Juni 1881. Herschen n Roman von Friz schritt rasch aus, die Prokuratien entlang. Er wollte auch keinen Blick nach ihr wenden. Er wollte nach Hanse, in sein neues Heim. Das Bild Mariens stieg vor ihm auf; er sah die zarte rührende Erscheinung vor sich, mit den guten schüchternen Augen, die mit so viel Liebe nur die ihres Mannes suchten, um darin seine Wünsche zu lesen, die zu erfüllen die einzige Aufgabe und die einzige Freude ihres Lebens ist. Das arme Ding! Sie hat es vergessen, wie man in Gesell- schast sich zu bewegen hat, wie man sich anzuziehen hat, um der Mode gemäß zu erscheinen, um zu gefallen, um reizend zu sein. Sie hat es überhaupt vergessen, an sich zu denken und ihre Vor- Züge gelten zu lassen. Sie hat sich seit Jaren in ihre Häuslichkeit vergraben, an nichts gedacht als an ihren Mann und an ihr Kind; sie hat all die kleinlichen, täglich wiederkehrenden Sorgen, die ihre Frische untergraben, die ihren Geist auf das gewönlichste gerichtet und verzehrt haben, allein ans sich genommen, nur um ihren Mann desto freier, desto glücklicher zu machen; und dankt er ihr diesen Opfermut? und hat sie ihn dadurch auch wirklich glücklich gemacht? Friz fülte es in diesem Augenblick mit einer Art Schreck, daß sie dies nicht erreicht hatte. Nein, Alfred war nicht glücklich. llnd ist es denn nicht überhaupt eine Täuschung, wenn man wänt, daß ein Wesen, dessen Hingebung, dessen Unterwürfigkeit bis zum Aufgeben des eigenen Selbst get, das sich zur Haus- sklavin erniedrigt, und das in dieser aufreibendsten aller Tätig- leiten.geistig verkomt, noch überhaupt einen Mann glücklich machen kann? er wäre denn selbst ein niedrig begabter und gcdankcn- loser Mensch. Müßte in einer ehelichen Gemeinschaft, die alles das erfüllen soll, was man von ihr erwartet, der Frau nicht eine höhere Ausgabe zufallen, als nur die, stets willige Dienerin des Mannes zu sein und die Gebärerin seiner Kinder, die alle phy- fischen Lasten des Haushaltes auf sich genommen und das Denken ihm allein überläßt? Bedürfte sie nicht vielmehr, als die Gefärtin dieses Bundes, derselben geistigen Fähigkeiten, derselben Bildung, desselben erweiterten Horizonts, und gerade so viel Mut und Ent- schlossenhcit wie der Mann? Aber um dies zu erreichen, brauchte sie nicht ein erweitertes Leben? sollte sie nicht herangezogen werden an alle geistigen Fragen, eingeweiht selbst in die sozialen und politischen Bewegungen und Kämpfe? Würde das nicht in die Familie eine geistig bewegte Atmosphäre bringen, die sowol auf die Eltern selbst, als auf die Kinder bildend und belebend wirken müßte? Was reizt denn den Mann an diesen Frauen, die sich �er dienen? 38. Kautsky.(9. Fortsezung.) durch ihre Energie beftcit haben und ihm nun in geistiger und ökonomischer Beziehung gegenüber stehen? Es ist ihr Geist und ihre Kraft, es ist jener geheimnisvolle Reiz, den jedes freie Wesen in sich trägt, und dem die mannichfaltigsten Gaben entspringen, die unterhalten, uns fesseln, die immer neu und interessant er- scheinen. Aber diese Frauen, sie haben die Freiheit, die man ihnen rechtlich versagt, durch Mittel sich erkämpft, durch Mittel sich er- kaufen müssen, die nicht immer die reinsten waren; und sie selbst haben sich dadurch befleckt, und sie sind gesunken, gefallen, wie diese Elvira hier, dieses reizend schöne, dieses so begabte Wesen. Marie ist die Sklavin ihres Mannes geworden und sie macht ihn dadurch nicht glücklich, Elvira hat aus dem siegesgewonten Lebemann, der in einem legittmen Bunde eine Kalamität, eine drückende Fessel erblickte, ihren gehorsamsten Sklaven gemacht, und er dünkt sich in diesem Verhältnis ein König. Und ist dies eine nicht eben so unsittlich, so verwerflich wie das andere? ist nicht jede Sklaverei unvereinbar mit dem Fort- schritt? Und wäre nicht die Gleichheit, die vollständige Gleichbe- rechtigung beider Geschlechter das einzige richtige, um aus Mann und Weib zusammen jene harmonische Existenz eines Ivaren wirk- lichen Menschen zu schaffen? In änlicher Weise philosophirte Friz, wärcnd er den Kopf ge- senkt rasch dahinstürmte, niemandem ausweichend, von allen ge- stoßen. Und er gedachte seiner Minna, des lieben, klugen, groß- herzigen Mädchens, das sich von vornherein als ein ihm gleiches, ebenbürtiges Wesen gefült, das ihre Würde und ihre Selbständigkeit so streng gcwart, und das dadurch einen Mut und eine Kraft bewiesen, die sie ihm nur um so teurer gemacht. Gewiß, ihr durfte er vertrauen, sowie sie ihm in ihrer Lauterkeit ver- traute. All' die Liebe, all' die Vcrehruung, die er für dies Mädchen im Herzen trug, erstanden ihm in aller Lebendigkeit und sänftigten die empörten Wogen seines Gemüts. Da ward er mit seinem Namen angerufen und, aufblickend, sah er Alfred vor sich. „Hast du Elvira schon gesehefi?" war dessen erstes Wort. Und er fügte rasch und wichtig, in froher Erregtheit hinzu:„Sie ist hier, mit ihr der französische Gesante, ich hatte nur Marie eiligst nachhause gebracht, und ich suche sie nun." „Du findest sie umgeben von der Blüte der Ritterschaft und den Rittern der Industrie," spottete Friz. „Du hast mit ihr gesprochen?" „Nein." Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. „Dann will ich dich sogleich ihr vorstellen, komm!" „Laß mich in Ruhe." „Du willst nicht? Aber ich begreife dich nicht—" „Halte mich für ein unbegreifliches Wesen, für ein Rätsel meinetwegen, aber laß mich gehen, adieu!" „Rein, so entkomst du mir nicht. Was soll das auch heißen? Du mußt dich Elvira vorstellen, und ganz abgesehen, daß sie meine Schwägerin ist, so hast du sie doch als deine Kollegin zu begrüßen." „Keine Sorge, mein Herr Ceremonienmeister, das wird schon geschehen, aber nicht heute, und nicht jezt." „Ah, DePauli, halt, meine Herren!" rief ebenfalls deutsch eine fröliche Stimme ihnen zu. Es war Hellenbach, der ihnen entgegenkam und der jezt auch Berger erkante und ihm beide Hände entgegenstreckte.„Lieber Freund, ich freue mich, Sie wieder- zusehen. Wir haben Sie schon erlvartet, Sie werden hier mit der Bianca singen,— kommen Sie, kommen Sie, ich werde Sie sogleich vorstellen." Und er legte in vertraulichster Weise seinen Arm in den des Tenoristen. Friz versuchte Einwendungen. Aber Hellenbach, diese mis- verstehend, nam eine Gönnermiene an und versicherte, daß sich Elvira gewiß freuen werde; und so schlepte er ihn denn, von Alfred eskortirt, an der Tischreihe vorüber, sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit nach sich ziehend. Friz mußte sich fügen. Eugen stellte ihn zuerst den Damen und dann den Herren als den Tenoristen Monsieur Berger vor, und er sprach auch den Namen französisch aus. Elvira hatte sich ihm entgegengewant, und als Friz sich jezt vor ihr verbeugte, konte er bemerken, daß sie errötete. Es be- rürte ihn eigentümlich. Sie, die weltgewante Frau, die verwönte Künstlerin, die soeben noch in gleichgiltig nachlässiger Weise mit dem Gesanten und mit dieser Creme der Gesellschaft sich unter- halten, ihr war bei seinem Anblick eine helle Glut in die Wangen gestiegen. Sie reichte ihm jezt die Hand und sagte deutsch: „Willkommen; ich freue mich, in dem fremden Lande einen alten Freund zu begrüßen, einem Kameraden die Hand zu drücken." Das klang so gut, so einfach. Der Gesante hatte sich erhoben, und er bemerkte in verbind- lichster Weise, daß er einem Landsmann der Signora den Ehren- plaz an ihrer Seite für ein Weilchen überlassen wolle, aber er werde wiederkommen. Friz sezte sich. Er ward von allen neugierig gemustert und gewissermaßen als Eindringling betrachtet. Hellenbach hatte indes die Freundlichkeit, den Gentlemen zu verraten, daß Monsieur Berger zu dem Gastspiel der Diva berufen worden, um in Aida den Radames zu singen, worauf man ihn noch neugieriger musterte, aber ihm doch einige Wichtigkeit zuerkante, und somit einige Be- rechtigung, mit der Diva zu Verkehren. Diese hatte sich an den deutschen Grafen gewendet, der ihr jezt zur linken saß, und sagte, mit den Angen Friz bezeichnend, mit einem graziösen Lächeln: „Es wird nicht das erstemal sein, daß wir miteinander singen. In dem kleinen Städtchen meiner Heimat haben wir gemein- schaftliche Studien getrieben und im Chor gesungen; damals schon klangen unsre Stimmen gut zusammen, damals schon klangen sie stark und kräftig." Der Graf nickte verbindlich, Friz aber sagte in seiner frischen, frölichen Weise: „Nur zu stark, Signora, zur Verzweiflung unsres Schul- meisters. Wie oft hat er uns zornig zugerufen: Könt ihr denn niemals piano singen, wie die Engel im Himmel, müßt ihr denn immer brüllen wie in der Hölle, wohin ihr gehört? Ich glaube wir haben uns damals beide ein wenig vor dem Grimmigen gefürchtet, und doch hat uns der Mann herzlich lieb gehabt, und hinter unserm Rücken nante er uns seinen Trost und seine Freude. Ah, Signora, ich möchte es dem guten Alten gönnen, daß er Sie jezt einmal hören könte, wo sie eine Künstlerin geworden sind und wo Sie— das piano gewiß gelernt haben." Sie war bei seinen ersten Lauten zusammengefaren; der weiche, klangvolle Ton seiner Stimme erweckte alle Erinnerungen, regte ihr Herz in seinen Tiefen aus. Wie voll und frisch klang das, ein echter Herzenston, und wie verschieden von dem schnarrenden, quiekenden, heiseren Lispeln, das seit Jaren ihr Or verlezt. Seine Worte, kurz und schlicht, brachten ihr in aller Anschaulich- keit das heitere Bild ihrer jugendlichen Studienzeit ins Gedächtnis. Und wie gemütvoll war das, was er von dem alten Manne gesagt, es schien zugleich das höchste Lob über ihre Kunst mit eingeschlossen, das sie noch jemals gehört. Sprach er doch nicht zu ihrer Eitelkeit, es ging direkt zu ihrem Herzen. So hatte sie doch einmal wieder einen ganzen Menschen vor sich mit einem gesunden, warmen Empfinden. Fast schüchtern wante sie sich ihn: zu. Seine Augen begegneten den ihren, ruhig, groß und heiter. Darin lag nichts von jener gierigen Sinnlichkeit, von jener frivolen Lüsternheit der andern. Und wieder flamten ihre Wangen auf. Sie schämte sich vor diesem Manne ihrer Umgebung, sie schämte sich zum erstenmal ihrer Vergangenheit. Unter den Herren ward indessen mit großer Wichtigkeit die Frage verhandelt, ob ein Tenorist einen Vollbart tragen dürfe, und man war der Meinung, daß dies keineswegs passend sei. Auch Monsieur Berger werde den seinen abtun müssen. Friz für mit einigem Behagen durch das dunkelblonde Ge- kräusel seines Bartes, der, obwol erst zwei Monate alt, doch schon wieder ansehnlich nnd dicht geworden,'und sagte in fast über- wütiger Bestimtheit: „Radames ist ein Krieger, und ich werde meinen Bart be- halten." „Sie können Sich ja einen falschen ankleben." „Der Ihrige ist onedies zu jugendlich." Dann aber wendeten all' diese Gentlemen sich wieder Elvira zu und suchten durch Galanterien, durch Anekdötchen und alberne Klatschereien, die Chronique skandaleuse der großen Welt, wieder ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, die ihnen durch diesen deutschen Tenoristen, den sie nicht nach ihrem Geschmack fanden, entzogen worden war. Friz fülle, wie sehr er ihnen im Wege war, und als er jezt den Marchese mit seinem Lord herankommen sah in der deutlichen Absicht, ihn der Bianca vorzustellen, stand er rasch und entschlossen auf. „Sie gehen?" fragte Elvira, aber sie hielt ihn nicht; sie fülle es ja selbst, daß er nicht paßte zu diesen da, und es erleichterte sie fast, daß er nicht länger Zeuge der albernen Huldigungen sein sollte, die man ihr hier darbrachte.„Aber Sie werden mich doch besuchen, und noch vor unsrer Probe?" flüsterte sie. Er neigte sich, in artiger Weise mit einer Phrase antwortend, und er verließ sie und ihren Kreis mit hocherhobenem Haupte und raschen Schrittes. Siebentes Kapitel. Alfred hatte sich an jenem Donnerstagmorgen, für welchen er von den Damen de Vita zur Fart nach Murano geladen war, pünktlich eingestellt. Die Mama und die Gattin de Vita's hatten ihn schon erwartet. Juanna war nicht anwesend, und als er nach ihr fragte, hieß es, sie hätte ihren Plan geändert und wolle nicht mitfaren. Man hatte in einer bequemen, mit einem Zelt überdachten Gondel plazgenommen, und zwei flinke Ruderer brachten sie bald aus den engen Kanälen heraus und in die offene Lagune. Es war ein herlicher Morgen; ein feiner, bläulicher Dust lag über den fernen Alpen und entrückte auch das nahe Festland den Äugen, sodaß nur eine schmale, kaum merkliche Kontur am äußersten Horizont dasselbe ahnen ließ. Die nach rechts zu liegenden Inseln der Lagune erschienen wie dunkle Flecken auf dieser blendenden, in Sonnenglanz getauchten und sanftbewegten Wasserfläche, aus der die den Weg bezeichnenden Pfäle schwarz und massiv hervor- ragten. Auch die Barken und Gondeln, die auf diesem Wege verkehrten, hoben sich tieffchwarz in scharfen Konturen ab, und so standen Licht und Dunkel hier in den auffallendsten Konttasten einander gegenüber, und in fast verblüffender Wirkung. Man kam an dem Campo santo, dem Friedhofe Venedigs, vorüber, der, wogenumspült auf einer kleinen Insel liegt, auf welcher die schöne Kirche mit dem Kloster San Michele sich be- findet. Bald tauchte der Quai von Murano aus den Wellen, und darauf kamen die schlanken Campanile, die Glockentürme, zum Vorschein. Signora de Vita bewegte ungeduldig den Fächer und rief deu Ruderern von Zeit zu Zeit ein befeuerndes ,,pm presto!" zu, was diese jedoch keineswegs aus ihrem gewonheitsmäßigen Tempo brachte. Jezt sur man in den breiten Kanal ein, auf dessen auf Pfälen ruhenden Fundamenten miserable, zerfallene Fischerhütten sich zeigten, und wo zalreiche Fischerbarken mit teils eingezogenen, teils zur Abfarl bereiten, ausgespanten Segeln lagen, dazwischen große, tonnenartige Körbe, zum Teil im Wasser befindlich, in denen die Meerttebschen— Grancevoli— einer Hungerkur unterzogen wurden, um sie zarter zu machen. Au der Stelle, wo der Kanal sich teilt, hielt man sich links, und man gelangte, an dem Hospital vorüber, wieder nach der offenen Lagune. Hier erschien das Wasser stärker bewegt und die Luft ward frischer, salziger; die Häuschen hörten auf und grüne Anlagen wurden sichtbar. Zur rechten erschien die Vigna, das Besiztum der Familie Vita. Man für an die äußerste Spize der Insel und die Gondel legte an dem sandigen Ufer an. Alfred half den Damen aus dem Farzeug, und einen kleinen Hügel hinanschreitend, in dessen Sand- boden die Füße tief einsanken, gelangten sie an eine zwischen zwei Pfeiler eingefügte Holztür. Sie war offen und Alfred trat mit den Damen ein. Die Vigna hatte eine reizende Lage, einen Ausblick auf die weite, wie ein Meer sich ausdehnende Lagune, an deren nördlichem Horizont die nun etwas sichtbar hervor- tretende Kette der Alpen sich zeigte. Auf dem weiten Terrain der Besizung waren Maulbeerbäume in dichten Reihen gepflanzt, »und dazwischen rankte sich das üppige, feingezackte Laub der Weinreben in Guirlanden von Baum zu Baum. Etwas weiter zurück stand ein Landhäuschen mit einem Nebengebäude. Dieses leztere enthielt den Schaz und die Sehnsucht der Dame de Vita, dort wurden die Seidenraupen gezüchtet. Aber die Tür zu diesem Tesoro war geschlossen, und man mußte vorher bei der Castalda vorsprechen, die mit ihrem Mann und ihren Sönen die große Halle im Erdgeschoß bewonte. Sie war eine Vertrauensperson der Familie de Vita, für welche sie große Anhänglichkeit und Ergebenheit bewiesen; sie war die Amme Juanna's gewesen und auch, nachdem sie in dieser Eigenschaft nicht mehr zu verwenden war, noch jarelang im Hause geblieben, bis sie sich mit dem Fischer Bartolo verheiratet hatte. Sie wurde hierauf als Castalda und als Kultivatorin der Vigna hier eingesezt und ihr zugleich die Zucht der Seidenraupen übertragen. Sie zeigte Geschicklich- keit dafür und sie erzielte ein nennenswertes Erträgnis. Man beschloß, ihr für diese guten Dienste einen Teil des Gewinnes selbst zuzuwenden, und seitdem war das Ergebnis ein noch günstigeres zu nennen, und hatte sich der Gewinn selbst für die Padrona, Atadame de Vita, noch vermehrt. Man hatte sich dem Hause genähert, das einst eine stolz aus- sehende Villa gewesen, jezt aber nur mehr als Ruine gelten konte. Es war einstöckig; über einer Loggia, deren offene Bögen von drei Marmorsäulen getragen wurden, befand sich eine Terrasse, von Weingeländen überdacht, welche in ihren weitausgreifenden Trieben auch die schmalen Spizbogenfenster umrankten. Aber die grauen Steinreliefs und die roten Marmortafeln waren ver- wittert, die eine Säule hatte sich stark gesenkt, und so war die Terrasse nach der einen Seite zu schief und abschüssig geworden,. und da auch die steinerne Brüstung derselben abgebröckelt und teilweise herabgestürzt war, so scbien es keineswegs rätlich, diese Terrasse, von welcher man gleichwol einer herrlichen Aussicht genoß, zu betreten... Von den zwei Gemächern des oberen Stockwerks, dessen Mauer- werk selbst in bedenklicher Weise schadhast geworden, war nur mehr das eine in einem halbwegs wonlichen Zustande. Es ge- nügte der Padrona vollständig für ihre sporadischen Besuche hier- selbst, die nur wärend die Räupcheu wuchsen und die Träubchen reiften etwas häufiger wurden. Hinter der Loggia befand sich die Halle, nnd sie war durch einen gelben Vorhang, der vor die breite Tür gezogen war, von außen abgeschlossen. Die Ankoiii- nienden hoben ihn jezt ein wenig und neugierig guckten pe in das Innere der Halle. Es bot in dem Augenblick das Bild eines heiteren, genüg- samen Familienlebens mit all' den hierzulande charakteristischen Eigentümlichkeiten. Es herschte hier innen, im Gegensaze zu der warmen Luft und den« blendenden Sonnenschein, der auf der Vigna lag, eine angeneme, küle Atmosphäre und ein völliges Halbdunkel. Die fast ganz geschwärzten Deckenbalken, sowie die dunklen, vom Anwurf entblößten Mauern, entzogen sich den Augen, welche von den helleren Gegenständen, den Nezen, Körben und Segelstücken, die von den Balken herunterhingen, und von dem zinnernen und kupfernen, blankpolirten Geräte, das auf Schränken und hölzernen Gestellen hier aufgestellt war, angezogen wurden. Der mit roten Ziegeln gepflasterte Fußboden war reich- lich mit Wasser Übergossen, und durch sein rasches Verdunsten entwickelte sich eine bedeutende Feuchtigkeit. Kaum einen Fuß über dem Boden erhoben und grade der Tür gegenüber befand sich der mächtig große und offene Herd, dessen Mantel eine röt- liehe Draperie zierte, aus welcher' das durch ein Seitenfenster einfallende Sonnenlicht spielte. Hinter diesen: Herde erweiterte sich der Raum zu einer breiten, halbrunden Nische, in welche eine Holzbank eingefügt war. Hier, an dem Feuer des Herdes, von ihm erleuchtet und erwärmt, war des Abends, und namentlich des Winters, der Versamlungsort der Familie. Auch jezt loderte auf der Steinplatte ein Feuer empor und braute in seinem röt- lichen Widerschein ans den dunklen, hübschen Gesichtern zweier fast erwachsener Knaben, die um einen großen Kessel, der an einer starken Eisenkette vom Rauchfang herunterhing, sich zu schaffen machten. Es waren kräftige Jungen mit bis zum Knie entblößten Füßen, nur mit einem dunkelgestreiften Hemd und kurzen Hosen bekleidet, welche um die schlanken Hüften von einem blauen, strickartig au- gelegten Lappen gehalten wurden. Der eine sah nach dem Kessel, worin für die ganze Familie kleine Sardellen in Oel gebraten wurden, ivelche er mit einer langstieligen Schaufel umwendete, indes der andere von Zeit zu Zeit einige ausgedroschene Hülsen von Maiskolben ins Feuer warf, worauf es lichter emporzüngelte. Seitwärts in der Ecke und zunächst dem Fenster>var noch ein kleinerer Herd, mit einem in seine Mauern eingestellten Kessel angebracht, und hier war die Hausmutter soeben beschäftigt, mit allem Aufgebot ihrer Kräfte die Polenta zu rüren. Es dampfte schon mächtig daraus hervor, und vier kleine Jungen, die nur mit einigen togaartig umgehängten Fezen ausgestattet ivaren, standen, einen Halbkreis bildend, erwartungsvoll um die schaffende Mutter herum, gierig den Duft, der dem Kessel entströmte, mit geöffneten Mäulern und geöffneten Nüstern einschlürfend. Eine große, rötliche Kaze saß schnurrend auf dem Fensterbrett, und auch sie lauerte gleich den übrigen mit gleich hungrigem Ver- langen auf den Augenblick, Ivo die Polenta fertiggerürt, der Kessel umgestürzt und die dampfende, goldige Scheibe sich ihm entwinden würde. Ter Vater allein saß in ruhigem Harren, mit der Würde und dem Selbstgefül des Patriarchen, an dem Tisch, das Messer in der Hand, um die Poleuta, sobald sie vor ihm niedergelegt würde, augenblicklich zu zerteilen. Für diese redlich arbeitende und deshalb mit vorzüglichem Appetit begabte Familie sollte der wichtige, der bedeutende, mit Ungeduld ersehnte Moment eintreten, wo das Mal bereitet war und sie sich daran sättigen konte».(Fortsezung folgt.) Universitätsleben an Eine Erinnerung vc Beinahe, vielleicht vollständig die Hälfte der damals in Göttingen Studirenden hatte die französischen Feldzuge mitgemacht i von meinen westphälischen Landsleute» weit mehr als die Hälfte Alle, one Ausname alle, waren als Freiwillige ein- getreten bei den Jägern, bei der Artillerie, die weniger Bemittelten bei der Landwehr. Alle waren mit dein Ehrenzeichen für die bewiesene Vaterlandsliebe, für Mut und für bewärte treue Dienste die große Mehrzal zudem mit besonderen Orden, für besondere Beweise des Mutes, der Treue, der militärischen Ehren- haftigkeit geschmückt. Viele waren auch vor dem Feldzuge zu Offizieren befördert worden. UniversitiUssteandr. 3.?. K. Hemme.(l. Forifezung.) In Göttingen waren sie jezt alle Studenten, nnr Studenten Aber kvnten diese Männer, diese Jünglinge, die so oft und so glänzend den Mannesniut bewärt hatten, konten sie den Torheiten des studentischen Lebens verfallen, namentlich dem Pennalismns? Heute iverden nur wenige meiner Leser wissen, was Penna- lismus ist, vielmehr was er war; bis zum Jare 1815 bestand er auf allen deutschen Universitäten. In Göttingen hatte er nicht seine geringsten Blüten getrieben. Der Pennalismus stellte den jüngeren Studenten in ein fast abhängiges Verhältnis zu dem älteren. Der„Fuchs" war der Diener des„Burschen"; er hatte diesem gradezu Lakaiendienste ----- 5 zu leiste».„Fuchs, stopfe mir meine Pfeife! Zünde sie mir an! mancherlei änlichen und anderen Schuzmittelii, dem ernsten und Hole mir meine Stieseln! Bring' mir meine Pantoffeln! Ziehe mutigen Manne klein und kleinlich, knabenhaft vorkommen? mir die Stiefeln aus! Fuchs, bc- stelle mir ein Glas Bier! Fuchs, tue dies, tue das!" Für alles, was dem Burschen beliebte oder einfiel, war der Fuchs da. Daß er sich weigerte, war undenkbar. War er nicht auf den Wink bei der Hand, oder war er ungeschickt, so erhielt er etwas angehängt:„Fuchs, du bist ein abscheuliches Tier, ein Rindvieh, ein Esel!"— So hatte jeder Bursch seinen „Leibfuchs", und der Leibfuchs gc- hörte zugleich allen Freunden des Burschen. Der Leibfuchs konte nicht beleidigt werden, durfte nie sich be- leidigt fülen. Selbst einen„dum- men Jungen" mußte er hinnemen. „Kameel",„Rindvieh" waren Zu gaben, die ihm in jeder Atinute zu- teil wurden. Der Fuchs mußte alles über sich ergehen lassen, durfte keine üble Laune zeigen, an eine Widerrede nicht denken. Es war eine Behandlung der Roheit, der schlechtesten Sitten. Aber dieser„Pennalismus" bestand ein- mal so auf allen deutschen Universi- täten, selbst in Güttingen, dessen „feiner Ton" bekant, vielmehr ver- rufen war. Daß er nach dem Jare l81ö verschwinden mußte, war selbstverständlich. Die jungen Männer, die in den Freiheitskriegen gekäinpft, sich Orden, Ehrenzeichen, Offiziers- stellungen erworben hatten, waren ebensowenig imstande, als Füchse eine solche Behandlung über sich ergchen, wie als alte Burschen sie einem Fuchse zuteil werden zu lassen. Ich fand im Jare 1810 keinen Pennalismus mehr in Göttingen. Um so freier, ich möchte hinzu- sezen zugleich um so liebenswürdiger und selbst vornenier gestaltete und belvegte sich das Stndcntenleben. Ten jungen Männern, die in jenen großen Kriegen für das Vater- land gekämpft hatten, mußte not- wendig jedes Knabenhafte fernliegen; der Ernst des Lebens, der ihrer sich einmal bemächtigt hatte, konte nicht wieder von ihnen weichen.- Sie hatten in jenen Feldzügcn andrer- seits so oft ihren Mut, ihre Todes- Verachtung an den Tag gelegt, daß jeder Gedanke, neue Beweise ihres Mütes zu liefern, ihnen fernliegen mußte. Wie hätten sie Händel suchen können? Wer aber auch hätte mit den ernsten Männern des erprobten Mutes frivol Händel suchen mögen? Mußte nicht überhaupt das studen- tische„Paukwesen" mit seinen leider nicht seltenen„Strohrenominagen", wie andrerseits mit seinen mannich- fachen Assekuranzmitteln, mit den Binden, die an jeder gefärlich ex- ponirten Stelle des Körpers vor- fichtig vor- und aufgebunden wnr- den, mit dem wachsamen Einspringen der Sekundanten, selbst mit eifrigem Ausfangen nur irgend gefärlicher Hiebe durch die Sekundanten, mit Hin 437 Alb Mit dem Pennalismus hatte zugleich eine andere, sehr im-' auch nicht völlig weichen, doch viel von ihren Schattenseiten ver- liebenswürdige Schattenseite des deutschen Studcntenlebens wenn lieren müssen: die an Arroganz grenzende Ueberhebung der Mit- glieder der studentischen Verbind»»-. gen gegenüber denjenigen Studenten, 'die keiner Verbindung angehörten, in der Studentensprache der„Korps- barschen" über die„Wilden". Der „Wilde" galt dem„Korpsburschen" von vornherein nur als ein„Kameel", als ein halber Student, mit welchem der Korpsbnrsch, also der eigentliche, der rechte und echte Bursch, keinen Umgang pflegen dürfe. In manchem Verbindungen war der Umgang mit. den Wilden gradezu als„unhonorig", >vie der Ausdruck lautete, untersagt. Ein fortdauernder, vertrauter Umgang mit einem Wilden brachte den Korpsburschen vor die Alternative, den Umgang aufzugeben oder aus der Verbindung zu treten. Auch ein solcher Uebermut und Terroris- mus konte nach den Freiheitskriegen sich nicht weiter geltend machen. Ten braven Kameraden, der in der Schlacht mir das Leben rettete, sollte ich hier verleugnen? Den Mann, der, als ich verwundet, krank und elend im Lazaret lag, mich pflegte und aufrichtete, wie ein Brn- der, ihm sollte ich mit dem schnö- dessen Undank lonen? Dem armen Freunde, dem ich das Leben zu retten das Glück hatte, sollte ich das größte Glück seines Lebens rauben, seinem Retter sich dankbar beweisen zu dürfen? Wenn das Forderungen eurer Bnndesbruderschaft sind, so kann ich mit euch keine Gemeinschaft ferner pflegen! Man sah in Göttingen Korps- burschen und Wilde wie treue Freunde und Brüder eng verbunden und herz- lich und innig zusammen. Auch auf anderen Universitäten war es so ge- worden, am meisten, wie ich einige Jare später selbst mich überzeugte, in dem schönen, liberalen Heidelberg, am wenigsten auf den kleineren Uni- versitätcn, nanientlich in Jena, das überhaupt auf den Ruhm nicht ver- zichten konte, der Hort des unliebens- würdigsten, steifsten studentischen Zopftums zu bleiben. Das Universitätsleben erhielt durch die engere Verbindung der Korpsburschen und Wilden einen außerordentlichen Gewinn. Die besse- reu und die feineren Elemente der Studentenschaft mußten durch ihre Vereinigung naturnotwendig nach beiden Seiten einen woltätigen Ein- fluß ausüben. Die Korps mußten auf ihre Exklusivität und ihren Ueber- mut verzichten. Der Wilde stand dem Korpsbnrschen gleich, durfte zeigen, daß er. sozusagen, doch auch ein Mensch sei. Eine hohe und starke Mauer war gefallen, die bis- her grade die tüchtigeren Elemente der Studentenschaft von einander geschieden hatte. Nur eins war dabei verloren gegangen; aber es war nicht zu be- klagen— damals noch nicht. Der Pennalismus, der in dem Stiidentenleben überhaupt, wie wir SN». 438 vorhin sahen, hatte untergehen müssen, war in den Korps in krasser Weise wieder zum Vorschein gekommen. Er konte auf die Dauer auch hier sich nicht mehr halten. Die Füchse und jungen Burschen entzogen sich, so oft und soviel sie vermochten, dem drückenden Regime der älteren Korpsburschen: die„Korps- kneipen" wurden leer; die alten Herren sahen sich vereinsamt. Sie wollten wol anfangs die alte Herschaft mit doppelter Strenge zur Hand nehmen. Sic verdarben noch mehr. In den Korps herschte Anarchie. Das studentische Leben war fteier geworden. So war es in Güttingen', so oder änlich war es wol auf den meisten deutschen Universitäten, als ich zu Michaelis 1817 das Universitätsleben überhaupt verlassen, in das„Philisterium" zurückkehren mußte, um in der Heimat mein Examen zu machen, preußischer Auskultator zu werden, in dem preußischen Justiz- dienste meine weitere Karriere zu verfolgen. Wärend ich in Göttingen studirte, war meine Heimat, die Stadt Wiedenbruck, mit dem Amte Reckenberg, bisher zu dem Hochstiste Osnabrück und dem Königreich Hannover gehörig, aber überall von preußischem Gebiete enklavirt, auf Grund der Verhandlungen und Verträge des Wiener Kongresses an Preußen abgetreten worden. Nicht volle fünf Jare später wurde ich zum zweitenmale Student. Bevor ich davon erzäle, habe ich doch über meine Erfolge jener ersten Studienzeit kurz einiges zu berichten. Mein Vater war ein sehr ernster und in allem, was Pflicht- ersüllung betraf, ein sehr strenger Man». Als ich von Göttingen nachhaus zurückgekehrt war, also mein akademisches Triennium vollendet hatte, erklärte er mir sofort am zweiten Tage nach meiner Rückkehr:, In vier Wochen wirst du dein Examen machen, bereite dich darauf vor!" Ich durfte keine Einivendungen haben, hatte keine. Ich nam meine Hefte, nebst ihnen meinen Makeldy(Lehrbuch der Jnsti- tutionen des römischen Rechts) und meinen Thibaut(System des Pandektenrechts) zur Hand und studirte tüchtig darauflos. Drei Wochen lang sagte mein Vater nichts. Als das Ende der dritten Woche herannahte, bemerkte er mir einfach: „Wenn die vier Wochen nicht unniiz verstreichen sollen, so mußt du dich noch heute zum Examen melden. Der Termin würde dir auf heute über acht Tage anberaumt iverde»!' Ich meldete mich noch an demselben Tage bei dem Präsidium des Oberlandesgerichts in Paderborn zum Examen. Zwei Tage darauf erhielt ich Antwort, die Vorladung zu dem Examen. Der Termin war genau der Tag, den mein Vater mir vorher gesagt hatte. Ich begab mich zu ihm nach Paderborn, wurde von zwei alten(Geheimen) Räten, die vor vierzig oder fünfzig Jarcn studirt und ihre Institutionen und Pandekten gehört, seitdem aber um die Fortbildung der Wissenschaft des römischen Rechts sich nicht gekümmert hatten, zwei Stunden lang über römisches Recht examinirt, hatte mir den Beifall der beiden alten Herren erworben, hätte also, nach der boshaften Bemerkung eines braven ivest- phälischen Universitätsfreundes, glücklich die beiden Stunden über- standen, für welche allein der preußische Jurist doch eigentlich drei Jare auf der Universität zubringen müsse, und wurde durch Patent des Justizministers in Berlin vom 17. Oktober 1817 zum königlich preußischen Oberlandesgerichts-Auskultator ernant. Mein Vater war befriedigt; ich war es gleichfalls. Von meiner Ausbildung und Laufbahn im preußischen Justiz- dienste darf ich hier, wo ich nur aus meinem Universitätsleben erzäle, nicht berichten. Ich erzälte bisher von meinem ersten Universitätsleben; ich gehe zu meiner zweiten Studentenperiode über. Vorher sollte ich vielleicht noch, um der Vollständigkeit willen, von meinen Universitätsfreunden jener ersten Periode sprechen. Allein die alten, lieben Freunde möchte ich gern zu einem Gesamtbilde mir in das Gedächtnis zurückrufen und in einem solchen meinen ge- neigten Lesern sie vorfüren. � Zu Michaelis 1817 war ich von der Universität abgegangen. Ostern 1822 bezog ich die Universität wieder. Ich stand in dem leztgenanten Jare als Assessor bei dem Land- und Stadtgericht z» Limburg an der Linne. Dieses Gericht fürte den Namen eines„Fürstlich Bentheimh'chen standeshcrrlichen Gerichts". Es hatte damit folgende Bewantnis. Die Reichsgrafen zu Bentheim waren ein altes westphälisches Dynastengeschlecht; waren zur Zeit des deutschen Reichs reichs- unniittelbare und souverän regierende Herren, ganz mit den- selben Rechten und in derselben Stellung wie die Kurfürsten von Brandenburg, Sachsen, Hannover und so weiter. Sie waren auch, wie diese, Mitglieder des deutschen Reichstages; nur fürten sie auf diesem ihre Stimmen nur auf der sogenanten westphäli- scheu Grafenbank. Es war eine ebensowenig edle, wie wenig neue und umsichtige Politik, welche in den Jaren 1803 und 1808 die mächtigeren deutschen Fürsten bewog, mit Frankreich sich zu verbinden, um das deutsche Reich zu zertrümmern, die schönsten deutschen Länder an die Franzosen abzutreten, um dann unter dem Ichuze der Franzosen den kleineren und schwächeren deutschen Fürsten Regi- ment und Eigentum zu rauben, sie zu mediatisiren, wie der Name für diesen Raub erfunden wurde. Ein Raub, ein schmachvoller Raub war es. Die siegreiche Gewalt findet überall ihre kriechenden Anbeter, sogar ihre närrischen Schwärmer. Auch damals wurde genug über Viel- und Kleinstaaterei geredet, geflunkert und gefaselt. Die Kleinstaaterei sei stets das Unglück Deutschlands gewesen; es müsse endlich ein einziges, ein großes Deutschland werden, das nicht mehr, wie bisher, in seiner Zerrissenheit von den andern Nationen verspottet und verachtet werde, sondern der Welt die Geseze vorschreibe. Ganz so rief man damals, wie man auch in neuerer Zeit fast überall den chauvinistischen Ruf wieder hören mußte. Die schlimmsten Epidemien sind die politischen. Und es geschah auch damals genau dasselbe, was wir in neuester Zeit wieder erfaren mußten. Um das große, mächtige, einige Deutschland zu schaffen, wurde zu allererst Deutschland in Stücke zerrissen. Die besten Stücke, die schönsten und reichsten Länder, die bravsten Stämme wurden an Frankreich abgetreten, an Napoleon Bonaparte ver- schachert, unter dessen Aegide die ersten deutschen Mcdiatisirungen, die Säkularisationen, stattgefunden hatten, one dessen Erlaubnis die ferneren, die der kleineren deutschen Fürsten und Grafen nicht erfolgen kontcn. Immer sprach man dabei von Deutschlands Einheit und Macht, welch' leztere nur durch die Einheit geivonnen und erhalten werden könne. Von der Freiheit des deutschen Volkes aber? Nur ein steies Volk kann ein einiges und ein mächtiges Volk sein. Die deutsche Einigkeit hatte aus ältester Zeit stets etwas ganz besonderes, eigenartiges. Die einzelnen deusschen Stämme und Völkerschaften lebten und wonten auf dem deutschen Boden zusammen als gute Nach- barn, als werte Genossen eines und desselben germanischen Haupt- stammes, als gute und liebe Freunde mithin, vor allem als freie Männer. Jeder einzelne Stamm hatte dabei sein besonderes staatliches Leben, seine Verfassung, wie wir jezt sagen würden. Das Wesen aller dieser einzelnen Verfassungen ivar die Freiheit des Volkes. Die Form, die Organisation, war dabei eine viel- fach verschiedene, wie geographische Lage, Klima, Bodenbeschaffen- heit und andre Verhältnisse und Lebensbedingungen sie hervor- gerufen hatten. Sie war jedenfalls insofern unwesentlich, als die Freiheit des Volkes dadurch nicht beeinträchtigt werden konte. So zusammen bildeten die einzelnen deutschen Völkerschaften das große deutsche Volk: die freie Verbindung, die Konföderation der einzelnen deutschen Volksstämme zu einem großen, deutschen, freien Volke. Diese fteie Föderation verwanter, fteier Stämme zu einem fteien Volke ist die Eigentümlichkeit der deutschen Natron, war von jeher die Grundlage und die Bürgschaft ihrer Freiheit, ihrer Größe, muß dies bleiben. Wir finden sie im kleinen wieder in der kleinen Schweiz. Im kleinen der äußeren Erscheinung nach. Wie großartig in dem Beivußtsein des Volkes und in seinem staatlichen Leben! Die Schweiz ist in ihrer politischen Verfassung ein Bundes staat(im Gegcnsaze zu einem Staatenbunde). Sie ist ein re- publikanischer Bundesstaat; eine Republik, die Eidgenossenschast, zu welcher fünfundzwanzig Republiken, die einzelnen Kantone (mit Einschluß einiger Halbkantone) als zu einem einzigen Staats- wesen sich verbunden haben, und zwar in der Weise sich ver- Kunden haben, daß jeder einzelne Kanton nur einzelne bestimte Teile seiner Souveränetät an das Ganze, die Eidgenossenschaft, abgetreten,� in Beziehung aller übrigen, nicht ausdrücklich ab- getretenen staatlichen Rechte seine Souveränetät ausschließlich sich reservirt hat. Das ist die uralte germanische Föderation, die ganz und gar dem deutschen Geiste, dem deutschen Bewußtsein von Recht und von Freiheit entspricht. Wie sehr dies der Fall ist, darüber seien mir, bevor ich auf mein Tema zurückkomme, noch ein par Be- merkungeu gestattet. Die schweizerische Eidgenossenschaft vereinigt in ihrem Ver- bände drei Nationalitäten, Deutsche, Franzosen, Italiener. Die überwiegende Mehrzal der Kantone und der Einwoner sind deutsch; der Rest bestet größeren Teils ans französischen, geringeren Teils Der Selbstnuird v Von I. Ter Pathologe— der Arzt, der im Auffuchen und in der Feststellung der Krankheiten den Hauptzweck seines Studiums findet — unterscheidet zwischen Grnndübeln und, dieselben fast immer begleitenden und von ihnen abhängigen, Nebenkrankheiten,— und dem praktischen Arzte ergibt sich aus dieser Unterscheidung die kostbare Lehre, daß er, um dem leidenden Menschen die Ge- sundheit wieder zu schenken, die Axt seiner wissenschaftlichen Be- Handlung dort anlegen muß, wo der eigentliche Siz der Krank- heit, das Grundübel, sich befindet. Nicht allein der Mensch, sondern auch die Menschheit wird von Krankheiten heimgesucht, und auch hier muß man von Grund- Übeln und Nebenkrankhciten sprechen, und wehe einem Volke, an dem ungeschickte Aerzte die Nebeiileiden kuriren wollen, one das Grundübel zu behandeln. Es ist allerdings leichter und für die Gemütsruhe des Patienten besser, von den Ncbenleiden als von den, Grundübel zu sprechen, von UnVerdaulichkeit als von Magen- krebs, von Nachfichweißen als von Abzehrung, aber dem Patienten ersprießt daraus kein Heil und dem Uebel wird dadurch kein Halt geboten.— Ein Blick auf die Menschheit unserer Tage, auf die moderne, civilisirte Gesellschaft zeigt uns viele und schwere Leiden, krank- haste Erscheinungen, die auf eine untergrabene Gesundheit, einen zerstörten Organismus hindeuten, und in dem großen Schuld- und Leidensbuche der Menschheit, wie unserer Zeit, gibt es kein schwär- zeres Blatt als das des Selbstmordes. Der Selbstmord ist zu einer Massenersch einung unserer Tage geworden, wir dürfen in ihm nicht mehr den freien Entschluß eines einzelnen Jndivi- duums, das eigene Ich für immer zu zerstören und den trägen Stoff der Natur wieder zu geben, erblicken, wir müssen vielmehr in ihm eine geistige Epidemie, das traurigste Produkt des gesell- schaftlichen Allgemeinbefindens erkennen, das Symptom eines tiefen Leidens, den stichhaltigsten Beweis reformbedürftiger Verhält- nisse!— Wenn wir z. B. lesen, daß in Deutschland allein järlich neuntausend Menschen, in Frankreich siebentausend und in Oester- reich sone Ungarn) zweitausendsechshundert freiwillig aus dem Leben scheiden, wenn ferner berechnet worden ist, daß im Durch- schnitte in ganz Europa jedes Jar fünfzigtausend Personen sich selbst den Tod geben oder doch wenigstens zu geben suchen,— und wenn der freundliche Leser sich nun im Kopfe ausrechnet, wie viele Selbstmörder es demnach in zwanzig Jaren in ganz Europa gibt, dann mag wol die Frage erlaubt und natürlich sein: wie krank muß die Menschheit sein, wie ungenügend aller Fort- schritt und alle Kultur, ja wie barbarisch unsere raffinirteste Ci- vilisation, wenn troz alledem in Europa allein in zwanzig Jaren eine Million Selbstmörder das Leben für eine Qual und das Nichtsein für eine Woltat ansiet! Eine Million Selbstmörder— gab es je eine düstrere, furcht- barere Zal?— Wessen Geist wäre stark genug, die Qual, das Leid und Weh zu fassen, die sie in sich begreift. Wer wagte es noch, mit Stolz auf eine Zeit zu blicken, die solche Erscheinungen gebiert!— Zwar ist es allerdings richtig, daß der Selbstmord nicht von gestern her ist und daß unsere Zeit, die so viel erfunden, nicht auch ihn entdeckt hat; und der Selbstmord schleicht in der Tat als dunkler Gast durch die Geschichte fast aller Nationen, mit Aus- name der Völker im Naturzustände.— Aber einenteils ist der Selbstmord in diesen Fällen entweder eine Einzelerscheinung, die Tat eines Wahnsinnigen, die durch ihre Seltenheit es dahinbringt, m den Jarbüchern jener Zeit angemerkt zu werden, oder aber die Folge einer epidemisch austretenden Gehirnkrankheit, wie sie aus italienischen Elementen. Drei Natiomilitäteil in einem und demselben Staatsverbande sind drei Rivalitäten; in einer Re- publik wächst die Rivalität nur gar zu leicht zur Eifersucht, zu Haß und Feindschaft und Hader empor. In der Schweiz leben alle drei Nationalitäten in brüderlicher Eintracht beisammen. Das schweizerische Volk hat das Höchste erreicht, zu dem ein Volk sich erheben kann: es hat sein nationales Bewußtsein seinem staatlichen Bewußtsein untergeordnet. (Fortsezung folgt.) lld leine Ursachen. &. K. im Mittelalter häufig ausbrach und nach kurzer Dauer schnell verschwand. Im 14. Jarhundert trat z. B. am unteren Rhein eine krampf- hafte Tanzsucht epidemisch auf. Diejenigen, welche von der Krank- heit ergriffen wurden, zeigten eine auffallende Vorliebe für das Wasser und stürzten sich häufig hinein. Nicht viel später zeigte sich in Italien der sogenante Tarantismus, von dem uns Hecker erzält, daß die Kranken durch Musik zu einem milden Tanze gebracht, auf der höchsten Stufe der Aufregung sich scharen- weise iii die Fluten des Meeres stürzten, welche Todesart durch die Dichter und Sänger jener Zeit in Lied und Note verherlicht wurde. Anderenteils aber tritt der Selbstmord in Mafien als ein sicheres Zeichen und Symptom der Auflösung einer Gesellschaft, des Absterbens einer Kultur und der Fäulnis einer Zeit auf und als solcher wiederholt er sich fast mit geschichtlicher Notwendigkeit im Augenblicke des Niederganges eines Volkes oder einer Kultur. — Wie im Herbste die treibende Kraft der Natur innehält, ihre Werkstätten zu feiern und Wald und Flur nur ein Bestreben zu haben scheinen, sich ihres Schmuckes zu berauben und ihres Da- seins zu entäußern, so fiilcn auch die Menschen einer überreifen Zeit kein anderes Verlangen, als das nach Ruhe, keine andere Krafi als die, sich durch Dolch, Strick oder Messer ans dem er- bärmlichen Stande der Dinge glücklich in das Nichts hinüber zu retten. Das alte Aegypten, das sonst so krampfhaft an dem Leben hing, siet den Selbstmord an den Ufern des„heiligen Nils" herschen von demselben Augenblicke an, in dem eine neuere Kultur mit der alten der Pharaonen in Berührung tritt und die alt- ägyptische Gesellschaft sich zerbröckelt. Im alten Griechenland, das doch so lebensfrohe Tage sah, wird nach den Perserkriegen und in den Tagen des Verfalls der Selbstmord als das einzige Mittel, dem irdischen Jammer zu entrinnen, gepriesen und an- empfolen und eine Reibe der ausgezeichnetsten Männer sezt ihrem Leben ein freiwilliges Ende.— Und dieselbe Erscheinung liefert uns Rom im Augenblicke seines Niederganges. Die Herren einer Welt, die Eigner ungeheurer Schäze werden lebensmüde und ihr größter Naturforscher Plinins schreibt einen Hymnus auf den Selbstmörder.— Der Philosoph Seneka siet sich genötigt, gegen die„Leiden- schaff für den Selbstmord" aufzutreten, und was tut er selbst?— er öffnet sich die Pulsadern, um zu verbluten. � Die Verblutung aber get nicht rasch genug von statten; er läßt sich daher Gift reichen. Aber die Chemie stand damals noch nicht auf sehr hoher Entwicklungsstufe, das Gift wirkte nur langsam und der Strafprediger gegen den Selbstmord siet sich darum genötigt, durch heiße Dämpfe dem widerspenstigen Leben das lezte Flämchen aus- zublasen. Es ist selbstverständlich, daß man auch damals sich um das Warum der Selbstmordseuchc stritt und— anstatt es im Nie- dergange der Gesellschaft, die auf dem Grundsaze des Rechtes der Stärkeren gegenüber den Schwächeren aufgebaut, wie jede an- dere solche Gesellschaft, mit dem Erstarken der Schwächeren sich auflösen mußte, zu finden, suchte man es, wie heutzutage im Ver- fall der Religion. Das Grundübel war eben nicht sehr be- quem. Nun ist der Verfall einer Religion, wie wir später sehen werden, allerdings ein Begleiter der Selbstmordmanie, keines- wegs jedoch deren Ursache. In Rom jedoch wollte man dies nicht einsehen und Kaiser Marc Aurel hatte daher nichts eiligeres zu tun, als im weiten römischen Reiche Gottesfurcht anzuordnen, Frömmigkeit zu dekretiren und die zerfallenden Altäre auftichten zu lassen. Rom sollte wieder fromm und dadurch gerettet werden. Die Weltgeschichte aber, die ihren Weg mit Notwendigkeit nimt und mit sich nicht handeln und mäkeln läßt, gab auf dies Kaiser- wort eine Antwort, wie sie kürzer und bündiger sich nicht denken läßt: Rom sank von Stufe zu Stufe und Marc Aurel, der fronimc Kaiser starb— als echtes Kind seiner Zeit— als Selbst- mörder; wenigstens spricht dafür die größte geschichtliche� War- scheinlichkeit.— Nebenbei bemerkt ist der Selbstmord bei Fürsten nicht so selten, als man vielleicht denken möchte; unter 2542 Fürsten, die 64 verschiedenen Ländern angehörten, kam auf je 127 Fürsten ein Selbstmörder.— Es ist hier nicht möglich, von dem Zeitpunkte des Verfalls der römischen Herschaft an das Wachsen, Sinken und Wieder- wachsen der Selbstmordseuche zu verfolgen, um endlich an dem Punkte stille zu stehen, wo ein Schopenhauer des Lebens Wert- losigkeit verkündete und jedes Jar ein halbes hunderttausend Menschen dieser blutigen Theorie eine praktische Bedeutung ver- leiht. Zwei Bemerkungen jedoch wird der Leser von selbst ans dem vorhergehenden geschöpft haben, die eine, daß der Selbstmord eine Krankheit der Civilisation sei, und die andere, daß daher die eigentlichen Gründe dieser schrecklichen Seuche gesellschaftlicher Art sein müssen.— Es ist daher ganz ungenügend, auf tellurische und kosmische, klimatische und geographische Ursachen hinzuweisen und einzig und allein den Arzt und Naturforscher dort zu hören, wo in erster Linie der Kulturhistoriker und der Nationalökonom Siz und Stimme verlangen können. Gewiß ist es hingegen, daß solche natürliche Einflüsse auf die Selbstmordneigung bestimmend einzu- wirken, ja dort, wo der Selbstmord die Handlung eines Gehirn- kranken ist, direkt zu veranlassen fähig sind. So hat man die Be- merkung gemacht, daß die meisten Selbstmorde im Frühsommer (Mai, Juni, Juli) vorkommen und am seltensten in den Monaten November, Dezember und Januar verübt werden. Es ist hier der rasche Wechsel der Temperatur, die ungewollte Hize, welche Die Entstehung der Z Bon K. Wie wird sie schon von den Alten gerühmt, die Familie, als eine der Hauptquellen des menschlichen Glücks. Altäre baute man ihrem Gedeihen und Götter schuf man zu ihrem Schuze. Wie priesen die Geschichtsschreiber sie, und wie wird sie von ihnen ge- rühmt als bahnbrechende, die Menschheitsideale fördernde Kultur- trägerin! Und vollends gar unsere neuen und neuesten Staats- weisen der alten Schule— wie sind sie des Lobes voll, wenn sie der Familie gedenken, alle Kultur, alles gesellschaftliche Leben füren sie auf sie zurück. Sie ist ihnen von allem Anfang an da- gewesen, aus ihr ging alle Moral, alles Rechtsleben hervor und mit ihrer Auflösung, ihrem Verfalle zerfällt und schwindet die Ge- sellschaft. In der Tat, die Familie bildet eines der gewichtigsten Mo- inentc unserer Kulturentwickelung, wenn auch nicht das einzige oder hauptsächlichste; gar vielerlei andere Faktoren wirken dabei mit, und zallose Bräuche sind es, die schließlich den niächtigeu Kultur- ström bilden. Immerhin fällt der Familie an unserer Kulwrcnt- Wickelung ein großer Anteil zu, und es verlont sich wol der Mühe, sie näher kennen zu lernen, ihrem Ursprünge und ihrer Einwirkung auf das gesellschaftliche Leben nachzuspüren. Der Weg zu diesem Ziele ist allerdings etwas mühsam, doch lonend wie jedes historische Forschen. Wie die Geschichte aus allen Gebieten des menschlichen Lebens die schäzbarste Lehrmcistcrin ist, so ist sie es auch hier. Erst wenn wir uns klar werden über den Ursprung und die Entwickelung der Familie sowie über die Be- dingungen ihrer Existenz, lernen wir ihre Bedeutung würdigen und die Mittel und Wege kennen, ihre Kraft als Kulturträgcrin zu steigern und ihren Nuzen im Dienste der Menschheit zu ver- mehren. Bei dem Dunkel der ersten Jarhunderte oder Jartausende des menschlichen Daseins auf Erden bedürfen wir auf unserem Wege mehr als nur der geschichtlichen Fürung. Da müssen wir noch andere Wissenschaften zu Hülfe rufen, um an der Hand der Logik zu Schlüssen und zu Beweisen zu gelangen, zu deren Begründung uns das historische Material ftlt. Wonach wir zunächst zu forschen haben, das sind die Haupt- das Nervensystem nicht nur an-, sondern auch aufregt und so den Menschen der Herschaft des Verstandes entziet und der der Nerven unterwirft. Ein Beweis dafür ist, daß in diese Frühsoimnerzeit nicht nur die conceptionsreichsten Monate fallen— die Sinlich- keit also mächtiger als sonst ist— sondern auch die meisten Ausschweifungen und Verbrechen gegen die Sittlichkeit begangen werden. So wurden ferner unter dem Einflüsse der afrikanischen Hize die Franzosen unter Napoleon l. in Aegypten von einer fönn- lichen Selbstmordseuche befallen, und im Jare 1803 gab es in Wien infolge einer ungewönlich großen Hize auch ungewönlich zalreiche Selbstmorde; die Leute sagten damals, sie fülten eine Neigung zum Selbstmord, wie in gewönlichen Zeiten eine solche zum— Niesen. In tropischen Gegenden spricht man sogar von einer Krankheit, welche in der Begierde bestet, sich in das Meer zu stürzen.— Auch manchen Winden schreibt man einen Einfluß auf die menschliche Selbstmordlust zu, und selbst die Sonne muß es sich gefallen lassen, als Ursache des Selbstmordes zu gelten. Es wird nämlich von den Walfischjägern des Nordens erzält, daß, wenn die Sonne auf lange, lange Zeit geschwunden ist, sich dieser Männer eine große Traurigkeit bemächtige und dieselben sich dann sehr häufig durch Selbstmord von solchem Seclenzu- stände befreien.» Dies sind gewiß alles ganz natürliche Einflüsse, wenn aber dieselben für sich allein schon imstande wären, den Selbstmord zu einer bleibenden Volkskrankhcit zu machen, warum sind dann wol die Naturvölker, die doch allen diesen Einflüssen in höherem Grade als wir Kulturnationen ausgesezt sind, von dieser Scucke befreit? Darum, weil klimatische und andere Verhältnisse die Selbstmord- neigung eines Volkes zwar unterstüzen können, dieselbe aber nicht erzeugen, weil der wäre Grund unserer Selbstmordmanie� nicht jm Termo- und Barometer, auch nicht in Wolken und Sonne sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen und Zuständen liegt (Schluß folgt.) Uie und der Gesellschaft. Lübeck. sächlichsten Lebensbedingungen der Familie. Haben wir sie fest- gestellt, dann ist es leicht, im Entwickelungsprozeß der Mensch- heit den Augenblick festzustellen, in dem diese Lebensbedingungen gegeben waren, die Familie also sich bilden kernte� Zu diesen gehört das Leben in einem geschlossenen geselligen Verbände und die Möglichkeit eines ruhigen, seßhaften, gegen äußere Gefaren gcschüzten Daseins. Zwei Triebe sind es, womit die Natur den Menschen und die ihm verwanten Mitbewoner des Erdballs ausgestattet hat, mit dem Geschlechts- und dem Geselligkeitstriebe. Nicht allen ist der leztere verliehen, wol aber der großen Mehrzal dieser Wesen. Er ist das kostbarste Geschenk, welches die Natur ihren Kindern verleihen konte. Die Kraft des einzelnen wird durch ihn ver- vielfacht, der Bernunstentwickelung eine gesicherte Stätte und die Möglichkeit eines ruhigen, gcschüzten Lebens gegeben, das die Familienbildung ermöglicht. Verweilen wir der größeren Klarheit wegen einen Augenblick bei diesem Punkte. Wo die Gesellung sich bildet, da ist, wie die Beobachtung der verschiedenen Tiergesellschaften uns lehrt, eine Stätte des Austausches der Erfarungen gewonnen und der Vernunft die Möglichkeit ruhiger Entwicklung gegeben. Abwehr und Angriss, wo die Kraft dazu vorhanden ist, werden organisirt, Narungs- pläze ermittelt, Wonstätten errichtet u. s. w. Es ist nirgends, wo Gesellung in der Tierivelt herscht, gedankenloses„instinktives" Handeln, sondern überall ein wolüberlegtes zu finden, das im Lebenskreise der Gattung seine Begrenzung erhält, sich mehr oder weniger in der Gewinnung der besten Existenzmittel erschöpft, wol auch darüber hinausragt und fortwachsend auf spätere Gene- rationen sich vererbt. Allerdings wird den Tieren der Geschichte- sinn abgesprochen, und wenn man dies zugäbe, wäre die Vernunft- entwicklung als allgemeine Folge der Gesellung nicht aufrecht zu erhalten. Und doch haben wir es zweifellos mit einer solchen zu tuu. Wir sehen z. B. bei durchaus verwanten Ameisenvölkern ganz verschiedene Gebräuche in der Behandlung der Gefangenen. Hier werden sie getötet, dort als Arbeiter verwertet, genau l", wie in der Geschichte der Menschheit, wo ursprünglich die Ge- fangenen auch getötet, später aber zu Iklaveu gemacht werden. Wie wir in der Menschheitsgeschichte mit Bezug auf die Erschei- nungen von Roheit und Kulturentwicklung sprechen, so hindert uns nichts, auf rohe und civilisirte Ameisen zu schließen, und wiederum nach dem Beispiele der Menschen zu folgern, daß die jezt civilisirten Ameisenvölker früher auch rohe und barbarische gewesen, die an der Hand einer gewissen Vernunftentivicklung, und nicht blos in Bezug auf die Behandlung der Kriegsgefangenen. sondern in Bezug auf ihre Gesamtorganisation zur heutigen Höhe ihres gesellschaftlichen Lebens gelaugt sind. Zweifellos haben klimatische und lokale Verhältnisse ebenso bestimmend auf die Entwicklung der geistigen Tätigkeit in der allgemeinen Tierwelt, wie im speziellen auf die der Menschen eiugewirkt, veränderte Verhältnisse beeinflussen und gestalten die Bedürfnisse, und die Bedürfnisse wiederum verleihen der Entwicklung ihr eigenartiges Gepräge. Diese Erscheinung dürfte überall wie beim Menschen, so auch in der Tierwelt im allgemeinen nachzuweisen sein. Aller- dings seien augenblicklich noch die Beweise dafür, doch würde ein vergleichendes, eine lange Reihe von Zaren umfassendes Studium der verschiedenen Tiergesellschaften sicher die überraschendsten, unsere Auffassung vollauf bestätigenden Resultate liefern. Wo ein Tier nur mit dem Geschlechtstrieb ausgerüstet ist und isolirt lebt, da vermag es weder zu einem über die eigne Kraft hinausrcichenden höheren Ichuze seiner Existenz, noch zu einer Erweiterung seines Denkkreises zu gelangen. ES kann allerdings gewisse Ersarungen auf di/ Nachkommenschaft vererben, das Erb- teil wird aber stets ein sehr kleines sein und über die ursprüngliche Vernunststufe nur wenig hinwegreichen. Und dort, wo das Band einer Gesellung zerrissen wird, wo die Angehörigen derselben versprengt und vereinzelt werden, da tritt ein materieller und geistiger Rückschritt ein. Der einzelne gerät in Hülslosigkeit, er verkomt im Elend, das dieser entspringt, oder er verwildert und nimt häufig eine seiner Natur wider- sprechende Entwicklung. Ten geistigen Fähigkeiten, mit denen er ausgerüstet ist, wird die Gelegenheit zur harmonischen Betätigung genommen. Sie werden schwächer oder sinken gar auf das Niveau des isolirten Tiers hinab. Allerdings wird die Folge nicht immer die gleiche sein. Man wird hie und da starke Individuen die Folgen der Sprengung des geselligen Verbandes überstehen sehen. Doch droht auch ihnen der sichere Untergang, wenn es ihnen nicht gelingt, in einer andern Gesellung Aufname zu finden, was nicht immer leicht ist. Wir dürfen nun folgern: die Gesellung ist die kräftigste Garantie für die Existenz des einzelnen, die notwendige Bedingung der Vernunftcutwicklung, Wärend die Zsolirung den einzelnen nur auf seine eigne Kraft anweist, ihn einem stärkeren Gegner gegen- über machtlos macht und— die Bernunftentwicklung verhindert oder wenigstens in hohem Maße erschwert. Der Mensch gehört zu den von der Natur mit dem Geselligkeitstrieb ausgestatteten Wesen. Soweit der geschichtliche Blick in die Vergangenheit zurückzureichen vermag und soweit das Leben civilisirter und wilder Völker in unfern Tagen Rückschlüsse auf die Vergangenheit der Menschheit gestattet, ist der Mensch stets gesellig aufgetreten. Alte Geschichtsforscher berichten uns von Menschen, die Herden- weise lebten, keiner aber von isolirten, und tatsächlich darf das gesellige Leben des Menschen als das seiner Natur entsprechende betrachtet werden. �„ Versuchen wir es, uns über die ursprüngliche Gc,ellung der Menschen ein Bild zu liefern, um uns nach dem Dasein der Familie umzuschauen. � r..~. Tie Gesellung ist nicht one Verzichte auf die persönliche Frei- heit denkbar. Der ciilzelne hört auf, der ausschließliche Herr seiner Kraft und seines Lebens zu sei»! beides muß er zum Schuze seiner Mitgenossen der Gesamtheit zur Verfugung stellen. Allerdings erhält er dafür einen hohen Entgelt; er erwirbt für diesen Verzicht den Schuz der Gesamtheit, das ursprünglichste und nalürlichste aller Rechte, das Existenzrecht, die Garantie dafür, daß jeder der Mitgenossen, die Gesamtheit, für ihn eintritt, wenn ein ihm selbst überlegener Feind sein Leben bedroht. Doch mehr noch als das! Er erwirbt auch das Anrecht auf alle Vorteile, welche die Gesellung ihren Mitgliedern zu bieten vermag. So partizipirt er am Genüsse der Schuzmittel, welche die Gesellung zu ihrer Sicherheit errichtet, so auch an den Wo- nungen die sie beziet, und an den Vorräten, die sie sammelt. Sein Existenzrecht enveitert sich mit der Kulturentwicklung der Gesellung; es gibt keine Kulturerrungenschaft, auf die ihm nicht das gleiche Anrecht wie seinen Genossen zustände,— voraus- gesezt natürlich, daß er zu ihrer Erreichung mitgewirkt. Die ursprüngliche Gesellung bevorzugt das stärkere oder in- telligentere Individuum und ordnet sich gern seiner Stimme, seiner Leitung und Fürung unter. Gemeiuschastlich lebt man zwar von den durch die Gesamtheit gehäuften Vorräten, doch beansprucht, einem späteren drückenden Monopol den Grund legend, in der Regel die größere Kraft den größern Anteil und erhält ihn. Man darf also in der Gesellung von vornherein keine ab- solute Gleichberechtigung der Genossen voraussezeu. Sie ist erst das Resultat langer und heftiger sozialer Kämpfe. An der Hand des Bedürftlisses erweitert sich stetig der Lebens- und Tätigkeilslreis der Gesellung, und beständig steigern sich mit dieser Erweiterung auch die Anforderungen, welche die Pflege des materiellen Wols an die Vernunft des einzelnen stellt. Mit der Steigerung des materiellen Wols wächst auch die Vernunft. Das eine bedingt das andre. Nirgends vermögen wir in der Gesellung die Spuren der Familie zu entdecken, die doch zweifellos vorhanden sein müßten, wenn sie vor der Gesellung der Menschen dagewesen und für diese eigentlich die Basis gebildet hätte. Wir müßten in der Gesellung die Familicnzelle, eine bereits einigermaßen entwickelte Vernunft, Moral und Sittlichkeit finden. Von alledem zeigt sich jedoch nicht das Geringste. Die Ursache liegt eben darin, daß zur Familienbilduug nicht nur das Vorhandensein eines geselligen Verbandes, sondern auch eine größere Seßhaftigkeit gehört. Obwol gesellig lebend, ist der Mensch doch noch ein Jagd- objekt der Raubtiere, ewig gehezt und außer stände, sich irgendwo dauernd gegen die ihm nachspürenden Feinde zu behaupten. Er fand weder Zeit noch Gelegenheit zur Gründung einer Familie. ganz abgesehen davon, daß dazu auch noch nicht das geringste Bedürfnis vorlag. Die ältesten Historiker berichten uns denn auch, die ursprüng- lichen Verhältnisse der Gesellung scharf markireud, ausdrücklich das Feleu der Familieuzellen in der Herde, indem sie Weiber- und Kindergemeinschaft in derselben konstatiren. Diese existirte noch im historischen Aegypten, bei den Persern, den europäischen Völkern und heute noch auf vielen Südseeinseln, bei den Kale- doniern, in etwas verschleierter Form bei den Beduinen, bei einigen Völkern Hinterasiens u. f. w. Eine eigentümliche, noch in unsre Zeit hineinragende Erschei- nung könte als ein weiterer Beweis für das Felen der Familie in der ursprünglichen Gesellung dienen. Wir meinen das so- genante Mutter erbe bei verschiedenen Jndianerstämmen. Die Mutter ist die Vorsteherin und Erhalterin der Familie, und ihr Eigentum ist es, nicht das des Vaters, welches die Kinder erben. Der Mann, welcher mit der Frau eine geschlechtliche Verbindung einget, nimt deren Namen an, nicht diese den seinigen. Diese Einrichtung stamt offenbar aus der ersten Zeit der menschlichen Gesellung, wo man das Weib nur zur Befriedigung des Geschlechts- tricbes aufsuchte und es dann einfach verließ, jich auch um die Kinder nicht weiter bekümmerte. Hieran sei gleich ein andres Faktum angereiht. In Bhutan (Indien) ziehen die Männer in das Haus der Frau, um mit ihr eine Ehegenvssenschaft einzugehen. Meist ist die Frau schon alt und hat vor der Ehegenossenschaft in geschlechtlicher Beziehung durchaus zügellos gelebt. Bei den Garos kann die Frau sogar beliebig den Mann verlassen, one Kinder und Güter einzubüßen, wärend der Mann durch ihre Berstoßung beides einbüßt. Aller- dings konten hier auch wirtschaftliche Verhältnisse, wie etwa bei der Prostitution in den civilisirten Staaten, von Einfluß sein, vielleicht auch Mangel an Weibern, doch ist die Zurükfürung dieser Erscheinungen auf den ursprünglichen Gesellschaftszustand das Berechtigtste. Man kann getrost aus diesen Erscheinungen den gleichen Schluß ziehen. Suchen wir nach Beweisen in der sogenanten civilisirten Welt, so könten wir erwänen, daß in Rußland die Frau als Bormünderin zugelassen wird und über das Familieneigentum leztwillig verfügen darf. Auch das ist eine Erscheinung, die wol in graner Vorzeit ihren Ursprung hat. Man darf nun, will man nicht das Un- warscheinlichste annemen, daß die menschliche Gesellung rückschritt- lich gewirlt und die Familie aufgelöst und zerstört hat, schließen, daß die Familie weder vor noch in der Gesellung vorhanden gewesen ist. Wir werden ihren Spuren denn auch erst viel später, und zwar in der Gesellschaft, begegnen.(Schluß folgt.) 442 Ztiidtcbildcr vom Bodensee. Von Luise Mo. I. Konstanz. Sei mir gegrübt grünlich-silbern schimmernder See, ob deine Fläche nun spiegelglatt daliegt und nur die Dampfschiffe sie durch- furchend, weißen Schaum aufsprizend, silberne Linien nach sich ziehen und hinter sich die Wasser bis über den Uferrand treiben— oder ob die Donner majestätisch darüber hinrollen»nd lief herabhängende Wolken dem Wellenschaum begegnen, der aus der Tiefe emporsärt, vom Sturme aufgewült, dunkelgrüne Wellen aufspringen wie märchenhaste Ungeheuer mit schneeweißem flaltcrnden Har auf düster zürnenden Häuptern— sei mir gegrüßt— wie du dich auch nenne» magst, ob„Äoden" oder „schwäbisches Meer" oder„Bodensce"— sei mir, dreifach benant, auch dreifach gegrüßt. Aber nicht von deinem geheimnisvollen Leben, noch von den Na- turwundern und Schönheiten deiner herlichen Ufer gilt es mir heut zu singen und zu sagen— auch nicht den Uebergang sollst du hier bilden zu den oft gelesenen Schilderungen einer Schweizerreise. Nur von den beiden berühmten Städten, die am West- und Ostende von deinen Wogen bespült werden, die noch zum deutschen Reich gehören, aber doch die Pforte bilden zum schönen, freien Schweizerland, dem Lieblingsziel glücklicher Touristen, von den Städten Konstanz und Lindau will ich ein Bild zu geben suchen. Am Ausgang des Oberbodensee in den Untersee liegt Konstanz, die Hauptstadt des badischen Seekreises. Jezt ist die offizielle wie auch sonst wol allgemeine Schreibweise Konstanz, Wärend man noch bis vor kurzem häufiger Constanz schrieb, ja in der Zeit der Deutschtümelei so- gar Kostnitz. Doch war es cin Jrtum, diesen Namen etwa darum als deutsch zu gebrauchen, weil er zur Zeit der Resormation von den An- hängern derselben so eingcfürt worden— als Demonstration wider Rom und römische Sprache, Wärend er später wieder aufgefrischt ward als änliche Demonstratio», zugleich gegen Frankreich. Nicht deutsch, sondern böhmisch und, wie wir heute sagen, czechisch ist die Benennung Kostnitz. Die Böhmen, die Hussiten waren es, die diesen Namen ausbrachten und aus Konstanz Kostnitz machten. Ihnen war die Stadt, in der ihr Held und Haupt Johannes Huß als Märtyrer des Glaubens sein Leben lassen mußte(1415, Hieronymus von Prag 1516) zugleich vervehmt und geheiligt— und da auch die späteren Re- sormatoren in Huß ihren Borläufer erkanten, so ward die böhmische Benennung acceptirt. Nun ist es nicht allzulange her, daß man sich erst besann, daß Konstanz im Mittelaller Costenz, aber nicht Kostnitz hieß— im Volke sprach und spricht man noch heule„Costaz"— und so ist jezt als Hoch- und Schrisldeutsch Konstanz eingefürt. Viele Hi- storikcr nemen an, daß die Stadt von dem römischen Kaiser Konstantin dem Großen schon im vierten Jarhundert gegründet ward, und nach ihm genant, indes weiß man nichts gewisses, denn nirgend finden sich rö- mische Ueberreste— was aber nichts beweist, da die noch im selben Jarhundert eindringenden Allemannen doch alles zerstörten. Karl der Große nante die Stadt„Civitas" und gründete darin ein Bistum. Im Mittelalter hatte die Stadt ihre höchste Blütezeit, sie war ein bedeutender Handelsplaz, als noch der Handel aus dem Morgenlande seinen Weg über das Mittelländische Meer nam, sah Reichstage und Konzilien in ihren Mauern und entschied mehr als einmal das Schicksal deutscher Kaiser und Fürsten. Judenversolgungen, Zunstkämpse und Glaubensstreitigkeiten tobten oft in ihr. Daran mahnt es uns unwillkürlich, wenn wir, sei es mit dem Dampfschiff oder mit der Eisenbahn der Stadt uns nahen. Wie viel dieselbe auch durchgemacht, sie verleugnet den Charakter des Mittelalters nicht Wissen wir, daß sie damals zur Zeit ihres berühmtesten Konzils von 1414—1418 mehr als 40 000 Einwoner zälte, so sehen wir freilich, daß die Stadl seitdem lange Zeit nur Rückgänge zu verzeichnen hatte. Als sie 1806 von Oesterreich, das sie, einen Wall der Resormation, 1551 sich unterworfen und katolisch zu machen gesucht hatte, wieder 1806 an das Großherzogtum Baden kam, zälte sie kaum 5000 Ein- woner. Aber unter der badischen Regierung, wie durch eigne Kraft und den Segen der Eisenbahnen hat sie es jezt wieder auf mehr als 12 000 gebracht, und es waltet ein frisches fröhliches Treiben durch die ganze, jedes Jar sich neu verschönende Stadt. Auch der Zug der Vergnüguugs- reisenden begrüßt sie jezt gern und nimt sogar daselbst längeren?Iusent- halt. Ladet dazu doch der See ein mit seinen Bädern, das Jnselhötel in seinem gotischen Baustyl und der ganz neu und großartig aufge- fürte„Kon stanzerhos", ein großes, trefflich geleitetes Etablissement in neuer schweizer Art, zugleich Pension wie Hotel mit reizenden park- artigen Anlagen, die bis zum See sich hinziehen. Von ihnen wie von den Zinnen aus blickt man aus die Alpen und die reizenden Scegestade. Interessant ist, wie uns überall Erinnerungen aus dem Mittelalter entgegenlrcren und wie die Neuzeit, o»e sie zu zerstören, doch oft die seltsamsten Wandlungen mit ihnen vorgenommen hat. Konstanz ist keine feste Stadt nichr, aber wenn auch die einstigen Basteien verschwunden, so sind doch ein par Tore samt Türmen und altem Mauerwerk noch der modernen Zerstörungswut entgangen. So, am Ende der Bodans- straße, das Schnetztor. Hier stehen wir am Zwinger aus historischen Boden, das Haus links bezeichnet eine Tasel als„Hussenherberge", die ! Hieronymus-(von Prag) Gasse fürt uns zum Bräuhaus— und wo | jezt das Hauptgetränk der Deutschen des 19. Jarhunderts in Eiskellern j lagert und dann in Gärten und Sälen zu jeder Tagesstunde von den Durstigen als Labetrunk gepriesen und vertilgt wird, das ist der„Pauls- türm", in welchem Hieronymus von Prag ein Jar lang gefangen saß. An der Stelle, wo er, und ein Jar vor ihm Johannes Huß, den Feuertod starb, ist erst 1873 als Denkmal— sinnig genug— ein crra- I tischer Block aufgerichtet worden. Früher war die Stelle für den Fremden kaum zu finden. Jezt sagt man ihm:„an der Gasfabrik vorüber!"— und das ist auch bezeichnend für unsere Zeit. Sic errichtet keine Scheiter- Haufen mehr— sie hat im Gas ein reineres Licht und zu Zwecke» des Woltuns und Belebens, nicht des Vernichtens, zugleich erfunden und in ihren Dienst genommen. So ist auch das schon erwänte Jnselhötel auf der Dominikaner- insel des Rheins aus einem Dominikanerkloster hergerichtet worden, in welchem Huß gefangen saß. So ist serner gegenüber die einstige Je- suitenschule zum Teater umgewandelt, und sie zeigte sich geräumig genug, neuerdings auch noch darin den Juden einen Betsal zu gewären. Am Markt, oder der Marltstätte, wie die Konstanzer sagen, stet das alte Kaufhaus, das aus dem Jare 1388 slamt und den ,Kon- ziliumssal" enthält, später zum Lcinenhandel benuzt, dient er jezt wieder festlichen Versamlungen. Auf dem Markt stet auch die jezt fast in jeder Stadl übliche Siegessäule zur Erinnerung an den Krieg von 1870—71, und bedeutsam grüßt sie über das Reichspostgebäude— das srühere Rathaus— hinweg das„hohe Haus" aus der Zollernstraße, worin Burggras Friedrich von Nürnberg wonte, als er 1417 mit der Mark Brandenburg belent ward. Bekantlich war dies die erste Hauptstaffel zur anwachsenden Macht der Zollern. Am Markt stet auch eine höhere Mädchenschule; ein ehemaliges Franziskanerkloster erwies sich groß genug, eine Volks-, eine Bürger- und eine Gewerbschule darin auszunemen.— In Baden und so auch in Konstanz begriff man es zuerst, daß nur durch erweiterte Schulen das Volkswol zu fördern ist— so trifft man auch fast nirgend eine so intelligente, geweckte Bevölkerung wie in Baden. Hochverdient um das fortschrittliche Leben der Stadt hat sich be- kantlich Freiherr Heinrich von Wessenberg gemacht, der als Ge- neralvicar hier 1860 starb. Tic Straße, in der sein Haus stet— mit seiner Büste gezieret— ist nach ihm die Wessenbergstraße genant. In seinem Haus befindet sich eine großherzogliche und eine städtische Ge- mäldegallerie und Wessenbergs große, der Stadt überlasscnc Bibliotek von gegen 50000 Bänden, alles zugänglich für Heimische und Fremde one Entgelt. Man siet schon hieraus, wie gut es sich leben läßt in Konstanz, seit es unter Badens Szepter zum Reich gehört. Wie da jezt Kato« liken, Protestanten und Juden friedlich nebe» und miteinander wonen, nachdem sie sich so lange in den blutigsten, sanatischsten Kämpjen und Verfolgungen einander nur Leid bereiteten, haben sie sich jezt im höheren Dienst der Humanität zum freundlichsten Miteinandcrleben gesunden. Auch die Altkaloliken haben seit 1873 hier ihre eigne Kirche: die schon im 13. Jarhundert erbaute Augustinerkirche, und unweit davon stet die Freimaurerloge:.Konstantia zur Zuversicht." Alle und alles überragt das Münster schon von weitem, das seine ersten Anfänge bis zum 9. Jarhundert zurück datirt, aber mannigfache Bauwandlungen erlebte, so daß man sagen kann, es haben ebensalls 9 Jarhunderte an ihm gebaut. Tie lezte» Restaurationen wurden 1854 daran vorgenommen; aber auch jezt regt man sich wieder in seiner Konradikapelle zum Erhalten, Ausbauen und Verschönern. Im Münster wurden bekantlich die Konzilssizungen gehalten. Außer ihm ist die Stadtkanzlei, ein Prachtbau im floreminischen Renaiffancestyl, das interessanteste Gebäude der Stadt an der Kanzleistraße mit historischen Fresken nnd den Portraits berühmter Konstanzer. Tarunter aus der Neuzeit auch die Wessenbergs und der Malerin Marie Ellen- rieder. Man siet, bei den Konstanzern ist es nicht wie anderwärts, wo der Prophet nichts in der Heimal gilt, und daß auch die Gebäude und Gegenden von Konstanz nicht vergessen werden, dafür sorgt die Anstalt des Hofpholographen Wolf. Wer aber einmal dort war, ver- gißt Konstanz nicht und freut sich seines neuen Wachsens und Fort- schrcilcns, wie im äußern, so auch in Handel und Industrie. Im Jutcrcsse der AuSwanderungSlustigcn wird uns geschrieben: Geehrte Redaktion der„Neuen Welt!" Ihrer freundlichen Ausfor- derung Folge leistend, will ich versuchen, dasjenige, was ich in bezug aus die Einwanderung in den Vereinigten Staaten zum besten der Leser der„Neuen Welt" sowie des auswanderungslustigen Publikums über- Haupt sagen kann, so klar als möglich darzulegen. Da man mit ge- ringen Ausnamen gewont ist, über die Bereinigten Staaten nur viel Lob und wenig Tadel zu hören oder zu lesen, so schicke ich die Be- merkung voraus, daß ich nicht gewont bin, mich nach dem Urteil des sogenanten großen Hauses zu richten, sondern mir es stets zur Ausgabe gemacht habe, bei Berichterstattungen u. s. w. mich streng an die Wirk- lichkeir zu halten. Wer Lust zum Auswandern hat, wird one Zweifel meist von dem Verlangen geleitet, seine Lage zu verbessern. Mag nun die Ursache dieser gedrückten Lage dieser oder jener Art sein, so ist es zuvörderst /-a ,■* notwendig, daß sich der Auswandrer genau erkundigt, ob er auch in seiner Gewerbsbranche in der neuen Heimat sortkommen kann � oder ob er womöglich da noch schlechter(d. h. im Verhältnis) daran ist, als drüben. Die vielen von den Staaten hinüber geschickten Agenten, sowie direkt oder indirekt mit dem Auswanderungsgeschäste in Verbindung stehenden Personen schmücken selbstverständlich die amerikanischen Verhältnisse und Zustände nach Kräften aus, denn bei diesen Leuten ist das eben nur „Geschäft". Bessere Erkundigungsquellen sind Verwante oder Ange- hörige, und durch Vermittelungen dieser Art wird ein nicht unbedeu- tender Teil des Auswanderungsstromes herübergelcitet. Ter Handwerker findet wol hier Arbeit, aber mit dem goldenen Boden des Handwerks ist es eine problematische Sache. Mancher kleine Handwerker verkauft draußen Haus und Hof, bestreitet mit dem Erlös die Unkosten und findet, nachdem er hier sich wieder häuslich eingerichtet hat, daß er ge- radezu von vorn anfangen muß. Er ist dann hier denselben Wechsel- fällen drückender Konkurrenz ausgejezt wie drüben, und erst nach Jaren gelingt es ihm, wieder zu dem zu kommen, was er zu Hause gehabt. Für den kleinen selbständig arbeitenden Handwerker ist es jedenfalls am ratsamsten, keinen übereilten Schritt zu tun, wärend diejenigen Arbeiter, welche aus ihre« Verdienst in größeren Werkstätten angewiesen sind und die Uebcrfartskosten für sich und ihre Familie auftreiben können, aus alle Fälle es hier nicht schlechter haben werde», als sie es drüben haben. Im Gegenteil, man kann getrost sagen, daß sich die Arbeiter bei besserer Lebenshaltung besser steben, als im alten Europa. Eins muß man sich aber einprägen, und das ist, daß es eine geraume Zeit kostet, sich mit der Art und Weise vertraut zu machen, wie hier gearbeitet wird. Der von seinem Verdienst abhängige Arbeiter findet hier die größte�Schwierig- keit in der ausgedehnten Art und Weise, in welcher die Technik und Chemie zur Verwendung koninien— ein„ vermeintliches llebel, dem draußen manche in der Hoffnung zu entrinnen suchen, daß sie hier als Kleingewerbsleute arbeiten oder sich nach mehrjärigem Aufenthalte als solche etablircn können. Wem solche Aussichleu gestellt werden, der möge wol erwägen, che er sich entschließt. Die meisten Enttäuschungen finden gerade aus diesem Gebiete statt, nicht zu reden von den„farenden Hand- lungsdieiter», halbstudirtcn Medizinern, durchgefallenen Advokaten"».s.w., welche gemeiniglich anstatt der erhofften Stellen sich in den Seestädten mit Schciikaiifwärtcr- und Kellncrdiensten und dergleichen durchschlagen und sroh sind, wenn sie sich nach langjärigem Hcrumlaviren endlich auf die eine oder andere Weise ein festes Auskommen sichern. Es wird so viel geschrieben über die schöne Gelegenheit, welche hier der Arbeiter zum Gcldsparen, rcsp. dazu hat, sich durch Arbeit so viel zu erübrigen, daß er sich unabhängig machen kann. Ich will onc Um- schweife nur dies sagen: wem es gelingt, eine leidliche Stelle zu finden; wer es vermag, sich ruhig alles gesallen zu lassen; wer es fertig bringt, troz der durch die klimatischen Verhältnisse gebolcnen besseren Lebens- weise gerade so genau oder knapp zu leben, als drüben— ob nun frei- willig oder durch die drückenden Verhältnisse dazu gezwungen— der mag mit solchen Absichten herüber kommen. Hat er dann eine Konsti- tution, welche bei derselben Lebensweise alles ertragen kann, hat er dann „recht viel Glück", wenig Krankheiten, kurz keinerlei unvorhergesehene Zwischenfälle— so mag er sich binnen zehn oder fünfzehn Jaren so viel zusammenkrazen, als man für einen Arbeiter ein kleines Vermögen ncnt. Wer dies aber nicht kann, wer gewont ist, solche Ansordernngen an das Leben zu stellen, welche sich von Rechtswegen gehören— der wird bald ausfindig machen, daß er zustieden sein kann, wenn er mit seiner Familie nur„so leidlich durchkamt." Sämtliche Einwanderer, welche ich bis jezt gesprochen, sind i»it geringer Ausname vollständig mit ihrem Los zufrieden, was für mich als Beweis gilt, daß es drüben sehr trübe aussehen muß. Ich habe Bahnarbeiter und Tagelöner ge- troffen, welche drüben ein kleines Hüttchen hatten und sich hier bei einem Verdienst von 7— 9 Dollars pro Woche äußerst glücklich fülten, in- dem die Leute mir versicherten, daß sie eine bessere Lebensweise suren könten, als sie dies drüben imstande gewesen. Wenn es so ausstet, dann hilft sreilich alles Auseinaudersezen wenig, indem ein solch drucken- der Zustand die Bevölkerung förmlich aus dem Lande treibt, ganz ab- sehen davon, wohin oder aus ivelche Aussichten hin. � Zweck der Auswanderung kann aber nur Verbesserung der Lage sein und deswegen wiederhole ich, man fare nicht blindlings in die Welt hinein und lasse sich nicht durchweg von dem irrigen Saze leiten:„schlechter kann es nicht sein!" Ich habe in Vorstehendem inbezug aus den Handwerkerstand nur allgelueine Andeutungen gemacht, und ich würde den Raum in Ihrem geschäzten Journal zu viel in Anspruch»einen, wenn ich auf Details eingehen wollte. Gestatten Sie mir nur noch, für den Landarbeiter und Besizer eines Gütchens einige Winke zu geben. Der unverheiratete Landarbeiter tut am besten, wenn er mit der �Absicht herüber koint, eine Zeitlang als Farniarbeiter zu sungiren, bis er sich akklimatisirt und mit den Besonderheiten des amerikanischen Farmerlebens vertraut gemacht, Wodan» er sich nach einem Stück Land umsehen kann, vorausgelezi, er hat die Mittel zur Beschaffung der nötigen Zugtiere, Haustlere, Gerät- schaften u s w Dem Familieuvatcr, zumal wenn er arbeitsjähige Kinder und Mittel zur Beschaffung der Tiere, Gerätschaften u. f. w. hat, ist dies nicht zu raten, da der Verdienst als Farmarbe.ter zur Er- närung einer Familie nicht immer ausreichend ist. Immerhin gibt es aber Stellen wo auch ein solcher sein Auskommen findet, aber sie sind rar. Für ihn ist es am besten, wenn er sich nach solchen Staaten wendet, welche schon dichter bevölkert sind, über noch Bundes- oder Eisen- bahn-Läudereien besizen. Man hüte sich vor holzarmen Gegenden, in- dem gerade in diesem Winter in solchen die größte Not an Feuerungs- Material herschte. Alles Gerede von dem reichen Prairieboden zerfällt angesichts der strengen Winter in nichts. Das vielgepriesene Kansas hat stellenweise reichen Boden, gehört aber schon zum teil in die regen- lose Region und ist berüchtigt wegen seiner Heuschreckenplage. Kurzum, es heißt eben,„auf der Hut sein!" Die Herren Agenten preisen gar viel au, was hier niemand mag und das Resultat ist dann Enttäuschung, vergebliche Arbeit u. s. w. Man kaufe auch keine Landanweisungen, one sich erst auf der betreffenden Distrikts-Landosfice von deren Aecht- heit überzeugt zu haben. Beim Ankaufe von Eisenbahn-Ländereien ist gleichfalls große Vorsicht notwendig, indem es Bahnen gibt, deren Land- scheukungen so gut als verwirkt, d. h. durch Nichterfüllung eingegangener Verpflichtungen fraglich geworden sind. Besonders zu warnen ist vor dem Ankauf kleiner Farmen, welche schon lange Zeit bewirtschaftet wurden. Bei dem hier herschenden sogenante» Raubsystem, wonach dem Lande fortwärcnd alle seine Schäze entzogen, aber keine ihm zugesürt werden, kann man leicht übel ankommen. Es ist nicht meine Absicht, besondere Landesteile zu empfelen— jedoch glaube ich vor den südlich gelegenen Staaten warnen zu müssen. Neuerdings machen dieselben große Anstrengungen, einen Teil der Ein- Wanderer zu sich zu ziehen, und es wird nicht an Agenten mangeln, welche voll des Lobes über dieselben sind. Auch die größten Vorteile, welche die Südstaaten bieten, werden durch die gesellschaftlichen Ver- Hältnisse und das den Einwanderern meist nicht zusagende Klima auf- gehoben. Schließlich noch eins. Der Einwanderer muß sich von der hervor- ragenden Stellung, welche viele unserer Stammesgenossen im staatlichen und bürgerlichen Leben einnemen, nicht hinreißen lassen. Der Ameri- kaner, obwol gegen früher bedeutend emanzipirt, ist immer noch ein- genommen gegen Fremde, welche vermeintlicherweise herüberkommen, um an seinen freilich in mancher Beziehung etwas altväterlichen Institutionen zu rütteln. Der Einwanderer, mag er nun auch den höchsten Bildungs- grad besizen, tut am besten, die ersten fünf Jare sich passiv zu verhalten, und solche Stellungen einzunemen, welche ihn nicht in politischer Rich- tung vor die Oeffentlichkeit bringen. Er kann Wärend dieser Zeit Land und Leute studiren und später vielleicht besseren Gebrauch von seinen Talenten und bürgerlichen Rechten machen, als wenn er sich gleich in das öffentliche Leben stürzt. Mit lezterem Winke werde ich wol manchen geehrten Leser der„Neuen Welt" etwas vor den Kopf stoßen, zumal er vielleicht privatim ganz anders unterrichtet ist. Ich bin jeder Zeit bereit, den Beweis für meine Behauptungen anzutreten und halte dieses einstweilen für genügend, um Nachdenken zu erregen, übertriebene Jllu- sionen zu zerstören und Enttäuschungen zu verhindern. Es grüßt Sie wie inimer unter der Zusicherung, wenn erwünscht, diese Art Einsendungen zu wiederholen*), Ihr _ G. Bartholomäus, Warrenton, Ma., U. S. of A. ') Wird uns selbstredend sehr lieb sein. Red. d.„N. W." Ein Sontagsmorgen in Albano.(S. Jllustr. S. 436—37.) Es ist ein reizender Sontagsmorgen, der sich über das italienische Stadt- chen ausgebreitet har Und mit ihm ist die feierliche Sabalstille einge- treten: in der Werkstatt und auf dein Felde rut die menschliche Tätig- keit. Es ist der Tag des Herrn oder richtiger der Tag der Menschen, die sich von ihrer Werktagsarbeit erholen und sich erbauen und stärken zu neuer Tätigkeit der kommenden Woche, ganz gleich, ob diese Erbauung bestet im Gebet in der Kirche oder im stillen Kämmerlein daheim, oder im unmittelbaren Verkehr mit der Nalur. Das würdige Alter mag sich wol darum streiten, wie man die Feier des Sontags am würdigsten beget, die heitere Jugend nicht. Denn für sie ist der Sontag ein Tag der Freude und der Lust, und das zeigt uns auch die liebreizende Ge- sellschast auf unserem Bilde, welche im fröhlichen Spiel den Sontags- morgen verbringt. Dadurch aber, daß der Künstler(Karl Blaas, geb. 1815 in Nauders bei Finstermünz in Tirol) uns dieses Spiel der schönen Frauengestalten, mit deren Anmut sich noch die reine Unschuld der Kinder- gesellschast verbündet, so im Ramen des Familienhauscs vorfürt, wird uns die Stimmung eines italienischen SontagsmorgenS um so lebendiger vor die Seele gezaubert, und in uns selbst jene weihungsvolle Stim- mung hervorgerufen, deren Ausgangspunkt die Schöne in der Natur und Kunst ist. Und die Natur ist gerade in Albano der Kunst seit langem sehr freigebig entgegengekommen, denn schon seit den Zeiten der großen italienischen Meister lieferte dieser Ort den Malern die schönsten weiblichen Modelle zu ihren Madonnen, Göttinnen und Halb- göttinnen, Nymphen und dergleichen. Aber ebenso schön wie die Alba- nerinncn ist auch die Gegend ihrer Geburtsstätte. Albano, selbst ver- armt, mit über 6609 Einwonern, liegt südöstlich von Rom, am Ab- hange eines Albanergebirges. Die Stadt ist gut gebaut, hat eine präch- tige Kathedrale, mehrere andere Kirchen und 3 Klöster. Umgeben ist sie von einem förmlichen Kranze schöner römischer Villen und Parka»- lagen. Wegen ihrer Kunstschäze aus alter und neuer Zeit sind besonders berühmt die Villen Barberini und Corsini. Außerdem findet man um Albano noch zalreiche Trümmer der Bauwerke des klassischen Altertums, worunter die Ueberreste der Villen des Pompejus und Domitian, eines Amphitealers und des sogenanten Grabmals der Horalirer. Unweit davon prangt auf einer Höhe Kastello Gardolfo, die Sommerresidenz 444 von Pabst Pius IX. Höchst malerisch gelegen ist der Albanersee. am westlichen Fuße des Albänerberges. Er ist fast rund und füllt dw Krater eines erloschenen Vulkans aus und hat am oberen Rande L'/z Stunden Ilmfang. Sein Ufer ist von herlichem Hochwald bedeckt. Dabei ist er sehr tief und fischreich und enthält besonders viele Aale. Früher trat derselbe im Winter aus. Das geschah aber auch im Sommer 395 v. Chr. wärend der Belagerung Vejis durch die Römer, weshalb der Diktator und Feldherr der lezteren sich veranlaßt sah, einen 3700 Schritte langen, 30, Fuß breiten und 6 Fuß hohen unterirdischen Abzugskanal durch die Felsen hauen zu lassen, der heute noch gut erhalten ist.— Hauptsächlich ernären sich die Einwoner Albano's durch den Weinbau,� der bereits zu Augustus Zeiten zur Berühmtheit gelangt war.— Wie schön aber auch die Umgebung dieser Stadt sein mag, die kostbarsten Perlen sind jeden- salls die schöne» Menschengestalten, wie wir sie vom Künstler in seinem Werke uns vorgesürt sehen und vielleicht läßt sich aus diesem schon, von denjenigen, die diese Gegenden nie mit eigenen Augen geschaut, mit Sicherheit schließen, wie großartig die dortigen Schöpsungen der Natur und Kunst sind. urt. Aunlertuiitle Qlcminisienjen. Eine leipziger Reminiszenz. In Leipzig mußte im Mittel- alter jede Fastnacht ein Hagestolz einen Pflug lenken, vor den alte Jungfern gespant waren. Im Jare 1499 stach eine Jungfer den, der sie anspannen wollte, tot. Ein Pfälzer ReligionSbckentnis. Nach Riehl„die Pfälzer" wurden in der. Pfalz, die in früheren Zeiten verschiedentliche male auf Besel von oben die Religion wechseln mußte, folgende Reime gesungen: Die Calvinisten > Sind keine rechten Christen. Die Katoliken Stecken voller Ränk und Tücken. Und die größten aller Ochsen Sind die Luther'schen Orthodoxen. Wenigstens zeichnen sich diese Verse durch Unparteilichkeit aus. 4/Etnt c'est moi in deutschem Original. Ein deutscher Bürger- meister ist Ludwig dem vierzehnten von Frankreich zuvorgekommen und zwar um fast zwei Jarhunderte. Im Jar 1509 wärend der bekantcn Erfurter Händel sagte der stolze Bürgermeister Heinrich Kellner den Stadtverordnelen, mit denen er im Streit war, wörtlich:„die Ge- meinde bin ich." Der deutsche Vorläufer Ludwigs des vierzehnten endigte aus dem Schapot, wie 290 Jare später der Enkel des E'Etat c'est moi-Mann.— Göthe über daö französisch parlircn.„Soll ich französisch reden? Eine fremde Sprache, in der man immer albern erscheint, mag man sich stellen wie man will, weil man immer nur das gemeine, die groben Züge ausdrücken kann? Denn was unterscheidet den Dumkopf vom geistreichen Menschen, als daß dieser das zarte, gehörige der Gegenwart schnell, lebhast und eigentümlich ergreist und mit Leb- haftigkeil ausdrückt, jener aber, gerade wie wir es in einer fremden Sprache tu», sich mit gestemvelten, hergebrachten Phrasen beHelsen muß?" Wol gemerkt, nur gegen das französisch parliren richtet sich das Göthische Wort.— Schulkrankhciten. Schon im Jare 1836 veröffentlichte Lorinser in der„Berliner medizinischen Zeitschrist" einen Aufsaz:„Zum Schuz der Gesundheit in den Schulen", in welchem er gegen die vielen Schul- stunden, die schlechte Schulluft u. s. w. eiferte.— Und ist's heute viel besser in den Schulen? Zwei Urteile. Tettenborn sagt in seinem Bericht an Stein d. d. 22. Februar 1813 über den mislungenen Handstreich auf Berlin vom 20. Februar:„Ich muß hinzusezen, daß die Berliner Bestien sind, die kein Blut sondern Wasser in den Adern haben." Stein in seinem Bris an Nesselrode vom 11. April 1814 nent die Sachsen„weiche Worlkrämer", und sagt von ihnen:„Der Zustand der Herabwürdigung, worin sich ihr Vaterland befindet, die Unglücks- sälle, die es überwältigt, berühren sie weniger, als die Unbequemlich- leiten des Kriegs, die Entfernung des Königs und die Zerstörung der Dresdener Brücke."(Die Berliner und Sachsen können einander trösten.) Göthe nante die Kosacken und Baschkiren:„unsere ersehnten Be» freiungsbestien." Burschenschaftliches. Daß die Burschenschaftler, welche dem deutschen Bundestag und der heiligen Allianz als revolutionäre Wau- waus zu dienen hatten, mit den modernen Revolutionären nichts ge- mein hatten und namentlich sehr fromme Leute waren, erhellt aus der von Karl Follenius, dem bedeutendsten der Burschenschastler cnt- worsenen„Deutschen Rcichsveifassung". Ein Paragraph derselben lauter:„Wäler und Wälbar ist jeder Teutsche, der des Genusses des heiligen AbendmalS teilhaftig geworden ist." X la guerre. Die Eidesformel, nach welcher im Jare 1813 der Professor und Schloßbaumeister Raabe in der DreisaltigkeitSkirche zu Berlin die Landstürmer verflichtete, enthielt auch den Passus: sie müßten„die Brunnen vergisten und verschütten."— Kanzler Hardenberg. Im Januar 1813(achtzehnhundertdrei- zehn) schlug Hardenberg in Paris die Bermälung des preußischen Kronprinzen mit einer napoleonischen Prinzessin vor, und ließ um einen Tributerlaß, ja um einen Geldvorschuß bitten, damit Preußen für Na- poleon besser rüsten könne.— Patriotische Befrciungsprügel. Durch königlich-preußische Ka- binetSordre vom 31. August 1813 wurde die Prügelstrafe für die Landwehr eingefürt. «Jsus allen Q5inRefn der Leillikeralur. Die erste künstliche Eisbahn ist auf der jüngst eröffneten Allge- meinen deutschen Patent- und Mustetschuz- Ausstellung in Frankfurt a/M. zur Benuzung gestellt worden. Die ASphallbahn eines Skating-Rinks ward zum Boden eines Wasserbeckens gemacht, an dessen Schmalseiten zwei wette Rören gelegt wurden, die durch eine Anzal parallel lanfender enger Rören verbunden sind. Wenig über diesen enge» Rören sind Holzleisten angebracht und das Bassin so mit Wasser gefüllt, daß dieses etwa 15 Centimcter hoch über den Holzleisten stet. In eine der größeren Rören wird durch eine Kaltlustmaschine abgekülte Luft von 30 Grad Roaumur Kälte gelrieben, die durch engere Rören hindurch nach der andern weiteren Röre dringt und aus dieser wieder abgesaugt wird. Wenn durch diese Zusur kalter Lust das Wasser im Bassin sich mit einer so dicken Eisschicht überzogen hat, daß diese die Oberkante der Holzleisten erreicht hat, so wird das übrige Wasser abgelassen, und dann ist die auf hölzernen Trägern aufliegende Eisdecke zur Benuzung als Eisbahn fertig. Um das Schmelzen des Eises zu verhindern, muß die Temperatur des geschlossene» Raumes, in dem sich die Bahn be- findet, unter Null Grad gehalten werden. Tie durch oie Stalschienen der Schlittschuhe aufgeweichte und abgeschliffene Eisfläche kann zeitweilig mittels eines rotircnden Messers geglättet und durch darüber gespriztes Wasser wieder verstärkt werden. xz. Hinrichtung durch Elektrizität. Das amerikanische Blatt„Iran" schlägt folgende Hinrichlungsmelode vor: In einem schwarz drapirten Sal, der nur mit einer Fackel beleuchtet wäre, sollte die Statue der Gerechtigkeit mit Schwert und Wage aufgestellt sein und eine elektrische Batterie bergen, welche mit dem Totenstul, worauf der Verurteilte sizt, durch einen Leitungsdrat in Verbindung zu bringen ist. Dann könte dem Verurteilten die Geschichte seines Verbrechens vorgelesen, dann der Stab gebrochen, in die Wagschale geworfen und die Fackel ausgelöscht werden. Durch die Beschwerung mit dem Stabe sinkt die Wagschale, bringt den elektrischen Strom zum Schluß und tötet den Delinquenten mit Blizesschnelle. xz. Kaze als Hasenamme. Wie die Jagdzcitung„Der Waidmann" erzält, fand im ebenvergangcnen April eine Frau in der Nähe von Elberfeld in der aus dem Walde geholten Streu einen etwa 11 Tage alten Hasen. Von ihrem Sone ließ sich die Frau bewege», der armen Waise ein Lager aus Haidekraut zu bereiten und mit ihr Ernärungs- versuche zu machen. Lampe der Kleine schien sich erst in die neuen Verhältnisse nicht hineinfinden zu könne»; als man aber aus den Ein- fall gekommen war, ihm eine Kaze, die erst vor acht Tagen geworfen, ihre Jungen aber gleich nach der Geburt ausgesressen hatte, zur Amme öft geben, begann er sich in sein Geschick zu fügen. Die rabenmütler« llche Kaze suchte ihrerseits an dem Pflegejon gut zu machen, was sie an ihrem eignen Fleisch und Blut verbrochen hatte, sie pflegte ihn mit aller Zärtlichkeit, leckte und säugte, verteidigte ihn wider Fremde und ließ ihn nicht einen Augenblick außer Augen. Was weiter aus dem ans so seltne Weise am Leben erhaltenen HäSlein und seiner Amme wird, darüber wird der„Waidmann" später wol auch Bericht erstatten, xz. Iah-U. Herschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Universitätsleben und Universitätsfreunde. Eine Erinnerung vou-O- D- H. Tcnime(Fortsetzung).— Ter Selbstmord und seine Ursachen, von H. K.— Die Entstehung der Familie und der Gesellschaft, von C. f-ubeck— Stadtebttder vom Bodensee, von Luise Otto(I. Konstanz).— Im Interesse der Auswanderungslustigen.- Ein SoniagS- morgen m Albano(mit Illustration).— Kunterbunte Reminiszenzen: Eine leipziger Reminiszenz. Ein Pfälzer Religionsbekentnis. I.'Etat o est moi m deutschem Original. Goethe über das französisch parliren. Schulkrankheiten. Zwei Urteile. Goethe über die Kosaken und Baschkire». Aurschenschaftlichc... A la guerre. Kanzler Hardenberg. Pattiotische Befreiungsprügel.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Die erste künstliche Eisbahn. Hmnchtung durch Elektrizität. Kaze als Hasenamme.' Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Sttaße 306).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.