11. 1SS1, Herschen oder dienen? Roman von W. Kautsky. <10. Fortseziuig.) Als nun die Signora de Vita, mit ihrer langen Schleppe über den feuchten, schmuzigen Fußboden hinfegend, in gravitätischer Langsamkeit sich näherte, waren alle von der nahen Erfüllung ihres dringendsten Bedürfnisses und von den legten, alle Vorsicht heischenden Arbeiten viel zu sehr in Anspruch genommen, um nicht von jedem Ceremoniell eines Empfanges abzusehen. Der Vater nickte ihr nur mit einem breiten Lächeln in einiger Un- bcholsenheit zu, wobei er das Messer in schnelleren Zwischen- räumen, als wolle er etwas zerhacken, auf den Tisch fallen ließ, sonst riirte er sich nicht. Die Mutter durfte ihre Polenta nicht verlassen, wenn sie nicht die Güte des Gerichts in Frage stellen wollte, und sie rürte nur noch eifriger, mit einem waren Furor, sodaß Perlen reichlichen Schweißes unter dasselbe sich mischten. Ter große Junge schaufelte seine Sardellen in künerem Schwung, Wärend die kleinen Rangen, denen man gelehrt hatte, die Padrona mit einem Krazfuß zu begrüßen, diesen rasch abtaten, indem sie nach rückwärts zu ausschlugen, one sich nach der Signora um- zusehen, one die verlangenden Augen auch nur einmal von dem Gessel zu wenden. Elena und Alfted waren ebenfalls hereingekommen, aber nahe dem Eingang stehen geblieben, und Alfreds Blick wantc sich jezt ein wenig neugierig einer hölzernen, mit einem Geländer ver- sehenen Treppe zu, die linksseitig ans der Halle selbst in sehr malerischer Wirkung nach austvärts und nach einer Aür fürte, die mit einem blauen Vorhang geschlossen war. Als Elena bemerkte, daß sich die Aufmerksamkeit des jungen Malers nach dahin wante, sagte sie erklärend: „Da oben sind zwei noch wolerhaltene Zimmer, der Ausgang ist jezt von hier aus, da die Treppe im Korridor verfallen ist; es ist auch besser so und bequemer," fügte sie phlegmatisch hinzu. Alfted lächelte, er kante diese italienische Indolenz hinlang- lich, die alles durch Nachlässigkeit entstandene in dieser Weise entschuldigt.. � �... Der zweitgrößere Junge hatte indes scwiel Zur gefunoen, der Padrona einen Strohsesscl zu bringen, und sie sezte sich zwischen den Tisch und die arbeitende Hausfrau. Sie fragte mit ivichtig ernster Miene nach dem Befinden der Cavalieri. „Beue, bcnissime!" keuchte die Castalda, die dicke, zähe Masse, die nicht mehr ain Kessel klebte, mit einer Art Ruder bearbeitend. Die Padrona eröffnete ihr hierauf, daß sie gekommen sei, die Räupchen zu besuchen, daß aber die Tür des Granajo verschlossen sei, sie begehre daher den Schlüssel. „Un rnornento, un mornentissirno!" stönte die Madre. Alles stand erwartungsvoll. Jezt ward der Kessel laugsam in die Höhe genommen.-- Die Buben erhoben ein durchdringendes Jubclgesckirei, sie patschten in die Hände und strampelten mit den Füßen. II signor padre erhob sich hinter dem Tisch in seiner ganzen Länge und zückte das Messer. Die Madre flog mit dem heißen Kessel herbei und mit einem raschen und kühnen Wurf schleuderte sie den Inhalt desselben vor dem Gatten auf den Tisch. In demselben Augenblicke ward auch der zweite über dem Feuer hängende Kessel über eine große Tonschiissel gestürzt, und die Sardellen, noch brizzclnd und prasselnd, häuften sich schön gebräunt darin auf. Die zwei Gerichte, die tägliche und einzige Narung dieses Fischervolkes, ivaren gleichzeitig gar geworden und der große Junge erfaßte die Schüssel, und mit einem gewal- tigen Saz hatte er sie auf den Tisch und vor dem Vater nieder- gestellt. Er wollte bei der Polenta nicht zu spät kommen, und er hatte recht, sich zu beeilen. Der Vater hatte sich bereits ein großes Stück heruntergeschnitten und er reichte nun seiner Frau, die sich mit der Schürze die Stirn getrocknet, das Messer. Sic nam ihren Teil, und nun warteten die hungrigen Burschen nicht länger, ein jeder griff zu und riß mit der Hand ein Stück der heißen, trocknen Speise an sich, von welcher die Kaze, die herbei- gesprungen war, ebenfalls ein gut Teil erbeutete. Dann wurde »ach den Sardellen gegriffen, und nachdem sie von jedem eine hübsche Portion in den Händen hatten, sczten sich die Kinder auf den mit heißer Asche bedeckten Herd und begannen ihr Mal zu verzehren. Die Castalda hatte der Signora ebenfalls die Polenta an- geboten. „Sie siet gut aus," bemerkte Signora Vita. „Sie ist tapfer verrürt," versicherte ihre ehemalige Dienerin, „Sie wissen, ich kann's." Dame Vita hatte mit der Hand ein Stück genouimen und aß. Nun wurden auch Elena und Alfred eingeladen, welche aber ab- lehnten. Sie hätten unrecht, versicherte die Mama, die Polenta sei wirklich ausgezeichnet, und sie brach noch ein weiteres Stück von dem jezt nicht mehr allzugroßen Leibe herunter. Der kleinste Junge, der herbeigeschlichen war und diesen Ein- griff der Signora bemerkte, sah rasch und mit ängstlichen Augen nach ihren Fingern, ob sie nicht allzuviel gefaßt, nicht allzuviel davon sich angeeignet, und ein glückliches, schlaues Lächeln breitete Zllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. sich über sein ganzes Gesicht, als er inne ward, daß es ein kleines Stück gewesen; aber sofort winkte er in leidenschaftlicher Geberde mit beiden Händen die Brüder herbei, damit sie dem Ding ein Ende machten, ehe noch ein weiteres Attentat auf ihr Eigentum verübt werden konte. In einigen Sekunden war denn auch die ganze goldige Scheibe aufgezehrt und von den Fischlein war auch keine Gräte übrig- geblieben. Jezt wischte die Castalda ihre Hände und ihren Mund mit der Schürze ab und langte einen Bund Schlüssel von der Mauer. „Gehen wir zu den Rittern," sagte sie. Alles sezte sich in Bewegung. „Sie sind also wol, die Teuren, die Guten?" fragte die Signora, als sie über den Hof gingen.„Sie haben ausgeschlafen und sind wieder munter und bei Appetit?" Die Castalda lachte und zeigte ihre noch schönen, weißen Zäne.„Es sind Diavoli von Rittern, Sie werden sehen; gestern noch ganz unbeweglich, noch starr und steif, heute schon fast alle lebendig. Ai, wie sie sich rüren, und diese Freßlust,— sie sind zum küssen!" „(übe, ebe, eko!" machte die Signora, aufs höchste erfreut. Man hatte das seitwärts gelegene Gebäude erreicht und stieg über eine schmale Treppe nach einer Art Kornboden. Die Signora war in leichtbegreiflicher Erregung mit ihrer Castalda allen andern voran. Die Fenster waren geschlossen, und in dem großen Raum, in welchem ein Backofen aufgestellt war, war es ziemlich heiß. „Wir haben auch in dieser Nacht Feuer angemacht," erzälte die Castalda;„ach, ich bin drei-, viermal aufgestanden, um nach- zusehen." „Herliches Weib!" rief die Padrona entzückt, ihr einen Schlag ans die Schulter versezend. Das Weib lachte voll Selbstzufriedenheit, und vertraulich ihrer Herrin den fetten Arm tätschelnd, versicherte sie: „Wir iverdeu ein gutes Gespinst bekommen." Signora de Vita bemerkte jezt die neben- und übereinander aufgestellten, mit einer schwachen Leiste versehenen Bretter, wo auf eine Streu von welken Maulbeerblättcrn gebettet, unzälige mehlweiße Würmchen sich hin und her bewegten. „Eccola! Da sind sie!" rief sie und sie stürzte der jungen Brut entgegen.„Ah, meine Cavalieri, ah, i beuedetti!" Sie faltete in dankbarem Entzücken die Hände. Auch Elena und Alfred waren herangekommen, und sie be- sahen sich die Seide repräsentirenden Hoffnungen der Padrona, die sich da herumwälzten. „Wie hübsch sie sind, wie feist und wie lebhaft," bemerkte die Mama;„wie sie in die Höhe gucken, sie sehen schon nach Futter aus, die lieben Kerle. Wann bekommen sie denn die frischen Blätter?" „Sogleich, sogleick;," vertröstete die Castalda,„die Schläfrigen müssen nur vorher uock) entfernt werden." Der Vater und die zwei älteren Söne machten sich in der Tat daran, diejenigen der Räupdien, welche noch nicht in das gleid)e Stadium der Entwicklung getreten, von denen zu sondern, welche aus ihrer Letargie, die die Häutung begleitet, bereits erwacht waren. Die unbeweglichen, welche, die schwarzen Köpfchen nach oben gerichtet, steif und starr au den welken Blättern hingen, wurden herausgelesen und auf eine besondere Tenne gelegt. Indessen standen schon reichliche Futtervorräte, welche heute morgens gepflückt worden, in Säcken bereit, und die jüngeren Knaben waren nun beschäftigt, die Blätter herauszunemen und, da morgens ein starker Tau gefallen, sorgfältig abzuwischen; der Maulbeerspinner verträgt nur trockne Narung. Dame Bita hatte sich auf einen Sessel niedergelassen und be- trachtete mit nimmermüden Augen die immer lebhafter werdenden und sich bereits untereinander befehdenden Ritter mit den schwarzen Helmen. Sie wollte der Fütterung beiwonen. Elena hatte sich auf ihr Geheiß ebenfalls einen Sessel bringen lassen; sie machte sich darin behaglich und gähnte hinter ihrem Fädier. Alsted, den diese Fütterung nicht in gleichem Maße inter- esstrte, verließ den geschlossenen, künstlich durchwärmten Raum, und die hölzerne Stiege hinabsteigend, trat er wieder ins Freie. Wie rein war die Luft, das Licht so blendend, die Schatten so dunkel; ein sanfter Wind wehte vom Wasser her, die Hize mildernd. Er sezte sick) auf einen Stein und betrachtete mit den Augen des Künstlers die Villa. Er fand sie maleristh schön in ihrer Ruinen- hastigkeit und in ihrer jezigen Beleuchtung. Er zog sein Skizzen- buch hervor und begann sie zu zeichnen. Aber nach einiger Zeit schlug er das Buch zu, und den Ellenbogen gegen das Kinn gestemmt legte er den Kopf in die Hand und versank in ein trübes Nachdenken. Er für Plözlich auf. One daß eine eigentliche Warnemung durch seine Sinne vorangegangen, hatte er doch die Empfindung, als ob sich jemand über ihn beuge; er wante den Kopf und sah in die schönen, blizenden Augen Juanna's. Sie war auf dem weichen Grase leise und unhörbar näher gekomnien und sie streckte ihm jezt ihre Hand entgegen. „Schon wieder in Gedanken!" sagte sie, und dann, sich um- sehend:„Wo sind die andern?" „Sie machen den Cavalieri ihre Aufwartung,— aber wo kommen Sie her, Madame?" „Ganz direkt von einem alten Bekanteu, von dem hier zu Besuch weilenden französischen Gesanten, dem Grafen Saint Ballier, der in Rom beglaubigt ist." „Ah!" machte Alsted erstaunt. „Und ich habe so gute, gute Nachrichten für Sie, mein Freund, daß es mich drängte, Sie Ihnen mitzuteilen, ich wußte Sie auf unsrer Vigna und so bin ich denn hierher und Ihnen nach- gefaren. Sie sehen mick) verwundert an? Sie sollen alles er- faren; aber lassen Sie uns in den Schatten des Hauses treten, es ist hier zu warm." Sie ging voran; ihr Gang war elastisch, wie beschwingt, die kleine, reizende Gestalt erschien wie von einer freudigen Erregung getrieben, und auch ihre Züge waren noch beseelter, ihre Augen leuchteten in stolzer Befriedigung und in dem ungeduldigen Ver- langen, sich mitzuteilen. In der Loggia unter der Terrasse war es kül, eine Steinbank bot einen willkommnen Ruheplaz. Sie hatte sich sogleich gesezt und er hatte hierauf an ihrer Seite Plaz genommen. Sie sah ihm froh und frölich in die Augen. „Ick) habe heute sthon viel von Ihnen gesprochen." „Aiit wem?" „Mit dem Gesanten." „Wieso?" „Ich habe ihn für Ihr Talent zu interessiren gewußt; er will Ihre Arbeiten kennen lernen, er wird Sie besuckien." Alfreds Züge verdüsterten sich.„Ich habe nichts fertig, über- Haupt nichts zuhause, das von Bedeutung wäre, das mir gelungen erscheint, und er erwartet vielleicht etwas außerordentliches, und so wird seine gute Meinung nicht bestätigt werden und Sie werden Sick) Ihres Schüzlings schämen müssen." Sie schüttelte in heftiger Weise den Kops.„Ich will so etwas nicht hören. Oh, Sie sind so herabgestimt, so mutlos, aber wenn Sie selbst nicht mehr für Sich einzustehen wagen, ich werde es tun. Lassen Sie den Grafen nur kommen, wir werden Sie gegen Ihre eigenen abscheulichen Meinungen überzeugen, daß Ihre Leistungen noch immer gut sind und daß, wenn Sie auch in lezter Zeit minder sthaffensfreudig waren, und wenn Sie auch nickst immer das Glück hatten, Ihre Arbeiten zu verkaufen, darum noch nicht verzagen dürfen; ja, daß Sie gar keinen Grund zur Mutlosigkeit haben und daß es nur eines Aufraffens bedarf, einer frischen Strömung, eines Zufalls vielleicht, um Ihr Talent wieder in Schwung zu bringen und Sie Ihrer Kunst ganz zurück- zugeben." Sie hatte so lebhaft gesprochen, mit ernstem, fast begeistertem Interesse, und sein Blick hing an dem ihrigen und an jedem Worte, das von ihren Lippen fiel. „,Ja," sagte er,„es bedarf vielleicht nur einer dieser Be- dingungen,— aber wie soll sie mir werden in meinen Berhält- nissen?" „Aber diesen Verhältnissen will ich Sie entreißen, ich will Ihnen die Schassenssteude wieder zurückgeben, die Ihnen in einer neuen Umgebung, inmitten der erhabensten Schöpfungen der Kunst frisch und rasch erstehen soll. Sie müssen fort von hier, Sie müssen nach Rom." „Wie kann ich das, Madame?" „Hören Sie inich. Der Graf ist sehr reich und er ist Kenner und Zchäzer der Kunst; er hat sich in der Nähe Roms einen in großartigen Verhältnissen angelegten Palast erbauen lassen und will ihn auch im Innern mit reicher künstlerischer Pracht aus- statten. Ich wußte das, ich ging deshalb zu ihm und fragte ihn, ob er die Deckengemälde, die Wanddekorationeu und Friese schon vergeben habe. Er verneinte dies, er habe bisher nur geringe Bestellungen gemacht; ich sprach ihm nun von Ihnen, von Ihrem feinen Geschmack, Ihrem koloristischen Talent. Das sei, was er brauche, meinte er, und er will nun einiges sehen, um sogleich 447 eine namhafte Bestellung erfolgen zu lassen, und er ladet Sie, wie ich vermute, gleich ein, mit ihm zu kommen, da die meisten Arbeiten doch an Ort und Stelle gemacht werden." Alfred hatte in fteudiger Ueberraschung, in einem stürmischen Entzücken ihre Hand ergriffen und drückte sie an seine Lippen. „Juanna, wenn es gelingen sollte, ich würde Ihnen alles zu danken haben! Wie gut Sie es verstehen, den armen Mann, der an sich selbst verzweifelt, zu erheben, neue Hoffnungen in ihm zu erwecken; Sie geben ihm damit etwas von Ihrem eignen Mut, von Ihrer eignen Kraft." „Nun, wir sind eben beide Künstler, wir verstehen, was einem von uns nottut, was uns bedrückt, und wir müssen uns gegen- scitig ein wenig zu Hülfe kommen." Sie sagte es abwehrend und doch, wie es schien, von der Freude, die sie ihm gegeben, selbst bewegt, selbst ergriffen. Als aber ein zweiter Kuß auf der kleinen, bräunlichen Hand feuriger braute, stand sie auf. „Unser Interesse soll darüber nicht hinausgehen," sagte sie. „Ich wünsche es nicht, und Ivozu auch?" fügte sie schroff, fast cynisch hinzu. Sie war zwischen den Säulen hervorgetreten und sie spante ihren Sonnenschirm auf, damit ihre Absicht andeutend, hier außen zu bleiben. Sie gingen in der dem Wasser entgegen- gesezten Richtung die Allee hinauf, die durch die in gleichmäßiger Entfernung gcpflanzten Maulbeerbäume gebildet ward. Beider Augen sahen nach den hohen, schönen Cypressen, die über eine die Bigna nach Osten begrenzende Mauer herübersahen. „Es sind die Cypressen des Campo santo," sagte Juanna, nach ihnen hinüberzeigend;„es sind schöne Bäume und ich liebte sie von Jugend auf." „Sie sind in früheren Jaren öfter hierhergekommen?" „Ich besuchte häufig meine Amine, an der ich sehr hing, und ich blieb so gerne hier, oft wochenlang, und ich wonte dann in der großen Stube da oben, wo die Bibliotek, die mein Groß- vater, glaube ich, zusammengestellt hat, sich befand und noch be- findet." Sie lachte.„Die Neigung, zu lesen, hat sich in unsrer Familie ganz allein auf mich vererbt, und ich war dreizehn Jare alt, als ich sie zuerst durchstöberte und dann über den heraus- geholten Schäzen stundenlang sizeu konnte, sie in heißer Gier ver- schlingend. Es waren meist philosophische Schriften, die Geistes- taten des achtzehnten Jarhunderts; ich habe freilich davon nicht viel verstanden, aber das wenige, was ich zu erfassen vermochte, was zu meinem Geiste sprach, regte mich doch an, und nach und nach erweiterte sich mein Berständnis, und ich legte dann oft das Buch hin, um zu überdenken, was ich da gelesen, und daran reihten sich neue und selbständige Gedanken. Ein starker Wissens- und Bildungsdrang erwachte in mir; ich war fünfzehn Jar ge- worden, und eines Tages trat ich entschlossen vor meinen Vater hin und sagte ihm, ich möchte lernen und in eine Schule gehen, wie mein Bruder in eine gegangen ist, und ich möchte die Geschichte der Menschen kennen lernen von ihren frühesten Anfängen an, und erfaren, wie sie sich nach und nach zu ihrer jezigen Kultur entwickeln konten, und ich möchte die Erfindungen verstehen lernen, die sie gemacht und die Geseze der Natur, auf welche sie ge- gründet; ich möchte das alles lernen, um die Welt um.mich her begreisen zu können und mich selbst als ein Produkt dieser Welt. Ach, Sie hätten in diesem Augenblick meinen Vater sehen sollen. In äußerster Verblüfftheit, ja, eigentlich erschreckt, stand er da, und er fragte mich, woher ich solche Ideen genommen, wer mir so vertrackres Zeug in den Kopf gesczt. Dergleichen Wissen sei nicht für ein Niädchen und solche Schulen gäbe es nicht für da» weibliche Geschlecht, das sei für Studenten und das lerne man »ur auf den Hochschulen; er selber verstehe nicht allzuviel davon »nd ich möchte ihn damit in Ruhe lassen. Als aber die erste Verlegenheit überwunden war, fand er mein Anliegen doch allzu spaßhaft und er mußte herzlich darüber lachen, und er teilte es der Mutter und dem Bruder mit, nnd sie bespöttelten nun gemein- sam den kleinen Philosophen init dem statternden Röckchen.' „Aber wie ich Juanna kenne, ließ sie sich dadurch nicht be- irren und sie studirte auf eigne Faust lustig iveiter," sagte Alfred, sie voll Interesse betrachtend. Juanna schüttelte den Kopf und um die soeben noch so frisch und frölich aufgeworfenen Lippen legte sich ein wehmütiger Zug. „Sie dürfen nicht nach der Juanna von heute die Juanna von damals beurteilen; ich war ein iveiches, gutes Kind, für alle Eindrücke noch gleich empfänglich. Ich schlich tief beschämt davon und fülte mich ganz verwirrt. Ich hatte soviel von dem heiligsten Menschenrecht gelesen, die Warheit zu erforschen und sich zu bilden, und nun sah ich wol,"— ihr Ton wurde sarkastisch,—„daß dieses Menschenrecht nur ein Recht der Männer war, und selbst unter diesen nur wenigen eingeräumt. Ich dachte damals, daß ich das Leben noch nicht verstehe, daß meine Voraussezungen falsch sein müßten und daß ich dem, was mir so klar und selbst- verständlich erschienen, eine für mein Geschlecht ungehörige Deu- tung gegeben. O, ich war damals völlig haltlos, aber der Leichtsinn der Jugend half mir glücklich darüber hinweg, und ich beschloß, über Dinge, die mich beunruhigten und die ich nun einmal nicht verstand und nicht verstehen sollte, nicht weiter nach- zudenken. Ich beschäftigte mich wieder mit solchen Dingen, die mir erlaubt waren, mit meinen Puppen und mit meinem Puz; sechs Monate später war ich die erklärte Braut eines Mannes, den ich kaum kante, den ich nicht liebte." „Und den mau Sie gezwungen hat, zu heiraten?" fragte Alfred in noch wärmerer Änteilname. Juanna sah ihn an mit einem klaren, ernsten Blick und sagte kalt:„Nein, nichts und niemand hat mich gezwungen." Es entstand eine Pause, aber dann kam doch wieder, was tief innerlich in diesem Herzen grollte nnd es schmerzhaft bewegte, zu erregterem Ausdruck:„Damals glaubte ich es, heute weiß ich, daß der Druck, der auf uns Frauen lastet, daß die sozialen Ver- Hältnisse, unter welche wir uns beugen müssen, einen Zwang auf uns ausüben, einen Zwang trauriger, tief entsittlichender Art." Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.„Man ist sehr früh darauf bedacht, es uns Mädchen zu lehren, nicht, wie wir einen Mann glücklich machen können, nein, wie wir es an- zustellen haben, ihm zu gefallen und ihn soweit zu fesseln, daß es ihn drängt, uns zu heiraten. Dieses Gewinnen der Gunst des Mannes durch die Macht unsrer physischen Reize wird uns als der große, einzige Zweck unsres Lebens hingestellt. Wir er- faren das sehr früh, ehe wir nur eine Ahnung haben, was dies in physischer und in seelischer Hinsicht für uns bedeutet. Wir wissen, daß die Frau allein zu Ansehen und Achtung in der Gesellschaft komt, und es wird uns das so drastisch veranschaulicht durch die Art und Weise, wie in unsrer Gesellschaft die alte Jungfer behandelt wird. Ein Schinipf haftet schon an dem Namen allein, mit dem wir junge Mädchen lachend, in über- wütiger Roheit freigebig unsre älteren Genossinnen bedenken, uns dabei das Wort gebend, ihn gewiß nicht zu verdienen. Und wenn nun eine von uns sechzehn Jare alt geworden ist, und es komt ein Mann, der uns heiraten will, der uns vor dieser Schmach bewaren, uns zu dem Ansehen und der Würde einer Frau er- heben will, die umso größer scheint, je früher sie erworben wird, da wir es wol bemerkten, daß der jungen Frau die allseitigste Huldigung zuteil wird, so willigen wir sofort in diese Ehe. Man hat uns ihre Vorteile früh eingeprägt, und ihre Pflichten hat man so ängstlich und so geflissentlich vor uns verborgen, daß wir nicht wissen, daß Liebe vor allem zu diesem Bunde nötig sei, wenn er uns nicht entwürdigen, wenn er nicht die tiefste Erniedrigung für uns bedeuten soll, wenn wir nicht damit das Unglück unsres Lebens besiegeln sollen und damit zugleich, und das ist die Vergeltung, die in jeder Unnatürlichkeit liegt, das Unglück des Mannes, dem wir angehören.-- Ich freute mich damals, ein eitles Kind, auf das weiße Brautkleid und die duf- tige Myrtenkrone, ich freute mich, meinen Gespielinnen zu zeigen, daß ich das erwünschte Ziel früher erreicht hatte, als sie alle,—' ich ward getraut." Sie blieb stehen.(Fortsezung folgt.) Umverfitätsleben und Umverfitätssreunde. Eine Erinnerung von I. D. K. Femme. Der Fürst von Bentheim-Tecklenburg war früher souveräner deutscher Reichsgraf gewesen, war durch Preußen mediatisirt worden; hatte durch den bekanten Artikel vierzehn der deutschen Bundesakte einige Scheinrechte der verlornen Landeshoheit ein- (2. Fortsezung.) geräumt erhalten; hatte von der preußischen Regierung den Titel eines Fürsten zu Bentheim mit dem Prädikat Durchlaucht und dem Rechte, sich„regierender Fürst" zu nennen, annehmen müssen. Zu den alten Besizungen des Fürsten gehörten die Graf- schaften Hohen-Limburg und(eigentlich„Herschaft") Rheda. Auch sie tvaren von der preußischen Regierung in Besiz genommen. Nur das darin befindliche Privateigentum hatte man dem vor- maligen Landesherrn belassen oder restituiren müssen, die Schlösser, Ländereien, Waldungen. Der Fürst zu Bentheim besaß große, geräumige Schlösser in Rheda, wie in Limburg. Das Schloß zu Rheda zeichnete sich durch seine Pracht und seinen Komfort aus, das zu Limburg durch seine wundervolle Lage. Hohen- Limburg ist eine der schönsten Gegenden im nördlichen Deutschland. Die fürstliche Familie wonte, oder residirte, wie man sich ans- drückte, abwechselnd in Rheda und in Limburg. Rheda liegt eine halbe Stunde, kaum eine Viertelmeile, von Wiedenbrück entfernt. In Wie- denbrück war mein Vater Stadtrichter. Außerdem war er mit Genemigung der preußischen Re- gierung Rechtskon- sulent der fürstlich bentheim'schen Do- mainenverwaltung in Rheda, späterhin der Dirigent dieser Behörde. MeinBa- ter mußte wöchentlich einmal zum rhedaer Schlosse, in welchem die Be- Hörde ihre Sizun- gen hatte. DerFürst kani wenigstens ein- mal die Woche nach Wiedenbrück zu meinem Bater, mit dem er sich zu be- sprechen hatte. Die Söne des Fürsten begleiteten zu Wa- gen oder zu Pferde ihren Vater nach Wiedenbrück; ich be- gleitete meinen Va- ter zu Fuße nach Rheda. Zwei der Prinzen tvaren mit mir in ziemlich gleichem Alter, der eine ein Jar älter, der andre ändert- halb Jare jünger als ich. Ich wurde mit beiden bekant, befreundet, schon in der Knabcnzeit. Als Assessor in Limburg fand ich sie dort wieder. Wir wurden wieder die alten Käme- raden. Jener jüngere von ihnen, der Prinz Franz, lebt noch; er ist der gegenwärtig„regierende Fürst" zu Bentheim. Er wünschte zu studiren, eine deutsche Universität zu besuchen. Seine fürstlichen Eltern wünschten es mit ihm. Er hatte zugleich einen zweiten Wunsch, der ihm gleichfalls sofort bewilligt wurde. Es war der, daß ich ihn auf die Universität begleiten möge. Michaelis 1817 hatte ich die Universität verlassen, Ostern 1822 bezog ich die Universität wieder. Als Student, als veritabler Student! Der Prinz solle ganz als Student leben, war sein Wunsch, war der Wunsch seiner Eltern. Mußte der Prinz es, so mußte selbstverständlich auch ich es. Und ganz als Studenten lebten Juir, nicht mehr uiib_ nicht weniger. Wir zogen uns von keiner Studentensuite zurück. Selbst- redend nam weder mein Prinz für sich, noch ich für ihn irgend- eine Sonderstellung in Anspruch. Wir gingen zuerst nach Heidelberg. „Es gibt nur ein Heidelberg!" begint ein altes, fröliches Sttldentenlied. Der frische, fröliche Student kann sich in der Tat einbilden, nur um seinetwillen habe der liebe Gott das schöne Heidel- berg geschaffen, mit seinem alten Schlosse, mit seiner wellberühmten Bierkneipe, dem „faulen Pelz", mit seinem wunderschö- nen Schloßberge, von dessen Höhe das Auge den weiten Blick in die Rhein- pfalz, in und über das Hardtgebirge, in die anmutigsten Berge, Täler und Ebenen des schönen deutschen Rhein- landes frei hat; mit dem nahen heim- lichen und unheim- lichen Odenwalde; mit seinen freund- lichen„Philistern", die nirgends an- derswo in der Welt „so flott pumpen"; mit seinen hübschen Mädchen, die ihrem Burschen grade so- lange treu sind, als er in Heidelberg weilt; vor allem mit seinen flotten Burschen selbst, die aus lustiger Kehle und aus frölichem Herzen das Lied singen:„Es gibt nur ein Heidelberg" und die nimmer Heidelberg ver- gessen. Aber ich fand doch das frische, fröliche Studenten- leben nicht wieder, das ich vor fünf Jaren verlassen hatte. Oder war nur ich ein andrer ge- worden? Ein Philister, der für jenes frische, freie, ungebundene Studentenleben den Sinn verloren hatte? Ich meinte das anfangs wol selbst; aber es war doch nicht so. Das Leben der deutschen Studenten hatte in dem kurzen Zeit- räum von fünf Jaren einen ganz veränderten Charatter an- genommen. Das Wesen der„Burschenschaften" hatte seitdem wesentlich darauf eingewirkt. Die Burschenschaften waren schon im Jare 181S oder 1816 auf den deutschen Universitäten entstanden, zuerst in Jena, dann in Halle. In Halle hatte die burschenschaftliche Verbindung sehr bald einen jämmerlichen Charatter angenommen, der ihr den Namen Sulphurie(Schwefelbande) eintrug. Nicht mit Unrecht! Erst das Kiificheu!(Seite 455.) - 449- Aber gehen wir hier darüber hinweg. Sämtliche andre deutsche 1817, den Jarestag der Schlacht bei Leipzig, nach der Wartburg Universitäten waren von ihr unberürt geblieben. Ich hatte da- bei Eisenach einberufen, mit einem Pomp von Worten, der seinen mals als Student nur von ihr reden gehört. Eindruck auf eine leicht erregbare akademische Jugend nicht ver- Da hatten die jenenser und Hallenser„Burschenschaftler" ein seien konte. Gleichwol waren, außer den einberufenden Jenensern „allgemeines deutsches Burschenfest" auf den achtzehnten Oktober und Hallensern selbst, von den sänitlichen andern deutschen Uni- versitäten kaum Zweihundert Studirende— kaum zweihundert— öffentlich und feierlich die reaktionären, freiheitsfeindlichen Schriften erschienen Die Erschienenen hatten umsomehr von sich reden der Herren von Kamptz, von Kotzebue, von Ichmalz, Dabelow gemacht und' Zwar durch ein ostentatives, ganz absonderliches und so wetter verbrant; der Harzopf der hessischen, die Schnürbrnst Gebaren das alles andre sein mochte, nur keine Itudentenart. der preußischen Lieutenants; alles unter fulminanten Freiheits- Da wurden öffentlich geistliche Lieder gesungen; da wurde ein reden und exaltirten Gesängen.— Das deutsche Itudentenleben pomphafter Festgottesdienst abgehalten; da wurden dann wieder war m den fünf Jaren doch ein ganz andres geworden.— 450 Zu jenem kleinlichen und unwürdigen Pennalismus hat es nicht zurückkehren können; der ernstere, mänliche, bewußte Geist, den die Freiheitskämpse der Jarc 1t!13 und 1815 ihm eingehaucht hatten, hielt es ausrecht. Aber zu ihm war zugleich ein andrer Geist eingedrungen, ein finsterer, frömmelnder, sich überhebender, zelotischer. Jenes Wartburgfest war seine Signatur. Er hat lange vorgehalten. Er schleicht im Finstem noch heute vielfach umher. Freilich mußte er naturgemäß eine Reaktion hervorrufen. Er weckte das alte, starre, despotische Unwesen der Korps des vorigen Jarhunderts aus dem Grabe auf. Es bestet noch.— In Heidelberg lebten der Prinz und ich ganz wie Studenten. Wir traten nur nicht in eine Perbindung ein. Wir entsprachen dadurch einem Wunsche der fürstlichen Eltern. Dagegen schlössen wir uns dem Westphalcnkorps an. Wir fanden ja in ihm Lands- lente, die wir zum Teil in der Heimat schon kennen gelernt, oder von denen wir gehört hatten. Wir gewannen unter ihnen manchen lieben und treuen Freund. Es leben nur noch wenige von ihnen. Sie sind sämtlich alte Jubilare. Wir blieben nur ein halbes Jar in Heidelberg. Der Prinz hatte sich dort einem Freunde angeschlossen, dem seine Verhältnisse die Fortseznng seiner Studien auf der Univer- sität zu Bonn wünschenswert machten. Der Prinz mochte sich ungern von dem Freunde trennen; er bat seine Eltern, gleichfalls nach Bonn gehen zu dürfen. Er erhielt die Erlaubnis. Wir gingen Michaelis 1822 nach Bonn. Leider konten wir auch in der schönen, heiteren Rheinstadt nur ein einziges Semester verweilen. Ein eigentümliches Ereignis vertrieb uns von dort. Oder— sage ich es grade heraus: der echte, bvrnirte, dicke Bureaukratenzopf. Der Professor Geheimrat Makeldy, stand damals auf der Höhe seines— Ruhmes bei den Studenten. In der wissenschaftlichen Welt allerdings nicht so sehr. Man erzälte folgende Anekdote von ihm, vielmehr über ihn. Er war taub, stocktaub,— ich»verde gleich näher darauf zurückkommen. Seine Taubheit verhinderte ihn, an geselliger Unterhaltung unmittelbar teilzunemen. Er hals sich indes durch ein Surrogat; er fürte in Gesellschaften eine kleine Schiefertafel bei sich, die er dem, an den er eine Frage richtete oder von dem er eine Auskunft wünschte, init der Bitte hinreichte, das Erforder- liche darauf niederzuschreiben. Eines Tages in einer Gesellschaft von Professoren»var die Rede aus irgendeine juristische Kontra- vcrse gekommen. Makeldy hatte sie aufgebracht, seine Ansicht ent- »vickelt, und er reichte nun sein Täfelchen dem Professor Gcheimrat Hasse hin mit der Bitte, dieser möge seine Ansicht ihin auf- schreiben. Hasse»var einer der gelehrtesten und scharssinnigsten Romanisten seiner Zeit. Er nam die Tafel, den Bleistift, schrieb einige Worte auf die Tafel, gab sie an Makeldy zurück. Makeldy las die Worte: Es ist heute schönes Wetter, Herr Kollege!— Der Prinz und ich hörten im Wintersemester 1822— Pandekten bei Makeldy. Makeldy»var für die Studenten ein berühinter Professor. Er konte alles so unendlich klar und faßlich vortragen, es blieb keine Lücke, keine UnVollständigkeit, keine Unklarheit. So war sein Lehr- buch der Institutionen; so waren seine diktirten Hefte über In- stitntionen und Pai»dekten. Und doch hatte Hasse ihm geantwortet: „Es ist heute schönes Wetter, Herr Kollege"? Ja, und wenn man später einmal als Praktiker bei einem schivierigen Fall fein Makel- dtstches Pandektenheft zur Hand nam, und sich Rat darin erholen »vollte, fo stand man vor schönen Worten und hochtönenden Phrasen und mir fiel iinincr»vieder das schöne Wetter des Professor Hasse ein. Makeldy vertrieb den Prinzen und mich aus Bonn. Das begab sich in folgender Weise. Wir hörten,»vie gesagt, Pandekten bei ihm. Das Kolleg des berühinten»ind beliebten Professors»var sehr besucht. Der große, weile Sal faßte kaum die Menge der Zu- Hörer. Unter den Zuhörern befanden sich die angesehensten Stu- direnden der Hochschule, aber auch viele—„Kamecle". Jede Universität hat ihre„Kauieele". Bonn besaß gerade damals eine große Menge. Die Universität»var»vcnige Jare vorher von der preußischen Regierung neu gegründet. Sie»var absichtlich ge- gründet, um den Rheinländern, die ungern dem preußischen Re- giment sich untenvarfen, ein besonderes Wollvollen zu beweisen. Die neue Universität»var in der Tat eine Woltat für die Provinz; sie suchte einerseits aus allen Weltgegenden wolhabcnde, selbst reiche junge Männer in die schöne Musenstadt; sie verschaffte an- dernseits den Sauen der weniger bemittelten Familien der Provinz Gelegenheit zum studiren. So»varen in jener Zeit unter den bonner Studircnden die schroffsten Gegensäze anzutreffen: Söne der reichsten und angesehensten Familien aus der halben Welt; Söne des geringeren, ärmeren Bürger- und Beamtenstandes ans der Provinz, Kümmeltürken, wie sie in Jena bezeichnend genant »verde»». Unter diesen Kümmeltürken befand sich begreiflich eine ziemliche Anzal roher, ungebildeter und ungesitteter Menschen. Eine ziemliche Anzal von diesen befand sich auch unter den Zu- Hörern in dem Pandektcnkolleg Makeldys. Makeldy»var,»vie ge- sagt, taub, stocktaub. Das lauteste Geräusch, das»vildeste, roheste Rufen, Schreien und Toben»var für sein Ohr absolut nicht vor- Händen. Das hatte einen unleidlichen Zustand für sein Kolleg zur Folge. Jene rohe Menge hatte in dem weiten Hörsäle sich zusammen- gesezt, auf den Bänken am äußersten Ende des Saals, dein Kateder Makeldys gegenüber. Dort trieben sie, dem Auge verborgen, einen heillosen Unfug, der uin so»nehr das Ohr verlezen mußte. Jedes Wort des Lehrers wurde von den schlechtesten, rohesten, gemeinsten Bemerkungen begleitet, unter»vieberndem Gelächter. „Schön gesagt, altes Haus!" rief da hinten einer mit lauter Stimme. Lautes Gelächter folgte.„Vortrefflich dcduzirt, alter Makel- ftiz!"„Reizender Unsinn, altes Rindvieh!" Das Gelächter»vurde bei jedem Worte lauter, unbändiger, »viehernder. Es»var nicht mehr auszuhalten. Und da»var nichts dagegen zu machen. Jene Menschen»varen eben nur rohe, gemeine Naturen, gaben keine Satisfaktion, namen keine Satissaktion, hätten eine studentische Beleidigung oder Herausforderung init ihrem Knüppel beantlvortet, von dem sie sich nicht trentcn, den sie ja auch eben für ihren Unfug im Lolleg bei sich trugen. Ter tägliche Skandal»var indes bekantcr geivorden. Tic aka- demischen Behörden mußten einschreiten und schritten ein, mit oder troz Makeldy, dessen Stellung zu der Angelegenheit stets im un- klaren blieb. Tie akademischen Behörden schritten ein in einer Weise, die nicht bureaukratischer, ungeschickter, verkehrter ersonnen»verdcn konte.(Fortjezung folgt.) Der Selbstmord und keine Ursachen. Bon K. K. (Schluß.) N. Man hat sich nach und nach daran geioönt, alle Uebelstände, Schäden und Schatten der Zeit von dem erhabenen Standpunkte unsmr hohen Civilisation aus zu betrachten und von dieser die Beseitigung derselben als etwas ganz natürliches zu erwarten. Allein man vergißt dabei, daß auch die Kultur ihre Krankheiten hat und daß sie gclvisse Unzukömlichkeiten und Uebelstände nicht zerstört, sondern gebärt. Es liegt in der Natur der Sache, daß sich den Segnungen der Civilisation Erscheinungen entgegenstellen, die jeden Unparteiischen mit Trauer erfüllen müssen, one daß er deslvegen der Civilisation feindlich entgegentreten»vürde, denn die Menschheit muß ihren Weg machen. Der gedankeiilosen Phrase von der„wachsenden Bildung und Aufklärung" muß die nackte Taffache entgegengestellt»verde»», daß init der höheren Kultur,»vie nian sie bisher verstanden und ver- breitet hat, auch die Verbrechen— namentlich gegen die Sittlich- keit— an Zal zun einen und daß gerade in jenen Läildern, Ivo die Schulen am besten, die Eisenbahnen am zalreichsten und der allgemeine Verkehr am lebendigsten, auch die Selbstmordseuche die meisten Opfer dahinrafft. Sprechen wir nur von der Schule und rangiren wir die Staaten nach deren Leistungen auf dein Gebiete des Schulwesens, wie folgt: l. II. III. IV. V. Teutschland Schweiz England Frankreich u. Spanien Oesterreich Holland Vereinigte St. Italien Portugal. Dänemark Schweden. Vergleichen wir nun die Schulländer erster Klasse— der Kürze wegen— nur mit denen der fünften Klasse, so finden wir, daß aus je 1 Million Einwoner z. B. Sachsen im Zeitraum von 1856—65 251 Selbstmörder, Preußen ,.„„„ 123 Dänemark„„„ 288„ aufweist, daß aber hingegen Spanien in demselben Zeiträume 14„ zält. Gewiß zeigt also die Schule keinen, den Selbstmordhang un- serer Zeit beschränkenden Einfluß, und der Vorwurf kann unserer Schule, der deutschen, nicht erspart bleiben, das sie für das Leben zu wenig tut, daß sie viel eher dressirt als erzict. Daß aber die Länder niit besseren Schulen höhere Selbstmordzisfern aufweisen als Staaten mit mangelhaften Schulen, wird seine Erklärung später, bei Auffindung der waren Ursachen der modernen Selbst- mordsucht, finden. Für die vornemlichste dieser Ursachen wird gewönlich der Nie- dergang der Religionen und christlichen Kulten angesehen, das Absterben des Christentums, und von diesem Standpunkte aus hat man die mannigfachsten Untersuchungen über das Verhältnis der Religionen zu der Zal der Selbstmörder angestellt und herausfinden wollen, daß gewisse Konfessionen mehr oder weniger vom Selbstmorde abhalten, daß aber in jenen Ländern, wo die Religion am wenigsten Grund und Boden im Leben des Volkes mehr hat, die Selbstmordziffern am raschesten und meisten steigen. Nach diesen Beobachtungen liefert der Protestantismus die zalreichsten Selbstmörder; so kommen nach Morselli im Durch- schnitte auf 1 Million Selbstmörder Griechen 40 Katoliken 58 Gemischte Bevölkerung 98 Protestanten 190 In Oesterreich kommen auf 1 Million Selbstmörder Juden 30 Griechen 99 Katoliken 100 Protestanten 123 Diese Berechnungen haben nur einen Feler,— sie entsprechen nicht dem tatsächlichen Stande der Tinge. In den Ländern Cen- traleuropas hat die Religion in den großen Massen den Einfluß auf das Leben verloren, und wenn die Selbstmordziffer bei den „Protestanten" sich höher stellt als bei„Katoliken" oder Griechen, so liegt der Grund eher darin, daß die protestantischen Staaten gewönlich eine höhere Enllvicklungsstufe als die katolischen Länder erklommen haben, obwol dies nicht immer der Fall ist. Viel richtiger ist die Bemerkung, daß nicht die Konfession, sondern der Grad religiösen Lebens und Fülens in einem ge- wissen Verhältnisse zu der Zal der Selbstmorde stet und daß Länder, deren Bevölkerung noch im Banne der Religion sich bc- finden, nur wenige Selbstmorde zälen. In der folgenden Tabelle wird der Leser warnemen, daß es in unserem Falle nicht darauf ankomt, was für eine Religion, sondern in welchem Grade die- selbe Einfluß auf ein Volk nimt. So zält auf je 1 Million Einw. Spanien, ein katolisches Land 17 Selbstmörder, Portugal„„» 13-- Italien„„» 32„ Belgien„„"8 Frankreich„»»„ Es stehen also Religion und Selbstmord in einem gewissen Wechselverhältnisse zu einander, und es fragt sich nur, ob die Re- ligion ein Recht besize, den Abfall von ihr als den Grund der Selbstmordmanie unierer Tage anzuklagen..„ Darwin ncnt den Selbstmord ein Züchtungsmittel! die Geistes- kranken und Melancholischen werden im Kampfe ums Dasein da- hingerafft als schwach und untauglich. Für den Zweck unserer Abhandlung birgt diese Erklärung keinen Nuzen; denn es bleibt immer noch die Frage offen, warum und wodurch so viele dem Wahnsinn und der Melancholie verfallen und warum unsere Ci- vilisation solche Geseze des Kampfes ums Dasein, anstatt zu mil- dern, verschärft und in deren Wirkung erhöht. Wozu diente denn auch unser ganzer Fortschritt, wenn er nicht den Menschen be- fähigen sollte, gewappnet in diesen ftampf zu ziehen und mit möglichst geringen Opfern und als Sieger aus demselben her- vorzugehen! Der Selbstmord als ein Züchtungsmittel, als Episode in dem Kampfe ums Dasein komt allerdings bei uncivilisirten Völkern vor;— bei diesen herscht, wie z. B. bei den Rothäuten Amerikas, die Sitte, daß altersschwache Greise und Hülflose Kranke, die au den Zügen ihres Stammes nicht mehr teilnemen können, sich selbst töten. Aber es liegt doch ein gewaltiger Unterschied zwischen diesem— ich möchte sagen— primitiven Selbstmord des Bar- baren und der im goldnen Lichte der modernen Civilisation ge- zeitigten faulen Frucht der Selbstmordmanie;— jene Selbstmörder unter den Rothäuten verüben die grause Tat nur dann, wenn sie nicht mehr leben können; sie fragen sich nicht, ob das Leben des Lebens wert, ob es Gewinn oder Schaden; sie töten sich, weil ihnen die weitere Möglichkeit der Existenz abgeschnitten, sie töten sich, weil man sie anderenfalls— töten würde; sie ziehen einfach, nicht das Sterben dem Leben, sondern nur den freiwilligen Tod dem gewaltsamen Tode vor, wie ja selbst heutzutage Europa zal- reiche solcher Greise, die unsere Civilisation, anstatt zu töten, in Armenhäuser steckt, dem langsamen Entbehrungstode daselbst zwischen feuchten Mauern und bei schimmeligem Brot den schneller erlösenden Selbstmord vorziehen. Aber wie gesagt, Zweck und Ziel unserer Kultur sind andere, und vor allem durchaus praktische, die düsteren Erscheinungen des Kampfes ums Dasein mildernde. Niemand baut einen goldenen Palast, um darin auf Stroh zu ruhen und das Wesen aller Civilisation bestet einzig in dem Drange nach Verbesserung und Verannemlichung des Lebens. Je höher die Kultur eines Volkes, um desto höher dessen Ansprüche an das Leben, und was den Menschen aus der Tier- heit erhob, war kein etwa von der Natur früher entworfener Plan, sondern des Menschen Streben und Bemühen, nicht allein zu leben, sondern auch möglichst angenem zu leben. Deshalb ist auch jeder Kampf eines Volkes für Verbesserung seiner Lage und Verfeinerung seines Lebens ein Kulturkampf und umge- kehrt zeigt jede Kultur eine Tätigkeit nach drei Richtungen hin, die alle aber demselben Geseze gehorchen: dem Drang nach einem besseren Dasein. Diese drei Richtungen sind folgende: 1) Das Bestreben, des Menschen Wissen über Zeit und Raum auszudehnen, um beide zu beherschen, d. h. die Wissenschaft. 2) Das Bestreben, das Leben in seiner Vollendung darzu- stellen, d. h. die Kunst. 3) Das Bestreben, die Erde und deren Schäze auszunuzen, zu verarbeiten und dem Leben dienstbar zu machen, d. h. die Arbeit. Wissenschaft— Kunst— Arbeit,— das menschliche Schaffen in einem Worte, haben das eine und gleiche Ziel und je klarer dieses Ziel einem Volke wird, um desto fortgeschrittener ist das leztere, um desto höher stet seine Kultur. Mit den: Steigen dieser Kultur, der Verallgcmeinung der Wissenschaft und dem da- mit verbundenen Zusammenbruche des alten Volksglaubens, mit dem immer lauter werdenden Rufe nach Schönheit im Leben, steigt auch der Wert dieses lezteren auf der einen Seite rasch und bedeutend, wärend er auf der anderen Seite— als bloßes Vege- tiren— entschieden fällt. Das heißt: die Kultur stet heutzutage zu hoch, als daß der Mensch nur einfach leben wollte; er will mit Annemlichkeit leben. Arbeit, Kunst und Wissenschaft haben zwei Jartausende nach dieser Richtung hin gearbeitet und arbeiten daran weiter. Man nent unsere Zeit die des Materialismus, und das Wort ist ivar, insofern man jene Weltanschauung, die in dem Genüsse des Lebens den Zweck desselben erblickt, materialistisch zu nennen beliebt. Wir aber stecken noch in den Kinderschuhen des Mate- rialismus nnd wie Kinder bemerken wir an ihm nur das glän- zcnde und angeneme, den Genuß, one seine ernste Forderung der Arbeit warnemen zu wollen. Und auf dieser einseitigen und unrichtigen Auffassung des Materialismus berut das schwankende, charakterlose Bild unserer Zeit, die einreißende feige Fahnenflucht vor dem Ernste des Le- bens, die Erscheinung der Selbstmordseuche unserer Tage. Was diese lezteren in einem einzigen Zuge trefflich zeichnet, ist der unsittliche Gedanke, der wie ein roter Faden sich durch alle ihre Aeußernngen ziet: one Arbeit zu genießen. Daß die Äindcr die Sünden der Väter büßen müssen, bcwärt sich vollstän- dig in der Weltgeschichte; denn diese ist nichts anderes als eine unerbittliche Folge von Ursache und Wirkung. Das Recht des Stärkeren nun, auf dem der mittelalterliche Staat sich aufgebaut hatte, und welches lehrt Früchte pflücken, die nian nicht gesät, herscht in unserer Zeit um vieles brutaler noch als ehedem, der Mensch ist klüger, aber nicht besser geworden, er will das Leben voll genießen, aber er scheut noch immer das einzige Mittel, das ihn dazu berechtigt, die Arbeit. Dieser unsittliche Zug unsrer Zeit, auf Kosten anderer zu genießen wird überall angetroffen, in der Politik wie in der Diplomatie';— ihm verdankt das Börsen- Wesen seinen ungeheuren Aufschwung, und in sein Schuldbuch muß die Zuname der Verbrechen aller Art eingetragen wer- den;— Prostitution und Selbstmord kommen aus seinem Schöße. Blicken wir über den Rhein; Frankreich, jenes Land, das stets den Stempel der Zeit an seiner Stirn am deutlichsten trägt, zält heute bereits mehr als 2iU Millionen Rentner, d. y. von hundert Franzosen betätigen sich heute, sei es in der Warenerzeugung oder dem Betriebe der Waren, im Staatsdienste, in der Wissenschaft oder in der Kunst, nur mehr 94; gehen die Dinge in solcher Weise vorwärts und befinden sich in demselben Frankreich, das vor etwas mehr als 150 Jaren unter je zehn Franzosen einen Bettler zälte, in zehn Jaren nur mehr neunzig, in zwanzig Jaren nur mehr achtzig unter hundert u. s. w. u. s. w., bei der nationalen Arbeit, wohin soll das schließlich füren?— Ohne Zweifel dorthin, wohin die Weltgeschichte das alte Rom und alle anderen Staaten mit änlichen Zuständen noch gefürt hat: zum Untergang. Wie der Leser aus dem früheren weiß, liegt in der Arbeit eines Volkes die Zukunft seiner Kultur, und Rom ging nicht unter, weil es materialistisch geworden war oder ein Kaiser- reich, sondern weil es genießen wollte, one zu arbeiten. Das erste Resultat dieser schädlichen Sinnesrichtung ist der krasseste Egoismus, der sein Glück nur auf dem Ruin von Hunderten aufbauen kann. Die Jagd nach Reichtümern wirkt an sich schon vergiftend, das Glück des einen demoralisirt tausende, das Leben verliert jede Weihe, es heißt: ruiniren oder— ruinirt werden. Wen wunderts dann wol, daß so manchen der Ekel über dieses Treiben übermant, daß das Leben zu einer wertlosen An- Weisung auf unerreichbare Güter wird und wir die grausige Zal zu lesen bekommen: Eine Million Selbstmörder in 20Jareii! Dieses feige Aufgeben des Lebenskampfes sehen wir an allen Ecken und Enden: um den Genus mühelos zu erringen, verkauft der Mann seine Feder, das Weib seinen Leib, wird der eine zum Verbrecher und der andere zum Selbstmörder. Der Leser wird jezt one Zweifel einsehen, daß es für die Er- klärung der Selbstmordseuche einen ganz anderen Standpunkt gibt, als den kurzsichtigen und kindischen der Konfession; es ist tatsäch- lich der Ausschwung aller gesellschaftlichen Verhältnisse und die dieselben bedingende neue Weltanschauung, an deren Lichte der Giftapsel der Selbstmordsucht gezeitigt ward; nur absichtliche Blindheit kann es sein, die den Versall der Religion für die Ursache dieser Krankheit ansiet. Der Zusammenbruch des Christentums Die E'iitltehmig der?> Von ß. Wir müssen das Moment der Gesellschaftsbildung fixiren. Das Jarhundertc oder Jartausende ausfüllende Herden- oder Hordenleben weicht dem seßhaften. Die Macht der Raubtiere ist gebrochen, aus dem Kampfe mit ihnen auf der ganzen Linie die Gesellung als Siegerin hervorgegangen. Das Gebiet, auf dem die Menschen vorher nichts weiter als Jagdobjekte waren, aus dem sie ein fried- und fteudloses Leben fürten, ist von ihnen erobert worden. Die Raubtiere sind zwar noch nicht ganz aus- getilgt, sie belästigen zwar noch die Gesellung, doch ist ihre Zal reduzirt und ihre Macht durch die höher entwickelte Organisation der menschlichen Abwehr gebrochen. Tie Menschen sind in den Jagdgründen Konkurrenten der Raubtiere geworden. Nicht überall aber vermögen die Jagdgründe eine Gesellung zu ernären, und das Denken und Sinnen der einzelnen, die Naturbeobachtung fürt dazu, die harmlosen Tiere dem Menschen dienstbar zu machen. verschuldet den Selbstmord ebensowenig, als der Frühling den Sommer verschuldet; wie diese beiden aufeinander nach unabän- derlichen Gesezen folgen müssen und der eine begint, wenn der andere aufhört, so hat auch die Religion ihre Blütezeit, die ebenso berechtigt als der Frühling, die aber der allgemeinen Aufklärung ebenso sicher weichen muß, als der Frühling dem Sommer. Die wachsende Aufklärung und die damit verbundene Umwälzung auf gesellschaftlichem Gebiete untergraben die Religion und be- günstigen, unter gewissen Umständen, den Selbstmord. Hierin liegt auch der Grund dafür, daß gerade Länder mit den besten Schulen nicht die geringste Selbstmordziffer aufzuweisen haben. Solche Länder gehören nämlich zu den geistig und gesell- schaftlich fortgeschrittene» und wie gewönlich die Schulen eines Landes das Spiegelbild desselben bieten, so wird auch eine Muster- schule aus unseren Tagen neben allem Glanz und Licht, das sie verbreitet, auch tiefe, lange Schatten werfen müssen. Was unserem öffentlichen Leben bei allem äußeren Schimmer des Fortschritts, und bei aller Entfaltung von Wissenschast, Kunst und Industrie felt, die Sittlichkeit des Gebarens und die Innerlichkeit des Wesens, das felt in gleichem Maße der Schule, auch unserer deutschen Schule. Und wie unsere Zeit sittlich werden, d. h. lernen muß, die tolle Jagd nach dem Genüsse aufzugeben und diesen Genuß als Aequivalent seines eigenen Schaffens anzusehen, so muß auch die deutsche Schule— soll sie eine Schule für das Leben sein— eines vor allem werden, nämlich moralisch. Moral— viel und mit Recht verlästertes Wort! Der faden- scheinige Mantel für jede, auch die größte Heuchelei— wer wollte ihn über die unbefangene Jugend werfen! Von solch' einer Moral ist hier allerdings nicht die Rede, auch nicht von einem„Leit- faden der Moral, steif gebunden 30 Pfennige"; hier handelts sich nur um eines: daß die Schule die Jugend moralisch bildet, in dem sie es ihr zum Lcbensprinzip macht, der Menschheit und sich selbst zu leben durch nüzliche Arbeit und heiteren Genuß. Was unsere Kinder in der Schule heutzutage lernen, gleicht einem Schiff voll Schäzen, aber one Segel und Ruder; sie lernen viel und gutes, aber nicht das beste, das erlernte würdig zu gebrauchen; ihr Herz bleibt kalt und ungebildet, das Schiff komt nicht hinaus auf die hohe See eines belvußten edlen Lebens- zieles, es schaukelt und schwankt und get schließlich unter in der tosenden Brandung des ungemeffenen Egoismus unserer Zeit. Um nur ein Mittel zur moralischen Erziehung der Jugend zu nennen, verweise ich auf die Wellgeschichte. Was macht nicht aus ihr unsere Schule? Was der Schüler davon hört, ist, gelinde gesagt, eine Diebs- und Kriegsgeschichte, wie ein König dem an- dern ein Land abjagte und ein Eroberer dem andern die Beute abnam. Kein Wort von den Gesezen des Werdens und Bcr- geheus von Kulturen und Nationen, von der Arbeit der Völker und der Anschauung des einzelnen wie des ganzen, kein Wort vor allem von der Warheit, die uns die Weltgeschichte in jedem Kapitel ihres großen Buches Predigt, daß in der Arbeit eines Volkes die Zukunft seiner Kultur liege. Möge der Leser fteundlich entschuldigen,' daß ihn mein Ge- dankengang vom Selbstmorde hinüber in die Schule gefiirt hat; aber was wir in der Schule säen, ernten wir im Leben und leider fürt oft auch die Schule— zum Selbstmord. ilic und der Gesellschaft. Lübeck.(Schluß.) stieben dem Jägerleben entwickelt sich das Hirtenleben. Die Jäger beziehen wie die Hirten viele Gebiete, sie zerstreuen sich. Die Gesellung zerfällt in verschiedene Gruppen, die Gruppen wiederum zerfallen in Unterabteilungen. Jedoch hat man es nicht mit einer vollen Ablösung, einem Abstreifen und Verlieren einzelner Teile zu tun. Ein gemeinsames Band, daß die Gesamtheit umschlingt,, bleibt erhalten. Bei jeder ernsten Gefar, bei jeder Veränderung des sttiedcrlaffens, kurz bei allen wichttgen Anlässen schließen die Reihen sich wieder und bewerkstelligen die einzelnen Teile ihre Vereinigung mit einander oder mit dem Hauptkorps. Wir können diese Erscheinung bei verschiedenen Gcsellschasts- tieren und auch bei den nomadisirenden Völkern der Gegenwart beobachten. Drot ein Zusammenstoß niit einem niächtigen Feinde, handelt es sich um ein Aufgeben der Niederlassung— gleich ist alles benachrichtigt, kein werhaste? Glied der Gesamtheit felt im Augenblicke der Gefar und keiner der Genossen, der die Beschwer- lichkeit der neuen Wanderung zu ertragen vermag, bleibt zurück. Diese Organisation ist die Gesellschaft. Noch gibt es im Rahmen derselben keine Familie, keinen Fa- miliensinn, keine Faniilienmoral. Wie bei den Wandervögeln, so werden bei den nomadisirenden Völkerschaften die Kranken und Schwachen, die Greise entweder getötet oder zurück gelassen. Alan kent keine Rücksichten, keine Pietät,— weil keine Familie da ist. Diese Gesellschaft hat bereits eine hohe Kultur erlangt, hoch tvenigstens im Verhältnis zu derjenigen der meisten Tiergesell- schasten, übertrofien vielleicht von einzelnen derselben, deren Ent- Wickelung unter günstigeren Verhältnissen vor sich ging. Das nomadisircnde Hirten- und Jägerleben besizt einen An- flug von Seßhaftigkeit. Man wechselt den Aufenthaltsort erst dann, wenn die Weideflächen, auf denen man sich niedergelassen hat, abgenuzt oder die Jagdgründe erschöpft sind. Die Frauen finden eine höhere wirtschaftliche Verwertung, sie müssen allerlei den Männern unbequeme Arbeiten verrichten, und diese, entlastet, denken mehr an die Steigerung der Annemlichkeiten des Lebens. Der sinlichen Liebe wird mehr nachgegangen, die Reize des Weibes beginnen eine größere Anziehungskraft auf die Männer auszu- üben. Man begint zu wälen, sich abzusondern und diese Ab- sonderung wird begünstigt durch die Zerstreuung der Gesellschaft über eine weite Fläche und durch Narungsverhältnisse. Ter kräf- tigere und mutigere Mann nimt viele und die schönsten Weiber in Beschlag, der schwächere muß sich mit dem Ueberreste begnügen. Weiber ausschließlich zu besizen wird endlich das Recht des Stärkeren, des Fürers der Gruppe, der über ausreichende Existenz- mittel und über die Macht verfügt, diese und die Weiber zu be- haupten. Soziale Kämpfe von langer Dauer füren endlich dazu, aus dem Rechte des Stärkeren, Weiber zu besizen, ein allgemeines zu machen, und je nach der Anzal der Weiber und dem Quantum der vorhandenen Narung erfolgt die Verteilung. Von einer Ehe ist hier noch nicht die Rede, das Weib wird eben wie eine Ware besessen, es ist rechtlos und kann zu jeder Zeit, wenn es den Anforderungen seines Besizers nickt mehr ent- spricht, verstoßen oder auch getötet werden. Der Boden, auf dem sich die Ehe und die Familie entwickeln kann, ist jedoch schon gegeben, und der Ucbergang dazu erfolgt im Augenblicke, wo die nomadisirenden Hirtenvölker seßhaft werden. Ehe wir uns dieser Entwickelung zuwenden, seien hier noch einige andere Punkte berürt, die von Wichtigkeit sind. Es gab zweifellos Fälle, wo das Weib spärlich in der Ge- sellung vertreten war, oder wo sein Bcsiz zu einem ausschließ- lichcn Monopol des oder der Mächtigen wurde. Tort bildeten sich neben der Vielmännerei Verhältnisse des geschlechtlichen Ver- kehrs aus(Päderastie, Sodomiterei u. s. w.), die wir vom heutigen Standpunkte als ungeheure Ausschreitungen ausfassen. Der Vielmännerei begegnen wir im alten Sparta und heute noch bei den Eskimos, den Alöuten, Korjaken und Koluschen, bei Jndianerstämmen in Nordamerika, im südlichen Indien unter einzelnen Stämmen des Neilgherigebirges, wo alle Brüder die Männer der Frau des verstorbenen Bruders und umgekehrt die jüngeren Schwestern der vcrstörbencn Gemalin die Frauen der Ehegenofienschafr werden. Auch in Tübct herscht unter den Brüdern und anderen Vcrwanten Frauengemeinichaft, ebenso bei einzelnen Völkern Südaftikas. Meist wird die Frau von den Genossen ge- kauft und dann nur als Ware gebraucht. Im allgemeinen scheint in der ursprünglichen Gesellschaft lieber- fluß an Frauen vorhanden gewesen zu sein, weit überwog wenig- stens bei den alten Völkern die Vielweiberei. . Ein verhältnismäßig nur kleiner Teil der Erdenvölker ver- tauschte die Weibergemeinschast schließlich mit der Einehe. Es sind dies diejenigen, welche nach langen, beschwerlichen und häusig nnt großen Gefareu verknüpften Wanderungen nördliche Gebiete okkupiren, die nicht, wie die südlichen, einen Uebcrfluß von Narung bieten, sondern eine fleißige und haushälterische Wirtschast crfor- dern. Ter weibliche Teil der Bevölkerung mag auf diesen Wan- derungcn stark zusammengeschmolzen sein und man wird keinen Ueberfluß an Weibern haben.,. Es kann übrigens bei der Beurteilung des Kulturzustandcs eines Volkes weniger darauf ankommen, ob die Familie eine oder mehrere Frauen zält, oder ob eine Frau viele Männer be- sizt. Tie Frage der Einehe oder der Vielweiberei u. s. w. hängt wesentlich von bestimten gesellschaftlichen Verhältnissen, namentlich von der Zal der vorhandenen Frauen ab. Auch wo Vielweiberei herscht kann eine große Kultur sich entwickeln, wir erinnern nur an die der Araber. Wenn wir sie bei den heutigen Völkern vermissen, so fallen dafür doch in erster Reihe andere Ursachen, als die Einrichtung der Vielweiberei in Betracht. Trifft die Familie eine Schuld, so ist diese allein in der mangelnden Bil- dung und in ökonomischeu Misverhältnissen, die das Familien- leben beeinflussen, zu suchen. Im allgemeinen geben wir der Einehe den Vorzug. Wo Vielweiberei herscht, get das Leben der Frau in der Regel in Konkurrenzkämpfen gegen ihre Rivalinnen auf, die Kindererziehung verkümmert und für die Kulturarbeit eines Volkes get somit die Kraft des Weibes gänzlich verloren. Ungleich mehr in Betracht fällt das Weib in der Einehe, wenn ihr auch eine untergeordnete Stellung und als einziger Kulturarbcitskreis die Kindererziehung überwiesen ist. Blicken wir in die Geschichte der Menschheit zurück, so müssen wir zu- geben, daß das Weib auf diesem beschränkten Gebiete Groges geleistet hat. Vermittelnd trat es in roher Zeit und tritt es noch heute zwischen die absolute väterliche Gewalt und die Kinder und überträgt der neuen Generation von der Milde und Sanftmut, die sie selbst beseelt. So vollziet sich unter der Berürung ihres Geistes allmälich ein leiser, sittlicher Umschwung; die Des- potie in der Familie begint zu schwinden und aus der andern Seite auch die stumme Sklaverei. Beeinflußt durch die Familie entwickelt die Gesellschaft sich humaner, freiheitlicher und ersteigt unter der unmerklichen Fürung des Weibes eine höhere Stufe der menschlichen Kultur. Ter Kulturfortschritt ist also auck an die größere Selbständig- keit des Weibes geknüpft. Getrost darf man behaupten, daß im allgemeinen kein sklavisch gehaltenes Weib freie Männer erziehen, und umgekehrt, kein freies Knechte oder Sklaven erziehen wird. Kehren wir zu unsrer Untersuchung zurück. Wir sahen die Gesellschaft nach langer Wanderung seßhaft werden. Zum Teil schon früher ist in ihr das demokratische Prinzip zum Durchbruch gelangt: Rechte und Pflichten sind gleichmäßig verteilt, die Ge- nossen sind gleichberechtigt geworden. Bei der Seßhastwerdung des Jägervolkes werden die Waffen und Jagdbezirke, bei den Hirtenvölkern das Bich und die Weiden, bei beiden auch die Weiber gleichmäßig verteilt. Der Mann ist nicht sein ausschließ- licher Eigentümer, das Weib gehört wie das Arbeitsgerät der Gesellschaft, es ist Eigentuni der Gemeinschaft und wird bei dem periodischen Austausch der Waffen, der Arbeitsgeräte u. s. w. mit ausgewechselt. Wir erinnern übrigens an die alten seßhaften Germanen, welche jedem Gaste Weib und Töchter preisgaben und dadurch im Grunde nur konstatirten, daß das Weib kein ausschließliches Eigentum des einzelnen, sondern jedem Genossen zur Verfügung stand, also immer noch Gemeineigentum war.— Das Gleiche geschiet noch heute im Norden Rußlands, bei den Comantschen, bei den Alöuten, bei den Eskimos, auf Kamschatka und in Beffarabien. Wir wissen, daß man diese Seite der altgermanischen Gast- freundschaft auf religiöse Mottve zurückgefürt hat. Sie entspricht aber durchaus den sozialen Einrichtungen ihrer Zeit und bedarf keinerlei religiöser Motivirung. Uebrigens ist alle Religion ein Ausfluß sozialer Zustände. Immerhin sind jezt die Grundbedingungen der Familien gewonnen und die Gesellschaft tritt nun in eine ihrer wichtigsten Perioden, in die der Familienbildung, welche einen Wendepunkt aus immer noch rohen Zuständen in die Civilisatiou für die eben gezeichnete Gesellschaft bedeutet. Tie Lage des Weibes bleibt indes noch lange eine trostlose. Der Mann aber ist nicht auf die eine Frau beschränkt, die die Gesellschaft ihm angewiesen hat. Er ist ihr Herr, nicht ihr Ge- särte, sein Wille ist ihr Gesez; er dagegen hat ein Recht über des Weibes Kraft, seinen Leib und sein Leben, und kann es von sich treibe», wenn er seiner überdrüssig wird. Die Frau kann sich dann einen andern Herrn suchen, und ihm stet es unbenommen, sie durch ein oder mehrere Weiber zu ersezen. Der Schuz, die Narung, die ihr gewärt werden, sind Gnadcnakte, Rücksichten auf die Förderung des eignen Wols. Sie hat kein Recht, sie ist nur geduldet und muß diese Duldung bei jeder Gelegenheit fülen und durch die schwersten Arbeiten für den Schuz, der ihr gewärt wird, erkentlich sein. Die Arbeitskraft des Weibes begint schwerer als bisher ins Gewicht zu fallen, der Mann sucht die tüchtige Kraft und es er- wacht in ihm der Wunsch, die Frau, die ihm zugewiesen ist und die sich in der Haushaltung und Wirtschaft bemärt hat, zu er- halten. Die periodische Auswechslung der Weiber hört auf und es erhalten sich in Erinnerung an die ursprüngliche Gemeinschaft ihres Besizes nur Gebräuche, wie wir sie bei den alten Ger- manen u. s. w. finden. Anfänglich bestimt noch die Gesellschaft deni zum Manne herangereiften Jünglinge das Weib und weist ihm feine Existenzmittel an. Zpäter wird dies dem Bater über- lassen, in dessen Haus und Gewalt der Son auch dann verbleibt, wen» er sich verheiratet. Er bringt die Frau in sein elterliches Haus und fürt in ihrer Person dem Bater und Hausherrn eine Magd zu. Es kann auch das entgegengesezte Berhältnis ein- treten, daß der Son als Knecht in das Haus des Ichwieger- vaters tritt, immer aber findet er in einer der beiden Familien ein gesichertes Unterkommen. Die Stellung der Frau hat sich scheinbar nur wenig verändert, doch ist sie selbst Herrin des Hauses und ihre Stimme von großem Einfluß geworden, nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in Beziehung auf die Entwicklung des Familien- und damit auch des Gesellschaftslebens. Die Spuren des ursprünglichen Familienlebens sind übrigens noch bei allen Böllern, selbst bei denjenigen sichtbar, welche sich ihrer nicht mehr erinnern und den Zustand der gesellschaftlichen Auflösung erreicht haben. Zu diesen Spuren zäleii wir auch eine gesellschaftliche Erscheinung, die unsrer Anname zu widersprechen scheint. In Java und Indien wie in Peru und Mexiko, bei den Schwarzen Afrikas wie bei den Jndogermauen Europas siet man die Torfgemeinschaft als elementare soziale Gruppe das Land besizen und den temporären Biesbrauch desselben unter alle Familien gleich verteilen. Ucberall kann man zugleich gewisse patriarchalische Züge bemerken, welche die Dorfgenofien als die Glieder einer großen Familie erscheinen lassen. Die Dorfgenofien- schaft fällt zusammen mit der Geschlechtsgenossenschaft, welche ein gemeinsames Stammgut bewirtschaftet. Dieser Erscheinung be- gegnen wir auch noch in der Gegenwart, z. B. bei den Süd- slaven. In der Zeit, als diese in der Geschichte austreten, haben sie dem Hirtenleben noch nicht ganz entsagt, wol aber zum Teil schon dem nomadischen Umherziehen. Das Land gehörte der Gmina(Gemeinde, Kommune), welche jedes Jar in allgemeiner Bolksversamlung die Teilung des Bodens unter alle Glieder des Klans vollzog. Der järliche Bcsiz kam den Patriarchaten Familien zu im Verhältnis zur Zal der Individuen, aus welchen sie bestanden. An der Spize jeder Familie stand ein Oberhaupt, der Hospodar, den sie selbst wälte. Die soziale Einheit, die bürgerliche Korporation, welche das Land besizt, ist heute noch die Hausgemeinschaft, d. h. die Bereinigung der Ab- kömlinge desselben Stammvaters, welche dafielbe Haus oder den- Ttädtcbildcr vom Bodensee. Von Luise Btto. II. Windau. Lindau ist für uns Nord- und Mitteldeutsche die Psorte zur Schweiz. Es ist so bequem, im Norden oder mitten im Herzen Deutschlands ein Schnellzugbillet bis Lindau zu lösen, Tag und Nacht im selben Coupö heimisch zu sein, und es nicht früher zu verlafien, bis der Ruf: „Lindau" ertönt und wir über den langen, zur Brücke werdenden Eisen- bahndamm gefaren sind und uns erst schon dicht am Bodensee, dann auf seiner reizendsten Insel selbst befinden. Im ersten Moment der Ankunft selbst haben wir freilich nicht viel Zeit, um uns zu schauen— denn da der Zug am Ziele ist und hier olle seine Passagiere absezt, sie nun auf den Seeweg verweisend, da die Eiseuschienen zu Ende, so hat man nur acht daraus, wie und wo man ein Unterkommen in einem der Hotels am See findet— denn wer möchte hier anders wonen, als da, wo man den Blick auf ihn ftei hat u»d aus die großartige Szeneric seiner User— die Alpen mit der Jungfrau?— Und ist mau nun hier glücklich unter Dach in einem Zimmer, das uns vergönt hinauszuschauen aus den See, der entweder in seinem eigentümlichen Smaragd, über den ein in kleinen Crystall- punkten im Sonnenlicht aushüpfendes Geflimmer zu uns ausblizt, oder aus welchem von inneren und oberen Stürmen getrieben, dunkelgrüne Wellen emporspringcn, die weiße Schaumkronen tragen, unter denen silberne Mahnen hervorflattern— so nimt uns dies hcrliche Wasser , allein so gefangen, daß wir die kleine Stadt, die hinter unserem Hotel gelegen, ganz vergehen, und lieber ein Secbild geben möchten als ein Städtebild. Doch wir haben uns zu einem solchen verpflichtet und mühen schon von jenem den Blick losreißen, obwol er diesem sein eigcnlümlichstcs Gepräge gibt. Denn der weite Hasen vermittelt ja ihren Hauptverkehr nach allen Richtungen des Bodensecs, mit der Schweiz, Lefierrcich selben Hof bewoncn, gemeinsam arbeiten und die Produkte der ländlichen Arbeit gemeinsam verzehren. Das Haupt der Familie leitet die gemeinsamen Angelegenheiten; er kaust und verkauft die Produkte im Namen der Genossenschaft, wie etwa der Direktor einer Aktiengesellschaft. Er ordnet die auszuftirenden Arbeiten an, aber im Einverständnis mit den Seinigen, welche jedes- mal zur Beratung zusammentreten, wenn es sich um ivichtigere Angelegenheiten handelt. Er vertritt die Kommunion in ihren Geschäften mit dritten und in'ihren Beziehungen zum Iraat', er schlichtet häusliche Streitigkeiten: er ist der Bormund der Minder- järigen. Ter Hospodar hat die ausübende, die Hausgenofien üben die gesezgebende Gewalt u. s. w. Wir hätten hier nichts andres, als eine aus patriarchalischen Familien zusammengesezte Gesellschaft, die im Begriffe stet, das herumziehende, das Hirtenlebcn mit dem seßhaften zu vertauschen. Es würde diese Erscheinung gegen unsre Aussassung sprechen, wenn man das herumziehende, das Hirtenlebcn als das ursprüng- liche der Gesellung betrachten könte, wenn also aus der ersten Gesellung zum seßhaften Leben nur ein Ichritt wäre. Die in Rede stehende Gesellschaft hat aber bereits ein jarhunderte- oder jartausendelanges Leben hinter sich, in dessen Verlauf sie die ver- schiedensten Entwicklungsstufen, und unter ihnen auch die der Familienbildung passirt hat. Hier ist man bereits über die ersten Anfänge hinaus; es hat in den Hausgenossenschasten unter� den mänlichen Genossen eine radikale Reform stattgefunden. An Stelle des bisher durch die Geburt, beziehungsweise das Alter, bestimtcn Familienoberhaupts tritt das von der Genofienschast frei gewälte. Das Weib ist bei dieser Reform leer ausgegangen; seine Stellung in der Faniilie hat keine Veränderung erhallen. Nur die Frau des Familienoberhauptes erfreut sich größeren Ansehens, ihr ist die Bemvaltung des Hauswesens unterstellt und ihrem Willen sind Töchter und Schwiegertöchter unbedingten Gehorsam schuldig. In dieser geschlossenen Familienwirtschast, in der Gemein- Wirtschaft der Gemeinde und der Gesellschaft ist das Familien- leben gegen alle Existenzsorgen geschäzt. Bildung und Aufklärung hier hineingetragen, und es muß eine annähernd ideale Stufe seiner Entwicklung erreichen. Hier findet die durch wirtschaftliche Notstände geschaffene gewerbsmäßige Prostitution keinen Boden, weil es an einem Anlaß zu ihrer Entstehung felt, da für Lebens- unterhalt und Beschäftigung hinreichend gesorgt ist. Auch das Verbrechen wird man hier vergeblich suchen, wenigstens in den Dimensionen jener Völker, welche das Band der alten, geschloffenen Wirtschaft gesprengt haben. (Bregenz), Würtemberg(Friedrichshasen), Baden(Konstanz)— an ihm hat auch die dankbare Sladt König Max II., der ihn erbauen ließ, ein Denkmal errichtet mit der Inschrift:„Dem Förderer des Verkehrs, Erbauer dieses Hafens und Vollender der durch Ludwig l. begonnenen Südnordbahn die dadurch verbundenen Städte 1856." Die Wappen derselben sind am Hanptgestell angebracht, daß die vier symbolischen Gestalten der Schiffart, des Handels, der Industrie und Wissenschaft umgeben. Auf der Jüdspizc des Molo befindet sich aus einem Granit- sockel ein sizender Löwe aus Stein, gegen 7 Meter hoch. Beide nach Entwürsen des Bildhauers Halb ig. Aus dem nördlichen Ende stet der stattliche Leuchtturm, dessen warnendes Licht schon vieles Unglück verhütet. Denn auch der Bodensee rast oft„und will sein Opfer haben", und es ist nicht nur in de» Aequinoktialstürmen im Herbst und Früh- ling, sondern auch im Morgen- und Abendnebel nicht gut sein daraus. Diese Nebel verhindern oft die Schiffe, einander gegenseitig zu rechter Zeit zum gcfarlosen Ausweichen und Lenken zu erkenne». Daher sind auch in solchen Zeiten Abgang und Ankunft der Dampfschiffe öfter im- regelmäßig. Daß die Schiffarl im Winter ganz aushön und der Tee gefriert, gehört zu den großen Ausnamen, zu den noch größeren die, daß er ganz zufriert wie im vorigen Jare und zur Eisbahn benuzt werden kann. Man weiß noch aus dem damals durch alle Zeitungen gehenden Berichte des seltenen Ereignisses, welches rege Leben sich da- mal- daraus entwickelte. Doch die Seenixe hat es mir angetan— sie ziet mich immer wieder zu»ch zurück. Die-ladt selbst— vielleicht schon von den alten Römern ange- legt, war einst eine wichtige freie deutsche Reichsstadt und Festung, wie bedeutende Handelsstadt, jezl zält sie nur etwa 4-5000 Einwoner und erscheint wie ein kleines, altes und winkeliches Landstädtchen. Doch muten die alten Gaffen und Gäßlcin treulich an und gemahnt das aller» tümliche Rathaus, das im Jare 142:2 erbaut ward und noch gar wol erhallen ist, an die ehemalige Machtstellung im Mittelalter. Schön ist auch die Peterskirche mit Fresken von Zeitblam, die Krönung Marias darstellend. Die noch stehende Heidenmaucr soll römischen Ursprungs sein. Aber der noch stehende Heidenturm erhielt im Mittelalter eine traurige Berühmtheit. In ihm wurden die schlimsten Verbrecher in schauerlicher Haft gehalten und verließen ihn nieist nur, um den Weg auf den Richt- plaz zurückzulegen. Tann gab es für sie nur eine Möglichkeit der Rettung. Bekantlich befand sich auch ein Frauenkloster in Lindau, das sehr reich dotirt war, aber auch große Macht besaß. Die Aebtissin war gefürstet, hatte aus dem Reichstag mit Siz und Stimme und nam ihren Plaz dort ein unter den Fürsten und Herren. Sie hatte und übte auch das Recht der Gnade. Wenn in Lindau ein Verbrecher zum Tode verurteilt war, so durfte er sie anrusen, ihr Botschaft senden— und sie durste, gleichviel ob sie dieselbe empfing oder nicht, Gnade an ihm üben— doch erst auf dem Richtplaz selbst. Im Mittelalter ließen sich die Bürger nicht gern um ein Schauspiel bringen und ein solches war es immer, wenn ein Schaffot aufgebaut und Verbrecher„auf dem Schinderkarren" dahin gefaren oder am Strang bis zum Galgen gezerrt wurden. Wenn aber der Zug unterwegs war und das Armensünderglöcklein läutete— dann erschien nicht selten die Aebtissin an der Spize eines Zuges von Nonnen— vor ihr her wurde aus rotsamtnen Kissen ein blanker Dolch getragen. Dies war das Zeichen der Gnade. Ehrfurchtsvoll machte selbst die roheste Menge den Nonnen Plaz. Tann— an der Nicht- statte angckomnicn, trat die Nonne neben den Henker und zerschnitt mit dem Dolch den Strang, der den Verurteilten fesselte. Von diesem Augen- blicke war er begnadigt, war frei— er tonte der Stadt und des Landes verwiesen werden— aber niemand durste Hand an ihn legen. Ihm war seine Schuld vergeben. Die Stätte, wo einst solche zugleich gräßliche wie weihevolle Dramen sich abspielten, wird jezt durchschwärmt von der eleganten Fremdenschar, die jeden Sommer hier sich niederläßt und Unterkunft findet in den vielen stattlichen, aufs komfortabelste eingerichteten Hotels und den vielen großen und kleinen Pensionen, die bis zum Schachenbad sich hin- ziehen. Seebäder und Milch- und Molkenkuranstalte», die herliche Lust kräftigen fast jede wankende Gesundheit. Die Lindauer selbst verschwinden fast unter diesem ans allen Nationen kommenden Sommervölkchen. Doch wissen sie es auszunuzen und der Wolstand der Stadl hebt sich järlich, seit das Reisen eine so allgemeine Mode geworden ist. Seit 1806 gehört Lindau bekantlich zu Bayern. Am blühendsten ist sein Getreidehandcl, die Kornkammer der Schweiz. Wie überall in Bayern gibt es auch große Brauereien und ebensowenig seit es an den betreffenden Bierlokalen. Doch tritt diese Liebhaberei nirgend aufdring- lich in den Vordergrund. Wie man in Aegypten Tteinkolen sucht. Es war an einem Nachmittag im Winter des Jares l860, als wir in Kairo, in unserem Salon aus dem Divan sizend, den feinsten Mokka schlürfend und Tschibuck schmauchend, uns über die Angelegenheiten in unserem fernen Vaterlande unterhielten. Die neuesten Zeitungen waren kurz vorher angekommen. Da meldete unser schwarzer Diener einen Araber aus Besuch an. Man befal ihm, denselben hereinznfürrn. Es geschah. Ter Araber war ein noch junger Mann von etwa einigen dreißig Jaren mit äußerst lebhaften unruhigen Augen und einem un- gemein verschmizten Gesichte. Nachdem wir uns in der üblichen cere- moniösen Weise des Landes begrüßt hatten, und dem Araber natürlich Tschibuck und Kaffee gereicht worden, entwickelte sich die Unterhaltung alsbald von neuem. Der Araber sprach verhältnismäßig ganz ordentlich deutsch. Er erzälte uns, daß er von der Regierung nach Wien zu seiner Ausbildung in der Medizin und den Naturwissenschasten geschickt worden sei, und sich mehrere Jare in der schönen österreichischen Kaiserstadt aus- gehalten habe, Wärend welcher Zeit er allerdings hätte mehr lernen können, als er wirklich getan. Wir kamen dann im Laufe des Gesprächs auf die Zustände Aegyptens, auf die Fruchtbarkeit, und aus seine fast unerschöpflichen Hülssmittel. Wir alle stimten darin überein, daß es nur einer guten, sparsamen und fürsorgenden Regierung bedürfte, um Aegypten zu einem der gesegnetsten Länder der Welt zu machen. Es sele, meinten wir, dem Lande nur eines: Holz oder Steinkolen, um dasselbe bei der Wolfeilheil der Arbeitskräfte, und bei der Intelligenz und Anstelligkeit der Araber sogar zu einem der ersten Industrieländer zu erheben. „Holz oder Steinkolen!" sagte der Araber.„Ja, das ist es, was die Regierung selbst so sehr vermißt und so sehnlich wünscht, wäre es auch nur, weil sie meint, durch Schaffung einer bedeutenden Industrie ihre immer leeren Kassen besser sülle» zu können. Ich selbst kann aus ei- gener Ersarung davon erzälen. Die Sache ist folgende: „Es sind ungefär vier Jare, als ich und zwei Freunde von mir, die zu gleicher Zeit mit mir in Wien Studien halber gewesen waren, zum Handelsminister beschieden wurden. Wir vcrnamen von demselben, daß sich die Regierung neuerdings entschlossen habe, nach Steinkolen suchen zu lassen. Sie zweifle nicht daran, daß es der Kolen genug im Lande gebe. Man habe sich nur noch nie mit dem nötigen Ernste und der hinlänglichen Sachkentnis der wichtigen Angelegenheit hinge- geben. Er. der Handelsminister, hoffe, daß wir in Wien das Erforder- liche gelernt, und so wieder gut machen würden, was bei früheren Nach- forschungen gefeit und vernachlässigt worden sei. Er schloß mit einer nur zu deutlichen Drohung, daß wir ja nicht mit leeren Händen zurück- kehre» sollten. Nachdem er uns dann noch die Punkte, von denen aus lvir unsere Kolensorschungen anzustellen hätten, so ungefär bezeichnet, und uns mit einer bestimten Iumme(Feldes an den kyinanznlini�ter gewiesen hatte, verließ er uns. Uns war ganz verzweifelt zu Mute. Wir sprachen hierauf noch längere Zeit mit einander über den höchst fatalen Auftrag. Jeder von uns war ebenso besorgt als begierig, was das für eine Kolensucherci geben, und wie das ganze endigen werde. Wir trenten uns, um mög- lichst bald unsere Mission anzutreten. Unsere sieben Sachen, die wir mitzunemen benötigt waren, ließen sich in der kürzesten Zeit ordnen, und so begaben wir uns, voll Resignation und Ergebung, wie es sich für einen Muhamedaner geziemt, fast gleichzeitig in die uns angewic- senen Gegenden. Mir wurde die arabische Wüste gegen das rote Meer hin bestimt; dem zweiten die linke Seite des Nil, und der dritte sollte südlich von uns sein Glück versuchen. Ich war von vier Dienern, die einige Grabwerkzeuge mitschleppten, begleitet. Nach einer höchst mühesamen Reise kamen wir in dem Revier an, wo ich meine Nachforschungen anstellen sollte. Ich verstand von der Sache soviel, wie meine Diener. Ich hatte auch nicht eine blasse Idee davon, wie das Ding zu machen wäre. Wir gruben aber, bald da, bald dort, ganz aus Gcradewol in den geduldigen Boden hinein. Beduinen kamen sogleich mehr als genug zu uns, um zu helfen, sobald sie nur merkten, daß es da für sie etwas geben könte. Bon Steinkolen war aber kein Atom zu finden. So trieben wir uns mehrere Wochen herum. Es war ein trauriges Leben. Wie wird es auch meinen Kol- legen ergehen? dachte ich. Werden sie mehr Glück haben, als ich? Die Armen! Durch ihre Unklugheit ranten sie furchtbar an. Nachdem sie ebenfalls einige Wochen lang vergebens nach Steinkolen gesucht, machten sie sich fast zu selber Zeit wieder nach Hause. Sie erklärten in ihrem Be- richt an ihren Auftraggeber, daß sie troz des. eifrigsten SuchenS auch nicht ein Körnchen von Steiitkolen gesunden, ia, daß es überhaupt keine in den betreffenden Gegenden gebe. Der Minister brauste schrecklich auf. Die Elenden! sie sollen es mir büßen. Wie? Deshalb haben wir diese Hunde von Arabern zu den Franken geschickt? Dazu haben wir's uns soviel kosten lassen, daß sie nicht einmal Steinkolen aufzufinden imstande sind? Ans die Galeeren mit ihnen! Da sollen sie lernen, wie man Stein- kolen sucht! Die Unglücklichen hatten ganz außer acht gelassen, wie man sich den Türken gegenüber zu benemen hat. Oder hatten sie vielleicht zu viel von dem Wesen der Franken angenommen? Bei diesen freilich ist es Sitte, je nach einem entschiedenen Ergebnisse der Nachsorschung auch ei» entschiedenes Ja oder Nein auszusprechen. Anders jedoch bei den Türken. Da soll man sich ja nicht, sei es für oder gegen etwas, entschieden und klar äußern, besonders wenn die Erklärung unangenem sei» könte. Am besten ist immer eine so unentschiedene oder vieldeutige Antwort, daß man schlechterdings nichts damit anfangen, oder alles, was man am liebste» will, daraus machen kann. So wenigstens machte es sich. Statt selbst ein Urteil abzugeben, sante ich einfach einen Haufen beliebigen Schutts und Gesteins ein mit dem Bemerken, ob dieser Er- fund wirklich Steinkolen erhoffen lasse, das könne nur Allah wissen. Diese Erklärung, so nichtssagend sie auch war, half mir vollständig aus meiner großen Verlegenheit heraus. Wenigstens ließ die Gnadensonne des Ministers auch nicht einen Augenblick nach, auf mich herab zu scheinen, wärend meine Kollegen erst nach längerer Zeit wieder eine Verwendung bei der Regierung fanden. Wir alle aber hatten nur einen Wunsch: daß wir keinen änlichen Auftrag mehr erhalten möchten." So unser Araber mit dem unruhigen, schlauen Blick. Bei dieser Gelegenheit erfuren wir auch, daß der alte Mehemed Ali in puncto Steinkolen einmal furchtbar von einem frechen Franken (unser Araber konle nicht mehr genau sagen, welcher Nation er speziell angehörte) genarrt worden sei. Der unverschämte Bursche ließ dem berühmten Pascha einmal um das andere sagen, er habe in der Wüste, ziemlich weit von Kairo, Steinkolen gesunden. In seiner Hochsreude wollte sich der Pascha selber von dem glücklichen Funde überzeugen, und machte in seinen allen Tagen die beschwerliche Reiie an den ihm von dem Betrüger bezeichneten Ort. Der Franke ließ in Gegenwart Mehemed Ali's Nachgrabungen voruemen. lind in der Tat fanden sich einzelne Stücke Steinkolen vor. Aber es stellte sich bald heraus, daß das ganze nur Humbug war, daß der Unverschämte nur selbst die Kolen vorher in den Boden verborgen hatte. Weil es ein Franke war, konte ihm der Pascha nur seinen Unwillen und seine Verachtung bezeigen. Aber wäre es ein Araber gewesen, der ihm diesen schmälichen Schwindel svielte. so wüßte ich, ivelcher Kopf in den Wüstensand gerollt wäre. Dr. M. Erst das Küßche». Läßt sich zu dem Bilde auf Seite 448 noch viel sagen? Spricht nicht die so reizend dargestellte Szene deutlich ge- »ug? Und wer hätte die kleine Handlung nicht selbst im Leben war- genommen? Jeder, können wir kühn behaupten, denn wenn er sich nicht mehr entsinnen kann, daß sein eignes, liebes Mütterchen in diesem Tauschverkehr mit ihm gestände,:, so hat er doch sicher beobachtet, wie lezterer zwischen dieser und seinen Geschwistern stattfand oder auch ander- warts, wenn er Augen zum Sehen und ein Herz für die heiligsten und schönsten Gefüle besizt.— Ullser Kleiner nun ist der Erstling der jungen Muttei und genießt den Vorzug, das Goldsöuchen zu sein, dem gern alle seine kindlichen Wunsche erfüllt werden. Er ist aber in dem Alter angelangt, wo er alles, was er siet, ha'm will und das gel denn doch nicht so mir nichts dir nichts. Diesmal ist das Objekt nun allerdings für ihn bestimt und schon hat er sich eiligst in seinem Bettchen aufge- richtet, um es in Besiz zu nemen. Da aber die weltklug- Mama sehr genau weiß, daß alle Güter dieser Erde einen sehr zweifelhaften Wert 456 haben würden, wenn sie uns so ganz mühelos in den Zchoß fielen, so fordert sie auch von ihrem Liebling ein ,,?lequivalent" und im liebe- vollen ernsten Tone tönt ihm das„Erst ein Küßchen!" entgegen. Ob unser kleiner Blondkopf den Tausch für einen regelrechten und reellen hält? Es scheint so, denn flugs get er aus den Handel ein und die um den Nacken der Mutter geschlungene Rechte beweist nur zu deutlich, wie sicher er sich ist, daß er es hier mit einem ihm wolwollenden Gegen- über zu tun hat, wärcnd er aber auch andererseits das linke Händchen ausstreckt, um sich seines Tauschobjekts zu versichern. Heute gibt er das Küßchen wol hauptsächlich nur der Mutter willen, die wirkliche Be- deutung'desselben inbezug aus das gewünschte kent er noch nicht, aber wenn er später einmal zu dem Bewußtsein gekommen sein wird, daß er für das gute, was er von seinen Nebenmenschen empfängt, auch ent- sprechende Pflichten zu erfüllen hat. dann wird ihm dieser kleine Vor- gang, ganz gleich, wo er ihm entgegentritt, erst klar geworden sein. Dann wird er aber auch derjenigen Dank abstatten, die ihn in so liebe- voller Weise zu dieser Anschauung erzogen hat. ort. Der Tod des Sokrates. In unserer Illustration auf Seite 449 bringen wir die Reproduktion eines der 12 Gemälde, welche die Wände der königsberger Universität schmücken. Von verschiedenen hervorragen- den Künstlern gemalt, stellen diese die vier Fakultäten vor, und zwar derart, daß die teologische durch die Szene wie Paulus den Athenern auf de» Stufen eines Tempels predigt, die medizinische wie Hippokrales in Athen am Krankenbett einen Besuch macht, die juristische wie Colon Archonten und Senat von Athen die neuen Geieze beschwören läßt und die philosophische durch unser Bild versinbildlicht wird. Die übrigen acht Nebenbilder stellen dann ebensoviel Fächer der Philosophie dar und zwar die Poesie, Musik, Kunstgeschichte, Beredsamkeit, Naturwissen- schast, Geschichte, Matematik und Astronomie. Unsere Aufmerksamkeit wird jedoch in erster Linie in Anspruch genommen von dem vierten der zuerst genanten, welches wir hier bildlich vorfüren. Es sind die lczten Augenblicke des griechischen Weltweisen Sokrates, dessen Namen allen bekant und dessen Einfluß, sowol für die griechische Philosophie als auch für die viel späterer Zeiten ein sehr bedeutender gewesen ist. Als Son des Bildhauers Sophroniskos und der Hebamme Phänarete 469 v. Chr. zu Athen geboren, hatte er anfangs gleichfalls den Beruf seines Vaters crwält, verließ diesen jedoch ungefär in seinem dreißigsten Jare und wante sich der Jugenderziehung zu. Da sein Vater, wenn auch unvermögend, ein freier Bürger Athens war, so hatte Sokrates auch alle die Vorteile einer guten allseitigen Erziehung, wie sie von seiner Vaterstadt ihrer Jugend geboten wurde, genossen und sich da- durch zu diesem Berufe vorbereitet. Außerdem mischte er sich jezt unter das Volk auf de» öffentlichen Pläzen, besuchte die Anstalten, wo gtimnastische Uebnngen getrieben wurden und knüpfte mit jedem ein Gespräch an, um sich über alles Wissenswerte zu unterrichten, bis er schließlich einen Kreis von Schülern um sich sammelte, die seinen belehrenden Worten lauschten. Wie jeder andere Bürger nimt auch er an den Kriegen teil, in die sein Vaterland verwickelt wurde. Durch seine Tapferkeit und die durch seine körper- liche Abhärtung mögliche Ausdauer erregte er die Bewunderung seiner Mitbürger in den Schlachten bei Dclium und Amphipolis. An den Staatsgcschästen nani er icdoch nicht mehr Anteil, als er als Bürger Athens die Verpflichtung hatte. Dabei bewies er aber im bürgerlichen Leben wiederum seinen Mut und scheute sich auch da nicht, die War- heit frank und frei zu sagen, wo er bei den Staatsmännern wie bei dem Volke Anstoß erregen mußte Dieser Akut einerseits und ander» seits der Umstand, daß er keiner politischen Partei angehörte, sind wol die Gründe, daß er von den zu seiner Zeit herschenden 130 Tyrannen keine Verfolgung zu erleiden hatte.— lieber das Wesen seiner Philosophie hier z» berichten, würde zu weit füren. Wir begnügen uns nur mit- zuteilen, daß er seine Lehrweise in der Form der Unterhaltung aus- übte und daß er sich im Gegensaz zu den Sophisten stellte und zwar nicht allein in seinen Anschauungen und Lehren, sondern auch darin, daß er seinen Unterricht unentgeltlich erteilte. Niedergeschrieben hat er seine Lehren nicht, erst Plato und Zenophon, seine bedeutendsten Schüler, haben dieselben der Nachwelt durch das geschriebene Wort aufbewart. Es mag befremdlich erscheinen, daß der Mann, dessen entschieden reli- giöse Lehren sich wesentlich gegen die philosophisch-materialistische An- schauung seiner Borgänger richteten, schließlich wegen Gottesleugnung angeklagt und verurteilt wurde. Aber einmal waren es seine Wider- sacher, die Sophisten, welche er immer schonungslos angegriffen, die auf seinen Sturz hinarbeiteten, und das andercmal mag auch seine Lehre selbst der dvminircnden demokratischen Richtung nicht behagt haben, indem sein Grundsaz:„Erkenne dich selbst", sowie der daraus hervor- vorgehende Schluß:„Folge bei allen deinen Handlungen deiner Einsicht und deinem Wissen" nicht der im Altertum herschenden Anschauungs- weise und Gebräuche im Staatsleben entsprach. Genug, gegen Sokrates ward die Anklage erhoben, er verderbe durch seine Lehren die Jugend und leugne das Dasein der Gölter. Anstatt die Mittel der Bertei- digung zu benüzen, welche seine Freisprechung mit Leichtigkeit hätten herbeifüren können, soll er, getreu seinen Grundsäzen, anstatt sich von der Anklage zu entlasten, seine erbitterten Gegner von neuem angegriffen und dadurch das Schuldig des Gerichtes provozirt haben. Und als er nun nach dem damaligen athenischen Prozeßverfaren aufgesordert wurde, den Antrag auf Milderung oder Aenderung der Strafe zu stellen, da antwortete er unter anderem:„Ich soll einen Gegenantrag stellen, was ich glaube verdient zu haben? Nach meinem Dafürhalten habe ich durch mein eifriges und uneigennüziges Bemühen, die Bürger weise und tugend- hast zu machen, dem athenischen Gemeinwesen solche Woltaten erwiesen, daß ich verdient habe, aus öffentliche Kosten im Prytaneion aus Lebenszeit unterhalten zu werden, wie die Olyiitpiasieger und andere um das Ge- meiuwesen verdiente Männer." War das Schuldig vorher nur mit knapper Majorität ausgesprochen worden, so wurde nach dieser Rede das Todesurteil mit großer Mehrheit gesaßt. Da gerade um diese Zeit das heilige Schiff zur järlichen Pilgerfart nach dem jonischen Religions- fest Delos abgesaren war, so mußte die Vollstreckung des Todesurteils aus 30 Tage verschoben werden. Wärend dieser Zeil brachte Sokrates i gefesselt im Kerker zu und empfing täglich seine Schüler, mit denen er I sich in der alten Weise in belehrenden Gesprächen unterhielt. Einen Plan zur Flucht, den wärend dieser Zeit einige seiner Freunde, nament- lich der reiche Bürger Kriton entwarfen und mit Hülse des bestochenen Gefängniswärters ausfüren wollten, wies er zurück, weil es seine Lehren Lügen strafen und sein Leben schänden würde, ivenn er nicht die Geseze seines Landes befolgte. Mit derselben Heiterkeit und der ungetrübten Seelenruhe, mit der er sein Todesurteil vernommen, trank er denn auch nach Ablauf der heiligen Zeil den Schirlingsbecher, Kriton noch zu- rufend:„Wir sind dem Gott der Heilkunde für meine Genesung einen Hahn schuldig! versäume nicht das Opfer darzubringen." Tie lezten Äugenblicke vor seinem Tode nun sind von dem Künstler, Pros. vr. Pioirowski, auf unserem Bilde dargestellt. Denn schon wartet im Hintergrunde der Todesbote mit der Schale, die das tätliche Gift birgt. Der Schmerz der Umstehenden, binnen kurzem den geliebten Lehrer ver- lieren zu müssen, die erhabene Seelenruhe des lezlcrn selbst sind vor- züglich dargestellt und das ganze ist sehr wol geeignet, die Philosophia zu versinbiidlichen.— Sollen wir noch des sprüchwörtlich gewordenen bösen Weibes des Sokrates, der Zantippe erwähnen, so können wir nur bemerken, daß die Zank- und Kciflust derselben größtenteils, wenn nicht ganz in das Reich der Fabel gehört. urt. cÄus äffen QSinßefn der Leillileratur. Eine billige Eiskiste. Man nimt eine Kiste, die beispielsweise 23 Zoll hoch und breit und 28 Zoll lang ist, und stell: in diese eine zweite Kiste, welche 18 Zoll hoch und breit und 24 Zoll lang ist. Den Zwischenraum an den Seiten und unten— man richte es so ein, daß oben zwischen dem Deckel der kleinen und großen Kiste l'/z Zoll Raum bleibt,— füllt man mit einem billigen, schlechten Wärmeleiter, Häcksel, Torfpulver ic. aus. Um das Verstäube» des Füllmaterials zu ver- hindern, verschließt man den Zwischenraum mit einer Leiste. Tic Decken der beiden Kisten befestigt man mit einem Scharnier, sodaß sich dieselben bequem auf- und zumachen lassen. Ihren Zwischenraum süllt ein einfacher, malrazenartig gestopfter Sack aus grober Leinwand, der gleichfalls mit Häcksel, Torfpulver zr. gefüllt ist. Zum Eisbehältcr wält man ein Blechgesäß, das billigste ist jedoch ein blecherner Petroleum kanister, der jezt vielfach zum Versenden des Petroleums vcrwant wird und sehr billig zu haben ist. Er ist 6 Zoll breit und 13>/z Zoll hoch und hat aus der oberen Seite einen Griff aus starkem Eisendral. Man schneidet nun in den zwei Ecken der oberen Seite je ei» Dreieck aus, sodaß in der Mitte ein Blcchband mit dem Handgriff stehen bleibt, und süllt ihn, nachdem er mit Waffer ausgespült, mit Eis. Die Löcher sind groß genug, um dazu große Stücke verwenden zu können; er saßt 10 13 Kilogramm Eis. Der von diesem Eisbehältcr in der innern Kiste noch freigelassene Raum wird zum Aufstellen der Gegenstände, die gekült werden sollen, benuzt und zwar geschiet dies am besten, in- dem man darin ein zur Ausstellung geeignetes Lattengestell anbringt. Hat man das Eis und die Gegeiistünde hineingctan, so schließt man den innern Deckel, legt den oben beschriebenen Leinensack darauf und klappt auch den äußeren Deckel zu.— Für alle, die sich nicht den teuren Eisschrank leisten können, dürfte diese mit geringen Mitteln herzustellende Eiskiste in den heißen Soininertagen ein treffliches Hülfs- mittel bilden. urt. _ i Hirschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Universitätsleben und Universitätsfreunde. Eine Erinnerung Hf" rtrj.%-Ceinrae(Fortjchung).— Der Selbstmord und seine Ursachen, von H. K.(Schluß.)— Tie Entstehung der Familie und der Gesellschaft, von E. Hubeck(Schluß).— Städtebilder vom Bodensec, von Luise Otto(II. Lindau).— Wie man in Aegypten Steinkolen sucht.— Etil das Kittchen,(mit Illustration.)— Der Tod des Sokrates(mit Illustration).— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Eine billige Eiskiste. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 306).— Expedition: Färbcrstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.