Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Die Schwestern. Roman von M. KautsKy. (Schluß des 1. Teils.) Mit Malchen wurde es täglich besser, bald waren alle An- zeichen der Krankheit verschwunden, und als sich nun auch ein gehöriger Appetit einstellte, erklärte der Arzt seine weiteren Be- suche für überflüssig, und er gestattete der Rekonvaleszentin, das Bett, jedoch nicht das Zimmer zu verlassen. Als man in der Nachbarschaft davon hörte und Malchen selbst am Fenster bemer- ken konte, die weder blasser, noch röter als sonst aussah, waren all die erfarencn Frauen, und darunter auch Frau Germanek, der Meinung, daß dies gar kein„echter" Scharlach gewesen sein könne. Man nam es nun der älteren Schwester übel, daß sie solches Wesen gemacht und dadurch die Nachbarschaft ganz un- nötig alarmirt hätte. Es sei dies eine reine Heuchelei mit diesem Scharlach gewesen, meinten sie, eine Wichtiguiacherei; und nun völlig dieses Absperren, dieses Niemandcnhineinlasscn, es kam ihnen wie eine Beleidigung vor. Wenn diese Minna, diese un- verständige Person, unfern Rat eingeholt hätte, so wäre ihr manches unnötige erspart geblieben, wir hätten es ihr gleich ge- sagt, daß das auch nicht der Schatten von einem Scharlach ist, nicht eine blasse Idee. Alle wollten nun der armen Minna diesen lächerlichen Irrtum und ihre Uncrfarenheit gehörig klar machen, und jede wollte Malchen in der Nähe sehen, um zu beschwören, daß sie nichts als ein gemeines Friesel gehabt; aber zum allge- meinen Erstaunen und zur noch größeren Entrüstung aller dieser woltätigen Damen blieb die Tür der beiden Depauli's vor ihnen versperrt, und Minna erklärte ganz trocken, daß sie vor vier Wochen keine Besuche annemen werde, da der Doktor es so an- geordnet habe. ®anm'r. hatte man täglich genaue Nachricht über Malchens Bestnden eingezogen. Bei dieser raschen Besserung war nun auch Madame Weiß der Meinung aller übrigen, und Marie, aus Gutherzigkeit und weil sie dann hoffen durste, ihr liebes Malchen recht bald wiederzusehen, glaubte es ebenfalls. Sic kam in ihrer Ungeduld gleich selbst, und zwar zu einer Zeit, in der Minna außer dem Hause war. Und sie bat Malchen so lange und so dringlich, sie einzulassen, daß diese endlich nachgab. Marie hatte einige Gläser eingemachten Obstes mitgebracht; sie sezte sich nun zu ihr hin, und sie war glücklich wie ein Kind, daß sie sie füttern konnte und daß es der kleinen Rekonvaleszen- tin so gut schmecke. Und sie klagte über Minna's Grausamkeit, die ihr die Freude, ihre kleine Schwester zu Pflegen, so lange vor- enthalten konte. Es wäre ihr so süß gewesen,, und es hätte ihr geschienen, als ob sie dadurch auch ihrem Alfted etwas liebes erzeigt. Er wußte noch nichts von Malchens Erkrankung, sie und Minna waren übereingekommen, ihm den Vorfall zu ver- schweigen, um ihn nicht unnötigerweise zu beunruhigen, jezt aber, wo alles über alle Erwartung so gut und glücklich abgelaufen, wolle sie es ihm mitteilen, heute noch. Malchen mußte ihr hier- auf von ihren kleinen Leiden erzälen, und sie zeigt sich so teil- nemend und liebevoll besorgt, und sie macht sich um sie zu schaffen und begann endlich, ihr das Har zu ordnen. Jezt kam Minna zurück, sie schalt Marie ob ihrer Unvorsichtigkeit. Diese lachte dazu und auch Malchen lachte; sie fülte sich heute ganz wol und von Mariens Besuch erfrischt und aufgeheitert, es käme ihr jezt gar nicht vor, als ob sie gefärlich krank gewesen sei. „Du warst es auch gar nicht," versicherte Marie, und sie küßte sie wieder und wieder, und sie versprach ihr, morgen wie- der zu kommen und alle Tage. Sie fülte sich am nächsten Tage etwas unwol, sie hatte einen schweren Kopf und Halsschmerzen; das zog sich so einige Tage hin, endlich brach ein heftiges Fieber aus. Der Arzt wurde ge- holt. Er konstatirte eine Scharlacherkrankung. Diesmal war es Luise, die die energischsten Maßregeln traf, um Elvira vor einer Ansteckung zu bewaren. Sie mußte sogleich das Haus verlassen; sie sollte das Zimmer der Tante bewonen, wärend diese, um sich mit der Mutter in Mariens Pflege zu teilen, zu ihrer Schwä- gerin zog. Luise, die ihre Stunden aufgab und sich in allem so opfer- willig zeigte, um Elvira vor einer Gefar zu schüzen, sie ahnte nicht, daß sie dadurch das junge Mädchen einer weit größeren nahe brachte. Eugen Hellenbach war sehr bald von diesen neuen Ereignissen unterrichtet und von der erwünschten Freiheit, die dadurch der schönen Kunstnovize erwachsen war. Er wußte sie zu bestimmen, diese günstige Gelegenheit zu benuzen und ihm einige weitere Besprechungen zu gewären. Elvira hatte diesen dringenden Einladungen nachgegeben und war zweimal in die Villa gekommen. Sie hatte, wie das erste- mal, die ftühen Morgenstunden dazu gewält und war, wie da- mals, mit Entzücken empfangen und mit übertriebener Auszeich- nung behandelt worden. Und wieder trafen, wie in einem Turnier, diese beiden Intelligenzen aufeinander, jedes von ihnen bemüt, die Schwächen des andern zu erspähen, zu benuzen, uni über ihn zu herrschen. Elvira verteidigte sich nicht nur gut, sie lernte immer mer eine in ihr wonende Macht kennen und üben, von VI. 26. März 1881. der sie bisher kaum eine Ahnung gehabt. Aber zugleich steigerte sich auch in ihr der Durst nach Reichtum und das Verlangen nach jenen Huldigungen, mit denen die Männer der„guten Ge- sellschaft" das Weib, dem sie die Gleichberechtigung versagen, zu ihrer launenhaften Göttin erheben. Ihre Kleidung, ihre Wonung, die ganzen Verhältnisse, in denen sie lebte, erschienen ihr arm- selig, vcrlezend in ihrer Häßlichkeit, unerträglich. Sie konte es kaum noch erwarten, in eine ihrer würdigere Sphäre einzutreten. In der ersten Zeit von Mariens Erkrankung, die weit hef- tiger als bei Malchen auftrat, und deren langwieriger Verlaus diesmal allen Scharlach-Traditionen entsprach, hatte die Besorg- nis um die Schwester, der Elvira von Herzen zugetan war, ihre Gedanken teilweise absorbirt, jezt, als Marie in der Rekon- valeszenz sich befand, gab sie sich völlig ihren ehrgeizigen, hoch- fliegenden Plänen hin. Nur hie und da verschleierten sich ihre Züge wie unter einem Schatten von Melancholie, ihr Auge nam dann einen sanfteren Ausdruck an, ihre Haltung erschien weniger stolz und zuversichtlich, und sie sah alsdann ihrer Schwester zum Verwechseln Mich. Vielleicht war es der Sonnenstral eines waren Gefüls, das in solchen Augenblicken in ihr Herz fiel, aber es sollte und durfte sich ihm nicht erschließen..... Es war ein heiterer Julimorgen, als Elvira abermals durch den Wald kam und den Weg nach der Villa einschlug. Als sie durch das Gittcrtürchen in den Park trat, gewarte sie in einiger Entfernung einen Mann, der sich an dem Stallet, das denselben umgrenzte, etwas zu schassen machte. Es frappirte sie, daß dies in so früher Morgenstunde geschah; als sie aber jezt Eugen auf sich zufliegen sah, der ihr einen Strauß der herrlichsten Blumen entgegenbrachte und ihr von der Ungeduld sprach, mit der er sie schon erwartet hatte, da dachte sie nicht weiter an den Arbeiter, denn das schien er ihr, und sie nam Eugens Arm. Eine Weile schritten sie die Kieswege des blumigen Parterres, das vor der Villa sich ausbreitete, auf und nieder, dann traten sie zusammen ins Haus. Als sie gegen sieben Uhr die Villa tvieder verließ, glaubte sie hinter dem vieldurchbrochenen Bosgnet die hohe Gestalt des Arbeiters abermals zu bemerken, die aber bei ihrem Näher- kommen verschwand. „Weshalb wird mit den Arbeiten so früh begonnen?" fragte sie in sichtlichem Unmut den sie begleitenden Baron.„Sie ver- sicherten mich doch, daß bis sieben Uhr alles ruhig bleiben und ich keiner Menschenseele begegnen würde." „Es sollte auch nicht sein," entgegnete Eugen,„und ich werde den Gärtner darüber zur Rechenschaft ziehen. Nichts in meinem Hause soll Sie irritiren, Elvira, nichts soll geschehen, das Ihre Unzufriedenheit hervorrufen könte, ich wäre zu unglücklich! Und ich wäre es noch iner, wenn ich selbst Ihre Unzufriedenheit ver- ursacht. Ich fürchte, es ist heute der Fall gewesen, Sie zürnen mir, weil ich Sie gedrängt, doch endlich in Ihrer Sache einen entscheidenden Schritt zu tun, sich doch endlich diesen kleinbürgcr- lichen Verhältnissen zu entziehen und diejenigen zu acceptiren, unter denen allein sich Ihr Talent zur vollen Künstlerschaft ent- wickeln kann. Aber Sie haben unrecht, mein Fräulein." Elvira sah noch ungeduldiger aus, und eine kleine Röte des Verdrusses stieg in ihre Wangen. „Ich kann jezt nicht nach Paris, ich sagte es Ihnen schon, ich werde die Hochzeit meiner Schwester abwarten." „Aber Ihre Schwester ist krank, die Hochzeit kann sich ver- zögern." „Ich glaube es nicht." � „Und Sie haben den Bris Faurets gelesen; er will Sie hören, ehe er seine Gastspieltournöe begint, um Sie einstweilen einem Meister zu vorbereitenden Studien zu übergeben. Sie sehen, alles drängt—" „Nicht so ser, Fauret wird erst in sechs Wochen verreisen, und bis dahin werde ich Zeit haben, mir die Sache zu überlegen." Ihr Ton war scharf und abweisend. Stumm gingen sie eine Weile nebeneinander her, dem Aus- gange zicschreitend. Dort, ehe sie schieden, versuchte Eugen mit allen Schmeichelkünsten eine Versönung herbeizusiiren, und es gelang ihm. Er schien überglücklich; nachdem sie ihn aber verlassen und er jezt allein in seine Villa zurückkehrte, änderte sich rasch der Ausdruck seines Gesichts. Falten des Verdrustes zeigten sich auf seiner Stirne, und die Lippen preßten sich in, Unmut fest zu- sammen. Er hielt den Skrauß, den Elvira nicht mitzunemen gewagt, in der Hand, und er schlug in nervöser Gereiztheit damit gegen die Büsche, daß die ftischen Blüten unbarmherzig zerfezt nach allen Seiten flogen. Sie büßten für seine getäuschten Er- Wartungen.--— An diesem Nachmittage hatte sich's Elvira in dem tiefen, weichgepolsterten Sessel der Tante, den sic�so nahe wie möglich an das Fenster gerückt, bequem gemacht. Sie war allein, aber sie erwartete die Tante, die ihr hatte sagen lassen, sie werde sie zu einem kleinen Spazirgang abholen. Luise war in den lezten Tagen schon wiederholt in ihre Wonung gekommen, um nach Elvira zu sehen und ihr Gesellschaft zu leisten. Marie war zu aller Freude wieder vollständig hergestellt; die Zeit der Kontumaz war vorüber und Elvira sollte morgen schon zu ihrer Mutter zurückkehren. Es war ein schwüler Sommernachmittag, und gähnend legte sich das junge Mädchen in den Lehnsessel zurück. Sie war müde, schläfrig, war sie doch so früh am Morgen aufgestanden, und jezt war es so heiß. Die warme Luft wehte durch das weit- geöffnete Fenster, strich liebkosend über ihr Angesicht und spielte mit dem leichten Gekräusel an ihrer Stirne. Die schwere Masse des zusammengedrehten Hares hatte sich etwas gelöst und schmiegte sich an das gerötete Or und den schlanken Hals. Es betäubte sie durch seine zarte Berürung, die das Atemholen zu einer vibrirenden machte, und durch jenen feinen, undefinirbaren Duft, der diesem üppigen Geflecht entströmte. Sie schloß die Augen, und alsbald kam ein süßes, traumhaftes Gefül über sich— ein allmäliches Verdämmern der Außenwelt. Die Geräusche, die von der Straße hereindrangen, wurden immer unbestimter, immer leiser, wie aus weiter, weiter Ferne klangen sie zu ihr herüber, und jede Warnemung war endlich versiegt; die Eindrücke von außen kamen ihr nicht mer zum Bewußtsein: sie war entschlum- inert. Und sogleich ging in ihr jene, uns noch unbekante Ver- änderung vor sich, die den Traum bewirkt._ Die anschauende Tätigkeit des Gehirns, die im wachen Zustande'von außen erregt wird, ging nun vom Innern des Organismus aus; aber so fest schlief sie doch nicht, als daß nicht die Empfindung der Sinnes- nerven noch durch äußere Einflüsse hätte affizirt werden können. Wie machtlos sind wir unfern Träumen gegenüber, wir können uns nicht den Gegenstand auswälen, von dem wir träumen wollen, und so überkomt uns denn ein Traum als etwas Fremdes das sich one unser Zutun uns aufdrängt, ja selbst gegen unfern Willen. Was Elvira im wachen Zustande von sich bannen konte und was sie selbst ihrer Phantasie nicht gestatten wollte, im Traum erschien es ihr ungerufen und in all' der Lebendigkeit, die niemals untre Phantasie, die nur die Wirklichkeit besizt. O, es gibt nichts Heimtückischeres, als einen solchen Traum! Sie wußte sich im Lehnsessel ausgestreckt; sie fülte, wie die Lider sich geschlossen hatten, im Traume hatte sie die Empfin- dung, daß sie träume; aber sie sah alles um sich herum, sie sah mit geschlossenen Augen. Und jezt stand Plözlich die hohe Gestalt eines Jünglings vor ihr, und seine braunen, ausdrucksvollen Augen blickten so zärtlich auf sie nieder, wie sie es noch nie vor- her getan. O, wie sie das beftiedigte! Sic hielt sich ganz ruhig, sie atmete kaum, um ihn nicht zu verscheuchen. Ich schlafe, sagte sie sich, er weiß es nicht, daß ich ihn sehe,— und da offenbart sich's denn: ich bin ihm nicht ganz gleichgiltig. Und jezt— er beugt sich über sie— sie fült seinen Atem ihre Wangen streifen, einen heißen, würzigen Atem, wie damals im Ballsal,— und jezt fült sie, wie er leicht die Locken von ihrer Stirne streicht, und nun— seine Lippen brennen auf den ihrigen.— Sie erbebt unter diesem Küsse, dem ersten und einzigen, den sie gegeben und empfangen und der ihr ganzes Sein mit einer noch nicht gekauten Seligkeit durchströmt. Sie fült ihr tiefes Erröten, die heiße Glut, die in ihr aussteigt,— da tönt ein dumpfes Dröhnen in ihr Or, ein Klopfen ist's,— es erweckt sie, sie färt in die Höhe. Da klopft es wieder. Sie greift sich an die Stirn, sie kann sich noch nicht fassen, noch zittert die Wonne dieses Traumes in ihrem Herzen nach, die Wirklichkeit vermengt sich mit demselben, und sie siet sich um, wo Friz geblieben ist. Da öffnet sich die Tür— er stet vor ihr. Nur mühsam unterdrückt sie einen Schrei. Friz verweilt unentschlossen einen Augenblick an der Tür, dann get er auf sie zu. Er sagt ihr einige Worte der Entschuldigung für sein plözliches Eindringen, sie antwortet ihm nicht. Unbeweglich bleibt sie vor ihm, mit klopfendem Herzen, die Augen gesenkt, die Lippen fest geschlossen. Friz stet erstaunt über diese sonderbare Art des Empfanges, aber er bemerkt jezt die wechselnde Farbe ihrer Wangen und er empfindet, 307 daß dies nicht Ablehnung bedeutet, daß es Penvirrung ist, und dies verwirrt ihn selbst. Aber es macht ihn auch ungeduldig, und um rasch über dies auffteigende Unbehagen hinwegzukommen, färt er in seinem jugendlichen Ungestüm gradheraus: „Mein Fräulein, ich bin gekommen, weil ich mit Ihnen zu reden habe." Sie schlug die Auge zu ihm auf. Friz gestand es sich in diesem Augenblicke zu, dap ein eigentümlicher Zauber in ihnen lag; o gewiß, sie hatte wunderbare Augen. Sie sagte etwas, er konte es nicht verstehen. Sie tat hierauf einige ungewisse Schritte an ihm vorüber, aber jezt hatte sie das Sopha, das in der tiefen Ecke stand, erreicht, und sie deutete, indem sie sich darauf nieder- ließ, auf einen nahen Sessel. „Nemeil Sie Plaz," sagte sie. Es klang so konventionell, als möglich. Er sezte sich. Und wieder trat eine Pause ein. Der junge Mann faltete die dichten Brauen: „Fräulein, Sie erschweren mir die Ausfürung meines Vor- Habens durch dies geringe Entgegenkommen; warlich, ich weiß nicht, ist es die Ueberraschung, daß ich es gewagt habe, hier ein- zudringen, die Sie so stumm macht, oder"— er sah sie scharf an—„wissen Sie bereits, weshalb ich komme?" „Aciu," flüsterte sie,„aber ich will es hören. Sei es, was es sei, Sie sollen es mir sagen." „Das will ich auch," bemerkte er kurz. Dann sah er doch wieder nach ihr hinüber und seine Augen und seine Stimme gewannen plözlich einen weicheren, innigeren Ausdruck:„Es ist mir so vorgekommen und ich habe immer gedacht, daß ich etivas über Sie vermöchte, daß— daß ich einigen Einfluß auf Sie haben müßte,— ich möchte ihn heute geltend machen, Elvira—" Er brach ab, als er die dunklen Flammen bemerkte, die bei dieser vertraulichen Benennung über des Mädchens Wangen jagten. „Verzeihen Sie," begann er dann etwas zurückhaltender und doch kaum minder herzlich,„ich will mir keine Vertraulichkeiten an maßen, aber der Grund meines Hierseins ist so eigentümlich,— und nur ein Freund, ein Bruder darf es wagen, so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es tun will." Sie preßte die Hand aufs Herz, als könne sie sein Schlagen dadurch zurückdrängen, ihre Lippen öffneten sich ein wenig, fragend sah sie ihn an: „Sie haben mir also eine ernste Mitteilung zu machen, und sie betrifft—?" „Sie allein, mein Fräulein." „Ach!" rief sie überrascht, in jähem Selbstvergessen.„Mich allein?" wiederholte sie, indes eine Flut von Gedanken auf sie einstürmte, Gedanken der verschiedensten Art, freudig, ängstlich, unausdenkbar. „Mit einem Wort," sagte er rasch und kräftig,„ich sehe Sie in Gcfar und ich bin gekommen, um Sie zu warnen." Sie heftete ihre großen Augen auf ihn.„Ich verstehe Sie nicht." Er rückte seinen Sessel etivas zurück und dann wieder vor, sodaß er ihr noch näher gekommen>var, dann tat er mit der Hand einen kräftigen Griff in sein Har, dnrchwülte es und Ivarf es mit einem kurzen Aufseufzen, das einige Desperation aus- drückte, zurück. „Die Sache ist schwerer, als ich gedacht, meiner Treu, und unangenemer,— Sie sind ein so junges Mädchen und— wie soll ich es Ihnen sagen?" Er fing wieder zu rücken an, aber nach einem kurzen Besinnen begann er mit einem Anstrich von Laune in einem erzälciiden Ton:„Denken Sie einmal, ein Vogel- stcller, ein listiger, verschlagener Bursche, der seit Jarcn dieses Gewerbe mit Glück betreibt, sei hierhergekommen, und zufällig hätte ich seine Absicht erfaren, einen kleinen, lustigen Vogel, dessen Schönheit ihn bezaubert hat, dessen Gesang ihn lockt, einzusaugen. Er stellt seine glizerndcn Acze auf und der junge, unerfarene Sänger hält sie für Wasser und flattert näher und näher, um seinen Durst zu stillen. Ich sehe das; ich kenne die Gcfar; wer- den Sie es nicht natürlich finden, wenn ich den Vogel verscheu- chen, wenn ich ihn der Nachstellung entziehen will? Elvira"— sein Ton wurde lebhafter und wärmer—„werden Sie es mir verdenken, wenn ich Sie retten will aus den Händen eines Man- nes, der nichts weniger achtet als die Unschuld und der Ihre Unbesonnenheit und Unerfarenheit misbrauchcn wird, um seine niedere Genußsucht zu befriedigen." Sie hatte ihn angehört; Scham und ein Gefül der Freude brausten gleichzeitig in ihrem Herzen auf. Seine Einmischung behagte ihr nicht, aber hatte er ihr nicht dadurch seine Teilname verraten? waren sie sich dadurch nicht näher gekommen? Sie war ihm nicht wer gleichgiltig, er wollte sie ja retten; aber er übertrieb die Gefar, und tief unterschäzte er ihre eigene Kraft; das sollte er nicht, sie empfand das lebhafteste Bedürfnis, sich ihm gegenüber zu rechtfertigen.„So ist es nicht," rief sie,„und Sie sind schlecht berichtet." „Und wenn ich es mit eignen Augen gesehen hätte? Seit jenem Ballabend und seit Baron Hcllenbach so gar fleißig unsere Chorübungen besuchen kam, ahnte ich, daß er mit Ihnen Be- Ziehungen angeknüpft, heute ist es mir zur Gewißheit geworden. Ich sah Sie gegen fünf Uhr morgens in seinen Park treten—" „Sic passen mir auf, Sie folgen mir nach?" „Nein, der Zufall war es, der mich dies entdecken ließ. Ich habe als Anstreicher Arbeit gesucht und gefunden. Mein Arbeit- geber hatte nun gestern den Auftrag erhalten, das Stacket, das von der Waldseite diesen Park umgibt, frisch anzustreichen; ich hatte diese Arbeit zu verrichten. Ich mußte hingehen, aber ich wollte es vermeiden, dabei von den: Baron gesehen zu werden; nicht als ob ich mich der Arbeit schämte, aber mir wären seine Fragen zuwider gewesen, und noch mer seine Teilname; er hätte mir vielleicht in irgend einer Weise eine Untcrstüzung angeboten, aber ich will keine Woltaten von diesem Manne. Zch beschloß daher, die Arbeit in so früher Morgenstunde zu verrichten, Wärend alles noch im Hause schläft, ich hatte keine Ahnung, daß ich Ihnen dort begegnen könte, daß ich dadurch zum Mitwisser Ihrer ge- Heimen Zusammenkünfte würde." „Sie waren der Arbeiter, den ich gesehen?" „Ich war es; ich konte erst nicht begreifen, das heißt, ich Ivollte es nicht glauben, daß Sie allein und in der bestimten Absicht, den Baron zu treffen, hierher gekommen seien, aber da eilte er Ihnen schon entgegen, er hatte Sic erwartet, und wie im Triumphe fürte er Sie in seine Behausung. Elvira, als ich Sie da eintreten sah, sorglos lächelnd, in heiterem Geplauder, und als ich nun bedachte, daß Sie mit diesem Manne allein sind— da—" er hielt inne. „Da?" fragte sie in atemloser Spannung, von einer wilden Freude durchzittert, die ihre ängstlichen Zweifel schon wieder zurückzudrängen suchte. „Da entbrante in mir der Zorn über den elenden Verfürer und das Mitleid mit dem armen Kinde, das sich mit so heite- rem Vertrauen ihm anHeim gibt." Aus Elvira's tiefen Augen schlug eine Flamme der Empörung. „Mitleid?!" rief sie. „Das Wort verlczt Sie, und Sie haben recht» es ist nicht passend; noch ist das Vöglein nicht zur Beute geworden, wenn es auch» schon in dem Nezc flattert. Einen Augenblick dachte ich daran, Ihnen nachzugehen, ungeladen in das Haus zu treten, aber ich besann mich; nichts hätte mir ein Recht darauf gegeben, aber ich blieb unter dem Fenster stehen, es war geöffnet, ich hörte fast jedes Ihrer Worte; ich hörte Sie singen, Sie lachen, ich be- ruhigte mich. Und als Sie fortgegangen waren, da erkante ich an seinen Mienen, daß er sich nicht befriedigt sült, daß er nicht glücklich ist. Noch ist sie zu retten, dachte ich, und ich will Sie retten. Ich konte es kaum envarteu, von der Arbeit loszukommen, der Tag erschien mir endlos; aber nun bin ich hier, und ich sage Ihnen: Sie dürfen nicht mer nach jener Villa kommen, und Sie müssen jede Verbindung mit diesem Manne abbrechen, denn er ist ein Wüstling. Mag er sich Ihnen gegenüber noch so ehrlich geben, mag er noch so heilige Versprechungen leisten, er denkt nicht daran, sie zu halten, und er wird Sie vergessen haben, sobald Sie sein Werben erhört. Ich kenne seine Grund- säze, er selbst hat seine Gesinnungen mir gegenüber ausgesprochen; oberflächlich in allem, ist er es auch in seinen Neigungen, ein legitimes Weib ist ihm eine Lächerlichkeit und die Ehe unter allen Verhältnissen eine Kalamität, und so wird er Sic zu gewinnen suchen mit allen Mitteln und allen Künsten der Verfürung, aber er wird nicht daran denken, Sie zu heiraten." Elvira sprang in die Höhe. Ihre Wangen glüten in über- großer Erregung. All das neue, sie verwirrende Glück, das sein Kommen und seine Teilname ihr gebracht, es war dahin. Krampf- hast, wie im Schmerz, zog sich ihr das Herz zusammen. Warum konte auch er, gerade er sie nicht verstehen. Nie», and, so schien es ihr, hatte ihr noch so unverdientes Weh bereitet, niemand hatte sie noch in dieser Weise verlezt. Ihr ganzer Stolz empörte sich gegen seine Voraussezungen, sie mußte ihnen entgegentreten, und in diesem Widerstande fand sie ihre Würde wieder und sich selbst. Als müsse sie seinen Worten Einhalt gebieten, streckte sie ihre Hände ihm entgegen. „Sie sind im Irrtum und Sie beleidigen mich. Glauben Sie, ich dächte an eine Heirat, und ich unterhielte ein Verhältnis mit Baron Hellenbach, um zu diesem Ziele zu gelangen?" „Mögen Ihre Zwecke undZiele welche immer sein, Sie sezen Sich in diesen heim- lichen Zusam- menkünften einer Gefar aus." „Gefar. Gefar! Wo gibt es keine für ein junges Mädchen; ich sehe mich von Gefaren um- ringt,— von größeren und drohenderen, als diese hier. Ich will in die Welt hinaus, ich will ins Leben, ich will mir eine Exi- stenz erkämp- fen;— meinen Sie, es sei dies ein gcfarloses Unternemen? Seit meinen Kinderjaren habe ich gehört, welchen Gesa- ren, welchen drohenden, un- ausweichlichen Konflikten ein Mädchen ent- gegenget, die das Wagnis unternimt, aus der engen Sphäre, die das Herkom- men und alte Vorurteile uns gesteckt, heraus- zutreten. Sie haben mich nicht erschreckt, sie haben mein Vorhaben nicht erschüttern kön- neu. Aber von frühaus habe ich mich mit deni Gedanken des Kampfes vertraut ge- macht und bin daran erstarkt. Mein Mut und meine Kraft sind mit den höheren Zielen, die ich ins Auge faßte, gewachsen. Und nun war die Zeit ge- kommen, wo es galt, den ersten Schritt diesem Ziele entgegen zu tun, aber da sah ich mich allein, verlassen von allen. Ich habe keinen Vater, keinen Freund, keinen Bruder, der mir ratend, helfend zur Seite stünde, und meine Mutter selbst erklärt sich gegen mich, und dennoch, dennoch war ich entschlossen. Ter Gedanke, der mich allein erschreckte und mich noch zaudern ließ, war der, daß ich den Kampf vielleicht für nichts beginne, daß mein Talent unzureichend sei, daß ineine Stimme nicht allen Anforderungen Sin Blick in unUrfttifdjt Gärten.(Seite 316.) entsprechen könne, und diese Zweifel an mir selbst, sie waren, was mich am meisten äng- stigte; da lernte ich diesenMann kennen, der selbst ein Mu- siker von Bil- düng, ein Kenner ist; er in- teressirt sich für mein Talent, das er als ein bedeutendes be- zeichnet, er weiß mein Selbst- bewußtsein zu erwecken, und er erlöst mich dadurch von allen Sorgen. Ich bin bereit, ins Leben zu treten; da weist auch er aus die Gefaren hin, die meiner war- ten, die durch die schuzlose gesellschaftliche Stellung der Frau bedingt sind und die zu besiegen eine Unmöglichkeit; aber er lehrt mich, wie ich an seiner Hand sie umgehen kann,— und ich sollte diese Hand, die sich mir helfend, ret- tend, fördernd entgegenstreckt, zurückweisen? Ich werde sie annemen, und selbst wenn da- rin eine Gefar läge, so ist es nicht die grö- ßere." „Die nähere gewiß, mein Fräulein. Wol, dieser Mann er- kent ihr Talent, er würdigt und bewundert es; er wird Sie auch dem Er- ..... folg entgegen« Türen, ich zweifle nicht daran, aber er wird dafür nicht mer und nicht weniger verlangen, als Sie selbst." „Und wenn ich nun jene Hülfe nur unter der Bedingung avneme, daß ich frei und unabhängig bleibe? Und wenn er selbst versichert, daß er sie im Interesse der Kunst gewäre, der er eine neue, würdige Jüngerin zufüren will?" „Und Sic glauben dies?" „'Ich glaube es. ja!" Stolz und zürnend, in noch heftiger, erregter Leidenschaftlichkeit, stand sie ihm gegenüber.„Ich füle mich als Künstlerin, ich füle, daß das. was in mir liegt, ctivas so hohes, dem Menschen- Freude bringendes ist, daß es wol allein und unabhängig von allem andern der Förderung, der Unter- stüzung wert ist; und ich füle auch, daß ich als Künstlerin nicht so ängstlich einem unnatürlichen Zwange mich zu fügen brauche; wir können unsre eigenen Wege gehen, denn wir haben noch etivas anderes zu waren, als unsere Mädchenhaftigkeit— die Kunst!" „Ich höre Ihren Lehrmeister in jedem Wort. Diese Teoricn mögen>var sein, in seinem Munde sind sie unehrlich und ge- färlich. Er will Sie einer Katastrophe entgegentreiben. Lassen Sie Sich nicht betören, Elvira! Wie, er sähe in Ihnen nur die Künstlerin? Die Künstlerin allein ist es, die er bewundert? Meinen Sie?— Aber diese Künstlerin ist ein schönes, junges Mädchen, und der liebeserfarne, gewante Mann, der anbetend zu ihren Füßen liegt, der diese Künstlerin mit allem umgeben wird, was sein Reichtum bietet, was seine üppigen Sinne aus- geheckt,— er sollte nicht endlich trinniphiren?" „Er wird es nicht, ich bin keine Puppe, ich bin kein schwaches, verächtliches Geschöpf!" „Das sind Sie nicht, aber Sie werden diesen Mann lieben." „Niemals, niemals!" Sic war außer sich, ihr Körper zitterte, in empörten Wogen schoß ihr das Blut gegen Kopf und Herz, es verdunkelte ihre Augen, es raubte ihr die Besinnung und jede Gewalt über sich selbst.„Ich liebe ihn nicht, ich kann und werde ihn nicht lieben, denn ich liebe einen andern!" Wie ein Pfeil von dem Bogen schnürt, so war dies rasche Wort gefallen; als sie es hörte, erfaßte sie, erschreckt, seine Bedeutung, aber es war nicht mer zurückzuhalten. Ihr war, als borten sich glühende Nadeln in ihr Gehirn, und als müsse sie umsinken und sterben, aber die Scham, die Verzweiflung gaben ihr die Kraft, ihrer eignen Schwäche die Spize zu bieten. Dies alles vollzog sich blizartig, und das folgende Wort war von dem vorhergehenden kaum durch Sekunden getrent:„Aber ich werde auch diesem nicht angehören, ich will keinem angehören, keinem, als mir selbst und meiner Kunst,— und nun gehen Sic, Herr Berger, verlassen Sie mich, ich will allein sein!" Sie wendete sich von ihm ab, sie schritt dem Fenster zu, sie bemerkte nicht seine plözliche Blässe, sie be merkte nicht, daß auch seine Pulse jagten. Er stand einen Augenblick fassungslos, dann sprach er in einem ernsten und ruhigeren Ton, als man hätte erwarten sollen, ihren Namen aus. Sie schüttelte ungeduldig den Kopf, one sonst eine Bewegung zu machen:„Ich will allein sein,»vir haben uns nichts mer zu sagen." Er nam seinen Hut.„Leben Sie wol." Bei der Tür drehte er sich noch einmal nm. Sie stand noch immer abgewendet, er konte ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre Haltung verriet keine Schwäche. Er ging.--- An demselben Nachmittag noch suchte Friz, mit mer Bcharr- lichkeit als sonst, eine Gelegenheit, um init Minna zusammenzu- kommen. Es wurde ihm das nicht mer so leicht wie ehedem. Die jüngere Schwester war der stets wachsame Aufpasser der älteren geworden. Ihre Antipatie gegen Friz trat immer offener hervor, und sie gönte ihm Minna auch keinen Augenblick. Bei Tage war sie unaufhörlich hinter ihr her und abends schlief sie nicht eher ein, bis nicht die Tür fest verschlossen und Minna entkleidet an ihrer Seite lag. Seit zwei Stunden war nun Friz an der Tür seines Zimmers aus der Lauer. Minna kam zum öfteren heraus, aber immer von Malchen eskortirt. Es war dunkel geworden; er sah ein, daß er nun wol darauf verzichten müsse, sie heute noch zu sprechen, und doch schien es ihm, als könne er nicht zur Ruhe kommen, ehe er nicht seiner Minna den Plan mitgeteilt, den er im Fluge gefaßt und dessen Erfüllung ihm nun schon als eine Bedingung seines Glückes erschien. Seufzend entfernte er sich jezt von seinem Posten. Aber, ivar es eine Täuschung? Im nächsten Augenblick schien es ihm, als ob die Küchentüre geöffnet worden wäre; sollte Minna noch ein- mal herausgekommen sein? Er bedachte sich nicht lange, er öffnete leise die Tür seines Zimmers und trat in die Küche. In dem schwachen Lichte, das noch durch das Fenster hereinsiel, er- kante er eine Frauensilhouette. War es nicht vielleicht Malchen? Da wäre er schön angekommen. Alsbald hatte er sich überzeugt, daß es die Rechte war, und er hielt sie an der Hand fest. „Minna, ich habe dir ctivas unendlich wichtiges mitzuteilen, etwas, das über unsere ganze Zukunft entscheidet." Minna sagte ihm, daß Malchen schon zu Bett gegangen, aber noch nicht schlafe, und daß sie herübergekommen sei, um frisches Wasser fi» sie zu holen, da sie sehr durstig sei. „Laß sie noch ein Weilchen dürsten und hör' auf mich." Er bat so dringend; sie sezten sich beide aufs Fensterbrett.„Sieh, Minna," sagte er mit all' der Wärme seines jungen Herzens, „ich Hab' mir's überlegt, warum sollen wir denn unser Glück solange hinausschieben? Warum soll ich denn erst zum Teater gehen, einer Ungewissen Eristenz entgegen, welche uns erst nach Jaren die Möglichkeit geben wird, uns zu heiraten? Heiraten wir doch lieber gleich, es wäre das Gescheiteste." Minna geriet auf dem schmalen Fensterbrett etwas ins Schwanken, sodaß Friz rasch den Ärm um ihre Taille legte, als gälte es, sie vor dcni Herabfallen zu bewaren. „Gleich heiraten!" rief sie mit einer ebenso ungewissen Stimme als Haltung.„Ja, wie denn? Wie könten wir denn das? Wir find ja eins so arm als das andre." „Das ist leider war, aber— „Und wenn du jezt in die Welt gehst, nm dich zu bilden, um deine Talente zu verwerten, da müßte dir eine Frau doch recht hinderlich sein." „Das glaube ich selbst; aber ich will auch nicht fort, ich will hier bleiben, ich will Meister werden, und du ivirst dann gleich meine Frau Meisterin,— ist dir das recht?" Er nam sie bei der Hand, und seine lachenden Augen sahen in herzlicher, sorg- loser Freude in die ihrigen. Sie gab ihm den Druck der Hand zurück und auch ihr Blick blieb ihm nichts an Zärtlichkeit schuldig.„O, wie ser recht; aber ich verstehe noch nicht, wie denkst du dir das?" „Ich kann dir sagen, Minna, es gct mir recht gut mit der Anstreicherci,— und wenn man's einmal soweit gebracht, daß man für sich selbst arbeiten könte, so wäre das ein ganz einträg- liches Metier,— und wenn ich erst für dich arbeiten dürfte, wäre es das allerschönste,— nun, die Möglichkeit wäre da,— gestern war's, da sagte mir der Meister, daß er daran denke, sich zur Ruhe zu sezen und zu seiner Tochter zu ziehen, und er möchte, wenn er einen Käufer hätte, das Geschäft und auch das Häuschen verkaufen,— billig, sagt er,— und da fällt mir's gleich ein, ich könte sein Nachfolger sein.— Wenn ich den Künstler an de» Nagel hänge und ein ehrsamer Bürgersmann werde, da müßte doch mein Onkel Dechant Ja und Amen sagen, und er würde mir dann wol gerne die par hundert Gulden vorstrecken, die ich brauchen würde, um mich seßhaft zu machen, und da möchte ich mir das Geschäft kaufen und das Häuschen,— und dann möchte ich auch dich dazu haben." Tie folgenden Minuten vergingen den beiden wie in einem Rausch. Minna hatte noch kein Wort gesprochen, aber Friz fülte, wie glücklich sie der Gedanke mache, bald mit ihm vereint zu sein. Da tönte schrill die Glocke aus Malchens Zimmer. Minna für auf und sprang von dem Fensterbrett herunter. Er ließ sie nicht fort.„Du mußt noch bleiben, ich habe dir noch soviel zu sagen, ich will, daß sich alle» heute noch entscheide, ich schreibe dann gleich—" Da faßte Minna mit festem Druck seine Hand.„Nein, Friz, sei nicht allzurasch, laß uns doch überlegen, alles mit Besonnen- heit erwägen,— Friz, es handelt sich ja um deinen Mannes- beruf, dem du plözlich eine ganz neue Richtung geben willst,— und wenn dies nun nicht zu deinem Glücke wäre?" ..Wenn ich dir aber sage, es ist zu meinem Glücke!" „Ich glaube es,— auch mir scheint es so. und doch— Friz. um deinetwillen habe ich Bedenken. Tu bist so jung noch, voll Leben, voll Einbildungskraft, voll Talent: es ist mir oft, als hättest du zu dem, was du einst leisten köntcst, den Anfang erst gemacht, als seiest du dir selbst noch unklar über all' die Kräfte, die in dir liegen und sich zu äußern streben, und nun willst du in unbesonnener Eile� einen Stand ergreifen, der in seinem mühe- vollen Einerlei den schöpferischen Trieb in dir ersticken wird und jedes Talent in dir verkümmert!? Es kann dich nicht befriedigen für die Dauer, und du wirst doch darin verweilen müssen, sobald du einmal Weib und Kind hast, die du ernären mußt, und du wirst dann unglücklich sein um meinetwillen." „Nein, Minna, glaube nicht—" »Ich weiß, du würdest es inir nicht vorwerfen, du würdest es mir vielleicht verbergen wollen, aber ich würde doch bald merken, wie es um dich stet, und ich würde dann mit dir leiden. O, jezt seh ich? klar, Friz, es darf nicht sein, und nimmer sollst du dem entsagen, was in dir liegt, dn bist ja doch ein Künstler!" „Ich bin es nicht!" Er riefs wie in unmutigem Troz, indes sein rechter Fuß den Boden stieß. Es ist dein gutes Herz und deine Eitelkeit, die mir Talente andichten, die garnicht existiren." „Lern' dich besser kennen. Bist du nicht Bigler, Musiker, Chemiker sogar? Du komponirst und schaffst selbständig in allen diesen Fächern." „Ja, aber ich und du wir würden bei all' diesen Kompost- tionen verhungern können." „Und deine schöne Stimme?" „Aha! Na, ich sehe schon, du willst durchaus einen Tenoristen zum Manne haben, einen Teatcrhelden. Da bleibt mir freilich nichts andres übrig, als zum Tcater zu gehen, aber du wirst dann schön lange warten müssen, bis ich's dort soweit gebracht habe, um heiraten zu können. Und", fügte er hinzu,„wenn ich mich nun inzwischen in eine andre, in eine Tcaterprinzessin zum Beispiel, verliebte?" „Geh nur, du komst mir doch wieder: ich Hab' nun einmal die fröliche Gewißheit, daß wir so ganz zusammen passen, und daß dich doch gar keine so lieb haben könne, wie ich dich habe. Drum sag' ich, gedulden wir uns noch, bis du den Berns gefunden hast, der dich befriedigen wird; versuch' dein Glück: ich bleib' dir sicher, mag kommen, was da will!" Er drückte sie in aufstürmendem Entzücken an die Brust. Sie riß sich los und war im nächsten Augenblick in der Tür ihres Zimmers verschwunden.--— Am nächsten Tage hatte Luise ihre Stube wieder bezogen und ihre Lektionen, die sie vier Wochen hindurch sistirt hatte, wieder ausgenommen. Das Wiedersehen der Schwestern war ein zärtliches gewesen. Elvira war einen Augenblick betroffen über die Veränderung, welche die Krankheit bei Marie hervorgebracht. Sie fand sie blaß und abgemagert, die dunklen Augen erschienen so groß in dem schmalen, zarten Gesichtchen. Bielleicht war sie noch schöner, als ehedem, aber die Frische, die Blüte der Gesnnd- heit, die vor einigen Wochen noch sie so heiter kleidete, war ab- gestreift. Aber Marie war gesnnd, der Arzt versicherte es, und wenn er auch durch die Untersuchung einen kleinen Klappenfeler an ihrem Herzen entdeckt, so war das ein so häufiges Vorkomnis und, wie er meinte, nicht von Belang. Sie solle sich nur schonen, und das gute Aussehen werde bald wiederkehren. Alle' hofften es, vor allem Marie selbst.— Als Elvira ihre Schwester bc- fragte, wie ihr Bräuttgani die Nachricht von ihrer Erkrankung aufgenommen, gestand sie ihr mit einem glücklichen Lächeln, daß er davon noch garnichts wisse. „Wieviel Sorge und Kummer habe ich ihm dadurch erspart," sagte sie und die innigste Freude leuchtete aus ihren Augen;„wenn er gewußt hätte, daß ich gefärlich erkrankt sei, und wenn er nun trozdem nicht hätte zu mir eilen können,— ich weiß, was er gelitten hätte!" Elvira sah sie nachdenklich eine Weile an, dann küßte sie sie aus die Stirn.„Du bist von Herzen gut, Marie, zu gut viel- leicht, du denkst immer nur an andre, nie an dich selbst. Wie glücklich wirst du deinen Gatten machen, wie wird er dich lieben!" Alfred schrieb regelmäßig jeden zweiten Tag an seine Braut; der Bris, den sie an diesem Nachmittag von ihm erhielt, brachte bei allen Gliedern der Familie Weiß eine gewisse Auftegung hervor. Er schrieb ihr, daß er abermals in seiner Hoffnung, auf einige Tage loszukommen, sich getäuscht sehe. Mit den Modellen gehe die �Arbeit langsam vorwärts, er werde vier Wochen noch wie ein Sklave arbeiten müssen, ehe er einige Tage der Ruhe und Erholung sich werde vergönnen dürfen. Und dann solle er sie doch wieder nur auf Stunden sehen und wieder scheiden müffen? Und wieder auf lange Zeit? Es scheine ihm unmöglich!„Aber was zwingt uns denn, unser Glück hinauszuschieben?" so fragte er.„Alles wolerwogen, können wir in vier Wochen Hochzeit machen; ihr willigt ein, nicht war? Du schreibst mir sogleich zurück; ich werde keinen frohen Augenblick haben, che ich nicht die Entscheidung kenne, d. h. eine zusagende. Wir können eine ganz stille Hochzeit haben, durch keinen lästigen Zwang gestört. Nur unter uns, nur im Kreise derjenigen, die wir mit aller Sympatie umfassen und die auch uns zärtlich lieben, one Geräusch, one Pomp wollen wir diesen schönen Tag begehen; ich bitte darum. Ich werde, wenn ich morgens von hier abreise, am Nachmittage bei euch eintreffen, am nächsten Tag ist dann unsrc Trauung und darnach füre ich dich heim, und so werden wir Mann und Frau geworden sein, ehe man sich's versiet, und ab- gereist, ehe die Leute noch recht angefangen haben, von unsrer Hochzeit zu sprechen." Marie las den Bris immer wieder. Sie begriff Alfreds Sehnsucht, sie teilte sie, aber diese rasche Erfüllung erschreckte sie dennoch. Es kam ihr vor, als sei sie noch nicht gehörig vor- bereitet, um alles zu verlassen, was sie bisher geliebt. Mutter und Tante rieten ebenfalls ab. Die leztcre meinte, dieser Alfred solle sich nur gedulden nnd sich beherrschen lernen, das könne ihm garnicht schaden. „Ich«verde ihm schreiben, daß Marie krank geivesen ist," sagte die Mutter. Elvira aber fand, daß dies ein unnötiges Zaudern sei; mit jedem Tage würde sich das Aussehen Märiens bessern und in vier Wochen müsse sie so vollständig sich erholt haben, daß nie- wand auch nur eine Spur dieser Krankheit werde entdecken können. Für Mariens Entsthluß wurde der Gedanke, daß Alfted leide, ausschlaggebend. So schrieb sie ihm denn nach oft wiederholter banger Ueberlegung ihre Einwilligung. Sie hätte es mit ihrem guten, selbstlosen Herzen nicht anders können. Als acht Tage' später Marie und Alfred von der Kanzel her- iiiiter als Brautleute verkündet wurden, erregte dies dao ungeheuerste Aufsehen. Die ganze Stadt nam von diesem Ereignis Notiz, die guten Freunde uiid näheren Bckanten aber gerieten förmlich außer Rand und Band. Ja, wie war denn das nur gekommen, wie war denn das nur möglich gewesen!? Die beiden hatten keine Liebschaft, nicht einmal ein Verhältnis gehabt; so etwas hätte man doch merken müssen, dergleichen bliebe einem doch nicht ganz verborgen; man habe auch garnichts von einer Verlobung gehört, und jezt gleich eine Hochzeit, das sei doch ganz unmöglich, das heiße ja die Welt auf den Kopf stellen! Frau Germanek namentlich nnd auch die Hoftätin waren außer sich über die Falschheit der Familie Weiß. Die Hofrätin ver- sicherte, mit ihrer Freundschaft für diese Unwürdigen sei es nun zu Ende, sie lasse sich nicht düpiren, und es ivürde sie nur freuen, wenn aus der gauzen Sache nichts würde. Trozdem erschien sie schon am nächsten Tage bei diesen Unwürdigen nnd umarmte unter Tränen der Rürnng, wie sie versicherte, die glückliche Mut- ter, die glückliche Braut; dann wollte sie wissen, wie beim das alles gekommen war. Sie hätte gern Stunde und Minute er- faren, wann sie sich verliebt und wann der erste Kuß gewechselt und ob sie dabei glücklich gewesen. Marie senkte die Augen und ergriff den ersten Anlaß, um das Zimmer zu verlassen. Die Mutter aber war ivenigcr zugeknöpft. Sie erzälte, ivas sie selbst über dieses Verhältnis wußte und wie die Hochzeit gefeiert werden solle, und daß es nur eine kleine, ganz stille Hochzeit sein werde. „O, Sic haben recht, ganz recht, meine liebe Freundin, wozu auch diese lärniendeu Festlichkeiten; ich finde es viel hübscher, wenn man sich mit den nächsten Verwanten und Freunden be- gnügt nnd alles übrige nur in die Kirche ladet." „Wir müssen es sehr, sehr einfach machen, mein Schwiegerson wünscht es so," erklärte Frau Weiß, wie um Entschuldigung bittend. „Natürlich, nur die besten Freunde, eine beschränkte Anzal von Wagen und das Diner oder Souper ebenfalls ganz eiufach, obwol eine Hochzeit nichts alltägliches ist; aber Sic dürfen Sich eben nicht in allzu große Unkosten stecken; ich �glaube, Sie kom- inen am besten und billigsten heraus, wenn Sie sie im Hotel ausrichteu. Nur nicht zuhause, liebe Freundin! Da würden Ihnen die Arbeit und die Sorgen' über den Kopf� wachsen; ich muß Ihnen entschieden davon abraten. Aber Sie akkordiren mit dem goldenen Löwen: so nnd soviel per Couvert, und Sie wissen, was Sie kriegen und was Sie dafür zu zalen haben, das ist das einfachste." � �, „Ich>veiß nur nicht, ob das melnem schwiegerson recht wäre." �Wie denn nicht, die Hochzeit haben Sie auszurichten, nicht er, das get ihn also nichts au, und er wird natürlich, schon aus Bescheidenheit, mit allem znfrieden sein, aber das können Sie Ihrer Tochter nicht antun; mein Gott, man heiratet doch nur einmal in seinem Leben, und die ärmsten Leute selbst—" Frau Weiß richtete sich mit beleidigter Würde in die Höhe. „Zu denen zälen wir noch nicht, Gott sei Dank, und was sich gehört, das iverden auch wir nicht außer acht lassen." Die Hoftätin versicherte mit ihrem unangenemsten Lächeln, daß sie dies vorher gewußt und daß dies bei einer guten Familie anders ganz unmöglich sei. Nachdem sie dann auch noch die Ausstattung besehen und im stillen bekrittelt hatte, entfernte sie sich, mit dem Ergebnis ihres Besuches ziemlich zufrieden. Sie stattete an diesem Nachmittag noch merere Besuche ab; konte sie doch die Neugierde dieser Damen zuerst befriedigen und berichten, daß sie bereits zur Trauung und zum Diner, das im goldenen Löwen ausgerichtet werde, geladen sei. Frau Germanek erschien es hierauf als eine ausgemachte Sache, daß auch sie und ihre ganze Familie dabei nicht felcn dürften, und sie sprach diese Ansicht so entschieden aus, daß auch Frau Weiß nicht länger daran zu zweifeln wagte..... Am nächsten Sontag war die Hochzeit bereits zu einer Gemeinde- angelegenheit geworden, sie war eine öffentliche Tatsache, um die sich alles bekümmerte und damit dem jungen Pare noch eine be- sondere Ehre zu erweisen vermeinte. Natürlich war man gehal- ten, die Teilname auch in sichtbarer Form zu manifestiren. Den meisten erschien dies zwar als ein lästiger Brauch, aber unum- gäuglich; und dann, mau hat doch ein Herz, und die gute, sanfte Marie verdiente es warlich, daß man ihr zu ihrer Hochzeit etwas schenkte, überhaupt dem jungen Pare seinen Haushalt mit begrün- den half. Natürlich rechnete man auf dessen dankbarste Auer- kennung für all die erwiesenen Guttaten.--— Es war am frühen Morgen: der Tag vor der Hochzeit. Alfred wurde am Nachmittag erwartet. Marie, die schon seit einer Woche in großer Unruhe und Aufregung war, hatte in dieser Nacht kein Auge geschlossen. Als Elvira nun, ebenfalls etwas erregt, früher als gewönlich erwachte, erblickte sie die Schwester vor dem Spiegel, beschäftigt, ihr langes, reiches Har zu kämmen und zu flechten. Elvira gähnte, und da es ihr zum aufstehen doch allzu früh er- schien, wollte sie sich eben auf die andere Seite legen, als sie ein leises, unterdrücktes Schluchzen zu verneinen glaubte. Sie rich- tete sich ein wenig in die Höhe, und sich auf ihren Ellenbogen stüzend, sah sie aufmerksam nach dem Spiegel hinüber. Die Hände flochten emsig, aber von Zeit zu Zeit ließ die eine Hand die Flechten los und für rasch über die Augen. Elvira warf im Nu das leichte Morgenkleid über, und war im nächsten Augenblick an der Seite ihrer Schwester. „Du weinst, Marie, was ist geschehen? sag' mir's." Marie schüttelte den Kopf, sodaß das Har tiefer über ihr Antliz fiel; Elvira legte ihren Arm um den Leib der Schwester:„Du sollst mir's sagen, Marie." Da fiel ihr diese um den Hals, und in ein lautes, heftiges Schluchzen ausbrechend, rief sie:„Ich kann nicht heiraten!" „Aber weshalb denn, ist etwas vorgefallen?" Marie lächelte unter Tränen, halb wemütig, halb verschämt: „Ach nein,— er komt heute— aber ich bin so häßlich!" Elvira brach in ein lautes, fröliches Lachen aus.„Ach, du törichtes, eitles Kind, wie kanst du nur so etwas sagen; du bist schöner als wir alle." Marie schüttelte den Kopf.„Spotte nicht, Elvira, ich bitte dich; ach, mir ist so bang, so entsezlich bang; und wenn er nun heute wirklich komt— ich meine, mir müßten die Sinne schwin- den in Bangen und Seligkeit; aber wenn er mich dann ansiet und ich— ach—!" Sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht. Elvira sprach ihr zärtlich zu und suchte sie über ihre Einbildungen zu beruhigen und ihre Hände von den Augen zu ziehen. „Es sind keine Einbildungen," versicherte Marie; sie warf einen raschen Blick in den Spiegel, und die Röte schamhafter Verwirrung trat auf ihre Wangen.„Ich hatte immer gehofft, daß er mich so wiederfinden würde, wie er mich verlassen; aber sieh, meine Wangen sind noch so schmal und meine Hände so zart—" „Weil du dich grade in lezter Zeit mer als gewönlich ange- strengt, du hast alles im Hause noch in Ordnung gebracht." „Ich konte es der Mama doch nicht anders zurücklassen. Die arme Mama, wer wird's nun künftig tun!?" Sie kämpfte mit neuhervorqnellenden Tränen. Elvira machte eine Geberde der Ungeduld.„Das ist doch Nebensache, die Hauptsache wäre gewesen, dich zu schonen, aber du denkst an alles andere eher, als an dich, du bist unverbesserlich in deinen Tugenden. Aus purer Güte und Liebe hast du dir die Krankheit auf den Hals geladen und aus purer Güte und Liebe kauft du dich nicht rasch genug erholen, und grämst dich noch, daß du ihm nicht gefallen köntest. Wer würde die Liebe der Männer ver- dienen, wenn du sie nicht verdienst!? Wir andern warlich nicht. Ich bin weniger als je gestimt, einem Manne zu Gefallen zu leben, 'hm aufzuopfern schon garnicht— ich hasse eigentlich diese Männer mit ihrem Hochmut und ihrem dünkelhasten"Wahn, daß wir sie lieben müssen,— ich hasse sie alle!" Sie hatte die iveiten Aermel von ihren schönen, vollen Armen zurückgeschlagen und streckte diese mit einer patetischen Bewegung weit von sich. Marie verließ das Zimmer. Elvira hatte keine Eile. Sie pro- birte einige Triller und lehnte sich dann wieder in den Sessel zurück. So blieb sie lange. Dann sprang sie plözlich in die Höhe und eilte nach der Kommode, wo sie ihre Kleider und ihre Wäsche zu verwaren Pflegte; sie raffte einiges davon zusammen und auch den alten, ererbten Schmuck, der ihr Eigentum war, und packte dies alles in einen Handkoffer, dessen Schlüssel sie zu sich steckte.�„Auch für mich kommt endlich die entscheidende Stunde," sagte sie.— Die Schivkstern Depauli erwarteten den Bruder. Der Zug war schon vor einer halben Stunde angekommen. Er war wol von der Bahn aus gleich zu seiner Braut geeilt, und das war ja auch natürlich. Da ward, one jede vorherige Ankündigung die Tür aufgerissen und Alfred trat herein. Sie schraken beide zurück, als sie sein verstörtes Aussehen und seine Blässe bemerkten, die finster blickenden Augen und den schmerzlich verzogenen Mund. „Was ist dir?" riefen sie gleichzeitig. „Was mir ist?" Er wiederholte es mit einer vor Aufregung bebenden Stimme, die sich ganz vergeblich bemüte, ruhiger zu er- scheinen.„Meine Lieben, was habt ihr mit meiner Marie gemacht?" „Was wir mit ihr gemacht haben?" fragte Minna erschreckt und nun selbst die Farbe wechselnd. „Daß sie durch euren kindischen Unverstand erkrankt ist; ihr habt sie in das Krankenzimmer gelassen, das Uebel ward dadurch auf sie übertragen, es hat ihre Gesundheit untergraben." „Du darfft mir keinen Vorwurf machen, Alfred!" rief Minna, mit Festigkeit ihm entgegentretend.„Ich habe die Tür des Krankenzimmers vor ihrem Besuch verteidigt; gegen meinen Willen, in meiner Abwesenheit ist sie eingedrungen." Malchen flüchtete erschreckt und schuldbewußt gegen das Fenster und verhüllte ihr Gesicht und ihre Augen, die sich mit Tränen füllten. „Ich beschuldige dich auch nicht allein," entgegnete Alfted mit gleicher Heftigkeit,„euch alle klage ich an, und auch sie selbst, o, sie am meisten. Hätte sie an mich gedacht, an unser Glück, sie hätte nicht so unvorsichtig handeln können!— Ich male mir das Wiedersehen aus, ach, so beglückend schön,— und ich finde ein blasses Kind, das ausschreit bei meinem Anblick, wie im Schreck, und mir entgegenwankt, mit gesenktem Haupte, am ganzen Leibe zitternd. Ach, sie war rürend schön in diesem Augenblick, aber es war nicht die Schönheit, die ich zu finden hoffte, und mich hat's erschüttert, tief erschüttert, sie ,0 zu sehen!" Er warf sich wie ein Verzweifelter in einen Sessel und preßte die Hand auf seine Augen. Minna legte, wie beruhigend, ihre Hand auf seine dunklen Locken. Er aber rief:„Und dann die Hochzeit! Ich hatte gebeten, daß alles in der Stille vor sich gehen solle, aber man hat diese Bitte nicht berücksichtigt, man hat mich in allem verlezt, und die Komödie ist angesagt, und ist mit allem Pomp in Szene gesczt,— nun denn, wir werden sie auffüren, wir werden das Stück zu Ende spielen." Minna schaute ihm ganz entsezt ins Gesicht:„Alfted, liebst du denn Marie nicht mer?" „Frage mich nichts, ich weiß es nicht,— mein Kopf ist frank — mein Herz ist krank!" Malchen fing, noch tiefer sich in ihre Fensternische drängend, laut zu schluchzen an. Auch Minna's Augen standen voll Trä- neu, aber sie sagte nichts mer; sie sezte sich zu dem Tisch am Fenster und suchte mit zerstreuten, etwas zitternden Fingern ihre Arbeit hervor. Sie schwiegen alle. Endlich sah Minna mit einem herzlichen Blick zu ihm hinüber, und auch ihr Ton, obwol er lauter und zürnender hervorbrach, sprach nur noch eindring- licher zu seinem Herzen.„Man sagt den Depauli's nach, sie seien alle etwas exaltirt, das ist für dich ein Milderungsgrund in meinen Augen, sonst müßte ich dein Benemen ganz unverzei- lich finden. Lernt dieser Mensch da einen waren Engel von einem Mädchen kennen, das er liebt und von dem er wieder ge- liebt wird, und weil nun dies arme Ding das Unglück hatte, krank zu werden, und weil es in seinem ganzen Wesen mer Her- zensgüte als kluge Berechnung geoffenbart, so geberdet er sich wie ein Rasender, wie einer, den ein schweres Unglück betroffen hat— geh! komm zu dir!" Er sah eine Weile sinnend vor sich hin und erhob sich dann. Er ging auf Minna zu und hielt ihr die Hand hin.„Du magst auch wirklich recht haben," sein Ton gewann etwas edles und klang unendlich weich.„Wir sind denn doch alle, mcr oder we- niger, Sklaven unserer Einbildung, und ich hatte mir eben dies alles so ganz anders vorgestellt— so ganz anders, als es ge- kommen ist. Aber ich werde mich bald wieder in das Wirkliche und Ware hineingelebt haben, verlaß dich darauf." Sie drückten sich herzlich die Hände.„Und du ewiges Kind," wante er sich an Malchen, indem er sie ani Kopfe faßte,„du köntest nun doch wol diesen reichlichen Quell versiegen lassen." Er kiiszte sie lachend aus die Augen. Tann nam er seinen Hut. „Wohin, Alfred?" „Dn fragst noch? Zu meiner Braut; ich hatte mich vorhin etwas gar zu rasch entfernt." „Ich kann mir's denken. Geh' nur hin und schau ihr in ihre schonen, guten Augen, und du wirst dann sogleich wieder dein Glück begreifen lernen." Und so war es auch. Marie hatte sich von ihrem bräutlichen Zchrcck erholt, und sie erschien ihm nun so heiter, so tief inner- lich beglückt und dann doch wieder so jungfräulich verschämt, und sie war so schön mit den von innerer Aufregung erhizten Wangen, und ihre Augen blickten in einem so feuchten Glanz, daß er in einem raschen Umschwung der Gefüle sich als den Glücklichsten PrieS und es auch wirklich war.--- Ter Himmel war grau, ein feiner Regen rieselte hernieder. Der größere Teil der Einwonerschaft von Waidingcn begegnete sich an diesem Morgen in dem einen Gedanken des Bolksabcr- glaubens:„Es regnet der Braut in den Topf und bringt ihr Glück." Alfred stand in seinem und Frizens Zimmer am offenen Fenster; er sah hinauf nach dem schweren tiefziehenden Gewölk, und ließ von dem hereinschlagenden Regen sich Gesicht und Hare nezen. Er dachte an den raschen Wechsel der Gefüle in der Menschenbrust, der unabhängig von dem Willen sich vollzieht. Zum erstenniale fiel es ihm auf, wie sonderbar es sei, daß man für diesen Menschen mit seiner Chamäleonnatur Institutionen geschaffen habe, die unabänderlich sind und ihn für's Leben binden. Er stand im Begriffe, einen solchen Bund zu schließen— seine Freiheit für immer hinzugeben— heute noch! Es fröstelte ihn. Er war unmutig und erzürnt gegen sich selbst; er hatte diesen Tag mit aller Glut herbeigesehnt und nun stiegen solche Gedanken in ihm auf. Ungcrufen, gleich tückischen Kobolden scheuchten die Freude aus seinem Herzen. Und doch liebte er daS Weib seiner Wal rein und innig, und rein und innig ward er wieder geliebt. Es ist eben nur das Unwiderrufliche, das Un- abänderliche, das ein Gemüt voll Pslichtgesül beängstet, weil es fnlt, daß es nichts Festbestehendes gibt in einer Welt, wo alleS unaufhörlich sich verändert. Er ging eine Zeitlang in der Stube auf und nieder, dann begab er sich in das Haus seiner Braut. Er traf alles in aufgeregter Geschäftigkeit! auch Frau Germanek hüpfte lvichtigtuend hin und her.„So, Mariechen, ich habe die Betten schon arrangirt, Sie brauchen sie jezt nur zu überziehen; a, der Herr Bräutigam ist hier!" Sie nam ihre verschämteste und gezierteste Mine an,„da schickt es sich eigentlich nicht, daß ich von den Betten rede, da es nämlich das Brautbctt ist," sie sah ihn von der Seite mit einem vielsagenden Lächeln an,„aber Sie dürfen es noch nicht schauen, ich verbiete es Ihnen, Herr Bräutigam—" Alfred versicherte sarkastisch, er gedenke das Berbot nicht zu überschreiten, er»volle auch gar nicht stören. Er rante in neu ausivallender Entrüstung fort und zum Stadttor hinaus. In der Allee kain ihm Friz entgegen, der soeben aus der Arbeit kam, und Alfred zuerst bemerkt hatte; er stellte sich dem Dahinstür- inenden, der den Kopf gegen die Brust gesenkt hielt, entgegen. Bald darauf saßen die Freunde an einem Seitentisch im Speisezimmer des goldenen Löiven. Der Wein, von dem sie schon die ziveite Flasche tranken, hatte Alfred mitteilsamer und aufgeweckter gemacht, aber er vermochte seinen Groll über die noch immer be- stehenden Hochzeitsgebräuchc nicht zu verivinden. „Warlich, so eine Hochzeit ist doch das abgeschmackteste,»vas es geben kann!" rief er.„Alles, was du hörst und siest, muß dein Zartgcfül verlezcn. Braut und Bräutigam sind Puppen, die nach der alten eingewerkelten Weise vor einer zudringlichen Menge sich prodnziren müssen. Berscze dich doch nur einmal in eine solche Lage; schon der Vorabend dieses»vichtigcn Tages gehört nicht dir und der Geliebten, er gehört ihnen: ihr seid gezivungcn, ihre Possen anzuhören, müßt darüber lachen, denn jede eurer Mienen wird kontrolirt»nd kommentirt. Am Tage selbst, der dir dein Weib gibt, dient ihr der abscönen Lust der andern, ihr seid der Gegenstand ihrer frivolen Späße. Wie herausgepuzte Affen»verdet ihr von ihnen zum Altar gefürt, und der' ganze Qrt»vird Zeuge dieses Schauspiels. Dann seid ihr Mann und Weib! Man fürt euch zurück— zu Tische. Ihr sollt essen, trinken und zärtlich sein, die zudringliche Teilname folgt euch bis ins Brautgemach, und die ganze Stadt kcnt die Stunde, Ivo deinem Weibe die'Mysterien derEhe sich enthüllen werden.— und das soll "icht roh sein, das soll ein feineres Empfinden nicht empören?!" Friz hatte aufmerksam ihm zugehört und nickte nun ernst und beistimmend:„Tu hast recht, ich denke ivie du, ich finde unsere Hochzeilsbräuche sind für zartes Empfinden einfach ein Skandal." „Das ist das rechte Wort", für Alfred auf,„ja sie sind ein Skandal!" Friz lachte.„Ich»vollte ihn dennoch ertragen,»venu ich nur erst Bräutigam»väre;— ach, Ivenn ich nur erst so»veit »väre»vic du, ich»vollte all diesen Freunden und Gevatterinnen ihre Neugierde vergeben, Sie sollten's nur sehen, ivie glücklich ich bin; aber sobald»nein Liebcfien mir angetraut, dann»vollte ich auch nicht einen Augenblick länger ihr Narr sein, und ich näine mein Weib in den Arm und fort in trauliche Einsamkeit, und wenn»vir uns das Hochzeitsinal auch selber kochen müßten." Alfred sah ihn erst groß und betroffen an, dann erhellte sich sein Gesicht, und er brach in ein vergnügtes Lachen aus:„Bru- der, das ist eine göttliche Idee!" „Für' sie aus", rief Friz frölich und indem er die Gläser aufs neue füllte,„ich helfe dir dabei." Die beiden jungen Männer erhoben die Gläser und leerten sie in einem Zuge.--— Als Alfted mit Friz in das Haus seiner Braut zurückkehrte, »var die Hochzeitsgesellschaft längst vollzälig versammelt und auf der Straße schoben und drängten sich die Neugierigen jeden Alters und Geschlechts erivartungsvoll und aufgeregt hin und her. Die Freunde sahen ser ftölich aus, als sie die Gäste begrüßten. Unter den Mädchen entstand ein Flüstern und verstolenes Sichzublinzeln: „Er fiel gut aus.— Ser hübsch.— Aber garnicht ernst.— Und nicht einmal gebrautes Har hat er.— Auch Friz Bergcr nicht.— Und schivarze Kravatten beide,— wie unfein!" Die Apotekerin trat, Marien an der Hand,»viedcr herein. „Die Braut!" rief sie laut und patetisch.— Alfred»nachte eine Beivegung, uin ihr entgegen zu gehen, aber der Blick der Mutter baute ihn an seinen Plaz. Sie ergriff selbst die Hand ihrer Tochter ui»d fürte sie in die Mitte des Zimmers. Aller Augen »varen in gespanter Neugier auf Marien gerichtet, sie senkte die ihren. Tief befangen erschien sie, in ihrem Glücke bis an die Schläfen errötend, und der»vciße, bräntliche Schleier, der sie umwallte, verlieh dem schönen Profil in seinen zarten Konturen eine noch sanftere Weichheit. Der Zauber»varer Poesie»var über sie gebreitet; so mild, so rein, so schön erschien sie Alfred»vie die Verkörperung des Ideals der Keuschheit; sein Herz quoll ans in seligem Empfinden, er hätte sie an sich ziehen, ihr den süßen 'Namen Weib geben und sie küssen mögen, aber vor all' diesen gaffenden Augen wäre dies eine Entheiligung geivesen, und als die Mutter sie ihm jezt znfürte, ergriff er nur Märiens Hand und hielt sie mit leisem Drucke fest. „Kniet nieder, meine Kinder, ich»vill euch segnen," flüsterte Frau Weiß. Es geschah. Die Mutter sprach einige wenige Worte, die, ivenn sie nicht vor so vielen Zeugen gesprochen, wol einen nach- haltigeren Eindruck auf die Herzen der Kinder geübt hätten. Die befreundeten Damen brachen in ein Schluchzen ans nnd Frau Germanek»vankte mit ausgestreckten Händen auf das Par zu, als wenn sie gleichfalls als Segenspenderin aufzutreten gedächte, aber Alfred erhob sich rasch und zog Marie»nit sich in die Höhe. Er bemerkte, daß es wol Zeit sein dürfte, in die Kirche zu faren, doch die Geladenen»varen anderer Meinung. Sie befanden sich jezt in der rechten hochzeitlichen Stimmung; die schöne, verschämte Braut erregte ihr Wolgefallen, ihre Tränendrüsen sonderten,»vie bei einem guten Rürstück, schmerzlose Tränen ab, und sie»vollten sich in diesen»vollüstigen Empfindungen nicht stören lassen. „Ach, man get doch nicht so leicht ans dein Elterhause," schluchzte Frau Germanek. „Und»ver zum Altar tritt, dem ist nicht so»vol dabei, als Ivenn er Kirschen pflücken ginge," greinte die Hofrätin. Marie hatte sich ihrer Mutter in die Arm- geworfen und hielt sie lange umschlungen, dann umarmte sie ihre Tante und Schivester»vie- derholt, und als jezt ihre Freundinnen herandrängten, da i»n- armte sie auch diese. Als man endlich fand, daß es Zeit sei, aufzubrechen, entspann sich erst noch eine Höflichkeitsdebatte unter den Hochzeitsgästen. Man hatte vorher nicht erivogen, wer zuerst faren sollte, nnd nun»vollte niemand den Anfang machen. Einer schob den andern vor, bis Alfred, Friz unter dein Arm neinend, sich mit ihm in einen Wagen»varf und rasch davon für. Angesichts dieses Verstoßes entschloß sich der Herr Bürgermeister, nach eiiier gewissen Ordnung die Leute in die Wagen zu komandiren. Marie, die ihre Mutter an der Hand hielt, für mit dieser zulezt. Die Kirche»var gedrängt voll. Alle Lichter»varen angezündet und erzeugten in» dem hohen Gewölbe, im Verein'mit der Helle, die durch die trüben Fenster hereinbrach, jene kontrastiren- den Effekte von tiefem Schatten und aufblizendem Glanz, von 314 rötlichen Reflexen nnd unbestimtcin bläulichen Helldunkel, die die Gcmiitcr so mysteriös anmuten und so wol präpariren. Die Brautleute traten vor den Altar, die Zeugen und übrigen Mit- wirkenden stellten sich im Halbkreise herum; alle in möglichst im- posanter Haltung, wie sich's denn auch geziemt, wenn man vor ein. großes Publikum tritt und aller Augen auf sich gerichtet fiilt. Ter Herr Pfarrer, der auf das Brautpar bereits gewartet hatte und onehin darüber indignirt war, daß man ihn nicht zu Tische geladen, war entschlossen, die kürzeste Brautrede zu halten, die sein Vorrat an dergleichen schönen Dingen enthielt. Aber selbst diese kürzeste Traurede erschien dem Bräutigam noch viel zu lang. Dafür waren die Damen außerordentlich davon gerürt und suchten dieser Rürung den deutlichsten Ausdruck zu geben. Marie, die bisher mit ruhigem lernst der Ccremonie gefolgt war, fand sich durch das heftige Schneuzen rund um sich herum irritirt; es wurde ihr Plözlich bange vor einem Geschehnis, das alle nnt heißen Tränen einweiten, und sie brach nun selbst in Schluchzen aus. Unter den Anwesenden entstand eine Bewegung; man schien auf dieses Weinen gewartet zu haben. „Sie weint, sie weint!" flüsterte es ringsum. „Da bleiben ihr die Tränen im Ehestand erspart," wimmerte Frau Gcrmanek unter ihrem Taschentuch. „Traurige Braut, lustige Frau," erwiderte die Bürgermeisterin. Ter Segen war gesprochen, Alfred und Marie waren Mann und Weib. Man begab sich in die Sakristei zurück. Alfred fürte seine Frau ihrer Mutter zu und umarmte die leztere selbst, wie zum Abschiede. Aber bald waren sie von allen Betauten um- drängt, die das junge Par bekoinplimentirten und beglückwünschten. Das Umarmen und Küssen ging nun aufs neue los, und auch die Sacktücher wurden wieder in Bewegung gesezt. Alfred hatte Friz einen Wink gegeben, dann näherte er sich Luisen und sprach leise mit ihr. Luise wußte Marie für einen Augenblick von all' den sie Umdrängenden freizumachen, diesen benuzte nun Alfred ser geschickt; er nam seine junge Frau fest bei der Hand, Friz bahnte ihnen eine Gasse, und ehe man sich's versah, waren die beiden aus der Tür und in einem Wagen. Alfred rief dem Rutscher etwas zu, dieser nickte,„und rasch hinflogen die Rosse."— Im Sale des„goldnen Löwen" war indes die Tafel für die Hochzeitsgäste hergerichtet und Couverts für 24 Personen waren ausgelegt. Alle Hochzeiter verfügten sich sogleich hierher, und man war ser erstaunt, Braut und Bräutigam nicht vorzufinden. „Sic sind nachhause gefaren," erklärte Luise.„Alfred hatte gewünscht, daß seine Frau ihre Branttoilette gegen eine andre vertausche." Diese Mitteilung wurde mit sichtbarem Kopfschütteln und hennlicher Entrüstung ausgenommen. Das Benemen des Bräutigam erschien in der Tat höchst sonderbar. Erst kam er zu spät, dann für er wieder zu früh und entfürte ihnen seine Frau, ehe sie noch alle umarmt und beglückwünscht hatten. Es bildeten sich Gruppen, die diesen Fall diskutirten. Die arme Frau Weiß stand auf Kolen; sie beschloß, sogleich einen Boten abzusenden; aber es sollte ouchjucht länger gewartet werden, und sie bat, daß nian an der Tafel Plaz neme. Dies geschah. Ehe indes der Bote abgefertigt wurde, überbrachte das Dienstmädchen, zum allgemeinsten Erstaunen, ihrer Herrin einen Brief. Man sah sich an; was sollte denn das bedeuten? Frau Weiß hatte den Bris geöffnet und überflog rasch die wenigen Zeilen. Sie wurde rot und gab ihn mit ziemlich verlegener Miene an ihre Schwägerin. Die neugierige Spannung der übrigen war auf das höchste ge- stiegen, inan blickte in lautloser Erivartung auf Luise, die den Bris durchlas und deren Gesicht sich merklich erheiterte. „Verehrte Anwesende," sagte sie,„ich habe Ihnen die Flucht eines verliebten Ehepares zu melden, das sich hiermit höflichst für all' die ihm gewordene Teilname bedankt und sich allen Freunden und Bckanten aus das beste empfielt." Die Rachricht wirkte sensationell. Im ersten Augenblick ivaren sie fassungslos und starrten sich gegenseitig mit offenem Munde an, es schien ihnen fast, als müsse die Welt ins Schwanken koni- wen, dann aber machte sich das zornige Erstaunen Lust. „sie sind fort?— Wirklich?- Ganz fort?— Es ist nicht möglich!— Vor dem Hochzeitsmale!— Wo werden sie denn esien.-- Was werden sie essen?— Und ganz allein!— An ihrem Ehrentage?!— Es ist unerhört!— Tie arme Marie!"— Grfl nach geraumer Zeit beruhigte man sich soweit, uni one das junge Ehepar ans Essen zu gehen. Man machte Versuche, heiter zu sein, die gute Laune wollte aber nicht so recht wieder- kehren, nur Minna und Friz zeigten sich ausgelaffen lustig und tauschten öfter verstolene Blicke mit Luisen. Am grimmigsten war der Bürgermeister, der dies bemerkte und eine förmliche Ver- schwörung gegen die Gäste witterte. Selbst Germane!, der„Alle- weilfidele", zeigte sich verstimt. Grade er hatte mannichfaltigcs präparirt. Einige lascive Anspielungen, einige lustige Bonmots, einige Gedichtchen; er hatte sich davon eine kolossale Wirkung versprochen, und nun war ihm dies alles verdorben, gründlich verdorben, und nicht einmal Knallkügelchen und Hochzeitsbonbons konte er mit Effekt anbringen.— Frau Weiß verschwand zuerst und unvermerkt aus dem Kreise, sie hatte keine Freude an diesem Abend, und es war ihr wol nicht zu verdenken. Die älteren Damen und Herren griffen zu den Karten, Wärend die jungen Leute ein Tänzchen arrangirten. Damit kam Lust und Leben in den tanzlustigen Teil der Gesellschaft; nur Elvira, die sonst die Seele solcher Improvisationen war, erschien sonderbar gleich- giltig. Sie lachte freilich hie und da auf, aber es schien, als antworte sie damit auf heimliche Gedanken, die sie zeitweilig so ganz zu beschäftigen schienen, daß sie nichts von dem verstand, ivas man zu ihr sprach.— Am nächsten Morgen hatte keiner der Hochzeitsgäste einen Kazenjammer, und sie schüttelten die Köpfe und wiederholten, wie am Abend vorher, daß dies doch die sonderbarste und ungehörigste Hochzeit gewesen sei, die sie jemals noch erlebt hatten. Die einzige Hofrätin fülte sich un- wol, sie mußte das Bett hüten und eine Leibbinde anlegen. Sie behauptete, daß ihre zarten Nerven durch die groben Rücksichts- losigkeiten und hauptsächlich durch die Skandale, die auf dieser Hochzeit vorgefallen, zu ser afsizirt worden seien. Glücklicherweise brachte sie ein neuhinzugekommener Skandal wieder auf die Beine. Das Gerücht war ihr zu Oren gekommen, Elvira sei verschwunden. Das war viel zu pikant, als daß sie das nicht sogleich näher untersuchen sollte. Sie rappelte sich ans und stürzte zn� Frau Weiß. Sie fand die Tür verschloffen. Die Hansleute sagten, auch sie sei abgereist. Die gute Hofrätin bekam Zuckungen. Da war etwas vorgefallen. Sie mußte es erfaren. Sie rante zu Germaneks, zu Kerzendochts, zum Bürgermeister. Sie alle wußten keine Auskunft zu geben; die arme Hofrätin war ganz desperat, sie fülte sich ernstlich unwol, aber sie konte unmöglich so gänzlich unbefriedigt nachhause und in ihr Bett zurückkehren. Sie schleppte sich mühsam, beide Hände gegen ihre Leibbinde gepreßt, zu den Depaulis. Gegen ihre Erivartung traf sie Luise dort und zwar allein. Diese empfing sie ser kühl, mit einem unhöflichen Er- staunen. Sie bot ihr nicht einmal einen Sessel an, und erklärte auf alle Fragen, sie wisse nichts weiter, als daß Frau Weiß und ihre Tochter eine Vergnügungsreise unternommen hätten. Die Hofrätin knixte höhnisch und ging wieder. Luise schloß hinter ihr die Tür und sezte sich an das Fenster. Ihr hübsches Gesicht nam einen ernsten, bekümmerten Ausdruck an; mit einem Seufzer nam sie einen Bris, den sie beim Eintritt der Hofrätin beiseite gelegt hatte, wieder vor und ihre Augen überflogen wieder und wieder den Bris, den ihre Schwägerin in dem Zimmer ihrer Tochter, statt dieser selbst, vorgefunden hatte. Er lautete: „Liebe teure Mama! Ich bin heute früh Morgens nach Paris I gefaren. Ich werde mich hier einem berümten Meister vorstellen und unter seiner Leitung meine Gesangsstudien vollenden. Ich bitte Dich, liebe Mama, zürne mir nicht und komme mir sogleich nach, es ist das beste, was Du tun kauft. Ich habe diesen Schritt � allein getan und will ihn allein verantworten; Dich kann und wird also kein Vorwurf treffen und auch Taute Luise nicht und nie- wanden. Ihr habt alles getan, um mich zurückzuhalten, es war ' vergebens. Ich folge hier einem unbezwinglichen, allmächtigen Trieb, der mich in andere Bahnen weist, als sie gewönlich uns i Mädchen vorgezeichnet sind. Mit der Offenbarung meines Talents '\ ist mir auch der feste Wille erstanden, es auszuüben, es zur Gel- � tung zu bringen. Der Anfang ist gemacht, Du stehst vor einem I Geschehnis. Fürchte deshalb nichts für mich, ich bin stark und s klug. Du findest mich im, Grand Hotel'. Den Aufenthalt daselbst werde ich durch den Berkauf des Schmucks bestreiten, Du weißt, des alten der Großmutter, der mir als Erbteil zugefallen ist. Er wird auch für die ersten Anschaffungen noch reichen; bald bist Du wieder bei mir, ich rechne darauf, und dann werden wir hier, wie in Waidingen von Deiner Pension leben, bis zu dem Zeit- Punkt, und er wird nicht fern sein, wo man mir das glänzende Honorar einer Künstlerin bezalen wird. Ich küsse Tante Luise und danke iyr noch vielmals für all' ihre Liebe. Auf Wiedersehen also, liebe Mama! Ich küsse Dir die Hände. Deine Elvira." Zwei Tage später hatte auch Friz Berger Waidingen ver- lassen. Er war nach der Residenz gegangen, um durch einen Agenten ein Engagement an einer Provinzbnne zu erhalten. 315 Iris als SchuzMin. Eine physikalische Skizze von vr. Kranz Kerdinand Schmidt. (Schluß.) Da wir wiederum durch die Stürme des Winters in das Zimmer gebaut sind, so mag es am Plaze sein, auch an dieser Stelle, wenn auch in gedrängter 5türze, die Pforten aufzuzälen, durch die das Kolenoxyd am häufigsten seinen tod- und verderben- bringenden Einzug in unsre Wonungen hält. Diese sind schlecht- ziehende, undichte, sowie überheizte Oese»; undichte Gasleitungen, wobei besonders zu bemerken ist, daß Leuchtgas, welches stets ser viel Kolenoxyd enthält, mit Leichtigkeit auch durch Erde und Fundamente dringt, und somit sind selbst in Häusern onc eigne Gasleitung die Gcsaren der Pergiftung nicht ausgeschlossen; höchst gefärlich sind die jezt so modernen Kolcn- plätten; der Verfasser hatte einigemale Gelegenheit, Vergiftungs- erscheinungen zu beobachten, welche der Benuzuna dieser„prakti- scheu Erfindung" entstamten. Aian sollte mit diesen Werkzeugen, die ja im übrigen recht handlich sein mögen, überhaupt keinen geschlossenen Raum, geschweige ein Won- oder gar Schlafzimmer betreten. Tie berüchtigte Ofenklappe hat hoffentlich kein Leser der„Neuen Welt" mer; wir wüßten ihm auch nicht zu raten, da ihm überhaupt nicht zu raten wäre. Die Schlußfolgerung ist aus vorstehendem leicht zu ziehen. Wer beim Aufenthalt im Wonzimmer, der Schulstnbc u. s. w. von Unpäßlichkeiten, besonders von Angst, Kopfschmerzen, Schwindel- anfüllen heimgesucht wird, über deren Ursache er sich im übrigen keine Rechenschaft zu geben vermag, der möge einmal nach der angedeuteten Richtung suchen oder suchen lassen, bevor er sich auf Nervosität oder dergleichen kurirt. Außerdem gewöne man sich, bei offenem Fenster zu schlafen, denn dadurch beseitigt man die größte Gefar: im Schlafe werden weitaus die meisten Opfer dahingerafft. Zugluft, die übrigens nicht so schlimm ist, als sie hingestellt wird, läßt sich durch Vorhänge oder Bettschirme leicht vermeiden. Mit der Luft wären wir denn so ziemlich im„reinen"; somit wagen wir es, uns auf einem anderen Gebiete umzusehen, auf einem recht unreinen! Es ist das Gebiet der Fälschungen und Betrügereien, welches wir ein wenig durchmustern wollen. Ein nettes Vorhaben, nicht war? Aber nur Mut, wir hoffen auch hier, wenn auch nicht sofort, so doch später ins„Reine" zu kom- wen. Leider wird es uns nicht möglich sein, auf Einzelheiten einzugehen, denn„Dank" einer Tätigkeit, von deren Unverfroren- heit und Rasfinirtheit sich der Laie keinen Begriff macht, ist das Gebiet bereits derartig angewachsen, daß es nicht mer in den Ramen eines Unterhaltungsblattes paßt. Auch die Herren Beu- telschncider haben bewiesen, daß sie mit der Zeit Schritt zu hal- ten wissen. Am häufigsten werden stets solche Artikel gefälscht, welche gut bezalt und stark konsnmirt werden. Unter Berücksichtigung dieses Erfarungssazes finden wir mit Leichtigkeit die Hauptverdächtigen heraus. Da ist es vor allem der Wein, der diejenigen Bedingun- gen erfüllt, welche Fälschungen lonend erscheinen lassen; und in der Tat hat man wol in keinem Artikel eine solche Unzal von Betrügereien entdeckt, wie in diesem. Die vielen, vielen Mittel, welche zur Verbesscning des Geschmackes geringer Sorten dienen sollen, find Objekte der chemischen Analyse und liegen somit nicht im Kreise dieser Untersuchungen, uns berüren jezt nur diejenigen, welche der Farbe aufhelfen sollen; und auch ihre Zal ist Legion. In dieser holden Feuchte, Was ich auch hier beleuchte, Ist alles reizend schön. Ter Norden wie der Süden, der Orient wie der Occident, selbst die chemischen Laboratorien leihen ihre Produkte, damit ein naumburger oder ein anderes Stiefkind aus der Umgegend des nördlichen Polarkreises an menschlichen Eingeweiden und Gehir- neu Rache neme für eine trostlose Jugend voller Nebel und Nachtfröste. Freilich, so ganz one Erröten bringt so ein biederer Rotspon vom Lande seine Schlechtigkeiten nicht allemal zuwege; daher achte man darauf, ob sich beim Ausgießen im Glase etiva ein deutlich roter Schaum zeigt. Lezterer ist ein gutes Merkmal für künstliche Färbung, und die eingehendere Untersuchung zeigt dann schon das übrige, denn reiner alter Rotwein gibt troz seiner oft recht dunklen Farbe doch nur einen falen, wenig gefärbten Schaum. Zum Färben der Weine dient wol so ziemlich alles, was rot, löslich und einigermaßen billig ist; besonders haben Rotholz, Blanholz, schwarzer Flieder, Kirsche, Malve, Heidelbere, Kermes, Anilinrot„höhere Bestimmung". Das unangencmste ist, daß manche Farbsurrogate von der echten Rotweinsarbe nicht leicht zu unterscheiden sind; doch hilft man sich auch in diesem Falle änlich, wie wir vorhin beim Blute gesen, durch gleichzeitige An- Wendung chemischer Reagentien. In Fig. 2,7 haben wir das Absorptionsspektrum des reinen Rotweins. Dasselbe ist charakterisirt durch eine gleichmäßige Ver- löschung aller brechbaren Straten bis vor v. Fig. 2, 8 ist das Absorptionsspektrum des Aiulinrots(Fuchsin). Obgleich Rotwein und Fuchsinlösung dem bloßen Auge in fast gleichem Farbenton erscheinen, so offenbart die spektroskopische Untersuchung in diesem Falle eine besonders auffällige Verschiedenheit in der Farbenmischung: Rotwein läßt fast nur Rot hindurch, Fuchsin alles mit alleiniger Ausname des Grün. Durch dieses Verhalten ist Fuchsin in hohem Grade ausgezeichnet vor allem anderen, was sonst noch rot färbt, und es ist daher nicht schwer, seine Anwesenheit hierdurch festzustellen. Seiner Billigkeit und seines großen Färbevcrmögens wegen wird es, ungeachtet seiner Giftigkeit, sehr häufig zum Färben von allerlei Genieß- barem verwendet. Außer im Wein, findet man es auch oft in Eonditorwaren, Likören, Fruchtsästen, eingemachten Früchten und . neuerdings sogar in Wurst. Indem wir so zu den eigentlichen Narungsmitteln gekommen sind, müssen wir billigerweise zunächst des Brotes gedenken, und da bietet sich denn wieder Gelegenheit, die Borzüglichkeit und Wichtigkeit unserer Untersuchuugsmetodc darzutun. Neben Verfälschungen mit Alaun, Gyps, Schwerspat, Kupfervitriol, die selten sind und unser Gebiet nicht berüren, ist es besonders eine Beimengung, welche zwar nicht beabsichtigt, dennoch sehr häufig vorkomt, und deren sichere Erkennung von ! sehr hohem Werte ist, da es sich hier wiederum um einen sehr giftigen Körper handelt. Diese Beimengung, oder besser Verun- reinigung, ist das bekante Mutterkorn; man findet es zur Ernte- zeit nicht selten in den Kornären, wo es ungefär 3 Eentimeter lange, schwarze, wurstförmige Gebilde darstellt. In dieser Form ist es ein gewisses Entwicklungsstadium(das Dauermycelium) eines auf Korn schmarozenden Pilzes, Ckvioeps Purpuren Tul. Wird nun das ausgedroschene Korn nicht gründlich gereinigt, so gelangt das Mutterkorn in das Mel und natürlich auch iii das Brot, welches dadurch, je nach der Menge dieser Verunreinigung, mer oder weniger schädlich, oft geradezu giftig wird. Das Mut- terkorn ist als Gift lange bekant, auch hat es in der Apoteke sein Pläzchen gefunden, aber noch bis vor kurzem feltc es an einer Metode, mit Hilfe welcher man es dort sicher erkennen konte, wohin es nicht verschrieben war. Auch dieses Problem ist durch die Spektralanalyse glänzend gelöst. Wird Brot oder Mel mit den geeigneten Lösungsmitteln beyandelt, so erhält man schließlich eine Flüssigkeit, welche rötlich gefärbt ist und ein charak- teristisches Absorptionsspektrum liefert. Lezteres gibt zwei beut- liche Streifen: den einen zwischen L und F den anderen zwischen F und G*). Aus allem, was wir bis jezt gezeigt haben, get hervor, daß es sich bei Spektraluutcrsuchungen eigentlich um eine optische Analyse handelt. Von diesem Standpunkte aus können wir die Grenzen unseres Gebietes leicht übersehen: wo nur irgend welche Farbe au eiiiem Körper auftritt, da können wir sicher sein, daß wir durch die Spektralanalyse wertvolle Aufschlüsse erhalten wer- den, denn das Wesen der Farbe ist mit dem Wesen der Materie auf's engste verbunden; kennen wir auch den lezten Zusammen- hang nicht, wissen wir auch nicht, wie es komt, daß Zinnober grade rot, Schwefel grade gelb aussiet, so berechtigt uns doch vieltauscndsältige Erfarung zu der Anname, daß diese Farben zur Wesenheit dieser Körper gehören, im Wesen dieser Körper begründet sind. Dabei ist es aber auch geblieben, und selbst die Spektralanalyse hat uns nach dieser Richtung hin noch um keinen Schritt gefördert. Vergleichen wir beispielsweise in Fig. 2 die Spektren 3, 4 und 5, so springt eine gewisse Aenlichkcit sofort in *) Siehe den Artikel von Rothberg-Lindener über Erkennung des Mutterkorns in einer der frühere» Nummern d. Bl. 31ß die Augen, und es hat auch tatsächlich nicht an Versuchen zur Jnterpretirnng dieser Aenlichkeit gefelt. Vermuten läßt sich frei- lich viel, beweisen aber garnichts, wenigstens bis zur Stunde. Kehren wir jedoch nach dieser Abschweifung zu nnserm Tema zurück. Alles, was Farbe hat, gehört zu unseren Untersuchnngsob- jekten; und der Vollständigkeit halber mögen noch einige genant werden. Da sind von Lebensmitteln besonders noch Butter und Käse, an denen man oft eine künstliche Färbung entdeckt. Außer- dem untersucht man gefärbte Zeuge, um über die chemische Natur der angeivanten Farbmaterialien und somit über die dadurch be- dingte Haltbarkeit, d. h. Licht- und Waschfestigkeit der Farben ein Urteil zu erhalten. Natürlich werden die Farbmaterialien selbst zu demselben Zwecke untersucht. Ferner prüft man auch Edelsteine in dieser Weise mit den besten Resultaten: nicht allein kann man die Frage der Echtheit oft in der allereinfachsten Weise lösen, und zwar one den Stein zu zertrümmern, was zum Zwecke der chemischen Analyse unumgänglich notwendig ist, sondern oft gelingt es sogar, den Fundort festzustellen, da für manche Bor- komnisse eine gewisse Farbe und somit ein gewisses Spektrum charakteristisch ist. Wenden wir uns zum Schluß noch einmal um und lassen diese eigentlich recht bunten Bilder an unserem Geiste vorüber- ziehen, so müssen wir erstaunen, mit wie einfachen Hilfsmitteln es dem Menschen gelang, an der Hand einer so anspruchslosen Erscheinung, wie es doch der Regenbogen ist, einzudringen in die tiefsten Geheimnisse der Natur und dadurch die Hülle zu nemen von einem Gebäude menschlichen Elends und menschlicher Ver- derbthcit, welches im anderen Falle wol leicht ins grenzenlose ge- wachsen wäre, Glück und Vertrauen in seinen finstern Räumen für immer begrabend. Und erstaunen müssen wir auch, wenn wir die hohe Poesie begreifen, welche hier verborgen liegt� im Schöße einer so oft und mit so vielem Unrecht als materialistisch verschrieenen Wissenschast. Dem Dichter der Zukunft bleibt es vorbehalten, zu singen von dieser diamantenen Brücke, auf welcher die Götter zur Erde herabsteigen, um mit ihrer� ewigen Warheit und Klarheit die Menschen von Irrtum und Finsternis zu er- lösen. Noch schweigt aber der Sänger; deshalb begnügen wir uns, bei einem Glase„cheniisch untersuchten" Stoffes der holden Iris zu gedenken und zu staunen über den tiefen Sinn eines Lieblings- sprüchleins unseres Großmütterchens i Nichts ist so sein gesponnen, Es komt an's Licht der Sonnen! Ein Blick in nnterseeische Garten. (Hierzu das Bild aus Seite Z«8.) Aenlich wie die große Klasse der Würmer in der Zoologie für das Verständnis der Abstammungslehre zur höchsten Beden- tung gelangte, so geschah dies auf botanischem Gebiete mit der großen Abteilung der Algen oder Tange, jener vielgestaltigen und vielfarbigen niedrigen Gewächse, aus denen sich in den vor- historischen Zeiten die übrigen Pflanzen in langsamem Um- wandliiiigsprozeß heranscntwickelt haben. Die Tange— zumeist Wasserpflanzen— bilden in der Tat die Basis des Stamm- baumes der Pflanzenwelt, und daher haben sie in neuerer Zeit das Interesse aller Freunde der Abstammungslehre auf sich ge- zogen. Linne, der„Vater der Botanik", war kein Freund des Mikroskopes, im Gegenteil ser gegen dieses„wunderbare" In-' strument voreingenommen. Wir begreifen es darum, wenn von ihm behauptet ivird, daß er blos uiigefär KV verschiedene Algen- arten kante, was soviel bedeutet, als daß damals, als er seine „Pflanzeilarten" herausgab(in den fünfziger Jaren des vorigen Jarhnnderts) überhaupt nur einige duzend Tange bekant waren. Wie anders heute! Nach kaum I3N Jaren sind bereits KVVV bis 7000 verschiedene Algenarten bekant, und alljärlich werden noch neue Formen entdeckt und beschrieben.— Jedes Jar eilen mutige Jünger der Wissenschaft ans Meer, um dort die Entwicklungs- geschichte dieser oder jener Tangformen durch mühsame mikro- skopische Untersuchungen kennen zu lernen, und sie alle sind der- selben Ansicht, daß es keine andre Gruppe von Pflanzen gibt, die an Vielgestaltigkeit, an Farbenpracht und Lebensweise soviel des Anziehenden und Fesselnden böte, wie die Meertange. Einem solchen Besuche zu wissenschaftlichen Zwecken verdankt stinser Bild seine Entstehung. Es fürt den Leser an die felsigen Ufer des Adriatischen Meeres, dorthin, wo der nachmalige unglückliche Kaiser von Mexiko, Erzherzog Maximilian, aus einem öden Fels- gestade ein Paradies geschaffen hat. .. �n�den felsigen Südabhängen des Karstes, welcher hier seinen Fuß in das Meerbecken der Adria sezt, gedeihen auf dem �rocknen die Lliven und Pomeranzen, Weinreben und Lorbeeren, Palmen und Cypressen, Cedern und Mammuthbänme; im Wasser — an den Felsen festsizcnd— die wunderlichen Gestalten der wceertange, von denen dies Bild einige typische Formen zur .tilyhanung bringt. Sie bilden stellenweise ganze Wälder oder eigentliche Gärten, welche— von oben durch das krystallklare rwayer betrachtet— einen feenhaften Anblick gewären. m% a CincU sind robuste, blattähnliche, dunkelgrüne Gestalten, wie die unter Nummer 15 in der Mitte des Bildes oben am Was,er,piegel dargestellte Salat- Ulve(Ulva Lactuca). Andere gleichen grasgrünen Därmen, wie'Nr. 8 in der Mitte unten. Chorda lomentaria. Wieder andere sehen ans wie gleis- helle, feine Violinsaite» mit dunkelgriinen Gürteln(Nr. 10. CKae- tomorpha aerea). Viele Meertange sind bandartig, so die grüne Lanzett-Ulve(Unteromorplia lanoeolata, Nr. 3, links oben) und der gelbbraune, dnnkelpunktirte.Asperoeoeclls bullosus und der bandartige Pn»kt-Tang(Punctaria latifolia, Nr. 10, rechts unten). Andere stellen im kleinen bis ins unendliche verzweigte, purpurn oder dnnkelviolett gefärbte Buschwerke dar, ivie der unter Nr. 18, rechts unten, dargestellte Horntang(Ceramium diapha- num) und das äußerst zarte, karminrote Federbäumchen(CaUi- thamnion Plumula, Nr. 14, in der Mitte). Wieder andere gleichen flatternden, tief sepiabraunen, seidenglänzcndcn Wimpeln, ein Spiel des ewig bewegten Meereswassers, so die unter Nr. 0 an verschiedenen Stellen des Bildes zu treffende Porphyra leucosticta. In den tieferen Regionen treffen wir auch auf Korallenalgen, in Aufbau und Konsistenz so sehr an wirkliche Korallen erinnernd, daß fossile Formen dieser Kalkalgen in der Tat lange Zeit für vorweltlichc Korallen angesehen wurden(vergl. Nr. 11, in der Mitte ganz unten, dicht dem Fclsengrund anfsizend. CoralUna ofticinalisj. Zu den robustesten Formen, welche oft riesenhafte Ausdehnungen annemen, gehören die Brauntange(Fucoideen), von denen der Leser 3 Forinen in unserem Bilde dargestellt findet: den adriatischen Blasentang(Fueus 81>erardi, Nr. 1, oben links) mit gabeligcn Aesten, den leinblättrigen Beerentang, Sargassrnm linifoliurn(Nr. 13, in der Mitte des Bildes), der mcrere Fuß lang wird und einer schlanken, beblätterten Stengelpflanze gleicht, die anscheinend sogar Früchte trägt: leztere sind aber nur gestilte, mit Luft erfüllte Blasen, die als Schwimmorgan dienen. Dieser Tang hilft mit an der Zusammensezung der Tangwiesen verschie dener Meere, von denen die eine durch Colnmbus weltberümt geworden, da er vor seiner Entdeckung Amerikas im atlantischen Ocean erst eine schivinimcnde Wiese von Meertangen zu passiren hatte, die ihn vierzehn Tage aufhielt. Ein dritter Brauntang ist die bärftge Blasenkettc(Cystosira barbata, Nr. 21, rechts), von gelbbrauner, lederiger Konsistenz, wie die beiden vorgenanten, aber von sehr zierlichem Aufbau. Er komt in den ruhigen Buchten der Adria stellenweise so massenhaft vor, daß er die eigent- lichen Hochwälder in den Gärten der Nereiden bildet. Es ist unmöglich, in einem schwarzen Bild und durch beschreibende Worte einen Begriff von der Herrlichkeit der untergetauchten Gärten zu geben; selbst der Farbenpinsel des besten Künstlers würde umsonst versuchen, diesen Reiz der Farbcmpiele mariner Algen wieder- zugeben. Aber wer diese Gewächse an ihren natürlichen Standorten nur einmal gesehen, wird den Zauber derselben nie wieder vergessen. Wer ein mereres über das Leben und Treiben dieser feenhaften Gestalten zu erfaren wünschen möchte, der sei auf dasselbe Werk hingewiesen, das der Schreiber dieser Zeilen soeben unter dem Titel:„Jllustrirtes Manzenleben" in Lieferungen er- scheinen läßt, von denen bereits in früheren Nummern der„Neuen Welt" Notiz genommen wurde. Pros. vr. Ä. Todcl.Por«. Ein lorl Das Ende ein Ein heftiger Disput seiner Wirtsleute weckte den Dichter am nächsten Morgen. Trozdem sein Kopf noch wüst und ihm über- Haupt erbärmlich zu Mute war, hörte er doch die Worte Sam Ease's:„An dem ist Hopfen und Malz verdorben, glaub's mir, Mary, ich halte nicht soviel von deinem großen Dichter mer, vollends seit mir Nachbar Butcher erzält hat, daß dieser elende Schwächling eine schöne brave Frau und eine einträgliche Pfarre in Essex im Stiche ließ, nur um hier in London dem lüderlichen Leben nachgehen zn können.— Und dich wollte er glauben machen, seine Frau sei gestorben— der Mann ist— kurz und gut, ich verachte ihn——" „Aber Sam," begütigte die Frau,„du weckst den armen Bur- schen warhastig aus mit deinem Toben— ich will dir ja gern zugeben, daß er viel, nur zu viel verschuldete, daß er ein ganz anderer Mann hätte sein können— aber er ist doch einmal mein Pflegekind gewesen, das Haus seiner braven Eltern war meine Heimat mer als zwanzig Jare lang— er ist unheilbar krank, Sam, bedenke das, und laß ihn den Leichtsinn nicht entgelten, zu dem ihn schlechte Gesellschaft und allzu heißes Blut verlockten..." Der Mann brumte noch etwas, was der Lauscher aber nicht mer verstehen konte, der sich leise erhoben hatte und in sein schä- biges Wams geschlüpft ivar.„Meine gute Mary," murmelte er wärend des Ankleidens,„wäre ich nur immer in deiner treuen Lbhut gewesen"— er öffnete vorsichtig das kleine erblindete Fenster,„lind Ellen? Daß ich doch jezt so oft an sie denken muß! Ja, sie haben alle recht, alle— der brave Sam und Shakespeare, und Poins sogar, der spöttische Poins— alle— ich muß ein Ende machen"— er stieg hinaus—„lebt wol dort drinnen, ihr sollt um meinetwillen nicht mer zanken— vorwärts, zur Themse!" Er schritt der nächsten Brücke zu und lehnte bald in wilden, peinigenden Gedanken an der Brüstung. Schon fülte er, wie die rauschenden, unaufhörlich dahin rollenden Wogen ihn lockten, imnier tiefer beugte sich sein Kopf, da faßte jemand seinen Arm: „Holla, Greene, seid kein Narr!" Aufschreckend erkante der Unglückliche seinen bösen Engel, den dicken Sir John— Und anstatt das verpfuschte und vergeudete Leben durch einen mutigen Sprung in die Themse zu sühnen, ließ sich Greene von dem Ritter durch eine Anzal Vorstadtkneipen schleppen, um„Studien zu machen", wie Oldcastle spöttisch meinte. Sinlos trunken taumelte er spät Nachmittags in das kleine Haus zu Dowgate, zum Schrecken der treuen Mary. Sam Case war ausgegangen und erst nach langem Bitten und Zureden ließ sich der Trunkene bewegen, sein Lager in der Kammer aufzusuchen, das er nicht mer verlassen sollte. Denn wenige Stunden nachher erfolgte ein sehr heftiger Bluterguß, so daß die ratlose Frau schon glaubte, der Leidende werde ihr unter den Händen sterben. Sehr langsam nur gewann er das Bewußt- seiu�iind die Sprache wieder. Seine Kräfte waren jezt durch diesen neuen Anfall völlig ge- schwunden, wie es bei dem durch Ausschweifungen aller Art zer- rütteten Körper ja auch nicht anders sein konte. Seine ersten > Worte, als er das mitleidsvolle Gesicht der treuen Mary über sich erkante, lauteten:„Vergeudet und verlumpt— o, wie recht hatte dieser William: ,mit einem Fuß im Grabe'— das mich so trostlos und dräuend angrinst— von ewiger Langweile, von tatenlosem Schlaf nur spricht's zu mir— vom Gericht— hu, mich schaudert!— O, o, Mary, ich wollt' ich ginge mit dir noch einmal am schönen Orwell entlang und hörte seine krystallnen Wasser rauschen und murmeln von dem Lorbeer, der mir werden sollte— da war ich ein schuldlos Kind, und ich schwur es mir im Stillen, nicht Jpswich, nicht Suffolk allein, nein, ganz Bri- tannien sollte meines Ruhmes voll werden— und nun?!..." Er wante sich gegen die Wand und Schluchzen erstickte seine Stimme. Dann kamen schwere Stunden, bange, qualvolle Tage, Ivo der leztc Rest von Lebenskraft in dem immer mer und mer ver- fallenden Körper sich aufbäumte gegen den nahenden, bleichen Tod, der in den Phantasien des Kranken seine Hand herüber- streckte über die blutbefleckten Kissen und dem in, Fieberfrost Zitternden einen Lorbeerkranz entgegenhielt, den er aber, so oft ihn die hagere Hand des Kranken zu fassen versuchte, wieder zu- eerkranz. s Dichterlebens.(Schluß.) rückzog mit jenem spöttischen Gelächter, daß dem Dichter an dem Hochstraßenritter Poins stets so unleidlich gewesen. Tag und Nacht saß eines der beiden Wirtsleute an dem Sterbelager des Elenden, den sie als barmherzige Samariter von der Straße in ihr Haus genommen. Aber selbst der rauhe, vom Lebenssturm gefestete Sam sprang oftmals tieferschüttert vom Schemel auf, wenn er die Qualen und die fortwärendcn Selbstanklagcn des Dichters nicht länger mer mit ansehen und anhören zu können erklärte. Da, am Morgen des 3. September, verlangte der Kranke nach einigen Stunden fieberfreien Schlafes Schreibzeug und Fe- der vor jein Bett. Mary, die verwundert und kopfschüttelnd herbeitrat, brachte es endlich auf wiederholtes Verlangen. „Mir ist heut so leicht, wie kaum in meinen besten Tagen— ich fühle kein Brennen mer in den Lungen und frei hebt sich die wunde Brust— Dank, Dank, du Gute," lächelte er, indem er sich mit Hilfe seiner treuen Pflegerin in den Kissen zurechtrückte und den Kiel über das Papier hinfliegen ließ.„O, es get, es get, aber ich muß mich sputen— der Himmel will mir nur ge- rade Zeit lassen, daß ich noch sühnen kann, was zu sühnen eben geht— wie hoch bin ich in Eurer Schuld, Mary?" Immer mer erstaunte die Frau und wollte nichts von einer Schuld wissen, doch Greene bestand hartnäckig auf seiner Frage. Sam, der auch hereingekommen, meinte:„Ei, man soll einen Kranken nicht ärgern— schreibt zehn Pfund, und wir sind's zu- frieden!" Und Greene schrieb— schrieb an seine verlassene Gattin, sie möge ihm verzeihen, was er an ihr gesündigt, und den armen braven Leuten, die ihn in seinen lezten Tagen verpflegt, seine Schuld, in Höhe von zehn Pfund, begleichen, da er selbst so bettelarm, wie er einst die Welt betreten, wieder hinausgehe— „Der Himmel ist gerecht, du aber, Ellen, bist gerächt!" schloß der Zettel, den Sam nach Tollesbury zn bringen versprach. Hierauf ließ sich der Kranke aus der Tasche seines verschösse- neu Wamses einige beschriebene Blätter reichen, in denen er eifrig zu lesen begann. Gegen Mittag schwand ihm indes wieder das Bewußtsein, und er lag lange Zeit stumm und regungslos, ob- schon die blutlosen, unablässig zuckenden Lippen und die starr zur Decke gekehrten Augen einen heftigen inneren Kampf verrieten. Als aber ein einsamer, verlorener Stral der untergehenden Sonne durch das Fenster der Kammer über das Haupt des Sterbenden hinguckte, sezte sich dieser plözlich im Bette auf und murmelte hastig, mit den zitternden Händen seine Schläfen betastend:„Bei Gott, mein Lorbeer— mein Dichterkranz— endlich— endlich — Dank dir, England— ich sterbe ruhig—" Mary trat aus dem Nebenzimmer herein und hörte ihn noch lächelnd flüstern, wärend sie ihn sanft in die Kissen zurücklegte: „Ellen— Mary— ich habe meinen Schwur eingelöst— mit Lorbeer gekrönt— Verzeihung—" Der Sonnenstral erlosch plözlich. Die Blätter aber, darin er zulezt gelesen, waren gleich- sam sein Vermächtniß an Mit- und Nachwelt, eine kurze Bro- schüre betitelt:„Groschenwertcr Wiz, erkauft mit einer Million Reue"____ Am nächsten Tage rute der Tote in einem engen, ärmlichen Sarge, aber es dänchte der treuen Mary, die in stillem Gebete davor kniete, als verschönere ein gewisser friedenkündender Schein die verhärmten Züge und als erinnere nun erst dieses Toten- antliz sie so recht lebendig an den schönen Knaben in jenem lieben stattlichen Hanse zu Jpswich, dessen Jugend sie behütet. Und dann beschäftigte sie noch ein Gedanke: Der Verstorbene hatte in seinen Phantasien immer von einem Lorbeer gesprochen, den er verdient und den man ihm vorenthalten, und noch im Verscheiden lispelte er von diesem Dichterlorbeer. Nun hatte sie heut bei der Totenwäscherin drüben, bei der Frau des Toten- gräbers von Dowgate, um ein verräuchertes, unscheinliches Bild, das nach Versicherung seiner Besizerin die regierende Königin Elisabeth in ihrer Jugendblüte vorstellen sollte, solch einen Lor- becrkranz gesehen und so eigentlich was besonderes an den dürren Blättern von gefärbtem Papier nicht finden können. Frau Turn- bridge, die Totenwäscherin aber, der Mary von Robert Greene's Dichterruhm erzält, hatte schließlich den vergilbten Kranz vom Bilde der jungfräulichen Königin herabgelangt und huldreichst der„werten Mrs. Case" überreicht, wobei sie mit der ihr eigenen feierlich holen Stimme gesagt: „Man erfülle einem Toten den lezten Willen— unsere glor- reiche Majestät Elisabeth aber soll einen neuen Kranz erhalten an dem Tage, wo mein Mann für den reichen Bäcker nebenan, den Geizhals Wilson, die Grube schaufeln wird— wir müssen von den Toten leben, Frau Case, leider!"— lind jezt erhob sich die Betende und holte den Kranz aus dem Spinde, wohin sie ihn heut morgen gelegt, um ihn dem toten Dichter auf's Haupt zu sezen. Dann stand sie in stiller Verwunderung lange an dem Sarge, und als ihr Mann heim- kam und den seltsamen Schniuck gesehen hatte, schüttelte er zwar den Kopf, sagte aber nur:„Hilft dem armen Teufel doch zu nichts mer— na, man soll dem Toten seinen Willen lassen!"... Mit Recht sagt ein deutscher Literarhistoriker, I. L. Klein, in seiner„Geschichte des englischen Dramas", über diese Dichter- krönung:„Das selbst darbende Schnsterweib, das den lezten Sparpfennig dem Unglücklichen hingab, den Leichnam des von ihm verehrten Dichters mit Lorbeer krönend— der Dichter, im Todeskampfe eines von ihm selbst gebrandmarkten und verwor- fenen Lebens, inmitten der peinvollsteu Jammerlage, aller Leidens- tröstungen und Labsale, aller Freundes- und Familienteilname beraubt, nach dem höchsten Dichter-Ehrenpreise lechzend, den ihm eine armselige Schuflickerin, eine Elendsgenossin, an Stelle der gleichgiltigen, entfremdeten, seiner völlig vergessenen Mitwelt um die von Todesschweiß noch feuchte Leichenstirn flicht— das sind Atomente, die, unserem Gefül nach, dem in Wüstheit untergegan- genen Leben eines sprachgewanten, formenfertigen, ersindsamcn Vielschreibers von fraglicher poetischer Schöpfungskraft die tra- gische Dichter-Todesweihe geben. Das sind Momente, die jenes Leicheukrönungsbild in der dumpfigen, schmuzigen Schusterkranken- stube kunstwürdig, darstellungswürdig für Pinsel und Poesie er- scheinen lassen. Das ist eine Situation von tiefmenschlicher Rürungs- und Erschütterungskraft, die sie einer Tasso- oder Camoöns-Todes-Dichterkrönung schier au die Seite stellt, aus- gleichend das unzulängliche Genie durch die Unermeßlichkeit des Vcrlassenheits-Elendes im Tode eines von seiner Zeit eben noch gefeierten und nun, wie ein auf dem Dung verendender Hund, mit Abscheu und Ekel gemiedenen Dichters. Ja, eine Situation, die uns poetischer dünkt, als eine Petrarka-Krönung auf dem Kapital, von allem Glanz und Prunke eines rumesüppigen Dich- terlebens umflossen, und die einen solchen Lichtschein selbst über Grcene's Belialleben wirft, daß sein Schicksal von einem Dichter wie Shakespeare, wie Goethe oder Schiller dramatisirt, eine tragisch- poetische Wirkung von bewältigender Stärke hervorbringen könte." Das Spiel des Zufalls wollte es, daß just wie der Sarg des toten Dichters, dem außer seinen beiden Wirtsleuten nur ein par müßige Gaffer von der Gaffe das Geleit gaben, in der Halle des Kirchhofes niedergesezt wurde und Sam Case auf den Wunsch seines Weibes noch einmal den Deckel abnam, und alles sich um die lorbeergeschmückte Leiche drängte, daß die Zechergesellschaft aus dem„Eberkopf" lärmend und singend vorüberkam. Poms, der sich unter die Grabbegleitung gemischt, winkte die übrigen heran— man drängte die ärmliche Gruppe der Leidtragenden beiseite, und Oldcastle stierte plözlich erblaffend in das Toten- gesicht seines Freundes Greene. Der� Friedensrichter bekreuzte sich erschrocken, und selbst der tapfere schottische Clan murmelte etwas, das wie:„Gott segne seine Seele" klang. Poins flüsterte dem Ritter sehr vcrnemlich ins Or:„Das ist zum großen Teil Euer Werk, Sir John, und kann Euch dereinst im höllischen Feuer ein gut Teil Eures Fettes kosten. He, Bardolph," rief er laut,„wollt Ihr Eurem Zechbruder nicht Gesellschaft leisten da drüben? Ist zwar verdamt schmal, die Grube, aber unter Frau Speedy's Tische vertrugt ihr euch ja immer so ziemlich!" Der zitternde Friedensrichter bekreuzte sich auf's neue bei diesen gottlosen Reden, wärend der Ritter sich etwas gefaßt hatte und frivol bemerkte:„Für mich ist selbst neben diesem Häring kein Plaz, Poins, das seht Ihr ein— überdies ist unserem Dichter ja geholfen, der ersehnte Lorbeer ziert seinen Schädel— sprecht Amen und laßt uns gehen, Frau Speedy aber soll uns den Leichenschmaus anrichten-" Er brach jäh ab, denn mit zornblizenden Augen trat plözlich ein eben hinzugekommener junger, schöner Mann vor den Lästern- den:„Fort, du wandernder Bauch, zu nichts gut auf der Welt, als den Würmern einmal ein annembar Stück Fleisch zum Lei- chenschmaus zu liesern, was so gar lange nicht mer dauern kann — du graue Ruchlosigkeit, Pfingstochs und Sektfaß in einer Person, fort, sage ich, von dem Sarge dieses Mannes, der zwar ein reich angelegtes Leben, das im hellsten Sonnenschein begann, in der Nacht der Sünde und Verworfenheit endete, aber durch sein qualvolles Ende vieles gesühnt hat— laßt uns gerecht sein— denn wenn der große Versöhner ,Tod' erscheint, dann bereuen wir wol unsere Härte, nie aber unsere Milde: den Lor- beer, welchen ihm ein einfältig treues Gemüt um die Schläfen flocht, wird ihm die Nachwelt nicht neiden— o, über alle Weis- heit dieser Welt get das Mitleid eines einfältigen Menschenher- zens, das nicht von uns lassen will!— Robert Greene war ein Dichter, ich bezeuge es, nicht sein Freund, aber ein ausrichtiger Mann, der für seine Worte einzutreten bereit ist— William Shakespeare nent man mich!" Scheu und schweigend war wärend der lezten Worte des Fremden das saubere Vierblatt aus der Halle verschwunden.... Shakespeare aber warf noch eine Hand voll Erde dem Toten nach, und als er über die Schwelle des Friedhofes wieder heraustrat auf den belebten, vom Hcrbstsonnenschein übergoldeten Plaz, murmelte er gedankenvoll vor sich hin:„Tllere is the hurnour of it: to be or not to be!— The reste is Bilence!"*) A. St. *) Das ist der Humor davon: Sein oder Nichtsein! Der Rest ist Schweigen! Heiße In seiner packenden Bildersprache gebraucht Shakespeare an verschiedenen Stellen seiner Stücke den Ausdruck: heißes Eis, um eine unmöglich scheinende Vereinigung von Gegensäzen an derselben Person zu bezeichnen. Dem allgemein zugänglichen Er- farungskreis aus dem Naturwirken entnommen, in dem sich zeigt, daß jederzeit Eis von Hize und Hize von Eis zum Verschwinden gebracht, sozusagen mit Begier aufgezehrt wird, kann dieses Bild heut einem jeden sofort die Vorstellung des Dichters vcrgegen- wärtigeu und wird auch künftighin allzeit verstanden werden. Das leztere jedoch von nun ab nicht mer one Zweideutigkeit; und es stet deshalb zu vermuten, daß Shakespeare, wenn er heut lebte, diese Redewendung nicht mer benuzen ivürde, nachdem sein Landsniann Thomas Carnelley durch exaktes wissenschaftliches Experiment gezeigt hat, daß unter besonderen, künstlich hergerich- teteii Umständen auch festes Eis genötigt werden kann, eine der gewönlichen Sicdhize des Waffers entsprechende Wärmemenge, one Veränderung seines festen Zustaudes, aufzunemen und die hohe Temperatur bei Fortdauer als Eis zu bewaren. Stach den von Carnelley im 40. Bande der Chemikal News, Seite l30 gegebenen vorläufigen kurzen Mitteilungen, denen er verspricht eine Veröffentlichung der Einzelheiten über die Art und s Eis. Anwendung seiner Experimente und eine eingehende Darstellung der Resultate dieser Arbeiten recht bald folgen zu lassen, ist er bei Gelegenheit von Untersuchungen über den Siedepunkt von Flüssigkeiten unter vermindertem Druck zu der Folgerung gelangt, daß es möglich sein müsse, Eis in Temperaturen zu versezen, die weit über seinem Schmelzpunkt liegen, und umgekehrt, daß man unter denselben Bedingungen heißes Wasser müsse zum Er- starren bringen können, one ihm vorher die den termometrischen Eispunkt übersteigende Wärme zu entziehen. Es sind zwei Haupt- säze, die Carnelley zunächst als Schlußfolgerungen aus seinen Experimenten aufstellt. Nämlich: 1. daß auch der stärkste Druck nicht genüge, um ein Gas zu einer Flüssigkeit zu verdichten, salls nicht gleichzeitig dessen Temperatur bis zu einem bestimten Punkt erniedrigt werde. Andrews»ante diese Minimaltemperatur die „kritische Temperatur" des bezüglichen Gases. 2. Um cineu festen Körper schmelzen zu können, muß derselbe einem gewissen Druck unterworfen sein, der nicht unter ein bestimtes Minimum sinken darf, da unterhalb desselben auch durch die größte Hize das Schmelzen des Körpers nicht bewirkt werden kann. Carnelley schlägt vor, diesen für die Möglichkeit des Schmelzens eines Kör- pers kleinsten Druck dessen„kritischen Druck" zu nennen. Der erste Saz, welcher die Bedingungen für Verflüssigung von Gasen enthält, ist ivol von Carnelley wesentlich deshalb hier wieder aufgestellt, um den zweiten in einem gewissen Gegensaz dazu, als eine Art Umkehrung formuliren zu können. Denn er ist keineswegs neu! Nachdem schon Cagniard Latour gefunden hatte, daß Ichwefeläter bei einer gewissen höheren Temperatur unter keinem Druck verflüssigt werden könne, zog Faraday daraus den Schluß, daß bei starkem Druck allein nicht verdichtbare Gase es wol werden tönten, wenn sie gleickzeitig durch Kälte erzeugende Mittel stark abgekült würden. Indem er in Glas- rören stark komprimirte Gase in einem Bad von starrer Kolen- säure und Schwefeläter unter die Luftpumpe brachte, um die Verdunstung der lezteren Substanz noch zu beschleunigen, gelang es ihm, Aethylengas, Schwefelwasterstoff, Fluorkieselgas, lezteres bei 110 Grad Kälte und!1 Atmosphären Druck, flüssig zu machen. Nach änlichen Verfaren sind nachher noch vielerlei andere Gase verflüssigt worden. Die mechanische Wärmeteorie läßt uns die Vorgänge dabei ganz gut einsehen. Wir wissen, daß die einem Gase zugefürte Wärme entweder Temperaturerhöhung desselben bewirkt, die wir mit dem Termomcter messen können, wobei zu- gleich seine Spannung erhöt wird, oder aber eine Volumenver- merung oder Ausdehnung, wenn das Gas nämlich sich in einem Gefäße befindet, dessen eine Wand verschiebbar ist(wie z. B. im Cylinder der Danipfmaschine), und wobei die Spannung dieselbe bleiben kann; im lezteren Falle zeigt das Termometer keine Wärmezuname an: die zugefürte Wärme ist durch Vermittlung der Ausdehnung des Gases in mechanische Arbeit übergegangen. Die Wirkung der Zufürung von Wärme auf ein Gas ist also in dem einen Falle eine Vcrmerung der Anzal der Vibrationen seiner kleinsten Teile oder Temperatur- und Spannungserhöhung, im andern Vcrmerung der Schwingungsweite der Moleküle, die zur Ausdehnung des Volumens fürt. Umgekehrt nun fürt er- sarungsgemäß die gewaltsame Verringerung der Schwingnngs- weite der Moleküle eines Gases durch Zusammenpressen zu einer Vermerung der Anzal der Vibrationen der Moleküle oder zu Temperaturerhöhung und daher zu verincrter Spannung. Da ' eine solche Spannung oder nach allen Seiten wirkender Druck nur eine Eigenschaft der Gase, nicht aber der Flüssigkeiten ist, und da sie der von außen versuchten weiteren Kompression des Gases entgegenwirkt, so ist leicht zu verstehen, daß one Entfernung dieser auf's neue Spannung erzengcndcn Wärme aus dem Gase ein Flüssigwerden nicht stattfinden kann. Es ist daher die An- lvcndung hoher Kältegrade durch künstliche Kältemischungen an gezeigt. Tie Bedingungen, unter denen Flüssigkeiten verdampft oder vergast werden, sind als ganz in gegensäzlicher Uebercinstimmung mit den oben erläuterten für das Flüssigwerden von Gasen befind- lich bekant: Erleichterung der Vergasung oder geringerer Wärme- verbrauch bei vermindertem Druck, vermcrter Wärmeverbranch bei erhötem Druck. Diese Erfarungen sehen wir in ausgedehntem Maße praktisch nuzbar gemacht z. B. beim Zuckersaftkochen im Vakuum und andrerseits bei der Verwendung von Hochdruck- dämpfen. Ucber den Zusammenhang des Schmelzpunktes verschiedener Körper mit dem natürlichen atmosphärischen oder künstlich ver- wertem oder vermindertem Druck liegen bisher nur wenig Ver suche vor und noch keineswegs genügende ivissenschaftlich-physika tische Erfarungen. Bei den Bketallen hindert der hohe Schmelzpunkl vorläufig noch solche Versuche. Es haben, wie natürlich ist, die Forscher zuerst ihre Aufmerksamkeit auf die am allgemeinsten ver- breitete Flüssigkeit, das Wasser und dessen festen Zustand, das Eis, gerichtet. James Thomson in Belfast hatte, fast gleichzeitig mit Elausius in Zürich, und zwar beide gestüzt auf die mccha- nische Wärmelehre, aus teoretischen Erwägungen über die Wärme geschlossen, daß durch Druck der Schmelzpunkt von Stoffen er- niedrigt werden müsse. W. Thomson in Glasgow, des obigen Bruder, bestätigte durch den Versuch diese Teorie für das Wasser. Er fand, daß für jede Atmosphäre Ueberdruck über den gewön- lichcn der Schmelzpunkt des Wassers sich 74 iox» Grad C. erniedrige, also bei 100 Atmosphären Druck um ungefär 3/« Grad C. Bunscn aber untersuchte infolge dieser Entdeckung den Schmelzpunkt anderer Körper bei erhötem Druck und machte gerade die gegen- teilige Bemerkung. So erstarrt z. B. Walrat unter gewönlichem Lustdruck bei 47/? Grad C., unter einem Druck von 141 Atmosphären aber schon bei 50.5 Grad 0. Der Schmelzpunkt ist also hier durch Druck erhöt worden, nicht aber erniedrigt. Dieser Gegensaz berut auf den das Wasser vor allen andern Flüssigkeiten auszeichnenden Ausdehnungsvcrhältnissen. Es besizt bekantlich seine größte Dichte bei 4 Grad Wärme, so daß es sich bei weiterer Abkülung bis zum Gefrierpunkt ausdehnt und Eis bei nur 0,92 der Dichtigkeit des Wassers auf demselben schwimt. Wenn man nun ein Gemenge von Eis und Wasser, das bei natürlichem Druck beständig 0 Grad zeigt, einer starken Pressung in einer hydraulischen oder andern Druckvorrichtung unterwirft, so sinkt die Temperatur und das Volumen vermindert sich, wä- rend die Wirkung des Druckes eine Steigerung der Temperatur ist, wenn man nur Wasser von 0 Grad in dem Apparat hatte. Die Temperaturerniedrigung im ersten Fall ist begleitet vom Schmelzen eines Teils des Eises und auch durch diesen Umstand allein erklärlich. Durch das Zusammenpressen wird bei Eis, wie bei jedem Körper, das Volumen verringert. Allein, dieses klei- nere Volumen komt an sich nur deni flüssigen Wasser zu, und indem man ein größeres Volumen Eis durch Druck sozusagen hineinzwängt in das eines gleichen Gewichts Wasser, erteilt man ihm auch die Eigenschaften des flüssigen Wassers. Es besizt aber ein größeres Quantum von Molekularbcwegung als Eis(Be- weis das sogenante Latentwerden von Wärme bei Schmelzen von Eis!), und die durch Druck zu Wasser verflüssigte Quantität Eis muß diese für den flüssigen Zustand nötige Menge Molekular- bewegung notwendigerweise dem übrigen Teil von Wasser und Eis entziehen: das Gemenge besizt nun eine Temperatur unter 0 Grad, one daß sich bei gleichbleibenden Verhältnissen Eis oder Wasser in ihrem Verhältnis vermcrcn oder vermindern. Wird der Druck aufgehoben, so erstarrt sofort wieder ein Teil des Wassers und die Temperatur steigt auf genau 0 Grad.*) Wir haben hier also die bemerkenswerte Erscheinung, daß Eis zum Schmelzen gekommen ist, one daß Wärme zngcsürt wurde; viclmer ist das einzig Wirksame dabei, also die Ursache, in dem Druck zu suchen. Die Tatsache, daß der Schmelzpunkt oder Gefrierpunkt vom Wasser in Abhängigkeit von dem äußern Druck stet, ist also eine schon feststehende. Es sei aber nochmals darauf Hingewiese», daß diese Einwirkung sich bei andern Körpern in gegensäzlicher Weise geltend macht: erhöhter Druck erniedrigt bei Wasser, das beim Schmelzen sein Volumen verkleinert, den Gefrierpunkt,— bei andern Korpern, die sich nach dem Schmelzen ausdehnen, wird dieser Tempcraturpnnkt der Verflüssigung oder Erstarrung erhöht. Es liegt nämlich hier das kleinere Volumen des komprimirte» Körpers in der Ausdehnungsweise des festen Körpers unter seinem Schmelzpunkt, und dieser muß durch Druck um ebensoviel erhöht werden, als das Volumen des komprimirten Körpers unter dem Volumen des bei natürlichem Druck schmelzenden Körpers liegt. Indem es nun also Carnelley, nach vielen vergeblichen Ver- suchen, wiederholt gelungen ist, Eis darzustellen, das so heiß war, daß man das Gesäß, in dem eS sich befand, nicht anfassen konte, one sich zu verbrennen, scheint man es nur mit einer Umkehrung des angefürten NatnrgesezeS für Wasser zu tun zu haben; statt der Formel: erhöhter Druck— erniedrigter Schmelzpunk, haben wir: erniedrigter Druck— erhöhter Schmelzpunkt. Das Bc- merkenswerte ist nur, daß die Verhältnisse von Druck, Schmelz- pnnkt und Temperatur hier etwas andre zu fein scheinen. Im obigen Fall entsprachen etwa 135 Atmosphären Druck einer Schmelzpunkternicdrigung von l Grad, hier behauptet �Earnelle», Eis von Temperaturen Iveit über den gewönlichen Siedepunkt lange aufbewart zu haben, das sich durch Verdampfen oder Sublimiren verzehrte, one vorher zu schmelzen. Es ist zunächst in Carnelley's Experiment die Abweichung des Drucks von den normalen Verhältnissen nicht minder groß, denn sein„kritischer Druck"(der Ausdruck ist, wie nian aus dem vorhergehenden siet, nicht ganz im analogen Sinne mit Andrews'„kritischer Tempe- ratur" zu nemen) beträgt hier sogar nur etwa Vier, des Atmosphärendrucks. Er mußte also mit der Luftpumpe die normale Barometcrhöhe von 700 Millimeter Quecksilber bis auf 4,0 Milli- meter herabbringen. Dem Umstand aber, daß Eis hart und fest bleiben und dabei eine Temperatur bis gegen, ja über Siedchize anneinen könne, benimt die Vergegcnwärtigung folgender Tatsachen den Anschein des Wunderbaren. Um 1 Pfund Eis von 0 Grad in 1 Pfund Wasser von 0 Grad umzuwandeln, bedarf ») Die Tatsache, daß Wasser bei vollkommenster Ruhe an der Lust bis 5 Grad unter Null, im lustleere» Raum sogar bis IL Grad erkaltet iverden kann, one zu gefrieren, was aber sofort geschiet, wenn man eS schüttelt, und wobei sich teilweis Eis, teilweis Wasser von 0 Grad ergibt, gehört in eine andre Kategorie von Erscheinungen, da sie mit Druck nicht zusammenhängt. D. V. 320 man 79 Warmcciiihcilcii, also ein Quantum Wärme, das einem Pfnnd Wasser die Temperatur von 79 Grad erteilen käute. Beim Schmelze» von Eis verschtvindet sie für die Termometcra»zeige vollständig; sie existirt eben nicht mer als Wärme in dem Wasser, sondern als chemische Eigenschaft, flüssiger Zustand des Wassers, die unter anderen Umständen wieder mit ihrem Wärme- oder mechanischen Aeguivalcnt zum Vorschein komt. Hat Man nun die Abhängigkeil des Schmelzens von Eis vom äußeren Druck erkant und beim Experiment das Druckmaximum 4,6 Millimeter Quecksilbersäule oder'/i«s Atmosphäre nicht überschritten, so ist einzusehen, daß man alsdann das Eis bis auf 156 Grad erhizen tan», ehe es nur die beim Schmelzen sonst unfülbar flatcnt) werdende Wärme aufgenommen hat, wenn man die von Person als ipezifische Wärme des Eises unter 0 Grad gefundene Zal v,5lM auch hier vorläufig als richtig gelten läßt(wonach also Eis nur ungesär einer halb so großen Wärmeznfur bedarf, um in seiner Temperatur um 1 Grad erhöt zu werde», als Wasser). Falls Eis, das nach dem Versaren von Carnclley bis auf 156 Grad erhizt war, nun plözlich dein normalen Druck ausgesezt wird, so muß es sofort schmelzen und dabei diese ganze, die Siedehize übersteigende Temperatur zum Verschwinden kommen, sodaß wir Wasser von 0 Grad aus dem heißen Eis erhalten. Ob Carnclley diesen Versuch angestellt hat, ist aus den vorläufigen Mitteilungen in den Chemical News nicht zu ersehen. Jedenfalls bieten die aus Carnelley's Experimenten zu ziehen den Schlüsse, wenn auch nicht Wunderbares, außerhalb des Kreises bisheriger Ersarungen Stehendes, wie der naturliebhabernde und zugleich sensationshungrige Teil des Publikums bei jeder neuen Entdeckung in der Wissenschast es gern haben möchte, so doch einen in rein wissenschaftlicher Beziehung zunächst hochinteressanten Stoff: vielleicht erhalten wir durch Ausbeutung desselben tiefere Aufklärungen und Einsichten in die für den flüssigen Zustand der Körper notwendigen Bedingungen und in das Wesen der Aggregat zustände überhaupt? Tie in Aussicht stehenden eingehenden Ver- öffentlichungen Carnelley's bieten vielleicht schon Gelegenheit, wich- tigc physikalische Folgerungen hier weiter zu erörtern. R.-L. Wie soll man für das Volk fchreiben? Eine Erörterung pro domo. (Schluß.) Sein eignes Verhältnis zur Welt verstehen— weiter brauchten die Leute nichts, die sich- fälschlich!— Realisten nennen, um zu begreifen, daß sie es sind, die sich der gröbsten Selbsttäuschung hingeben. Geben die Bilder, in denen sich die Welt in unfern Sinnen spiegelt, die Welt, d. h. alles, was da ist, unsre Nebenmenschen insgesamt eingeschlossen,— geben diese Bilder uns den Begriff des Waren? Diese Bilder aber sind unendlich weit davon entfernt, übereinzustimmen— millionenfach verschieden stellen sie sich dar in den rnillionen der verschieden gearteten Menschen, die Warheit aber ist bekantlich doch nicht ein Chamäleon, das je nach der Farbe seiner Umgebung die eigne charakterlos wechselt!? Bersezen wir uns einmal mitten hinein ins praktische Leben! Ich kann den Lesern zwei Exemplare des Genus domo vorstellen, zu der Spezies der Federhelden gehörend, der eine ein Zeitungs- schreiber von keineswegs schlechter Qualität, der andre ein Mann der Wissenschaft, jeder Freund des andern, beide Realisten, beide grundehrliche, tapfer strebende Menschen, beide felsenfest überzeugt, daß jedes Wort, was sie schreiben, aus dein läutern Feingold unverfälschter Warheit bestet, und jeder in seinen Schilderungen von Welt und Leben, Natur und Menschen der diametrale, schroffste, unversönlichste Gegensaz des andern. Zum Beispiel! In dem Wonorte unsrer Realisten lebte ein reicher Kaufmann, den beide genau kanten. In der Gründer- ära hielt sich der Mann zwar von allen unsoliden Geschäften sauber, aber er dehnte sein Geschäft weit über dessen ursprüug- liche Grenzen aus,— es konte uns guten Deutschen damals ja garnicht felen, ein riesiger wirtschaftlicher Aufschwung hatte, wie jedermänuiglich bewußt, mit dem siegreichen Schluß des großen Franzoseukricges seinen Anfang genommen, man brauchte, zumal wenn man Kaufmann oder Industrieller war, nur die Taschen recht weit aufzumachen, damit die Goldfüchse recht bequem Ein- gang fanden,— wenn sie kamen. Aber bei der ungeheuren Merheit, die so spekulirt hatte, kamen sie nicht, und das trü- gerische Morgenrot des wirtschaftlichen Aufschwungs verwandelte sich verzweifelt rasch in das Gewitterdunkel eines rapiden Wirt- schaftlichen Niedergangs, dem ein schier endloser Landregen sozialer Misere folgte, nachdem das Gewitter sich in Bliz und Donner ausgetobt und in hohe und niedere Häuser einschlagend, überall Zerstörung und Entfaen verbreitet hätte. Zu den Häusern, die der Bliz traf, gehörte das des noch vor einem Jare reichen, hoch- angesehenen Kaufmanns. Er stellte seine Zalungen ein und bt hielt nichts übrig, als ein parmal hunderttausend Mark Schulden. Der für das gesamte Publikum der betreffenden Stadt gänzlich unerwartete Sturz machte ungeheures Aufsehen; der Staats- auwalt ftilte sich verpflichtet, einzuschreiten,— man sprach von grober Farlässigkcit, welche den Bankerott verursacht habe. Der Kaufmann wurde in Untersuchungshaft genommen, sein Weib und seine Kinder, darunter ein erwachsener Son, verschwanden. Sie hätten die Schande nicht ertragen können, erzälte man sich. Im Laufe der Untersuchung kam der Staatsanwalt auf den Verdacht, daß kurz vor dem Zusammenbruch des Geschäfts von dessen In- haber Gelder beiseite geschafft worden seien. Ter Bankerotteur leugnete anfangs, aber die Indizien häuften sich und endlich gestand er, daß er 15000 Taler im Ausland in für ihn sicheren Händen deponirt hätte, aber erst, als ihm unzweifelhaft geworden, daß dem Bankerott nicht mer zu entgehen sei, und nur zu dem Zwecke, sein armes Weib und seine teuren Kinder vor dem völligen Untergange im Elend zu retten. An der Tatsache des Bankerotts hätte diese, allerdings gesezwidrige Handlung nicht das Geringste geändert, auch die Beeinträchtigung der Gläubiger wäre nicht von Belang, da sie sämtlich reich seien und alle durch die zum Teil mer als dreißig Jare alte Geschäftsverbindung mit ihm zwanzig- und dreißigmal mer verdient, als sie jezt verloren; ftir seine Familie, die übrigens von der ganzen Manipulation noch heut keine Ahnung hätte und im fernem Ausland vor jeder Verfolgung in Sicherheit wäre, habe es sich um Leben und Tod, um eine leidliche, gedeiliches, ehrenvolles Schaffen ermöglichende Existenz, oder um sicheres Darben und Verkommen, um alle die für einst Wolhabende doppelt furchtbaren Schrecken eines Bettler- dascins gehandelt,— so schwer es ihm geworden, er hätte nicht anders handeln können, auf jede Gefar hin. Damit hatte der Prozes ein anderes Gesicht angenommen. Nicht mer um farlässigen Bankerott drehte es sich, sondern um einen betrügerischen; und nicht Gefängnisstrafe, sondern zwei Jare Zuchthaus brachte er dem Kaufmann ein. Am Tage nach der Urteilsfällung fand man den Mann in der Gefängniszelle erhängt. Von seinen Angehörigen hörte man nichts mer. Vier bis sechs Wochen bildete diese Angelegenheit noch das Tema der allgemei- nen Unterhaltung, dann begann man sie zu vergessen. Unmittelbar nachdem der soeben zugrunde gegangene Kaufmann freiwillig von der Büne des Lebens abgetreten war, empfing ich zwei Berichte über sein Schicksal. Der eine, von der Feder des erwänten Zeitungsschreibers, war abgedruckt in einer großen Zei- tung; der andere bildete den Hauptinhalt eines Brifes von der Hand seines Freundes, des wissenschaftlichen Schriftstellers. In den soeben erzälten Tatsachen stimten beide übercin. Beide jedoch hatten weitere„Taffachen" hinzugefügt, deren eine Reihe zu der andern sich verhielt wie Weiß zu Schwarz. Tatsache und für jeden Menschen von Verstand und Herz unleugbar sei, daß der Kaufmann k. ein an der unbarmherzigen Ungunst widriger Verhältnisse gescheiterter ehrlicher und Pflicht- treuer Mann gewesen sei, den das Mitleid aller guten Menschen zu Grabe geleitet habe. Es sei ja klar, daß X. als tüchtiger Kaufmann die allgemein als günstig angesehenen Konjunkturen habe bennzen müssen; daß er sich geirrt habe, wie sich alle irrten, werfe gewiß keinen Schatten auf ihn. Daß er alle Hebel in Bc- wegung gesezt, sein Geschäft zu retten, dabei wie ein Berzweifel- tcr gerungen und wie ein Märtyrer gelitten, sei erwiesen; als aber alles umsonst gewesen, da habe er die Pflicht gesült und gehabt, die Seinigen nicht mit in seinen Untergang hineinzu- ziehen, er habe gewußt, daß er sich damit höchstwarschcinlich dem Zuchthaus überliefere— aus Liebe zu seiner Familie jei er festen Schrittes der Entehrung und dem Tode entgegengegangen. Das sei, so sehr es gegen die bestehenden Geseze verstoße, vor dem Richterstule einer höheren Moral gerechtfertigt und der Tod sei die sicherlich viel zu schwere Buße für solche Handlungsweise. So der Journalist. Der Mann der Wissenschaft schrieb, ich solle mich über den aller Vernunft und Moral ins Gesicht schlagenden Artikel seines Freundes nicht argem— dieser sei offenbar jezt völlig zum Narren einer tränenseligen Humanität geworden. Der Kaufmann habe sich in der ganzen Angelegenheit offenbar als gemeiner Betrüger und Dieb, als ein leichtsinniger, gewissenloser, verlogner und seiger Schuft bewiesen, der das Vertrauen seiner Geschäftsfteunde schnöde gemisbraucht und sich nicht geschämt habe, seine Familie zu Mitschuldigen zuchthauswürdiger Verbrechen zu machen und sich zur Beschönigung seiner Nichtswürdigkeit auf sein Vater- und Gattengefül zu berufen. Nicht einmal Mut genug habe der Mensch gehabt, sein wolverdientes Schicksal zu ertragen, feig habe er sein Leben hingeworfen, die allgemeine Verachtung, der er anheim- gefallen, sei seine gerechte Strafe. Was meinen die Leser, wer recht gehabt von den beiden „Realisten"— wessen Meinung die Warheit zum Ausdruck bringt? Sollte man nicht meinen, daß man viel, ser viel genauer mit dem Fall bekant sein müßte, um das hier erzälte ergänzen und ein einigermaßen sicheres Urteil abgeben zu können, meinen sie nicht, daß nian deni Kaufmann Zt. wenigstens monatelang ins Herz gesehen, jeden seiner Gedanken belauscht, jedes seiner Gefüle kon- trolirt haben müßte, um überhaupt ernsthaft urteilen zu dürfen? Und wenn in diesem einen Falle der lauteren, unzweifelhaften Warheit so schwer auf den Grund zu kommen ist, sollte es da leichter sein bei den tausend und abertausend anderen Gescheh- nissen des Menschenlebens, die jaraus, jarein kaleidoftopisch ab- wechselnd an uns vorüberziehen? Reicht nicht jedes einzelne Ereignis mit seinen zartesten Wurzelfäserchen hinab bis in die zu allermeist unergründlichen Schachte der Menschenherzen, bis in die geheimnisdüsteren Tiefen der verwickeltsten sozialen Ver- Hältnisse? Was ist nun war— das, was an der Oberfläche des Alltagslebens erscheint, und selbst jedem Hans Narren, der Augen hat zu sehen und Oren zu hören, auffallen muß, was deshalb von den Herren Realisten als das einzig Ware so glatt und platt, wie es ist, geschildert wird, oder was da tief unter der Oberfläche geschiet und was man nur ahnen und vermuten, nur erdenken und erdichten kann, nicht mit Händen zu greifen, sinlich getreu abzuzeichnen oder gar zu photographiren vermag? Nein, ihr Realisten, Handwerker, meinetwegen Kunsthandwerker des Geistes, so leicht, wie ihr gern möchtet, ist das geistige Schaffen nicht: das Ware ist das nicht, was euch als Wirkliches erscheint, und was in dem lichten Kopfe des Hinz hell und klar, in dem Dämmerschädel des Kunz dunkel und verschwommen und in jedem anders organisirten Hirn anders sich zeigt. Wenn ihr aber die Welt genau so, wie sie euch in die groben, äußerlichen Sinne fällt, dem Volke schildert, so habt ihr die ein- zige Entschuldigung, die es für solch' jämmerlichen Abklatsch gibt, nicht, die, daß ihr war seid. Im Gegenteil, just im Gegen- teil: der Abklatsch muß unwar, muß grundfalsch sein, es ist garnicht anders möglich. Und wie derjenige, der da meint, man brauchte das, was man siet und hört, was man fült, schnieckt und riecht, nur zu schildern, wie man es siet, hört, fült, schmeckt und riecht, um dein Volke die Warheit auf dem Präsentirteller entgegenzubringen und das höchste zu leisten in Kunst und Wissenschaft, wie der, sage ich, garnicht weiß, was Warheit ist und wie die Welt er- scheint, so hat der keine Ahnung von dem Wesen des Edlen, Großen, Geistreichen, Schönen, der an daffelbe mit dem Zweifel herantritt, ob es denn mer geeignet sei als das vermeintlich Ware, als höchster Zweck der Kunst zu gelten, da es doch grade so gut nur ein vermeintlich Edles, Schönes u. s. w.— da der Begriff des Edlen und Schönen wechsele mit der Auffassungs- fähigkeit des Individuums, also unbestimt und unfaßbar sei, genau so, wie das wirklich und warhaftig Ware. Der Unterschied zwischen dem, was als war angenommen wird und was schön ist, fällt auch in dieser Beziehung dem ernst- Haft Untersuchenden als ein außerordentlich großer ins Auge. Er bestet darin, daß das Schöne, Edle, für einen bestirnten, weit- gehenden Kreis von Menschen jeder Zeit und aller Zeiten, sofern sie überhaupt Kulturmenschen genant ru werden verdienen, im großen und allgemeinen troz alles Meinungsstreits im kleinen und besondern, ein bestimtes, unwandelbares ist. Was den alten Griechen vor mer als 2000 Jaren für schön galt, ist es auch für uns heute noch, und wird es bleiben, solange es Menschen gibt. die mit wesentlich gleichem Erkentnisvermögen, wesentlich gleichem Empfinden begabt sind. Das ist schön, was dir gefällt in Augenblicken, in denen du dich fteifülst von unlauteren, dein Urteilsvermögen beirrenden Empfindungen, wie lüsterne Sinlichkeit z. B. eine ist, und wie sie wol keinem Menschen, auch dem besten nicht, in allen Phasen und Momenten seines Lebens fremd und fern geblieben sind, von jenen Empfindungen, die wol ein Helles Aufflackern der Lust in uns hervorrufen können, aber durch die Unlust als verwerflich gekenzeichnet sind, welche ihnen allezeit, nur in ganz rohen Ge mütern wenig bemerklich und garnicht belästigend und niederdrückend, folgt. Das ist groß und geistreich, was einem durch Denken ge- schärften, durch Wissen erweiterten Urteilsvermögen als groß und geistreich erscheint. Und das ist edel, was von dem in seinen Handlungen als gut, brav, gesinnungsrein bewärten Menschen als edel erkant, an- erkant wird. Drum:„wer den Besten seiner Zeit genuggetan, der hat gelebt"— und in der Kunst gewirkt— für alle Zeiten. Den Besten und nicht den Massen. Die Massen sind das Holz, aus dem die Guten geschnizt werden sollen. Der Künste erhabene Aufgabe ist es, diese Arbeit zu vollbringen. Daß dieses Holz in seinem Kern, in seinen innersten Anlagen gut und tüchtig ist, das bestreitet niemand weniger und glaubt niemand fester als der Verfasser dieser Arbeit; denn wäre der Stamm des Baumes der Menschheit— und das sind doch troz alledem die Massen, der große Haufen— wäre er kernfaul, so wäre das Los der Menschheit nicht, in der Kultur, in der Geistesentwickung und Sittenveredlung fortzuschreiten, sondern um- gekehrt— zurückzugehen, in Roheit oder Raffinement, in Stupi dität und Verbrechen zu verkommen. Und daß dieses das der Menschengesamtheit von den Natur- gesezen des Werdens und Vergehens der Welten bestimte Los sei, dem widersprechen die Lehren der Kulturgeschichte, dem wider- spricht auch das gesamte menschliche Gefül in jeder Brust, in der es sich überhaupt findet. Aber der Kern muß von der Schale der Barbarei, von den Auswüchsen der Verwilderung befreit werden, damit seine Taug- lichkeit sich zu bewären vermag, seine Keime sich entfalten können, und daß dieses geschiet, daran hat niemand ein größeres Interesse, als dieser Kern selbst, als die Massen, deren Mangel an geistiger Entwicklung und gemütlicher Veredlung die einzigen Rechtstitel für Unterdrückung und Uebervorteilung aller Art, gleichwie den hauptsächlichen Grund für das menschliche Elend bildet. Dieser Besreiungs- und Läuterungsprozeß ist grade deswegen ein so langwieriger und schwieriger, weil seine Bedeutung auch von den Volksmassen der Gegenwart kaum geahnt wird, und weil die aus den Massen durch intelleftuelle oder materielle Vor- züge, infolge des Zufalls der Geburt oder sonstiger Schicksals- gunst hervorragenden entiveder an deniselben Einsichtsinangel leiden oder sich genügen lassen mit den größeren Reichtümern an geistigem und gemütlichen Besiz,� dessen sich ihre eigne werte Person vermeintlich oder wirklich erfreut. Dank beidem,— diesem Erkentnismangel und dieser Gleich- giltigkeit, wuchert die üppige Schlingpflanze der schlechten Lite- ratur hoch empor, der Literatur, die nur danach fragt, was dem Volke gefällt, für das es seine gar sauerverdienten Groschen mit Behagen hinauswirft. Aber jeder Tropfen aus dem Kelche, den die Schreiberseelen der„allgemeinbeliebten" Kolportageromane z. B. dem Volke kre- denzen, ist Gift, und jede Stunde, die ein Mensch auf Lektüre verwendet, die nur geeignet ist, ihn zu unterhalten und nicht ihn zu veredeln oder zu belehren, ist verloren,— verloren aus einer Reihe von Mußestunden, die so kurz ist, daß jede einzelne Minute mit aller Macht des Verstandes zu Rate gehalten werden sollte. Und wir, die wir das wissen, die wir unser Leben und alle unsre Kräfte— seien sie immerhin so schwach, wie sie mögen— der Mitarbeit am großen Kulturtverk der Menschheit gewidmet haben, sollten nicht ausschließlich um den Beifall der Besten, sondern um die Gunst der Massen bulen? Niemals! Die Viktor Hugo Feier i» Paris. Zunächst muß ich das Ge- ständnis ablegen, daß ich Viktor Hugo nicht leiden kann. Ter erste Blick auf einen Menschen bestimt, wie man weiß, häufig unser Urteil fiir's Leben. So ging mir's mit Viktor Hugo. Nur, daß dieser erste Blick nicht Viktor Hugo selbst traf, sondern nur seine Photographie. Indes von allen Portraitmalern ist die Sonne troz alledem und alle- dem bis dato noch der beste*), und hätten wir von den hervorragenden Menschen der Vergangenheit Photographien, statt meist sehr schlechter Portraits, so würden wir sie richtiger beurteilen, als es uns jezt mög- lich ist, auch unsere Geschichtskcntnisse wären wesentlich korrekter. Was würde ich zum Beispiel für Photographien Robespierre's, Tanton's, Hebert's, Chaumette's, des Herzogs von Orleans(Egalitä) und anderer mer oder weniger bestrittener und zweifelhafter Helden der französischen Revolution geben! Doch ich wollte ja von Viktor Hugo reden. Es war vor 3v Jaren. Ich hatte nur sein„Notre Dame de Paris" gelesen und im ganzen eine recht gute Meinung von ihm, ja so etwas wie Bewunderung. Da kam ich nacki London, und bei einem Freunde„des großen Dichters" fand ich eine Photographie desselben mit einer Widmung. Der„große Dichter", an einen Felsen gelehnt, das titanisch trozende Auge in den düsteren Wolkenhimmel Hineinborend, der den platonischen Prometeus mit Blizen bombardirt— natürlich one zu treffen. Und die Unterschrift— ein par Verse, der Photo- graphie entsprechend: schwulstig, eitel, Schauspielerei und Pose. Mein erstes Urteil war im Nu umgestoßen, und das zweite, welches mir diese Photographie gab, ist geblieben. Ein Besuch bei Viktor Hugo bestätigte es nur. Das Original glich der Photographie. Viktor Hugo ist immer in Pose**)—„U xoss toujours"—, und ich kann meine Antipatie gegen alle Sorten von Menschen zur Not überwinden— nur nicht gegen die Menschen der Pose! Diese Men- sind nie sie selbst, sie geben nie sich selbst; sie haben kein Gesicht, haben eine Maske, und so ein Maskenmensch ist der schrecklichste der Schrecken. Das ist auch der Grund, warum jene Schauspieler, die ihre Teatermaske nicht loswerden können und sie im Leben mit herum- schleppen, so verrufen und gefürchtet sind. Also ich kann Viktor Hugo nicht leiden, und doch will ich jezt einige Zeilen zu seinem Lob und seinem Ruhm schreiben. Man muß seine persönliche Antipatie überwinden können. Sonntag den 27. Februar trat Viktor Hugo in sein 80. Jar, und zur Feier des Geburtstages zog Paris in feierlicher Prozession vor das HauS des großen Dichters und brachte ihm seine Huldigung dar. Man hat in deutschen Zeitungen über dieses Fest gespottet. Von den Blättern kirchlicher und chauvinistischer Richtung wundert mich das nicht, aber daß auch demokratische Blätter, wie z. B. die„Frankfurter Zeitung", in den Spott einstimmen, das komt mir recht sonderbar vor. Viktor Hugo hat als Dichter wie als Mensch große und viele Schwächen und Feler. Der Kultus der Phrase ist bei ihm Manie. Er ist nicht blos die verkörperte Phrase, nein, er ist die verkörperte Monstre-Phrase— selber ein Monstre der Phrase. Das weiß ich. Er hat in dieser Beziehung eine gewisse Aenlichkeit mit Carlyle, obgleich dieser teoretisch gegen die Phrase eifert. Zwischen beiden ist nur der Unterschied, daß die Viktor Hugo'schen Perioden Schläuche gefüllt mit Luft sind, bei Carlyle Schläuche gefüllt mit Steinen. Das ist ein Unterschied, aber kein wesentlicher. Und die Luft in den Viktor Hugo'schen Wind-Phrasenschläuchcn ist wenigstens gesunde Luft, nicht die giftig-mephitische Luft des Bürger- königtums, des zweiten Kaiserreichs oder der Gambetta'schen Aera. Viktor Hugo hat schwer gesündigt,— und ich kenne seine literarischen und anderen Sünden so gut wie einer— allein ein großes Ber- dienst hat er, und das müssen wir ihm anrechnen: er hat stets aus der Seite des Rechts und der Freiheit gestanden. Er hat die Korrup- tion unter Louis Philippe bekämpft, er hat den Statsstreich des Bona- parte bekämpft, er hat den Urheber des Statsstreiches in seinem Napoleon le Petit(Napoleon der Kleine) und in seinen Cdätiments (Züchtigungen) gegeißelt, auf's Blut gegeißelt; in seinen>liserables ist er eingetreten für die Armen, er hat sich redlich bemüt, wo immer Gelegenheit war, die Sache der Humanität und des Fortschritts zu fördern. Ich will nur noch an sein glänzendes, eindrucksvolles Plai- doyer gegen die Todesstrafe erinnern. Mag die persönliche Eitelkeit dabei vielfach in den Vordergrund getreten sein, mag die Eitelkeit sogar den Beweggrund abgegeben haben — so war sie doch der Beweggrund zu edlen Handlungen. Jedenfalls hat Viktor Hugo ein Recht, nach seinen Handlungen gerichtet zu werden. Und tun wir dies, verfolgen wir die Laufbahn des Lvjärigen Mannes, der seit beinahe einem Jarhundert vor der Nation stet, in der ersten Reihe der Schriftsteller und Geistesvorkämpfer stet, dann müssen wir uns auch sagen, daß der Gedanke, diesem Mann zu seinem 80. Geburtstage in Person den Nationaldank abzustatten, ein schöner, ein großartig schöner gewesen ist. Und die Verwirklichung des Gedankens ist großartig ausgefallen. Die„Frankfurter Zeitung" behauptet zwar, es seien keine SO 000 Mann gewesen, die an Viktor Hugo's Haus vorbeigezogen— das wird aber durch die ganz unparteiischen Berichte der englischen Blätter widerlegt, nach denen die Teilname eine massenhafte und die ganze Festlichkeit eine imposante war. Auf die Einzelheiten will ich nicht eingehen, teils ») Darüber läbt sich doch wol 1« streiten. D. Red. »») In gesuchter, gezwungener Haltung. weil ich für derlei Dinge kein Interesse habe, teils weil ich der Viktor Hugo'schen Antwort auf die Adresse der Stadt Paris erwänen müßte, und damit den Eindruck verderben würde. Je älter Viktor Hugo wird, desto kolossaler werden die Luftschlänche, desto monströser die Monstre- Phrasen. Wie dem immer sei: das Fest des 27. Februar 1881 war einzig in seiner Art. Daß eine Weltstadt, wie Paris,'die Behörden des Lan- des, der Stadt voran— die Einwonerschast aller Klaffen— der Bürger im Ueberrock, die Arbeiter in der Bluse, in einer Prozession von Hun- dertausenden einen lebenden Dichter seiern, ihn feiern, weil er die Sache der Menschheit und der Freiheit verfochten hat und verficht— das ist ein glorreicher Triumph des Geistes, das ist ein herzerhebendes Schauspiel in dieser Zeit der materialistischen Erfolg- und Gewaltan- betung— das ist ein Ereignis, dem meines Erachtens ein ehren- voller Plaz in der Kulturgeschichte und folglich auch ein Pläzchen in der „Neuen Welt" gebürt. X. Leichardt. Dieser Tage ging durch die Zeitungen die aus Sydney telegraphirtc Nachricht, ein australischer„Buschmann", d. h. Bewoncr des„Büschs", des noch unangebautcn Landes, Namens Skulthorpe habe nicht nur das Grab unseres seit 33 Jaren verschollenen Lands- manns Leichardt entdeckt, sondern auch das Tagebuch seiner lezten Reise gefunden. Die englischen und australischen Zeitungen, welche jezt vorliegen, scheinen diese Nachricht zu bestätigen. Es erhellt aus denselben, daß es sich nicht um die Erzälung irgend eines hergelaufenen Individuums handelt. Skulthorpe gilt für einen durchaus zuverlässigen Mann, und war von den Behörden ausgeschickt, um eine bestimte Spur zu verfolgen. Doch ehe wir in Einzelheiten eingehen, erst einige Worte über Ludwig Leichardt. Der Son armer Eltern, widmete dieser sich dem Studium der Naturwissenschaften. Er besuchte Ende der 30er und Anfang der 40er Jare die Universität Berlin, wo er glänzend promovirte. Von Taten- drang und Unabhängigkcitsgefül beseelt, verzichtete er von vornherein auf eine Karriere im Vaterland und richtete sein Auge auf Afrika oder Australien. Er hatte die Bekantschaft einiger reichen Engländer gemacht, welcbe ihm eine Stellung in Süd-Wales verschafften und ihn der Regierung in Sydney empsalen. Kräftig, abgehärtet, ein ebenso leiden- schastlicher als tüchtiger Naturforscher, besonders Botaniker, hatte er ganz das Zeug zu einem großen Entdecker. Die Regierung in Sydney erkante dies und erteilte ihm 1844 den Auftrag, einen Landweg zwischen der neuerrichteten Militärstation in Port Viktoria, an der Küste von Arn- ham Land, und der Moreton Bucht zu finden. Leichardt löste die Aufgabe glänzend. In weniger als IS Monaten legte er unter unsäg- lichen, jedoch von ihm leicht ertragenen Müseligkeiten einen Weg von 3000(englischen) Meilen zurück und leistete der Civilisation und der Wissenschast einen unvergeßliche» Dienst. Man hatte ihn allgemein für tot gehalten. Das Land, welches er durchreiste, hatte bisher in dem Rufe völliger Unbewonbarkeit gestanden. In zalreichen Zeitungsartikeln und Elegien war der Tod des„braven und tapferen Deutschen" schon beklagt worden. Desto größer der Jubel, als er sonnengebräunt, aber gesund mit einem außerordentlichen Schaz der wertvollsten Entdeckungen zurückkehrte. Erst wollte man gar nicht glauben, daß er es sei. Man fülte ihn an— mancher ehrliche Kolonist dachte, er sei„ein Geist", das Gespenst des im„Busch" und der Wüstenei Verschmachteten. In wenigen Wochen sammelten die Kolonisten für Leichardt eine Ehrengabe von 1700 Pfund Sterling(34 000 Mark), der die Regierung noch 1000 Pfd. St.(20 000 Mark) hinzufügte; er nam das Geld auch an, jedoch nur unter der Bedingung, daß es zu einer neuen Expedition verwant würde. Er rüstete eine solche aus und machte sich, vor Ab- lauf eines Jares, wieder auf den Weg. Diesmal verfolgte ihn jedoch das Unglück. Sein Zugvieh starb und die meisten seiner Leute wurden krank, sodaß er unverrichtcter Sache umkehren mußte. Die Geldmittel für einen zweiten Versuch in größerem Maßstabe waren rasch gesain melt, und im Jare 1847 machte sich Leichardt abermals mit seinem Schwager Claßen und einer genügenden Anzal sorgfältig auserlesener Diener und Begleiter auf den Weg. Sein Zweck war, das Festland von Sydney bis zum Schwanenfiuß quer zu durchschneiden. Am 3. April 1848 schickte er seine lezte Depesche vom Cogun. Seitdem hat man nichts von ihm gehört. Duzende von Expeditionen, großen und kleinen, wurden ausgeschickt, um den Verlornen, den Verschollenen aufzufinden, Sicherheit über sein Schicksal zu erlangen— alles vcr- gebens. Jar um Jar verging, und auch die Hoffnungszähesten mußten zulezt an den Tod Leichardts glauben. Man nam an, er sei entweder von den Wilden ermordet worden oder in der Wüstenei verschmachtet, oder bei einer der in Australien häufigen, urplözlich eintretenden lieber- fchwemmungen mit samt seincin Gefolge ertrunken. Erst vor 0 Jaren TZ also nach Verlauf von 27 Jaren— erlangte man eine Spur. Ein tchottischer Abenteurer, Namens Andrew Hume, der auf seinen Farten weit herum und tief in das Innere des australischen Festlandes ge- kommen war und mit den Eingeborenen aus vertraulichem Fuße stand, hatte mit den Behörden in Paramatta„eine Rechnung zu begleichen" und crzälte bei dieser Gelegenheit dem„Magistrat"(Polizeirichter), er u-1 e",e,:'e'nei:'eätcn Wanderungen, tief im Innern, den Schwager �.eichardts, Claßen, der die verhängnisvolle Expedition mitgemacht, unter den Wilden getroffen; derselbe sei mit einer Eingebornen ver- heiratet und habe ihm erzält, Leichardt sei von seinen eingebornen Begleitern, die alles Gepäck, Lebensmittel zc. mitgenommen hätten, verlassen worden und bald darauf gestorben, Wärend er, Claßen, von Wilden gesunden und gefangen, sonst aber gut behandelt worden sei. Tie Erzälung wurde anfangs von niemand geglaubt; jedoch Dr. Lang, der Chronist von Neu Sud Wales, der sich mit Hume unterhielt, gelangte zu der Ueberzeugung, daß dieser nicht gelogen habe. Man wollte nun Hume mit einigen Begleitern zu Claßen schicken, allein leider starb Hume. Im vorigen Jare erhielten nun die australischen Behörden von Eingebornen Mitteilungen, welche die Angaben Hume's bestätigten und durchaus glaubhaft schienen. Es wurde beschlossen, eine» zuver- lässigen Mann auszusenden, der die Sache prüfen solle. Die Wal fiel auf Skulthorpe, dessen Mission, wie jezt von Sydney aus gemeldet wird, mit dem vollständigsten Erfolge gekrönt sein soll. Claßen, so heißt es, sei nicht mer am Leben, er sei vor kurzem, mit Hinterlassung von zwei Kindern, gestorben; das Grab Leichardts aber sei von Skult- Horpe gefunden worden, ebenso das Tagebuch des Entdeckers, das die Eingebornen ausbewart, und ferner viele mündliche Uebcrlieserungen, betreffend das Ende Leichardts.— In wie weit dies richtig, wird ja bald festgestellt werden. Jedenfalls würde es, angesichts der vorstehend verzeichneten Tatsachen, nicht berechtigt sein, wollte man sich den Nach- richten aus Sydney gegenüber unbedingt skeptisch verhalten. X. Harun al Raschid. Wer kent nicht den„Großen Kalifen" der über alle mohamedanischen Monarchen hoch emporragt,— den Zeitgenossen Karl des Großen, der in der orientalischen Welt ungefär die- selbe Rolle spielt, wie dieser in der occidentalen? Harun al Raschid, den Allmächtigen, der so gern als unerkantcr Gott unter den Menschen wandelte, die Armen und Elenden aufrichtend, die Stolzen und Bösen demütigend— und hier und da auch durch einen Scherz beweisend, daß er nicht blas Gott? Aber zwischen Harun al Raschid, welchen wir, namentlich aus„Tausend und eine Nacht", kennen, und Harun al Raschid, wie er war, ist ein ebenso großer Unterschied, als zwischen dem Karl dem Großen der Legende und dem Karl dem Großen der Geschichte. Ein Engländer, Mr. Palmer, Professor des Arabischen an der Uni- versität Cambridge, hat vor kurzem aus Grund von Quellenstudien eine Biographie Harun al Raschids veröffentlicht, die allerdings unsere Vor- stellungen von ihm stark verändert und herabstimt. Ein großer Mo- uarch war er one Zweifel, wenn die Ausübung absoluter Macht und die rücksichtslose Geltendmachung des persönlichen Willens für Größe zu halten ist— aber ein großer Mensch war er entschieden nicht. Das gutmütige, schalkhafte Wesen, welches die Legende ihm zugeteilt hat, findet sich bei dem wirklichen Harun al Ruschid nicht. Derselbe war ein orientalischer Despot im vollsten Sinne des Worts: er hat unzweifelhaft manchen Unglücklichen gerettet, manchem Unterdrückten zu seinem Rechte verholfen— jedoch nur, wenn er gerade bei guter Laune war. Und er war nicht immer bei guter Laune, ja ziemlich selten; und wenn er bei schlechter Laune war, hat er sich die abscheulichsten Grau- samkeiten zu Schulden kommen lassen. Gleich allen orientalischen Des- poten litt Harun al Raschid an Langweile, und dazu kam noch das Leiden der Schlaflosigkeit— bei gewönlichen Menschen schon fatal, bei Despoten aber gefärlich, wovon verschiedene Völker ein Liedchen singen können. Langweile und Schlaflosigkeit veranlaßten Harun al Raschid zu jenen nächtlichen Wanderungen und jenen Versuchen, sich zu unterhalten, welche den Stoff zu so vielen Sagen gebildet haben. Pro- fessor Palmer erzält viele dieser Anekdoten, in denen Dichtung und Warheit in einander verfließen. Wie entsetzlich Harun von der Lang- weile geplagt war, erhellt u. a. aus nachstehendem Gespräch: In einer Nacht, da er keinen Schlaf fand, schickte der Kalif zu Jaafer dem Barmeciden und sagte: „Du sollst den Trübsinn und die Langeweile verscheuchen, die mich quälen. Allah hat Leute geschaffen, welche Traurige zu erheitern wissen, vielleicht bist du einer von diesen." Sagte Jaafer:„Laß uns auf das Dach des Palastes gehen und bie Myriaden Sterne beobachten, wie sie verschlungen und erhaben am Himmel wandeln, und den Mond, der aussteigt wie das Antliz eines Renschen, den wir lieben, o Beherrscher der Gläubigen!" 'iH*1?' cv c»dazu habe ich keine Lust." „. x m."Dann öffne das Fenster des Palastes, welches nach dem Garten steht, und betrachte die im Blätterschmuck prangenden od k*■ j. s r t™'an9 der Vögel und dem Plätschern des pasfers; rieche den süßen Dust der Blumen, und höre das Summen �» B.aiserrades, das ,m Umdrehen stönt wie ein Liebender, der die Gelieb e verloren hat; oder schlafe. Beherrscher der Gläubigen, bis der Tag dämmert." „Nein," sagte der Kalis,„dazu habe ich keine Lust." Sagte Jaafer:„Dann öffne das Fenster, das auf den Tigris get, und schaue nach den Schiffen und nach den Matrosen, die da singen und arbeiten und sich unterhalten, o Beherrscher der Gläubigen." „Nein," sagte der Kalif,„dazu habe ich keine Lust." Sagte Jaafer:„Dann, o Beherrscher der Gläubigen, erhebe dich und laß uns zu den Ställen ivandern und deine arabischen Rosse be- trachten— die herrlichen Geschöpfe in allen Farben— Grauschimmel und Goldfüchse, Rappen und Falben, Milchweiße und Scheckige— in allen Farben, und alle von blendender Schönheit." „Nein," sagte der Kalif,„dazu habe ich keine Lust." Sagte Jaafer:„Dann, o Beherrscher der Gläubigen, hast du dreihundert Mädchen, die singen und tanzen und spielen— lasse sie alle kommen, vielleicht verscheuchen sie den Trübsinn, der auf deinem Herzen lastet." „Nein," sagte der Kalif,„dazu habe ich keine Lust." Sagte Jaafer:„Dann schlage deinem Knecht Jaafer den Kopf ab, denn er kan seines Herrn Kümmer nicht stillen." Zum Glück war die Langweile, welche den großen Kalifen bedrängte, so stark, daß sie ihn verhinderte, seinem getreuen Knecht den Kopf ab- schlagen zu lassen. Auch dazu halte er„keine Lust".— Harun al Raschid hatte merere Hofpoeten. Der berümteste der- selben, der zugleich— wie das ja auch abendländische Mode war— die Rolle des Hosnarren mit versah, war Abu Nawevahs. Von ihm ließ der Kalif sich vieles gefallen. Eines Tags verteidigte Abu Nawe- vahs den Saz, daß eine Entschuldigung oft schlimmer sei als ein Verbrechen. Der Kalif erklärte dies für Unsinn, und wurde zu- lezt, da der Poet nicht nachgab, so zornig, daß er diesem, falls er seinen Saz nicht beweise, beim Barte des Propheten den Tod ankün- digte. Kurz darauf ging Harun, in übler Laune, nach seinem Harem; kaum war er eingetreten, so wurde er von hinten umfaßt und in der Dunkelheit von bärtigen Lippen geküßt. Wütend rief er nach einem Licht und einem Scharfrichter. Beides kam, und vor dem Kalifen stand Nawevahs. „Was in aller Welt soll diese Tollheit bedeuten?" fragte der Kalif in voller Wut. „Ich bitte dich, o Beherrscher der Gläubigen, tausendmal um Ber- zeihung. Nicht dich wollte ich küssen, sondern dein Lieblingsweib." „Was," schrie Harun,„die Entschuldigung ist schlimmer als das Verbrechen." „Genau was ich dem Beherrscher der Gläubigen beweisen wollte!" erwiderte Abu Nawevahs und entfernte sich rasch, jedoch nicht rasch genug, um dem Pantoffel zu entgehen, welchen der Beherrscher aller Gläubigen ihm nachwarf. Ei» Mann, den Harun al Raschid zum Tode verurteilte, weinte, als der Scharfrichter herantrat. „Wie kannst du so feig sein, zu weinen!" sagte höhnend der Kalif. „Ich weine nicht aus Furcht vor dem Tode, sondern weil du mir zürnst." Der Kalif fülle sich durch diese Antwort so geschmeichelt, daß er dem Verurteilten das Leben schenkte. Das Palmer'sche Buch, welches von der„Saturday Review" ser gelobt ivurde, dürfte eine Uebersezung ins Deutsche wol verdienen. Ib. Die Urmenschen der Anvergne. Es ist eine bekante Tatsache, daß die verschiedenen Kulturstufen, welche die geschichtliche Menschheit durchgemacht hat, gleichzeitig nebeneinander durch verschiedene Völker und Völkerschaften, die mit uns zusammen die Erde bewonen, vertreten werden. Die sogenanten„Wilden", in ihren zalreichen Ab- stufungen, vertreten das erste Dämmern menschlicher Kultur, und so aufwärts bis hinauf zu den eigentlichen, höchstentwickelten Kulturmen- scheu. Ein französischer Gelehrter, Mr. Roujou, Professor in Cler- mont, der sich hauptsächlich paläontologischen Forschungen widmet, hat nun die Entdeckung gemacht, daß sogar der vorgeschichtliche Mensch noch heute lebt,— nicht in Gestalt vereinzelter atavistischer Exemplare, sondern in Stämmen zusammen— und nicht durch weite Entsernun- gen räumlich von uns getrent, sondern mitten unter uns, d. h. mitten in demjenigen Land, welches sich für das Kulturland pur oxcollsneo hält, mit an der Spize der Civilisation marschirt: in Frankreich. In einer Abhandlung über„die menschlichen Rassen des Centralplateaus und besonders der Auvergne und der benachbarten Berggegenden"(im „Dulletill bistoriguo et arcbueoloxigue de la Correze") fürt er aus, daß sich in den Bergen der Auvergne, die offenbar den ältesten Rassen als Zufluchtsort gegen die neu einwandernden stärkeren Rassen gedient haben, die„liguröidische" Urbevölkerung der quaternären— vorge- schichtlichen— Periode erhalten hat. In gewissen Dörfern bei Riom: in Thuret, Sardc, Cournon-les-Marais u. s. w., befindet sich unter der iiormalcii civilisirten Bevölkerung eine große Anzal sogenantcr„schlech- ter Familien"(mauvaises farnilles), welche den Typus einer außer- ordentliich untergeordneten Rasse haben: ungeheure Knochenvorsprünge (arcades sourcilliöres) über den Augen, sehr prognates(affenartig vorstehendes) Gebiß, lange Arme, kurze Schenkel, dickes schlichtes Har, kleine rollende Augen mit wildem, boshaften Ausdruck. Man findet Individuen mit plattem mongolischen Gesicht, kleinen Schlizaugen und gelblicher Haut. In den tiefen Schluchten der höchsten Berge hat man sehr bcharte Weiber gefunden, fast so bärtig wie Männer. Leute mit sechs Fingern und Zehen sind nicht selten; und außerdem hat man an den Knochen und überhaupt der Körperbildung noch allerhand Eigen- tümlichkeiten entdeckt, welche den Menschen der vorgeschichtlichen Zeit kenzeichnen. Die Sprache dieser„schlechten Familien" enthält viele Worte, die weder lateinischen, noch zeltischen, noch überhaupt arischen Ursprungs sind. Der niederen physischen Organisation entspricht die moralische. Lüge, Gewalttat, Diebstal, Totschlag, Mord, Kindesmord sind im Schwang. Das Verbrecherkontingent, welches die Dörfer mit den„schlechten Familien" stellen, ist geradezu enorm. Dr. Roujou 324 erklärt sich dies— abgesehen von der niederen Organisation— durch die Anname, daß außer den„Liguroiden" Verbrecher aller Art aus den entfernteren Landesteilen in diesen Gebirgen eine Zuflucht gesunden und die Bevölkerung korrumpirt haben. Id. Gestörte Liebeserklärung. Unser Bild(Seite 309) zeigt uns eine Scene, wie sie iin nächsten Monate oft genug sich ereignen dürfte, insbesondere dann, wenn es dem über die Maßen wetterwendischen April gefällt, sich zur Abwechslung in den glizeruden und selbst die schärfsten Augen blendenden Mantel des Winters zu hüllen. Der in unser» und den asiatischen Wäldern heimische Birkhahn, der die tra- zische Hauptrolle auf unserm Bilde svielt, get Wärend des Ostermonats oder auch in den ersten Tagen des Mai auf die Freite. Glück bei den Damen seines Geschlechts hat er gewönlich in einem Maße, welches überreich erscheint für unsere in dieser Beziehung mit der steigenden Kultur immer bescheidener gewordenen Begriffe, denn unter acht bis zehn zärtlichen Verhältnissen tut er es ungern und selten. Er ist also ein gar feuriger Liebhaber, der bei seinen leidenschaftlichen Äewer- bungen um Gegenliebe zwar nicht, wie andere Männer der Vogelwelt, blind und taub wider alle Verfolgung ist, doch aber darüber die nötige Borsicht, mer als gut ist, außer acht läßt. Solche Gelegenheit benüzt dann eifrigst irgend ein Bandit der gefiederten Welt, in unserm von dem bekannten münchcner Maler Reknagel herrürenden Bilde der bei hereinbrechender Dämmerung aus den Raub ausziehende Schuhu oder Uhu, der größte und stärkste Räuber aus der säubern Familie der Eulen, und da hat dann die kurze Liebesjeligkeit ein Ende, wie man es sich schrecklicher kaum denken kann: der starke und stolze, verliebt kühne und leidenschaftlich wilde Bräutigam wird im trautesten töte-a-töte von einem Stärkern gestört, spielend überwältigt, gemordet und schließ- lich sogar noch verspeist. Das ist gewiß abscheulich, aber es ist ein Stück Leben, das des menschlichen Interesses sicher sein kann— denn wenn auch das Leben mit dem Kulturmenschen heutzutage meist nicht mer ein ganz so brutales Spiel treibt, so get es doch mit gar ser vielen grausam genug um und schont sie weder, wenn sie onehin schon vom Unglück verfolgt sind, noch wenn sie sich für einen Augenblick ganz dem Rausche flüchtigen Glückes glauben hingeben zu dürfen. xr. �us allen OSinficfn der Leillileratur. Die AuSnüzung der Sonncnwärme für industrielle Zwecke macht in neuester Zeit die erfreulichsten Fortschritte. Der Aussteller des s. Z. von der„Neuen Welt" erwänten Sonnenstralen- Rezeptor in der pariser Ausstellung von 1878, Mouchot, hat es dahin gebracht, daß er mit einem 4 Meter im Durchmesser großen Sonnenspiegel 35 Liter kaltes Wasser in 80 Minuten zum Kochen bringt und im Kessel nach 1>/z Stunden Sonnenheizung eine Spannung von 8 Atmosphären erzielt. Eine horizontale Dampfmaschine machte bei S1/? Atmosphären Spannung 120 Hube in der Minute und eine Pumpe hob in der Stunde 1200 Liter Wasser einen Meter hoch. All dies geschah in der Zeit von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr Nachmittags; starke Winde und vorüber- ziehende Wolken vermochten die Sonne in ihrer Heizungssähigkeit nicht zu beeinflussen. Die Erfolge Mouchots werden jedoch durch die Leistungen der Apparate, welche der pariser Ingenieur Abel Pifre erfunden hat, bedeutend in Schatten gestellt. Diese Apparate sind von Kupfer und im Innern mit Silber plattirt, Wärend sie außen ge- schwärzt und zudem noch mit dem schlechtesten Wärmeleiter, mit Glas, umgeben sind, damit ja von den ausgesangenen Sonnenstralen kein Wärmeteilchen entwischen könne. Die so konstruirten Apparate können viel kleiner sein, als die von Mouchot und sind demgemäß auch nicht, wie diese, nur für besonders großartige Zwecke zu verwenden, obgleich sie auch den höchsten Anforderungen gerecht werden. Wärend man z. B. mit einem Rezeptor von'/s bis'/« Meter Durchmesser sich be- quem Kaffee kochen, mit einem von% Meter Durchmesser Holz sofort entzünden oder Blei in 2 Minuten schmelzen, mit einem Rezeptor von 3/5 Meter Durchmesser Fleisch und Gemüse kochen kann, bringt man zum Heizen von Dampfkesseln, zum Heben großer Wassermassen Pi- fre'sche Rezeptoren zur Anwendung, die bis 37 Meter im Durchmesser groß sind, und vermag mit ihnen Wasserpumpeu zu treiben, die an- sehnliche Wasserfälle versorgen können; ferner kann man z. B. mit 50 Liter Wasser in 40 Minuten eine Spannung von 6 Atmosphären er- zeugen und den Druck in 8 Minuten je eine Atmosphäre steigen lassen. Ein kleiner Motor, der durch die von dem großen Rezeptor aufge- sangenen Sonnenstralen in Bewegung gesezt wurde, hob 6000 Liter Wasser in der Stunde 3 Meter hoch, leistete also 15 mal mer als die oben erwänte Mouchot'sche Pumpe. Um eine Kraft zu gewinnen, welche soviel leistet, als zehn Arbeiter, genügt ein Pifre'scher Rezeptor von 5'/, Meter Durchmesser. Derselbe hebt in einer Stunde 3�000 Liter Wasser 5 Meter hoch, und würde ein� Stück Land von 2 Hektaren in 10 Stunden ausreichend bewässern können. Natürlich können auch mir Hilfe dieser Rezeptoren alle Arten von Mülen bewegt, alle möglichen Maschinen, so auch Dreschmaschinen, getrieben werde». Die Heizung mit Sonnenstralen hat dabei noch den großen Vorteil, daß sie so leicht als nur denkbar zu bewerkstelligen ist. Man braucht nur gelegentlich den Rezeptor zu reinigen— alles übrige macht sich von selbst. In der Vorstellung, wie ungeheuer ergiebig für unsere Zwecke die Kraftquelle ist, die sich mit der Sonnenheizung zu unserer Verfügung stellt, kann vorläufig noch die kühnste Phantasie kaum der Wirklichkeit nahe kommen. xz. Eier kann man auf ihr Alter prüfen, indem man sie in eine Lösung von 120 Gramm Kochsalz in 1 Lirer Wasser legt. Diejenigen, welche bis auf den Boden des Gefässes sinken, wurden am selben Tage gelegt; die nahe bis zum Boden sinkenden sind einen Tag alt, drei Tage alte Eier schwimmen in und ältere Eier auf der Lösung, xz. Ltterarische Qlmfchan. „Jos. Venus Tculsche Aufsäze, verbunden mit einer Anleitung zum Anfertige» von Aussjzen, Ztö Tisrosilionen. sowie 400 neue Temata zur Auswal, vorzugsweise für Gymnasien und höhere vehranstallen. Achtzehnte Auslage. Wiesbaden tbbt, Verlag von Adolph GestewiK." Tab das Buch sehr gut zu gebrauchen ist, beweist die Tatsache, daß es seine achtzehnte Auslage erlebt hat. Wieviel es enthält. lehrt schon der Titel Die IZ Seite» lange Anleitung zur Ansertigung deutscher Auisäze erschöpft ihren Gegen stand troz der Gedringtheit der Gedanlenentwicklung und ist dabei völlig Ilar und leicht verständlich gehalten, so daß ste auch Leute, welche den Schülern der oberen Gymnasial- llassen a» Bildung noch nachstehen, in allen ihren Teilen eriasse» können und mit erheb- licher Bereicherung ihrer Uentnisje studiren werden. Tab uns hie und da m den Musteraussäzen, wie in den Dispositionell ein Gedanke ausgestoßen ist, den wir für irrig halten, z. B. in der Disposition zu einem Aussaze über das Tema:„Verwerflichkeit des Selbstinordes" die Behauptung, der Selbstmord sei immer eine Art Feigheit, oder in der andern zu einem Aussaze über die nicht eben glücklich iormulirte Frage:„Was hat die erste Verbreitung des Christentums befördert?" der CinleitungSgedanke: groß und einzig stet die Tatsache der raschen Verbreitmig des Christentums da— kann uns selbstredend in der Anerkennung des verdienstreichen Werkes nicht beirren. OZUdaklionskorrespondenj. Altona. C. F. R. Ihre kleine Schilderung nemen wir zu gelegentlicher Veröffent- lichung an, uns die nötigen Korrekturen vorbehaltend. Sie verstehe» recht Hübich zu schreiben, hin und wieder jedoch ist die Darstellung nicht so knapp, al« es der oft be- handelte, einfache Gegenftaud wünschenswert macht, und es enschlüpst Ihnen zuweilen auch ein nicht sonderlich gelungenes Bild, z. B. da, wo Sie den„unschuldsreinen" Schnee die Windeln der neugcbornen Aatur nennen. Diese Rolle wollen wir dem Schnee lieber schenken. Ihr Wunsch bezüglich der Zusendung u. Bl. wird erfüllt. Deutscher Freidenker-Kongreß in Frankfurt a/M. Sonntag, den 10. April 1881, Bormittags 10 Uhr(nnd, wenn nötig, Montag den 11. April), Hotel Jaloby. Die Unterzeichneten beehren sich hiermit, alle deutschredenden Freidenker zur Teil- name an obigem Kongreß, welchem der Entwurf zur Gründung eines Allgemeinen deutschen Frcidenkerbundes vorgelegt werden soll, crgebenk einzuladen. Diejenigen, welche an persönlichem Erscheinen verhindert sind und doch dem Bunde beizutreten wünschen, wollen sich gefälligst entweder bei dem Bureau des Kongresses lHerr Rudols Nentwig in Frankfurt a M, Hochftr. II. am 10. Avril Hotel gakoby) oder bei einem der Unterzeichneten anmelden, unter Beifügung ihres allensallsigen Beitrags zur Deckung der Kongreßkosten oder zur ersten Au läge der BundeSIasse. ES haben bereits gegen 2000 Personen ihren Beitritt angemeldet oder in Aussicht gestellt. Statutenentwurs gratis erbältlich von Dr. A. Specht in Gotha oder vom Bureau. Ebenda gefällige Anmeldung allenfalls beabsichtigter Vorträge. Man bittet, diese Einladung in Kreisen von Freunden und GesirniungSgenosien möglichst verbreiten zu wollen, G. Anhalt(Jnsterburg). F. Aschinger, Privatier sW-l»). G. L. Birkenstädt, Kaufmann m). W. Masch!, Kaufman»(Wien). E. Guftao Müblmanu. («eriwalde). R. Rentiv.g(Frankfurt a/M.). Dr. Max Rordau, Schriststeller(Paris,. C. R-denhaus-n, Schriftsteller(Hamburgs. A. Raum, Kaufmann(HerSbrucks. Karl Rehfuß lumor Hutsabrikant sKehl am Rhein). H. E. Sachse, Prediger(Magdeburg,. E. e-chlaeger(Berlm). Karl scholl, Prediger uad Schriftsteller(Rürnberg). H. Schwarz, EionUflmtt(Berlin). Dr. A. Specht, schriststeller(Gotha). Theodor Struck junior (Melle). Gustav Ulrich(Ulm). E. Wehder(Sonneberg,. Dr. muck. Werner, Arzt (Berlin). Dr. raeck. Zimmermann(Darmstadt). Inhait. Die Schwestern, Roman von M. Kautsky(Schluß des 1. Teils).— Iris als Schuzgöttin. Eine physikalische Skizze von I>r. Franz Ferdinand Schmidt(Schluß).— Ein Blick in unterseeische Gärten, von Prof. I)r. A. Dodel-Port(mit Illustration)— Ein Lorbeer- kram. �Das Ende eines Dichterlebens(Schluß).— Heißes Eis.— Wie soll man für das Volk schreiben? Eine'Erörterung pro uomo(Schluß). "ttnlfflih.- 11 ho*- ru. ri;• x. o■. r..___»rz______ /. 5i• ä rC. �lajreneocns— Heißes uns.— jüu man für oa?<5011 fcgretocnr Eine Erörterunq pro domo(>schlus Die Vtktor- Hugo. Fdet in Park.— Leichardt.- Harun al Raschid.- Die Urmenschen der Auvergne.- Gestörte Liebeserklärung(mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Die Ausnüzung dei� Sonnenwärme zu industriellen Zwecken. Eier aus ihr Alter zu Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitlileratur. jjic prüfen.— Literarische Umschau.— Redaktionskorrcspondenz. Deutscher Freidenker-Kongreß. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Leipzig(Südstraße 5).— Expedition: Färberstraße 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.