nu- Mai. issi. Herschen oder dienen? Roman von W. Kautsky. (6. Fortsezimg.) „Es ist etwas ganz gcwönliches," versicherten de Vita's Freunde lachend,„jede Teaterberühmtheit hat ihren Herzog oder ihren ., Prinzen, mindestens aber ihren Grafen oder Baron." „Hier tönte jedoch der seltene Fall eintreten, das; Elvira Bianca die Hand des Barons zurückweist und ein Ehebündnis nicht einget." „Ah!" machten die meisten der Anwesenden. Dieser Ausspruch schien sie zu verblüffen. „E perchd?" rief Signora de Vita.„So dumm wird sie doch nicht sein." „Baronin oder Gräfin zu werden muß doch jeder Künstlerin sehr wünschenswert erscheinen," versezte Elena, mit ihrem Fächer hin und her wehend, Wärend ihre runden Augen noch verwun- derter aussahen. „Und weshalb würde sie sich weigern, eine so ehrenvolle Verbindung einzugehen?" fragte de Vita. Ernesto warf den mächtigen Kopf trozig zurück und sagte in offenbarer Misbilligung: „Was für einen vernünftigen Grund tönte dieses Mädchen haben, daß sie es verweigert, den glücklich zu machen, der sie Juanna, die bisher ruhig und schweigend dagesessen, hob nun die Augen, und ein seltsam schinimernder Bliz traf den jungen Sizilianer. „Und wenn dieses Mädchen den Mann nicht liebt, wäre das nicht Grund genug, ihn abzuweisen?" Sie stellte diese Frage mit äußerster Gelassenheit, mit einem Tone, hell und klar, der dennoch den jungen Mann zu irritiren schien. Auch ihre Mutter für gereizt in die Höhe. „Man lebt nicht von der Liebe allein, man muß auch ein wenig praktisch sein auf dieser Welt; der Baron ist reich, und sie wäre eine Dame und gut versorgt." „Dieses Mädchen ist selbständig, unabhängig durch seine Kunst, es braucht nicht einen Mann seiner Versorgung wegen zu nemen." Das klang genau so, wie vorher, nur daß Juanna den feinen Kopf langsam der Mutter zuwendete. „Aber wenn sie ihn nicht liebt," rief Ernesto, breit und derb seinem Unwillen offenen und kräftigen Ausdruck gebend,„wenn sie ihm in keiner Weise angehören will, dann hätte sie diese Gesinnung schon früher offenbaren müssen, dann hätte sie nicht sein Interesse erwecken, dann hätte sie keine Dienste von ihm an- nemen und seine Freundschaft nicht ausnuzen sollen." „Im Prinzipe ist das richtig," entgegnete Tomaso scherzend. Den zarten, kleinen Körper Juauna's durchfur ein nervöses Zittern, die geschlossenen Lippen öffneten sich wie in heiß auf- wallender Leidenschaftlichkeit und schloffen sich wieder. Dann sagte sie, scheinbar ebenso ruhig, aber mit einem herben Lächeln: „Ah, man höre! Ihr Mädchen und Frauen, ihr mögt euch künftig hüten, von Männern irgendeinen Dienst entgegenzunemen; mögen sie dabei auch noch so sehr ihre Uneigennüzigkeit betonen, mögen sie ihren Schuz euch selber aufdrängen unter den Ver- sicherungen eines edlen Interesses, einer auftichtigen, nichts- fordernden Freundschaft,— ah, ihr mögt euch hüten! Dies alles ist Heuchelei und dahinter verbirgt sich die abscheulichste Selbst- sucht. Nach eurer Meinung also hätte sich jede Frau, die so unvorsichtig war, einen solchen Dienst entgegenzunemen, schon von vornherein zu eurer Leibeigenen gemacht, und sie wäre ver- pflichtet, eure Ansprüche, sobald dies euch wünschenswert erscheint, mit ihrer Person zu begleichen?!" „Dieser Mann verlangte nichts unwürdiges," entschied Ernesto, „da er dieses Mädchen zur Ehe begehrte." „Nichts unwürdiges!" Die dunklen Wangen Juauna's röteten sich, wie unter einer Flamme der Empörung,„aber eine Ehe one Liebe, was ist sie andres für ein Weib, als eine lebenslängliche— Prostitution!" Sie hatte plözlich innegehalten und murmelte das lezte Wort, das sich nicht völlig mehr zurückdrängen ließ, nun zwischen den Zänen. Nur die ihr Zunächstsizenden, ihre Mutter und Ernesto, hatten es verneinen können. „Dinvolo!" machte die Alte. Ernesto lachte laut und zornig auf.„Signora, ich dächte, die Institution der Ehe sollte vernünftigerweise von keinem Weibe angegriffen werden, denn darin liegt sein einziges Heil. Außer der Liebe des Mannes bietet die Ehe einer Frau Schuz und Sicherheit, sie verbürgt ihr Achtung, sie verleit ihr eine behag- liche, sorgenlose Existenz: außerhalb der Ehe aber gibt es für sie, und besonders wenn sie einmal älter geworden ist, keine An- nemlichkeit des Lebens." „Bravo, bravissimo!" rief de Vita, halb aus Zustimmung, halb aus Verwunderung, denn er konte sich nicht erinnern, den Sizilianer jemals in so zusammenhängenden Säzen sprechen ge- hört zu haben. Juanna hatte sich in ihren Sessel zurückgelehnt, das jähe Rot war wieder von ihren Wangen gewichen, die umso blasser er- schienen, und die langen, dunklen Wimpern legten sich wie ein Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Schleier um ihre Augen, ihr Feuer verbergend.„Sie haben recht, Ernesto," sagte sie langsam,„es ist so, wie Sie sagen, genau so. Es gibt für ein Weib kein Glück und keine Annemlich- keit des Lebens, als in der Ehe, dank der Geseze, die ihr Herren gemacht habt, dank der Vorurteile, die ihr in die Welt geseAt habt." Ihr Ton wurde leiser, flüsternder.„Nur wenn ein Weib sich einem von euch ganz zu eigen gibt, ist ihm ein menschen- würdiges Dasein gesichert,— dadurch habt ihr die Herschast über sie begründet, dadurch habt ihr sie zu euren gefügigen Werkzeugen gemacht; aber es ist nicht allein ein Unglück für sie, daß es so ist" — ihre Augen erhoben sich plözlich, und kühn und blizend trafen sie mit denen Ernesto's zusammen—,„es ist auch ein Unglück für euch,— und schlimm genug, daß ihr es nicht einset." Ernesto starrte sie an, er fülte den persönlichen Angriff und wußte ihm doch nicht sogleich zu begegnen. Tomaso aber entgegnete ziemlich scharf:„Dies Verhältnis hat sich naturgemäß entwickelt, es ward bedingt durch die Schwäche, durch den Mangel an Charakter der Mehrzal der Frauen." Juanna nickte, wäreud ein feiner, nachdenklicher Zug sich um ihre Mundwinkel legte und ihrem Gesicht einen noch erhöteren geistigen Ausdruck verlieh.„Und wenn diese Schwäche und diese Charakterlosigkeit nur das Produkt einer seit Jarhunderten ver- selten Erziehung wäre— das traurige Merkmal der Unter- drückung? Und wird nicht jezt noch den Mädchen von kleinauf eingeprägt, daß sie schwach sein müssen, daß sie sich unterordnen muffen? Jede freie Entwicklung, jedes Streben nach Erkentnis, ja, jede höhere Warheit bleibt ihnen versagt. Und dennoch"— Juanna's Augen blizten wieder freier und ihre Stimme nam einen helleren Klang an—„dennoch bestet diese Schwäche, diese Charakterlosigkeit zum großen Teil in der Einbildung, in der Tradition, und vielleicht wäre die Behauptung nicht allzu paradox: es gäbe nicht mehr schwache Frauen, als es schwache Männer gibt." „Oho!" rief de Vita, der sich verpflichtet fülte, den Handschuh aufzunemen, den die Schwester ihm hingeworfen.„Das wäre doch selffam und, ich muß gestehen, höchst unangenem; wir brauchen sanfte, gefügige und etwas schüchterne Frauen, um mit ihnen gut auszukommen, um mit ihnen glücklich zu werden; es ist daher ganz natürlich, daß wir der Verallgemeinerung des Gegenteils entgegentreten, daß wir diesen unweiblichen Bestrebun- gen einen Damm entgegensezen." „Und glaubt ihr, daß ihr das könt?" rief Juanna, und ihr Ton wurde schärfer, triumphirender,„und glaubt ihr Herren wirklich, nur mit der sanftesten, gefügigsten, untergeordnetsten Frau glücklich zu werden? Ihr verlangt nach einer solchen, es ist war, und wenn ihr sie habt, beftiedigt sie euch nicht, weil sie euch nicht fördert." „Oho!" machten nun sämtliche Herren bis auf Alfred, der, in seinen Stul gedrückt, unverwanten Auges nach dem jungen Weibe sah, den wechselnden Ausdruck ihres Gesichts studirend, der ihm ein reiches� inneres Leben offenbarte, ihren Ausfürungen lauschend, die ihm befremdend neu erschienen, die er nicht völlig billigen konte und die aus ihrem Munde ihn doch so mächtig interessirten. „Elena," rief jezt de Vita, indem er seiner Frau lächelnd zuwinkte,„du bist eine sanfte, gefügige Natur, du bist eine gehör- same Frau, verteidige dich doch gegen solche Anschuldigungen, sage Juanna, daß du mich beftiedigst." Elena machte eine verdrossene Miene und zog die runden Achseln in die Höhe.„Ei was," sagte sie,„für ein gar zu ge- duldiges Schaf will ich auch nicht gehalten sein, und wenn ich etwas nicht will, so will ich es nicht, und du weißt schon, wie das dann ausget." Ein allgemeines und herzliches Lachen folgte diesen Worten; auch der Gatte lachte, obwol ziemlich fauer. Elena aber erklärte in noch ungnädigerem Tone, daß sie solche Disputationen höchst langweilig finde und daß dabei niemals etwas vernünftiges herauskomme. In dem Augenblick erschien Tonio mit der Limonata und damit änderte sich sofort die Situa- tion. De Vita war zu Alfted getreten und hatte ihn aufgefordert, mit ihm eine Partte Domino zu spielen; sie sezten sich an ein kleines Tischchen einander gegenüber. Tonio servirte und der külende Trank wurde von niemand zurückgewiesen. Jezt ergriff Juanna den Teller mit Backwerk und reichte ihn heruni.— Ernesto hatte sich, von allen entfernt, ans Fenster gesezt. Juanna überlegte einen Augenblick, dann durchschritt sie die ganze Länge des Gemaches und kam auf ihn zu. Mit eineni fteundlichen Wort offerirte sie ihm das Backwerk. Er dankte und lehnte ab. „Sie nemen nichts?" ftagte sie.„Weshalb?" „Weil mein Kopf brent, weil mir die Kehle wie zugeschnürt ist," sagte er dumpf und one die Augen nach ihr zu erheben, „weil ich krank bin, weil ich mich ganz miserabel füle." „Kongestionen." sagte sie leichthin mit etwas oberflächlicher Teilname,„trinken Sie eine Limonata, es wird vergehen." Er sprang in die Höhe wie ein verwundeter Stier, und dräuend, mit zornfunkelnden Augen, stand er ihr jezt gegenüber. Dieser äußerste Winkel des großen Gemachs war unerleuchtet, nur von außen drang durch das Fenster ein schwacher Schein; dort um den Tisch herum, wo Elena saß, ivar die Unterhaltung indes lauter und lebhafter geworden; die beiden mochten sich allein fülen, abgetrent von allen übrigen. „Spotten Sie nicht, Juanna," zischte Ernesto mit kaum ver- nembarer, vor Zorn bebender Sttmme.„Spotten Sie nicht, ich könte es nicht ertragen." Seine Fäuste ballten sich, die großen, weißen Zäne schlugen aneinander. Die zarte, kleine Frau stand unbeweglich, auch nicht mit einer Wimper zuckend, vor diesem Gewaltigen, und ihre Augen, in der Dunkelheit sich vergrößernd, sahen fest und kalt zu ihm empor. „Was wollen Sie mir damit sagen, Signor?" „Daß Sie Sich hüten mögen, Signora, mich als ein Spiel- zeug zu betrachten, das man achtlos und ungestraft beiseite wirft, sobald man seiner überdrüssig geworden ist oder sobald man nach einem neuen begehrt; ich dürste nicht der richtige Mann dazu sein." „Das fft eine Drohung, Signor?" „Nur eine Warnung, für Sie und für das glückliche Objekt, das mir nachfolgen wird." In unsäglichem Troz preßten sich ihre Lippen zusammen. „Wolan," sagte sie,„es ist gesagt, und wenn ich auch zwischen uns eine andre Art der Auseinandersezung gewünscht hätte, von nun an ist alles iveitere überflüssig geworden." Sie wendete sich; er wollte sie zurückhalten, sein Zorn machte ihn sinlos, er streckte die Hand nach ihr aus; sie aber warf den Kopf zurück, und ihre Augen funkelten ihm entgegen in stolzer, tiefempörter Zurückweisung. Tann wendete sie ihm vollends den Rücken. Signora de Vita kam jezt mit einem Licht ihnen cnt- gegen, sie wollte nach dem Termonieter sehen, die Sorge um ihre Würmchen ließ ihre keine Ruhe. Sie rief es lachend Ernesto zu. Dieser verbeugte sich tief vor ihr. Einen Augenblick später hatte er das Zimmer verlassen.-- Mnstes Kapitel. Es war weit über Mitternacht, als Alfted unter das häus- liche Dach zurückkehrte. Er mußte das Wonzimmer durchschreiten, um in sein Atelier, das zugleich sein Schlafgemach war, zu ge- langen. Es war dämmerig und still in dem Gemache, in welchem nur ein kleines Lämpchen braute. Mutter und Kind waren zu Bette, er vernain die ruhigen Atemzüge der Schlafenden. Er trat auf den Fußspizen leise näher; er wollte sein Kind sehen. Er betrachtete es eine Weile und dann die Mutter. Wie fest sie schlief; ein Lächeln lag auf dem sanften blassen Gesichte, ein freudiges, fast verklärtes Lächeln. Sie ist glücklich, sagte er sich, in ihr ist Friede. Gleicht sie nicht ihrem Kinde, ist sie nicht selbst ein Kind, so weich und gut, so unbe- kümmert und so— gedankenlos. Seine Augen trübten sich, er fülte sich herabgedrückt, voll tiefsten Wismutes. Und wieder mußte er des Anerbietens ge- denken, das ihn an den Hof eines außereuropäischen Fürsten bringen sollte, das ihm eine neue Welt eröffnen würde, voll Glanz und Reichtum. „Wenn ich ftei wäre!" es löste sich in einem Seufzer von seiner Brust. Da wendete sich die Schläferin; er wollte sie nicht wecken, und leise schlich er nach seinem Zimmer. Nachdem die Tür geschlossen war, richtete sich Marie, noch wie im schlafe, in die Höhe und horchte. Hatte sie's nur geträumt, oder war Alfted hier gewesen— war er es, der gesprochen? Der Ton klang noch in ihren Oren, jie glaubte die Worte zu hören, und mechanisch, und one daß sie chr zum Bewußtsein kamen, sprachen ihre Lippen sie nach: Wenn ich ftei wäre! Sie wiederholte sie nochmals, und wie ein Gift, das langsam wirkt, schien ihr allmälich ein Sinn darin aufzudämmern, schien ihr ein Verständnis für diese Worte zu kommen. 399 Ein unbestimtes Zagen, ein lämender Schreck bemächtigte sich ihrer, sie begann zu zittern. Hatte Alfted das gesagt?— mit diesem Ton— so traurig dumpf? Sie schüttelte sich. Es war«in Traum— ein Traum!— Wenn er frei wäre? — Ist er es denn nicht? ich will ihn ja niemals und in nichts beschränken,— ach, es war ein Traum— ein Traum! Sie legte sich auf die andere Seite, und ermüdet, schlief sie sogleich wieder ein. Am nächsten Morgen dachte sie nicht mehr daran. Sie hatte den Traum vergessen, und sanft und fteundlich wie immer, kam sie in sein Atelier, ihn zum Frühstück einzuladen. Sie traf ihn vor seiner Staffelei. Er hatte einen länglichen Karton aufgestellt, und er komponirte mit flüchtigen Kolenstrichcn. Er zeichnete eine mytologische Gruppe, nackte Genien. Er pfiff dabei ein munteres Liedchen, und wie es schien, in bester Laune, ging ihm die Arbeit flink von der Hand. Marie trat hinter ihn und küßte ihn auf die Wangen. „Dn darfst den Kaffee nicht kalt werden lassen, Fredi," sagte sie mit ihrer sanften Stimme, dann zupfte sie an seinem Kragen herum, und drote ihm scherzhaft mit dem Finger. „Du hast doch wieder von deinen feinen Hemden genommen, obwol ich dir eins von der minderen Sorte zurechtgelegt; du bist ein Verschwender, weißt du's, mein Schaz?" Er wendete sich ein wenig nach ihr um.„Marie sagte er heiter und doch ein wenig vorwurfsvoll, du hast ein eigenes Ta- lent, auf den ersten Blick solche Unbedeutendheiten zu bemerken; aber möchtest du nicht einmal, statt auf meinen Hemdkragen, ein wenig nach meiner Arbeit sehen?" „Weshalb?" fragte sie ganz erstaunt. „Nun, ich dachte, du wärest doch dabei interessirt, und du müßtest mit mir wünschen, daß meine Leistungen warheitsgetrcu und wirksam sich gestalten." „Gewiß, aber was könte ich dazu tun-"' „Du könntest mir den Eindruck schildern, den sie auf dich her- vorbringen. Sieh einmal diese nackten Kinder; du, die du immer ein Kind vor Augen hast, die seine Formen, seine Bewegungen, sein Lächeln studirt hat; du mußt mir sagen können, ob ich in diesen Nachahmungen die Natur erreicht habe." Marie sah gar nickt auf das Bild, aber sie blickte ihrem Mann voll Zärtlichkeit in die Augen. „Wie könte ich dich korrigiren, Alfred, was versteh ich davon! In meinen Augen ist alles schön, was du tust, und jedes deiner Bilder erscheint mir als ein Meisterwerk; freilich, solange es nicht in den schönen Farben prangt, vermag ich mich nicht zurechtzu- finden und unter diesen Kolenstrichcn kann ich mir schon gar nichts vorstellen." Alfted vermochte eine Geberde der Ungeduld nicht zu unter- drücken. „Verdrießt dich das?" ftagte sie mit einem lieben Ausdruck und den Mund zu einem Lächeln verziehend,„aber warum ftagst du mich auch, was köntcst du von nur crfaren! und dann, muß nicht jeder immer so arbeiten, wie er es einmal gelernt hat? Aber da du komponirst, so hast du also wieder etwas bestellt be- kommen? ach wie gut ist das, denn—" sie machte eine Pause, dann sagte sie, indem sie ihn zaghaft etwas von der Seite ansah, „es ist dringend nötig, daß wieder Geld in's Haus komt, und bald, bald, Alfred— denn ich habe keines niehr." Er sah betroffen zu ihr auf._ „Du hast alles verausgabt, was ich dir gegeben?" Sie nickte bejahend. „Aber nicht unnötig, nicht voreilig, glaube nur, ich habe immer nur das Nötigste im Auge, und wenn du in meinen Büchern nachsehen wolltest—" „Wozu," sagte er, die Stirn runzelnd,„ich weiß ja, du ent- behrst selbst noch dabei, aber du irst, wenn du glaubst, ich iväre so glücklich, eine Bestellung erhalten zu haben, nichts dergleichen; ich nam die Kole in die Hand, iveil ein Augenblick der Schaffens- lust über mich gekommen war, weil ich mich angeregt fülte, einem heiteren Gedanken Form und Ausdruck zu geben, weil— ach, es ist vorüber—! ich vermag nichts mehr"— er warf die Kole bei Seite. Er sah verstört aus. Sie legte den Arm auf den seinigen.„Laß es auch lieber," sagte sie begütigend,„und komm frühstücken, Domenika hat den Kaffee schon gebracht, er könte kalt werden." Er folgte ihr nach dem Wonzimmer. Marie waltete in sorglichster aufmerksamster Weise ihres Amtes als Hausftau; sie schentte ein und sie gab ihm das oberste der Sahne, sie suchte ihm das schönste Gebäck heraus und sie erzälte ihm, daß sie den Kaffee frisch gebraut habe, und er müsse des- halb vortrefflich sein. Alfted trank, und er aß sein Brot dazu, one zu wissen, was er trank, was er genoß. Sie merkte es. „Ich habe dich wieder verstimt und verdrießlich gemacht," sagte sie in einem abbittenden Ton.„Ich weiß es wol, es macht dich ungeduldig, daß wir so viel brauchen, aber du mußtest es doch wissen Alfred, um— um Abhülfe zu treffen, um Geld zu schaffen." „Woher soll ich es nemen, ich weiß es nicht." Marie stüzte den Ellbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Sie nam eine gutmütig beratende und etwas ge- schäftsmäßige Miene an.„Ich denke, du wirst eben doch den Antrag des Bilderhändlers annemen müssen, den er dir neulich gemacht hat." Alfred wurde sehr blaß. Seine Brust hob sich schwer, es war, als wälze sich eine Last auf seine Brust, die er nicht er- tragen könne.„Dn rätst mir dazu, Marie?" fragte er leise, fast keuchend. „Ich weiß, es ist abscheulich wenig, was er dir bietet, sechzig Franks per Stück, aber es sollen ja nur ganz flüchtige Kopien sein, und er meint, du würdest höchstens drei Tage au einer ar- beiten." „Du findest dies in der Ordnung, du hältst es für meine Pflicht, dies— anzuncmen?" Sie blickte ihn mit einem flehenden Lächeln in die Augen. „Wenns einmal not tut, Alfted, kannst du's ja auch billiger geben." Seine Stimme wurde noch tonloser.„Und du begreifst nicht, Marie, daß durch solche Arbeiten nicht allein mein künstlerisches Renommö vernichtet wird, daß sie mich auch in meinen eigenen Augen zur niedersten Bedeutung herabdrücken? daß dadurch der lezte Rest von Selbstvertrauen, von Selbstgefül in mir erstickt wird?"— Er sprang plözlich in die Höhe, und seine Empörung, die er nicht länger niederziikänipfen vermochte, brach in lauter und heftiger Weise aus. „Ah, nein nein, du begreifst es nicht, in dir ist kein Funke von Jdalismus, und du"— du hast kein Verständnis für meine Gedanken, für meine Ziele— wollte er sagen, aber gewaltsam schluckte er die harten Worte hinunter. Ter einmal entfesselte Zorn ließ sich indes nicht so rasch eindämmen und er für nur noch ungestümer fort:„Nun gut, gut, ich werde diesen Autrag annemen, ich werde auch dieser Notwendigkeit mich fügen, und sollte ich dadurch moralisch und künstlerisch so tief sinken, daß ich mich nimmer davon erheben kann." Marie, von so ungewollter Heftigkeit bestürzt und erschreckt, brach in Tränen aus. „Du brauchst es nicht zu tun, wenn du nicht willst," rief sie weinend,„und du brauchst mich nicht zu fragen in- diesen Sachen; ich kenne mich da nicht aus." Als aber nun das Kind zu schreien begann und nach der Mutter verlangte, eilte sie auf dasselbe zu und ihre Gedanken erhielten schnell eine andere Richtuug; sie trocknete ihre Augen und sie suchte die Kleine zu beruhigen und in ihren Bedürfnissen zu befriedigen.(Fortsezimg folgt.) Wunderliche Heilige. Bilder aus der Kulturgeschichte des elften Jarhunderts. Von Dr. Wall W�gker. k räume zu geben, weil sie sich eben blos auf die äußeren Ereig- Selbst die genaueste Kentnis der Allgemeingeschichte vermag uisse und Begebenheiten richtet, selten aber nur mit den Ver- keine richtiqe und wirklich klare Vorstellung von den Zuständen hältnissen vertraut macht, die das innerste Denken nnd Empfinden und vor allem der Anschauungsweise uns ferner liegender Zeit- der Menschen von damals bestimten und so erst als der wäre - 400- Grund die wirkliche Erklärung jener an die Oberfläche tretenden Aufklärungen können immer nur das Ergebnis einer Betrachtung Erscheinungen und Geschehnisie sich erweisem solche näheren der Art des alltäglichen Lebens, der äußeren Daseinsformen nicht lr S S V <5" (5t minder wie der inneren treibenden Kräfte, des geistigen und sitt- Kentnis der Kultur einer Zeit wesentlichsten Umstände vergönt lichen Besizes, sein, und einen tieferen Blick in diese für die nur die Spezialgeschichte. So reich nun der Quell dieser lezteren für die späteren Jarhunderte in allerhand Dokumenten, Chro- niken, Monographien, Memoiren und den verschiedensten Einzel- darstellungen fließt, ein so spärliches Licht werfen die Geschichts- denkmäler früherer Perioden, wenn uns immerhin davon auch ein verhältnismäßig reicher Zchaz überliefert ist, in das Alltags- treiben und Leben, wie es damals stattgefunden hat, und dessen Je ärmer wir daher an Darstellungen sind, die uns mit jenen, eben hervorgehobenen Verhältnissen bekant machen, um so freu- diger werden wir jeden Lichtstral begrüßen, der durch die Erzälungen eines gleichzeitigen Werkes auf dieselben fällt,— ein solches Werk ist die Lebensbeschreibung des Bischofs Mennverk von Paderborn, die uns ein Mönch des Klosters Abdinghofe»— wir wissen seinen Namen nicht mit voller Bestiint- heit, warschein- lich aber hieß er Gumbert und war Abt des ge- nanten Klosters — � hinterlassen Mennverks, reiche und ge- naue Kunde von dem Schalten und Walten die- ses„wunder- liehen und nmn- � � derbaren Heili- WMW MWt?'/ gen", wie ihn / Giese brecht HtWA flr■ in seiner Ge« ml V P �■' schichte der IjESI' deutschen Kaiser- B wHiwur' zeit mit vollem ----— Rechte nent, er- W alle gleichzeiti- gen Geschichts- quellen wird auf aussürlichere Schilderung aus einer zeitgenössischen Feder in jedem das bestimtestc dargetan, daß diese Biographie des Bischofs in Falle unser ganz besonderes Jnterepe auf sich ziet. den hauptsächlichsten Zügen wirklich Geschehenes, nicht etwa blvs Tie dem Schlüsse des ersten Jartansend unsrer Zeitrechnung Fabelhaftes bietet, wenn auch selbstverständlich, infolge der münd- zunächst vorangehende und folgende Zeit,— wie ist sie in allen lichen Ueberlieferung, die sich viel um das merkwürdige Bild ihren Strebungen und Lebensformen verschieden von der unfern, des merkwürdigen Mannes zu tun machte, manches Legenden- wie erscheint sie uns ihrem innersten Wesen nach noch völlig in artige mit in die Charakterschilderung desselben hineinverwebt Dunkel gehüllt,— wie liegt sie unserm Verständnis so fern! sein mag. In dem Leben und Wirken der Geistlichkeit im allgemeinen treten märend dieses Zeitraums die verschiedenartigsten Züge her- vor. Auf der einen Seite ist sie die Trägerin und Hüterin der aus den Stürmen der Völkerwanderung geretteten und vor allem durch Karl den Großen und die Ottonen in kräftigen Schuz gc- nommenen klassischen Bildung des Altertums, und es genügt, nur einige der hervorragendsten Namen ju nennen, um dem Leser ihre Wirksamkeit zum Bewußtsein zu bringen. Wir erinnern an Rhabanus Maurus, den berühmten Abt von Fulda und nach- maligen Erzbischof von Mainz, der nicht blos teologische, sprach- wissenschaftliche und politische Werke, sondern auch Gedichte schrieb, an den nicht allein mit den Kirchenvätern und Klassikern, sondern auch mit den matematischen, astronomischen und Musikwissenschaft- lichen Kentnissen der Araber auf das innigste vertrauten Gelehrten und Staatsmann Gerbert, den Lehrer und Freund des schwär- merischen Kaisers Otto III., ein Mann, den man mit Fug als den Aristoteles seiner Zeit bezeichnen darf, an Bernward von Hildesheim, der sich sowol als Maler, Erzgießer, Baukünstler, Dichter und Gelehrter selbstschöpferisch betätigte, wie er auch da- für sorgte, daß talentvolle Knaben, die er heranzog, in gleicher Richtung ausgebildet wurden,— an die bckante Klosterschule von St. Gallen, wo die Notkare und Ekkeharde ihre Wissenschaft- liche und dichterische Wirksamkeit entfalteten,— an Reichenau, wo Malafrid Strabo als Abt tätig war, und Hermann der Lahme, die edelste Erscheinung seiner Zeit, ausgezeichnet durch umfassende Gelehrsamkeit nicht minder, wie durch den Reichtum seines Gemüts und die Hoheit seines Charakters,— an Widukint von Corvey, den sächsischen Geschichtschreiber,— und an andere strenge und gewissenhafte Historiker, wie Thietmar von Merseburg und Lambert von Hcrsfeld,- an den Abt Wilhelm von Hirschau, der„philosophische Institutionen" verfaßte—„Philosophie ist die gewisse Erkenntnis der sichtbaren und unsichtbaren Welt", erläu- terte er den Begriff— und durch die Erfindung einer Sphären- uhr die Zeitgenossen in Erstaunen sezte,— und an alle die übrigen hervorragenden Männer, die nicht nur als Lehrer und Erzieher der jungen Kleriker in den Klöstern tätig waren, sondern auch die Söne weltlicher Großen in wissenschaftlichen und künst- lerischen Kentnissen und Fertigkeiten unterrichteten oder, an den Hos gezogen, als kluge Staatsmänner und Berater der deutschen Könige sich bewärten. Und es pflegten solche Mönche, Aebte und Bischöfe ihres Berufs mit ebenso großem Ernst und Eifer, wie sich die von ihnen herangebildeten Zöglinge später dieser Mühen dankbar erinnerten. Mit inniger Rürung gedachten diese der „ehrwürdigen Rute der Väter", und:„Ich bin stolz darauf, daß ich es war, der Deine ungeschickten Finger mit meiner Hand zum Schreiben anleitete, und wenn du schlecht schriebst, Dir die Buch- staben auf den Rücken bläute,"— schrieb u. a. ein Zcholastikus um das Jar 1066 im Gefüle freudiger Genugtuung an einen seiner früheren Zöglinge, der inzwischen ebenfalls ein gelehrter Mann geworden. Auch den Pflichten geistlicher Asketik wurde von vielen mit peiiilicher Sorgfalt entsprochen,— ja, es geschah dies zuweilen in einer an Wahnsinn grenzenden fanatischen Weise. So gab es Mönche, die das gröbste Gewand trugen, alle feineren Speisen verschmähten, vielmehr ihre Portionen zn den Kranken trugen, kein Bett hatten, sondern vor den Altären auf bloßer Erde oder wo sie gerade der Schlaf überfiel, ruhten und des Nachts Holz vor die Häuser der Armen brachten. Andere trieben ihre frommen Hebungen so weit, daß sie infolge des fortwärenden Niedersinkens zum Gebete Schwielen an den Knieen bekamen, jedes Bad flohen, von frühester Jugend bis in das späteste Alter kaum eicktnal das Hemd wechselten, bis zur völligen Schwächung des Magens fasteten, in bettelhafter Kleidung umherzogen und die Leute reizten, sie zu schmähen und zu schlagen, um sich dadurch in Demut zu üben und das Fleisch zu kasteien. Ja, es geschah sogar, das Mönche, die sich in der Kirche vom Satan befallen wänten, hinausliefen und in einen Teich sprangen oder durch Dornen krochen, um sich zu reinigen und die Sinne zu zähmen. Petrus Damiani, der feu- rige Staatsmann und Parteigänger Hildebrand's, des nachmaligen Papstes Gregor's VII., schrieb sogar eine Reihe besonderer Ab- Handlungen vom„Lobe der Geißel", und belustigend ist die Er- zälung, derzufolge Kardinal Stephan an einem Freitage in die Kirche von"Monte Casino kam und zu seiner großen Ueberraschung bemerkte, daß die Fratrcs alle mit entblößtem Rücken beisammen standen,— es war auf Veranlassung eben Damiani's geschehen, der sie in vollem Ernste überredet hatte,„zur Mehrung ihrer Tugenden" sich jeden Freitag geißeln zu lassen. Kardinal Stephan lachte zwar herzlich, meinte aber doch, diese Art von Bußübungen als sehr unwürdig untersagen zu müssen. Als so strenge Asketen sind ferner aus dieser Zeit vor allem bekant: Adalbert von Prag, der als Bischof von Böhmen seine eigene Gemeinde mit dem Banner belegte und seinen Tod unter den heidnischen Preußen fand(23. April 997), sowie Romuald, der Stifter des Ordens der Kamaldulenser. Daß diese Art des frommen Treibens an der Lasterhaftigkeit jener Zeit nichts änderte, zeigt, daß Petrus Damiani nicht blos Abhandlungen vom„Lobe der Geißel" schrieb, sondern auch ein sehr zorniges„Buch von Gomorrha", in welchem er die Laster der Geistlichen— und gerade zu seiner Zeit, im elften Jarhun- dert, verrotteten die Zustände unter denselben immer mehr— mit sehr unangenemer Genauigkeit förmlich in Rubriken gebracht hatte, welches ihm aber Papst Alexander II. in listiger Weise aus den Händen zu entwinden wußte. Auch andere zeitgenössische Schriftsteller ergehen sich in bitteren Klagen und Vorwürfen über das lüderliche Leben vieler Angehörigen der Geistlichkeit. So wird u. a. von Mönchen erzält, die, namentlich in Zeiten äußerer Unruhen, nicht zum Gottesdienst kamen, sondern aller- Hand Lustbarkeiten nachgingen, dem Abte die gebärende Höflich- keit verweigerten und nicht selten schimpften und fluchten, wenn die Portionen ihnen bei Tische nicht groß schienen. Zur Strafe für solch' unklösterliches Gebaren ließ freilich ein energischer Abt die Widerspenstigen zuweilen öffentlich auspeitschen. Auch konte man immer auf der Landstraße Mönche finden, die von einem Kloster zum anderen zogen, sich umkleiden ließen und eine zeit- lang sich pflegten, um dann davon zu laufen. Als Kaiser Hein- rich It. die Klöster zu reformiren begann und beispielsweise der neu eingesezte Abt von Hersseld, Godhard, den Brüdern unver- weilt eröffnete, daß sie sich entweder nach den Pflichten ihres Ge- lübdes zu richten oder die Mauern des Klosters zu verlassen hätten, gingen sofort fünfzig hinweg, blos zwei oder drei blieben zurück, und nur die Äiot veranlaßte später einen großen Teil der Ausgeschiedenen, den Schuz des Klosters wieder aufzusuchen. Freilich erhielten die Mönche auch von ihren Aebten nicht immer die beste Anleitung. So weiß Lambert von dem Bamberger Abt Rauotbart, der den Beinamen, der Geldmann" oder wie Stumpf das betreffende Wert sehr bezeichnend übersezt,„Küsse den Pfennig" (Geldzauch) fürte, zu berichten, daß er schon als Mönch den schmu- zigsten Wucher getrieben, sich unermeßliches Geld zusammenge- scharrt und dann, nachdem er Abt geworden,— er,„dieser Engel des Satanas", wie ihn der Hersfelder Geschichtsschreiber,„von der Gewalt des Schmerzes getrieben", nent,— die Brüder„in der Zucht seiner Kunst, d. i. des Wucherns und Schacherns", unterwiesen und sie,„wie der Vater die Söne", gelehrt habe, „seiner Lebensweise und seinen Sitten geradewegs nachzugehen". Bei„dem Amtsantritt eines neuen, strengeren Abtes" zerstoben denn auch hier die Mönche alle„wie Blätter vor dem Winde".... Etwas zu weit ging wol der übereisrige Damiani, wenn er selbst den Mönchen des Klosters Kluzey, unfern der Sarne bei Mayon gelegen, bekantlich der Hauptherd der damals begonnenen geist- lichen Reformbestrebungen, ein allzu üppiges Leben vorwarf, und der gewante Abt Hugo, der Pate Kaiser Heinrichs IV., entgegnete ihni sehr zutreffend, er möchte nur erst einmal acht Tage lang sich den Dlensten im Kloster unterziehen, um beurteilen zu können, ob die Mönche gut lebten.„Wer das Gemüse nicht gekostet hätte, könne nicht angeben, ob Salz daran fele".... Aber selbst viele Bischöfe sind in sehr weltlichen Geschäften Meister gewesen. So sagte man Hermann von Bamberg nach, — und es wird von allen gleichzeitigen Geschichtschreibern über- einstimmend bestätigt— daß er vom Latein sehr wenig, aber desto mehr von der„Administration der Finanzen" verstanden, sein Bistum offenkundig gekauft und sich, deswegen vom Papst zur Rechenschaft gezogen, nur durch einen Meineid zu reinigen ge- wüßt habe. Bruno, der Verfasser des„Sachsenkriegs", charak tcrisirt ihn wörtlich so:„ein Wucherer, der sich besser daraus verstand, die Geldstücke aus verschiedenen Münzstätten zu schäzen, als den Text irgend eines Buches, ich will gar nicht einmal sagen, zu verstehen":c. Bezeichnend ist die Erzälung bei Lambert, daß man den Probst Kraft von Goslar über seinen Schäzen tot ge- fanden habe, wie es denn nichts seltenes ivar, daß reiche Dom- yerren, die sich durch Wucher ein großes Privatvermögen erworben hatten, sich heimlich in ihr Zimmer einschlössen und daran er- gözten, daß sie die verborgenen Geldtruhen aus dem Bersteck holten und die angehäuften Summen mit der Hand durchwülten. Karl, Kanonikus von Magdeburg, dem Heinrich IV. das Bistum 403 Konstanz übergab, wurde von den Geistlichen seines Bezirks nicht blos des Handels niit geistlichen Aemtern, sondern auch beschul- digt,„die meisten Schäze der Kirche diebisch entwendet zu haben." Nicht wenige Bischöse waren auch den leiblichen Genüssen in bedenklichem Maße ergeben. Nur einige Beispiele dafür. Adal- bert von Worms(1065—71), der nur dem Umstände, daß er der Bruder des Herzogs Rudolf von Schwaben war, seine Er- Hebung auf den bischöflichen Stul zu verdanken hatte und vor allem seiner Lahmheit wegen in das Kloster St. Gallen eingetreten war, hatte sich so wol gepflegt, daß das Volk steheir blieb, wo er erschien, und den feisten Menschen,„eine in jeder Hinsicht sehens- werte Erscheinung", wie sich Lambert naiv ausdrückt, anstarrte, —„denn er war von so großer Stärke, von unersättlicher Eß- lust und von so gewaltiger Dicke, daß, wer ihn ansah, darüber mehr Schaudern, als Verwunderung empfand, ja, daß selbst der hundertarmige Gigant oder jedes andere Ungeheuer des Alter- tums, wenn es der Unterwelt entflöhe, die Augen und die Auf- merksamkeit des staunenden Volkes nicht in so hohem Grade auf sich ziehen würde." Er erstickte zulezt in seinem Fette. Von mehreren anderen Bischösen änlicher Art erzält der ebenfalls im 11. Jarhundert lebende Geschichtschreiber Adam von Bremen. So bezeichnet er den Bischof Avoco(gest. um 1060) von Seeland und Sconen als sehr unmäßig und berichtet von Heinrich dem„Dicken", der das Bistum Lundona in Dänemark inne hatte, daß er ein sehr üppiges Leben fürte und, von„der heillosen Gewonheit, sich den Leib vollzutrinken verlockt, zulezt endlich erstickt und aus- einandergeplazt sei". Ferner habe der Bischof Acilin„nichts der bischöflichen Würde entsprechendes" an sich gehabt,„als eine außer- ordentliche Körpergröße". Er war vom bremer Kirchenfürsten zum Bischof in Schweden ordinirt, blieb aber,„die Ruhe des Fleisches liebend", trozdem von Schweden aus eine besondere Ge- santschaft an ihn geschickt wurde, bis zu seinem Tode in Köln, „den Vergnügungen ergeben"..... (Fortsezung folgt.) Die Aegyptililogie und die Entzifferung der Hieroglyphen. Von Dr. Lp.(Schluß.) Als Champollion viel zu frühe für die Wissenschast, 43 Jare alt, starb, hinterlies er das fertige Manuskript der größten Hiero- glyphengrammatik, welche bis auf diesen Tag geschrieben worden ist. Auf seine Arbeiten gestüzt ist nach seinem Tode die neue Wissenschaft der Aegyptiologie gewaltig vorgeschritten und schon seit Jaren so weit gekommen, daß kein Zaz, kein Hieroglyphen- bild eines altägyptischen Denkmals dem Europäer mehr Schwierig- keiten bereitet, als etwa ein undeutlich geschriebener Bris dem Adressaten bietet, und daß ein Aegyptiologe in Petersburg die- selbe Papyrusrolle genau so übersezen muß wie sein Kollege in Kairo. Diese riesige Entmickelung der neuen Wissenschaft offen- barte sich so recht bei einem neuen glücklichen Schriftfunde vor 15 Jaren. Als nämlich im I. 1366 der hochbcrühmte Aegyp- tiologe Lepsius aus Berlin behufs geographischer Untersuchungen im Nildelta eine neue Reise nach Aegypten unternam, gelang es ihm, in ben Ruinen von Tanis eine wiederum in drei Schrift- arten: Hieroglyphisch, Demotisch und Griechisch abgefaßte Stein- Inschrift aufzufinden. Der Inhalt dieser Urkunde war ein Be- schluß der zu Kanopus(der altägyptischen Küstenstadt an der kanobischen Nilmündung) versammelten ägyptischen Priester zu Ehren des Ptolemäus 111. Energetes. Dieses sogenante Kano- bische Dekret, dessen Text noch in demselben Jare zu Berlin publizirt wurde— das kostbare Originaldenkmal befindet sich im Museum zu Bulak— würde von keinen, heut lebenden Aegyp- tiologen anders gedeutet werden können, als die Hieroglyphen der Tafel von Rosette zu Anfang diefes Jarhunderts von Cham- Pollion gedeutet wurden, und wenn ein Hieroglyphenkundiger von heute die ihm zum ersten mal vorgelegte ägyptische Inschrift des von Lepsius gefundenen Dekrets von Kanopus ins Griechische übersezt, so muß derselbe griechische Text, wenigstens genau der- selbe Inhalt, herauskommen, wie ihn auf dem Kanopischen Stein die griechische Inschrift tatsächlich zeigt.— Von der großartigen Erweiterung unserer Geschichtskentnis infolge der Entschleierung der Hieroglyphenrätsel, von der über- raschenden Fülle des vorgeschrittenen Kulturlebens, die sie uns offenbart aus einer Zeit, welche bis weit vor die Patriarchenge- schichte der Bibel zurückreicht, gedenken wir in einem folgenden Artikel dem freundlichen Leser ein Bild zu zeichnen. Heute sei es uns am Schluß nur gestattet, in direkter Anknüpfung an den Eingang dieser SkiM den nachfolgenden Brif des Professor Brugsch mitzuteilen, der soeben aus Aegypten veröffentlicht wird, und der über die allerneuesten wichttgen Entdeckungen und zu- gleich über die lezte Tätigkeit des verstorbenen Mariette-Bey in- terefsante Kunde bringt: Sioitt*) 2. März 1881. „Ich habe die Ehre, dem Institut*"*) folgende Mitteilung zu wachen. Vierzehn Tage vor seinem Tode ließ mich Mariette- Pascha der tiefbetrauerte Präsident des Instituts, an sein Krankenlager rufen, um mich zu bitten, ihm und der Wissenschaft, die *) Die jezige Hauplstadt Obcrägyptens., � p, x **) Der Brif war an da� ägyptiologrsche Institut zu Kairo ge- richtet. er so hoch schäzte, einen Dienst zu erweisen, dessen Bedeutung er selbst noch nicht ermessen konte. Im vorigen Jare, unmittelbar vor feiner Abreise nach Frank- reich, erhielt Mariette-Pascha die erfreuliche Nachricht, daß eines der pyramidenartigen Monumente(Mariette nante sie„Mastaba"), die auf dem Wüstenplateau im Osten der Landschaft Sakkara ge- legen sind, von den im Dienste des Museums befindlichen Ära- bern geöffnet wurde. Diese wackeren Leute hatten unter der ge- schickten Leitung ihres ägyptischen Chefs das auf der Nordseite gelegene Eingangstor blosgelegt und den langen Gang geöffnet, der zu den Trauergemächern im Inneren der Pyramide fürt. In der enormen Länge von 36 Metern war der Gang mit hiero- glyphischen Zeichen bedeckt, die auf jeden Schritt die zwei Namen Merira und Pepi zeigten und die beide von dem elliptischen Kö- nigsringe umgeben waren. Mariette, dem man die Nachbildung eines Teiles des Textes überfant hatte, glaubte in denselben die Namen eines hohen Würdenträgers zu erkennen, da bis jezt diesen beiden Namen nirgends diejenigen Titel beigesezt waren, die ge- wönlich nur den Eigennamen der Pharaonen zukamen. Indem mir Mariette diese Mitteilung machte, erzälte er mir auch, daß die Araber der Ausgrabungs-Brigade den Eingang einer zweiten Pyramide in der nächsten Nachbarschaft der ersten entdeckt hatten, deren Gang und Totengemach gleichfalls mit zal- reichen Inschriften bedeckt waren. Gehen Sie morgen, bat er mich, nach Sakkara, studiren Sie die zwei Pyramiden oder Mastaba an Ort und Stelle und lassen Sie mich so bald als möglich das Resultat Ihrer For- schungen wissen. Vielleicht erweisen Sie der Wissenschaft einen großen Dienst." Am Morgen des 4. Januar d. I. reiste ich mit meinem Bruder Emil, dein Adjunkten im Museum zu Bulak, nach Sakkara ab. Am Abend desselben Tages um 9 Uhr war ich so glücklich, meinem armen Freunde einen ausfürlichen Bericht zu überbringen. Seine Augen glänzten vor Freude, als ich ihm die folgenden Mitteilungen machte: 1) Die zwei ausgegrabenen Totenmonumente find wirkliche Pyramiden. 2) Diese Pyramiden enthalten: die eine die Hand des Königs Pepi, der oftmals den Namen Merira fürt, die andere die Hand des Königs Me— en— ra, des ältesten Sones von Pepi aus der sechsten Dynastie*) Altägyptens. 3) Die granitnen Sarkophage, welche die Mumien der zwei Könige enthielten, wurden auf ihren alten Pläzen vorgefunden. Hieroglyphische Inschriften zieren den Deckel und die Außenseiten der Sarkophage. Diefelben lassen den Nachweis zu, daß die Namen Pepi und Mer— en— ra die Namen von Königen und nicht von Persönlichkeiten des Pharaonischen Hofes sind. 4) Die Mumie des Königs Pepi ward gut erhalten, wenn auch schon ftüher ihrer Kostbarkeiten beraubt, in den Pyramiden vorgefunden. *) Diese Dynastie regirtc ca. 3000 Jare vor Christi Geburt; die gefundenen Denkmäler sind also über 430V Jare alt. 5) Die beiden Pyramiden repräsentiren die ersten Exem- Plare königlicher Gräber des alten Reiches, die mit Hiera- glyphischen Inschriften versehen sind, und diese Inschriften ent- halten nicht nur die vollständigen Namen der begrabenen Phara- onen, sondern machen uns auch zum ersten mal mit einer langen Reihe von religiösen Sprüchen aus dem„Buche der Toten" der Altäghpter bekant. 0) Die Inschriften erwänen auch des Sternes Pothis(Si- rius), des Gestirnes Sahir(Orion), des Planeten Venus und konstatiren daher die Kentnis der Astronomie in den so weit ent- schivuiidenen Zeiten der sechsten Dynastie. 7) Die Gänge und die Totengemächer im Innern der Pyra- miden, sowie die Sarkophage, die Mumie» und die Gegenstände, die daselbst gefunden wurden, hatten durch äußere Eingriffe viel zu leiden. Vieles ist nämlich von Dieben, die sich vor Jarhun- derten in die Pyramiden einschlichen, gestolen tvorden. Wie es scheint, zerbrachen diese Diebe auch alles, was ihrer Raublust Schwierigkeiten entgegenstellte. 8) Die Entzifferung der zalreichen in den Kalksteinen der Py- rannden eingemeißelten oder gemalten Inschriften ist von der höchsten Wichtigkeit für die Wissenschaft. Sie enthüllen uns zum ersten male die genaue Kentnis der teologischen Ansichten und die j Ein RMer n. Man spricht von einem Emdurrss de ricliesse— von einer Verlegenheit des Reichtums—, es gibt aber auch einen Embarrae de sueeös— eine Verlegenheit des Erfolgs. Man kann zuviel Erfolg haben: Disraeli ist ein Beweis dafür. Der wunderbare Erfolg, den Disraeli seinem wunderbaren Willen verdankt hat, ist seinem Dichter- und Schriftstellerruhm verhängnisvoll geworden: der Dichter und Schriftsteller Disraeli hat schwer unter dem Politiker Disraeli zu leiden gehabt. Nicht daß der Politiker in ihm den Dichter und Schriftsteller geschädigt hätte— im Gegen- teil, er gibt ihm erst sein innerstes Wesen—, aber er hat ihn seiner Lorbeeren beraubt, wenigstens sie stark gekürzt. Die Welt ist gegen den Schriftsteller und Dichter Disraeli ungerecht, aus lauter Bewunderung für den Politiker Disraeli. Niemand kann sich denken, daß ein so bedeutender Staatsmann auch ein bedeu- tender Schriftsteller und Dichter sein könne. Seine Dichtwerke werden nicht ernsthaft genommen, sie werden als Kuriositäten, als Nebenbeschäftigungen, als geistreicher Zeitvertreib betrachtet und aus Bewunderung für die Person des Verfassers— unter- schäzt. Und doch hätten grade die Engländer aus ihrer Geschichte lernen können, daß prakttsche Staatsmanschaft sich sehr gut mit hervorragenden schriftstellerischen Leistungen verträgt. Waren doch Baco von Verulam und Thomas Morus— von anderen, kleineren nicht zu reden— ebenfalls Kanzler von England, Vor- gänger Lord Beaconsfields am Steuerruder Großbritanniens. Wäre Disraeli nie ins Parlament gekommen und wäre sein Name nie in der Politik genant worden, so würde er sich durch seine Romane einen dauernden Namen gemacht haben. Für den Augenblick, und wol auch auf einige Zeit hinaus, durch den politischen Glanz ihres Urhebers verdunkelt, werden sie über kurz oder lang nach ihrem waren Werte geschäzt werden und einen wolverdienten Plaz neben den besten Romandichtungen des nach- scott'schen England einnemen. Der Politiker Disraeli und der Romanschreiber Disraeli ge- hören zu einander, und in den Romanen Disraeli's spielt auch die Politik eine große Rolle,— trozdem ist es ganz falsch, was von vielen Rezensenten behauptet wird: daß die disraeli'schen Romane eigentlich nur poetisircnde Leitartikel seien. Das ist entweder ein schlechter Wiz— oder die Rezensenten haben die disraelchchen Romane nicht gelesen. Wenn die Politik in denselben eine große Rolle spielt, so hat r.1"611 �hr natürlichen Grund in der Lebensstellung und Äc>chäftigung des Autors. Der Dichter soll in das Leben hineingreifen. Hineingreifen kann er aber nur in das Leben, welches ihn umringt. Und das hat Disraeli getan. Hiermit ist auch zugleich der andre Vorwurf widerlegt, Disraeli habe namentlich in seinen späteren Romanen nur Personen und Zustände der höheren und höchsten Gesellschaft vorgefürt. Das ist zum Teil Kulturgeschichte einer Epoche, die bis jezt nur in wenig mytho- logischen Namen, welche man in den Gärten zu Giseh und Sak- kara vorfand, Erinnerungen ihrer Existenz zurückgelassen hatte. Diese Inschriften geben außerdem ganz neue Aufschlüsse über die Sprache, die Grammatik, die Syntax und die Schreibart der aller- ersten Sprache des Pharaonischen Ägyptens. Nachdem Mariette meinen Bericht gehört, ergriff er meine Hand,„Tausend Dank," flüsterte er,„für Ihren Bericht. Was Sie mir mitteilen, ist höchst merkwürdig und wiegt das Serapeum auf, daß Sie gesehen und mit mir vor 30 Jaren studirt haben. Aber Iverde ich jemals diese Pyramiden sehen? Umarmen Sie mich und kommen Sie bald wieder zu mir!"— Einige Tage später kehrte ich wieder zu Mariette zurück. Er tonte nicht mehr sprechen. Ich sah ihn zum lezten male. Am 18. Januar hauchte er seine Seele aus. Ich hatte einen Freund verloren, der mich seit dem Jare 1850 geliebt hat. Am 18. Januar 1850 eröffnete er mir zum erstenmale die Pforte des Serapeums*). _ Heinrich Brugs ch." *) Serapeum wurde das Heiligtum des unterweltlichen Gottes Serapis zu Memphis genant. MM ddlL(Schluß.) falsch, und soweit es nicht falsch, kein Felcr. Daß Disraeli in allen Klassen und Ständen den Menschen zu finden wußte, das hat er durch seine„ Sybil" gezeigt, welche die englische Arbeiter- bewegung zu Ende der dreißiger Jare behandelt, und daß er von der Lage der Fabrikarbeiter in den großen Industriezentren, und von den Bestrebungen der Gewerkschaften und der Chartisten die glänzendste und doch trcueste Schilderung gibt, welche die Literatur kent. Das einzige Werk, welches ihr nahe komt, ist Kingsley's „Alton Locke". Und daß Disraeli's Feder nicht durch die Politik ausschließlich gelenkt ward, zeigt uns das in der Farbenpracht des Hohenlieds funkelnde Heldengedicht in Prosa:„David Alroy", die Geschichte einer der niittelalterlichen Judenerhebungen gegen die Muhame- dauer. David Alroy hat das Blut des Königs David in den Adern, er brütet lange darüber, wie er sein niedergetretenes Volk wieder zu Ehren bringen kann: ein Streit mit einem muhame- danischen Prinzen, den er tötet, macht seinem Brüten ein Ende, zwingt ihn zur Tat,— er wallfartet nach Jerusalem, erlangt das geheimnisvolle Szepter Salomos und cnffaltet die Fahne der Rebellion. Siegreich, solange er den Willen des alttestamentari- schen Gottes und der rechtgläubigen Priesterschaft vollstreckt, be- gint er zu sinken im Moment, wo er sich von Gott und der Priesterschaft abwendet. Vor dem Tode aber versönt er sich mit Jehovah und sühnt seine Schuld. Wenn man dieses merkwürdige Epos— Disraeli selbst hat es eine„voudrcrns tale", wunderbare Erzälung, genant— durch- liest, glaubt man abwechselnd das Hohelied, Davids Psalmen oder das Buch der Makkabäer vor sich zu haben. Disraeli hat auch ein Drama geschrieben:„Count(Graf) Alarcos": Alarcos, ein Vetter des Königs von Kastilien, ist mit dessen Tochter verlobt, wird durch die Königin, deren Liebe er verschmät, zur Entfernung vom Hof genötigt, heiratet eine andre, sucht aber hernach doch die Hand der Königstochter zu erlangen, und verstrickt sich, vom Ehrgeiz getrieben, in ein Nez- werk verbrecherischer Jntriguen, in welchem er zulezt sich selbst fängt und zugrunde get. Eine reiche, ja üppige Phantasie, eine blendende, bilderreiche Sprache und wiziger Dialog, die in keiner Dichtung Disraeli's felen, zeichnen auch diese Tragödie aus, können jedoch die Tatsache nicht verhüllen, daß Disraeli bei all' seiner dramatischen Kraft für das Drama keinen Beruf hatte. Mit dem„Vivian Grey", der 1826 erschien, fand Disraeli sein eigentliches Genre: den sozialpolitischen Roman. Hier ist er er selbst; und hier wirft er den Schatten sefticr kommen- den Größe voraus. Schon das Motto ist charakteristisch und prophetisch: IVhy then, the world's my oyster, Which I with sword will open. Die Welt ist meine Auster; ich will sie mir mit dem Schwert öffnen. Er hat sie sich geöffnet mit dem Schwerte des Geistes. Bei der Fabel des„Romans", wenn anders für diese lose aneinander- gereiten satirischen Skizzen der Ausdruck Roman erlaubt ist, halten wir uns nicht auf— nur soviel: in Vivian Grey haben wir Disraeli wie er leibt und lebt: mit seinem Ehrgeiz, seinem Selbst- vertrauen und seiner Verachtung für die Mitglieder der regierenden Klasse. Der„Judenjunge" erkent, daß die englische Aristokratie das Zeug nicht in sich hat, ihre Herscherstellung aus eigenen Geistesmitteln zu behaupten, daß sie jemand braucht, der sie fürt, der sie rettet. Die ganze politische Karriere Benjamin Disraeli's läßt sich zwischen den Zeilen herauslesen. „Was ich will, das kann ich," ist das„Leitmotiv" seines Romans, wie es das Leitmotiv seines Lebens war. Die All- gewalt des menschlichen Willens.— Und der Wille ist nicht blos Erfolg, er ist Genie. Zu Anfang der dreißiger Jare veröffentlichte Disraeli das so- genante„Revolutionäre Epos"(Revolutionary Epic), welches ihm später mancherlei Verlegenheiten bereitet hat. Mit der Poesie — es ist nämlich ein Epos in Versen— hatte er kein Glück. Das„Revolutionäre Epos" enthält nämlich eine Verherrlichung des Tyrannenmords und wurde wärend der Parlamentsdebatten nach dem Orsini- Attentate, als Lord Palmerston das Asylrecht zu beschränken suchte— und dadurch seinen Sturz herbeifürte—, von den Liberalen und Radikalen gegen Disraeli mit boshaftem Behagen ausgespielt. Er hat hernach eine„verbesserte", d. h. „gereinigte" Ausgabe des schlimmen Gedichts veranstaltet. Die beiden Romane„Venetia" und„Henrietta Temple" sind künstlerisch dem besten, was Disraeli geschrieben hat, an die Seite zu sezen; sie haben für uns aber jezt ein untergeord- netes Interesse, weil sie der Individualität Disraeli's weniger zum Ausdruck dienen; sie kommen von allen disraeli'schen Romanen dem Ideal des gewönlicheli�Romanpublikums am nächsten. „Coningsby" und„Sybil", die anfangs und mitte der vierziger Jare geschrieben sind, haben wir bereits als die hervor- ragendsten Schöpfungen Disraeli's bezeichnet. Das politische Element wiegt in diesen beiden Romanen allerdings vor; aber hat dasselbe denn nicht seine poetische Berechtigung? Es sind Tendenzromane. Gewiß. Aber hat der Dichter nicht das Recht seine Anschauungen in seinen Werken zu verkörpern? Eine un- fruchtbare Teorie mag sich mit diesen Fragen abquälen. Die Praxis hat sie längst beantwortet. Der Roman der Gegenwart, ja fast die ganze Literatur der Gegenwart ist sozialpolitisch. Und wie wäre es anders möglich, da die Gegenwart der Sozialpolitik gehört? Disraeli ist, wie nach seinem Tod in den englischen Zeitungen zu lesen war, an dem eisigen Ostwind gestorben, den keine noch lo sinreiche und kostspielige Vorrichtung vollständig vom Kranken- zimmer fern zu halten vermochte. Und dem Einfluß der politischen Atmosphäre können wir uns noch weniger entziehen, als dem des Aprilwindes. Den sozial-politischen Zeitinhalt von dem Roman, überhaupt von der Kunst ausschließen wollen, heißt dem Roman, der Kunst in der Gegenwart die Existenz absprechen. Der sozial-politische Roman ist der Roman der Gegenwart. Und Disraeli ist der Schöpfer des modernen sozial-Po- litischen Romans. Sollte sich die Gelegenheit bieten, so werden wir den Lesern der„Reuen Welt" einige Szenen aus den beiden Hauptromanen vorfiiren; besonders aus„Sybil". Deutsche Uebersezungen sind freilich vorhanden, jedoch, gleich den meisten deutscheu lieber- sezungen, aus lebenden Sprachen, von den gröbsten Schnizern und Geschmacklosigkeiten wimmelnd, so daß man nicht zum Genüsse des Originals gelangen kann. Ein guter Uebersezcr hätte hier eine dankbare und sicher auch lohnende Aufgabe. Sind in„Coningsby" und„Sybil" die allgemeinen sozial- politischen Anschauungen Disraeli's niedergelegt, so hat er uns in„Tancred" seine Ansichten über die orientalische Frage mitge- teilt.„Ihr Engländer", sagt Fakredin, einer der Helden,„müßt den alten Plan Portugals in großem Stile verwirklichen. Ihr müßt ein kleines und erschöpftes Land mit einem großen, weit ausaedehnten Reiche vertauschen. Laßt die Königin von England ihre Flotte versammeln, laßt sie ihre Schäze, ihr Geld, ihr Gold- geräte und ihre kostbaren Waffen in die Schiffe verladen, laßt sie, begleitet von ihrem Hofstaat und ihren Großen, den Siz ihrer Regierung von London nach Delhi verlegen. Da wird sie ein ungeheueres Kaiserreich fertig vorfinden, ein zalloses Heer und glänzende Einkünfte. Ich will für Syrien und Klein- asien sorgen. Die einzige Möglichkeit, die Afghanen zu regieren, ist: durch Persien und die Araber. Wir wollen dann die K aiserin von Indien als Oberlensherrin auerkennen, und ihr die Küste der Levante sichern. Wenn sie will, soll sie Alexandrien haben, wie sie jezt Malta hat. Das wäre zu machen. Eure Königin ist jung, sie hat eine Zukunft. Aberdeen und Peel werden ihr niemals diesen Rat geben; sie stecken zu sehr in ihren gewonten Vorstellungen und Vorurteilen; sie sind zu alt, zu schlau! Aber ihr seht selbst: Das größte Reich, das jemals bestand! Und hat sie das, so ist sie außerdem der Scheerereien mit ihren zwei Kamniern enthoben. Und alles ist völlig aussürbar, da der ein- zige schwierige Teil der Sache, die Eroberung Indiens, an der Alexander der Große scheiterte, bereits ausgefürt ist." Der syrische Emir Fakredin, der diesen Zukunftsplan entwickelt, wird zwar von Disraeli als ein hyperphantastischer, etwas wind- beutlicher Patron geschildert, ist aber doch ein Stück Disraeli, und dreißig Jare später hat der Premierminister Disraeli den Zukunftsplan des Romanschreibers Disraeli— so weit irgend aussürbar— verwirklicht. Die„Scheerereien mit den zwei Kammern" hat sich der Pre- mierminister und Politiker Disraeli aber sehr wol gefallen lassen, ja Freude daran gefunden.— Man glaube übrigens nicht,„Tancred", der beiläufig ein eng- lischer Adliger ist und sich zu Jerusalem in eine Jüdin verliebt, die er warscheinlich auch heiratet, drehe sich blos um das„Asische Geheimnis"(Afiamystery).„Tancred" bildet den Uebergang zu den beiden lezten Romauen Disraeli's:„Lothar" und„Endy- mion", welche in der vornemsten englischen Gesellschaft spielen, und sich innerhalb des Kreises der Creme der Upper Teutbou- sand— der oberen Zehntausend— bewegen.„Endymion", der wenige Monate vor dem Tode des Verfassers erschien, ist wol der schwächste Roman Disraeli's; die Gesellschaft ist etwas zu— ungemischt und der Kultus der Macht drängt sich oft ab- stoßend vor. Aber auch dieser Roman trägt das Gepräge seines genialen Urhebers und bildet ein Stück Zeitgeschichte.— Wer das neue England, wer die englische Gesellschaft kennen, hinter die Swulissen der englischen Politik blicken will, der muß Disraeli's Romane nicht blos lesen, sondern studiren. Was Dickens für die untere Mittelklasse, das ist Disraeli für die oberen Klassen. Sein Talent ist ein anderes, kein ge- ringeres. Und, mit einem umfassenderen Ueberblick begabt, ist es ihm besser gelungen, die unteren Klassen zu schildern, als Dickens die oberen. Mit Dickens hat Disraeli gemein, daß er seine Charaktere aus seiner Umgebung nam. Seine Figuren leben. Es ist— meist tadelnd— behauptet worden, er habe Porträts und Karrikaturen geliefert. Unwillkürlich hat man ihm hiermit das größte Koinpli- ment gemacht. Jedem warhaften Künstler passirt es, daß das Publikum in diesem und jenem die Originale des Bildes entdeckt. Sehr natürlich. Denn die Züge des Bildes sind aus der Wirk- lichkeit geschöpft. Aber der Künstler eutlent den Menschen, welche ihm sozusagen Modell stehen, nur einzelne Züge, seine Gestalten schafft er selbst. Und das hat Disraeli getan. Sein Sidonia ist Rothschild und ist nicht Rothschild, sein Lord Roahampton ist Palmerston und'ist nicht Palmerston u. s. w. Seine Ge- stalten leben, sind aus dem Leben gegriffen, sind aber keine Porträts. Genug— der Dichter Disraeli stet dem Staatsmann Dis- raeli ebenbürtig zur Seite. Er hat als Romandichter Hochbe- deutendes geleistet,— freilich der genialste und wunderbarste Ro- man, den er gedichtet hat, ist das Leben Benjamin Disraeli's, Lord-Kanzlers von England. Durch den jezt veröffentlichten Geburtsschein ist festgestellt, daß Disraeli am 21. Dezember 1804, nicht 180ff geboren wurde, wie bis- her ziemlich allgemein angenommen ward.— Die Schlacht von Majuba. (Schluß.) Die Minuten, Wärend deren ich in den Büschen hing, auf Gnade und Ungnade in der Gewalt der Boeren, die 3 bis 4 Jards über meinem Kopf wegfeuerten, waren wol für mich die schlimsten dieses Unglücks- tags. Ich erwartete nicht, daß die Sieger in der Hize des Kampfs mich schonen würden; sie taten es aber doch und halsen mir schließlich aus meiner sehr unbequemen Lage hinauf auf das Plateau. Man nam mir die Sporen und das Degengehänge, sowie etwas Geld, das aber später zurückgegeben ward; ich verlangte zu dem Oberbeselshaber gefürt zu werden. Man ließ mich einfach los, mir sagend, ich solle zu ihm gehen; ich mußte meinen Weg suchen, so gut es ging. In der Schlucht, wo der feindliche General sich den Tag über auf- gehalten hatte, fand ich eine bunte Menge von Boeren, Gefangenen, Verwundeten und Sterbenden. Um einen Leichnam stand eine dichte Gruppe. Man eilte sofort auf mich zu und fragte, wer der Tote sei. Ich antwortete:„General Colley." Sie wollten es gar nicht glauben. Dr. Tandon, der nach der Flucht unserer Truppen treu bei seinen Ver- wundeten ausgeharrt hatte, lag da mit einem Schuß durch die Brust. Die Boeren hatten beim Sturm auf das Plateau das Genfer Kreuz nicht bemerkt oder nicht beachtet, und in der ersten Hize aus ihn und seinen Gehülfen gefeuert, so daß jezt nur noch ein Arzt, Dr. Mahon, da war, um die vielen Schwerverwundeten zu besorgen. Nach einigen Schwierigkeiten fand ich Smith, den General der Boeren, stellte ihm vor, daß ich nur als Zeitungs- Berichterstatter die Schlacht mitgemacht habe, und bat, mich ins britische Lager zurückkehren zu lassen. Anfänglich wollte er es nicht erlauben, weil er meinte, Ge- neral Joubert werde mich zu sprechen wünschen, allein schließlich gab er mir doch einen Paß, unter der Bedingung, daß ich den folgenden Tag mich wieder stelle. Ich fand die Boeren durchweg außerordentlich höflich. Ihre Hal- tung war manhast, one jegliche Spur von Pralerei. Sie schrieben alle und jeder ihren Sieg dem„Gotte der Schlachten" zu, der aus Seiten des Rechts sei. Diese Männer sind von einem änlichen Geiste beseelt, wie die schottischen Covenanters; es ist das ein Geist, der die Menschen, und seien es Christen oder Muselmänner, Britten oder Boeren zu hel- denmütigem Kampf und unbezwinglicher Ausdauer befähigt. Auf dem Weg mit meinen Fürern, die mich aus den Linien der Boeren geleiteten, war ich Zeuge des Boerenangriffs auf die Abteilung Hochländer und Schüzen, welche General Colley am Fuß des Berges zurückgelassen hatte. Es waren 2 Kompagnien; und im Lause des Morgens war noch eine Schwadron Husaren zu ihnen gestoßen, die Reservemunition eskortiren sollte, des ungünstigen Terrains halber jezt aber absolut keine Dienste leisten konte. Unsere Leute hatten bereits aus dem Lager durch ein Sonnensignal den Befel zum Rückzug er- halten; und so leisteten sie keinen ernsthaften Widerstand. Auf dem Rückzug wurden etwa 20 von ihnen getötet, verwundet oder gefangen. Die Zal würde viel größer gewesen sein, wenn aus unserem Lager nicht mit Kanonen geschossen worden wäre, die zwar aus so großer Entfer- nung dem Feind keinen sonderlichen Schaden tun kanten, den Boeren, die vor Artillerie einen großen Respekt haben, aber doch imponirten. Doch ja— sie taten Schaden; nur nicht dem Feind, sondern unseren eigenen Leute». Durch eine schlecht gezielte Bombe wurden 4 oder 5 der unsrigen, wie ich deutlich sah, kampfunsähig gemacht. Es war fast 6 Uhr abends, als ich unser Lager erreichte, wo ich zu meinem Erstaunen fand, daß kaum einer von denen, die mit mir bis zulezt auf dem Berg ausgehaltcn hatten, vor mir angekommen. Nur Leute, die vor dem entscheidenden Ansturm die Flucht ergriffen hatten, waren eingetroffen, und diese wußten natürlich wenig zu er- zälen. Oberst Bond, der nächste oberste Offizier im Lager nach General Colley, ordnete, sobald er dessen unzweifelhaften Tot von mir erfur, unverzüglich die nötigen Maßregeln zur Sicherung des Lagers an. Eine Parlamentärfahne wurde mit Ambulancen für die Verwundeten ausgeschickt; es war aber schon Nacht, ehe Dr. Babbington, der den Zug fürte, auf dem Berg ankam. Wie �iach dem Gefecht am Jngago regnete es die ganze Nacht hindurch in Strömen und die unglücklichen Verwundeten, die an den Abhängen herumlagen, mußten unsagbare Qualen ausgestanden haben. Ja, manche mußten 2 Tage warten, bis Hülfe kam, denn die Verwundeten waren über eine sehr weite Fläche - zerstreut und teilweise in Büschen versteckt, wo sie schwer zu finden waren. Jezt— der Bris ist am 4. März, also 6 Tage nach der Majuba- schlacht geschrieben— ist für alle gut gesorgt; Dr. Mac Gahan, der die ganze Nacht auf dem Jngago-Schlachtkeld war, ist von Newcastle herbeigerufen worden. Ten Morgen nach der Schlacht löste ich mein Wort ein und be- gab mich in die Linien der Boeren. Ich wurde sofort in Empfang genommen und zu General Joubert gefürt. Was ich nnt ihm ge- sprachen, gehört nicht in den Rahmen dieser Schilderung. Genug— ich erhielt meine unbedingte Freiheit. In obigem habe ich den Hergang der Schlacht des 26. Februar nach bestem Wissen und Können der Warheit gemäß erzält. Ter Leser mag die Schlußfolgerungen selbst ziehen. Es kann keinem Zweifel unter- liegen, daß die Position für die Zal der Verteidiger zu ausgedehnt war; allein der Berg ist so hoch, so steil und bildet eine so außerordentliche feste Stellung, daß wir alle, vom General herunter, es einfach für un- möglich hielten, die Boeren könten ihn ersteigen und uns auf dem Plateau angreifen. Tie Boeren gingen ganz metodisch zu Werke; sie kletterten langsam hinauf, sich immer sammelnd, bis sie uns überraschten. Als ihr General merkte, daß das Längs Neck-Lager durch uns nicht bedrot war, zog er seine Hauptmacht heran, sodaß die Angreifer im entscheidenden Moment uns der Zal nach ebenso überlegen waren, wie durch ihr Feuer, mit dem das unsrige sich an Präzision auch nicht an- nähernd messen konte. Gegen den Schluß hin waren unsere Leute um unsere Flanken be- sorgt. Tie Schwierigkeit zu zielen machte unser Feuer unstät; jeder wußte, daß, wenn er nur einen Moment ungedeckt war, der sichere Tod ihn erwartete. Zum eigentlichen Handgemenge kam es nicht. Die besten Kampftugenden des englischen Soldaten kamen nicht richtig ins Spiel. Daß uns die Munition ausgegangen sei, ist eine Fabel; wir feuerten bis zulezt, und die Soldaten brachten noch Munition ins Lager zurück. Ein Nachteil für uns war, daß die Truppen aus verschiedenen Regimentern genommen und nicht von ihren eigenen Offizieren kom- mandirt waren. Dies hatte einen Mangel an Zusammenhalt im Ge- folge, der unsere Cbancen stark verminderte. Es war, weil viel Offiziere und Soldaten sich nicht kanten, schwierig, die Leute an die bcdroten Punkte zu bringen. Man hat von Bajonnettangriff geredet— ich habe keinen gesehen und keiner der Offiziere weiß etwas von einem. General Colley hatte unzweifelhaft die Absicht, einen Bajonnettangriff zu machen, allein ehe der ihm günstig erscheinende Moment gekommen war, hatten die Boeren uns in der Flanke gepackt und hatten wir den Berg ver- loren... * Dies die Schilderung des englischen Offiziers. Seine am Schluß ausgesprochene Meinung, die Niederlage wäre nicht erfolgt, wenn die englischen Soldaten nicht so buntscheckig zusammengesezt gewesen wären, und wenn General Colley rechtzeitig mit dem Bajonnett hätte angreisen lassen, ist nur ein schwacher Versuch, die„militärische Ehre" zu retten. Auf einer so kleinen Fläche konte es durchaus nichts schaden, daß die Truppen verschiedenen Regimentern angehörten, und die Ausgabe, welche den Soldaten oblag, war so deutlich durch die Berhälwisse vorgezeichnet, daß aus der geringen Bekantschaft der Soldaten mit den Offizieren keine Misverständniffe erwachsen konten. Was nun den Bajonnettan- griff bettifft, so hätten die Boeren, die selbst keine Bajonnctle haben, einem solchen allerdings nicht Stand halten können; aber sie hätten es auch gar nicht darauf ankommen lassen. Weit beweglicher als die Eng- länder wären sie einfach ausgeschwärmt und hätten die Angreifer zu- sammengeschossen. Das sah General Colley warscheinlich ein, und darum unterlies er den Befel zu einem Bajonnetangriff. Ist doch überhaupt das Bajonnett heutzutage wesentlich ein überwundener Standpunkt. Im lezten deutsch-französischen Krieg kam den Aerzten nicht eine einzige Bajonnettwunde vor. Die„besten Kampftugenden" des britischen Soldaten, d. h. das Pluck, die Bulldoggennatur, mit der er„draufget" und sich in den Feind„verbeißt", können bei der neuen Kampsweise mit Schnellfeuer und Präzisionswaffe nur selten zur Geltung kommen, und würden den Boeren gegenüber gar nichts gefruchtet haben, da diese nicht minder „Plucky" sind und überdies durchschnittlich an Körperkraft, Gewantheit und Ausdauer den englischen Soldaten überlegen. Diese Ueberlegenheit, verbunden mit der unvergleichlichen Hand- habung der Schußwaffen und dem Bewußtsein des Rechts, hat den Boeren den Sieg und der Welt das sehr lehrreiche Schauspiel gegeben, daß ein Volksheer, aus tüchtigen Elementen zusanunengesezt— und wo sie nicht sind, kann eine zweckmäßige Volkserziehilng sie heranbilden— einem gedrillten Berufsheer gewachsen, ja überlegen ist. „Aber es waren ja nur Engländer" die besiegt wurden, denkt viel- leicht der eine oder der andere. Es ist war, die englische Armeeorganisation taugt nicht viel und ist mit Recht in Miskredit gekommen. Das Armeematerial ist aber vorzüglich und der englische Soldat von keinem anderen in der Welt an Zähigkeit und Mut übertroffen, von wenigen erreicht. Anderen Soldaten wäre es aus dem Majuba nicht besser er- gangen.• Es gibt aber in keiner Armee Soldaten, die so gut mit der Büchse umzugehen und so geübte Atleten sind, wie die Boeren.— Eigen- schaften, die nicht in der Kaserne und auf dem Exerzierplaz erworben werden können, wol aber bei zweckmäßiger Volkserziehuna von jedem Kind, Jüngling und Mann.— Harmlose Plaudereien und Geschichten. (II. Spaziergang nach Paris.— Zriedensjubel und KrlegöeuIlSuschung.) Ein Spaziergang nach Paris—— über die Schlachtfelder von Weißenburg und Wörth, durch die Vogesen hindurch bei Psalzburg und Toul vorbei, bei deren Cernirung und Beschießung wir es zu einigen Toten und Verwundeten brachten, mit einem erklecklichen Umweg nach Sedan zu, wo wir bei dem berühmten großen Schlachten nebst glor- reichem Kaisersang sein ruhig in der Reserve lagen, dann zurück nach Rheims und von da aus dem möglich kürzesten Wege dicht an das Herz von Frankreich heran,— das war, in allerflüchtigsten Strichen gezeichnet, die respektable Leistung, welche zwischen den ersten Tagen des August und Mitte September des blutroten Jares 1870 unsern werten Pedalen zugemutet wurde. Wer da weiß, was es sagen will, so ungesär 40 Tage hintereinander— mit einem oder höchstens zwei Ruhetagen dazwischen— täglich drei bis sieben Meilen mit vollem Soldatengcpäcl auf dem Körper, alles in allem wol mehr als ein halber Centner schwer— bei glühendem Sonnenschein in endloser, meilenlange Staubsäulen aufwirbelnder Marschkolonne, oder bei vielstundcnlang strömendem Regen bald über wildzerklüsteten Felsboden, bald durch lehmiges Ackerland oder sumpfiges Wiescnterrain vorwärtshezen,— der kann sich einen schwachen Begriff machen von der Stimmung, welche sich allgemach in dem Schreiber dieser Zeilen festsezte,-- mit Worten darlegen läßt sie sich nicht. Nur ein einzigesmal war ich so recht bis in die tiessten Falten meines Herzens hinein froh— das war unmittelbar nach der Schlacht bei Sedan, als beim Regimentsappell, der dem Dankgottesdienst für die gewonnene Schlacht folgte, unser Oberst mitteilte, daß der Krieg nun zu Ende sei. Der Kaiser Napoleon sei mit seiner ganzen Armee gefangen, Frankreich bleibe nichts übrig, als Frieden zu schließen, einen Frieden, den die Großmut des Siegers dem unglücklichen Lande gewiß nach äußerster Möglichkeit erleichtern werde, und wir würden binnen kürzester Frist zurückkehren zu Bater und Mutter, zur Geliebten oder zu Weib und zu Kind. Dem harten, eisenfesten Manne standen die Tränen in den Augen und die Stimme versagte ihm mehr wie einmal, als er uns die Friedensbotschaft verkündete, und es waren gewiß nur wenige im Regiment, die sich nicht wundersam ergriffen fülten in jenen Augenblicken. Friede! Friede! schallte es jubelnd aus den deutschen Soldaten- kehlen, und Arm in Arm zogen wir in unsre Quartiere, um die Bor- bereitungen zum würdigen Genüsse der beiden Ruhetage zu treffen, welche uns der Regimentskommandeur als Vorgeschmack der kommenden Friedenssreuden bewilligt hatte. Der mir liebste unter meinen Kriegskameraden, Schulz mit Namen, der zum Gymnasialoberlehrer— als welcher er nun schon seit einer Reihe von Jaren tätig ist— unvergleichlich mehr Talent hatte, als zum Kriegskuecht, schlenderte mit mir in seelenvergnügter Gemeinschaft nach unsrer Behausung. Der Freund machte sich sofort daran, unsre troz aller Kriegsfeindschaft nicht unfreundliche französische Wirtin zu bewegen, uns eins ihrer zalreichen Hühner zu braten, wärend ich in der Nachbarschaft aus den Weinkauf ging. Es mochte nachmittags drei Uhr sein, als das Huhn, köstlich duftend und fertig zum Berspeistwcrden, auf dem Tische in unsrer Dachstube stand und daneben ein Kochgeschirr, mit prächtig mundendem Rotweine ganz und ein anderes noch halb gefüllt. Eben hatten wir uns am Tische niedergelassen— jeder griff nach einem der Kochgeschirre, und der Freund rief:„Der Friede soll leben!"„Und die Vernunft und der Edelsinn der Menschheit wachsen und gedeihen, daß dereinst der Friede nicht mehr zu kommen und zu gehen brauche, sondern heimisch werde!" entgegnete ich. Wir stießen mit unsern Riesenpokalcn an—— sie erklangen so recht häslich blechern, aber wir kehrten uns nicht daran. Im nächsten Augenblick wollten wir dem Huhn an den saftigen Leib— da-- Teufel! Was war das? Wir sprangen beide hoch auf— Schulz fiel das Taschenmesser, mit dem er das Huhn zu tranchiren im Begriff gewesen, unter den Tisch, und ich hätte in einem Hare mein noch nahe an zwei Liter des herrlichen Rebenblutes haltendes Kochgeschirr um- gestoßen—— Trommelwirbel tönten von der Gasse zu uns herauf, lene energischen, aufrüttelnden, verhängnisschwangeren Trommelwirbel des Gencralmarsches. „Ist denn das möglich?" schrie Freund Schulz entsezt.„Es ist ja Ruhetag— und Friede, Friede!" Ich war mit einem Saze am Fenster gewesen. Ich wußte selbst nicht, wie mir geschah— aber ich sah, unsere Ohren hatten sich nicht getäuscht— aus allen Häusern quollen sie bereits hervor, tornister- und mantelbepackt, mit dem Gewehr aus der Schulter, atemlos— die einen puterrot vor Aufregung, die andern leichenblaß vor schreck aber alles in zauberhafter, von echt preußischer Disziplin gezeugter und gelenkter Lebendigkeit.. Da gab's auch für uns kein Besinnen— die Räder der Riesen- niaschine Militarismus waren wieder in Bewegung, wer nicht zermalmt werden will, muß sich willenlos fortreißen lassen.., Wir sprachen kein Wort— blizschncll ging's in die Stiefeln und den Waffenrock hinein, das Huhn nam ich an den Beinen und Schulz am Schöpse, und unbarmherzig wurde es mitten auseinandergerisse», um, von allen Zeitungsblättcrn umhüllt, in unserm Brotbeutel zu ver- schwinden, dann noch ein Riesenschluck von dem Wein, darauf der dies- mal vergeblich lockende Inhalt geleert in die Schüsseln und Teller, der Tornister im Fluge zurechtgemacht, umgeworfen, der gerollte Mantel drüber, den Helm auf den Kopf, das Zündnadelgewehr m die Faust, und kaum fünf Minuten nach unserm Hoch auf den Frieden zagten wir m raschestem Laufschritt durch die Gassen, dem Sammelplaz unsrer Kompagnie zu, wo wir eben noch rechtzeitig, aber beinahe als die '��.'Amreten!' Das Gewehr- über! In Sektionen rechts brecht ab— vorwärts marsch!"(Schlug folgt.) Nomadenzclt in Algerien.(Bild S. 400.) Noch ist der Streit zwischen England und den südafrikanischen Bauern nicht endgiltig ge- schlichtet, als schon wieder ein Konflikt, der zwischen der ftanzösischen Republik und nordafrikanischen Stämmen ausgebrochen ist, nicht minder unser Interesse in Anspruch nimt. Seit Jarhundertcn haben die hier in Frage kommenden eingebornen Volksstämme mit den zivilisirten Staaten Europas in Fehde gelebt— die Vorfaren der Kabylen, die Numidier, machten schon den Karthagern und Römern zu schaffen— bis sie endlich nach den blutigsten Kämpfen in diesem Jarhundert von den Franzosen unterworfen wurden und leztere selbst im Jare 1830 dort die Kolonie Algerien begründeten. Damit war aber noch lange kein dauernder Frieden gestiftet. Im Gegenteil folgte von dem Zeit- Punkte der Besizergreifung Algiers durch Frankreich ein Aufstand dem andern und diese Rebellionen gegen die Usurpatoren wurden von den lezteren oft in der grausamsten Weise unterdrückt, so daß wir zur Cha- raktrijirung der französischen Kriegfürung in Algier nur den Namen des französischen Generals Pelissier zu uennen brauchen. Daher komt es denn auch, daß der sehr zwciselhafte Ruhm einer nordasrikanischen Kolonie von Frankreich, je nach der Stärke der militärischen Man- schaften, welche dort benötigt sind, oft mit 40—60 Millionen Franken järlich bezalt wird. Mit zu diesem Umstände trägt bei, daß das Pro- jekt einer Kolonisation dieser Provinz als vollständig mislungen be- zeichnet werden kann, denn von der Gesamtbevölkerung Algeriens, die im Jare 4872 2 414 218 Köpfe betrug, wurden one die 67 774 Mann Soldaten nur 217 990 Europäer gezält und von diesen waren wiederum nahezu die Hälfte Spanier, Malteser, Deutsche, Italiener und Schweizer, wärend den Franzosen noch die nach 1870 sich in Algier niedergelassenen Elsässer und Lothringer zugeteilt sind. Die Gesamtzal der seßhaften Bevölkerung betrug 1872 inklusive sämtlicher Europäer überhaupt nur 4862272; wohingegen der weit größere Rest ein Nomadenleben fürt. Von den zwei Völkern, aus denen sich die dortigen Eingebornen zu- sammensezen, ist es der Stamm der Araber und von diesem wieder hauptsächlich die Beduinen, welche man als Nomaden oder Zeltbewoner bezeichnet. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht, und zwar vornemlich aus den von Bergen und fruchtbaren Tälern durchzogenen, an der Küste des Mittelländischen Meeres gelegenen nördlichen Streifen Algeriens und wonen nur in Zelten oder Reisehütten. Eine dieser Wonungen nebst Jnsessen stellt unsere Illustration dar. Ihre in der Sahara le- benden Stammesgenossen beschränken sich jedoch nur auf die Viehzucht. Der andere Volksstamm, die Berbern, resp. deren Abkömlinge, be- wonen, 70 000 Köpfe stark, die Provinz Konstantine, das Vaterland ihrer alten Vorfaren: Numidien. Von den Eingebornen ist zu den dauernd seßhaften Bewonern der Städte nur der Maure zu zälen; er ist jedoch verarmt und im Absterben begriffen. Dazu komt noch ein kleiner Bruchteil Neger, die seit 1848 von der Sklaverei befreit wurden, und 33120 Juden. In Konfessionen geteilt, bestet die algerische Be- völkerung außer den genanten Israeliten, aus 200 000 Katoliken, 12000 Protestanten und der Rest sind Mohamedaner. Zwischen lezteren und den übrigen herscht ein bedeutender Haß, der denn auch immer wieder zu neuen Kämpfen sürt. Das Klima in dem 669 000 Qu. Kilometer großen Algerien ist änlich dem Italiens, Spaniens und Süd-Frank- reichs. Früher war es sehr ungesund, jezt jedoch ist in dieser Beziehung ein Fortschritt zu verzeichnen, da die vorrückende Boden- und Wald- kultur viel zur günstigen Gestaltung dieses Umstandes beiträgt. Die Be- bauung des Bodens läßt allerdings noch viel zu wünschen übrig, denn einmal stellt sich ihm der Naturzustand des Landes, das anderemal die mangelhafte Bewässerung entgegen. Kultivirt sind 2� Millionen Hek- taren und diese liefern ca. 12 Millionen Hektoliter guten Weizen, Hülsen- srüchte und Haser. Ferner baut man viel Olivenflanzen und neuer- Vings in der Umgegend der Stadt Algier seine Gemüse, besonders Früh- gemüse, die nach Paris und London ausgefürt werden. Mit Erfolg baute man auch wärend des nordamerikanischen Bürgerkrieges Baumwolle für den französischen Markt. Feiner Tabak, järlich 100 000 Hek- toliter mittleren Wein und ca. 1S00O Kilogramm Kokons als Ergeb- nisse der Seidenraupenzucht kommen noch hinzu, und endlich hat durch die Regulirung des Bewässerungssystems auch die Zucht der Dattelpalme viel gewonnen. Den größten Feind hat aber der Ackerbau in de» Heu- schrecken, welche pst die ganze Ernte verwüsten. In der Viehzucht stet als Resultat das Pferd obenan; ihm folgen zalrciche Hornviehhcerden und eine bedeutende Schafzucht. Dahingegen liegt die Waldkultur sehr im argen und ebensowenig ist der mineralische Reichtum des Landes— außer dem Golde sind alle Metalle vertreten— genügend gewürdigt worden. Wie leicht erklärlich, ist die Industrie noch sehr zurück und bestct die Haupttätigkeit nach dieser Richtung nur in der Erzeugung von Rohprodukten, die dann nach außerhalb, uamentlich Frankreich, expor- tirt werden. Doch ist in den Küstenstädtcn auch die Weberei im Schwünge und auch in der Sahara bildet d«s Weben der verschiedensten Stoffe schon von Alters her eine Hauptbeschäftigung der Bevölkerung. Daneben gibt es wol einige Cigarrensabrikcn, 2 Seidenspinnereien, 1 Papierfabrik und eine größere Anzal Schneide- und Oelmülen. Der Handel zeigte 1869 einen wirklichen Wert der Gesamt-Einfur von 118,« Millionen Franks und eine Ausfur von 254,« Millionen Franks. Die Be- völkerung steigt sehr langsam— nach dem uns zur Verfügung stehendem Material hat sie sogar abgenommen— was seinen Grund in den Hunger- jaren und den unsichern polittschen Verhältnissen hat. Das Zivilisations- werk der christlichen Europäer bestet bekantlich in der Ausrottung der Naturvölker. Auf der einen Seite fließt man über im patriotischen 408 Sinn für die Nationalität und auf der andern machte man Menschen, die unter total entgegengesezten natürlichen und gesellschaftlichen Ber- hältnifsen gelebt, mit Gewalt französiren oder anglisiren. Kampf bis aufs Messer und endliches Unterliegen des schwächeren Teiles ist die natürliche Folge. So auch in Algerien. Haben doch dort selbst die Europäer Klagen über die Militärdiktatur gefürt. Die lezte Bewegung unter den Eingebornen der Kolonie fand 1870/71 statt. Heute sind es neben anderen Streitigkeiten die Einfälle der in dem benachbarten Tu- nesien lebenden Kumirs(oder Krumirs) in das Kolonialgebiet, welche die militärische Expedition der französischen Republik veranlaßten. Ob es dabei sein Bewenden haben wird, und ob nicht schließlich doch— wenn auch nicht momentan— sämtliche nordafrikanische Volksstämme gemeinschaftlich gegen die Fremdherschast Front machen werden, wird die Zukunft lehren. Jedensalls ist der jezige Streit hauptsächlich aus dem allgemeinen Haß der dortigen Eingebornen gegen Frankreich, das ihnen seine Macht am empfindlichsten fülen ließ, hervorgegangen.— ort. Der Froschmäusekrieg.(Bild S. 401.) Als ich in glühend- patriotischer Begeisterung bei Beginn eines Krieges in einer Stadt meines Heimatlandes wegen des Durchzugs eines großen Truppenkörpers einige Nächte auf dem Bahnhofe verbrachte und die Mühen und Trübsale, denen die biedern Landsleute ausgesczt waren, bevor ihnen noch schlimmeres passirte, augenscheinlich kennen lernte, da fing meine Begeisterung an in die Brüche zu gehen, und je mehr ich von dem Wesen und den Folgen der Kriege im Occident und Orient erfur, desto bedenklicher, und verantwortungsschwerer erschien mir diese Art menschliche Streitigkeiten auszutragen. Als ich aber das durch unser Bild verewigte Treffen sah, da überfiel mich— wenn auch nicht die Begeisterung— so doch um so mehr Heiterkeit. Heiterkeit angesichts einer Schlacht, und bei einer, die ebenso blNtig wie alle andern! das ist doch kurios, wird man sagen; aber ich glaube trozdem, der sittliche Wert des Krieges wird erst dann zu Tage treten, wenn alle dabei interessirten Zuschauer darob in Heiter- keit ausbrechen— dann wäre es wol aus mit ihm. Entweder die bei der Aktion direkt Beteiligten würden von der sie umgebenden Stimmung angesteckt und lachten mit— und dann ist ihnen jedenfalls der Blut- durst vergangen— oder sie sind trozköpfig und faren in ihrer Kultur- Mission fort— und dann müssen sie schließlich, auf sich selbst angewiesen, sehr bald alle werden. Mag jedoch dem sein wie ihm wolle, der hier vorgesürte Krieg ist, abgesehen von seinem Wert für den Krieg im all- gemeinen, ein ebenso ernster, wie viele anderen, er ist sogar aus einem sehr triftigen Grunde entstanden. Pausback nämlich, der König der Frösche— derselbe, welcher getragen von einigen seiner Froschgetreuen, die Schilfkeule schwingend, seinen gewaffneten Scharen vorandringt— hat keinen Geringeren als Prinz Krümchenmauser, den einzigen erlauchten Sprößling Brödchenspeisers, des Königs der Mäuse, durch Leichtsinn ertrinken lassen. Das mußte natürlich blutig gerochen werden an der ganzen Froschgesellschaft, voll Mut und bis an die Zähne bewaffnet, zogen die Untertanen Brödchenspeisers aus, aber wie Figura zeigt, sind die Bewoner des naffen Elements nicht saul und gehen bereitwillig aus die unliebsame Unterbrechung ihres Froschdaseins ein. Selbst das Jammern der Verwundeten und das Händcringen und Schluchzen der Froschweiblein am Boden sind nicht fähig ihre Begeisterung zu stören— der da oben rechts bläst mit der größten Ruhe seine Kriegsfansaren und der würdevolle Unk, da vorn rechts, läßt sogar die sentimentalen Töne der Laute erklingen. Ja, man könte sogar versucht werden, zu glauben, sie hätten sich schon jarelang zu diesem Strauß gerüstet, we- nigstens drängt neben dem kriegerischen Aussehen die Erscheinung des Kricgsreporters mit der mächtigen Kielfeder zu dem Gedanken, wie auch andererseits die Ordenskette des Hausordcns derer von Pausback am Halse des behäbigen hohen Militärs daraus hinweist. Doch auch die Gegner gehören nicht zn denen, die so one alle Borsicht einen Krieg vom Zaune brechen— nicht nur in Waffen starrend, sind sie auch ge- übte Schüzen und Fechter und scheinen sogar— wenn anders uns der Standartenträger da links oben nicht täuscht— die sehr notwendigen Exercitien im Bataillon nicht verabsäumt zu haben. Sicher würden sie sogar den Sieg erringen, wenn nicht höhere Mächt? ihre Kraft und ihren Einfluß zu Gunsten des Froschgeschlechtes in die Wagschale ge- warfen hätten. Wie das alles kam und wie sich schließlich alles so herlich erfüllte, wollen wir den Lesern klar machen, indem wir die sehr alte, aber noch neue Geschichte erzälen. Vorher machen wir aber noch auf die gute alte Frosch- und Mäusesitte aufmerksam, wonach die beiden, welche den Krieg verschuldet oder doch am meisten dabei interessirt sind, an der Spizc ihrer Armee, aber nicht hinten— nicht nur marschiren, sondern auch kämpfen.(Schluß folgt.) QfodaKtionsKsrrespondenj. Warrenion(9Jlo.).®. B. Freundlichsten Tank, komt baldigst zur Verössent- lichuna. Das gewünschte Hest ist sosort abgesendet worden. Lasten sie bald mehr von Sich hören. Hamburg. I. A. M. Tie Verse sind aus ShelletTs„Königin Mab". Sie lauten richtig und oollständig: Verlaust wird alles, selbst das Licht des Himmels Ist seil:— der Erde reiche Liebesgaben, Tie kleinsten und verächtlichsten Seschöpse, Die in der Tiese dunklem Abgrund hausen, Des Lebens Notdurft, ja das Leben selbst, Das Scherslein Freiheit, welches die Geseze Uns gönnen, der Verkehr mit unseni Brüdern, Tie Pflichten, welche Menschenliebe schon Au üben uns das Herz ermahnen sollte, Sind käuslich, wie aus öffentlichem Markt, Und unverhüllte Selbstsucht zeichnet jedes Mit seinem Preis, dem Stemvel ihrer Herschast. Die Liebe selbst ist käuslich: sie, der Trost Für alles Wehe, wird zur Todesqual, Das greise Alter lebt im schaudernden Arm Selbstiücht'ger Schönheit, und der günglingsglut Verderbte Triebe schaffen aus dem Eist Des Handels ein entsezensvolles Dasein, Indes aus sreudcloscr Zinnenlust Die Pest erzeugt wird, die da» ganze Leben Des Menschen süllt mit hhdrakövfigem Leid. Barntrup. H. Kr. Jedenfalls können Sie in Lippe-Tetmold ebenso gut au? der Landeskirche ausscheiden, als sonstwo in Deutschland. Bezüglich der nötigen Schritt« erkundigen Sie Sich am besten bei dem Gerichlsamt Ihrer Stadt. Einheitluhc Bestimmungen sür ganz Teutschland existiren sür dieserlei Angelegenheiten noch nicht. Dresden. Frl. A. C. Die gelben Flecke in Ihrem Gesicht rürcn möglicher- weise von einem mikroskopische» Pilz her, dem Sie durch tägliche Waschungen mit Kampherspirilu« ersolgreich zu Leibe steigen können. Berlin. B. Ts. Sie„pfeifen" also auf die ganze Civiliiation, machen Sich aus Kunst und Wissenschast»i-bt„soviel", scheeren Sich weder um Politik noch um Religion und gingen am liebsten unter einen„recht urwüchsigen Stamm von wilden Naturmenschen", um mit diesen„zv naturgemäß und harmlos zu leben, wie die Tiere des Wäldes".— I du meine Güte— ist das ein romantischer Standpunkt!— Wir fülen uns selbst ganz Hingeristen— kinten wir doch auch mit der ganzen Civilisation unser bischen Redaklionsseder in» Meer werfe», wo es am tiefften ist, und uns irgend- einer Sippe wilder Menschenbriider angliedern! Bielleicht würde uns da sogar der Hoch- aenuß,„nawrgcmäsi und harmlos"— wie es ja bei vielen von den biedern„wilden Naturmenschen" noch heute geschmackvoller Brauch ist und wie es auch die respektabelsten unter den lieben nachahmungswerten Tieren des Waldes nicht verschmähen— uns von Menschenfleisch zn nären. Daneben so zum Leitvertreib ein wenig Todschlag und Mord, und ein Liebesleben gleichfalls„naturgemäß und harmlos",„wie die Tiere de» Waldes". Herlich— entzückend! Und was so ein Leben so:, st noch iür Boneile gewän-- Schneider- und SckiuKerrechnung tauchen vor unseni Augen hinab ins Meer einer glück- lich überwundenen Vergangenheit— Rechnungen gibt's überhaupt nicht mehr— Geld ist garnicht nötig, die ganze Welt ist unser, soweit die Faust reicht,— wer was dagegen hat, dem wird„naturgemäß und harmlos" der Schädel eingeschlagen.— Leider mästen wir Sie vorläufig allein ziehen lasten, lieber Herr O. Ts., aber wenn Sie acht Tage unter den Wilden gewesen sind und wir Sie dann immer noch lustig aus die ganze Civilisation k. pseiscn hören, so komme» wir Ihnen aus der Stelle nach— verlasten Sie Sich daraus! Zchwcidni«. Frau Auguste T. Wenn Sie Sich viel Mühe mit Ihre» Tops- pflanzen geben wollen, so können wir Ihnen allerdings raten. Dieselbe» werden am besten gedeihe», wenn Sie dieselben in La über de, die entweder mit Haidecrde oder lebmigcr Rasencrde gemischt ist, pflanzen. Sie bereiten Sich solche Erde am besten selbst, indem Sie jezt im Frühjar— oder wenn später, im Herbst— eine tüchtige Portion Laub aus nicht zu dohe Hausen sammeln oder sammeln lasten, mit> z ihrer Menge Sand vermischen und mehrmals umarbeiten. Am zweckmäßigsten ist das Laub von weich- blättengen Holzarten, vorzüglich Lindenlaub, am unvorteilhastcsten Eichenlaub. Haide- erde finden Sie da, wo das gemeine Haidekraut so recht üppig gedeit, in trocknen Haiden und aus Waldschlägen, insbesondere aus mit Nadelholz bestandenem Sandboden. Die lehmige Rasenerde erhalten Sie dadurch, daß Sie Raset, von lehmigem Boden abschälen und aus Hausen sezen lasten. Bei einer sehr großen Menge von Topfgewächsen lohnt sich solche Blühe schon, andernfalls komt man einfacher, wenn auch nicht grade sehr wol- seil zum Ziel, wenn man sich die nötige Erde vom Gärtner beschafft. Sprcchsal für jedermann. Johann August Böhme, gebürtig aus St. Gangloff, Kreis Roda, Herzogtum Sachsen-Altenburg, ist im Jare 1855 im Alter von 39 Jaren, unverheiratet, nach Amerika ausgewandert und hat nichts wieder von sich hören lassen. Mehrere Jare nach seiner Auswanderung soll er mit einem Herrn Schubert, welcher mit ihm nach Amerika ist, ein Gastlokal mit Brauerei besessen haben in Chicago, wie genanter Schubert ausgesagt, als er vor circa sieben Jaren in seiner Heimat, Rcuß ältere Linie, zum Besuch war. Bei dieser Gelegenheit besuchte Schubert einige Verwante des vermißten Böhme in St. Gangloff und gab an, sein Kompagnon Böhme werde demnächst auch»ach Deutsch- land!zum Besuch kommen. Seit dieser Zeit haben die Angehörigen des August Böhme von beiden nichts wieder gehört. Da man hier aus verschiedenen Gründen gewisse dunkle Vorgänge anzunemen geneigt ist, welche das Berschcllensein August Böhme's sür seine Berwanten in Teutschland verschuldet haben möchten, so werden die geehrten Leser der„Neuen Welt" in Amerika, insbesondere in Chicago, herzlich ge- beten, recht bald sich nach dem Schicksal des August Böhme erkundigen zu wollen. Etwaige Auskunst über den Verbleib wolle man an den alten Bruder des Böhme senden, dessen Adresse ist: Wilhelm Böhme, Gera, Reuß j. L., Mittelweg am Bahnhos. Inhalt. � Herjchen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Wunderliche Heilige. Bilder aus der Kulturgeschichte des elften Jarhunderts, von I>r. Max Vogler.— Die Aegyptiologie und die Entzifferung der Hieroglyphen, von I)r. Ly(Schluß).— Ein Ritter vom Geist(Schluß).— Dw Schlacht von Majuba(Schluß).— Harmlose Plaudereien und Geschichten(Fortsezung).— Nomadenzelt in Algerien (mit Illustration).—- Der Froschmäusekrieg(mit Illustration).— Redaktionskorrespondenz.— Sprechsal sür jedermann. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 306).— Expedition: Färberstr. 12.11. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.