze Südrußland von heute. Vom Ural reichte es bis zu den Karpathen und vom Südende des Kaukasus bis hinauf zur Mittlern Wolga. Anfäng- lich war in Balangiar, dem jezigen Astrachan, am Kaspischen Meere die Residenz der Chasarenkönige, später riefen sie byzan- tinische Baumeister ins Land und ließen sich in Sarkel, zu deutsch soviel als Weißenturm oder Weißenburg, dem heut gänzlich bedeutungslosen Nest Bjelalaweza im Gouvernement Orenburg, eine neue prächtige Hauptstadt bauen. Doch nicht viel über ein Jarhundert dauerte die glorreiche Judenherrschaft. Am Ausgange des zehnten oder am Anfange des elften Jarhunderts gerieten sie in Kämpfe mit den Russen, die unter der Herrschast der normannischen Waräger sich mit den Chasaren zwar nicht im geringsten in der Kultur, wol aber in der Kriegsmacht messen konten. Nach wiederholten furchtbaren Schlägen wurde endlich Sarkel erobert und zerstört, und die geistig höherstehenden Chasaren gingen auf oder vielmer unter im Barbarenvolke der Russen. Der arme, verachtete russische Jude ist der Nachkomme jenes herrschenden Teils des einst gewaltigen und anscheinend für eine große Zukunft bestimten Vasallenvolkes, und auch in den nicht ganz eine halbe Million zälenden, unsauberen und faulen, aber nicht gemütsarmen und unredlichen Tschuwaschen in den Wald- schluchten an der Wolga in den Gouvernements Kasan, Simbirsk und Nischninowgorod, will man einen Teil der traurigen lieber- reste des interessanten Volkes wiederfinden. Sei aber dem, wie ihm mag— das eine stet fest: Wärend die fanattsch-religiösen Christen mit Feuer und Schwert die ihnen eigentümliche Art des Kulturkampfs fürten und damit sich das Brandmal der Schande auf die Stirn drückten, hatten Juden einen Musterstaat religiöser Toleranz gegründet, dessen sich kaum Lessings Natan der Weise geschämt haben würde, einen Staat, den das, was in unfern Schulen Weltgeschichte genannt wird, vornem übersiet und von dem auch die Juden des Abendlandes im Mittelalter nur wie von einem unerreichbaren Sagenlande zu erzälen wußten. Es war auch ein Kulturkampf, den die Juden in den Ebenen zwischen Wolga, Don und Dnieper fürten, ein Kulturkampf, an dem sich die frommen Christen des 19. Jarhunderts noch ein Muster nemen könnten. durch seinen feinen weißen Marmor berümten Paros sich befindet. Die Zal der Einwoner auf dem 28 Quadratkilometer großen Flächenraum ist in den mir vorliegenden Quellen abweichend mit 1200, 800 und 500 angegeben— sie ist also jedenfalls sehr gering und wird es war- scheinlich bleiben, da außer dem Betriebe einiger Bleigruben und neben Wein- und Baumwollenbau Viehzucht den einzigen Narungszweig der Bewoner bildet. Die Landschaft ist nicht one Reiz— ein Cedcrn- und Cypresienhain hat immer etwas Anmutendes, und der Duft des wilden Tymian ist sicher dem Knoblauchgeruch, wie ihn z. B. das Leipziger Rosental so freigebig bietet, vorzuziehen. Weltruf hat die Insel du«! ihre Grotte erlangt. Der Zutritt zu derselben ist an der Seite eines Berges, ein weiter, natürlicher Säulengang, durch Stalaktiten-, das sind Tropfstcin-Säulen in zwei Wege geschieden. An der rechten Seite befindet sich eine Ruine, an der noch Spuren einer griechischen Inschrift zu sehen sind, welche die Namen der Männer, die zuerst die Grotte er- forschten, angibt. Nur mühevoll, in der eingangs erwänten Weise ge- langt man zu dem ersten geräumigen Gewölbe, dessen prächtige, rot- gesprenkelte Wände so hoch hinaus reichen, daß beim Fackellicht das Auge kaum die Wölbung der Decke erblickt. Der Fußboden der Höle bestet aus weichem Kalksinter, d. i. aus wässeriger Lösung abgeschiedener Kalk(Tropfstein), in welchem Muscheln und versteinerte Ammoniten vor- kommen— Kopffüßler, Weichtiere mit großem, von einem Kranz ver- schieden entwickelter Arme umgebenen Kopse. Bon weißem und grauem Kalksinter gebildete Gestalten, unter welchen Baum- und Blumenformen vorherrschend sind, wachsen gleichsam aus der Erde hervor und gewären einen malerischen Anblick. Will man weiter in das Innere der inter- essanten Grotte eindringen, so kann das nicht anders als kriechend und rutschend geschehen; erst in einer Tiefe von mer als 250 Meter unterm Eingange erreicht man den lezten Hauptraum. Hier öffnet sich ein Ge- wölbe von etwa IM Meter Länge und fast gleicher Breite; die Höhe beträgt ca. 50 Meter. Nebenbei gesagt, wird an Größe die Höle von vielen anderen übertroffen— um die größte der bekanten Grotten, die sogenante Mammuthöle in Kentucky, zu durchwandern, soll man 5 bis 0 Tage gebrauchen. Die Wände des großen Raumes der Antiparos- grotte sind mit glänzend weißem Marmor überzogen, der auch von der schön gewölbten Decke in mächtigen Zapfen herabhängt. Dabei befinden sich tausende und abertausendc Blumen- und Blältergewinde, Bouquets — selbstverständlich auch aus Marmor—, welche, wie die inmitten spiegelblanker Tafeln an den Wänden vorkommenden arabeskenartigen Gebilde beim Scheine der Fackeln einen magischen Glanz hervorbringen, der so stark ist, daß das Auge dadurch geblendet wird. Rings um die Seitenwände unten sind kleine Grotten, Nischen vorhanden- wie Kapellen in einem majestätischen Dom. Als solchen benüzte einst auch ein französischer Gesanter in der Türkei die Höle. Er ließ, zu Weih- nachten 1673, hier Messen lesen und blieb mit etwa 500 Leuten 3 Tage lang in der durch 400 Lampen und 100 Wachskerzen erleuchteten groß- artigen Naturkirche. In der Tat, ein nicht ganz unpassender Ort zu Andachtsübungen, das präcbtige Innere der berümten Grotte zu Anti- paros.-z- Merkwürdige Seeticre. Der Uneingeweite, welcher zum erstenmal die eigentümlich gearteten Lebewesen aus unserer Illustration(S. 273) sieht, wird glauben, wir wollten uns einen Scherz mit den Lesern der„Neuen Welt" erlauben; scheint doch eine große Anzal der hier vor- gesürten Wesen, wenigstens ihrer äußern Form nach, eher dem Pflan- zen- als dem Tierreiche anzugehören. Sie sind jedoch samt und sonders wirklich Glieder des Tierreichs, und zwar die mit pflanzenänlichem Aeußern nicht minder, wie das Individuum da unten links, welches uns sein finsteres Gesicht zeigt— Bewoner des mittelländischen Meeres, die nach dem Berliner Aquarium übersiedelten. So gehört die pilzförmige, mit 1 bezeichnete Wurzelqualle zur Ordnung der Medusen, die zu taufenden und abertausenden als gelbliche und gelblichrötliche oder blaue und rötlichblaue Halbkugeln die Meere bcwonen. Die größeren Exemplare erreichen einen halben Zoll bis einen halben Fuß im Durch- messer. Den größten Teil des Körpers bildet der nach oben abgerun- dete Schirm, dessen Rand gewönlich mit vier bis acht und mer äugen- artigen Punkten und einer Schwimmhaut, sowie mit dehnbaren Fäden versehen ist. An der Unterseite der Scheibe, in deren Mitte, befindet sich der Mund, bei einigen Wesen dieser Art, zu denen das unsrige gehört, am Ende eines Stieles. Kanäle oder sackartige Räume ver- lausen aus dem Magen nach dem Umkreise der Scheibe, dort münden sie in einen Ringkanal ein. Nach Beobachtungen und Mitteilungen von Naturforschern bewegt die Qualle ihren Schirm beständig in regelmäßi- gen Intervallen, indem sie denselben zusammenzieht. Hört die Bewe- gung auf, so steigt sie gewönlich regungslos nach oben. Die meisten Quallen sind jedoch um ein geringes schwerer wie das Wasser.— Ein zierliches Glied dieser Art ist die auf unserm Bilde mit 2 bezeichnete Fingerhutqualle. Wie aus den zartesten Stoffen gewebt, durchsichttg, mit seinen im Innern des Magenmundes gelegenen Fortpflanzungs- organen(aus unserer Zeichnung die dunkeln Punkte), die in erdbeeroter Farbe schimmern, bildet dieses Tierchen eine reizende Erscheinung, zu der die blendend weißen, fadenänlichen Fangarme viel beitragen. Leztere, gewönlich 2—3 Ctm. lang, wachsen, wenn es sich um das Erhaschen der Beute handelt, blitzschnell zu einer Länge von 20 Ctm.— Wenn auch nicht so zierlich, so doch ebenso interessant ist das dritte Glied im Bunde, die unter 3 ausgesürte Rippenqualle. In der Form von Me- lonen oder glashellcr Aepfel, manchmal auch als anderthalb Meter lange Bänder mit verdicktem Mittelteile, schwimmen sie auf offnem Meere oder werden vom Winde oder von der Strömung in die Nähe der Küsten getrieben. Ihre Haltung im Wasser ist meistens senkrecht, mit nach unten gerichteter Mundöffnung. Diese fürt in einen erweiterten oder rörenförmigen Magen, aus dem die unverdaulichen Teile der Narungsmittel wieder den Weg nemen, den sie gekommen sind. Diese Organisation haben sie übrigens mit vielen Tieren niederer Ordnung gemein. Besonders eigentümlich sind der unsrigen die sich bei dem •inzelnen Individuum von Pol zu Pol hinziehenden Rippen. Diese bestehen aus kurzen, kammförmigen Querreihen von Wimpern, die am Grunde mit einander verwachsen und verbunden sind. Die Tätigkeit der Rippen als Schwimmapparate hängt von der Willkür des Tieres ab; sie arbeiten einzeln oder gleichzeitig.— Dann ist ein ebenso ori- ginelles Geschöpf die Nacktkiemen- oder Schlcierschnecke(Fig. 4), welche oft 30 Ctm. lang wird, in der Nordsee garnicht vorkomt und nur in den Gebieten des Mittelmeeres lebt. Neben dem Mantel, Segel be- nant, der den Kopf bedeckt, sind die seitlichen Rückcnanhänge, die man früher als Parasiten dieses Tieres bezeichnete, bemerkbare Eigentüm- lichkeiten. Dasselbe ist in Aquarien schwer zu erhalten, stirbt oft schon nach einigen Stunden, indem es keine Narung zu sich nimmt, und get, bisher an die freie Bewegung in vielem und frischem Waffer gewönt, aicmbedürstig in dem zu engen Behälter zugrunde.— Ein äußerst flinker und beim Zug auf Beute raffinirter Gesell ist der unten links durch die Nr. 5 gekennzeichnete Wollkrebs. Er gehört zu den Rücken- süßlern und ist der Körper des im Mittelmeer lebenden Tieres mit Aus- name der rötlichen Scherenspizen dicht behart. Was aber unsere Aufmerk- samkeit bei ihm besonders fesselt, ist, daß er immer ein Schuzdach mit herumträgt. Man ist sich noch nicht klar darüber, ob dieses Dach durch Zusall oder mit Absicht auf seinen Rücken komt. Das leztere wird an- genommen, weil er es mit den Rückenfüßen festhält pnd er sich in den Aquarien in Ermangelung dessen ein Stück Tange über den Rücken hängt. Im freien Meere bestet es gewönlich aus einem Schwämme; aus der Flucht läßt er es fallen. Es wird oft so groß und schmiegt sich so fest an den Rücken des Tieres, daß es dasselbe vollständig be deckt. Bei seinen Raubzügen leistet ihn« dieses Dach vortreffliche Dienste, denn er kann unbemerkt seine Beute überfallen. Er entwickelt dabei übrigens auch sonst noch viel Raffinement, vergräbt sich plötzlich in die Erde, so daß die Augen nur hervorlugen und überfällt dann das Tier- chen, welches er sich zur Malzeit erkoren, mit einer solchen Geschwindig- keit, daß für dasselbe kein Entrinnen mer ist. Figur 6, die Feilen- muschel, hat ein länglich gleichschaliges, an beiden Enden, besonders aber vorn klaffendes Gehäuse von reinstem Weiß, aus dem eine ganze Menge orangefarbener Fransen des Mantelrandes hervortreten, die, wenn das Tier schwimmt, wie ein feuriger Schweif nachgezogen werden. Ist es in seinem Neste, so läßt es die Fransen aus der Oeffnung der Schale heraushängen, so daß von dieser nichts zu sehen ist; man ver- mutet, diese Fäden dienen zur Herbeischaffung der sehr kleinen, mit bloßem Auge nicht warnembaren Beute und des Atemwassers. Son- derbar ist, wie gesagt, daß das Tier in einem Neste wont, das es, wie man vermutet, nicht verläßt, wenigstens nicht freiwillig. Es baut sich dieses Nest, indem es in der Nähe liegende Gegenstände, wie Steinchen, Muschelstückchen, Korallen, Holzstückchen u. dgl. mit gröberen Byffus- fäde»(Byssus-Muschelbart) an einander befestigt. Beobachtet hat man es bei dieser Täligkeit noch nicht, doch vermutet man, daß dasselbe sich, gleich anderen Muscheln, die Bartfäden auszuziehen vermag und diese zu dem genanten Zwecke verwendet. Ist das dem Tiere als Festung gegen Raubfische dienende Nest äußerlich hergestellt, dann bekleidet das- selbe dessen Inneres mit feineren Fäden, wodurch es ganz dem Bogel- neste gleicht. Die in seichtem Wasser gefundenen hatten sich samt Nest noch außerdem unter großen Steinen versteckt, doch glaubt man nach der Art, wie dieselben in den norwegischen Gewässern mit Nezen ge- sangen wurden, daß sie in tiefen Meeren, nicht behelligt durch Wellen und Strömungen, diese leztere Borsicht beiseite lassen. Nach einer an- deren Richtung hin fordert unser Interesse heraus die Bormuschel, von der ein Individuum uns Figur 7 zeigt, und zwar die unter dem Namen Steindattel bekannte. Diese ist sogar durch ihre Taten zu einer gewissen Berümtheit gelangt. Am Strande von Puzzuoli, unweit Ne- apel, ragen nämlich aus einer alten Tempelruine drei Säulen empor, an denen man in einer Höhe von 10 Fuß über dem Meeresspiegel einen 6 Fuß breiten Gürtel von Borlöchern der Steindattel bemerkt. Sie liefern den Beweis, daß die Küste mit dem Tempel einst unter Wasser gestanden und sich später wieder gehoben hat. Wie diese Muschel sich in den Stein einHort, darüber ist man sich heute noch nicht klar. Man behauptet jedoch einerseits, es geschehe dies aus mechanische Weise, und zwar durch die mit Kieselnadeln besezten Fußspizen. Es wird dies je- doch von dem als Naturforscher weit bekanten Dr. Oskar Schmidt bestritten, welcher troz seiner vielen Beobachtungen und Untersuchungen des genanten Tieres keine Organe für eine solche steinzerstörende Tätig- keit entdeckte. Cr vermutet daher, daß die Steindattel ihre Gänge in dem Gestein herstellt, indem sie eine Flüssigkeit absorbirt, welche aus- lösende Kraft besizt. Die Natur dieser Säure sei zwar noch nicht be- kant, aber man dürfe nur an die scharfe Säure denken, die die Faß- schnecke absondert, um für die Hölenbildung der Steindattel einen war- scheinlichen Anhaltepunkt zu gewinnen. Den Einwand, daß diese äzende Flüssigkeit auch die Muschelschalen der Schnecke angreisen müsse, weist Schmidt damit zurück, daß diese Schalen durch die dicke Oberhaut hin- reichend geschüzt sei. Am meisten den Pflanzen änlich ist auf unserm Bilde Figur 8, ein Schwamm, der seiner äußern Form wegen den Namen Hirschgeweischwamm erhalten hat. Bis in die neuere Zeit hinein hielt man diese organische» Gebilde auch für Bcgetabilien, bis die neuere Forschung, angeregt durch die epochemachenden Werke Darwins, zu dem Resultat kam, daß sie dem Tierreiche zuzuzälen seien. Nur streitet mau noch darüber, ob sie zu den Wesen gehören, die auf der unentschiedene» Stufe stehen, also weder Tier noch Pflanze(Prolisten, Urwesen) sind oder ob sie eine Stufe höher zu stellen und selbst niedrig organisirte Tierarten sind. Häckel, der darüber ein Werk,„Monographie der Kalk 280 schwaiilme", geschrieben, belent sich zu der lezteren Ansicht und viele andere mit ihn«. Bemerken wollen wir noch, daß die Untersuchung der Schwämme viel zur Begründung und Festigung der Entwicklungslehre beigetragen hat, indem dieselben ihrer ganzen Organisation nach einen der vielen Beweise sür den engen Zusammenhang des gesamten orga- nischen Lebens, sowie dessen gemeinsamen Ursprung licserten.— Die Figur 9 endlich, die Seegurke, gehört den von uns bei einer früheren Gelegenheit den Lesern dieses Blattes(Nr 25, S. 300 o. I.) beschriebenen Stachelhäutern an und zeichnet sich durch braune Farbe und zalreich verzweigte Füler aus. Bekantlich dienen diese Füler den Tieren in den Aquarien dazu, um an den Glaswänden hinaufzuklettern. nrt Fus äffen QSÜnRefn der ZeiMteralur. Kälte und Gesundheit. Dem weit verbreiteten Glauben, daß die Kälte der Gesundheit zuträglich sei, widerspricht die Statistik mit unwiderleglichen Zalen. Es ist eine längst festgestellte Tatsache, daß dem Fallen des Termometers unter den Gefrierpunkt stets ein Steigen der Sterblichkeitsrate entspricht. Jezt hat sich das wieder recht eklatant gezeigt. Der englische Register General— Oberste Beamte des Gc- i'undhcitsamts— konstatirt in seinem Bericht, daß in der Woche voni 16. bis 23. Januar die Sterblichkeitsrate in London auf 28,4 vom 1000 järlich gestiegen ist, gegen 21,3 und 22,6 in den beiden vorhergehenden Wochen. Die Zal der Todesfälle überstieg die Durchschnittsziffer der lezten zehn Jare— bei Anrechnung des Bevölkerungszuwachses— um 230, Die Ziffern für die nächstfolgenden Wochen, wo ersarungsgemäß die Wirkungen der Kälte, die in der Woche vom 16. bis 23. Januar be- gann, sich erst recht sülbar gemacht haben werden, liegen noch nicht vor. — Auch in Deutschland ist, nach den Berichten des Reichs-Gesundheits- amts in der dritten Woche des Jares ein Steigen der Sterblichkeitsrate, und zwar von 26,2 vom 1000 järlich auf 27,2 eingetreten. Daß der Sprung in Deutschland nicht so groß war wie in England, liegt darin, daß der Witterungswechsel sich weniger jäh vollzog und der Unterschied zwischen der dritten und den beiden vorhergehenden Wochen kein sehr wesentlicher war. Wer reichliche Narung hat— nebst einem„steifen" Grog dann und wann,— warme Kleider— apropos die jägerische Wollentracht ist sicherlich nicht one— und daheim eine wohlgehcizte Stube,— für den ist eine scharfe Kälte, die obendrein das Vergnügen des Schlitt- schuhlaufens und vielleicht auch eine Schlittenpartic mit sich bringt, eine prächtige Nervenstärkung— vorausgesezt, daß er eine kerngesunde Lunge hat und sonst kräftig ist. Aber wieviel Menschen sind in dieser ange- nehmen Lage?— 1b Deutschlands Biicherproduktiou 1880. Die Gesamtziffer der im verflossenen Jare in Deutschland erschienenen Neuigkeiten und neuen Auflagen aus dem Büchermarkt betrugen 14 911 inkl. 300 Landkarten, also gegen 1879 ein Mer von 762. Das Jar 1879 hatte 267 Num- mern mer als 1878 und dieses 13 weniger als 1877, so daß die Ge- sammtzuname von 1878 bis 1880 sich auf 1016 Werke und Karten gegen 1377 beläust. In demselben Zeiträume hat sich die Zal der Werke über Rechts- und Staatswissenschaft, Politik und Statistik um 289(1557 gegen 1268), die teologischen um 137(1390 gegen 1253), die pädagogischen um 133(1950 gegen 1817). Die schöne Literatur ist 1880 mit 1209 neuen Werken vertreten. Die Volksschriften namen gegen 1877 um 117 Werke zu(657 gegen 540). Zurück gingen die Bücher über Philosophie(v. 163 aus 125), Vermischte Schriften(v. 507 auf 423) und Karten(v. 336 aus 300). Eine Zuname zeigten 1880: die Heilwissenschaft und Tierheilkunde 790, N'aturwissenschasten 787, Literatur der Jugendschriften 496, Altertumskunde, allklassischc und orientalische Sprachwissenschast 533, neuere Sprachwissenschaft und alt- deutsche Literatur 506, Geschichte, Biographie 752, Geographie 356, Matematik, Astronomie 201, Kriegswissenschast und Pferdekunde 353, Handelswissenschaft und Gewerbskunde 583, Bau-, Maschinen-, Eisenbau-, Bergbau- und Schiffartskunde 403, Forst- und Jagdwissenschaft 112, Haus- und Landwirtschast 433. schöne Künste, Stenographie 627 und die Freimaurer-Literatur 20 Werke. v- Faust in England und in den Bereinigten Staaten. Die „Saturday Review" recensirt in ihrer Nummer vom 22. Januar d. I. eine neue Faust-Uebersezung von vr. Webb, deren Vorrede und Noten sehr gelobt werden, wärend die Uebersezung selbst den niitgeteilten Pro- ben nach viel zu wünschen übrig läßt, und die von Bayard Taylor. unbedingt die beste, bei weitem nicht erreicht. Aus der Vorrede er- faren wir, daß die Zal der englischen Uebersezungen des Faust, schon vor der Webb'schen über vierzig betrug. lb Literarische Umschau. „Ein Spaziergang um die Welt, von Alexander Freiherrr von Hübner, vorm. k. k. österreichischen Gesanten in Paris und am päpst- lichen Hofe rc. ,c. Mit ca. 350 Abbildungen, Leipzig 1880, Heinrich Schmidt und Karl Günther." Der Spaziergang um die Welt, welcher uns in bereits sieben Lieferungen vorliegt, ist nicht blos aus dem Papier geschehen, sondern bildet den hochinteressanten Bericht über eine Welt- reise, die der als Diplomat bekante Freiherr von Hübner in den Jaren 1871 und 72 ausgefürt hat. Der Reisende wollte in den beachtens- ivertesten der unserer europäischen Civilisation fernstehenden Gegenden und Ländern, auf den Hochgebirgen und in den Urtväldern Amerikas wie in Japan und China, Studien machen, er wollte nicht nur sich selbst zerstreuen, sondern auch das Wissen von jenen unserm Verständnisse nach vielfach noch unzugänglichen Teilen und Völkerschaften unsrer Erde | bereichern, und auf diesem Gebiete als Pionier zu dienen, dazu war er, der Staatsmann, dessen Beziehungen überall hinreichen, wo euro- päische Kultur auch nur durch versprengte Konsularbeamte und Missio- näre Fuß gefaßt hat, durch ein günstiges Geschick besser ausgerüstet, als fast jeder andere Reisende. Freiherr von Hübner hat übrigens den zugeknöpften und vornem reservirten Diplomaten zuhause gelassen wä- rend seines Spaziergangs um die Welt; er plaudert in harnilos an- sprechender, geistvoller, reich belehrender Weise und illustrirt die große Menge von Illustrationen mit seinem Text so prächttg, als sie selbst sind. Es ist eben ein Prachtwerk, welches in die glänzende Reihe der Literaturerscheinungen dieser Art, wie sie die neueste Zeit so zalreich geboren hat, als würdige Ergänzung sowol in Bezug auf Inhalt als Ausstattung eintritt. Die Reise ging, soweit man sie bis jezt verfolgen konte, von Queenstown bis New-Hort, von Rew-Aork nach Washington, Chicago, der Salzseestadt der Mormonen— hier sich zu tief eindrin- genden Mitteilungen über das Mormonentnm unterbrechend, und von da nach Corinna, einer noch kleinen, aber in rascher Bevölkerungszu- name begriffenen Stadt, etwa drei Meilen vom Salzsee entfernt, von der aus Herr von Hübner einen interessanten Besuch bei einem In- dianerstamme unternommen hat. B. G. „Encqklopädie der neueren Geschichte. In Verbindung mit namhaften deutschen und anßerdeutschcn Historikern herausgegeben von Wilh. Herbst, Prof., Hr. theol. et phil., Rektor a. D., d. kgl. Landes- schule Pforta." Das Werk soll allen Deutschen, besonders auch denen im Auslande, als praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch auf dem weiten Gebiete der neueren Geschichte dienen und sowol Gelehrten als Nicht- gelehrten, sofern sie sich für Geschichte und Politik intcrcssiren, jederzeit möglichst umsassende und zuverlässige Auskunft über alle wichtigen Er- eignisse und bedeutenden Personen unsrer Geschichtsperiode gewären. Um diesem Zwecke in einer alle» solche Belehrung Suchenden recht be- quemen Weise zu genügen, ist die lexikalische Anordnung des Stoffes gewält, und eine aussürliche Einleitung, welche in großen und festen Zügen ein Gesamtbild der neueren Geschichte zeichnet, vorausgeschickt. Das Werk soll in zwei Bänden 110 Druckbogen umfassen und erscheint in Lieferungen von je 5 Bogen zu dem sür ein solches Geschichtswerk sehr mäßigen Preise von 1 Mark. Tie beiden mir vorliegenden ersten Lieserungen tragen im ganzen wie im einzelnen den Stempel tief- eindringenden Geschichtsvcrständniffes und warhast humaner Welt anschaunng. Dabei sind viele der größeren Artikel tatsächlich Muster einer gedrängten und reichhaltigen, objekttven und ansprechenden Dar- stellungsweisc. B. G. QiUdaKlionsKsrresponden). E. Merjäriger Abonnent. In Ihrem Falle sind gan, talte Walchnnaen jedensalls nicht angebracht. Waichen Sie Sich in woidurchwärmter Stube mit über- lcklagenem Wasser von IS bii 20 Grad Reaumur und nemen Sie. wenn Sie das bewert- stelligen lönncn, hin und wieder ei» warmes Vollbad. Recht däufiger Genub von wir«- lich reiner Lust ist Ihnen besonders zu em»selen, nur dllrsen Sie nicht bald nach der Waschung Sich einer von der Stubcnwärme erheblich verschiedenen Temperatur ans- sezen. Außerdem werden Sie gut wn, eine flanellene Leibbinde zu tragen und Ihre Narung sorgsältig zu regeln, d. h. nur ganz leicht verdaulich- Sveism. und auch diese nur in Neincren Quantitäten zu genießen, besonders Reis-, Gersten- und Saavlubven magere Fleischbrühe, weiche Eier u. dgl. Stalte Gctränle, auch Bier, Spselwein u i w' hätten Sie dagegen zu vermeiden, ebenso hartes Fleisch, Gurlen, Milch und alles Saure "Nd Fe»-. Nach vierzehn Tagen oder drei Wochen mögen Sic uns mitteilen, ob sich Ihr Zustand zu beffern beginnt. awJ?; vbeP b°n Ihnen uns eingesendeten Zettel er ?. m!ik Nachricht davon, daß ein dresdner Buchhändler der W." als Prämie dre Bildmsie nnes prinzlichen Ehepares, das dem sächsischen Königshaus« an- gehört, beigibt. Dag ei» Buchhändler aus diese Weise iür unser Blatt Propaganda macht, ist Si".". fcnhn!££ i1*'8 SBerf,en nicht, wenn wir auch wollten. Wer wunlcht, der lann die„N. W." ja durch einen andern � läiid äder durch die Post oder sonstwie beliebig beziehen: man erhält sie übrigens auch nicht, wenn ma» nicht sür i-dei Porträtblatt eine Mar«»achzalt. Johatt. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Weinvcredlung oder Wcinversälschung?— Die Herrin von Dar- Dschun, von Wanda v. Dunajew(Schluß).— Lose Blätter aus der Geschichte zweier Kulturkämpfe(Schluß).— Der Eingang zur Grotte von Anttparos(mit Illustration).— Merkwürdige Scetiere(mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Kälte und Gesundheit Deutschlands Bücherproduktton 1880. Faust in England und in den Bereinigten State».— Literarische Umschau.— Redaktionzkorrespondenz Veranttvortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.