Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Herschen oder dienen? Roman von Zweites Kapitel. Die kalten Tage mit Schnee und Regen, mit ihren Nebeln und Springfluten waren endlich vorüber, der Früling, sehnsüchtig erwartet und freudig begrüßt, entfaltete all' seine Pracht und übergoß mit all' seinem Zauber die oberitalische Ebene. Wie ein Garten lag sie da, und überall keimte und knospete es, und schon rankte sich das feine, eben entfaltete Laub der Weinrebe guirlanden- artig von Baum zu Baum. Auch über Venedigs alter Pracht wölbte sich ein tiefblauer Himmel und spiegelte sich ivieder in den Gewässern der Lagune, in der es von Schiffen aller Arten und aller Größen wimmelte. In voller Pracht tauchte jezt die Sonne hinter den Kuppel- bauten der Giudcca ins Meer, und ihre Glitten schwammen in roten Reflexen auf dem Wasser und ließen die farbigen Wunder- bauten der Piazza und Piazzetta farbiger und herrlicher noch erscheinen. Auf der Riva dei Schiavoni und den Quai entlang, bis zum Giardino- Reale herscht um diese Zeit das regste Leben und Treiben. Hier waren zalreiche Gasthäuser und Cafäs und die Kneipen der Matrosen und Gondelfürer; hier, vor den breiten, weißen Marmorstusen der Piazzetta, war der Standplaz der Gondeln und Barken, und hier landeten die kleinen Dampfer, die allstündlich nach dem Lido füren und von dort zurückkamen. Alle Arten von Schaustellungen wurden da zum besten gegeben. Deklamatoren und Improvisatoren, Sänger und Musiker, Taschen- spieler und tanzende Affen machten sich Konkurrenz und ver- sammelten gleichwol einen dichten Kreis eines äußerst dankbaren und beifallslustigen Publikums, der sich freilich zu Ende der Produktion und ehe noch die Sammelbüchse herumging, bedeutend lichtete. Die Gondoliere und Facchini, fast alle hübsche, kräftige Bursche, in farbigen Hemden und geflickten Lederhosen, die sie über die Wade mit allerlei Lappen gamaschenartig umwickelten, eine rote Schärpe um die Mitte geschlungen und den großkrempigen Kala- breser keck nach rückwärts gesezt, sahen äußerst malerisch aus, und jede ihrer kühnen, geschmeidigen Bewegungen erhöte diesen Eindruck. Sie saßen oder lagen auf dem Marmorpflaster am Rande des Wassers herum, oder saßen rittlings auf dem Geländer der kleinen Brücken, welche über die Kanäle füren, eines Winkes, eines Auftrages gewärtig, unter einander im lautesten und leb- hoftesten Geplauder oder vor sich hin eine Melodie singend und VI. 18. April limj, M. Kautsky.(2. Fortsezunz.) pfeifend. Eine müssig bummelnde Menge flutete hin und wieder, � wandelte auf und ab, die heitere und unvergleichlich schöne Ansicht des Kanal grande und der sich hier weitenden Lagune betrachtend und sich daran ergözcnd. Die Fischerbote hatten ihre in der Abendsonne leuchtenden Segel auf gesezt; gegen die Zattare zu aber erhob sich ein Wald von Masten. Einige große Jndienfarer lagen noch weiter draußen, und ein Teil ihrer Bemannung promenirte hier ebenfalls an der Riva, in weißen, flatternden Gewändern, unter denen die nackten Füße hervorsahen, wärend die dunklen Köpfe sorgfältig mit dem Weißen Turban umwunden waren. Sie gingen rasch, aber mit ungleichmäßigem und schlotternden Schritt, sie gestikulirten mit Armen und Händen, lachten und schrien. Die kleinen zarten Hindus hatten ein bescheideneres Aussehen, aber die großen, kräftigen Gestalten der Neger traten weit sicherer auf; sie gingen hoch erhobenen Hauptes und ftech musterten sie mit ihren blizenden Augen die sie verwundert anstarrende Menge und zeigten ihr lachend die Zähne. An diesem Punkt des lebhaftesten Verkehrs befindet sich das Hotel Danieli, auch Grand Hotel Royal geheißen, das erste Venedigs. Im ersten Stock desselben wurden vielumfassende Vorbereitungen zum Empfange eines im voraus angemeldeten Gastes getroffen. Zwei Cameriöre koinmandirten eine Anzal Dienstleute und Arbeiter, die in eilferttger und vielgestaltiger Tätigkeit sich in den Gemächern tummelten. Ueberall wurde ge- bürstet und gepuzt, wurden dicke Teppiche gelegt, neue Möbel aufgestellt und eine Unzal jener Gegenstände des Luxus und der Bequemlichkeit aufgehäuft, die die Weichlichkeit und eine über- mütige Verwönung als„unumgänglich" zu bezeichnen belieben. Die Cameriere ranten hin und her und gaben noch ungestümer ihre Besele, als ihnen hinterbracht wurde, daß der deutsche Baron, der diese Appartements bestellt hatte, nun selbst gekommen war, um sie, ehe sie bezogen wurden, in Augenschein zu nemen. Baron Hellenbach trat in der Tat einige Augenblicke nachher in den Salon, von dem Hotelier begleitet, der ihm die Honneurs machte. Eugen von Hellenbach sah etwas echauffirt aus, etwas ungeduldig. Er prüfte und gustirte, er ging von einem Gemach in das andere, und fand keines so elegant, als er es gewünscht hätte. Er hatte frische Blumen befolen, und sie waren noch nicht da, er hatte orientalische Teppiche in zarten Tönen gewünscht, und man hatte einheimische Produkte hingelegt, deren Ornamenttk und grelle Farbe ein an Schönheit gewöntes Auge beleidigen mußte. - 3 „Aber Sie wissen doch, wer diese Appartements bewonen soll!" rief er erzürnt dem Hotelier zu.„Eine Künstlerin, und zwar eine Künstlerin ersten Ranges, Signora Bianca!" Ter Hotelier verneigte sich vor dem Klange dieses Namens, und er versicherte hierauf dem Kavalier, es werde alles noch herbeigeschafft und gewiß alles aufgeboten werden, um selbst die verwönteste Dame zu befriedigen. Er wisse ja die Ehre, die ihm Signora Bianca erweise, ganz gebürend zu schäzen und sein Hotel werde sich derselben würdig zeigen. Zwei Zcitungsreporter traten jezt herein und stellten sich in dieser Eigenschaft dem Baron vor. L>ie wollten die Appartements besichtigen, welche die Diva bewonen werde, um eine kleine Be- schreibung derselben zu liefern; sie versicherten, es könne in diesem Augenblick nichts interessanteres für ihre Leser geben, und sie ständen deshalb nicht an, dieser Angelegenheit ein ganzes Feuilleton zu widmen. Der weltkluge Hellenbach, der bisher für seinen Schüz- liitg in jeder Art Reklame gearbeitet, empfing die Herren sehr liebenswürdig. Sie zeigten keine geringe Neugier; sie wollten alles sehen, sogar das Schlafgemach, und sie baten hierauf um einige kleine Andeutungen über die Lebensweise und die Gewonheiten der Signora, einige Anekdötchen über ihren lezten Aufenthalt in Mailand, und sie wünschten endlich auch ihre intimeren Be- zichungen kennen zu lernen. Hierin zeigte sich der Baron indes reservirt. Er versicherte, daß er deni intimen Leben der jungen Künstlerin gänzlich fernstehe, daß er nur als alter Freund ihrer Familie und als derjenige, der ihr außerordentliches Talent erkant und gefördert, das Recht erhalten habe, sie auf der Büne wie in der Gesellschaft einzufüren und ihr Auftreteil daselbst zu leiten und zu überwachen. Der Baron hatte so feine Manieren und er sprach mit soviel Achtung von der jungen Primadonna, für deren Empfang so ausgesuchte Vorbereitungen getroffen wurden, daß die Wissens- durstigen, nun selbst respektdurchdrungen, vorläufig von allen weiteren Detailstudien absahen und sich empfalen. Sie wünschten nur noch die Stunde und Minute ihrer Ankunft zu erfaren, denn sie gedachten sich auf den Bahnhof zu begeben, um derselben persönlich anzuwonen. Die Arrangements waren so ziemlich beendet. Die Blumen waren gekommen und aufgestellt worden, die rotatlasnen Rideaux waren herabgelaffen und die Gaslüster sowie die Kerzen in den Kandelabern entzündet worden. Duft und Lichterglanz machten die eleganten Räume noch behaglicher, Wärend der Lärm von außen nur in gedämpften Lauten hcreindrang. Der Baron hatte die Dienerschaft entlassen. Er ging noch einmal von Gemach zu Gemach, um mit kleinlichster Sorgfalt und einer ganz weibischen Pedanterie einige Nichtigkeiten zu korrigiren. Er trippelte hin und her und blieb endlich im Schlafgemach vor einem großen Venetianerspiegel stehen. Er sah hinein und begann sein Gesicht und seine Gestalt mit nicht geringer Aufmerksamkeit und Sorg- falt einer Prüfung und Musterung zu unterziehen. Sein Anzug war tadellos, von äußerster Eleganz, sein Teint war frisch, das Auge lebhaft, das Har in dem gut kombiuirten Arrangement stand ihm wol zu Gesicht; einige sehr dünne Stellen am Scheitel schienen ihn indes besorgt zu machen; er für wiederholt mit der Hand dahin, das Har daselbst ettvas dichter zusammenstreichend. „Sie hat es neulich bemerkt," sagte er seufzend,„und sie hat einen Wiz darüber gemacht,— ach, sie ist so spottlustig." Er bespiegelte seine Seitenansicht. ,�ch begreife nicht, in diesem Rock— er ist abscheulich gemacht— da siet es fast aus, als ob ich eine kleine Anlage zu Embonpoint verriete; im Profil wenigstens— ja, ja, im Profil ist eine Andeutung,— ah, wenn ich Fett ansezte, es wäre entsezlich!" Unmutig wendete er sich hinweg. Sein Blick siel auf einen eleganten Morgenanzug von weißem Atlas, den die Kammerjungfer, die ihrer Herrin vorausgereist war, bereits für diese zurechtgelegt und der hier über den Balzac ausgebreitet lag. Er blieb sofort gefesselt davor stehen. Seine Finger be- rürten das Kleid und sie tasteten mit Behagen über den weichen, glänzenden Stoff hinweg, dem ein seines Parfüm entströmte; es schien ihm ein wolbekantes, seine Sinne erregendes.„Wie schön sie darin ist," murnielte er. Unwillkürlich hatte er den Stoff in die Höhe und an sich gezogen, ein par goldgesttckte, wunder- zierliche Schuhe, die auf dem Teppich standen, wurden nun ficht- bar. Er betrachtete sie— lange. Ihr Fuß ist entzückend, dachte er; dann aber, als ob ihm unter diesen wonnigen Betrachtungen zugleich eine ärgerliche aufgestiegen, warf er die Atlasrobe auf den Balzac zurück, und sich rasch entfernend, verließ er die Appartements der Signora Bianca. Es war Nacht geworden. Auf dem Quai vor dem Bahnhofe war ein lautes Schreien, eine lebhafte Bewegung entstanden. Der Mailänder Zug war angekommen. Eine Anzal Wartender umstand das große Aus- gangstor des Bahngebäudes, welchem nun in hastigem Vorwärts- streben die Angekommenen, einer Menschenwoge gleich, entströmten. Frölichs Rufe der Begrüßung ließen sich verneinen, und mit den Begrüßern drängten sich zugleich eine Anzal Verkäufer und Ver- käuferinnen an die Fremden heran, ini hohen Diskant und in zudringlichster Weise ihre Waren anbietend. Die Lohndieuer schrieen laut und wiederholt die Namen ihrer Hotels aus und luden zu deren Besuche ein. Auch die zalrcichen Gondeln, die einzigen Farzeuge Venedigs, waren in Auftur gekommen, sie manövrirten heran, sich an die Quaimauer schmiegend und an der breiten Treppe, so nahe als möglich, anlegend. „Unn gondola, Signore, una gondola, si place!— La barca, commanda la barca!" so riefen sie in ihren weichen venetianischen Lauten um die Wette. Das Gewül, das Hinund- herrufen, das Drängen den Marmorsttifen entgegen, die nach dem Wasser fürten, wurde immer ärger, und die Karabinicri in ihren dunklen Uniformen, den zweispizigen Hut kühn aufgesezt, fanden sich hie und da genötigt, einzuschreiten, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Jezt kam Elvira im dunklen Reisekleid, ein rundes, schwarzes Hütchen tief in die Stirn gesezt, am Arme Eugens aus der Halle geschritten. Sie blieb von dem Anblick, der sich ihr bot, über- rascht und gefesselt einen Augenblick stehen. Ihr Auge überflog die herlichen Konturen der Kirchen und Paläste mit ihren Kuppeln und Türmen, die sich dunkel und doch so deutlich in all' ihren phantastischen Linien von dem nächtlichen Himmel abhoben. Sie sah das dunkle, ruhige Wasser zu ihren Füßen, das die breite, ins unabsehbare sich verlierende Straße bildet, zu deren Seiten Prachtbauten sich reihen, die den: feuchten Element unmittelbar ent- stiegen schienen, das ihr jezt tief geheimnisvoll entgcgenrauschte. „Wie schön bist du! sei mir gegrüßt, Benezia!" rief sie in fast entusiastischer Weise. Dann schritt sie mit ihrem Begleiter nach der Marmortreppe und begann die Stufen hinab zu steigen. Hellenbach winkte; die Gondel des Hotels, mit den in etwas teatralischer Matrosenkleidung steckenden Gondolieren, kam mit einigen Rnderschlägen herbei. Als Elvira aber nun das große, dunkle, altvcneziauische Farzeug, das mit dem gewölbten, mit schwarzem Tuch Überspanten Deckel versehen war, erblickte, für sie erschauernd zurück. „Das ist ein Sarg," rief sie,„da will ich nicht hinein." „Ich fürchtete diesen Eindruck," bemerkte Eugen lächelnd, in- dem er sich zu ihr herniederbeugte,„ich habe deshalb auch eine offene Gondel mitgebracht, aber die Luft ist kül, ich fürchte, Sie könnten sich erkälten, Elvira." Sie sprachen französisch und sie gebrauchten in ihrer gegensei- tigen Ansprache das vons. „Nicht doch, ich werde meine Mantille umwerfen." „Wie Sie es wünschen. Ihre Gesellschaftsdame Madame Douais kann diese Gondel benüzcn, indes wir die offene ncmen. La gondola sen�a felze!" befal er. Eine unbedeckte Gondel manövrirte in schlangenartiger Behendigkeit heran. Elvira sprang in dieselbe und ließ sich auf dem weichgepolsterten Size nieder. Eugen nam an ihrer Seite Plaz. Der eine der Gondoliere rück- wärts an der Poppa, der andere vorne Postirt, beide stehend, tauchten mit einer kräftigen und doch so graziösen Bewegung, die langen Ruder tief ins Wasser; rasch und lautlos glitt die Barke vorwärts. Eugen hüllte Elvira fest in ihre Mantille. Sie lehnte sich zu rück, träumerisch still, sanft gewiegt von der schaukelnden Be- wegung der Gondel, schon beeinflußt von dem eigentümlichen, ftemdarttgen Zauber Venedigs. Sie waren aus dem Gewüle des Kanal grande heraus iu ein Labyrint enger Wasserstraßen gekommen, in denen nichts sich regte und nichts vernommen ward als der langgedehnte, weithin tönende Ruf des Gondoliers„gia h", den er, um einen Zu- sammenstoß zu vermeiden, voran schickte, ehe er um eine Ecke bog. Die verwitterten Mauern der in Schatten und Nacht gc- hüllten Paläste, hinter deren hohen Fenstern auch nicht ein Licht, die verfallene Pracht erhellend, brante, ragten an beiden Seiten des Wassers hoch empor. Nur ein ängstlich schmaler Streifen des Firmaments ward dazwischen sichtbar, und nur wenige Sterne schimmerten daraus mit einem schwachen Licht hernieder; aber heller, funkelnder, mit einem Feuerglanze tauchten sie aus der dunklen Flut wieder ciupor. Elvira beugte sich weit über die Schiffswand hinaus, sie sah auf dies Funkenspiel im Wasser, und sie horchte auf das geheimnißvolle Rauschen der Wellen, die sich dem Schiffe entgegenwarfcn, und im Wirbel eine Weile hinter ihr drein zogen. Erzalte er ihr etwas? Als Eugen in munterem Tone ihr einige Erklärungen geben wollte, legte sie den Finger auf den Mund. „Sagen Sie mir nichts," flüsterte sie,„jezt nicht, lassen Sie diese Stimmung in mir ausklingen; mir ist so wonnig süß und doch so weh um's Herz, mir ist, als müßte ich hier in dieser Wunderstadt das höchste Glück erfaren und— das tiefste Leid." ** * Eine halbe Stunde später sah sich Baron Hellenbach in dem glänzend erleuchteten Salon der Bianca von dem Impresario des Teaters, von einigen Adeligen und den unvermeidlichen Re Porters uniringt, die sämtlich gekommen waren, die glückliche An luiift der Primadonua bestätigt zu hören. Die wenigen Worte, die sie beim Heraustreten aus der Bauhofshalle gesprochen, waren bereits geflügelte geworden, und sie gingen, mit Kommentaren ver- sehen, von Mund zu Mund. Ihr Entzücken über Venedig, das schwor man sich zu, sollte morgen stadtkundig sein und dies müsse ihr vollends alle Sympaiie gewinnen. Der Impresario, ein immer aufgeregter, entweder grimmig oder gierig dreinsehen- der Signor, mit einem citronengelben Teint und schwarzem struppigen Har, rieb sich konvulsivisch die Hände und fiel bald den einen, bald den andern der Reporter an, sie beschwörend, nur ja nichts zu verabsäumen, nur ja nichts zu vergessen, was das Publikum in vorhinein für die junge Künstlerin entusias miren könne. Man beruhigte ihn mit der Versicherung, daß sie einen riesigen Erfolg haben werde, es könne gar nicht anders sein. Eugen dachte in stolzer Genugtuung dasselbe. Der Impresario ging noch immer auf und nieder, er schüt- telte sich, durchwülte sich mit beiden Händen das Har und äußerte dann mit einem gewissen Ungestüm das Verlangen, die Diva zu sehen, nur auf einen Augenblick weiiigstcns; er müsse ihr einige Verhaltungsmaßregeln für ihre Stimme geben, Venedig sei nicht ganz ungefärlich. Aber der Baron bedeutete ihm und den andern in ebenso höflicher als bestimter Weise, daß die Sig- nora heute niemand empfange und überhaupt nicht sichtbar sein werde, worauf sich diese Herren, die Fruchtlosigkeit längeren Harrens einsehend, langsam einer nach dem andern empfalen. Kurz darauf wurde Alfred gemeldet, und von Eugen in der freundschaftlichsten Weise, ja wie ein Bruder aufgenommen. Elvira hatte durch ihre Gesellschaftsdame sagen lassen, sie freue sich, ihren Schwager heute noch zu sehen und zu sprechen, er dürfe sich nicht entfernen. Aber es dauerte noch eine halbe Stunde, che die schweren Portieren des anstoßenden Gemaches auseinandergeschlagen wurden und Elvira an der Schwelle erschien. Sie trug das bequeme, lang nachwallende Kleid.von weißem Atlas, das schon für sie zurecht gelegt gewesen; es war um den Hals und den etwas entblößten Arm mit einer dichten weißen Federrüche gcbrämt und hob das warme und doch so zarte Ko- lorit ihres Teints, auf dem kein Puderstäubcheu saß, auf das vorteilhafteste. Die dunklen Haare waren gelöst und fielen in losen in einander verschlungenen Flechten weit über den Racken herab. Hoch, schlank, den interessanten Kopf etwas zurückge- worfcn, trat sie Alfted entgegen, der vor dieser blendend schönen und vornemen Erscheinung in äußerster Verblüffung einen Schritt zurückwich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen, sie eilte auf ihn zu und er schloß sie nun rasch in seine Arme. „Elvira, bist du's wirklich, ich hätte dich kaum wieder er- kant." Sie lachte ftölich mit gewinnendster Anmut. „Tu hattest noch immer die kleine Landpomeranze aus Wai- dingen im Gedächtnis; ach, wie weit liegt es hinter mir!— aber auch du hast dich zu deinem Vorteil verändert— und Marie?— wie freue ich mich, sie wiederzusehen!" „Sie läßt dich grüßen, sie konte ihrer Kleinen wegen nicht hierher kommen, aber morgen, so ftüh du willst, wird sie dich besuchen." � �. Elvira sagte, an ihr ser es, die Schwester aufzusuchen und sie komme morgen gewiß.. t' Sie zog dann Alfted neben sich auf eine Causeuse, und sie ftagte nach diesem und jenem, und sie plauderte in so heiterer, ungezwungener Weise, und sie gab sich so herzlich, so liebens- würdig, und dabei so durchaus graziös, nicht one eine feine Nuance von Koketterie, daß Alfred wie von einem Schwindel erfaßt, in unwillkürlichem Entzücken nach der weißen zarten Hand griff, um sie zu küssen. Man begab sich hierauf nach dem kleinen Speisesalon, wo das Souper servirt wurde. Hier präsidirte Madanie Douais, die Gesellschaftsdame El- vira's, und sie fürte ihre Rolle, zu der sich Luise niemals herge- geben hätte, mit ungemeiner Würde und dem feinsten Anstand durch. Zwei Kellner bedienten und ein Cameriere fürte die Oberaufsicht. Aber auch Eugen, der Elvira gegenübersaß, be- müte sich in aufmerksamster Weise um die schöne Künstlerin, und er schien überglücklich, wenn er ihr Glas füllen oder ihr ein Stück Konfekt anbieten durfte. Er hatte nur Augen für sie und man merkte es wol, für diesen Mann gab es kein anderes Ziel, kein höheres Interesse mehr, als das schöne Weib, das sein eigen geworden, zu sehen, zu bewundern, zu besizen. Die Unterhaltung floß leicht und berürte mehr allgemeine Gegenstände, man vermied, der Dienerschaft wegen, jedes in- timere Gespräch. Aber nach Beendigung des Males kam man in den Salon zurück und nam in der Nähe des Fensters Plaz. Auch Frau Douais hatte sich zurückgezogen, und man konte nun vertraulicher plaudern. „Und Minna ist noch immer in Waidingen, und in dem traurig einförmigen Leben, das sie fürt, hat sich nichts geändert?" ftagte Elvira, sich gegen die Lene zurückbeugend. Eugen schob rasch ein Ruhekissen unter den hübschen Kopf, um ihn noch bequemer zu stüzen. „Meine Schwestern leben mit Tante Luise zusammen, mit der sie eine zärtliche Freundschaft verbindet." „Und Mnuia's Verheiratung?" „Sie wird noch immer hinausgeschoben, obwol Friz wieder- holt dazu drängte." „Aber wenn sie ihn noch liebt, war und wirklich, weshalb zögert sie? Sic muß eutweder sehr kaltherzig, oder seiner Liebe, seiner Beständigkeit sehr sicher sein, um sie auf eine so harte Probe zu stellen." Ihr Mund lächelte, aber der sonst so weiche Ton ihrer Stimme hatte einen etwas schärferen Klang ange- nommcn. „Minnas Liebe ist, glaube ich. stark und echt," erwiderte Alfred,„und eine solche sezt ein edles, unbegrenztes Vertrauen in den geliebten Gegenstand. Aber wenn sie bisher gezögert hat, sein Los zu teilen, so geschah es nur, weil sie dieser neuen, un- gewissen Häuslichkeit, weil sie ihrem Manne, der das unstäte, zigeunerhafte Leben eines Sängers fürt, der noch kein dauerndes Engagement gefunden, nicht die Schwester mit aufbürden konte." „Das Weib soll Vater und Mutter verlassen, um dem ge- liebten Manne zu folgen, und sie kann sich nicht von ihrer Schwester trennen!" „Sie könte es wol, aber Malchen kann es nicht; es war im- mer eine krankhafte Neigung, die dieses Kind für seine Schwester fülte, sie hat sich noch gesteigert." „Und dieser Ueberspantheit bringt Minna ihr eigenes Glück und das Glück des Mannes, den sie liebt, zum Opfer?" „Das Opfer wird bald vollbracht sein und Malchen wird nicht mehr trennend zwischen den beiden stehen, wir alle wissen es leider." Alfreds Stimme senkte sich zu einem schmerzlichen Flüstern herab. Elvira blickte ihn betroffen an. „Sie ist verloren," für Alfred fort;„seit einem Jar hat sich der längst vorhandene Keim eines Lungendefektes zu einem un- heilbaren Uebel entwickelt. Die Katastrophe läßt sich nicht ge- nau vorher bcstimnicn, aber sie dürfte nur zu bald eintreffen." „Das arme Kind," sagte Elvira in rasch aufquellender Rürung. „Sie ahnt nicht einmal die Gefar, in der sie sich befindet. Sie ist heiter und glücklich, so lauge Minna um sie ist, solange sie in ihre fürsorglichen Äugen blickt; unter ihrem Schuze fült sie sich, wie ein Kind im Arm der Mutter geborgen, sie meint, es könne ihr nichts geschehen; und Minna sollte sie verlassen? selbstsüchtig ihr eigenes Glück beschleunigen? ach, sie würde da- mit auch das Ende dieses Kindes beschleunigen." Elvira ließ den Kopf noch mehr nach rückwärts sinken; die dunklen Wimpern schloffen sich und drängten einen feuchten Schimmer dazwischen hervor, aber sie antwortete nichts. Eine Pause entstand.(Fortsezung folgt.) Ehe- und Hochzeitsgebräuche. Kulturgeschichtliche Skizze von K. Scht. Die bei nnS gebräuchliche Art der Ehe wird nur zu oft als etwas ewiges und unabänderliches betrachtet. Und doch zeigt uns ein Blick auf die Institutionen der Naturvölker, daß auch im Ehelebeu nur der Wandel ewig ist, und daß die Form der Ehe nicht von Anbeginn her feststeht, sondern daß auch diese sich verändert, neue Gestalten annimt, kurz gleichfalls dem eisernen Geseze der Entwicklung folgt. Auf der tiefsten Stufe der mensch- lichen Entwicklung kent man keine ehe- liche Verbindung in unserm Sinne. Die zu einer Genossen- schaft, zu einer auf Blutsverwantschaft gestüzten Familie gehörenden Männer und Frauen betrach- teten sich als gleich- mäßig untereinan- der verheiratet, und die Kinder in dieser Famile wurden we- der als Kinder eines Baters, noch als Kinder einer Mut- ter betrachtet, son- dern sie waren ein- fach Kinder der Familie, Kinder des Stammes. Ebenso standen die übrigen Mitglieder der Fa- milie nicht in be- stiniten Verwant- schaftsverhältnissen zu einander; sie wa- ren eben weiter nichts als Blutsfreunde, als Angehörige der- selben Gemeinschaft. Gewönlich wurde die Familie in die- ser ihrer primitiven Form geleitet durch einen Häuptling; doch finden wir auch, daß die alten Leute die Angelegenheiten der Gemeinschaft regeln. Noch heute be- gegnen wir bei vie- lcu Völkerschaften solchen ursprünglichen Zuständen. Die Buschmänner z. B. können in ihrer Sprache ein unverheiratetes Frauenzimmer von einem verheirateten nicht unterscheiden. Der Verkehr mit den Weißen. überhaupt mit civilisirten Völkern, hat indes mit dazu beigetragen, diese Form des Geschlechtslebens zu verdrängen, und ganz rein, in ihrer ursprünglichsten Gestalt, trifft man wol kaum noch die Gemeinschaftsehe an. Dagegen können wir noch eine große Zal von Gebräuchen und Sitten beobachten, die in der Primitivfamilie und in der Weibergemeinschaft wurzeln. Hierher gehört die Sitte, den Äastfteunden, den zureisenden Fremden u. s. w. Weiber und Töchter anzubieten. So loar es z. B. in Kaindu, China, Brauch, daß, wenn Fremde im Orte ankamen, der Hausherr sich bemüte, einen derselben zu veran- Kleb, Mütterchen.(SeNe m.) lassen, bei ihm Wonung zu nemen. Dort angekommen, übergab er ihm sämtliche Frauen, und er selbst entfernte sich wärend der Anwesenheit des Fremden. Auch bei den Korjaken und Tschuktschen in Sibirien ist diese Sitte allgemein und eine Ablenung dieses Brauchs seitens des Gastfreundes Ivird als schwere Beleidigung angesehen.— Diese mit un- fern heutigen An- schauungen über Anstand und Sitt- lichkeit so sehr kon- trastirende Gewon- heit hat auch in Deutschland ge- herscht und noch zur Zeit der Reforma- tion, also vor noch nicht 400 Jaren, schreibt ein Schrift- steller in damaliger Sprache folgendes: „Es ist indemNider- landt der Bruch, so der wyrt ein lieben Gast hat, daß er jm syn ftow zulegt uff guten glouben." Als weiterem Ueberrest der Primi- tivfaniilie begegnen wir häufig dem Um- stände, daß der Häuptling vollstän- dige Verfügung über die Weiber des Stammes hat. Er kann dieselben an andere als Ehe- frauen verschenken, und er selbst kann ~ zaus ihren Reihen die Frauen wälen. Wer in Deutsch- land das Leben des Landmanns in sei- ner Gemeinde, seine Sitten und Gewon- heiten beachtet, dem werden noch viele Spuren der alten Stammesgemein- schaft auffallen. So war es z. B. in Glarus bis vor kurzem noch Brauch, daß Brautleute bei ihrer Hochzeit von der Gemeinde eine Gemse geschenkt bekamen. In Schwaben empfangen noch hie und da die Neuvermälten von jedem Gemeindegenossen ein Hochzeits- geschenk:„es ist ein Beitrag zur neuen Wirtschaft, der von jedem einzelnen nach Kräften gegeben wird, sowie man denselben vor- kommeudenfalls auch wieder verlangt." Ein seltsames Ueberblcibsel der Gemeinschaftsehe sind auch jene Feste, bei welchen die geschlechtlichen Schranken fallen. Die Feier solcher Feste wird gemeldet von den Grönländern, von manchen Jndianerstämmen und besonders von der Negerbcvöl- kerung Mittelaftikas. So liegt uns unter anderm die Schilde- rung einer Hochzeit bei den Tagalas vor, von der wir nach Post, einem der verdientesten Forscher auf diesem Gebiete, folgendes wiedergeben, was außerordentlich deutlich erkennen läßt, daß dieser Brauch der alten Weibergemeinschaft entspringt. Bei dem 364 genanten Stamme versammeln sich die Hochzeitsgäste, Eltern und Freunde von beiden Seiten, um eine Art großen Sals herzu- stellen, der mit Zweigen bedeckt ist und die ganze Gesellschaft fassen kann. Dazu gebrauchen sie gewönlich drei Tage. In den drei folgenden Tagen feiert man das Hochzeitsfest. Diese sechs Tage verbringen sie unter Trunkenheit, Tanz und Gesang. End- lich legen sie sich durcheinander und in der größten Unordnung zur Ruhe. Hier hat denn, wie die Missionäre sagen, der Teufel eine reiche Beute jeder Art. Die Missionäre meinen, diese Sitte sei dem Volke nicht auszutreiben. Der Grund liegt eben darin, daß sie uralt ist. Der mit Zweigen bedeckte Sal wird schwerlich etwas andres vorstellen, als den Wald, welchen die Borfaren dnrchstreiften. Unsre Leser werden es für selbstverständlich halten, daß eine Frau bei der Geburt eines Kindes sich zu Bett legt und bis zu ihrer Genesung darin verbleibt. So selbstverständlich und natür- lich uns nun auch dieses erscheint, so wenig ftimmen doch manche Stämme demselben zu, und bei ihnen hat nicht die Frau, sondern der Mann das Wochenbett zu halten. Ich sehe im Geiste, wie manche schöne Leserin ungläubig lächelnd den Kops schüttelt, und mich wol gar der Aufschneiderei bezichttgt, und trozdem muß ich meine Behauptung auftecht erhalten. Schon der griechische Geschichtschreiber Diodor erzält uns, daß diese Sitte auf Korsika hersche, und noch heute wird dieselbe bei den Basken in Spanien wie auch in Bearn im südlichen Frankreich geübt. Der Mann wird sorgfältig in Tücher gepackt und niit umwickeltem Kopf ins Bett gelegt und warm zugedeckt. Ja, die Sitte erheischt sogar noch mehr. Der Kranke, und als solcher wird der Mann wirk- lich bettachtet, komt in ärztliche Behandlung; die Nachkam und Auverwanten kommen zum Krankenbesuch, bei welcher Gelegenheit denn auch ihr Beileid und der Wunsch baldiger Besserung aus- gedrückt wird; er muß Diät beobachten, häufig sich überhaupt aller Fleischspeisen enthalten und sich vollkommen als Patient betrachten und behandeln lassen. Eine hübsche Schilderung eines solchen Wochenbetts des Mannes gibt der Reisende Dobrizhofer von den Abiponen, einem indianischen Stamme in Südamerika. Er schreibt:„Kaum hörst du, daß ein Kind geboren ist, so siehst du auch den Ehemann ganz in Decken und Felle gehüllt und vor jedem rauhen Lustzuge geschüzt, im Bette liegen. Er fastet, wird abgeschlossen gehalten und versagt sich für eine Reihe von Tagen gewissenhaft bestimte Fleischspeisen, sodaß du schwören möchtest, er sei es gewesen, der entbunden ward." Ebenso interessant berichtet Brett, ein andrer Reisender, über diese komische Sitte bei den Indianern Guineas. Es heißt da:„Bei der Geburt eines Kindes verlangt die alte Jndiauersitte, daß der Vater sich in seine Hänge- matte lege. Er bleibt einige Tage in derselben, als sei er krank, und uimt die Glückwünsche und Beileidsbezeigungen seiner Freunde entgegen. Ich selbst beobachtete diese Sitte einmal bei einer Gelegenheit, wo der Mann bei vollkommner Gesundheit und ausgezeichnetem Wolsein in der spotterregendsten Weise in seiner Hängematte lag und aufs ehrerbietigste und sorgfältigste von den Frauen gepflegt ward, wärend die Mutter des Neugebornen sich mit Kochen beschäftigte— und sich anscheinend niemand um sie kümmerte." Außer den genanten Völkerschaften haben noch mehrere Stämme der nordamerikanischen Indianer diese Gewonheit, und auch in einigen Teilen von China sowie bei vielen Negerstämmen West- aftikas und noch in manchen andern Gegenden der Erde herscht dieselbe.— Es ist vielfach versucht worden, diesen seltsamen Gebrauch zu erklären und vernünfttge Gründe für denselben zu finden. Nach unsrer Meinung vergeblich. Eine andre Sitte, die wir bei Völkerschaften auf primitiver Entwicklungsstufe vorfinden, ist die Ehe auf Probe. Wo diese Forni der Ehe herschend ist, da wird, ehe Mann und Frau fest verbunden werden, zunächst eine Zeitlaug zusammengelebt, um sich gegenseitig erst näher kennen zu lernen. Findet der Bräu- tigam dann, daß sie nicht für einander passen, so gehen sie, one daß sie irgendwelche Pflichten gegen einander haben, wieder aus- einander. Diese Ehe auf Probe finden wir bei vielen Indianer- stammen, bei den Singhalesen, wie auch bei verschiedenen Neger- stämmen an der Kongoküste in Aftika. Auf Ceylon lebten, um nur ein Beispiel anzusüren, die Vermälten die ersten 14 Tage provisorisch zusammen, und nach Ablauf dieser Frist wurde die Ehe entweder für giltig oder für nichttg erklärt. Gleichfalls merkwürdig und mit unfern Anschauungen unver- einbar ist die weitverbreitete Sitte, einen Knaben mit einem er- wachsenen Mädchen zu verheiraten, wobei dann der Schwieger- Vater in die Rechte des Mannes tritt. Bei den Reddies in Südindien, wo dieser Brauch herscht, kann z. B. ein junges Mädchen von 16 bis 20 Jaren sich mit einem fünf- und sechs- järigen Knaben verheiraten. Sie lebt jedoch mit irgendeinem erwachsenen Manne, häufig ihrem Schwiegervater. Eutspringen Kinder aus dieser Vereinigung, so gelten dieselben für Nach- kommen ihres knabenhaften Ehemannes. Erreicht derselbe das Mannesalter, so ist seine Frau natürlich alt, und dann gesellt er sich seinerseits zu der Gattin eines andern Knaben und zeugt Kinder für diesen, wie es einst für ihn geschah. Bekanter, als die bisher erwänten Gebräuche, ist jener, nach welchem Eltern ihre Kinder schon ganz jugendlich verloben. Bei den Kalmücken und in China ist es sogar Sitte, daß sie schon vor der Geburt ihre Kinder sich gegenseitig versprechen, falls sie verschiedenen Geschlechtes sein sollten. Die weite Verbreitung dieses Brauches sezt ebenfalls allgemeine Ursachen voraus, denn wir begegnen demselben in den verschiedensten Gegenden und auch in Deutschland finden wir noch zu Anfang des vorigen Jarhunderts Ausläufer derselben, da damals noch die Eltern häufig ihre Kinder niit einander versprachen, wenn dieselben noch in der Wiege lagen. Die Eltern entscheiden überhaupt auf primitiver Stufe häufig gänzlich über die Verbindungen ihrer Kinder. So mußte Peter der„Große" von Rußland noch verbieten, die Kinder gegen ihren Willen zu verheiraten. War es doch vorgekommen, daß man widerspenstige Söne zum Altar gepeitscht hatte, zu welchem die gleichfalls nicht zuftiedene Braut von ihren Eltern bei den Haren hingeschleppt worden war. Der Priester hatte sich natürlich nicht geweigert, seinen Segen zu der Ehe zu geben, und so war das Par zusammengeschmiedet. Wir finden ja auch heute noch Eltern genug, die, um„das Wol ihrer Kinder zu fördern", dieselben zwingen, unliebsame Verbindungen einzugehe». Freilich geschiet es nicht mehr in jener drastischen Weise, aber man hat Mittel, die ebenso gut wirken. Häufig komt es auch vor, daß die Brautleute sich in der Zeit zwischen der Verlobung und der Hochzeit nicht sehen dürfen. So ist z. B. bei den Beduinen der Jüngling vom Tage der Verlobung an verpflichtet, seiner Braut und deren Mutter sorg- fälttg auszuweichen. Begegnet er der crstern unerwartet, so ver- hüllt diese ihr Gesicht und ihre Freundinnen umringen sie, um sie deni Blicke des Bräutigams zu entziehen. Bon mehreren mongolischen Stämmen wird änliches berichtet. Auch die Heiraten zwischen nahen Verwanten sind jedenfalls auf die Primittvfamilie zurückzufüren. Dieselben kommen aller- Vings nicht sehr häufig vor, und schon auf ziemlich niederer Kulturstufe scheint eine gewisse Scheu gegen die Verbindungen von Blutsverwanten zu bestehen. Trozdem finden wir doch manche Völker, bei denen eine eheliche Verbindung von Geschwistern nichts Seltenes ist. Ja, bei den Karaiben heirateten die Männer ihre eignen Töchter, und auch von Ceylon wird derselbe Brauch berichtet. Den Drusen soll durch ihre Religion gestattet sein, ihre eigne Mutter zu heiraten. Die Heiraten im ersten Grade— also zwischen Eltern und Kindern— dürfen wol als Ausnamen betrachtet werden; schon bedeutend häufiger sind die im zweiten Grade, die zwischen Ge- schwistern, und wir finden dieselben außer bei den von uns genanten Stämmen noch bei vielen Indianern Amerikas, wie auch bei den unfern Lesern gewiß bckanten Zigeunern. Die Sonderehe verdrängte nach und nach die Weibergemein- schast. Sehr warscheinlich ist es, daß diese aus den Raub- und Kricgszügen entstand, welche von den Völkerschaften niederer Kulturstufe ja noch mehr gepflegt wurden, wie heutzutage, wenn sie auch nicht mit der Wissenschaftlichkeit, mit welcher in moderner Zeit die Menschen vom Leben zum Tode gebracht werden, bekant waren. Erbeutete in jenen Zügen ein Krieger ein Mädchen, das ihm gefiel oder das ihm, was wol noch mehr ausschlaggebend sein mochte, seine Arbeiten verrichten konte, so mochte es wol häufig vorkommen, daß er diese nicht tötete, wozu er ja nach Kriegsrecht berechtigt war, sondern sie für sich behielt, und daß auf diese Weise sich die Sonderehe entwickelte. Daß auf jener Stufe von Liebe zwischen Mann und Frau keine Rede ist, bedarf wol kaum der Erwänung. Das Verhältnis zwischen beiden berut auf der nackten, rohen Gewalt. Die Frau ist Eigentum des Mannes, er hat ein Recht, über sie zu ver- fügen, ja, sie zu töten. Sie muß tun, was er befielt; sie ist Lasttier, Sklavin, muß das Feld bebauen und für den Unterhalt des Mannes sorgen.(Schluß folgt.) -- 355 Ein Verfolgter. Bon Eduard Sack. (Schluß.) Die Hoffnung Rouffeau's. unter dem Schuze des Königs von Preußen sich einer ruhigen und sichern Wonstätte erfreuen zu können, ging auch nicht in Erfüllung. Schon waren einige Monate nach dem Erscheinen der„Brise vom Berge" verflossen, als sich auf einmal die Diener der Kirche in Neufchatel ver- anlaßt sahen, sie bei der weltlichen Behörde zu denunziren. Der Magistrat der Hauptstadt gab sofort der Denunziation Folge, und das erstaunte Publikum erfur durch den ausrufenden Amts- diener, der warscheinlich nicht gut lesen konte, das Buch sei ver- boten, weil„es alles angreife, was in unsrer heiligen Religion besonders zu tadeln sei". Sodann wante sich die Geistlichkeit an den Staatsrat, um dem Verbote für das ganze Land Geltung zu verschaffen und nach Beseitigung des Buches die Entfernung des Verfassers zu bewirken. Aber die königlichen Beamten traten so kräftig für den Schüzling Friedrichs ein, daß die Anträge der Verfolger one Wirkung blieben. Die Geistlichen ließen darum von ihrem Eifer nicht ab. Man suchte auf jede Weise, nament- lich auch von den Kanzeln, die Gemüter gegen den Fremdling aufzuregen. Den frommen Leuten sagte man, daß der leibhaftige Anttchrist in ihrer Mitte weile. Die ruheliebenden Bürger ängstigte mau mit der Lüge, es habe der rastlose Aufwiegler eine Schrift vollendet, in welcher er die aristokratischen Regierungen überhaupt und insbesondere die berner Regierung heftig angreife, und diese sei bereits gesonnen, das alte Bündnis mit Neufchatel aufzu- kündigen. Das schöne Geschlecht wurde in maßlosen Zorn durch die Behauptung gebracht, der böse Mensch habe in einem seiner Werke den Frauen die Seele abgesprochen. Die genfer Schmäh- schrift wurde mit Eifer verbreitet, und es fehlte nicht an Lesern, welche die Verleumdungen in derselben für bare Münze namen. Den Geistlichen gesellten sich jene Leute zu, welche den Vertreter der Demokratie fürchteten, und auch Voltaire unterlies nichts, um den verhaßten Gegner zu kränken und durch dessen Entfer- nung das eigne Ansehen zu sichern. Rousseau begriff sehr bald, daß er solchen Umtrieben auf die Dauer nicht werde standhalten können.„Ich werde von hier vertrieben," schrieb er einem Freunde, „und ich weiß nicht, wo ich auf Erden ein andres Asyl finden soll..... Die größten Bösewichter finden eine Zufluchtsstätte; nur Ihr Freund findet keine." Er beklagt, daß die Natur solange zögert, ihn aus der Verlegenheit zu ziehen; ihm, dem das Leben zur Last, wäre der Tod erwünscht. Die Geistlichkeit betrieb mit Eifer die Exkommunikation Rousseau's. Da sie aber die Staatsbehörde fürchtete, so suchte sie ihn durch Drohungen zu einem freiwilligen Anstritt aus der Kirchengemeinschaft zu bewegen. Man wollte schon zufrieden sein, wenn er nur vorläufig fernbliebe, sich namentlich nicht an der bevorstehenden Osterkommunion beteiligte. Aber Rousseau erklärte . dem Pastor mit aller Entschiedenheit, daß er durchaus keinen Zwischenzustand, sondern„entweder draußen oder drinnen, im Frieden oder im Kriege, Schaf oder Wolf sein wolle". Der Geistliche Rat(die„Klasse") wurde belehrt, daß er zu einer Ex- kommunikation nicht befugt sei. Man beschloß nun, das kezerische Pfarrkind vor den Kirchenrat der Gemeinde zu laden, ihm ein Glaubensbekentnis abzuverlangen, und, wenn dasselbe nicht be- ftiedigend ausfalle, seinen förmlichen Ausschluß aus der Gemein- fchast der Gläubigen zu bewirken. Und so geschah es! Rousseau wurde vor den Kirchenrat geladen, der nur befugt war, über schlechte Sitten und anstößige Ausschreittingen zu Gericht zu sizen. Aber die Mühe war vergebens; die Bauern und der königliche Beamte erklärten, daß es nicht ihres Amtes sei, über den reli- giösen Glauben zu Gericht zu sizen, und als der Geistliche von der Kanzel herab und auf andre Weise seinen Zweck zu erreichen suchte, machte der Staatsrat seinem Eifer ein Ende. Denn der König hatte in einer Ordre seine Unzuftiedenheit mit dem in- toleranten Verhalten der Geistlichen ausgesprochen und zugleich erklärt,„es sei sein ernster Wille, daß der Staatsrat die Wir- kungen seines Rousseau bewilligten königlichen Schuzes in jeder Rücksicht sicherstelle." Es zeigte sich jedoch, daß auch der Schuz des mächtigen Königs nicht ausreiche. Zwar hörte die Verfolgung von Amts- wegen auf; aber die Hezereien hatten eine sehr unangeneme und gefärliche Stimmung im Volke erzeugt, die noch heimlich genärt wurde. Rousseau konte sich nicht öffentlich zeigen, one von dem kleinen und großen Janhagel bedrot oder belästigt zu werden. Man schrie ihm nach, suchte ihn zu erschrecken, ivarf auch wol aus der Ferne mit Steinen nach ihm. Es kam selbst vor, daß er im Vorübergehen sagen hörte:„Schnell, die Flinte her, daß ich auf ihn schieße," und es legte wol auch ein Dorflümmel die Waffe auf ihn an. Freilich mochte das nicht immer so schlimm gemeint sein, aber es war doch mindestens sehr ungemütlich. Rousseau dachte wol auch daran, den Ort, das Land zu ver- lassen;— doch wohin sollte er sich ivenden? Die Frage wurde schnell und gewaltsam entschieden. Am Sontag, den 1. September 1765, kam es zu Tätlichkeiten; es wurden abends Steine in die Fenster der rousseau'schen Wonung geschleudert. Die nächsten Tage brachten neue Beschimpfungen, neue Angriffe. In der Nacht vom 6. zum 7. wurde„ein Hagel von Kieselsteinen" gegen das Fenster und die Tür geschleudert, und ein Stein mit so kräftiger Hand geworfen, daß er quer durch die Küche für, die Tür zu Rousseau's Schlafzimmer aufschlug und an seinem Bett zu Boden fiel. Es gelang, den nebenan wonenden Schloßkastellan herbeizurufen. Der Anblick der Ver- Wüstung sezte ihn so in Schrecken, daß er erbleichte, und als er die Kiesel gewarte, mit welchen die um das Haus gehende Galerie angefüllt war, rief er aus:„Mein Gott, das ist ja ein Stein- bruch!" Die Regierung nam den Vorfall sehr ernst; die an- geordnete Untersuchung blieb indes one Erfolg. Wenn sich die Angriffe zunächst auch nicht wiederholten, so konte sich Rousseau darüber doch nicht täuschen, daß die Mehr- zal der Dorfbewoner sie nicht mißbilligten. Angesehene Männer, welche ihn gleich nach dem Attentate besuchten, baten ihn dringend, einen Ort zu verlassen, wo er nicht länger in Sicherheit und mit Ehren leben könne. Die Nachbargemeinde Convet, welche ihn schon vor längerer Zeit zu ihrem Ehrenbürger ernant hatte, ließ ihn jezt, sobald sie von dem Vorfall in Motiers Kunde erhalten, durch eine Deputation einladen, sich in ihre Mitte zu begeben; eine geeignete Wonung stand bereit, man wollte ihm Wagen schicken, um seine Möbel abzuholen, verbürgte sich auch für seine persönliche Sicherheit. Dennoch zog es Rousseau vor, den An- trag dankend abzulehnen. Auf seinen botanischen Streifereien hatte er die im Bielersee gelegene Insel St. Pierre entdeckt. Sie gefiel ihm ungemein, und er beschloß, wenn die Umstände es erlaubten, sich hier häuslich niederzulassen. Zwar gehörte die Insel in das Gebiet des Kantons Bern; aber es schien unmöglich, daß die Regierung an der vor drei Jaren beschlossenen Aus- Weisung noch festhalten würde. Um sicher zu sein, wurden Erkun- digungen über die Gesinnung der leitenden Persönlichkeiten ein- gezogen, und man erfur,„die Berner schämten sich ihres frühern Benemens und wünschten nichts mehr, als Rousseau auf der Insel wonen zu sehen, und ihn dort in aller Ruhe leben zu lassen." Da auch andre Umstände ftir diese Auffassung sprachen, so glaubte Rousseau die Uebersiedluug schon wagen zu dürfen(Mitte Sep- tember 1765). Rousseau fülte sich außerordentlich glücklich auf der Insel; dafür sind die reizenden Schilderungen derselben in den„Bekentnissen" ein beretes Zeugnis. Hier, so hoffte er, würde er endlich„den großen Plan eines müßigen Lebens" ausfüren können,„dem er bis dahin die geringe Tatkraft, welche der Himmel ihm verliehen," gewidmet hatte. Die innere und äußere Unruhe, welche die auf- regenden Vorgänge der lezttn Zeit mit sich gebracht, hatte das alte Bedürfnis nach einem ruhigen Stillleben verstärkt, die mannich- fachen Angriffe und Kämpfe, die er zu bestehen gehabt, die Sehn- sucht nach einem friedlichen Dasein neubelebt. Es gelang ihm auch sehr bald, die Vergangenheit mit den peinlichen Erinnerungen zu vergessen und die freundliche Gegenwart in sorglosem Behagen zu genießen. Mitten in diesem gemütlichen Stillleben, am 17. Oftober, erhielt„dieser gefärliche Mann" von der berner Regierung den Befehl, die Insel, wie das gesamte Gebiet der Republik, sofort zu verlassen. Rousseau glaubte zu träumen, als er die Verfügung las. Sein Unwille über solche Verfolgungswut war so groß, daß er am liebsten sofort abgereist wäre. Doch wohin sollte er gehen? Konte er, der 53järige, kränkliche und entmutigte Mann es wagen, grade jezt, da der Winter vor der Tür stand, aufs Geratewol in die weite Welt hinaus zu wandern? Auch waren nötige Vorbereitungen zu treffen und manche Angelegenheiten zu ordnen. Zum erstenmal in seinem Leben fülte er, wie sich sein angeborner Stolz unter das Joch der Notwendigkeit beugte, als er sich, troz seinem innern Widerstreben, herbeilassen mußte, um einen Auf- schub zu bitten. Die Antwort der berner Behörde war der erneute Befehl, den Boden der Republik innerhalb vierundzwanzig Stunden zu räumen und ihn bei„scharfer Bestrafung" nie wieoer zu betreten. Rousseau beschloß, Therese(seine„Gouvernante") mit aller Habe den Winter über auf der Insel zurückzulassen, sich selbst aber, einer wiederholten Einladung des Marschalls Keith folgend, nach Berlin zu begeben. Am 25. Oktober verließ er die Insel. In Biel, wo das Schiff anlegte, traf Rousseau am Landungsplaze einige junge Leute aus der Stadt, die sich hier zu seinem Empfange versam- melt hatten. Diesen und einigen anderen Personen gelang es, seinen Entschluß wankend zu machen, was nicht schwer fallen konte, da ihm vor der weiten Reise und deni rauhen, kalten Klima, dem er entgegen ging, bangte. Doch überzeugte er sich bald, daß auch in Biel seines Bleibens nicht sein könne. Schon am folgenden Tage wurde eine starke Aufregung unter den Be- wonern bemerkbar. Unter der Hand erfur er, daß ihm die städtische Behörde am nächsten Morgen einen förmlichen Aus- Weisungsbefehl zuschicken werde. Die guten Freunde, welche ihn zurückgehalten, ließen sich nicht mehr sehen, und so hielt er's denn für geraten, die unterbrochene Reise one Zögerung fortzusezen. Als der so unablässig Verfolgte in Basel am 29. Oktober eintraf, war er krank. Er war jetzt vollkommen überzeugt, daß es ihm unmöglich sei, die Reise nach Berlin auszuhalten. Wo- hin nun? In Basel zu bleiben, kam ihm gar nicht in den Sinn. Es drängte ihn, für immer„einem Lande den Rücken zu kehren, in welchem ihm statt der Achtung und Liebe, die er, sein er- gebener und verdienter Son, zu finden gehofft, nur bittere Schmach und rücksichtslose Verfolgung zu Teil geworden." Der Flüchtling wante sich nack Straßburg. Erschöpft, todt- müde, von Fiebern und Schmerzen geplagt, kam er am 2. No- vember in der Hauptstadt des Elsaßes an. Natürlich war an eine Fortsezung der Reise nicht zu denken. Obwol der Haftbefehl, welchen das französische Parlament vor einigen Jaren gegen Rousseau erlassen hatte, noch voll in Kraft bestand, fand der Verfolgte in Straßburg doch die ach- tungsvollste, freundlichste Aufname.„Alles(schrieb er einem Freunde) was in der Stadt und Provinz zu befehlen hat, stimt darin übercin, mir seine Gunst zu schenken." Die ganze Be- völkerung—„von den höchsten Behörden bis zu den lezten des Volks"— beeiferte sich, ihm die größte Aufmerksamkeit zu be- weisen und die ehrenvollsten Huldigungen entgegen zn bringen. Ueber sein Tun und Lassen wurden täglich Bulletins ausge- geben. Der Gouverneur der Provinz, Marschall de Contades erklärte ihm, daß er sich in Straßburg ebenso sicher glauben dürfe, wie in Berlin. Natürlich wäre Rousseau gern in Straß- bürg geblieben; an dringenden Aufforderungen dazu fehlte es nicht. Man schrieb an den Minister, um zu erfahren, ob nian ihn one Bedenken behalten könne. Warscheinlich hat sich Herr v. Choiseul nicht gerade zustimmend ausgesprochen, und es wurde darum nöthig, über einen künftigen Wonsiz endgiltig Beschluß zu fassen. Unter den obwaltenden Umständen konnte es sich nur um Berlin oder England handeln. England war dem Verfolgten schon wiederholt aufs dringendste angerathen worden, nnd ge- rade jezt lud ihn der bekannte Philosoph und Geschichtsschreiber Hume aufs herzlichste ein, ihm in seine Heimat zu folgen, wo er für ein angenemes und ruhiges Asyl Sorge tragen wollte. Als auch Milord Keith den Vorschlag seines Freundes Hume ent- schieden befürwortete, machte Rousseau allen Schwankungen ein Ende mit den Worten:„Alles wol erwogen, entschließe ich mich, nach England zu gehen." Einmal nnt sich im Reinen, zögerte er nicht, seinen Plan auszusüren. Troz einer ungewönUch strengen Kälte für er von Straßburg ab. Seines kränklichen Zustandes wegen konte er täglich nur eine kurze Strecke zurücklegen, und doch wäre er bei aller Vorsicht unterwegs„beinahe gestorben." In Paris, wo Rousseau am 16. Dezember leidlich wol ein- traf, war seine Anwesenheit bald ein öffentliches Geheimnis. Sein alter Gönner, der Prinz Conti, hatte, sobald er seine An- kunft erfaren, in seiner Residenz, dem Temple, eine Wonung her- richten und ihm dieselbe anbieten laffen. Der Flüchtling glaubte. die ihm damit erwiesene Ehre nicht abweisen zu dürfen; auch fand er hier eine sichere Zuflucht, falls das Parlament auf seinen Haftbeschluß zurückkommen sollte. Der Prinz erwies ihm die ehrendste Aufmerksamkeit. Bekannte aus früherer Zeit fanden sich in großer Zahl zu seiner Begrüßung ein; alle Gelehrte und Schriftsteller von einigem Ruf— nur d'Alembert kam auffallen- der Weise nicht— beeilten sich, ihm ihre Aufwartung zu machen. Rousseau sah doch jezt, daß seine Gegner vergeblich bemüt ge- wesen, ihm die Zuneigung der Freunde und die Achtung des Volkes zu rauben. Die Reise nach England wurde von den Freunden, welche ihn begleiten wollten, länger als es Rousseau lieb war, hinaus- geschoben. Sie hätten wohl noch weiter gezögert, wenn ihm nicht der Herzog von Choiseul durch die Polizei den Befehl hätte zugehen lassen, sich unverzüglich zu eutfernen. Weder der Temple mit seinem eximirten Gerichtsstand und sein Gebieter, noch der auf drei Monate lautende Paß, welchen Madame de Verdelin durch Vermittelung des Herzogs von Aumont für ihn erlangt hatte, gewärten ausreichenden Schuz dem Manne, welcher die Sache des Rechts und der Freiheit gegen List und Vergewal- tigung so beret zu verteidigen wußte. Und so für der Verfolgte am 2. Januar 1768 in Begleitung der Freunde Hume und de Luze nach England ab. Die Reise nach England war die lezte Flucht, zu der Rousseau von seinen unversönlichen Gegnern gezwungen wurde. Als er das trübe, nebelreiche Land mit seinen kalten, unfteundlichen Be- wonern, die„nur Engländer sind, da sie einmal nicht das Be- dürfniß haben, Menschen zu sein", ein Land, vor dem er immer den größten Widerwillen gehabt, schon Ende Mai verließ und nach Frankreich zurückkehrte, nam die Regierung den Schein an, als wüßte sie nichts von ihm, und der Haftbefehl des Parla- ments wurde vergessen. Aber der viel umher gehezte Man fand doch keine Ruhe mehr. Es bildete sich in ihm die, bei manchen Anlässen bis zum Irrsinn reichende, fixe Idee aus, daß er über- all und immerfort und von allen Menschen verfolgt werde. Aller- dings hatte er nicht ganz Unrecht. Viele einflußreiche Gegner benuzten jede Gelegenheit, um ihn verächtlich oder mindestens lächerlich zn machen. Sie wurden selbst durch den Tod nicht versönt. Man entblödete sich nicht, sein Grab, wie das Denkmal darauf, in gemeinster Weise zu beschmuzen. Die Inschriften, welche die Hand der Freundschaft eingegraben, wurden getilgt nnd beleidigende Ausfälle oder schlechte Wize an deren Stelle ge- sezt. Es kam so weit, daß der Besitzer von Ermenouville sich genöthigt sah, unbekanten Personen den Besuch der Insel zu verbieten. Freilich war das nur das kindische Seitenstück zu den Beschimpfinigen, welche von den Schriftstellern ausgingen. Schon ein Jahr nach Rousseaus Tode veröffentlichte Diderot, der ehe- malige„Freund", eine„Schandschrift", welche der sehr kül ur- teilende deutsche Biograph*) ein„likm plua ultra von perfider Niedertracht und brutaler Gemeinheit" nent.„Weniger roh und plump, aber ebenso hämisch und boshaft" waren die Angriffe, die gleichzeitig von dem„schlauen" d'Alembert ausgingen. Man kann sich denken, was nach solchen Beispielen die giftigen Klein-. geister leisteten. Wenn wir aber die naheliegende Frage aufwerfen: was hin- derten, was nüzten alle diese Verfolgungen, so ist die Antwort beschämend und demütigend für alle, welche meinen, den Geist, die Warhcit unterdrücken zu können, erhebend und tröstend für diejenigen, welche überzeugt sind, daß die Freiheit ein unantast- bares Gut der Völker und die Warheit ein unvertilgbarer Same ist. Auf die Umgestaltung der sozialen und politischen Verhält- nisse dürfte bis in die neueste Zeit herein wol kaum ein anderer Schriftsteller des achtzehnten Jarhunderts einen so großen Ein- fluß geübt haben, als Rouffeau. Seine Abhandlung„über die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen", seine„Briefe vom Berge", vor alleni aber sein„Contrat social" lieferten der Revolution jene Grundsäze, welche allmälich die ganze Welt in Bewegung sezten und die Völker für die Freiheit kämpfen machten. Welche� Bedeutung der vom Henker zerrissene und den Flammen überlieferte„Emil" für die menschlich freie Erziehung gehabt, noch heute hat und warscheinlich immer behalten wird, das braucht man am wenigsten in Deutschland auseinander zu sezen; von dem Erscheinen dieses Buches zält auch die deutsche Päda- gogik ihre ruhmreichste Aera.„Rousseau allein," sagt unser *) F. Brock erhoff, dessen trefflichem Werke„Jean Jacques Rousseau", 3 Bände, ich in meiner Erzälung zum größten Teile ge- folgt bin. Geschichtsschreiber F. Chr. Schlosser,„wa�te es, mitten unter dem französischen Adel, im militärischen, hierarchischen, despotisch- aristokratischen Europa die Demokratie einer idealischen Welt zu Predigen." Für dieses Wagnis hat er schwer gebüßt durch das Exil, durch das Unglück, durch die Verleumdung, durch den Haß aller Mächte und aller Gewalten, welche die Menschen beherschen Eine Idylle Vier Monate später schrieb Lucile über jenen neunten August: „Am 9. hatte ich Marseille! zum Mittagsessen. Wir unter- hielten uns sehr gut. Nach dem Essen waren>vir alle bei Dantons. Tie Mutter(die Frau Danton) weinte; sie Ivar sehr nieder- geschlagen; ihr Kleiner(ihr Enkel— Dantons Sönchen) sah der- duzt aus; Danton war entschlossen. Ich, ich lachte wie toll. Sie fürchteten, es würde nicht zum Klappen kommen. Obgleich ich meiner Sache durchaus nicht sicher war, sagte ich, als ob ich es ganz genau wüßte, es sei alles in Ordnung. ,Aber wie kann man so lachen?' sagte mir Frau Danton. ,Ach,' antwortete ich ihr, ,das bedeutet, daß ich heut Abend warscheinlich viele Tränen vergießen werde.' Am Abend brachten wir Frau Charpentier, eine Verwante Dantons, nachhaus. Es war schönes Wetter, wir gingen in der Straße, die von Menschen belebt war, etwas auf und ab. Auf dem Rückweg machten wir noch einmal Halt und sezten uns auf eine Bank neben dem Cafs des Odeonplazes.— Mehrere Sansculotten kamen vorüber und riefen: Es lebe die Nation! Dann Reiter und hinter ihnen ungeheure Menschen- Massen. Ich bekam Angst und sagte zu Frau Danton: ,Wir wollen gehen!' Sie lachte mich aus, aber schließlich steckte ich sie mit meiner Furcht an und wir gingen nachhaus. Ich sagte ihrer Mutter, die sich bald verabschiedete:, Adieu! Es wird nicht lang dauern, so hören Sie die Sturmglocken!' Bei Dantons fand ich Frau Robert(die Frau eines Communebeamten) und viele andre. Danton war aufgeregt. Ich lief zu Frau Robert und fragte: ,Wird man Sturm läuten?' ,Ja,' sagte sie,.noch diesen Abend.'——— Ich hörte alles und sprach kein Wort. Bald sah ich, wie jeder sich bewaffnete. Camille, mein guter Camille, kam mit einer Muskete. O Gott! Ich drückte mich in einen Alkoven, bedeckte mir das Gesicht mit beiden Händen und fing an zu weinen. Da ich aber meine Schwäche nicht zeigen und Camille nicht laut sagen wollte, er möge sich doch fernhalten, sw paßte ich einen Moment ab, wo ich mit ihm sprechen konte, one von jemand gehört zu werden, und teilte ihm alle meine Befürchtungen mit. Er beruhigte mich und versprach, Danton nicht zu verlassen. Seitdem habe ich erfaren, daß er sich dem Feuer ausgesezt hat. Fröron sah aus wie jemand, der entschlossen ist, zugrunde zu gehen. ,Jch bin das Leben müde,' sagte er,.ich wünsche zu sterben.' Jedesmal, wenn eine Patrouille kam, dachte ich, alles wäre verloren. Ich flüchtete mich in den Salon, wo kein Licht war, und sezte mich in eine Ecke, um diese Borbereitungen nicht zu sehen. Niemand war auf der Straße. Jeder- mann war in sein Haus zurückgekehrt." Und auch Lucile kehrte in ihr„Heim" zurück, wohin der kleine Horace sie mit Allgewalt zog. Welche Nacht! Eine Nacht, die auch die Nerven der stärksten Männer auf die Probe stellte. War doch sogar Danton mit seiner„Löwen- kraft"„aufgeregt", als die Entscheidung herannahte. Und nun eine„schwache" Frau! „Schwache" Frau? Lassen wir endlich den überlieferten Unsinn! Sie sind nicht schwach die Frauen— im Gegenteil, sie übertreffen die Männer an Mut, und grade weil sie von zarterem Stoff, haben sie ein heldischeres Wesen, mehr Fähigkeit zu heldischem Handeln und zu heldischem Leiden. Ja, heldisches Leiden— lächelndes Ertragen des Schmerzes, der Folterqual, wenn ein geliebtes Auge auf sie gerichtet ist, und hernach erst, in der Einsamkeit der Trost der Tränen. Wenn es ein Märtyrertum gibt, ist es ein Märtyrertum der Frauen. Ein Mann kann unmöglich ein Märtyrer sein. Wer die Brust dem feindlichen Stal. dem feindlichen Blei darbietet, ist kein Märtyrer, er ist ein Kämpfer, er hat die Lust des Kampfes und, fällt er, so stirbt er den ftölcchen Soldatentod. und die Meinungen regieren— getreu seinem Walspruche:„Das Leben der Warheit zu opfern." Wie ein geheztes Wild ist Rousseau endlich zusammengebrochen; aber unüberwunden, in stralender Glorie schreitet sein Geist noch immer der Menschheit voran, von der immer größere Teile in den Geistcskampf um den Fortschritt in warer Kultur und Gesittung hineingezogen werden. im Erdbeben.».».«i, Wer hat je von Soldaten-Märtyrern gehört? Ter Begriff des soldatischen Kampfs schließt einfach den Be- griff des Märtyrertums aus. Und der Mut der Frauen! Jeder, der im Felde gewesen, weiß, daß es die schwerste Prüfung des Mutes für den Soldaten ist, in feindlichem Feuer zu stehen, das nicht erwidert werden kann. Im Kugelregen dem Feind entgegenstürmen, ist Kinderspiel, verglichen damit. Und diese schwerste Prüfung des Muts sie ist das Erbteil der Frauen. Der Regel nach ist die Frau im Kampfe des Lebens genötigt, die feindlichen Schläge hinnehmen zu müssen» one sie erwidern zu können. Sie hat die Leiden des Kampfes zu tragen, one seine Lust. Und nicht blos für sich allein; für den kämpfenden Mann, für den Geliebten, für den Son empfindet das Weib die Qual des Kampfes, welche diese in der Erregung des Kampfes nicht empfinden; und sie enipfindet sie zehnfach verstärkt, hundertfach verstärkt.— Die arme Lucile!—— Was sie in jener Schicksalsnacht gelitten, kann sich nur schwach in ihren Auszeichnungen widerspiegeln, obgleich die Qual ihres Herzens aus jedem Wort spricht. Wärend sie tausend Tode für ihn starb, sezte Camille sich leichten Sinns der Gefar aus. Hätte ihn eine Kugel getroffen, er hätte lächelnd das Leben für das Vaterland hingegeben.— Um Mitternacht begann das Sturmläuten; eine nach der andern regten die Glocken von Paris ihre ehernen Zungen— voran die von Saint Germain l'Auxerrois, die, fast auf den Tag, vor 220 Jaren(am 24. August 1572) das Signal der Bartholomäusnacht gegeben—, alle andern übertönend, die Riesen- glocke von Notre Dame. Und Paris folgte dem Rufe der Glocken. Erst in kleineren Abteilungen, dann in dichteren und dichteren Massen wälzte das Volk sich den Tuilericn zu, die, ivolbefestigt und von den tapferen Schweizern verteidigt, eine mächtige Cita- belle bildeten. Es war ein blutiges Ringen. Jeder Schuß ging der armen Lucile in das Herz. Wunder der Tapferkeit und der Aufopferung auf beiden Seiten! Die Tuilerien fielen und mit ihnen das Königtum.--— Wenige Tage zuvor(25. Juli) hatte der Herzog von Braun- schweig sein berühmtes Manifest erlassen und, an der Spize der Koalitionstruppen und der racheschnaubenden Emigranten, Frank- reich, falls es sich nicht bedingungslos unterwerfe, mit Feuer und Schwert, Paris mit der Vernichtung bedrot,— er hatte jezt eine Antwort. Die erste. Doch die preußische Armee nebst den Emigranten stand nur wenige Tagmärsche von Paris.--- Am zehnten August— dem verhängnisvollen Freitag*) des Tuilericnsturms— kam nach beendigter Schlacht Camille zu seiner Lucile zurück. Der Vulkan brodelte und kochte fort. In den ersten Septembertagen neuer Ausbruch, mit Blut- strömen statt der Lavaströme. Das gräßliche Septembergemezel, diese umgekehrte Bar- tholomäusnacht, diese„Pariser Bluthochzeit des Volks", war die zweite Antwort auf des Braunschweigers Manifest. Und die dritte und endgiltige Antwort wurde am 20. Sep- tembcr bei Balmy gegeben, in jener wunderbaren Kanonen- schlacht, in der Goethe, der dabei gewesen, das Kanonenfieber und die neue Weltwende entdeckte. *) Der 9. August war also ein Donnerstag, nicht Dinstag, wie es in Nr. 27 irrtümlich heißt. Lucile ist aus der Geschichte verschwunden. Das Glück hat keine Geschichte. Und Lucile war glücklich— glücklich inmitten des Erdbebens und der ununterbrochenen Vulkanarbeit. Die Felsblöcke wurden hin und hergeschleudert,— doch das verstolene Fleckchen Erde, wo die rotumsäumten Gänsblümchen und die blauen Glockenblumen so vergnügt blüten, blieb unberürt Familicnerziehung für ArmenhauSkinder. Die Schrecknisse des englischen Workhouses(Armenhauses) sind bekant, und wer wissen will, wie es den Kindern erget, die mit ihren Eltern in diese Stätten des Jammers gesperrt werden, derbraucht blos den„Oliver Twist" von Dickens zu lesen. Da hat er ein treues Bild. Es ist war, das- selbe ist schon vor länger als 40 Jaren gezeichnet, aber es trist heute noch zu. Die Kinder, welche im Workhouse erzogen werden— richtiger, welche das unglückliche Glück haben, im Workhouse nicht zu sterben— denn Leben kann man das nicht nennen— sind elende Geschöpfe, sich selbst und ihren Mitmenschen zur Last, die in der Regel, wenn sie von Natur Energie haben, im Zuchthaus oder am Galgen enden, und wenn nicht, in irgend einem Loch verkommen. Die frommen Herren Engländer, die alljärlich Millionen für die Bekehrung der Heiden und Traktätchen ausgeben, scheinen das treffliche Wort von der Menschenliebe, die zu aus anfängt— charity begins at hörne— leider nicht zu kennen. ndes hier und da werden doch von den Armenpflegern Versuche ge- macht, eine Besserung hcrbeizufüren und das Los der Pauperkinder günstiger zu gestalten. So hat man in Schottland und einzelnen Teilen Irlands das sogenantc Boarding-out-Systcm eingefürt— d. h. statt die Kinder im Workhouse(der Union) zu behalten, gibt man sie bei Familien in Kost und Logis. Die Resultate lassen, den uns vorliegenden Berichten gemäß, nichts zu wünschen übrig. Betrachten wir z. B. den Bericht der Union(Workhouse für mehrere Kirchspiele) von Cork(Irland), der sich über die lezsten 18Jare erstreckt. In diesem Zeitraum waren KSV Waisenkinder zu versorgen. Dieselben wurden sämtlich bei kleinen Far- mern(Bauerpächtern) und bei relativ gut situirtcn Landarbeitern in Kost und Logis gegeben. Zweihundert und neun von diesen 650 sind noch bei ihren Pflegeeltern; 20 sind gestorben und von den übrigen 421 sind 417 von ihren Pflegeeltern ganz in die Familie aufgenommen oder untergebracht worden, und nur vier sind nach Ablauf der Pflegzeit vor kurzem ins Workhouse zurückgekehrt und suchen Stellen als Dienst- boten. Es versteht sich, daß solche Resultate nicht hätten erzielt werden können, wenn die Auswal der Pflegeltern nicht mit der peinlichsten Sorgfalt erfolgt wäre. Zu bemerken ist noch, daß die Kinder durchschnittlich drei Pfund Sterling— KV Mark— weniger kosten, als die Kosten im Work- house betragen würden. So weit ganz gut. Und nun kommen die„aber". Wenn man aus den Ersarungen der Corker Union— denen in Schottland ähnliche zur Seite stehen— allgemeine Folgerungen ziehen und nun glauben wollte, durch Unterbringung der Waisenkinder — oder verwarlosten Kinder— in Familien statt in Anstalten, wäre das Los der Kinder gesichert, so würde man sehr irren. Und gerade um vor dieser Illusion zu warnen, bringen wir die Sache hier vor, da wir Grund haben zu glauben, daß aus dem Corker Beispiel auch für Deutschland Kapital geschlagen werden soll. Der Unfug des„Zieh- kinderwesens" greift immer mehr um sich. Wir haben schon bemerkt, daß nur in Irland und Schottland das „Boardingout-System" die Probe bestanden hat. Nicht in England. In England sind einige Versuche gemacht worden, die aber mislungcn sind, und dann hat man nicht weiter probirt. Warum dieses Mislingen in England, neben dem Gelingen in Schottland und Irland? Die Erklärung ist einfach: Irland und Schottland, wenigstens alle diejenigen Bezirke, um welche es sich hier handelt, sind vorwiegend ackerbautreibend, mit ländlichem Charakter, während England durchweg industriell und kommerziell ist, mit städtischem Charakter. Unter patriarchalischen Verhältnissen, wie sie namentlich in Irland existiren, sind solche Erfolge, wie der Corker Bericht sie ausweist, aller- dings möglich; in einem modernen Kulturland, das mit allen Vorteilen der Kultur auch die Nachteile des gesteigerten Kampfes um das Dasein auszuweisen hat, sind sie aber nicht möglich. Und gleich England ge- hört auch unser Deutschland in diese Kategorie. Es mag abgelegene, von der Kultur noch wenig beleckte Gegenden geben, wo vielleicht die Corker Erfolge annähernd zu erreichen waren, allein das würden blos seltene Ausnahmen sein. Im großen und ganzen ist Miscrfolg sicher. Fassen wir doch einmal die Klassen der Bevölkerung ins Auge, welche iu unseren Städten— und um diese handelt es sich— zur Aufnahme von Waisenkindern oder verwarlosten Kindern bereit wären. Sind sie etwa in der Lage, den Kindern ein physisch und von dem Erdbeben und der Vulkanarbeit.— Fast zwei Jare lang ist Lucile aus der Geschichte verschwunden. Da taucht sie Plözlich auf. Der Felsblock, an den das verstolene Fleckchen Erde sich an- gelehnt, ist ins Rollen gekommen. Wehe den rotumsäumten Gänsblümchen und den blauen Glockenblumen!(Fortsezung folgt.) moralisch gesundes„Heim" zu bieten. Nein! Wer„Ziehkinder" nimt, wird es in 99 von 100 Fällen ausschließlich der Prämie des Pflcgegcldes wegen tun, das Kind also als Ausbeutungsobjekt betrach- ten; und in 99 Fällen von 100 wird er weder passende Wonräume noch geeignete Familienverhältnisse haben. Wir haben das abschreckende Exempel der„Engelmachereien". Ob die Kinder einige Jare jünger oder älter find, das ändert nichts an der Sache. Und in einzelnen, zum Glück noch vereinzelten Gegenden Deutschlands hat sich ja auch bereits das dem„Boardingout-System" än- liche Ziehkinderwesen eingebürgert, und die traurigsten Resultate ge- liefert. Kein Zweifel, es gibt kinderlose Leute, die ein Pflegekind zu sich nehmen, um es zu lieben, um die Leere ihres Heims auszufüllen, aber sie werden der Regel nach Kinder von Freunden oder Vcrwanten nemen. Es ist ja war, in unseren Waisenhäusern und sonstigen Versorgungs- anstalten für Kinder geht es den armen Dingern gar traurig, und werden sie meist um ihre Kindheit geprellt, wo nicht um ihr Leben, indes wir glauben, daß hier durch bumane Reformen sehr viel ge- tan werden kann, wärend wir das System des In-Kostgebens in un- seren Städten und verstädteten Landbezirken für prinzipiell Verderb- lich halten. Ehe wir schließen, sei noch einer bedeutsamen Nachricht erwänt, die wir soeben in englischen Zeitungen finden: nämlich in einem der größten Londoner Kirchspiele, Sankt Pancras, sind für die jezt in Aussicht stehen- den Walen der Workhouse- und Armcnverwaltung eine Anzal von Frauen als Kandidatinnen ausgestellt worden. Und zwar wird dies damit be- gründet, daß das St. Pancras-Workhouse, welches mehrere tausend Insassen hat, zu 60 Prozent von Frauen und Kindern bewohnt ist, die weiblicher Pflege bedürfen, wenn den einfachsten Geboten der Menschlichkeit Rechnung getragen werden soll. Die deutschen Einrichtungen sind ja andere,— wir glauben aber, daß auch in Deutschland mancher Misstand beseitigt, manche Härte ge- mildert würde, wenn man gebildete, edelherzige Frauen in die Leitung aller Anstalten heranzöge, welche die Bildung und Erziehung von Kin- dern bezwecken und der Armcnversorgung gewidmet sind. Ib. Carlyle's Erinnerungen. Remioisoenoes by Carlyle— unter diesem Titel hat Carlyle's Schüler und Freund, der Geschichts- schreiber James Anthony Froude, die hinterlassenen Memoiren und autobiographischen Skizzen Carlyle's in zwei Bänden veröffentlicht. Das Buch ist kaum einen Monat nach dem Tode des„Weisen von Chelsea" erschienen: Herr Froude hat sich also jedenfalls mit der „Erfüllung seiner Mission" sehr beeilt. Das Original liegt nicht vor uns, aber nach den uns zu Gesicht gekommenen Besprechungen und reichlichen Auszügen in englischen Blätter» hätte Hr. Froude besser getan, wenn er sich weniger beeilt hätte. Er hat offenbar mit dieser Hast, jedes Räuspern und Spucken seines Heros(der beiläufig ja auch Carlyle's Oberheros war) der Mit- und Nachwelt zu obligater Be- wunderung kund zu tun, weder sich noch seinem Heros einen Dienst geleistet. Die Hast Froude's ist um so tadelnswerter, als, wie er selber in seiner Vorrede mitteilt, ihm Carlyle betreffs der meisten Manuskripte eine„sorgfältige Revision" anempsolen hatte. Ist er doch so naiv, in besagter Vorrede offen zu bekennen,„daß die meisten der(von ihm veröffentlichten!) Papiere augenscheinlich nicht für die Berössent- lichung bestirnt waren". Doch daß Carlyle die vollständige Ver- öffentlichung nicht wünschte, war in Hrn. Froude's Augen nur falsche Bescheidenheit des Oberheros, und der Heroworshipper(Heldenanbcter) hatte dem Oberheros gegenüber die Pflicht, dessen Räuspern und Spucken und Schlimmeres, der falschen Bescheidenheil des Oberheros zum Troz, dem Publikum zur Anbetung zu konserviren. Man kent ja den Dalai- Lama-Kultus. Und so hat denn die Heroworship sich an ihrem Hohen- Priester schwer gerächt, was au kbnck poetische oder historische Gerechtigkeit ist. Die„Reminiscences", welche außer den Aufzeichnungen Carlyle's eine Samlung der Brise seiner Frau enthalten, wimmeln von Geschmack- losigkeiten, von Rücksichtslosigkeiten und von charakteristischen kleinen Zügen, die den Heros durchaus nicht in ein glänzendes oder vorteil- Haftes Licht stellen.„Es gibt nur einen Gott, und das ist Carlyle, und nur einen Propheten, und das ist wiederum Carlyle, und etliche Heroen und eine Heroine— und der Rest ist Humbug, Cham, Dumköpse, Narren!" Yoilä tout— das ist die Essenz der ganzen Weisheit. lieber die Personen, mit denen Carlylc verkehrt und die ihm nicht sympatisch sind, über Schriftsteller, die er liest und die ihm nicht sym- patisch sind, wird in der wegwerfendsten, herzlosesten und brutalsten Weise geurteilt. Coleridge, von dem er aufs freundlichste aufgenommen ward, ist ein„ausgeblasener, ängstlicher, zerstreut aussehender, fettiger (kattisd) alter Mann, der von nichts interessantem spricht"; Heine wird abgetan mit:„der Lump Heine"(KIucKZuard Heine); Charles Lamb und seine Schwester sind„ein trauriges Par Phänomene"; Sir William Molesworth ist„ein armseliges, engherziges Geschöpf"; Lady Holland„eine Art hungriger, aufgepuzter Hexe, die mich mit Kannibalenblicken betrachtete" u. s. w. Doch das sind blos Ungezogenheiten, oder— Geistreichigkeiten, die mehr das Herz oder den Takt unsres Oberheros angehen. Das vollkommen defekte Denken desselben, seine absolute Un» wissenschaflichkeit erhellt aus den Bemerkungen über Darwin. Das Werk„Hu Lxocies" hat für Carlyle„nur deshalb Wert, weil es die launische Dumheit des Menschengeschlechts andeutet"(inckicutinx tü« capricious stupidity of mankind). Wie er dies in dem Werke entdecken konte, ist sreilich ein Rätsel, denn er hat es nie gelesen!„Ich konte nie eine Seite davon lesen, und nicht den kleinsten Gedanken daran verschwenden." So schreibt Carlyle von Darwin. Man siet, wie Recht wir gehabt, als wir in unsrer neulichen Skizze dem„Weisen von Chelsea" das Verständnis der modernen Wissenschaft- lichen Bewegung und Weltanschauung absprachen und ihn dem acht- zehnten Jarhundert zuzälten. Doch es selt auch nicht an woltuenden Momenten in den „Reminiscences",— warhaft ergreifend sind die Partien, die von Carlyle's Frau handeln. Sie ist die Heroine, deren wir vorhin er- wänten; ihr hat er seine literarische Karriere, sein häusliches Glück, seine Stellung in der Gesellschaft verdankt,— ihrem Andenken ist ein beträchtlicher Teil der„Reminiscences" gewidmet. Kurios ist eine Bemerkung, die Carlyle einmal über sich selbst macht. Mehrere Jare lang hielt er, um sein Einkommen zu ver- mehren, Vorlesungen über Temata, mit denen er sich grade schrift- stellerisch beschäftigte, und die seitdem auch gedruckt worden sind. Sie waren sehr besucht und wurden allgemein gelobt. Carlyle gefielen sie aber garnicht,„sie waren", so schreibt er in sein Tagebuch,„ein ab- scheuliches Gemisch von Prophetentum und Schauspielerei"(a detestable mixture of prophecy and play-actorism). Ob das Wort blos die Vor« l e j u n g e n Carlyle's trifft? I-. Lager einer Karawane. Das Bild auf Seite 352 zeigt uns eine Szene aus dem Verkehrsleben Indiens, dieses von der Mutter Natur so üppig ausgestatteten Teiles unsres Planeten. Unsre Reise- gesellschast hat Halt gemacht, um von den Strapazen der Reise aus- zuruhe» und um Waren und Reisende, welche ihrer Obhut anvertraut sind, desto sicherer an den Ort ihrer Bestimmung zu bringen. Ein Teil der lezteren hat in dem vor den Straten der heißen Sonne Indiens Schuz gewärenden Zelt plazgenommen, der Rest rut aus oder bereitet die stärkende Malzeit unter dem schattenspendenden indischen Feigenbaum. Dieser, woltätig als Schatteilspender, zeichnet sich beson- ders durch seine Luftwurzeln aus, die, von den Zweigen ausgehend, in dem Boden sestwachsen. Er wächst im tropischen Indien aus den Kronen der Palme heraus, in die die Vögel die Kerne seiner Früchte fallen ließen. Tie Palme stirbt allmälich ab, aber unterdessen haben die Beste in der Erde so fest Wurzel gesaßt, daß er selbständig gedeit und sein Gestrüpp eine Ausbreitung von hundert Meter und darüber erreicht. Verschiedene Produkte Indiens, wie zum Beispiel das Baum- wollengewebe, waren schon im Altertum bekant, und es ist ganz natür- lich, wenn der Handelsverkehr in und mit diesem fruchtbaren Lande, in dem fast alle Bodenprodukte der übrigen Weltteile gedeihen, sich mit den Jare» bedeutend gehoben hat. Nameutlich aber nachdem sich die geschäfts« kundigen Engländer dort sestgesezt. Fallen doch nach den Angaben von Emil Schlagintweit(„Indien in Wort und Bild") 40 pCt. des engli- scheu Gesamthandels allein auf den Verkehr mit Indien, und werden doch von den Engländern järlich mehr als für eine Milliarde Waren aus Indien bezogen oder dorthin exportirt. Früher wurde nun dort der Landverkehr hauptsächlich durch Ochsengespanne vermittelt, und zwar aus 30 bis 40 Tagereisen Entfernung. Der Getreide- und Salz- Handel wurde fast ausschließlich von einem wandernden Volksstamme, den Bandscharas, vermittels Lasttieren besorgt. Dieses unfern Zigeunern änliche Völkchen— heute nimt es in Indien dieselbe Stellung wie diese ein— wird auf 201 000 Mitglieder angegeben und ist mit wechselnden Namen vom Himalaya bis zur Südfpize Indiens anzutreffen. Seine Herkunft ist dunkel, von den Forschern wird es als der Ueberrest eines alten Hirtenstammes betrachtet. Bandschara bedeutet Händler, sie selbst nennen sich Gohur, sind nie seßhaft geworden und wonen in Zelten. Besonders hoch standen sie in Ansehen in Kriegszeiten, weil sie die Lebensmittel den Kriegsürenden mit einer Pünktlichkeit herbeischafften, die sonst nur der besten Intendantur eigen ist. Heute sind sie durch die auch in Indien mehr und mehr die Verkehrsvermittlung über- nemendeu Eisenbanen ihrer früheren Handelstätigkeit enthoben, und nur nach den Gegenden, wo das Dampfroß ihnen noch nicht seine übermächtige Konkurrenz macht, füren sie auf ihren Saumtieren die verschiedensten Bodenprodukte. Eisenbanen sind, wie sehr erklärlich, durch die Nuzbarmachung des indischen Bodenreichtums seitens der Engländer, vielfach gebaut worden, und übertreffen, was luxuriöse Ausstattung und Einrichtung der Wagen für den Personenverkehr an- belangt, nach den Schilderungen von Reisenden, diejenigen Europas. Besonders wendet man viel darauf, um die Reisenden gegen die in den heißen Monaten sehr lästige Sonnenhize zu schüzen. Im übrigen ist für Schlaf- und Toilettenzimmer Sorge getragen. Für den sonstigen Verkehr der Reisenden ist durch Anlegung von Kunststraßen gesorgt. Rasthäuser sind angelegt, in denen der Europäer gegen Erlegung von 2 Mark sich den ganzen Tag aushalten kann. Ein solches Rasthaus bestet aus einem von einer Säulenhalle umgebenen Erdgeschoß mit zwei, an sehr belebten Straßen mit vier luftigen, weißgetünchten Zimmern, die einfach möblirt sind, und zu denen je eine Badestube gehört. Ein viereckiger, ziemlich großer Tisch, zwei bis drei Rorstüle und eine aus Bambus geflochtene Bettstelle machen das Mobiliar aus; Betten muß sich der Reisende mitbringen. Die Küche soll sich allgemein durch Un- reinlichkeit auszeichnen; dagegen soll der Jndier auf der Reise im Freien mit ganz primitiven Mitteln ein schmackhaftes Mal bereiten können. Die Eingebornen reisen in einfachen Wagen, die teils mit Pferden, teils mit Ochsen bespant sind. Borneme Eingeborne spannen vor ihre mit reichem Zierrat versehenen Dachwagen Büffel, selbst Kameele und Elefanten. Die Europäer reisten früher mit dem sehr kostspieligen Palki, einer Tragbare, welche die Länge eines Mannes hat, bis aus die durch Jalousien verschließbare Tür geschlossen ist und von vier Trägern durch daran befestigte Stangen getragen wird. Troz des sehr hohen Preises, den der Reisende für die genante Art des Transportes zalen mußte, hatte er oft Unannemlichkeiten mit seinen Trägern, indem diese, in der Meinung, sie würden nicht genügend für ihre Leistung entschädigt, den Palki samt seinem Insassen im freien Felde stehen ließen. Der zweirädrige Tongawagen, ein vier- bis sechssiziger Omnibus, ist dagegen ein billigeres Beförderungsmittel. Er wird von einem bis zwei Pferden gezogen, seine Wände sind ringsum von Fenstern durch- brachen, die mit Borhängen versehen sind. Zu dem komt noch der Dak-Gari, ein vierrädriger, mit einem Pferde bespanter Extrapostwagen, der garnicht zum Sizen eingerichtet ist, sondern zum Liegen auf einer Matraze, welche sich aber der Fargast selbst mitbringen muß. Da, wo die Eisenban alle diese Verkehrsmittel ersezt, dient er nur noch als Eilwagen zur Beförderung von Postslücken, aber auch Reisende werden in ihn ausgenommen. Jedenfalls ist er aber an diesen Stelleu be- deutend ins Hintertreffen geraten, genau wie die Tiere aus unserm Bilde, aus dereu Rücken jarhunderte hindurch der Mensch nebst seinen Schäzen seine Reisen im Orient machte. nrt. Klein Mütterchen(Bild S. 353.) Es ist wiederum einer der einfachsten von den allen bekanten Borgängen, welchen einer unsrer bedeu- tendsten Künstler, L. Knaus, zu der vorliegenden Illustration zum Ge- genstande genommen u. meisterhast ausgefürt hat. Die kleine zweijärige Lotte ist ein aufmerksames Kind wie die meisten Kinder ihres Alters, denen die nötige Pflege zuteil wurde. Sie hat denn auch die Sorgsalt bemerkt, mit der ihre Mutter ihr kleines sechs Wochen altes Brüderchen im Wickelbett herumträgt und über die Bedeutung dieser Tätigkeit ihre Schlüsse gezogen. Dazu komt noch, daß Nachbars Elise östers ihre Besuche macht und dann mit ihrer großen Puppe, dieselbe altklug im Arme wiegend, im Zimmer auf- und abspazirt. Erfinderisch beanlagt, hat sie nun in Ermangelung einer Puppe, einen Kohlkopf, den ihr Müt- terchen allerdings einem anderen Zwecke bestimmt, wie Figura zeigt, ge- schickt in ein Tuch verpackt und dieses erste Produkt ihrer künstlerischen Tätigkeit gibt nun das uns etwas primitiv, ihr vollgewichtig genug erscheinende Objekt ihrer Pflege. Es ist freilich nur kindliches Spiel, aber zeigt sich nicht schon in dem harmlosen Tun und Treiben unserer Kleinen der angeborne Keim zum sittlichen Vorwärtsstreben? So war es ist, daß der Mensch nur durch das Leben in der Gesellschaft, durch die Kunst der Erziehung zum Menschen werden kann, so war ist es auch, daß die Fähigkeiten, welche die Pädagogik entwickeln und ent- falten soll, sein ursprüngliches Eigentum sind. Und so sehr sich auch in der frühen Entwicklung des Menschen der Hang zum Tierischen, die Freude an der Zerstörung-c. bemerkbar macht, wir werden ebensowenig an ihm zu gleicher Zeit die Neigung zum Guten, Menschlichen vermissen. Ja, wäre diese Neigung nicht die stärkere, so wäre ein Fortschritt zur Vermenschlichung des Menschen undenkbar. Der hochbedeutende Fonds des Guten, den unsere vielfach mangelhafte Kultur aufweist, ist das Re- sultai dieses stärkeren Triebes, der sich bereits im kindlichen Spiele offen- bart. An diesem, d. h. am Spiel, soll dann auch die Erziehung an- knüpfen: spielend den Menschen zur Arbeit, der wichtigsten Kultur- schöpferin erziehen, ist ihre vornehmste Aufgabe. Ob diese Gedanken dem Maler unseres Bildes vorgeschwebt haben, wollen wir nicht be- haupten, obwol nicht allzuviel Phantasie dazu gehört, dies aus seinem Werke herauszulesen. Sein Schaffen war hier wol mehr darauf ge- richtet, einen der vielen, für Eltern und Kindersreunde so schönen Mo- mente darzustellen. Wie vortrefflich ihm das gelungen ist, zeigt seine Arbeit selbst; denn man braucht nur unserem kleinen Lockenkopf in sein unschuldiges Gesichtchen zu blicken, um dafür die beste Bestätigung zu erhalten. Man wird dann auch mit uns zu der Ueberzeugung gelangen, daß unser kleines Lottchen, wenn sie später einmal ihren ebenso schönen wie ernsten Berus als Mutter zu erfüllen hat, dies im vollen Bewußt- fein ihrer heiligen Pflichten tun wird. nrt. 360 -Aus allen cZFinkeln der Zeillikeralur. Flammcnschuzmittel. Das gräßliche Unglück— dessen Kentnis wir wol voraussezen dürfen— auf dem münchener Künstlermaskenfest regt auch wieder die Frage an, ob es nicht möglich sei, leicht enlzünd- bare Gegenstände durch tränken mit irgend welchem Stoff gegen die Flammen zu schüzen. Man kent namentlich zwei Körper, welche sich hier als besonders zweckentsprechend erweisen: das Wasserglas und das wolframsaure Natron. Ersteres ist eine Berbindung�von Kieselsäure und Natron, die man durch Zusammenschmelzen von Sand und Quarzpulver mit dem halben Gewicht wasserfreier Soda und Lösen der Schmelze in kochendem Wasser erhält und eignet sich beson- ders als Schuzmittel für Holz und steife Leinwand, Teaterkulissen und dgl. Es gibt diesen leicht Feuer fangenden Materialien eine minera- lische Oberfläche, die einmal als schüzende Hülle wirkt und das andre mal den Zutritt atmosphärischer Lust verhindert zu dem leicht verbren- baren Gegenstand. Je dichter diese schüzende Decke ist, desto wider- standssähiger ist sie gegen die Flamme, und ich selbst machte einst eine Probe mit einem Stück Holz, das zum Umrüren von Wasserglassarbe gedient und von dieser folgedessen eine dicke Kruste empfangen hatte, indem ich genantes Holzstück in die volle Glut eines Koksosens steckte, und fand, daß dasselbe erst zu brennen anfing, nachdem nach längerem Warten erst die Glasur abgesprungen war. Läßt sich nun auch durch Wasserglasanstrich keine absolute Feuerbeständigkeit erzielen, so erzielt man doch eine Widerstandsfähigkeit, die es ermöglicht, bei rechtzeitigem Bemerken des ausbrechenden Feuers dasselbe im Keime zu ersticken. Da nun das Wasserglas aus den damit bestrichenen Gegenständen einen spröden Ueberzug bildet und infolgedessen diese steif macht, so eignet sich dasselbe weniger zum Jmprägniren von Kleidungsstücken, die sich den Körpersormen anschmiegen sollen. Am besten soll sich zu diesem Zwecke wie Dr. K. Häussermann im„Gewerbebl. für Würtemberg" mitteilt, von allen dazu empsolenen Chemikalien, wie Kochsalz, Borax, Phosphor- saures Natron, schwefelsaures Ammoniak, das wolframsaure Natron eignen. Es wird gewonnen durch Schmelzen von Wolframerz mit wasserfreier Soda und nach dem Umkrystallisiren in Form weißer Na- dein in den Handel gebracht. Will man Kleiderstoffe damit tränken, so löst man es in der fünffachen Menge lauwarmen Wassers, welche Lösung man gewönlich noch mit einem geringen Quantum Phosphor- saurem Natron versezt. Der betreffende Stoff wird damit vollständig getränkt, nachher ausgerungen und an einem mäßig warmen Orte ge- trocknet. Das darin zurückbleibende Wolsramsalz schüzt die Stoffe eine zeitlang vor dem Verbrennen, und sie brennen, selbst wenn sie entzündet werden, nur langsam fort. Dabei verhindert die Masse durchaus nicht das Biegen der Kleiduugsstoffe.' urt. Erfrorene durch Wärme zum Leben zu bringen ist ein Ex- periment, das man bislang für ganz zweckwidrig hielt. Neuere Physio- logen empfelen jedoch insolge von Erfarungen, die sie an Tieren gemacht haben, die sofortige Anwendung heißer Bäder von 3v Grad Reaumur oder auch noch einigen Graden mer, und die Unterbringung des Ber- unglückten in einem auf 23 bis 24 Grad erwärmten Zimmer. Von 20 in den Zustand des Ersrorenseins gebrachten Versuchstieren starben bei den in kaltem Räume vorgenommenen Bemühungen zur Wiederbelebung 14, von andern 20, welche man sofort in ein heißes Zimmer brachte, nur 8, und von 20 schleunigst in heißem Wasser gebadeten blieben alle am Leben und waren ganz ausfällig rasch imstande, sich wieder zu bewegen und alle ihre Glieder zu gebrauchen. xz. Eine Fachausstellung von Geräten, Arbeits- und Kraft- Maschinen für das zileingewerbe wird noch in diesem Jare in Altona abgehallen werden. Insbesondere werden auch Maschinen und Geräte für die Milchwirtschaft, die Butter- und Käsefabrikation zur Ausstellung gelange». xz. literarische QÜmfchau, „Zu Frlz Rcuicr! Praltilchc Anlntung zum Lerständnii des Plattdeutschen an der Hand des ersten uapitels des griz Reuter'schen Romans ,Ut mine Ttromiid'. Von Dr. Alired v. d. Beide. 2. Aufl. Leipzig 1881. C. A. Lochs Verlagsbuchhandlung (3. Sengbusch)." Der Versasscr berust sich im Vorwort mit Recht daraus, bah Friz Reuter zu den größten deutschen Dichtern gezält wird und daß niemand ihn völlig nach Gebür zu schäzen vermag, der nicht in das Verständnis des Plattdeutschen eingedrungen ist. Dieses Bersländnis ist lange nicht in dem nötigen Mähe durch einlaches„Einlesen" in Reuters Werke zu erlangen; ganze Reihen von Worten und Wendungen können aus diese Weise nur salich oder halb versianden werden und lagen den Leser nicht zum Boll- geuuh der reutcr'schen Dichtungen kommen. Deshalb muh man Platideutsch lernen, um Reuter j» verstehen, und einen arohe» Dichter in seinem ganzen Denken und Fülen zu erlassen, ist gewiß der nicht großen Muhe wert, das kaum vier Druckbogen starke und durchaus populär gehaltene interessante Werkchen Dr. v. d. Veldes durchzustudiren. xv. „Was ist ftrasbarer Wucher? Für das Volk nach dem deutschen Wnchergeseze gemeinverständlich beantwortet und an Beispielen erläutert von Dr. zur. I. Laeubler. Leipzig, Karl Scholtze, 1881." Tie Auseinandersezungen über das am 24. Mai 1880 in Kraft getretene Wuchergesez, welche diese 2i;ä Bozen starke Broschüre gibt, sind knapp und klar gehalten und erschöpfen ihren Gegenstand, soweit die große Mehrheit des Volkes an der Beantwortung der im Titel gestellten Frage ein Intereffe hat. Die zur Illustration der Motive des Gesczes angesürten Fälle sind geschickt gewält und lassen in der Verständlichkeit ihrer Beziehungen zu den betreffenden Gesezesbestimmungen nichts zu wünschen übrig. xz. „Der neue Spiritismus. In seinem Wesen ausgezeigt und nach seinem Werte geprüst von Dr. Joseph Dippel. Würzburg 1881. Leo Wörl'sckie Buch- und kirchliche Kunstverlagshandlung. sTer ,K ato Iis chen Studien' VI. Band. Hest i 2.)" Der Bersaffer stet ans dem Slandpunlte des ftreiigsien katolischen Kirchenglaubens und hält demgemäß einen Berkehr der„abgeschiedenen Geister" mit unsrcr Menschenwelt von vorn- herein für leicht möglich. Die Frage(S. 12) lag ihm daher sehr nahe i„Sollte es ein bloßer Zufall sein, daß grade in der zweiten Hülste des IS. Jarhunderts der Spiritismus zu einer kaum geahnten, früher nicht für möglich gehaltenen Ausdehnung gelangt ist? Sollte es ein blos äußerliches, durch keinen innern Grund bedingtes Ereignis sein, daß zu einer Zeit, wo eine ateisliiche, materialistische Wiffenschasi den großen Ton angibt und mit Emphase behauptet, nur der Materialismus allein vermöge eine vernünftige Erklä- rung der Rätsel des Lebens zu geben,— eine ganze Reihe von Erscheinungen austritt, die mit solcher Wucht und Gewalt sich vordrängen, daß sie durch ein hloßes Achselzucken oder vornemes Lächeln oder durch die Redensarten von Aberglauben und Leichtgläubig- keit nicht mehr aus der Welt geschafft oder von der Tagesordnung abgesezt werden können? Wollen wir auch nicht anneme», daß der in allen Ländern sich zeigende Geister- spuk den starre» Materialismus zu brechen geeignet sei, so könte doch einiger Grund gesunden werden zu der Aiiname, daß Gott solche Erscheinungen zu- lasse, um die materialistische Natursorschung vor ein Rätsjcl hinzu- stellen, an welchem ihre soviel gerühmte Erkentiiis eine Schranke findet und sich zu einer größeren Befcheidenbeit aufgefordert sülen soll." Von diesem der Grundlage de» Spirittsmus sehr günstigen Standpunkte aus verfolgt der Bersaffer den Entwicklungs- gang des Spiritismus bis z» seinen historischen Wurzeln hinab und gruppirt die riesige Menge der angeblichen spiriiisiischen Tatsache» in übersichtlicher Weise, one jedoch zu einem andern Endurteil kommen zu können, als zu einem den Spiritismus verdammenden. „Ich schließe meine Abhandlung mit dem Urteile des berühmten Proseffors Fechner. Dieser nent den Spiritismus, obgleich er die spiritistischen Tatsache» anerkent"), eine Abnormität, ein wüstes Wesen, eine Art Verrücktheit, heffen Wachstum viel mehr zu sürchten, als zu sördern ist. Diese Anschauung teile auch ich und füge hinzu, daß besten Besörderurg nicht blos zu sürchten, sondern gradezu verboten ist aus Grund der heiligen Schrift und aus Grund des kirchlichen Urteils. Der Spiritismus ist eine Zeitlrankheit, die hoffentlich bald vorübergehe» wird, um wieder der christlichen Anschauung über Gott, Unsterblichkeit und Jenseits Plaz zu machen. Tai walte Gott!" Dieses aus den ersten Blick manchem gewiß merkwürdig scheinende Berdammungiurteil wird erNärlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der moderne Spiritismus viel zu hochmütig und vielleicht auch zu weltklug ist, um sich— sicut ae oackaver— der Kirche unterzuordnen, wie eS diese nun einmal nicht nur von ihren Tienern, londeru auch von ihren Bundesgenoffen verlangt. Der Spiritismus liebäugelt mit der Todseindin des katolischen CbristentumS— und, will ich hinzusügen, um nicht etwa in den Verdacht einer kleinen Schwäche für den Protestantismus zu geraten,— des einzig waren Christentum»: er kokenirt mit der Wiffenschasi, insbesondere mit der alten Jungser Metaphysik und ihrer Halbschwester, der modernsten Naturphilosophie, die troz ihrer derb materiellen Körpersülle ihrer romantisch-xhantaslischen Jugnidneigungen nicht Herr werden kann. Solche Bundes- gcnoffen kann die Kirche nicht brauchen, daher hat auch der Spiritismus keine Hoffnung, >n Gnaden ausgenommen zu werden, selbst wen» er weniger eigensinnig g-gen die Kirche selbst austräte, als er ei nun einmal ist in seiner Einbildung, in seinem Schöße die einzig-wäre Zukunftsreligion mit der einzig-waren Zulunstswistenschast zu vereinigen. Aber der Spiritismus leugnet sogar— dorridile ckictn!— die Dreieinigkeit, er erklärt die heiligen Sakramente sür überflüssig und unnüz, er stellt die Notwendigkeit der Gnade in Abrede und schreibt jedem einzelnen Menschen die Fähigkeit zu, aus eigner Kraft von der Sünde sich zu reinigen u. s.«. Aus diesem Ebenangesürten get sur jeden guten Christen unausbleiblich die Folgerung bervor, daß der Spiritismus den„Satan und seine Diener" zu Urhebern habe, die„zu dem Blendwerke des Zaubers zu allen Zeiten Licht und Kentnis der Nawrgejeze genug zur Versügung gehabt haben, um den Bös- willigen die von diesen mißachteten, warhast göttlichen Wunder und himlischen Mysterien zu ersezen". Die„Spirits" sind demgemäß„Lügengeisler", die Medien„falsche Pro- pheten" und der ganze Spiritismus ist auch die christliche Sittlichkeit zu sördern durch- aus ungeeignet. Ernstlich anzuerkennen an der circa acht Bogen starken Schrift ist die Gründlichkeit, mit der der Bersaffer aus die ihn beschäftigenden Fragen einget, die Un- umwundcnheit, mit der er sie seinen Grundanschauungen gemäß beantwortet, sowie die Konsequenz und Korrektheit, mit der er alle seine Folgerungen und Schlöffe au» seinen Boraussezungen ableitet. Wer misten will, wie da» Christenttim zum Spiritismus stet, kann nichts befferc» hin, als die Schrift zu lesen. xz. •) Fechner tut dies in sehr bedingter und viel vorsichtigerer Art, als Herr Doktor Dippel! Tie Red. QS.ei»aktionKksrrespoitdenj. »#«n. Frau Marie Z. Neusilber läßt sich sehr gut vuzen mit einer Mischung von suns Teilen gedranlem und gepulvertem Alaun und emem Teil Schlemkreide Dabei haben Sie das Pulver trocken auszutragen. P. T. U. Um da« hypotekarisch ausgeliehene Geld, welches Ibr bäuerlicher Schuldner zu verzinsen Unterlasten hat und das-ie deshalb rechtzeitig gekündigt haben, iurückiu erhalten, muffen Sie Kavital und Zinsen einklagen nud, wenn ein Jhnm gunstiges Erkentiiis ergangen ist, Sudhaslation beantragen. Da, wie Sie schreiben, Ihr Schuldner den größten Teil seines lebenden und toten Inventars verkaust hat und sein Gut absichtlich vernachlässig, und>n seinem Werte schädigt, so können Sie auch den S 50 des Gesezes über den Eigeutuinseriverb zuhülse rufen, der da sagt:„Erhebliche Berschlechtmingen des Grundstücks, durch welche die Sicherheit de» Gläubiger» gesärdet w�, �echNgen denselben, bei dem Prozeßrichter Sicherungsmaßregeln zu beantragen, auch seine Beiried.gui.g� vor der Bers-llzeil zu sördern." Aus Grund diese« Ges zes- d��Civstvrozeß�rdnung dle' Se�httalwii������ �Heit der gjj 79«, 797 und HOO emnjchst'Mft.ttjungm m7ch.m' �«-rhälttiiffe in Argentinien werden wir Iahalt. Herschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).- Ehe- und Hochzeitsgebräuche Kulturaeschicküli-be Skizze von H. Schl.- Ein Verfolgter, von Eduard Sack(Schluß).— Eine Idylle im Erdbeben(Fortsezung).- Familienerziehuna sür Armenhaus- k'nder.— Carlyle s Erinnerungen.— Lager einer Karawane(mit Illustration).— Klein Mütterchen(mit Illustration)- Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Flammenschuznuttel. Erfrorene durch Wärme zum Leben zu bringen. Fachausstellung von Geräten, Arbeits- und Kraft- Maschinen für das Kleingewerbe.— Literarische Umschau.— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30ck).- Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.