iS*wJ6j JllustrirteS Unterhaltungsblatt für das Volt Herrschen Roman von Erstes Rapitel. Venedig! Es ist das uns erhaltene Wunder des Cinquecento, das mit seiner märchenhaften Pracht, mit seiner Eigenart, seinem ganzen bestrickenden Zauber, der durch die Zerstörungen der Zeit noch erhöht wird, das Gemiit eines Künstlers, eines Poeten wun- derseltsam ergreift. Die wechselndsten Empfindungen erzeugt es in ihm, und jede erhöht, verschönt, ins überschwengliche gezogen. Unbegreiflicher Zauber der Lagunenstadt! Wer vermag dich zu erfassen, zu erklären? Die ganze Phantasie des Orients, all die schöpferische Kraft und Erfindung eines Volkes, das im fünfzehn- ten Jarhundert das in Kunst und Wissenschaft gebildetste der Welt war, und all der Reichtum der ersten scefarenden Nation- ist hier niedergelegt, umgibt und berürt uns mit jedem Schritt, und mit jedem Blick erhalten wir eine neue, entzückende Offen- barung. Die Lage dieser Stadt, die, auf Pfälen gebaut, dem Meere entstiegen scheint, dessen Salzdünstc sich an seine Mauern legen, den Stein anftessend und ihn tiefer färbend, und die Lust und die Sonne, die heitere Sorglosigkeit und Unbekümmcrtheit des Volkes und jedweder Mangel an Pedanterie desselben, der den Verfall gewären läßt, alles dies hat sich vereinigt, um Venedig zu dem zu machen, was es ist: zu dem in Schöne unerreichten Kleinod, das nur einmal auf der Welt und einmal nur in allen Zeiten so entstehen konte, und auf dem ein Künstlerauge an- betend weilt. Aber alle Menschen haben nicht das Auge eines Künstlers und nicht die Empfänglichkeit des Gemüts, die durch Schönheit so süß erregt wird, und diese andern finden Venedig schwarz, schmuzig, ruinenhaft; es beklemt sie in seiner Fremdartigkeit. Die Anlage der Stadt, die Kanäle mit ihren Brücken, die kleinen, schmalen Gäßchen, die labyrintartig ineinander laufen, werden ihnen unbequem; das Leben und Treiben des Volkes auf der Straße, das Schreien und Lärmen, die Ungenirtheit und Selbst- gefälligkeit auch des ärmsten Facchino, der seine Lumpen fast stolz zur Schau trägt, finden sie widrig und abstoßend, und, nüchtern betrachtet, mögen sie auch recht haben. Freilich, wenn über dieser Stadt des Südens ein wolkenloser Himmel lacht, wenn die Sonne die ganze leuchtende Schöne dieser Meerentstiegenen ent- hüllt und all die anmutige Lebendigkeit und Frölichkeit ihrer genügsamen Bewoner sich kund gibt, der Wollaut ihrer Sprache unser Cr umschmeichelt, dann wird niemand Venedig schmähen »er dienen? Z. Lautskv. dürfen; aber an trüben Tagen, wo ein dichter Nebel der Lagune entsteigt, Ivo der Scirocco, vom Meere her, eine alles durch- dringende Feuchtigkeit entsendet, und all der lustige Verkehr, die Leidenschaftlichkeit, die hier das öffentliche Leben durchdringt, ins Stocken gerät, da verliert Venedig gar viel von seinen Reizen. Oder wenn nun gar einmal ein strenger Winter hier einkehrt und die armen Bewoner, die in allen ihren Gewonheiten und Gebräuchen nicht ans den rauhen Gesellen gefaßt sind, die ihm in keiner Weise zu begegnen wissen, dann stumm und traurig werden und sich ratlos und ängstlich verkriechen, da werden all die Nachteile der Lagunenstadt nur allzudeutlich fülbar. Am meisten pflegt dann ein Fremder darunter zu leiden, der gewönt ist, sich vor der Kälte zu schüzen, und der sich nun dem schlimsten Ungemache hier preisgegeben siet. Ein solcher Winter hatte soeben seinen Höhepunkt erreicht. In seiner ungewönlichen Strenge und Dauer hatte er ganz Italien zu schaffen gemacht und es in Schrecken und Bestürzung versezt. Es war der lezte Februar. Vor einigen Tagen noch waren die kleinen Kanäle zugefroren und mußten mittels des Beils vom Eise befreit werden. Heute hatte die Kälte nachgelassen, aber die größeren Pläze waren menschenleer, und auf der Riva dei Schia- vom war das sonst so lebendige Treiben des Hafens und jede Bewegung sistirt. Einige Gondeln, mit ihren schwarzen„Felze" bedeckt, lagen an dem Üeberfartsplaz vor der Piazetta, indes die Gondeliere sich unter die offene Säulenhalle der Zecea geflüchtet hatten, wo sie, die Arme in raschem Tempo über einander schla- gend, sich der Erstarrung zu entreißen bemüt waren. Am nächsten Traghctto(Ueberfur) hatten sich einige dieser armen Teufel, die den ganzen Tag im Freien auszuharren haben, ein Feuer angc- zündet und sie hockten um dasselbe herum, sich mit einer Anzal wollener Fezen bedeckend und dennoch darunter vor Kälte zitternd. Wenn so ein Bursche auf der einen Seite etwas geröstet, den übrigen vom Feuer abgewendeten Teil seines Körpers von dem eisigen Nordwind durchkältet fülte, sprang er auf. und um diese Gegensäze auszugleichen, drehte er sich mit unnachahmlicher Behendigkeit um seine eigene Achse, wie ein Braten am Spieße, dabei laute unartikulirte Töne ausstoßend, mit denen er sich be- feuerte und aneiserte, bis er, von diesem Experiment ermattet, sich wieder an dem Feuer niederfallen ließ und, wie ein kranker Vogel, de» dunklen, dicht beharten Kopf zwischen die Schultern zog. In den Vcrkaufslädcn waren alle Gasflammen angezündet wor- den, aber es zeigten sich nur wenige Käufer, indes die Cafös Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. allenthalben, und insbesondere die des Markusplazes, überfüllt waren; waren es doch die einzigen Lokalitäten in der ganzen Stadt, wo durch die Ansamlung tierischer Wärme eine angeneme Temperatur erzielt wurde, wo man nicht fror. An diesem Nachmittage finden wir in einem jener alten, ganz vernachlässigten und nur zum Teil bewonten Paläste Marie Depauli wieder. Vier Jare sind es nun, daß sie Alfteds Gattin geworden, und ein Jar, seit sie mit ihrem Manne hierher gekom- men. Alfteds Rathausbild und einige darauf folgende Gemälde wurden als sehr gelungen anerkant und sie hatten in erhöhtem Maße die Aufmerksamkeit auf den jungen Künstler gelenkt, der nach einiger Zeit den Auftrag erhielt, das berümte Gemälde Titians:„L'Assunta", das sich in der Akademie der schönen Künste in Venedig befindet, zu köpften. Mit Freuden, ja mit einer gewissen Begeisterung ward dieser Antrag von ihm ange- nommen. Er gedachte die alten italienischen Meister zu studiren, er hoffte auf Anregung aller Art in dieser Stadt des malerisch Schönen, die ihn zu großen selbständigen Schöpfungen ermuntern sollte. Er stellte an Venedig und an sich selbst die höchsten An- forderungen und fand seine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Er trat gleich im Anfange in kein behagliches Verhältnis zu den dortigen Künstlern, und verschiedene Zufälle und Vorkomniffe verleideten dem Empfindlichen das Zusammentreffen mit seinen Kollegen immer wer. Seine Assunta gelang ihm indes vortreff- lich; das Kolorit, die kräftige und korrekte Wiedergabe dieses herrlichen Kunstwerkes wurde vielfach belobt, und er durfte hoffen, noch weitere Aufträge zu erhalten. Aber sein ungeduldiger Ehr- geiz, seine künstlerische Empfindlichkeit wollte sich an der Wieder- gäbe der großen Meister nicht länger genügen lassen, er wollte selbst Produziren. Er entwarf ein historisches Gemälde, fiirte es 1 sorgfältig aus und schickte es nach Deutschland. Es hatte kein Glück. Man tadelte die Komposition in unnachsichtlicher Weise, wenn man auch der hübschen Behandlung und Farbe einige Ge- rechtigkeit widerfaren ließ. Dieser Miserfolg drückte ihn tiefer herab, als er sich selbst eingestehen wollte; er raubte ihm alle Freude und das Vertrauen zu sich selbst; fürchtete er doch, daß er nimmer erreichen werde, was er erreichen wollte, weil seine schöpferischen Kräfte unzureichend seien. Aber kein Mensch ist so strenge gegen sich selbst, um alle Schuld seines Unglücks sich allein zuzumessen, er klagt auch seine Beurteiler an, er macht auch die Verhältnisse, in denen er zu leben gezwungen ist, er macht seine Umgebung mit dafür verant- wortlich, und gewönlich nicht mit Unrecht. Kraftmenschen, die allen niedrigen Einflüssen zum Troz sich entwickeln können, die das Ungemach stält, ausdauernder und selbstvertrauender, aber auch rücksichtsloser niacht, gibt es wol, aber sie sind selten genug. Alfted gehörte nicht zu ihnen. Seine zarte Empfindlichkeit, seine leicht erregte Einbildungskrast, die unter günstigen Unfftänden' ihm ein Segen wurden, das Misgeschick verwandelte sie in pei- nigende Furien. Er bedurfte einer Freundeshand und verständi- ger Ermutigung, er brauchte, wie die meisten Künstler, den Son- nenschein des Glücks, um sich ftei entfalten zu können und sich wol zu fülen. Er hatte mit fieberhafter Hast daran gearbeitet, sich einiges Renomms zu erwerben; nun glaubte er das Ver- trauen in seine künstlerischen Leistungen erschüttert, er mußte es wieder befestigen. Aber wie? Er sollte neues, besseres schaffen, aber er hatte nicht allein für seinen verlezten Ehrgeiz, er hatte auch um seine Existenz zu kämpfen. Er hatte für eine Familie zu sorgen. Das getadelte Bild hatte ihm ein halbes Jar Arbeit gekostet, nun hatte er es noch nicht verrauft; er mußte zunächst doch wieder Kopien anfertigen und sich noch glücklich preisen, in den sich verschlechternden Zeitverhältniffen wirtschaftlichen Nieder- ganges �überhaupt noch etwas zu verdienen...... Er hatte das zweite Stockwerk dieses in großarttgen Verhältnissen angelegten, aber gänzlich unbewonten Palastes in Miete genommen, welche nur den bescheidenen Preis von monatlich 50 Francs betrug. Aus einer Flucht von größeren und kleineren Gemächern hatte er JJ?" ausgewält, die nach dem Canal Grande gingen, und sie möburen lassen. Das eine war sein Atelier. Freilich, mit den Werkstuben anderer Künstler verglichen, in denen der reichste künstlerische Luxus sich entfaltete, war es von beschämender Ein- fachheit und Dürftigkeit, keine Inspirationen weckend. Das große Gemach nebenan und zunächst der Sala war zur Won- und Schlafstube Mariens und ihres Kindes ausersehen. Es mochte wol einst ein Prunkzimmer gewesen sein. Zwischen seinen mäch- tigen Fenstem befand sich, wie man dies in Italien so häufig findet, wo man die Rauchfänge außen an den Fassaden anbringt, � If 6- h I ein ungeheurer Kamin von Marmor, in reicher, stilvoller Arbeit Derselbe sah imponirend aus, aber er konte keine Feuerung ver- tragen, er spie sie niit entsezlichem Qualm wieder zurück. Um ihn dafür zu strafen, hatte man daher einen kleineu, wie eine Kiste aussehenden Ofen vor ihn hingepflanzt, dessen Röre in den Kamin ging. Auch mußte der Unheizbare es dulden, daß' alles Feuerungsmaterial in seinem weiten Bauche aufgehäuft wurde, und so fand sich dies Meisterstück der Frührenaissance, das mit dem stolzen Wappen eines Nobile geziert war, zum Holz- und Kolendepot erniedrigt. Der Plafond in Stuckarbeit, die zum Teil abgefallen war, zeigte große und weite Sprünge; ein Deckenbild, das einst schön gewesen sein konte, war vollständig schwarz ge- worden und die Tapete, eine mptologische Szene darstellend, war verschossen und zum Teil abgerissen, welche Schäden mit dunklem Papier wieder ausgebessert und verklebt waren, so daß die über- lebensgroßen Figuren derselben nur in undeutlichen Umrissen, abenteuerlichen Spukgestalten gleich, darauf erschienen. Der Fuß- boden, von gesprenkeltem Stein(Terrazzo), war fast durchweg mit Strohmatten bedeckt. Das Mobiliar war das einfachste und bestand nur aus dem notwendigsten; man bemerkte es kaum in dem übergroßen Gemache. In einer tiefen, dunklen Ecke befand sich Mariens Bett, mit Vorhängen umgeben; ein zierliches Wä- gelchen, aus Stroh geflochten, war in diesem Augenblick in die Nähe des Ofens gerückt, und in den weißen Kissen lag ein hüb- sches, pausbäckiges Kindchen. Es war der zweite Sprößling dieser Ehe, die kleine Marietta; sie schlief. Die Mutter befand sich nicht in dem Zimmer, in welchem eine lautlose Stille herrschte, und in dem allgemach die immer dunkleren Schatten der Dämmerung sich lagerten. Das Feuer im Ofen war ausgebrannt und die Temperatur fiel rasch. Durch die einfachen, immens hohen Fenster drang eine feuchte Luft, alle Gegenstände mit ihrem unangenemen Hauch durchdringend. Das Kindchen mochte seine Einwirkung verspüren, unruhig wendete es sich hin und her und fing endlich im Schlaf zu weinen an. Jezt ließ sich aus der dem Kamin entfemtesten Ecke ein lang- gezogener Seufzer verncmen. Domenika, das Dienstmädchen, die von ihrer Herrin beauftragt war, auf das Kind wol acht zu haben, hatte ihn ausgestoßen. Sie hatte merere Strohmatten aufeinandergelegt und, in ihr schwarzes Tuch gewickelt, auf diesem improvisirten Lager sich wie ein Igel zusammengerollt. Man konte unter dieser Kugelgestalt in der Tat kaum ein mensch- liches Wesen verniuten. Das Kind begann lauter zu weinen. Domenika lüftete ein wenig das Tuch; zwei blizende Augensterne kamen zum Vorschein. „bleeo mi, da bin ich, mein Kindchen, da bin ich, schlafe, schlafe!" rief sie beschwichtigend, one sich nur im geringsten zu rüren. Die Kleine ward dadurch keineswegs beruhigt; da be- gann die Pagotte, so nent man die Mädchen aus Alpago, die nach Venedig kommen um dort in Dienst zu treten, eines ihrer Villotte. Sie sang mit tiefer, heiserer Stimme, immer in der selben Stellung verharrend. Aber sie kam in ihrer Arietta, zu der die kleine Marietta das kreischendste Akkompagnement lieferte, nicht weit. Die große Flügeltür, die nach der Sala fürte, ward rasch aufgestoßen und die junge Mutter stürzte herein. Welch ein zartes Frauenbild! Die dunkle eng anschließende Kleidung ließ die feine nur allzuschlanke Contour ihres Körpers gar wol erkennen, und das dunkle, einfach gescheitelte Har schmiegte sich an sanftgerundete und etwas bläßliche Wangen. Das Herzleiden Mariens hatte in den lezten Jaren Fort- schritte gemacht, one daß sie es ahnte; sie verspürte wol hie und da die beängstigenden Symptome desselben, aber sie war nicht genug aufmerksam auf sich selbst, um sie zu beachten. Der Ausdruck ihres schönen Gesichtes schien jezt noch ver« edelt, es lag eine unendliche Güte in den sammetartigen Augen und in� diesem Augenblick offenbarte sich darin die zärtlichste Muttersorge. Sie war an das Bettchen geeilt und ließ sich davor aus die Kniee nieder. „Sie weint, die Kleine, weshalb?" rief sie, und angstvoll beugte sie sich neben sie, nach der Ursache ihres Unbehagens for-' schend.„Das arme Herzchen, wie kalt es ist, freilich, dieser ab scheuliche Wind, er dringt durch jede Rize; da, die Kissen fülen sich ganz feucht an; ach, du mein liebes armes Schäzchen- und das Feuer im Ofen ist auch ausgegangen! Domenika"— wante sie sich an diese, die sich noch immer nicht aufgerollt— „weshalb kamst du nicht in die Küche, um mir zu sagen, daß die Kleine erwacht sei?" Domenika richtete sich ein wenig in die Höhe, aber als sie durch das Aufgeben ihrer Stellung sogleich die ans sie eindrin- gende Kälte verspürte, zog sie ihre Knie wieder bis an den Mund hinauf.„Es ist so kalt," wimmerte sie mit einer war- hast kläglichen Stimme, dabei mit den Zänen klappernd. Marie sah mit einem Blick des Mitleids auf sie herüber. „Sie ist halb tot vor Kälte," murmelte sie, aber dann für sie verweisend fort:„Warum hast du kein Holz nachgelegt? Du weißt es wol, wir dürfen das Feuer nicht ausgehen lassen." Domenika machte unter ihrem Tuche eine Geberde des Ab- scheues.„Die Ofenwärme ist nicht viel wert, sie macht krank, oiwä ich bin schon krank, Patrona, ach so krank, soviel krank!" „Du bist faul, Domenika, ach soviel faul," sagte Frau De- Pauli mit einem fast gutmütigen Ton,„aber ich will nicht, daß mein Kind darunter leide," fügte sie in ernster Zurechtweisung hinzu,„und deshalb wirst du tun, was ich dir befele." „O ja, Patrona, alles, alles will ich tun, zanken Sie nur nicht." „Du wirst einheizen, auch wenn es dich verdrießt." „O, ich tue alles für Sie, pacironcina rnia, ich opfere Ihnen mein Leben!" Domenika versuchte sich aufzuraffen, es ging schwer, es schien ihr ungeheure Anstrengung zu kosten; man hätte glauben können, ihre Glieder seien wirklich gelämt. Marie hatte indes selbst einige Stücke Holz aus dem Kamin hervorgezogen und sie in den Ofen geschoben. Domenika stellte sofort ihre Auferstehungsversuche ein, sie legte lachend die Hände in den Schoß und zeigte die weißen Zähne. „Leeola, jezt hat es die Patrona selber schon gemacht, und wie rasch, und wie gut, santa santissiraa! Muß ich da auch noch aufstehen?" Marie gab der Trägen keine Antwort, ihr Kind nam ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie brachte Tücher nach dem Ofen, um sie zu wärmen. Dann hüllte sie die Kleine fester in die Flaumendecken, und sich über sie beugend, drückte sie ihr Ge- ficht an das des Kindes, uni es vor jedem Luftzug von außen zu bewaren. Es fülte sich im Arm der Mutter bald behaglich. und als die Tücher erwärmt und es damit umwickelt war, schlief es wieder ein. Marie blieb noch immer auf dem kalten Boden, vor dem Bettchen hingestreckt, rute doch der Kopf des Kindes auf ihrem Arm und sie fürchtete, es zu wecken; unvertvant blickte sie in das kleine Gesichtchen, das so frisch, so gesund, so lieblich aussah. Ihre Marietta wird ihr nicht sterben, ivie ihr Erstge- geborener, der schwach und kränklich war, o nein, nein, Marietta versprach ein großes, kräftiges Mädchen zu werden; und leise, sie kaum berürend und doch mit aller Herzinnigkeit küßte sie sie auf die sich rötenden Bäckchen und auf den kleinen Mund. Sie fülle sich so glücklich. Aber dann überfur auch sie ein Schauer, sie durfte nicht länger so unbeweglich bleiben, sie mußte auf- stehen, sie fülte sich fast erstarrt. Langsam legte sie das Kind in die Kissen zurück und erhob sich. Sie rieb sich die armen roten Hände, welche in diesem Winter Frostbeulen erhalten hatten und nachdem sie einigemal im Zimmer auf und nieder gegangen, trat sie an das Fenster. Wallender Ziebel lag über dem Kanal und ließ die Gegen- stände am andern Ufer nicht mer erkennen. Das Wasser kam voin Meer, es stieg; der Wind war heftiger geworden und er- zeugte kleine springende Wellen, die die Quaimauern uud Treppen, die über das Niveau des Wassers sich erhoben, überschlugen und bis in die Vestibüle der Häuser drangen. Man vernam nichts als das klagende Gestön des Windes, der vom Lido herüber- wehte und das sonore Geräusch des an die Mauern anschlagen- den Wassers. Hie und da nur ertönte der schrille Avertissements- ruf eines Gondoliers, der einem Zusammenstoß vorbeugen wollte, tvelcher bei dem eintretenden Nebel auch auf der gradeu Wasser- straße des Kanal Grande erfolgen konnte. Marie blickte hinaus; sie legte die Hand au's Herz, sie fülte es sonderbar gepreßt. Wie schaurig öde, wie naßkalt, wie trau- rig einsam war es da d-außen und— auch hier innen. Sie warf einen Blick in den großen, sie umgebenden Raum, der in der Dämmerung sich noch zu Ivcffen schien. Die dunklen Mauern traten ganz zurück; nur hier und au löste sich eine hellere Figur von der Tapete, und sie schien sich z.' bewegen; es war, als schwebe sie ihr entgegen. Mit einem leisen Grausen wendete sie den Kopf wieder dem Fenster zu und legte ihn an die kalten Scheiben; unwillkürlich mußte sie de. Heimat gedenken, und der lichten netten, gutdurchwärniten Stuben, di dort Sitte und Brauch sind. Sie erinnerte sich, wie sie mit ihre.. Lieben all den langen Winterabenden im traulichen Geplauder beisammen- gesessen, und wie es ihnen in dem warmen Nestchen nur um so behaglicher wurde, je mer es draußen stürmte und schneite. Ach, wie war das nun alles anders in dem fremden Laude, in dieser sonderbaren Stadt, in die sie sich nicht eingewönen konnte! Und mit der Erinnerung an die Heimat kam auch die Erinnerung an die teure Mutter, die nicht mer auf Erden iveilte. Frau Weiß hatte in den angenenisten Verhältnissen, wie sie selbst geschrieben, zwei Jare mit ihrer Tochter Elvira, der sie ihre Flucht und ihre Tcaterleidcnschaft längst verziehen hatte, in Paris und teilweise in Trouville verlebt. Sie schien sich wol und heiter zu fülen, ja sie erwänte mit einem gewissen Stolz der Ehre und Aus- zcichuungen, mit denen man jezt schon ihre Tochter überhäufte, der man eine glänzende Zukunft prophezeite. Sie selbst war von den Herrlichkeiten der Weltstadt entzückt und geblendet und pries zugleich die wunderbare Billigkeit, mit der man sich daselbst ein- richten und für seine Bedürfnisse sorgen könne. Die gute Frau glaubte an das Wunder, daß sie und ihre Tochter mit der kleinen Pension ganz prächtig auskommen und alle ihre Bedürfnisse bc- streiten tonten, wenn auch großmütige Landsleute dafür Sorge trugen, daß ihre Tochter jeden Unterricht umsonst erhielt. Sie wachte über Elvira, die sich übrigens ungemein zurückhaltend und spröde gab, und somit war ihr mütterliches Gewissen völlig be- ruhigt und zugleich war jene abergläubische Furcht für ihre Verantwortlichkeit im Jenseits von ihr gewichen. Mit Unge- duld erwartete sie das erste Auftreten ihrer Tochter, das dem- nächst erfolgen sollte, als ein typhöses Fieber nach kurzem Krankenlager ihr Ende herbeifürte. Die arme Marie hatte da- mals ihr erstes Kind an der Brust und befand sich samt ihrem Kleinen selbst nicht am besten. Alfred verschwieg ihr den Tod der Mutter so lange es ging, und so war es gekommen, daß sie diejenige, die sie so zärtlich geliebt, nicht wieder gesehen hatte. Als sie in diesem Augenblick daran denken mußte, stürzten ihr die Tränen in die Augen, aber sie wendete sich dem Kinde zu und ihre Züge erhellten sich rasch, sie lächelte. Kann ich mich vereinsamt fülen bei meinem Kinde, und bin ich nicht so ganz glücklich an der Seite meines Alfred? Und muß es mir nicht am besten gefallen, muß ich's nicht am schönsten finden, dort, wo er ist? Ach, was wär' mir auch die ganze Welt one ihn! Sie sah sich in dem düstern Gemache um. Freilich, er ist nicht bei mir, und wenn er an der Akademie kopirt, sehe ich ihn den ganzen Tag nicht, und Abends treibt es ihn auch bald wie- der hinaus. Aber er ist ein Künstler, er gehört in die Welt, sagen sie, und ich— ihre sanften Augen senkten sich in deinü- tigcr Ergebung— ich bin so wenig, ich habe nicht den Geist, den er bei andern findet, ich kann ihm nicht ersezcn, was er da- bei verlieren würde. Der helle Ton einer Klingel schreckte sie aus diesen Betrach- tungen. Sie warf noch einen Blick nach Domenika,— die schnarchte laut; es hätte>vol lange gedauert, bis sie diese zum Bewußt- sein aufgerüttelt, so lange durfte sie de» auf der Straße Harren- den nicht warten lassen. Sie Ivarf ein Tuch über die Schulter und trat in die Sala hinaus.(Fortsezung folgt.) Die Spinn- und Webinduftrie. Skizze von Dr. Mar Hogter. Nachdem die„Neue Welt" jüngst den im schlesischen Eulen- jenen Bezirken vertretenen Spinn- und Webindustrie zu erhalten. und sächsischen Erzgebirge herschenden Notständen eine ausfür- Wir wissen bestirnt, daß schon von den alten Aegyptern Leinwand lichere Betrachtung gewidmet hat, dürfte es unseren Lesern nicht gewebt wurde und noch die Römer dieselbe aus dieser ältesten unwillkommen sein, im folgenden eine kurze Geschichte der in uns bekanten Quelle bezogen. Der Anbau des Flachses(I-inum), dessen Verbreitung je länger je mer zunam, da er auch sonst wenig oder keinen Ertrag ge- bende Bodenarten nuz- bar zu machen gestattet, fürte von selbst auch auf die Verarbeitung desselben zu Gespinst und Gewebe. Das mußte umsomer ge- schehen, als diese Ver- arbeitung doch in den langen Wintermonaten Erwerb und Beschäfti- gung bot. So wurden Flachsbau und Leinen- Weberei in die ent- legensten Täler und Gebirge getragen, und beide mußten sich grade in solchen Gegenden unl so fester einbiir- gern, als die ziemlich umständliche BeHand- lung der Faserpflanze ihren Anbau nur in Kreisen mit billiger Arbeitskraft vorteilhaft erscheinen läßt. Der Hanf ist bestimt in ser früher Zeit durch die Römer in Deutsch- land eingesürt worden; die noch heute in Süd- deutschland und der Nordschweiz für den mänlichen Hanf ge- bräuchliche Bezeichnung Femel, Fammal, Fim- mel stamt direkt von dem lateinischen kemiua (Weib), womit die Rö- mer die einen weib- lichen Samen tragende Hanspflanze von der mänlichen unterschieden, Wärend später durch eine sonderbare Ver- wechslung grade diese Bezeichnung auf den mänlichen Hanf über- tragen wurde. Bis in das achtzehnte Jarhun- dert hinein bestand die Kleidung des größten Teils unsrer ländlichen Bevölkerung aus selbst- gewebtem Linnen. Für die gröbere Sorte dieses Gewebes, zu der das Garn inländischen Wirt- schaften aus selbstge- bautem Flachse, dieser „deutschen Baumwolle", gesponnen wurde, hatte man die wol auch noch heute übliche Bezeich- nung Hausleinwand. Zu besondrer Entwick- lung gelangte die Lei- nenindustrie in Irland, dessen Bleichereien seit Jarhunderten und noch heute in hohem Rufe stehen, in den nördlichen Teilen Frankreichs und jfl-->g od. in Deutschland außer Westfalen, Hainwver, Sachsen, Böhmen be- sonders in Schlesien, wo in den Abhängen des Riesengebirges vor- treffliche Bleichpläze vorhanden waren. In den Niederlanden ihol- ländische Leinwand) und der Schweiz wurde ebenfalls schon in scr früher Zeit Leinwand fabrizirt. Auch der Flachsspinnerei und Leinenweberei bemäch- tigte sich bekantlich die Maschinentätigkeit, wenn auch in Bezug auf jene nicht in so hohem Grade und in so ausgedehntem Maße wie in der Baum- Wollenindustrie, da die Eigentümlichkeit des Flachsbans, der immer nur auf Verhältnis- mäßig kleinen Parzellen erfolgt und daher kein gleichmäßiges Fabrikat liefert, der Maschinen- spinnerei Schwierig- keiten bietet, und was die Weberei anlangt, so wird ebenfalls noch ein großer Teil der Waaren auf Handstülcn gefertigt. Die ersten Flachsspinmaschinen stellte man gegen Ende des vorigen Jarhun- derts in Nordengland und Schottland auf. Der Erfolg befriedigte indes noch keineswegs, sodaß Napoleon 1810 einen Preis von einer Million Francs für die Erfindung einer der- artigen Maschine aus- zusezen sich veranlaßt sah, welcher aber nie- mals zur Auszalung gelangte. Immerhin war die Aussezung die- ses Preises ein Sporn für weitere Versuche, und den Erfindungen Girards, der sein erstes Patent am 28. Juli 1810 erhielt, ver- dankt denn in der Tat die heutige mechanische Flachsspinnerei das meiste. Die Verbesse- rungen der Engländer brachten dann das Maschinensystem Girards mit der ihnen eigentümlichen Energie zu größerer Vollkom- menheit und bildeten es in der Folge immer weiter aus. In Zittau bestand schon im Jare 1390 eine Leincweberzunft; Barchentweber— die man„Schwabenweber" hieß— werden in Schwaben als eine besondere Zunft ebenfalls schon im 14. Jar- hundert genant. Die sächsische Leinwebern, so alt sie auch ist, kam indes erst seit dem 16. Jarhundert durch„Bater August" in Schwung, welcher leztere nicht selten Flachs austeilen ließ, um die Laudleute zum Spinnen und Weben zu ermuntern. Daher ein Liedchen, welches sich lange in den Rockenstuben erhielt und dessen Anfang lautete:„Gabe der Korferst nit Flachsen zum Fädel, feierten Mädel und Spinrädel." Die mechanische Flachs- spinnerei wurde im oberen Erzgebirge zuerst im Jare 1860 ein- eingefürt. Am weitesten verbreitet ist die Leinweberei in Sachsen bekantlich in der südlichen Lausitz. Wer hätte nicht von den stundenlangen und stadtgleichen Weberdörfern hier und in Schlesien, wo man den Beginn der Leinweberei*) ebenfalls Jarhunderte zurückzudatiren vermag,— diesen Dörfern mit mehreren tausend Einwonern, gehört, wo vom Dienstboten bis zum Herrn, vom Kinde bis zum Greise alles spint, spult, bleicht, webt oder aus andre Weise dem Gewerbe förderlich ist?— Bor einem halben Jarhundert und länger vermochten die Leute sich hier noch gut zu nären. Große Massen von lausitzer und schlesischer Leinwand gingen damals in das Ausland, besonders nach Amerika, Spanien und Italien, und die eigenen gesponnenen und gebleichten Hand- garne wurden in großen Mengen versendet. Wie es heute stet, wer weiß es nicht?— Eine sehr umfangreiche Geschichte hat die Baumwollenindustrie. Die erste Kultur und Verwendung der Baumwollpflanze fand aller Warscheinlichkeit nach in Indien statt. Die indische Baum- wolle ist ungemein zart und hat eine gelbe Farbe; sie wurde die „heilige Baumwolle" genant, weil die aus ihr gefertigten Zeuge keiner Färbung bedürfen, ungefärbte Baumwolle aber als unrein von den Brahmanen zu tragen verboten war. Aus dieser Baum- wolle bestehe» die dichtgewebten Zeuge, welche aus der chinesischen Stadt Nanking zu uns kamen und von lezterer ihren Namen erhielten. Sehr früh war die Baumwollenkultur auch in Aegypten entwickelt(vgl. den Artikel„Spinnen und Weben" in'Nr. 0 der „Neuen Welt"). Strabo(im ersten Jarhundert nach Chr. Geb.) spricht von ihrer Anpflanzung in Lusiaua am persischen Meer- busen, und Plinius crzält, daß die ägyptischen Priester sich in den daraus gewonnenen Stoff kleideten.'Nach Europa kam der Baumwollenbau aller Warscheinlichkeit nach durch die Araber, bei denen zu Mohameds Zeiten der Gebrauch baumwollener Stoffe ganz allgemein war. Das erste Land in Europa, in welchem die Baumwollenpflanze als ein Gegenstand des Anbaus erwänt wird, ist Spanien. Erst später kam sie nach Sizilien, dem südlichen Italien und Griechenland. Wann der Baumwollenbau in China eingefürt worden, ist bisher nicht mit völliger Sicherheit zu be- stimmen gewesen; nach den meisten Berichten soll er hier nicht weiter als bis ins neunte Jarhundert n. Chr. zurückgehen, da früher die Seide der allgemeine Kleidungsstoff war. Troz des schon früh vorhandenen Baumwollenhandels zwischen Indien und Europa, der teils über Äonstantinopel, teils über Aegypten ging, und sich nach und nach erweiterte, war der Gebrauch von Baum- wollenzeugcn im ganzen Mittelalter, ja, selbst bis ins 18. Jar- hundert, ein noch sehr beschränkter. Im 13. Jarhundert befand sich der Hauptmarkt in Granada, im 14. in Benedig, im 16. in Flandern und im 17. Jarhundert in Holland. Bon 1650—1740 war Amsterdam der bedeutendste Baumwollenmarkt in Europa, der Holland entrissen wurde, als England die Stelle der ersten See- und Handelsmacht an seiner Statt einzunemen begann. Was die Verarbeitung der Bauinwolle zu Garnen und Ge- weben anlangt, so war, wie bereits bemerkt, dieselbe schon geraume Zeit vor Beginn unserer Zeitrechnung und bei den asiatischen Völkern des grauesten Altertums bekant. Im zweiten Jarhun- dert unserer Aera brachten arabische Kaufleute Baumwolle aus Indien nach den Häfen am roten Meer. Danials wurden von der indischen Stadt Barygaza allerlei Kattune und Musseline aus- gcfürt, die hinsichtlich der Feinheit aber von den im Gangesgebict verfertigten und von den Griechen sehr geschäzten übertroffen wurden. Wärend der Eroberungszüge der Sarazenen verbreitete sich der Gebrauch bauniwollener Stoffe nach Afrika. Im Jare 1252 findcil wir aus Turkestan bezogene Kattune in der Krim als gewönlichen Handelsartikel; auch verwendete man in der südlichen Tartarei baumwollene Gewebe, die aus Persien und *) Hinsichtlich der gleichfalls in Schlesien fleißig betriebenen Band- Weberei sei z. B. bemerkt, daß die dort vielfach benuzte Bandmüle, die eigentliche Fabrikmaschine bei diesem Geschäftszweig, bereits über 200 Jare alt und ihr Ursprung ganz unbekant ist. T. Verf. dessen Umgebung kamen, zu Klcidnngsstoffen. Nach den Mit- teilungen des bekanten Reisenden Marco Polo wurden schon gegen Ende des 13. Jarhunderts zu Arzingan in Armenien sehr feine Kattune fabrizirt und sowol in Persien, wie in den Gebieten längs des Indus Baumwolle in Meuge kultivirt und verarbeitet. Bon der Küste von Guinea, aus Benin, kamen hier geferttgte Kattune im Jare 1590 nach London. Auch in Amerika lvar die Verarbeitung der Baumwolle lange vorher, ehe die Europäer dort landeten, bekant. Nach Fr. von Tschudi hätten schon die Jnkas in Peru eine braune Baumwolle gebaut und verwebt. Die beste Baumwolle wird hier in Brasilien erzeugt. Gewiß ist, daß bei den Mexikanern schon in sehr früher Zeit dieser Stoff das alleinige Kleidungsmaterial bildete. Sie wußten so feine Zeuge daraus zu weben, daß Cortez u. a. zu den für Kaiser Karl V. bestirnten Geschenken auch derartige Baumwollenstoffc lvälte. Es ist schon gesagt worden, daß im 13. Jarhundert in Europa Granada den Hauptmarkt für den Baumtvollenhandel bildete. Hier in Spanien hatte Abderrahman III., genant der „Große"(912—961), um die Mitte des zehnten Jarhunderts die Kultur der Baumwolle eingefürt, und im 14. Jarhundert wurde dieselbe in Granada sehr schwunghaft betrieben. Aus dieser Zeit stammen one Zweifel die Benennungen, die bei uns heute noch in Gebrauch sind, wie z. B. das Wort Kattun, da Koton im Arabischen die Baumwolle bedeutet(auch das bei den angelsächsi- schen Völkern gebräuchliche Cotton ist von diesem arabischen Worte hergeleitet), ferner das Wort Watte, tvelches im Spanischen die krautartige Baumwollenpflanze(Watta) selbst bedeutet. Das Wort Musselin bedeutet ein Gewebe aus Mossul in Mesopotamien, welches locker aus Baumwolle gewebt war. Angesürt mag hier gleich noch werden, daß seit Salomo zur Bezeichnung der Baum wolle das Wort Bysfus, welches bei alten Schriftstellern sehr oft wiederkehrt, am gebräuchlichsten wurde. Besonders nent man so jene feinen Musseline, welche von indischen Dichtern„gewebter Wind" genant wurden, da sie nur die Dichtigkeit eines Spinnen- nestes haben. Zur Zeit des Plinius hieß die Baumwolle Xylo» oder Tyliuoii, und bezeichnete dieses Wort gleichzeitig eine von der Insel Ceylon(von den Engländern bekantlich Silohn ausgesprochen) komniende Ware. Jndienne ist natürlich neueren Ur- sprungs lind bedeutet einen feinen gedruckten Kattun. Infolge der Vertreibung der Mauren aus Spanien erlosch dort die Baumwolleniudustrie wieder und hatte dann ihren Siz Haupt- sächlich in Venedig und Mailand, von wo aus schon im 14. bis 16. Jarhundert feinere Dimitins und gröbere Tücher und Barchente in den Handel gelangten. Ferner wurden im 16. Jarhundert in Teutschland Barchente und in den Niederlanden, besonders in Gent und Brügge, Kattune bereits in großer Menge gefertigt. Von der hohen Bollendung der indischen Baumwollenweberei im 17. Jarhundert erzält der Franzose Tavernier, der um diese Zeit Asien bereiste und als Kaufmann die Güte der Fabrikate zu beurteilen im Stande>var, viele dieser Stoffe seien so zart, daß sie in der Hand kaum gefült, und so fein, daß sie vom Auge kaum gesehen zu werden vermögen. Zu Seconge in der Provinz Malwa verfertige man Kleidungen von völliger Durchsichtigkeit, die aber nicht in den Handel kämen, weil der Gouverneur sie ausschließlich dem Serail des Großmoguls und seinem Hofe über lassen müsse,„da diese Herschaften cm besonderes Vergnügen daran finden, ihre Weiber in solchen Gewändern tanzen zu sehen". Endlich bemerkt der Genante noch, daß türkische Turbane aus 25 oder 30 Ellen solcher Musselins zusammengewunden seien und doch kaum 4 Unzen wögen. Wie ferner der Missionär Ward angibt, wurden zu Gantipuru und Datta Musseline von solcher Feinheit gewoben, daß, wenn dieselben auf einer Wiese lagen und der Tau darauf gefallen war, sie dem Auge sich vollständig ent- zogen. Man muß gerechterweise staunen, daß aus den Händen des Hindu Gewebe von so außerordentlicher Feinheit und Schön- heit hervorgehen können, wenn man bedenkt, daß derselbe auf die Kultur der Baumwolle so wenig Sorgfalt verwendet und sein Webstul jedwedes Mechanismus beinahe entbehrt*). Zu welcher Zeit die Baumwollenfabrikatton in England. Ivo sie nachher eine so außerordentliche Ausdehnung gewinnen sollte, *) Unsere Maschinen vermögen freilich jezt Gespinste und Gewebe von gleicher und noch größerer Feinheit hervorzubringen: doch rühmt inan dem indischen Handgespinst eine besondere Weichheit und große Dauerhaftigkeit nach, die von den Maschinenprodukten nur in seltenen Fällen erreicht werde. Ein Spinner aus Manchester brachte sogar die Nummer 2150 zur londoner Ausstellung. Doch war dies natürlich eben nur ein Kunst- und Schaustück, ohne praktische Verwendbarkeit. 331 ihren Anfang nam, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen, aber das wissen wir, daß sich dieselbe vom Kontinent aus dort ein- gebürgert hat und daß im Beginn des 17. Jarhunderts in Man- chester sich große Baumwollenfabriken befanden, indes diese In- dustrie hier nur sehr langsame Fortschritte inachte, da mit den vorhandenen Spinnapparaten keine feinen Garne gesponnen und daher nur Barchente, Dimitins und andere dicke Gewebe erzeugt werden konten. Noch bis 176(1 waren die Fabrikationswcrkzeuge beinahe so einfach ivie in Indien, und nur der Wcbstul war etwas kunstvoller gebaut. Im Jare 1738 hatte John Kay die Schnellschüze erfunden, wodurch es dem Weber möglich wurde, in derselben Zeit noch einmal so viel Zeug zu weben als zuvor. Im Jare 1739 war dann John Wyatt aus Birmingham auf den Gedanken gekonimen, einen Faden mittels Zug- oder Streck- walzen herzustellen, ivas das Grundprinzip aller neueren Spinn- niaschinen geworden ist. Auch soll von demselben merere Jare lang wirkliches Maschinengarn hergestellt worden sein*). James Hargreaves, einem armen Weber aus Standhill bei Blackburn, gelang es um 1767, eine sinnreiche Maschine herzustellen, auf welcher acht Fäden auf einmal gesponnen werden konten. Diese Erfindung wurde von Hargreaves nach seiner Tochter„Jenny" genant und von ihm anfänglich mir zu seinem eigenen Gebrauche bestimt. Wie alle Männer von Genie, hatte auch Hargreaves infolge seiner Erfindung zunächst mit der Dummheit und Nieder- tracht der Menschen einen Kampf zu bestehen. Seine Erfindung zog ihm den Haß der Spinner zu, und um diesem zu entgehen, begab er sich nach Nottingham, verband sich dort mit Thomas James, der ihm ermöglichte, eine kleine Spinnerei zu errichten, und ließ sich 1770 auf seine Erfindung ein Patent geben. In der bei dieser Gelegenheit gelieferten Beschreibung werden bereits 16 Spindeln genant, die die Hand nur eines Menschen in Gang zu sezen vermag, und bald wurde diese Zal auf 20, 30 und 100 vennert. Als im Jare 1770 eine augenblickliche Geschäftsstockung eintrat, bemüte man sich, das Aufkommen dieser Maschine zu hindern, und in der Tat wurden alle Maschinen, die mer als 20 Spindeln hatten, vernichtet. Die Folge dieses Unfugs war, daß die Baumwollenindustrie auf lange Zeit aus Blackburn und seiner Umgebung verschwand. Im Jare 1769 machte dann ein anderer Engländer, Richard Arkwright, eine neue Erfindung, durch welche dem Spinnerei- betriebe wieder bedeutende Vorteile geschaffen wurden. Das jüngste von dreizehn Kindern einer armen Familie, beschäftigte sich" Arkwright, der zuerst als Barbier und Harhändlcr tätig war, schon frühzeitig mit mechanischen Arbeiten und Grübeleien, und eine zeitlang trug er sich sogar mit den, Gedanken der Er- findung eines Perpetuum mobile, bis ein befteundeter Uhrmacher, Namens Kay, seine Aufmerksamkeit auf die praktischere Aufgabe einer Spinmaschine hinlenkte. Nachdem er durch einen wolwollen- den Bankier in den Besiz der nötigen Geldmittel gelangt war, sezte er nach langen Mühen seine Maschine zusammen und erhielt 1769 das erste Patent auf dieselbe. Die erste darauf zu Notting- ham errichtete Spinmüle wurde durch Pferde in Bewegung ge- sezt; da aber diese Triebkraft zu kostspielig war, schritt er zur Erbauung eines größeren Werkes, das durch Wasserkraft in Bc- ivegung gesezt wurde, weshalb seine Maschine den Namen Water- Maschine erhielt. Nach den ihr eigenttimlichen Flügelspindeln mit Spule oder, wol erklärlicher, ihres singenden Geräusches wegen, nante man diese Maschine auch Drosselmaschine. Weder mit Hargreaves'„Jenny", noch mit Arkwrights Wa- termaschine konte aber feines Garn gesponnen werden, bis es im Jare 1770 der Weber Samuel Crompton unternam, die beiden zugrunde liegenden Prinzipien mit einander vereinigend eine neue *) Eine wichtige Erfindung sür die Gewinnung der Baumwolle hatte im Jare 1703 Withney insofern gemacht, als durch ihn die Ma schine entstand, welche die Wolle von dem Samen trent, wärcnd es früher, zum größten Nachteil der Gesundheit der Lungen, durch Hand- arbeit geschehen mußte. D. Verf. Maschine zu konstruiren, durch welche der Faden gleichmäßiger ausgezogen und dadurch ein weit feineres Garn gesponnen zu werden vermochte. Weil sie die Eigenschaften jener beiden Ma- schinen in sich trug, nante der Erfinder die neue Maschine Mule- jenny. Darauf gab ein Mechaniker in Harwich, Henry Stoncs, derselben eine kunstgerechte Gestalt und brachte überhaupt große Verbesserungen an ihr an, die zunächst Wright in Manchester durch die Erfindung des Doppelstuls vermerte, so daß noch vor Ablauf des 18. Jarhunderts der Mulejenny 100 Spindeln gc- geben werden konten. Ihre Nollendung erhielt die Spinmaschine durch die Sclfaktors, welche die Mitwirkung der Menschenhand beim Spinnen völlig entberlich machte». Die erste derartige Maschine soll 1790 von William Strutt zu Derby konstruirt lvor- den sein; einen entscheidenden Erfolg hat aber wol zuerst Roberts Maschine gehabt. In der Folge wurden nun nicht blos beide Maschinen, die Mulejenny und die Watermaschine, immer mehr verbessert, fondern auch eine Menge anderer, die die Borbereitungs- operationcn betrafen, erfunden; so vor allem die Spindclbank, der Flyer und der Rörenstul. Der leztere ist eine amerikanische Erfindung und wurde um 1817 bekant. Eine ungeheure Ent- Wicklung nam die Baumwollenfabrikation, seitdem die 1764 von James Watt erfundene Dampfmaschine als Motor in derselben eingefürt wurde, was zuerst im Jare 1785 in einer Spinnerei zu Nottinghamshire der Fall ivar. Mit der Spinnerei war man natürlich gleichzeitig auch die Weberei höher zu entwickeln bemüt gewesen. Schon um die Mitte des 18. Jarhunderts erfand der berühmte Baucanson einen Webstul, der durch Umdrehen einer Kurbel arbeitete; derselbe wurde auch 1765 in einer Weberei aufgestellt, bewärte sich indes nicht besonders, da jeder Stul eines eignen Aufsehers benötigte. Wichtiger und die Grundlage des heutigen Webstuls(Power- looms) bildend, war die Erfindung Edmund Eartw rights (1786), der von Beruf ein Geistlicher war und das Feld der Technik als bloßer Dilettant betreten hatte. Mit»och größerem Vorteil konte dieser Powerloom benuzt werden, als im Jare 1802 Radcliffe die Schlichtmaschine erfunden hatte. Daß im Laufe der Zeit auch der niechanische Webstul immer größere Vervollkomnuugen crfur, namentlich wie dies durch die Erfindung des edlen Menschen- freundes Charles Jacquard(1808) geschah, ist bekant genug. Eine wichtige Stelle in der Baumwollcnindustrie mint auch die Färberei, und hier besonders die Türkischrotfärberei, ein. Die leztere, ftüher vorzugsweise in der Türkei(Adrianopel) betrieben, wurde zuerst um die Mitte des vorigen Jarhunderts in Frankreich(Rouen), später in England nnd gegen 1810 in Mülhausen im Elsaß und in Elberfeld eingefürt,>vo sie jezt in großer Aus- dehnung betrieben wird. Aus die Schafwollenfabrikation, die besonders auch in Sachsen große Ausdehnung besizt, niag hier nur hingewiesen sein. Die Schafwolle wird entweder zu Kamgarn versponnen, aus dem man glatte Stoffe macht, oder zu Streichgarn, welches, nachdem es in der Wolle noch mehr verfilzt worden ist, Tuch, Flanell und dergleichen liefert. In Sachsen wurde die Wollenindustrie durch die Einwanderung von 20 000 vor Alba flüchtenden Nieder- i ländern, denen Kurfürst August die Niederlassung gestattete, ein gefürt. Der Vollständigkeit wegen wäre dann noch die Kunst- Wollenfabrikation zu erwähnen, deren Produkt aus Lumpen reproduzirt wird, und die Fabrikation der(aus Baumwolle, Wolle und Seidenabfällen) gemischten Garne. Da unsre Skizze mit besondrer Rücksicht auf das sächsische Erzgebirge geschrieben ist, so können wir nicht unterlassen, schließlich auch der daselbst so fleißig betriebenen Spizenklöppelci Er- wänung zu tun, welche bekantlich im Jare 1561 durch Barbara Uttmann, dem Abkömling einer nürnberger Patrizierfamilic namens Elterlein, zu Annaberg erfunden oder der Sage nach durch eine wegen ihres protestantischen Glaubens unter Alba's Tyrannei aus ihrem Vaterlande vertriebenen Brabanterin, die Barbara llttmann gastlich aufnam, eingefürt ivurde. Ein Versolgier. Von Eduard Sack. Im Jare 1750 erschien zu Paris eine kleine Schrift, von! übertrieben: der„Discours" sezte das ganze gebildete Paris in welcher Diderot dem wegen Krankheit im Zimmer weilenden Ver- eine fast leidenschaftliche Bewegung und rief in den literarischen fasser begeistert meldete, sie reiße alles mit sich fort und es gäbe Kreisen der Hauptstadt„eine Art von Revolution" hervor. Man kein zweites Beispiel eines solchen Erfolges. Diderot hatte nicht sprach von ihr wie von einem„wunderbaren Phänomen, das plözlich am Literaturhimmel aufgegangen", und konte kaum Worte finden, um das Staunen über die ungewönliche Erscheinung aus- zudrücken. Ein bis dahin fast unbekanter Fremdling, Jean Jacques Rousseau aus Genf, hatte es gewagt, über den„Einfluß des Fortschritts der Künste und Wissenschaften auf die Sitten" seine Ansichten auszusprechen, und die Akademie zu Dijon hatte die Ab- Handlung mit ihrem Preise gekrönt. In überraschendem Gedanken- gange, in glänzender Sprache klagte er über eine tiefgehende Verderbnis der Gesellschaft, und bemüte sich, nachzuweisen, es sei diese Verderbnis in demselben Maße gestiegen, in welchem die Künste und Wissenschaften sich vervollkomnet hätten. Das war nicht nur neu, das war unerhört. Man drängte sich von allen Seiten zu dm Verfasser; zallos waren die Einladungen, die er erhielt; jedermann wollte ihn sehen, mit ihni sprechen, ihm durch Wort oder Tat seine Anerkennung ausdrücken. Der unbekante Fremdling war mit einemmale ein gesuchter Mann. Selbst die Gegner vermehrten nur sein Ansehen und seinen Ruhm. Die Vertreter der Wissenschaft und geistigen Bildung, namentlich die Mitglieder von Akademien und gelehrten Gesellschaften, sogar der Titularkönig von Polen und die stolze ftanzösische Akademie be- eilten sich, gegen den ehemaligen Uhrmacherlehrling, gegen den armen, ungelehrten Schreiber die Wissenschaft und die Künste zu verteidigen. Aber es wurde Rousseau nicht schwer, die von allen Seiten auf ihn eindringenden Angreifer siegreich zurückzutveisen; denn nicht die Wissenschaften und die Künste, nicht die Civilisation hatte er angegriffen,„sondern die Tugend vor tugendhaften Männern verteidigt," oder— wie unser Lessing sich anerkennend ausdrückte—„der Tugend gegen die Vorurteile das Wort ge- redet", wobei er nur„zu weit" gegangen war. Nicht das gleiche verblüffende und lärmende Auffehen erregte die Abhandlung„über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen", welche 1755 erschien. Auch sie war durch eine Preis- aufgäbe der Akademie zu Dijon veranlaßt; aber die gelehrte Gesellschaft, einmal gewizigt, zog es diesmal vor, die merkwürdige Arbeit ganz ungeeignet zu finden und Abhandlungen zu krönen, die nie veröffentlicht worden und ebenso unbekant geblieben sind, wie ihre Verfasser. Rousseau's Schrift fand, wie er selber sagt, „nur wenige Leser, die sie verstanden, und diese wenigen hielten es für angemessen, zu schweigen." Gleichwol enthielt bereits diese Schrift jene Meinungen, Lehren und Schlußsäze, welche als die anregenden und unaufhaltsam forttreibenden Ideen in der großen Revolution erschienen. Der Verfasser widmete die Schrift seiner Vaterstadt. Die Republik Genf erschien ihm damals, wie er in der Widmung sagte, als ein Staat, welchen er sich zur Geburtsstätte ausersehen haben würde, wenn er diese hätte wälen können. Zu Rousseau's „unaussprechlicher Freude" wurde die Widmung angenommen und der Rat bezeugte unterm 18. Juni 1755, daß er in ihm mit Wolgefallen einen Bürger erkenne,„welcher durch Werke, aus denen Geist und ausgezeichnete Fähigkeiten sprechen, sich unsterb- lich macht." Sechs Jare später, am Anfange des Karnevals 1761, erschien „Die neue Heloise". Mit größter Ungeduld hatte ganz Paris den Roman erwartet, und als die Ausgabe erfolgte, reichten die bei den Buchhändlern vorhandenen Exemplare für die Menge der Kauflustigen nicht aus. Man lieh sich das Buch für einen be- stimten Preis ans den Tag oder gar die Stunde; in der ersten Zeit verlangten die Ausleiher 12 Sous für den Band und be- willigten nur eine Stunde zum Lesen. Auch wurden die großen Erwartungen, mit welchen man dem Romane entgegengesehen hatte, keineswegs getäuscht. Die unbefangenen Leser waren voll des Lobes und der Bewunderung. Die gesamte vorneme Welt zollte ihm lauten, ja vielfach begeisterten Beifall; den größten Erfolg aber hatte er am Hofe, wo ihn selbst die Dauphine(Mutter Ludwig XVI.) als ein„hinreißendes Werk" bezeichnete. Es soll vorgekommen sein, daß eine Dame, welche in Erwartung des Wagens, der sie zum Balle bringen sollte, den Roman auf einen Augenblick in die Hand genommen hatte, von der Lektüre so gefesselt wurde, daß sie ihren Kutscher stundenlang warten und schließlich die Pferde wieder ausspannen ließ. Bon den ton- angebenden Schriftstellern hielt d'Alembert, welcher den Roman einer fteimütigen und scharfsinnigen Kritik unterzog, mit seiner Anerkennung nicht zurück, und namentlich war Duclos des Lobes voll. Aber es stellte sich auch bereits heraus, daß vielen die philosophischen Ansichten Rousseau's höchst zuwider waren, und andern persönlicher Groll nicht gestattete, sich zu einem unbefan- genen Urteil zu erheben. Selbst Voltaire machte in vertrauten Kreisen seinem Aerger über den großen Erfolg des vermeintlichen Nebenbulers Lust, und man zweifelte nicht, daß er an den gehässi- gen„Briefen über die Heloise" beteiligt sei. Weit küler als in Frankreich war die Aufname, welche dem Romane in Genf, der Heimat Rousseau's, zuteil wurde. Mehr als anderwärts rief hier der Inhalt Bedenken hervor, und zwar in den einflußreichsten Kreisen. Die strengsten Kalvinisten in Genf verurteilten die im Roman entwickelten religiösen Ansichten ebenso entschieden, ja noch entschiedener, als die strengen Kalvi- nisten in Paris. Und sie ließen es bei der privaten Meinung nicht bewenden. Das Konsistorium, welches über die Reinheit der Lehre wie der Sitten zu wachen hatte, war zu dieser Zeit zwar nicht mehr von dem heiligen Eifer erfüllt, welcher es in früheren Tagen beselt hatte, jezt glaubte es aber, ein Urteil ab- geben zu müssen. Nachdem die strengen Glaubens- und Sitten- richter den Roman einer näheren Prüfung unterzogen, fürten �sie dem Magistrat zu Gemüte, der Name des Verfassers, sein großer Ruf, vor allem der Umstand, daß er genfer Bürger sei, mache es zur Pflicht, dem in Rede stehenden Werke eine besondere Auf- merksamkeit zuzuwenden. One Zweifel wünschte das Konsistorium ein Verbot des Romans; so weit zu gehen, schien dem Rate be- denklich, aber er untersagte den Besizern öffentlicher Biblioteken das Ausleihen der„Neuen Heloise". Man kann sich denken, daß Rousseau durch dieses in seiner Heimat gefällte Urteil tief gekränkt wurde. Er irrte nicht, wenn er annam, daß es zum größeren Teile auf persönlicher Feindschaft gegen ihn berute. Im Klerus wie im Rate hatte er zalreiche Gegner; die aristokrattschen Leiter des States grollten ihm ebenso, wie die Häupter der ortodoxen Kirche. Zugleich bot Voltaire, der im nahen Ferney„residirte", seinen ganzen, beständig wachsen- den Einfluß auf, um den verhaßten Rivalen der Achtung seiner Mitbürger zu berauben. Die Verfolgung hatte begonnen. Noch war der laute Beifall, welcher dem Romane Rousseau's zuteil geworden, nicht verklungen, als der„Emil" und der „Contrat social" die staunende Aufmerksamkeit der gebildeten Welt erregten. Der„Contrat social", eine Untersuchung über die Frage,„ob es innerhalb der bürgerlichen Ordnung irgendwelche Norm einer rechtmäßigen und gesicherten Verfassung gibt, wenn man die Menschen nimt, wie sie sind und die Geseze wie sie sein können", erschien im Frühjar 1762, aber nicht in Frankreich, sondern in Holland(Amsterdam). Der Verleger, welcher um die Erlaubnis bat, die Schrift in Frankreich einfüren zu dürfen, erhielt lange keiice Antwort. Da er an einem günstigen Bescheid nicht zwei- felte, schickte er die nach Frankreich bestimten Exemplare auf dem Seewege ab. Aber der Ballen wurde in Ronen konfiszirt, nach einigen Monaten dem Verleger zwar wieder herausgegeben, je- doch die Verbreitung des Werkes in Frankreich nicht gestattet, und Ende Mai erfolgte ein förmliches Verbot dieses„Evange- liums der reinen Demokratte". Natürlich felte es nicht an Neu- gierigen, die sich das Buch troz des Verbotes zu verschaffen wußten. Doch ist wol selten eine für die Geschichte so bedeutungs- volle Schrift bei ihrem Erscheinen so wenig besprochen worden, wie Rousseau's Gesellschafts-Verttag. „Emil, oder über die Erziehung" erschien gleichzeitig in Paris (unter Censur der Regierung) und in Amsterdam. Auch dieses Werk wurde anfangs kül aufgenommen und nur wenig besprochen. Freilich waren einige Äußerungen wol geeignet, den Verfasser hierüber zu trösten. Die geistreiche Gräfin de Boufflers, eine Freundin des Prinzen Conti, versicherte, der Verfasser dieses Buches verdiene Slawen und habe Anspruch auf die Huldigung der ganzen Menschheit. Wenn dieser Ausspruch damals auch etwas überschwenglich erschien, so war schon mehr Gewicht aus das Urteil d'Alemberts zu legen, der keinen Anstand nam, zu erklären, daß diese Schrift die Uebcrlegenheit des Verfassers außer Frage und ihn an die Spize aller Autoren stelle. Gleich lobend äußerten sich Duclos, La Condamine und andere; Clairant, der berühmte Matematiker, gestand offen, die Lektüre des„Emil" habe sein altes Herz von neuem erwärmt. Die anfängliche Gleichgiltigkeit des großen Publikums hielt denn auch nicht lange Stand.„Dieses Buch," sagte ein Gegner Rousseau's,„obgleich voll tätlichen Giftes, wird mit dem größten Eifer gesucht. Jedermann will es bei sich haben, in der Nacht, wie am Tage, auf dem Spaziergange, wie in seinem Kabinet, auf dem Lande, wie in der Stadt; es gibt keine besuchtere Schule, als die des Philosophen von Genf, und es gereicht gewissermaßen zur Schande, sich nicht als seinen Zög- ling zu bekennen." Die Bedeutung des Werkes wurde, wie sich bald genug heraus- stellte, von keiner Seite unterschäzt. Noch als der„Emil" sich unter der Presse befand, hatten einige Freunde Rousseau's mit besorgter Miene auf die Gefar hingewiesen, welche der Druck der- selben in Frankreich nach sich ziehen könte. Rousseau fand solche Besorgnis sehr überflüssig, und die vorsichtige, geheimnisvolle Weise, in der man von der Sache sprach, erschien ihm fast lächer- lich. Es störte ihn ebenso wenig, als er erfur, daß ein Rat vom Parlament geäußert:„Ein sehr schönes Buch, von dem aber bald mer wird gesprochen»Verden, als für den Berfasser wünschens- wert sein dürfte." Nicht lange indes, und die belächelte Prophe- zeiung begann in Erfüllung zu gehen. Es wurde die Ansicht laut und mit Geschick verbreitet, daß zu einer Zeit, wo man im Begriffe stehe, gegen die Jesuiten un- nachsichtig einzuschreiten, man den Büchern und Schriftstellern, welche die Religion angriffen, keine parteiische Nachsicht erweisen dürfe. In Kreisen, die dem Parlamente nahe standen, wurde ganz offen gesagt, es genüge nicht mehr, die Schriften zu Verbren- nen, man müsse auch die Verfasser den Flammen überliefern. � Auf Rousseau machten solche bedenkliche Nachrichten keinen Ein- druck, und selbst als sein Freund und Gönner, der Marschall von I Luxemburg, auf dessen Besizung bei Montmorency er wonte, die Mittelung empfing, es werde das Parlament gegen seinen Schüz- ling nut äußerster Strenge vorgehen und dessen Verhaftung an einem bestimten Tage beschließen, blieb er bei der Ansicht, daß er nichts zu fürchten habe. Er lvurde auch nicht in seiner ruhigen Zuverficht erschüttert, als ihm der Associä seines pariser Verlegers nieldete, er selbst habe auf dem Bureau des Generalprokurators die Anklageschrift gesehen und gelesen. Mochten andere diese Angaben immerhin bestätigen, für Rousseau waren sie„so absurd, daß nur ein Narr sie für war halten konte." Am 8. Juni 1762 machte Rousseau in Gesellschaft einiger Bäter vom Oratorium einen Ausflug, der ungemein heiter ver- lief; er„war Zeit seines Lebens nicht so munter gewesen". Nach Hause zurückgekehrt, hielt die Aufregung ihn länger als gewönlich wach. Er las daher in der Bibel, wie er in schlaflosen Stun- den zu tun pflegte, bis tief in die Nacht. Eben hatte er das Buch weggelegt und sich einein träumerischen Halbschlummer überlassen, als er durch Geräusch und Licht aufgeweckt lvurde. Es war der vertraute Diener der Marfthallin, welcher ihm, mit einigen Zeilen von der Hand seiner Herrin, einen Brif über- reichte, den ihr der Prinz Conti soeben durch einen Eilboten zu- gesant hatte.„Die Gärung," so meldete derselbe,„ist außer- ordentlich groß. Nichts kann den Schlag abwenden; der Hof fordert, das Parlament will ihn; man wird morgen um sieben Uhr seine Verhaftung aussprechen und sofort Maßregeln treffen, um sich seiner Person zu bemächtigen. Ich habe indes dnrchge- sezt, daß man ihn nicht verfolgen wird, wenn er sich entfernen will; beharrt er aber darauf, sich ergreifen zu lassen, so wird er ergriffen werden." Nach dieser bestimten Mitteilung konte die dringende Bitte der Marschallin, sofort zu ihr zu kommen, um die weiteren Schritte zu beraten, nicht füglich abgewiesen werden. Rousseau stand aus und begab sich schleunigst zum Schlosse. Hier fand er Eine Idylle i. Auf meinen Wanderungen kam ich jüngst an einen Erdrutsch. Steine, Felsblöcke, geknickte Bäume, Erdklumpen lagen in wüstein Haufen über der Landstraße und einigen angrenzenden Feldern — ein Bild der Zerstörung. Aber in einer kleinen Vertiefung, unmittelbar vor einem der mächtigsten Felsblöcke lag ein Stück grünenden Rasens, aus dem rot umsäumte Gänsblümchen und blaue Glockenblumen so lustig und unbefangen hervorblickten, als ob's gar keinen Erdrutsch gegeben hätte und der bedenkliche Fels- block von jeher ein freundlicher Nachbar der rotumsäumten Gäns- blümchen und blauen Glockenblumen geivesen wäre— eine Idylle inmitten der Zerstörung. �. Vielleicht kommt morgen ein neuer Erdrutsch, der den Fels- block voranschiebt und dann Adieu ihr rotumsäumten Gänsblüm- chen und ihr blauen Glockenblumen! die Freundin, welche bisher ihre ruhige Haltung unverändert be- wart hatte, zum ersten mal in einiger Auftegung. Kaum hatte er sie gesehen, als er sich selbst vergaß und nur noch an sie und die traurige Rolle dachte, welche sie spielen würde, wenn er sich festnemcn ließe. Der Gedanke, daß er sie, die sich stets so wol- wollend gegen ihn erwiesen, vielleicht in Ungelegenheiten bringen könte, schreckte ihn so, daß er sich augenblicklich entschloß,„seinen Ruhm ihrer Ruhe zu opfern und für sie zu tun, was er für sich selbst nie getan haben würde." One erst ihre etwaige Aufforde- rung abzuwarten, erklärte er, daß er sich für die Flucht entschie- den habe. Der Marschall und Madame Boufflers, welche bald darauf eintraten, bestärkten ihn nur in seinein Entschluß. � Da es Rousseau widerstrebte, sich irgendwo zu verstecken, so bestand er darauf, auch an demselben Tage abzureisen. Aber nicht nach Genf; denn er mochte nicht als verbanter Flüchtling seine Vater- stadt um ein Asyl bitten, das sie ihm möglicherweise nur wider- willig zugestand oder am Ende gar verweigerte. Er hielt es daher für das Beste, sich vorläufig nur in die Nähe von Genf zu begeben, um hier abzuwarten, wie man sich dort ihm gegen- über verhalten werde. Die Abreise erfolgte Nachmittags. Nachdem er von Therese (seiner„Gouvernante"), die vorläufig zurückbleiben mußte, wie von der Marschallin herzlichen Abschied genommen, wurde er vom Marschall zu dem Wagen geleitet, welcher ihn am Ans- gange des Parkes erwartete. Schweigend schritten die beiden Männer durch den Garten dahin; stumni war auch die Um- armung, mit welcher sie von einander schieden. Rousseau ge- steht, daß er selten einen Herbern Schmerz empfunden habe, als im Augenblicke dieser Trennung. Konte er sich doch ebensowenig als der Marschall der bestimmten Anung erweren, daß sie sich nicht wiedersehen würden. Uebrigens war es hohe Zeit, daß sich Rousseau auf den Weg machte. Das Parlament hatte gegen Mittag wirklich den Haft- befel erlassen und seine Häscher abgeschickt, um ihn zu vollziehen. Als der Reisende eben Montmorency im Rücken hatte, begeg- neten ihm vier schwarz gekleidete Herren, welche, wie sich später herausstellte, niit seiner Verhaftung beauftragt waren. Sie füren indes mit einem lächelnden Gruße an ihm vorüber. Auch in Paris fiel es niemanden ein, ihn aufzuhalten, obgleich sein Weg initten durch die Stadt fürte, und das offene Kabriolet wenig ge- eignet war, ihn den Blicken der Vorübergehenden zu entziehen. Am Morgen des 14. Juni, fünf Tage nach seiner Abreise von Montmorency, für Rousseau über die Grenze des Landes, in welchem er fast ein Vierteljarhundert gelebt hatte. Kein Zweifel, daß es ihm wert geworden, und er nur ungern von ihm schied. Für den Augenblick war er aber doch froh, daß er es im Rücken hatte.„Als ich," erzälte er,„das bcrner Gebiet betrat, ließ ich halten; ich stieg aus, warf mich nieder, umfaßte, küßte den Bo- den und rief entzückt aus: Gütiger Himmel! Beschützer der Tu- gend! Ich preise dich, denn ich weile in einem Lande der Frei- heit.— Der erstaunte Postillon hielt mich für verrückt; ich aber stieg wieder ein, und hatte wenige Stunden später die eben so reine wie lebhafte Freude, mich von den Armen meines alten ehrenwerten Freundes Roguin umschlossen zu fülen." „In einem Lande der Freiheit"— er sollte grausam ent- täuscht werden.(Fortsezung folgt.) m Erdbeben. Von einer änlichen Idylle aus dem Menschenleben will ich heut schreiben— nur kurz, wie die Idylle selbst war. Ein ge- waltiges Erdbeben hat stattgefunden, verbunden mit vulkanischen Ausbrüchen; und die Erde bebt fort, bebt one Unterlaß, und die Lava strömt und Hügel und Berge stürzen ins Tal. Es ist Revolution, die französische Revolution. Wärend draußen auf dem Markt die Leidenschaften toben, wärend in der Nationalversammlung, in der Gesezgebenden Ver- samlung, später im Konvent,„die Titanen kämpfen", lächelt in manchem traulichen Heim das idyllischste Liebesglück— Familien- glück.-- Freilich auf Vulkanen tanzen, ist gefärlich, und auf Vulkanen sein„Heim" gründen, erst recht. Das rürend bürger- liche Familiendrama wird leicht zur Tragödie. Werfen wir einen Blick in ein solches Heim. In ein Heim der Schreckenszeit— sagen wir 1793. Erschrick nicht, zartuervige Leserin. Jezt komt nichts Ichrecklichech— im Gegenteil.— Es ist eine liebliche Gruppe: Er ansang der Dreißig, aber älter aussehend. Sie ansang der Zwanzig und wie 17 aus- sehend. Er mittelgroß, hager doch kräftig, die Stirne gefurcht, � ein Helles, schelmisches Auge, um die Mundwinkel das Lächeln des Wizes— Sie, schön, schlank, gesund, jugendfrisch, die Schön- heit vergeistigt, erhöt, durch die Liebe, welche ihr Leben ist. Liebe zu Ihm, Liebe zu dem etwa zweijärigen Knaben, der um ihre Kniee spielt, Liebe gu der ältlichen, aber immer noch schönen Frau, die daneben sizt— ihrer Mutter. Keine„böse Schwieger- mutier", die! Also die drei„großen Lieben" zugleich in dem Herzen des Einen Weibs: Gattenliebe, Mutterliebe, Kindesliebe. Und wie heißen die Glücklichen? Sie ist Lucile, geborne Duplessis; der kleine Pausback heißt Horace, nach dem Lieblingsdichter des Vaters(Horaz). Und Er? Er nennt sich Ca mille Desmoulins(sprich Camill Demuläng) der Helv des 12. Juli 1789 und des Bastillesturms l 14. Juli 1739), der„Prokurator der Laterne", trotz aller Schein- härte der gutherzigste, ja weichherzigste der Menschen, und be- gnadet von den Grazien, die ihn in der Wiege geküßt und ihm die Wundergabe verliehen, den Zauber der Anmut über alles zu gießen was er berürt. Und sein blinkender, schneidender Wiz - blinkend und schneidend wie das Messer der Guillotine, und ebenso tötlich. Es hat's mancher empfunden— z. B. die Gi- rondistcn. Und wenn dann der leichten Wizguillotine Camille's das schwere eiserne Fallbeil Samson's(des Scharfrichters von Paris) folgte, oh— da raufte der arme Camille sich die Haare aus und jammerte: Ich Elender, ich habe sie getötet!— Doch so weit sind wir noch nicht. Und wir wollen heute ja auch nicht Camille's Leben erzälen. Lucile ist's, der dieses kleine Ge- denkblatt gilt. Wärend des Erdbebens und der Vulkanarbeit haben sie sich kennen gelernt— Er, schüchtern gleich einem Pensionsmädchen oder schüchterner, duzendmal entschlossen,„die Frage" zu stellen und duzendmal zu feig— Er, der„Prokurator der Guillotine", der Redakteur der„Revolutionen von Paris und Brabant", die fast so gefürchtet waren, als Marats„Volksfteund"— schlich- tern, feig, bis ihn endlich ein Zufall das längst erratene Ge- Zum Studium der Sprachen. Ein Freund der„N. 28." schreibt uns: One mich hier aus die Frage einzulassen, ob dem Studium der alten Sprachen der Vorrang vor dem der neuen oder auch nur glei- cher Rang mit ihm gebüre, will ich eine Frage berüren, die eigentlich keine Frage mehr ist, nämlich die Art und Weise des Erlernens der alten und der neuen Sprachen in unseren sogenanten gelehrten Schulen (Gymnasien zc.). Daß die Metode eine grundverkehrte ist, daß mit einem ungeheuren Aufwand von Zeit und Arbeit ein relativ winziges Resultat erzielt wird, das stet für jeden fest, der den Sachverhalt kent und die 2lugen nicht absichtlich verschließt. Ich habe in meiner Jugend mich viel mit dem Gegenstand beschäftigt und, soweit ich es konte, auch für eine Reform gewirkt, jedoch mit geringem oder keinem Erfolg. Seit langem in andere Bahnen gedrängt, habe ich nicht genau kontrolirt, was in den lezten Jarzehnten zur Beseitigung dieses flagranten Mis- standes versucht worden ist; ich weiß aber, daß die Versuche nichts oder sehr wenig genüzt haben, denn ich habe mich leider davon überzeugen müssen, daß der Unterricht noch geradeso widersinnig und zeitverschwen- derisch ist, als vor dreißig und vierzig Jaren. Bon großem Interesse war für mich, was der berühmte Troja- Entdecker Schliemann in der Vorrede zu seinem neuesten Werke: „Jlios Stadt und Land der Trojaner" über die Metode sagt, die er bei Erlernung der Sprachen anwendete. Dr. Schliemann hat zwar keine der sogenanten„Gelehrtenschulen" besucht, ist dafür aber ein um so besserer Sprachkenner; außer den bedeutendsten modernen Sprachen, arabisch mit eingeschlossen, schreibt und spricht er lateinisch und griechisch fließend und korrekt— was von 1009 auf Gelehrtenschulen Erzogenen kaum einer kann—, hat also in Bezug aus das Sprachstudium jeden- salls ein vollwichtiges Urteil. Er fing mit den neueren Sprachen an, und das scheint mir beiläufig überhaupt das vernünftigste. „Ich warf mich," so schreibt er,„mit besonderem Fleiß aus das «tudium des Englischen und hierbei ließ mich die Not eine Mctode ausfindig machen, welche die Erlernung jeder Sprache bedeutend crleich- tert. Diese einsache Metode bestet zunächst darin, daß man sehr viel laut liest, täglich eine Stunde nimt, immer Ausarbeitungen über uns interessante Gegenstände niederschreibt, diese unter der Aussicht des Leh- rers verbessert, auswendig lernt und in der nächsten Stunde aufsagt, was man am Tage vorher korrigirt hat." Eine der lezten Sprachen, welche Schliemann erlernte, war Altgriechisch, später noch studirte er gründlich Lateinisch. Er schreibt hierüber:„Nun beschästigtc ich mich zwei Jarc lang ausschließlich mit der altgricchischen Literatur, und zwar las ich wärend dieser Zeit beinahe alle alten Klassiker kursorisch durch. heimniß hervorstottern ließ— denn er stotterte entsezlich, der brave Camille— zuin Entzücken des heitern Naturkindes Lucile, dem die komische Selbstqnälerei anfing langweilig zu werden. Und Wärend des Erdbebens und der Vulkanarbcit fand die Hochzeit statt. Ueberlassen wir die Glücklichen ihrem Glück.-- Aber Lucile gehört auch der Geschichte an. Zweimal taucht sie auf— das erstemal als Geschichts- schreiberin, im eigentlichsten Sinne des Worts. Und das zweite- mal spielt sie selbst mit in dem großen blutigen Drama, franzö- fische Revolution geheißen, und zwar in der denkbar passivsten, leidendsten Rolle— die arme Lucile! Wir sind am ansang der zweiten Woche des August 1792. Die Erde bebt zorniger als sie seit dem Bastillensturm gebebt, und der Krater des Vulkans stößt gewaltige Rauchwolken empor, die einen Ausbruch ankündigen. Das in die Enge getriedene Königtum hat sich zum lezteu Kampf gestellt— die Revolution samelt ihre Kräfte, um das lezte Hindernis aus dem Weg zu räumen. Es ist der Abend des 9. August— die unheimliche Stille vor dem Sturm. Ein junges Weib mit verweinten Augen sizt neben einem kleinen Kinderbettchen, in dem ihr Liebling rut— die„Großmama" scheint nicht dagewesen zu sein— und schreibt mit flüchtiger, zitternder Hand in ein Tagebuch.— Es ist Lucile: „Was soll aus mir werden? Ich halt's nicht länger aus. Camille, mein armer Camille, was wird aus Dir werden? Ich habe nicht mer die Kraft zu atmen. Diese Nacht, das ist die verhängnisvolle Nacht. Mein Gott, wenn es war ist, daß Du existirst, dann rette doch Menschen, die Deiner würdig sind! Wir wollen frei sein— o Gott! wie viel das kostet!(o Dien qu'il en coüte). Und zum Ueberfluß des Unheils verläßt mich nun auch der Mut. Dinstag. den 9. August." Das Tagebuchblatt ist noch vorhanden. Welche Seelenangst, welche Liebe, und troz der Folterqualen, die das Herz um den geliebten Mann leidet, welche Festigkeit. Kein Wort des Vorwurfs, kein Wort der Verzweiflung, nur Schmerz, daß der Kampf so schwer ist, und Angst um den Ge- liebten.(Fortsezung folgt.) Die Jlias und Odyssee aber mermals. Bon griechischer Graminalik lernte ich nur die Deklinationen und die regelmäßigen und unregel- mäßigen Verba, mit dem Studium der grammatischen Regeln aber verlor ich keinen �Augenblick meiner kostbaren Zeit. Denn da ich sah, daß kein einziger von all den Knaben, die in den Gymnasien acht Jare hindurch, ja oft noch länger, mit langweiligen grammatischen Regeln gequält und geplagt werden, später imstande ist, einen griechischen Brief zu schreiben, one darin hunderte der gröbsten Feler zu machen, mußte ich wol annemen, daß die in den Schulen be- folgte Metodc eine durchaus falsche war; meiner Meinung nach kann man sich eine gründliche Kentnis der griechischen Grammatik nur durch die Praxis aneignen, d. h. durch aufmerksames Lesen klassischer Prosa und durch Auswendiglernen von Musterstücken aus derselben. Indem ich diese höchst einfache Metode befolgte, lernte ich das Altgriechische wie eine lebende Sprache. So schreibe ich es denn auch vollständig fließend und drücke mich one Schwierigkeiteu darin über jeden beliebt- gen Gegenstand aus, one die Sprache je zu vergessen. Mit allen Re- gel» der Grammatik bin ich vollkommen vertraut, wenn ich auch nicht weiß, ob sie in den Grammatiken verzeichnet stehen oder nicht. Und komt es vor, daß jemand in meinen griechischen Schriften Feler cnt- decken will, so kann ich jedesmal den Beweis sür die Richtigkeit meiner Ausdrucksweise dadurch erbringen, daß ich ihm diejenigen Stellen aus den Classikern recitire, in denen die von mir gebrauchten Wendungen vorkommen. Was die lateinische Sprache betrifit, so sollte dieselbe meiner Meinung nicht vor, sondern immer nach der griechischen gelehrt werden." In einer Note heißt es:„Mit Vergnügen verneine ich von meinem hochverehrten Freunde Prof. Rudolf Virchow in Berlin, daß er die klassischen Sprachen in änlicher Weise gelernt hat. Er schreibt mir über den Gegenstand folgendes: ,Bis zu meinem 13. Jare erhielt ich in einer pommerschen Stadt Privatunterricht. Mein lezter Lehrer dort war der zweite Prediger, dessen Mctode darin bestand, mich sehr viel ex tempore übcrsezen und schreiben zu lassen; dagegen ließ er mich auch nicht eine einzige grammatische Regel im eigentlichen Sinne des Wortes auswendig lernen. Auf diese Weise gewärte mir die Erlernung der alten Sprachen >0 viel Vergnügen, daß ich sehr oft Uebersezungen, die mir gar nicht aufgegeben waren, für mich selber anfertigte. Als ich nach Cöslin auf das Gymnasium geschickt wurde, war der Direktor desselben mit meinem Lateinischen so zufrieden, daß ich bis zu meinem Abgang von der Schule sein besonderer Liebling blieb. Andererseits aber konte der griechische Lehrer, Professor Grieben, welcher Teologie studirt hatte, so wenig begreisen, wie jemand imstande sein sollte, eine gute griechische Uebersezung anzufertigen, one die Butlmann'sche Grammatik auswendig zu wissen, daß er mich geradezu des Betrugs beschuldigte, selbst als er troz all' seines Auspassens nie irgend ein unerlaubtes Hilfsmittel bei mir entdeckte, verfolgte er mich doch mit seinen unausgesezten Ver- dächtigungen bis zum Abiturienteu-Examen. Bei demselben examinirte er mich aus dem Neuen Testament lgriechischcn Text); als ich gut be- stand, erklärte er den versammelten Lehrern, die mir einstimmig ein günstiges Zeugnis erteilten, daß er gegen mich stimmen müsse, da ich nicht die moralische Reife für die Universität besize. Zum Glück blieb dieser Protest one Wirkung. Nachdem ich das Examen bestanden hatte, sezte ich mich hin und lernte one jede Hilfe die italienische Sprache.'" Ich will diesen Zeugnissen meine eigenen Erfarungen beifügen. Wie gesagt, habe ich mich in meiner Jugend sehr eifrig mit der Reform des Sprachunterrichts beschäftigt. Ich machte geltend, daß man die Summe von Lateinisch und Griechisch, welche man aus den Gymnasien in 8 Jaren erwirbt, spielend in dem vierten Teile der Zeit und wem- gcr erwerben könne, und erbot mich, jeden beliebigen jungen Menschen von 18 Jaren, der Turchschnitlsfähigkeiten besize und seine Muttersprache korrekt schreiben könne, binnen eines Jares im Lateinischen oder Griechischen so weit zu bringen, daß er das Maturitätsexameu bestehen könne. Ein günstiger Zufall sürte mir einen Bauernsohn zu, der die Universität beziehen wollte und, Tank dem trefflichen Unterricht des Dorsschullehrers— die Geschichte spielt in der Schweiz, und zwar in dem Schulmeister-Kanton Zürich—, in allen Fächern außer im Latei- Nischen— vom Griechischen war er dispensirt— so weit gediehen war, daß er nach Jaresfrist das Maturitätsexameu riskiren wollte. Vom Lateinischen wußte er nichts als die Buchstaben. Gut— ich gab ihm ein Jar lang wöchentlich 6 Stunden, für welche er etwa 10 Stunden wöchentlich zuhause zu arbeiten hatte, und das Ergebnis war: er be- stand die Prüfung im Lateinischen ausgezeichnet, und würde sie auch an jedem deutschen Gymnasium bestanden haben. Mein Schüler war fleißig und von Durchschnittsbegabung. Die neueren Sprachen eignete ich mir Mich an, wie Schliemann, nur daß ich nicht auswendig lernte. Das bischen französisch und eng- lisch, das ich auf dem Gymnasium mir erworben hatte, reichte natürlich nach keiner Richtung hin aus. Als ich in die Lage kam, Französisch zu gebrauchen, zeigte sich, daß ich gar nichts wußte, obgleich ich einer der„besten" Schüler im Französischen gewesen war. Ich»am nun einen französischen Roman von Balzac, las ihn mit Hilse des Lexikons bis zu Ende durch, wobei ich jedes mir unbekante Wort aufsuchte, las ihn dann ein zweites und schließlich ein drittes mal durch— und kernte von da an jedes französische Buch one Schwierigkeit lesen. Die Wie- derholung ersezte mir das Auswendiglernen, das mir, obgleich mein Gedächtnis nicht schlecht, doch in den Tod verhaßt ist. Mit dem Eng- tischen machte ich's auf dieselbe Weise. Beide Sprachen lese und schreibe ich ebenso fließend und ziemlich ebenso korrekt wie meine Muttersprache. Zwei Jarzehnte lang habe ich mich mit Sprachunterricht ernären müssen, und ausnamslos gefunden, daß daß Lesen und Wiederholen(münd- lich wie schriftlich) schnellen und dauernden Erfolg verbürgt; daß aus der Praxis die Teorie(die Kcntnis der grammatikalischen Regeln) sich sozusagen von selbst ergibt und daß die durch wolgeregeltes Lesen— bei sonst entsprechendem Unterricht— erworbenen Sprachkentnisse zehn- mal besser haften als die auf dem Gymnasium erworbenen. Dazu komt noch, daß durch diese Metode Lust und Liebe zur Sprache eingeflößt wird, wärend die zöpfische Metode der Gelchrtcnschulen Widerwillen und Ueberdruß erzeugt. Wird der Sprachunterricht rationell betrieben, wird vor allem durch praktisches und gründliches Lehren der Mutter- spräche ein gutes Fundament gelegt, dann kann mit Leichtigkeit jedes ftind in der gleichen Zeit, die jezt in den höheren Schulen auf den Sprachunterricht verwant wird. Französisch und Englisch vollkommen lesen, schreiben und sprechen und obendrein Lateinisch und Griechisch, soweit es nötig ist, lesen und schreiben lernen— mindestens so gut wie jezt. Dann erledigt sich auch das Problem der„Weltsprache". Von der Idee, eine neue Weltsprache zu gründen, ist man ja wol zu- rückgekommen. Allein, es ist auch unmöglich, aus den drei Vorhände- nen Weltsprachen eine herauszuwälen und dieser die allgemeine Anname zu sichern. Warum nicht die drei zur allgemeinen Anname bringen? Heute lernt schon jeder gebildete Engländer und Amerikaner Französisch und Deutsch und jeder gebildete Franzose Deutsch und Englisch, wie jeder gebildete Deutsche Französisch und Englisch. Nur, daß in Eng- land, Frankreich und den Vereinigten State» der Sprachunterricht ebenso erbärmlich ist, wie bei uns. Ist der Sprachunterricht— mit dem gesamten übrigen Unterricht— bei den Kulturvölkern einmal rationell reformirt, dann werden wir bald so weit sein, daß jeder einem Kulturvolk Angehörige die drei Sprachen: französisch, englisch und deutsch genügend kent, um sich mündlich und schriftlich verständlich zu machen. Mit Gruß Ihr X. Tristans Tod.(Siehe Bild S. 328—29.) Es ist die alte ewig neu bleibende Geschichte, welche das treibende Element zu dem Roman gegeben hat, dessen Abschluß in unserer Illustration dargestellt ist: die Geschichte von der verzehrenden Leidenschaft zweier Menschen, die nicht einander ganz angehören dürfen und daher zugrunde gehen, der eine im Kampfe, in den er von seiner Leldenschast getr.eben wurde, der andere am gebrochenen Herzen über den Verlull de» Geliebten. Damit wäre eigentlich für die, welche derartige Gcfule kennen und zu würdigen verstehen, genug gesagt, und die Szene, welche hier bildlich vorgesürt ist, erklärt; da jedoch von einem großen Teil der Leser der „Neuen Welt" kaum angenommen werden darf, daß sie den Stoff ken- nen, welchen der Künstler in seinem Bilde zum Vorwurf nam, so sei es uns gestattet, denselben hier kurz zu erzälen, und zwar nach dem herrlichen Gedicht Gottfrieds von Straßburg: Tristan und Isolde. Der Stoff, eine bretonische Sage, wurde bereits vor Gottfried von mereren Dichtern, und zwar Engländern, Deutschen und Franzosen, poetisch dar- gestellt, aber nicht im entferntesten in der schönen Weise, wie von diesem. Riwalin, König von Parmcnierland, hat Morgan, seinen aufsässigen Lehn- Herrn, geschlagen und Frieden gemacht, und besucht Marke, den König von Kurnewalc, in dessen schöne Schwester Blanscheflur er sich verliebt. Seine Liebe findet Erwiderung, aber sie wird gestört durch einen Krieg, den ein mächtiger Feind Marke's angefacht hat, in den Riwalin zict, den Gegner besiegt, aber selbst tätlich verwundet wird. Blanscheflur schleicht sich an sein Krankenlager in Bettelkleidern:„sie legte ihren Mund an seinen Mund und küßte ihn hunderttausend Stund in einer kleinen Stund, bis ihm ihr Mund entzünden Sinne und Kraft zur Minne, denn Minne war darinne." Sie empfing ein Sind von ihm; Riwalin ward wieder gesund und kehrte, als er die Nachricht von einem neuen Kriege Morgans gegen sein Land erhielt, dorthin zurück. Blanscheflur, die den Zorn ihres Bruders über ihr geheim gehaltenes Verhältnis fürchtet, entflieht mit ihm und wird von ihrem Manne im Parmenier- lande öffentlich als sein Weib anerkant, wärend des Krieges aber in das Haus des Marschalls Rual zur Pflege gegeben. Riwalin fällt in dem Kriege und Blanscheflur stirbt ob der Schmerzen dieser Todesnach richt und der Geburt eines Knaben. Dieser wird, um ihn vor Ver- folgungen zu schüzen, von Rual für sein eigenes Kind ausgegeben und erhält wegen der Trauer bei seiner Empfängnis und Geburt den Na men Tristan. Von seinen Pflegeeltern wird er in allen ritterlichen Künsten, Saitenspiel und fremden Sprachen unterrichtet, und infolge seiner Talente von norwegischen Kaufleuten geraubt, aber von diesen in Ktirnewale an's Land gesezt. Dort trifft er den König Marke mit Genoffen aus der Jagd, eben damit beschäftigt, einen geschossenen Hirsch auszuweiden und zu zerlegen. Er drängt sich hinzu und zeigt den Jägern, wie man einen solchen Hirsch kunstgerecht enthäuten und zerlegen müsse. Marke findet Wolgefallen an ihm und macht ihn zu seinem Jägermeister. Rual, der ihn jarelang mit Aufwand seiner ganzen Habe gesucht, findet ihn endlich und erzält Marke seine Herkunft, worüber der noch größere Freunde empfindet und ihn in den Ritterstand erhebt. Tristan untcrninit jezt einen Kriegszug gegen Morgan und erobert das Reich seines Vaters zurück. Hierauf kämpft er mit Morolt, dem Schwa ger des Königs Gurmun von Irland, der ins Land Markes gekommen, um einen früher aufgedrungenen Tribut von 30 schönen Knaben zu holen. Tristan, in dem Streite mit dem wegen seiner Stärke gefürch teten Morolt an der Hüfte von dessen vergiftetem Schwerte verwundet, tötet diesen, wobei aber ein Splitter seines Schwertes im Haupte seines Gegners stecken bleibt, der, nachdem das Gefolge die Leiche nach Irland gebracht, gesunden und von Isolde, der Schwester des Toten, ausbewart wird. Gurmun, wütend, erläßt ein Gebot, wonach jeder, der von Kurnewall nach Irland käme, dies mit dem Tode bezalen solle. Da sich Tristans Wunde immer mer verschlimmert und er von Morolt er- faren, daß dieselbe nur von der Königin Isolde geheilt werden tönte, so macht er sich auf den Weg zu ihr, als Spielmann verkleidet, mit dem Namen Tantris. Sein Spiel entzückt und er wird von der Köni- gin geheilt, wofür er ihrer Tochter Isolde Unterricht im Saitenspiel, und zwar mit Erfolg gibt. Hierauf kehrt er zurück an den Hos Marke's; über seine Heilung herrscht große Freude, aber auch unter dm Lehns- Herren großer Neid über seine Erfolge. Darum rät Tristan dem König, sich zu verheiraten und empfielt Isolde, die Tochter Gurmunds, ihm zur Frau; die gefärliche Brautwerbung übernimt er selbst als verkleideter Kaufmann, mit einigen Gefärten. Als er in Irland allein an's Land steigt, erfärt er, wie ein gefärlicher Drache das Land in Schrecken scze und wie der König geschworen habe, dem seine Tochter Isolde zur Frau zu geben, der den Drachen töte. Tristan macht sich, um seine Mission abzukürzen, gerüstet zum Kampfe mit dem Drachen, auf den Weg und siet, in der Nähe des Ungeheuers angekommen, wie zwei gerüstete Männer, daruuter der Truchscß, die Flucht ergreifen. Er selbst erschlägt den Drachen und steckt die Zunge desselben zu sich, ist aber so ermüdet, daß er hinsinkt und in einen laugen Schlaf ver- fällt. Der Truchseß, der kurz nach der Tötung des Ungeheuers wieder zur Stelle ist und keinen findet, der dasselbe erschlagen haben könte, gibt sich selbst für den Helden aus. Die Königin mit ihrer Tochter Isolde reiten aus nach dem Kampsplaz, finden Tristan in einem Toten- schlafe und sehr geschwächt, und füren ihn nach Hause, durch die vor- gefundene Zunge des Drachen vergewissert, wer den Sieg errungen. Wärend drei Tagen wird unser Held sorgfältig gepflegt, aber in dieser Zeit entdeckt die junge Isolde an der Scharte des Schwertes von Tri- stan, daß dieser ihren Oheim erschlagen und will, wutentbrant, auch diesen töten. Ihre Mutter hält sie jedoch davon ab, und Tristan erhält am Ende die Einwilligung von König Gurmund zur Vermälung seiner Tochter mit Marke und versönt sich selbst mit dem erstcren. Die Königin, welche ihre Nichte zur Begleitung Jsoldens erkoren, übergibt. dieser einen selbstberciteten Liebestrank, für Marke und Isolde bestimt. Isolde ist bei der Seefart nach Kurnewale immer noch erzürnt ans Tristan, der ihren Onkel getötet und sie selbst aus dem Elternhause entsürt. Diese Stimmung schlägt jedoch in das Gegenteil um, nachdem — 336 beide one Wissen den genanten Trank zn sich genommen. Eine heftige Leidenschaft zu einander bemächtigt sich beider und noch ehe sie den Mann gesehen, für den sie zum Weibe bestimt war, ist sie die Geliebte dessen, der sie sich wirklich erorbert.(Schluß folgt.) Aus dem Lebe» Gabelsbcrgers. Der Erfinder der deutschen Stenographie hatte mit außerordentlich großen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, ehe es ihm gelang, seiner Schöpfung Anerkenung zu ver- schaffen. Obgleich selbst im Staatsdienst stehend, wurde er namentlich regierungsseitig feindlich behandelt und ihm alle nur möglichen Hinder- nisse in den Weg gelegt. Doch, er überwand alle Schwierigkeiten. Einmal gelang es ihm durch einen Zufall, eine große Anzal seiner Gegner zum Schweigen zu bringen und Beifall zu erwerben. Obwol er fast nie seine Studirstube verließ, hatte er einst der Einladung eines Freundes nachgegeben und war demselben in eine geschlossene Gesell- schaft gefolgt, wo merere höhere Staatsbeamte beisammen waren. Dar- unter befanden sich einige, die ihn wol kanten, die ihn aber nicht zu kennen schienen und auch solche, die ihm bei jeder Gelegenheit ein Bein stellten. Er kümmerte sich wenig um diese Herren und vertiefte sich in ein Gespräch mit seinem Freunde. Sein Nachbar zur Rechten, ein Ministerialrat, blickte mit vornemer Miene auf Gabelsberger herab, one ihn eines Wortes zu würdigen. Da wurden zufällig von eineni Sänger einige hübsche Lieder vorgetragen. Eins gefiel so, daß es wiederholt werden mußte. Auch Gabelsberger— der sich bekanntlich in seiner Jugend längere Zeit Gesangsstudien hingegeben hatte— gefiel das Lied, so daß er sich, als es zum zweiten Male gesungen wurde, mit Hilfe seiner Kurzschrist den Text desselben notirte. Als er das Blättchen Papier wieder zu sich stecken wollte, fragte ihn sein bis da- hin stummer vornemer Nachbar mit herablassender Neugierde:„Nun, was haben Sie denn da gemacht?"„Das hübsche Lied,"— erwiderte Gabelsberger—„habe ich mir ein wenig notirt. Das wird heute noch zu Hause gesungen." Mit einem trocknen„Erlauben Sic mir doch" nam darauf der Herr Ministerialrat Gabelsberger das Blatt one Weiteres aus der Hand und one daß der leztere es verhindern kante, machte das Stenogramni um die ganze Tasel die Runde, um überall mit Kopfschütteln oder mit lächelnder Miene betrachtet zu werden. Mittlerweile hatte der Sänger das Lokal verlassen und es fiel Einem aus der Gesellschaft ein, vorzuschlagen: jezt könte uns wol Herr Gabelsberger noch einmal das Lied zum Besten geben. Dieser pro testirte, erklärte, daß er nicht zur Gesellschaft gehöre-c., allein das half alles nichts, er wurde solange bestürmt, bis er schließlich, unter Gui- tarrebegleilung, das Lied vortrug. Lassen wir ihn über die Wirkung, die sein Gesang hervorbrachte, selbst reden. Er sagt in einem Briefe au seinen Freund und Schüler, Professor Heger in Wien:„... ich mußte das Lied singen und sang es vielleicht auch nicht schlechter, als es der andere vorgetragen hatte. Da war nun ein Spektakel. Jezt ging es aus ein Lob, jezt war die Stenographie eine herrliche Kunst, und ich habe mir an diesem Abende eine größere Ehre und Celebrität erworben, als in einer neunmonatlichen Stände- Versammlung. Alle diese Herren hatte ich für meine Sache einge- nommen, ich mußte den Nächsten in meiner Umgebung förmlich Lektion über das Wesen der Stenographie geben."— Ein so kleiner, unbedeu- tender Umstand— wobei dem Zufall, daß Meister Gabelsberger auch in der edlen Gesangskunst wol beschlagen war, vielleicht die Haupt- Wirkung zuzuschreiben ist— trug also mehr zum Bekantwerden oer gabelsbergerischen Erfindung bei, als alle Ankündigungen und Vorstellungen, verhalf ihm mehr zur Anerkennung, als seine Eingaben an die Regierung, welche den im Gerüche der Freisinigkeit stehenden Gabels- bergcr, wo es nur anging, fülen ließ, daß er von fortschrittlichen Ab- geordneten unterstützt worden war.-z- Fus allen QSittfuf« der ZeiMleralur. Zur Charakteristik des gegenwärtigen Kulturkampfs wider das Judentum eignet sich besser als irgend sonst ein Borkomnis ein Prozeß, der jüngst dem Reichsgericht zur endgiltigen Entscheidung vor- lag. Am 9. April v. I. brachte die katolische„Schlesische Bolkszeitung", redigirl von einem frommen Christen namens Nowack, einen, Luden- passah und Christenblut" überschriebenen Artikel, worin mit gradezu verblüfiender Keckheit die uralte Lüge aufgewärmt wurde, daß bei den „talmudischen Ceremonien des jüdischen Passahsestes auch Christenblut in Anwendung komme". Es sei das ein„bekantes Geheimnis",„oft genug" seien„Beweise dafür gegeben und der gerechte Unwille der Christen in Ausregung gebracht worden". Um den verbrecherischen Späßen, welche sich das fromme Blatt mit den Juden und seinem gutgläubigen Lesepublikum erlaubt, die Krone aufzusezen, wird dann aus allerneuester Zeit ein Beispiel für solche Christenschlächterei durch Juden aufgefürt. Am Abend des 27. März v. I. habe ein IZjäriger griechischer Knabe zu Alexandrien in Aegypten die Wonung seiner Eltern verlassen und sei nicht wieder zurückgekehrt; am Morgen des 28. März sei vor der Synagoge seine blutentleerte Leiche gesunden worden, die Adern an beiden Handgelenken seien durchschnitten ge- wesen, aber von Blut sei da, wo man den Leichnam fand, nichts zu entdecken gewesen. Das alexandrinijche Volk, besonders der griechische Teil desselben, sei darüber einig, daß hier ein Verbrechen von Seiten der Juden vorliege, und nur die größte Energie seitens des Stadt- präfekten hätte die Ausübung der Volksjustiz verhindern können. Als besonders belastendes Moment wurde noch hinzugefügt, daß reiche alexandrinische Juden den Zeitungen ihrer Stadt hohe Geldsummen ge- boten hätten, damit sie den Schanerfall totschweigen sollten.— Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Breslau erhob eine Klage gegen den verantwortlichen Christen von der„Schlesischen Volkszeitung", ob- bemeldeten Nowack, der natürlich auch nicht die Spur eines Beweises für seine harsträubenden Behauptungen erbringen konte und durch alle Jnstanzeu zu acht Tagen Gefängnis verurteilt wurde, weil er über einen traurigen, aber die Juden nicht im mindesten belastenden Vorfall höhnisch entstellend berichtet hatte in der unverkennbaren Absicht, das deutsche Judentum zu beschimpfen. Durch die amtlichen Erhebungen des deutschen Konsulats in Alexandrien war übrigens ermiesen worden, daß der Knabe, um den es sich handelte, einfach durch einen Sturz, mit dem die Juden und ihr Passahfest nicht das geringste zu tun hatten, um sein Leben gekommen war. xz Kolenproduktion und Kolenpreise. Produzirt wurde 1860 aus der ganzen Erde an Kolen: 136 Millionen metrische Tonnen; 1866 135,1; 1872 260; 1874 274,3; 1876 287,4; 1877 294; 1873 290 Millionen Tonnen. Die Preise der Steinkolen betrugen in Deutschland 1370 5,92 Mark, 1871 7,04, 1372 8,64, 1873 10,94, 1874 10,56, 1375 7,62, 1876 6,53, 1877 5,70, 1878 5,26 Mark für' die Tonne. Alles in allem närt der Kolenbergbau mer als 1 000 000 Arbeiter, in England 514500, in Deutschland 210 000, Frankreich 97 000, Belgien 101000, Amerika 100 000 und in Oesterreich 63 000. xz Wie Nordlichter entstehen ist bislang wissenschaftlich noch nicht festgestellt gewesen. Gegenwärtig gibt sich Professor 1>r. Zehfuß Mühe, seiner Teorie, das Nordlicht entstehe durch den Fall verhältnismäßig kleiner Meteormasse», Anerkennung zu verschaffen. xz.