Herlchen oder dienen? Roman von M. Kautsky. (7. Fortsezmig.) Alfred war an das Fenster getreten und seine Augen starrten hinaus, über die im Sonnenschein erglänzenden, träge dahin ziehenden Fluten des Kanals. Er suchte seine Erregung zn meistern, aber Gedanken stiegen in ihm auf, die ihn zu einem Entschluß zu drängen schienen. Und wenn ich nun doch ginge? sie hat ihr Kind, sie wird's er- tragen— sie wird's vielleicht sogar billigen, wenn ich ihr nur Geld zurücklasse!— Und sie würde sich nimmer so Plagen müssen. � Und wenn ich dann mit einigem Vermögen wiederkehre, und ihr und unserem Kinde ein behagliches Dasein schaffen kann, so wird sie den Entschluß noch segnen. Er blickte zu ihr hinüber. Soll ich es vorbringen, soll ich es ihr sagen? Er wendete sich ihr entgegen. Sie sah auf; sie fülte, daß er ein Wort der Vcr- sönung sprechen wollte, und in freudiger Bewegung, in sich nie verleugnender Gutherzigkeit wollte sie ihm zuvorkommen. Sie legte das Kind beiseite, und an ihn herankommend, schmiegte sie sich nnt einer fast leidenschaftlichen Zärtlichkeit an seine Brust. ,4?abe Geduld mit mir, Alfred; es ist war, ich verstehe nicht immer deine Gedanken, ich weiß so oft nicht, ob ein Ja, ob ein Nein aus meinem Munde dir willkommen wäre, aber ich liebe dich so unendlich, und ich fül's immer deutlicher, Alfted, ich könte mcht mehr leben one dich und one deine Liebe." Sie umschlang ihn mit beiden Armen. „Und wenn eine kurze, eine nur zeitiveilige Trennung geboten wäre, Marie?" fragte er vorsichtig. Sie erbebte in seinem Arm und in jähem Schreck sah sie zu ihm empor. „Eine Trennung," lispelte sie,„eine Trennung!" Die er- blaßten Lippen preßten sich>vie im Krampf zusammeii, die ganze zarte Gestalt zitterte. Er fülte, wie tief das gegangen, wie sie im Innersten davon getroffen war. „Nein," sagte er rasch,„beruhige dich, es war ein Wort one Bedeutung, ein zufällig hingeworfenes Wort, beruhige dich— >ch bleibe bei dir." Sie erfaßte seine Hände und küßte sie, wie im heißen Danke, wieder und immer wieder. ..Ich weiß es ja, du köntest so etwas nicht wirklich denken, du köntest nicht so grausam sein; du bist gut und hast deine Marte doch auch gerne; und wenn du auch eine gescheitere Frau hättest haben können, so könte es doch keine geben, die dich mehr ucb hätte, als ich." Sie lächelte und er schob sie sanft von sich. „Ich weiß das, aber du sollst nicht meine Hand küssen, es ist die Huldigung einer Sklavin." „Laß mich deine Sklavin sein; und bist du nicht mein Herr, mein alles?" Er kiißte sie auf die Stirn, gleichsam zur weiteren Beruhigung, und sagte dann halb unmutig, halb lachend:„Nun ja, ja, aber zwei so alte Eheleute, wie wir sind, machen sich doch keine Ge- ständnisse mehr." Er- tat einige Gänge im Zimmer auf und nieder, dann näherte er sich wieder seiner Frau, und in ruhig gelassenem Ton bemerkte er:„Elvira hat morgen ihr erstes Auf- treten, du wirst sie sehen wollen." „Sehr gern, Alfred, aber wenn du es nicht wünschest—" „Und warum sollte ich es nicht wünschen? Im Gegenteil, ich wünsche, daß du Zeuge der Triumphe seiest, die deine Schwester morgen feiern wird." „Aber das Kind, ich kann es doch nicht allein lassen." „Domenika wird darüber wachen." „Sie ist unvcrläßlich, und auf so viele Stunden möchte ich ihr die Kleine nicht anvertrauen." „Elvira hat uns eine Loge angewiesen, du wirst also komnien und gehen können, wenn es dir beliebt." „Eine Loge!" rief Marie und sie errötete ein wenig.„Ich soll in einer Loge sizen? Aber, da wird man von allen gesehen und betrachtet," fügte sie verschämt hinzu. Alfred lächelte.„Nun, ich denke, du kaust dich immerhin sehen und betrachten lassen; mache dich nur ein wenig hübsch, hörst du Marie? Ich will es, daß du an diesem Abend hübsch seiest." Er entfernte sich hierauf und ließ die arme Frau in einiger Verwirrung zurück. Kaum eine Stunde später legte eine Gondel an den Stufen des Palastes an. Eine hohe, schlanke Männergestalt verließ das Farzeug und sprang über die Treppen nach dem zweiten Gelasse empor. Von Domenika gefürt, aber unangemeldet, trat der Fremde in das Wongcmach, und mit eineni Freudenausruf, und fast wie im Ueber- fall, schloß er die junge Frau in seine Arme. „Marie," rief er,„teure, liebe Marie!" Sie wand sich errötend aus seinen Armen.„Friz Berger, will- kommen, willkommen!" Sie streckte ihm ihre Hände entgegen. Er erfaßte sie, und lachend, in stammelnder Freude schüttelte er diese Hände und zog sie näher und ganz nahe. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften k 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. „Meine Freundin, meine Schwester,— lassen Sie mich doch Ihre Hände küssen! Wüßten Sie nur, wie es so einem Vaga- bunden zu Mut ist, der jarelang von allem getrent war, was er lieb hat,— wie es so einem armen Kerl ums Herz ist, Marie, wenn er einmal wieder einem Wesen gegenüberstet, dem er nicht gleichgiltig in die lieben Augen sehen kann,— ja, in diese lieben, lieben Augen, die mich an eine Zeit erinnern— eine schöne Zeit, wo—" Er sah sich Plözlich im Gemache um.„Ist sie nicht da? Minna? Mir ist, als müßte sie jezt und jezt herein- treten,— als müßte diese Tür sich öffnen und—" Er sprang gegen dieselbe und riß sie auf. Er blickte in Alfreds Arbeits- zimmer, es war leer. Er schüttelte den Kopf:„Nein, sie ist nicht da, es wäre auch zu schön gewesen, es hätte sich mir alles erfüllt und ich wäre dann gewiß vor Freude verrückt geworden.-- Aber das ist Alfteds Atelier, er ist also nicht zuhause?" „Er ist fortgegangen, wir haben Sie heute noch nicht erwartet, Friz." Er sah sie groß und verwundert an.„Nicht heute erwartet, aber doch erwartet? Und jezt fällt mir's erst auf, Sie waren garnicht so sehr überrascht, als ich da wie eine Bombe herein- plazte; und doch war diese Ucberraschung von mir geplant gewesen; wer also hat Ihnen mein Kommen verraten?" „Minna hat uns davon geschrieben, wir erhielten gestern ihren Brief." „Die Plauderhafte!" „O, uns war diese Neuigkeit schon vorher bekant geworden, wir waren von Ihrem Engagement schon vor einigen Tagen in Kentnis gesezt durch"— sie lächelte schelmisch—„eine andre Person." Friz sah sie betroffen an, eine Frage schien sich auf seine Lippen zu drängen, aber er unterdrückte sie, und wieder ergriff er in seiner herzlich brüderlichen Weise ihre Hände. „Und Sie sind wol und gesund, Marie, und Sie sind gern hier und fülen Sich nicht zu vereinsamt? Sie sind ja Mutter! Aber wo ist das Kind? Meiner Treu, das Kind! Ich muß das Kind sehen, von dem mir seine Tante so oft und so viel geschrieben hat, daß ich mich schon im vorhinein als sein Onkel füle." Marie fürte ihn an das Bettchen der Kleinen.„Die Spiz- bübin!" rief die junge Mama lachend und mit einem ganz ver- klärten Ausdruck.„Sehen Sie nur, Friz, was sie da treibt, alle ihre Hüllen hat sie heruntergestrampelt und— ah, das Närrchen, ihr Wickelband hat sie in ihre Zehen verflochten!" Friz sah mit ftölichen Augen auf das kleine, wolgenärte Geschöpfchen herunter. „Wie hübsch und drollig so ein Kindchen ist," sagte er,„wie allerliebst, und jezt, da sehe man, jezt steckt sie mit der Geschicklich- keit eines Clown ihre große Zehe in den Mund." Friz und Marie lachten beide laut auf, beide augenscheinlich entzückt.„Ist sie nicht zu lieb?" ftagte die Mutter. Friz beugte sich herab, er ergriff das Kind und hob es, one jede Umhüllung, in die Höhe, um es zu küssen. Die Kleine jauchzte. „O, nicht doch," rief Marie besorgt,„sie ist noch so zart, Sie könten ihr wehe tun." „Beware, übrigens ist das ein ganz tüchtiges, festes Mädel!" „Ja, und der Herr Onkel tut auch so ungenirt mit ihr, das schickt sich ja gamicht." Friz lachte noch herzlicher, und auch die Kleine schien das sehr lustig zu finden; sie hüpfte auf Frizens Arm und schien ganz und garnicht damit einverstanden, als die verschämte Mama sie nun sorglich wieder in ihre Tücher wickelte. Sie strampelte un- geduldig mit den Füßchen, und Friz behauptete, sie wolle bei dem Onkel bleiben und sie hielte ihn so fest am Daumen, daß er nicht loskommen könne. Die Mama befreite hierauf den großen Onkel aus diesen kleinen Händchen, aber dieser sah noch immer wie verliebt in das frische Gesichtchen. „Ich glaube, sie siet ihrer Tante änlich,— finden Sie nicht, Marie? Sie hat dieselben Grübchen in den Wangen und im Kinn." Dann überflog es wie ein Schatten dies mänliche Gesicht. „Ist es nicht traurig, daß ich und Minna noch immer getrent sind, daß vier Jare uns unserm Glücke nicht näher gebracht haben,— wenn Sie wüßten, Marie, wie ich mich darnach sehne!" Das hatte so weich geklungen, aber nun warf er den Kopf wie in zürnender Ungeduld zurück, und auch im Ton sprach sich einige Herbheit aus.„Aber es müßte nicht so sein, wir wären längst vereint, wenn Minna nur ernstlich wollte, wenn sie mich so liebte, wie ich sie, und wenn sie nicht so unerträgliche Rücksichten für dies launenhafte Kind, ihre Schwester, zeigte. =( „Friz, seien Sie nicht grausam gegen Malchen," bat Marie im beweglichsten Ton. „Ach was, Malchen ist grausam gegen mich, ihr ganzes Sinnen und Trachten get darauf aus, unsre Bereinigung zu hintertreiben; am liebsten möchte sie wol unser Verhältnis gänzlich gelöst sehen." „Friz, sie ist sehr krank, und Minna's Liebe und ihre Sorg- falt ist ihr einziger und lezter Trost; neiden Sie ihn nicht dem armen Kinde." „Ich will ja warten," versicherte Friz, und aus seinen dunklen einen Augenblick verdüsterten Augen brach schon wieder der warme Herzenssttal, gleich einem Sonnenblick aus finsterm Gewölk, und die gutmütige Selbstironie kam sogleich hinterdrein.„Und tu' ich denn was andres seit vier Jaren? Ich warte geduldig und ergeben wie Jakob auf die Rahel, one daß mir indes der provi- sorische Trost einer Lea zugute kam. Meine einzige und größte Freude ist, mir meine künftige Häuslichkeit auszumalen, und werden Sie mir's glauben, Marie, ich habe schon einiges für unsre Wirtschaft angeschafft." „Wirklich!" rief Marie erfreut und interessirt.„Und was denn?" „Eine Wäschemangel!" Marie lachte laut auf.„Aber Friz, das ist ja etwas, was man garnicht braucht." „Wir schon, und wär's auch nicht für die Wäsche, so doch für meine Erfindung." „Sie haben schon wieder eine Erfindung gemacht?" „Eine? Wenigstens ein duzend. Ich war nie so erfinderisch, als seit ich beim Teater bin; man hat bei diesem faulen, nichts- tuerischen Leben soviel Zeit zum Nachdenken; aber meine lezte Erfindung gedenke ich auszunüzen, sie soll mich zum reichen Manne machen." „Die mit der Wäschemangel?" „Dieselbe. Ich werde damit auf die allereinfachste, schönste und billigste Weise Holztapeten erzeugen, indem ich die Struktur des Holzes durch einen starken Druck auf das Papier selbst übertrage, wodurch— Sie haben doch eine Wäschemangel im Haus?" „Leider nein, nicht eine Spur davon." „Aber hoffentlich doch einen Nudelwalker?" „O, den schon." „Gut, das ist alles, was ich brauche, und in Ermanglung einer Mangel werde ich Ihnen meine Holztapetenerfindung mit dem Nudelwalker vordemonstriren." Sie lachten beide. Die ftöliche Laune des jungen Mannes, sein Humor, die natürliche, so überaus liebenswürdige und ge- winnende Art, sich zu geben, wirkten woltättg und erfrischend auf das etwas verschüchterte Wesen Mariens, und sie fültc sich angeregt, zur Heiterkeit gestimt, wie lange nicht, sie taute förm- lich auf. „Aber Sie sind doch nicht hierhergekommen, um Holztapeten zu machen?" fragte sie neckend. „Gewiß nicht, ich komme nach Venedig um Venedigs willen; wie schön es auch ist!" Er sprang nach dem geöffneten Fenster und sah hinaus.„Das Herz get einem auf vor soviel Herrlich- keit. Diese Sonne, diese Lichteffekte, diese Farben, alles so tief, so leuchtend,— und diese Architektur! Welcher Geist, welche Ueppigkeit, welcher Reichtum der Formen spricht sich darin aus, ah, es ist wunderbar!" Aus seinen Augen leuchtete das Feuer einer waren Begeisterung.„Venedig zu sehen, diese Stadt des malerisch Schönen, war die Sehnsucht meiner Jugend gewesen, jezt endlich hat sie sich erfüllt!" Marie war zu ihm getreten, und mit dem Finger wies sie auf die andre Seite des Kanals. „Da hinüber, sehen Sie. und wenn Sie Sich dann nach rechts halten, fürt ein Kanal nach der Fenice, dahin ist wol Ihr erster Gang?" „Ich denke nicht daran; das Teater siet mich erst bei der Probe, gewiß nicht früher." „Aber Ihre Kollegen werden Sie doch besuchen, und vor allem Ihre Kollegin—" Sie machte eine Pause und sah Friz von der seite schelmisch an.„Der Primadonna Signora Bianca werden Sie doch Ihre Aufwartung machen?" Friz wante sich nach der Sprecherin um und sah ihr voll und mit einem Ausdruck liebenswürdiger Freimütigkeit in die Augen. .»Es ist Elvira, Ihre Schwester, ich habe es erst vor kurzem �gären. Sie gilt als eine bedeutende Künstlerin; ich halte sie selbst dafür; aber sie hat es auch verstanden, sich rasch in dw 411 Mode zu bringen," seine Lippen umzuckte es in leichter Ironie, „und dazu gehört weniger Kunst als— Routine." „Und Sie sind garnicht neugierig, sie wiederzusehen?" Friz neigte gegen Marie mit einiger Verbindlichkeit den Kopf: „Ich werde die Ehre haben, mit ihr zu singen, und ich werde mich ihr daher vor der Probe vorstellen." „Nicht früher!" machte Marie mit einem Ausruf des Be- dauerns, und dann in naiver Vertraulichkeit:„Wissen Sie, daß Elvira Ihnen weit mehr Interesse und Freundschaft bewart hat, als Sie fiir sie noch übrig zu haben scheinen." „Sie wußte von meinem Debüt in der Fenice?" fragte Berger rasch und mit einiger Schärfe. „Freilich, und von ihr habe ich's zuerst erfaren; sie hat Sie vor einigen Monaten singen gehört, und sie ist der Meinung, daß Sie nur einiger Protektion bedürfen, um vorwärts zu kommen und Ihr Glück zu machen." Auf seinen mänlichen Wangen flamte ein dunkles Rot auf. „Dann verdanke ich wol ihr diesen Ruf hierher, der mich in meiner Unbedeutendheit immer gewundert hat? Und ihrer Ver- Wendung ist es wol zuzuschreiben, daß mir der Impresario drei- hundert Francs für mein jedesmaliges Auftreten bezalen will, was ich vollends garnicht begreifen konte?" „Das weiß ich nicht," sagte Marie einfach,„aber ich weiß, daß Elvira es von ganzem Herzen wünscht, daß Sie recht bald in die Lage kommen möchten, Minna zu heiraten und glücklich zu werden." „Ich danke ihr," sagte er trocken,„aber ich hoffe mir dies Glück selbst zu erringen und allein zu verdienen." Er schwieg einen Augenblick, dann wante er sich wieder an Marie, und seine Stimme klang so hell und seine Augen blizten so fteundlich wie zuvor.„Ich laufe jezt fort, mich treibt es hinaus, dieser Märchen- Welt entgegen." „Aber Sie kommen bald wieder, Sie müssen bei uns wonen, Friz. Alfred freut sich so sehr darauf, und ich habe auch schon eine leere Stube für Sie zurecht gemacht, fteilich sehr dürftig?" „Marie," sagte Friz ,n seinem wärmsten Ton,„meine teure Schwester, ich möchte Ihnen um keine Welt eine Unbequemlich- keit verursachen, aber sobald Sie schon für mich vorgesorgt haben, neme ich's mit Freuden an. Es wird mir woltun, ein wenig einer Familie anzugehören, und Klein-Marietta darf auch nicht vernachlässigt werden; aber trozdem werden Sie mich nicht allzu- häufig zuhause haben, ich werde mich sehr viel auf den Straßen herumtreiben, ah, ich kann es kaum erwarten, hinauszukommen." „Als ein echter Vagabund, der Sie sind," bemerkte Marie und lachend schüttelte sie ihm die Hand, die er ihr zum Abschied entgegenstreckte. Erst am Nachmittag kehrte Friz in das Haus seines Freundes zurück. Alfted hatte ihn schon mit Ungeduld erwartet und be- grüßte ihn nun auf das herrlichste. Er zeigte sich von dem Auf- treten und dem veränderten Wesen seines Jugendfreundes angenem überrascht. Er fand ihn so kraftvoll in seinem Aenßern und den- noch von einer ganz ungesuchten Noblesse, welche er ihm vorher nicht zuerkant. In diesem Augenblick lag eine schöne Begeisterung in seinen Augen. . Fr>z gestand auch, daß er sich in einem Rausch des Entzückens befinde, in den Venedigs Eigenart, seine Pracht und Schönheit ihn versezte. Er begann dem Freunde die Eindrücke zu schildern, die es auf ihn hervorgebracht, und die auf ihn, der jarelang den Anblick großer erhabener Kunstschöpfungen entbehren mußte, über- wältigend gewirkt hatten. „Wenn ein Funke künstlerischen Empfindens in einem Menschen wont, hier muß er zur Flamme sich entfachen," rief er;„hier oder nirgends muß icde künstlerische Individualität zum Durch- bruch kommen." Plözlich hatte er selbst ein Stück Kole in der Hand, und nun schilderte er dem Freunde eine Straßenszene, welche er heute mit angesehen, und welche ihn durch ihren Humor und in ihrex Charatteristtk gefesselt hatte, und Wärend er sprach, gleichsam veranschaulichend, skizzirte er die ganze Szene auf die Rückseite eines aufgespanten Karton, der vor ihm auf einer Staffelei stand. Dann sezten sie sich davor und sie lachten beide über die ge- lungene, so äußerst realistische Darstellung. „Man siet, du hast in den vier Jaren deine Kunst nicht ganz vernachlässigt," sagte Alfred. „Ich habe nichts gemacht,>vas unter diese Rubrik gezält wer- den dürfte." „Und heute siehst du, daß dennoch ein künstlerisches Können in dir ruht, das—" „Heute füle ich, daß ich das Auge eines Künstlers habe, und daß das Schöne eine Begeisterung in mir erweckt, und ein Gefül der Wonne, das unbeschreiblich ist." „Und das uns doch nur dann ergreift," erwiderte Alfred, „wenn unser Gemüt ftei ist, das Auge hell, wenn unser Geist nicht bedrängt und gequält ist von den kleinlichen Sorgen des Lebens.— Es braucht die ganze volle Kraft unseres Wesens, um das Empfangene zu verarbeiten, daß es sich in unser Ich auf- löse, um es dann als selbständige Schöpfung wieder zu geben." Friz sah den Freund betroffen an, das hatte so befremdlich geklungen, so gepreßt. Er bat ihn hierauf, ihm seine Arbeiten zu zeigen, seine künst- lerischen Entwürfe. „Ich habe nicht viel zu Hanse," sagte Alfred halb lachend, „von fertigen Bildern nichts, was mich beftiedigt. „Einige Studien werde ich dir zeigen, morgen, ich habe sie in Portefeuilles vergraben, diese dürften dir vielleicht gefallen." Alfred lachte. Friz aber meinte, wer zulezt lacht, lacht am besten. Jezt ward die Tür leise aufgemacht, und Marie trat herein. Sie trug ein seidenes Kleid, das jedenfalls für feierliche Gelegen- heiten bestimt und dafür zurückgelegt, das aber niemals hübsch und nun ganz unmodern geworden war. Sie schien sich auch nicht behaglich darin zu fülen; sie blieb an der Türe stehen, und schüchtern und verlegen blickte sie zu ihrem Manne herüber. „Elvira hat die Gondel geschickt, uns zum Diner abzuholen," meldete sie,„ich neme die Kleine mit, und da möchte ich denn gleich einsteigen, wenn es dir recht ist." Alfted hatte seine Frau mit keineswegs zuftiedenen Augen gemustert. Wie schlecht trug sie sich auch, wie ungünstig sah sie aus. Er hatte seine Frau niemals in Gesellschaften gefürt, er hatte sich um ihre Toilette niemals gekümmert, aber heute irri- ttrte es ihn, daß sie in einer solchen, die auch nicht den geringsten Ansprüchen auf guten Geschmack genügen konte, bei ihrer ele- ganten Schwester sich einfinden, an seinem Arm in ihren Salon treten sollte. Sie mußte geradezu lächerlich erscheinen und er mit ihr. Seine Stirne zog sich finster zusammen. Friz war indes auf die junge Frau zugegangen. Es hatte ihn eigentümlich berürt, sie so demüttg, so zaghaft an der Schwelle stehen zu sehen, die fra- genden Augen ihrem Manne entgegen gewant, der gleichwol noch mit keiner Silbe ihr geantwortet; er hatte ihre Hand ergrissen und sagte nun teilnamsvoll:„Sie sehen echauffirt aus, Marie, Ihre Wangen glühen, Ihre Hände zittern." Sic sah ihn an und mit einem verschämten Lächeln flüsterte sie:„Ich habe Herz- klopfen." „Wovon Marie, weshalb?" „Dieser Besuch bei meiner Schwester regt mich auf— ich fürchte mich davor— ich bin so lange nirgend hingekommen und es soll so elegant bei ihr sein— sie empfängt so seine Ge- sellschaft— wie werde ich mich da zurechtfinden.� Sie hatte es flüsternd, nur in abgerissenen sazen hervorgebracht, ihr Mann hatte gleichwol den Sinn chrer Worte sehr gut ist immer noch die Kleinstädterin in allem und jedem," äußerte er scherzend gegen Friz.,. � � Es sollte eine Entschuldigung fem und wurde zu einer bitteren Anklage. Dann trat er an seiner Frau heran und fragte leiser: Hast du kein anderes Kleid, das du anziehen köntest?" " Sie schüttelte den Kopf.„Es ist mein bestes," versicherte sie, und es ist aus schwerer Seide, Mama hat sie selber ausge- sucht." Alfred lachte auf.„Ah, es ist aus einem waidinger Atelier hervorgegangen, man sieht es wol; nun, ich denke, es wird für Elvira, als eine Erinnerung an die Heimat, von einigem In- teresse sein!" Sie sah ihn mit unsicheren Augen an:„Wünschest du, daß ich zuhause bleibe?" fragte sie beklemt. (Fortsezung folgt.) WM 414 Ein erfolgreicher Kampf der Chemie gegen unlerirdilche Rebenverwüster. Bon Aothverg-Lindcner. „So get es fort, man möchte rasend werden!— Der Luft, dem Wasser, wie der Erden— Entwinden tausend Keime sich— Im trocknen, feuchten, warmen, kalten."— So läßt Goethe den Mephisto die unübersehbare, unaustilgbare Zeugungskrast der Natur in all' ihren Bereichen kenzeichnen! Und diese Keime, und die daraus entivickelten Organismen beengen dem Menschen das Feld des Daseins, in dem er wurzelt und woher er seine Lebensbedingungen ergänzt; sie konkurriren mit ihm, sie dringen auf ihn ein, sie bedrohen seine Existenz, indem sie ihm Wasser, Luft und Erde nicht selten vergiften.— Grade die jüngsten, auf dem Gebiete der Natur so emsig forschenden Jarzehnte haben uns mit einer solchen Unmasse von kleinen pflanzlichen und tierischen Zerstörern bekant gemacht, die uns teils direkt zuleibe zu gehen geneigt sind, teils die zu unsrer Ernärung und unserm Wol- stand notwendigen Haustiere und Kulturgewächse zu vernichten streben,— oft mit Erfolg, da eine Vernichtung dieser winzigen Individuen zwecklos ist, sie aber meist unangreifbar sind, sobald sie in Scharen und Massen auftreten,— sodaß uns ein ver- zweifelndes Bangen befallen müßte, wenn nicht»nsrer in so vielen Fällen diesen Uebeln gegenüber einzugestehenden Onmacht einzelne und immer mehr andere Fälle gegenüber träten, in denen wir von der Wissenschaft auch erfolgreiche Mittel zur Bekämpfung dieser unfaßbar scheinenden Feinde in die Hand bekämen. Ein solcher erfolgreicher Kampf der Wissenschast gegen ver- derbliches Ungeziefer ist nach den nun vorliegenden, bis sechs Jare zurückreichenden Erfarungen derjenige der Chemie gegen die Reblaus(PK�lloxeru vastatrlx). Als sie zu Beginn des vorigen Jarzehnts, zuerst unsichtbar, in den besten französischen Weinbaudistrikten als Vernichtcr auftrat und, rasch umsichgreifend, die Rebkultur vollständig unmöglich zu machen drote, da sie den Ertrag des Weinstocks weit unter den Wert der aufgewallten Arbeit reduzirte, da mußten die heimgesuchten Winzer natürlich zunächst ratlos und verzweifelnd dastehen. Selbst das von der alten Schablone und der neuerregten Wut eingegebene, dem Wein- bau als Gewerbe tätlich ins Fleisch schneidende Mittel, die kranken Stöcke auszureißen, zu verbrennen, und dafür neue zu sezen, half nichts, denn den neuen erging es im alten Boden um nichts besser, als den früher dort erbangesessenen Reben. Die Tatsachen der Entdeckung der Reblaus auf den Wurzelstöcken in der Erde, die Mitteilungen über die Erkundigungen der Natur und Lebens- weise dieses Insekts, die äußerlichen staatlichen Maßregeln gegen Verbreitung desselben durch Verkauf und Verpflanzung infizirter Reben, die internationalen Reblauskonventionen— all' das ist teils aus früheren Mitteilungen in diesem Blatte, teils aus den Tagesblättern in der Erinnerung der Leser. An ernsthaft gemeinten Vorschlägen seitens Berufener und Unberufener— Vorschlägen von zum Teil spaßhafter Naivetät, wie z. B. das Sammeln gut feuchter Cigarrenstümpfe, deren Extrahiren und Begießen der Erde um die Weinstöcke mit der Brühe!— felte es nicht, doch wurde wol keiner ernsthaft in Aus- sürung genommen, bis der Chemiker I. Dumas in Paris das Kaliumsulfokarbonat(eine chemische Verbindung von Schwefel- kolenstoff mit Schwefelkalium) als geeignetes Mittel nachwies. Beim Experimentiren mit lebenden Rebläuse» im physiologi- scheu Laboratorium hatte man zwar schon vorher gefunden, daß der Danips des Schweselkolenstoffs die Phylloxera töte. Als aber reiner, flüssiger Schweselkolenstoff in künstlich angelegten und dann verstopften Bodenlöchern unterhalb der Wurzelstöcke der Rebe angewant wurde, tötete das aus der Verdunstung entstandene Gas, den Boden durchdringend und die Wurzelsasern umspülend, zwar one Erbarmen und ganz gründlich diese Parasiten, aber ebenso unfelbar die Pflanze, welche von ihnen befteit werden sollte. Es kam daher darauf an, den Schweselkolenstoff in solche Form zu bringen, daß er sich bei größtmöglicher Verteilung im Boden m einer Stärke entwickelt, welche der Pflanze nichts schadet, dagegen die Phylloxera sicher tötet. Diese beiden Bedingungen werden erfüllt von dem von Dumas vorgeschlagenen Präparat. Das Kalium, ulfokarbonat läßt sich sowol als festes Salz, als auch in Form von Lauge in großem Maßstabe herstellen. Die ersten Versuche damit wurden auf der Weinbaustation Cognac von feiten der französischen Sociätä nationale im Jare 1874 an- gestellt. Mit einigen Kilogrammen machte man zunächst die Erfarung, daß die Rebe nicht von der Berürung mir dem Salz oder dessen Lösung leidet, im Gegenteil von dem Kaliumgehalt der Verbindung als düngendem Stoff häufig Nuzen ziet, wärend die Rebläuse sofort davon getötet werden. Das Kaliumsulfo- karbonat wird einfach auf den Erdboden um die Reben gestreut; der Regen oder künstliche Bewässerung lösen es auf, und sowie die auf der Wurzel schmarozenden Insekten von der Lösung er- reicht werden, sterben sie sofort. Um in schwer geschädigten Gegenden junge Anpflanzungen zu schüzen, zeigte es sich nötig, sowol im Frühjar, als im Herbst die Behandlung mit dem Kali- salz vorzunenien. lBei älteren Rebpflanzungen, deren Wurzeln bereits tief in die Erde gesenkt sind, ist das Kurverfaren gegen die Reblauskrankhcit erheblich mühsamer und schwieriger. Hier wird unterhalb des starken Wurzelstockes der Rebe ein Loch aus- gehölt, die nötige Quantität des Reblaussalzes hineingetan, und sobald es vom Boden eingesogen ist, wird Dünger übergedeckt;— eine unendlich mühsame Arbeit, wenn man bedenkt, daß ein Morgen('/« Hektar) Weinlandes mit durchschnittlich 1000� bis 1500 Rebstöcken bestanden ist, und daß man jeden einzelnen Stock nur mit Vorsicht unterhölen darf, um die zu seiner Existenz ganz wesentlichen Saugwurzeln nicht mehr als unumgänglich zu zerstören. Aber der ungemeine Fleiß und die Ausdauer des Franzosen bei jeder nur irgend Erfolg versprechenden Arbeit haben sich auch hier bewärt, wie sichtbarlich der Verbrauch von Reblaus- salz anzeigt, der von einigen hundert Kilogrammen im Jare 1875, einigen tausend im Jare 1877 bis auf 500000 Kilogramm im Jahre 1830 sich ausgedehnt hat*). Billig ist das ganze Heil- vcrfarcn durchaus nicht; denn da für die einzelnen Weinstöcke in jünger» und weniger infizirten Pflanzungen doch zu erfolgreicher Behandlung nicht weniger als 50 Gramme des Salzes angewant werden, wärend der Bedarf alter und stark kranker Stöcke bis auf 150 Gramm steigt, so ist bei dem hohen Preise des Kalium- sulfokarbonats nicht zu verwundern, daß die Kosten dieses Ber- farens sich auf 250 bis 400 Franken per Hektar belaufen. Diese riesige Ausgabe würde in der Tat sich für jedes andre Kultur- gewächs unerschwinglich erweisen. Im östlichen Europa kann inan ja für dasselbe Geld die Hektare Ackerland erb- und eigen- tümlich kaufen. Es erklärt sich also die Möglichkeit dieser Kur- metode nur daraus, daß eine Hektare guten Weingartens einen verhältnismäßig enorm hohen Wert besizt, der so gut als völlig verloren wäre, wenn der Winzer die Reben ausreißen und dafür Weizen oder auch ein einträglicheres Handelsgewächs bauen wollte. Auch das vielleicht anfänglich einleuchtend erscheinende Berfaren, die infizirten Weingüter nur eine Reihe von Jaren völlig vom Weinstock frei zu halten und, nachdem voraussichtlich das Un- geziefer ans Mangel an Narung verdorben wäre, neue Reben aus gesunden Gegenden einzufüren, würde sich für die Besizer ruinös erweisen, da eine Weinpflanzung vor dem vierten Jare keinen Ertrag, bis zum zwanzigsten einen steigenden bringt, die Rebstöcke aber bis zu hundert Jaren aushalten, sodaß also die Weinpflanzen selbst einen sehr erheblichen Teil des vom Weingut repräsentirten Kapitals darstellen. Es dürfte nun interessiren, an der Hand von Taffachen und Zalen die durch Anwendung des Dumas'schen Mittels geschaffene Gesundung oder mindestens Besserung der Lage in einzelnen re- nommirten Weinbaudistrikten Frankreichs speziell kennen zu lernen. Die am längsten, nämlich seit 3 bis 6 Jaren in Behandlung gewesenen Weinländereien sind diejenigen zu Launac. Cognac, zu Ludon und ein kleineres Areal zu Mözel bei Clermont-Fer- rand. Besonders die Weinpflanzungen zu Cognac waren im Jare 1876 so geschwächt, daß man den Weinbau aufgeben, die Reben ausreißen wollte, denn die Hettare ergab nur noch das gering- fügige Quanttim von 15 bis 16 Hektoliter Wein. Nach erfolgter Behandlung mit Kaliumsulfokarbonat aber erhob fich der Ertrag im Jare 1878 und 1879 wieder auf etwa 80 Hektoliter und troz schlechter Reife 1880 auf 75 Hektoliter. Einer nur zweijärigen Behandlung auf inöglichst ungünstigem Boden unterlagen Weinpflanzungen zu la Provenquiöre. Auch *) Diese und spätere Zalenangaben sind den, Bericht des Herrn Ältouillefert an die Acadsmie des Sciences entlehnt und von dieser in den Comptcs Rendus, T. XCII, Nr. 5, veröffentlicht. D. B. 415 hier wurde nicht nur dem Fortschreiten des Uebels Einhalt ge- tan, sondern die kranken Reben konten sich nach Befreiung von ihren Lebensaussaugern auch derartig erholen und kräftigen, daß auf derselben Fläche, wo 1878, vor der Behandlung, nur im ganzen 6500 Hektoliter geerntet wurden, im Jare 1879 schon wieder 10100 Hektoliter und 1880, nach zweijärigem Verfaren 13200 Hektoliter Wein erkeltert wurden, wobei im lezten Fall nach sachverständiger Schäzung noch eine Verringerung um einige tau- send Hektoliter durch Verwüstungen des Blattwicklers an den Blättern der Reben stattgehabt hatte. Die von der Socists nationale im Bordelais(Gegend von Bordeaux) gepachteten Domänen waren von der Phylloxera bis an die äußerste Grenze der Vernichtung und Erschöpfung gebracht worden. Sie lieferten gar keinen Ertrag mehr. Nach zweijäriger wiederholter Behandlung niit dem Reblaussalz unter Zugabe von künstlichem Dünger können die Pflanzen als wieder gesundet be- trachtet werden; denn sie wiesen im lezten Herbst kräftige Triebe und lebhaft grünes Aussehen, im Gegensaz zu dem dürren Gelb der Krankheitsperiode auf, und die Bewurzelung des unterirdischen Stocks mit einem Filz von Saugadern, welche von der Phylloxera zu völligem Verdorren gebracht werden, kann als ganz normal wieder hergestellt angesehen werden. Im Jare 1880 wurden unter andern in Behandlung genom- men im Syndikat von Aigre(Charente) größere Flächen Wein- Pflanzungen auf sehr ungünstigem Boden, der erfarungsmäßig der Reblaus das günstigste Operationsfeld bietet. Die geschwäch- testen Stöcke nun, die zuerst im Frühjar und dann im Beginn des Sommers mit Kaliumsulfokarbonat versehen wurden und die bis in den Juli gelbe, verkümmerte und verkrümte Blätter auf- wiesen one neue Schossen, wie sonst im gesunden Zustand zu trei- ben, zeigten nach der zweiten Gabe des Salzes zunächst zalreiche neue Harwurzeltriebe und im August erfolgte eine kräftige Ver- ästelung des Rebstocks, so daß an Rettung auch dieser Weinan- lagen nicht zu zweifeln ist. Aenliche günstige Resultate sind aus verschiedenen anderen Gegenden zu berichten, unter andern aus dem berühmten Borde- lais, das ganz besonders verwüstet ist, oder dort wo man die Hülfe des Kaliumsulfokarbonats in Anspruch genommen, heimge- sucht war. Einen Begriff davon gibt der Umstand, daß der Er- trag des 52 Heftaren großen Weingutes Chüteau des Tours, das im Jare 1874, vor Invasion der Reblaus 148 Tonnen Wein betrug, im Jare 1879, nach der Jnfeftion, auf 30 Tonnen gesunken war.(Ob man trozdem von dieser berühmten Marke Rotweins im Ausland weniger getrunken hat, ist zu bezweifeln, also woher mögen die feienden 118 Tonnen erflossen sein?) Im allgemeinen hat man bei dieser Verwendung des Reb- laussalzes in verschiedenen Gegenden Frankreichs die Erfarung gemacht, daß die Wirkung je nach der Art des Bodens und Un- tergrunds an Schnelligkeit und Gründlichkeit wechselt, auch die Dosis nach diesem Umstand abgemessen werden muß, daß aber überall der Erfolg in Beschränkung der Weiterverbreitung der Krankheit und Wiederherstellung der Weinstöcke sich erwiesen hat; gründlicher im Südwesten Frankreichs als im Südosten. Es hat sich ferner gezeigt, daß die jungen Pflanzungen von 4 bis 20 Jaren im ausgedehntesten Maße von der Behandlung mit diesem Mittel Nuzen ziehen. So ist in Frankreich der Kampf gegen das verderbliche In- sckt auf einigen tausend Morgen mit Erfolg gefürt, aber im Verhältnis zu der ganzen Fläche kranken Weinlandes bleibt noch viel zu tun übrig; auch hier mußte der Nuzen erst ganz klar vor aller Augen liegen, um die Anwendung des Heilmittels einer immer größem Zal von Winzern angezeigt erscheinen zu lassen. In Deutschland und Oesterreich ist die Phylloxera glücklicher- weise nur viel beschränkter auf einzelnen Flächen aufgetreten und ihrer Verbreitung ist kein großer Raum gewärt worden. Ver- suche, welche im chemischen Laboratorium der kaiserlichen Hoch- schule für Bodenkultur in Wien unternommen wurden, fürten noch zur Kentnis einer andern Verbindung, welche im Boden Schivefelkolenstoff entwickelt und, one dem Weinstock zu schaden, die Phylloxera tötet, das ist das xanthogensaure Kalium. Zöller und Grete, welche dasselbe empfelen, wollen ihm mancherlei Vor- züge vor dein Kaliumsulfokarbonat zuerkant wissen, unter anderen auch den der größern Billigkeit. Mag nun auch die Wirkung dieses Salzes eine nicht minder entschiedene sein, als die des Kaliumsulfokarbonats, so scheint ein ausgedehnterer Verbrauch davon doch nicht stattgefunden zu haben. In Frankreich jeden- falls hat der Vorschlag keine Befolgung gefunden. Dumas er- klärt, daß sich hier der Preis darum zu hoch stelle, weil in Frank- reich der Alkohol zu teuer sei, welcher zur Herstellung der Xan- thogensäure nötig ist.— Jedenfalls ist es ein schöner Sieg der Wissenschast über die umheimlichen, myriadenweis auftretenden, kleinen Feinde, durch den auf ausgedehnten Flächen eines mit unendlicher Mühe kultivirten Landes diese Kultur gerettet und Hunderttausenden Erwerb und Wolstand gewart worden ist. Wunderliche Heilige. Bilder aus der Kulturgeschichte des elften Jarhunderts. Von Dr. Mar'Dogker. (1. Fortsezung.) II. Lassen wir nun nach diesen allgemeineren Betrachtungen über die damalige Geistlichkeit das Bild des wunderlichsten unter so vielen wunderlichen Heiligen, des Bischofs Meinwerk von Pader- dorn, vor uns erstehen, wie es von dem abdinghofer Biographen pietätvoll und mit reizender Naivetät ausgemalt wird. Wir werden die Erscheinung des merkwürdigen Mannes erst jezt in wirftich entsprechender Beleuchtung aufzufaffen wissen. Als Son des sächsischen Grafen Jmmed, des Bruders der ftommen Königin Mattlde, der zweiten Gemalin Heinrichs I., war Meinwerk mit dem königlichen Hause verwant und infolge dieser seiner Abstammung reich begütert. Schon früh für den geistlichen Stand besttmt,— damals in den meisten Fällen der Beruf, dem sich vorneme junge Männer widmeten, wenn ein älterer Bruder vorhanden war, der in den Besiz der väterlichen Würde trat,— hatte er seine Bildung zuerst in der Schule des Stifts zum heiligen Stephan in Halbcrstadt und später in Hildes- heim erhalten, wo vielleicht der berühmte Bernvard sein Lehrer wurde. Das erste geistliche Amt bekleidete er als Domherr zu Halberstadt, bis ihn Kaiser Otto III., durch seine edle Lebens- ftirunq und die Anmut seiner Sitten auf ihn aufmerksam ge- worden an seinen Hof rief und zu einem semer Hoftapläne machte. Auch Otto's Hl. Nachfolger. Heinrich II., diente er m gleicher Stellung und erwies sich in Staats- und Privatgeschäften vielfach nüzlich. Nachdem im Jare 1009 der Vorsteher des annen und kleinen Bistums Paderborn, zu welchem Karl der Große an den Quellen der Pader, am Nordfuße des dichtbewaldeten Eggegebirges, durch Errichtung einer Kirche den Grund gelegt hatte, mit Tode abgegangen war, übergab er ihm daher diesen Bischofssiz, und Meinwerk verstand denselben zu einer Bedeutung emporzuheben, die er später nur unter wenigen wiedererlangt hat. Charakteristisch für Meinwerk und sein Verhältnis zu Kaiser Heinrich II. ist schon die Art, wie er in das neue Amt eingesezt Wurde. Heinrich hatte die Kunde von dem Hintritt des bis- herigen Abts von Paderborn zu Goslar, das ihm übrigens die ersten Anfänge seiner nun rasch zunemenden Größe verdankte, erhalten und infolge dessen zur Beratung über einen Nachfolger desselben die anwesenden geistlichen und weltlichen Großen um sich versammelt. Nachdem bereits viele Männer in Vorschlag gebracht und inbezug auf ihre Würdigkeit geprüft worden waren, schlug endlich der König seinen Hofkaplan Meinwerk vor, war- scheinlich weil sich derselbe durch seine hohe Geburt und seinen Reichtum gleich sehr empfal. Da sich Meinwerk auch sonst all- gemeiner Beliebtheit erfteute, wurde der Vorschlag von der Ver- samlung mit ungeteiltem Beifall aufgenommen und der Hofkaplan gerufen. Ihm mit wolwollendem Lächeln seine Handschuh reichend, redete ihn der König nur mit den Worten an:„Da nimm!" Als der Hofkaplan überrascht fragte, was er nemen sollte, ant- wortete ihm Heinrich:„Das Bistum von Paderborn!" Meinwerk entgegnete indes, daß er darauf verzichte, da er aus seinen eignen Besizungen ein viel reicheres Bistum schaffen könne, worauf der Kömg bemerkte:„Eben weil ich das recht wol weiß, wünsche ich, daß du dich des armen Bistums erbarmen und ihm mit deinem Vermögen zuhülfe kommen mögest." Durch diese Antwort zur Anname des Amtes bestirnt, empfing Meinwerk vom Kaiser Ring und Stab. Das erste Werk des neuen Bischofs, der damals im kräftigsten Mannesalter, zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Lebens- jare, stand, war ein völliger und mit seltener Pracht ausgenirter Neubau des paderborner Toms, den er mit solchem Eifer betrieb, daß die Einweihung desselben schon nach sieben Jaren statt- finden konte. Bezeichnend für den Sinn des Bischofs ist folgende Anekdote, die sein Biograph erzält. Es erschien nämlich eines Tages, als Meinwerk auf dem Banplaze anwesend war, ein un- bekanter Mann, der ehrfurchtsvoll grüßte und seine Dienste anbot. Als ihn der Bischof fragte, welche Kunst er verstände, nante er sich einen Maurer und Zimniermann. Da befal ihm der praktische Bauherr, auf der Stelle einen Nagel, den die Zimmerleute zum Zusammenfügen der Balken nötig hatten, anzufertigen. Als er dies schnell und gewant vor den Augen des Bischofs vollendete, nam ihn dieser zum Mitarbeiter am Bau an, sezte ihn aber bald, als er eine vorzügliche Kentnis und Erfarung in seineni Fache bewärte, dem ganzen Werke vor. Leider starb der fremde Bau- meister bald darauf, und der Bischof ließ ihn feierlich bestatten, ihm neben der Mauer in der Krypta ein Denkmal sezen und zu seinem Haupte Hammer und Kelle legen. Kein Wunder, daß er sich durch diese ehrenvolle Anerkennung des fremden Mannes die Zuneigung und Liebe sämtlicher Arbeiter erivarb. Bei der Ein- weihung des Doms verfette er nicht, die päpstlichen Privilegien vorzulesen und mit kräftigem Fluch alle zu bedrohen, die sich an deni Eigentum oder den Rechten der paderborner Kirche vcr- greifen würden: sie sollten— sagte er—„mit dem Teufel und seinem schrecklichen Gefolge und mit dem Verräter des Herrn, Judas, in ewigem Feuer brennen und, in den Schlund und den Rachen der Hölle hinabgcstoßen, zugleich mit den Verdamten vernichtet werden____" Kaum hatte Meinwerk vom bischöflichen Stule Besiz genom- men, als er sich anschickte, seine Diözese zu bereisen, was er seitdem alljärlich, und zwar öfter werkleidet als heruniziebender Handelsmann, wiederholte. Ucberall, wohin er kam, ermunterte er zu fleißigem Streben, strafte die Großen und Vornemen, die ihre Leute willkürlich bedrückten und hart behandelten, und nam sich der ärmeren Untertanen mit treuer Sorge an. Und die lezteren empfanden dies umso dankbarer, als sie damals in den Banden hoffnungsloser Knechtschaft schmachteten und den Launen ihrer Herren völlig preisgegeben waren. So konten diese ihre niederen Leute beliebig verschenken, wie man etwa ein Stück Vieh crns� der Hand gibt, ihnen die härtesten Strafen zuerteilen, und selbst, wenn sie einen derselben im Zorn erschlugen, pflegte eine solche Untat nur in den seltensten Fällen gerochen zu werden. Alles, was die Aermsten besaßen und erwarben,— und man konte also von einem wirklichen Besiz füglich kaum reden,— gehörte dem Herrin Wenn nun Meinwerk seine Meier, d. h. die seinen Gütern Vorgesezten, in Verdacht hatte, daß sie, um sich selbst Vorteile zu verschaffen, die Leibeignen und Hörigen drückten und beraubten, so war es ein ebenso originelles wie treffliches Büttel, in der Gestalt eines farenden Krämers die Höfe zu be- suchen nnd sich über den Stand der Dinge zu unterrichten. Und es verdient diese Fürsorge umso größere Anerkennung, als selbst die verhältnismäßig am meisten" Gebildeten in jener Zeit sich wenig Bedenken daraus machten, gegen die Angehörigen dieser niederen Volksklassen mit grausamem Belieben zu verfaren. So ist es bekant, daß Kaiser Heinrich II. einst mit Behagen dem Schauspiele zusah, wie ein Bär einen mit Honig bestrichenen nackten Leibeignen(Gunkler) verfolgte, und erst durch einen an- wesendeu Bischof bedeutet werden nmßte, daß es sich zieme, diesen rohen Spaß einzustellen. Einige Episoden mögen zeigen, wie der Bischof auf jenen Reffen seine Zwecke zu erreichen wußte. Um die wäre Gesinnung der leibeignen Dienstleute gegen den Meier zu erkundigen, unter- e'nma,' nui dem Hofe Berghausen folgendes. Als er sich dem Gute näherte(er reiste diesmal zu Pferde und unter seinem wirklichen bischöflichen Namen), befal er seinen Begleitern, die Roge aus das Getreide zu treiben, was eben im Hause ge- droschen iverdeu tollte.„Wenn die Dienstleute"— meinte er— „Siebe und j.rene für den Meier hegen, so werden sie unzweifel- hast die Rotw vom Getreide vertreiben; sind sie ihrem Vorgesezten aber nicht treu und ergeben, so werden sie die Pferde des Bischofs gewären lassen und sich heimlich über den Schaden ihres Ateiers freuen." Kaum hatten die Begleiter Meiuwerks die Rosse auf das Getreide getrieben, so liefen die Dienstleute, scheinbar aus Ehrfurcht und Gehorsam gegen den Bischof, auseinander und die Rosse fraßen und zerstampften das Getreide, das sie dreschen sollten. Sofort übte der Bischof ein Pröbchen prompter Justiz, indem er den Dienstleuten wegen ihrer Nachlässigkeit die heftigsten Vorwürfe machte und sie auspeitschen ließ. Ilm aber gleich darauf eine heilende Salbe auf die Wunden zu legen, befal er, den armen Leuten eine reichliche Malzeit zu geben, und er hatte die Genug- tuung, bei seinem Besuche auf demselben Hose im folgenden Jare warzunemen, daß sein Verfaren von Niizen gewesen. Als er nämlich wieder gradenwegs über die Tenne reiten wollte, wurde ihm von den Leuten der Eingang über die leztere versagt, und er mußte durch die obere Tür des Hauses eintreten. Der Bischof war darüber so sehr erfreut, daß er, als die Dienstleute sich über allzu magere Kost beklagten, befal, denselben järlich noch zwei Schinken außer denen, die ihnen der Meier geben mußte, zukommen zu lasten. Als ein Liebhaber wolgepflegter Gärten konte der Bischof durch nichts ärgerlicher gestimt werden, als wenn er fruchtbares Garten- land wüst und verwildert liegen sah. Das leztereZvar nun aber in dem Garten des Meierhofes von Nieheim der Fall, der, dicht mit Nesseln, Haidekraut und anderem wildwuchernden Unkraut be deckt, einen sehr öden Anblick bot. Kaum hatte Meinwerk dies wargenommen, Wärend die stolze Meierssrau iii_ schönen Kleidern gepuzt einherging, da befal er, der lezteren die kostbaren Gewänder vom Leibe zu reißen und das hoffärtige Weib durch die ganze Länge des Gartens über die Nesseln und das Unkraut zu ziehen, bis sie mit ihrem Körper allen den wilden Pflanzenwuchs zu Boden gedrückt. Nachdem dies geschehen, benam sich der Bischof wieder auf seine Weise, indem er die Jammernde mit Schmeichel- Worten tröstete und sie mit gewonter Freigebigkeit erheiterte. Auch hier hatte er die Freude, im folgenden Jare den Garten sorg- fältig gepflegt und ihn in einer reichen Fülle uuzbarer Gewächse prangen zu sehen. Er betonte dafür die Frau mit größerem Tanke und reichlicheren Geschenken als das erste mal. Manchmal freilich mußte sich der praktische Mann auch äffen lassen, one seine Absichten zu erreichen,— begreiflich genug, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Art seines Auftretens nicht dauernd Geheimnis bleiben konte. So im folgenden Falle. Mein» werk hatte ersaren, daß die Frau des Meiers auf dem bischöflichen Hofe zu Balhorn ebenfalls sehr puzsüchtig sei, und nam sich daher vor, sie aus die Probe zu stellen. Er verkleidete sich zu dem Zwecke wieder als reisender Handelsmann, begab sich nach jenem Hofe, grüßte die Hausfrau demütigst, wie es einem armen Krämer, der vom Publikum leben mußte, zukain, breitete seine Waren vor ihr aus und bat sie, etwas, wonach ihr Herz begehrte, zu kaufen. Das Weib war aber durch ihren Mann bereits von der Maske des Bischofs unterrichtet, und da sie sein Vorhaben leicht erriet, stellte sie sich, als ob sie über die Unverschämtheit des Krämers, womit er sie zur Hoffart verleiten wollte, höchst aufgebracht wäre, rief sogleich ihren Gatten herbei nnd schrie mit kreischender Stimme zornig, da sei ein Verfürer zu ihr gekommen, um sie durch Er- regung sündhafter Eitelkeit ihres ewigen Seelenheils zu berau- ben u. s. w. Beschämt und doch im Herzen froh über die Charakterfestigkeit der Frau zog der hohe Herr von dannen.... So leicht die leidenschaftliche Natur des Bischofs auf der einen Seite zu heftigen Ausbrüchen des Jähzorns zu bringen war, so schnell war sie in der Regel wieder besänftigt, und Meinwerk be- müte sich dann immer schnellstens, durch begütigende Worte und Geschenke sein gewaltsames Verfaren wieder gut zu machen. Nir- gends zeigte sich dieser Zug seines Charakters deutlicher als in seinem Benemen gegen den zu seiner Zeit außerordentlich be- rühmten frommen Einsiedler Heimerad. Obschon von edler Abkunft, hatte Heimerad, ein Schwabe von Geburt, doch Heimat und Verwantschäft verlassen, um, dem zu Abenteuern drängenden Hang jener Tage folgend, in selbstgewälter Armut als Pilger die Welt zu durchziehen. So besuchte er zu- erst Rom, unternam darauf eine Wallfart nach Palästina und hatte, von da zurückgekehrt, anfangs als Einsiedler in der Nähe der Abtei Hersfeld gelebt. Dann aber machte er sich bei einer alten Kapelle, in der Nähe von Dortmund, die er wieder herge» stellt hatte, heimisch, und von hier aus kam er im Jare 10U auch einmal nach Paderborn. Als Meinwerk den langen, hageren Mann mit gelbem Gesicht und in elender, schmuziger Kleidung sah, fragte er:„Woher komt denn dieser Teufel?" Nachdem der fromme Pilger demütig und ängstlich geantivortet, daß er keines- wegs der Teufel sei, fragte der Bischof weiter, ob er Priester wäre, und als er erfur, daß er an demselben Tage Messe gelesen habe, befal er ihm, sogleich die Bücher herbeizubringen, aus denen er gesungen. Leider hatte sich der arme Klausner nur wertloser, nachlässig gehaltener Bücher bedienen können, und der Bischof ließ dieselben nicht allein auf der Stelle in's Feuer werfen, sondern Heimerad selbst auf Befel der Kaiserin Kunigunde, die gerade in Paderborn anwesend war und den heiligen Eifer des Bischofs teilte, tüchtig auspeitschen. Als inzwischen das Fest des heiligen Andreas herangekommen war, welches man in der diesem Heiligen gewidmeten Kirche zu Warburg festlich beging, wurde der Bischof, zu dessen geistlichem Sprengel Warburg gehörte, von dem Grafen Dodica zu Tische geladen. Zufällig hatte der War- burger Graf auch den frommen Heimerad zur Tafel gezogen und denselben in der Vigilia des heiligen Apostels dem Bischöfe ge- rade gegenüber sezen lassen. Der Bischof brauste sogleich zornig auf und fragte, was ein Mann mit solchem Takte wie der Graf mit der Gegenwart eines solchen Elenden bezwecke, schmäte den Heiligen in den beleidigendsten Ausdrücken und nante ihn sogar einen Wahnsinnigen und Apostaten. Heimerad ertrug alle Be- schimpfungen schweigend und geduldig und saß still wie eine Bild- säule. Der Graf aber antwortete, er habe nicht gewußt, daß der Bischof ein Aergernis mit ihm gehabt habe, suchte den Aufge- brachten mit sanften und ehrerbietigen Worten zu beruhigen und erbat dringend Meinwerk's Verzeihung für den unschuldigen und harmlosen Mann Gottes, den er sehr verehrte. Der Bischof in- des blieb bei seiner Meinung und wollte sich durch nichts begü- tigen lassen; endlich erklärte er aber, da dieser Heimerad von allen Menschen für heilig gehalten werde, so wolle er einmal seine Heiligkeit auf die Probe stellen. Er befal also dem frommen As- keten unter Androhung von Schlägen, des andern Tages in Ge- gcnwart aller Gäste des Grafen in der heiligen Messe— das Halleluja zu singen. Er glaubte damit von dem stillen Einsiedler etwas zu verlangen, was einer ergözlichen Bestätigung des ge- stügelten Wortes jener Tage:„den Esel zum Lautenspiel ein- laden", gleichkäme. Der Graf hörte nun freilich nicht auf, für Heimerad zu bitten, reizte aber dadurch den Bischof immer mehr, auf seinem Willen bestehen zu bleiben. Als daher nachts die Messen vorbei waren, nam zener den Mann Gottes bei Seite, tröstete und beschwor ihn, der Versuchung nicht aus dem Wege Zu gehen, sondern wenigstens in Gottes Namen anzufangen und das übrige dem Herrn der Heerscharen zu überlassen. Der schüch- terne Eremit wollte aber in keinem Falle darauf eingehen und bat den Grafen vielmehr, ihn unter diesem„Wolkenhimmel großer Bedrängnis" hinweg enttveichen und den heiligen Frieden seiner einsamen Klause aufsuchen zu lassen. Endlich indessen gab er den Bitten seines hohen Verehrers nach und blieb. Als des an- deren Tages die Stunde der Messe herangekommen und der Bischof auf keine Weise von seinem Vorsaze abzubringen war, trat Hei- merad denn vor den Altar, hob mutig an und sang das Halle- luja„würdevoll und anmutig" zu Ende, so daß sich alle An- wesenden auf's höchste verwunderten und einstimmig versicherten, niemals eine„lieblichere Modulation" vernommen zu haben. Da ergriff den ebenfalls erstaunten Bischof wieder so heftige Reue, wie wir es in anderen Fällen sahen; er machte sich bittere Vor- würfe über das, was er dem frommen Manne getan, und die schweren Kränkungen, die er ihm zugefügt, zog ihn nach der Messe an seine Seite, fiel ihm zu Füßen und bat ihn in den demütigsten Ausdrücken uin Verzeihung. Er erhielt diese natürlich und wurde von dieser Zeit an des Heiligen warmer und beständiger Freund. Der leztere aber fand sich durch dieses Ereignis doch bewogen, sich noch mehr und zwar auf den schön gelegenen, iveithin ficht- baren Hasungenberg im Habichtswalde zurück zu ziehen, wo er nach acht Jaren selig im Herrn entschlief..... Mit besonderem Geschick wußte Meinwerk vom Kaiser Heinrich Geschenke für sich und sein Bistum zu erlangen, und nicht allein Grafschaften, Höfe, Forsten und Felder, sondern auch andere Gegenstände, sowie Rechte und Privilegien aller Art. Wo nur immer Zeit und Art günstig waren, erinnerte er seinen königlichen Verwanten, der ihn oft, und namentlich bei Gelegenheit der hohen Kirchenfeste, in Paderborn besuchte und welchem er übrigens, wie bemerkt, in Staatsgeschäften mancherlei Dienste leistete, an sein Gelübde, die verarmten Kirchen durch Schenkungen und Ver- leihungen zu heben, und der Kaiser ließ sich fast nie umsonst bitten, wenn er auch zuweilen über das unermüdliche Drängen und Fordern des Rischofs unwillig wurde. Heinrich gab immer wie- der, weil er im Grunde nur für die Macht der Krone zu sorgen glaubte, wenn er die Macht der Kirche hob und erweiterte. Daß dies ein sehr großer Jrtum war, sollte leider schon die folgende Geschichte des elften Jarhunderts drastisch und deutlich genug zeigen. (Schluß folgt.) Harmlose Plaudereien und Geschichten. (III.®n Gewaltmarsch und leine Folgen.— Mein Verhängnis.) Das war ein Ausbruch— so eilig, wie er uns allen, die wir da in ungeordneter Marschkolonne ins freie Feld hinausgefürt wurden, noch nicht vorgekommen war. Was sollte das bedeuten? Wo in aller Welt ging die Reise hin? Keiner von den Soldaten, keiner von den Unteroffizieren und Offizieren bis zum Obersten hinauf hatte die leiseste Ahnung davon. Dieser selbst, der Regimentskommandeur, unser Friedensbote von heut, war der einzige, der unsre unbändige Wißbegierde hätte befriedigen können; aber es fiel ihm nicht ein,— mit einem Gesicht, unheil- verkündend, als ginge es direkt in den Tod, sprengte er in gestrecktem Galopp an seinem Regimente vorüber. „Finden Sie nicht auch, Lieutenant von Berg, daß dieser Ruhe- tag den Unruhetagen vorher zum Verwechseln änlich siet?" fragte ich einen mir von der Universität her bekanten Reserveoffizier, der ungefär nach zweistündigem Marschiren zufällig in meiner Nähe vorwärts- stampsle. „Wenn er nur nicht unruhiger wird der Ruhetag, hol' mich der Teufel!" brumte der Lieutenant mit einer Miene, wie ein Leichen- bitter. „Wenn's bei dem Spaziergang wenigstens etwas gemütlicher zu- ginge; aber wir rennen ja, als ob wir vor allen unfern Siegen davon- lausen müßten." „Da komt der Regimentsadjutant," rief der Lieutenant, der sich eben umgeschaut hatte, um zu sehen, wer auf galoppirendem Rosse hinter uns dreingejagt käme. Im selben Augenblicke war der Adjutant auch schon an unsrer Seite. Als er den Lieutenant von Berg sah, mäßigte er die Gangart seines Pferdes. „Wo ist der Oberst?" fragte er. An der Spize des Regiments wird er sein. Hier haben wir ihn nicht"wiedergesehen, seit er beim Ausrücken an uns vorübergejagt ist. Aber können Sie nicht verraten, was eigentlich los ist?" Fch habe nur Vermutungen— nicht mehr. Wir kommen in wenigen Stunden hart an den Feind, denke ich, unser ganzes Korps ist auf den Beinen. Gott befolen, Berg!"... Der Adjutant gab seinem Pferde die Sporen und sprengte weiter. „Das ist eine schöne Friedensbescherung," meinte der nach Helden- taten augenscheinlich garnicht lüsterne Lieutenant von Berg.„Früh war die ganze französische Armee gefangen und ganz Frankreich kaput, und nachmittags sind sie schon wieder so auf dem Damme, daß ihnen ein ganzes Armeekorps nachgehezt werden muß. Haben Sic einen ver- uünstigen Schluck in der Feldflasche?" fragte er mich. „Nicht einen Tropfen— eine ganze Sintflut prächtigsten Weins haben wir zurücklassen müssen, weil wir nicht einmal Zeit hatten, die Feldflaschen zu füllen." „Ging mir grade so und die Zunge klebt mir am Gaumen— es ist unerträglich heiß." „Unsereiner ist vorsichtiger, Herr Lieutenant," mischte sich ein alter Sergeant, Pfeiffer mit Namen, ins Gespräch, der hinter mir in der Reihe der schließenden Unteroffiziere marschirte.„Wenn ich Ihnen einen Schluck guten Cognac anbieten darf--" Daß der Cognac nicht grade als Abkülungsmittel berühmt ist, störte den Lieutenant garnicht,— mich auch nicht. Die Feldflasche des Sergeanten war riesengroß— sie enthielt für drei durstige Kehlen reichlich genug. „Wissen Sie, was ich mir denke?" fragte der Sergeant. Und in der zutreffenden Meinung, daß wir in die Tiefe seiner Gedanken nicht eingedrungen sein würde», für er, one sich zu unterbrechen, fort:„Die Franzosen— oder wenigstens ein rcputirlicher Teil von ihrer Armee, ist durchgebrochen, und denen hezen wir jezt nach. Die Richtung, in der es jezt querfeldein get, ist die nach der belgischen Grenze, hörte ich vorhin unser» Adjutanten sagen,— die Franzosen werden sich auf belgisches Gebiet zurückziehen wollen, und wir werden bestimt sein, ihnen den Spaß zu verderben." „Wenn der Sergeant recht hätte, so blüte uns die schönste Aus- ficht, uns zur Feier des ersten Ruhetags totzulaufen," sagte ich. „Sehr leicht möglich," meinte der Lieutenant. Auch der Sergeant nickte.„Schade um Ihre strammen Beine, Gefreiter X.," sagte er zu mir.„Die sind kaum noch halb so dick, als sie waren, wie ich Sie vor anderthalb Monaten auf der Regiments- kammer einkleidete und keinen Waffenrock und keine Kuppel fand, die Ihnen weit genug gewesen wären." ,Llch entwickle mich mit Bismarcks und Moltke's Hülfe zur Syl- phide," entgegnete ich mit melancholischem Achselzucken. „Lausschritt— marsch, marsch!" ertönte da das Kommando unsre Marschlinie entlang. Der Lieutenant schrie es nach mit Stentor- stimme und sezte seine langen Spazierholzer sofort pflichtschuldigst in Trab. Aber leise grunzend fügte er hinzu: „Das hatte uns grade noch gefelt!" Die Unterhaltung verging uns bei dem Tempo, das wir hatten einschlagen müssen. Mehreren aus unsrer Kompagnie vergingen auch die Sinne. Dicht hinter mir brach nach vielleicht fünf Minuten langem Rennen ein Soldat zusammen, sein Gewehr fiel ihm vornüber von der Schulter und das Bajonnet borte sich zolltief in meinen Tornister. Der Hintermann des Gefallenen stürzte über ihn weg und drückte ihn völlig zu Boden. Er blieb liegen, one sich zu rüren, für uns andere gab es keinen Aufenthalt. Der Sergeant Pfeiffer wollte den Ge- stürzten ausrichten, aber eben sprengte der Major aus schäumendem Pferde heran: „Liegen lassen— was fällt— fallt! Nemt alle Kräfte zusammen, Leute, unser Regiment hat soeben die Ehre gehabt, an die Tüte des Korps kommandirt zu werden. Nur eine kurze Anstrengung noch, dann get's wieder in gewönlichem Marschtempo,— also vorwärts, wer kein Waschlappen sein will." Noch eine ganze Reihe von Minuten jagten wir so voran. Mir flimmerte es blutrot vor den Augen, mein Nebenmann schwankte wie ein Betrunkener— er konte es keine Minute mehr aushalten, ich viel- leicht auch nicht, aber wir hatten mehr Glück, als der zuerst Gestürzte, grade noch zur rechten Zeit machte ein Kommando dem verzweifelten Lausschritt ein Ende. Es dauerte lange, bis wir wieder einigermaßen zu Atem gekommen waren. „Wissen Sie, wieviel von unsrer Kompagnie bei diesem Lauf- vergnügen abgefallen find?" fragte endlich der Sergeant Pfeiffer.„Nicht weniger als acht Mann." „Nun, die werden schon nachkommen!" meinte der Lieutenant von Berg. „Der schmucke Junge, der Gemeine Helfer, der hier neben uns fiel, läßt's gewiß bleiben, und verschiedene andere warscheinlich auch noch," widersprach der Sergeant.„Haben Sie denn nicht gesehen, Herr Lieutenant, wie dem armen Teufel das Blut aus Mund und Nase quoll? Mit dem ist's aus. Ich werd's seiner Mutter schreiben, daß er als ein braver Kerl sein Leben gelassen hat, er hat mich drum ge- beten, wenn ihm was Menschliches passiren sollte. Heut früh, gleich nach dem Gottesdienst, hat er seiner Alten noch geschrieben, daß nun Friede wäre und er sie bald wiedersehen würde. Wenn's Glück gut ist, kommen die beiden Brise zu gleicher Zeit." Der Lieutenant wante sich ab und erwiderte kein Wort. Auch mir war im Augenblicke aller Humor vergangen. Unsre Unterhaltung blieb von neuem für längere Zeit unterbrochen. Früher, als zu erwarten gewesen, brach die Dunkelheit herein. Der Himmel hatte sich in ein düsteres Wolkenkleid gehüllt und drote Regen. Aus der Drohung wurde Ernst, bittrer Ernst. Wir mochten ungesär fünf Stunden marschirt sein, one eine einzige Pause zu machen, als es Plözlich in großen Tropfen zu regnen anfing. Nach wenigen Minuten regnete es nicht mehr Tropfen, sondern dicke Bindfaden, und aber nach wenigen Minuten goß es in Strömen aus uns hernieder. Das war eine Abkülung und Erfrischung— nur eine zu plöz- liche Abkülung und zu gewaltsame Erfrischung. Wir sperten alle den Mund auf, soweit wir nur konten, um möglichst viel von dem über- mäßigen Wassersegen in unsre Kehlen zu bekommen. Leider zeigte sich unsre Bekleidung nicht minder durstig, als wir selbst. Die Waffenröcke sogen sich voll wie die Schwämme, und der gerollte Mantel, den wir um den Oberleib geschlungen trugen, quoll aus, als wäre er eine alt- backene Semmel. So waren wir nach einer halben Stunde nicht nur am ganzen Körper naß bis auf die Haut, sondern schleppten neben unfern 50 bis 60 Pfund Kriegsgepäck noch so zehn bis zwanzig Psund Wasser mit uns vorwärts. Von der Abkülung und Erfrischung merkten wir nun nichts mehr, dagegen begann sich Ermüdung zu melden. Nur die Bärenstrapaze des Laufschritts hatte bisher ihre Opfer gefordert, sonst war noch keiner aus Ermattung zurückgeblieben. Jezt spante der erste aus. Ein junger Bursche, der nichts weniger als sehr kräftig aussah und schon bei allen größeren Märschen vorher— troz des sicherlich besten Willens, seine Schuldigkeit zu tun— zu den Maroden gehört hatte. Er wankte und schwankte aus dem Gliede, machte einen höchst unglücklichen Versuch, sein Gewehr vorschriftsmäßig„anzufassen" und meldete dem Lieutenant von Berg stammelnd, daß er nicht mehr vorwärts könne. Unser Kompagniefürer, ein schneidiger Premierlieutenant, befand sich grade in der Nähe,-- ihm zuckte der Degen in der kräftigen Faust, als er den allerdings nichts weniger als preußisch stramm aussehenden Sol- baten erblickte. Seine schwarzen Augen schössen Blize der Entrüstung und Verachtung auf den Unglücklichen, und zwischen seinen dünnen Lippen zischte es ingrimmig hervor: „Elender Jämmerling! Nach kaum sechsstündigem Marsche knickt so ein Pappenstiel von einem Menschen zusammen. Berlsdderte Raffe das. Fort mit ihm!" Und zur Kompagnie gewendet, schrie er, daß die ersten Töne die Lust durchschnitten wie Peitschenknall: „Und euch sage ich, wer heut ausspant, ehe er zum mindesten dreiviertel tot ist, der soll seines Lebens nicht eine Sekunde mehr froh werden, solange ich die Kompagnie füre. Darauf gebe ich mein Wort, ihr kent mich!" Die Kompagnie kante ihn in der Tat— den Herrn Premierlieutenant von K. Wenn er so etwas versprach, hielt er sein Wort mit peinlichster Gewissenhaftigkeit. Und daß die Kompagnie in den nächsten zwei Stunden, wärend deren der Regen one Unterlaß nieder- strömte und unser Weg abwechselnd über Stoppelfelder, durch Lehm- moräste und über Steingeröll fürte, nicht einen einzigen Maroden mehr bekam, das hatte sie nicht am wenigsten jenem Versprechen ihres Fürers gutzuschreiben. Die Maroden waren nicht zurückgeblieben, sondern sie waren mit Aufwand ihrer lezten Kräfte mitgehumpelt. Mehr als einer hatte sich die Lippen blutig gebissen wegen der Schmerzen, mit denen seine wunden Füße und seine in allen Muskeln zuckenden Beine oder sein unter der Last von Kleidung und Gepäck kaum mehr zum Atmen sähiger Brustkasten ihn wie einen zur Tortur Verurteilten quälten und peinigten. Viel länger hätte aber auch die Drohung des Lieutenants von K. ihre Macht nicht bewärt, drei oder vier allein um mich herum erklärten, jezt ginge es nicht mehr, wenn nicht in der nächsten Viertel- stunde zu einem, zarter Weise sogenanten, Rendezvous halt gemacht würde, müßten sie ausspannen, möchte kommen, was da wolle. Da erschallte endlich daS stundenlang von Hunderten totmüder Soldaten ersehnte„Halt!" Und weiter klang es:„In Zügen links marschirt auf! Richt' euch! Sezt die Gewehre— zusammen! Rührt euch!" Das war Rettung in der Not! Wir atmeten hoch aus. Die Mäntel und Tornister warfen wir ab, wer etwas Eßbares im Brot- beutet oder sonstwo hatte, fiel darüber her wie ein hungriger Wolf, viele warfen sich platt auf den Bauch und tranken in langen, durstigen Zügen die Jauche aus den Regenpfüzen, andre füllen kein andres Be- dürfnis, als das der Ruhe,— dicht hinter ihren Gewehrpyramiden hatten sie sich auf den regenüberschwemten, aufgeweichten Boden lang hingestreckt und lagen da, wie tot. Nach fünf Minuten etwa brachte der Feldwebel die Nachricht, daß wir am Orte des Rendezvous warscheinlich biwakiren, mindestens aber ein oder zwei Stunden ausruhen und Speck und Brot zugeteilt erhalten würden. Jezt kehrte bei den kräftigsten unter uns der Humor allgemach wieder. Auch der Lieutenant von Berg rieb sich die Hände und der Sergeant Pfeiffer meinte: „Na, so wäre die Geschichte am Ende doch blos ein kleiner Spaß." „Verstet sich, Sergeant," sagte mein Freund Schulz, der sich nun auch wieder zu mir gefunden hatte,„der Ruhetag— er ist doch kein leerer Wahn." Auch der Premierlieutenant von K. stiefelte vorüber— straff und elastisch zugleich wie ein Stalstock, selbst, ganz gegen seine Gewonheit, mit einem Lächeln aus den Lippen, aus dem neben dem Spott über die offenbare allgemeine Ermattung eine leise Spur von Bestiedigung sprach. ,Könt die Mäntel anziehen," sagte er sogar huldvoll, als er sah, daß mehrere von seinen Leuten krampfige Anstrengungen machten, ihren von der Naßkälte der schon bis nahe zur Mitternacht vorgerückten Nacht durchschauerten Körper durch heftige Armbewegungen zu erwärmen. Wir ließen uns daS nicht zweimal sagen und füren flugs alle in die Mäntel. Kaum hatten wir sie auf dem Körper, da jagte auf schäumendem Rosse unser Major quer über's Feld. Als er zu unsrer Kompagnie kam, riß er sein Pferd am Zügel zurück, daß es sich hoch aufbäumte und dann wie festgenagelt stehen blieb. „Wer hat euch erlaubt die Mäntel anzuziehen?" donnerte er uns an. Der Kompagniefürer war nicht mehr zur Stelle, ein anderer Offi- zier auch nicht. Darum trat der Sergeant Pfeiffer in stramm dienst- licher Haltung dicht an das Pserd des Majors heran und sagte: „Zu beselen, Herr Oberstwachtmeister— der Herr Premierlieutenant von K. hat der Kompagnie erlaubt die Mäntel anzuziehen." „Der Premierlieutnant von K. ist des Teusels," beantwortete der Major diese Mitteilung.„Warum sorgt er nicht gleich dafür, daß seine Kompagnie in Schlafrock und Pantoffeln die Haz auf den Feind mit- macht? Ich rat euch, rollt die Mäntel so schnell ihr könt— aus dein Faullenzen wird in den nächsten Stunden noch nichts." Damit gab er seinem Rappen wieder die Sporen, daß das präch- tige Tier einen gewaltigen Saz nach vorwärts machte und dann bliz« schnell wie die Windsbraut in die Nacht hinein verschwand. Den meisten von uns stand der Mund buchstäblich sperrangelweit offen. Allerlei Aus- rufe des Grims und Schreckens wurden laut. Die gemeinen Soldaten wollten sich Auskunst holen bei den Unteroffizieren, ob sie wirklich die Mäntel wieder rollen sollten, die wußten aber selbst nicht, was tun und liefen ratlos hin und her. Die allgemeine Verwirrung, welche die Worte des Majors in unsrer Kompagnie hervorgerufen hatte, sollte aber rasch gelöst sein. Unser Offizier stürzte eilfertig herzu und rief: „Schnell, so schnell wie möglich, Leute, Mäntel herunter— drei oder vier Mann rollen gemeinschaftlich ihre Mäntel. Sofort wird aus- gebrochen und keine Kompagnie darf heute im Mantel marschiren." Nuu wars mit dem Fragen und Sichbesinnen wieder einmal za Ende. Sofort bildeten sich die Gruppen zum Mäntelrollen. Jedf* wollte seinen Mantel von der Gruppe, zu der er gehörte, zuerst gerom haben. Ich nam vier Grashalme von verschiedener Länge in die Hano und ließ meine Gruppengenoffen um den Borrang losen. Wer den längsten Halm zog, sollte zuerst kommen. Die drei andern zogen, n#1 blieb der kürzeste Halm in der Hand, da- war fatal— daß es für mich sogar verhängnisvoll werden sollte, ahnte ich freilich nicht. Die Mäntel der drei andern waren gerade gerollt, da erschallte auch schon das Kom- mando:„An die Gewehre!" Alles warf die Tornister um und sprang zu den Gewehrpyramiden. Die Mäntel der weitaus meisten Kompagniekameraden waren glücklich fertig gerollt. Außer mir standen vielleicht noch fünf oder sechs ratlos mit ihrem Mantel da. Das einfachste wäre gewesen, wir übrig gebliebenen hätte» uns zusammcngetan und so schnell als möglich das Versäumte nachgeholt, aber ich kante meine Pappenheimer, jezt wollte erst recht jeder seinen Mantel zuerst fertig haben, und wer ihn glücklich gerollt in der Hand gehabt hätte, wäre damit fort ins Glied gerant, one sich um die andern im geringsten zu kümmern. Ich war daher kurz ent- schlössen, nam meinen Mantel von der Erde auf, zog ihn wieder an, nam das Kuppel— den Säbelgurt— um den Leib, warf den Tornister über den Rücken und sprang nach dem Orte, an dem mein Gewehr aufgepflanzt gewesen. Das hatte keine zwei Minuten gedauert. Aber die Kompagnie hatte noch weniger Zeit gebraucht, um die Gewehre aus der Pyramide zu reißen, sie auf die Schulter zu werfen und in notdürftigster Marsch- ordnung im Sturmschritt davonzugehen. Ich hörte sie noch und sah eine dunkle Masse sich vielleicht hundert- fünfzig Schritt vor mir rasch durch die düstere Nacht fortbewegen. Im Galopp wollte ich ihr nach,— da stieß mein Fuß an etwas an, mit ungeheurer Wucht schlug ich zur Erde, in meinen Leib borte sich etwas ein, wie ein dicker Keil, furchtbar schmerzhast-- und ich verlor die Besinnung.*)(Schluß folgt.) •) Wir sind leider noch einmal genötigt, den Schluß dieser Trzälung für die nächste Nummer auszusparen. Tie Leser werden entschuldigen. Die Red. Ter Froschmäusekricg.(Schluß.) Ter Stoff zu dem gelungenen Bilde ist alt, sehr alt— er wurde, wie man erzält, von keinem geringeren als von Homer poetisch behandelt; wenigstens besaßen die Alten außer den beiden großen Epen, der Jlias und der Odyssee, die unter dem Namen Homers seit langem zirkuliren, noch eine Anzal kleinerer poetischer Werke, welche sie gleichfalls ihrem großen Nationaldichter zu- schrieben, und darunter befindet sich auch der Froschmäusekrieg(„Äa- trachomyomachie"), eine Parodie der Jlias. Wie in dieser, so nemen hier die Götter Anteil an dem Kriege und füren schließlich durch ihre Intervention das Ende desselben herbei. Aber die Schwächen der liebens- würdigen olympischen Gesellschaft werden in so ergözlicher Weise gezeigt, daß man das Gedicht nur mit der größten Heiterkeit lesen kann. Dies zeigt bereits der Ton in den ersten Versen des Poems: „Schwebe der Musen Chor vom Helikon wieder in's Herz mir! Also fleh' ich zuerst voll Jnhrunst wegen des Sanges, Den ich jüngst auf den Knie'n in's Täfelchen niedergeschrieben, Jenen unendlichen Kampf, kriegtosende Arbeit des Ares. Denn es beseelt mich der Wunsch, der Sterblichen Oren zu künden, Wie die Mäuse voll Mut die Frösche bekriegt und die Taten Nachgeamt der Giganten, der erdentsprossenen Männer--" In dieser Weise erzält uns nun der Dichter(ich zitire nach der Uebersezung von Oberbreyer), wie einst eine durstige Maus— es war der schon crwänle Prinz Krümchenmauser— sich am nachbarlichen Teiche labte, dabei von Pausback, dem König der Frösche betroffen wurde, der,„hoch mit der Rede begabt", in schönen Motten seine Stellung, Herkunft und dergleichen dem Mäuslein erzälend, an leztere das Ver- langen stellt, es solle ihm gleichfalls seine Abstammung und Stellung in der Mäusegesellschast mitteilen. Das tut denn auch der Angeredete und zwar in ebenso schöner, wie langer Rede, welche jedoch hauptsäch- lich von den köstlichen Speisen und Näschereien handelt, die zu genießen der edle Mäuscprinz das Vergnügen hat. Ob dieser Pralereien fordert Pausback das Mäuslein auf, es möge sich auf seinen Rücken sezen, er wolle ihm noch ganz andere Schäze und Wunder in seiner Behausung zeigen. Anfangs gefällt dem Krümchenmauser die Fort, aber bald, als er von den Wellen durchnäßt wird, sängt er zu jammern und zu klagen an und findet endlich, als vor den beiden eine Hyder aus den Wellen auftaucht, was dem Frosch unbekümmert um seine Bürde zum huttigen Untertauchen Veranlassung gibt, in dem feuchten Element seinen Tod. Hinsterbend sprach er aber noch folgende Worte: „Nimmer, o Pausback, bleibt dein tückisches Handeln verborgen, Das du vom Körper hinab mich Scheiternden warfst, wie vom Felsen, Schändlicher! nimmer hättest du mich auf dem Lande bezwungen, Weder im Fechten, noch Ringen, noch Lausen; blos durch Verrat nur Warfst du mich in die Flut; doch es wacht das Auge der Gottheit: Büßen sollst du es dem Mäuseheer; du wirst nicht entrinnen!" SBas er sterbend prophezeit ist eingetroffen. Der erlauchte Bröd- chenspciser macht sämtlichen Mäusen durch lange Rede klar, daß das Leid was ihm von den bösen Fröschen geschehen, allen zum Verderben und Unheil bereitet sei, und sie rüsten sich insgesamt zu jenem Kampfe mit dem herlichen Kriegsheer der Frösche dessen Vorgang wir im Bilde wargenommen haben. Als aber die Heere„also gerüstet standen dort am steilen Gestade, schwingend die Speere voll Mut, und das Herz schwoll jedem vor Kampflust- da rief Zeus zusammen ,m Sternen- Himmel die Götter"— zeigte ihnen das Gewül des Krieges und die zalreichen Streiter, und fragte sanft lächelnd die unsterblichen Götter, wer etwa die Frösche oder die Mäuse beschirmen wolle, und sprach zur Athene gewant: „Töchterchen, du gehst wol am liebsten den Mäusen zu helfen? Denn sie hüpfen ja stets in deinen Tempeln in Scharen, Von dem Gedüfte des Fetts und den Opferspeisen gelocket I"— Ihm, dem Donnerer Kronion, wird von der Pallas Athene die Antwort: „Väterchen, nie wol möcht' ich den Mäusen in ihrer Bedrängnis Hülfe leisten, da die zu viel mir Leides bereitet: Kränze zernagten sie mir und Lampen wegen des Oeles! Doch vor allem kränkte mein Herz die schnödeste Untat, Daß sie jüngst mir schmälich zerpflückten den zierlichen Schleier, Ten mit unendlicher Müh' aus zartem Gespinste und Einschlag Selbst ich gewirkt. Nun mahnt und verfolgt mich der wuchernde Schneider, Fordert mit Zinsen sein Geld, denn leihweis gab er den Stoff mir, Und— einer Göttin entsezlich!— ich bin nicht imstande zu zalen! Deshalb bin ich den Mäusen erzürnt.--" Ist die Geldklemme einer Göttin nicht ergözlich?— Und erinnert diese köstliche Szene nicht an die Geldkalamität, in der sich mancher heute auf der Erde wandelnde Herrgott befindet?— Doch genug, Athene hat auch nicht Lust, den Fröschen zu helfen, da diese ihre Gunst in an- derer, wenn auch nicht so gefärlicher Weise verscherzt haben und rät, indem sie den Kampsesmut der Streitenden geschildett, den Bewonern des Olymps schließlich im Interesse ihrer eigenen Haut ein gleiches zu tun. Dies geschiet denn auch, wärend der schreckliche Kampf da unten entbrent. Aber als die Frösche am Erliegen sind und schließlich der einzige wirkliche Held im Mäuseheer, Brosamschmauser, schwört, der Frösche Geschlecht gänzlich austilgen zu wollen, jammerte es Zeus, den Vater der Götter und Menschen, und er fordert die Götter auf, die Athene oder den Ares zu senden, damit sie den Helden Brosamschmauser(in ihm ist Achilles parodirt) vom Kampfe abziehen und dadurch das Frosch- geschlecht vor gänzlichem Untergang beWaren.— Aber Ares glaubt nicht, daß ein einzelner der Bewoner und Bcherscher des Olympos des Schrecklichen Herr werden könne, und er plaidirt für Auszug zum Kampf der gesamten Götterfamilic oder empfielt im verneinenden Falle dem Zeus, er möge seine gefärlichste Waffe, den Bliz, unter die Sieger schleu- der». Dem lezteren gibt der Kronide nach, als aber auch dieses one Erfolg bleibt, sendet er den Fröschen die Krebse zu Hülfe, die denn auch durch ihr Kneifen mit den Scheren das siegreiche Mäuseheer in die Flucht schlagen. So in aller Kürze die Handlung, die uns das köst- liche alte Gedicht vorsürt. Wie reizend in demselben die Gebrechen und Schwächen der griechischen Götter geschildert werden, dafür geben die wenigen zitirten Stellen das beste Zeugnis ab. Ob aber das in der Jliade geschilderte Betragen der Olympier diese Parodie verdiente, mag dahingestellt sein. Jedenfalls sind die durch den Kamps vor Troja ver- anlaßten Szenen zwischen den beiden Parteien aus dem Götterwonsiz, die menschlich-kleinlichen und raffinirten Kniffe, die von den einzelnen Göttern angewant werden, um der von ihnen protegirten Partei zum Siege zu verhelfen, sehr geeignet, den Spott eines, wizigen Kopses herauszufordern. Tann müssen sich diesen die Götter auch gefallen lassen, wenn sie sich in die menschlichen Streitigkeiten mischen, oder wol gar selbst dieser oder jener Partei die Brücke treten. Jedem Gott, der dies tut, der sich schlechtweg menschlich beträgt, geschiet nur was recht und billig ist, wenn er auch menschlich beurteilt und behandelt wird. Den besten Beweis für die Güte des fraglichen Gedichts findet man wol darin, daß es heutzutage immer wieder in neuen Uebersezungen er- scheint, und immer noch nach so viel taufenden von Jaren seine Leser findet. Es ist denn auch im Laufe der Jarhundcrte nicht allein oft übersezt worden, sondern hat oftmals den Vorwand zu neuen änlichcn Schöpfungen abgegeben. So läßt 1593 Georg Rollcnhagen(geb. 22. April 1512, gest. 18. Mai 1699), Prediger und Rektor in Magdeburg, eine Nachbildung des„Froschmäusckriegs" unter dem Titel:„Froschmeuseler oder der Frösch und Meuse wunderbare Haushaltung-" erscheinen. Das ursprüngliche Gedicht blieb nur Vorbild, die Handlung wird verändert und an Stelle der olympischen Gesellschaft tritt eine andere, die hier paroditt wird. Welcher Art der Inhalt ist, get schon aus einer Aeußerung des Pros. Veit Ortel zu Wittenberg hervor— der das homerische Ge- dicht 1566 erklärt und dadurch Rollcnhagen zu seiner Nachamung ver- anlaßte— welcher, als er die erste Uebersezung des homerischen Frosch- Mäusekriegs von unserem deutschen Verfasser las, zu dem lezteren sagte: „wie man die ratschlege von regimenten vnd kriegen nüzlich hinein- bringen vnd also eine formliche deutsche Lektion, gleichsam eine Contra- faktur— Konterfei— dieser vnser zeit daraus machen könte." Das ist deutlich. Die Frösche und Mäuse sind Typen aus der damaligen menschlichen Gesellschaft, und die von den Mäusen und Fröschen erzälte Geschichte gibt nur die Form, um die Zustände der politischen und so- zialen Zustände jener Zeit zu geißeln und lächerlich zu machen. Aenliche Gedichte erstanden in Deutschland in Fischart's„Flöhhaz", in Christof Fuchs'„Mückcnkrieg", der von Balthaser Schnurr zu einem„Ameisen- und Mückenktteg" erweitert wurde und in Wolshart Spangenberg's„des Flohes Strauß mit der Laus". Ob sie heute— natürlich zeitent- sprechend verändert— auch noch am Plaze wären, mögen sich die Leser dieser Blätter nach der kurzen Erzälung des Froschmäusekriegcs selbst beantworten.— ort. 420 Testaments- Eröffnung. Die diesen Vorgang malerisch behan- delnde Illustration ans Seite 412— 13 ist ein Werk L. Bokelmanns, desselben Künstlers, dessen„Lezte Augenblicke eines Walkampfes" wir vor nicht zu langer Zeit an dieser Stelle besprachen. Das Original- gemälde unsres heutigen Bildes ist der Nationalgalerie zu Berlin ein- verleibt und gehört mit zu der Kategorie von Werken, die nicht allein einen sehr woltuenden Kontrast zu den in diesem Tempel der Kunst sich etwas über Gebür breitmachenden Schlachtenbildern abgeben, sondern auch das Beste bieten von dem, was die neuere Kunst hervorgebracht hat. Kriegsgewül, vor allem das moderne, bildlich dargestellt, wird nie in dem künstlerisch Ernpfindenden das Gesül der Schönheit erwecken oder sördern. Es ist nun zwar auch ein Krieg, der den Ausgangs- punkt und ursprünglichen Grund zu der auf unserm Bilde vorgefürten Handlung bildet, allein dieser Krieg unterscheidet sich dadurch von dem ge- wönlichen mit seiner periodischen Wiederkehr und kürzern Schlachten, daß er nicht mit kruppschen Gußstalkanonen und Mausergewchrcn gefürt wird,— Neid, Habsucht sind die Motive und die kleinlichsten Chikanen sind die Aeußcrungen dieses Streites im kleinen, der in der Gesellschaft im all- gemeinen, aber leider zu oft im besondern unter den Angehörigen einer Familie tobt. So auch hier unter der glänzenden Gesellschaft, die von allen Seiten herbeigekommen ist, um das Erbe des verstorbenen„Onkels" Otto Freigang zu teilen. Daß diese Gesellschaft von Verwanten nicht in der schönsten Harmonie lebt, zeigt uns unser Bild nur zu deutlich, aber heute— noch vor einer Stunde— waren alle von dem einen Gedanken beseelt,„ich und kein andrer darf dieses kolossale Vermögen des alten.Sonderlings' besizen." Sic waren darin fast so einig, wie vor langen Jaren in dem kleinlichen Streiten gegen den verstorbenen „Sonderling", der damals allerdings für einen„tollen Kops" galt. Erzälen wir die Geschichte. Genanter Otto Frcigang war einst der Stolz seiner Familie. Körperlich schön, geistig begabt, machte er schon als vierzehnjäriger Mensch seinen Eltern Hoffnung auf eine ruhmvolle Laufbahn. Seine ersten beiden Universitätsjare vermehrten seinen Fleiß, seine Kentnisse und damit auch den Glauben seiner Verwanten an seine Zukunft. Da mit einemmale gingen alle diese schönen Träume ver- loren. Nicht als ob unser Held lässig im Studium oder lüderlich ge- worden wäre— beware! Er hatte früher den Verbindungen seiner Kommilitonen augehört, er hatte gepaukt, gekneipt, kurz alles getan, was so ein junger Student nun einmal für unumgänglich notwendig hält, und seine Eltern nebst Basen und Vettern hatten natürlich an dem jungen Sausewind ihre Freude gehabt. Jezt unter der immer offener austretenden Reaktion erhielten allmälich die sonst so harmlosen studen- tischen Vereinigungen politischen Charakter und suchten eine vater- ländische Bewegung in Szene zu sezen.' Otto Freigang war nicht nur dabei, er war sogar einer der sogenanten Fllrer.„Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei", das war einer der Fundamentalsäze der Gesez- gebung des Staates, dem als Einwoner anzugehören er das Vergnügen hatte, und der Saz war ihm zu oft von den Katcdern herab gelehrt worden. Er selbst aber war eine zu ehrliche Natur, um nicht das, was in der Teorie gelehrt wird, auch ins praktische Leben zu übertragen. Als er demnach erleben mußte, wie dieser Saz nicht nur für einen„auserwälten" Kreis beschränkt bleiben sollte, sondern wie man sogar einige fteidenkende Lehrer maßregelte, da schloß er sich mit dem Feuereifer der Jugend der politischen Bewegung an. Relegation und mchrjärigc Festungshast waren das erste Resultat seines Beginnens, und diesem folgte der gänz- liche Zerfall mit seiner Familie, die ihm diese„Verirrung" nicht ver- zeihen konte. Der empfindlichste Schlag traf ihn jedoch, als das Wesen, welches ihm Treue fürs ganze Leben gelobt, von ihm zurückwich und später seinem Bruder— einer Krämerseele, die beschränkt genug war, sich später eines Äommerzienralstitels zu erfreuen—, der sein ärgster Gegner in diesem Streite war, die Hand zum ehelichen Bunde reichte. Das erbitterte ihn und erzeugte einen solchen unauslöschlichen Haß, der jede Aussönung mit seiner Familie unmöglich machte. Als ihm schließlich noch seine aktive Beteiligung an den Ereigniffen des„tollen Jares" eine lebenslängliche Zuchthausstrafe, wenn nicht noch schlimmeres, in Aussicht stellte, da schüttelte er den Staub seines Baterlandes von den Füßen und suchte sich ein neues Heim„jenseits der großen Wafferwüste". Wie vielen war auch ihm dort Fortuna günstig, und vor nunmehr zehn Jaren kehrte er als mehrfacher Millionär in seine ursprüngliche Heimat zurück, kaufte sich das inmitten der Wonungen seiner Verwanten auf einem kleinen Berge liegende Schloß des aus- gestorbenen Geschlechts derer von oder zu Ohnewiz und lebte, nachdem er sich seine neue Wonung auf das eleganteste hatte Herrichten lassen, einsam und zurückgezogen. Man wußte, wer er war, hörte und sprach von seinem Reichtum und nante ihn, weil er weder mit der Hautevolöe der Umgebung noch mit seinen eigenen Familienangehörigen verkehrte, sondern sich auf ein uneigennllziges Unterstüzcn der zalreichen Armen der Gegend beschränkte, und im übrigen in stiller Zurückgezogenheit lebte, einen Sonderling. Nur ein ehemaliger Jugend- und Studien- freund, ein Doktor der Medizin, der ihm treu geblieben, verkehrt mit ihm oder darf seine Gesellschaft aussuchen. Da mit einemmale erfärt man, daß der absonderliche Einsiedler vom Berge gestorben ist. Das Leichenbegängnis ist sehr zalreich, vor allem sind die Verwanten des Verblichenen numerisch stark am Plaze.„Man soll seinen Haß nicht über das Grab ausdehnen," sagen sie; einige Seufzer und eine Portton konventioneller Tränen beweisen den edlen Grundsaz. Aber im stillen denkt jeder für sich, ob wol auch der alte Sonderling so gedacht haben mag?„Wenn er aber gegen uns, seine Brüder und Schwestern wirklich keine versönliche Neigung hegte, diesen uns unerklärlichen Haß kann er unmöglich auch gegen unsere Kinder geltend machen!" So kalkulirt man und stüzt sich schließlich auf das treffliche Erbrecht, das doch nach den Anschauungen des Philisters gänzlich unnüz wäre, wenn es nicht hie und da— wenn nicht gar sehr oft— jemandem unverhofft zu unverdientem Erbe verhülfe! Genug, unter allem möglichen Hoffen und Raten ist der wichtige Tag der Testamentseröffnung herangekommen, alle, die da glauben, ein Anrecht auf das Vermögen des Verstorbenen zu haben, sind rechtzeitig in dem Salon Freigangs versammelt, und nun, lieber Leser, sieh dir die zalreiche Gesellschaft genau an, und dann sage mir, ob alle Hoffnungen in Erfüllung gegangen sind?— Sieh da links in der Fensternische den Kommerzienrat und sein vis-ä-vis, seine Tochter,— sieh die Dame im Vordergrunde am Arme des Herrn,— schau die übrigen mit wenigen Ausnamen an und du wirst nichts finden als— Enttäuschung. Fast starr vor Enttäuschung die einen, schadenfroh lächelnd die Dame da links in der Ecke über den Miserfolg der Schönen im Vordergrund:„Die hatte sich nun sicher schon als reiche Erbin gedacht, und nun——" Und doch sind die berufenen Erben alle gleich bedacht worden, keiner ist leer ausgegangen. „Jeder soll eine kleine Erinnerung an mich haben," sagte Otto Freftjang zu seinem Freunde, dem Doktor Brand, und jeder hat auch heute dieses Geschenk erhalten,— aber wo bleiben die Millionen, das wichtigste Objekt? Nun, das kleine, unschuldige Mädchen im Mittelpunkt, sie kann zwar heute keinen Aufschluß darüber geben, aber sie ist die Glück- liche, ist Universalerbin des so bedeutenden Vermögens. Sie— jezt eine elternlose Waise, als Pflegekind ausgenommen von der vor ihr sizenden Dame— ist die Enkelin einer Tante des Erblassers, die seiner- zeit unter ärmlichen Verhältnissen lebte und deswegen von ihren reichen Verwanten nicht gekaut wurde. Sie war aber die einzige, welche Otto Freigang, als er enterbt und verstoßen aus dem Vaterhause ging, mit ihren schwachen Mitteln unterstüzte und, was ihm mehr galt, ihm eine mütterliche Freundin blieb. Mit der Klausel, welche ihrer Enkelin mit einem Schlage zu einem der größten Vermögen in der Umgegend ver- Hilst, hat demnach nur der Testator einen schönen Akt der Wieder- Vergeltung geübt. Und es erzeugt entschieden ein angenemes Gesül, daß der kleine, sich um die glückliche Erbin schließende Kreis seine Freude über diese Wendung deutlich ausspricht. Selbst die neidischen Gesichter der beiden Frauen im Hintergrunde sind nicht imstande, diese Stimmung zu beseitigen, und wir gehen befriedigt über diesen Abschluß von bannen. Ob die andern auch? Die Aeußcrungen über den Toten, wie:„herzloser Mensch",„extremer Kerl",„aus lauter Freisinnigkeit ist er übergeschnappt" u. s. f. u. s. f. beweisen am besten, daß die heute Morgen so gehobene, erwartungsvolle Stimmung auf dem Gefrierpunkt angelangt ist.— Sollen wir noch etwas zum Lobe des vortrefflichen Bildes sagen? Es ist wol überflüssig, das Werk spricht für sich selbst, und wir raten jedem, der Berlin besucht, sich das Original anzusehen, er wird dann finden, daß die Wirkungen des Kolorits sowie die der Zeichnung noch viel schönere sind. Die seine psychologische BeobachtungS- gäbe des Künstlers sowie seine geschickte Maffenverteilung, seien es nun Figuren oder architektonische Gliederungen und dekorative Ausschmückung, zeigen unstreittg auch der treffliche Holzschnitt. ort. cftus allen Q?infiefn der Zeillileralur. Ein Gedicht gegen die Pfaffen. Ein Würzburger Gedicht aus dem Ende des 14. Jarhunderts— also ungesär hundert Jare vor der Geburt Luthers entstanden— lautet: Der Pfaffen wollen wir sein entladen, Denn die Mönch' und Psaffen Haben ja sonst nichts zu schaffen, Als mit Weibern. Wir wollen sie aus den Klöstern treiben Und daraus nemen all' ihr Gut. ->... mögen wir werden wolgemut. Fremch, der Adel kamt in diesem Gedichte nicht besser weg. Es heißt dann weiter: Der Edeln wollen wir sein entladen, Des Kriegs sie müssen unterliegen, Wir wollen sie sahen alle, So leben wir mit freiem Schalle. Ib. Inhalt. Helschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Ein ersolarcicker Kamnf h,r rrf,,,,,!, Rebcnverwüster, von Rothberg. Lindener.— Wunderliche Heilige. Bilder aus der Kulturgeschichte des elsleu Zarhunden- von Dr Mar SRnil« (Fortsetzung).- Harmlose Plaudereien und Geschichten(Fortsezung).- Testaments- Eröffnung mit Jllüstrations- De Froschmäuftk�a (Schluß).— Aus allen Wmkeln der Zeitliteratur: Ein Gedicht gegen die Psaffen. �aupranon). �er izroiqmausekritg Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30 ck).— Expedition: Färberstr. 12.11. in Leipzig Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.