Br H 28. Jllnstrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentliche- Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Herlchen oder dienen? Roman von M. KautsKy. (1. Fortfezung.) Dieser größte Raum des Hauses, der es der Länge nach durchschneidet, und in.den zu beiden Seiten die übrigen Ge- mächer münden, ist für die altitalienische Bauart höchst charakte- ristisch. In den Tagen von Venedigs Glanz mußte die Sala, mit Pracht und künstlerischem Aufwand ausgeschmückt, den zal- reichen Gästen des Hauses einen passenden und höchst will- kommenen Versamlungsort geboten haben, in dem Musik und Tanz und Spiel und jedes gesellschaftliche Vergnügen erhöten Reiz gewann. In unseren Tagen, wo diese Räume verödet, wo keine großartigen Feste mer in diesen Palazzi gefeiert werden, ist sie zu einem Vorzimmer heruntergesunken, und zu einem recht unbequemen obendrein. Marie durcheilte den Saal, dessen Marmorboden, wie eine Eisfläche, ihre Füße durchkältete, mit raschem Schritt. Sie öffnete die Türe eines Gemaches, das nach einem Seitengäßchen ging, der Calle Minio, wo der Hauseingang von der Landseite aus sich befand. Das Gemach, das sie jezt betrat, war dunkel und leer, man bewonte es nicht, aber man gelangte von hier ans einen winzigen Balkon, wo das Aufzicseil mit einem Korbe angebracht war. Hölzerne Stangen ragten rund um den Balkon in die Höhe, und von einer zur andern waren in mehreren Reihen Stricke gespant; es war dies auch die Hängestatt, wo, da alle diese Paläste keine Böden haben, die Wäsche getrocknet wurde. Heute waren die Stricke unbehängt geblieben. Marie trat auf den Balkon und sah hinab. In dem Gäßchen vor der Haustür stand, wie sie vermutet hatte, der kleine Pietro. Er hatte einen Korb neben sich gestellt, und die Hände in die Hosentaschen steckend, sprang er, um sich zu erwärmen und zu erheitern, mit ungemeiner Behendigkeit von einem Fuß auf den andern, wobei er Pfiffe laut werden ließ, die wie Rotsignale klangen. O, er war auch schon sehr ungeduldig, der kleine Pietro. Marie ergriff rasch de» Korb, der an der Mauer angehängt war, und ließ ihn an dem Seile hinunter. Wärend der Korb sank, mußte sie unwillkürlich einen Blick in das gegenüberliegende Fenster werfen, das in dem engen Gäßchen so nahe lag, daß sie von ihrem vorgeschobenen Standpunkte aus es mit der ausgestreckten Hand hätte erreichen können. Kein Vorhang bcwarte vor indiskreter Neugier das Studier- und Waffenzimmer des Signor de Vita, eines alt- venezianischen Nobile, der mit seine.- Familie dies nachbarliche Gebäude, den Palast seiner Ahnen, bewonte. Marie sah ihn selbst und seine junge Gattin an einem Tische sizen, auf welchem eine angezündete Lampe braute, deren Schein das enge Gemach vollständig erleuchtete. Die beiden hatten sich wol aus den großen Sälen, die nach dem Kanäle zu lagen, wo sie der Kälte und dem Winde ausgesezt waren, hierher geflüchtet, wo es enge und ruhig war und wo sie sich vor diesen Unbilden geschüzter glaubten. Bei de Vitas gab es nämlich gar keinen Ofen, man verachtete dort diese Ranch, Ruß und Krankheiten erzeugende Maschine des Nordens, aber die edle Familie litt augenicheinlich unter diesem Vorurteil. Tomaso de Vita saß hier, wie er von der Straße gekommen war, in einen Mantel von Doublestoff gehüllt, den Cylindcr auf dem Kopfe; seine Frau ihm gegenüber, in vielfache Shawls gewickelt, wie eine Mumie, sodaß nur das hübsche, helle Gesichtchen hervorguckte. Sie saßen zusammengekauert, vor Kälte zitternd, die Füße auf eine Kolenpfanne gestellt, und auf dem Schöße den Skaldino, ein kleines Kolengefäß, haltend, über welches sie mit vorgebeugtem Oberkörper die erstarrten Hände hielten. Auch sie getraute sich nicht, eine Bewegung zu machen, wodurch an ihren Körper eine erneute kalte Lust sich herandrängen würde, und so blieb der gravitätische Tomaso de Vita und auch seine sonst so lebhafte und geschwätzige Gattin still und stumm, leeren Blickes vor sich hinstarrend. Marie hatte dies Bild trostloser Jämmerlichkeit mit einem Blick erfaßt, es reizte ihre Lachlust. Dw de Vitas, obwol die Italiener keineswegs den dummen Ahnenstolz andrer Nationen besizen, liebten es doch, mit einer gewissen Prätention aufzutreten und als Nobili sich zu geben, um so possirlicher erschienen sie in ihrer jezigen Situation. Ach, wie frieren diese Südländer, dachte sie, viel mehr noch als wir, und doch ertragen sie das Jar für Jar, one eine Abhülfe zu treffen. Es ist unbegreiflich. Der Korb war unten, und sie wendete nun ihre Aufmerksam- keit dem kleinen Pietro zu, ihrem Lieferanten, der ihr auf diese Weise die meisten Lebensmittel ins Haus schaffte. „Un litro di latte, qua uove, due chioppe," sagte er, in überlauter Betonung die Worte herausstoßcnd und zugleich die genanten Gegenstände, einen Topf mit Milch, Eier und zwei Stück eines nnschmackhaften Weißbrotes in den Korb legend, „dasta!" Er gab dem Korb einen leichten Stoß und lief davon. Marie begann, ihn langsam und vorsichtig heraufzuziehen. Sie entnam ihm die Eßwaren und eilte mit ihnen in die Küche, welche durch einen kleinen dunklen Gang mit der Sala in Verbindung war, und nachdem sie dort die Milch rasch abgekocht, kehrte sie wieder in das Zimmer zurück. Die vielbcharrliche Domenika und das VI. S.«pril issi. Töchterchen schliefen noch immer. Es war ganz dunkel geworden. Marie zündete eine Lampe an und sezte sich mit einer Näharbeit an den Tisch. Die durchkälteten Finger konten indes nur müh- sam arbeiten, aber sie stichelten unermüdlich darauf los. Ein kräftiger Mannesschritt kam jezt durch die Sala. Marie warf die Arbeit beiseite und sprang auf,— ihr Alfred war's! Aber sie senkte den Kopf und kehrte wieder an den Tisch zurück. Er hatte es nicht gerne, wenn sie ihm so entgegenstürzte, er hatte es ihr wiederholt verwiesen; sie erwartete ihn also stehend. Die Tür ging auf und Alfred trat ein. Er begrüßte seine Fran in freund- iicher Weise und legte Hut und Stock beiseite. „Der Wind hat sich gewendet, wir bekommen Scirocco," sagte er, sich den feuchten Bart wischend,„aber mit der Kälte wird's endlich vorüber sein." Er küßte Marie leicht auf die Stirne und trat mit ihr an das Bettchen der Kleinen.„Was macht unsere Marietta?" „Sie schläft so süß," bemerkte die Mutter. Er lächelte.„Sie gedeit vortrefflich, aber warhaftig, diese kleine Person gewönt sich daran, bei Tag zu schlafen und dann des Nachts um so unruhiger zu sein;" sein scherzhafter Ton wurde vorwurfsvoll.„Ich habe die vergangene Nacht nicht schlafen können, ich hörte ihr Weinen bis gegen Morgen." Marie sah bestürzt zu ihm auf. „Armer Papa, ich hatte es gefürchtet, und doch gab ich mir alle Mühe, die Kleine zur Ruhe zu bringen, aber sie war so ungeberdig, es muß ihr etwas gefelt haben." „Beware, ausgeschlafen war sie, wie sie es heute sein wird, aber wenn die kleine Kröte ihre nächtlichen Serenaden fortzu- sezen beliebt, dann werde ich mein Nachtquartier noch etwas weiter von hier verlegen müssen. Glaube mir, es ist nicht ange- nem, wenn man des Tags gearbeitet hat und dann Nachts keine Ruhe finden kann." Marie seufzte ttef auf, voll Mitleid mit ihrem Gatten. Daß sie selbst weit mehr durch diese gestörte Nachtruhe litt, sie, die das Kind zu pflegen hatte, das fiel ihr nicht einmal ein; sie war ja die Mutter, es war ihre Pflicht und Schuldigkeit, für ihr Kind zu leiden. Er ging auf und nieder und warf sich dann auf das kleine Sofa; sie sezte sich einen Stul neben ihn, und versuchte in ihrer Arbeit fortzufaren.„Warhaftig, es ist hier kälter als auf der Straße," sagte er nach einer Weile,„warum heizest du nicht besser?" „Es nüzt nicht viel, das Zimmer ist zu groß, und dann ist das Holz so teuer." Nach einer Pause fügte sie kleinlaut und fast unhörbar hinzu,„wir sind auch mit unserem Vorrat zu Ende." Er zog die Brauen zusammen und unmutig warf er den Kops gegen die Lehne zurück. Er antwortete indes nichts. Sie sah noch ängstlicher aus; sie schielte von der Seite nach ihm hin. „Bist du müde?" fragte sie endlich. „Ich füle mich so abgespannt." „Du hast wieder viel gearbeitet?" „Nicht so viel, als ich sollte, es ist zu kalt in der Akademie; ich nmß in der Tat Juanna bewundern, die neben mir arbeitet, und Stunden in unausgesezter Tätigkeit an ihrer Staffelei ver- bringt. Ah, diese Frau hat eine Ausdauer, eine Willenskraft, die auf uns andere fast beschämend wirkt." Marie senkte den Kopf tiefer aus ihre Arbeit, eine feine Röte stteg in ihre Wangen. „Sie komt jezt täglich in die Akademie?" „Sie kopirt einen Achenbach wirklich meisterhaft, sie erreicht fast die leuchtende Farbe und Tiefe des Originals." „Sie hat von dir gelernt." „Von mir? mich dünkt, ich könte von ihr lernen, sie hat Augen für jede Nüance und eine Feinheit der Empfindung—" Er unterbrach sich und nach einer Pause sezte er mit einem gänz- lich veränderten, fast jovialen Ton hinzu;„Sie läßt dich und unsere Kleine grüßen, sie ftagt immer nach euch, wie ihre Mutter, Signora de Vita." „Wirklich," versezte Marie, sie wollte noch mehr sagen, sie merkte wol, er erwartete es, aber es wollte ihr nicht vom Herzen und so öffnete sie nur den Mund und schwieg doch wieder. Er zog die Sttrne etwas kraus, als aber sein Blick zufällig auf die roten angeschwollenen Finger der Frau fiel, als er zu sehen glaubte, daß diese etwas zitterten, nam er ihr in freund- lich scherzender Art die Arbeit aus der Hand. „Was hast du nur mit dieser ewigen Stichelei, du weißt, ich mag's nicht sehen, wenn ich zu Hause bin; ich mag's nicht leiden, daß du dein Gesicht und alle deine Aufmerksamkeit da hinein vergräbst, du sollst mich ansehen, Marie, und auf meine Worte hören, habe ich dir doch etwas mitzuteilen, was dir gewiß Freude machen wird." Sie hatte rasch den Kopf gehoben, und sie sah ihm in glück- licher Ueberraschung in die Äugen.„Hättest du vielleicht eine Bestellung erhalten, Alfred? oder hätte dein großes Bild nun doch endlich einen Käufer gefunden?" Er biß sich, als hätte er einen plözlichen Schmerz erfaren, in die Lippen. „Nein, das ist's nicht," sagte er merklich herabgestimt,„ich wollte dir nur mitteilen, daß ich heute das Lob deiner Schwester in allen Zeitungen gelesen; sie ist in Mailand." Marie tvarf ihre Näharbeit bei Seite und schlug die Hände zusammen. „Elvira, in Mailand, ist's möglich! und sie singt dort?" „Sie scheint bei ihrem ersten Austreten in der Scala einen ganz enormen Erfolg gehabt zu haben. Man schwärmt von ihr, man stellt sie der Pattt gleich, und ebenso scheint man von ihrer Schönheit entzückt gewesen zu sein." „O wie mich das freut, aber sie wird mir gewiß schreiben, und sie wird vielleicht nach Venedig kommen, mich zu besuchen." „Nicht nur du, ganz Venedig erwartet das; man gönnt sie nicht den Mailändern allein, man will sie hier haben, man will sie auch hören und bewundern; ich sage dir, in den Cafös haben ihre Mailänder Triumphe sensattonell gewirkt, und eine förmliche Aufregung hervorgerufen, man sprach nur von Signora Bianca." Marie lachte, sie hatte noch immer das helle unschuldsvolle Lachen eines Kindes. „Signora Bianca! wie ftemd das klingt, ich kann mir nim- mermehr unsere Elvira darunter denken, meine Elvira! meine gute, süße Schwester, die ich 4 Jare nicht gesehen, seit meinem Hochzeitstag, seit—" sie zog das weiße Linnen, an dem sie ge- nät hatte, vor die Augen, in welchem Tränen standen.„Das unglückliche Kind, sie hat unserer armen�Mama damals soviel Herzeleid verursacht, soviel Kummer—"' „Ein sehr überflüssiger Kummer, wie du nun einsehen mußt; sie hatte damals recht, sich Verhältnissen zu entziehen, unter denen ihr Talent, unter denen sie selbst zu Grunde gegangen wäre; sie hat mit diesem Gewaltstreich ihr Glück begründet." „Erscheint dir das so sicher, Alfred?" Er lachte auf.„Ich dächte doch. Man bezalt ihr für jeden Abend, an dem sie singt, einen Preis, den ich für ein Bild, an dem ich wochenlang mühsam gearbeitet habe, nicht zu verlangen wage, und für das ich dann nicht einmal einen Käufer finde. Sie aber, sie vermag sich mit allem Glanz des Reichtums zu um- geben, und man huldigt ihr, man ruft ihr Beifall zu, man betet sie an." „Und dennoch— nach ihren Briefen zu urteilen scheint sie nicht immer glücklich." „Glücklich, glücklich! wer kann sagen, daß er glücklich ist, aber sie kann doch zufrieden sein." „Und sind wir's nicht auch, Alfted— bist du es nicht?" sezte sie leiser hinzu, indes ihre Augen mit einem lieben und doch etwas forschenden Ausdruck zu ihm empor sahen. Er begegnete ihrem Blick ruhig und fest, aber um seine Lippen legte sich ein trübes Lächeln.„Ich bin's, teilweise wenigstens; aber ich verlange vom Leben mehr, als es mir bisher geboten, ich verlange von mir selbst mehr, als ich bisher geleistet habe, wie könte ich mich da völlig beftiedigt fülen!" Marie machte eine kleine ungewisse Miene, und griff wieder nach ihrer Arbeit. Er wendete sich von ihr ab, ihr Schweigen irritirte ihn offen- bar.„Du kanst das nicht begreifen, nicht war? Du freilich kenst keinen Ergeiz, du verlangst nicht einmal eine materiell behaglichere Existenz für dich selbst; du bist genügsam von Nattir und einfach, du bist glücklich, du kanst glücklich sein! aber ich bin anders geartet, in mir lebt ein stürmisches Verlangen, vor- wärts zu kommen; meinen Zielen, meinen Idealen in etwas we- nigstens mich zn nähern; noch glaube ich hierfür die richtige «pannkraft zu besizen, noch felt es mir nicht ganz an Selbst- vertrauen, aber es macht mich ungeduldig, daß nichts mich unter- stüzt, nichts mich befeuert und erhebt, daß—" er war im Zim- wer auf- und niedergegangen, Wärend Marie ruhig und gleich- mütig weiter arbeitete. ty■. 339 Sic kante seine Art und Weise und es fiel ihr gar nicht ein, daß er nicht allein das Schicksal, daß er auch sie, vielleicht noch sich selber unbewußt mitanklagte und daß er jene Befeuerung, jene Ermutigung, deren er bedurfte, zunächst von ihr, dem Wesen, das ihm in sozialer, wie in sympatischer Beziehung am nächsten stand, eigentlich mit Recht erwarten konte. Er unterbrach seine Rede und seinen Schritt, als sei ihm Plözlich etwas durch den Sinn gefaren, das seinen Gedanken eine ganz veränderte Rich- tung gegeben; seine Züge erhellten sich wieder, er trat auf Do- menika zu, und rief laut:„Heda! piAmsima, auf! bringe mir Waschwasser und bürste mir den Rock aus, va, presto!" Domenika rappelte sich in die Höhe und stand endlich auf den Beinen, aber sie rieb sich verwirrt die Augen und Alfred mußte seinen Befel wiederholen, ehe sie sich soweit ermunterte, ihn auszufüren. Er näherte sich dann seiner Frau und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Du hast mir noch gar nicht gedankt für die frohe Nachricht, die ich dir gebracht." „O, ich danke dir viel, vielmals, ich freue mich ja so herzlich, und du glaubst also, daß wir Elvira wiedersehen werden?" „Ich denke, in sechs Wochen haben wir sie hier; und nun kanst du dir dies Wiedersehen ausmalen und es wird dir dabei die Zeit nicht lang werden." „Du willst noch fort?" „Auf einen Augenblick wenigstens— man erwartet mich bei de Vita." „Dahin gehst du, o dann komst du mir sobald nicht wieder." Der Ton frappirte ihn, er klang ergeben und doch so schmerz- lich, er sah sie an; ein Schatten von Traurigkeit, von Bekümmert- heit hatte sich um das soeben noch so heitere Antliz gelegt; er sülte sich eigentümlich davon ergriffen. Unentschlossen, wie mit sich selbst im Kampfe, blieb er vor ihr stehen, dann sezte er sich wieder an seinen früheren Plaz, seiner Frau gegenüber, und nach ihrer Hand langend, fragte er herzlich:„Marie, wünschest du wirklich, daß ich. den Abend zu Haus verbringe, bei dir? dann bleibe ich." Sie sprang in die Höhe und fiel ihm um den Hals. „Ach, du guter Man, ja ja, du sollst bei mir bleiben, du sollst zu Hause bleiben." „Dann wirst du aber deine häuslichen Beschäftigungen etlvas bei Seite lassen und mir Gesellschaft leisten." Sie nickte und sagte dann mit einem schüchternen Lächeln: „Wenn du dich mit mir allein nur nicht allzusehr langweilst." „Ich habe ein interessantes Buch, ich werde dir vorlesen?" „Vorlesen!" wiederholte sie fast verlegen. „Ja so, richtig, das interessirt dich so wenig, daß du regel- mäßig schon bei der vierten Seite einschläfst." Marie wurde sehr rot, wie in einem heftigen Gefül der Scham.„Ja,'s ist war, ich schlafe immer ein," sagte sie leise und schuldbewußt. „Es ist mir unbegreiflich, und wenn ich jezt beginnen würde, so schläfft du in den nächsten zehn Minuten." „Sei mir deshalb nicht böse, Alfred, ich kann nichts dafür; es ist auch nicht Mangel an Interesse, aber ich bin so müde, ach so sehr müde, und wenn ich dann ganz ruhig bleibe und deiner lieben Stimme lausche, und ihrem gleichmäßigen Tonfall, da füle ich mich wie eingelullt, und es komt über mich unwidersteh- lich, ich mag mich noch so waren, ich entschlummere." „Und der süße Schlummer ist dir gegönt, Marie, aber ich sehe nur nicht die Notwendigkeit ein, ihn zu bewachen." „Und du hast recht, Alfted, es wäre dies ein abscheulich eigen- nüziges Verlangen, ich sehe es ja ein." „Nicht einmal das, Marie, es bringt dir gar keinen Nuzen, es ist nur kindisch." „Du sollst auch nicht zu Hause bleiben, ich will es nicht mehr; du sollst dich aufheitern und zerstreuen, aber— mußt du gerade zu Vita's? du hast noch andere Freunde." „Keine, wo ich mich so wol fülte, keine die mich so gut ver- stünden." c t, „Du denkst nur an Juanna, wenn du das sagst, nicht war?" Älfted lächelte spöttisch.„Solltest du den unglücklichen Ein- fall haben, eifersüchtig auf sie zu sein? Du weißt, das könte mich am ersten reizen, dir einmal wirkliche Ursache dazu zn geben, um dich dafür zu strafen." Sie sah mit einem flehenden Blick zu ihm auf:„Alfted!" Er lachte und wie begütigend tätschelte er ihre Hand.„Ich kann dir übrigens, um dich völlig zu beruhigen, mitteilen, daß Juanna so gut wie verlobt ist." Mariens Augen blizten auf in einem Stral der Freude.„O, sie ist also ihrer Witwenschaft schon überdrüssig? Und der Er- wälte ist der junge Sizilianer, der mit seiner Gondel so häufig hier vorüberfärt, nicht war? Er verkehrt viel mit de Vitas, er muß oft bei ihnen sein?" „Natürlich," versezte Alfred leichthin und doch etwas herbe, „der Bruder und die Mama begünstigen die Werbung und leisten ihr jeden Vorschub." „Und Juanna liebt ihn?" „Ich besizc keineswegs das Vertrauen Juanna's bis zu diesem Punkt, du kanst mir's glauben. Ich weiß nicht, ob sie ihn liebt, aber ich denke, sie wird ihn heiraten." „Bald?" „Vielleicht in einigen Monaten, vielleicht in einigen Wochen schon,— was weiß ich?" „Und dann verläßt sie Venedig, um ihrem Mann in seine Vaterstadt zu folgen, nicht war? Ich wünschte ihr recht herzlich dieses Glück." Das Eintreten Domenika's enthob ihn der Antwort. Er zuckte die Achseln und wante sich hinweg. Er verlangte frische Wäsche, ein seidenes Gilet und seinen Frack. Marie brachte ihm aus seinem Zimmer das Gewünschte und sie war hierauf selbst um ihn bemüt. Sie knüpfte ihm die Kravatte und richtete ihm den Hemdkragen, sie steckte die goldnen Boutons in die Manschetten und bürstete ihm das schwarze Kleid, und als dies nun so hübsch und elegant an der feinen, schlanken Gestalt saß, da blickte sie voll Entzücken zu ihm auf. Alfred war jezt, in seinem drciunddreißigsten Jare, in voller Mannesschönheit, und diese ward durch den welffchmerzlichen Zug, der in dem schmalen, blassen Gesichte, in den tiefen, blauen Augen sich aus- sprach, noch anziehender. Marie empfand dies fast mit heim- lichem Bangen, und doch dachte sie in ihrer weiblichen Eitelkeit: mögen sie ihn nur schön finden und liebenswürdig, er gehört doch mir, er ist mein, mein Mann, mein alles. Sie hätte ihm um den Hals fallen mögen, aber er hatte es so eilig. Er nam noch ein Battisttuch und steckte die Uhr zu sich, er verlangte nach seinem Claque und bemerkte seiner Frau en passant, daß an dem zurückgelegten Hemd zwei Knöpfe gerissen seien, dann warf er seiner Kleine», die erivacht war und die Händchen empor- streckte, einen Kuß zu und gab seiner Frau die Hand.„Gute Nacht,— aber wenn's dir möglich ist, so halte die Kleine noch eine Zeitlang wach. Adieu, Marie!" Er hatte seinen Winterrock nur leicht übergeworfen und verließ nun raschen Schrittes die Stube. Marie blieb, die Augen der Tür zugewendet, durch welche er soeben getreten, eine Weile unbeweglich, sie lauschte seinem ver- hallenden Schritt,— dann fnr sie erschaudernd zusammen. Und wieder empfand sie die alles durchdringende Kälte und Feuchtig- kcit, und das Gemach erschien ihr wieder so dunkel, so weit und öde. Alle Freude schwand mit einemmal aus ihrem Herzen. Eine Träne, einer Perle gleich, schlich langsam über die zarte Wange, und wie ein Echo, ihr fast unbewußt, kamen die Worte über ihre Lippen:„Du bist glücklich, du kanst glücklich sein!" Da jauchzte das Kind laut auf und in noch unartiknlirten Lauten rief es nach der Mutter. Marie stürzte ihm entgegen, hob es aus dem Bettchen und drückte es an die Brust, es mit unzäligen Küssen bedeckend.„O, ich bin glücklich, o ja, so ganz, ganz glücklich! Wie undankbar, wie abscheulich ist es von mir, daß ich es nur einen Augenblick lang vergessen konte!" Durch Stunden hindurch nam nun das Kind ihre unablässige Aufmerksamkeit und äußerste Sorgfalt in Anspruch. Sie mußte es baden und füttern, es wärmen und im Arme wiegen, und ihm endlich vorplaudern und vorsingen, bis es wieder eingeschlafen war. Dann sank auch sie, aufs äußerste erschöpft, in einen Stul, und die Augen fielen ihr zu. „O, er hat recht, daß er fortget, er hat recht," murmelte sie noch,„was sollte er zuhause, bei mir, ich kann nichts mehr denken— nichts mehr fassen— ich bin so müde— so müde." Sie hatte auch kein andres Gefül mehr, als das einer vollstän- digen Erschöpfung. Sie hatte die vergangene Nacht fast nicht geschlafen, und sie befand sich seit sechs Uhr morgens in einer nicht einen Augenblick ruhenden, zwar nur auf Kleinlichkeiten gerichteten, aber darum nicht minder aufteibenden Tätigkeit. Diese armen Frauen! Sie haben achtzehnstündige Arbeitszeit und keine Nachtruhe, und allen erscheint dies so natürlich! (Fortsezung folgt.) Ein Verfolgter. (1. Fortsezimg.) „Endlich," schrieb Rousseau nach seiner Ankunft in Yverdon an den Marschall von Luxembourg,..endlich habe ich meinen Fuß auf diesen Boden der Freiheit und Gerechtigkeit gesezt, den � ich niemals hätte verlassen sollen." � Der„gute Papa" Roguin, sein„alter Be- schüzer und Wol- täter", der ihn schon anfangs der vierziger Jare, als er noch un- bekant und hilf- los auf dem teuren pariser Pflaster umher- schlenderte, mit seinem Rate und seiner Börse un- terstüzt hatte, nam ihn auch jezt mit der größten Herzlichkeit aus. Seine zal- reiche und angc- sehene Familie solgte dem Bei- spiele ihres wür- digen Hauptes. Rousseau glaubte jedoch, die schöne Gast- freundschaft nur vorübergehend in Anspruch ne- men zu dürfen. Er suchte eine Stätte, wo er im eigenen Haus- Wesen ungestört wonen könnte, und er hoffte, in seiner Vaterstadt das gewünschte Asyl zu finden. Schon am 11. Juni 1762 war der„Emil" in Paris auf Be- fel des Parka- ments verbrant worden. Kaum hatte der genfer Rat durch seinen Geschäftsträger du Sallon hier- von Nachricht er- halten, als er sofortzusammen- trat. Der Gene- ralprokurator Tronchin be- zeichnete in sei- ner Anklage- schrist— mit Worten seines Kollegen voni pariser Parlament— den„Emil" und den„Contrat social" als „verwegene, ärgerliche, gottlose Schriften", die„auf Vernichtung der christlichen Religion und aller Regierungen abzielen". Der Rat beschloß, die also angeklagten Werke seien„öffentlich durch die Hand des Henkers zu verbrennen, und ihr Verfasser, falls er sich auf dem Gebiete der Republik betreten lasse, solle verhaftet und deni Syndikus vorgefürt werden". Schon am nächsten Tage — es war am 19. Juni— sah die am Rathause versammelte Menge, wie der Henker die glühenden Kolen anfachte und, nachdem das Urteil mit lauter Wümme verlesen worden, die beiden Schrif- ten zerriß und in das Feuer warf. Aber von dem lauten Bei- fall, mit welchem man vor kurzeni erst die Voltaire- scheu Schriften hatte in Rauch aufgehen sehen, war diesmal nichts zu hören. Eine tiefe, un- heimliche Stille herschte unter den Anwesenden. Der Ausdruck ihrer Mienen verriet die dumpfe Be- stürzung, welche das Volk ergrif- fen hatte die verhaltene Wut, ivelche in ihrem Innern kochte. Die Unzufriedenheit über das Geschehene stei- gerte sich noch, als die verur- teilten Schriften endlich eintrafen und ihr Inhalt genauer bekant wurde. Es half nichts, daß der Rat, um der be- denklich ivachsen- den Auftegung zu steuern, den einen oder den andern, der seine Misbilligung gar zu laut wer- den ließ, hinter Schloß und Rie- gel zum Schwei- genbrachte.Hatte er doch selber nicht den Mut, sein Urteil der Bürgerschaft ge- genüber zu ver- treten. Als die Verwanten Rousseaüs um eine Abschrift des ergangenen Ur- teils baten, wies der Rat gegen alle Billigkeit und im Widerspruche mit dem Herkommen'ihr Gesuch zurück. Auf die Beschwerde aber, welche infolge dessen von den Bürgern eingereicht wurde, ließ er durch den ersten Syndikus erklären, daß das verlangte Dekret garnicht vorhanden sei! Der Rat hatte auch allen Grund, einer Rechtfertigung aus dem Wege zu gehen und jede Erörterung seines Berfarens zu vcfr«ch,»»g der Türlcnbund. oder B-r,ttUe durch einen honigsaugenden Schmetterling.(Seite 3i7.) 342 hindern. Man fnlte doch, daß es ihm nicht grade darum zu tun gewesen,„durch dieses kühne Brandopfer die genfer Dogmatil wieder in einen guten Geruch zu bringen;" denn nach der Anklage- schrift untergrub Rousseau mit seinen Schriften nicht nur die Religion, sondern er griff auch„das andere Fundament der Re- gierung" an,„weil er für das Volk das Recht in Anspruch nam, allen Behörden die ihnen anvertraute Macht wieder abzunemen, wenn es der Ansicht ist, daß sie nicht mehr nach seinem Sinne regieren." Von der unzufriedenen Demokratie wurde Rousseau, „dieser unglücklicherweise berühmte Mann", wie sich der Rat aus- drückte, als geistiges Haupt verehrt; durfte er in Genf leben, so hatte die herschende Aristokratie— wie sie glaubte— für ihre Stellung alles von ihm zu fürchten. Aus änlichen Gründen scheint der im nahen Ferney residirende Voltaire seine Hand in dein bösen Spiele gehabt zu haben; wenigstens sagte Oberst Pictet jedem, der es hören wollte:„Dieses Urteil ist ungerecht; die ganze Sache ist in Ferney geplant worden, und Herr von Voltaire hat seinen Haß gegen unfern Jean-Jacgues beftiedigen können." Endlich°ließ sich der genfer Rat zum Teil durch Rücksichten auf den Herzog von Choiseul, den damals allmächtigen Minister in Frankreich, leiten, als er sich zum Büttel eines fremden Gerichtshofes hergab und mit unanständiger Eile an der Verfolgung eines Bürgers sich beteiligte, den er zu beschüzen verpflichtet war. Es koute für die Regierung einer Republik, für die stolze und hochmütige Aristokratie nicht sehr angenem sein, den Mitbürgern zu gesteheu, sie habe ihren Geschäftsträger bei der französischen Regierung beauftragt,„Seiner Exzellenz dem Herrn Grafen von Choiseul zu bezeugen, wie unliebsam es der Rat gesehen habe, daß ein Mensch, der sich einen Bürger von Genf nent und der im Zeiträume von vierzig Jaren nur durch einige Wochen dort seinen Wonsiz gehabt habe, verwegen genug gewesen sei, so gefär- liche Werke zu schreiben." Als Rousseau von den Vorgängen in seiner Vaterstadt Kunde erhielt, erschienen sie ihm anfangs kaum glaublich. Aber er mußte den Zweifel bald aufgeben, und die ihm angetane Schmach ver- lezte ihn tief und schmerzlich. Unter solchen Umständen koute auch von einer Uebersiedlung nach Genf nicht mehr die Rede sein. Glücklicherweise fülte er sich in Iverdon recht behaglich. Herr de Moiry, Bailli der Stadt, ermunterte ihn durch die vielfachen Beweise seines Wolwollens, sich auch fernerhin seinem amtlichen Schuze anzuvertrauen. Eine geeignete Wonung fand sich bald, und die Freunde beeilten sich, sie mit allem auszustatten, was zu der kleinen Haushaltung erforderlich schien. Schon war der Tag des Einzuges festgestellt, als plözltch die Nachricht einlief, daß von Bern her ein Unwetter drohe. Der dortige Senat, hieß es, scheine nicht geneigt, dein Flüchtlinge einen längeren Aufent- halt auf dem von ihm beherschten Gebiete zu gestatten. Rousseau war im höchsten Grade überrascht. Uni den etwa drohenden Sturm abzuwenden, ivante sich der Bailli au merere Mitglieder der Regierung, warf ihnen ihre blinde Intoleranz vor und criu- nerte sie an die Schmach, welche sie treffen würde, wenn sie einem Manne von Verdienst verweigern wollten, was so vielen „Banditen" unbedenklich zugestanden werde. Rousseau selbst schrieb an einen der Senatoren. Es gibt, heißt es in dem Brise, in der ganzen Schweiz kein einziges Exemplar meines Werkes; niemand weiß, was es enthält, was es lobt oder tadelt*), und man denkt daran, mich zu verurteilen! Es ist unmöglich, ich kann es nicht glauben, daß der Senat eines so verständigen Kantons leichthin Beschlüsse sich aneignet, deren Gründe er nicht würdigen kann. Ich kann nicht glauben, daß er sich zum Mitschuldigen eines Libells(der pariser Anklageschrift) machen werde. Wenn indes alle Welt vom Schwindel ergriffen wird, so werde:ch mich entfernen; es bedarf weder eines Dekrets, noch der Verhaftung. Ich will nicht, daß Ihr Rat sich meinetwegen zum Gespötte aller rechtschaffenen Leute macht.— Alles vergebens! Die„gnädigen Herren von Bern" ließen„dem in ihr Land geflüchteten Autor" des „mit höchst irrigen und gcfärlichcn Lehrsäzen angefüllten Buches" *) Das war freilich nicht richtig, was aber Rousseau nicht wußte. In einem Brise Osterwalds in Neuenburg an den Senator V. B. von Tscharner in Bern vom 27. Juni 1762, welcher erst im vorigen Jare durch den„Bund" bekant geworden ist, heißt es:„... Ich hatte wol vermutet, daß H. Serini(?) nicht genug Exemplare des„Emil" für alle Neugierigen Ihrer Stadt mitbringen werde; ich habe deshalb merere Exemplare nachkommen lassen, die Ihnen zur Verfügung stehen. Es ist ein ungewönliches(ötrauge) Buch; in der Tat kann sein Verfasser kein anderes verfassen. Man tveiß nicht— nachdem man es gelesen hat—, ob daran mehr zu loben oder zu tadeln ist." über die Erziehung„das Consilium abeundi erteilen", und er sollte sich„in Zeit von par Tagen aus dero Städte und Landen ivegbegeben, gestalten Er darinn nicht länger geduldet werden könne". Ferner beschlossen die„gnädigen Herren" auf Bericht des Schulrats, daß sowol der Verkauf als der Ankauf des„Emil"„jedermann bei ohnausbleibender straffe von Fünffzig Thalern gänzlichen Ein und alle mahl verbotten sehe". Bei diesem Beschlüsse blieb es, auch als dem Rate bemerkt wurde, daß derselbe über eine ältere „Ordnung" hinausginge und die Büß„sich nicht wohl auf Parti- kularen verstehen könne, die dieses Buch zu ihrem besondern Gebrauch ankaufen, sondern es solle sich allein auf die Buchführer verstehen, in maßen solches sonsten die Freiheit der Litteratur allzu fast einschränken würde". Rousseau wartete die Befele der gnädigen Herren nicht ab. Ein Verwanter der Familie Roguin besaß in dem nahegelegenen Motiers, einem Dorfe im Val de Travers der Grafschaft Neus- chatel, ein vollständig möblirtes Haus, welches dem Verfolgten zur Verfügung gestellt wurde, und dieser zögerte nicht, von dem freundlichen Anerbieten Gebrauch zu machen, obwol er guten Grund hatte, zu fürchten, daß auch der Herscher von Neufchatel, der König von Preußen, ihm zürne. Nach seiner Ankunft in Motiers schrieb Rousseau an Milord Keith, den damaligen Gouverneur von Neufchatel:„Ein armer Schriftsteller, aus Frankreich, aus seiner Vaterstadt, aus dem Kanton Bern Oerbant, weil er gesagt hat, was er für gut und nüzlich hielt, sucht in den Staaten des Königs eine Zuflucht. Mylord, bewilligen Sie mir dieselbe nicht, wenn ich schuldig bin, denn ich bitte keineswegs um Gnade und glaube ihrer durchaus nicht zu bedürfen. Bin ich aber nur unterdrückt, so ist es Ihrer und Sr. Majestät würdig, mir das Feuer und Wasser nicht zu verweigern, ivelches mau mir überall nehmen will. Ich habe geglaubt, Ihnen meine Ankunft melden und meinen, durch die Widerwärtigkeiten, welche mich betroffen, nur zu bekaut gewor- denen Namen nennen zu müssen. Verfügen Sie über mein Schick- sal, ich unterwerfe mich Ihren Befelen. Wenn aber auch Sie mir gebieten, in meinem gegenwärtigen Zustande abzureisen, so ist es mir unmöglich, zu gehorchen; ich wüßte dann nicht mehr, wohin ich fliehen sollte."— Milord war weit entfernt, ihn dieser Verlegenheit auszusezen; er antwortete sofort, daß er ruhig bleiben könne, bis er die Befele des Königs eingeholt habe. Zugleich lud er ihu freundlichst ein, ihn in seinem Schlosse Colombier zu besuchen. Rousseau beeilte sich, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Er durfte mit seiner Aufname zuftieden und über die nächste Zukunft ziemlich beruhigt sein; denn Milord versprach, sein Gesuch bei dem Könige zu befürworten. König Friedrich möchte wol lächeln, als er in seinem schle- fischen Feldlager die Zeilen las, mit welchen sich der Flüchtling bei ihm einfürte.„Ich habe," so lautete diese seltsame Bitt- schrift,„von Ew. Majestät viel Schlimmes gesagt und werde dessen vielleicht noch mehr sagen. Dennoch komme ich, aus Frankreich, Genf und Bern verjagt, um in Ihren Staaten ein Asyl zu suchen. Vielleicht war es ein Feler von mir, daß ich es mit Ihnen nicht zuerst versucht habe. Dieses Lob ist eines von denjenigen, dessen Sie würdig sind. Sire, ich habe von Ihnen keine Gnade verdient, und ich verlange auch keine. Ich habe es aber für meine Pflicht gehalten, Ew. Majestät zu er- klären, daß ich in Ihrer Gewalt bin und sein wollte. Sie können über mich verfiigen, wie es Ihnen beliebt." Diese stei- mütige und zugleich achtungsvolle Sprache verfette ihre Wirkung nicht. Der König, der eben Daun gegenüberstand und Schweidnitz belagern wollte, schrieb sofort(aus Dictmannsdorf, 29. Juli 1762):„Kommen Sie, mein lieber Rousseau, ich biete Ihnen Haus, Jargeld, Freiheit." Und an Milord:„Gewären Sie dem Unglücklichen das gewünschte Asyl. Dieser Jean-Jacques ist ein wunderlicher Kauz, so ein Cyniker, dessen ganzes Vermögen in seinem Bettelsacke bestet. Man muß ihn aber so viel als mög- lich verhindern zu schriststellern, denn er behandelt verfängliche Dinge, die in den neufchateler Köpfen lebhaste Bewegungen her- vorrufen und von Seiten Ihrer Geistlichen, die onehin zum Zanken geneigt und voll fanatischen Eifers sind, ein gar zu lautes Geschrei veranlassen könnten." Natürlich sezte Milord seinen Schüzling von dem Wunsche Friedrich's in Kentnis. Rousseau antwortete:„Was meine Absicht betrifft, nicht mehr zu schreiben, so hoffe ich nicht, daß dies eine Bedingung ist, an welche Seine Majestät das mir gewärte Asyl zu knüpfen gedenkt. Ich verpflichte mich nur, und zwar sehr gerne, in Schrift und Benemen, wie ich es stets getan, die Geseze, die Fürsten, die redlichen Leute und alle Pflichten der Gastfreundschaft zu achten. Im allgemeinen halte ich nur wenig von den Königen und ich liebe die monarchische Regierung nicht. Ich habe es aber immer gemacht wie die Zigeuner, welche auf ihren Streifziigen stets das Haus ehren, in dem sie wonen. So lange ich in Frankreich lebte, hat Ludwig XV. keinen besseren Untertanen gehabt, als mich, und gewiß werde ich einem Fürsten aus anderem Stoffe keine geringere Treue beweisen. Was aber meine Denkweise an- get, so gehört diese mir, dem fteigeborenem Republikaner. So lange ich sie in dem Staate, wo ich wone, nicht verbreite, bin ich dem Souverain keine Rechenschaft schuldig, denn er ist kein kompetenter Richter über das, was außerhalb seines Gebietes von jemanden geschiet, der nicht von Geburt sein Untertan ist. Das sind, Milörd, meine Ansichten und meine Verhaltungsmaß- regeln. Ich habe sie nie verleugnet und werde das auch künstig nicht. Und, wie ich schon sagte, ich habe mir das Versprechen gegeben und verspreche es auch jezt, nicht mehr zu schreiben. Doch noch einmal: ich habe es nur mir selber versprochen." Milord war so verständig, sich mit dieser Erklärung zu begnügen. Es konte nicht überraschen, daß man Rousseau auch in Neuf- chatel unfreundlich empfing. Kaum war er angelangt, als der in der Hauptstadt erscheinende„Merkur" durch die Veröffcnt- lichung der pariser Anklageschrift das Zeichen zum Angriff gab. Alsbald trat die Klasse, d. h. das Kollegium der dortigen Pfarrer zusammen, um die anstößigen Schriften der Behörde zu dennnziren. Der städtische Magister erließ sofort ein Verbot, und gab deutlich zu verstehen, daß er den Verfasser innerhalb seines Gebietes nicht dulden werde. Der Staatsrat, schien es, dachte nicht anders, doch wagte er nicht, den Befelen Milords und dem ausdrücklichen Willen des Königs zu trozen. Freilich hörte man deshalb fürs erste nicht auf, sich in den Journalen wie von den Kanzeln in mehr oder minder heftigen Ausfällen zu ergehen, welche zwar Aufregung in der Bevölkerung hervorriefen, aber Rousseau doch nicht hinderten, sich in seiner neuen Wonuug einzurichten und in der Umgegend nach Belieben umzusehen. Bon gemütlicher Ruhe konnte indes keine Rede sein. Die Gegner hörten nicht auf, den Gebanten in Broschüren und Zei- tungsartikeln, in Zensuren und Erlassen mit Anklagen und Be- schimpfungen zu verfolgen. Wol hatte er sich selbst und halb- Wegs auch andern gelobt, fortan zu schweigen; dazu konnte er sich jedoch so lange verstehen, als nicht seine Ehre, sein guter Ruf in Gesar kam. Freilich bestand auch die große Mehrzal der Gegenschriften aus unbedeutenden Machwerken namenloser Skribler, deren Bekämpfung die Mühe nicht lonte. Rur eine fand er des Inhalts, mehr noch ihres Verfassers wegen, einer Entgegnung würdig. Gleich nach Veröffentlichung des„Emil" hatte de Beaumont, Erzbischof von Paris, sich veranlaßt gesehen, das Werk in einem besondern Hirtenbriefe in den schärfsten Aus- drücken zu verdammen und seinen Diözesanen das Lesen der- selben entschieden zu untersagen. Ihm antwortete Rousseau in einem offenen Brise vom 18. November 1762, einem Brise, welchen unser I. C. Schlosser den kleinen Schriften Lessing's gegen den Pastor Goeze als ebenbürtig zur Seite stellt. Auch erregte die Schrift überall das größte Auffehen und fand selbst in solchen Kreisen Beifall, in welchen man ihrem Verfasser nicht gerade wol wollte. Der Betroffene und seine Freunde waren natürlich weniger erbaut; auch boten sie allen Einfluß auf, um die Verbreitung des unbequemen Briefes möglichst zu hindern, so daß Voltaire klagte:„Der Brief an de Beaumont hat überall Lärm und Unruhe erregt. Man nimt auf der Post alle Druck- fachen weg; es ist unmöglich, etwas der Art zu verschicken." Am meisten lag Rousseau eine Wiederherstellung seiner Ehre und seines Rechts in der Vaterstadt am Herzen, und es kränkte ihn tief, daß auch die Freunde daselbst sich seiner nicht annamen. Er hoffte, der Brif an den Erzbischof von Paris auf deni er sich noch als„Bürger von Genf" genannt hatte, werde sie an ihre Pflicht manen, sie zu kräftigem Vorgehen anregen und er- mutigen. Aber er täuschte sich; in Genf blieb alles ruhig wie zuvor. Da glaubte er, es sei endlich an der Zeit, eine Gemein- fchaft, die keinen iunern Wert mehr hatte, auch äußerlich aufzu- geben. Am 12. Mai 1763 erklärte er dem hochpreislichen Rate in einem Briefe an den Syndikus Favre, daß er für ewige Zeiten auf sein Bürger- und Burgerrecht in Stadt und Republik Genf verzichte. Diese Erklärung widerhallte in ganz Europa; in Genf rief sie eine tiefe und nachhaltige Bewegung hervor. Vierzig Bürger, an ihrer Spize Delüc, der Vater des be- rühmten Physikers, richteten am 18. Juni 1763 eine ehrerbietige, aber sehr entschiedene Eingabe an den Rat, in welcher sie den Widerruf der one Beachtung der gcsezlichen Formen und Vor- schriften gegen Rousseau und dessen Werk erlassenen Verfügungen verlangten. Der Rat erteilte— auch auf ein zweites Gesuch— eine ablenende Antwort. Es entstand darüber eine nicht geringe Aufregung in der kleinen Republik, so daß Rousseau sich veran- laßt sah, die Freunde dringend zu bitten, um des Friedens willen die Sache fallen zu lassen. Das geschah aber nicht, und da noch andere, sogar gewichtigere Beschwerden hinzu kamen, so entwickelte sich allmälig ein heftiger Parteikampf. Da veröffentlichte plözlich der Generalprokurator Tronchin, welcher den Bericht gegen Rousseau und dessen Schriften verfaßt hatte,„Brife vom Lande", in denen er nachzuweisen versuchte, daß die Geseze des Staates selber den Rat gezwungen hätten, so gegen Rousseau zu verfaren, wie er getan. Auch alle andern Beschwerden der demokratischen Partei wurden als nichtig hinge- stellt, so daß diese sich geschlagen, ja vernichtet fültc. Selbst Rousseau erkante an, daß die Arbeit„mit ungewönlichem Ge- schick durchgefürt und ein bleibendes Denkmal für das seltene Talent ihres Verfassers sei." Aber diese Anerkenung hinderte ihn nicht, dem Advokaten des genfer Rates mit den„Brisen vom Berge" entgegen zu treten.„Hätte es sich," sagt Rousseau in der Vorrede,„nur um mich gehandelt, so würde ich diese Brife unterdrückt oder vielmehr gar nicht geschrieben haben. Aber mein Vaterland ist mir nicht so fremd geworden, daß ich es ruhig ansehen könte, wie seine Bürger unterdrückt werden, zumal sie ihre Rechte in der Verteidigung nieiner Sache aufs Spiel gesezt haben. Wie geringfügig auch die faktischen Ver- Hältnisse, oie hier in Frage kommen, sein mögen, die Fragen, um welche es sich Handelt, sind groß und der Beachtung wert. Lassen wir Genf an seiner Stelle und Rousseau in seiner be- engten Lage; aber Religion, Freiheit, Gerechtigkeit, das sind Dinge, die niemand unter seiner Würde finden darf." Die französische Regierung, die gnädigen Herren von Bern, die geistlichen und weltlichen Behörden in Genf beeilten sich, die „Brife vom Berge" zu verbieten. Auch viele der sogenanten Philosophen namen gegen Rousseau und für die Machthaber Partei; one zu untersuchen, auf welcher Seite das Recht oder Unrecht lag, verdamten sie den Mann, der es gewagt, den Aristokraten entgegen zu treten und mit seiner persönlichen An- gelegenheit die Sache des Volks zu verteidigen. Voltaire war sehr erfreut, als ihm ein Bekanter die Schrift brachte.„Sie leisten mir einen großen Dienst," sagte er zu demselben.„Ich werde die Schrift verschlingen. Ich beschwöre Sie, Sorge zu tragen, daß ich mit Rousseau Frieden schließen kann." Jeden- falls hat er sie mit Vergnügen gelesen, bis dahin, wo sich Rousseau den Scherz erlaubt hatte, ihn zu den Aristokraten in Genf über Duldung sprechen zu lassen.„Als Voltaire diese Stelle las," erzälte einer seiner Freunde, der grade anwesend war,„sprüte sein Blick Flammen, seine Augen funkelten vor Wut, er zitterte am ganzen Körper und rief mit donnernder Stimme: ,Der Böse- wicht! Das Ungeheuer! Ich muß ihn auf seinem Berge in den Armen seiner Gouvernante umbringen lassen/" Und mit diesem Ausrufe war es Voltaire vollständiger Ernst; wenigstens gab er sich alle Mühe, Rousseau moralisch umzu- bringen. Denn auf die„Brife vom Berge" ließ er, warschein- lich in Verbindung mit einem Geistlichen, in Genf unter dem Titel„Ansichten der Bürger" anonym eine Flugschrift erscheinen. die Rousseau in einer so boshaften und gemeinen Weise angriff, daß dieser mit Recht sagen durfte,„sie scheine ihm nicht mit Dinte, sondern mit deni Wasser des Phlegethon geschrieben zu sein". Der Verräter, ein Wansinniger, ein Verrückter wurde er genant, der desselben Arztes bedarf, welcher mit seinen skanda- lösen Schriften so kurzen Prozeß gemacht hat— d. h. des Hen- fers, der sie den Flammen überliefert. Die skandalösesten Dinge wurden von dem Verfasser des„Emil" und des„Contrat social" erzält, und ein„Lump dieser Art", hieß es dann, nimt sich heraus, ehrsamen Bürgern gute Lehren zu geben. Man würde ihm aber begreiflich machen, daß, wenn man sich einem schäm- losen Romanschreiber gegenüber mit einer leichten Züchtigung begnüge, man über einen gemeinen Aufrürer die Kapitalstraf'e zu verhängen Pflege."— Zwar wagte es niemand, diese nieder- trächtige Schmähschrift in Schuz zu nemen, und die anständigen Gegner Rousseaus hüteten sich wol, diesen Bundesgenossen als einen der ihrigen anzuerkennen; aber es gab doch manche, die sich nicht schämten, sie zu benuzen, und der heiintückische Angriff hat dem Verfolgten manche heiße Träne ausgepreßt.(T hlnh folgt.) 344 Zlov einem Steivcheu, das die Miffevschast vom Tempelbau des Aberglaubens abgetragen hat. Bon Notkverg-Lindener. Das in jüngster Zeit soviel Aufsehen und Für- und Wider- reden erregende Spektakelgeistertum, dem man gern, dem Zeit- geschmack folgend, eine wissenschaftliche Grundlage durch Verlegung seiner Operationsbasis in die von einigen Matematikern zur Rettung ans schwerer Verlegenheit erfundene sogenante vierte Dimension bereiten möchte, hat gewiß manchen zu der Frage veranlaßt, wie solches Treiben sich mit dem vielgerühmten Auf- geklärtsein vertrage? Das Rätsel löst sich ganz leicht, wenn wir uns erst überzeugt haben, daß wirkliche, tief und fest eingedruugne Aufklärung noch immer nur der ausgezeichnete Erwerb einer aus- erlesenen Gemeinde unter den Menschen ist, deren Mitglieder unter allen Ständen zu suchen, unter den an der gesellschaftlichen Ober- fläche die bemerkbarste Rolle spielenden, glänzenden, gelehrten und vielerlei wissenden aber vielleicht nicht einmal prozentuell am zalreichsten zu finden sind. Bei so manchen Leuten, die sich heftig dagegen verwaren, irgendwelchem Aberglauben zugetan zu sein, bemerkt man am Ende doch noch einen Rest davon in irgend- einem Geisteswinkelchen, das bei günstiger Gelegenheit, d. h. wenn betitelte, respektable Apostel den Aberglauben in„modemer" Form predigen und seine Bekenner einigermaßen herdenhaft austreten, auch bei ihnen, gleich Fausts Pudel:„Hinter den Ofen gebaut— Schwillt es wie ein Elephant," Plözlich wächst und sproßt und sich mehrt, wie Hefe in lauwarmem Zuckerwasser. Zu solchen Resten alten Sauerteigs gehören die Zeichen und Vorbedeutungen. Das plözliche, unerwartete, oder wie man sagt,„Vonselbstspringen" von Möbeln und Gefäßen spielt keine geringe Rolle hierbei. Wenn bei ruhigem Stehen die Platte eines Tisches springt, von einem Stul ein Teil sich abtrent, so ist für den, der einen natürlichen Grund sucht, ein solcher leichter sindbar, da die Un- gleichmäßigkeit der Ausdehnung oder Zusammenschrumpfung durch Feuchtwerden oder Austrocknen für verschiedene Holzarten oder für verschiedne Faserrichtung einer und derselben Art(Langholz und Hirnholz), eine nicht gar unbekante Tatsache ist. Für das plözliche Springen von Gläsern, die unberürt an einem ruhigen Ort aufbewart stehen, tritt die Ursache dem bloßen Auge und der simplen Beobachtung überhaupt nicht zutage, und sollte das daher nicht doch etwas Unheimliches, Uebersinliches zu bedeuten haben, wie mit ernstlichem Schauer bei solch' einem Vor- fall jede abergläubische Alte den Zweifler fragen wird. Das ist allerdings der Fall: man kann mit ziemlicher Sicherheit daraus schließen, daß das zersprungene Glasgefäß entweder im ganzen zu rasch oder in einzelnen Teilen ungleichmäßig bei seiner An- fertiguug abgekült worden ist, sodaß es eine in einzelnen Teilen oder nach verschiedenen Richtungen ungleiche Elastizität besaß. Die Kentnis des Wesens des Hartglases und der früher von Seebcck und Brewster gleichzeitig entdeckten Erscheinung der entoptischcn Farben gibt eine vollständige Einsicht in die Ver- anlassung des öfter vorkommenden plözlichen Springens von Gläsern, und läßt es zugleich möglich erscheinen, die Warscheinlich- keit des Eintretens eines so„vorbedeutenden" Ereignisses vorher zu bestimmen. Vor einigen Jaren erregte die Erfindung von de la Bastie, durch Eintauchen von bis zum Erweichen erwärmtem Glase in Oel, Fett, Wachs, harzigen oder bituminösen Stoffen, also durch rasches Abkülen desselben um etliche hundert Grade und nach- heriges langsames Erkaltenlassen, Hartglas herzustellen, viel Auf- sehen und hochgespante Ertvartungen, die sich freilich nicht er- füllten und die man jezt als überspant gewesen ansiet— wie denn auf so vielen Gebieten das Ueberschäzen und Hegen iiber- spanter Erwartungen ein Charakteristikum unserer Zeit ist! Man wollte für Hartglas eine nicht weniger als 50 bis 80fache Wi- dcrstandsfähigkeit im Vergleiche mit gewönlichem Glase aus- rechnen. Ein derartiger Vergleich ist hier aber nicht gut ange- bracht. Zwar sind Glasstückc, die sich früher leicht mit dem Diamant schneiden ließen, nach Umwandlung in Hartglas nur mit erheblich größerer Kraftanstrengung zu rizen, aber nicht zu zerschneiden, und es sind ferner solche gegen rasche Erhizung und Abkülung ungemein geringer empfindlich, sie springen nicht so leicht; Hartglasscheiben springen wie Eisenblech, sie vertragen unter Umständen das Auffallen von Gewichtsstücken auf sie aus viel größerer Höhe oder können selbst aus ziemlicher Höhe auf ebenen Boden fallen, ohne zu zerbrechen— aber unter andern .�en ol Umständen brechen Tafeln oder Gefäße von Hartglas viel leichter, wenn sie beim Herabfallen zufällig auf ein Sandkorn treffen, das sie rizt. Es ist ferner nicht gelungen, andere als flache oder gleichmäßig starke Gegenstände diesem Härteverfaren zu unterwerfen, Wärend es bei ungleichmäßig dicken Flaschen, bei Henkelgläscrn und änlichen durchaus kein haltbares Fabrikat er- gab. Wenn Hartglas zerbricht, so geschiet es immer mit großer Heftigkeit, nicht in einzelne wenige Stücke, sondern es zerfällt, ja zerplazt in eine Menge scharfkantiger, kleiner Fragmente. Es stimt darin mit den schon lange gekanten bologneser Fläschchen und Glastränen überein. Die lezteren sind bekantlich birnförmig zugespizte Glastropfen, die man, wenn glühend, durch Fallen- lassen in Wasser hastig abgekült hat. Unverlezt kan man sie un- begrenzt lange aufbewaren; bricht man aber nur die äußerste Spize ab, so verwandelt sich das Ganze mit Geräusch in Pulver. Die bologneser Fläschchen, in änlicher Weise hergestellt, kan man von außen one Schaden stark anschlagen, läßt man aber nur ein kleines Stückchen von kantigem Glas oder Stein hinein- fallen, so zersprengt sie diese kleine Erschütterung mit Deto- nation. Eine Scheibe Hartglas läßt sich im allgemeinen weder schnei- den, noch boren, noch feilen, one nach Art der Glastränen in kleine Splitterchen zu zerstieben. Wol aber kan man in eine runde Scheibe ein Loch boren, wenn es genau in der Mitte ge- schiet; derselbe Versuch an irgend einer andern Stelle zersplittert sie indes vollständig. Eine quadratische Scheibe läßt sich parallel den Seiten in vier quadratische Viertel zerschneiden, wärend jeder andere Schnitt zur Zersplitterung in kleine Fragmente fürt. Zum Verständnis dieser anscheinenden Launenhaftigkeit des Hartglases fürt, wie schon erwänt. die Erscheinung der entopti- j schen Farben, die schon lange vorher von Brewster und Seebeck entdeckt wurden. Als diese nämlich dickere Glasstücke, welche glühend gemacht und rasch abgekült waren, im polarisirten Licht*) mittels des Polarisationsinstruments betrachteten, bemerkten sie, daß z. B. ein Würfel im durchgehenden Licht ein weißes oder dunkles Kreuz und in den Ecken oft prächtige, farbige Zeich- nungen, wie Pfauenaugen, zeigte. Bei anderer Gestalt des Glases erschienen andere Farben und Bilder. Mehrere schnell gekülte, über einander liegende Glasplatten bringen dieselbe Er- scheinung hervor. Aenliche sind im Polarisationsinstrument zu beobachten, wenn man ein etwas dickes Glasstück in eine starke messingene Rahme bringt, die vorher stark erhizt ist, so daß das Glas von vier Seiten mehr erwärmt wird, als von den beiden andern. Endlich zeigt eben dieselben Erscheinungen ein Glas- Würfel, der in einer Presse von zwei entgegengesezten Seiten stark gepreßt und dessen Elektricität deshalb ungleichmäßig wird. Pocklington hat nun mittels desselben Instruments kurze Cy- linder, kleine Würfel und Parallelepipeden von Glas untersucht, welche nach de la Bastie's Angaben sorgfältig gehärtet waren. Die Licht- und Farbenphänomene, welche zum Vorschein kamen, lieferten den Nachweis, daß eine der hauptsächlichen Ursachen, welche die Eigenschaften des Hartglases bedingen, eine kräftige Zusammenpressung der inuern Teile des Glases durch die rasche Abkülung der äußern Schichten ist, wobei sich herausstellte, daß diese Erscheinungen am meisten mit denen übereinkommen, die bei optischer Untersuchung des zusammengepreßten Glases zu be- merken sind. In einem Glasstab von>/z Zoll Länge wurde eine sich einschließende Reihe von verschieden gefärbten Kurvenringen beobachtet, die von einem deutlich markirten, schwarzen Kreuz durchschnitten waren. Nach De Luhnes und Eh. Feil siet man in einer quadratischen Hartglasscheibe im polarisirten Licht ein schwarzes Kreuz, dessen Arme parallel mit den Seiten des Qua- drats sind. Es geben eben diese Arme die Richtungen an, nach denen man das Hartglas, one Gefar der Zertrümmerung, durch- schneiden kann. Auch für anders geformte Stücke findet man mit Hilfe des polarisirten Lichts gewisse, genau einzuhaltende Richtungen, die ein Durchschneiden derartigen Glases gestatten. *) Äradlinig polarisirtes Licht ist dasjenige, bei dem die Schwin- gungen der Aetcrteilchen nicht, wie bei dein gewönlichcn, nach allen möglichen Richtungen einer zum Lichtstral senkrechten Ebene erfolgen, sondern nur in einer Richtung dieser Ebene. 345 Die oben erWanten, vorbedeutungsvoll zerspringenden Glas- gefäße lassen sich mit den besprochenen Arten von Glas in eine Kategorie bringen. Von verschiedenen Seiten hatte man schon srnher die Anname gemacht, daß solche Gläser in Folge schneller Abtiilung, änlich den bologneser Fläschchen und Glastränen, einen innern Spannungszustand besäßen, bei dem ein Rizen durch ein Quarzkorn und eine später zukommende geringe Er- schütterung oder Temperaturveränderung genüge, nm das Zerspringen herbeizufüreii. Diese Abkülung kann außerdem, zumal bei ungleicher Dicke, in verschiedenen Teilen des Gefäßes un- gleichmäßig stattgefunden haben, und dazu noch das Rizen, wie bei Hartglas, an unrechter Stelle stattfinden. Hagenbach unter- suchte nun, schließend daß, wenn diese Anname richtig sei, solche Gläser im polarisirten Licht Farben zeigen müßten, mehrere der- artige von selbst gesprungne, unfreiwillige Spiritistenhandlanger in ihrer gläsernen Körperlichkeit. Sie zeigten die Farben sehr deutlich und lebhast. Von einer großen Anzal änlicher neuer Glaswaren zeigten natürlich nur wenige Farbenspuren, wie ja auch das Vonselbstspringen bei prozentuell sehr wenigen unter der ungeheuren Menge gebrauchter Gläser eintritt. Es können also dnrch dieses optische Mittel diejenigen Me- dien im voraus erkaut werden, die warscheinlich durch Springen und Klingen einstmals in unsere verstockte Welt hineinzupredigen berufen sein werden. Wer kein Gruselbedürfnis hat, der wird freilich im eintretenden Fall wissen, daß nicht eine Vorbedeutung in Frage ist, sondern nur eine Nachwirkung in Folge unvoll- kommnen technischen Verfarens oder von Nachlässigkeit bei der Glasbereitung. Dperntextc unter der Loupe. Von Theodor Drodisch. Unter allen Büchern in der Welt erlauben sich die Opernbücher, die Operntexte unstreitig die größte Freiheit. Sie sind der Garibaldi, ja die Flibusticr der dramatischen Poesie, sie sind der Bosko oder Bellachini der teatralisch-musikalischen Täuschung, wo nicht selten jede Szene als ein Wunderjchrank produzirt, in den die Warheit und die Warschein- lichkeit hineingesenkt worden, um als blühender Nonsens wieder zu er- scheinen. An ein Wettrennen mit Hindernissen ist hier leicht zu denken, denn dem Pegasus, wenn ihn ein Libretlodichter reitet, darf keine Hecke zu hoch und kein Graben zu breit sein. Ja, es heißt von ihm: „Der Reiter und sein schnelles Roß, Sie sind gesürchtete Gäste," denn so ein Operntext-Kaoallerist ist kein Aktenreiter oder Bibelhusar, der an Worten klebt oder vielleicht gar die Pferde hinter den Wagen spant. Ist er in seinem Ritt durch die Roßkastaiiieuallee der Oper einem Stoff auf der Spur, so lvird sein Pegasus zu einem wiehernden Siegesrosse, das um das bedrängte Troja jagt, unter welchem ein bedrängter, nach einem Operntexte seufzender Komponist zu ver- stehen ist. Und wenn der Ritt vollendet, wenn er das Ziel errungen, wenn er durch seine» Ritt wie die Tataren ein Stück rohes Hamnielfleisch zu Arien, Duetten und Terzetten gar gemacht, dann ist es ihm gleich, wenn ästetische Linsenklauber und Silbenstecher vielleicht ihre Stimme erheben und ausrufen sollten: „Schade, schade, Reiterpferd, Ter Reiter ist keinen Heller wert!" Ein perfekter Lperntextdichter muß es verstehen, sich wie eine Hexe auf die Ofengabel zu sezen, um damit auf den musikalisch-teatralischen Blocksberg zu reiten, wo es dann gilt, entweder mit einem gefallenen Engel eine Galopade oder mit einem ausgelragenen Teufel Cancan zu tanzen. Wenn der Dichter Adolf Müllner eine Definition der Oper in den Worten gibt:„was zu dumm ist zum Sprechen, das wird gesungen", so kann den Dichter schon etwas der Haber stechen und er seinen Pegasus als Packpferd behandeln. Es wird ihm nachgesehen, wenn sich solcher bei seinem Ritt in das romantische Land als Harttraber erwiesen, indem bei einer Oper, wie viele sagen, ja die Musik alles macht. So hat denn ein Libretlodichter einen großen Spielraum, denn ist nicht an und für sich schon die Büne eine Toppclwelt der Täuschung? Um wieviel mehr nun erst die Oper, welche sich als ein Feenreich dar- stellt, dessen Goldschaum der Zuschauer nicht abstreifen darf, one in ihr das Treiben eines Narrcnhauscs zu erblicke». Den besten Freund hat der Dichter am Publikum selbst, das einen ganzen Abend hindurch Täuschung für Warheit nimt, selbst mitdichtet und auf jede Illusion eingct, die ihm der Dichter vorschreibt. In Momenten, wo es sich einein unbegrenzten Sinnengenuß hin- gibt, stellt es alle Reflexionen ein, läßt den Maßstab strenger Logik beiseite liegen. Der Dichter verläßt sich aus den Komponisten, er denkt mit A. W. chlcge. schlummern in den goldnen Saiten Der nnbekanten Kräfte viel." Auf diese Kräfte sezt er seinen Glauben, und das Publikum wird ihn entschuldigen, wenn in seinem Werke Dinge zutage kommen, die sich nicht rechtfertigen lassen, wenn man sie von einem nüchternen Stand punkte aus betrachten sollte. „Ein Gescheiter siet das nicht!" sagt Kaspar im„Freischüz", und so hat wol auch der Dichter desselben, Friedrich Kind, das kleine Bück- lein nicht gesehen, das er bei den Worten geschossen, wo es heißt: "Heut' in der Andreasnacht,— wo der Zauber wird vollbracht." L Jarelang veruam man diesen Ausruf, der sich noch in älteren Textbüchern vorfindet und heute noch nicht selten bei kleineren Teatern gehört wird. Andreasnacht; wann fällt sie? Stets und immer aus den dreißig- sten November. Tanzt man da, wenn es abends sieben Uhr schlägt, im Freien noch unter der Linde herum, kann man da noch»ach der Scheibe schießen? Das Tanzen im Freien, wo der Sturmwind Musik macht, sollte den Dirnen wol vergehen, denn zu dieser Zeit tanzen schon immer die Schneeflocken. Kurz darauf, vielleicht so gegen acht Uhr, singt Agathe in die Andreasnacht hinaus: „Nur die Nachtigall und Grille Scheint der Nachtlust sich zu freu'n." Von einer Nachtigall, die noch am lezten November im Freien singt, bitte ich mir einen Ableger aus. Die gute Philomele sollte da- für einen ganz besonders selten Melwurm empfangen. Ebenso die Grille. Wenn dieser nicht vor Reumatismus gebangt hat, dann weiß ich's nicht.— Kind muß hier eine ganz besondere Grille gehabt haben. Um weitere Beispiele anzufüren, wollen wir uns jezt ein wenig die„Stumme von Portici" betrachte», jene von Scribe gedichtete Sen- sationsoper. Erstens der Son des Vicekönigs von Neapel, welcher aus den Namen Alfons hört. Jedenfalls ein netter Junge, welcher mit Gewalt die Schwester von dem Fischer Masaniello poussiren will, die schön, aber stumm ist. Das leztere ist dem Königsson warscheinlich die Hauptsache, damit Fenella, so. heißt die Stumme, nicht etwa schreien kann, wenn er ihr Gewalt antun will. Nebenbei ist dieser Alfons ein Schwächling, ein warer Waschlappen, welcher mit den Worten hinweg eilt:„Der Vice- könig wartet meiner am Altar!" Was aber tut die Braut, welche im Begriff stet, dem Alfons so- eben die Hand für's eheliche Leben zu reichen? Jedenfalls mismutig und verdrießlich, sich von dem Bräutigam zur Unzeit aufgegeben zu sehen, läßt sie ihn und den Vicekönig, diesen Stolzesten der Granden, am Altar noch länger warten. Sie denkt war- ! scheinlich: abwarten! nur nicht gedrängelt! ich habe erst noch eine große Arie zu singen. Sie ist damit fertig; sie hat den gebärenden'Applaus eingeheimst und ihren pflichtschuldigen Knix gemacht, wärcnd unterdessen Hofdamen und Gefolge, die rechte Hand aus die Herzgrube gelegt, sich totinüde auf einem Flecke gestanden. Jezt aber wird sie doch in die Kapelle eilen? Keineswegs. Hat der Vicekönig so lange gewartet, kann er noch länger warten. Nur keine Ueberstürzung, es gibt noch einen große» Tanz; zwar keinen Fackeltanz der Minister, wie in Berlin, wenn eine prenßige Prinzessin heiratet, sondern ein Ballet mit Castagncttengeklapper, ausgesürt von den Tänzerinnen in den bekanten kurzen Schwenzelröckchen. Dies alles öffentlich, Freihandel dicht vor der Kirche, kaum sechs Schritte davon enlsernt. Der Herr Schwiegervater guckt vielleicht mit der Priesterschast selbst so verstolen ein wenig zu. Wo nicht, hebt er vielleicht, wie ein Kranich ein Bein um das andere in die Höhe und murinelt: Schwerenot, ist meine Tochter bei Sinnen? Weshalb tempert die denn so lange? Ich stehe hier wie auf Kölen. Endlich will die Prinzessin fort, da aber komt die Fenella, die Stumme, welche durch Zeichen und Pantomimen erklärt, daß sie aus Befehl des Prinzen gefangen worden sei und Reißaus genommen habe. Die Prinzessin sichert ihr Schuz und Freiheit zu. Alles auf der Gasse, im Angesicht des Volkes.— Der Offizier, dem Fenella anver- traut, gibt sie auf und säuselt ab. Fenella—„laßt mich der neuen Feiheit genießen"— will dasselbe tun, aber nein, hierbleiben, sie muß ja mit einem dumpfen Schrei das melodische Finale einleiten. Bei der Entdeckung, Alfons habe die Stumme vcrfürt, würde jede andere Fürstin mit Entrüstung abgehen, aber nein, die Gelegenheit ist günstig, sie muß ihren Schmerz zur Schau tragen, daß sie so einem Tunichtgut die Hand reichen soll. Alfons komt. Ter Zug in die Kirche— ein warer Bummelzug— tarnt nun wol fortgehen? Halt, noch nicht! Alfons muß erst seine Gewissensbisse aussingen, sonst tönte der Kessel Plazen, der schon vor einer Stunde geheizt worden ist.— Es ist geschehen, vorwärts marsch! Die Trauung tan» endlich beginnen. Was wir hier sahen, geschah zu Neapel, von dem es heißt:„Sieh Neapel und stirb!" Dies wollen wir jedoch nicht tun, sondern uns nach Spanien in die Gefängnisse begeben, wo der Gouverneur ungc- rechter Weise einen braven Mann als Slatsgefangenen zurückhält. Wir nieinen„Fidelis", one im geringsten dem göttlichen Werte jenes erhabenen Tonwertes zu nahe zu treten...... Lconorens aufopfernde Treue erschüttert uns, und wir mäteln nicht daran, daß die Frau aus hoher Aristotratie, als Knecht vertleidet, sich bei dem Kerlerwärter cingefürt und daselbst Dienste genommen hat. Monatelang get sie hier umher, one ertant zu werden, entweder im Leinwandtittel oder, wie es von vielen Sängerinnen geschiet, in feinem lurzen Röckchen, hübschem Gürtel, einem modisch gefalteten Halslräuschen und Lackstiefelchen; zuweilen noch ein hübsches Hütchen und auf den Fingern ein par Brillantrmge, an deren Entsernung man nicht gedacht hat. Leonore singt, redet lange Zeit mit ihrem Gatten und— er er- tcnt sie nicht. Man fragt: warum entdeckt sie sich ihm nicht gleich nach dem ersten Erscheinen? Ja, warum diese Berllcidung, da doch der allmächtige Minister im Lande ein Freund des Eingeterterlcn ist. Schon die Sopranstimme des Knechtes, die sich ja beinahe bis ins zweigestrichene ö versteigt, müßte dem Kcrtermeister sagen: mertst du denn nicht, daß dein Knecht lein Mastulinum, sondern ein Femini- num ist? Hinweg mit solchen Fragen. Das Lpcrnschicksal will vorher keine Ertcnnung, denn wo bliebe da die Pistolen-Effetlstelle:„Ich bin sein Weib!" Verfügen wir uns jezt von Spanien nach Costnitz am Bodensee. Hier spielt die gefeierte Oper:„Tie Jüdin", Text von Scribe, Musik von Halevy. Zeit: das Jar 1414. Jene Zeit, wo in Constanz wärend des Conciliums Pabst Johann der dreizehnte abgesezt und Hieronimus und Huß von Prag verbrant wurden. Bon alledem ist nicht die Rede in dieser Oper, sondern von einer unbetonten, armen Jüdin, die durch Liebe unglücklich wird. Auch hier seit es nicht an Widersinnigteiten, indem Scribe im Jare 1414 ciuen Sieg über die Hussiten feiern läßt. Dieser Krieg brach erst einige Jare später los. Auch weiß die Geschichte nichts von einem österreichischen Herzog Leopold, der auf diesem Conzil vorgekommen und ein Nesse des Kaisers gewesen sein soll. Trozdem und alledem hat dieser Prinz die Liebe Recha's gewonilcn und sich unter dem Namen Samuel als israelitischer Maler in die Fa- milie des Juden Eleazar eingeschmuggelt, sich bei ihm in die Lehre be- geben, wo er Manustripte mit Gemälden verziert, uin dann vertauft zu werden. Recha ist die Pflegetochter des Juden, welche eigentlich die Tochter eines Kardinals ist.„Mein Leopold" will sie entfüren, obgleich er mit der Prinzessin Eudoxia verlobt oder gar vermält ist. Wunderbar ist es, daß der langbärtigc Jude Eleazar, troz seiner Argusaugen, so gar nichts von dem Stand und der Religion seines Lehrlings entdeckt. Selbst da nicht, wo derselbe bei einer religiösen Feierlichkeit den Mazzekuchen zerknaupelt und, statt ihn zu essen, unter den Tisch verkrümelt. Der königlich kaiserliche Maler läßt sich sogar herbei, seiner Ge- liebten auf öfsentlichem Markte und bei helllichtcm Tage ein Ständchen mit Saitenspiel auf der Laute zu bringen. Ein Rendtzvous aus demselben Plaze bleibt nicht aus. Alles bei Tageslicht, wo es heißt:„O Sonnenschein, wie dringst du mir ins Herz hinein!" Das schönste komt aber noch. Die Prinzessin Eudoxia— nicht Pumpfia— begibt sich zur Nachtzeit selbst in die Wonung des Juden, begleitet von Fackeltänzern, um von Eleazar einen Schmuck zu erhan- deln, der nur 30 000 Dukaten kostet. Jedenfalls nach dem Grundsaz: die Menge muß es bringen. Ter Handel ist abgeschlossen und Eleazar, der vom Volke Ber- lästerte, müß den Schmuck in die sestlich-christliche Bcrsamlung bringen. wo die Prinzessin keinen Anstand nimt, solchen aus den Händen eines jüdischen Paria ihrem christlichen Bräutigam zu überreichen. Nicht minder ausfällig und ebenso wunderbar ist es, daß der Kar- diual Morny in der Recha nicht sein eigenes Kind ahnt. Fünf volle Akte hindurch spielt der Jude darauf an, er tippt sozusagen mit dem Zaunspfal darauf hin, one daß der Patriarch sagt: Ich verstehe, jezt get mir cni Seifensieder aus! Das aber muß ja so sein, damit der drastische Effekt mit dem geheizten Totcnkessel zulezt noch seine Wirkung tut.— Vier Stunden Träumerei, im Teater verbracht, gibt man nicht so leichten Kauses hin,„es raj't der See und will sein Opfer haben!" Verstopfen wir unser Or den Totenjängen und gehen wir direkt von Constanz nach England, aus den Markt von Richmond, wo die Mädchen singen:„Ich kann nähen, ich kann stricken,— ich kann alte Kleider flicken." Es wäre gut, wenn sie auch aus das alte Opernkleid einen neuen Fleck sezen tönten, wobei nur die Frage ins Spiel käme, ob das alte Narrenjäckchen nicht darunter leiden würde. Betrachten wir die unverwüstliche komische Oper:„Martha", von Flotow. Eine stolze reiche Lady, Hofdame der Königin, verliebt sich in einen ländlichen Pachter, den sie auf einem bisher nicht gewönlichen Wege hat kennen lernen, indem sie sich in Gemeinschast mit einer Freundin in einen ländlichen Anzug geworfen und auf dem„Dienstmädchenmarkt" zu Richmond eingefunden. Unbekant mit den Gesezen, haben beide hier an der Großknechl und Großmagd-Börse von zwei Gutspächtern, Lyonel und Plumket, Handgeld angenommen. Trozdem der Kurszettel an dieser Börse an jenem Tage lautete: Hausmädchen: stark angeboten— Kuhmägde: viel aus Lager, werden die Ladies gewält, welche nicht einmal, wie die andern Torfschöncn, ein Bündelchen mit Wäsche bei sich füren. Die Gutspächter merken dies nicht; sie halten die Damen für Mägde, selbst dann noch, als sie später in kostbarer Jagdkleidung, durchgängig lyoner Sammet, nebst Gefolge vor ihnen erscheine». Lord Tristan, der Damen Hausfreund, will solche aus der länd lichen Gefangenschaft befreien. Es ist Mitternacht, die Türen verschlossen. Der Lord muß Lokalkentnis haben; er komt durch das Fenster in die Stube. Jezt werden doch alle drei schnell entfliehen? Vorwärts, es ist Gefar im Verzug. Nein! Es muß ein Terzett gesungen werden, wozu Tristan nötig ist. Erst wenn dies geschehen, begint der Rückzug durch das Fenster. Plumket muß dies bemerkt haben, er stürzt herein und ziet eine Glocke zum Herbeieilen seines Gesindes. Die Knechte müssen den Braten schon gerochen haben, denn noch ehe geklingelt wird, sict man durch die Türspalte» einige angezündete Laternen. An zwanzig Mann— das Gut muß eine königliche Do mäne sein— stürzen nach dem ersten Glockenschall herein, durchaus nicht verschlasen, im Gegenteil, höchst aufgeweckte Kerle.— Es ist zu verwundern, daß bei der Eile nicht einige in Unterbeinkleidern komme» und erst auf der Scene in die Lederhosen faren.— Ein„denkender" Schauspieler würde sich diesen anziehenden Moment gewiß nicht ent- gehen lassen. Am Schluß der Oper wird der junge Pachter Lyonel zum Lord gemacht, vielleicht als Belonung, daß er mit Schlempe gefüttert, oder auf seinem Pachtgute die Stallfütterung eingcfürt hat. Er„kriegt" die Lady, welche er im dritten Akt beim Duettgesang noch förmlich von sich geschleudert. Auch ihre Freundin, die Nancy, gel nicht leer aus, sie heiratet Plumket, den ländlichen, in Schlapp- stiefeln einher gehenden Wittwer. Hiergegen ist nichts einzuwenden, das ist Geschmackssache. Das Publikum hat hiergegen nichts einzuwenden, es fordert sogar im stillen, daß nach so vielen Hindernissen zulezt alles unter die Haube gebracht wird. So ist denn bei einer Operndichtnng alles auf den Effekt bc rechnet und niemand darf den Kops schütteln, wenn das Unwarschein- liche auftaucht und selbst in dem alten Sauerteig etwas Unsinn mit eingeknetct wird, wie z. B. in Wagners„Sohengrin", wo»ach der Ber- mälung des Graalritters mit der Elsa von ersterem gefordert wird, daß die junge Ehefrau nie und nimmer nach seiner Herkunst forschen solle.— Das Standesamt in Brabant muß damals noch etwas sehr sarlässig gewesen sein. Veränderungen und Verstümmelungen muß sich ein Librettodichter gefallen lassen, wenn politische und religiöse Bedenken auftauchen. So fand in Wien und München, als man die„Hugenotten" in Scene sezte, die Tarstellung der Bartholomäusnacht großes Bedenken. Aus dem Religionsstreit der Katoliken und Hugenotten wurde in Wien ein politischer Streit gemacht. Man wälte den Kampf der Ghibellincn und Guelfen, was ganz gegen den Charakter der Musik ist, in wcl cher der Choral:„Eine feste Burg ist unser Gott" aus einen religiösen Konflikt deutet. Ein weiser Salomo in München versuchte einen andern„Piff, paff, puff!" in die Dichtung zu bringen.„Er nam den Säbel in die Rechte", vertrieb die Ghibellinen und Guelfen und sezte dafür Angli- kaner und Puritaner ein, wozu die englische Geschichte in einem Re- ligionskampf unter Karl I. Gelegenheit bot. Tie Handlung wurde von Paris nach London verlegt, was durch- aus keine Kosten verursachte. Zeit: Regierung Carls l. Nillrgarxtx Balois wurde hinaus ballotirt und ihre Stelle durch eine gewisse Henriette besezt, welche eine Dochter Hei»- rich IV. und Gemalin Karl l. war. Jedenfalls dachte der münchener Scribe:„Ob Jette oder Marga rete— man muß sie hören alle Beede". Aus Katoliken wurden Anglikaner, aus Puritanern Hugenotten ge- macht und als der dramatische Ballhorn an der Isar sah, daß alles gut war, ließ er den fünste» Akt mit dem Brande von London schließen wogegen warscheinlich die gothaer Feucrversichernngsgesellschaft nichts einzuwenden hatte. So legte auch dem Robert der Teufel ein Ei ins Nest, indem man den Klosterhof in einen gewönlichen Kirchhos verwandelte und aus den Klosteruonne» weltliche Sünderinneu machte. Ein Ding, was in der Weltgeschichte vielleicht schon mehr als einmal vorgekommen.— Nicht selten wird auch Namen und Stand hoher Personen ver ändert. So z. B. der Kardinal Brogni, anderwärts auch Morny genant. Auf der dresdener Hofbüne agirte er merere Jare als Kardinal, wie alte Teaterzcttel beweisen. In neuerer Zeit aber hat er umge- sattelt, er ist Prokurator geworden. Wenn dies so fortget, erscheint er vielleicht nächstens nur noch als Quästor oder als Kultusminister riums-Kalkulator. Welcher Unsinn dann oftmals in den Anmerkungen zur Notiz für die Darsteller. Im Klavierauszug zum„Troubadour" liest man in j der Schlußscene: „A c u z e n a, mit einem Blick auf den Grasen, den andern Blick auf Manrico gerichtet." Das ist ja die reine Anweisung zum Schielen, was höchst ergöz- lich ein Zeichner für die münchener Fliegenden Blätter illustriren könte. Ich empsele ihm dies Ding nebst dem-tchlographen, denn— sie beide wonen auf des Holzschnitts Höhen—; ich aber mache mich jezt auf die Zehen und rufe in betreff aller dieser Dinge mit Talbot: „Unsinn, du siegst, und ich muß untergehen!" Tristans Tod.(Schluß). Brangäne, die sich Vorwürfe macht, den ihr anvertrauten Zaubertrank nicht mit der größten Vorsicht auf- bewart zu haben, sült sich verpflichtet, die nicht mehr aufzuhaltende Leidenschaft der beiden Liebenden zu unterstüzen, erzält ihnen von dem Auftrage, der ihr von der Mutter Jsoldens geworden, verspricht Ver- ichwicgenheit dem König Marke gegenüber und nimt in der Brautnacht Jsoldens Stelle ein. Da sie die einzige ist, welche um das Verhältnis der beiden Liebenden weiß, so will sie Isolde ermorden lassen, welches Borhaben aber daran scheitert, daß sich die gedungenen Mörder ihrer erbarmen. Da Brangäne aber auch angesichts des Todes nicht ihr Geheimnis verrät, so werden in der Folge beide Frauen die treuesten Freundinnen. Seine Kunst im Saitenspiel zeigt Tristan bald darauf im Dienste seiner heimlichen Liebe, als der Ritter Gandin unbewaffnet aus Irland komt, vor Marke die Zither spielt und denselben so ent- zückt, daß er ihm sein Weib Isolde dasür zum Lohne gibt. Tristan, der von der Jagd zurücklehrt und die Entfernung der Geliebten crfärt, eilt den beiden nach und gcwint Gandin durch sein kunstvolles Harfen- spiel und seinen schönen Gesang derart, daß er ihm Isolde überlassen muß. Höchst ergözlich sind nun Gottfried von Straßburgs Schilderungen der Kniffe, welche von den beiden angewendet wurden, um den allzu gutmütigen Marke über ihr Verhältnis zu täuschen. Schließlich entdeckt er es doch, aber immer finden sie ein Mittel, die Grundlosigkeit des durch Warnemnngen bestärkten Verdachts zu erweisen. Und als sich Isolde einem Gottesurteil unterwerfen muß, verkleidet sich Tristan als Pilgrim, trägt die Geliebte vom Schiff ans Land und fällt mit ihr hin, sodaß sie dann beschwören konte, es habe sie nie ein Mann berürt, als der König und dieser Pilgriin. Dient der Ausfall des Gottes- urteils dem König zur Beruhigung, so hat er doch bald wieder Gelegen- heit, zu beobachten, daß ihn die erfinderische Liebe der beiden getäuscht hat, und er verbaut sie von dem Hose. Sie ziehen in die Wildnis, leben dort längere Zeit glücklich in einer schönen, zur Wonung geeigneten Höle und erfaren eines Tages, daß Marke in dem Walde jage. Da sie erwarten, von ihm aufgefunden zu werden, so stellen sie sich schlafend, legen aber ei» bloßes Schwert zwischen sich— ein sicheres Zeichen in jener Zeit, daß sie sich nicht berürten—, und dieser llmstand läßt den König wiederum an ihre Unschuld glauben, und er beruft sie an den Hos. Dort findet sie der Alte aber wiederum eines Tages beisammen und gel sort, um seine Dicnstmannen zu holen, wärenddem Tristan, der seine Anwesenheit bemerkt, nach schmerzlichem Abschied, nachdem er noch einen Ring zum Andenken von seinem Weibe genommen, entfliet. Ter König hat nichts weiter davon, als Vorwürfe, die ihm seine Mannen machen, als sie mit ihm an das leergewordene Nest kommen. Tristan hat nirgends Ruhe, ziel von Land zu Lande und komt endlich nach Arundel zum Herzog Jovcli», nnt dessen Sone Kacdin er Freund- schast schließt. Nachdem er mit Hülse seiner Getreuen aus Parmenien die Feinde des Herzogs besiegt, erwirbt er sich die Zuneigung des lezleren, dessen schöne Tochter Isolde, mit den weißen Händen, ihn an seine geliebte Isolde erinnerte. Da er wegen seiner Untreue gegen die leztere sich des öfteren laut die heftigsten Vorwürfe macht, so glaubt die neue Isolde, es handle sich um seine Liebe zu ihr und wird dadurch in ihrer Liebe zu ihm immermehr bestärkt.— Gottsrieds unvollendetes Gedicht schließt damit, daß Tristan, in sich selbst zerrissen, auf Fluckt sint, um der Jugendgeliebten die Treue zu bewaren, andrerseits aber wieder durch die Schönheit und Hingebung der Jungfrau zurückgehalten wird, worüber er dann in Klagen gegen sich und seine alte Liebe aus- bricht. Forlgesezt wurde das Gedicht von Ulrich von Türheim und von Heinrich von Freiberg und in neuerer Zeit lieferte Simrock de» felenden Schluß. Das Ende der Geschichte der beiden Liebenden ist nach den genanten Darstellungen, die mehr oder minder von einander abweichen, daß Tristan endlich die neue Isolde heiratet, aber die Ehe nicht vollziet, sich immer mit einem Gelübde entschuldigend. Der Bruder Jsoldens, Kaedin, stellt ihn zur Rede und ersärt von Tristan sein lrüheres Verhältnis, worauf beide, um Kaedin von der Schönheit Jsoldens der Blonden und der Gewalt, die diese deshalb auf Tristan , ausüben mußte, zu überzeugen, nach Tintajole gehen. Kaedin ent- schuldigt das Tun Tristans seiner Schwester gegenüber, nachdem er diese Isolde gesehen. Tristan trifft mit derselben zusammen, zulezt als Bettler und Narr verkleidet, wird erkant und verfolgt und entfliet endlich. In einem Kampfe, den Kaedin mit einem andern zu bestehen hat, unterstüzt Tristan denselben und wird schwer verwundet, Wärend der erstere den Tod findet. Zu Isolde Weißhand zurückgebracht, sendet er nach der blonden Isolde, die ihm Heilung bringen und auf dem zurückkehrenden Schiffe, zum Zeichen der Gewärung seines Wunsches ein weißes Segel, im gegenteiligen Falle jedoch ein schwarzes aufhissen soll. Sie komt, aber aus die Frage Tristans nach dem Segel sagt Isolde Weißhand, es zeige sich ein schwarzes, woraus der Held unsrer Erzälung, vom Schmerz über den vermeintlichen Verlust der Geliebten überwältigt, stirbt. Die Ankunft der Jugendgeliebten mit König Marke hat der Künstler auf unserm Bilde dargestellt, wie sie ihre Nebenbulerin wegstößt von dem entseelten Körper dessen, der nur ihr gehörte, und auch sie soll ihm nur angehören, denn sie stirbt gleichfalls vom Schmerz gebrochen auf der Leiche Tristans. Marke ließ beider Leichen nach Tintajole bringen und bestattete sie neben einander. Der Rosenstock, den er auf Tristans und die Rebe, die er auf Jsoldens Grab pflanzen läßt, verschlingen sich beide und wachsen zusammen, zum Zeugnis, daß beide sich noch im Tode angehören. nrt. Das Moorbrcnnen im Oldenburgischen.(Bild Seite 340.) Das Moorbrennen ist in den Niederungen des nordwestlichen Deutsch lands, den Niederlanden und Frankreichs ein Milte! zur Kultivirung der Moor- und Torfftrecken, indem man dadurch die häufigen, den Kulturpflanzen schädlichen Humusablagerungen zerstört. So werden im Frühjar gegen 100 000 Morgen Moorland in der bremcr Gegend, Oldenburg, Hannover, Geldern und den niederländischen Provinzen Drenthe und Gröningen diesem unvollkommnen Verbrennungsprozeß ausgesezt. Die als Heerrauch, Höhenrauch u. s. w. bekanten Rauch- Massen erheben sich gegen 1000 Fuß hoch und erstrecken sich oft über einen Flächenraum von 1000 Quadratmeilen. Das Abbrennen gcschict in der Weise, daß man dicke Erdstreifen vom Boden abschält und diese mit dem Rajen nach unten dachförmig neben einander legt, damit sie trocknen. Ist der Rasen selbst nicht brenbar genug, so bringt man trocknes Holz oder Reisig in die Hölungen und unterhält dadurch das Feuer, das man, um ein Zuweitgreisen zu verhindern, mit Gräben umziet. Ueberschreitet das auch hier wiederum so nüzliche Element die ihm gezogenen Grenzen, so werden alle Manschaften aufgeboten, um den gefärlich werdenden Freund durch neue Gräben in seinem zer- störenden Umsichgreifen aufzuhalten. Die Aufmerksamkeit, welche man ihm entgegenbringt, wird unsre Illustration am besten veranschaulichen. Ist das Feuer abgcbrant, so breitet niau die heiße Asche über die Fläche aus und sürt in ihren mineralischen Substanzen dem Boden zugleich ein treffliches Düngemittel zu. Neuerdings hat man die verschiedensten Versuche angestellt, um den Moorboden dem Ackerbau dienstbar zu machen, one zu dem Mittel des Abbrennens greifen zu müssen und Hai man auch seit dem Emporblühcn der Kaliindustrie viele Erfolge aus zuweisen. Die dem Boden zugefürten, das Brennen ersezeuden Kali salze genügten jedoch nicht allein, sondern machten, um das Gedeihen von Kulturpflanzen zu ermöglichen, ein weiteres Düngen des Moor- bodens notwendig. Eine andre Metode der Moorkullur bestet darin, daß man das Moor in Dämme abteilt, diese von Gräben einsaßt, welche das abfließende Wasser einem Hauptgraben zufüren. Die Dämme selbst werden mit einer Sandschicht bedeckt und diese wird mit Kompost gedüngt. Die reich mit Närstoff versehene Sandschicht erstickt das empor- kommende Unkraut, schüzt die Pflanzen vor dem Erfrieren und erhält aus dem Moorboden die genügende Feuchtigkeit für das Wachstum der Pflanzen, welch' leztere durch diese Schuzdecke nicht einmal verhindert sind, die Narung des Moorbodens auszusaugen.»rt. Befruchtung der Türkenbund- oder Berglilie(I-ilium Ilartapou) durch einen honigsaugcnden Schmetterling.(Bild S. 341.) Unter den zalreichen Gefolgen der darwin'schen Lehre nimt speziell die neuere Blumcnteorie eine ganz hervorragende Stelle ein, und sie verdient in liohem Maße, Gemeingut aller Naturfreunde zu werden, weil sich die Tatsachen, auf welchen diese neue Blumenlehre fußt, uns überall auf drängen, wo unser Fuß luftwaudelnd blumenbestrcute Wege und blühende Auen betritt. Wärend die exakte Forschung bislang keine vernünftige Erklärung aus die Fragen: Warum prangen die Blumen in Farben pracht und Wolgeruch, warum sondern sie Honig ab? zu geben ver mochte und darum allerlei hirnlose Erklärungen dieses Gebiet der Welt anschauung verdunkelten: hat uns Darwin den Weg gezeigt, wie wir zum richtigen Verständnis der Blumenwclt gelangen. Im Verlauf von wenigen Jaren wurde denn auch das Rätsel der leztern wie durch einen Zauber gelöst, und wir stehen heute vor einer ganz neuen Disziplin, die einen der schönsten und reichstgczierten Bausteine der neue» Welt- anschauung bildet, weil sie das Wesen der„Blumenliebe" erkant u»d in seinen tausendfach poetischen Einzelheiten blosgelegt hat. An u» zäligen Beispielen aus der lebendigen Natur ist nachgewiesen worden, daß die Blumen deshalb in Farben prangen, weil sie dadurch die In selten anlocken, daß der Blütenduft nichts weiter ist, als ein weiteres Lockmittel der Blumen, welches die Kerbtiere auf ihre Anwesenheit aus merksam mache» soll, und endlich, daß die Honigabscheidung der Blumen nicht eine nuzlose Verschwendung, nicht eine uncigennüzige Leistung der Pflanzenwelt gegenüber den honignajchendeu Tieren ist, sondern dazu 348 dient, die Insekten iminer und immer wieder zu neuen Besuchen bei den Blumen einzuladen. In der Tat hat sich ergeben, daß die Honig- saugenden Insekten die größten Woltäter der Blumenwelt sind; denn indem sie von Blume zu Blume eilen, tragen sie von Blüte zu Blüte den befruchtenden Stoff, die Blütenstaubkörner(Pollenkörner). Es hat sich herausgestellt, daß auch die meisten Zwitterblumen nicht im stände sind, durch ihren eigenen Blütenstaub die kräftigsten Nachkommen zu erzeugen, sondern daß auch die Zwitterblumen fremder Pollenkörner bedürfen, um die kräftigsten Samen bilden zu können. Es ist somit klar, daß die Uebertragung des Blütenstaubes aus einer Blume hinüber zu einer andern Blume für das Gedeihen und Fortexistiren der ver- schiedenen Blütenpflanzen zur Grundbevingung wird. Da nun aber die Blütcnstaubkörner nicht selbstbewegliche Körper sind, sondern nur durch den Wind oder die Schwerkraft oder auch durch Insekten, Schnecken, Vögel zc. von ihrer Geburtsstätte weggetragen werden können, so leuchtet ein, daß die Samenbildung bei denjenigen Blumen am gesichertsten er- scheint, wo sich die zuverlässigsten Liebesboten zur Uebertragung des Blütenstaubes einfinden. Diese zuverlässigsten„Postillons d'amour" sind in der Tat die Insekten: Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Mege» u. s. w. Im Verlaufe der Entwicklung unsres Pflanzenreiches haben sich denn auch die Blumen so sehr den Insekten angepaßt, daß zallose Pflanzen ganz ausschließlich nur von diesen oder jenen Kerb- liereu befruchtet werden können. Die Zal und Anordnung, die Form und Größe der einzelnen Teile, welche die Blüte zusammensezen, Farbe und Duft, Pollenkörner und Honigsaft— alles dient dem einen großen Zwecke der Fortpflanzung durch kräftige Samenbildung, welch' leztere eben nur durch die Fremdbestäubung mittels der Insekten zustande kamt. Die Lehre von der Fortpflanzung der Gewächse siet sich also plözlich der Notwendigkeit gegenüber, auch die Insekten und ihre Ge- wonheiten in de» Kreis der Darstellung zu ziehen. Wir verstehen nämlich den Bau einer Blume erst dann, wenn wir wissen, wer ihren Honig zu suche» gewont ist und wie sich der Honignäscher bei seinem lüßen Geschäft benimt. Ein Beispiel wird dies klar machen: Wir.haben in unsrer Abbildung den Inhalt einer der großen Wandtafeln meines „Atlas der Botanik für Hoch- und Mittelschulen" vor uns und sehen in Fig. 1 die schlanke Türkenbundlilie(I-ilium �lartapon) in verschiedenen Stadien des Blütenöffnens dargestellt. Fig. 2 zeigt die' einzelne geöffnete Blüte mit dem schwebenden, honigsaugenden Schmetterling(Macroglossa stellatarum), der seinen langen Rüssel in den honigenthaltenden Kanal am untern Teil eines Blumenblattes schiebt und saugend— Nektar trinkend— eine Woltat empfängt, wärend er selbst der honigspendenden Blume die Woltat der Fremdbestäubung erweist, denn dieser Schmetterling kam eben von einer andern Lilien- blüte, wo er wärend des Saugens sein höriges Kleid mit dem gelben Blütenstaub bcschmuzt hatte; hier an dieser zweiten Blume streift er nun mit demselben Körperteil die empfängnisfähige Narbe und bestäubt sie mit dem Pollen der vorher besuchten Blume, gleichzeittg Blüten- staub aus dieser zweiten Blume für eine dritte Blüte mitnemeud (aa Staubbeutel am Ende der Staubsäden ff; p die Narbe am ober» Ende des Griffels). Fig. 3 stellt ein einzelnes Staubblatt dar; Fig. 4 ein Teil des Staubbeutels quer durchschnitten und vergrößert; Fig. 5 stark vergrößerte Blütenstaubkörner, die mit kleinen Oeltröpfchen ot bedeckt sind und daher lange feucht bleiben. Die Türkenbundlilie ist speziell der Fremdbestäubung durch große, langrüsselige Insekten angepaßt.— Die detaillirte Begründung erfordert weit mehr Raum, als wir in unsrer Zeitschrist zur Verfügung haben. Wir verweisen daher auf das neueste Werk des Verfassers:„Jllustrirtes Pslanzenleben"(Zürich, bei Cäs. Schmidt), wo nebst der Berglilie eine Menge andrer Blütenpflanzen zur einläßlichen Besprechung gelangen und die ganze neueste Blumenteorie reich illustrirt zur Darstellung konit. Prof. Dr. A. D.-P. Fus allen QFjnKeln der Leillileratur. Eine Stadt auf Diamanten gebaut ist Kimberley, der Siz der Regierung von West-Griqualaud und der Zentralpunkt der füdafrikani- schen Diamantengräberei. Jezt wonen dort, wo vor 11 Jaren keine Hütte stand, 16 V00 Menschen mit einem Handel von 40 Mill. Mark pro Jar. Diese Stadt, die eine der blühendsten Gemeinden des asri- kanischen Festlandes zeigt, entstand, seitdem man in ihrer Nachbarschaft die Diamantenlager entdeckte und nach diesen werthvollen Steinen zu graben begann. Neuerdings hat man nun gefunden, daß der Boden, aus dem die Stadt stet, ebenfalls reich an Diamanten ist, und so wird Kimberley wol oder übel der Ursache, welcher sie ihre Entstehung ver- dankt, auch wieder zum Opfer fallen. n- Eine Tropfstcinhöle ist auf dem Wege vom Stifte Kremsmünster ' nach Kirchberg beim Arbeiten in einem Steinbruche entdeckt worden. Sie soll ungefär mit allen ihren Abzweigungen den Flächenraum eines größeren Salcs einnemen, aber so niedrig sein, daß man nur in wenigen Teilen aufrecht zu stehen vermag. Sie enthält zalreiche Tropfstein- gebilde von bedeutender Stärke und interessantester Form, an den Wänden Drusen von Kalkspatkrystallen, auf dem Boden Knochen von Hölenbären und am Eingange eine Feuerstelle mit Kolen, zerbrochenen j Tongesäßen und ein menschlicher Unlerkiefer mit wolerhaltenen Zänen. Damit ist von neuem eine der Wonstätten unsrer urweltlichen Vor- faren aus der Zeit, in welcher sie sich in ihrer geistigen Entwicklung eben erst von der übrigen Tierwelt losgerungen hatten, aufgedeckt worden. xz. Eine internationale Ausstellung der graphischen Künste und des Buchgewerbes soll statfinden im I. 1882 in Leipzig, der Haupt- stadt im Welthandel mit Büchern und Musikalien und zugleich derjenigen Stadt, welche im Buchdruck, Notenstecherei und Buchbinderei in Deutschland die erste Stelle einnimt. Die Ausstellung wird auch alle für die Buchdruckerpresse schaffenden Künste und Kunstgewerbe umfassen, als da sind Xylographie, Stereotypie, Hochäzung, Galvano- Plastik, Litographie, Kupferstechkunst, Farbendruck, die photographischen Druckmetoden und andere vervielfältigende Künste. Auch die Neben- gewerbe der Buchdruckerei, die Fabrikation von Maschinen, Werkzeugen, Papier und Farbe sollen vertreten sein. Alle die verschiedenen Druck und Buchbindeverfaren, die uns fremden, z. B. die der asiatischen Kultur- Völker, eingeschlossen, sollen den Besuchern vor Augen gefürt und in einer historischen Abteilung die Fortschritte aller dieser Gewerbe von 1450 bis zur allerneuesten Zeit dargestellt werden. xz. Ein Mittel gegen Zahnschmerz geben die„Wiener medizinischen Blätter" an, welches in allen Fällen helfen soll, in denen die Zahn- fäule Ursache des Schmerzes ist. Man neme 3 bis 4 Körnchen— d. s. ungesär 5 Centigramm— Chloralhydrat, wickle diese, um sie zusammenzuhalten, in ein Wattepfröpfchen, lege es in die Hölung des schmerzenden Zahnes oder halte es, wenn dieser im Oberkiefer sizt, mit der Fingerspize drin fest, bis das Chloralhydrat ausgelöst ist. Den sich ansammelnden Speichel speie man aus. Auch der heftigste Zahnschmerz soll diesem Verfaren nach wenigen Minuten weichen. xz. Bei Typhuskranken sollen sich laue Bäder von 3l Grad Celsius vorzüglich eignen zu der so notwendigen Erniedrigung der Körper temperatur. In hängemattcnarlig ausgebreiteten Laken werden die Kranken eine längere Reihe von Tagen hindurch in die Badewanne gelegt und nur herausgenommen, wenn ihre Körperwärme unter 37,6 Grad fällt, aber sofort von neuem hineingelegt, wenn sie wieder über 38,5 Gr. < steigt. xz. cÄlcdasikionskorrespondenj. H. Slbor.utm. Sie(tagen, ob Herr Ebmund Bühligen.„Setfoget bei Original- meiftcraetll(I II bei ,Hat!chwui>b' unb Direktor bet Poliklinik iür Hat- und«opk- � hanllranke", ein er(arener Hararzk(ei oder nicht?— Ann, Herr Edmund Bühligen ist, sooiel wir wisien,(eines Zeichen- Friseur oder Rasenr und ein Mensch, dem es go langen ist, sich an den Haren seiner Mitmenschen ans der Niederung des Handwerker- ! lebens in die wenigstens scheinbar„höheren Regionen" des— auch scheinbar_ wissen- schastlich gebildeten Spezialarztes, Poliklinikoirekiors und Originalmeisterwerk-Bersasjers hinansznziehe». Daß bei dieser Operation die Patienten des Herrn Bühligen Hare lassen mußten, ist unzweilelhast, bielleicht hat sich auch mancher nachtrSgl ch ein graues Hat wachsen lasse» aus A erger darüber, daß er auf die Harschwündelei des Herrn hineingesalle» ist; daß aber je einer gesunde Hare mit Hülse de» Herrn Direktors be- kommen hat, die er nicht one diese sür jenen allezeit wertvolle Hülse auch bekommen hätte darüber ist nie etwas«laubbasies verlautet. Wir würden.Ihnen gern die Adresse eines wirklich miilensibastlichen Harive,ialisten Ihrer Gegend mitteilen, wenn Sie nicht veraessen hätten, Ihrem Brise hinzuzusügen, wo diese Gegend eigentlich ist. Schweidnitz. Privatier S. Ihr Bestreben is, durchaus löblich Da Sie erst vor wenigen Jaren aus der Unlerprtwa des Gymnasium> abgegangen sind und noch nicht viel„vetjchwizt haben, so wird es Ihnen nicht allzu süiwer(allen, den Borlmmgen di° ,>>r Erweiterung und Berne ung Ihrer Bildung beiiutragen geeignet sind, nuzbringend , zu folgen. Da Sie»ach Heidelberg zu gehen gedenken, so können Sie im eben begonnenen sommersemener walen zwischen solgenden Borlesungen: Bluntschli über«ölker- "(ht mit erlauternng und Rriiit auserwülter völkerrechtlicher Fülle der"Gegenwart", . Cohn über„die Börse und dieBöriengeschüste", Bartsch,„Geschickte der deutschen llite- j ratur im 19 Sorbunbert, Grdmannsdörsser,„Geschichte de» i» �arhnnberrs von ! den Wiener Verträgen an". Laur„Teorie des demschen Stts«" Gäd ecke. G�ckich.e der sranzösischen Revolution und des napoleonischen«aiseereich»", oder desselben lri'.i- vtZmZ tnglisiften Bersassung", Noslmann.„Gemeinverständliche ,- us pari,„Psychologie", oder de, Yen„über die 2»»fiSlS?!"Geschichte und Kritik de» Mater-alismus wil oiuuiiujt üuf Die Jifltuirioiflfnfdjciften, beinn odierrer �»'k''nnliiili�> gBibidlte- nbet besielben„Ge ellschaitswissenschast" Ouä,�'sie k� mi. d7m«äun dr?m�