Erscheint wöchentlich.— Preis viertcljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Die Schwestern. Roman von W. KautsKy. (24. Fortsezung.) Warum betrieben aber auch, klagte Frau Weiß, die jungen Leute diese Hochzeit mit einer solchen Eile! Das ist ja gar kein Brautstand, sagte sie, als die Briefe Alfreds eine immer wachsende Ungeduld verrieten. Man befand sich im Juni, und noch in diesem Herbst wollte er seine Marie heimfürcn. Vorher gedachte er noch einmal sein Bräutchen zu besuchen, die Sehnsucht nach ihr durch ein Wiedersehen doch teilweise zu befriedigen. Freilich werde er nur einen Tag in ihrer Nähe bleiben können. Aber selbst dieser kurze Urlaub schien ihn: nicht gegönt. Er war noch immer mit den vorbereitenden Studien für sein großes Bild be- schästigt. Die Modelle hierfür wurden ihm von der Akademie gestellt, es war dies eine besondere Vergünstigung, aber er durfte sie eben deshalb nicht versäumen. So hielt ihn denn diese Arbeit mit eisernen Klammern an seiner Staffelei fest. Marie suchte ihn in der herzigsten, liebevollsten Weise darüber zu trösten. Ihre Briefe waren schlicht und einfach, ihr Stil und ihre Orto- graphie wären in jeder Schule mit„ungenügend" klassifizirt worden, aber der Ton darin war so innig, so gut, und die Poesie eines reinen, noch unentiveihten Herzens, die, wie ein seiner Duft jede Zeile durchwehte, verlieh ihm einen unsäglichen Reiz. Dem seinempfindenden Alfred ward sein Mädchen dadurch fast verklärt, und die Ausschmückungen seiner stets geschäftigen Phantasie verliehen ihr ein immer poetischeres Gepräge. Und Marie war auch in Wirklichkeit noch reizender geworden, als je. Das Gliickjah aus ihren Augen, lachte von ihren Lippen, es ließ�Leib und Seele reicher, üppiger entfalten. Sie war in diesen Tagen so blühend schön, wie eine junge Rose, die der Morgen geküßt. Eines Nachmittags, als Marie die Mädchen besuchen kam, die sie schon als ihre Schwestern betrachtete, ward ihr auf ihr Klopfen nicht sofort aufgetan. Nach einer Weile erschien Minna an der Tür, die sie nur zu einem Spalt erweiterte, um ihr zu sagen, daß sie sie unmöglich einlassen dürfe. Malchen sei plözlich erkrankt und der Arzt befürchte den Scharlach. Marie bat nur um so dringender um Einlaß. Sic wollte das arme Kind pflegen helfen, mit Minna sich in die Nachtwache teilen. Aber diese verwarf den mildherzigen Antrag ganz entschieden und erklärte, daß niemand unnötigerweise der Ansteckung ausgesezt werden dürfe. „Aber du willst dich ihr aussezen, Minna!" rief Marie, fast in Tränen.„Und wenn du nun selbst krank wirst?" „Ich werde diesen Fall erst dann in Betracht ziehen, wenn er eingetreten ist. Uebrigens, ich werde nicht krank, ich fürchte � mich nicht." „Ich auch nicht, Minna." Aber Minna wollte keine weiteren Einwendungen hören, und Marie mußte mit schwerem Herzen von dannen gehen. Drei Tage hindurch kam Minna nicht von der Seite der erkrankten Schwester. Die Erscheinungen waren die ersten Tage hindurch recht bedenklich gewesen. Die Haut ivar nur stellen- weise gerötet, aber die Entzündung der Rachenschleimhäute war bis zu einem hohen Grade vorgeschritten und gegen Abend stellte sich regelmäßig ein heftiges Fieber ein, das oft die ganze Nacht anhielt und sich bis zu Delirien steigerte. Gleichwol beruhigte der Arzt die besorgte Schwester. Er hoffe einen raschen ui�> günstigen Verlauf, sagte er; das junge Mädchen sei ser schwächlich und ihre zarte Konstitution werde ein ungestümes Auftreten der Krankheit verhindern. Mit den külen Umschlägen und den beruhigenden Getränken riet er seinen An- Ordnungen gemäß fortzufaren. Minna versicherte, er dürfe sich auf ihre Gewissenhaftigkeit in dieser Hinsicht verlassen. Der Arzt war indes der Meinung, daß sie diese Gewissen- hastigkeit eher zu weit treibe, sie habe sich bereits überangestrengt und es scheine ihm nötig, für diese und die folgenden Nächte eine Wärterin aufzunemen. Aber Minna behauptete, sie füle sich kräftig und frisch genug, um noch einige Nächte durchwachen zu können. Der Arzt verließ sie mit einem unzuftiedenen Kopf- schütteln.. Friz war in diesen Tagen wiederholt in die Krankenstube gekommen, um nachzusehen, wie es mit dem Befinden der Patientin stehe. Er war voll Unruhe und Besorgnis. Er hätte, wie gerne, � seiner Minna einen Teil der Mühe abgenommen, aber Malchen mochte ihn nicht in ihrer Nähe, mochte ihn überhaupt nicht in dem Zimmer dulden. Es war teils zarte, jungfräuliche Empfind- lichkeit, teils eine sich immer stärker entwickelnde Eifersucht gegen Friz, die jeder vertraulichen Annäherung zwischen ihm und Minna offenbar feindselig gegenübertrat. Es war gegen zehn Uhr abends, als er wieder leise an die Tür pochte. Malchen lag in einem unruhigen Schlaf, von Fieber- hize gequält. Minna schritt behutsam nach der Tür, sie öffnete sie ein wenig, um mit ihm zu sprechen; er aber, nachdem er sich überzeugt, daß seine kleine Feindin in einem unzurechnungs- fähigen Zustand sich befinde, trat in das Gemach ein. Sie hatte H».«»r.. nicht den grausamen Mut, es zu hindern. Sie hatten einander soviel zu sagen, und es war ihr ein so süßer Trost, ihn, wenn auch nur auf Augenblicke, in ihrer Nähe zu haben. Sie sezten sich an den Tisch, auf welchem die kleine Petroleumlampe braute, deren Licht durch einen dunklen Schirm gedämpft war. Sie hielten sich an den Händen und sie flüsterten leise miteinander. Er sah ihr in die lieben Augen und fand sie matt und ver- schleiert; er zog das Mädchen in mitleidiger Zärtlichkeit an sich; sie ließ den Kopf an seine Schulter sinken, die Augen fielen ihr zu. Einen Augenblick war sie in jene süße Betäubung versunken, die dem Einschlafen vorausget, dann versuchte sie, sich wieder aufzuraffen und die schweren Lider zu heben,— es wollte ihr nicht gelingen. „Nein, die wollen nicht mer offenbleiben, die armen Augen," sagte er mit jener launigen Gutmütigkeit, die bei ihm charakteristisch war,„der Schlaf übermant dich, kämpf' nicht länger da- gegen, leg' dich nieder, gönne dir ein wenig Ruhe, laß mich diese Nacht bei Malchen wachen." Minna zeigte sich über diese Proposition fast erschreckt; es sei unmöglich, behauptete sie, Malchen müsse die Umschläge noch uuausgesezt bekommen und auch die Medizinmüsse ihr allstündlich verabreicht werden, und wenn sie nun Friz an ihrer Seite und in solcher Weise um sich bemüht sähe, sie würde außer sich geraten. „Ach was, ein Mensch im Fieber, dem kann man doch leicht ein X für ein U vormachen, und ich will mich schon zusammennemen, ich will mich so fein und zart geben, daß sie den umgetauschten Krankenwärter garnicht bemerken wird, du wirst sehen." Minna machte noch einige Einwendungen, er aber nam sie, statt jeder Antwort, in seine Arme und trug sie wie ein Kind dem Bette zu. Sanft legte er sie aus die Decke, die es noch umhüllte, nieder und rückte nur die Kissen ein wenig zurecht. Sie werte sich nicht länger, sie war zu erschöpft. „Du wirst mich wecken, versprich mir's, Friz, nach einer Stunde—" Sie lallte noch etwas, hierauf schmiegte sie den Kopf tief in die Kissen, ein kleiner Seufzer der Befriedigung kam über ihre Lippen, dann war sie fest eingeschlafen. Friz betrachtete sie einen Augenblick, dann wante er sich, nicht one eine kleine Anstrengung über sich selbst, von ihr ab und sezte sich in ziemlicher Entfernung aus einen Stul. Er blieb lange so, one sich zu rüren. Es war so still, so traumhaft in dieser halben Dämmerung, und es schien ihm so seltsam, allein zu sein mit den beiden schlafenden Mädchen. Ein sanftes, bisher ungekantes Gefül der Wemut stieg in ihm auf. In diesem jungfräulichen Gemache sprach alles zu seinem Herzen. In allem glaubte er die arbeitsame, verständig ordnende Hand seines Mädchens zu erkennen, das so mutig den Kampf um das tägliche Brot kämpfte, das so mühsam verdiente und nicht nur sich, sondern auch dies zarte, schwächliche Geschöpf zu ernären hatte. Und wie ftölich war sie troz ihrer Armut, wie gut, wie teilnemend für die Leiden andrer, und dies starke, gesunde Herz, es schlug in einem starken, gesunden Körper,— unwillkürlich mußte er wieder nach ihr hin- sehen. Das Licht der Lampe fiel unter dem Schirme auf die Schläferin. Wie blühend sie aussah! Der Schlaf hatte die jugendlichen Wangen noch höher gerötet, ein tiefes, regelmäßiges Atmen hob die volle Brust. Ihre Lippen waren geschlossen, das gab dem Munde einen noch festeren Zug und das dichte Har war ihr tief in die weiße Stirn gefallen. Ein Bild blühender Kraft und Gesundheit lag sie da. Er hattc� sich erhoben und stand jezt vor ihr, und ein Gefül heißer, leidenschaftlicher Zärtlich- keit loderte in ihm auf. Das Mädchen war sein, das fülte er, und auch er hatte sich ihm ganz zu eigen gegeben, und doch hätte er es nimmer gewagt in diesem Augenblick, sich nieder- beugend, einen Kuß auf diese Lippen zu drücken. In den Augen des Jünglings lag ebensoviel Ehrfurcht als Liebe. Malchen fing an, unruhig zu werden, sie sprach im Schlafe und sie begann mit den Armen um sich zu schlagen. Er näherte sich ihr leise und erneuerte die Kompresse. Das schien ihr wolzutun und sie entschlummerte wieder. Eine Stunde war vorüber. Sie sollte die Medizin einnemen. Er griff nach dem Löffel, der neben dem Fläschchen lag, und füllte ihn mit der külenden Phosphorsäure, dann hob er etwas den Kopf der Kranken und goß ihr rasch die Flüssigkeit in den Mund. Es mochte nicht ganz so vorsichttg geschehen sein, wie Minna es zu tun pflegte, denn die Kranke ließ ein unwilliges Murren hören und verzog wie im Weinen den Mund, schlief aber nichtsdestoweniger weiter. Als Friz vorsichtig den Löffel wieder auf seinen Plaz zurück- legen wollte, merkte er, daß sich einiges Oxyd an demselben an- zusezen begann.„O," dachte er,„der Löffel ist aus Bakfong, das taugt nichts, da muß man einen silbernen nemen." Er wußte, daß die Mädchen zwei Stück derselben besaßen, und kante auch den Ort, wo sie aufbewart wurden. Er zog die Lade heraus und begann sie zu suchen. Er fand sie nicht. Auf einem Karton aber lag ein roter Zettel, dessen Signatur er kante. Das Bersazamt pflegte solche auszustellen. Er besah ihn näher. In der Tat, er war auf zwei Stück Silberlöffel ausgestellt und war dafür ein Betrag von zwei und einem halben Gulden aus- bezalt worden. Friz stand betroffen. Stand es so schlimm? Die Mädchen befanden sich also in der äußersten Not, sie be- saßen nichts mer; die Krankheit der Schwester hinderte Minna, zu arbeiten und mußte noch auf Tage hinaus jeden Verdienst unmöglich machen. Und sie hatte ihm gegenüber geschwiegen, sie hatte ihm ihre trostlose Lage verheimlicht. Aber freilich, konnte er ihr helfen? War er nicht selber ein armer Teufel, der vom Kredit lebte und seine Gläubiger nur mit der Hoffnung auf bal- dige Arbeit zu tröften Ivußte? Aber sollte das Mädchen, das er liebte, noch länger der Sorge preisgegeben sein, dem Mangel? Oder sollte es in seiner Bedrängnis sich um Unterstllzung an Fremde wenden, indes er, ein Müßiggänger, an ihrer Seite lebt und die Hände in den Schoß legt? Eine hohe Röte der Scham stieg in ihm auf, und es war eine bittere Selbstanklage, die er in diesem Augenblicke gegen sich selbst schleuderte. Er nante sich einen Elenden; unwürdig ihres Vertrauens dünkte er sich, unwürdig ihrer Liebe. Er sezte sich neben dem Tisch auf einen Stul und schlug beide Hände vor das Gesicht: „Sie glaubt also von mir nichts, gar nichts erwarten zu dürfen; nicht als einen Mann betrachtet sie mich, der sie behüten und be- schirmen kann vor allem Ungemach, nein, ein Knabe bin ich ihr, der in leichffinniger Sorglosigkeit nur an sich selbst denkt, für einen ganz miserablen Egoisten hält sie mich. Und bin ich es nicht? Bin ich es nicht wirklich? Weil ihre Wangen rund und voll sind, und weil sie immer ftölich scheint und lacht, war ich's zufrieden, und ich sah nicht näher zu, und ich neme von diesen Mädchen noch die Wonung, die sie an einen andern hätten ver- mieten können, und ich habe hie und da sogar ein Früstück von ihnen angenommen!" Dieser lezte Fall schien ihm der schwerste, der unverzeilichste, und er schlug in Zerknirschung und Reue mit den Fäusten gegen die Stirn und nante sich einen Nichtswürdigen. Nachdem er in dieser Weise gegen sich selbst gewütet, sprang er auf und fing an mit ziemlich raschen Schritten im Zimmer auf und nieder zu spazieren. Auf seinen Krankenwärterdienst bei Malchen hatte er ganz vergessen. Jezt trat er zum Fenster, an dem sich das erste Morgen- grauen zeigte. Der obere Flügel war offen und die hereinströ- wende Luft tat ihm wol. Wenn's nur schon Tag wäre, murmelte er, damit ich fort könte, mir Arbeit suchen, was immer für eine, ich werde schon etwas finden. Ich werde für sie arbeiten, für sie verdienen.— Es erschien ihm so unbeschreiblich schön und so dringend zugleich, daß er seiner Ungeduld kaum mer gebieten konte. Und wieder fing er an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Die Kranke wurde abermals unruhig und sie begann»n Schlaf leise zu lvimmern. Erschreckt stellte Friz seine Wanderung sogleich ein, und er sprang hinzu, um sein Versäumnis wieder gut zu machen und den Umschlag zu wechseln. Malchen aber riß das feuchte Tuch vom Kopfe und warf es mit einiger Heftigkeit gegen den Fuß boden. „Ich will keine Umschläge," rief sie mit plözlichem Aerger und Friz den Rücken zukehrend:„Laß mich, warum weckst du mich heute immer auf, was hast du denn?" Fritz getraute sich kaum, zu atmen. Malchen aber, die ge- wont war, ein gutes� beruhigendes Wort von ihrer Schwester zu hören, brachte dies Schweigen erst zu völliger Besinnung, und init einem male sezte sie sich im Bette auf und den Kopf wen- dend, sah sie mit großen wachen Augen um sich.„Friz!" rief sie, und alle Empörung ihres jungen Herzens legte sie in dies eine Wort; dann sich nach ihrer Schwester umsehend, schien sie im Begriff, diese zu ihrem Schuze herbeizurufen. Friz aber faltete flehend seine Hände und bered in Blick und Wort, bat er sie, sich ruhig zu verbaltcn. 295 „Rufe» Sic nicht, sie schläft, ich bitte, wecke» Sie sie nicht, sie bedarf der Ruhe, sie ist drei Tage und Nächte nicht von Ihrem Bett gekommen, Malchen, haben Sie nun auch�twas Erbarmen mit ihr; oder mißgönnen Sie ihr das bischen Schlaf?" „Nein," entgegnete Malchen leise, aber noch immer in einem gereizten Tone,„sie soll schlafen; aber was haben Sie hier zu tun? Gehen Sie hinaus." „Aber Malchen, Sie brauchen Wartung und Pflege." „Nicht die Ihrige." „Sie müssen Umschläge bekommen, der Arzt hat es bcfolcn." „Ich brauche keine mer, mein Kopf ist nicht mer heiß, ich bin schon ganz gesund." „Oho, Fräulein Malchen." „Nichts, oho, Sie gehen hinaus, ich will es!" „Aber da werde ich doch vorher Minna wecken." „Nein, nein, lassen Sie sie schlafen." „Dann nenien Sie wenigstens einen Löffel Medizin von mir." „Ich werde sie nemen, wenn Sie draußen sind." „Sie sind eigensinnig." „Nein, aber es empört mich, daß Sie nun schon des Nachts zu uns hereinkommen; das gehört sich nicht, und das leide ich nicht, nein, das leide ich nicht. Sie haben hier nichts zu schaffen, und ich begreife Minna nicht, daß sie so etivas—" Sie kam nicht weiter. Das lauter werdende Gespräch der beiden hatte Minna erweckt; sie hatte sich rasch erhoben und war herangekommeu, one daß sie von den Streitenden bemerkt worden wäre, jezt aber umschlang sie Malchen mit ihren Armen und drückte sie sanft in die Kissen zurück. „Sei ruhig und rege dich nicht auf, vergieb mir und ihm, er meint es so gut." „Ach ja, gut," murmelte Malchen, sich grollend zur Seite wendend,„was brauchen wir seine Gutheit, und wenn wir jeden guten Mann in unser Zimmer—" Wieder unterbrach sie Minna, und diesmal in einem ver weisenden Tone:„Jeden? aber Fritz ist nicht jeder und nicht der erste beste, er ist der Mann, dem ich für's Leben angehören will und für mich deshalb der einzige, den ich liebe und dem ich vertraue." Friz faßte ihre Hand und drückte sie fest in der seinen. „Nicht in allem, Minna, aber ich werde mir dein volles Bcr- trauen zu verdienen suchen; und nun gehe ich, zufrieden, daß du doch einige Stunden wenigstens geschlafen hast." „Einige Stunden!" rief Minna mit ungemesienem Erstaunen. „Aber das ist doch nicht möglich—" „Ja wol, mein Liebchen, es ist Morgen; die Lerche ist's und nicht die Nachtigall, und nun adieu." Er küßte sie rasch und heftig einige mal nacheinander, und als Malchen, dies mit an- sehend, einen Laut des Misvcrgnügcns nicht unterdrücken konte, rief er ihr neckend zu:„Jezt nenien Sic Sich nur zusammen, Malchen, daß Sie baldigst gesund werden, sonst komme ich Ihnen »och einmal als Krankenwärter auf den Hals." Im nächsten Augenblick war er ans der Tür. Den ganzen Tag bekam Minna nichts von ihm zu sehen, noch zu hören. Er war fortgegangen, sie wußte nicht, wohin. Es ivar spät am Nachmittag, als sie sein ivolbekantcs Klopfen vernam. Sie eilte zu ihm hinaus. Er fragte nach Malchens Befinden, und sie konte ihm froh berichten, daß es viel, ja ganz bedeutend besser gehe; das Fieber sei fast verschwunden und auch der Hautreiz sei verringert. Der Doktor hätte versichert, daß, wenn die Besserung so fortschreite, sie in einigen Tagen schon das Bett werde verlassen dürfen. Fritz sah sehr glücklich aus und voll guter Laune versicherte er, diese rasche Besserung sei nur durch seine unvergleichliche Behandlung bewirkt worden, und er lasse Malchen sagen, er wäre geneigt, sich ihr noch ferner zu widmen, wenn sie es verlange. Minna aber versicherte lachend, daß die kleine Patientin weniger als je von ihm wissen wolle. Man konte in dem Augenblicke ihre Stimme hören, die nach der Schwester rief. Minna wollte dem Rufe folgen, er aber hielt sie noch immer an den Händen fest, und seine Augen baten so zärtlich, doch noch ein wenig zu verweilen, daß sie willfarte. Aber als Malchen sich ungeduldiger zeigte, mußte man doch endlich zu dem lezten Händedruck kommen. Minna fülle, daß er ihr dabei etwas in die Hand drückte; rasch wollte sie nachsehen, was es sei; er aber preßte ihr die kleine Faust zusammen, und indem eine Pur- purglut in seinen Wangen aufstieg, sagte er in einem sonderbaren, fast ängstlichen Tone:„Sieh es nicht an in meiner Gegenwart, ich schäme mich, daß es so wenig ist, aber du wirst nun alle Tage das gleiche erhalten, bis— nun, bis du selbst wieder ar- beiten kaust." Er trat rasch in seine Tür und zog sie hinter sich zu. Sie öffnete die Hand; eine Guldenbanknote lag darin. Eine Träne trat ihr ins Auge. Er arbeitet um Tagelon, dachte sie, für uns, für mich, mein armer, guter, braver Friz! Sie nam das Geld one Zögern und one jedes beklemmende Gefül. Sie fülle, daß sie jeden Augenblick für ihn dasselbe getan hätte. Sie erwänte jedoch nichts davon gegen Matchen; sie kante das spröde Mädchenherz, diese hätte es nicht angenommen, das wußte sie. Auch Friz sagte sie nichts, als sie ihn wiedersah, aber ihr Blick verriet ihm mer, als Worte hätten aussprechen können. Nur noch inniger verbunden fülten sich die zwei und höher hielten sie sich in ihrem Herzen. Nur einmal in diesen Tagen, als er ihr wieder den kärglichen Verdienst brachte, fragte sie ihn schüchtern:„Friz, sag' mir, wo- init verdienst du's?" Und er entgegnete lachend:„Dadurch, daß ich mich in den Anfangsgründen meiner Kunst vervollkomne." „Ach, du scherzest immer; sag' mir die Warheit." „Es ist die Warheit; schau, ich war so ein eingebildeter Bursche, zu glauben, ich könnte schon ein Maler sein, und kann doch nicht einmal anstreichen, jezt lerne ich's, und ich werd's bald weg haben." „Du bist Anstreicher geworden?" „Das heißt, wenn Herr Jordan, bürgerlicher Anstreicher und Schristenmaler, nicht gerade so viele Aufträge bekommen hätte, hätte ich höchstwarscheinlich nicht das Glück gehabt, von ihm aufgenommen zu werden, denn ich sei doch eigentlich nur ein Stümper, meinte er, aber seither, und besonders als ich ihm gestern einen.Johann Flicgcnschnee, bürgerlicher Gastwirtt, in schönen reinlichen Buch- staben hinmalte, und noch dazu one einen einzigen ortographischen Feler, ist sein Urteil etwas milder geworden, und heute sagte er mir, das Ding werde sich machen, und er sei sogar geneigt, mir außer seiner Zufriedenheit noch dreißig Kreuzer täglich nicr zu geben. Tu siehst also, Minchen, meine Aussichten steigen." (Fortsezuilg folgt.) Iris als ZchmMW. Eine physikalische Skizze von Dr. Zran; Ierdinand Schmidt. (Hierzu die umstehenden Zeichnungen.) Wer hätte nicht schon von den gewaltigen Entdeckungen ge- hört, ivelche wir der Untersuchung jenes bunten Lichtstreifchens, des Spektrums, dieses künstlichen Rcgenbogens, verdanken! Staunenerregend sind sie; aber kann es uns gleich mit noch so hoher Genugtuung erfüllen, daß wir über die Zusaniinensczung nnsres eignen Planeten ganz neue, ungeahnte Aufschlüsse erhalten haben; daß wir jezt von der Beschaffenheit der Sonne, der Fix- stenic, ja, der Nebelflecke und Kometen mit fast derselben Sicher- heil rede,! dürfen, als hätten wir ein handgreifliches Stück dieser Wcltkörper im chemischen Laboratorium untersucht; daß wir gewaltige Bewegungen beobachten und sogar messen können, von deren Existenz wir früher nicht einmal eine Ahnung hatten und haben konten; ist es auch»och so verlockend, alles dieses näher kennen zu lernen, so wollen wir gleichwol zunächst die bescheidenste, aber für das Wol des einzelnen wertvollste Anwendung jener Naturerscheinung betrachten. Die Natur gibt reichlich, aber nur selten können wir ihre Gaben nach Belieben ausnuzen, und niit der Wissenschaft würde es übel aussehen, wenn wir allein darauf angewiesen wären, uns das, was uns da hin und wieder geboten wird, dienstbar zu machen, und sei es dann auch noch so reichlich vorhanden. Was beginnen wir mit dem gewaltigen Elektrizitätsvorrat, welcher uns in einer Gewitterwolke geboten wird? Nichts! Und welcher mannichfachen Anwendung ist dagegen das bischen Elektrizität 296 Fm i■ Tm-Z. A Ji C 7, 5 iT sähig, welches wir künstlich darzustellen wissen! Neulich liegt auch die Sache in uiiscrm Falle: man mußte erst gelernt haben, wenigstens ein Stückchen Regenbogen künstlich herzustellen, bevor man an eine Anwendung desselben denken durste. So ein Stückchen Regenbogen ist nun leicht zu erhalten. Wir lassen durch einen Spalt, den wir in einem undurchsichtigen Schirm angebracht haben, Sonnenlicht treten, so sehen wir auf einer gegenüberstehenden weißen Fläche einen hellen Lichtstreifen, das Schattenbild des Spaltes. Nun bringen wir zwischen den Spalt im Schirm und sein Bild auf der Fläche, mit der Kante voran, ein Prisma*), und zwar so, daß die Kante desselben dem Spalt parallel ist. Der weiße Lichtstreifen ist jezt verschwunden; statt dessen sehen wir weiter zur Seite ein prachtvolles Farbenband, das Spektrum. In demselben er- kennen tvir sofort die Regenbogen- färben wieder, auch die Reihenfolge der Farben ist dieselbe, wie im Regen- bogen. Wir unterscheiden der Reihe nach und ans dem Ende anfangend, welches dem Orte des ehemaligen direkten Bildes des Spaltes am nächsten liegt, folgende Farben: Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett, und zwar in den zartesten Ucbergängen.(Fig. 1 zeigt die Anordnung des Versuchs und versinnbildlicht den Gang der Lichtstralcn.) Es würde zu weit füren, wenn wir an dieser Stelle auf die Tcorie dieser Erscheinung eingehen wollten. Es mag kurz bemerkt werden, daß das weiße Sonnenlicht aus dem eben beobachteten verschiedenfarbigen Licht zusammengesezt ist. Bon der Richtig- keit des zulezt Gesagten kann man sich leicht überzeugen, wenn man hin- tcr das Prisma eine Sammellinse (Brenglas) bringt. Im Brenpunkt derselben, dem Vereinigungspunkt aller Straten, hat man dann ivieder Weiß. Für die folgenden Untersuchungen bedient man sich nun nicht so ein- fachcr Hülfsmittel; teils wäre die ganze Einrichtung zu unhandlich, teils ist auch das so erzeugte Spektrum zu lichtschwach und undeutlich. Man hat vielmer besondre Apparate, sogenante Spektroskope, welche das Spektrum gleich auf die Nezhaut des beobach- tenden Auges bringen. Siet man in einen solchen Apparat hinein, so erblickt man ein Spektrum von vorzüglicher Klarheit und Schärfe. Hier bemerkt man auch, daß das Licht- band nicht kontinuirlich**) ist, son- dern an gewissen Stellen der Quere nach, parallel dem Spalte, durch feine, schwarze Linien unterbrochen wird. Diese Linien finden sich nur im Spektrum des Sonnenlichtes und natürlich auch in dem des Mondes und der Planeten, die ja nur Sonnenlicht reflektiren; sie bezeichnen das Felen ge- wisser Stralengattungcn im Sonnenlichte und sind somit gewisser- maßen Lücken, die ihrem Ursprünge nach stets zwischen denselben Farben liegen. Im Spektrum des elektrischen Lichts, sowie des Lichts der Lampen, Gaslaternen und der glühenden Körper sind sie nicht. Für uns haben sie die größte Wichtigkeit, denn bei ihrer unveränderlichen Lage bieten sie die einzige Möglichkeit, daß wir uns in den sanften Farbenübcrgängen leicht zurecht- *) Ein Prisma heißt in der Lehre vom Licht(der Optik) eine grade, dreiseitige Säule, gewönlich aus Glas; doch hat man auch solche aus andern Stoffen, z. B. Quarzprismen. Auch gibt es Holprismen; diese sind zur Ausname von Flüssigkeiten bestinimt. Die Basis ist ge- wönlich ein gleichseitiges Dreieck. **) Nicht kontinuirlich heißt soviel als nicht völlig zusammen-> hängend, nicht ungetrent. nth. mleU ■ Ii i ■ i» 1 1 .ytix(jM Jjn'*. JiLav. UioUtt && C 2 C J'$ finden und den einen oder andern Teil des Spektrums genau bezeichnen können. Entdeckt und auch beschrieben wurden sie zuerst von dem Engländer Wollaston im Jare 1802. Erst zwölf Jare später wurden sie von Frauenhofer noch einmal entdeckt; gleich- wol tragen sie des leztcren Namen: Frauenhofer'sche Linien. Bckant sind gegenwärtig über zweitausend, doch sind sie in ihrer Deutlichkeit ser verschieden. Weitaus die meisten sind wegen ihrer Feinheit nur mit Hülfe besonderer Apparate erkenbar. Uns in- tcressircn hier ausschließlich die lcichtest erkcnbarcn, von deren Lage Fig. 2, 9 ein Bild geben mag. Frauenhofer bezeichnete diese Linien mit den ans der Figur ersichtlichen Buchstaben, welche Bezeichnung auch heute noch gilt. So ist 1) eine gewisse Linie auf der Grenze zwischen Orange und Gelb; E eine Linie im Grünen; E im Grünblauen u. s. f. In guten Apparaten erkent man, daß viele der Linien nicht einfach sind; so bestet II eigentlich aus zwei Linien; andere, wie 6, bestehen aus ganzen Linien- gruppcn. Da wir jezt in den Frauenhofer- scheu Linien die notwendigen Orien- tirungsmittel erlangt haben, so ivollen wir nunmer zu unseren eigentlichen Untersuchungen übergehen. Wir brin- gen vor den Spalt des Apparates ein Stück gewönlichen roten Glases, wie man es allenthalben zur Aus- schmückung von Fenstern u. dgl. verwendet: sofort bemerken wir, daß der größte Teil des Spektrums vollstän- dig verschwunden ist. Wir erblicken nämlich nur noch Rot und Orange bis V in ursprünglicher Helligkeit. War das Glas nicht ser dunkel, so bemerkt man auch noch einen schwachen Schimmer im Grün; dagegen ist Gelb- grün, sowie voni Bläulichgrün(Mitte zwischen E und F) an der ganze übrige Teil des Spektrums ausge- löscht(Fig. 2, 1). Machen wir denselben Versuch, aber statt des roten nemen wir ein blaues Glasscheibchen: jezt ist das Gelb vollständig ausgelöscht, ebenso die Gegend von G im Rot; verdunkelt ist das Grün in der Gegend von E, sowie das Orange. Dagegen ist ein gewisses Hellgrün, der ganze übrige Teil des Spektrums vom Blangrün an, sowie das Rot vor B, vollständig sichtbar(Fig. 2, 2). Die Sichtbarkeit des leztern ist besonders interessant, da man es für gewönlich garnicht bemerkt; vielmer scheint das Spektrum, in seiner Gesamtheit be- trachtet, erst bei C zu beginnen. Es rürt das daher, daß einesteils das crwänte Rot von Natur ser dunkel ist(unsre Sehnerven nur schwach er- regt), andernteils aber durch das in der Nähe befindliche Gelb, welches mit seinen Abtönungen in Rot und Grün den hellsten Teil des Spektrums bildet, gewissermaßen überschrien wird. Durch blaues Glas iverden aber grade diese hellsten Straten zurück- gehalten, und so geschiet es, daß wir die dunkleren, soweit sie durchgelassen werden, umsobesser sehen. Die Erscheinungen bleiben dieselben, ob wir das Licht vor dem Eintritt in das Prisma durch das Glas gehen lassen, oder ob wir das fertige Spektrum durch das Glas betrachten. In beiden Fällen bemerken wir dieselben Streifen oder Dunkelheiten aiz den entsprechenden Stellen. Wir ersehen also, daß, allgemein gesprochen, farbig durchsichtige Körper ihre Gefärbtheit dem Um- stände verdanken, daß sie für gewisse Stralengattungcn undurch- dringlich sind, gewisse Straten verschlucken oder, nach dem gebräuchlichen wissenschaftlichen Ausdruck, absorbiren. Die Untersuchung der Körper auf ihre Durchdringbarkeit oder Un- durchdringbarkcit für gewisse Stralengattungen oder Farben nent ■■■BflMBHHHHHi 298 man daher Absorptionsspektralanalyse, und das je restirende Spektrum das Absorptionsspektrum. Wir ersehen ferner, daß in den angefürten Fällen das durch- gelassene Licht nicht einerlei Stralengattnng war; so bestand das Rot des roten Glases aus einem Gemisch sämtlicher Straten- gattungen vom Anfang des Spektrums bis D. Das Blau des blauen Glases war noch komplizirter zusammengesezt: es enthielt neben Violett und Blau noch Blaugipin, Hellgriin und besonders das ganze Rot vor ö. Als weiterer Beleg für die Zusammengeseztheit eines Ab- sorptionsspektrums diene dasjenige des Blattgrüns(Chlorophylls). Das Blattgrün ist diejenige Substanz, welche den Pflanzen ihre grüne Färbe verleiht. Es findet sich in den Pflanzenzellen, in den Chlorophyllkörpern, d. s. rundliche, körnige Gebilde, denen es durch Alkohol entzogen werden kann. So ein alkoholischer Aus- zug grüner Pflanzenteile in einem durchsichtigen Fläschchen Vörden Spalt gebracht, gibt ein ser charakteristisches Spektrum (Fig. 2, 3). Es mag überhaupt bemerkt werden, daß man bis jezt noch keinen Körper kent, welcher Licht nur einerlei Stralcngattung (homogenes Licht) durchläßt; dahingegen hat sich durch tausendc von Untersuchungen herausgestellt, daß selbst scheinbar gleich- gefärbte Körper ganz abweichende und oft höchst charakteristische Absorptionsspektren liefern. Bringen wir etwas Blut in Wasser, welches sich in einem durchsichtigen Gläschen befindet, und verfaren wie vorhin, so bekommen wir ein Spektrum, welches besonders durch zwei breite, dunkle Bänder zwischen 1) und E ausgezeichnet ist; außerdem bemerkt man eine gleichmäßige Auslöschung hinter F(Fig. 2, 4). Dieses Verhalten des Blutes ist in gerichtlichen Fällen von der höchsten Wichtigkeit, denn es gestattet, unglaublich geringe Mengen desselben, selbst wenn es sich nur in längst eingetrockneten Fleckchen darbietet, noch mit vollkommner Sicherheit nachzuweisen. Nicht minder wichtig ist es oftmals, aus denselben Gesichts-' punkten eine mutmaßliche Kolenoxydgasvergiftung nachzuweisen. Auch dieses gelingt ebenso leicht und sicher mit Hilfe der Spektral- analyse. Das Kolcnoxyd, der Hauptbestandteil des sogenanten Kolendunstes, hat nämlich die Eigenschaft, mit dem Blutstoff eine sehr beständige Verbindung einzugehen, deren Spektrum sich we- sentlich von dem des reinen Blutes unterscheidet; die Absorption hinter F bleibt dieselbe, dagegen erscheinen die beiden Streifen im Grün zwischen 0 und E weniger dunkel und etwas nach der blauen Gegend des Spektrums verschoben(Fig. 2, 5). Diese Ver- änderung genügt, um dem Kundigen sofort Aufklärung zu geben. Etwaige Zweifel, welche einem Mindergeübten noch aufsteigen könten, werden sofort beseitigt, wenn das fragliche Blut der Einwirkung gewisser Chemikalien unterworfen wird. Wie schon er- wänt, ist die Verbindung des Kolenoxydes mit dem Blute sehr beständig*) chemischen Reagentien gegenüber, hingegen wird reines Blut leicht verändert. Bringt man daher zu der Flüssigkeit etwas Ammoniumhydrosulfid*), so wird bei Anwesenheit von Kolenoxyd das Spektrum dasselbe bleiben, Wärend es total verändert wird, wenn kein Kolcnoxyd zugegen war. In Fig. 2, 6 sehen wir diese Veränderung dargestellt. Die Absorption im Blau, welche vorher nicht ganz bis F reichte, erstreckt sich jezt über F hinaus; noch größer ist die Veränderung zwischen II und E; dort sehen wir statt der beiden schmalen Streifen(Fig. 2, 4) grade in der Mitte zwischen I) und E ein breites, verwaschenes Band. Diese Versuche sind aber nicht blos für die Kriminalrechts- pflege von höchster Bedeutung, vielmer haben sie noch eine andere Anwendung gefunden, die sicher nicht minder wichtig ist, insofern es sich darum handelt, dem Kolenoxyd, jenem heimtückischen Feinde der menschlichen Gesundheit, durch rechtzeitige Entlarvung selbst dort, wo er noch bescheiden und zurückhaltend auftritt, zuvor- zukommen. Da die Verbindung von Blut mit Kolenoxyd nur schwer zu zersezen ist, so hat man geschlossen, daß sie vorzugsweise entstet, wenn auch die Komponenten zu anderen gleichzeitig vorhanden sind; denn nach einem chemischen Erfarungssaze entstet von mereren möglichen Verbindungen stets die, welche unter den obwaltenden äußeren Umständen am beständigsten ist. Der Versuch hat auch in diesem Falle die Bestätigung geliefert. Obgleich auch andere Gase, besonders Sauerstoff, mit dem Blut in Verbindung treten, so hat dennoch das Kolenoxyd den Borrang, selbst wenn es auch nur in der geringen Menge von 0,4 Volumpro- zenten der Luft beigemengt ist. Die Untersuchungsmetode ergibt sich aus dem bisher Angefürten von selbst, Man nimt ein par Kubikcentimeter Wasser und mischt demselben ein Tröpf- chen Blut bei, welches man am bequemsten durch einen Nadelstich oder einen kleinen Schnitt aus seinem Körper gewint, und bringt die Flüssigkeit mit der verdächtigen Luft durch Schütteln in einer geräumigen, mit jener Luft gefüllten Flasche in innige Berürung; darauf stellt man mit ihr die oben beschriebenen Versuche an. Wie man siet, ist die Sache so einfach wie möglich; ein Spektro- skop findet man hoffentlich in jeder Mittelschule, ebenso das übrige Zubehör, und wer nicht gar zu ungeschickt und— zu bequem ist, kann diese Versuche oder Untersuchungen, deren Wert unabsehbar ist, leicht selbst anstellen. Verfasser dieses ist zur Erteilung etwa notwendiger näherer Auskunft, welche die Redaktion d. Bl. gewiß gern vermitteln wird, jederzeit bereit.(Schluß folgt.) *) In dieser Beständigkeit bcrnt die Giftigkeit des Kolenoxydes: Kolenoxydblut wird auch im Körper nicht verändert, deshalb kann es dem Stoffwechsel nicht weiter dienen, kann den Lebensprozeß, der im wesentlichen aus chemischen Prozessen, welche mit dem Blute vorgehen, bcrnt, nicht weiter unterhalten. Der Tod ist die notwendige Folge. Ganz unveränderlich ist Kolenoxydblut jedoch auch nicht: durch große Mengen von Sauerstoffgas wird es nach und nach zersezt; daraus er- gibt sich, daß man derartige Vergiftete vor allen Dingen in die frische Luft bringen muß. Sehr gut ist es, wenn man eine, eventuell knnst- liche, Einatmung von reinem Sauerstoffgasc anwenden kann. *) Es würde hier zu weit füren/ wenn wir diesen Körper allge- meinverständlich charakterisiren wollten. Deshalb genüge folgendes: Ammoniumhydrosulfid bestet aus Stickstoff, Wasserstoff und Schwefel: sein einer näherer Bestandteil, das Ammoniak, findet sich vorzüglich im verrotteten Stalldünger. Da es flüchtig ist, so teilt es sich der Luft init und verursacht so den bekanten stechenden Geruch besonders in Pferdeställen. Der andere Hauptbestandteil, der Schweselwasserstoff, bildet das bekante Odeur der faulen Eier. So wenig angenem diese Verbindung ist, so micntberlich ist sie dem Chemiker, und ein Glück ist es, daß man bei der künstlichen Darstellung derselben nicht an ihre unappetitliche natürliche Entstehungsweise anzuknüpsen braucht. Ein Lorbeerkranz. Das Ende eines Dichterlebens. (l. Fortsezung.) Die Morgensonne schien freundlich in das niedere und mer als bescheiden ausgestattete Stäbchen des Schuflickers Jam Case, der schon seit Stunden mit einem waren Feuereifer sich über die defekte Fußbekleidung seines Nachbars, des Feldhüters Butcher, hergemacht hatte, Wärend feine kleine freundliche Frau, die in ihrer Jugend recht hübsch gewesen sein mußte, alle Geräte und Winkel des Zimmers puzte und säuberte, als solle gleich der Lordmayor von London bei ihnen vorsprechen, wie der Mann lächelnd äußerte. Die ärmlich, aber sauber gekleidete Matrone hielt einen Mo- ment mit dem Abstäuben des hölzernen Schemels inne, welcher etwaige Gäste aufzunemen besftmt war, und richtete ihre dunklen schönen Augen auf Sam:„Mann, mäßige deine gute Laune, die ich übrigens nicht ungern sehe— mir schien, als habe sich unser Kranker drinnen geregt!" Sam erhob sich voiu Dreibein, und beide lauschten an der Tür, die in die Kammer nebenan fürte. In der Tat wurde dort ein Hüsteln laut, dann schlürfende Schritte, die Tür ging auf und ins Stäbchen trat— Robert Greene, zivar bleich und elender aussehend als je, aber doch wieder auf den Füßen. Erstreckte der Frau beide Hände entgegen und murmelte mit zittern- der Stimme:„Dank, gute Mary, lausend dank, daß du den armen Bob nicht vergessen, den vor dreißig Jaren du auf den Armen getragen— j:s war wol mer als Zufall, daß du mir just in der schlimmen Stunde begegnen mußtest, da ich meinte, es ginge zu Ende— und Derzeit auch Ihr, Meister," wante er sich an Sam, „daß ich so viel Unruhe in Euer stilles Haus gebracht, aber das Uebel war stärker als ich. Wie soll ich Euch die Hilfe danken, die Ihr mir erwiesen, one zu fragen, ob ich im Stande sein werde, sie zu vergelten? Greene ist ein armer Teufel jezt, Mary, _ — der berümte Robert Greene, Meister, der das Teater allabendlich bis ans den lezten Plaz füllte und den man schier ans Händen trug— heut kann er nicht einmal ein Stäbchen mer bezalen und wär's das kleinste im entlegensten Winkel Londons!" Er hielt inne und eine leichte Röte der Scham hatte bei den lezten, stockend gesprochenen Worten seine Wangen gefärbt. Die Frau fürte ihn an den reinlichen, gedeckten Tisch und nötigte ihn, deni einfachen Früstück zuzusprechen, wobei sie, heimlich eine Träne abwischend, sagte:„Laßt die trüben Gedanken vor der Hand, Robert, und denkt, Ihr seid unter Freunden, die, was sie haben, mit Euch zu teilen gesonnen sind— wollte Gott, es wäre mer und besser als es eben ist!" Der ehrliche Schuflicker betrachtete wärenddes aufmerksam den Gast und schüttelte dann den Kopf, wagte aber keine Bemerkung als nur ein bekräftigendes„Well, das ist's!" zu den lezten Wor- ten der Frau, worauf er wieder den Schuh des Feldhüters zu versolen sich anschickte. Greene hatte nur wenig von den Speisen verzert, als er seinen Stul zurückschob und eine Weile schweigend die in seiner Nähe beschäftigte Frau beobachtete. „Ja, ja," meinte er dann,„ich finde sie wol nach und nach alle zusammen, die vertrauten Züge der guten Mary, die meine Jugend behütet— war doch eine schöne Zeit, jene blauen, son- nigen Kindertage— o, o, wie ist das alles so anders geworden, so viel, viel schlimmer— weißt du noch, als ich meine erste große Reise nach dem Kontinent antrat und du bis weit über Jpswich hinaus mir das Geleit gabst, da trafen wir vor dem Häuschen des Färmanns am Orwell ein allerliebstes kleines Mäd- chcn auf dem gescheckten Pony— erinnerst du dich? Ja? Nun, du meintest: ,Bob, das soll deine kleine Frau werden, wenn du heimkomsy— o, Mary, du warst nicht mer in unserem Hause bei weiner Rückkehr— Ellen aber wurde mein Weib— und", er stockte, und erschrocken frug Mary:„Ist sie tot, die gute Ellen?" Greene antwortete nicht, er verbarg nur sein Gesicht in den Händen. „Armer Bob!" bedauerte die wackere Wirtin,„gewiß verlort Ihr mit Ellen Euren guten Engel!" Da sah er auf, und sein Auge schimmerte feucht: „Das ist's, Mary,— mein guter Engel wich von inir— weil ich's selbst so wollte,— ich kann keinen Menschen anklagen, nicht sie, nur mich, mich allein— es ist mein Fluch! Arme Ellen— ja, ja— armer Bob— du hast recht!" murmelte er vor sich hin, darauf in düsteres Nachdenken versinkend. Der Schuflicker schüttelte immer häusiger sein Haupt, und die Frau schlich auf den Zehen um ihren Herd, das Mittagsmal zu bereiten beschäftigt. Keines wagte es, den kranken, so tief ge- sunkenen Dichter in seinen nichts weniger als freundlichen Träu- mereien zu stören...... Am Spätnachmittage desselben Tages saß im„Eberkopf" ein einzelner Gast vor seinem Kruge, mit sichtlichem Interesse seine Umgebung betrachtend. Als die Wirtin hereintrat und den sauber gekleideten jungen Mann begrüßte, frug dieser:„Berzeit, gute Frau, wenn ich Euch mit einer Frage belästige— komt nicht zuweilen der Ritter Oldcastle in dieses Haus?" Jene schlug die Hände zusammen:„Ohe, guter Herr— ,zu- weileiL sagt Ihr— Tag und Nacht liegt er mir auf dem Halse, und in seinem ungeheuren Wanste ist eines schönen Morgens der ,Eberkopfi mit Wirt und Wirtin, mit Küfer und Kellner ver- schwunden.— Ich sage Euch, Herr, dieser fette Sir John ist im Stande, in Eastcheap eine Hungersnot zu erzeugen, wenn er's draus anlegt, und seid versichert, flösse Sekt und Malvasier die Themse hinab, Sir John sorgte dafür, daß die Schiffer binnen wenig Monden auf dem Trocknen säßen____ Habt Ihr ihn je schon einmal seine fabelhaften Aventuren berichten hören? Nicht? Schade, lieber Herr, schade für Euch— ffo lag ich, und so fürt' ich meine Klingt— das kehrt in allen Geschichten wieder und ist bis in den Grund erlogen.— Seine Klinge fürt er am vollen Tisch und liegt, wenn das Fressen und Schlemnien ein Ende nimt, schnarchend darunter.— O, daß mich der Himmel mit diesem Oldcastle strafen mußte— könt' ich mich nur einer Sünde schuldig finden, womit ich den Ninimersatt verdient habe!" Der Fremde hatte Wärend dieser hastig hervorsprudelnden Philippika mcreremal laut aufgelacht, jezt unterbrach er:„Halt! füllt mir erst noch einmal den Krug da, und dann macht fort mit Eurem Bericht— Sir John wird mir immer interessanter, ich sehe schon, es ist nötig, daß ich seine persönliche Bekantschaft mache." „Nichts leichter als das," rief Mrs. Speedy,„wartet eine Stunde noch, und Ihr sollt gleichzeitig mit der Abendglocke den Anblick dieser wandelnden Seuche haben, an welcher der ,Eberkopff zugrunde gehen muß, wenn der Himmel nicht ein Einsehen nimt!" Sie eilte mit dem Kruge des Gastes hinaus. Durch die offen gelassene Tür aber trat der Wirt mit dem Dichter Greene ins Zimmer und lezterer ließ sich, ein kurzes „Mit Verlaub" murmelnd, am Tische des Fremden nieder, um sogleich wieder von dem quälenden Hüsteln befallen zu werden. Mr. Speedy flüsterte dem mitleidig auf den Kranken blickenden Gaste zu:„Der Tod ist ihm hart auf der Ferse, aber er will sich gutwillig nicht geben— und Pflege und Aufsicht hat der arme Bursche auch keine, so not sie ihm samt einem Doktor täte— ja, ja, ,auri sacra faraes'*)— na, Ihr verstet mich doch—?" „Nicht so ganz," lachte der Fremde,„aber ich rechne, Ihr wollt sagen, es inangle dem armen Teufel just am nötigsten, he? Dachte so etwas, als ich ihn hereinkommen sah, denn sein Gesicht verrät bessere Tage, und sein verschossenes Wams hat sich wol ehedem in gcwältercr Gesellschaft bewegt, als sie der.Eberkopfl zur Zeit bietet____" Der Wirt zog die Stirne kraus:„Herr, Ihr redet wie der Blinde von der Farbe— kent Ihr meine Gäste so genau? Da ist der edle Sir John, Ritter von Oldcastle, der Eisenfresser Bar- dolph, ein Clan der schottischen Hochlande, Herr, da ist Mr. Poms, mit dem ich keinem raten wollte, Händel anzufangen, so fein und zierlich das Kerlchen auch gewönlich einherget, da ist ferner—" „Genug, genug," werte jener ab,„Ihr hörtet ja, daß ich be- tonte ,zur Zeith und daß ich damit doch nur meine eigene unbe» deutende Person bezeichnen konte____ Ist es vorüber?" wante er sich an Greene, der mit gierigem Blick die schäumenden Krüge betrachtete, welche die Wirtin soeben auf den Tisch stellte. „Dank Euch, Sir," meinte der Dichter, nachdem er zuvor einen langen Zug getan,„das komt mir öfter; ich lasse mich aber durch die Pfeile und Schleudern des irdischen Geschicks nicht sonderlich anfechten." „Also ein Philosoph," lächelte der Fremde,„nun, ich rate Euch, get in das neue Stück, was alle Welt im Globe zu sehen eilt, das ist Futter für Eure Philosophie—" „Die Pest in Euren Hals! was tue ich mit, Romeo und Julia�?— meint Ihr, ich sollte diesem hergelaufenen William Beifall klatschen— hat er nicht von Robert Greene erst gelernt, wie man das Publikum packen muß?" „Mit Verlaub, das bestreite ich ganz und gar," gab der Un- bekante ruhig zurück,„ich will's Euch mit einem Schwur bekräf- tigen, daß William Shakespeare bislang noch nicht Gelegenheit hatte, weder den ,George-a-Greeneh noch �Friar Bacoill zu hören, und den zKing Alphonsus� legte er nach dem ersten Akte beiseite, als er ihn lesen sollte.— Schwulst, nichts als Schwulst, werter Sir, aber von warem, warmem Leben keine Ader!" Greene war aufgesprungen und trat blizenden Auges vor den erstaunten Fremden:„Und ich sage Euch, dieser Shakespeare wird Gott danken müssen, wenn er ein änliches Stück zustande bringt wie der, Pinner of Wakcfield� ist— he, Herr Kritikaster, leben Eilch George-a-Greene und Robin Hood nicht genug? Oder ist in den Reden des Försterkindes im Sriar Bacoill auch alles Schwulst?" Ein feines Lächeln spielte um die Lippen des also Jnterpel- � lirten:„Vergcßt nicht, daß ich Euch versicherte, Shakespeare habe im King Alphonsus' nur einen Akt gelesen und schwülstig ge- funden, die beiden andern Stücke aber, auf die sich Greene's Ruf, und das mit vollem Rechte, gründet, hatte er noch nicht Gelegen- heit, auffüren zu sehen— gelesen hat er sie längst und voll schöner Einzelheiten gefunden, die ihm das Geständnis entlockten, Robert Greene sei im Besizc eines großen und schönen Talents, und jammerschade sei es, daß sein lüderliches Leben dieses Talent nicht zur vollen Blüte gelangen ließ,— gestattet, daß ich zu Ende reden darf: Ihr sprächet von, Robin Hood' und ,George- a-Greeneh und rücktet mir die liebliche Margaret vor— ich will's Euch nur gestehen, die Figur, welche ganz besonders Shakespeare's Beifall hat, ist der Hosnarr Ralph—" Der Wirt, welcher längst vor Begierde braute, auch sein Licht in diesen literarischen Streit hineinleuchten zu lassen, schaltete eiligst hier ein:„Was sagte ich Euch immer, Greene? Schafft noch ein Duzend solcher lustigen Narren, und London, das Euch sür tot hält, wird nicht ermangeln, den schuldigen Lorbeer zu spenden!" ') Der verdamte Hunger nach Gold. 300 Der Fremde stuzte bei der Nennung des Namens seines Ge- genüber— er erhob sich rasch und trat höflich auf den Dichter zu, der in zorniger Aufregung hin und her eilte und dabei mer als ihm gut war, dem Kruge zusprach. „Verzeit meine leichtfertigen Worte, Mr. Greene,— ich konte ja nicht ahnen, daß ich den Mann in Person vor mir hatte, über welchen ich mir ein flüchtiges Urteil erlaubte— flüchtig, Zir, aber, wie ich wiederholen muß, nach dem, was ich von Euch ge- hört und in Erfarung gebracht, kann ich's leider nicht besser machen. Ich spreche Euch keineswegs das Talent ab, ebensowenig wie Shakespeare, den ich so genau wie mich selbst kenne, aber es schmerzt mich tief, wenn ich sehe, wo Ihr stet und bedenke, wo Ihr stehen töntet, ja wo Ihr stehen müßtet mit Eurer seltenen, schönen Gottesgabe!" Damit sezte er sich wieder auf seinen Plaz. Greene aber, der mit beständig wechselndem Ausdrucke der Züge den herben Worten gelauscht, auch mereremal heftig auf- gesprungen war, schlug sich an die Stirn und murmelte:„Er hat recht— ich bin ein erbärmlicher Wicht— aber— er wendete sich plözlich dem Fremden wieder zu:„He, und dieser Shakespeare, der in aller Munde ist und der Euer bester Freund sein soll, er war daheim in Stratsord doch auch kein Heiliger, wie man sich erzält?" Eine dunkle Röte stieg im Gesichte des Unbckanten empor: „Ich kann's nicht leugnen," sagte er mit lauttönender Stimme, wieder vor den verkommenen Dichter hintretend,„aber ich bin der festen Zuversicht, daß einst die Nachwelt einen Unterschied machen wird, wie es alle gutgesintcn und einsichtsvollen Zeit- genossen tun: William Shakespeare hat nur Jugendstreiche und Narrenspossen auf dem Gewissen und hofft in einem langen, an Arbeit und Mühen reichen Leben sowol den Seinigen allen frühe- ren Kummer vergüten zu können, als auch die Welt zu zwingen, über der Anerkennung und dem Beifall seiner Mannestaten die Jugendtorheiten zu vergessen,— Ihr aber, Robert Greene, habt ein reich angelegtes Leben vergeudet, habt Eure brave Frau und die ehrenvolle Pfarre von Tollesbury leichtsinnig verlassen und ein schönes Talent im Schmnz der Lüderlichkeit, im Schlampfnle entnervender Laster zugrunde gerichtet, um, erst dreißigjärig, bc- reits mit einem Fuße im Grabe zu stehen,— wie wollt Ihr solches Vergehen, fast möcht' ich's Verbrechen nennen, sühnen? Get, Ihr seid rettungslos dem Tode versallen, get, und inacht besseren Leuten Plaz, die Männer sind und ihrer Zeit als Männer die Hände zu leihen gedenken, die sich drängen, mitzukämpfen in der gewaltigen Gcistcrschlacht des Fortschritts, des Lichts, der Warheit und Freiheit, und die mit Hand und Feder säubern wollen den Jarmarkt des Lebens von faulen Schmarozern, von Glücksrittern, Lumpen und Feiglingen.— Lebt wol und denkt an meine Worte, Mr. Robert Greene, ich heiße William Shakespeare!" Mit weit aufgerissenen Augen starrte der biedere Wirt dem Fort- eilenden nach, ivelcher ein Goldstück auf den Tisch geworfen und noch in der Tür auf Sir John und den Friedensrichter stieß, one indes besondere Notiz von den beiden zu nemen. Greene war auf die Bank im Winkel gesunken, das Gesicht hinter den zuckenden Händen verborgen, und ließ sich troz der Sticheleien, pr selbst der Bitten Oldcastles nicht bewegen, an den Tisch heranzurücken, an welchem sich allmälich die gewonte Tafelrunde zu- sammenfand. „Er hat recht, Bob. geh' ins Kloster," murmelte er einigemal vor sich hin, und als Mrs. Speedy mit Licht hereintrat, war er aus seiner Ecke und aus dem Zimmer verschwunden. In später Nachtstunde fand ihn sein Wirt, der ehrliche Schuflicker Sam Case, von einem Besuche bei seinem Freunde, dem Feldhüter Butcher, heimkehrend, sinlos betrunken an dem Halseisen des Marktes von Dowgate lehnend und verhöhnt von drei lüderlichen Dirnen, deren Püffe und zotigen Späße er ihnen lallend mit gleich unflätigen Titulaturen zu vergelten suchte.... (Schluß folgt.) Wie M man für das Volk fchreiden? Eine Erörterung pro domo'*). „Lebe mit deinem Jarhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, aber, was sie bedürfen, nicht, was sie loben.— Denke sie dir, wie sie sein sollten, wenn du auf sie zu wirken hast, aber denke sie dir, wie sie sind, wenn du für sie zu handeln versucht wirst.— Wo du sie findest, umgib sie mit edeln, mit großen, mit geistreichen Formen, schließe sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die Wirklichkeit und die Kunst die Natur über- windet." Also formulirt Schiller im neunten seiner Brise„über die ästhetische Erziehung des Menschen" die obersten Grundsäze, wo- nach der„Freund der Schönheit und Warheit" auf seine Mit- menschen zu wirken sich bemühen soll. Diese Grundsäze enthalten sicherlich für ser viele, auch für verständige Menschen mancherlei Befremdliches, Schwerverständ- liches, wenn nicht gar vermeintlich Falsches. Für's erste: Ueberhebt sich nicht ein Mensch, der sich einbildet, überhaupt etivas andres sein zu können, als das Geschöpf seiner Zeit? Der Mensch ist doch das Produkt seiner Verhältnisse, und diese Verhältnisse sind die Verhältnisse seiner Zeit, folglich ist und muß doch wol jeder sein das Geschöpf seiner Zeit. Mit Verlaub! Zugegeben— der Saz: der Mensch ist das Produkt seiner Verhältnisse— sei richtig,— umschließt nicht das Treiben jeder Zeit tausenderlei verschiedne Verhältnisse? Nicht Verhältnisse, welche gute und böse, edle und niedrige, gescheite und dumme, hochideal und grobmateriell angelegte Menschen, in nebliger Gefülsdämmerung dahinvegetirende und energisch han- delnde, fieberhaft tätige Naturen schaffen? Welche dieser Menschen- gruppen würde Schiller nun Geschöpfe ihrer Zeit, ihres Jar- Hunderts nennen? Ich denke, diejenigen, deren Verstand und Gemüt, deren Denken und Handeln in ihrer Hauptrichtung dem Allgememverständnis. den herrschenden Gefülsbetätigungen, der Denk- und Handlungsweise der großen Masse der Menschen ihrer Zeit völlig entsprechen, das sind die Geschöpfe ihres Jarhunderts, oder, um mich nicht besser, aber moderner auszudrücken, die ordi- nären Durchschnittsmenschen einer bestimten Zeit. Aha— da streckt der Aristokrat im Denken die verhaßten Glacehandschuhe hervor! Er beleidigt die große Masse, d. h. „das Volk" oder, ganz bescheiden gesprochen, die große Merheit des Volkes. Deren Denken und Handeln nent er mit vornem- unverschämtem Achselzucken das Denken und Handeln des ordi- nären Durchschnittsmenschen. Gewiß, ihr Herren: das Volk— jenes Volk, das vor der Anangke,— ins allgemeinverständlich Lateinische übersezt, vor dem Fatum, oder, gut deutsch, vor dem unerbittlichen Schicksal, den brutalen Tatsachen des Historisch- Gewordenen immer noch ehr- furchtsvoll und demütig den Rücken veugt, jenes Volk, das dem Könige der die Welt regierenden Götter, dem Erfolg, immer neue Altäre baut, jenes Volk, das um das goldne Kalb tanzt überall da, wo das vergötterte Tier nur gerut, sich blicken zu lassen,— jenes Volk ferner, welches noch so intolerant ist, daß es Leute, welche von den herrschenden Meinungen und Marotten nichts wissen wollen, verkezert und verfolgt oder duldet, daß sie verfolgt werden, jenes Volk, das immer noch nicht Ehre genug im Leibe hat, um im Freunde und Arbeits- oder Strebens- genossen den selbständigen, geistessreien Mann zu ehren und im Feinde den Menschen zu achten, jenes Volk, an dem noch soviel mer auszusezen ist, daß ich dicke Bände fchreiben müßte, um seine Torheit zu erschöpfen, bildet es nicht auch heute noch, im lezten Fünftel des 19. Jarhunderts, die„imposante" Merheit aller Kulturvölker? lind tut man den Bestandteilen dieses„Volkes" etwa unrecht, wenn man sie unter dem Titel ordinäre„Durch- schnittsmenschen" in einen einzigen, großen, grobirdenen Topf wirft? Ich denke: nein! Es ist also keine Ueberhebung, etwas besseres sein zu wollen, als das Geschöpf seiner Zeit,— solange die Zeit nicht besser ist, als sie heutzutage ist, und als sie mar, seit es Menschen gibt, die sich in unsäglich langwierigem Ringen loswinden aus den Ketten und Banden der Tierheit, der sie entsprossen sind. *) Pro domo: wörtlich„ für's Haus", soviel als: im eigenen Interesse. 301 Und NUN weiter!„Leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedür- fen, nicht was sie loben." An dem Saz fällt wieder zweierlei ins Auge: Zunächst wieder die— scheinbar, nach den landläufigen, oberflächlichen Anschauungen sogar wirklich— undemokratische Gesinnung, die er atmet. Mögen die Zeitgenossen, die Masse, auch sein, wie sie wollen, sie sind doch die Masse, die Merheit, und ist die Majorität nicht für jeden Temokraten vom reinsten Wasser der einzig wäre, der einzig zu respektirende Souverän? Nun, die Wasserdemokratcn mögen bereit sein, sich mit all' ihrem Denken und Tun statt einem oder wenigen Herrschern taufenden und abertausenden Preiszugeben— ich danke dafür! Auf Gebieten, in denen der Wille des einzelnen den Willen und das Wol der meieren verlezen und beeinträchtigen kann, mögen die Vertreter des Staats und der Gesellschaft von heute, wie der von morgen und immerdar, ihre Warnungstafeln, Grenz- pfäle. Zäune und Hecken errichten und jeden, der diese ihre staat- liche und gesellschaftliche Ordnung schnöde verlezt und übersezt, mit der Schwertesschärfe ihrer Geseze züchtigen— sei's darum! Nur eine einzige kleine Bedingung müßte da noch gerechtigkeits- halber berücksichtigt werden: daß nämlich die Verlezung der öffent- lichen Ordnung für jeden Vernünftigen nachweisbar, unleugbar ist und daß die Strafe mit der Verlezung in rechtem, humanen Sühneverhältnisse stehe. Aber im Gehege meiner persönlichen Freiheit, u. a. da, wo entschieden wird, wie ich handeln, was ich wirken soll— beides selbstverständlich one der Allgemeinheit— nachweisbar, unbestreit- bar— zu schaden—, da halte ich mir die Herrscher mit allen Kräften des Leibes und der Seele vom Halse— den einen gewiß und die vielen erst recht, dazu habe ich nicht nur ein vornemstes Recht, sondern das ist meine erste Pflicht und Schuldigkeit gegen mich selbst und gegen die Menschheit. Wolgemerkt, die Herrscher! Nicht die Berater, die wol- meinenden Freunde und Warner,— sie werden jedem Ver- nünstigen, jedem, dem es darum zu tun ist, das möglichst Gute zu leisten, jederzeit willkommen sein, selbst dann, wenn sie so recht selbstbewußt auftreten als Anwälte einer, wie sie glauben, gerechten Sache, wie ich meine, irrigen Ansicht. Die lezte, oberste Instanz aber da, wo mein Handeln, inein Schaffen— sein Was und sein Wie— in Frage stet— bin und bleibe ich und kein anderer! Aber es sei Pflicht, nicht nur des einzelnen gegen sich selbst, sondern auch gegen die Menschheit, so ingrimmig den Zugang zu dem Maulwurfsbau seines persönlichen Lassens und Tuns zu bewachen und zu sperren? Was get die jarhunderttausende, billionen von Kreaturen gleichen Werts und gleicher Wichtigkeit umfassende Menschengesamtheit Se. verschwindende Winzigkeit der Eine an, die Zelle, das Atom, das da im All umwirbelt und verstäubt, one daß es selber weiß, woher es komt und ivohin es get, und das der Welten Lauf nicht um eines Hares Breite ändert, nicht um eines Augenblickes Dauer aufhält oder beschleu- nigt, gleichviel was es tut, gleichviel was aus ihm wird!? Wer so fragt, der übersiet, daß selbst das für unser Auge und Begriffsvermögen verschwindend Kleine noch lange nicht gleich Null ist; daß auch das unfaßbar Große aus einer endlichen Zal so verschwindend kleiner Teile zusammengesezt ist; daß die Gesamt- heit nicht fortschreiten, nicht sich innerlich, geistig entwickeln kann, wenn nicht Teile von ihr die Arbeit vorweggenomnien, an sich vollzogen haben. Innerlich, geistig entwickeln-- was hat das aber zu tun mit jener grimmen Selbstherrlichkeit des Individuums? Was? Alles, rein alles!! Nur in der Freiheit treibt der Mcnschengeist seine Blüten, lebt und gedeit er, wird zum Gebieter der Welt— seiner Welt. Natürlich ist hier die Frage von jener innern Freiheit, die sich der Mensch im Notfall erobern und bewaren kann—„und wär' er in Ketten geboren"; von jener Freiheit, die man bewart, ivenn man sie bewärt— im Kampfe gegen die Ketten, im offnen Kampfe oder im heimlichen, im Toben blutiger Gewalt oder im edlern und bessere Erfolge zeitigenden Ringen der Geister. Frei, geistig ftei muß der Mensch sein, wenn er auf der Stufenleiter der menschlichen Kulturentivicklung empocheigen will; und in demselben Maße, in welchem er sich seiner geistigen Frei- heit bewußt wird, in dem Maße, in dem er sie schäzen und ge- brauchen lernt, steigt er höher und höher. Der andre, und wäre er der klügste und beste, was weiß er von den Kräften und Anlagen, die, dem einen selbst meist nur dunkel, undeutlich fülbar, in diesem zur Erscheinung drängen! Jeden treiben seine Fähigkeiten an, sie zu betätigen, zu üben, zu entwickeln; jeder aber kann seinen Ztebcnmann nur hemmen, wenn er gewaltsam eingreift in dessen Treiben und Handeln. Deshalb,— weil die geistige Förderung, die mir erwachsen könte durch Unterordnung unter den Willen andrer in meinen persönlichen Angelegenheiten, bestenfalls ftagwürdig ist, Schädi- ! gung für mich aber ganz unzweifelhaft dabei herauskamt, habe ich— für mich— ein Recht, mir die Schwelle meines Tuns und Treibens freizuhalten von den Fußtritten fremder Willkür und, weil mein geistiges Wachsen ein Moment des Kulturfort- schritts der Menschheit ist, habe ich gegen die Menschheit die Pflicht dazu. Damit ist festgestellt, daß einem jeden die Bestimmung, was er seinen Mitmenschen leisten soll, allein und ausschließlich selbst obliegt. Ist denn aber so der Willkür aller nicht Tor und Tür ge- öffnet? Keineswegs— für den wenigstens, um den es sich uns hier handelt, für den, welchen Schiller den Freund der Warheit und Schönheit nent, ist die Richtschnur seines Wirkens in jenen nicht mißzuverstehenden Worten ja schon gegeben: „Leiste deinen Zeitgenossen, was sie bedürfen." Was bedürfen sie— das ist ferner die Frage. Doch auch für sie ist in den eingangs angefürten wenigen Sätzen aus Schillers neuntem Brife über»die ästhetische Erziehung der Menschen die Antwort enthalten: „Umgib sie mit edlen, mit großen, mit geistreichen Formen, schließe sie ringsum mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, bis der Schein die Wirklichkeit, bis die Kunst die Statur über- windet.--" Nach dieser Forderung Schillers soll alles, was von Seiten eines Freundes der Warheit und Schönheit für das Volk geleistet wird, edel, groß, geistreich, Symbol des Vortrefflichen, also schön sein,— das ist das ewige Grundgesez für alle Geistesschöpfungen, die dem Volke gewidmet sind. Die Aufgabe ist gewaltig, und— für den, dem nicht die Gunst beschieden, zu den Helden des Geistes, den Lieblingen des Schönen zu zälen, schwer, wie nur irgendeine, die sich strebende Menschen� Krieger des Geistes, stellen können, aber— warlich!— es ist erfolgreicher für die Menschheit, ehrenvoller für den Kämpfer, wenn er bei solchem Ringen zugrunde get oder an den Schwierig- leiten seines Vorhabens scheitert, nachdem er redlich seinen Mann gestanden, als wenn er getragen von der Gunst eines an Ge- danken wie an Schönheitsgefül bettelarmen Haufens, der nur den groben, aufdringlichen Scheinbedürfnissen des Augenblicks fröhnt, einziet in den Tempel des Tagesruhms und seinen Beutel avauciren stet zum allezeit gefüllten Opferkasten der Beschränkt- heit seiner Mitmenschen. An jenem, was ich das ewige, unabänderliche Grundgesez der Geistesschöpfungen fürs Volk genant habe, wird nun wieder gar mancher gar viel auszusezen haben. Nicht das Edle, Große, Geistreiche, Schöne bedarf das Volk, sondern es bedarf zunächst und vor allem nur das Ware. Und wie unendlich weit ist das Ware davon entfernt, dasselbe zu sein, als das Edle, Große, Geistreiche, Schöne! Schau dich um in der Welt, Idealist,— Träumer, der du bist,— die Welt und was in ihr geschiet und geschehen ist— ist das nicht das Ware? Und daß dieses alles schön sei und gut, groß und geistreich, glaubt niemand weniger doch, als du selbst. Verständest du die Welt und dich selbst, Bruder Realist, antworte ich,— und: Nur-Realist, füge ich hinzu als bescheidnes Warnungstäfelchen für die Leute mit schnellfertigem Vorurteil— du köntest nicht so fragen. Wenn du über einen Stein stolperst und in eine Psüze tappst, machst du nicht etwa deine Un- geschicklichkeit verantwortlich, behüte!— sondern die Welt, die ganze, große Welt, als bestände sie aus nichts weiter, als aus Steinen des Anstoßes und Pflizen, und wenn düstrer Nebel die Sonne verhüllt, so ist dir der Nebel das Ware, solange er eben ist,— deine Warheit komt und verget ja nebelgleich—, und die Sonne ist dir ein Hirngespinst von Idealisten, über die die Achseln zu zucken, so gescheit erscheint, als es töricht ist. (Schluß folgt.) Gymnastik und Turnen. Wir Deutsche, die wir uns daran gewönt haben, das Turnen als das Ron plus ultra der Gymnastik, wo nicht als die einzige, wäre Gymnastik zu betrachten, urteilen im ganzen sehr geringschäzig über die gymnastische Erziehung der übrigen Völker. Und doch kann es für den vorurteilssreicn Beobachter keinem Zwcisel unterliegen, daß Gymnastik und Turnen durchaus nicht dasselbe sind, daß andere Kulturvölker in xuneto der Gymnastik ganz respektables leisten, obgleich das Turnen ihnen fast oder ganz unbekant ist, und daß ein fremdes Volk uns aus dem Gebiete der Gymnastik sogar den Rang abgelaufen. Dieses eine Volk sind die Engländer. Das Turnen ist freilich bei ihnen eingefürt, ist und bleibt aber eine exotische Pflanze— was die Engländer gym- nastisch zum ersten Volk der Erde gemacht hat, das sind die„atletischcn Spiele"(ntMetio sports), die von allen Klassen der Bevölkerungs geübt werden und zu nationalen Spielen geworden sind. Von dem Reiten ganz abgesehen, welches den häßlichen Auswuchs der Wettrennen und des Wettens erzeugt hat, werden in England alle Arten atletischer Spiele und körperkräftigender Sports mit gleichem Eifer gepflegt: Schwimmen, Schlittschulaufen, Gehen, Laufen, Springen, Rudern, Boxen, Cricket und andere Ballspiele u. s. w.— der einzige Sport, der ver- nachlässigt wird, ist das Fechten, dessen gymnastische Bedeutung für die Ausbildung des Körpers und für die Körperhaltung weiland von Goethe gebürend hervorgehoben worden ist. Indes, das hängt zum Teil mit der Abneigung der Engländer gegen alles militärische zusam- men, und sie treiben die sonstigen Arten der Gymnastik so gründlich und so vielseitig, daß der Mangel so ziemlich ausgeglichen wird. Es kann hier nicht die Rede davon sein, die einzelnen Sports ein- gehend zu behandeln. Genug, die erwänten atletischcn Spiele und Sports haben sich so eingebürgert, werden so allgemein geübt, sind so in das Leben der Nation übergegangen, daß sie ein wesentlicher Teil des englischen Volkslebens geworden sind. Alle Gesellschastsklassen Eng- lands pflegen atletische Spiele, ja sogar die Damen betreiben mit großem Eifer einige derselben, die sich dazu eignen, z. B. das Bogenschießen, Schlittschulaufen, Schwimmen— welche zwei Künste übrigens auch bei der deutschen Frauenwelt mer und mer Pflege finden—, Reiten und namentlich Gehen. Man wird wenige, den gebildeten Ständen ange- hörige, Engländerinnen finden, die nicht gute und ausdauernde Fuß- gängerinnen sind, und das bei schlechtem Wetter wie bei gutem. Doch von den Damen vielleicht ein andermal. Jezt haben wir es mit der männlichen Körpererziehung zu tun. Der Vorteil, den die gymnastischen Spiele der Engländer vor dem orto- doxen deutschen Turnen voraus haben, bestet in ihrer größeren An- ziehungskrast— das Vergnügen, welches sie bereiten, reizt zur Wiederholung— es wird ihnen eine relativ weit beträchtlichere Zeit gewidmet, und die Folge ist, daß sie den vielfach unbewußten Zweck der Körperausbildung und-Kräftigung viel besser erfüllen, als unser Turnen den bewußten. Das Turnen ist heutzutage zwar in den meisten deutschen Schulen obligatorisch, allein die Zeit, welche darauf verwant wird, ist viel zu gering, als daß die wollätigen Wirkungen zu genügender Geltung kommen könten. Gerade bei der Gymnastik, wenn anders sie ihren Zweck erfüllen und nicht in sinlose Spielerei ausarten soll, bedarf es fortgesezter, anhaltender, häufig wiederholter Uebungen. Weil es aber dem Turnen infolge seiner— ich möchte sagen dog- matischen— Monotonie und Langweiligkeit an Anziehungskrast feit, wird außerhalb der Schule sehr wenig geturnt; und, von verschwin- denden Ausnamen abgesehen, kann man getrost behaupten, daß der größere Teil der deutschen Jugend gar keinen, oder so gut wie gar keinen und der Rest erst in dem Kasernenhof einen einigermaßen gründ- lichen Turnunterricht erhält— einen Unterricht, der leider den doppel- ten Feler hat, sehr einseitig zu sein und viel zu spät zu kommen. Der gymnastische Unterricht muß sehr ftüh ansangen, wann der Körper noch bildsam und elastisch ist. Seiltänzer, Gymnastiker von Profession u. s. w. beginnen ihre Erziehung schon mit dem 3. und 4. Jare. Das soll selbstverständlich nicht als Muster hingestellt werden, ist aber ein Fingerzeig. Was könte geleistet werden, wenn dem gym- nastischen Unterricht schon von zartester Jugend an gebürende Sorgfalt zugewant würde! Welche Resultate würden erzielt, wie viel höher, als jezt der Fall ist, könte die körperliche Tüchtigkeit unseres Geschlechts gebracht werden! Wärend wir in England, wie schon gesagt, alle Klassen der Be- völkerung, in erster Reihe die„gebildeten, vornemen" Klassen, sich mit Eifer den atletischcn Spielen widmen sehen, bemerken wir in Deutsch- land eine fast allgemeine Gleichgiltigkcit wider das Turnen, und zwar ganz besonders unter den„gebildeten und vornemen Klassen". Vergleichen wir z. B. einmal die deutschen und die englischen Studenten. Der deutsche Studio, falls er nicht als„Einjäriger" kom- mandomäßig zu turnen hat, treibt durchschnittlich sehr wenig oder gar keine Gymnastik; er teilt sein Leben(in zwei allerdings sehr ungleiche Hälften) zwischen dem„Colleg" und der Kneipe. Nur, wenn er einem „Corps" angehört, bringt er auch einige nennenswerte Zeit auf dem Fechtboden zu, wo übrigens, der Regel nach, nur höchst primitives, dem Goethe'schen Ideal keineswegs entsprechendes Fechten gelehrt und gelernt wird. In Leipzig— und das dürfte typisch sein— turnen nach der im„Leipziger Tageblatt" vom 13. Juli 1880 veröffentlichten Turnstatistik von über 3000 Studenten— 90! Das heißt von je hundert jungen Männern im kräftigsten, lebensmutigsten Alter genau drei! Das ist eine Ziffer, die zum Nachdenken zwingt. Anders in England. Der englische Student stet zwar im Kneipen, richtiger im Trinken— denn das chronische, in Permanenz erklärte Trinken, welches man Kneipen nent, ist etwas spezifisch deutsches—, also der englische Student ist auch kein Kostverächter und stet nach ger- manischer Art beim Trinken seinen Mann, aber seinen Hauptehrgeiz sezt er nicht in die Vertilgung von Schoppen, sondern in möglichst ausgezeichnete Leistungen bei den„atletischcn Sports", welche an den Universitäten im Schwange sind: Boxen, Rudern und Cricket. Die alljärlichen Ruderwettkämpfe zwischen den Universitäten Cam- bridge und Oxford haben die Bedeutung eines englischen Nationalsestes erlangt. Dem Schreiber dieses fällt es nun keineswegs ein, das Kind mit dem Bad ausschütten und das Turnen völlig verwerfen zu wollen. Für den Jugendunterricht wird es sicherlich mit Nuzen, als Grundlage der Gymnastik, beizubehalten sein, womit freilich das Wünschenswerte einer Reform nicht bestritten sein soll. Das Turnen in seiner gegen- wältigen Gestalt ist so entsezlich langweilig und geisttötend! Und darin liegt, was schon angedeutet ward, der Grund, daß es den Zweck gym- nastischer Nationalerziehung nie und nimmermer erfüllen kann. Vor einigen Monaten machte Dr. Guido Weiß— manchem unserer Leser gewiß bekant— anläßlich eines Vortrags über„Das Kin- verspiel und seine Geschichte"(S.„Frankfurter Ztg." vom 16. Novbr. 1880) auf diesen Uebelstand auftnerksam. Er sagte— nach dem Bericht der„Frankfurter Zeitung"—: „In ihrem Spiel haben die Kinder zu allen Zeiten das nachgeahmt, was sie an den Großen gesehen. So stellten die Kinder im alten Hellas die Ueberwindung eines Gegners, dessen Gesangennemung und Forttragung in die Sklaverei dar. Darum finden wir in solchen Spielen List, Gewantheit, kurz, alle Tugenden, wie sie die Notwer in den Zeiten eines beginnenden Kulturlebens erforderte. Wenn wir die Entwicklung des Spiels von den primitiven Kulturzuständen bis auf die Gegenwart verfolgen, so ergibt sich, daß auch hier Veredlung möglich und not- wendig ist. Fröbel ist diesem Gedanken nahe getreten und hat ihn für die erste Lebensstufe durch die von ihm eingesürten Spiele zu er- reichen gesucht. „Aber welchen Ersaz soll man den Erwachsenen bieten? Für diese hat man das Turnen nüzlich gefunden. An sich ist ja gegen das Turnen nichts zu sagen; aber es ist doch durch und durch geistlos und erziet die Jugend zu einer Autoritätsbedürftigkeit, welche sich später durch nichts mer herausbringen läßt."— So weit der treffliche Bortragende. Er hat recht: das Turnen paßt nicht zum Spiel, paßt nicht zum Ersaz des Spiels, lind eine Gymnastik, welche ein Teil der nationalen Erziehung, ja ein Fundament nationaler Erziehung sein soll, muß un- bedingt den Charakter des Spiels tragen, in dem Sinn— nicht in sklavischer Nachahmung— der griechischen Wettspiele und der englischen atletischcn Sports. Id. Ein Prairiebrand.(Bild S. 297.)„Woltätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bezämt, bewacht"— doch„wehe, wenn sie losgelassen!" Das mächtigste Großfcuer, welches je auf unserm Erdball entstet, ein Feuer, das sich selbst mit dem gefürchteten unermeßlichen Glühofen des Satans messen könte, ist ein Prairiebrand, wie er zur Herbstzeit in den großen Grasebenen Nordamerikas, die sich auf beiden Seiten des Missouri, des größten Nebenflusses des Mississippi, in einem Flächenraum, der»och bedeutend größer ist, als unser Deutschland, nicht eben selten vo:komt. Da hilft keine Rettungskompagnie und keine Berufsseuerwehr, ja sämtliche Tampfsprizen der Welt dürften wol ausgesaren werden, one dem Brande Einhalt tun zu können. In neuerer Zeit sind größtenteils die Lokomotiven der Eisenbahnen, welche die Savannen durchziehen, die Brandstifter, obgleich den Dampfrossen höchst sinnreiche Maulkörbe angelegt worden sind, welche das Beißen — das Funkensprühen— verhindern sollen. Aber zeitweilig sezen auch die Indianer die Prairien in Brand, um sich die Jagd zu erleichtern, namentlich, wenn sie sich für den nahen Winter mit Fleisch versehen wollen. Sie brennen eine Strecke von meieren Meilen ab und lassen inmitten derselben eine kleine Fläche stehen, wohin das Wild zur Füt- terung komt, wobei es leicht umzingelt und getötet werden kann. Mit- unter ziehen sich die Prairiebrände über hunderte von Meilen hin und richten dann natürlich Schaden an. Die Ansiedler suchen sich dadurch gegen die Brände zu schüzen, daß sie ein Gegenfeuer anlegen, welches die Grasflächen um ihre Gebäude herum absengt. Hierdurch wird dem Prairiebrande die Narung entzogen. Manche ziehen auch um ihre Felder mit dem Ackerpfluge tiefe Furchen, und es wird durch die feuchte Erde dem rasch um sich greisenden Feuer ein Hindernis entgegengesezt, wenn— diese Vorkehrungen rechtzeittg genug getroffen werden können. Denn mit„Windeseile" verbreitet sich der Brand manchmal zehn und mer Meilen in der Stunde über jjie weiten Flächen der Steppe. Es verstet sich von selbst, daß der Brand nichts zurückläßt, als den ver- kokten, mit Asche bedeckten Erdboden, aus welchem im nächsten Frühjar wieder das üppigste Gras wächst.„Prairienbrändc sind das groß- artigste Naturschauspiel, das man je in jenen breiten Steppen sehen kann", sagt Ernst von Hesse-Wartegg in seinen„Prairiefarten". „In der Ferne, über dem ganzen Horizont und soweit das Auge reicht, nichts als eine niedrige Flamme, flackernde Feuerzungen bis 20 und mer Fuß emporsendend, und mit Wolken schwarzen Qualms den ganzen Horizont erfüllend. Cs ist ein Flammenmeer in des Wortes vollster Bedeutung, das mit rasender Schnelligkeit sich nähert, und wie einstens die Wassermassen des roten Meeres das Heer der Pharaonen verschlangen, so drohen die Feuermassen des Prairiebrandes dem Wanderer Verder- ben und Tod." Glücklicherweise ist die Gefärlichkeit des Brandes nur dann sehr groß, wenn das Gras besonders hoch stet und durch lange Dürre sehr ausgetrocknet wurde. Sonst ist es nicht allzu schwer, das Flammenmeer, das oft nur eine lange Linie von kaum 2 Meter Breite bildet, zu durchschwimmen, um„auf's Trockne" zu kommen. Es fürch- ten deshalb, nach dem obengcnanten Autor, die Ansiedler die Prairie- brände nur wenig. Gefärlicher als den Menschen sind die Brände den sonstigen Bewonern des Prairie-Oceans, als da sind: Büffel, Wölfe, Elentiere, Antilopen, Prairiehunde u. s. w. Diese können sich nur durch die wildeste Flucht vor den hinter ihnen herjagenden Feuermassen retten, und tausende, namentlich fast alle schwächeren Exemplare ihrer Gattung gehen in dieser Flucht ums Dasein zugrunde— wärend die schnellsten und stärksten Tiere, dadurch, daß es ihnen gelingt, einen Fluß zu erreichen, ihr bischen Leben in Sicherheit bringen. Wenn so der Prairiejäger oder Wanderer durch stundenweit vernembares, mer als donneränliches Getöse aus die Flucht einer ganze Ouadratmeilcn bedeckenden Tierherde aufmerksam gemacht wird, dann heißt cs freilich: schnell zu Pferde! und fort get's dann in sausendem Galopp, damit es womöglich gelingt, einen Vorsprung vor der daherkeuchendcn wilden Jagd zu gewinnen, denn diese zertrümmert und zermalint selbstredend alles, was ihr in den Weg kommt. Ist vielleicht nach stundenlanger Haz noch kein rettender Fluß erreicht, und wird das Gebrüll und Ge- heul der zu Tode geängstigten, immer näher und näher herandringen- den Tiere von Minute zu Minute furchtbarer und stärker, da gibt's nur noch ein Mittel, der Todesgefar zu entrinnen: der Prairiejäger zündet in aller Geschwindigkeit selbst ein Feuer an, das bald, emsig geschürt und verstärkt durch hiuzugetragene Hausen dürren Grases, hoch emporlodert. Aber auch das gewärt noch nicht vollständigen Schuz. Tie tausend und abertausend rasend gewordenen, wutschäumenden Tiere scheuen nicht immer den verhältnismäßig kleinen Brand, sie stürzen blindlings hinein, die sich dahinter bergenden Reisenden zerstampfend. Da, im Augenblick der höchsten Gefar, wirft der auf alle Eventualitäten gefaßte Prairiejäger seine gefüllte Brantweinflasche in das Feuer— und vor der plözlich mit entsezlichem Krach hoch auflohenden blauen Feuersäule stieben die Tiere wild auseinander, sich drängend, stoßend und die Rippen zerbrechend, und jagen nun in gespaltenem Haufen zu beiden Seiten der geretteten Menschen vorüber. Durch anzünden von Pulver wird dem sonst nicht eben furchtsamen Prairiegetier ebenfalls ein heilsamer Schreck eingejagt.— Seitdem merere Eiscnbanen die Prairien durchziehen und der Reisende vom Salonwagen aus das un- vergleichliche Schauspiel des Prairiebrandes genießen kann, kommen so gräßliche Szenen, wie man sie in älteren Romanen gemalt findet, sel- tener oder garnicht mer vor. Hunderte von Meilen der überaus srucht- baren Prairien sind schon jezt von fleißigen Ackerbauern mit Beschlag belegt— Städte schießen wie Maulwurfshügel überall empor, freilich oft nur aus wenigen sogenanten Häusern bestehend, und nicht allzu lange wird es dauern, so wird von dem großen Wiesenterrain nur wenig übriggeblieben sein. Die Statsbehörden tun das Möglichste, die Ansiedelung zu erleichtern. Einer Verordnung des lezten Vereinigten- Staten-Kongrcsses zufolge erhält jede Person, die 40 Acker Land der öffentlichen Domäne in den westlichen Prairiestaten mit Waldbäumen bepflanzt und süns Jare lang kultivirt, ein Heimpatent für eine söge- nante Viertelsektion(160 Acker), von welchen die bepflanzten 40 Acker ein Teil sind. Aus diese Weise schreitet natürlich die Kultur der Prai- rien rasch vorwärts, und wie die Indianer von Jar zu Jar abnemen, wie der Wölfe und Büffel immer weniger werden,— die Zeiten, da sich die lczteren den Eisenbahnzügen in den Weg legten, sind vorüber,— so wird warscheinlich in wenigen Jarzehnten der furchtbare Prairiebrand zur Seltenheit werden.-z- Farende Sänger.(Schluß.) Die Blüte des Minnesanges fällt zusammen mit der Blüte des deutschen Rittertums und findet in diesem seine vornemste Stüze. Dieses, aus den gesellschaftlichen Verhältnissen unsrcr Altvordern, aus den Freien und Unfreien allmälich entwickelt, wegen der Kämpfe zwischen Päpsten und Reichsgewalt von der lezteren gepflegt und gehoben, bildete einen Stand für sich, der, in seiner gesell- schaftlichen Stellung abgeschlossen vom Volke, auch dementsprechende exklusive Manieren und Gebräuche annam. Mer und mer bildeten sich Umgangssormen im Verkehr des Adels heraus, die sich wesentlich von Venen anderer Stände unterschieden und die unter der Bezeichnung „höfische Sitte" bekant sind. Vielfach, oder wol auch zum weitaus größten Teile, waren diese„feinen" ritterlichen Manieren rein äußer- lich, ein Scheinwesen, das sich auch noch in andern Lebensäußerungen des deutschen Rittertums ausspricht. Es ist nun klar, daß die von leztercm aepfleate Poesie denselben Charakter zeigen mußte, wie ihre Pfleger. Hatten die Ritter sich vom Volke gesellschaftlich abgesckiloffen, so konte auch dieses, das doch stets der fruchtbare Boden flt, aus dem alle Poesie, alle Kunst hervorsprießt, auf dem einzig und allem wäre Kunst gedeihen kann, nicht mer seinen Einfluß in der Wepe geltend machen, wie dies im Interesse der Dichtkunst wünschenswert und nötig gewesen wäre. Die Minnesänger brauchten daher zumeist andre Förderer und Beschüzer, als diesen inächttgsten einen, und sie fanden sie vor allem in den Hohenstaufenkaisern, den Herzögen von Oesterreich und den Landgrafen von Türingen. Aber noch ein andrer Umstand hat wesentlich auf die Entlvicklung und den Charakter des Minnesanges eingewirkt. Lehrten die Kreuzzüge später die deutschen Ritter die üppige Natur des Orients kennen und förderten dadurch deren Phantasie, so fürten sie dieselben auch mit dem französischen Rittertum zusammen, wodurch sie mit den oben angedeuteten, in Spanien und Südfrankreich florirenden Sitten, sowie mit den Gesängen der Troubadours bekant wurden, beide nachamten und in der fremden Poesie ein Gewächs in deutschen Boden verpflanzten, das dem Fülen und Denken des deutschen Volkes ftemd, in seinem spätern Wachstum auch vielfach seine Sonder- stellung bewarte.— Treibendes Element der ritterlichen Poesie war die Minne, die Liebe. Aber nicht die glühende Liebe von verzehrender Kraft, nicht die Liebe, welche ihren Gegenstand begehrt, welche genießen will, sondern ihre Leier tönt, wie Scherer sagt,„großenteils nur eine geistreiche Konversation in Reimen, die von Liebe handelt. Das lyrische Gedicht wird hier ein kunstreiches Hofmachen, voll Werben und Schmach- ten, voll Schmeichelei und voll Huldigung. Wir finden daher weniger die Sprache des Herzens, als Spiele des Wizes; weniger Empfindung, als einen subtilen Verstand." Damit wäre ja zur genüge angedeutet, daß der Sang der Minne vieler Ritter ganz dem Wesen des Ritter- tums entsprochen habe. Der Troubadour singt von allem, was sein terz bewegt, Haß, Liebe, Vasallentreue, Kriegslust, alles komt in seiner unst zum Ausdruck. Er nimt Partei bei allen öffentlichen Gelegen- heilen, bekämpft Fürst und Papst mit Leidenschaft und Wut, und ist deshalb von Einfluß auf das Leben und wird an den Hof gerufen, weil man ihn dort braucht, wärend der deutsche Ritter sich in seinen Gesängen beschwert, daß man ihn nicht an den Hof zöge.„Aber", fragt Gervinus,„was sollte man in einem Kreise, der zu handeln und nicht blas zu singen hatte, mit diesem Geschlechte anfangen?" Der größte Teil der Minnesänger bekundet denn auch in seinen Liedern kein Interesse für tiefere politische Fragen; das Vaterland kümmert ihn nicht, und die Waffen haben für ihn nur noch die Aufgabe, der Religion durch Kreuzzüge, oder den Frauen durch Turniere zu dienen. Dabei sind es oft verheiratete Frauen, denen das Liebesgegirre gilt, oder es sind Ritter, die Weib und Kinder haben und im Dienst der Minne alle möglichen Extravaganzen begehen, one auch nur an irgendeiner Stelle ihrer Liebeslieder derer zu gedenken, mit denen sie doch nur durch das edelste der menschlichen Gefüle vereint sein sollten. Doch es gab auch Ausnamen unter den Dichtern jener Zeit, und diese haben denn auch bedeutendes, heute noch unsere Bewunderung herausforderndes geleistet. Und zwar namentlich da, wo die Volksdichtung die ritterlichen Sänger beeinflußte, wie dies in Oesterreich und Baiern der Fall war, wo der Minnesang aus dem volkstümlichen Liebesliede hervorging. Wir nen- nen nur zwei Namen: Wolfram von Eschenbach, ein Baier, und Wal- ther von der Vogelweide, über dessen Heimat man sich heute noch streitet, indem man seinen Geburtsort teils nach der Schweiz, teils nach Tyrol und schließlich auch noch nach Franken verlegt. Indem wir von erste- rem nur erwänen, daß er weder lesen noch schreiben konte, aber von dem Glauben durchdrungen war, daß auch die Heiden selig werden könten und der infolgedessen auch tolerant gegen Andersgläubige dachte, wollen wir nur einiges über den größten Lyriker vor Goethe, Walthcr von der Vogelweide, berichten. Wie über sein Geburtsland, so streitet man auch darüber, ob er bürgerlicher oder adeliger Abkunft gewesen sei. Sicher ist nur, daß er zuerst in Oesterreich auftauchte und daß er selbst sagte, er„habe dort singen und sagen gelernt", und zwar, wie allgemein vermutet wird, von Reinmar dem Alten. Als der öfter- reichische Herzog Friedrich der Katholische, bei dem er in hohem An- sehen stand, 1108 gestorben war, beginnen seine Wanderungen durch den größten Teil Deutschlands und im Auslande. Er war an der Elbe und am Rhein, in Ungarn, an der Seine, der Mur, der Trave und dem Po und besuchte im hohen Alter noch mit einem Krcuzzug Palästina. Lange Zeit ist er am Hofe des Herzogs Hermann von Türingen, dann hält er sich an den Höfen der verschiedenen deutschen Kaiser auf und ninit lebhaften und tätigen Anteil an deren Kämpfen mit den Päpsten. Weder Bannbullen, noch sonstige gegen die Kaiser von den römischen Oberhirten geschleuderte Flüche sind im Stande, ihn einzuschüchtern, und er wurde wegen seiner rebellischen, in poetische Form gefaßten Angriffe(seiner Sprüche) auf die geistliche Oberhoheit als Bolksverfürer bezeichnet. Und man hatte nicht so unrecht, denn das einemal stellt er den Papst inmitten seiner Welschen und läßt ihn sagen:„Ich Hab' es gut gemacht! Ich Hab' zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unter- dessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber färt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hüner und trinket Wein und laßt die deutschen-- fasten." Die Striche bezeichnen warscheinlich ein Schimpf- wort, das die Verfasser der Handschrift wegließen. Die Opferstöckc, in denen der Papst für die Kreuzzüge sammeln ließ, redet er an i„Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesant, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?" In diesem Tone färt das Gedicht fort, doch mag das angesürte genügen, um zu zeigen, welche Sprache Walther in öffentlichen Angelegenheiten beliebte und wie recht seine Widersacher hatten, wenn sie ihn fürchteten. Es mögen diese Beispiele 304 auch beweisen, daß dieser Dichter nicht in der Frauenliebe aufging. Trozdem, oder vielmer deswegen sind seine lyrischen Gedichte die schönsten aus jener Zeit, und wir verweisen nur aus die Abhandlung in Num- inern 18 und 19 dieses Bl. über ein reizendes Tanzlied von ihm. Wie Wolfram, so dachte auch Walthcr sehr tolerant und stellte alle, Heiden und Christen, in eine Linie: der beste und untrüglichste Beweis, daß er über seiner Zeit stand. Trozdem er»ach langem Bitten und Wan- dern ein eignes Heim geschenkt bekam, so blieb er doch bis gegen sein Lebensende der arme wandernde Sänger, ein Verkünder und Verfechter des Waren und Guten und ein Förderer des Schönen. Er starb hoch-- betagt in Würzburg, wo er begraben liegt. Schon bei seinen Lebzeiten >var der Minnesang im Entarten, sodaß er Gelegenheit nam, darob zu klagen, und nach Scheerer waren es vor allem Ulrich von Lichtenstein, Neidhart von Reuenthal und Tannhäuser, die wesentlich beitrugen, ihn zu untergraben. Durch den zweiten der Genanten war aber, angeregt durch die Dichtungen Walthers, die ritterliche Poesie fast ganz wieder zur Volksdichtung geworden, indem derselbe eine Anzal volkstümlicher Tanzlieder verfaßte. So hatte auch andrerseits der Minnesang, abgesehen von dem Nuzen, den er der Volkssprache gebracht, insofern auf die Volkspoesie gewirkt, daß deren Träger, gleich den Rittern, von Ort zu Ort zogen, um ihre Weisen zum Vortrag zu bringen, weswegen man sie„farende Leute" nante. Und ihnen haben wir es wol auch wesentlich zu danken, daß uns so manches Denkmal des Gemüts- und Geisteslebens im Volke aus jener Zeit erhalten blieb. ort. oftits allen QSinRef« der ZeMtteralur. Eine neue phönizische Inschrift ist jüngst auf der Insel Cypern aufgefunden worden. Die Schrift stammt aus der Zeit der Regierung von Pumiathan, 320 vor Christi Geburt. Bis vor einem Jarzehnt galt die phönizische für die älteste Buchstabenschrift, welche existirte; erst vor einigen Jaren hat man in dem ehemaligen Lande Moab, bei Dhiban, auf einer dem König Mesa, Son des Kamos, aus Anlaß seines mit den Juden gefürten Krieges im Jare 896 v. Chr. errichteten Sie- gessäule eine Inschrift aufgefunden, welche älter ist als die bis dahin dckantcn phönizischen. Faulmann(in seiner Geschichte der Schrift) nent diese älteste Buchstabenschrift die moabitische.-z- Ein unterirdisch er Fluß und eine unterirdische Stadt sind soeben im Süden Algiers entdeckt worden. Der Fluß soll so bedeutend sein, daß er zur ErhgftMg von 100,000 Palmekbäume» genügen würde und Stadt beweist durch ihre zalreicheu und schönen mit Inschriften versehenen Bauwerke und Denkinäler, von denen bis jezt eine Moschee und 9 Häuser vom Sande freigelegt sind, daß sie von einer großen Vergangenheit zu erzälen hat. xz. Literarische QÜmfchau. „Da? Fleisch GcmeinversländlicheS Handbuch der wissenlchastlichcn und praltilchen Fleischlunde, von Carl Philipp Falck, Dr. und ort. Pros, der Median, Direktor dei pharnialologische» JnltitntS in Marburg. Mit zwölf litograxhirten Tafeln. Marburg, N.®. Elwervsche Berlagsbnchhaudlung, 1880." Der Bersasjer wurde bei der Abfassung seines umsang- und inhaltrcichcn Wertes von der Absicht geleitet, das Fundament zu einem Lehrsystem der Flcischwnde zu legen und damit einem Mangel abzuhelfen, der jedem füldar geworden ist, welcher sich in wisienschastlicher Weise mit der Frage der Ernärung beschästigen wollte. ES hat sich ihm daher darum gehandelt, die Ratur des Fleisches und die Wirkung der Fleischnarnng nach allen Richtungen hin genau zu er- runden und ivisienschastlich darzustellen, und da fein Gegenstand mit dem dsfentlichen Fntcressc in intimster und unmittelbarster Beziehung stet, so ist er bestrebt gewesen, die Darstellung nicht allein auf das Berstöndnii von Nawrwisienschaltern einzurichten, sondern auch den, des großen Publikums nahezubringen. Das ganze Werk bestet aus vier Büchern, besten erstes von der nentniS der Tiere handelt, die eßbares Fleisch liefern, und zict die Raubtiere, von der Hauikaze bii zum Eisbär, die Rudersüßer der Seehunde und Wal- roste die Nagetiere vom Kaninchen bis zum Murmeltier, die Wiederkäuer vom gemeinen Rind bis zum Elenn, die Fischsäugeticre aller Art, unter den Dickhäutern das Schwein, ferner die Bügel aller bezüglichen Gattungen, als Singvögel, Klettervögel. Hünervögel, Waldvögel, Schwimvögcl, von Amphibien die Schildkröten und Frösche, die Fische von dm Barschen bis zu den Haisischen, dann die Krebse, Schnecken, Muscheln, Austern, und -um Schlüsse auch noch die Seeigel in dm weitgespanten Kreis seiner Betrachtung. Das zweite Buch handelt von den Änochm und Muskeln der diätetisch-wichtigen Wirbeltiere; da« dritte von der Chemie der Aiuskcln und de« Fleisches, und das vierte von der Hygiene der Flcischwaren, und zwar zunächst aber die Zubereitung des Fleische» in der Küche und die Fleischkonservirung, de« weiteren über die physiologische Wirkung de« AHlhSAMM........'"" cCT-cj, semer üb befindlichen,______,____ übergehenden Fleisches, und der vierte und lezte Abschnitt de» vierten Buches stellt eine Teorie der Fleischwarenpolizei aus, wie sie unsre über diesen Teil ihrer Ausgabe noch ser im dunkeln tappenden Behörden aus das beste gebrauchen können. Die Ausslattung de» Werkes ist dem Zwecke destelbcn durchaus angemesten. Die litograxhirten Tafeln sind trestlich auSgcsürt und tragm in hervorragender Weise dazu bei, das Verständnis nichtsachwisienschasllicher Leser zu sördern. Die Etappenslraße der Wistcnschast dürfte durch das Buch um ein bedeutsames Stück in das Gebiet des praktischen Lebm» hinein vorgeschoben sein. sj. s 3i lJKissenschafMcher LZkalgeber. Berlin. Frau S. P. Ihr Trinkwasser können Sie auf seine Unschädlichkeit prüfen, indem Sic von einer Tanninlösung einen Eßlöffel voll zu einem Glase Master von gewönlicher Größe hinzusezen. Jede dadurch entstehende Trübung des WasterS, gleichviel, ob sie sofort eintritt oder erst nachdem das Master noch eine zeitlang gestanden hat, beweist, daß dastelbe zum Trinken nicht verwendet werden sollte. Sie erhalten die hierzu nötige Tanninlösung, indem Sie zu einem Teil deS in jeder Apoteke und Troguen- Handlung käuflichen Tannin(Galläpfelgcrbsäure) einen Teil Weingeist und vier Teile Master hinzusezen und die nicht klare Lösung filtriren. Gclenau. Z. R, Bor solchem Zeuge, wie eS die von einem Dr. D. Retau„umgearbeiteten"„Geheimniste der Zeugung" enthalten, warnen wir Sie und jedermann aus da» dringendste, SS Heste zu je bv Psg. zu lausen, also im ganzen 11 Mark dafür aus- zugeben, wäre schlimmer, als wenn Sie Ihr Geld einfach zum Fenster hinauswerfen wollten. Auch die„Wunder der Urwelt" sind sür Sie die 7 Mark nicht wert, die sie in der Jhnm angebotenen Lieferungsausgabe losten. Dagegen ist Meyers Handlexi- kvn durchaus empselmswert, ebenso Klenke's„HauSlexikon der Gesundheitspstege für Leib und Seele". Bezüglich de« lezterwänten Werkes raten wir Ihnen jedoch, Sich lieber Klenke's„Katechismus der Makrobiotik oder die Lehre, gesund und lange zu lebm" auzuschanm. Derselbe genügt sür Ihre Zwecke in jedem Falle und kostet nur zwei Mark, wärmd Sie jene» HauSlexikon aus ISY, Mark zu stehen kommen würde. QlUdaAiousKorrespsndeit). Gcdächtnisverse gesezt hat, folgendermaßen: § 331. Beamte, die sich„schmieren" lassen, Sind ftrasgerichtlich abzufassen, Auch, wenn die Gegmleistung nicht Zuwiderläuft der AmteSpflicht, Gefängnis zwei Quartälerchm, Pönale hundert Tälerchcn, Tai höchste Maß der Strafe sei Für solche simple Schmiererei, Doch straflos bleibt in diesem Fall Der edle Geber allemal. st 332. Beamte, welche sich hingegen Ter vorgedachten Schmiere wegen Zu Taten willig finden lasten, Di- zu der AmteSpsticht nickt passen, Sind schuldig der Bestechlichkeit, Und sollen, falls nickt ar.t. Durch Mlölungigründe auf Seiängni! Sick rcduzirt das Strafverhängnis, In einem Zuchthaus in Berwar Benommen werden bis fünf Jar. ß»33. Wer Amts- und Militärperlonm Für Pflichtverlczung will belonen, Indem er Jhnm ein Präsent Und lonst'gen Borteil znerkent, Anbietet oder bloS verspricht, Berfällt dem hohen Strasgerickt Und hat Gesängnis zu riikirm, Kann auch die Bürgerehr' verlierm. Erkenbar ist im Mildrung-sall Bis 1Ö00 Mark Pönal. Seien Sie übrigms— Spaß und Strafgesezbuch beiseite!— recht vorsichtig mit Ihren Beschuldigungen und bedenke» Sic, wie leicht man sich in solchen Fällm irren, wie leicht man harmlosen Borgängm eine bedenkliche Deutung gebm kann. Eineinnati. Frau T. Erhalten. Bescheid bald. Frdl. Dank sür Ihr srdl. Urteil. Magdeburg. Einer der älteftm Abonncntm, Wir könten ser gut, meinen Sie, einmal da« Porträt und die Biographie Ihre« alten Lehrer« bringen, denn der Mann hätte sich um alle Wistenschastm und um da» Boll verdient gemacht, wie nur einer! Ser schön da«. Wollen Sie uns da aber nicht wenigsten? verraten, wer dieser Ihr alter Lehrer ist? In Ihrem Brise stet nämlich nicht eine Silbe davon, Bergen. H. M. So gesärlich, wie Sie glauben, stet es mit Ihrem Bater war- scheinlich noch lange nicht, wenn auch sein Körpergewicht von zwei Cmtner 40 Pfd. ei» v-rf,«- sikftkiktkliftkS ift' tnmas 5>br Natsc naft? NN fi l?,!N nmü»R �.1 k'i.,,..;.. Gewickt noch weit über, sonder» eine ganze Reih- bekanter Pienschm habm es aus mer al« da« doppelte von dem Körpergewicht Ihre« Baters gebracht. So der Engländer Bright, der in seinem zehnten LebenSjarc sckon 140 Psd, und bei seinem Tode Kl« Psd. wog: semer ein von dem Arzt- v. Gräfe gesehener Holländer, der SOZ Psd, auszuweisen balle. Dabei sind da« immer noch nicht die schwersten Leute, von denm berichtet wird, In einer Samlung medizinischer Warnmiungm wird von einem 800pfündigm Manne erzält, mid der Engländer Wadd schreibt in seiuem Bücke„Tie Korpulenz als Krankheit ic" von einem seiner Landsleute, der stch gar SOS Psd. erworben hatte! Sprechsaal für jedermann. Der Bierbrauer-Jolilum Michael Weiss von Kaitenzell, Königrelch Bayern, ist im I. 1844 in Milwaukce, Staat Mskonsin, Nordamercka, eliigeivandert, und hat daselbst mit seinem Bruder eine Braucrei gepachtet, laut Nachricht von 1846. Seit dieser Zeit ist keine Nachricht mer von ihm eingegangen. Wenn derselbe noch am Leben s?u sollte, wird er gebeten, seinem Soue Johann Pommer, Drechsler, Nürnberg, Fürtherstraße Nr. 37, Königreich Bayern, seine Adresse anzugeben.— Alle befreundeten Blätter werden um Abdruck gebüen. Inhalt. Die Schwestern, Roman von M. Käutsky(Fortsezung).— Iris als Schuzgöttin. Eine physikalische Skizze von vr Franz Ferdinand Schmidt(imt Illustration).— Ein Lorbeerkranz. Das Ende eines Dichterlebens(Fortsetzung).— Wie soll man für das Volk schreiben? Eine Erörterung xro äomo.— Gymnastik und Turnen.— Ein Prairiebrand(mit Illustration).— Farende Sänaer(Schliiüs— Aus allen Winkeln der Zeitltteratur: Eine neue phönizische Inschrift. Ein unterirdischer Fluß und eine unterirdische Stadt.- Literarische Umschau- Wissenschaftlicher Ratgeber.— Redaktionskorrespondenz.— Sprechsaal für jedermann. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.