VI. 30.«pril 1331. Herschen o Roman von Marie stand auf und ging hinaus, kam aber bald wieder zurück. „Was wollte der kleine Kobold?" fragte Elvira. „Sie hatte mich nur benachrichtigt, daß die Suppe koche und daß es in der Küche nun weiteres für mich zu tun gäbe." „Und warum tut sie das nicht selbst? Ihr komt das zu." „Domcnika ist noch sehr jung und ungeschickt, sie kann nichts als Fische braten und eine Polenta machen, und diese rürt sie in ihrer Trägheit niemals gehörig um." „Aber warum schickst du sie nicht fort und nimst ein brauch- bareres Mädchen?" _„Domcnika ist gutmütig und sehr genügsam, sie kostet mich fast nichts; freilich darf man dagegen nicht allzuviel von ihr verlangen." „Und du besorgst also selbst alle Arbeiten einer Magd?" rief Elvira mißbilligend und fast erregt mit ihrem Fächer hin und her wehend. „Die Arbeiten einer Hausfrau!" entgegnete Marie ruhig und voll Würde. „Unb_ du trägst auch dein Kind, fütterst es und wickelst es, und ninist all' die Plage mit ihm auf dich allein?" „Es ist die Pflicht einer Mutter." „Aber wenn du den ganzen Tag zwischen deinen vier Mauern gewirtschaftet hast, wenn du dich müde gesorgt und gearbeitet, was ist dann deine Erholung des Abends?" „Ach, Elvira, die?lrbeit einer Hausfrau und Mutter get nie zu Ende. Des Abends, wenn die Kleine schläft, habe ich zu nähen und auszubessern, aber ich bin träge und ich schlafe ge- wönlich darüber ein." „Aber du kanst doch nicht Wochen-, monate-, jarelang dieser unausgesezten, einförmigen Beschäftigung dich widmen? Du brauchst doch, wenigstens hie und da, eine geistige Erholung und Erfrischung, wenn du in dieser Atmosphäre einer engen Häuslich- keit nicht verkümmern sollst, du brauchst doch Freude und Genuß." „Aber ich habe sie ja in reichem Maße. Mein Mann liebt mich, mein Kind wächst und gedeit, sieh, es lächelt mich an,- ist das nicht Freude und Erfrischung zugleich?� Aber wenn ich nicht in jeder Minute an das Kindchen dächte, für dasselbe sorgte, nicht jeden Tag an seiner Seite bliebe, dann würde es vielleicht krank und elend, und dann würde ich unglücklich sein und Alfred ieuch. Er ist ein so guter Vater, er will nicht, daß ich es nur une Stunde lang allein lasse. Und er selber braucht mich auch, er dienen? A. KautsKy.(4. Fortseznng.) er ist in manchem ungeschickt, ganz unbehülflich, und da muß ich denn immer hinter ihm her sein, ich arbeite also auch für ihn, das ist so süß, er dankt mir's auch, der gute Mann, und doch ist's nur eine kleine Rückerstattung für alles, was er für mich tut, und so bin ich denn immer für uns drei beschäftigt, und wenn mein Knabe noch lebte, müßte ich's für vier sein, aber das ist alles für mein Glück, für unser gemeinsames Glück, und es ist daher gar kein Verdienst dabei." Elvira's Augen füllten sich mit Tränen.„Du Seele voll Liebe, Poll Hingebung," sie zog die Schwester an sich und küßte sie;„dein Gatte muß dich anbeten, deine Kinder werden dich verehren wie eine Heilige, und so findest du dein Glück in dem Glück der deinen." Marie lächelte und gab den Kuß zurück. Elvira erhob sich.„Es werden noch einige Tage vergehen, ehe ich auftrete, in dieser Zeit müssen wir uns öfter sehen, und wenn du nicht zu mir kommen kanst, so komnie ich zu dir." Sie zog den eleganten Umwurf über die Schulter und warf einen Blick in den Spiegel.„Welch' ein schlechtes Glas!" rief sie lachend.„Man siet darin abscheulich aus, ein solcher Spiegel brächte mich zur Verzweiflung!" Ihre Augen fielen auf ein Album, das aus dem Trumeaukasten lag.„Das sind Photo- graphien, da finde ich gewiß alte Bekante; laß einmal sehen." Sie öffnete es rasch und begann darin zu blättern. Die Mutter, Tante Luise, Malchen füllten die ersten Seiten,— bei Minna's Bild senkte sie den Kopf etwas tiefer, und aufmerksam und nach- denklich schien sie jeden Zug in dem lieben Gesichte zu studiren; sie sah in diese klaren, klugen Augen, sie betrachtete die schöne, reine Stirn, ans der es wie Sonnenschein lag, der durch keine Wolke des Unmuts, des Verdrusses je verdüstert ward; ein kleiner Seufzer drang über ihre Lippen, es war, als neidete sie dieser da den stillen, ungetrübten Frieden ihrer Seele. Dann weiter- blätternd, brach sie in ein lautes Lachen aus:„Herr und Frau Gernianek auf einem Bilde, beide in Galla, sich zärtlich haltend; ah, sie sind köstlich!" „Sie leben jezt in der Residenz; Heini hat die Apoteke über- nommen, Linchen ist verheiratet," erzälte Marie. „Das ist ja höchst befriedigend," machte Elvira in noch über- mütigerer Laune,„von ihren erwachsenen Kindern befreit, kann sie nun mehr als je die junge Neuvermälte girren, und Germanek, der Kunstentusiast, wird wieder alle Premieren und den Cirkus besuchen, und als Baron Schwämchen aufs neue alle Privilegien der Sportsmen genießen.— Und diese eingetrocknete Mumie da? Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Hahaha! Die Hofrätin! Sie lebt noch immer, die gute Seele, ja? Troz ihrer unzätigen Leiden? Und sie hat sich— hahaha— sie hat sich dekolletirt photographiren lassen." Sie brach in ein ausgelassenes Lachen aus, und Marie konte dem prickelnden Reiz nicht widerstehen und lachte ebenso herzlich mit. Elvira hatte einige Blätter überschlagen und hielt aufs neue inne; aber ihre spöttische Laune war einem plvzlichen Ernst ge- wichen, und sie sah nun schweigend und gedankenvoll auf den ausdrucksvollen Männerkopf, der ihr hier im Bilde entgegen- lächelte. Marie blickte über die Schulter der Schwester nach dem Gegenstande, der ihre Aufmerksamkeit gefesselt hielt. „Du kenst ihn wol nimmer?" fragte sie.„Kein Wunder, ich hätte ihn selbst kaum wiedererkant; es ist Friz. Er hat uns die Photographie erst vor einigen Wochen geschickt; aber er muß sich sehr verändert haben oder sie ist nicht gelungen." „Sie ist vollkommen gelungen," bemerkte Elvira leise, als ob sie, zu sich selber spräche, und unverwanten Auges dieselbe anblickend. „So siet er aus, gradeso, mir ist's, als ob er vor mir stünde." Marie schüttelte den Kopf.„Ich hatte ein so gutmütiges, fröliches Jünglingsgesicht in der Erinnerung." „Seine Züge sind mänlicher geworden, allerdings, sie zeugen von Festigkeit und Kraft." „Sie sind zu markirt. Sein hübscher, großer Mund hat wol immer noch das gewisse, übermütige Lächeln, aber der eine Mund- Winkel ist tiefer herabgezogen, und das gibt ihm etwas so— so—" Marie wußte den Ausdruck nicht zu finden. „Etwas Herbes," ergänzte Elvira,„nicht war? Und zugleich etwas Ucbcrlegenes. Es zeigt, daß das Ungemach des Lebens ihn hart bedrängt und ihm doch nichts anhaben kann, daß er es vielmehr beherscht oder sich darüber hinwegsezt. Und dieser küne Uebermut, dieses gesunde Kraftbewnßtsein es äußert sich bei ihm in allem, in jedem Blick, in jeder Geberde." Marie sah erstaunt auf die Schwester, auf deren Wangen eine feine Röte braute.„Hast du ihn denn gesehen, vor kurzem gesehen?" Elvira legte das Album auf den Trumeau zurück und ergriff ihren Schirm, der daneben lag. „Ja," sagte sie dann in einem gleichgiltigen und durchaus veränderten Ton,„zufällig und auf der Büne. Es war vor zwei Monate«, als ich auf meiner Gastspieltournöe in einem Provinzstädtchen eine zwanzigstündige Rast hielt; ich besuchte abends das Teater, man gab Dinorah, und ich war einigermaßen überrascht, in Correntin unfern guten Freund Friz zu finden." „Und hat er dir gefallen?" „Ja und nein," erwiderte Elvira in einem frölichen Tone. „Er besizt die herlichsten Mittel, aber als ein echter Kraftmensch vergeudet er sie in der leichtfertigsten Weise. Er singt mit einer verblüffenden Unbekümmertheit, one Berechnung, one künstlerisch Maß zu halten. So komt es, daß er für manche Effekistellen nicht ausreicht, ja, es schien mir, als ob er sie in seinem Ueber- mut absichtlich fallen ließe." Marie schüttelte wieder, als wäre sie andrer Meinung, den Kopf.„Ich sage dir, er wt das, weil er keine Freude an seinem jezigen Beruf hat; das Teaterleben befriedigt ihn nicht, es behagt ihm nicht, er fchreibt es in jedem Bris." „Ich glaube es wol, es kann ihm nicht behagen. Er lebt an kleinen Teatern, in unerquicklichen Verhältnissen, die ihn un- geduldig machen, die sein Künstlernaturell empören; aber er wird bald an dem Plaz sein, wohin er gehört, unter günstigen, künst- lerischen Verhältnissen, vor einem Publikum, das ihm Verständnis entgegenbringt; und wenn er erst jene Unterstüzung hat, die er vor allem braucht, einen Partner, der ihm gleich ist oder über- legen, der ihn anfeuert, der ihn begeistert, dann wird man erst wissen, welch' herliches Talent man da entdeckt, und er selbst wird mit Freude und Verwunderung gewar werden, daß dieser Beruf doch der rechte ist und derjenige, der ihm alle Befriedigung bringen wird und alles Glück." „Aber das wird nicht geschehen, Elvira; Minna teilt mir in ihrem lezten Brffe mit, daß vom ersten Mai, also seit einigen . Tagen schon sein Engagement zu Ende ist, und daß er kein neues mehr acceptiren wird." Elvira war aufgestanden, und den Kopf mit schelmischer Grazie neigend, sagte sie mit einem seinen Lächeln:„So? Und ich kann dir hinwieder mitteilen, daß Friz vom Impresario Marchetti für ein Probegastspiel bereits gewonnen ist, daß er hierherkamt, in einigen Tagen, hierher nach Venedig, und daß du warscheinlich das Glück haben wirst, uns zusammen auf der Büne zu sehen und zu hören." Marie schlug in ungemessenem Erstaunen die Hände zusammen. „Aber ist das möglich? Und Minna?" „Minna wird Ursache haben, sich darüber am meisten zu freuen," sagte Elvira mit dem herzlichen Ton der Ueberzeugung. „Wenn ihr Friz hier gefällt, wenn er für die italienische Staggione engagirt wird, wenn er mit uns nach London und Petersburg get, so kehrt er mit Geld und Ehren so reich beladen zurück, daß für ihre dauernde Vereinigung kein Hindernis mehr existiren wird." Sie hatte sich der Tür zugewant und reichte nun der Schtvester zum Abschied die Hand. Diese wollte sie noch zurückhalten, sie wünschte noch weiteres über diesen neuen überraschenden Fall zu hören, aber Elvira ließ sich nicht aushalten. Sie durchschritt rasch die Sala und erklärte lachend, daß sie selbst nicht mehr wisse, und dieses erst seit heute morgen, seit dem Besuche des Impresario und aus seinem Munde selbst. Marie geleitete sie bis zur Gondel, welche Signora Bi- anca vor den Portalstufen erwartet hatte, und sie kehrte dann in die Küche und zu ihren häuslichen Verrichtungen zurück.— Domenika saß indes an der Wiege der Kleinen. Sie schwang ihren Fächer und fächelte sich Külung zu, bis ihre Bewegungen allmälich langsamer wurden, das zerraufte Köpfchen vornüber gegen die Brust sank, und sie, sowie ihre Pflegbefolne, in einen sanften Schlummer verfiel. Ein heftiges Klingeln weckte sie dar- aus. Sie hatte die Gnade, sich diesmal selbst hinaus zu be- geben, um zu sehen, was es gäbe. Vielleicht erkante sie die Art des Läutens. Sie trat auf den Balkon. Sie hatte sich nicht getäuscht, es war Cencio, der hübscheste Facchin, den man sich denken kann, ein Apollo in Lumpen. Domenikas Augen leuchteten auf, als sie ihn unter dem Balkon auf der Straße erblickte, und ihre weißen Zähne blizten ihm unter einem breiten Lächeln cnt- gegen. „Cencio, was bringst du? Hast du etwas für mich, he? Du weißt, daß ich Orangen sehr gern mag, auch Feigen; sie sind noch nicht reif, aber das tut nichts, ich effe sie grün, willst du sie mir heraufwerfen, oder soll ich zu dir hinabkommen, he?" Cencio schüttelte sein fchwarzlockiges Haupt und die Hand in die Seite stemmend, drapirte er zugleich in malerischester Art seine alte, nur übergeworfene Jacke über Arm und Schulter. „Ich will hinauf," sagte er kurz. „Die Padrona ist zu Hause, wäre es nicht besser, ich käme hinunter?" „Hinunter mußt du auf jeden Fall." „Es ist war, ich hole den Schlüssel." Sie winkte ihm ver- heißend mit beiden Händen zu und lief zurück. Aber sie suchte nicht sogleich die Treppe zu gewinnen. Sie trat noch vorher in das Stübchen, wo ihr Bett und ihre Truhe stand, und wo ihr kostbarstes Eigentum, ein kleiner Spiegel, aufgehängt war. Sie guckte rasch hinein. Das arg verwirrte Haar, das sie wol viele Tage nicht gekämt hatte, und das in unzäligen krausen Löckchen ihr Sttrn und Scheitel umflatterte, schien ihr keinen Kummer zu machen, und in der Tat, wenn man über die verschiedenen Flöck- chen hinwegsah, die sich darin verfangen, es entstellte sie nicht, aber ihre Silbernadcln fclten darin, und sie bemüte sich nun, in hastigster Eile, dieselben ftralenförmig in den verfilzten Zopf zu stecken. Dann zog sie noch die auf eine Gummischnur gereihten unächten Korallen über den Kopf und um den Hals und hierauf ihren Fächer ergreifend, stürzte sie wie eine Rasende hinunter, und öffnete das Pförtchen. Cencio empfing sie mit einem rauhen Wort, er zeigte sich un- wirsch über ihr langes Ausbleiben. Als er aber die blizende Krone auf ihrem Haupte erblickte, brach er in ein lautes gut- müttges Lachen aus. „Da seht die Närrin," rief er,„sie muß sich wie zu einer Hochzeit schmücken, ehe sie zu mir herunter komt, äiavolo, diavolo! willst du mich denn ganz in Flammen sezen? aber heute hättest du dir's ersparen können, ich habe heute keine Zeit, den Amoroso zu machen." Sie warf trozig die Lippen auf. „Eitler Tor, was bist du mir? nichts! geh! Deinetwegen käme kein Kamm und keine Nadel in meinen Kopf, aber es ist Speise- stunde, weißt du, und der Padrone hält darauf, daß ich mich dann sauber und schön präsentire, weißt du, eh!" „Ich bedaure ihn, daß er das Vergnügen deiner Schönheit heute nicht wird genießen können," für Cencio im lustigsten Spotte fort, der die Kleine noch mehr stachelte,„aber er komt heute nicht nach Hause." „So, er komt nicht, und warum komt er denn nicht?" „Das werde ich deiner Padrona sagen." : 375 „O das kannst du mir auch sagen." Sie stellte sich gerade in der Türe auf:„Was man einem Facchin vertraut, das wird mir wol auch zu Ohren kommen dürfen." „Laß mich hinauf, oder—" „Aber warum willst du mir's denn nicht sagen, du Abscheu- licher, du Ungeheuer, warum bist du denn so gegen mich— so — so—" sie brach in Tränen aus. Er nam sie um die Taille und wiegte sie eine Weile in seinen Armen hin und her, sie suchte sich zu wehren, sie stieß um sich; aber lachend wußte der kräftige Jüngling den nicht allzu heftigen Widerstand zu besiegen und er küßte sie, daß es schnalzte auf den roten Mund, dann schob er sie bei Seite und sprang durch den schmalen Korridor gegen die Treppe. Sie jagte ihm nach, und sie schrie und lachte wie toll und ließ ihm kaum den Vorspruug einer Stufe. Wie zwei wilde Hirsche stürzten sie in die Sala, da tat sich eine Seitentür auf und die Padrona, von dem Lärm herbeigelockt, stand vor ihnen und fragte, was es denn gäbe. Cencio hatte rasch den großen breiten Hut, den er weit nach rück- wärts gesezt, vom Kopfe gerissen. Ueber seine braunen Wangen ergoß sich ein dunkles Rot; er näherte sich der jungen Frau mit einem süß-schelmischen Blick aus seinen schwarzen Augen, dessen Feuer durch seine Ehrerbietung etwas gemildert ward. „Sensi Signora, aber Ihr Mann schickt mich hierher— und Sie sollten ihn nicht zum Mittagessen erwarten." „Ich danke Ihnen Cencio." „Ist das alles, was du vorzubringen hattest?" spottete Do- menika. „0 ich hätte eine Neuigkeit, und wenn mir Madam zu reden erlaubte,"— er verbeugte sich in geschmeidig-graziöser Weise. „Gewiß Cencio, sobald diese Neuigkeit für mich bestimt ist." Marie sprach ganz in dem venetianischen Dialekt, wie sie's von ihrer untergeordneten Umgebung gelernt hatte. „Zunächst für Sie Madam. Oime! es bleibt doch immer eine Auszeichnung für Ihren Mann und wenn sie auch nur von einem König mit geschlizten Augen ausgeht." „Was soll das heißen?" „Daß wir heute in der Akademia hohen Besuch hatten, ich stand gerade als Modell in Verwendung—" unwillkürlich hob er den Ann und nam die kühn bewegte Stellung an, in welcher er gezeichnet wurde—„da entsteht ein Lärmen auf dem Korri- dor, und jezt stürzen einige der Professoren in die Lala cid disegno und sie berichten, daß der König von Siam in der Akademia sei, und daß er auch hierher kommen wolle. Ich will natürlich her- unter springen, aber nein, nein, sie rufen mir zu, ich solle mich nicht rüren, und ich müsse so bleiben, auch vor dem König, und da erst recht. Und eorpo äi baccho, so war's auch, diese asiatische Majestät komt, und sie hält sich bei den Zeichnern gar nicht auf, und geht direkt auf mich zu. Da aber— ich glaubte mich müßte der Teufel holen! wärend die Ungeduld und die Neugierde nach dem Anblick dieses Hinterindischen inich verzeren, fällt es diesem ein, mich von meiner Rückseite zu bewundern, und ich muß un- beweglich bleiben, unbeweglich, Signora! wärend es mich an je- dein Muskel reißt und juckt, und meine Augen müssen nach der entgegengesezten Richtung starren. Da stand einer vom Gefolge, aber es war ein Europäer, und jezt sehe ich den Signor De- panli auf ihn zugehen; und sie begrüßen sich und geben sich die Hände, wie alte Freunde; und jezt höre ich sie gar deutsch mit- einander reden; o, ich habe mich nicht geirt! und hierauf nimt der Fremde Ihren Mann unter den Arm und fürt ihn nach der anderen Seite, und jezt, eospetto, jezt war ich genug Modell gestanden und ich warf die Arme in die Höhe und mit einem Saz hatte ich mich umgcdrct; und da seh ich denn endlich diesen gelbbraunen Despoten, und sehe, wie il Signor DePauli ihm vorgestellt wird, und dann noch einem andern, ich erfur, es sei der Kriegsniinistcr, und eh' ich mich noch recht besinnen konte, waren sie alle miteinander aus der Sala hinausgegangen. Ich drängte nach, und sie verlassen die Akademia, und vor derselben, am Öuai, halten die Gondeln der illustren Gäste; ich wollte sie einsteigen sehen, o, ich wollte noch einmal Seine königl. Hoheit lächeln sehen, wobei ihr etwas schlaffer Mund so ausdrucksvoll von einem Ohr zum anderen reicht—" Cencio steckte, um dies besser zu versinlichen, zwei Finger in die Mundwinkel und riß sie auseinander; zwei Reihen herlich weißer Zähne kamen da zum Vorschein.—„Ich schiebe mich also an dem Gefolge vorüber, da bemerkt mich il Signore Dcpauli und winkt mich zu sich, und trägt mir auf, ich solle Ihnen melden, Madame, was ich Ihnen schon gemeldet habe,"— er verbeugte sich abermals in graziös- verbindlicher Weise. „Und mein Mann blieb bei den Fremden?" „Ich sah ihn in die zweite Gondel steigen mit seinem Lands- mann; in der ersten für der König und sein Minister. Sic waren alle sehr aufgeräumt, o, ich hätte die Augen an ihnen lassen kön- neu; sie füren nach der Riva, und ich lief hierher." „Was erhalten Sie für Ihre Mühe Cencio?" Marie griff nach ihrer Börse. Der Jüngling streckte ihr rasch und abwerend die Hand ent- gegen—„O ho, Signora, ich bin für diesen Vormittag als Mo- dell bezalt, ich neme keine weitere Vergütung." Marie sah ihn betroffen an, daß ein Venetianer den Lon für einen. Dienst zurückwies, war ihr neu, sie hätte es nicht für möglich gehalten; als sie aber in die brennenden Augen des Knaben sah, errötete sie unwillkürlich. „Mein Mann wird es übernemen, Sie für Ihre Dienste zu belonen," sagte sie, und sie winkte ihm mit ruhigem Ernste zu und trat in die Küche zurück. „Ola," rief Domemka, indem sie neckend ihn mit dem Ell- bogen in die Seite stieß,„was stehst du da wie eine Säule? Es verdrießt dich wol, daß sie dich nicht länger schwazen ließ und dir den Rücken wante, eh?" Cencio für sich in das Har, und mit einer Art burlesker Desperation wülte er seine Locken durcheinander.„Die arme Frau!" seufzte er dann. „Oime, iveshalb denn arm?!" Cencio schüttelte sich, als wolle er etwas von sich abwerfen, und dann in Plözlich veränderter, mutwilliger Weise sich an die Kleine fSij» tff rtiif fn imh tmrh fn �rhTprfif fiphtprrf" wendend:„Sie ist so gut, so lieb, und wird so schlecht bedient/ Domenika zeigte ihm drohend die Faust,„vrutto, du willst mich heute also ganz böse machen?" „O, ich mach' dich heut noch zehnmal gut." „Haha, das glaubst du,— geh!" „Ich geh schon; willst du mich vorher noch küssen?" „Ich dich? Fällt mir garuicht ein." „So, wirklich?" „Niemals." „Schade, ich hatte eine so schöne Orange mitgebracht, aber ich sagte mir, ich will sie ihr nur dann geben, wenn sie mir um den Hals fällt." Er zog sie aus seiner weiten Tasche hervor und ließ sie wie einen Ball von einer Hand in die andre hüpfen, ebbeue?" Domenika schielte von der Seite darnach hin; ihr Herz klopfte vor Zorn und Verlangen.„Was get das mich an?" stieß sie hervor. „Auch gut; dann kann ich sie selber essen, oder— ich könte sie um den einmal festgesezten Preis auch einer andern geben." Er wante sich und tat, als wollte er die saftige Frucht wieder in seine Tasche zurückschieben. Aber Domenika war aufgesprungen, und mit einem Ausruf zorniger Leidenschaft stürzte sie ihm entgegen. Ehe er sich's ver- sah, lag sie an seinem Halse und schlang beide Arme um ihn. „Oime, sie will mich erwürgen, Gnade, Domenika, Gnade!" Er lachte, und sie lachte, und dann wurden Küsse gegeben und empfangen, one daß inan genau darauf geachtet, wer der Geber und wer der Empfänger gewesen, und schließlich hielt Domenika die goldne Frucht mit beiden Händen umfaßt, und Cencio hatte seinen breiten Hut wieder auf seine zerzausten Locken gestülpt, und ihr noch ein Addio mit der Hand zuwinkend, tanzte er über die Treppe hinunter.(Fortsezung folgt.) Andreas Rudolph Bodenstein. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation. Bon Kart Stichler. Nach den Worten des Dichters ist die Weltgeschichte das Weltgericht. Leider gehört es nur durchaus nicht zu den Sel- tenheiten, daß eine von Vorurteilen und einseitiger Auffassung beengte Geschichtsforschung zuweilen eine Darstellung gibt, die in keiner Weise der Warheit entsprechend ein durchaus falsches Bild liefert. Sei es, daß das hervorragend Gute verschwiegen ,» �.......... und der dein Urteile der Nachwelt Ucberliefertc unverdient hart und absprechend beurteilt wird, sei es, daß durch rosig gefärbte Schilderung dem Betreffenden ein Glorienschein verliehen wird, der gleich einem leicht in der Lust schwebenden Hauche schwindet, wenn man zu den direkten Quellen der Geschichtsforschung hin- absteigt, um auf echten, unverwischten, ungekünstelten Spuren den früheren Verhältnissen und Beziehungen und vor allen Dingen der Denk- und Handlungsweise des Betreffenden nachzuforschen. Einer der Haupthelden der Reformationszeit, der„sanftmütige, liebevolle und weichherzige" Melanchthon, erscheint uns z. B. in recht sonderbarer Beleuchtung, wenn wir seinen Brief lesen, in dem er, über die in Genf stattgefundene Verbrennung des un- glücklichen spanischen Arztes Michael Servet frolockend, dem Fa- natiker Calvin seine volle Anerkennung, Zustimmung und Be- friedigung betreffs dieser abscheulichen Tat kundgibt. Anders da- gegen erscheint uns der eifrige und Unabhängigkeit liebende Bodensteiu, der unter deni Namen Karlstadt bekant, schon durch seine wcchselvollen Beziehungen zu den Reformatoren und durch sein viel und mannigfach bewegtes Leben ein größeres Interesse erregt. Ein Mann, den weder Fürstengunst noch materielle Vor- teile blenden und zur Verleugnung seiner besseren Ueberzeugung verleiten konten, ein Mensch, der unter den schwersten Schicksals- fügungen und Prüfungen sich die Achtung und Wertschäzung hervorragender Zeit- und Berufsgenossen troz tiefgehender Mei- nungsunterschiede zu waren wußte, muß unbedingt mehr gewesen sein, als ein planloser wüster Eiferer, als ein Vandale und Zer- störer, als ein Unruhestifter und Hezer, wie er gemönlich geschil- dert wird. Andreas Rudolph Bodenstein nante sich gewönlich Karlstadt, oder auch schlecht latinifirt: Carolostadius. Es war der Name seiner in Franken gelegenen Heimatsstadt, den er angenommen hatte. War es doch iu der Reformationszeit bei den Gelehrten zum allgemeinen Brauch geworden, daß sie ihre Familiennamen entweder in lateinischer oder griechischer Uebersezung gebrauchten, Nachtlager vo« Boeren in Südafrika.(Seite m.) oder sonst irgend eine hochtönende und vollklingende Benennung sich beilegten. Sein warscheinliches Geburtsjar ist zwischen 1479 und 1482 anzunemen, mit Bestimthcit konte in dieser Beziehung nichts ermittelt werden. Den Grund zu seinen Studien legte er in der Heimat, indem er die unumgänglich notwendige Kentnis der lateinischen und griechischen Sprache sich aneignete, ehe er, um umfangreichere wissenschaftliche Studien zu pflegen,� in die weite Welt hinaus wanderte. Nach längerer Wanderschaft weilte er in Rom, um Teologie zu studiren, und als die Universität in Wittenberg eröffnet wird oder wenigstens kurze Zeit darnach, findet er sich in dieser befestigten kursächsischen Elb- Residenzstadt ein, um als Universitätslehrer zu wirken. Zunächst war er Ca- nonicus bei der Schloßkirche und Archidiaconus bei der Stadt- kirche; als anno domini 1512 Martin Luther sein teologisches Doktorexamen bestand, war es Bodenstein, der unter den Exmina- toren den ersten Rang einnahm und wie es in der Chronik heißt: „Luthcrum zum Doktor creirte." Denn Bodensteiu war schon seit dem Jare 1502, als er den Grad eines Doktors der Teologie erreicht hatte, Professor der Teologie an der Wittenberger Hochschule. War Bodenstein der hervorragendste Lehrer Luthers gewesen, so war er auch anno 1517 unter den ersten, die Luthers reformatorische Wirksamkeit begeistert anerkantcn und nachhaltig unterstüzten. Mit vollem Rechte kann behauptet werden, daß das hohe Ansehen und der Ruhm der Gelehrsamkeit Bodensteins das erste Wirken Luthers in außerordentlicher Weise begünstigte. Als Johannes Eck den Martin Luther und seine bekanten Thesen in einer Schrift angegriffen hatte, verteidigte Bodcnstein im Jare 1518 mit einer Gegenschrift Luthers Bestrebungen. 1519 am 27. Juni begann in der Pleißenburg in Leipzig im Beisein Luthers und Melanchthons eine mehrere Tage andauernde, scharfe Disputation zwischen Bodenstein und Johannes Eck, die, one ein befriedigendes Resultat aufzuweisen, die Veranlassung zu weiteren Streitigkeiten und größeren Anfeindungen gab. Luther machte seine bekante Reise nach Worms, wurde dann unter hoher Protektion auf der Wartburg sicher untergebracht und Bodenstein, ein energischer Charakter, tat, was er der Zeit und den Umständen angemessen erachtete. Die Bildwerke in den Kirchen und die Orenbeichte waren ihm am meisten verhaßt, er wirkte für deren Beseitigung, ebenso energisch brach er mit den Vor- schriften, die der römische Papst seinen Dienern gegeben hatte, er verheiratete sich. Der wundertätige Koranspruch.(Seile 384.) Bodenstein muß eine außerordentliche Rednergabe besessen ha- ben, denn als er zu Weihnachten 1521 in deutscher Sprache pre- digte und das Aoendmal in beiderlei Gestalt reichte, ereignete es sich, daß begeisterte Anhänger der Reformation die zum Teil aus Zwickau sich eingefunden hatten, ihren Empfindungen durch übereilte Taten sogleich Ausdruck verschafften, und Bilder, Sta- tuen zc., soweit dieselben religiösen Zwecken dienten, zerstörten und vernichteten. 1522 traf Luther in Wittenberg wieder ein, um die sich voll- ziehende und immer tiefer in das Volksleben eingreifende, mäch- tige Bewegung zu zügeln und zu beherschen. Daß Bodenstein die Privatmesscn indessen abgeschafft hatte, gefiel ihm außeror- dentlich, anderes hingegen konnte durchaus nicht seinen Beifall finden; es scheint, daß in dieser Zeit eine tiefgehende Entzweiung zwischen Bodenstein und Luther plazgriff, ein Misverständnis, das aus der Charatterverschiedenheit der beiden resultirte. Luther hatte die Zuneigung und Protektion der Fürsten und Vornemen gefunden, er mochte derselben nicht entbehren; Boden- stein hingegen war der Volksmann, der rnckhaltslose Demokrat, dessen Empfindungen und Ansichten den Machthabern unmöglich zusagen konnten. Er begab sich auf ein Dorf hinaus, verrichtete Feldarbeit, ver- zichtete auf seine akademische Würde und Aemter und lebte von dem Ertrage seiner Arbeit, in dieser Zeit mochte er sogar von seinem Doktortitel nicht gern etwas hören. So eigentümlich nun dieser Vorgang immerhin erscheinen mag, so darf man durchaus nicht annemen, daß er in dieser Beziehung vereinzelt dagestanden hätte; in der Schweiz, wo der mit der Reformation sich teilweise voll- ziehende Umgestaltungsprozeß mehr einen demokratischen Charak- ter hatte, hatte Zwingli angeregt, daß die akademische Jugend sowol, als auch die Träger der Wissenschast, die Lehrer der Hoch- schulen, prakttsch arbeiten möchten. Verschiedene hochangesehene Gelehrte betrieben in damaliger Zeit wol nebenbei ein Handwerk und waren in den Zunftstuben eingetragen und als Erwerbsgenossen vollberechtigt. Als im Jare l524 Bodenstein zum Pfarrer in Orlamünde erwält wurde, entfernte er auch dort die Bilder und Statuen aus den Kirche» und verkündete von der Kanzel im Widerspruch niit Luther, daß der Leib und das Blut Christi im Abendmal nicht warhaftig gegenwärtig sei. Da der Kurfürst von Sachsen den energischen und eifrigen Bodenstein in Verdacht hatte, daß der- selbe mit Thomas Münzer verbündet sei, erteilte er den Befehl an Luther, in derber Strafpredigt gegen Thomas Münzer und die„Sakramcntirer" zu Jena aufzutreten. Luther hielt diese Predigt am 22. Juni 1524 in der Kirche zu Jena, Bodenstein war gegenwärtig und fand sich veranlaßt, am Nachmittage desselben Tages ernste Rücksprache mit Luther darüber zu nemen. Beide mochten an Heftigkeit der Ausdrucks- weise einander gleich stehen, Bodenstein scheint jedoch mit seiner rückhaltslosen und offenen Meinung den Sieg errungen zu haben, denn Luther erklärte schließlich, daß die gegenseitige Wider- legung in„öffentlichen Druckschriften" ausgetragen werden solle, „gab ihm auch zu dein End einen Dukaten auff die Hand". Am 24. August desselben Jares kam Luther auf Verlangen der Einwonerschaft nach Orlamünde, um dort m gewalttger Rede und gehaltvoller Predigt gegen den die Ueberhand gewinnenden Einfluß Bodenjteins anzukämpfen. Troz aller Bemühung Luthers blieb die Einivonerschaft von Orlamünde Bodenstein und den von ihm verfochtenen Ansichten und Grundsäzen getreu und Luther mußte unverrichteter Dinge abziehen. Bodenstcin für fort, in der bisherigen Weise zu wirken und würde vielleicht Bedeutenderes geleistet haben, wenn nicht der Kurfürst von Sachse» ihm anbefolcn hätte, in kürzester Zeit das Land zu räumen. Bodenstein zog, von seinem treuen Weibe be- gleitet, zunächst nach Straßburg und von dort nach Basel. Auf- fällig erscheint, daß Bodenstein die Geistlichen wenig oder gar nicht aufsuchte, in Basel nam man es gewaltig übel, daß er sich nicht mit seinen Kollegen besprochen hatte, obgleich man wußte, daß er gelegentlich seiner ersten Anwesenheit in Zürich ebenso- wenig Zwingli aufgesucht hatte. Von Basel aus richtete Bodenstein au die Gemeinde zu Orlamünde einen Bris, in dem er sich beklagte, daß er unüber- wiesen wäre vertrieben worden, gab auch einige kleinere Bücher heraus. Als anno 1825„der Bauren-Tumult entstand", meldet die Chronik, eilte Bodenstein nach Rothenstein; dort wäre es ihm bald übel ergangen, verschiedene Geistliche wurden zur Strafe gezogen, er kam in große Gefar, so daß seine Anhänger genötigt waren, ihn in einem an einem Seile befesttgten Korbe über die Stadt- mauer hinunter gleiten zu lassen. In einem besonderen Traktat bewies er das Ungerechte seiner Verfolgung, und da er jezt mittellos war, richtete er an seinen ehemaligen Schüler Martin Luther die Bitte, den Druck des Büch- leins zu vermitteln, was dieser auch ausrichtete. Luther tat noch mehr, er erwirkte im Jare 1526 voin Kur- fürsten die Erlaubnis, daß Bodenstein mit seiner Famile wieder nach Sachsen ftei und unbehelligt zurückkehren konte. Die alte Freundschaft schien wieder zu erblühen, denn als Bodenstein mit Familie zurückgekehrt war und einen Son taufen ließ, wälte er Justus Jonas, Melanchthon und Luthers Frau zu Tauf- zeugen. Es ging Bodenstein und seiner Familie damals sehr schlecht, drückende Narungssorgen, Elend und Mangel machten sich gel- tend. Bodenstein wollte sich nicht zu Luthers Ansichten bequemen, andere Ursachen, vielleicht auch die Ungnade des Landesherrn mochten dazu beitragen, daß er keinen Gehalt und keine Unter- stüzung erhielt. Wärend seines Aufenthaltes zu Kemberg und Segern war seine Notlage so groß, daß er seine hebräische Bibel als lezten Wcrtgegenstand veräußern mußte, wärend Luther und Melanchthon ein behagliches, gegen Sorgen geschüztes Dasein fürten. 1529 wanderte Bodenstein mit Weib und Kindern wieder in die weite Welt, erst ging die Reise nach Ostftiesland und anno 1530 von dort wiederum nach Straßburg, und weiter nach Basel und Zürich. Dort brachte er bei seiner Ankunft nichts mit, als scuz Weib und seine drei Kinder, meldet ein Zeitgenosse. In Zürich bedurfte es keiner Fürstengnade, um Unterkunft und Narung zu finden, Zwingli nam sich des notleidenden Amts bruders in wackerer Weise an. Bodenstein wurde Diakonus und Prediger an der Spital- oder auch Predigerkirche und bald da- rauf erhielt er die Pfarrerstelle zu Altstetten im Rheintal. Als Zwingli in der Schlacht bei Cappel anno 1531 den Heldentot gefunden hatte(worüber sich Luther in liebloser Weise äußerte!), war Bodenstein in Altstetten nicht mehr sicher, er begab sich mit seiner Familie anno 1532 nach Zürich zurück, verblieb dort bis auf weiteres und von seiner Begabung zeigt der Umstand, daß er wöchentlich 5, zuweilen auch 6 Predigten hielt. Anno 1534 kam von Basel ein ehrenvolles Schreiben, das ihn dorthin berief, Bodenstein lehnte ab, als aber die Baseler eine Deputation zu gleichem Zwecke an ihn nach Zürich santen, willigte er ein und die Chronik berichtet uns, daß er noch im gleichen Jare in Basel zum„Urofessoro Tbeologiae und Veteris Testarnenti, anno 1535 zum Pfarrer zu St. Peter und anno 1537 zum Ueotorv dortiger Hohen Schule erlvälet worden." Wie einige Jarzehnte zuvor in Wittenberg, so stand auch bald in Basel der schwer- und vielgeprüfte Bodenstein in hohem An- sehen, allgemeine Ächtting und Anerkennung wurde dem Manne in dem demokratisch-geleiteten Gemeinwesen zu teil und mochten schließlich auch einen beruhigenden und versönenden Einfluß auf sein Gemüt ausüben. Hatten schweizer Teologen(Oecolampadius, z. deutsch: Hausschein, und Zwingli) in Wort und Schrift seine Partei gegenüber Luther und Melanchtou ergriffen, so war es auch die Schweiz, die dem vielgewanderten, seine Unabhängigkeit stets warenden Manne ein dauerndes und schließlich sicheres Asyl bot. Am 24. Dezeniber 1541 starb Andreas Rudolph Bodenstein an der Pest in Basel. Unter anderen kleineren Abhandlungen werden 19 Schriften von ihm in deutscher Sprache, und 5 Schriften von ihm in lateinischer Sprache verfaßt, als literarischer Nach- laß erwänt. Nicht uninteressant ist die Chronik, die uns treuherzig ver- sichert:�„Wornach von ihme unwarhafft ansgestreuct worden, daß er in seiner lezten Krankheit von einem Gespenst geplaget worden sey, ihme drey Tag vor derselben wärend dem Predigen auff der Kanzel ein langer Mann so hernach verschwunden, gewunken habe, ja, daß er in der Verzweiflung gestorben oder gar bey lebendem Leib von bösen Geisteren hingerissen, und sein Haus nach seinem ToMint Polder-Geistern beunruhigt worden sey." Sein im Jare 1528 geborener Ion Adam erkor als Beruf die Ausübung der Medizin, war ein eifriger Anhänger des Teo- phrastus Parazelsus, verfocht nach dessen Weggang von Basel aufs energischste dessen Lehrsäze und Absichten, soweit dieselben die Medizin berürten(Theophrastus Parazelsus war in religiöser - 379- Beziehung der katolischen Kirche ergeben) und fürte nebstdem,! Mehrere Schriften des Parazelsus gab er in deutscher und wie seine Zeitgenossen berichten,„ein fteyes Leben." Als anno I in lateinischer Sprache heraus, von seinen eigenen im Druck er- 1576 die Pest in Basel verheerend einriß, verfertigte er einen schienenen Schriften werden besonders erwänt: Philosophischer Rat- Theriac, welcher alle, die ihn brauchten,. vor der Seuche und ihrer! schlag von der Pest, Basel 1576, ferner ein Brief an die Fugger Einwirkung schüzen sollte, allein des folgenden Jares mußte er die Alchimie zu bestätigen sowie drei kleinere Schriften in latei- selber an der Pest sterben.! nischer Sprache. Die Aegyptuilmzie und die Entzifferung der Hieroglyphen. Von Dr. Ly. Der unlängst von den Zeitungen gemeldete Tot des Aegyptio- logen und Entdeckers altägyptischer Denkmäler Mariette-Bey, des Direktors und Begründers des altägyptischen Museums zu Bulak, dem Hafen von Kairo am Ufer des Nils, und die Schilderungen, welche die Zeitschriften über das Leben und Wirken des merk- würdigen Mannes gaben*), riefen dem Schreiber dieser Zeilen lebhaft die Jare seiner Studienzeit an der Universität Berlin zu- rück, wo es ihni vergont war, in den märchenhaften Räumen der ägyptischen Abteilung des neuen Museums den lichtvollen Bor- trägen zu lauschen, welche Professor Brugsch— gegenwärtig als hoher ägyptischer Beamter in seinem Forschungsberufe angestellt — über die Wunderwerke Altägyptens seinen begeisterten Hörern und Jüngern hielt, über jene Menschenwelt, die älter als alle Kulturgeschichte auf Erden, in riesenhaft unvergleichlichen und in tausendfach gearteten Denkmälern zu uns spricht. Denn Aegypten ist noch heute so eigenartig und reizvoll wie zu den Zeiten des Vaters der Geschichte, des Altgriechen Herodot, der schon vor 2300 Jaren seinen Landsleuten erzälte, das Niltal enthielte mehr Merkwürdigkeiten und Wunder als alle andern Länder der Erde zusammen. Aber auch populär ist Aegypten, d. h. dem Manne aus dem Volk seinem Namen nach wol betaut. Denn ein jeder hat aus der Bibel von dem Lande der Pharaonen gehört. Er kent die Städte Pithan und Ramses der Bibel, wo die Aegyptcr die Söne Israels zu hartem Frondienste anhielten, darüber es(2. B. Mose Kap. 5, 6) heißt:„Darum befal Pharao den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten und sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß sie Ziegel brennen *) August Edouard Marictte, gebore» 1821 zu Boulogne, widmete sich ftüh der Wissenschaft der alten Sprachen, unternam 1856 mit Unter- stüzung der französischen Regierung seine erste Reise nach Aegypten, wo sein Name durch glänzende Entdeckungen alsbald berühmt wurde. Vom Bizekönig von Aegypten mit der Leitung der Ausgrabungen be- traut, die in ganz Aegypten vorgenommen werden sollten, unternam er es, die versandeten und verschütteten Tempel und Denkmäler zu Assuan, Theben, Abydos, Memphis und Tanis freizulegen, und er fürte seine Riesenaufgabe im Kampf mit den schwierigsten Verhältnissen mit bewundernswürdiger Energie und Ausdauer zu Ende. Die große Fülle der kostbarsten Denkmäler und Gegenstände aus dem Altertum, die bei diesen Ausgrabungen ans Tageslicht gefördert wurden, sind allesamt in dem auf Kosten der ägyptischen Regierung erbauten und von Mariette geleiteten Museum zu Bulak aufgestellt, wo sie heute das Staunen und die Bewunderung aller Reisenden erregen. Zur Durchforschung der Pyramiden von Sakkara(bei Memphis, weitab vom Westrande des Nils) hatte sich Mariette mitten in der Wüste ein Haus erbaut, wo er volle vier Jare lang, abgeschlossen von aller menschlichen Kultur, seinem Entdeckuugsberuse lebte. Hier gelang es ihm, die berühmten Apisgräber aufzufinden.(„Apis" wurden die seit uraller Zeit von den Aegyptern göttlich verehrten heiligen Stiere ge- nant.) Hören wir, wie er mit eigenen Worten die Eröffnung eines solchen Apisgrabes schildert:„Ich gestehe, daß, als ich am 12. November 1871 zum erstenmal in die Npisgrüfte eindrang, ich so tief von Er- staunen ergriffen ward, daß diese Empfindung, obgleich eine Reihe von Jaren seitdem vergangen sind, noch immer in meiner Seele nachklingt. Ich war so glücklich, ein noch völlig unberürtes Apisgrab aus der Regierungszeit Ramses II. aufzufinden. Bolle 3700 Jare hatten nichts an seiner ursprünglichen Gestalt und an seinem inhaltlichen Zustande zu ändern vermocht. Die Finger des Aegypters, der einst den lezten Stein in das Gemäuer einsezte, welches zur Verkleidung der Tür ge- dient hatte, waren aus dem Kalke noch erkenbar. Nackte Füße hatten ihren Eindruck auf der Sandschicht zurückgelassen, die zwischen Tür und Grabmal in der Totenkammer lag. Nichts selte an dieser Stätte des Todes, in welcher seit nun beinahe vier Jartausenden ein balsamirter Ochse rute. Mehr als einem Reisenden wird es schrecklich erscheinen, hier jarelang in der Wüste zu leben. Allein Entdeckungen, wie die der Kammer Ramses II., lassen Eindrücke zurück, denen gegenüber alles übrige in nichts versinkt und die man immer neu zu erleben wünscht." wie bisher, lasset sie l selbst hingehen und Stroh zusammenlesen." — Die Stadt des Ramses aber nennen die ägyptischen Denk- mäler die Stadt Tanis im Lande Gosen im Nordosten des Nil- delta, und eigentümlich angewet von dem Hauch der Geschichte muß sich jeder fülen, dem jene Bibelworte gegenwärtig sind, wenn er in dem Aegyptischen Sal des Berliner neuen Museums den mit Stroh vermischten Lehmziegelstein erblickt, der aus Tanis im Lande Gosen stamt und auf welchem deutlich und heute lesbar der Hieroglyphenstempel Ramses II. aufgedruckt ist, jenes ägyp- tischen Königs, der vor 3700 Jaren zu Tanis residirte, den die Griechen Sesostris nanten und der nach der ägyptiologischen For- schung kein anderer ist als der Pharao der Bibel in der zitirten Stelle, genant der Pharao der Bedrückung*). Aber auch abge- sehen von den Erzälungen der Bibel, wer hätte nicht von den Aegyptischen Pyramiden gehört, jenen Denkmälern, so einzig in ihrer Art, deren Unzerstörbarkeit treffend ein arabisches Sprüch- wort kenzeichnet, welches lautet:„Die Zeit spottet aller Dinge; aber die Pyramiden spotten der Zeit."— Heute ist die Erforschung Altägyptens, seiner Geschichte und Kultur, bereits eine völlig neue Wissenschaft geworden, für die eigene Universitätsstüle mit Bibliotheken und Zeitschriften und eine Schar berümter Lehrer und eifriger Schüler wirken, alle diese geleitet durch eine Errungenschaft unseres Jarhunderts, welche, so lange der Begriff und Name„Wissen" geehrt und gekant sein wird, zu den größten Taten menschlichen Scharfsins gerechnet werden muß: Das ist die Entzifferung der Hieroglyphen, von welcher zunächst wir heute dem freundlichen Leser eine kurze, ge- meinverständliche Darstellung geben wollen. Die Auffindung dieses wunderbaren Schlüssels zu den Ge- Heimnissen Altägyptens, wäre troz aller günstigen Umstände, die am Anfang dieses Jarhunders zur Bollfiirung des Werkes zusammen wirkten, dennoch unmöglich gewesen, wenn nicht schon in früheren Jarhunderten durch Fürsorge gelehrter Männer die so- genante„Koptische Sprache" uns erhalten und durch Druck- werke vorhandener Manuskripte und durch wissenschaftliche Be- Handlung des Textes für unser Verständnis gerettet worden wäre. Diese koptischen Literaturwerke— und dies ist zum Verständnis des Folgenden vor allem festzuhalten— stellen nämlich nichts anderes dar als die in den ersten Zeiten des Christentums, also vor etwa 1800 Jaren gesprochene Sprache der damaligen Aegypter, jedoch wiedergegeben und aufgeschrieben in griechischen Lettern, denen nur zum Ausdruck für einzelne der griechischen Zunge fremde ägyptische Leute, einige besondere, neue Buchstabenzeichen hinzu- gefügt wurden. Da nun die damalige ägyptische, die„koptische", Sprache von der Sprache der Altägypter in der früheren Pha- raonenzeit nur sehr wenig abwich(keineswegs soviel, wie die heutige italienische von der alten römischen Sprache), so waren also durch die koptischen Bücher die altägyptischen Laute in grie- chischer Schrift aufbewart und unserer Kentnis zugänglich ge- blieben. Diese koptischen Schriftwerke bestanden vorzüglich in einer Uebersezung der meisten biblischen Bücher in griechisch ge- schriebener, koptischer Sprache, vor allein der Evangelien, deren sich noch heute die Geistlichen der koptischen Christen in Aegypten**) bei ihrem Gottesdienste bedienen. *) Der älteste Son dieses Pharao, genant Chamus, wurde in seinem Mumienleichnam, mit einer goldenen Maske bedeckt, von Mariette neben einem eingestürzten Apisgrabe aufgesunden. Dieser Son Ramses II. war Oberpriester von Memphis, und seiner wird in den Inschriften oft als eines besonders frommen Prinzen gedacht. Um ihn vor andern zu ehren, scheint man ihn unter den heiligen Stieren bestattet zu haben. **) Die koptischen Christen gehören zu der Sekte der sogenanten Monophysiten, d. h. derjenigen Christen, welche nur eine Natur(die Was nun die wirklichen ägyptischen Schriftzeichen anbetrifft, die Inschriften auf den altägyptischen Denkmälern, so hatte man ans ihnen schon früh, ehe an eine Entzifferung zu denken war, drei verschiedene Schriftzeichen zu nnteycheiden vermocht. Diese sind 1) die reinen Hieroglyphen, d. h. wirkliche Abbildungen von Gegenständen der Natur und Kunst und des täglichen Le- bens, meist fein und sauber ausgefürt, auf Denkmälern aller Art in Stein eingegraben, auf Kalkwänden der Tempel, Säulen u. s. w., aber auch auf Holzgefäßen, Sargdeckeln K. aufgezeichnet und nicht selten mit prachtvollen, noch heute frisch erhaltenen, Farben ge- malt; 2) die nach dem Vorgange eines griechischen Schriffftellers sogcnante hieratische oder Priesterschrist, die sich von der er- steren dadurch unterscheidet, daß ihre Zeichen blos die flüchtigen Umrisse der Abbildungen darstellen und zwar in leicht herzu- stellenden, oft kaum mehr als Bilder zu erkennenden, abgekürzten Formen; endlich 3) die demotische oder Volksschrist, eingefürt zum Schnellschreiben und für den Gebrauch des Volkes. Sie zeigt eine noch weit mehr als die hieratische Schrift vorgeschrittene Vereinfachung der Bilderumrisse der Hieroglyphen, dergestalt, daß wirkliche Abbildungen von Gegenständen in ihr gar nicht mehr zu erkennen sind. Die beiden lezteren Schriftarten, zumal die zweit- genante, finden wir vorzüglich auf den Papyrusrollen wieder, die uns erhalten sind. Die meisten religiösen, historischen und litera- rischen Papyrusrollen, welche wir besizen, sind mit hieratischen Lettem geschrieben, wärend die demotische Schrift für die rein profane und private Mitteilung diente, die hieroglyphische aber dem festen Material der großen, heiligen Monumente vorbehalten blieb. Nachdem bereits seit dem 17. Jarhundert von verschiedenen Gelehrten zur Entzifferung der Hieroglyphen vergebliche Versuche gemacht und Hypothesen aufgestellt waren, die oft nicht minder ergözlich klangen als die Deutung der Denkmäler selbst— glaubte man doch allen Ernstes eine Zeit lang, die Pyramiden seien nichts anderes als die von der Bibel erwänten Kornspeicher, welche Joseph für die 7 Hungerjare errichtet hatte,— da war es der Feldzug Napoleon Bonapartes nach Aegypten im Jare 1798— freilich dachte er, der nur die Vernichtung Englands im Auge hatte, wol am wenigsten an diesen Erfolg seiner Expedition— der den ersten Anstoß zur Lösung des Rätsels geben sollte. Die Gelehrten und Künstler, welche den Heereszug Napoleons beglei- teten, unternamen es in rastloser, von keinem äußeren Hindernis beeinträchtigten Arbeit, jedes Denkmal, dem sie begegneten, genau und schön abzubilden, zu beschreiben und zu vermessen. Ihnen dankt zunächst in seiner äußeren Kentnis das alte Aegypten seine menschliche) in Christus annemen. Diese Kopten sind als die direkten Nachkonimen der Aegypter zur Pharaonenzeit anzusehen, da sie allein sich von Vermischung mit arabischen Elementen rein erhalten haben. Eine Idylle n. Seit den: 10. August 1792 haben wir nichts von Lucile gehört. Die Tuilerien sind gefallen. Der auswärtige Feind über die Grenze getrieben, die Ausstände im Land niedergeworfen. Die siegreiche Revolution wendet ihre Waffen gegen sich selbst; sie ftißt, um uns der Worte des Girondisten Bcrgniaud zu be- dienen, gleich Saturn ihre eignen Kinder auf. Eins nach dem andern komt an die Reihe. Wir sind in der Schreckensherschaft. Die Guillotine ist in Permanenz. Lucile lebt ihre Idylle fort. Camille, der lustige„Prokurator der Laterne", zupft den Menschenfresser Saturn neckisch am Bart und hat keine Ahnung von Gefar. Saturn trägt eine tadellose Toilette, hat glattes, wolfrisirtes Har, ein graues, kaltes Auge, schmale Stirn: er heißt mit seinem unmytologischen Namen Robespierre. Es ist der Winter 1793 auf 94. Robespierre hat entdeckt, daß es nur ein»:n Weg des Heils für die Republik gibt— den Weg, welchen e r wandelt; und daß jeder, der nur um eines Hares Breite nach.rechts oder links abweicht, ein Feind der Republik ist und von Saturn verspeist werden muß. Wiederauferstehung; bald aber war es möglich, auch sein inneres Leben, Denken und Empfinden und seine in Nacht begrabenen, frühesten Schicksale an das Licht zu ziehen in der Entschleierung der Hieroglyphenschrift, und diese Möglichkeit ward gegeben durch Auffindung eines Denkmals von unschäzbarem Wert, der berühmten, dreisprachigen„Tafel zu Rosette". Im Juli des Jares 1799 hatte der französische Jngenieur-Kapitän Bonchard den Auftrag erhalten, vor dem Stadttore der Stadt Rosette(an der Delta- mündung des westlichen Nilarmes) Schanzen �auszuwerfen, und hier fand er einen mit Inschriften versehenen Stein, der seitdem unter dem Namen„Ter Schlüssel von Rosette" auch in nicht wissenschaftlichen Kreisen bekant geworden ist und eine wäre Welt- berühmtheit erlangt hat*). Der Stein von Rosette bestet aus schwarzen! ägyptischen Ba- salt, ist 10 Fuß hoch und 3'/2 Fuß breit und hat leider durch Unvorsichtigkeit beim Ausgraben eine ziemlich große Ecke Oer- loren. Drei Inschriften teilen sich in den Raum des Steines. Die erste bestet aus einer Hieroglyphenschrift, diezweite zeigt demotische Lettern, die dritte aber ist in griechischer Sprache geschrieben. Die 54 Zeilen, welche die griechische Inschrift in Anspruch nimt, sind weniger als die Hieroglyphen verstümmelt, die vorhandenen Lettern aber alle gut erhalten und leicht lesbar. Das Ganze enthält ein Dekret der Priester zu Ehren des Königs Ptolomäus Epiphanes(lebte 204— 181 vor Christus), welches, beginnend mit der weitschweifigen Titulatur der Pharaonen, meldet, daß die Priester beschlossen hätten, dem Könige zum Dank für seine dem Lande bereiteten Woltaten die höchsten Ehrenbe- zeugungen durch Errichtung seiner Statue in den Tempeln u. a. m. zu bewilligen, und daß diese Bewilligung zum ewigen Gedächtnis auf diesen Stein geschrieben worden sei gleichzeitig in heiliger (hieroglyphischer), demotischer und griechischer Schrift. — Es ergab sich also aus diesem griechischen Inhalt unmittel- bar, daß die beiden oberen, ägyptischen Inschriften des Steines den- selben Sinn ausdrücken mußten als die griechische, d. h. daß die griechische eine wortgetreue Uebersezung der ägypttschen Inschriften sei. Damit aber war zum ersten mal ein fester Anhalt für die Entzifferung ägyptischer Hieroglyphen gewonnen, und es war von nun an klar, daß man bei der Entzifferung der Hieroglyphen, wenn man überhaupt das Rätsel jemals lösen wollte, von diesem glücklichen Funde ausgehen mußte.— Ein wolgelungener Gips- abguß des Steines, von dem alsbald Kopien und Abdrücke in Kupfer- und Steindruck in alle Welt gesendet wurden, ist in dem Neuen Berliner Museum aufgestellt.(Fortsezung folgt.) *) Durch das Glück der Schlachten fiel die unschäzbare Tafel von Rosette den Engländern in die Hände, welche dieselbe auf einem schönen Säulenuntersaz in würdiger Weise im British Museum zu London ausgestellt haben. im Erdbeben. Ganze Scharen sind von dem Heilsweg abgewichen— die Männer der Commune von Paris, die Hebertisten nach links, Danton mit seinen Freunden nach rechts. Und unter Dantons Freunden befindet sich Camille. Der„Prokurator der Laterne" wird gewarnt— er achtet es nicht. Danton wird gewarnt,— er vertraut der Feigheit Robes- pierre's.„Er wird's nicht wagen!" Danton ist in den Flitterwochen. Mit seiner jungen Frau— die erste, welche wir am 9. August 1792 mit Lucile zusammensahen, ist ihm gestorben � begibt er sich nach seiner Vaterstadt Arcis, um der Liebe zu leben, wärend Robespierre über das:„Er wird's nicht wagen!" nach- denkt. Danton und Camille werden von neuem gewarnt. Camille hat eine heftige Szene mit Robespierre und sagt pater peccavi. Danton kehrt nach Paris zurück, tut aber nichts. Camille hat die Lektion bald vergessen,— er zupft Saturn wieder am Bart: er schreibt seinen„Petit Cordelier" und fordert das Ende der Schreckensherschaft. In seiner Weise. Natürlich felt's dabei nicht an Scherzen und Spähen. Danton get Hand in Hand mit Camille. Das Maß ist voll. Mitte März fällt der Streich auf die Hebertisten— die Sünder nach links. Vierzehn Tage später fällt er auf die Dantonisten— die Sünder nach rechts. Noch einen Blick in die Idylle! Es ist der lezte.— Spät abends am 30. März 1792(9. Germinal) sizt Camille in seinem Zimmer und schreibt. Ihm gegenüber Lucile, heiter und frisch wie ein achtzehnjäriges Mädchen, mit irgendeiner Hausarbeit beschäftigt, bald nach dem geliebten Mann schauend, bald nach dem geliebten Sönchen, das in seinem kleinen Bett schläft. Ein Bild der Ruhe und des Glücks. Da nahen sich schwere Schritte, von der Treppe ertönt Waffen- geklirr. Lucile, Camille schrecken auf. Sie haben's begriffen: die Idylle ist zu Ende. Die Abgesanten des Konvents sind an der Tür. Camille, rasch gefaßt, öffnet ihnen; er umarmt sein Weib, das im Uebermaße des Schmerzes keine Tränen hat, küßt den kleinen Horace zärtlich, aber ganz sacht, daß er nicht aufwacht. Und fort get's. Wohin? Bor das Revoluttonstribunal. Und vom Revolutionstribunal füren alle Wege zur Guillo- tine.-- Wie Lucile die Nacht zugebracht hat— wir wissen es nicht. Sie lebte in dem Mann ihrer Liebe. Sie mußte ihn retten oder sterben— das war der einzige Gedanke, dessen sie fähig war. Aber gab es eine Möglichkeit der Rettung?—— Am andern Tag erhielt sie von Camille einen Bris aus dem Luxembourggefängnis. „Meine Lucile ," schrieb ihr der Todgeweite,„meine Lucile, meine Vesta, mein Engel! Das Schicksal fürt in dem Gefängnis meine Augen nach jenem Garten, wo ich Dir jarelang mit den Augen gefolgt bin(den Garten des Luxembourg). Ein kleines Eckchen von Aussicht nach dem Luxembourg ruft mir eine Masse von Erinnerungen an unsre Liebe zurück. Ich bin von aller Welt abgeschlossen(»u ssoret); aber niemals war ich in meinen Gedanken, in meiner Einbildung Dir, Deiner Mutter, dem kleinen Horace näher— so nahe, daß ich Euch mit den Händen zu be- rüren glaube..... Ich werde meine ganze Zeit im Gefängnis damit zubringen, Dir zu schreiben. Denn für sonst nichts brauche ich meine Feder— am wenigsten für meine Verteidigung. Meine Rechffertigung liegt in meinen acht republikanischen Bänden(der , Revolutionen von Paris und Brabantt), das ist ein gutes Ruhe- kissen, auf dem mein Gewissen sanft schlummert in der Erwar- tung des Tribunals und der Nachwelt____ Gräme Dich nicht zu sehr über diese Gedanken, meine teure Geliebte; ich verzweifle noch nicht an den Menschen und meiner Freilassung. Ja, meine zärtlich Geliebte, wir werden uns noch wiedersehen in dem Garten des Luxembourg.... Adieu Lucile! Adieu Daronne(Kosname der Mutter Lucile's, der Madame Duplessis)! Adieu Horace! Ich kann Euch nicht umarmen, aber durch die meinen Augen entströmenden Tränen sehe ich Euch deutlich, und es ist mir, als drückte ich Euch an die Brust...." Man siet, Camille sucht sich und Lucile über das Hoffnungs- lose seiner Lage zu täuschen. Es gelingt ihm aber schlecht. Und die Tränen, mit denen der Bris benezt ist, strafen die Worte der Hoffnung Lügen. Lucile hatte sich inzwischen soweit gefaßt, daß sie Schritte zur Rettung ihres Mannes tun konte. Sie ging diesen, sie ging jenen um Fürsprache an— nirgends fand sie Hülfe, nirgends ein tröstendes Wort. Für Camille Desmoulins eintreten, das hieß den Zorn des Saturn-Robespierre herausfordern, das hieß den Tod heraus- fordem. Was tun? Plözlich schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf. Robespierre hat sie einst geliebt, wenigstens ihr seine Liebe versichert; er war ihr und ihres Mannes langjäriger Freund; er war einer ihrer sechzig Trauzeugen und Hochzeitsgäste— mit Ausname Dantons der einzige Ueberlebende. Die andern alle hat— binnen vierthalb Jaren!— die Revolution ver- schlungen. Und Danton stet auf der Stufe zum Schaffot. Und Robespierre ist es, der ihn und Camille hinschickt. Was konte sie von Robespierre hoffen? Einerlei— sie hatte keine Wal. Sie schrieb an Robespierre, rief ihm in brennenden Worten die Vergangenheit zurück, und beschwor ihn, im Namen der alten Freundschaft, im Interesse der Republik, den besten der Republikaner: Camille, der nur einem Mißverständnis zum Opfer gefallen sein könne, zu retten. Man weiß nicht, ist der Bris abgeschickt worden. Das Konzept hat man später in den Papieren Lucile's gefunden. Abgeschickt oder nicht, Robespierre's Entschluß war gefaßt: er wollte Danton zeigen, daß er„es wagte", und mit Danton mußte Camille fallen. Dieser schrieb am 1. April, um ein Uhr morgens, noch fol- genden Bris an Lucile, der, gleich dem soeben veröffentlichten, noch im Original vorhanden ist, und ebenfalls die Spur vieler Tränen trägt: „Der Woltäter Schlaf hat mich für eine Zeitlang von meinen Leiden befreit. Man ist frei, wenn man schläft____ Der Himmel hat Mitleid mit mir gehabt. Noch vor einem Augenblick sah ich Dich im Traum; ich umarmte und küßte Euch der Reihe nach: Dich, Horace und Daronne, die bei uns war. Aber unser Kleiner hatte ein Auge verloren durch eine Erkältung, die sich darauf geworfen, und der Schmerz über dieses Unglück hat mich auf- geweckt. Ich fand mich in meinem Gefängnis. Der Tag fing an zu grauen. Ich erhob mich, um mit Dir zu plaudern und Dir zu schreiben. Aber die Einsamkeit, und als ich die Fenster öffnete, der Anblick der abscheulichen Gitter, die mich von Dir trennen— das war zuviel; meine Festigkeit schwand, ich fing an zu schluchzen und rief in meinem Grabe: Lucile, Lucile! O meine teure Lucile, wo bist Du?(Hier zeigt der Bris die Spur von Tränen.) Ich habe in der Wand meiner Zelle einen Riß entdeckt: ich legte mein Or daran und horchte. Ich hörte die Stimme eines Kranken, der Schmerzen litt. Er ftagte nach meinem Namen. Ich nante mich. ,O mein Gott!' rief er aus, als er den Namen hörte, und fiel auf das Bett zurück, von dem er sich erhoben hatte. Ich erkante deutlich die Stimme Fabre d'Eglantine's(des bekanten Dichters, von dem die Nomenklatur des ftanzösischen Revolutionskalenders herrttrt). ,Ja, ich bin Fabre,' sagte er mir. ,Aber du, wie komst du her? Die Contre- revolution ist also gemacht?'—— O meine teure Lucile, ich wurde dazu geboren, Verse zu machen, die Unglücklichen zu ver- leidigen, Dich zu beglücken____ Ich hatte eine Republik geträumt, die von jedermann angebetet wurde. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß die Menschen so wild und so ungerecht sind. Wie konte ich denken, daß ein par Scherze in meinen Schriften, gegen Kollegen, die mich herausgefordert, die Erinnerung an meine der Republik geleisteten Dienste auslöschen würden. Ich mache mir kein Hehl, daß ich als Opfer meiner Scherze und meiner Freund- schast für Danton sterbe____ Meine Lucile, mein süßes Herz'"), mein Huhn von Cachant*")! Ich flehe Dich an, bleibe nicht auf dem Zweig sizcn; rufe mich nicht mit dieser klagenden Stimme, sie zerreißt mir das Herz in der Tiefe meiner Gruft. Kraze die Erde auf für Deinen Kleinen, lebe für unfern Horace, sprich ihm von mir! Du wirst ihm sagen, was er jczt nicht verstehen kann, daß ich ihn sehr geliebt hätte! Troz meiner Pein glaube ich, daß es einen Gott gibt. Mein Blut wird meine Fclcr, die Schwächen der Menschheit, abwaschen; und was Gutes an mir war, meine Tugenden, meine Liebe für die Freiheit— Gott wird es betonen____ Ich werde Dich eines Tags wiedersehen, o Lucile! Und bei meinem Abscheu vor dem Schlechten— ist der Tod, der mich von dem Anblick so vieler Verbrechen befteit, ein so großes Unglück?____ Lebe wol, Lucile, meine Lucile, meine teure Lucile! Lebe wol, Horace, Daronne! Lebe wol, mein Vater! Ich sehe die Ufer des Lebens vor mir fliehen. Noch sehe ich Lucile! Ich sehe sie. meine Heißgeliebte! Meine gefesselten Hände umarmen Dich und mein vom Rumpfe getrenter Kopf läßt seine sterbenden Augen noch auf Dir ruhen." Der arme Camille! Seine„Scherze" und Späße sind ihm verhängnisvoll geworden. Robespierre, die„wandelnde Formel", verstet keinen Spaß und keine Späße.— Es ist vorbei mit den Scherzen und Spähen. Der„Prokurator der Laterne" hat keine Hoffnung mehr, auch nicht mehr die Kraft, Hoffnung zu heucheln. Ein herzzerreißenderer Bris ist nie geschrieben worden.— *) Im Original heißt es man bon I.oulou! Das Wort Lulu ist aber für uns so lächerlich geworden, daß sein Gebrauch an dieser Stelle den ganzen Eindruck verderben würde. Auch Wörter haben ihre Geschichte. ♦*) Im Tors Cachant hatte Frau Duplessis ein Landgut, das sie mit Camille und Lucile oft besuchte. Bei dem lezten Besuch war ihnen ein Huhn aufgefallen, das seinen Hahn verloren hatte, und Tag und Nacht, auf einem Zweig sizend. Klagetöne ausstieß. 382 Lucile ist stärker. Es ist kein Moment mehr zu verlieren. Am 1. April wurde Camille in die Conciergerie übergefürt und der Prozeß begann, dessen Ausgang nicht zweifelhaft. Es gab nur noch eine Rettung— ein Volksaufstand. Lucile sprach mit General Dillon, einem Freunde ihres Man- nes, von der Notwendigkeit, die Hinrichtung Camille's, Danton's und der Mitangeklagten zu verhindern. Dillon war im Gesang- nis— die Gefangenen, mit Ausname der vor das Revolutions- tribunal verwiesenen, verkerten damals aber ganz frei mit der Außenwelt— er sprach mit anderen von der Sache. Ein gewisser Laflotte, warscheinlich ein Spion Robespierres, hörte Andeutungen und zeigte dem Wolfartsausschuß an, es be- stünde eine„große Verschwörung des Auslands" zum Sturze der Republik.— Der Prozeß der Dantonisten wurde beschleunigt. Robespierre, der Angst bekam, ließ die Verteidigung abschneiden. Am 5. April wurden die Verhandlungen geschlossen— und die Angeklagten zum Tot verurteilt. Camille hatte sich vor den Richtern tapfer benommen und auf die Frage nach seinem Alter die bekante Antwort gegeben: „So alt wie der Sanskulotte Jesus als er starb."— Als das Todesurteil verkündet ward, brach er in Tränen aus, und rief händeringend:„O meine Frau, mein Kind! O mein unglückliches Weib!" Er war mehr für die Idylle gemacht, als für die Tragödie. Am Tage der Urteilsverkündung wurde das Urteil vollstreckt. Camille, der auf dem Weg zum Blutgerüst seiner Verzweif- lung freien Lauf gelassen hatte, raffte sich im lezten Moment zusammen und starb mutig. Er ahnte nicht, daß das geliebte Weib ihm bald nachfolgen würde. Tie Denunziation Laflotte's fürte zu zalreichen Verhaftungen. Unglücklicherweise war ein Zettel Dillon's an Lucile aufgefangen worden; es stand durchaus nichts darin, was auch nur entfernt auf eine Verschwörung hindeutete, der Zettel reichte aber aus, Lucile ins Gefängnis und auf die Bank der Angeklagten zn bringen. Lucile verteidigte sich nicht. Keine Roland, die bis unter das Messer der Guillotine schauspielerte, war sie nur Weib, einfach, natürlich, und hatte sie nur einen Gedanken: Camille. Und Camille war tot. Welchen Wert hatte das Leben noch? Sogar die Mutter trat hinter dem Weib zurück; der kleine Horace wurde vergessen. Sie wollte sterben. „Lucile, schreibt ein Augenzeuge, schlug die Augen nicht auf; sie verriet keine Hoffnung, keine Furcht, antwortete bescheiden auf die Fragen der Richter, erwartete bescheiden ihr Urteil." Ihr Wunsch wurde erfüllt. Sie wurde am 13. April zum Tot verurteilt. Heiter nam sie den Spruch hin, one Schmerzensäußerung, one erzwungene Gleichgültigkeit. In der Eile schrieb sie an ihre Mutter:„Gute Nacht, liebe Mutter. Eine Träne entschlüpft meinen Augen; sie ist für dich. Ich werde in der Ruhe der Unschuld einschlafen."(cko vuis m'endormir dans le calme de l'innocence). Wie ein Kind vor dem Schlafengehen der Mutter gute Nacht sagt. Und so ging sie aufs Schaffot— 8 Tage nach ihrem Ca-» mille.-- Drei Monate und einige Tage später fiel Robespierre's Haupt. —<|o fo poetische Uehrenlese. � Frülingscin;ug. Die Fenster aus, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Der alte Winter will heraus, Er trippelt ängstlich durch das Haus, Er windet bang sich in der Brust Und kramt zusammen seinen Wust Geschwinde, geschwinde. Die Fenster aus, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Er spürt den Früling vor dem Tor, Ter will ihn zupfen bei dem Lr, Ihn zausen bei dem weißen Bart, Nach solcher wilden Buben Art, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen aus! Geschwinde! Geschwinde! Der Früling pocht und klopft ja schon- Horcht, horcht, es ist sein lieber Ton! Er pocht und klopfet was er kann Mit kleinen Blütenknospen an, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Und wenn ihr noch nicht öffnen wollt, Er hat viel Dienerschaft im Sold, Die ruft er sich zur Hülse her Und pocht und klopfet immer mehr, Geschwinde, geschwinde. Tie Fenster auf, die Herzen aus! Geschwinde! Geschwinde! Es komt der Junker Morgenwind, Ein bausebackig rotes Kind, Und bläst, daß alles klingt und klirrt, Bis seinem Herrn geöffnet wird, Geschwinde, geschwinde. Die Fenster aus, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Es komt der Ritter Sonnenschein, Der bricht mit goldnen Lanzen ein, Der sanfte Schmeichler Blütenhauch Schleicht durch die engsten Rizen auch, Geschwinde, geschwinde. Tie Fenster auf, die Herzen auf! Geschwinde! Geschwinde! Zum Angriff schlägt die Nachtigall, Und horch, und horch, ein Wiederhall, Ein Wiederhall aus meiner Brust! Herein, herein du Frülingslust, Geschwinde, geschwinde. » Wilhelm Müller. Tie Tchlacht von Ätajuba. Der Majubaberg oder„Spizkop", wie die Boeren ihn nennen, ist am 21. Februar des Jarcs 1881 durch eine denkwürdige Waffentat für ewige Zeiten berühmt gemacht worden. Für ewige Zeiten, das heißt natürlich für die Menschengeschichte; und das ist keine Uebertreibung, denn der Sieg, den die tapferen Boeren, die würdigen Nachfolger der alten Friesen, der Sladinger und der schweizerischen Bauern hier er- fochten haben, war nicht blos eine glänzende Waffentat— deren gibt's leider nur zu viele, obgleich wenige, die ganz an diese heranreichen— er galt auch dem guten Recht, und er bedeutet obendrein einen Wendepunkt in der Geschichte des„dunkelen Kontinents". Und der dunkele Kontinent wird dereinst in der Geschichte der Menschheit fo gut seine Rolle spielen, wie jezt schon Amerika. Die Engländer, dies- mal großmütig, haben den Versuch nicht gemacht, ihre Sieger durch Uebermacht zu erdrücken, sie haben den Sieg des guten Rechts aner- kaut, und damit tatsächlich anerkant, daß die vollständige Unabhängig- keit der südafrikanischen Kolonien nur noch eine Frage der Zeit ist und zwar einer kurzen Zeit. Tie Boercnrepublik— das begreift jeder Engländer— ist der Kern, lim den die bereinigten Staaten von Südafrika sich kru- stallislren werden.'> � � Die Bereinigten Staaten von Südafrika werden aber dereinst den V-reimgien Staaten von Nordamerika würdig zur Seite stehen. hi. x6" T? getreuer Original- Uebersezung •-tl o" noch nicht veröffentlicht— Schilderung mit, welche ! Londoner„Standard" entworfen hat, ifijW blc lebendige Anschaulichkeit ebenso auS- S natürliche Unparteilichkeit, und unbedingt d.e beste � � am Majuba ist. Man wird sehen. Engländer, welcher die Schlacht von Anfang bis zu Ende mit- 2�»1h Katastrophe gesangen wurde, den Boeren nach ieder Richtung hin gerecht ist. � der Nacht des 26.(Februar) war die lczte Feldpost gerade ab- 2 Kl y r,ften unserer kleinen Gesellschaften im Lager waren auf- finrnfllra ol'"1 � �um Heimgang vor in Erwartung des mnrt M zum Lichiaiisloictien Zigdts ont bügle), als Oberst Ste- ll»-? � � Stabschef, in mein Zelt hereinsah, und mir mitteilte, ,ch solle mich zum Abmarsch bereit machen, ein gutes Par Marschierstiesel anziehen, mein Pserd satteln lassen und keine Fragen stellen. Wie ich später erfur, hatte der General, welcher seit einiger Zeit bemerkt hatte, daß der hohe und anscheinend unzugängliche Berg, der die rechte Flanke der Boerenstellung beherscht, zwar bei Tag von einem Boercn-Picket bewacht, bei Nacht aber unbesezt war,— den Entschluß gesaßt, dieses Punktes sich zu bemächtigen und ihn zu halten, und zwar möglichst schnell, da der Feind sonst vielleicht noch rechtzeitig die Wichtigkeit der Position erkennen und sie änlich wie den Laingsneck ver- schanzen würde. Wärend des Tages hatte man kleine Abteilungen Boeren in der Nähe des Gipfels gesehen. Es war also Eile nötig. Und so hatten 180 Hochländer(92. Regiment), 148 Mann des 58. Re- giments, 150 Schüzen(60. Regiment), 70 Blaujacken(Marinesoldaten) Befehl erhalten, um 9>/z Uhr in dieser Nacht zusammenzutreten. Ich hörte, daß General Colley, der sich des Erfolges ganz sicher glaubte, von dem Wunsche beseelt war, jedem Regiment in seinem Lager einen Anteil an dem Sieg zu geben, welchen er mit Bestimtheit erwartete. Er hoffte, das 58. würde seine Miederlage am Laingsneck, und die Schüzen ihre Schlappe vom Jngago auswischen. So kam es, daß un- sere kleine Streitkraft, die nicht die Stärke eines ganzen Regiments hatte, aus Abteilungen von 4 Regimentern zusammengesezt war. Der General sagte mir selber:„Ich bin entschlossen den Berg zu nemen und ihn zu halten, bis die Verstärkungen kommen. Sollte der Feind mich abzuschneiden versuchen, so sind ja die L0er und die Hu- saren von Newcastle in der Nähe. Wir haben für drei Tage Rationen, und bis diese aufgezert sind, müssen wir in voller Sicherheit sein." Troz dieser Zuversichtlichkeit des Oberbefehlshabers konte ich, wä- rend des Marsches unserer Kolonne, den Gedanken nicht abwehren, daß unser Unternemen doch etwas verzweifelter Natur war. Die Truppen marschirten zur Zeit in lautlosem Schweigen von dem Sammelplaz vor dem Zelte des Generals ab. Tie Befehle wurden ge- flüstert und da die Nacht ungewönlich dunkel war, so durften wir uns der begründeten Hoffnung hingeben, den Ort unserer Bestimmung vom Feind unbemerkt zu erreichen. Bald nachdem wir das Lager verlassen, sürte uns unser Weg auf den steil aussteigenden Abhang eines von dem Hauptberg ausstralcnden Bergrückens. Unser langer schlangenartiger Zug sah in der Nacht aus wie ein Streifen noch schwärzerer Finsternis. Mit Ausname der wenigen im Vertrauen des Obergcnerals, wußte bis jezt niemand, worum es sich handelte. Ich habe aber in diesem Kriege gesunden, daß die Soldaten an Nachtmärschen meist ihre Freude haben, weil sie der Meinung sind, daß wir nur durch Nachtmärsche Vorteile über unseren furchtbaren Feind erhoffen können(cuu hope to obtain some advantage over our fonnidable enemy). So kletterten alle ver- gnügt bergauf; es wurde häufig Halt gemacht, daß die Leute verschnaufen, ja manchmal sich aus ein par Minuten zum Schlafen hinlegen kanten. In zwei Stunden hatten wir den Kamm des Bergrückens erstiegen, — etwa 1500 Fuß über dem Punkt, von dem wir ausgegangen waren. Zwei Kompagnien Schüzen wurden hier zurückgelassen, mit dem Befehl, sich zu verschanzen und die Verbindung mit uns zu unterhalten. Der Rest marschirte auf dem schmalen Kamm weiter, welcher den Bergrücken mit dem Laingsneck beherschenden Hauptberg verbindet. _(Fortsezung folgt.) Nachtlager der Boeren. Die Illustration auf Seite 376 zeigt eine nächtliche Szene in einem Lande, dessen Bewoncr in lezter Zeit viel von sich reden machten und deren heldenmütiger Kamps für ihre Unabhängigkeit vielfache Sympatien hervorgerufen hat. Es sind, wie unsre Ueberschrist schon sagt, Boeren(Buren oder Bauern), Bewoner des südlichen Afrikas, welche, aus einem Zuge begriffen, mit ihren Ochsenwagen Halt gemacht haben, um die Nacht über zu rasten.— Jnteressirt uns schon die gemischte Gesellschaft in ihrer eigentümlichen Gruppirung, so doch insbesondere die Bauern selbst, von denen sich einige neben den Eingebornen beim Zuge befinden. Welchem Zweck die Reise gilt, ist zwar aus unserm Bilde nicht bestimt zu ersehen, doch veranschaulicht dasselbe wenigstens im kleinen„die groot trek", d. i. der große Auszug, der in den Jarcn 1836 und 1837 stattfand, als die Boeren, bedrängt von den Engländern und Kaffern, ihre seit langem besessenen Wonsize verlassen mußten. Wie allbekant sein dürste, stammen die heutigen südafrikanischen Boeren von holländischen Deutschen und hugenottischen Einwanderern ab, sind aber zu einem gleichartigen Volke verschmolzen. Bis zum Jare 1806, wo die Kapkolonie den Holländern von den Engländern entrissen wurde, lebten sie auch in politischer Un- abhängigkeit. Ihre Arbeiten ließen sie von Sklaven, die one alle poli- tischen Rechte waren, verrichten und hielten sonst die feindliche» Kaffern- stämme in gehöriger Entsernung von ihrer Landesgrenze. Wesentlich trug zur Sicherung ihrer politischen Lage aber der Umstand bei, daß sie im Besiz von Feuerwaffen waren und durch strenges Verbot ver- hinderten, daß ihre gesärlichsten Feinde in den Besiz derselben gelangten. Das änderte sich allmälich nach der englischen Eroberung. Die Engländer namen zunächst die Eingebornen in Schuz, und trieben diesen Schuz sogar soweit, daß ihre Häscher einen Bauer, der 1815 seinen Hotten- totten geprügelt, und der, deswegen vor Gericht geladen, nicht erschien, einfach erschossen. Die Landsleute und Angehörigen des Erschossenen empören sich, unterliegen und die fünf Rädelssürer der Empörung werden zum Tode, deren Angehörige zum Zuschauen bei der Prozedur des Hängens verurteilt. Der Galgen bricht aber unter den fünf Auf- rürern zusammen, ihre Landsleute glauben darin eine Hülfe des Him- mels zu erblicken und jubeln, würend die Engländer ruhig einen neuen Galgen bauen und die bewußten fünf mit mehr Erfolg aufhängen. So erzält man auch, daß, als am ersten Dezember 1838 die Frei- gebung der Sklaven erfolgte, bei welcher Gelegenheit die Eigentümer mit Geld abgesunden werden sollten, die betreffende Summe, wenn beispielsweise ein Sklave 20 000 Mark wert war, ehe sie der Bauer erhielt, aus 800 Mark zusammengeschmolzen war. Wärenddem staken die Käffern den Bauern ungenirt das Vieh oder belästigten diese in sonstiger Weise. Als diese Plackereien den Bauern zu bunt wurden, verließen sie in Scharen die Kolonie. Unbewegliches Eigentum mußten sie natürlich zu Spottpreisen verkaufen, und es soll vorgekommen sein, daß ein solcher„trek boer" ein Stück Land, das heute zwanzigtausend Mark Wert hat, für eine Flasche Schnaps hingab. Bei Gelegenheit dieses Auszuges benuzten sie denn auch den durch unsre Illustration dargestellten Wagen, der auf seinem Hintergestell ein tonnenartiges Zelt hat, welches als Schlafgcmach für die Frauen dient; auf das Bordergestell werden die übrigen Wirtschaftsgeräte gepackt. Gezogen wird der Wagen von 6, 8, 10 und auch 12 Par Ochsen, die an lange, schiffstauartige, aus Lederriemen geflochtene Seile gespant sind. Gelenkt wird er durch einen„Vorlooper", einen schwarzen Jungen, der das vordere Ochsenpar an einem Stirnriemen fürt. Das gesamte Vieh wird von den Bauern natürlich mitgenommen. Freiheit und Unabhängigkeit war, was sie suchten, und ein fruchtbares Stück Land, wo sie ihre Herden weiden und Getreide bauen konten. In kleinen Trupps wanten sie sich nach Nord und Süd, überall von den räuberischen Eingebornen bedrot und bekämpft, sodaß viele in diesen Kämpfen umkamen. Und wenn sie sich ihrer Feinde erwert und diese vertrieben hatten, dann kamen die Engländer, welche sich vorher garnicht um das Wol und Wehe der Bauern gekümmert, und namen Besiz von ihrem Lande und erklärten sie selbst für Untertanen der britischen Krone. So erging es den Boeren, als sie sich südlich des Vaalstronies, in Natal, niedergelassen hatten, nachdem erst hunderte ihrer Angehörigen, Männer, Weiber und Kinder, von den Zulus meuchlings in der scheußlichsten Weise gemordet worden und sie über die Zulus nach ungeheuren Anstrengungen den Sieg erfochten, und dasselbe Schicksal war ihnen bestimt, als sie sich nördlich des Baal wanten und dort eine neue Republik(Transvaal) begründeten. Nach übereinstimmenden Angaben soll der Boden Trans- vaals sehr fruchtbar sein, außerdem aber auch noch sehr reiche Schäze an Gold, Silber, Kupfer, Quecksilber, Zinn, Kobalt bergen. Dazu kommen noch große Steinkolenlager und endlich, daß man zu Ende der sechziger Jare an den Ufern des Vaalflusses Diamanten fand. Die Engländer wußten also wol— abgesehen von andern Gründen— sehr gut, warum sie sich dort festsezten. Die Entdeckung dieser Schäze zog dann aber auch eine Masse Fremde, vielfach Abenteurer, herbei, und es ist nur zu natürlich, daß diese fremden Elemente eine Umwälzung in den Verhältnissen der südafrikanischen Bauernrepublik erzeugten. Bisher hatten die den Wein-, Getreidebau- und Viehzucht treibenden Boeren in althergebrachter, schlichter Weise gelebt, jezt machte sich ein leidenschaftliches Jagen nach Reichtum geltend. Hatte das strenge Ver- bot des Waffcnverkauss an die farbige» Eingebornen leztere immer noch gegen die zähen Bauern im Schach gehalten, so änderte sich auch dies jezt, indem Gewere in Massen verkauft wurden— man machte dabei ein hübsches Geschäft, indem die Kaufleute nicht weniger als 400 Prozent Gewinn hatten—, wodurch die Macht der Kaffern bedeutende Unter- stüzung fand. Ein neuer Krieg der lezteren mit den Transvaal-Boeren war denn auch die Veranlassung zur Annexion des Landes seitens der Engländer. Viele behaupten jedoch, England habe ganz andre Gründe gehabt. Im 1. 1872 war nämlich T. Burgers, ein in der Kapkolonie ge- borner Afrikaner, der lange in Holland gelebt und dort akademische Bildung genossen hatte, zum Präsidenten der Rcvublik gcwält worden Transvaal gänzlich zur Unabhängigkeit zu verhelfen, war sein einziger Gedanke und diesen wollte er verwirklichen durch Schulen und Verdes- serung der Verkehrsmittel. Zu lczterem Zwecke plante er den Bau einer Eisenbau von Pretoria nach Delagoa-Bay, einer spanischen Besizung. Zu dem Zwecke begab er sich nach Europa und schloß dort die nötigen Verträge ab, aber ehe das Projekt verwirklicht werden kante, brach ein Krieg aus mit Secocoeni, dem Häuptling einer Nation Eingeborner an der Nordostecke des Transvaals. Hören wir was der Missionär Dr. Wangemann über die Situation sagt:„So lange die Transvaalier genötigt waren, alle Erzeugnisse des Landes nach Natal zu bringen und alle industriellen Bedürfnisse über Natal zu beziehen, hatten die Eng- länder, die für etliche Jndustriecrzeugnisse an 50 Prozent Eingangs- slcuer erhoben, nicht blos de» Vorteil von diesen Handlungsunterne- münzen, sondern hatten auch schon in dem einfachen Verbot der Pulver- ausfur nach Transvaal allezeit das Mittel in Händen, diesen Staat seine Abhängigkeit sülen zu lassen. Tie Realisirung des Projekts einer Eisenban, die Transvaal mit dem Meere unmittelbar in Verbindung sezte, mußte alle diese Verhältnisse mit einem Schlage ändern" Das wußte die englische Regierung und die englischen Zeitungen des Kap- landes sehr genau, und deswegen forderten die lezteren erstere zur Annexion von Transvaal auf, und namen direkt Partei für den Seco- coeni und gegen Burgers. Die Besizname von seiten Englands erfolgte denn auch am 12. April 1877..üriege mit den von den Boeren auf- gehezten Eingebornen und schließlich ein Ausstand der Boeren selbst war die Folge. Wie diese ihre Freiheit verteidigt, das ist in einem Artikel in der leztcn Nr. d. Bl. bereits gesagt worden, und dürste auch aus der politischen Tagespresse bekant sein. Aber dieser Kanips hat wie- derum gezeigt, welche ungeheure Zähigkeit den Boeren eigen ist. Diesem 384 Umstände und der sehr begründeten Vermutung, daß sich schließlich der Orange-Freistaat dem Ausstande angeschlossen hätte, ist es denn wol auch nur zu danken, daß England sich mit den von unsern Viehzüchtern erhaltenen Hieben zufrieden gab. Ob es damit für die Dauer sein Bewenden baben wird, und ob nicht am Ende doch noch der direkte Ein- fluß Englands in Südafrika gebrochen wird, bleibt abzuwarten ort. Der wundertätige Koranspruch.(Bild S. 377.) Der Glaube macht nicht allein selig, er soll auch gesund machen. Wenigstens zeigen uns dies— abgesehen von anderem— die verschiedenen„Synipatie"-Ku- ren, denen sich in unserem zivilisirten Deutschland noch viele unterwerfen. Wie hier so ist es auch anderswo, denn der Aberglaube hat bekantlich überall noch Heimatsrecht. So herscht er auch dort noch, wo der Künst- ler den Stoff zu seinem von uns vorgesürten herlichen Bilde herge- nommen hat: im Orient. Man sieht es der bleichen Schönen mit ihren schwärmerischen müden Augen auf den ersten Blick an, daß sie krank ist, aber noch deutlicher wird dieser Zustand bezeichnet durch die Mani- pulation des vor ihr sizenden Arztes, der eifrig und andächtig damit beschäftigt ist, ihr den heilbringenden Spruch des Propheten in die dar- gehaltene Rechte zu schreiben. Ob die Medizin ihr Heilung bringen wird? Wir wissen dies ebensowenig als von welcher Art ihre Krankheit ist. Was uns aber unsere Illustration durch die kostbare Kleidung der Orientalin, sowie durch ihre der Operation ausmerksam zuschauenden Dienerin verrät, ist deren Zugehörigkeit zu den Vornemen oder Reichen — ein Fingerzeig, daß durch materiellen Uebcrfluß hervorgerufenes Nichtstun erst recht der Aberglaube gefördert wird.— Daß der Wun- derglaube der Muhamedaner lediglich aus den Lehren des Koran her- vorgegangen ist, wie von sonderbaren Käuzen behaupitet wird, glauben wir natürlich nicht. Vielleicht hat das üppige orientalische Klima mit seinem Einfluß aus die Phantasie der dortigen Menschen mehr dazu beigetragen als die Lehren Muhameds, welch lezterer ja, wie glaub- haste Forscher versichern, sehr energisch gegen den Aberglauben fördernde Gebräuche eingetreten ist. So vielfache und eifrige Pflege die Verir- rungen des menschlichen Geistes auch ersaren haben, der Glaube an das Wunderbare und Uebernatürliche ist nur zu natürlichen Ursprungs. Dies leugnen heißt einfach die Mythen, wonach der Mensch vollkoinmen aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sein soll, zur Warheit stempeln und die Entwicklung des Menschen aus einem Zustand des Unvollkommenen, Tierischen zu einem Höheren Grade der Vollkommen- heit leugnen. Weil allen Rcligionsstiftern, so hoch sie sich geistig über ihre Mitmenschen erhoben, n»d so kühnen Flugs ihre Phantasie der Zeit, in der sie lebten, vorauseilte, die Fehler und Gebrechen derselben anhingen, so zeigen auch ihre Lehren Mängel, die zu entdecken meist erst der geistig fortgeschritteneren Nachwelt vorbehalten bleibt. Aber dem großen noch nicht zum klaren vorurteilsfreiem Denken gelangten Haufen werden die dunkeln oder sinbildlich gehrauchten Aussprüche der alten jezt heilig gesprochenen Propheten oft als bare Münze erscheinen oder infolge des im Menschen woncnden Dranges, das Wesen aller Dinge zu ergründen, ihnen einen Wert beilegen, den sie niemals hatten. So er- get es auch den Lehren Muhameds und wir glauben, unser Künstler hat auch in seinem Bilde einen aus diesen Ursachen hervorgegangenen moslemischen Brauch ausdrücken wollen. urt. Diderot, vielleicht der genialste und originalste der französischen Denker und Gedankenbahnbrecher des achtzehnten Jarhunderts, hat die moderne unter dem Namen Darwins bekante Entwicklungslehre, gleich einigen anderen scharfsichtigen Geistern, schon geahnt und in ihren Grund- zügen angedeutet und, wie die nachfolgenden Stellen zeigen werden, mit noch größerer Präzision als selbst Lamarque. Im„Traum D'Alemberts", der, gleich, Rameau's Nesse", in Gesprächsorm abgefaßt ist, sagt er' oder läßt„Doktor Bordeu" sagen: „Unendliche Reihenfolge von Tierwescn(arnmakulcs) in dem gäh- renden Atom, ebenso unendliche Reihenfolge von Tierwesen in jenem andern Atom, das man Erde nent. Wer kent die Rassen der Tiere, die uns vorausgegangen sind? Wer kent die Rassen der Tiere, die den unsrigen folgen werden? Alles verget, alles verändert sich, nur das Ganze, nur das All bleibt(il n'v-a gue le tout qui reste). „Wer weiß, in welcher Reihenfolge dieser Tiergenerationen wir uns jezt befinden? Wer weiß, ob dieser misgestaltete Zweisüßler, der nur 4 Fuß hoch ist und den man in der Nähe des Pols noch Mensch nent, der aber diesen Namen verlieren müßte, wenn er»och etwas un- gestalteter würde— wer weiß, ob er nicht das Bild einer Art ist, welche verget(ck'une espöco qui passe)? Wer weiß, ob nicht dasselbe mit llen Tierarten der Fall ist? Was war der Elephant bei seinem Ursprung? Vielleicht das ungeheure Tier, als welches er uns erscheint, vielleicht ein Atom, denn das eine ist ebensowol möglich wie das an- dere, und das eine wie das andere sezt nur die Bewegung und die verschiedenen Eigenschaften der Materie voraus." Diderot legt sich nun den Einwand vor: Aber wenn die Arten sich verändern und ineinander übergehen, warum sehen wir sie nicht sich unter unseren Augen verändern? und färt dann fort: „Da dieselben Ursachen fortbestehen, warum sollten die Wirkungen aufgehört haben?... Vielleicht bedarf es zur Erneuerung der Arten zehnmal soviel Zeit, als ihnen(von den Natursorschern) dazu gewärt wird! Habe man Geduld und spreche nicht vorschnell ab über die große Geburtsarbeit der Natur. Man muß sich vor dem Sophismus des Ephemeren hüten. Mademoiselle de Lespinasse: Doktor, was ist der Sophismus des Ephemeren? Doktor Bordeu: Es ist der Sophismus eines kurzlebigen Wesens, das an die Unsterblichkeit der Dinge glaubt. Mademoiselle de Lespinasse: Sagte die Rose Fontenelle's nicht, seit Rosengedenken habe man keinen Gärtner sterben sehen? Doktor Bordeu: Allerdings. Das ist leicht und tief." Nach einigen weiteren Bemerkungen heißt es; „Doktor Bordeu: Tie Organe erzeugen die Bedürfnisse, und in Wechselwirkung erzeugen die Bedürfnisse die Organe. Mademoiselle de Lespinasse: Doktor, Sie reden irr! Doktor Bordeu: Ich habe zwei Stummel(moiguons) allmälich zu Armen werden sehen. Mademoiselle de Lcspinasse: Sie lügen, Doktor! Doktor Bordeu: Ja. Aber ich habe gesehen, wie in Ermange- lung der beiden Arme, die selten, zwei Schulterblätter sich verlängerten, sich zusammenkrümteu und zu Armstummeln wurden. Mademoiselle de Lespinasse: Welcher Unsinn! Doktor Bordeu: Das ist eine Tatsache. Nemen wir eine lange Reihe von armlosen Generationen an, und wir werden finden, daß diese gekrümten Stummel sich mer und mer verlängern, sich um den Rücken biegen und vielleicht Finger an den Spizen bekommen, so daß Arme und Hände fertig sind. Die ursprüngliche Gestalt ändert oder vervollkommnet sich nach dem Bedürfnis und nach den gewonteu Funktionen."-- Glaubt man nicht Darwin oder Häckel zu lesen? cAus allen Q5inR«fn der Zeillileralur. Sonderbare Denkmünzen, welche einen Beitrag zur Geschichte des jartausendalten„Kulturkampjs" gegen die Juden liefern, sind nach der„Deutschen Reform" im Hungerjar 1694 in Schlesien und in Ham- bürg geprägt worden. Es war aus den Silbermünzen ein Jude, welcher einen Kornsack trägt, dargestellt; aus dem Sack fiel das Getreide heraus. Daneben befanden sich die Worte: Dkl KORK JUDE und TIIEURE ZEIT 1694. Im darauffolgenden Jare, in welchem die Gctreidepreise niedriger waren, prägte man Münzen, aus welchen ein Jude an einem Baum hängend dargestellt war. Aus den Aesten des Baumes hockte der Teufel; weiter befand sich ein Weinberg und eine Scheune aus den Münzen und die Inschrift: DVD. 12, sowie DU KDRXJUDE— WOHLFEILE ZEIT 1695. Im Jare 1772 wurden in Thüringen änliche Münzen, von Zinn, geprägt. Aus einer derselben lautete die Inschrift: KORN J VI) VERZWEIFL V. GEH ZVM...... THE VRE ZEIT 1772.-z- Eine baugewerbliche Ausstellung soll vom 1. Juli bis zum 1. September resp. 1. Oktober d. I. iu Braunschwcig stattfinden. An- fragen sind zu richten an:„Bureau der Zcntralkommission der bauge- werblichen Ausstellung zu Braunschweig, Herrn Finanzrevisor Otto Fischer(Herzog!. Kammergebäude)"; von dort werden auch auf Wunsch Programme und Anmeldebogen versandt. urt. OledaklionKkorrcspondcn). Chicago. 3. 3t. Sie meinen, es würde jezt, da das Auswanderungsfteber so viele Teutsche ergriffen hat, praktisch jein, Unterrichtsbrise zur Erlernung der englische» Sprache in der„?!. SB." zu veröffentlichen. Nun, prallisch wäre das erstens nur zum Teil, denn es würde dadurch doch gar sehr viel Raum iu Anspruch genommen und nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Leier nnsres Blattes dü sie in der Lage sein, eine sremde Sprache zu lernen oder von ihr Gebrauch zu machen. Ferner wäre ei sür uns aber auch ungemein kostspielig und schwierig dieses Unletnemen, also, daß wir uns nur dazu veranlaßt sehen würden, wenn ganz unzweiselhast ein allge- meines und dringendes Bedürsnis eS forderte. Ihr Gedanke, die Tonffamt- Langenicheidbschen Brile einfach abzudrucken, wäre allensall» sür ein amerikanisches Blatt aussurbar, weil dort kein Nachdrucksgesez gegen solchen Tiebslal geistigen Eigentums schnzt, bliebe aber auch in Amerika im höchsten Grade unanständig und verwerflich. Inhalt. Helschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Andreas Rudolph Bodenstein. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation, von Carl Stichler.— Die Aegyptiologie und die Entzifferung der Hieroglyphen, von Dr. Ly.— Eine Idylle im Erdbeben (Schluß).— Poetische Aehrcnlese: Frülingseinzug.— Die Schlacht von Majuba.— Nachtlager der Boeren(mit Illustration).— Der wunder- tätige Koranspruch(mit Illustration).— Diderot.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Sonderbare Denkmünzen. Eine baugewcrbliche Ausstellung.— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 396).— Expedition: Färberstr. 12. IL in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.