Herlchen»der dienen? Roman von W. Kautsky. (5. Fortsezung.) Die Familie de Vita hatte ihren Empfangsabend, und in der Camera d' aricevere zündete Tonio, der alte Diener des Hauses, die Lichter an. Seine dunkle Livree war mehr als ab- genuzt; er trug sie jedoch mit vielem Anstand, sorglich bemüt, das Flickwerk derselben durch irgendeinen Llunstgriff zu verdecken. Und so wie dieser präsentirte sich das ganze Haus: mühsam den alten Glanz auftecht erhaltend, die Schäden mit teatralischem Aufpnz verdeckend. Die Reparatur eines solchen Palazzo, und es ist dies kaum anders möglich, würde ungeheure Summen er- fordern, und da man ihn nicht vermieten, noch in andrer Art verwerten kann, würde das darauf verwendete Kapital als ein vergeudetes zu betrachten sein. Einen solchen Luxus kann sich vernünftigerweise nur ein Millionär erlauben; die de Vitas aber, obwol einem alten, berühmten Geschlecht angehörend, waren finanziell ganz heruntergekommen, und Signor Tomaso, das jezige Haupt der Familie und der einzige mänliche Sproß derselben, lebte mit seiner Mutter und seiner jungen Gattin, die ihm ein kaum nennenswertes Vermögen mitgebracht, von seinem Gehalte, den er als einer der ersten Beamten des Munizipiums bezog. Aber der Palast war einmal da, und so bcwontc man ihn denn,>vie soviele andere Nobili es taten, die in gleichen Ver- Hältnissen sich befanden. Der leichte, aller Pedanterie bare Sinn des Italieners pflegt sich ja ganz prächtig mit allen Uebelständen einer solchen Behausung abzufinden. Das oberste Geschoß wird nicht bewont, da regnet es hinein. Die Stuck- arbeiten �des Plafonds haben sich abgelöst und sind herabgefallen. In den Fenstern von immenser Höhe sind die eingefügten Scheiben entweder zerbrochen oder erblindet, weshalb man über diese Schäden mitleidig die Läden geschlossen hat, welche freilich auch aus ihren Scharnieren gerissen sind. Aber wenn sie auch etwas schief hängen, was tut das? Es siet malerisch aus, sagen die Künstler. Das Parterre ist gleichfalls unbewonbar; die Nieder- schlüge des Salzivassers haben die Malereien der Wände längst angefressen, selbst der Anwnrf ist zerstört und Schimmel und Flechten wuchern höher und höher. Man bennzt diese hallen- artigen Gemächer mit den schönen Gittern vor den Fenstern als Holz- und Kolendepot, gibt es doch in ganz Venedig keine Keller- und keine Bodenräume, im günstigsten Falle hatte man einen Teil derselben als Warenlager vermietet. Die Beletage bleibt also für die Familie übrig und gewönlich hat sie damit mehr als genug. Auch in dem großen Palazzo der de Vita gab es unbewonte und verwarloste Räume. Räume namentlich, in welche der Begriff Ordnung noch nicht gedrungen ist; ivir wollen aber die Indiskretion keineswegs soweit treiben, unsre Leser in die- selben einzufüren, und begnügen uns, ihnen die Camera d' ari- cevere, das Besuchs- und Empfangszimmer der Familie, zu öffnen. Es ist ungeheuer groß und siet doch freundlich und wonlich aus. Die verschiedensten Teppiche bedecken den Stein- boden. Um ein altes Sopha im Renaissancestil, das mit einem stark defekten Gobelinstoff überzogen ist, gruppiren sich eine Un- masse kleiner, niederer Sesselchen, von sehr verschiedener Fayon teilweise moderner Arbeit. Ein Pianino stand an einer Wand, zunächst dem Fenster, und darüber waren einige Mandolinen und Guitarrcn aufgehängt, untermengt mit orientalischen Trophäen, welche ein seefarender Urahn einst herübergebracht. Eine Anzal Fächer lag auf einem Tischchen gehäuft, auf einem andern stand ein Dominobrett. Es war die Dämmerstunde; die Fenster standen weit geöffnet und an einem derselben saß Signora de Vita, die Mutter des Hausherrn, eine stattliche, etwas korpulente Dame, die von allen als die Padrona betrachtet und ein wenig gefürchtet wurde. Sie hatte eine laute, etwas kreischende Stimme, die in ihrer Kurzatmigkeit ihr nur manchmal im Halse stecken blieb und dann in ein rauhes Geächze überging. Zeitweise ungemein leb- hast und sich dann mit einer gewissen Hizc an allem beteiligend, überall selbst Hand anlegend, war sie doch, sobald dieser Kraft- Überschuß verbraucht war, äußerst träge, und ihre Züge namen dann den Ausdruck völliger Indolenz an. Sie manövrirte in diesem Augenblick mit dem Fächer und konsultirte dabei mit Auf- merksamkeit ein kleines Termometer, das zwischen dem Fenster aufgehängt war und das sie bei der scheidenden Tageshelle nur mühsam mehr entziffern konte. Vom Sopha her erscholl ein heiteres, fast kindisches Lachen. Hier saß Elena, die junge Frau de Vita's, eine üppige Schönheit, vielleicht»..was zu üppig, mit rötlichem Har und weißem, stark überpudertem Teint, ihr Hündchen, La Favorita, auf dem Schöße haltend und in seinem langen Seidenhar wülend und es über ihren Finger drehend. Sie hatte Alfted Depauli, der soeben erst gekommen war, mit allerliebster Munterkeit begrüßt und ihn veranlaßt, an ihrer Seite Plaz zu nemen, und' sie plauderte nun mit ihm, immer rasch von einem Gegenstand zum andern überspringend, jeden mit der äußersten Oberflächlichkeit nur be- rürend. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. L �'. Mai. löhi, Ter hagere Tonio hatte indes bei seinen Lampen die richtige Lichtstärke herausgefunden, und er wante sich nun nach dem Fenster, um die Rideaux herabzulassen; aber die Padrona winkte ihm ungeduldig hinweg. „Tie Fenster bleiben offen, Tonio; ich muß die Temperatur im Freien studiren, ach, wenn sie nur nicht zu tief herunterget; wir haben Ost, es ist zu fürchten, Tonio." Sie rückte auf ihrem Sessel hin und her.„Ich bin so unruhig, Tonio, so aufgeregt, Dio mio, der Cavalieri*, wegen, du begreifst es." Tonio nickte mit großer Würde und Wichtigkeit ihr zu. Die Padrona hatte frisch Atem geholn„Die guten, edlen Geschöpfchen, sie heischen die größtmöglichste Sorgfall und Be- dienung, und sie erkranken so leicht, Santa Santissima, eine einzige kalte Nacht, und meine schönsten Hoffnungen sind ver- nichtet. „Beruhige dich, Biama," rief Elena zu ihr hinüber,„Juanna hat gesagt, der Himmel sei bewölkt und du hättest daher nichts zu fürchten." „Was weiß Juanna von dem, was der Himmel mit uns vor- hat," grollte Äiama de Vita,„aber immerhin könte sie heraus- kommen und mich trösten." Alfred schien von dem gleichem Wunsche erfüllt; auch seine Augen wendeten sich ungeduldig iiach der kleinen Tapetentür, welche von hier nach Juanna's Zimmer fürte, wo er sie ver- mutete. „Sie arbeitet noch immer," erklärte Elena,„ich war vorhin bei ihr, aber sie hat mich sogleich wieder hinausgeschickt— hahaha! Sehen Sie doch, Signor, sie hat schon zwei Locken, meine Favorita, und wie artig sie ist, ivie ruhig sie sich hält, ich werde ihr morgen Papilloten drehen,— was meinen Sie, Signor?" „Sie sprachen vorbin von Ihrer Schwägerin, Signora, sie ist also so spät noch in ihrem Atelier beschäftigt?" „Die Törin, die Törin!" rief die Mama ungeduldig.„Sie arbeitet von früh bis abends, aber ich begreife nicht, wie sie jezt noch male» kann, ich vermag nicht einmal mehr das Termometer zu unterscheiden." Sie hatte sich erhoben, und vom Fenster hinweggehend, durch- schritt sie mit würdevoller Grandezza das Gemach und ließ sich dann neben Elena auf dem Sopha nieder. „Sie malt ja auch nicht, sie schreibt, Mama," hatte Elena erwidert, und dann die Hände ineinanderschlagend und zu Alfred gewendet:„Wissen Sie schon, in was sich Juanna einläßt? Sie schreibt für Zeitungen und das soll gar gedruckt werden. Ah, die Mühe, die das kostet, und dann ist's für eine Dame doch nicht Passend, nicht war, Favorita, wir täten's nimmer, was meinen Sie, Signor?" Alfred zuckte die Achsel.„Madame Lambert hat im ,Diritto� das Kunstreferat für ncuansgestellte Gemälde übernommen, und bei ihrem feinen Verständnis, bei der Klarheit und Sicherheit ihres Urteils scheint sie mir dafür wol geeignet, nur dürfte das Honorar, das sie dasiir erhält und das man im vorhinein gegen das ihrer mäntichen Kollegen so bedeutend heruntergesezt hat, sie kaum für die darauf verwendete Mühe entschädigen." „Ah, sie wird ja heiraten," rief Elena,„da braucht sie doch kein Geld mehr zu verdienen." „Geld ist immer gut," replizirte Frau Vita,„aber hier ist's ein Unsinn, da es ihr Zukünftiger nicht einmal wünscht, ja, daß es ihm sogar zuwider ist. Aber da rede man mit Juanna, da mache ihr einer Vorstellungen, sie erwidert kein Wort darauf, aber sie bleibt bei ihren Exzentrizitäten. Dio mio, wenn ich bedenke, wie unsre Juanna als Mädchen gewesen ist, so sanft, so fügsam und weich, wie Wachs, und jezt,— ah, mein lieber Depauli, wenn nur diese Hochzeit schon vorüber wäre, ich bete alle Tage darum." „Sie wünschen sie alle lebhaft, ich weiß es," entgegnete Alfted mit einem schwachen Lächeln. »Freilich, Juanna wäre versorgt, und gut versorgt, und das bleibt doch die Hauptsache bei einer armen Witwe, und, im Ver- !raU-en' �ct �pauli, das ist sie, seit sie sich in so brüsker Weise von ihrem Schwiegervater, der ein warer Nabob ist, und •5?' log?efQgt hat. Die Dumme! Sie wissen das nicht, eh? Einerlei, es ist geschehen, aber jezt könte sie noch einmal glücklich werden, und seit acht Tagen ist das Trauerjar uach lhrem Seligen abgelaufen, und es stet nun garnichts mehr im Wege, garnichts,— aber— aber—" Die Stimme versagte ♦) Cavalieri gleich Ritter. ihr, sie hatte allzu eifrig gesprochen und mußte ftisch Atem schöpfen.„Wissen Sie, bisher haben wir ihre Zurückhaltung begriffen und Ernesto hat sie respektirt, aber nun ist das Trauer- jar vorüber, nun könte sie doch in des Hinimelsnamcn einmal zärtlicher werden, etwas bräntlicher, damit die Sache sich ab- wickelt und der Pfaff sie zusammengeben und sein Amen darüber sprechen könte." Tie ungeduldige Frau schlug mit dem Fächer um sich, und troz des Puders, den sie in einer noch dickeren Schicht als ihre Schwiegertochter aufgetragen, rötete sich ihr Gesicht merklich. Elena hatte indes hinter ihrem Fächer hervor mit Alfred in kindisch-neckischer Weise geliebäugelt. „O," sagte sie jezt mit einem hellen Gekicher,„Jnanna ist in allem sehr überlegt, sie kent die Borteile, die ihr diese Ver- bindung bringen wird, sehr wol, und sie kokettirt nur mit ihrer Unempfindlichkeit, um dadurch Ernesto noch mehr zu reizen. Ter arme Junge, er ist seit acht Tagen wie toll." Alfred runzelte die Stirn. In Juanna's Wesen, in den Lebensschicksalen dieser jungen Witwe war ihm so vieles rätsel- hast und»»verständlich geblieben, und am unverständlichsten dies neueingegangene Verhältnis zu Ernesto, einem reichen, jungen Sizilianer, mit den, ein eigentümlicher Zufall sie bckant gemacht, und der, wie es heißt, in einem Augenblick der peinlichsten Ver- legenheit, ja, der Gefar, ihr ein Retter geworden und seitdem ein treuergebener Freund geblieben war. Derselbe Verdacht, den jezt Elena ausgesprochen, er war auch in ihm fchon aufgestiegen und er hatte wiederholt herabstimmend auf Empfindungen gewirkt, die diese Sphinx in ihm erregt, und die er als woltätig erregende für sein Geistesleben zu bezeichnen beliebte, vielleicht nicht mit Unrecht. Als dieser Verdacht aber nun von einem andern Munde ausgesprochen ward, empörte er ihn, und er entgegnete ziemlich scharf, wenn auch mit leiser Sttmme: „Sie beurteilen Ihre Schwägerin ganz falsch, in ihr, in ihrer ganzen Art sich zu geben, liegt auch nicht ein Schatten von Koketterie, und am wenigsten dürste man sie einer niederen Bc- rechnung für fähig halten." „Einerlei," rief die Mutter laut dazwischen, wie es schien, fast erzürnt über diese Parteiname für ihre Tochter,„einerlei, Ernesto hat ein Recht, sie als die Seinige zu betrachten, und darnach hat sie sich zu benemen." In dem Augenblick knarte die Tapetentür im Rücken der Sizendcn und Juanna trat heraus. Es war eine kleine, zarte Gestalt, die rasch, mit elastischem Schritt, auf sie zukam. Das lichte Kleid, das sie trug, ließ die Geschmeidigkeit und wunder- bare Ebenmäßigkeit ihres Körpers erraten. Das Gesicht war interessant, von einem fesselnden Reiz, wenn auch nicht grade schön zu nennen; ihr Har war zu kraus, ihr Teint zu dunkel, wie der einer Kreolin, aber die ichöugewölbte, wenn auch niedere Stirn, zeugte von Intelligenz und einer Energie, welche der Südländerin nur selten eigen ist. Die Züge waren fein, fast allznzart, sie erschien dadurch jünger, als sie es wirklich war. Man hätte sie für ein Mädchen halten können, wenn um den roten, festgeschlossenen Mund sich nicht ein Zug gelagert, der von bitteren Erfarungen sprach, von Leiden, von schweren Kämpfen, wenn aus diesen dunklen, schimnierden Augen jenes Feuer ge- leuchtet, das von Leidenschast entzündet, durch Vernunft und Selbstbeherschung bereits geläutert erscheint. Juanna hatte in heiterer und kordialer Weise Alfred die Hand gereicht. „Guten Abend," sagte sie,„es ist hübsch, daß Sie etwas früher kommen, ich möchte wol einiges mit Ihnen besprechen." „Sie waren seit acht Tagen nicht an der Akadcmia zu sehen," entgegnete Alfted, ebenso ruhig, ebenso kollegial, weshalb?" „Ich habe zuhause gearbeitet, ich habe meine algerische Land- schaft fertig gemacht." „Nach den Studien, die Sie aus Algier mitgebracht?'" „NachJjenselbeu und nach der Erinnerung,— woher auch sonst?" Sie lächelte.„Eine Landschafterin in Venedig, kann es eine grausamere Ironie geben?" „Sobald du heiratest, komst du von Venedig fort und nach dem Süden," bemerkte die Mutter nachdrücklich und trocken; dann in einem viel weicheren, etwas ängstlichen Ton:„Nimm ein Licht und sieh doch nach dem Termometer, Juanna, ich fürchte, es ist gefallen." „Ganz unbedeutend, es sind 15 Grad, du kaust beruhigt sein.". „Beruhigt, beruhigt?" entgegnete Mama in einem zornig erregten Ton.„Wie kann ich bei 15 Grad beruhigt sein? Sic 387 brauchen 18 Grad, meine Seidemvürmchen, nicht mehr, nicht weniger; und wenn die Castalda nicht heizt in dieser Ziacht, und wenn sie nicht bei meinen Cavalieri Wache hält, den Termometer in der Hand, so sind sie verloren und meine einzige Revenue ist mit ihnen zum Teufel gegangen!" „Die Castalda ist verläßlich, übrigens kaust du selbst morgen nach Murano faren und nachsehen." „So, morgen, nachsehen!? Und was meinst du, das ich da sehen werde? Meine Cavalieri sind in der zweiten Häutung, meinst du, daß sie dabei heiter und guter Dinge sind? Haha, sie liegen jezt alle unbeweglich, und ich wüßte meiner Scel' die Toten von den Lebendigen nicht zu unterscheiden, und das wird dauern— heute haben wir Montag"— sie begann an den Fingern zu zälen—,„Dinstag, Mittwoch, Donnerstag: Donners- tag werden sie wieder lebendig, dann werden sie wieder zu fressen anfangen, dann werde ich sie besuchen. Oime, dann erst werde ich meine Verluste übersehen und meine Toten zälen können!" Sie schneuzte sich heftig, und für dann behutsam mit dem Tuche gegen die mit venetianischer Kunst geschmückten Augen, um einige Tränen zu trocknen, die der Kummer um ihre Cavalieri ihr erpreßt hatte. „Mama," bat Elena,„ich möchte mit dir nach Murano, ich möchte auch die Cavalieri besuchen; und wäre es da nicht schick- lich, daß wir uns von einem Cavaliere begleitciijießeii?" Sie lachte über ihren gelungenen Einfall.„Ja, ja, Signor Tepauli wird unser Ritter sein." Alsted verbeugte sich. „Sie kennen unsere Vigna noch garnicht, die wir auf Murano haben?" fragte Juanna. „Nur nach einer Zeichnung, die Sie davon gemacht, die Ansicht mit dem alten Gebäude im Mittelgrund war sehr interessant." „O, beleidigen Sie Mama nicht, dies alte Gebäude ist ihre Villa." „Sie gefällt mir außerordentlich, ich möchte sie selbst einmal nach der Natur aufnemen." „Das können Sie tun" sagte Signora de Vita. „Bon, es ist entschieden, Sie faren mit uns," rief Elnna in die Hände schlagend,„und Juanna soll auch mit, auch sie muß den Cavalieri ihre Aufwartung machen, und la favoritta wird ebenfalls mitgenommen." Sie nam den Pintsch in ihre Arnic und tänzelte mit ihm, wie mit eineni Kinde, im Zimmer herum, ihn herzend und küssend, ihn hierauf, da er sich über diese Liebkosungen unwirsch zeigte, an das offene Fenster sezcnd. Alfred war Juanna näher gerückt und die beiden waren als- dann in ein lebhaftes Gespräch über Äunstaugclcgenheitcn und die jüngsten Vorgänge an der Akademie vertieft. Sie sprachen französisch. „A propos," rief Juanna und ein lebhaftes Interesse sprüte in ihren Augen auf,„was ich gehört habe! Der König von Siam soll in den lezten Tagen die Akademie besucht haben, und er hätte Ihnen den Antrag gemacht, an seinen Hof nach Bankok zu kommen." Alfred lächelte:„Man hat Ihnen das erzält?" „Ja, und man hat hinzugefügt, daß dieser Monarch sich leb- hast für die westländische Kultur iuteressire und daß er deshalb mit seinem— Kriegsminister nach Europa gekommen sein soll, um diese zu studiren." Ein sarkastisches Lächeln umspielte ihre Lippen,„die Richtung dieser Kulturbestrebungcn wäre dadurch hinlänglich illustrirt, dächte ich; aber nicht der Kricgsminister allein, auch der Leibarzt ist mitgekommen und dieser, ein Euro- päer, ein Deutscher, soll Sc. Majestät die dringlichsten Borstel- jungen gemacht haben, daß nebst dem Zündnadelgewehr auch et- was Kunst und Wissenschaft zur Modernisirnng eines Staates Unbedingt notwendig sei, und der Monarch soll ihm hierauf zur Heranziehung der nötigsten Kräfte plvm pouvoir gegeben haben." „Nun wäre dieser Doktor, wie ich höre, zufällig Ihr Freund, der Ihr Talent zu schäzen weiß und sich's nun angelegen sein läßt, Sie für seine Piäne zu gewinnen. Sagen Sie mir nun, was an diesen Gerüchten Wares ist." So ziemlich alles, Madame," versicherte Alfted.„Doktor Emminger hat mir in der Tat die glänzendsten Propositionen ge- macht, er hat mir das Leben eines Fürsten und Geld und Ehren aller Art versprochen, wenn ich mich entschließen köntc, auf einige Jare nach Bankok zu gehen; ich müßte die Reise dahin, aber sogleich mit ihnen antreten." „Ah, das ist wirklich interessant, und Sie?" „Ich war durch die Berichte meines Freundes, durch seine Schilderungen von Land und Leuten, von den hochinteressanten Studien die da zu machen wären, die in der phantasttschen Welt eines orientalischen Fürsten einem Künstlerauge sich aufdrängen müßten, auf's äußerste angeregt, ja geradezu entusiasniirt. Ich erivog zugleich die großen pekuniären Vorteile, die mir daraus erwachsen würden und verglich damit die Bedrängnisse meiner jezigen Lage und ihrer geringen Aussichten für die Zukunft. „Wie anders, wenn ich von diesem Märchenlande zurückkehre, man würde meine Bilder schon ihres fremdländischen Reizes willen sehen wollen und kaufen." „Und Sie haben den Antrag also angenommen?" fragte Juanna rasch. „Ich habe ihn abgelent," sagte Alfted ernst, fast traurig. Juanna sah ihn erstaunt und forschend an. „Weshalb?" „Ich habe Weib und Kind." „Um somehr Grund, gierig nach einer Gelegenheit zu greifen, die diesen selbst in jeder Hinsicht nur Vorteil bringen kann. Ihr Kind wird es Ihnen einst Dank wissen, glauben Sie mir, daß Sie nichts verabsäumten, Ihrer Carriere eine so glänzende Rich- tung zu geben, es könnte also nur die Stimme einer engher- zigcn Frau sein, die sich dagegen erhebt." Juannas Stimme war schärfer, fast hart geworden und sonderbar kontrastirte dagegen der weiche melancholische Ton, in welchem Alfred, als ob er zu sich selbst spräche, entgegnete: „Marie!? ich habe ihr noch nicht einmal davon gesprochen." „Sind Sie im Voraus Ihrer Misbilligung so sicher?" „Ach Madame, Sie kennen meine Frau nicht, sie liebt mich so innig, und sie keni keinen andern Willen als den meinen." „Aber dann sind Sie ja Herr Ihrer Entschlüsse, dann sind Sie ja frei!" „Frei!" wiederholte Alfred mit schmerzlicher Bitterkeit,„ich füle mich nur um so gebundener. Wenn meine Frau ihr Wol und Wehe selbst zu erwägen imstande ist, wenn sie in einem vernünftigen Egoismus sich allem entgegen stellt, das ihren Anschau- ungcn und Gewonheiten zuwider ist, das ihre Enipsindungen ver- lezt, ihre Existenz unleidlich machen könte, nun gut, dann weiß der Mann, in wieweit er seine Herschaft geltend machen kann, in Ivietveit er sich selbst zu fügen hat. Er fült sich sicher und kräftig dieser Opposition gegenüber; die Diskussionen beginnen, man er- läutert, man erklärt, und wird sich dadurch selbst über vieles klar. Man überzeugt und sezt seinen Willen durch, der nun auch der Wille des andern getvorden, oder man gibt nach, weil man eingesehen hat, daß dies Nachgeben eine Notwendigkeit geworden ist; kurz man hat den streitigen Punkt gemeinsam durchberaten, ihn von allen Seiten beleuchtet, und war imstande, das bessere, oder, sagen wir, wenigstens von zwei Uebeln das kleinere zu wälcn. Aber nun stehe man einmal der Passivität gegenüber, einem Weibe, daß sich uns so ganz ergeben, daß es keine Mei- nung außer der unseren, keinen Willen mehr als den unseren hat, und wenn man somit vollständig der Herr und Meister dieses Wesens geworden, dann wird die Verantwortung, die ein ehrlicher Mann auch für das Glück seines Weibes übernommen, schwer und drückend ans ihm lasten. Meine Marie begert nicht, daß ich sie um Rat frage, tue was du willst, sagt sie, ich weiß ja, es ist das beste; und wenn ich sagen würde, komm mit nach Indien, so wird sie alles verlassen, und sie wird nicht fragen, ivie wird es mir dort ergehen? und wird meine angegriffene Gesundheit, meine schwächliche Konstitution, das veränderte Klima, die ver- änderte Lebensweise ertragen können? nein, sie tvird mitkommen; und wenn ich sage, bleibe zurück, ich verlasse dich, ich gehe allein in die Welt, um mein Glück zu suchen, so wird sie mich nicht zurückhalten, sie wird mich scheiden sehen, still ergeben, wenn ihr auch darüber das Herz bricht. Nein nein, ich kann das nicht verschulden, ich kann eine so schwere Verantwortung, die mich, mich ganz allein treffen würde, nicht auf mich laden." Das junge Weib hatte ihni aufmerksam zugehört, unverwant sah sie in das blasse, erregte Antliz dieses jungen Mannes, der sie so wol verstand; ein tiefes Mitleid spiegelten ihre Augen wieder und unwillkürlich streckte sie ihm die Hand entgegen, als müsse sie ihm Hülfe bringen und Trost. Ihre Stinime bebte wie in inniger Teilname, als sie nun leise erwiderte: „Und wenn Sie der Ungunst der gegenwärtigen Zeitverhä.- nisse unterliegen, wie ihr so viele und tüchtige Kräfte unterliegen werden; und wenn nun die Sorge, die gemeine Sorge, das Brot zu schaffen, Sie unterwült und aufreibt, wenn Ihr Talent und all' die Schwungkraft Ihres Geistes daran zugrunde get?" „Wer fragt darnach, und was liegt auch daran!" sagte er mit noch wehmütigerer Bitterkeit.„Aber ich werde wenigstens keine Pflicht verlezt haben." Sie schüttelte den Kopf.„Dies Aufgeben der eignen persön- lichen Glückseligkeit ist nicht recht, denn es ist nicht natürlich." Er sah fast erschreckt auf und in ihre Augen. Sie hatte es ausgesprochen, was er sich bisher nicht selber eingestehen wollte, daß er seine Glückseligkeit aufgegeben, freiwillig seiner Ansprüche auf Lebensglück sich entäußert, weil sie unverträglich schienen mit seinen Pflichten. Sie hatte es ausgesprochen, sie wußte, wie es mit ihm stand, sie hatte Teil an seinem innern Leben, sie ver- stand sein Fülen, sein Bedürfen, indes seine Frau kein Auge und kein Verständnis dafür hatte. Sie merkte es garnicht, daß er leide, daß die Kleinlichkeit und Misgunst seiner Verhältnisse auf seine Bestrebungen zersezend>oirke, und in ihrer gutmütigen Ein- sali pries sie sich selber glücklich und ihn. Er hatte die Hand Juanna's ergriffen und fast krampfhaft drückte er sie in der seinen. „Fassen Sie Mut," sagte sie mit einem schönen Ernst,„Sie werden nicht nach Siam gehen, wol, ich begreife das, aber suchen Sie Sich nur dieser Atmosphäre der Einförmigkeit, der Un- tust zu entziehen, die schwer auf Ihnen lastet. Sie sind ein Mann, Sie müssen die Kraft dazu haben." Er wollte antwor- ten, aber der Eintritt Ernesto Giuliano's hinderte ihn. Fast un- bewußt rückte er seinen Swl, den er dicht neben den Juanna's herangezogen, etwas hinweg, aber dem eifer- süchtigen Blick des jungen Sizilianers war dieses Manöver nicht entgangen. Eine Röte des Zorns stieg in sein dunkles Gesicht und seine schwarzen Augen begegneten sun- kelnd und drohend dem ernsten und wieder völlig ruhigen Blick des Deutschen. Er begrüßte die Mama zuerst, hierauf die beiden jungen Damen und warf sich dann etwas ungestüm in ein kleines Fauteuil, ziemlich entfernt von seiner Auserwälten. Ernesto Giuliano war ein hochgewachsener, breitschulteriger Mann von kaum dreißig Jaren, mit einem gewaltigen Nacken, nach welchem das rabenschwarze, krause Har tief hinuntergewachsen war, das in seiner überwuchernden Ueppigkeit ihm auch die Stirn bis gegen die Brauen umschattete; ein breiter, schwarzer Bart umgab die unteren Partien des gradezu schönen Kopfes, der etwas von dem traditionellen Gepräge eines Mauren besaß. Alles deutete bei diesem Manne auf große physische'lrast, und sein heftiges, ungestümes Temperanient gab dieser körperlichen Ueber- legenheit noch erhöten Nachdruck; aber jene Energie, jene Kraft des Willens, die alles vermag und alles besiegt, und die ein Produkt unsrer geistigen Ueberlegenheit, unsrer Intelligenz ist, schien er nicht zu besizen. Er fülte dies vielleicht, er fülte es in dem Augenblick, wo er sich mit einer andern Intelligenz zu messen Hatte, und das machte ihn dann trozig und barsch und tat seinen sonstigen guten Eigenschaften Eintrag. Auch jezt saß er finster und verdrossen da und eine seiner großen Hände wülte in seinem Barte. Nur mit Mühe meisterte er den eifersüchtigen Groll gegen den deutschen Maler, der ihm das Blut heftiger durch die Adern Enropäische Alamingvs.(Seilt 396.) jagte. So gern er es auch gewollt, er vermochte ihm nichts an- zuhaben. Depauli galt als ein Freund des Hauses, er zeigte sich in seinen Besuchen aber ziemlich zurückhaltend und erschien gewönlich nur an den Empsangsabenden der Familie, die von zalreichen Freunden und Bekanten frequentirt wurde. Dagegen konte er selbst als Bräutigam nichts einwenden, aber er merkte es wol, daß er und Juanna sich gegenseitig anzogen, daß einer Teil hatte an dem geistigen Leben des andern und daß sie sich somit näher standen, als er und sie es auch nur eine Stunde gewesen. Mama de Vita hatte sich zu ihm gesezt und sie versuchte ihn aufzuheitern, sie erzälte ihm mit aller Umständlichkeit von ihrem japanischen Samen, den sie für die Zucht von Seidenraupen vor zwanzig Tagen angesezt habe, drüben auf Murano, auf ihrer Vigna, wo sie für die Zucht ein altes Nebengebäude ihrer Villa adoptirt habe; und die Würmchen seien nun ausgekrochen, in großer Anzal, und sie befänden sich gegenwärtig in der zweiten Häutung, aber eine einzige kalte Nacht könne all' die kleine, süße Brut vernichten. Er antwortete immer nur mit einem grimmigen „Li, si, si", und auch als sie ihn fragte, wie viel Grade es draußen in der Lagune haben könne, erhielt sie die- selbe Antwort. Um Juanna's Lip- pen zuckte es boshaft, aber sie wante sich nun an den Unwirschen mit der heitersten Unbe- fangenheit. Auch Elena war mit ihrem Pintsch vom Fenster wieder herbeigekom- men, und ihre muntere Plappcrhaftigkeit war es, die Ernesto das erste Lächeln entlockte. Er beteiligte sich nun auch am Gespräch, das naturgemäß bald das interessanteste Tema berürtc, das in diesen Tagen als ein Ereignis betrachtet, alle fashionablen Kreise Venedigs beschäftigte: das Auftreten von Signora Bianca, der Primadonna, die kürz- lich in Mailand Furore gemacht. Elena versicherte, fie müsse sie hören, und gleich bei ihrem ersten Auftreten, und wenn ihr München keine Loge erhalten werde, so müsse sie fich die Augen aus dem Kopfe weinen. Signora de Vita fragte wieder und immer wieder, ob denn diese Sängerin wirklich und warhaftig die Schwester von Depauli's Frau sei, und schüttelte auf dessen Bejahung immer noch un- gläubig den Kopf. Sie vermochte sich's nicht vorzustellen, wie diese einfache, bescheidene Frau eine Schwester haben konte, die eine Teaterberühmtheit war. Jezt trat Signor de Vita, von einigen Freunden begleitet, in den Salon. Es war eine magere, sehnige Gestalt, sehr distin- guirt, mit einem schmalen, gelblichen Gesicht, das, bis auf einen großen Schnurrbart, rasirt war. Seine Augen hatten den kalten, vorsichtigen Blick des Bureaukraten. Auch er war rasch und heißblütig, wie die ganze Familie, aber durch die langjärige Beamtenlaufban mit ihrer verknöcherten Disziplin war sein ur- sprüngliches Naturell zurückgedrängt und hatte starren und kon- ventionellen Formen Plaz gemacht. Er begrüßte alle mit etwas steifem Anstand und drückte Alfted wiederholt die Hand. Als er hörte, daß von der Bianca die Rede war, zog er langsam und würdevoll, nicht one einen lächeln- den Seitenblick nach seiner Gattin zu werfen, eine gelbe Logen- anweisung aus seiner Tasche und hielt sie ihr vor die Augen. 389 Sie stürzte ihm um den Hals und erdrückte lyn fast mit schmeichelnden Liebkosungen.„Wie gut du bist, Tomaso, wie sehr gut, ich werde sie also sehen, die Diva,— o, wie glücklich ich bin, o, wie neugierig ich bin!" „Es war durchaus nicht so leicht, eine Loge zu erlangen," versicherte ihr Gatte,„und wenn mir nicht Depauli's Protektion zuhülfe gekommen—" „0, il beuedetto!" rief emphatisch die junge Frau und warf mit ihren runden, weißen Fingern Alfred eine Kußhand zu. Die übrigen Freunde umringten sofort den Maler, auch sie wünschten seine Verwendung, und sie bestürmten ihn dann um weitere Auskunft, und sie wünschten allerlei Details über die künstlerische Ausbildung der Diva zu vernemen, über die Rasch- heit ihrer Karriere. Die neugierige Elena war damit nicht be- friedigt, sie verlangte sogleich nach den intimsten Beziehungen ihres Lebens. „Es heißt ja, ein reicher, deutscher Baron soutenire sie, und sie sei auch mit ihm hierher gekommen," bemerkte sie ganz un- befangen und doch mit einer deutlichen Nuance frivoler Neugier. „Elena, welche Jndiskretton!" rief zurechtweisend der venetia- nische Nobili. „Aber Signor Depauli kann es ja berichtigen, wenn es nicht war sein sollte, aber man sagt so." „Nun, dieses ,on dit', Signora," entgegnete Alfred mit vor- nemer Gelassenheit,„enthält, wie die meisten Gerüchte, nur ein Körnchen Warheit, das übrige ist Lüge und Verleumdung." Mtgarische Räuber im Kampfe mit Polizeimannschafte«.(Seit- ms.) „O, ich bitte, erzälen Sie uns nun schnell, wieviel wir davon glauben dürfen. Die Bianca hat also—" „Ich kenne die Verhältniste meiner Schwägerin selbst nicht genau, sie ist seit Jaren selbständig und wir leben getrent, aber ich darf wol versichern, daß Elvira eine durchaus noble Natur ist und daß, was mit einer solchen unvereinbar wäre, auch bei ihr nicht vorauszusezen ist." „Sehr gut, Depauli, aber meine kleine Frau hätte eine etwas schärfere Lektion verdient." „Ah, santa madonna, glaubt ihr denn, daß ich sie deshalb anklage? Aon diou, Künstlerinnen und Sängerinnen müssen doch alle ihre Liebhaber haben." „Ich versichere Sie, Signora, daß Sie diese liebenswürdige Toleranz Elvira gegenüber nicht zn üben haben; sie wird ganz gut vor dem Richterstul einer strengen Moral bestehen. Baron Hellenbach spielt allerdings in dem Leben dieses Mädchens eine Rolle; er war es, der ihr Talent zuerst erkant hat, und er war in eminenter Weise bemüt, es zu bilden, es im künstlerischen Sinne zu verwerten. Als Elvira mit ihrer Mutter nach Paris kam, geschah es durch seine Vermittlung, daß die ersten Celebri- täten sich ihrer annamen und sie umsonst unterrichteten." „Ah, ah," rief man,„das ist interessant, das ist ehrenvoll!" „Da sie bereits eine tüchtige Vorbildung genossen, so dauerte ! es nicht allzulange, sie für eine Bünenkarricre vorzubereiten, sie war überdies so fleißig in dieser Zeit, daß Baron Hellenbach vor diesem Eifer die Flucht ergriff; er war nach Deutschland ! zurückgekehrt und kam nur von Zeit zu Zeit nach Paris, um sich von den Fortschritten seines Schüzlings zu überzeugen." „Das spricht für sie— und für ihn," riefen die Freunde I im Chor. „Und er hat sich nicht in sie verliebt, und sie nicht in ihn?" fragte 1 Elena, die daraus hielt, der Sache auf den Grund zu kommen. „Ich glaube wol, daß sie ihm Steigung eingeflößt, und es erscheint mir keineswegs ausgeschlossen, daß er heute oder morgen i sie zur Ehe begehre." „Wirklich!" rief Elena lebhast. „Nun, das komt wol heutzutage häufig genug vor," erklärte de Vita.(Fortsczung folgt.) 390 Die Aegyptwlogie und die Entzifferung der Hieroglyphen. Von vr. Ly.(1. Fortsezung.) Das Hauptverdienst an der Entzifferung der Hieroglyphen in- folge dieses Fundes geburt dem Franzosen Jean Franyois Champollion(dem Jüngeren), der 1790 bei Grenoble geboren. troz seines ftühen Todes(er starb 1832) seinen Namen durch die glänzendsten Arbeiten auf dem neu errungenen Wissenschafts- gebiet unsterblich gemacht hat und als der eigentliche Begründer der heutigen Aegyptiologie angesehen werden muß. Tie schönste Grabschrift hat ihm Chateaubriand gesezt in den Worten:„8es nd- mirables traveaux auront la duröe des monuments qu'il uous a fait connaitre."(„Seine bewundernswerten Arbeiten werden die Dauer der Monumente haben, deren Rätsel er uns aufschloß.") Zunächst boten die gleich zu Anfang der griechischen(also auch der darüber stehenden ägyptischen) Steininschrift der Tafel von Rosette zalreich vorkommenden Eigennamen, deren Klang und Aussprache ja in den verschiedensten Sprachen gar nicht oder nur wenig verändert zu werden pflegt, für die Entzifferung den ersten, erwünschten Anhalt.— Schon vor Chanipollion hatte näm- lich der auch als Physiker, als Entdecker der Jnterferenzerschei- nungen des Lichts, berühmte englische Arzt Thomas Ioung ge- funden, daß die Königsnamen in der ägyptischen Inschrift des Steines von Rosette, gleichsam, um sie vor den andern Namen auszuzeichnen,— änlich etwa, wie man heutzutage die persön- lichen Fürwörter einer Majestät im Hofstyl groß zu schreiben pflegt— mit ovalen Ringen von beistehender Form(> umgeben seien. Er war es zuerst, der durch genaue Messung des Raumes im Vergleich mit der griechischen Inschrift heraus- rechnete, welcher von diesen Ringen den Eigennamen Ptolemäus enthalten müsse, und sodann machte er sich an andere im Texte vorkommende Namen, wie Arsinoe, Berenike u. s. w. An den übrigen Hieroglyphentext, dessen Zeichen Ioung noch für reine Symbole, als bildliche Zeichen für Gedankenbegriffe(wie z. B. ein Herz für den Begriff„Liebe", hielt, wagte er sich nicht. Be» reits begannen diese Versuche einen kleinen Schimnier von Auf- klärung zu liefern, als ein zweites kleineres und nur zweispra- chiges Steindenkinal auf der Nilinsel Philä(bei der Stadt Assuan au der Südgrenze von Oberägypten) gefunden wurde, welches in Hieroglyphen und in griechischer Schrift abgefaßt, zwei in Ringen eingeschlossene Namen enthielt, von denen der eine mit dem für „Ptolomäus" gehaltenen Ringnamen des Steines von Rosette genau übereinstimte, Wärend man den zweiten nach der griechischen Inschrift als den Namen„Kleopatra" deuten konte. In welcher Weise es nun Chanipollion verstand, diese günstigen Umstände zu einer nach und nach immer mehr sich vervollständigenden syste- matischen Entzifferung der Hieroglyphen zu benuzen, das wollen wir, indem wir dabei hauptsächlich der Darstellung des berühmten Aegyptiologeu Professor Georg Ebers(des Verfassers der vielge- leseneu„Äegyptischen" Romaue) in seinem Wissenschaftswerke „Aegypten und die Bücher Moses" folgen, dem Leser kurz und mit Zuhülfeuaine der beigedruckten drei hieroglyphi- scheu Holzschnitte, anschaulich machen. QHIÖ CSHD dlED 3 4 5 7 9 10 8 g. 1. Kleopatra. 3 4 6 7 8 5 Fig. 2. PtolmaS. L 2 4 3 5 6 7 Fig. 3. AllsantrS. Durch einen glücklichen Zufall, der überhaupt- bei dieser ganzen Entdeckung so günstig waltete, finden sich in den beiden ersten Namen„Ptolomäus" und„Kleopatra" fünf gleiche Laute(p, t, l, e, o) vor. Champollion verglich nun Zeichen für Zeichen, wo- raus sich ihm folgendes ergab: In dem ägyptischen Namen Kleo- patra(siehe Fig. 1) mußte die erste Hieroglyphe, die ein Dreieck darstellt, gleich dem Laut k sein, und sie durfte sich unter den Hieroglyphen des Namens Ptolemäus(siehe Fig. 2) nicht tvie- derfinden, tvie sie sich dort denn auch nicht fand. Die zweite Hieroglyphe in Kleopatra, ein Lötve, mußte l bedeuten, und mußte sich in Ptolemäus(Fig. 2) an der vierten Stelle wiederfinden, wie es auch wirklich der Fall war. Das dritte Zeichen in Kleo- patra, ein Rohrblatt, mußte e lauten und fand sich als sechstes und siebentes Zeichen in Ptolemäus wieder, woraus Champollion schloß, daß es hier, doppelt stehend, das ä(griechisch ai lautend) in Ptolemäus darstellen sollte. Das vierte Zeichen im ersten Namen(Fig. 1), welches Champollion für eine Blume an einem zurückgebogenen Stengel hielt, mußte den Laut o bedeuten und in Ptolemäus an der dritten Stelle stehen, wo es auch wirklich stand. Ebenso richtig fand sich ferner das Viereck, welches an der fünften Stelle in Kleopatra ein p darstellen mußte, als erster Laut in Ptolemäus wieder.— Der sechste Buchstabe im ersten Namen, einen Adler darstellend, mußte a ausgesprochen werden, findet sich also nicht in Ptolemäus, wol aber, als neue Bestä- tigung, au der neunten Stelle des Namens Kleopatra uneder. (Siehe Fig. 1.) Das siebente Zeichen in Kleopatra, eine Hand. darstellend, mußte t lauten. Im Namen Ptolemäus fand sich aber an der zweiten Stelle ein anderes t, welches einen Halb- kreis darstellt; und dies hätte den Entzifferer irre füren können, wenn er nicht die Möglichkeit, daß ein und derselbe Laut durch verschiedene Zeichen dargestellt werden könne, ins Auge gefaßt und wenn er nicht außerdem richtig geschlossen hätte, daß der am Ende des Namens Kleopatra(siehe Fig. 1) als zehntes Zeichen gleichfalls stehende Halbkreis nichts anderes als den weiblid)cn Artikel bedeutet, von dem er wußte, daß er in der koptischen Sprache gleich t(Do) bezeichnet werde. So konte er, in geist- voller Weise weiter schließend, aussprechen, daß der Halbkreis an der zweiten Stelle in Ptolemäus(Fig. 2) ebenso ein t bedeuten müsse wie die Hand an der siebenten Stelle in Kleopatra. Die achte Hieroglyphe im ersten Namen, ein Mund, mußte den Laut r darstellen und findet sich nicht in Ptolemäus. Als neunten und Schlußbuchstaben im ersten Namen hat der altägyptische Schreiber, wie gesagt, zum zweiten male einen Adler, und hat also das a in der Mitte und am Schlüsse mit dem gleichen Zeichen dargestellt. So blieb keine einzige Hieroglyphe in Kleopatra un- enträtselt, wärend in Ptolemäus das fünfte und neunte Zeichen noch einer Erklärung bedursten, wenn es auch auf der Hand lag, daß das erstere nur ein m, das andere ein s darstellen konte. Durch diese geniale Kombinatton waren elf oder(durch den Artikel) zwölf Hieroglyphen richtig entziffert worden, und es kam nun darauf an, zu prüfen, ob sich mit deren Hülfe auch andere, aus der griechischen Inschrift bekante, Eigennamen lesen lassen würden. Bei diesem Versuch fand Champollion zunächst in dem von ihm entdeckten Namen Alexandras(Aleksantrs; siehe Fig. 3) die Hieroglyphen a � Adler, l= Löwen, t= Hand, r— Mund in diesem Namen an den richtigen Stellen wieder, wärend er die andern Hieroglyphen als k. s(der Laut x wird in k und s zer- legt) und n deuten konte. Mit diesen 11 gefundenen Zeichen ging nun Champollion in der Lösung der großen Aufgabe weiter, suchte und fand, verglich und operirte, und indem er überall, in rein matematischcr Weise, aus den bekanten Größen die neuen unbe- kanten berechnete, gelang es ihm, nicht nur zunächst alle Königs- und Pharaonen-, Götter- und Städte-Namcn zu entziffern und richtig zu lesen, sondern— und darin berut sein Hauptverdienst — für die Entzifferung aller Hieroglyphen, nicht blos der Eigen- nainen, bestirnte Regeln und Geseze aufzustellen, welche bis auf den heutigen Tag ihre Giltigkcit bewart haben. Bor allem durch Zichülfenaiiie des koptischen Sprachidioms— denn dieses allein lieferte ihm ja den Klang, den hörbaren Laut der altägypttschen Sprache— wurde er zu dem Grundsaze gefürt, von dem es frei- lich wichtige Ausnamen gibt:„Jedes Hieroglyphenbild ist gleich dem Laute, mit welchem der Name des Gegenstandes, den es darstellt, anfängt." So bedeutet das Bild des Adlers den Laut a, weil im Koptischen der Adler„achem" heißt, das Bild einer Hand bedeutet den Laut t, weil im Kopttschen die Hand „tot" lautet, das Bild des Mundes den Laut r, weil Mund in der koptischen Sprache„rö" heißt u. s. w.— Diese alphabetischen Hieroglyphenbilder nante ihr Entdecker Champollion phonetische oder Lant- Bilder, weil sie nichteinen ganzen Begriff, sondern, wie die Buchstaben, nur einen Schall oder Laut bezeichnen. Freilich lag es ans der Hand und Cham- pollion erkante dies auch sehr bald, daß die ganze Hieroglyphen- schrift mit ihren mehr als tausend Bilderzeichen, unmöglich eine rein phonetische oder Lautschrist sei; denn dazu hätten ja wie in dem Alphabet anderer Sprachen schon 25 bis 30 Hieroglyphenbilder genügt. Die Hieroglyphenschrift muß vielmehr, wie bald eingesehen wurde, als eine mit wirklicher und mit symbolischer Bilderschrift vermischte Lant-Schrist angesehen werden, doch so, daß die ersteren beiden Bedeutungen der Bilder fast immer nur zum näheren Verständnis und zur genaueren Verdeutlichung der Ein Ritter i. Am 21. Dezember 1805 als„Judenjnnge" geboren, am 19. April 1881 als Fürer der stolzesten Aristokratie der Erde gestorben, betrauert von England, das in ihm den größten seiner neueren Staatsmänner bewundert, verdient Benjamin Disraeli, Graf Beaconsfield, wenn einer ihn verdient, den stolzen Titel: „Ritter vom Geist"— ein Titel, den beiläufig er erfunden hat, lange vor dem Roman Gutzkow's. Ein„Abenteurer", ein„Emporkömling" ist er genant worden: gut! verstct man unter einem Abenteurer den Mann, der, einzig und allein auf sich selbst gestellt, die Welt erobern will und sie erobert— dann war er ein Abenteurer, und auch ein Empor- kömling. Das englische Sprüchwort: where there is a will there is a way, wo der Wille ist, da ist ein Weg, wäre das geeignetste Motto für eine Lebensbeschreibung Disraeli's. Sein Großvater war im Jar 1748 aus Venedig, wohin die Familie im 1(3. Jarhnndert wärend der Judenverfolgungen ans Spanien geflüchtet war, nach England übergesiedelt. Die Fa- milie gehörte der Rasse der Sefardim an, d. h. der Juden, die niemals die Länder des Mittelländischen Meeres verlassen haben. Der Vater Benjamins, Isaak, geboren 1766, machte sich in der Gelehrtenrepnblik einen Namen; und da er auch ein ansehnliches Vermögen besaß, so wurde für die geistige Ausbildung des schon stich außerordentliche Begabung verratenden Benjamin alles auf- geboten. In England waren die Juden bis in die Mitte dieses Jar- Hunderts von der politischen Lausban ausgeschlossen— um dieses Hindernis aus dem Wege des Sons zu entfernen, trat Isaak Disraeli in: Jar 18 l7 mit ihm zum Christentum über. Benjamin Disraeli ist aber, wenn nicht dem Glauben, doch den Traditionen seines Volks treu geblieben; er hat mit Stolz semitische Abstammung bekant, und in seinen Schriften jede Ge- legenheit zur Verherlichung der Juden benuzt. Man könte sagen, er sei in dieser Beziehung geradezu auf- dringlich gewesen, allein, wenn man Disraeli's Stellung bedenkt, den Vertreter der geächteten Rasse inniitten der Vertreter der äch- tenden Rasse sich vorstellt, der wird zugestehen müssen, daß das Betonen des jüdischen Staudpunkts hoher moralischer Mut war. Eine Zeitlang versuchte es Disraeli mit der Juristerei; er wollte Advokat werden und begann die in England üblichen, praktischen Lehrjare. Doch er kam bald von diesem vcrkerten Gedanken zurück, und beschloß Schriftsteller und Politiker zu werden. Kaum 20 Jare alt, veröffentlichte er seineu ersten Roman: Vivian Grcy, der das größte Aufsehen erregte und die Aufmerk- samkeit auf den Verfasser lenkte. Seine politische Richtung ist hier schon angedeutet; sein Wesen scharf ausgeprägt. Mehrere Jare schrieb Disraeli nichts von Belaug. Er reiste viel, studirte die Politik als Wissenschaft und nach dem Siege der Reformbill im Jar 1832 ging er dran, sich einen Siz im Unterhaus zu erkämpfen. Er hatte keine Partei hinter sich, und, obgleich wolhabend, doch nicht eins jener Vermögen, die eine Macht sind. Das erste mal fiel er durch. Das zweite mal fiel er durch. Aber er wollte siegen, und schließlich siegte er. Im Jar 1837 wurde er in Maidftonc gewält. Lautschrift angewendet Werden. So wird z. B. hinter dem hiero- glyphischeu Wort(in Lautschrift) für„Krokodil" noch das wirk- liche Bild eines Krokodils gesezt, hinter dem Wort für„Ceder" das Bild eines Baumes. So wird ferner hinter dem Hiero- glyphenwort für„töten" noch ein bewaffneter Arm und ein Messer als symbolisches Bild gezeichnet, so findet sich hinter der Laut- schrift-Wort für„König" das symbolische Bild eines Szepters, hinter einem Begriff, der mit„Schreiben" zusammenhängt, eine zugebundene Papyrusrolle u. s. w. Zuweilen stet alsdann das symbolische Bild allein(one Lautschrift) für den zu bezeichnen- den Begriff, wie z. B. das Szepter allein für„König", ein geöffnetes Auge für„Wachsamkeit", ein gehenkeltes Auge für „Leben" stet u. s. w.(Schluß folgt.) tunn Geist. Mittlerweile hatte er sich ein politisches System zurecht ge- zimmert, das ein eigentümliches Gemisch von Radikalismus und Konservatismus bildet und in keine der alten Parteischablonen paßte. Ein Feuerkopf, braute er vor Begierde, das Unterhaus im Sturm zu nemen. Er rüstete sich zu einer gewaltigen Jungfern- rede. Das Unterhaus, dem vor seinen kezerischen Ansichten graute, und in dem er gar manchen persönlichen Feind sizen hatte- denn er war zu jener Zeit in der Polemik ebenso boshaft wie wizig— hatte sich vorgenommen, den„Judenjungen" nicht an- zuhören. Und nun entstand ein Kampf zwischen Redner und Haus. Das Hans lacht, spricht, wirft ihm beleidigende, höhnende, verächtliche Zwischenrufe an den Kopf. Disraeli redet laut und lauter. Zulezt siegen die vielen über den einen. Er kann den Lärm nicht durchdringen. Wütend sezt er sich nieder mit den Worten: „Ich wundere mich durchaus nicht über die Aufname, welche Sie mir bereitet haben. Ich habe manches mehrere male an- fangen müssen, und ich habe meistens meinen Zweck erreicht. Ich seze mich jezt, aber die Zeit wird kommen, wo sie mich hören werden!" Und sie kam. Seine Ideen über Staat und Gesellschaft, über Regierung und Politik drangen in immer weitere Kreise. Unerbittlich wurde die Holheit des Liberalismus und die Heuchelei des Whigtums von ihm gegeißelt, und die Konservativen merkten bald, daß der hochaufgeschossene blasse Mann mit der Denkerstirn und den jüdischen Zügen das Zeug in sich habe, ihren Gegnern gefärlich zu werden. Indes lange graute es ihnen vor dieser unheimlichen Genialität, vor diesem„Äsischen Geheimnis". Doch sie wurden magnetisch angezogen. Und der Judenjunge Benjamin Disraeli, der bei jeder Gele- genheit sein Judentum heraussteckte, wurde der Fürer der zer- sprengten Tories. Ein glänzenderer Sieg des Geistes über die Materie ist nicht erfochten worden. Um die Größe des Sieges zu ermessen, muß man diese mas- siven HüHnengcstalten des englischen Bodenadels betrachten, denen unsere preußischen Krautjunker, obgleich keineswegs zmerghaft, doch das Wasser nicht reichen, körperlich so wenig, wie an Selbst- gefül. Daß diese englischen Kolosse, troz ihres sprüchwörtlicheu Stol- zes, sich der Fürerschast des„Judenjungen" unterwarfen, war übrigens sicher der gescheiteste Streich, den sie je gemacht. Denn dieser Judenjunge gab ihnen, was ihnen felte: Ge- danken; und aus den Tories, die ein Mob, eine durch die Re- formbill zersprengte, unorganisirtc Masse waren, als er die Fü- rung übernam, wurde binnen eines Jarzehnts eine regierungs- fähige Partei. Die deutschen Zeitungen sprechen in ihrer Mehrheit Disraeli ernsthafte politische Grundsäze ab. Sehr mit Unrecht. Wir haben jede Zeile gelesen, zum Teil wiederholt gelesen, die Disraeli geschrieben hat, wir haben seine politische Carriere seit 30 Jaren genau verfolgt— fast ein halbes Menschenalter aus nächster Nähe— und wir können getrost behaupten: wer Disraeli Ernst und Tiefe abspricht, kent ihn nicht. Disraeli ist der erste Staatsmann, welcher die Wichtigkeit der 392 sozialen Frage begriffen und die Politik als Gesellschafts- Wissenschaft in Aktion aufgefaßt hat. Ein Ztomantiker haßte er die Bourgeoisie, aber er sah troz- dem ein, daß die bürgerliche Entwicklung hemmen zu wolle», Wahnsinn wäre. Nur wollte er nicht die Herschaft der Bour- geoisie im Staat. Sein Ideal war eine Volksmonarchie: die Rc- gierung ausgeübt durch den Souvcrain und das Parlament, und die Arbeiterklasse als Gegengewicht gegen die ZX.ttelklasse(Bourgeoisie) au der Regierung teilnemend. Namentlich im„Coningsby" und in„Sybil", den beiden bc- deutendstcn Romanen Tisraeli's, finden wir diese Ansichten be- fünvortet. Jnbezug auf den Chartismus und die Arbeitcrbestrebungen hat er einen Radikalismus bekundet, der ihn in Deutschland in den Geruch des Sozialismus bringen könte. Tatsache ist, daß alles, was seit einiger Zeit in puncto des Staatssozialismus und der Pflichten des Staats dem„armen Mann" gegenüber gesagt wird, vor vierzig Jaren zwanzig mal besser von Disraeli gesagt und obendrein auch begründet wor- den ist. Wie groß die Willensstärke Disraeli's war, so leicht wurde es ihm, von etwas abzusehen, was er als Jrtum erkant hatte. Die Schnzzöllnerei z. B., welche er mit zähem Eifer verfochten hatte, so lange er die Freihandelspolitik für eine vorübergehende Verirrung hielt, warf er eines schönen Morgens, als er fich von der Unmöglichkeit der Rückkehr zur„Protektion" überzeugt saus i'a�on in die Rumpelkammer und schloß die Türe sorgfältig ab, so daß keiner seiner Anhänger das alte Möbel mehr hervorholen konte. Daß Disraeli eine Reformbill durchgesezt hat, die den eng- lischen Liberalen zu liberal war, erwänen wir nur, um die Unrichtigkeit der gewönlichen Vorstellung: ein Tory sei ein Konser- vativer im deutschen Sinn, an einem schlagenden Beispiel nach- zuweisen. Was Disraeli unter Konservatismus verstand, erhellt aus seinem Wort: „Das Ziel eines englischen Staatsmans muß sein, durch die Gesezgebung zu tun, was in anderen Ländern durch Revo- lutionen getan wird."(äo by legislation, whatin other coun- tries is done by Revolution.) Es ist das der Ausspruch eines ächten Staatsmans, der das Wesen und die Pflichten des Staats und der Regierung be- griffen hat. Die politische Laufbahn Disraelis können wir hier nicht ins einzelne verfolgen. Nur einiges sei hervorgehoben. Disraeli war mit seiner Partei öfters in der Regierung und stand zweimal an der Spize der Regierung. Besonders glänzend war seine lezte Premierschaft, in welche der russisch- türkische Krieg fällt. Es gelang Disraeli, seinem Lande, dessen Einfluß auf die europäische Polifik sehr gesunken war, eine gebietende Stellung zu verschaffen und dem Vordringen Rußlands einen Damm zu sezen. Wie er nach seiner Heimkehr von dem Berliner Kongreß in England gefeiert wurde, ist in frischem Gedächtnis; und in sri- scherem Gedächtnis ist, daß kurz, nachdem er den Gipfel der Po- pularität und des Glückes erstiegen hatte, der jähe Sturz folgte. Das Misgeschick der englischen Waffen in Afghanistan und in Südaftika, das Bedürfnis nach Frieden, die wachsende Unzufrie- denheit mit den Lasten, welche die Großmachtspolitik mit sich bringt— dies alles vereinigte sich, einen Umschwung der öffent- lichen Meinung herbeizufüren, und bei den allgemeinen Walen im Frühjar des vorigen Jares wurde die Torymajorität zer- sprengt und Disraeli mußte das Staatsnider in die Hände seines Widerparts Gladstone abgeben. Er tat es mit jenem philosophischen, fast fatalistischen Gleich- mut, der ihn nie verließ, wo er sich vor Unabwendbarem sah. Er resignirte lächelnd, ging nach Hans und vollendete seinen lezten Roman: Endymion, der im November erschien. Freilich, er tat auch anderes. Er sammelte seine geschlagene Partei, reorganisirte sie so gut, und benüzte mit solchem Geschick l die mannichfachen Feler Gladstone's, daß die Möglichkeit eines Ministeriums Beaconsfield wieder aufzutauchen begann. Beaconsfield heißt er mit seinem offiziellen Namen. Die Königin von England hat den Inden Benjamin Disraeli zum Dank dafür, daß er sie zur Kaiserin von Indien gemacht, in den Adelsstand erhoben und ihm den Titel eines Grafen von Beacons- field verliehen. Anfangs hatte er den Titel für sich ausgeschlagen, und nur für seine Gattin angenommen, die in seinem Leben ein änliche Rolle spielte, wie Carlyle's Weib im Leben des„Weisen von Chelsea." Erst nach dem Tod der wie eine Heilige von ihm verehrten Frau— Ende 1873— ließ er sich herab, seinen Namen Ben- jamin Disraeli mit dem eines Carls of Beaconsfield zu ver- tauschen. Dreiundvierzig Jare hat er im Parlament gesessen. Dreiund- dreißig Jare war er Fürer der Torypartei und über 14 Jare lang Minister. Kein Staatsmann der neueren Zeit hat ihn an Geschäftskent- nis, Arbeitskrast und Takt übertroffcn, an umfassendem Blick und Weitsichtigkeit hat ihn keiner erreicht. Als Redner wirkte Disraeli durch Klarheit, Wiz, pointirte Antithesen. Er stockte mitunter im Sprechen, und war an Rede- fluß Gladstone nicht gewachsen, dessen salbungsvolle Rhetorik er indes mit seiner feinen Ironie spielend zu pariren pflegte. Jezt ist er tot. Und die Tories werden so leicht keinen Nach- folger finden. Einen, der ihn ersezt, gewiß nicht. Das Ge- schlecht der„Staatsmänner" von Beruf stirbt aus. Die Pal- merston, Disraeli haben keinen Nachwuchs. Der eine oder andere, der noch übrig ist, wird ebenfalls keinen Nachwuchs zurücklassen.— Die Neuzeit ist dem Zunftwesen nicht günstig. Auch nicht dem politische», trozdem dieses hie und da noch in starkem Flor scheint. Die Zunftgeheimnisse der Herren Staatsmänner sind nachge- rade ins Publikum gedrungen, und je höher die politische Bit- dung eines Volkes ist, desto weniger bedarf es der zunftmäßigen Staatsmänner. Amerika hat die wenigsten oder gar keine, wä- rend Rußland die meisten hat. Ein solcher Zunftsstaatsmann hat einmal gemeint: jeder Deutsche möchte seinen Fürsten haben. Vielleicht etwas richtiger ausgedrückt würde das lauten:„Jeder Deutsche möchte sein ei- gener Fürst sein." Wir schlagen aber als Variation vor: Jeder Deuffche— und überhaupt jeder Mensch— sollte sein eigener Staatsmann sein. Und jeder Mann von Charakter ist es.-- Doch wir sind noch nicht fertig. Um das Bild unseres Ritters vom Geist zu vervollständigen, müssen wir noch den Schriftsteller und Dichter Disraeli behandeln.(Schluß folgt.) Keber Ventilation größerer Lokalitäten. Von K. M. Kaviau, Civilingenieur. (Nach einem vom Bersaffer gehaltenen Bortrage im new-yorker technischen Berein.) In der neuern Gesundheitspflege spielt die Ventilationsftage eine Hauptrolle, und hierbei erklärt es sich leicht, daß die öffentlichen Lokale, wie Teater, Konzertsäle, Auditorien und Restaurations- lvkalitäten in erster Linie berücksichtigt werden, indem hier durch die Zusammendrängung vieler Menschen in einen geschlossenen Raum eine künstliche Lustenieuerung am ersten notwendig wird. Fassen wir für ein derartiges Lokal die luftverderbenden Faktoren ins Auge, so sind zunächst die Menschen in Betracht z» ziehen, und hierauf nach dem seitherigen Systeme der Beleuchtung mit offenen Gasbrennern, diese Gasflammen, indem derartige Lokali- täten meist nur bei künstlicher Beleuchtung in Benuzung stehen. Die Heizung kann als luftverderbender Faktor in den nieisten Fällen außer acht gelaffen werden, da die hier in Betracht kom- wenden Räumlichkeiten gewönlich mit Centralheizungseinrichtungen versehen sind, welche ihren Feuerungsherd außerhalb des be- wouten Raumes haben. Nach der seither in Gebranch stehenden Ventilationsteorie nimt man an, daß die hauptsächlich schäd- lichen Ausatmungsstoffe mit der gleichzeitig ausgeschiedenen Kolen- säure proportional sind, wonach folglich das Kolensäurequantum ein Maßstab wird für die Berunreinigung der Luft. Die Luft im Freien hält im Durchschnitt unter 10 000 Raum- teilen 3 bis 5 Raumteile Kolensäure, deren Zuwachs unter der Voraussezung einer vollständigen Mischung der Gase nicht über 10 auf 10000 betragen darf.— Ein erwachsener Mensch scheidet nun stündlich 20 Liter Kolensäure aus, weshalb bei einem Kolen- säurezuwachs von w/iom das Ventilationsbedürfnis pro Person und Stunde gleich 20 Kubikmeter*) wird. Wenn auch dieser Kolensäurezuwachs im allgemeinen als ein zu hoch bemessener gelten muß, so kann doch bei einer regelmäßigen Ventilation das Ventilationsquantum von 20 Kubikmeter pro Person und Stunde als ein vollkommen ausreichendes in Bezug auf die Luft in Sälen gelten, indem hier die verdorbene Lust teilweise bereits zur Abfürung gelangt, bevor sie eine vollständige Mischung mit der übrigen Salluft einzugehen vermag. In neuerer Zeit findet die künstliche Ventilation, insbesondere für größere Lokalitäten, denn auch immermehr Eingang, und hat nian sich für diesen Fall in der Tat dahin geeinigt, der Vorberechnung 20 Kubikmeter Lufterneuerung pro Person und Stunde zugrunde zu legen.— Die durch die Beleuchtung ent- stehende Verunreinigung der Luft wird aber hierbei zumeist völlig vernachlässigt, und erst ganz in neuester Zeit fängt man an, derselben mehr Beachtung zu schenken, wärend doch eine gewön- liche Gasflamme in gleicher Zeit etwa drei- bis viermal mehr Kolensäure produzirt, als ein erwachsener Mensch. Nach mehr- fachen Versuchen hat sich herausgestellt, daß für mittlere Konsume des Leuchtstoffes ein Petroleumbrenner stündlich 60 Liter, eine Oellampe 32 Liter, eine Kerze 12 Liter und ein Gasbrenner pro Stunde 80 Liter produzirt.— Hierbei komt noch in Betracht, daß bei der Verbrennung von Leuchtgas und andern Materialien nicht nur Sauerstoff verbraucht und Kolensäure erzeugt wird, sondern es wird auch das so sehr gesundheitsschädliche Kolen- oxyd in geringen Mengen entwickelt. Außerdem fürt das Leucht- gas Kolenwasierstoff und oft noch Schwefelwasserstoff mit sich. Der auffallend unangeneme Geruch der Petroleumlampe zeigt B., wie viele unverbrante Stoffe diesem Leuchtstoff entweichen. nteressant ist es, zu beobachten, wie eine Gasflamme, die von einer elektrischen Lichtquelle beschienen wird, einen vollständigen Schatten wirst, und zwar in einer solchen Deutlichkeit, daß man die unverbranten Brengase genau abziehen siet. Um das Verhältnis der luftverderbenden Faktoren in einem größern Lokale festzustellen, sei hier der große Gürzenichsal in Köln als Beispiel gewält. Derselbe faßt in Summa 2500 Menschen und wird durch 786 offene Gasbrenner erhellt, die mit Rücksicht auf die Kolensäure pro Sektion nach näheren Ermittelungen gleich 2600 Menschen zu rechnen sind.— Diesem einfachen Tat- bestände gegenüber ist es zu verwundern, daß man für Lokali- täten, in denen eine regelrechte Lufterneuerung Schwierigkeiten macht, nicht schon längst allgemein dahin gelangte, solche Be- leuchtungskörper in Anwendung zu bringen, die ihre Verbrennungs- Produkte direkt nach außenhin abgeben, umsomehr, da die Wärme- entwicklung derselben außerdem noch einen vorzüglichen Motor für die Lufterneuerung, betreffend die Menschen, abgeben könte.— Am deutlichsten wird dies, wenn die Wärmeproduktion der Flammen in Betracht gezogen wird. Man kann alsdann für 1 Liter ver- brauchtes Leuchtgas ca. 6 Wärmeeinheiten**) rechnen, was für den Gürzenichsal, bei seinem Gasverbrauche von 65 Kubikmetern pro Stunde, 65 000 x 6= 390 000 Wärmeeinheiten gibt.— Für die Wärmeentwicklung durch Menschen ist nach den neuesten Forschungen anzunemen, daß eine Person die Stunde 120 Wärme- einheften abgibt an eine Salluft von+ 20 Grad Celsius, was für den beregten Sal 2500 x 120— 300000 Wärmeeinheiten liefert, weshalb die Wärmeproduktion von Menschen und Beleuchtungs- flammen etwa in demselben Verhältnis zu einander steht, wie die Kolensäureentwicklungsmengeu derselben.— Die gesamte Wärme- Produktion beträgt hiernach für unser Beispiel 690 000 Wärme- einheften.— Nach dem mechanischen Aequivalente der Wärme ist 1 Wärmeeinheit gleich 430 Kilogrammeter und 1 Pferdekraft gleich 75 Kilogrammeter***). Will man daher wissen, welchem teoretischen *) 1 Kubikmeter— 1000 Liter. 1 Gallon— 4,54345 Liter. **) Unter einer Wärmeeinheit wird hier diejenige Wärmemenge verstanden, die imstande ist, die Temperatur von 1 Kilogramm Wafier um 1 Grad Celsius zu erhöhen.. w t....„ **») Unter X Kilogrammeter wird tneiemge Arbeitsleistung ver- Arbeitswerte die 690000 Wärmeeinheiten entsprechen, so braucht man diese von der Stunde nur auf die Sekunde zu reduziren, mit 430 zu multipliziren und hiernach durch 75 zu dividiren, um das Gesuchte in Pferdekräften zu erhalten.— Dieses gibt 1099 Pferdekräfte.— Wenn man bedenkt, daß hiernach für einen Sal, der etwa 2500 Menschen hält, dem Ventilationstechniker über 1000 Pferdestärken als Motor, one irgendwelche künstliche Mittel zu Gebote stehen, so erscheint es wirklich als eine Ironie auf den gesunden Menschenverstand, wenn bei Ventilations- einrichtungen diese natürlichen Mittel meist gänzlich unbeachtet bleiben und dafür Ventilationsmaschinen oder dergleichen in der Stärke von einigen Pferdekräften angewendet werden. Ja, man get in dem Unverstände oft noch weiter und richtet die künstliche Ventilation so ein, daß die schlechte Luft, anstatt sie, ihrer ur- sprünglichen Stromrichtung gemäß, nach oben abzufüren, unten am Boden abgefürt wird, indem man hierbei den Standpunkt einnimt, daß, da die Kolensäure spezifisch schwerer ist, als die atmosphärische Lust, erstere nach unten sinke. Man vergißt hier- bei aber augenscheinlich, daß der Ausströmung eine lebendige Kraft innewont, die imstande ist, die Kolensäure, troz ihrer spezi- fisch größeren Schwere, sehr wol zu heben, sodaß nur dann, wenn die natürliche Ventilation nicht in ihrem ursprünglichen Strome sofort durch andre Mittel zur Unterstüzung gelangt, ein Sinken derselben einttitt. Außerdem vergißt man bei der Luft- abfürung am Boden, daß die Kolensäure in der hier vorkommen- den Verdünnung garnicht als das schädliche Agens in Betracht komt, indem es die sonstigen derselben beigemengten Exhalations- und Transpirationsstoffe sind, die den menschlichen Organismus hauptsächlich belästigen, und endlich noch die übergroße Wärme der Lust weit unangenemer auf denselben einwirft, als die Un- reinheit derselben. Von großer Wichtigkeit ist es daher, das Ventilationsbcdürfnis aus der Wärmeentwicklung, die in einem Sale stattfindet, ab- zuleiten.— Mit Rücksicht auf die Vermeidung von kalter Zug- luft ist hierbei von vornherein anzunemen, daß die Ventilations- lust nicht mit einer niedrigeren Temperatur als-st 12 Grad C. eingefürt werden darf, weshalb bei Außenlufttempcraturen, die diesen Temperaturgrad unterschreiten, eine Vorerwärmung der- selben durch Heizung bis zu 12 Grad C. erforderlich wird. Wenn wir ferner die wünschenswerte mittlere Temperatur eines Sales auf 20 Grad Celsius festsezen, die beständig er- halten bleiben soll, und welche dem menschlichen Organismus am besten entspricht, so wird die Temperaturdifferenz zwischen der Ventilationsluft und der Zimmerluft gleich 20 weniger 12, gleich 8 Grad C., um welche die Ventilationsluft erhöt wird und erhöt werden darf.— Um nun zu berechnen, wieviel Wärme- einheften erforderlich sind, um 1 Kubikmeter Luft um 8 Grad C. zu erwärmen, hat man das Gewicht von 1 Kubikmeter Lust bei 20 Grad C. mit 1,3 Kilogramm, sowie die spezifische Wärme*) der Luft, die 0,24 beträgt, in Ansaz zu bringen.— Es ergibt sich hiernach, daß zur Erwärmung von 1 Kubikmeter Luft um 8 Grad C. 1,3 x 0,24 X 8— 2,496 Wärmeeinheiten erforderlich sind.— Nemen wir als Beispiel wieder den Gürzenichsal in Köln, für welchen, wie wir gesehen, die stündliche Wärmcproduktion 690000 Wärmeeinheiten beträgt, so wird nach der Wärmeteorie _ 690000 v das Gesamtventilationsbedürfnis gleich 2 496— oder gleich 276 442 Kubikmeter, was bei dem Vorhandensein von 2500 Wen- scheu und einer Flammenanzal, die gleich 2600 Menschen wirken, 276442 einem Ventilationsbedürfms von 2500-st 2600= Kubikmeter pro Person und Stunde gleichkomt. Das will sagen, daß zwecks Külhaltung der Salluft auf konstanten 20 Grad C. pro Stunde ein Ventilationsquantum in dieser Höhe notwendig ist, wärend nach der Kolensäureteorie nur 20 Kubikmeter verlangt werden.— standen, die ein Gewicht von 1 Kilogramm um 1 Meter lotrecht zu heben vermag. Eine Wärmeeinheit ist hiernach also imstande, ein Gewicht von 1 Kilogramm um 430 Meter lotrecht auszubewegen. Bei dem Begriffe der»laschiualen Pserdekrast komt noch die Zeiteinheit, d. i. die Sekunde, mit in Betracht, weshalb man unter einer Pferde- kraft diejenige mechanische Arbeitsleistung verstet, die imstande ist, in einer Sekunde ein Gewicht von 1 Kilogramm um 75 Meter zu heben. ») Man nent die spezifische Wärmemenge einer Substanz diejenige Wärmemenge, die erforderlich ist, um die Temperatur von 1 Kilogramm der Substanz um einen Grad des hundertteiligen Termometers zu er- höhen, wobei die spezifische Wärme des Waffers gleich 1 gesezt wird. Hiernach erklärt es sich sehr leicht, daß, wenn auch wirklich eine Ventilationsanlage auf Grund der Kolensäureteorie zur Aus- fürung gelangt ist, es dennoch in dem Sale viel zu heiß ist. Dieses ist zumeist noch umsomehr der Fall, als nur in den seltensten Fällen die Belenchtungsflammen hierbei berücksichtigt sind. Wird die Temperaturdifferenz noch kleiner als 80 Grad C., resp. die Außenlufttemperatur höher als+ 12 Gr. C., so steigt das Ventilationsbedürfnis natürlich immer noch, bis es schließlich bei einer Temperaturdifferenz von 0 Grad C., resp. bei einer Außen- lufttemperatur von-ff 20 C. unendlich groß wird. Es ist aber unmöglich, die Ventilationsauantitäten in dieser Höhe zu bemessen, da alsdann auch die Querschnitte für die Luftzufürungs- und Abfürungskanäle unendliche Dimensionen annemen müßten. Das ausgerechnete Ventilationsquantum für 12 Grad C. Temperatur- höhe muß praktisch vielmehr als das Maximum der Ventilation angesehen werden, weshalb für Außenlufttemperattiren über 12 Gr. C. eine künstliche Külung der Ventilationsluft bis zu dieser Temperatur erforderlich wird. Würde man ein Bcleuchttings- system in Anwendung bringen, nach welchem die Flammen ihre Verbrennungsprodukte direkt nach außenhin, mittels Rörenleitungen, abgeben würden, so würde, wie schon erwänt, die Gcsamtkolensäure- Produktion, wie auch die Wärmeentwicklung im Sale, auf etwa die halben Quantitäten herabgemindert werden, wärend die Gas- flammen gleichzeitig noch als Absaugeapparate für die durch Menschen verunreinigte Luft zur Wirkung kämen, und zwar in einer Stärke von teoretisch über 500 Pferdekrästen. Diese moto- rische Kraft käme allerdings nicht in ihrer vollen Größe zur praktischen Ausnuzung, indessen würde der Nuzeffekt derselben doch hinlänglich genügen, um das verlangte Benttlalionsquantum zu fördern, da nach mehrfachen Versuchen bei einiger Zweckmäßig- keit in der Anordnung, eine Gasflamme, in Verbindung mit der lebendigen Kraft, welche den Atniungs- und Transpirattonsstoffen innewont, imstande ist, pro Stunde 200 Kubikmeter abzufüren, was bei 786 Beleuchtungsflammen des Gürzenichsales 157 200 Kubik- meter ergibt, die fiir die Menschen nicht einmal gan� erforderlich sind. Stet daher ein richtiges Beleuchtungssystem, deffen Flamnien ventiliren, zur Verfügung, so bewirken diese selbsttätig und aus- reichend die Bentilatton, und es bleibt alsdann, je nach der Temperaturbeschaffenheit der äußeren Luft, nur für eine Vor- erwärmung oder für eine Abkülung der Ventilattonslust, sowie für Einlaß- und Abflußöffnungen zu sorgen.— Bei Tages- beleuchtung, elektrischer Beleuchtung oder bei der Gasbeleuchtung nach dem vorgeschlagenen System, welche Fälle sich annähernd gleich stellen, wennschon für die zwei lezten Fälle die Wärme, welche an die Salluft direkt abgegeben wird, nicht ganz zu� vernachlässigen ist, insbesondere bei den der Abkülung ausgesezten Gasapparaten, bleibt im großen und ganzen das Venttlations- bedürfnis pro Person und Stunde daffelbe, und nur das Gesamt- bedürfnis komt zur Herabminderung, weshalb also für alle Fälle Bentilationsanlagen für größere Lokalitäten, die niit Menschen dicht besezt sind, aus Grund der Forderung, die Temperatur der Salluft auf konstant 20 Grad Celsius zu erhalten, und nicht auf Gnindlage der seither in Anwendung stehenden Kolensäureteone, bemessen werden sollte.— Ist ein vcntilircndes Beleuchtungssystem nicht vorhanden, so muß man natürlich zu anderen Ventilationsmotoren, wie Lochkaminen oder Gebläie- Maschinen rc. greifen, wobei jedoch immer wieder zu berück- sichtigen ist, daß man die lebendige Kraft der Atmungs- und Transpirationsstoffe gehörig ansnuzt, resp. unterstüzt, und daher die frische Lust im untern Teile des Sales einfürt und die ver- dorbne Lust im obern Salraume abfürt.— Für die Berechnung von Ventilationsmotoren ist noch zu berücksichtigen, daß mit der Abkülung durch die Wandungen eines eingeschloffenen Raumes stets eine Porenventilation verbunden ist, die etwa in der Weise wirkt, daß die Hälfte der hierbei verlorengehenden Wärmemenge zur Einfürung und Erwärmung von Außenluft verbraucht wird, wärend die andre Hälfte wärmere, re'p. verdorbene Zimmerlust nach außenhin abfürt. Auch dieser Punkt wird in der seitherigen Ventilationspraxis, wie auch in der Teorie, völlig vernachlässigt. Berücksichtigt man dagegen bei der Venttlirung eines Sales alle hier behandelten Gesichtspunkte in gehöriger Weise, so ist es durchaus nicht so schwierig, als man gewönlich glaubt, eine zweckmäßige Ventilation herzustellen. Die Schlacht von Majuba. (SorNeKung.) Tief unter uns in den Linien des Feindes sahen wir ein unge- heurcs Feuer, um dessen roten Schein zalreiche Gestalten sich hin und herbewegten; und viele von uns stellten Betrachtungen an, was sür Ge- sichter„diese lustigen Boeren" wol machen würden, wenn sie uns am Morgen bemerkten. Der Pfad aus, oder richtiger neben dem Höhenkamm, war ganz schmal;— aus der einen Seile ein Abgrund, aus der anderen eine senk- rechte Felsenwand; und da wir nur einer hinter dem anderen gehen konten, so dauerte es bis fast 3 Uhr morgens, ehe die Kolonne soweit war, die Ersteigung des lezten Berggipfels, der das Ziel unseres Mar- sches war, beginnen zu können. Aus dem Plateau am Fuß dieses Berges wurden noch zwei Kompagnien zurückgelassen— eine des 60. Regi- ments, die andere Hochländer— ebenfalls mit dem Befehl, sich zu ver- schanzen. Unser erster Versuch, den Gipfel zu ersteigen, mislang. Wir wur- den durch undurchdringliches Buschwerk aufgehalten; nach einer Weile ge- lang es aber unscrn Zulu-Fürern, durch eine bis zum Gipfel fürende Wasserrinne emporzuklimmen. Wir folgten ihnen nach und zogen einan- der an den Händen die umherliegenden Steinmassen und die fast un- möglichen(neurty impossible) Felsenwände hinauf. Das erste Duzend von uns, das oben ankam, wurde von Oberst Stewart vorsichtig auf Rekognoszirung gefürt. Wir befanden uns aus einem geräumigen Plateau(Hochebene), etliche tausend Uard(die Dard= 3 Fuß) im Um- 'kreis, und sanft abfallend von der Mitte,— dem Gipfel—, wo sich ein längliches Becken, etwa 260 Dard lang und 6 Uard breit einsenkt, dessen Abhänge uns eine uneinnembare Citadelle zu bilden schienen. Vom Feind keine Spur. Alles war still, und so weit versprach das Unterncmen den vollständigsten Erfolg. Ich war neben dem General, als er den Befehl ergehen ließ, daß alle Truppen herauf kommen sollten. Obgleich er ruhig war und nicht die leiseste Aufregung verriet, so schien es mir doch, als sei diese Ruhe erzwungen. Um 20 Minuten vor 4 Uhr gelangten die ersten Leute auf den Gipfel, aber bis sich die lezten hinausgearbeitet hatten, war es fast 5 Uhr. In der Zwischenzeit legten sich diejenigen von uns, welche zuerst gekommen waren, ins Gras, um ein halbes Stündchen zu schlafen. Beim Erwachen verkündete ein heller Lichtschein über den Hügeln jenseits des Büffelflußes iLnffalo River) uns den Anbruch des Tages, und 2000 Fuß unter uns hinter dem Neck konten wir die Lagerfeuer der Boeren wie Irrlichter glizern sehen, als zwischen 5 und 6 Uhr un« sere Feinde, einer nach dem andern, Feuer sür ihren Morgenkaffee an- machten.— . Unser Stab bemüte sich nun, die Manschaft möglichst vorteilhaft rings um das Plateau an dem Saum aufzustellen, wo es steil bergab ging. Auf der einen Seite schien der Berg absolut unersteiglich; aus der anderen schien er fast ebenso unübersteiglich, obgleich die Boeren hernach einen ziemlich bequemen Weg fanden. Beim Grauen des Tags konten wir erst recht beurteilen, was für eine ausgezeichnete Stellung wir gewonnen hatten. Die festesten Erd- werke auf dem Neck waren nicht weiter als 200 Jards entfernt, und wurden durch die Galling-Kanonen, die wir herbeordert harten,»n« haltbar gemacht. Wiederholt wurde Bedauern ausgesprochen, daß wir nicht 1000 Mann, statt blos 350, stark waren— wir hätten uns dann hinunterschleichen und das Lager überrumpeln können, ehe der Feind eine Ahnung von der Gesar hatte. Die Leute wurden 10 Schritte von einander längs des Saums aufgestellt; die Marinesoldaten und ungesär 50 Mann des 95. Regi- ments kamen als Reserve in die Vertiefung in der Mitte. Jeder Sol- bat baute sich einen kleinen Steinwall, hinter dem liegend er dann die Ereigniffe abwartete. Unsere Zuversicht, die Stellung gegen jeden An- griff von Seilen der Boeren behaupten zu können, war so groß, daß nicht mit der nöttgen Sorgfalt untersucht wurde, ob auch die Soldaten alle richtig postirt waren. Das fiel mir aus Ich bemerkte, daß viele an Stellen lagen, wo sie keine 12 Yards weit vor sich sehen konten; sie waren nicht am äußeren Rand des Plateaus— ein Feler, der sich später verhängnisvoll erwies. Zur Linien war aber eine kleine kegel- förmige Erhöhung, von der aus wir erforderlichen Falls den gegen die Hauptstellung erstürmenden Feind in der Flanke zu fassen hofften. Wir hatten anfangs viel vom Durst zu leiden; doch stieß Leutnant Macdonald bei dem ersten Versuch, einen Brunnen zu graben, zuw Gluck aus eine reichliche Quelle. An Munitton hatten wir blos 75 Pa- tronen per Mann, indes erwarteten wir ftische Zufur wärend des Tags, und so sülten wir uns denn vollkommen sicher. Um 6 Uhr war das aus Wagen und Zelten bestehende Lager des Ferndes sichtbar. Die Boeren gingen sorglos in allen Richtungen Ö,n und her— sie hatten uns noch nicht entdeckt;— bald daraus aber marschirten die feindlichen Bedetten ab, um ihre Stellungen sür den Tag eivzunemen, und teilweise kamen sie uns sehr nah. Einige postirten st"l feine Z(X) Aards von unsern Leuten, die ihr Leben in der Hand hatten� u u- �tstanb nun die Frage: Sollen wir feuern oder nicht? Ew bestirnter Befehl war nicht gegeben worden. Die Soldaten widerstanden nicht lange der Versuchung und einige, aus eine Abteilung berittener Boeren abgefeuerten Schüsse, die indes nicht trafen, alarmirten den Feind. Einen Moment herschte wilde Verwirrung in dem Lager. Hun- derte stürzten nach den Erdwerken und besezten dieselben: andere trieben in der Eile die Pferde und Lchjen herein, und eine Anzal berittener Boeren galloppirte, one das heftige Feuer unsererseits zu beachten, um unseren Berg herum, stieg dann ab, brachte die Pferde in Sicher- bcit und erwiderten aus gedeckter Stellung unser Feuer Schub um Schuß. Jezt begann die Munitionssrage für uns brennend zu werden. Der General ließ die Ordre passiren, daß kein Schuß mehr abgefeuert werden solle, außer wenn der Feind in sicher erreichbare Nähe komme. Wärend der nächsten Stunde sahen wir verschiedene Schwärme von Boeren nach der linken Seile des Bergs schwenken und hinter dem Ab- hang verschwinden; aber vor 9 Uhr ließ, von dem gelegentlichen Pfeifen einer Kugel abgesehen, nichts auf die Absicht schließen, uns den Besiz unserer Stellung streitig zu machen. Gegen 9 Uhr wurde ein heftiges Feuer auf den, von 20 Mann des 92. Regiments besezten Teil des Plateaus eröffnet. Wie von beiden Seiten bald ermittelt wurde, be- trug die Entfernung LZY Aards, und die Boeren schössen mit solcher Präzision, daß jede Kugel die Steine traf, hinter der unsere Leute ge- deckt lagen. Unsere Soldaten blieben kaltblütig; sie bandelten strikt der Ordre gemäß und gaben nur gelegentlich Salven ab, wenn Boeren sich unten zeigten. Tie Verwundung von sieben oder acht der leztern wurde gemeldet; wir selbst harten bis 11 Uhr nur vier Leichtverwundete. Um 11 Uhr kam Leutnant Hamilton vom 93., der an dem bedroten Punkt kommandirte, zu dem General, um ihm mitzuteilen, die Boeren schienen sich unter dem steilen Abhang in der Fronte der Position, wo sie natürlich nicht gesehen werden kvnten, in Maffe zu versammeln. Eine Verstärkung von 20 Mann wurde ihm angeboten, er nam aber blos ein halbes Duzend, mit deren Hülse er auch das feindliche Feuer >m Schach gehalten. Kurz nach 11 Uhr stand der General mit seinem Stab, und Kom- Mandant Romilly von der Marinebrigade aus einer Stelle des Pla- teaus, nach welcher der Feind bis jezt noch nicht gefeuert hatte. Ich wollte zur Gruppe herangehen, als meine Aufmerksamkeit durch ein Rauchwölkchen in einem ungefär 900 Dards entfernten Gebüsch unten am Berg erregt ward. Eine Sekunde darauf belehrte mich ein scharfer Schrei aus der Gruppe des Generals, daß der Schuß getroffen hatte. Kommandant Romilly stürzte und überschlug sich— er war tötlich ver- mundet, wie die Aerzte uns sofort sagten. Dieser Zwischenfall ereignete sich vor den Augen fast aller unserer Leute, und er hat meiner Ansicht nach eine sehr ungünstige Wirkung auf unsere jüngeren Soldaten hervorgebracht, die hier deutlich sahen, daß, wer sich dem Feuer der Bocren-Scharsschüzen aussezte— und sei es in noch so weiter Entfernung— unrettbar ein Kind des Todes war. Indes bis 12 Uhr tat das Feuer der Boeren, obgleich heftig, uns im ganzen doch wenig Schaden, und als wir um diese Zeit sahen, daß unten im Lager die Wagen angcspant wurden, als bereuetc sich der Feind zum Abzug vor, da redeten wir schon davon, das Lager der Boeren am anderen Morgen in Besiz zu nemen. Wir waren 5 Stunden lang ununterbrochen dem Feuer ausgesezt gewesen und hatten uns an das Pseifen der Kugeln gewönt. Um 12 Uhr hörte das Feuer plözlich aus und der General, er- müdet durch die Anstrengungen der lezten Nacht, legte sich zu einem kurzen Schlaf nieder. Vermittelst des Heliograph(Sonnen- Spiegel- telegraph) war die Verbindung mit unserem Lager hergestellt, und das Vertrauen in unsere Fähigkeit, die Position gegen jeden feindlichen An- griff zu behaupten, eher gewachsen als vermindert. Nur Leutnant Ha- milton, der mit seinen par Mann den ganzen Morgen hindurch fast allein dem feindlichen Feuer ausgesezt gewesen war, one einen Besuch des Generals oder des Stabes erhalten zu haben, teilte nicht die allgemeine tuversicht. Etwas nach 12 Uhr kam er aus einige Minuten von seiner tellung herüber, um uns zu sagen, eine bedeutende Zal der Feinde sei hinter den steilen Abhang unter ihm vorgedrungen, und er fürchte, sie fürten Schlimmes im Schilde. Verstärkungen wurden ihm versprochen und er kerte aus seinen Posten zurück; die Verstärkungen ginge» ihm aber, wie ich seitdem ersaren habe, erst zu, als es schon beinahe zu spät war. Kurz daraus sprach ich mit Major Hay vom 92., mit Oberst Sie- wart und Major Fräser über die Lage der Dinge. Major Hay meinte, wir seien für einen nächtlichen Angriff nicht stark genug. Ich hatte die Vermutung geäußert, die Boeren würden uns um 4 Uhr abends an- greisen wie am Jngago. Da plözlich wurden wir durch ein lebhaftes und anhaltendes Gewerfeuer aufgeschreckt, und ein Hagel von Kugeln sauste uns über die Köpfe. Leutnant Wright vom 92. kam gelaufen und verlangte sofortige Verstärkung. Der General sur aus seinem Schlummer aus, und dirigirte, von seinem Stab unterstüzt, die Ver- stärkungen nach dem bedroten Punkte. Jezt zum ersten mal dämmerte uns die Befürchtung auf, wir könten den Berg verlieren, denn die Soldaten gingen nur zögernd und wider- strebend vor. Es war nur zu klar, die Arbeit, welche sie zu verrichten hatten gefiel ihnen nicht. Nur vermittelst sehr kräftigen Kommandos und sogar einiges Schiebens und Stoßens gelang es, die meisten über den Rand der inneren Vertiefung zu bringen. Jenseits desselben legten sie sich nieder, in kurzer Entfernung von Hamilton und seiner dünnen Linie von Hochländern, die, obgleich sie 500 Mann auf eine Distanz von 150 Dards sich gegenüber hatten, doch keinen Zoll breit gewichen waren. Es schien einen Moment, der Ansturm der Boeren sei erfolgreich abgewiesen, als einer unserer Leute— ich glaube ein Offizier— plözlich die Boeren zum ersten mal bemerkend, ausrief:„Da sind sie! Ganz nahe!" Und kaum waren die Worte aus seinem Mund, so sprangen die jungen Rekruten, in panischem Schrecken, auf und ranten, so schnell ihre Beine sie tragen wollten, nach der Vertiefung zurück. Das wirkte entmutigend auf die Hochländer, die nun zu weichen be- gannen und aus dem Rückzug von dem tötlichen Feuer der Boeren furchtbar zu leiden hatten. Ich befand mich aus der linken Seite des Abhangs, als unsere Leute auf uns zu retirirten und war eii» Zeuge der argen Konfusion, welche eingetreten war. Ich sah und hörte, wie Macdonald vom 92., den Revolver in der Hand, jeden zu erschießen drote, der an ihm vor- bei käme; und, in der Tat, alle Offiziere und Unteroffiziere gaben sich die größte Mühe, die aufgelösten Truppen zum stehen und wieder in Ordnung zu bringen. Viele rissen natürlich aus und verschwanden hinter dem Bergabhang in der Richtung unseres Lagers, aber ein Kern von ungesär 150 Mann, meistens Hochländer, Blaujacken(Marinesoldaten) und alle 58 er blieb unerschüttert und stellte sich hinter dem Rand der mittleren Vertiefung auf.(Das Plateau war also bereits von den Boeren besezt). Die Leute waren entschloffen, sich bis zum äußersten zu verteidigen. Dreimal zeigten sich die Boeren und dreimal wichen sie wieder zurück vor der festen Haltung der unsrigen. Dabei unter- hielten sie fortwärend ein mörderisches Feuer. Unsere Leute standen wie die Mauern. Manchen hörte ich sagen:„Wir weichen nicht! Wenn sie wieder kommen, geben wir ihnen das Bajonnett zu kosten!" Doch die Reihen der Tapseren wurden immer dünner; die Boeren hatten offenbar ihre Scharsschüzen postirt und diese räumten entsezlich auf. Jeder Schuß traf jezt. Alle Augenblick fiel einer zurück, die meisten durch den Kopf geschossen. Der Fahnenjunker(Colour Sergeant) Fräser vom 92. Regiment, einer der schönsten Soldaten im Corps, fiel neben mir, beide Beine durch eine Büchsenkugel zerschmettert; und noch mancher andere seines Regiments, den ich in Afghanistan gekaut hatte, erlitt ein änliches Schicksal— gerade an dem Zeitpunkt, wo dieses vielgeprüfte Regiment in den Friedensdienst zurücktreten sollte. Es waren heiße 5 Minuten; trozdcm glaubte ich im Moment, wir würden uns behaupten können. Jeden Augenblick erwartete ich den Befehl zu einem Bajonnettangriff. Dieser Befehl blieb leider aus, ob- gleich ich überzeugt bin, er wäre von den Leuten befolgt worden. Aber unsere Flanken waren bedrot; der Feind, in der Front zurückgehalten, suchte uns von der Seite zu soffen und schlich sich herum. Am Berg- abhang nach unserem Lager zu hatten wir niemand, und da unsere Leute wegen dieses Punktes augenscheinlich in Unruhe waren und häufig über die Schulter sahen, so schickte mich Oberst Stewart hinüber, um zu sehen, wie es dort stünde. Ich konte melden, daß dort keine Gefar war; hätten die Boeren den Berg von dieser Seite zu erstürmen gc- sucht, so wären sie auch in das Feuer ihrer eigenen Leute geraten, die von der entgegengesezten Seite aus uns schössen. Wir waren besorgt um unsere rechte Flanke. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Feind sich herumzog und uns in die Flanke zu fallen beabsichtigte. Wir mußten deshalb unsere Stellung nach dieser Seite hin ausdenen. Die Leute, welche dazu genommen wurden, waren größ- tenteils Blaujacken, gesürt von einem tapferen jungen Offizier; und als ich sie marschiren sah, blizte mir zum dritten mal der Gedanke auf, daß wir den Berg verlieren würden. An dem bedroten Punkt war eine kleine Anhöhe, und die Leute zögerten, dieselbe zu ersteigen. Einige gingen über den Gipfel des Plateaus zurück nach dem entgegengesezten Abhang, andere gingen herum. Bald ließ sich auf der Anhöhe selbst Verwirrung bemerken. Mehrere der Leute dort stellten sich aufrecht und wurden sofort niedergeschossen; es dauerte nicht lang, so lief die ganze Besazung der Anhöhe davon. Und in ausgelöster Ordnung stürmten die Boeren nach und feuerten eine mörderische Salve in unsere Flanke, unsere ganze Hauptstellung bestreichend. Von diesem Moment gehörte der Majubaberg den Boeren. Es begann nun unsrerseits ein sauve qui peut(Rette sich wer kann). Major Hay, Hauptmann Singleton vom 92. und einige andere Offiziere blieben bis zulezt, und sie wurden im Nu niedergeschossen oder gefangen ge- nommen. Der General war der lezte von allen. Er folgte langsamen Schrittes seinen fliehenden Truppen— da traf auch ihn die tötliche Kugel; er wurde durch den Kopf geschossen. Ein par Minuten vorher hatte Leutnant Hamilton den General gebeten, doch den Befehl zu einen, Bajonnettangriff zu gebe», da die Leute es nicht mehr im Feuer aus- halten könten, und Colley hatte geantwortet:„Warten Sie, bis sie heran- kommen, dann geben wir ihnen eine Salve und greifen mit dem Ba- jonnett an." Ehe dieser Moment kam, war es zu spät. Unter dem Feuer von 500 in bequemster Schußweite postirten Schars- schüzen 100 Yards weit gehen oder lausen, ist keine angeneme Proze- dur; wir alle aber, die auf dem Berg noch waren, mußten wol oder übel das Experiment durchmachen. Jede Sekunde erwartete ich von einer Kugel durchbort zu werden. Jeden Schritt hielt ich sür den lezten. Jeder Blick zeigte mir einige unserer Leute, welche die Arme in die Lust warfen, und mit einem scharfen Schmerzensschrci vornüber stürzten. Eine Kugel traf den Felsen unmittelbar hinter meiner Ferse, sodaß die Steinsplitter meine Ledergamasche zerrissen, wärend über niir und um mich die Geschosse heulten und pfiffen, wie tausend Lokomotiven. 396 Endlich erreichte ich den Abhang, hinter dem ich Schuz vor den Äugeln fand. Oberst Stewart und Leutnant Hill vom S8. Regiment waren ganz nahe bei mir. Der leztere, der sich wärend des ganzen Gefechts glänzend gehalten hatte, war durch den Arm geschossen; ich gab ihm mein Taschentuch, und half ihm die Wunde damit verbinden. Die Offiziere riefen den Leuten zu, sie sollten sich sammeln. In diesem Moment fiel ein Soldat, der den Abhang heruntersprang, mit seinem ganzen Gewicht auf mich, so daß ich umgeworfen ward, und in die Büsche unter mir herabrollte. Gleich darauf erschienen auch die Beeren oben am Rande des Abhangs und feuerten mit ihren schreck- lichen Büchsen 10 Minuten lang nach unseren Soldaten, die in allen Richtungen davonstoben. Viele, erschöpft von dem Nachtmarsch und den Strapazen des Tags hatten sich oben hinter Büschen und Felsenvor- sprüngen versteckt— sie wurden- gefangen genommen; aber von denen, die bis zulezt auf dem Berg ausgehalten hatten, kamen keine sechs davon.___(Schluß folgt.) Europäische Flamingos.(Bild S. 388.) Die langbeinige und nicht minder langhalsige Gesellschaft, welche sich hier vorstellt, hat ihre eigentliche Heimat in Nordafrika und Mittelasien, get aber des öftern über die Grenze dieser Länderstrecken hinaus, sodaß man sie auch viel- fach im südlichen Europa findet, von wo aus einzelne Exemplare sich sogar zu verschiedenen malen nach Deutschland verirten. Der Fla- mingo ist weiß, zart, von schönem Rosenrot überhaucht und besizt kar- minrote Oberflügel mit schwarzen Schwingen. Seine Augen sind gelb und haben karminrote Ringe, der Schnabel ist schwarz und an der Wurzel rosenrot, und die Füße zeigen wiederum die karminrote Farbe. Er ist 120—130 Centimeter lang, 160—170 Centimeter breit und hat 39 Centimeter lange Fittige und einen 14 Centimeter langen Schwanz. Das Weibchen ist jedoch kleiner. Die Jungen haben bis zum 3. Jare weißes Gefieder mit grauem Hals und gesprenkelten Oberflügel. Strand- seen mit salzigem Wasser sind seine liebsten Aufenthaltsorte. Die Flam- mingos leben in großen Scharen beieinander und sollen der sie auszeich- nenden brennendroten Farbe wegen einen prächtigen Eindruck machen. Sie stellen sich zu Hunderten in einer Linie auf und erscheinen dann als ein Heer Soldaten, weshalb sie auch„Soldatenvögel", von den Südameri- kauern sogar„Soldaten" genant werden. Sie leben von kleinen Wasser- tierchen, am liebsten von einschaligen Muscheln, Würmern, Krebsen, kleinen Fiscben und von gewissen Pflanzenstoffen. In der Gefangen- schaft sind sie mit gekochtem Reiß, eingequelltem Weizen, eingeweichtem Brot, Teichlinsen und Gerstenschrot, wozu aber ein Zusaz von tierischen Stoffen nicht seien darf, viele Jare zu erhalten. Erhalten sie längere Zeit nur vegetabilische Narung, so soll ihr Gefieder den zarten Rosen- hauch verlieren. Geschmack, Gesicht und Gefül soll bei diesen Tieren sehr entwickelt sein, wärend man über Geruch und Gehör derselben nur Vermutungen hat. Ebenso soll auch die geistige Begabung mit ihrer Sinnenschärfe im Einklang stehen. Sie stellen, sobald sie in Herden beisammen sind, immer einen oder mehrere als Wachen aus und ent- fliehen, wenn sich ein Bot oder irgend eine Gesar naht, und zwar schon aus weiter Entfernung. Ihr Treiben ist deshalb sehr schwer zu beobachten, wenigstens nur vermittelst des Fernrohrs, und weiß man aus diesem Grunde auch noch nichts bestimtes über die Art ihrer Fort- Pflanzung, wenigstens Helschen über ihre Gewonheit des Brütens, Nester- bauens u. s. f. die verschiedensten Ansichten. Als Gefangener ist der Flamingo sehr friedlicher Natur und gewönt sich leicht an den Menschen und an fremde Tiere, Wegen seiner oben angefürten großen Vor- ficht— am Tage läßt er den Menschen nicht einmal ans Büchsenschuß- weite herankommen— macht man nur des Nachts mit Erfolg Jagd auf ihn und kann ihn dann sogar mit Schroten erlegen. Die Araber fangen ganze Herden mit Nezen, die sie zwischen zwei Barken spannen und mit denen sie unter einen Flamingotrupp segeln. Das Fleisch soll einen vortrefflichen Braten geben und der Geschmack der Zunge sogar köstlich sein.__ ort. Ungarische Räuber im Kampfe mit Polizeimanschaften. (Bild S. 389.) Ueber das Räuberwesen in Ungarn ist soviel geschrieben worden— wir dürfen hier wol nur an Roßa Sandor erinnern—, daß es überflüssig erscheint, hierüber viele Worte zu verlieren. Unser Bild fürt uns nun einen Kampf vor, den Komitatshusaren und Gendarmen mit den Betyaren, d. h. den Räubern, zu bestehen haben. Leztere haben lange Zeit in der weiten, nur hier und da ein einzelnes Gebäude aus- zeigenden Ebene ihr Unwesen getrieben und ihren Guerillakrieg mit der Gesellschaft gefürt. Heute haben sie eben wieder einen ruhig seines Weges daherkommenden Zweispänner überfallen und waren eben im Begriff ihn auszuplündern, als sie von der Nemesis erreicht wurden. Einer kämpft noch mit dem ungarischen Reiter, der andere wird verfolgt und warscheinlich im nächsten Augenblick eingeholt, um dann von einem än- lichen Schicksal betroffen zu werden, wie die drei im Bordergrunde. Wärend von den lezteren die beiden mit den Rücken zusammengeseffelten ihre Gefangenschaft mit Ruhe ertragen, macht der in Ketten gelegte Bandenchef mit lauten Zornesworten seinem über die schmälige Nieder- läge empörten Herzen Luft. Aber schon ist der wachthabende Gendarm im Begriff, ihn mit Hülfe des Bajonnetts zur Raison zu bringen und wer weiß, ob dies nicht schließlich doch noch geschieht und somit dem Ur- teile des Richters vorgegriffen wird. ort. allen OFsttKefn der LeiMteralur. Veruntreuungen in der Biblioteca Bittorio Emmanuele in Rom. Es ist schon öfters vorgekommen, daß sich namhafte Gelehrte in ihrem Sammeleifer wertvolle Werke aus öffentlichen Biblioteken widerrechtlich aneigneten, aber diese Diebstäle dürfen nur als wäre Pfuscherei gelten gegenüber dem, was teils durch lüderliche Verwaltung, teils durch direkten Diebstal der oben genanten Bibliotek entwendet wurde. Diese, die Nationalbibliotek Italiens, wurde durch Drekret vom 13. Jan. 1875 aus den bereits im Jare 1873 für Staatseigentum erklärten 63 Klosterbiblioteken gebildet, im zweiten Stock des Kollegium Romanum untergebracht und am 14. März 1876 feierlich eröffnet. Als auf Grund der in der Presse laut gewordenen Stimmen über die Miswirtschast eine Untersuchungskommission eingesezt wurde, da konte dieselbe nicht einmal genügende Auskunft über den Stand der großartigen Samlnng erlangen. Die Kataloge selten fast alle, und nicht einmal das trefflich ausgefürte Verzeichnis der aus 80000 Bänden zusammengestellten Biblis- tek des Kollegium Romanum, welche den Mittelpunkt der ganzen Sam- lung bilden sollte, war zu finden. Andererseits waren eine große An- zal Bücher gar nicht katalogisirt, und schließlich fanden sich in dem Zettel- kataloge 50000 Zettel, zu denen die Werke selten. Sehr wichtige und höchstens in einem oder zwei Exemplaren existirende Werke wurden als Makulatur verkauft oder gegen neue Bücher ausgetauscht und zwar one alle Kontrole. Dr. Ernst Kelchner, dessen Aussürungen in der Frkf. Ztg. wir folgen, behauvtet, daß ganze Wagenladungen als Makulatur fort- geschafft worden seien, und daß der Buchhändler Bocca, der neue Bücher gegen die alten austauschte, ca 10892 Kilogranim„Makulatur" aus der„Nationalbibliotek" Italiens für 3654 Lire verkaufte. Ein Besucher der Bibliotek geriet einst in eine Kammer, auf deren Fußboden ganze Haufen Makulatur lagen. Er hob ein Stück auf und fand, daß es die Originalausgabe des Brifes von Kolumbus über die Entdeckung Amerikas war. Als der Präfekt und der Bibliotekar hereintraten, frug er diese, ob der Papierhausen zum Wegwersen bestimt sei. Als man dieses bejahte, nam er einige von den Blättern in die Hand und rief: „Dieses Lumpenpapier gilt 3000 Lire." Es kam sogar vor, daß die Bibliotek von einem Buchhändler Werke ankaufte, welche derselbe als Makulatur von einem Käsehändler gekaust, und die, wie sich später herausstellte, ursprüngliches Eigentum der genanten Bibliotek waren. Auch ihr Schwesterinstitut zu Florenz kaufte von einein Käsehändler 6000 Werke, die als„Makulatur" von der„Nationalbibliotek" verkauft worden waren. Die angezogenen Beispiele mögen genügen, um eine Verwaltung zu charakterisiren, welcher so bedeutende Schäze anvertraut wurden. Schade nur, daß die gerechte Strafe, welche die Gewissen- losen treffen wird, nicht der Wissenschast die hunderttausende von ver- loren gegangenen Werken zurückerstatten kann. ort. Die Länge der Telcgraphenlinien in den Bereinigten Staaten betrug im Jare 1880 170103 Meilen, ausschließlich der im Dienste des Eisenbahnverkehrs stehenden. Die Zal der wärend des genanten Jares beförderten Depeschen belief sich auf 33155 991. Die Telegraphen- dräte waren 300 000 Meilen lang. Rußlands Telegraphenlinien sind 56170 Meilen, dann folgen Deutschland mit 41431, Frankreich mit 36 970, Oesterreich-Ungarn mit 30 403, Australien mit 26 842, Groß- britannien mit 23155, Britisch- Indien mit 18 209, die Türkei mit 17035 und Italien mit 15864 Meilen langen Fernsprechlinien, ort. Ein vorhistorischer Fund. In der Umgegend von Mainz ist schon mancher für die Archäologie wichtige Gegenstand aus der Zeit der römischen Herschaft in Deutschland gesunden worden. Neben diesen hat man auch in Flonheim, Uffhofen und Eppelsheim eine Anzal vorsint- flutlicher Tiere zutage gefördert. Von lezteren fand vor kurzer Zeit wiederum der Sandgräber Krämer in Flanheim in seiner Sandgrube ein vollständiges, sehr gut erhaltenes Gerippe. Es soll das schönste Exemplar sein, was in dortiger Gegend gesunden wurde. ort. � Ä"-©«fch�°der dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsczung).— Die Aegyptiologie und die Entzifferung der Hieroglyphen, von vr. Ly(Fortsezung).— Ein Ritter vom Geist.— Ueber Ventilation größerer Lokalitäten, von H. W. Fabian, Civilingcnieur— Die Schlacht von Maiuba(Fortsetzung).— Europäische Flamingos(mit Illustration).— Ungarische Räuber im Kampfe mit Polizeimanschaften (mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zettliteratur: Veruntreuungen in der Biblioteca Bittorio Emmanuele in Rom. Die Länge der Telegraphenlinien. Ein vorhistorischer Fund. Verantwortlicher Redakteur: Bruno leiser in Gohlis-Leipzig(Möckernfche Straße 30 ck).— Expedition: Färberstr. 12.11. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.