M 30. Jllustrirtes Unterhalwngsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Herschen oder dienen? Roman von W. KautsKn. (3. Fortfezung.) Da war es Eugen, der in seiner liebenswürdig gcwanten Manier ein anderes und frölicheres Tema anschlug und Elvira sofort dafür zu interessiren wußte. Und dann kam nian wieder auf das Auftreten der jungen Künstlerin zu sprechen, und Engen bezeichnete Alfred die Rollen, welche sie dafür gewält. Die erste sollte das Gretchen in Gounod's Faust sein, für die zweite war Aida in Aussicht genommen. Elvira hatte mit der Titel- Partie in Mailand die höchsten Triumphe gefeiert, und nun brachte der Impresario diese Oper mit der Mailänder Truppe und der Mailänder Ausstattung und vor allem mit der Mailänder Primadonna nach Venedig. Das war ein Ereignis von der höchsten Bedeutung. Baron Hellenbach wenigstens war der Mei- nung, daß nichts das Interesse der Bevölkerung mehr in An- spruch nemen und nichts den Ruhm der alten Dogenstadt wieder neubelebcn könne, als das Gastspiel der Signora Bianca. Man war ganz in die heitere Stimmung von vorhin zurückvcy'ezt, und Elvira scherzte über die Bewunderung, die ihr zuteil wurde, sie suchte sie zu bespötteln und crgözte sich doch daran. Alfred nam dann Abschied und Eugen geleitete ihn hinaus bis an die Treppe. Elvira erhob sich, als sie allein war, sie ergriff einen Fächer nnd ging mit hastigen Schritten im Zimmer auf und nieder. Dann ivarf sie sich, wie im Unmut, auf das Rundsopha von dunkelblauem Sammet, das von Blumen über- ragt war. Gleich darauf trat Eugen wieder ein. Er hielt eine herrliche, dunkelrote Rose zwischen seinen Fingern; sein Gesicht hatte einen belebteren, fast triumphirenden Ausdruck angenommen, und in küner Behendigkeit wollte er nun die Rose an ihrem Kleide befestigen. Sie rückte von ihm hinweg, und mit einem Lächeln, das halb übermütig abiveisend, halb spöttisch war, nam sie ihm die Rose aus der Hand. „O," machte er zärtlich vorwurfsvoll,„ich meinte, diese Gnade verdient zu haben. Habe ich nicht alles nach deinem Geschmack, nach deinen Bedürfnissen hier eingerichtet? Oder hast du noch einen Wunsch? Nenne ihn mir und er soll erfüllt sein." „Ich wünsche nichts," sagte sie mit dem früheren Lächeln. „Dann sage mir, daß du zufrieden bist." „Ich bin's." „Wirklich. Elvira?" „Vollständig." Sie reichte ihm die Hand. Er riß dieselbe an sich mit dem lebhaftesten Entzücken, und er küßte sie wiederholt. Sie duldete es, wie eine Huldigung, die un- abwendbar und durch Gewönung auch eindruckslos geworden war. Er für gleichwol keineswegs ernüchtert fort:„Begreifft du, wie glücklich ich bin? Endlich wieder eine Stunde mit dir allein; wie lange habe ich darnach geseufzt! Weshalb hattest du damals auch die Einladung der Gräfin Dellaqua, in ihr Palais zu ziehen, angenommen? Sie ließ dich nicht mehr los, du bliebst wärend des ganzen Mailänder Aufenthalts ihr Gast und ich mußte noch ftoh sein, wenn ich dir hie und da die Fingerspizen küssen durfte." Sie lachte laut und übermütig auf.„O, es war köstlich, es hatte mich sehr erlusttgt, aber ich versichere Sie, Eugen, diese schüchterne Minne, diese toggenburgartige Anbetung par distancv paßte Ihnen vortrefflich, und ich habe soviel Gefallen daran gefunden, daß ich wünschte, Sie übten sie noch länger." „Elvira, das ist abscheulich, das ist grausam, was Sie mir da sagen!" Unwillkürlich trat auch bei ihm wieder das„vous" an die Stelle des vertraulichen„Du". Sie zuckte leicht die Achseln, und rasch das Tema und den Ton ändernd, fragte sie freundlich: „Haben Sie das Teater schon besucht, in welchem ich singen soll? Es ist La Fenicc, es soll groß und sehr akustisch sein." „Ich kenne es noch nicht," bemerkte er, merklich herabgestiint. Sie sab ihn sehr verwundert an.„Aber Sie sind doch drei Tage schon in Venedig, haben Sie Sich so wenig mit meinen Angelegenheiten beschäftigt?" „Verzeihen Sic, ich habe mich sehr viel damit beschäftigt, vor allem aber war ich'darauf bedacht gewesen, diese Appartements hier nach Ihren Wünschen und Bedürfnissen zu arrangiren." „Ich danke Ihnen." sagte sie kül, aber in graziösester Anmut ihr Haupt neigend.„Und wo logircn Sie. Eugen?" „Im Grand Hotel am Kanal grande, aber ich füle mich dort nicht ganz behaglich, und sobald hier im Daniel etwas frei wird—" „Hier im Daniel? Sie können doch unmöglich daran denken, mit mir in einem und demselben Hotel zu wonen?!" Er lächelte konvulsivisch und seine Lippen bebten unter der gewaltsamen Anstrengung, seinen Zorn zurückzuhalten. „Freilich nicht, freilich, da Sie doch einmal eigensinnig darauf. erpicht sind, in den Geruch der Unnahbarkeit und Heiligkeit zu kommen." Sie sah ihn starr an mit den schönen, sich vergrößernde» Augen, und kalt und bestimt kam es von ihren Lippen: „Ich möchte mir wenigstens den Schein bewarcn." Dann mit einem Seufzer senkte sie langsam die Augen, und wie un- absichtlich legte sie die Rose, die sie bisher in der Hand gehalten, Vi. ss. «rni 1881. neben sich auf den Siz, sodaß sie zwischen ihr und Eugen zu liegen kam. Er hatte die Lippen aufeinander gepreßt und den blonden Schnurbart fest zwischen die Zähne geklemti er schien nachzu- denken; dann, als wüßte er, daß diese Launen nicht unbesiegbar, machte er eiue plözliche Wendung gegen sie, und er flehte, leiden- schaftlich erregt:„Elvira!" ,,O, meine Rose!" rief sie in einem halb besorgten, halb kapriziösen Ton.„Hüten Sie Sich, sie zu zerdrücken, sie ist so schön, und— sie ist von Ihnen, ich halte darauf." „Nemen Sie sie fort, Elvira, oder ich tue es!" Seine Stimme bebte. „Ich wünsche, daß Sie sie belassen, Eugen, ich wünsche, daß Sie meine Rose, wie meine Stimmungen respektiren." Sie lehnte sich zurück, auch um ihre Lippen spielte ein nervöses Zucken. Er war aufgesprungen, es kochte in ihm, und doch hielt er noch an sich, und doch wagte er nicht, seinen Unwillen, seinen Zorn laut werden zu lasien; er fürchtete zu sehr den ihrigen, und noch mehr ihren Uebermut und ihren Hohn; er durfte sich keine Blöße geben, und um keinen Preis wollte er einen Bruch herbeifüren. So war er ganz der Sklave jenes Weibes geworden, er fülte es, und doch zitterte der Schwächling, sie könte selbst seine Ketten brechen und zu ihm sagen: Geh, du bist frei! Der Gedanke war ihm unerträglich, es durste nicht sein. Mit un- gleichen Schritten ging er auf dem weichen Teppich auf und nieder. Die engen Lackstiefletten drückten ihn, sie vergrößerten seine Pein, aber nichtsdestoweniger gewann er es über sich, leicht und elastisch aufzutreten und seiner Figur die vorteilhafte Haltung zu bewaren. Es war ein mänliches Sichselbftbezwingen, und in unsrer guten Gesellschaft verlangt man von einer verkommenen Mänlichkeit fast keine andern Proben mehr. Elvira verharrte one Bewegung in ihrer Stellung. Nach einer Pause sagte sie dann mit matter, sichtlich angegriffener Stimme:„Eugen!" Er für auf, er sah zu ihr hinüber, ungewiß, stagend, zaudernd. „Bitte, drücken Sie an den Telegraphen, ich bin müde, läuten Sie zweimal, es ist für die Kammerjungfer." Eugen willfarte rasch und kehrte hierauf mit völlig verändertem Wesen wieder zu ihr zurück. „Sie sind müde?" fragte er besorgt.„Sie haben heute eine Eisenbanfart gemacht, und ich konte das vergessen!" „Und ich habe heute soviele neue Eindrücke erhalten,— ich bin erschöpft,— ernstlich angegriffen, glauben'Sie es mir." „Ich klage mich an, daß ich das nicht vorgesehen, daß ich es zu wenig beachtet, und doch war es ersichtlich, ja, Sie bedürfen der Ruhe." �„O, ich werde mich eine zeitlang sehr schonen müssen; meine Stimme hat durch die Anstrengungen, die ich ihr in lezter Zeit zugemutet, etwas gelitten, so scheint es mir, und ich möchte—" „Sie müssen hier in all' dem Glanz Ihrer Stimme und Ihrer Schönheit erscheinen, ich wünsche das so lebhaft, wie Sie selbst, ich wäre untröstlich, wenn eine Indisposition Sie beein- trächttgte." „Dann gute Nacht, und auf Wiedersehen!" Sie erhob sich, und mit einem etwas schwachen, aber charmanten Lächeln reichte sie ihm die Hand zum Abschied. Er küßte sie wiederholt. Die Kammerjungfer trat ein, der Baron nam seinen Hut und ging. Auf der Piazzetta angekommen, warf er sich in eine Gondel. „Nach dem Kasino!" rief er. Dort war die Jeunesse doröe versammelt, dort bildete heute die Ankunft der schönen Prima- donna wol den einzigen Gesprächsstoff des Abends. Dabei durfte er nicht felen. Er wollte von ihr reden hören. Ich muß die fiebernde Neugier kennen lernen, ich will in den Blicken die Er- Wartung lesen, die all' diese Menschen ihr entgegenbringen, sagte er sich. Alle ihre Photographien sind aufgekauft, man Ivird sich um sie reißen und man wird Elvira so verfürerisch schön, so pikant finden, und mich— ach, troz all' ihrer Prüderie, troz all' ihrer Manöver, den Schein zu waren, weiß man doch, daß .ich der Befizer dieses Schazes bin, und meiner Treu, ich will wenigstens die Genugtuung baben, daß man mich darum beneidet. „Oeffnen Sie die Fenster!" rief Elvira, als sie niit dem Mädchen allein war.„Dieser Blumenduft, diese vielen Flammen, es ist entsezlich— es ist erstickend hier!" Sie rief es in fast empörter Erregung. Das Mädchen versicherte, daß die Fenster onedies geöffnet seien. �„Dann drehen Sie alle Flammen aus, alle, alle, und ziehen Sie die herabgelassenen Rideaux hinauf, öffnen Sie auch die Balkontür, ich will Luft, reine, reine Luft! Diese Atmosphäre tötet mich!" Sie war nach dem Fenster geeilt, und als das Mädchen, dem Befehle rasch gehorchend, den seidnen Rollvorhang hinaufzog, sank Elvira, beide Hände vor ihr Gesicht schlagend, in einen Stul. Eine Flamme nach der andern erlosch, es ward dunkel im Salon. Nur an einem entfernten Tischchen brauten die Kerzen eines Armleuchters, in einem beschränkten Umkreis nur eine not- dürftige Helle verbreitend. „Lassen Sie mich allein, Sie können mich im Schlafzimmer erwarten!" Sie sagte es sanft, kaum hörbar. Das Mädchen entfernte sich wieder. Langsam, schwankend erhob sich Elvira und sie trat auf den Balkon hinaus, der nach der Riva ging. Eine süße, laue Luft umfing sie, sie sog sie gierig ein. Es war stille geworden hier außen. Es war gegen Mitternacht und die Riva war menschen- leer. Kein Geräusch von der Straße herauf, nur aus der Ferne, drüben hinter dem Lido, rauschte das Meer. Elvira lehnte sich an die Brüstung und sah hinaus. Das Wasser des Kanals tag in dem schivachen Schein des sinkenden Halbmondes bleiern da und so ruhig, daß die rötlichen Reflexe der Schiffslaternen un- verrückt auf demselben standen. Wo sich die Lagune weitet, erschien das Wasser lichter und duftiger, und da am äußersten Horizont brach ein heller Stral durch die vom Meer auffteigenden Nebel und glizerte auf dem bewegteren Wasser der Lagune. Grade ihr gegenüber, auf der andern Seite des Kanals,� erhob sich in ernster, stolzer Pracht die Maria della Salute, auf deren silbernen Kuppeln oer Schimmer des Mondes lag, und daneben, an der äußersten Landspize und gegen die Lagune gewendet, die Dogana di Mare, mit der großen goldnen Kugel, über der die Silhouette der Forttma zu schweben schien. Elvira sah und sah, und ihre Augen vermochten sich nicht loszulösen von dem Bilde. So schön, so stille, in all' ihren märchenhasten Reizen lag sie da, La bella Benezia, leise schlummernd wie das Meer, das sie umschlungen hält. Und jezt drangen die zitternden Töne einer Guitarre an Elvira's Or und eine Männerstimme begann eines jener alten Lieder, die bald vergessen sein werden und die einst die Gondoliere selbst zu den süßen oder gewaltigen Worten Ariosts und Taffo's komponirt. Es klang so weich, so schmerzdurchzittert, verschönt noch durch die Ferne. Elvira lauschte. Die vollen Lippen öffneten sich ein wenig, gleichsam als könne sie einatmen den Zauber des Liedes. Es klopfte stürmischer in diesem jnngen Herzen. Ein Gesül unsag- barer Sehnsucht stieg in ihr auf und füllte ihre Augen mit Tränen. Sie preßte die kleinen Hände ineinander und dann lösten sie sich wieder, und sie öffnete die Arme weit, als umfinge sie ein Traumgebilde, das durch die Schönheit des Orts, das durch das Schweigen der Nacht ihrer Seele näher gebracht ward. O, könte ich doch einmal, einmal nur an einem Herzen ruhn, das groß und edel denkt, könte ich einmal nur in scheuer Ehr- furcht zu einem Manne aufsehen, einmal einem Blick begegnen, der in ernster, vertrauensvoller Zärtlichkeit den meinen sucht!— Ihre feuchten Augen sahen hinaus, sie irrten in die von einem weiten Horizont begrenzte Ferne. So weit, so weit und un- erreichbar dünkte ihr, nach dem ihr Herz verlangte. Der Sänger schwieg; das Lied verklang. Sie für sich über die Stirne, als wolle sie zugleich mit diesen Tönen etwas aus ihrem Gedächtnisse hinwegscheuchen; und wieder zur Gegenwart nrückgekehrt, gestand sie sich voll Bitterkeit: Nur der Erbärmlich- eit stehe ich gegenüber; von einer niedern Gier entflamt seh' ich alle, die mich umgeben, und ich— ich habe mich gewönt, mich daran zu weiden!— Und warum sollte ich es nicht! Ich hersche über diese Aristokratte des Adels und des Geldes,- aber kann ich sie ändern? Und doch bin ich gezwungen, unter ihnen zu leben, wenn ich in meiner Kunst etwas erreichen will. Ah, ihrer allein bin ich sicher, sie allein bringt mir Befriedigung, sie allein kann ich lieben!— Und wieder sah sie hinab in die dunkle, un- ergründliche Flut. Mit leisem Ruderschlag kam, nahe der Riva, eine Gondel vorüber; schwarz wie ein Schatten und ebenso un- hörbar glitt sie über das Wasser. Elvira blickte ihr nach. Es war wol ein Fremder, ein Künstler vielleicht, der so spät hinaus- für in die Lagune? Sie zuckte leise zusammen unter einem sich ihr aufdrängenden Gedanken. Wenn er es wäre? Friz!— Er könte ja heute schon an- gekommen sein, er wird es morgen oder übermorgen sicher sein. Und ich soll ihn also wiedersehen! Und ich bin's, die ihn her- berufen hat, auf meine Anregung, auf meinen Rat ist es geschehn! 363 Er weiß es nicht, er soll's auch nicht erfaren, wenn ich es hindern kann. Mich soll's allein befriedigen und erfteuen, wenn er bei seinem Austreten hier gefällt, wenn er endlich den engen, drückenden Verhältnissen sich entreißen und zur vollen Anerkennung seiner künstlerischen Fähigkeiten gelangen kann. Mir allein soll er dies zu danken haben! Und er wird dann seine Minna heiraten und glücklich sein.— Glücklich!— O ja, er wird es sein, ich wünschte es ihm aus ganzer Seele. Aber auch dies Glück wird er mir verdanken, denn sie, warlich, sie hat nichts getan, es zu erfüllen. Der Mond sank tiefer, tiefer, in einigen Minuten mußte er hinter der Giudecca untergehen. Eine feuchte Luft wehte vom Meere herüber, Elvira schauerte zusammen; es mußte spät sein. Wie zur Beantwortung tonten in dem Augenblick von der Turmuhr des Marknsplazes die dröhnenden Schläge der großen Erzfiguren, die diese, mit ihren Hämmern weit ausholend, gegen die Glocke fürten. Es war eins. Dein Spuk ist vorüber, Venezia, dein Zauber ist gebrochen! rief Elvira aufatmend. Ich will mich dir nimmer gefangen geben!— Sie wante der Lagune den Rücken und trat in die Tür und in den Salon zurück, lächelnd, schön und stolz, wie eine Siegerin. Drittes Kapitel. In Mariens großem Wonzininier saßen die Schwestern ans dem kleinen Sopha, sich zärtlich umschlungen haltend. Die beiden, die einst einander so änlich gewesen, daß man sie oft verwechselte, wie verschieden waren sie jezt. Elvira hatte eine einfache Toilette gewält, und doch, wie vorneni erschien sie darin, wie elegant. Welcher Geschmack, welches Raffinement war auch darauf ver- wendet, um all' die Vorzüge des schönen Weibes auf's günstigste hervorzuheben. Welche Berechnung in Farbe und Schnitt! Wie zart erschien dadurch- der Teint, wie weiß und fein das Hand- gelenk, das von gelblichen Spizen umflutet war, die in zierlichster Weise auch den zarten Hals umgaben. Wie kokett saß das blumengeschmückte Hütchen auf dem dunkeln, reich hervorquellenden Har, das, der Antike nachgeamt, tief gegen die Stirn herabfiel. Wie unscheinbar, wie ärmlich nam sich die Schwester an ihrer Seite aus! Das dunkle, selbstgemachte Hauskleid war nicht ein- mal graziös zu nennen, das dünner gewordene Har war glatt gescheitelt, der Teint hatte an Frische verloren und die Hände waren rot und abgearbeitet, von Frostbeulen entstellt, die seit dem lezten Winter sich noch nicht ganz verloren. Und doch, wenn man sie beide in einem Bilde gesehen, in dem der sinlichwarme Hauch der Farbe, des Lebens nicht mitwirkte, hätte Marie als die poettschere Schönheit gelten müssen. Sie selbst dachte nicht daran, einen Vergleich anzustellen, neben ihrer Schwester in Betracht zu kommen; sie sah voll bewundernden Entzückens auf die glänzende Erscheinung der jüngeren. „O, nun begreife ich's, daß sie alle für dich schwärmen, Elvira, daß Alt und Jung, Männer und Frauen in gleicher Weise von dir entzückt sind, aber es hat dich garnicht stolz gemacht, du bist so lieb, so herzlich gut, ivie früher." Elvira drückre die Hand der Schwester.„Täusche dich nicht, Marie," sagte sie mit einem reizenden Lächeln,„ich bin doch stolz, ich bin es auf meine Kunst, auf meine wachsenden Fortschritte in derselben; ich bin stolz auf die mir innewonende Fähigkeit, die Gedanken und Empfindungen großer Meister zu verstehen, sie gleichsam zu meinen eigenen zu machen. Sieh, durch den Hauch meiner Leidenschaft, meines Talents vermag ich sie zu beleben, durch meine Individualität diese Schöpfungen der Menge zum sichtbaren und lebendigsten Ausdruck zu bringen. Du kenst das nicht, aber glaube mir, es ist ein stolzes, erhebendes Gefül, durch diese mir innewonende Kraft auf das Fülen eines nach tansenden zälenden Publikums einzuwirken, es mit hineinzureißen in den Wirbel tumnltuarischer Empfindungen. Für die tiefe Sehnsucht, die jubelnde Freude, den wildesten Schmerz weiß ich ein Echo in ihren Herzen zu erwecken. Ich entlocke Ihnen Tränen und gleich darauf sind sie noch stürmischer erregt, bis zur Be- geisterung entflamt, hingerissen zu frenetischem Jubel. O, das bringt auch mir Entzücken, das tut mir gut, das entschädigt mich für vieles,— das könte mir Trost sein für alles!" Marie sah erstaunt, verwirrt fast der Schwester in die tiefen Augen, die in Begeisterung erglänzten.„Tante Luise würde dich verstehen, ich kann dich nur beivundern." Elvira machte eine leichte, abwerende Bewegung.„Lassen wir das." Sie nam wieder Mariens Hand.„Du sollst mir jezt von dir erzälen, von deinem Glück, von dem du mir wiederholt geschrieben hast; du sollst mir all' deine Freuden nennen." Marie zeigte frölich nach dem Korbe, der vor ihnen stand, in dem die kleine Marietta gebettet lag und sich damit unterhielt, ihre Fingerchen ineinander zu schieben. „Sich, Elvira, das ist meine beständige und größte Freude, ich habe sie immer vor Augen, ich trenne mich garnicht von ihr." Elvira nickte, und nach einem flüchtigen Blick nach dem Kinde sah sie sich etwas genauer in dem Gemache um.„Und das ist die Kinderstube'?" fragte sie. „O, es ist alles, meine ganze Welt, es schließt all' meinen Reichtum ein," entgegnete Marie lachend. „Aber dann bist du ja auf das allernötigste beschränkt, mein armes Kind!?" rief Elvira, in fast erschreckter Teilname noch immer herumspähend.„O gewiß, du hast weniger Komfort als zuhause, ich bemerke nichts von jenen Gegenständen der Bequem- lichkeit und des Luxus, die uns das Leben erleichtern und ver- schöner», die zerstreuen und amüsiren und über manche Stunden des Verdrusses und der Langeweile hinweghelfen." „Ach, du bist komisch, Elvira, du sprichst mir von Langeweile, das Wort kenne ich nicht; meine Zeit will nicht ausreichen für all' meine Pflichten, für all' die Beschäftigungen, die ich mir vorgenommen, und das wäre auch der einzige Verdruß, den ich empfände." Die Tür öffnete sich in dem Augenblick ein wenig und Donicnika drängte sich zur Hälfte hindurch. One ein Wort zu sprechen, winkte sie mit beiden Händen ihre Gebieterin zu sich hinaus.(Fortsezung folgt.) Ehe- und Hoch�eitsgehrnuche. Kulturgeschichtliche Skizze von K. Scht. (Schluß.) Das Rauben der Weiber oder der Brautraub, wie es all- gemein genant wird, hat bei allen Völkern bestanden, und diesem Brauch ist auch zuzuschreiben, daß so häufig die Männer eines Stammes nicht die Frauen desselben Stammes heiraten dürfen, sondern sich eine Frau aus einem fremden Stamme holen müssen; eine Sitte, die wissenschaftlich Exoganiie genant wird. Tapferkeit wurde geachtet, Feigheit vcrhönt, und derjenige, der nicht imstande war, eine Frau aus fremdem Stamm zu erringen, das heißt, sie sich zu rauben, ward verachtet. So mag es wol zulezt als Schiinpf angesehen ivorden sein, sich eine Frau aus dem eignen Stamme zu nenlen, und die Folge war, daß derartige Heiraten ganz abkamen und die Heirat in fremden Stamni noch beibehalten wurde, als der Grund dafür längst nicht mehr vorhanden war. Freilich finden>vir auch noch Lölkerschrsten, die das entgegen- gesezte Prinzip verfolgen und die nur im eignen Stamme heiraten. Diese Sitte, Entogamie genant, ist ein Ueberbleibsel der Primitiv- familie und bei weitem nicht so verbreitet, wie die Exogamie. Auf den Fidschiinseln ist diese Art, sich eine Frau zu ver- schaffen, noch heute gang und gäbe. Hat daselbst sich ein Mann eine Frau durch Raub verschafft, und ist sie es nicht zuftiede», so fliet sie, wenn möglich, zu jemandem, der sie schüzen kann. Ist sie indes einverstanden, so wird ihren Freunden am andern Morgen ein Fest gegeben und alsdann Ivird das Par als Mann nnd Frau betrachtet. Am rohesten hat sich die Form des Brautraubes wol bei den Bewoueru von Neuholland erhalten. So berichtet der Engländer Collins über denselben bei den Eingebornen in der Gegend von Sidney folgendes:„Das unglückliche Mädchen wird in Abwesen- heit ihrer Beschüzer geraubt. Zuerst versezt der Entfürer ihm auf Kopf, Racken nnd Schultern so heftige Schläge mit der Keule oder einer Holzwaffc, daß das Blut stromwcise hervorquillt und es betäubt zusammenbricht. Dann wird es mit solcher Ausdauer und Heftigkeit durch das Gestrüpp geschleift, daß nian meinen sollte, der Arn, würde ihm aus dein Gelenke gerissen werden. 364 Auf die Steine oder Bauiilstämiiie, die etwa im Wege liegen, j Wärend dessen sucht der Bräutigam das Lager der Braut auf, achtet der Liebhaber, oder vielmehr Räuber, natürlich nicht: sein die, laut schreiend, ihre Angehörigen zuhülfe ruft. Jezt begint einziges Sinnen und Trachten ist darauf ge- ricktet, seine Beute bei seiner Horde in Sicher- heit zu bringen. Derartige liebens- würdige Hockzeiten haben natürlich Re- Pressalien seitens des geschädigten Stammes oder, wenn das Mäd- cheu bei der Werbung totgeschlagen wird, Blutrache zur Folge, und die ewigen Kriege und Kämpfe finden stets neue Naruug. Eine etwas höhere Stufe der Entwicklung nemen jene Völker- schaften ein, bei denen der Frauenraub zwar »och existirt, wo der Räuber aber, wenn ihm sein Raub ge- lungen ist, sich mit den Anverioauten der Braut gütlich aus- eiuaudersezt. Auf die- ser Stufe erwirbt der Brauträuber durch seine Tat ein Recht auf die Geraubte, und gewönlich wird die Familie der lezteren durch einen Brautpreis entschädigt. Auf dieser Entwick- lungsstufe stehen z. B. noch die Kalmücken. Wenn bei diesen der Mann die von ihm Erwälte durch Gewalt oder List aus dem Hause ihrer Eltern fortgesckafft hat, so haben die Eltern nicht mehr das Reckt, die- selbe zurückzuverlan- gen. Auch die Ma- Puchs, ein indianischer Stamm, gehören hier- her. Wenn bei diesen sich ein junger Mann zu verheiraten beab- sichtigt, so wirbt er, um sein Projekt zur Ausfürung zu brin- gen, zunächst einige Freunde, die ihm hel- fen sollen. In einer dunklen Nacht begeben sie sich zu Pferde vor die Wonung der Er- korenen und umstellen dieselbe. Ein halbes Duzend get ins Haus und benachrichtigt den Pater des Mädchens von dem Zwecke des Unternemens und er- sucht ihn um seine Zusfimmung, die in den meisten Fällen nicht verweigert wird. Die verrättN 3G5 ein großer Lärm. Die Weiber der Familie und des Dorfes kommen, von deni Schreien herbeigezogen, mit Knütteln, Steinen (Seile 370.) und Wurfgeschossen aller Art, und suchen das Mädchen zu ver- teidigen. Glucklich der Mann, der mit heiler Haut, ja one zer- schlagenen Schädel, da- vonkomt. Es ist Ehren- fache für die Braut, zu widerstreben, selbst wenn sie ihren Bräu- tigam gerne will. Derartige Erschei- nungen bilden den Uebergang von dem wirklichen Frauenraube zu der Ceremonie des symbolischen Frauen- raubes, wie wir dieselbe als Teil der Hochzeits- feierlichkeit überall be- obachten können. In romantischer Weise zeigt sich diese Ceremonie bei den Hochzeiten einzelner Kalmückenstämme. Nachdem der Bräuti- gam seine Werbung bei dem Vater der Braut angebracht hat, und der Vater mit dem Brautpreis, die Jum- me Geldes, die er sür das Mädchen zu be- kommen hat, zufrieden ist, so bestimt der Bräutigam einen Tag, an welchem er die Braut einholen will. Au diesem Tage naht er sich mit allen seinen Freunden, die er hat auftreiben können, zu Pferde dem Zelte der Braut. Sobald diese ihn erblickt, jagt sie auf einem, schon bereit gestellten, hübsch ge- schmückten Pferde da- von und ihre Bcrwan- ten und Nachbarn beginnen mit den Freunden des Bräuti- gams ein Scheinge- fecht, wärcnd dieser selbst seiner fliehenden Braut nachsezt, bis er sie einholt. Unter Freudenschnssen und Geschrei wird in die- sein Falle das Par ins Lager zurückbegleitet, woselbst dann die Hock- zeit durch Schmaus und Tanz gefeiert wird. Ist das Mädchen nicht gewillt, die Frau des Freiers zu werden, so versucht sie, indem sie ihr Pferd aufs äußerste antreibt, ihrem Ver- folger zu entkommen. Gelingt ihr dieses, so hat derselbe kein Recht mehr an sie, und es heißt, daß noch kein kalmückisches Mädchen von einem misliebigen Bräutigam erjagt wor- den sei. 366 Bei dem Stamme der Usbeken, in der Gegend von Kabul, finden wir gleichfalls die erwänte Heiratsceremonie. Die Ange- hörigen der Braut und des Bräutigam begegnen sich auf einem vorher bestimten Felde, und bewerfen sich gegenseitig mit Asche und Mel, bis die eine der Parteien in die Flucht geschlagen ist. Hierauf folgt die Versvnung, welcher dann das ja überall ge- bräuchliche Hochzeitsmal die richtige Weihe gibt. Auch die Araber verbinden die Ceremonie des Brautraubes mit ihren Hochzeiten. In Jockua wird die Braut gegen Sonnen- Untergang auf einem Kameel zur Stadt hinausgefürt, woselbst sich die Bevölkerung zu Pferde und zu Fuß versammelt hat. Als- dann begint um die Braut herum ein Kampf, den gewönlich Ab- teilungen von vier gegen vier ausfechten, wobei sie ihre Schuß- Waffen wiederholt abfeuern. Nähert sich der Bräutigam dem Ka- meel, auf welchem die Braut sizt, so ivird er von den dasselbe umgebenden Negerfrauen mit dem Geschrei Burra! Bnrra!(fort, fort) zurückgetrieben. Zulezt wird dann die Braut, wenn der Zug sich dreimal um die Stadt herum begeben hat, in die Wo- nung des Bräutigams gebracht. Unsere Gegenfiißler in Neuseeland halten es gleichfalls für eine Schande, sich ohne Kampf, und wäre es auch nur ein Schein- kämpf, in den Besiz eines zarten weiblichen Wesens zu setzen. Der englische Reisende Carle berichtet darüber:„Auf Neuseeland äußert sich die Bewerbung und die Ehe auf eine ganz uugewönliche Weise, sodaß es dem Zuschauer nie in den Sinn kommen würde, eine Neigung zwischen den betreffenden Personen vorauszusezen. Ein Mann sieht ein Frauenzimmer, welches ihm so gefällt, daß er es zum Weibe haben möchte. Er erbittet sich die Einwilligung ihres Baters, oder, wenn es eine Waise ist, ihres nächsten Ver- wanten, und erhält er dieselbe, so entfürt er seine Erwälte mit Gewalt. Sie widersezt sich dem mit aller Kraft, und da die Neu- sceländerinnen gewönlich ziemlich handfeste Mädchen sind, so findet zuweilen ein entsezlicher Kampf statt. Bald sind beide bis auf die Haut entblößt, und es bedarf zuweilen mehrerer Stunden, ehe der Freier seine Beute hundert Schritte weit geschleppt hat. Macht sie sich frei, so entflieht sie ihrem Gegner, nnd er muß dann sein Werk von neuem beginnen. Wir dürfen wo! annehmen, daß ein Fräulein, welchem die Vereinigung mit dem ihr zugedachten Genial willkommen ist, keinen allzu heftigen Widerstand leisten wird; allein zuweilen komt es vor, daß es in die schützende Be- hausung ihres Vaters zurückläuft, und dann büßt der Liebhaber alle Aussicht ein, seine Geliebte jemals zu erringen. Gelingt es ihm dagegen, sie im Triumph in sein Daheim zu füren, so wird sie sofort sein Weib." In Kaukasien stürzt der Bräutigani Wärend des Hochzeits- mals plözlich mit einigen Freunden auf die Braut los, zieht sei- neu Dolch, schneidet ihr das Mieder auf, und bemächtigt sich dann ihrer mit Gewalt. Durch diese Ceremonie erst wird sie sein recht- mäßiges Weib. Daß bei den Römern ursprünglich der Brautraub bestand, geht schon aus dem allgemein bekanten Raub der Sabinerin- neu hervor. Auch bei unfern Hochzeitsfeierlichkeiten lassen sich manche Ceremonien auf jene Sitte zurückfüren. So deutet das Schießen beim Hochzeitszug, wie es in Holstein und anderswo in Deutschland troz den polizeilichen Verboten sich noch erhalten hat, unzweifelhaft auf einen Kampf hin, der ursprünglich bei der Hochzeit stattfand. Man kann freilich einwenden, daß unsere Alt- vordern das Pulver noch nicht kanten, also auch nicht aus Feuer- Waffen geschossen haben können, allein auch bei Völkerschaften, die auf niedrigerer Kulturstufe stehen, bemerken wir, daß sie auch bei ihren Hochzeitscerenionien anstatt ihrer ursprünglichen Waffen die ihnen von den Weißen zugefürten Schießgewehre benuzen. Be- sonders wird dieses von mehreren afrikanischen Stämmen gemel- det, die bei ihren Hochzeitsfeiern mit ihrem Pulvervorrat nicht gerade sehr sparsam umgehen und Schuß auf Schuß dem Hoch- zeitszug entgegen schicken. In Wales in England wird noch heute bei einer Hochzeit von Freunden nnd Anverwanten des Brantpares ein Scheingefecht auf- gefürt._ Der nächste Anverwantc der Braut hat diese mit sich aufs Pferd zu nemen und der Bräutigam sie ihm abzujagen. Dastjirir auch mitten in Deutschland noch die Spuren jener uralten Sitte finden, mag die Schilderung einer Hochzeit bei den Wenden in der Oberlausiz zeigen, die auch wegen ihrer sonstigen Formalitäten von Interesse ist. Bei dieser slavischen Völkerschaft get der Hochzeitszug unter Glockenklang und unter Begleitung eines Musikchors, bei welch lezterem besonders das nationale Instrument der Wenden, die dreiseitige Geige, nicht seien darf, zur Kirche. Die Braut trägt die„dorta", eine etwa 9—10 Zoll hohe, wie ein abgestumpfter Zuckerhut geformte Kopfbedeckung aus schwarzem Sammet, das Zeichen der Ehrbarkeit. Um die Harzöpfe wird ein mit goldenen Sternen verziertes Band(slebornik) gettagen. Um den Hals hat sie mehrere Schnuren von Perlen und gehenkelten goldenen und silbernen Schaumünzen geschlungen, die sich gewönlich in der Familie forterben und von Großmutter nnd Urahn schon bei der Trauung gettagen sind. Eine wichttge Person im Zuge ist der Hochzeitsbitter(brnku), der in seiner altwendischen Tracht un- mittelbar hinter dem Brautpar einherzieht. Er ist der Freiwer- ber und der Festordner und hat überhaupt die ganze Festlichkeit zu leiten und anzurichten. Ehe der Zug begint, holt er den Bräutigam mit dessen Angehörigen aus ihrer Wonnng ab. Hier- bei hält er eine Rede, in welcher er Namens des Bräutigam um Verzeihung für etwaige Kränkungen und um Segen für die zu gründende Ehe bittet. Hierauf wird dem Bräutigam von allen Anwesenden die Hand gereicht, worauf der Zug zum Hause der Braut get, um hier dieselbe Formel zu wiederholen. Dieser Akt wird die Aussegnung(vurollncnvanjv) genant. Nach der Trau- ung get es ins Brauthaus zurück. Unterwegs werden dem Braut- zug von den jungen Leuten— Burschen und Mädchen— des Dorfes Hindernisse aller Art bereitet. Bänder und Guirlanden werden über den Weg gezogen und erst durch ein Geldgeschenk seitens des Bräutigams wird die Straße freigemacht und der Zug ungehindert durchgelassen, und Tanz und Mal schließen die Feier. Tie Bereitung von Hindernissen seitens der Dorfbewoner deutet unzweifelhaft auf den ursprünglichen Brauttaub, und wir haben hier ein Beispiel aus nächster Nähe, wie lange sich derartige Sit- ten erhalten. Eigentümlich ist es, wie änlich sich der Enüvicklungsgang in manchen Fällen zeigt. Ganz derselbe Brauch, durch Geld die Angehörigen zu veranlassen, die dem Bräutigam bereiteten Hin- derniffe zu beseitigen, finden wir in ganz änlicher Form in Futa, einem Königreich im westlichen Afrika. Will sich nämlich dort der Bräutigam in Besiz seiner Braut sezen, so wird dieselbe von ihren männlichen und weiblichen Anverwanten umringt und der Bräutigam nicht eher zu ihr gelassen, als bis er die Berwanten durch Geldgeschenke bewogen hat, auseinander zu gehen, worauf er sich in den Besiz seiner Liebsten sezt. Nur natürlich ist es, daß sich aus dem Frauenraube der Braut- kauf entwickelte. Das Familienoberhaupt hatte das Verfügungs- recht über alles Eigentum, also auch über die Frauen, die ebenso, wie ein Pferd, ein Kameel oder sonst irgend ein Gegenstand, als Sache, als Eigentum galten. Wie eine Ware wurden auch die Frauen nach Äelieben des Familienoberhauptes verkauft. In Siam wird die Braut öffentlich ausgcbotcn, wer den ge- forderten Preis bezalt, erhält sie zur Frau. Auch in China iv'ird der Brautkauf noch geübt. Ueberhaupt finden wir den Brautkaus in allen Erdteilen. In den Prairien und Urwäldern Amerikas wie im australischen„Busch", in den Steppen Asiens, wie in den Wüsten Afrikas wird die Frau als Ware vom Manne eingehandelt, welcher durch den Kauf ein unbestrittenes Eigentumsrecht über sie erwirbt. Selbst im Nor- den Europas, bei den Lappen, ist diese Art der Heirat noch vor- handen. Die Auffassung, das Weib als Ware zu betrachten, tritt besonders stark hervor in einer Sitte der Karaiben. Hier kam es nämlich vor, daß ein Mann, wenn eine Frau schwanger war, das zu erwartende Kind, falls es ein Mädchen sein sollte, im voraus für sich zur Frau kaufte. Nach der Geburt zalt er•danil den Brautpreis, und zum Zeichen, daß das Kind jezt sein Eigen- tum sei, malte er demselben ein großes Kreuz auf den Leib, und dieses Mädchen durfte nun niemand anders heiraten. Noch in historischer Zeit begegnen wir bei den meisten euro- päischen Völkerschaften dieser Sitte. Sowol von den Dänen, wie von den Angelsachsen wird dieselbe gemeldet, und daß auch un- sere Vorfaren sich dieses Brauches zur Erwerbung eines Weibes bedienten, get daraus hervor, daß, wie Grimm mitteilt, sich der Ausdruck:„sich eine Frau kaufen", noch bis ins 15. Jarhundert in Deuffchland erhalten hatte. Ja, von den Ditmarschen wird berichtet, daß ini selben Jarhundert bei ihnen der Brautkauf noch allgemein war. Auf dem Hunsrück finden wir noch heute die auf den Braut- kauf hinweisende Sitte, daß bei einer Hochzeit der Bräutigam der Braut eine Sunime Geldes, das sogenante„Handgeld" zu za len hat. __ Anstatt des Kaufes finden wir auch häufig ein Erdienen der Braut. Aus der Bibel haben wir ja alle das Beispiel Jacobs kennen gelernt, der um seine Rahel und Lea seinem Schwieger- Vater Laban 14 Jare lang zu dienen hatte. Nun ist freilich die Arbeitskraft nicht mehr so billig, daß ein Weib 7 Jare Arbeit kostet, aber einem 2—3 järigem Dienste um die Braut begegnen wir noch heutzutage. So wird uns von den Kamschadalen be- richtet, daß, wenn ein junger Mann eine Braut erringen will, er sich den Eltern derselben zur Arbeit anbieten muß. Er wird, im Falle er aiigeiiommen wird, vollständiger Sklave der Familie, und hat alle häuslichen Arbeiten zu verrichten. Die Braut wird von ihren Angehörigen mit Kleidungsstücken umhüllt und aufs eifrigste überwacht, und der Bräutigam kann nicht eher seine Dulcinea heimfüren, als bis er sie vollständig entkleidet gesehen hat, was ihm, da die Berwanten stets Obacht geben, mitunter erst nach 2—3 järiger Prüfungszeit gelingt.— Bei den Banyai in Aftika muß der Freier in das Dorf des Mädchens kommen und der Schwiegermutter allerlei Dienste und Arbeiten leisten. Besonders muß er dafür sorgen, daß dieselbe stets ausreichend mit Brenn- holz versehen ist, und erst nach bestimter Dienstzeit gehört die Frau ihm. Der Preis, der für die Braut gezalt wird, ist je nach Um- ständen verschieden. Teils wird Geld, teils auch andere Wert- messer, besonders Vieh bezalt und häufig richtet sich die Höhe der Summe nach der größeren oder geringeren Schönheit der Braut. Bei einzelnen Stämmen richtet sich der Brautpreis sogar nach der Schwere, oder doch nach der Korpulenz der Schönen. So kostet bei den Wogulen ein mageres Mädchen 5 Rubel; je korpulenter und stärker sie werde», desto höher steigt der Preis, sodaß für die korpulentesten 25 Rubel gezalt iverden. Auch auf den kaua- rischen Inseln sah man auf den Umfang der Frau und je nach dem wurde die Frau bezalt. Um nun einen hohen Preis zu erhalten, sperrten die Eltern die Verlobte fünfzig Tage lang ein, und gaben ihr wärend der Zeit recht viele und fetterzeugendc Speisen. Fettleibigkeit galt überhaupt häufig als körperliche Schön- heit, und besonders häufig wird von den Frauen verlangt, daß ihr Körper außergewönlich gerundete Formen zeigt. In dem afrikanischen Königreiche Karagwah gilt die Korpulenz der Frauen, besonders der der Könige, als zum Begriffe der Schönheit ge- hörig; schon von ftühester Jugend auf'werden die betteffenden Mädchen einer systematischen Mästung mit geronnener Milch oder Melbrei unterworfen und von diesen Speisen ihnen täglich ein bestimtes Quantum, oft unter Prügeln, eingezwängt. Bon den Mauren wird erzält, daß bei ihnen die Frau das Gewicht eines Kamcels erreichen muß, um für schön zu gelten.— Bei den Arabern am Sinai wird die Braut mit 5—10 Dol- lar bezalt; je nach Schönheit oder Rang wird indes auch bis zu 30 Dollar gegeben. Dieser Preis wird aber auch für Jung- ftauen erlegt, wärend man für Witwen nur die Hälfte zalt. Bei den Kru, einem Negerstain im westlichen Afrika, kostet oie Braut 3 Kühe und 1 Schaf, wärend bei den Sothoncgern je nachjjer Vornemhett der Frau bis zu 10 Ochsen gezalt werden. Aus Ser- bien wird berichtet, daß dort zu Anfang dieses Jarhunderts der Preis eines Mädchens so hoch gestiegen war, daß ein armer Mensch sich nicht mehr verheiraten konte und die Regierung ge- zwungen war, gesezlich den Brautpreis herabzusezen. Auch bei den reichen Tataren und Mongolen ist der Braut- preis ein sehr hoher. Bei crstcrcn wird bis zu 100 Rubel ge- zalt und bei lezteren wird schon bei den gewönlichen Leuten bis zu 400 Stück Vieh gegeben. Bei den Ostjaken in Sibirien wird gleichfalls ein reiches Mädchen nicht leicht unter 100 Rentieren und einer Menge Pelzwerk weggegeben. Im Gegeusaz zu diesen verhältnismäßig hohen Preisen sehen wir auch wieder, oaß bei einigen Völkerschichten die Frau nicht so hoch, oder gar sehr niedrig abgeschäzt wird. An der Sierra- leoneküste zalt der Bräutigam dem Vater der Braut ein Stück Zeug etwas Tabak und eine Flasche Rum, sodaß es hier nicht allzu'schwer fällt, sich das Glück des Ehestandes zu beschaffen. Ebenfalls waren auf den Hebriden die Frauen nicht besonders hoch qeschäzt und der Preis von 3 Schweinen, der für die Braut entrichtet wurde, deutet nicht gerade auf eine besondere Anerken- nung holder Weiblichkeit. � m � �,, Oft wird der zu zalende Brautpreis auch ,n Raten abge- tragen und hieraus, sowie aus dem Erdienen der Braut, mag wol die Sitte stammen, daß die Frau nach der Hochzeit zn.bren Eltern zurückkehrt, wie auch, daß der Mann selbst nach der Ver- heiratung noch keine eheliche» Rechte an die Frau hat. so ninit z. B. bei den Tataren der Bräutigam die Braut nur in dem Falle mit sich in seine Wonung, wenn er im Stande ist, den vollen Preis auf einmal zu zalcn, und bleibt andernfalls die Braut bis zur vollen Auszalung im Elternhause zurück. In- dessen ist der Bräutigam berechtigt, sie insgeheim zu besuchen.— Wärend der Brautkauf, wie wir gesehen, sehr iveit verbreitet ist, und sich bei allen Völkern Spuren desselben finden, so trifft man den Kauf des Bräuttgams nur in vereinzelten Fällen. Bei diesen Ehen, nach der auf Sumatra herschcndcn Bezeichnung .Ambet-anaK genant, tritt der Mann in die Familie der Frau über. Der Vater der Jungfrau wält auf genanter Insel für diese einen Mann aus, der dann in das Haus des Schwicger- Vaters gefürt wird. Von dieser Zeit an ist die Familie der Frau für dessen Tun und Treiben verantworlich, sie muß für seine Schulden, die er einget, hasten; beget er ein Verbrechen, hat die Familie die Strafe zu zalen— kurz, er gehört vollständig zu dieser. Er hat an allein Teil, was der Haushalt liefert, besizt aber selbst kein Eigentum. Was er erarbeitet, fällt der Familie zu. Diese hat aber das Recht, ihn nach Belieben fortzuschicken, und in solchem Falle muß er nackt und blos, wie er gekommen, und ohne seine Kinder, das Haus verlassen. Auf diese Art Eheschließung deutet vielleicht das Recht der englischen Mädchen hin, sich in einem Schaltjare selbst einen Freier wälen zu können und demselben ihrerseits einen Heiratsantrag machen zu dürfen. Noch im 17. Jarhundert bestand diese Sitte. Auch in Guiana können die Mädchen so gut den Heiratsan- trag machen, wie die Männer. Liebt ein Mädchen einen jungen Mann, so bietet sie ihm Holz an,— um des Nachts neben seiner Hängematte Feuer anzumachen— und einen Trunk. Nimt er es an, so ist die Ehe geschlossen, und das Mädchen holt ihre Hängematte, und hängt sie neben die seinige. Die am weitesten verbreitete Form der Ehe ist nicht, wie manche unserer Leser vielleicht denken mögen, die Einzelehe, son- dern die Polygamie, die Vielweiberei, Hiermit soll nicht gesagt sein, daß gerade die meisten Menschen in Polygamie leben, son- dern nur, daß die Männer berechtigt sind, sich mehrere Frauen zu halten. Größtenteils sind es nur die Reichen, besonders die Häuptlinge und Fürsten, die sich des Rechtes bedienen.— Den Äermeren ist es meistens unmöglich, sich mehr als eine Frau zu halten, da ihnen sowol das Geld zum Kauf, wie auch zur Erhal- tung derselben felt. Die Polygamie, die entweder bei allen Völkern herscht, oder doch geherscht hat, ist nach Lubbock dadurch entstanden, daß in den Tropengegenden die Mädchen ungemein früh heiratsfäig wer- den; ihre Schönheit entwickelt sich bald und verwelkt eben so schnell, wärend die Männer dagegen ungleich länger in dem Besiz ihrer vollen Kraft bleiben. Berut daher die Liebe einzig und allein auf äußerern Reizen, so kann uns nicht überraschen, daß jeder Mann, dessen Verhältnisse es erlanben, sich mit mehreren Frauen versieht. Als weiteren Grund sieht der genante Forscher an, daß die meisten Volksstämme auf niedriger Kulturstufe nicht genü- gend milchgebende Haustiere in Besiz haben und daß daher die Kinder, da ihnen der Ersaz der Muttermilch felt, nicht vor Ab- lauf des dritten oder vierten Jares der Mutterbrust entwönt werden. Wärend dieser Zeit erlaubt nun häufig die Sitte nicht, daß der Mann mit der Frau zusammen lebt; er siet sich also vereinsamt, und wird dadurch darauf hingewiesen, sich mehrere Frauen zu verschaffen. Wir glauben, daß auch die häufigen Kriege, in welchen sich die auf niedriger Stufe lebenden Stämme beinahe immer befin- den, viel zur Einfürung der Polygamie beigetragen haben. Die Folge jener Kriege war eine bedeutende Verminderung der Zal der Männer, sodaß die Anzal der Frauen überivog, und in diesem Ueberschuß der Frauen läßt sich ganz gut ein Grund mit für die Vielweiberei finden. Als Probe, wie ungemein zalreich einzelne Fürsten ihren Harem ausstatten, mag nur erwänt sein, daß der König von Aschantt jaraus,— jarein 3333 Weiber besizt. Häufig treffen wir an, daß nur eine Frau,— meistens die zuerst geheiratete— als wirkliche, legitime Gattin, als Oberfrau, betrachtet wird, wärend die Uebrigen derselben als Sklavinnen ver- pflichtet und unterordnet sind. So ist z. B. in China die Ober- stau Gebieterin über die sogenanten„kleinen Frauen" und die Kinder der lezteren betrachten nur jene als ihre Mutter. Oftmals finden wir auch, daß, wenn jemand eine Frau hei- ratet, er dadurch zugleich das Recht erhält, die Schwestern der- selben als Frau zu betrachten. Auch umgekert komt es vor, daß, wenn sick jemand eine Frau nimt, diese zugleich die Frau seiner Brüder wird. Lezteren Fall treffen wir bei den Toda im Nili- gerri- Gebirge.— Ersteres wird von den Sioux gemeldet, wo der Mann, der die Tochter eines Häuptlings heiratet, dadurch berechtigt ist, die jüngeren Schwestern seiner Frau heimzufüren, wenn es ihm beliebt. Die Spuren der Polygamie finden sich in Deuffchland am längsten in Jien Fürstenhäusern, woselbst uralte Anschauungen sich ja überhaupt lange zu halten pflegten.— Freilich wurde die erste Frau als„rechtmäßige Gemalin" betrachtet; troz dieser ersten Frau wurden aber häufig noch andere Frauen dem schon verhei- rateten Manne„zur linken Hand" angetraut. So sehen wir, um nur ein Beispiel anzufüren, noch zu Anfang des 16. Jar- Hunderts, wie Landgraf Philipp I. von Hessen eine zweite Frau heiratet, und wie der teufelssürchtige Luther und der gottesfürch- tige Melanchton ganz getrost ihre Zustimmung dazu gaben und wie der erstere einen evangelischen Prediger bestimte, diese Bi- ganiie durch den kirchlichen Segen zu sanctioniren.— Bei weitem nicht so häufig, wie die Polygamie ist die Poly- andrie, die Vielmännerei. Zwar ist von vielen Völkerschaften Der Glaube Von Dr. Kal (Tos Hexenwesen altheidnischer Religionskult.— Die Kelten Väter, die Phönizier Urahnen des Hexentums.— Der phönizische Baal- und Astartedicnst, Sonne- und Mondkultus, Vorgänger der christentum- feindlichen Teufelsanbetung der Hexen.— Bock und Kater als Gegen- stände religiöser Verehrung.— Der Hexen Hauptsest: die Walpurgis- nacht des ersten Mai, andres Fest: Johannisnacht.— Der Teufel als junger Jäger und als Graumänchen Repräsentant der uralten und doch ewigjungen Naturkrast.) Wir möchten hier— auf Grund beWärter Forschungen— den Glauben der Hexen darstellen, also den Glauben, welchen die Hexen selbst hatten, nicht den Glauben, welchen das Volk von den Hexen hatte. Wir werden sehen, daß es sich um einen offen- baren Religionskult handelt, dessen Mittelpunkt der römisch- christliche Teufel bildet, welcher immer erscheint, wo die Rolle eines vorchristlichsten, daher heidnischen Gottes zu überncmen war. Dieser Kult ist kein isolirender, sondern ein sozialer, und zwar mit bestimten, wiewol im Dunkel der Nacht sich bergenden, geheimen Einrichtungen..Das Hexenwesen ist in allen seinen Ge- nässen und Leistungen gesellig und abgemessen; daher mußte es auch aus einer vollständig organisirten, wiewol ihren Kult im Geheimen begehenden, religiösen Gesellschaft hervorgegangen sein. Endlich ist der Kult, welchen das Hexenwesen, ob auch in wun- derlichen Misbildungen wiedergibt, durchaus kein geistiger, ide- aler, sondern ein durch und durch rohsinlicher. Festgelage mit rauschenden Tänzen, wildlüsterne Anbetung des mänlichen Prin- cips im Mittelpunkt des Kreises bis zur größten geschlechtlichen Ausgelassenheit— denn die Celebrirenden sind durchaus oder doch der Mehrzal nach Weiber; Personen des andern Geschlechts erscheinen(mit Ausname des Teufels selbst) nur als Nebenfigu- ren, z. B. als Spielleute— füllen den Hexensabbat. Der Religionskult, welcher dem Hexenwesen vorchristlich zn Grunde lag, mußte ebenfalls ein gesellig- weiblicher, geheim- sinlicher gewesen sein, dessen Mittelpunkt ein Symbol der zeu- gendcii� mänlichen Naturkrast ausmachte, das, nächtlicher Weile beim Schimmer des Mondes auf einsamen Berghöhen mit Fest- gelagen und orgiastischen Tänzen verehrt wurde, wozu sich Ein- geweite von allen Seiten her einfanden, nachdem sie sich zuvor durch Salben und wol auch durch bestimte Getränke in den Zu- stand der Betäubung oder Raserei versezt hatten. Das Volk aber, dem das Hexenwesen bei den Romanen so- wol als den Germanen seinen Ursprung verdankt, ist das Volk der Kelten, welche, soweit ihre Geschichte und Sage reicht, nicht nur das mänliche Institut der Druiden(Priester), sondern audx das weibliche Priestertum der Druidinnen(oder Feen) besaßen,. mit einem 5lult, der kein anderer als der blutige, phönizische Dienst des Baal und der Ast arte oder der Sonne und des Mondes Ivar. Denn mit den Phönikern hatten die Kelten in Verkehr gestanden, und die Folge davon war eben die Anname des Baal- und Astartedienstrs. Der Sonnengott Baal repräsen- diese Eheform gemeldet worden, allein bei genauerer Bekantschaft mit den Einrichtungen jener Stämme stellte es sich heraus, daß man es mit der Gemeinschaftsehe, mit dem gemeinsamen Besiz der Weiber zu tun hatte. Die wirkliche Polyandrie treffen wir hauptsächlich bei asia- tischen Völkerschaften an. So wird dieselbe gemeldet von Ceylon, aus Tibet, wie auch von mehreren Gebirgsvölkern des Hima- laya. Jedenfalls bekundet dieselbe eine sehr niedrige Stufe der Entwicklung. Die Entwicklung des Geschlechtslebens der Völker zeigt den Fortschritt des menschlichen Geistes. Mit der steigenden Kultur steigert sich auch das Ansehen des Weibes und je höher die Frau in einer Gesellschaft geachtet ist, auf desto höhere Entwicklungs- stufe hat sich diese erhoben, desto kultivirter ist sie. Ursprünglich nur als Sache, als Eigentum, als Ware des Mannes betrachtet, ist der Frau in der heuttgen Gesellschaft dieser häßliche Charakter abgestreift, und sie hat eine höhere, eine würdigere Stellung ein- genommen. Trozdem bleibt in dieser Bezieung noch zu wünschen übrig, und das Frauenleben der Gegenwart zeigt noch manche Mängel, deren Entfernung Not tut. der Hexen. ntin ZL— y. ritte aber die zeugende Naturkraft, wärend die Mondgöttin Astarte die empfangende und gebärende Naturkraft darstellte; beide sind also nur Ergänzungen eines und desselben Princips; und ihr Dienst ist ein unzertrenlicher. Als Symbole des Baal erscheinen in Wäldern die Spizsäulen oder Machirs, d. h. Phallus- oder Lingangebilde, zu welchen die wilden Weiber, um daselbst ihre nächtlichen Orgien zu begehen, dahin laufen, und welche sich noch spät in großer Anzal in Frankreich vorfanden, des Aergernisses halber aber dann vernichtet wurden. Als eiue Fortsezung und Modifikation der keltischen Druiden, die sich im Geheimen noch weit in die christliche Zeit hinein er- hielten, erscheinen nun unsere Hexen, die somit als eine ganz änliche Gesellschaft mit einem bestimten religiösen Gepräge auf- zufassen sind. Zeigen wir dies nun in kürzeren Zügen. Die Hexen bildeten, wie die Druid innen oder Feen, eine entschieden heidnische Genossenschaft. Von der negativen Seite spricht sich, wie das Feenwesen, so auch das Hexenwesen durch glühenden Haß gegen das Christentum aus. Bei der Hexe fiirte dieser Haß zum wirklichen Abschwören Gottes, Christi, der Jungfrau Maria und der Heiligen, sowie zur Verunehrung aller Gegenstände der christlichen Andacht. Geweite Hostien wurden zwar von ihnen in Empfang genommen, aber nur um wieder ausgespien und mit Füßen getreten oder in Dünggruben ge- worfen zu werden. Bezeichnend für die Hexen, wie für die Feen, ist daher auch ihr Widerwille gegen die Glocken, welche sie mit den Schimpfnamen bellender Hunde belegen. Von der positiven Seite abgesehen, bestand die Hexerei vor- züglich in der Verachtung des Teufels. Dieser Teufel der Hexen war aber nichts anderes als der phönizisch- keltische Baal. Es get dies besonders aus dem Pferd- und Bockfuß hervor, die dem Teufel angedichtet wurden. Denn das Pferd ist heiliges Tier und Symbol der Sonne, welcher es vielfältig geopfert wurde. Auch wurde an Hexensabbaten aus Pferdehufen getrunken und auf Pferdeköpfen musizirt. Der Bock aber stet in nicht weniger naher Beziehung zum Sonnengott, dessen Lauf er im Tierkreise eröffnet, wo er dasselbe Zeichen mit dem Widder einnimt. Sym- bolisch bedeutet aber der Bock Geschlechtsausschweifungen, wie diese bckantlich einen wesentlichen Teil des Baal- Astarte-Dienstes ausmachten. Auf diesen Kult weist auch der Kater oder die Kaze überhaupt hin, die bei der Hexenversamlung eine nicht unwichtige Rolle spielte. Diese Nachtwandlerin ist nämlich der Nachtkönigin geheiligt und stet deshalb mit der Mondgöttin(Astarte) in nahem Verbände. Durch Lüsternheit und Fruchtbarkeit schließt sie sich ganz innig an die Astarte an. Bei ihren Versamlungen küßten die Hexen dem Kater(wie auch dem Bocke) das Gesäß. Die Hexen füren ferner auf lauter Stätten uralten Religions- kultes, oder(was damit zusammenhing) uralter Volks- und Ge- richtsversamlungen hin. Am liebsten auf Berge, wo Feen, Gra- fen und Zwerge hausten, und Sonn- und Mondopfer gebracht wurden. Die Rolle, welche die Berge bei den festlichen Versam- lungen der Hexen spielten, ist leicht zu begreisen. Ist doch von den Bergen aus der Ausblick auf Sonne und Mond der aller- günstigste; ist man doch auf den Bergen diesen Himmelskörpern am nächsten. Mitunter stehen die Namen der von den Hexen besuchten Berge mit den frueren Bewonerinnen und deren Kult in ausdrücklicher Verbindung, wie dies z. B. bei dem schwedischen Blackulla, einem Meeresfelsen zwischen Smaland und Oeland, der Fall ist, der zugleich eine wind- und wettermachende Meer- frau bezeichnet. Nachdem Grimm eine Reihe solcher Berge auf- gezält hat, bemerkt er:„Merkwürdig, wie durch ganz Europa hin die Wallfarten der Heiden zu Opfern und Festen von dem Christen- tume in einförmige, überall änliche Zauberei umgewandelt wer- den. Hat sich die Vorstellung dieses Zaubers unter jedem Volke von selbst gebildet, oder ist irgendwo der Ton angegeben wor- den, und von da aus weiter gedrungen?" Wir glauben nun diesen Ton hinlänglich zu kennen; es ist kein anderer, als der national- keltische Ton, der kräftig genug war, sich über Länder, welche die Kelten ursprünglich eingenommen hatten, zu verbreiten, und auch bei deren Nachfolgern änliche Anklänge zu wecken oder zu verstärken. Zu solchen Hexenbergen gehören auch meistens die Salzberge, die Malberge und die Galgenberge. Die neapolitanischen Hexen versammelten sich unter einem Nußbaum bei Benevente.„Gerade an diesem Orte", sagt Grimm,„stand der heilige Baum, der die Longobarden, und hier hängt(wie allenthalben) die Hexerei wieder deutlich am heidnischem Kultus." Das Hauptfest der Hexen war auf die erste Mainacht die Walpurgisnacht angesezt, also gleichfalls auf eine Zeit uralter religiöser Versainlungen. Man hat, und mit Recht, dasselbe mit dem Feste der Bora Lea(guten Göttin) in Verbindung gebracht, welches(wol aus altitalischem Kult herstammend) am ersten Mai Harmlose Plaudereieu und Geschlchten. (I. Tn Krirg ein Unglück.— Der Nrieg unentbehrlich und Tugendguelle. Beides nach Moitle.— Mein Beitrag zum Beweise des lezieren.) Der Krieg sei ein nationales Unglück, hat vor garnicht langer Zeit einer gesagt, der das wissen muß— der Generalfeldmarschall Moltke. Aber es ist kein Unglück so groß, es ist immer ein Glück da- bei-- auch beim Kriege. Das Glück beim Kriege ist sogar sehr groß, denn er ist— auch nach Moltke— die unerschöpfliche, für die Menschheit > total unentbehrliche Quelle der schönsten Tugenden. Ja— Tugenden! Merkwürdigerweise bin ich vielen Leuten begegnet, die das nicht glauben wollen; die die große— na, wie denn gleich? Entdeckung kann man doch nicht grade sagen,— Erfindung— nein, Erfindung paßt erst recht nicht,— die die große Behauptung des großen Schlachtenschweigers einen großen Irrtum und groben Widerspruch gegen die erstangefürte Sentenz derselben Autorität vom Kriege als nationalem Unglück nanten. Ich bin nun garnicht der Mann, in solchen Meinungszwicspalt den weisen Salomo zu spielen, aber— offen gestanden!— des deutscheu Schlachtenlenkers großes Wort scheint mir doch sehr viel für sich zu haben. Wäre ich ein Berliner— ich würde vielleicht den nötigen Mut besizen, zu sagen: Er hat ja so recht! Aber ich bin gar kein Berliner, vielmehr ein harmloses, keineswegs übermäßig weises Menschenkind, das nicht gewönt ist, weiter zu sehen, als die eigne Nase— nein, das wäre übertrieben bescheiden, bescheiden bis zur Heuchelei!— als die eignen Augen reichen, und die haben mich einschen gelehrt, daß die- jenigcn Leute immerdar aus den meist-n Zank imd Streit stoßen, welche stets mit der Welt, deren Verhältnissen und Geschehnissen aus dem Fuße von Ja oder Nein! So ist's oder so ist's nicht! stehen. Und daß diese Ja- oder Nein-Leute sich am meisten zu ärgern haben auf der Welt und daß sie am meisten, in fast allen Stücken, erlaube ich mir schüchtern, ganz schüchtern zu behaupten, am Ende unrecht behalten. Ich habe also meinerseits das Ja sowol als das Nein— troz Christi mir leider gänzlich unverständlicher Weisung: Eure Rede sei ja, ja, nein, nein, und was darüber ist, ist vom Uebel, aus dem Lexikon meiner Umgangssprache einfach gestrichen, und sage dafür, wenn ich Ursache zu haben glaube, mit etwas einverstanden zu sein: Wol möglich! Warum sollte es nicht! Leicht denkbar! Und ivenn etwas über oder—'die Leser verzeihen— unter mein Verständnis get— denn warum sollte es nicht auch Dinge geben in der ganzen, weiten Welt, die zu dumm sind, um von mir verstanden zu werden,— dann äußere ich mich un- gesär ebenso, mit ganz unbedeutender Abänderung der Ausdrücke:'S ist die Möglichkeit! Solltees? Ist's denkbar?— oder so etwas änliches. Also wenn z. B. der Herr Generalfeldmarschall Gras Moltke mir persönlich die Ehre erwiesen hätte, zu mir zu sagen:„Herr— begreifen Sie, der Krieg ist ein nationales Unglück." So würde ich— mit den Fingern an den Hosennäten natürlich— lispeln:„Sehr wol möglich! Gewiß, warum sollte er nicht, Exzellenz!" Und wenn er dann fort- unter Leitung der Vcstalien, die das den Sonnenkult darstellende heilige Feuer hüteten, in orgiastischen Mysterien gefeiert wurde. Nicht minder ist daran zu erinnern, daß auf diesen Tag bei den ächten Nachkommen der Kelten, z. B. den Jrländern, und den Hochschotten, das höchste Feuerfest fällt, dessen Begehung un- verkenbare Spuren einstiger menschlicher Brandopfer trägt. Es ist dies das ursprüngliche Baalsfeuer, in Schottland Beltan, oder Beltein, in Irland Beltine genant. Bel ist hier natürlich soviel als Baal. Noch heut zu Tage herscht in beiden Ländern die Sitte, am ersten Mai das Hausvieh durch zwei nebeneinander angezündete Feuer zu treiben. Wärend früher Vieh dem Son- nen- oder Feuergotte geopfert wurde, trieb man später und treibt man heute noch in den genanten Ländern das Vieh blos zwischen den Feuern hindurch. Ein weiterer Festtag der Hexen war der Johannistag. Aber wer erinnert sich nicht der Johannisfeier, die ja ur- sprünglich nichts anderes als Sonne- oder Baalsfeuer waren, über welche später die Leute nur noch sprangen, wärend Ursprung- lich, als noch die Menschenopfer üblich waren, manche dem Baal zu Ehren in die Flammen geworfen wurden. Mit all dem bisher Ausgefürten stimt noch ganz die Vorstellung überein, welche man sich bezüglich des äußeren Aussehens vom Teufel machte. Der Teufel wurde gewönlich als jugendlicher ele- ganter Jäger mit grüner Tracht vorgestellt; nur bei genauerer Besichtigung bot er ganz alte Züge dar, in welch' lezterer Be» ziehung er Grauhans, Graumänchen genant wurde. Aber was bedeutet dies anderes, als die uralte und doch wieder ewig junge und frische Natur? Aber daß ja der Teufel die Naturmacht re- präsentirte, und das Hexentum der Kultes eben dieser Naturmacht war, und mithin gegenüber dem überweltlichen christlichen Gotte ein durch und durch heidnisches Gepräge hatte, das war es ja eben, das diese Zeilen in aller Kürze dartun sollten. füre:„Herr, verstehen Sie mich aber, der Krieg ist für die Menschheit die Quelle der edelsten Tugenden— der Krieg ist also nicht minder ein Glück!" So würde ich mit bescheidener Zurückhaltung versichern: „'S ist die Möglichkeit, Exzellenz! I, warum sollte er denn dieses nicht?" Ich schmeichle mir mit der angenemen Hoffnung, daß Se. Exzellenz ob dieser biderben Freimütigkeit in mir das Zeug zu einem Muster- deutschen entdecken und mich zu irgendeiner hohen Auszeichnung, etwa durch Verleihung des allgemeinen Ehrenzeichens oder— Himmel, wohin versteigen sich meine kühnsten Träume!— des Kronenordens vierter Klasse i» Vorschlag bringen würde. Um mich so hoher Ehre noch würdiger zu erweisen, will ich hier ein par ganz kleine Geschichtchen erzälen, die einerseits mit dem Kriege in innigstem Zusammenhang stehen, andrerseits vielleicht geeignet sind, als Belegstücke zu den Akten über die Qualifikation des Krieges als Tugendquelle gelegt zu werden. Der Krieg hat bei mir sich als Tugendborn bewärt— das muß ich gestehen. Grade zu der Tugend, welche meine verehrten Leser schon aus diesen Zeilen hcrvorblinzeln sahen, zu meiner Kardinaltugend, welche selbige sich in mir hoffentlich dereinst noch zu herlichster Blüte entfalten wird, hat der Krieg, der große, große Franzosenkrieg von 1870 und 71 den unvertilgbaren Keim gelegt. Diese Tugend ist: die Bescheiden- heit. Ich kante sie kaum vom Höreusagen— diese Zierde des Unter- tanen, wie er sein soll. Ich war ein gar selbstzufriedener, fast hoch- mutiger, auf seine Kraft und Fähigkeiten nur zu sehr vertrauender Bursch von wenig mehr als 20 Jaren, als ich mit Hunderttausenden und aber- Hunderttausenden hinauszog ins Feld der Ehre wider den Erbfeind. Ich hatte es zwar garnicht nötig, denn, wenn ich auch schon vier Jare vorher mein Jar abgedient hatte, also Soldat war, so hatten meine militärischen Vorgesezte» schon damals an mir eine ganz reglements- widrige Kurzsichtigkeit entdeckt, eine Kurzsichtigkeit, die so sehr aller militärischen Disziplinirung unzugänglich war, daß sie sich selbst nicht unschädlich machen ließ durch meines biederen Hauptmanns Befehl, ich solle mir ein halbes Duzend vcrschiedeugrädiger Brillen anschaffen und bei wechselnden Sehdistanzen mit den Brillen nach Bedürfnis wechseln. Meiner Kurzsichtigkeit war selbst durch diese energische Maßregel nicht beizukommen, sagte ich, und zwar aus zwei sehr triftigen Gründen: einmal gibt es überhaupt kein geschliffenes Glas, das meine hochgradige Kurzsichtigkeil zu korrigiren vermöchte, und dann hat der deutsche Soldat unter verschiedenen wichtigen und interessanten Umständen nicht recht Zeit zun, Brillewechseln bei wechselnden Sehdistanzen.?»r exernple: bei der Attake. Man denke sich meine Wenigkeit inmitten einer im rasenden Laufschritte vorwärtsstürmenden Soldatenkolonne, mit dem gefällten Gewehr an der Seite, aus Leibeskräften Hurrah schreiend und alle hundert bis hundertfünszig Schritt eine andre Brille aus der Patrontasche ziehend, sie rasch abpuzend, die eine Brille von der Nase abnenienb, die andre aus der Patrontasche daranfsezend, jene ein- steckend u. s. w., und man muß mir gestehen, daß ich ein Tausend- künstler hätte sein müssen, gegen den der körpergewanteste indische oder japanische Gaukler sich wie ein Waisenknabe ausnemen würde, wenn ich das fertiggebracht hätte. Meine Knrzsichtigkeit machte mich also militärdienstuntauglich, und das hatte mir zu allem Ueberfluß noch ein berühmter Augenprofessor in meiner Vaterstadt schwarz auf weiß gegeben. Ich aber machte von seinem Zeugnisse keinen Gebrauch, ich dachte, was ein sturmsester Kerl werden will, muß auch das Schlimste einmal mitgemacht haben und ging in den Krieg,— mit derselben Zuversicht, daß es diesmal mit mir noch kein Ende mit Schrecken nemcn würde, als sie etwa den Artillerie- offizier Bonaparte vor Toulon beseelte. Die Kugel, die mich töten soll, war noch nicht gegossen,— darüber gabs bei mir nicht den leisesten Zweifel. Ich zog oder ging in den 5lrieg, d. h. natürlich, ich wurde ge- zogen und gegangen, richtiger noch: gefaren. Es mochte wol so am lezten Juli im Jare des Heils 1870 sein, ich weiß nicht mehr so genau den Tag, als unser Regiment des abends um 8 Uhr auf einem großen Plaze in der guten Stadt Görliz unter Waffen trat. Vier oder fünf Stunden standen wir da um die Gewehrpyramiden herum und langweilten uns wie die Möpse, dann donnerte es von Bataillon zu Bataillon und von Kompagnie zu Kompagnie: An die Gewehre! und fort gings in die stockpechfinstre Hundstagsnacht, hinaus auf die Eisenbahn und mit dieser quer hindurch bis zum Rhein, übern Rhein, auf bis zum brechen ge- füllten: Viehwagen in Frankreich hinein. Bis zum brechen! An unserem pfeilschnell dahin sausenden Salon standen die bedeutsanicn Worte zu lesen: 6 Pferde oder 30 Menschen. Wo 30 Menschen mit einiger Not und Mühe untergebracht werden können, haben 35 Soldaten nicht so ganz unbequem Plaz. Der größere Teil derselben konte aus schmalen Bcet- tcrbänken so etwas wie sizen, etliche hatten allerdings keinen Plaz dazu, dafür kanten sie aber alle mindestens aus einem Beine stehen, und das war gewiß keine große Strapaze, denn die amüsante Fart dauerte nur drei Nächte und zwei Tage lang. Ich gebe ausdrücklich zu, daß die Sache im Grunde nicht gefärlich war, aber ich muß doch das Ge- ständnis hinzufügen, daß ich meinen Humor mitunter auf eine harte Probe gestellt fülle. Erstens war der Aufenthalts im sausenden Vieh- wagen noch etwas langweiliger als auf dem großen Plaze in Görlitz, zweitens waren es nicht immer ambrosische Lüste, die mich umwehten, drittens konnte ich mich, gleich den anderen, kaum um meine eigene Axe bewegen, viertens war alles, was einem auf dieser romantischen Fart begegnete, nicht grade angcnemer Art. So war es mir z. B. in der einen Nacht gelungen, mich auf den Boden des Wagens nieder- zulegen und einzuschlafen. Kaum entschlummert, erwache ich unter einem mechanischen Drucke auf meinen Bauch, daß ich denke, alle meine Eingeweide sollen in einem Mörser zu Brei zerstampft werden. Ich schreie oder fluche laut auf und suche mich mit aller Kraft zu erheben, und da schüttle ich einen biedern Kameraden, Oberpodolicr, zu deutsch Wasser- Polaken, seiner Nattonalität nach, von mir ab, der aus dem Hinter- gründe des Salons über ein halbes duzend seiner Brüder im blutigen Handwerke hinweggeklettert war und zulezt auf meinem armen Unter- leibe Posta gefaßt hatte, um zum Wagen hinaus sich irgendwelches natürlichen Ballastes zu entledigen. Solcher beinahe erdrückender Späße passirten mir auf dieser denk- würdigen Kriegsreise mehrere; man kann sich daher denken, daß ich heilfroh war, als wir in Landau„ausgeschifft" wurden, wie damals der militärische Kunstausdruck lautete, und es nun aus Schusters Rappen zur französischen Grenze und drüber hinausging. Bei Weißenburg und Wörth hätte ich Wunder der Tapferkeit ge- tan— vielleicht, ich weiß es nicht; das eine stet fest, es mangelte mir jede Gelegenheit dazu— nicht blos am Anfang, sondern im ganzen Verlaufe des Krieges. Das sechste Armeekorps, bei dem zu stehen ich die Ehre und das Vergnügen hatte, kam immer als Reserve hinter den kämpfenden Truppenteilen dreinspazirt; es war, als ob es vom Schick- sal dazu ausersehen sei, sich nur im Lausen zu üben— darin aber gründlich.(Schluß folgt.) Der UnabhängiakeitSkampf der Boeren(Buren) in Südafrika hat in Deutschland nnt Recht allgemeine Teilname erregt. Ein Ge- meinwesen, das furchtlos sein gutes Recht auch der gewaltigsten Ueber- macht gegenüber verficht, muß die Anerkennung und Sympathie jedes edeldenkenden Menschen finden. Ist doch selbst in England dieses Ge- fül so kräftig zum Durchbruch gekommen, daß die englische Regierung, nach empfindlichen Schlappen der englischen Truppen, dem chauvini- stischen Geschrei nach blutiger Sühnung der erlittenen„Schmach" Troz bietend, ihr eigenes Unrecht eingestand und die Forderungen der Boeren in der Hauptsache gewärte. Eine Handlungsweise, die England jeden- falls mehr Ehre macht, als wenn es dem„Ehrenpunkt" zu Liebe ein par Tausend Boeren niedergemezelt, ihre Häuser eingeäschert und ihre Becker verwüstet hätte. Leicht wäre dies freilich nicht gewesen, und der— schließlich aller- dings bei dem Misverhältnis unzweifelhafte Sieg hätte nnt bedeuten- den Opfern erkauft werden müssen, denn die Boeren haben sich als Soldaten ersten Rangs erwiesen. Und das ist der Punkt, den wir hier kurz berühren möchten. Wie der Leser sich erinnern wird, haben, von einigen kleineren Scharmüzeln abgesehen, in denen die Boeren beiläufig durchweg siegreich waren, zwei größere Gefechte zwischen den Boeren und den Engländern stattgefunden. In beiden siegten die Boeren.— Das erstemal waren sie in der Defensive— bei Laings- neck— und hatten sich ihre Stellung selbst ausgewält. Das war ein be- deutender Vorteil, obgleich es vorher von den Engländern für unmög- lich gehalten wurde, daß eine solche Stellung von solchen Streitkräften gegen englische Truppen gehalten werden könne. Beim zweiten Gefecht war es aber anders. Die Engländer hatten sich in der Nacht eines außerordentlich festen Hoch-Plateaus bemächtigt, welches die Stellung der Bauern beherschte und nach allen Regeln der Kriegskunst unüber- windlich schien. Nach den uns vorliegenden genauen Schilderungen gleicht der„Spizkop" oder Majuba, welcher der Schauplaz dieser Waffentat war, dem Königsstein, nur daß er dreimal so hoch ist. Die Seiten ebenso steil, und oben eine glatt abgeschnittene, nach der Mitte zu sich etwas senkende Fläche. Kurz eine natürliche Festung, wie sie stärker nicht gedacht werden kann. Mag die englische Armeeorganisation noch so mangelhast sein, der englische Soldat wird an Ausdauer und kaltblütiger Tapferkeit von keinem Soldaten der Welt übertroffen. Und diese anscheinend uneinnembare, von englischen Soldaten ver- tcidigte Position ist von den Boeren am hellen Tag, one Ueberrumplung erstürmt worden. Von den Engländern wird zugegeben, daß englische Soldaten die Position nicht hätten erstürmen können, d. h. englische Soldaten in gleicher Zal und one Artillerie wie die Boeren. Mit anderen Worten die Engländer— urteilsfähige Offiziere— geben zu, daß die Boeren, von denen nicht einer(die par unter ihnen befindlichen Deutschen aus- genommen), je einen militärischen Handgriff gelernt hat, tüchttgere Sol- baten sind als die gedrillten englischen Soldaten. Woher diese Ueberlegenheit? Tic Boeren sind vorzügliche Schüzen und vorzügliche Natur- Gymnastik er. Von frühester Jugend auf an im Gebrauch der Büchse, im Klettern, Laufen, Springen geübt, jeder Witterung ausgesezt, an alle Strapazen gewönt, haben sie eine warhaft unglaubliche Fertigkeit im Schießen, und sind körperlicher Leistungen fähig, die uns in Er- staunen versezen. Bei dem Angriff auf den„Spizkop" trafen sie aus 900 bis 1000 Meter mit vollkommener Sicherheit, so daß, wie der(militärische) Korre- spondent des„Standard"(der das Gefecht mitmachte und gefangen wurde) erzält, die englischen Soldaten das Vertrauen in ihre Gewere verloren. Wer nur ein par Zoll von seinem Kops zeigte, war ein Kind des Todes. Und das Erklettern der steilen, an manchen Stellen fast senkrechten 2000 Fuß hohen Bergwände wurde von den Boeren, unter fortwären- dem Plänkeln mit solcher kazenartigen Gewantheit bewerkstelligt, daß die Engländer ganz verduzt waren. Ein Teil der Engländer riß aus, als die Angreifer sich aus das Plateau schwangen; jene machten indes bald kehrt und an Tapferkeit selte es nicht auf englischer Seite. Ge- neral Colley war seinen Leuten voran, durch heldenmütiges Beispiel sie anfeuernd. Es war umsonst. Was nüzt der größte Heldenmut, was die festeste Disziplin einem Feind gegenüber, der nicht in die Masse, nicht der Richtung nach schießt, sondern aus den Mann zielt und ihn auch, bis auf eine Entfernung von 1000 Meter unfelbar trifft? Die Erstürmung des Spizkop durch die Boeren hat eine Moral. Und diese ist: Die Haupteigenschaften eines Soldaten können im freien Leben besser erworben werden, als in der Kaserne und auf dem Exerzierplaz. Wende man nicht ein, die Boeren hätten sich unter ausnamsweise günstigen Bedingungen herausgebildet. Das ist zwar war, will aber als Argument nichts besagen. Wird in unseren Kulturstaaten die körperliche Erziehung genü- gend gepflegt, so kann jeder nicht Kranke oder Verkrüppelte dieselbe militärische Tüchtigkeit erlangen, wie die Boeren sie besizen, und kann sie obendrein mit weit geringerem Zeitverlust erlangen, als jezt der Heeresdienst auferlegt. Freilich, die Boeren können nicht manövriren. Nun— so weit das nötig, wird es, falls sonst militärische Tüchtigkeit vorhanden ist, sehr rasch erlernt werden. Im Werke des deutschen Generalstabes über den deutsch-französischen Krieg ist zugegeben, daß die jungen französischen Aufgebote und die Francttreurs der deutschen Heerfürung schwere Sorgen bereiteten. Die französischen Rekruten und Francttreurs konnten weder schießen noch Strapazen ertragm. Wenn sie hätten schießen und marschiren können wie die Boeren — was dann? Die Moral der Boerensiege wird ja nicht sofort prakttsch zu ver- werten sein. Indes, sie muß gezeigt werden. Sie wird schon zur Geltung gelangen. Die Warheil bort sich durch. Ib. Die verräterische Studie.(Bild S. 36t-65.) An anderer Stelle, aber bei änlicher Gelegenheit haben wir schon auf die volkstüm« liche Bedeutung des Genrebildes hingewiesen. Zeigt uns die Historien» Malerei die großen Taten unserer Borfaren, und regt sie uns an zur Begeisterung und Nachamung, so fürt uns das Genre alle möglichen, oft die unscheinbarsten Begebenheiten vor und zeigt uns durch die 371 künstlerische Gestaltung derselben, welch' hohen Wert das Leben hat und zu welcher Höhe der Entwicklung unser gesamtes Sein sich aufschwingen kann, wenn eben dem Einfachen, Schlichten die nötige Beachtung wird, und wenn dasselbe als unentberlicher, wesentlicher Teil des Ganzen seine ihm gebürende Stellung einnimt. Kein großes Ganze kann eine wün- schenswerte Vollkommenheit besizen one eine entsprechende Vollkommen- heit der dasselbe bildenden einzelnen Teile. Vollkommenes darzustellen ist aber Ausgabe der Kunst. Erzeugt sie dieses aus den gemeinsten Vorgängen, so sagt sie uns zugleich wie wir die lezteren betrachten und gestalten sollen. Deshalb darf der wäre Künstler kein Photograph sein und nicht die Dinge wie sie der Erkentnis des ersten besten Durch- schnittsmenschen erscheinen, konterseien— er hat„ein Stück Menschen- geschichte, das nirgends passirt ist, aber überall sich ereignet", darzu- stellen.„Schön ist alles das, was die guten Eigenschaften einer Sache zeigt, und garstig was die schlechten weist", sagt ein bedeutender Künst- ler(Raphael Mengs: Gedanken über die Schönheit und den Geschmack in der Malerei). Derselbe schreibt an anderer Stelle dieser seiner ausge- zeichneten Schrift:„Die Kunst der Malerei kann aus dem ganzen Schau- plaze der Natur das Schönste wälen und die Materien von vielerlei Orten und die Schönheit von vielerlei Menschen sammeln, wärend die Natur die Materie(den Stoff) eines Menschen nur aus der Mutter desselben nemen und sich mit allen Zufällen begnügen muß." Damit ist aber das Wesen und Ziel aller künstlerischen Tätigkeit angedeutet: nicht platter Naturalismus— den finden wir auf Weg und Steg in der Wirklichkeit— nicht schwärmerischer, vom wirklichen Sein abstra- hirender, in den nebligen Regionen des Nichtwarnembaren sich bewe- gender Idealismus: künstlerische, ideale Gestaltung dessen was ist, Er- Hebung der gemeinen Dinge über die trockne Prosa des Alltäglichen ist die Ausgabe aller Kunst. Wie singt doch Heine in seinen Schöpsungs- liedern?„Den Himmel erschuf ich aus der Erd' Und Engel aus Weiberenlsaltung; Der Stoff gewint erst seinen Wert Durch künstlerische Gestaltung." Und wenn alles, was wir durch unsere Sinne warnemen, uns schließ- lich durch sein wiederholtes Auftreten trivial, gemein erscheint, um wievielmehr banal müßte uns eine solche naturgetreue Wiederholung in der Kunst erscheinen?— Feines Beobachten, fleißiges Studium der Natur und des menschlichen Lebens wird deshalb den Künstler allein ver- mögen Künstlerisches, Schönes zu schaffen. Eine solche Smdie liegt auch unserer Illustration zu Grunde, nur knüpft sich daran noch ein kleiner Liebesroman, in dem der studirende Künstler eine der Hauptpersonen spielt, wodurch aber die Geschichte noch interessanter wird. Besagter Künstler machte einst, wie die Mär erzält, eine Studienreise in Tü- ringen und schlug in einem in romantischer Gegend gelegenen Dorfe sein Quartier für kurze Zeit auf. Gelegentlich seiner Streifereien ent- deckt er das hübsche Gesicht des jungen Mädchens, die da links auf un- serem Bilde sizt.„Ein Kopf, wie ich ihn mir lange zu einer Studie gewünscht," sagt der Künstler, aber das Herz des Menschen verlangt mehr und will nur Genüge im Besiz des lieblichen Dorfkindes finden. Leider stellt sich dem ein vorläufig unübersteigliches Hindernis in dem gestrengen Papa des Mädchens entgegen, der nun einmal die„Tage- diebe aus der Stadt" haßt, und vor allem gar nicht begreifen mag, was denn diese Farbenkleckser aus„Gottes schöner Erde" sollen. Ihre Mutter, welche noch eher der Tochter kräftige Stüze hätte sein können, rut in der külen Erde und so bleibt unseren beiden Verliebten nichts anderes übrig als abwarten und sich mit dem verstolenen Austausch ihrer Liebesblicke oder im günstigsten Falle mit einem Stelldichein aus einige Minuten zu genügen. Da endlich komt die günstige Gelegen- heit für die Liebenden und für den Maler.— Der Vater verreist in wichtigen Angelegenheiten und flugs ist unser Künstler da um— seinen Studienkopf aus die Leinwand zu zaubern und, was wol wichtiger war, mit seinem geheimen Bräutchen ungestört von neidischen und übelwol- lenden Blicken die schönen Stunden der ersten Liebe zu genießen. Denn Großmütterchen und Schwester sind in das Geheimnis eingeweiht und unlerstüzen das Komplott gegen den abwesenden gestrengen Herrn Papa. Die„Studie" ist eben vollendet, der Künstler hat auf Augenblicke die Stube verlassen, da, o Schrecken! tritt der heute am wenigsten erwar- tele Herr des Hauses unter die anungslose Gesellschaft. Desto mehr ahnt und begreift er aber, was da in seiner Abwesenheit vorgefallen und indem er mit seinem mächtigen Krückenstock auf das eben fertige Bild zeigt, spricht er mit seiner markigen Stimme die wenigen, aber gewichtigen Worte aus:„Was soll das?" Alles ist stumm, der Purpur, welcher bei seinem Eintritt die Wangen seiner Aeltesten Übergossen, ver- dunkelte sich, sein jüngstes Töchterlein kichert sorglos und Großmütter« chen faltet die Hände vor Schreck über die Dinge, die da noch kommen werden. Bis dahin hat uns der Meister, der unser Bild geschaffen, diese kleine Geschichte erzält und den höchsten Punkt der Handlung mit seinem Pinsel dargestellt. Wie es ihm gelungen, darüber mögen die freundlichen Leser der N. W. selbst urteilen. Verraten wollen wir nur noch, daß der„Alle"' in seinem Zorn bald das„Farbengekleckse" ver- nichtet hätte, nur der schnell hereintretende Künstler rettete es vor sei- nem Widersacher. Heftige Auseinandersezungen seitens der beiden, fteundliches Zu- reden und Bitten des weiblichen Teiles der Gesellschaft, aber keine Ver- ständigung war das Endresultat und unser Künstler wanderte fürbas feine Straße. Da es aber eine alte Geschichte ist, daß selbst das strengste . Vaterherz nicht auf die Dauer einer jungen energischen und liebenswür- digen Tochter widerstehen kann, so kapitulirtc schließlich auch unser „Alter" und der Sonnenschein ihrer siegreichen Liebe löst den Schmerz � des gewaltsamen Geschiedenseins der beiden ab. Sie sind glücklich ge- worden, und haben ihr Ziel erreicht, wir möchten aber dennoch allen werdenden Künstlern raten, entweder mehr Vorsicht oder mehr Offenheit bei ihren Studien anzuwenden, denn nicht immer dürfte die Geschichte so glatt ablaufen!— im. cÄus allen der ZeiMterakur. Ueber die Nachteile zu starker Zimmerwärme sagt Professor Reclam folgendes: Wer die Temperatur über 15 Grad erhöht, wird bald merken, daß sein Wärmcbedürfnis sich stets steigert und bald 17, ja 20 Grad nicht mehr genügen. Der Grund ist, daß bei andauernd starkem Heizen die Wände, sowie die im Zimmer befindlichen Gegenstände austrocknen. Je mehr sie ihre Feuchtigkeit verlieren, um so mehr saugt die trockene Lust die Feuchtigkeit da aus, wo sie dieselbe fast allein noch findet— bei den Menschen. Die unmerkliche Ausdünstung der Haut und Lunge wird gesteigert. Da nun diese Verdunstung von Feuchtig- keit uns viel Wärme entziet, so wird durch die gesteigerte Ofenwärme allmälich auch das Wärmebedürfnis gesteigert— und der Ofen erscheint als bester Freund— ist aber ein Feind! Denn in der erhöten Zim- merwärme dünsten auch alle anderen Gegenstände mehr aus, und die Luft wird verschlechtert. In der warmen Lust atnien wir weniger Sauer- stosf, unser notwendigstes Lebensbedürfnis ein, und der Stoffwechsel wird langsamer und geringer— der Appetit mindert sich, es tritt mür- rische Stimmung ein, der Schlaf ist kurz und unruhig— alle Werrich- tungen des Körpers lassen zu wünschen übrig. Das sind die Leiden der Bureauarbeiter, der älteren Kausleute, der viel im Zimmer lebenden Frauen und alten Mädchen, kurz der meisten Stubenmenschen im Winter! Nur diejenigen, welche ihrem Ofen niemals gestatten, die Luft über 15 Grad zu erwärmen, sind diesen Leiden nicht unterworfen. Der Nebel soll seine Entstehung verdanken nicht blos den in der Lust vorhandenen Wasserdämpfcn, sondern vielmehr dem Staub, an den sich die atmosphärische Feuchtigkeit ansezt und one den die in der Lust schwebenden Wasserteilchen gänzlich unsichtbar blieben. Prof. Arilin in Edinburg, der dies durch Experimente verdeutlicht hat, be- hauptct sogar, daß es one Staub in der Lust nicht einmal Regen geben würde, da die mit Wasserteilen übersättigte Lust diese immer ganz plözlich in Gestalt einer einzigen Wasserlage zur Erde senden würde. xz. cLlileransche Umschau. „ Eonncnstral und Abeitskrast der Menschheit. Ein Bild aus Natnrwigen- sdiaft und Industrie der Neuzeit. In freien Borträgcn behandelt von Dr. Christoph Ruths. 1879. Dortmund bei C. L. Krüger." Wirend von Seiten der Vorlämpser eines aus Auloritit basirten Wissens, aus dem noch dazu eine sorgsSllige Auiwal, gewissen Zwecken entsprechend, zur sogenanten Volts- belehrung getrosten wird, die alten Formeln in immer wechselnder äustcrer Gestalt den durch die zur Schau getragene Sicherheit verblüfften Lernbegierigen durch Wort und Schrist unermüdlich eingkpredigt und eingedroht worden, sodaß diesen großenteils zulezt die Ausnamesähigteit sür ander? geartete Ideen verloren get, und wirend jene Verfechter der durch ihr vielhunderljirigei Alter nicht ehrwürdiger gewordenen Bemäntelungs» lormeln der Unwiffenheit unter den gesezten BerhSIlnissen an nicht wenigen Orten noch so die Oberhand haben, daß ste, one Gesar sür närrisch erklärt zu werden, behaupten lönnen, das ihre sei das eigentlich ganze, tiese, ideale, echt nationale und menschen- würdige Vollwisten, und jeder Zweifler daran gehöre zur gcsärlichen Klaffe der Halb- gebildeten,— wärenddeffen liegen für die Verbreitung erfarungsmibigcn, realen Wissens die gegebenen Verhältnisse unverhältniimäbig ungünstig. Die Jugend bleibt wesentlich oue logische Borbereitung zur Ausname exakter Kentnisse� hierdiirch und durch die mangelnde Anregung, vielmehr aber Abstumpsung der Erwachsenen durch übermäßige Berufsarbeit, wird der Propaganda, one welche auch sür die besten und warsten Ideen kein Boden gewonnen wird, ein schwer zu überwindendes Hindernis bereitet. Darum stnd alle Bemühungen, begrenzte, kleine Bezirke aus den Ergebnissen der Ratursorschung in eingehenden Einzeldarstellungen oder unter umfassenden, übersichtlichen Gestchtspunkten große, allgemeine Geseze grade den Kreisen zugänglich zu machen, sür welche diese Gedankenschäze von vielen sür nicht bestimt erachtet werden, vom lreien, allieitig gleichgrrcchten menschlichen Standpunkt au» sreudig und dankbar willkommen zu heißen.— Kaum eine andre der neueren großen Eiitdeckungen aber bietet von jeder nur möglichen Seite der Betrachtung so großartig- und fesselnde Gesichtspunkte, als die Lehr- von der Erhallung der«rast im Universum, zu der von Robert Mäher der Grund vorliegende Schrist von Christoph Ruths betrachtet die Dokumentirung dieses Eazei vornemlich in der Einwirkung der Sonne aus die Erde. Sic zeigt in Aus- sürunaen die sich auf zalreiche, meist dem praktischen Leben entnommene oder der allgemeinen Ersarung zugängliche Beispiele stüze» und in oft recht schwunghasten Bildern, daß die bekanten, beständig in und um uns wirkenden Elementarkraste sich aus die von der Sonne ausgestralie Bewegung zurücksüren lassen; daß aus eben dieselbe Quelle sowol die Massenbewegungen, die wir zu für uns nüzlichen Arbeiten ausbeuten— also bewegt- Lust bewegtes Wasser—, als auch die Molckularbewegungen, welche teils direkt als Sonnenlicht und-Wärme tätig ssnd, oder von uns durch Verbrennung künstlich erzeugt werden, ebenso die Pflanzenvegetation wie das tierische Leben, zuruckversolgt werden können. Dies- in im ganzen kurzen und gedrängten Darstellungen gegebenen Erklärungen des Zusammenhangs der uns zunächstliegenden Naturoorgänge machen diese in chrrst- licher Form vorliegenden Populären Vorträge sür die«entnisname des größeren Publi- tum» wertvoll und empscleniwert. Dasselbe Interesse aber nötigt uns, an gleicher Stelle auch unsre Bedenken gegen andre Teile dieses WcrkchenS zu offenbaren. Da ist als Grundlegung sür das Haupt- lema eine ihm an Umfang ziemlich gleichkommend- physikalische Abhandlung über die Weltenergie und ihre Umwandlungen, was im wesentlichen aus die Einheit der Natur- kräsle im Sinne ihrer gegenseitigen Verwandelbarkeit hcrauskomt, gegeben. One gegen den Gebrauch de» Begriffs Energie<«en» konsequent in dem Sinne gebrauchl: Fähigkeit eines Körpers, Arbeit zu leisten), der von der neuern Physik ziemlich allgemein aus- genommen ist, hier mehr einzuwenden, als daß die Zwielpältigkeit von Bewegung und Kraft, welche man beseitigen wollte, doch nicht ausgemerzt ist, solange man kinetische und potentielle Energie unterscheidet(oder Fähigkeit, Arbeit zu leisten, die ein Körper ver- «ige seiner Bewegung hat oder die er vermöge seiner Lage haben soll), so hätten wir 372 dock gewünscht, daß dieser Begriff im» wenigsteu» mit aller möglichen, nnd in andern Physikalischen Werken bereits erreichten logischen schärfe ausgestellt und gebraucht worden wäret besonders auch wäre es angezeigt gewesen, in derselben Weise die Unbeftimtheiten hervorzuheben, die dem Begriff der Potentiellen Energie der Lage anhasten, indem die Lage durchaus nicht Uriache, sondern nur Bedingung für die Möglichkeit einer Arbeit?- leistung durch einen Körper ist, worin doch wol ein erheblicher Unterschied liegt! Daneben begegnen wir Bequemlichkeiten, Ungenauigkeiten, ja selbst logischen Wider- sprächen im Ausdruck, und zwar recht argen, garuicht selten, sodaß nicht nur daraus ungenügeudc Aufklärung über den zu erläuternden Scgenstand, sondern sogar starkes Mi so erstehen bei solchen Lesern hervorgerusen werden kann, welche über dem Eiser, neue» zu lernen, die kritische Ausmerksamkeit etwas mehr hintanseze». So finden wir sS. ZI) mit Befremden:„Hebung, freie Bewegung, Lage(one weitere Bestimmung!), Schall, Wärme" als Formen der Energie eingefürt! lltoch bedenklicher ist der Ausdruck„Energie in Bewegung" für Energie der Bewegung: man verwandelt nicht ungestraft— in An- sehung des Ausklärungszwecks— das Abstraktum Energie in ein Konkrewm, denn nur ein solches kann Bewegung bestzen: die Berschicbung, ja Umkehruug des Sinnes ist hier ganz offenbar! One entschiedne Absicht, in dem Büchlein des Herrn Dr. Ruths nur richtiges finden zu wollen, und one schon mitgebrachte klare Anschauung der Vorginge, würde man durch Aeußerungen, wie:„Auch die Schallbewegungcn der Körper sezen sich häufig sosort in Wärme um, wie man daran erkent, daß sich Glocken beim Läuten er« wärmen", und aus Seite Zv:„Aus diesem Grunde(weil Wärme in mechanische Arbeit überget) wird unter dem Keffel einer Dampfmaschine weniger Wärme frei(!), wenn die Maschine arbeitet, als wenn sie sstllstet", sicherlich zu ganz irrigen Vorstellungen ver- leitet werden. Ebensowenig hat uns Seite IS»ach des Bersaffers Absicht die daselbst zu findende Erläuterung der Bewegung der Uhr durch ein aufgehobenes Gewicht zu irgendeiner deutlichen Anschauung verHolsen: wir können unmöglich glauben, dasi das bekantlich doch gleichmäßig schnell(oder langsam) fallende Gewicht„keine Geschwindigkeit" erhält und„dafür" das Räderwerk bewegt werde>c. Wir möchten grade hier bemerken, daß— wie wir denn die schärsste Logik und äußerste Präzision im Ausdruck sür Volks» Ichristen grade gut genug erachten!— wir es ganz besonders angezeigt halten, bei Er- Ituterung von mechanischen oder sonstigen Apparaten, die sich zum praktischen Gebrauch in den Händen de» Volkes finden, keine Undcutlichleit, keine nur irgend mißzuverstehende Wendung einfließen zu lasten, mag das auch sonst den Auswand einiger Gedanken und Eäze mehr kosten. Denn wenn sich manche Rawrgeseze an solchen mehr oder weniger komplizirten Apparaten auch ganz gut erläutern lasten, so kann das doch in der Regel nicht so einfach geschehm, als an wistenschastlicheu Apparaten, die speziell zum Zwecke eine« Beweises für irgendein Raturgesez hergestellt sind. Entschiedne» Widerspruch mästen wir serner erheben gegen die vollständige Gleich- »der Aenlichsezung der chemischen Assinität mit Energie der Lage, und der Warme- und Lichtentwicklung bei chemische» Verbindungen mit dem Beispiel eines Meteorsteinsalles, welches beides in mehr als einem Sinne salsch ist. Eine Schilderung, wie S, ZS:„Die Sauerstoff teil che» stützen aus die Zunderteilchen los, sie verlieren bei der An- Näherung ihre Geschwindigkeit und es entslet, wie bei dem fallenden Meteorstein, eine Bewegung der Moleküle, welche wir Wärme und Licht nennen," ist zwar sehr drastisch, aber ebenso widerspruchsvoll. Außer durch diese Unbeftimtheiten und Ungenauigkeiten der Darstellung, wofür wir noch viele Stellen ansüren tönten, leidet das hochinterestante Tema in gewistem Grade unter einer ost zu weit gehenden Schwunghastigkeit der Darstellung, Mit Maß an- gewant, kann eine solche wol dazu dienen, dem trocknen Wiste» zu leichterer Ausname in das Verständnis zu verHelsen: eine überwuchernde Phantasie aber verliert zu leicht den realen Boden unter den Füßen. Wir fragen vergebens, aus welche unzwciselhasten geschichtlichen Tatsachen Herr Dr. Ruths sich beziehe, wenn er gleich im ersten Abschnitt sagt:„Alte Flammen sind am Verglühen, Rawrwistenschast und Industrie und mir ihnen die heize Sonne schaffender Arbeitskrast sind in der Menschheit emporgesstegen, Die Träume, die' Paradiese der Kindheit sind hinter ihr geschloffen, und sie vernimt das alte Wort: ,Jm Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.'"— Die harte Arbeit im Zustande der Sklaverei, der Leibeigenschast, des Zunstgcsellentums: der Ver- last der Früchte derselben durch beständige Raub- und dynastische Kriege: in solchem Paradiese hat sich doch wol das Volk groß und, wie man meinen sollte, mündig ge- arbeitet? Und warlich, nicht vom Träumen hat eS seine Narben und Schwielen erworben und befindet ei sich in seiner— bekanten Lage! Wenn es nun doch, in Einjehung der fartdauernden Notwendigkeit der Arbeit, dieselbe manhast und one Zögern sortsezt, so »üsten doch wol andre Aiottoe und Ziele in Frage kommen, als etwa eine unmögliche, sentimentale Erinnerung glücklich verträumter Kindheit oder auch eine unmotivirte Dank» darleit gegen diejenigen, die ihm das geschilderte„Paradies der Kindheit" bereitet haben! Ebenso unfruchtbar und zum Teil phantastisch erscheinen uns die Bettrchtungen über unsern Verbrauch und de» zutüniiigen Ersaz der Steinkolen. Die Mitteilung, man habe „auch amtlich in England bereits sestgestellt, daß Europa nur sür sOO Jare mit Steinkolen»ersorgt sei", kann uns nicht erschrecken: denn nicht einmal die Lager in England, geschweige denn die andern europäischen und die der Nachbarschaft können„amtlich" gezwungen werden, ihre Existenz und Mächtigkeit genau anzumelden, und so sind denn auch derartige amtliche Feststellungen ost recht salsch. Wichtiger als der Enttvurs eines Phantasiegemäldes, wie sich unsere armen Nachkommen zwölfter Generation»ach Er- schöpsung der Kolenlager werden durchschlagen mästen, scheint uns einiges Kopszerbrcchen, über die einiachste Art, wie in der Gegenwart jeder Haushalt und rede Werkstatt mit dem benötigten Quantum dieses sür uns unentbehrlichen Feurungimaterials zu versorgen und wie eine ökonomische Verwendung destelben allgemein durchzusüren sei! Das leztere aus dem einzigen Grunde, weil jede, sei es von einzelnen Personen oder ganzen Klaffen, veranlaßtc Verschwendung menschlichen Arbeitsprodukts als gegen die Menschheit un- verantwortlich anzusehen ist, und wir es als einen Gewinn ansehen mästen, wenn der allgemeine Bedarf an Kole durch Ausopserung von weniger Menschen in den gesärlichen, unterirdischen Kolenminen gedeckt werden kann.,,.... Noch weniger aber können wir uns mit der Anschauung in llebereinstimmung er- Nären daß wir„gleich einem durch Erbschaft reich gewordenen Manne im vollen wirt« schasten oder verschwenden", das„ererbte Kapital nicht sür dauernde Anlagen verwenden" und dadurch„ein bitteres Unrecht an den künstigen Geschlechtern" begehen, soweit sich diese Vorwürfe aus den Kolenverbrauch beziehen. Wir können die Steinkolenlager zu- nächst als kein Kapital, am wenigsten gegenwärtig als„VolkskapitaL ansehen: ererbt haben wir auch keine Kolenvorräte, denn unsre Boreltern haben sie weder erspart, noch vergraben, noch überhaupt etwas damit zu tun gehabt: eine andre Verwenduiig, als Verbrennung oder Vergasung der Steinkolen, kennen wir nicht, und solche geschlet eben teil» zur Deckung eines augenblicklichen und vergänglichen Beduriniges(wie Heizung), oder aber zum Zweck der Herstellung mehr oder minder dauerhasler ArbeitSprodune,—- sollen wir nun vielleicht spätere» Generationen zuliebe frieren, unser Erz unverhnttet, unser Eisen imgeschmiedet lasten? Mag auch, nach Ruths, schon im Vongen Jarzehnt ein englischer Nationalökonom gesagt haben:„Wenn wir das Stamkapital(an Steuv- koken) unstet Nachkommen auszehren, dürfen wir ihnen nicht unsre Schulden oermachen, I» finden wir diesen Ausspruch kaum citirenswert, da wir für die behauptete providenttclle Ausrüstung grade unserer Nachkommen mii einem Stamkapilal von Steinkolen keine Ueberzeugung gewinnen können und überdies vermuten, daß sie sich mit unsern Staats- schulde» sehr glatt auseinandersezen und blas nicht begreisen werden, weshalb wir unter deren Last solange gejeusjt haben.— Endlich ist in derselben Angelegenheit die Warnung an„unser Volk", die Erfüllung jener(nicht genauer bezeichneten) hohen Kultur- aufgäbe, welche der deutschen Naston zugesallen ist, nicht später zu erschweren, indem „unser Volk, der Versuchung augenblicklichen Vorteils und Wollebens" erliegend, eine starke Einsur von Kolen aus Deutschland nach anderen Ländern gestattet, an die salsche Adreste gerichtet:„unser Volk" sürt überhaupt weder Stemkolen aus, noch genießt es Wolleben davon, und die Rücksicht auf allgemeine Kulturausgaben käme bei Aussur von Getteide, Kartoffeln, Vieh, Knochen u. s. w. nach unserm Erachten wol noch mehr in Frage. Zum Schluß noch ei» Wort über die der Abhandlung über„Sonnenstral und Arbeitskrast der Menschheit" beigegebene Schlußbetrachtung, Berfaster verspricht hier noch einige Andeutungen über die späteste Zukunst von Weltall, Sonne, Erde und Menschheit zu geben. Er belehrt uns, daß„auch das Weltall, oder derjenige Teil(so? l) der Welt, der anS Stoff und Energie bestet", uns nicht als Perpetuum mobile erscheine, daß sich vielmehr alle Energie der Körper allmälich in gleichmäßige Wärme zu ver- wandeln sttede,„daß Wärine wieder vollständig in mechanische Arbeit nicht zurück- verwandelt werden kann und daß auch Wärme von einem kältern zu einem wärmern Körper nicht von selbst überget". Hieraus soll einleuchten, daß sich die jezt ungleiche Energie der Naturkörper immer mehr ausgleiche, ihre Temperatur gleich werde, schließlich keine Energie mehr von einem zum andern übergehe und so das uns jezt bekante Leben aufhören oder, bester gesagt, sich in gleichmäßige Wärme verwandeln werde. Nun ist zwar war, daß Clausius, ein Repräsentant der neuern Wistenschast(nicht„die neuere Wistenschasr", wie Ruths meint), dieselben Ideen in der Formel ausgesprochen hat:„Die Entropie der Welt strebt einem Maximnm zu." Das ist aber nichts, als ein Vermutung-- saz von Elausius, der Anhänger gesunden hat, obgleich, oder grade weil er mehr aus einem unausrottbaren Bedürsnis, uns mit einem Welt- oder doch allgemeinen Lebens- ende Gruseln z» machen, enstprnngen ist, als daß er aus wirklichen Ersarungen berut. Die auch von Ruths vorgebrachte Behauptung, daß Wärme nicht vollständig in mecha- Nische Arbeit umwandelbar sei, ist nur eine Verwechslung von menschlich nüzlicher, be- zwecktet Arbeit mit dem physikalischen Begriff Arbeit überhaupt, denn die bei der Damps- kestelheizung, im Abdamps und bei vielen andem Gelegenheiten verlorengehende Wärme ist doch nur sür unsre beabsichstgten Zwecke verloren, wärend Bewegung von Lust, Hebung von Wagerdamps, das Hin- und Widereilen der termomettisch nicht meßbaren Wärme- ftralen durch den Weltäter von Stern zu Stern und deren mechanische Arbeit die be- ständig wiederkehrenden mechanischen Aequioalente der angeblich verlornen gemeinen Wärme sind. Wenn aber Herr Ruths hinterher vorsichstgerweise noch bemerkt:„vorausgesezt, daß nicht ein uns noch unbekanter Umstand erneute Ungleichheit in der Energieverteilung be- wirkt," und weiter unten:„Es braucht wol kaum hinzugefügt werden, daß jene voraus- sichtliche Temperaturgleichheit aller Weltkörper noch um einen Zeitraum entfernt ist, gegen welche» billionen von Jare» nur Augenblicke sind," so hätte er die folgende Ueberlegung doch ivol vorher anstellen sollen, ehe er die Entropie so ernslhast auseinandersezte: wenn das seiende Teilchen zu dem mechanischen Aequivalent der Wärme so ungeheuer klein ist, daß wir in irgendeiner vorstellbaren Beobachtungszeit garnichti merken rönnen, so genügt eben ein ungeheuer kleiner Schäzungsseler, um als möglich erscheinen zu lasten, daß Wärme doch ganz vollständig in mechanische Arbeit sich umwandle, daß das Weitall also doch ein— und zwar das einzig mögliche und notwendig existirende Perpetuum mobile sei, sodaß die seit eisgrauer Ewigkeit in einem Kreislaus der Erscheinungen zwischen den mannichsalstaen Körpern bestehende Welt die Entropie, welche aus ihr schließlich doch einmal die Spottexistenz eines ledernen, lauwarmen Einerlei machen soll, längst verdaut und überwunden hat und ihrerseits dieses Hirngespinstes spottet. R.-L. cJUdaKUonsKorresponden). Berlin. L, L, Prosessor Hirt in Breslau hat die Gewerbe- und Fabrik- betriebe übersichtlicki zusammengestellt, die sür den Arbeiter gesund heitssch ädl ich sind. Danach rangirt Ihre Arbeit unter die gesärlichsten Beschäftigungen von allen denen, welche aus die Gewinnung und Verarbeitung gesundheitsschädlicher sloffe gerichtet sind. Diese bestehen nämlich in den Gewerben der ireuervergolder, Feuerversilberer, Gürtler, Spiegelarbeiter. Ferner gehören dazu die Arbeiten in Arsenik-, Blei- und Ouecksilberhütten und das Austragen bleihalstger Glasuren mittel» Einstäubens. Dann da» Auspressen der zum Versenden des Quecksilbers gebrauchten Beutel: die Eontre- oxydation des Eisens, das Einstäuben von brüstejer Spizen, sowie weißer Glacähandschuhc mit Bleiweiß: das Enstilbern des Werkbleis: die Herstellung der Zündmaste sür Phosphor- zündhölzer: das Plastnsoniren: das Verpacken der serstgen Chromfarben: die Fabrikation von arsenhalstgen Anilmsarben, Buntpapier, künstlichen Blumen, Baumwollenstoffen und Tapeten: die Fabrikation von Blattwerk, von Blumenblättern, die mit Cqankaiiumlösung besprijt werden, von Kupserarsensarbcn, von Schweinsurtcrgrün und von Zündhütchen, Dabei ist die lange Reihe der weniger gesarvollen, aber immer noch schädliche» Berussarten, z, B, der Anstteicher, Maler, Lackirer, Färber, Pdotographen, Zingießer, Buchdrucker-c, noch übergangen, ebenso alle die meist sehr schädlichen Staubgewerbebettiebc und viele von denen, welche mit der Entwicklung von Gasen verbunden, aber nicht direkt aus die Herstellung und Verarbeitung gesundheitsschädlicher Sloffe gerichtet sind. Zum Schlize gegen die BergistungSgefar werde» in neuster Zeit vielsach dieLöbschenResPirations- apparate empsolen, welche der Fabrikant Wilhelm Fels in«armen herstellt, Ei» Apparat, wie Sie ihn brauchten, würde Sie allerdings aus ungesär tu Mark zu stehen kommen und für die Füllung noch järlich etwa 3 Mark beanspruche», Frankenberg. B., Berlin. W, T,, Hamburg,»ausmann S, und Coblenz. L. M. Z. Die eingesauten Arbeiten sind leider allesamt nicht vmoendbar. D. Frl. A, Sch, Ihre kleine Arbeit ist recht hübsch und wird warscheinlich aeleaent- lich in der„R, W," Plaz finden. Sprcchsal für jedermann. Wilhelmine Höfer, geboren in Wolfsgefärth bei Weida, Groß- Herzogtum Weimar, welche im Jare 1848 mit dem Kunsttischler Särgel, Sergel oder Sörgel nach New-Aork, Amerika, auswanderte, sich daselbst mit ihm verehelichte und laut der lezten vor nunmehr 30 Jaren ein- getroffenen Nachricht 3 Kinder hatte, wird gebeten, ihrer Schwester Christiane vcrw. Kurzhals geb. Höser Dresden Neustadt, Schön- brnnnenstraße 13. IL Nachricht zu geben. Im Falle des Verstorben- seins der Gesuchten ist diese Bitte gerichtet an alle ihre Berwanten oder Bekanten.— Alle befreundeten Blätter in Amerika werden um Abdruck dieses Gesuchs gebeten. Inhalt. Helschen oder dienen? Roinan von M. Kautsky(Fortsezung).— Ehe- und Hochzeitsgebräuche. Kulturgeschichtliche Skizze von H. Schl.(Schluß).— Der Glaube a» Heren, von Dr. Valentin M— y.— Harmlose Plaudereien und Geschichten.— Der Unabhängigkeits- kämpf der Boeren.— Die verräterische Studie(mit Illustration).— Ans allen Winkeln der Zcitliteratur: Ueber die Nachteile zu starker Ziminerwärme. Entstehung des Äiebels.— Literarische Umschau,— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30ck).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig. _