.M 44. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljarlich 1 Mark 20 Pfennig— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 1881. Herschen oder dienen? Roman von ZK. KauksKy. (17. Fortfeznng.) Eugen war höchst befriedigt von diesem Zwischenfall, und er Zweifelte keinen Augenblick, daß morgen alle Blätter davon er- zälen und diese reizende Episode, die die bcrnhnitc Sängerin in ihrer Frölichkcit und Leutseligkeit zeigte, Sensation erregen imd in der ganzen Stadt besprochen Iverden würde. Die Sonne war jezt hinter dem Hause hinabgesunken, eine angeneme irtiilc war unter den Bäumen zu verspüren. Nahe dem Rosenbosket wurde der Tisch gedeckt und Elvira hatte die Herren eingeladen, mit ihr an demselben Plaz zu nemen. Eis und Confctti wurden servirt und herliches Obst. „Andere Sängerinnen nemen Wein oder Kaffee, che sie auf- treten, um sich anzuregen, ich suche mich im Gegenteil abzukülen," sagte sie lächelnd, und sie verlangte noch mehr Eis. Eugen bediente sie auf das aufmerksamste. Die Zofe erschien wieder und brachte auf einer silbernen Tasse eine Unzal kleiner eingelaufener Brieschen und Billete. � Elvira schob sie Eugen zu und bat ihn, sie zu öffnen; es sei eigentlich unnötig, meinte sie lachend, sie wisse onedies, was darin stehe. „Bewunderung und Anbetung in Prosa und in mehr oder wem- ger schlechten Berfcn," bestätigte Eugen. Glcichwol prüfte er mit großer Gewissenhaftigkeit und durchflog jedes einzelne Billctchcn. Diese Stoßseufzer und Ueberschwänglichkciten schienen� ihm Spaß zu mache», und diesen gegenüber, die aus der Ferne schmachteten, mußte er sich seiner bevorzugten Stellung deutlicher inne werden. Eine große silberne Giardiniöre, mit hcrlichen Blumen gefüllt, sei ebenfalls gebracht worden, berichtete die Zofe. „Bon wem?" fragte Elvira. „Eouteffa Morosini," war die Antwort. Elvira nickte befriedigt.„Geschenke von einer Dame sind mir immer angenem und schmeicheln mir. Sagen Sie, ich lasse danken." Tie Zofe hatte sich»och nicht entfernt, als die Gesellschafterin, Madame Touais, zu ihnen trat und den französischen Gesanten meldete. Elvira schüttelte den Stopf.„Ich bin für niemanden zuhause; Sie hatten doch Ihre Weisungen, warum halten Sie Sich nicht darnach?" Madame versicherte, sie hätte streng nach ihrer Instruktion gehandelt, aber Exzellenz behauptete, die Signora müsse zuhause sein, da Personen, die an dem Gartenhause vorübergefaren, ihre Stimme gehört, und er bitte nur um die Gunst einiger Minuten. Elvira lachte.„Ich denke nicht daran, sie zu gewären." Eugen nam eine misbilligcnde Miene an.„Ick erlaube mir, Ihnen zu bemerken, daß der Graf vielleicht eine Ausnaine ver- diente. Er ist so einflußreich, und er hat soviel Interesse für Sie." Elvira hob ein wenig den Kopf, und ihre Haltung und ihr Blick namen einen stolzeren, einen enffchiedeneren Ausdruck an. „Verlange ich feinen Einfluß, brauche ich dieses Interesse? Es ist mein Beruf, mich diesen Leuten ans der Biiiie zu zeigen und sie zu amüsircn; in meinem Hause habe ich diese Verpslich- tung keineswegs übernommen, da empfange ich nur diejenigen, die ich empfangen will." Madame nickte und entfernte sich. Elvira aber wendete sich in wieder hervorbrechendem Mut- willen und mit einem schelmischen Lächeln an Engen:„Bei Ihnen, Baron, ist das etwas anderes; Sie sind mit dem Grafen be- freundet, und Freunde darf man nicht so one weiteres abweisen. Gehen Sie hinein, versönen Sie ihn niit meinem Eigensinn und trösten Sie ihn ein wenig." Eugen zögerte. Die Mission sagte ihm offenbar garnicht zu, aber der Manu war so gcivönt, die Wünsche dieser Frau zu erfüllen, daß er gehorchte. Er ging. Der Sand knirschte unter seinen Füßen, wie er dahinschritt. Friz sah ihn sich entfernen mit einem Gcfül unsäg- licher Genugtuung. Die beiden waren allein. Und es ward so still um sie herum und keines von ihnen sprach ein Wort. Elvira lehnte sich in ihren Stul zurück; sie sah empor nach dem tiefblauen, wolkenlosen Himmel, der so leuchtend, so heiter auf sie herniederlächelte. Sic saute keinen Blick zu ihm hinüber, der vor ihr saß, aber sie sülte seine Nähe und sie fülte seinen Blick, der auf ihr rute. Ihr war, als seien sie beide mit diesem Alleinsein in eine eigene Atmosphäre eingetreten, die alles übrige ausschloß, in Nebel zerfließen ließ. Und sie fülte sich so glücklich und doch so bewegt; sie wagte kaum zu atmen. Ihr Schweigen hatte ihn betroffen gemacht, aber seltsam, auch er wagte nicht, es zu brechen. Aber wenn auch seine Zunge schwieg, seine Augen, die Augen eines Künstlers, konten nicht müssig bleiben. Er bemerkte, wie die bläulichen Luftreflexe der schönen Frau vor ihm einen noch zarteren, äterischen Reiz ver- liehen. Das lichte Kleid erschien so duftig darunter, der Hals und das Gesicht fast durchsichtig. Auch über das dunkle Har �1. Leipzig, 30. Juli 1881. warf der Luftton seine bläulichen Glanzlichter, und die großen, nach auswärts gewendeten Augen erhielten eine schillernde Farbe. Tief enipfand er ihre Schönheit in diesem Augenblick, und es war dies eine Empfindung von Glück. Von einem Glück, das er vorher nie gekaut, da er für das Schone nie so empfänglich ge- Wesen wie in dieser Wunderstadt, wo das Entzücken, in Permanenz erklärt, ihm alle Sinne erregte. Es schien ihm, als sei es ein Zuviel, als vermöge er die also gesteigerten Empfindungen nicht zu ertragen, als erzeugten sie in ihm ein Ueberquellen aller Lebeustricbe. Sein Herz pochte ungestüm. Die Stille rundum und Elviras Unbeweglichkeit, ihr Schweigen begannen ihn eigen- tümlich aufzuregen, seine Nerven noch uiehr zu irritiren. Ein welkes Blatt fiel zwischen den beiden zur Erde, es brachte die Wirkung eines Schuhes hervor. Beide schraken zusammen, und beider Augen trafen zusammen in einem Blick. Sie lächelte, aber es überkam sie eine liebliche Verwirrung: die Verlegenheit, die etwas sagen lvill und nicht weiß, womit beginnen, die nach etwas greift, etwas sucht, one sich Rechenschaft geben zu können, was es sei. Ihre Hand tastete umher. Er venneinte, sie wolle ein Glas Wasser,— er reichte es ihr, so rasch, so hastig und vielleicht so zitternd, daß ihr Arm, ihr Kleid von dem Naß Übergossen waren. Friz bat um Entschuldigung und ergriff die Serviette, er beugte sich hernieder, um den Arm zu trocknen, diesen schönen, vollen, feuchten Arni. Sie duldete es in der ersten Ueberraschung, und ihre Haltung war dabei so jungfräulich, so keusch, aber jezt errötete sie über und über und sie wehrte ihn ab. Er haschte abermals nach dem Arm. Da wurden Schritte hörbar— der Baron stand wieder vor ihnen. Sein Blick rute forschend auf den beiden. Sic hatten ihre Fassung sogleich wiedererlangt, und sie erzälte munter, wie alles gekommen war, und bat Friz, ihr aufs neue das Glas mit Limonade zu füllen. Er reichte es ihr und sie trank es in einem Zuge aus. „Sie haben den Grafen also fortgeschickt?" fragte sie dann. „Ich habe ihn mit der Hoffnung vertröstet, Sie heute Abend zu sehen," entgegnete Eugen. „Es ist war, ich singe heute.— Sie kommen doch ins Teater?" fragte sie Friz. Er bejahte. „Ans die Büne?" „Gewiß." „Dann auf Wiedersehen!" Sie reichte ihm, ihn verabschiedend, die Hand; dann zu Eugen:„Es ist bald sechs, ich muß an meine Toilette denken,— Addio!" Auch ihm gab sie die Hand. Die beiden Herren empfalen sich und sie verließen zusammen das Haus. Sie blieb allein zurück. Sie sezte sich wie vorhin aus den Sessel, und wie vorhin richtete sie den Blick empor, nach dem blauen Firmament. Tat ihr'das Licht jezt weh? Sw schlug mit einem Aufseufzen beide Hände vor ihre Augen. So blieb sie, bis ihre Gesellschafterin erschien, um sie zu mahnen, daß es die höchste Zeit sei, nach dem Teater zu faren. Sie erhob sich. Ihre Wangen waren blaß. Es lag etwas Erschöpftes in ihrer Haltung. Sie bat Madame Douais, voraus- zugehen; sie folgte langsam. Einmal blieb sie stehen, wie in plözlicher Ermattung, und sie lehnte sich an den Stamm einer schlanken Pinie. „Werd' ich's überwinden? Werd' ich es können?" Elftes Kapitel. Friz hatte durch Alfred die lobenden, ja entzückten Aussprüche crfaren, die der Graf über seine Komposition, die er für das Werk Alfreds gehalten, getan hatte, und ebenso von der Be- stellung, die darauf erfolgt war. Auf den jungen Mann, dem in dieser Kunst noch nie eine Ermutigung geworden, dessen Arbeiten stets einer abfälligen Kritik begegneten, die ihn erbitterte, weil er es vielleicht tief im Innern fülte, daß sie nicht gerecht war, brachte diese Anerkennung eine freudig überraschte, ja eine ihn fast umwandelnde Wirkung hervor. Wol mochte Venedig selbst, das ihn ja so mächtig beeinflußte, auf die, wie aus langer Er- starrung neu erwachende Liebe für diese Kunst und seine heraus- bildende Kraft am meisten beigetragen haben; aber wie dem auch sei, Friz überkam nun ein Freudeueifer, eine heiße, fast mibe- zwing liche Lust, zu schaffen, zu arbeiten, das, was jezt in ihm ungeduldig sich regte, heraus zu bilden zu lebendigen, sichtbaren Schöpfungen. Er freute sich, daß Alfred die Bestellung erhalten hatte, aber er wünschte nichts sehnlicher, als sie für ihn auszu- füren. Seine Beteiligung an dem Werke sollte gar nichts bekant, sein Name sollte nicht genannt werden. Aber Alfred besaß viel zu viel Empfindlichkeit und künstlerischen Ehrgeiz, um darauf ein- zugehen. Er wollte, wenn Friz es gestattete, seine Komposition benüzen, aber diese selbst und nach seiner Weise ausfüren und vollenden. Sollte Friz darauf nicht eingehen können, so war er ent- schlosseu, dem Grafen das ganze Verhältnis aufzuklären und sich selbst hierauf zurückziehend, Friz sowol die Arbeit als auch jede Verantwortung zu überlassen. Friz, um den Vorteil des Freundes zu waren und seine Em- pfindlichkeit zu schonen, gab nach; er stand ab von seinem Vor- haben, und er war es schließlich noch, der den Freund förmlich bat, seine Komposition ganz nach seinem Belieben zu benüzen. Ja er wollte in Alfreds Atelier keine andere Arbeit beginnen, um ihn nicht zu stören und zu beeinflussen, und so rante er denn noch wie vor in den Straßen Venedigs umher und verweilte einen Teil des Tages, in den Kirchen und Palästen und in der Akademie, die alten berühmten Meister studirend, schwelgend in dem reinsten Genuffe der Kunst. Alfred, sogleich mit der Arbeit beginnend, blieb an seiner Staffelei. So hatte er nun schon mehrere Tage an dem Fries gear- beitet, und die Arbeit schritt rasch genug vorwärts. Erst gegen Abend hatte er sein Arbeitszimmer verlassen, um auszugehen. Er besuchte die Cafss und ging dann ins Teater. Mit de Vita's schien jeder Verkehr abgebrochen. Marie merkte es wol, und sie atmete auf. War es denn so gelviß, was sie an jenem Abend erlauscht, was jener Abscheuliche gesagt hatte? war es nicht vielmehr törichte Eifersucht und Verläumduug? Alfreds Herz gehörte nicht jener Witwe Juanna, es gehörte noch ihr. In dankbarer Freude, in wieder gewonnenem Vertrauen hätte sie an seinen Hals sich legen, ihm sagen mögen, daß sie ihn liebe, und daß sie keinen anderen Gedanken habe, als ihn glücklich zu machen; und sie wolle mit ihm beraten und überlegen, was zu diesem Glücke am dienlichsten sei, was es am meisten befestigen könne. Hätte sie es doch getan I— Aber da kam wieder ihre Zaghaftigkeit über sie; das Gefül ihrer llnbedeutendheit, und die Furcht, ihm anmaßend zu erscheinen und ihm zu misfallen. Sie getraute sich gar nicht ihn anzureden; er schien ihr immer so in Gedanke»; sie besorgte, ihn in seinem Schaffen zu stören, und so vermied sie sein Arbeitszimmer und waltete still und scheu und mit noch größerer Hingebung ihrer häuslichen Pflichten. Sie wußte nicht, daß ihr Mann seine Besuche im Hause de Vita's nicht freiwillig eingestellt hatte, sondern daß ein Bris To- maso's ihm den Wunsch nahe gelegt, dieselben bis nach erfolgter Vermälung seiner Schwester zu verschieben. Tomaso schrieb, er bedauere seinerseits die wol ganz ungerechtfertigte Empfindlich- keit seines künstigen Schwagers, aber er wolle ihr nichtsdesto- weniger Rechnung tragen. Alfred war wütend, aber mußte sich drein ergeben. Und diese Hochzeit sollte also dennoch stattfinden, troz der Erklärungen, die ihm Juanna gegeben? trozdem sie die ganze UnWürdigkeit einer solchen Verbindung einsah, trozdem, daß sie ihm versprochen hatte, stark zu sei? Und sie schwieg? sie hatte kein Wort der Selbst- rechtfertigung für sich, kein Trostwort für ihn. der sie fortan nicht mehr sehen, der ihren kräftigenden Einfluß schwer entbehrte und sie nun verlieren sollte, für immer? Und dann suchte er sich wieder mit Gewalt von diesen Gedanken an sie loszureißen, und er suchte sich einzureden, daß es das beste sei, daß ihre Be- Ziehungen gelöst seien und daß ihn dies förmlich erleichtern müsse. Es hätte doch so nicht fortdauern können, und mit. welchen! Rechte hätte er sich dieser Verbindung entgcgensezen dürfen? Und wenn Juanna nun, durch ihn beeinflußt, sie von sich gewiesen, wie hätte er sich dieser Tatsache gegenüber verhalten dürfen? In dieser Stimmung, von den widerstreitendsten Gefülen und den wechselndsten Empfindungen hin und her gezerrt, nicht völlig sicher seiner selbst und doch von einer viel zu schweren Gemüts- art, um sich über alle Bedenken hinwegzusezen, überdies sich seiner Pflichten wolbewußt, in unermüdlicher Arbeit für seine Familie begriffen, in diesem Augenblick hätte ein kluges, kräftiges Weib alles über ihn vermocht und ganz ihn wiedergewonnen. 531 Sie hatte den Vorteil, klar in diesen Verhältnissen zu sehen, sie hatte daher für alle wirken, sich selbst und den andern zu Hülse kommen können. Sie hätte in dem Gesiile ihrer Gleichheit und Gemeinsamkeit Nor ihren Gatten treten und, mit dem ganzen Gewichte ihres Anrechts an ihn, ihren Teil an seinem Schicksal ihm abverlangen müsse». Sie hätte ihm alles vertrauen sollen, zugleich sein Ver- trauen heischend und zurücktauschend, sie hätte ihren eignen An- spruch auf �Beachtung und Glückseligkeit mit in die Wagschale iversen müssen, die sich sosort zu ihren Gunsten geneigt hätte. Alfred, vor die ernste Pflicht und vor die Notwendigkeit gestellt, hätte sich rascher wiedergefunden und er hätte seine Gattin als seine Retterin in die Arme geschlossen. Aber es geschah nicht, und Alfred fand sich vereinsamter als je, und er mußte alles, was ihn bewegte, in sich verschließen. Obivol er Märiens Gleichgiltigkcit für seine Arbeiten gewont war, sülte er sich doch in dieser Zeit, da er, nur durch eine Wand von ihr getrent, für sie arbeitete, mehr als je davon verlezt, und gewiß war cr auch ihrer Teilname mehr als je bedürftig. So verbrachte er Stunden um Stunden an seiner Staffelei, sich gewaltsam in etwas hineinzwingend, das nicht seiner künst- lerische» Individualität angemessen war und das ihn daher auch nicht befriedigen konte. lind der Tag endete ihm oue Freude, oue Genuß, um einem zweiten Plaz zu machen, der ebenso ver- laufen würde. Und die gute, arme Marie, sie beglückwünschte ihn und sich zii dieser Ruhe und rastlosen Tätigkeit. Wenn sie sich dann zu Tisch sczten, der einzigen Stunde im Tage, wo sie emander gegenübersaßen, dann sah sie schüchtern zu ihm auf, wie zu einem höhereu Wesen, ängstlich forschend, ob auch alles nach seinem Sinne sei. Er gewarte diese bekümmerten Augen und ihre Blässe, der dann oft plöziich eine kongestive Röte folgte; er bemerkte, wie sie täglich zarter wurde, und es berürte ihn wie ein stiller Vorwurf, den er gleichwol nicht zu verdienen glaubte, und so irritirte ihn ihr Zustand mehr als er ihn rürte. Er sagte ihr dann wol einmal, daß ihr Aussehen ihn besorgt wache, und sie solle sagen, ob ihr etwas felc, und wie der Ge- danke, ihr Herzleiden könne Fortschritte machen, ihn oft ivärend der Arbeit peinige und aufrege, und ob es nicht vielleicht doch geraten sei, einen Arzt zu Rate zu ziehen. Aber sie, voll Dankbarkeit für seine Sorgfalt und nur darauf bedacht, seine Besorgnisse zu zerstreuen, versicherte, daß ihr nichts scle und daß sie sich wol und zufrieden füle. »* ♦ Der Tag, an dem Friz in der Fcuice als Gast neben der Bianca auftreten sollte, war gekommen. Am Morgen desselben besuchte Elvira ihre Schwester und brachte ihr eine Loge für den Abend. „Du mußt mich und Friz heut Abend auf der Büne sehen und hören," sagte sie frölich, und sie fügte dann mit einer aller- liebsten Miene, Beklemmung parodirend, hinzu:„Ich versichere dich, ich werde Angst um ihn haben, im ersten Akte wenigstens. Aber du komst doch mit Alfred, nicht war?" „Alfred komt sicher," versicherte sie. „Und du?" Marie senkte die Augen.„Erlaß es mir," flüsterte sie. Elvira sah erstaunt auf, und sie nun gcnauerjus Auge fassend, bemerkte auch sie ihr verändertes Aussehen. Sie drang in sie, ihr zu sagen, ob sie unwol sei oder ob sonst etwas sie verstimme und bekümmere. Sie bat sie herzlich und dringend, in allem und jedem ihre Hülfe anzunemen. Aber Marie dankte ausweichend. Sie konte sich ihrer Schwester nicht anvertrauen. Wenn sie ihr ihren Herzenskummer mitgeteilt, so hätte sie ihren Manu von aller Schuld nicht völlig freisprechen können, und wenn sie ihr ihre bedrängte materielle Lage gestanden, wäre sie seinem Stolze allzu nahe getreten. Wollte cr es doch vor allen verbergen, daß seine Kunst ihn nicht reichlich„äre. So schlug sie denn selbst ei» anderes Tema an, und sie sprach von der angestrengten Tätigkeit ihres Mannes. „Und was macht Friz?" fragte Elvira. „Ach, es scheint, als ob sich der an den Knnslschäzen Venedigs nicht satt sehen könne, er ist den Tag über in den Galerien oder auf der Straße." „Und er wont bei euch?" „Er hat das Zimmer zunächst dem Atelier meines Mannes." „Und er gedenkt euer Gast zu bleiben?" „Er ist ein so wenig bedürfender Gast," versicherte Marie mit einem Lächeln. Elvira hatte eine weitere Frage auf den Lippen, aber sie unterdrückte sie; nach einigem Zögern fragte sie wie in plözlicher Eingebung:„Was habt ihr für Nachrichten von Tante Luise und Alstcds Schwestern?" „Keine, nicht die geringsten," sagte Marie traurig. „Wie," rief Elvira in unverstelltem Erstaunen,„schreibt sie— Minna— nicht häufiger ihrem Geliebten?" „Solange Friz hier ist, hat er noch keinen Brief von ihr erhalten." „Und beklagt cr sich nicht darüber, und äußert cr keine Be- sorgnis?" stagte sie in dringlichster Teilname. Marie schüttelte den Kopf.„Er ist sicher weniger besorgt, als ich selbst, er hat kaum einmal einige Unruhe gezeigt." Elvira's Augen erglänzten in einem hellen Stral.„Ist's möglich? Keine Unruhe!"— Und dann, wie sich selbst korri- girend, sezte sie hinzu:„Weshalb auch, sie befinden sich gewiß alle wol, und wäre eine Verschlimmerung in Malchens Zustand eingetreten, so würde uns Tante Luise davon benachrichtigen,— wenn Minna's Brise aber so selten sind, so— ist das nicht ein Beweis, daß— es sind vier Jare seit ihrer Trennung ver- gangen,— das ist eine lange, lange Zeit—" Sie senkte wie sinnend den Kopf und schwieg Plözlich. Marie blickte die Schwester mit ungewissen Augen an.„Was willst du damit sagen?" „Nichts, nichts!" rief Elvira rasch aufblickend und in fast übermütiger Gebcrde den Kopf zurückwerfend,„nichts, du gutes, inimerglciches Wesen, Ivas du begreifen töntest." Sie umarmte dann die Schwester, und wie in einem Geständnis flüsterte sie ihr zu:„Ich komme morgen wieder." Iwölfte» Kapitel. Und wieder war das müssige und kunstlicbeudc Publikum in der Fenicc versammelt und alles war gespant, die Bianca als ätiopischc Königstochter Alba zu sehen und zu hören. Wie Friz vorausgesagt, kümmerte sich niemand um ihn; mau schien es garnicht bemerkt zu haben, daß außer ihrem Namen noch der eines zweiten Gastes auf dem Zettel stand. Als Friz indes auftrat und das Publikum die imposante Gestalt erschaute, die in der farbigen, kleidsamen Tracht eines ägyptischen Feldherr» so stolz und jugendschön sich präsentirte, da ging ein Flüstern des Beifalls durch den Sal. Auch seine Stimme fand man schön und kräftig, nur nicht so süß und geschmeidig, und auch die Aussprache nicht so weich, als mau dies bei italienischen Tenoren gewont war.„Un tedesco(ein Deutscher)!" hieß es, und das Wort ging von Mund zu Mund, und es wirkte erkältend auf bereits aufkeimende Sympaticn. Als dann die Bianca auftrat, absorbirtc sie sogleich das ganze und vollständige Interesse des Hauses. Sie übertraf sich selbst in der Rolle der unglücklichen Sklavin, und nie war sie schöner gewesen, und nie hatte ihre Stimme einen reineren Wollaut, nie hatte sie sich tiefer in alle Herzen eingesungen. Nach dem zweiten Akt traf Eugen mit dem Gesanten Saint Ballier, dem deutschen Grafen und Herrn von Bennwitz im Foyer des Teaters zusammen. Man bcglcickwünschte abermals den Baron und erging sich in den exaltirtesten Ausdrücken, um die Schönheit und die Kunst der Bianca zu preisen. Der Gesante zeigte sich untröstlich, daß cr übermorgen schon nach Rom zurückkehren müsse, aber cr hoffe es durchzusezen, daß sie selbst als Gast dahin berufen würde, und von der ewigen Stadt aus, meinte er, werde ihr Ruf als ita- lienische Sängerin sich schnell in alle Welt verbreiten. „Er ist bereits in alle Welt gedrungen," versicherte Hellenbach, „und wissen Sie das Neueste, Messieurs? Sie hat heute einen brillanten Antrag für eine Tournäe in Amerika erhalten, man garantirt ihr zweimalhunderttausend Dollars." „Ah!" machten alle, und sie drängten sich noch enger um Eugen. „Sie Ivird es nicht aunemen," vcrsezte der deutsche Graf mit einem schwachen Lächeln. „Das ist ein Wiz, das kann nur ein Wiz sein," beruhigte sich selbst der kleine Bennwitz. „Im Gegenteil, Messieurs, es ist Ernst, und sie nimt es ernst," sagte Hellenbach. „Aber soll ich ihr denn bis nach Amerika nachreisen, das kann sie doch nicht verlangen!" jammerte Bcnmvitz.„Und was dann'.venn ich dk Zee- krankyeit kriege, und ich kriege sie sicher, ich liabe die Disposition dazu." Er stöiite so gräßlich, als drehte sich ihm be- rcits der Magen um, und wie im Schwindel saßteer nach einem Ge- genstand, andenersich stiizenkönte. „Sie darf es nicht annemen," behauptete Saint Bal- lier gelas- scn, abermit einem miß- billigenden Kopsschüt- tcln,„es iväre ganz unklug. Ziach Arne- rika kann sie nach zehn Jahren gehen, nach- dem sie sich hier ansge- sungcn.abcr nicht jezt in der Blüte ihrer Stim- nieund ihrer Erschei- nung." „Als einebenanf- gehendes Gestirn, das mit seinem himlischen Schein un- sernTcater- Himmel elektrisch er- leuchtet!" deklamirte Bennwitz in schwärme- rischer Em- Phase.— „Aickt war, Exzellenz, die Diva muß uns erhalten bleiben?" „Wir werden sie nicht fortlassen," sagte der Gesante lachend. „Zollte es� in der Tat kein Mittel geben, sie festzuhalten?" fragte der blasse Graf sinnend. Hellenbach hatte ein stolzes, trinmphirendes Lächeln. Brücke ans BambnS ans vorneo. tEnte 539.) „Ich habe das Mittel bereits gefunden." „Sie werden sie heiraten!" riefen die Herren gleichzeitig. „Sie ha- den es er- raten, Mes- sicurs!" Der deutsche Graf zuckte die Achseln. „Es wäre das noch nicht das schliiuste; Sie sind ja mein Freund, Sie werden cS nicht hindern, daß ichbeiJhrer Frau schnell persona xratissiwa werde." Ter Klei- ne machte ein Gesicht, als ob er weinen wollte. „Aber liebster Ba- ron, was fällt Ihnen ein, ieb, ich habe ja sel- der diese Idee ge- habt, bei Gott,— ich habe ernst- lich daran gedacht, und nun tun Sie mir das a»; und Sie hätten es eigentlich garnichtnö- lig." Ter Gesante behielt sein diplo- matisches Lächeln. „Ich wün- sche Ihnen Glück, Ba- ron, und insofern auch uns, da man bei Ihnen, dem Kunst- uiäcen, doch voraus- sezcn darf, daß Sic nicht die Grausam- keit haben werden, sie vom Teater zu nemen, sie uns für immer zu entziehen." „Ich stehe für nichts," scherzte Hellenbach. „Das wäre der abscheulichste Eigennuz, ein Raub an der Menschheit!" rief der Kleine außer sich. 534 „Gewiß," bestätigte der Gcsmite,„ein so seltenes Talent sollte sich nicht völlig an einen verschenken dürfen, es gehört der Welt." „Es gehört uns!" rief Bcnnwitz, sich in die Brust werfend. Hellenbach lachte etwas geckenhaft und auf das höchste ge- schmeichelt. „Nun," tröstete der Gefante,„vorderhand ist die Entscheidung noch ihr anheimgegeben, und wir wollen uns das vor Augen halten. Wie denn, Baron, sie war so liebenswürdig gewesen, die Einladung zu dem Bankett, das ich ihr zu Ehren heute Abend veranstalte, auzunemen; sie wird Wort halten, nicht war? Sie wird kommen und es durch ihre Gegenlvart verherlichen?" „Sie komt," versicherte Hellenbach. „O, das ist himmlisch! Ich hoffe, sie wird befriedigt sein. Es sind alle Anstalten getroffen, um diesem Feste einen gewissen Reiz zu verleihen; auch einige vcnetianische Adelige und ihre Damen sind geladen. Eine junge Malerin ist darunter, eine interessante Frau, Messieurs, ich werde das Bcrgnügcn haben, Sie der Dame vorzustellen, Sic werden von ihr entzückt sein." „Sie scheinen es selbst zu sein, lieber Graf," scherzte Hellcnbach. „Ich war vor Jaren rasend in sie verliebt." „Nun, und—?" „Sie war damals uneinnembar,— sie gehörte einer reichen Familie an,— ich konte ihr nicht beikommen." „Und jezt?" „Ist sie Witwe und, wie es scheint, arm. Sie ist geztvungen, glaube ich, durch ihre Talente sich ihren Lebensunterhalt zu er- werben, sie sucht Arbeit— ich werde ihr solche verschaffen." Die Herren hatten ein faunisches Lächeln; der edle von Bcnnwitz drote dein Grafen lächelnd mit seinen kurzen, dicken Fingern. „Die Verhältnisse haben sich also sehr zu Ihren Gunsten ge- wendet, und Sie haben sie in der Hand, das heißt— wenn Sie sie noch wollen, hehe!" „Sie erscheint mir noch immer begehrenswert, abcr"— der Graf nam wieder seine vornem zurückhaltende Miene an, und mit einer Niiance von Blasirtheit fügte er hinzu:„In meiner Stellung, Sie begreifen, man hat alle Nücksichten zu nemen." „Ich verstehe!" rief Hellenbach in munterster Laune.„Als Diplomat haben Sie die Verpflichtung, in allem diplomatisch zu Werke zu gehen und selbst ihre Siege unter einem gewissen Vor- behalt zu acceptiren." Alle lachten. Das Klingelzeichen, das. die Wiederanfname der Vorstellung bekantgab, ertönte. Alles hastete ans dem Foyer in den Sal zurück.(Fortsezung folgt.) Erinnerungen an die Türken aus der Zeit der Revolution in Ungarn. Von einem alten Honvedoffizier. (Schluß.) Man hat in der Gegenwart viel darüber geschrieben, und der Willkür der Paschas wurde wirklich ein sehr weites Feld offen gelassen. Der vom Sultan eruantc Pascha erhält in der Türkei keine fixe Besoldung, außer wenn er im aktiven Militärdienst an- gestellt wird, wozu beinahe ein jeder mehr oder weniger befähigt ist. Die mit der Civiladministration der einzelnen Provinzen oder Vilajets betrauten Paschas sind gleichzeitig oberste Steuer- eiunemer oder Miniaturfinanzminister. Sie müssen der hohen Pforte eine gelvisse ziemlich hohe Summe zuschicken, welche sie aus den Steuern der Einwoner herausschlagen. Daß sie neben- bei auch gut leben wollen, ist>vob selbstverständlich, und sie nemen sich aus den eingekommenen Stenern den Löwenanteil. Hier gibt es keine Kontrole, ja sie ist bei ihrem Steuersystem nicht möglich, da die Einname der Gelder jüdischen Wucherern verpachtet wird. Diese schinden nun das Landvolk nach Belieben, um den Pascha zu befriedigen und sich ebenfalls etwas zu ersparen. Troz aller dieser Uebelstände war zu jener Zeit, vor Ausbruch des Kriegs in der Krim, die Besteuerung noch immer nicht erdrückend, und Steuerexecutionen gehörten zu den seltensten Fällen. Der Handschi von Ezervenibreg war ebenfalls Steuerpächter und beherbergte bei sich eben einen Pascha, welcher dahin ge- kommen war, um die eingegangenen Gelder einzukassircn, die iyni der Jude bereits abgeliefert hatte. Da ein ewilisirter Gast in diesem Haus zu den größten Seltenheiten gehört, so werden diese, ivenn sie ihr Unstern dahin fürt, von den jüdischen Hand- schis aufs gewissenloseste geprellt, zudem erhält man bei ihnen beinahe garnichts zum Imbiß, elende Betten, Kuhställe für Pferde, das Lager von Maisstroh und man riskirt auf die Weiterreise Ungeziefer mitzunemen. Da ich meine Reisetasche mit Viktnalien versehen und eine wolgefüllte Feldflasche bei mir hatte, genoß ich im Hau nichts als eine Tasse Kaffee. Als ich die Zehrung zalen wollte, erstaunte ich nicht wenig, als er mir sagte, ich müßte 21 Zwanziger(14 Mark) zalen, für den Stall und Pferdefutter 10 Zwanziger, für mein Nachtquartier im gemeinschaftlichen Schänkzimmer 4 Zwanziger und für den Kaffee 7 Ztvanziger. Dies fand ich doch etwas zu unverschämt und geriet darüber mit dem Handschi in einen ziemlich lauten Wortivechsel. Wir stritten noch über die Ermäßigung der Rechnung, als die Verbindungstür zwischen dem Schänkzimmer und dem Ge- ma.l e des Pascha, das beste im Hau, sich öffnete und ich einen Türken erblickte von Ehrfurcht gebietenden Zügen und hoher Ge- statt, mit dem Tschibuk in der Hand, uns beide betrachtend. Ich vermutete sofort den Pascha in ihm und ergriff i>ie Gelegen- heit, um mich bei ihm über die Erpressungen des Inden zu be- schweren. Er hörte mich ruhig an, fragte den Juden, ob er mir wirklich 7 Zwanziger für den Kaffee angerechnet, und als dieser es nicht leugnen konte, bearbeitete er seinen Rücken mit dem Tschibuk und sagte, ich sollte ihm einen Zwanziger geben, damit wäre alles übermäßig bczalt. Dies fand ich aber selbst zu wenig und gab deni Juden 6 Zwanziger. Der Pascha schalt mich, daß ich so verschwenderisch mit dem Gelbe sei, und lud mich ein, ihm auf seinem Zimmer Gesellschaft zu leisten, als er ersur, daß ich ein Ungar und Kossuths Courier sei. „Kossuth büh Adan(Kossuth ist ein großer Mann)", sagte er und erkundigte sich bei mir nach den Zuständen in Schumla, ob ivir uns dort wol befänden. Es war der nachmals berühmte Ahmet Pascha, welcher ei- gentlich durch seinen kühnen Kavalcrieangriff die Schlacht bei Cetate entscheiden sollte. Er sprach auch etwas französisch, und wir verständigten uns so ziemlich. „Der Sultan ivird die Ungarn nicht ausliefern," sagte er. „Das Volk würde ihn verachten, tvenn er es täte. � Der Koran gebietet jedem Rechtgläubigen, Flüchtlinge und Gäste selbst mit Aufopferung des eigenen Lebens zu schüzcn. Stet Ihr Gouvcr- »cur mit dem Gesanten Englands Stratford de Redcliff und dem französischen Lavalette in Brifwechsel?" „Ich weiß es nicht, glaube es aber kaum" entgegnete ich. „Sagen Sie ihm. er soll sich briflich an diese Herren wenden, damit sie sich für die Ungarn interessiren" riet er nur.„Man wird sie nicht in Europa halten können, die österreichische und russische Regierung wird darauf dringen, daß sie ja iveiter von dem Lande, wo die Revolution kaum erst gedämpft werde, ent- fernt werden. Daß man Sie zwinge oder berede, zum Islam über- zutreten, das ist eine Fabel. Nur wer von der Warheit der Lehren des Koran überzeugt ist,.ist uns als Bruder willkommen, und ein Giaur kann ebenso ein Ehrenmann und ein Son Allahs sein, wie ein Moslim. Wenn Sie in Europa bleiben sollten, namentlich in Konstantinopel, dann wird Ihnen das, was ich sage, nicht sehr einleuchten. Die große Stadt am Bosporus ist zu sehr verpestet durch die schlimmen Sitten der Franken, als daß sich dort alle diejenigen meiner Landsleute rem erhalten hätten, selbst in Kleinasien in den Städten, namentlich in Brussa, Knta- hiah, Sinope, Trebizond und Erzerum stet es noch sehr schlimm mit dem Halten der Koranlehren, doch schon viel besser in den Dörfern, namentlich im Süden Natoliens nnd in Syrien, ob- schon es auch dort in den beiden großen Städten Aleppo und Damaskus besser gehen könte. Die eingebornen Christen, die man bei Ihnen Maronitcn nent, sind die größten Diebe und Betrüger. Wenn dann von Zeit zu Zeit ein Massacre unter ihnen angc- richtet wird, darf dies niemanden wnudern. Wenn Sie jemals da- hin kommen, werden Sie dies selber einsehen nnd die Langmut meiner Glanbensgenossen bewundern, daß sie jenes abscheuliche. diebische Volk noch nicht ganz ausgerottet haben." Auch die weitere llnterhaltung mit Ahmet Pascha war für mich eine sehr interessante nnd lehrreiche. Er klärte mich über manche vorgefaßte Vorurteile der Christen über die Türken auf, und ich erfantc bald, daß, wenn die anderen Türken ihm glichen, sie ganz gewiß ein viel fulturfähigeres Volk sein inüßten, als sehr viele unserer christlichen Europaer, namentlich in Spanien, Italien, in einigen Departements von Frankreich und im namhaft größten Teile Irlands, daß aber die Türken den Südslaven an Kultur, Reinheit der Sitten und Herzensgüte bei weitem voran standen, davon hatte ich schon in früheren Zeiten die Ueberzeugung ge- Wonnen. Wenn selbst alles so wäre, wie es die Feinde der Türken be- haupten, so sind doch diese allen Europäern in einer Beziehung überlegen.� Sie haben keine abgeschlossene Aristokratie, die Würden vererben sich nicht von Generation zu Generation. Jeder Türke kann es bis zur höchsten Würde im Staate bringen, wenn er sich um denselben Verdienste erwirbt. Daß aber der Sultan in der Wal seiner Günstlinge nicht immer glücklich ist, dies ist bekantlich nicht nur in der Türkei so. Ahmet Pascha ließ mir durch seinen Diener einige Teppiche geben, sodaß ich ein besseres Lager hatte, als ich erwartet, den Handschi aber bekam ich nicht mehr zu Gesicht, er mochte mir vielleicht grollen, daß ihm der Pascha meinetwegen eine etwas derbe Lektion gab, und ich sprach darüberünit Oswin, dem Stall- Meister des Pascha. Er lachte hell auf und meinte, der Jude sei die Prügel so gewönt wie ein Jagdhund und die par Schläge mit dem Pfeifenrohre seien Spaß gewesen. Ich wollte mich eben in den Sattel schwingen, um von Czervenibreg aufzubrechen, als Osmin noch einmal zu nur kam, mit einem Auftrage seines Herrn; dieser ließ mich fragen, ob ich es nicht vorzöge, in seiner Begleitung bis Sultanköi zu reisen, möglicherweise würde er viel- leicht auch bis Eski-Dschnma mir Gesellschaft leisten, dies hinge davon ab, ob er die Steuergelder so schnell einkassirte, wie in Czervenibreg und in den übrigen Ortschaften seines Paschaliks. Obschon hierdurch meine Reise um einige Tage länger wärte und ich wußte, daß sowol Kossuth, wie auch Frau von Dembinska mich mit Schmerzen zurückerwarteten, so hielt ich es doch für an- gezeigter, voni Antrag des Pascha Gebrauch zu machen, denn dann litt ich keine Gesar, mich wiederum zu verirren, wie es mir schon geschehen war, da ich mich auf die Gutmütigkeit der bul- garischen Bauern, wenn ich niich bei ihnen nach dem Weg er- kundigte, durchaus nicht verlassen durste. Diese Leute waren bos- Haft genug, mir stets falsche Richtungen anzugeben, schon meine Honveduniform genügte, um ihnen Haß gegen mich einzuflößen, obschon sie unwissend genug waren, um von Ungarn und einer Revolution, die dort über ein Jar gewärt hatte, nichts zu wissen. Da ich mehrere slavische Dialekte sprach, namentlich serbisch und auch walachisch, aus welchen zwei Sprachen die bulgarische zu- sammengesezt ist, und ich mich mit ihnen viel leichter verständigen konte, ais mit den Türken, so taten sie doch so, als ob sie mich nicht verständen, und ein bulgarisches Weib rief mir einmal zu, ich sollte ihren Mann prügeln, dies würde seine Zunge lösen. � Die Bulgaren selbst sind unter allen Bewonern der europäischen Türkei sowol in physischer wie noch viel mehr in moralischer Hin- ficht das elendeste Volk und weder mit den Walachen des heutigen Rumänien, noch viel weniger mit den Serben, Bosniaken und Montenegrinern zu vergleichen, obschon sie vielleicht minder wild sind als die lezteren. Ihre Tracht unterscheidet sich von der walachischen nur durch größere Zerseztheit und Schmuz. Unter tausend Bulgaren erblickt man kaum einen halbwegs hübschen Mann, es sind kleine, hagere Gestalten, mit Säbelbeinen, nichts- sagende Gesichter, mit dem Typus des lierischesten Cretinismus, nur dann und wann gleitet gleich einem unheimlichen Bliz ein Zug von Verschlagenheit, List. Falschheit und Tücke aus ihren kleinen zusammengekniffenen Augenlidern. Unter den Weibern, doch nicht auch unter allen, die das zwanzigste Jar überlebt, erblickt man hie und da recht hübsche Gesichter und auch einen schönen Körperbau, da jedoch die bulgarischen Mädchen in ihrem zwölften, ja sogar in ihrem zehnten Jare schon heiraten, so ist ihre Blütezeit nur sehr kurz, ja die meisten Bulgarinnen haben gar keine solche, sie verwelken, ehe sie zu blühen begonnen. Der Boden ist hier außerordentlich fruchtbar und üppig, namentlich >n der Fläche, welche von einer Menge kleinerer und größerer Flüsse bewässert wird; noch mehr als zwei Dritteile des Landes liegen brach und dienen nur den Herden als Weide. Wenn man nach den Dörfern komt, erblickt man hier weder Häuser, noch Gärten, noch Einzäunungen. Der Bulgare baut seine Wonung in eine Aushölung des Bodens, sodaß kaum ein Viertel des Tachstules hervorguckt; Schornsteine gibt es nicht, denn der Rauch steigt nach einer Oeffnung im Dache, sodaß dieser trostlose Anblick einige Aenlichkeit mit der Solfatara im König- reiche Neapel hat; es ist eine rauchende, wellenförmige Ebene, one Bäume, und nur selten erblickt man als Staffage einen Menschen oder ein Hanstier, denn diese lezteren befinden sich mit ihren zweibeinigen Genossen stets im Inneren der räucherigen, schmu- zigen, zum Ekel übelriechenden unterirdischen Behausung. Die Bulgaren haben sich noch niemals aus eigenem Antrieb gegen die Oberherschaft der Türken empört, die Ausstünde, welche hier erst mehrere Jare nach dem Krimkriege stattgefunden, sind nichts als russisches Machwerk, und die Moskowiter brauchten viel Geld, um hier eine Revolution ins Leben zu rufen. Ubieini gibt die Bevölkerung Bulgariens— die Dobrndscha mit eingerechnet, auf 3 360000 Seelen an. In Wirklichkeit ist Bulgarien beinahe doppelt so stark bevölkert. Es liegt aber sowol im Interesse der Paschas wie der jüdischen Stenerpächter, die Zal der Bevölkerung sehr gering anzugeben; im statistischen Bureau zu Konstantinopel war es nur mit einer Bevölkernng von 2 472 000 Seelen angegeben. Der General Stefan Türr, welcher Bulgarien in allen Richtungen bereiste, übertreibt nicht, wenn er die Zal der Einwoner Bulgariens auf 6 Millionen anschlägt. Wenn die Regierung die Zal der Bevölkerung gekaut hätte, würde sie die leztere wol höher besteuern, wie das auch andre Regierungen tun, mithin liegt sogar in diesem Misbranch ein Trost für die Mittellosen. Unsere Reise bis nach Eski-Dschnma ging viel schneller von statten, als ich geglaubt hatte, ich gewann sogar etwas dabei, denn Ahmet Pascha stach mein Engländer so in die Augen, daß er mir einen Tausch gegen seinen Araber anbot. Mir paßte der leztere besser, zumal wenn es sich bestätigte, daß wir nach Asien geschickt werden sollten, obschon ich andererseits mich von dem Tiere schwer trente, welches ich Wärend des lezten Teiles unseres Feldzugs geritten hatte. Es war aber für meine sehr sorgwürdigen Ber- Hältnisse ein allzu guter Handel, denn er zalte mir noch 20 Du- katen dazu. Vor Eski-Dschnma trente ich mich von Ahmet Pascha; von hier war es nicht mehr so weit nach Schnmla, und 24 Stunden später traf ich dort ein. Ich berichtete Kossuth über meine Zusammenkunft mit Ahmet Pascha, so wie ich ihm auch die Ratschläge, die er der Emigration gegeben hatte, mitteilte. „Ahmet Pascha hat recht, und ich will seinem Rate folgen," sagte Kossuth. Meine Verbannungsgefärten befanden sich in Schumla sehr wol. Alle Offiziere erhielten von den Türken eine monatliche Gage, je nach ihrem Range, den sie in der Honvedarmee bekleidet, die geringste war 500 Piaster pro Monat(etwa 27 Taler), Kossuth und Casimir Batthyany, ferner die Generäle Bem, Dem- binski, Perezel, Guyon, Meszaros, Stein und Kmethy erhielten zwischen 8000—13 000 Piaster monatlich(ein Piaster etwa 16 Pfennige). So war der erste Eindruck, den der Aufenthalt in der Türkei auf mich gemacht, ein nicht unangenemer, und er sollte durch die Länge der Zeit nicht abgeschwächt werden. Alles in allem war der erste Eindruck, den der Aufenthalt in der Türkei auf mich hervor- gebracht, keineswegs ein ungünstiger. Die noble Art, mit der die Türken uns Verfolgte unter ihren Schuz namen, die jinannigfachen anderen guten Charaktereigenschaften, welche ich noch Wärend späteren Verkehrs an ihnen immer von neuem beivärt sah, befestigte in mir die Ueberzeugung, daß es ganz falsch ist, wenn man von den Türken als von einem gänzlich kulturunfähigen, verkommenen Volke spricht. Die abendländische Kultur ist ihnen zu roh und wird sich ihnen nur sehr teilweise und oberflächlich und vor allen Dingen sehr allmälich aufpflanzen lassen, aber wenn einmal aus den Reihen der Muhamedaner selbst eine Anzal ein- sichtiger und einflußreicher Männer entstände, welche mit Energie und tiefeindringendem Verständnisse eine Reform der orientalischen Kultur von innen heraus in Angriff näme, dann würden die Türken sicherlich Civilisationsresultate zu verzeichnen haben, welche neben den Errungenschaften des modern- europäischen Geistesfort- schrittes gewiß ebenbürtig anerkant würden. In dem Leben der Völker wie der einzelnen wirken zuweilen gewisse äußere Impulse zur Ueberwindung geistiger Trägheit und Stagnation ungemein segensreich. Im Interesse von meinem alten Herzen nahe stehenden Herzensfreunden aus der Revolutions- not von 1849 will ich wünschen, daß der jüngste russische Krieg samt seinen für die Türkei furchtbaren Folgen solch' ein Moment des Anstoßes und der Aufrüttlnng gegeben haben möge. 536 Einige Worte über Heizungswesen. Von Ingenieur ZS. Jakian Es dürfte nicht uninteressant sein, zu sehen, wie sich die Menschheit in der Urzeit ihrer Entwicklung dem Hauptheizungsfaktor, dem Feuer, gegenüberstellte. Das Feuer an sich brauchten die Menschen nun gewiß nicht erst zu entdecken, denn schon vor der Menschwerdung wird es im Blize, in feuerspeienden Bergen, in Waldbränden und in brenneuden Erdölquellen:c. existirt haben. Wie verhielt sich aber der Urmensch diesen Erscheinungen gegen- über? Ätach den diesbezüglichen Forschungen muß nun die Ur- zeit des Menschengeschlechts insofern als eine feuerlose angenom- men werden, als die Menschen es noch nicht verstanden, sich das Feuer zu ihren Arbeiten und für das Leben dienstbar zu machen. Das Feuer war dem Urmenschen vielmehr eine der großartigen Naturgewalten, die er fürchtete und deshalb verehrte.— Das Feuer selbst lernte man erst erzeugen und beherschcn am Abschlüsse der Steinzeit, und zwar nicht auf dem Wege planmäßigen Stu- diums, sondern rein durch Zufall.— Das Urarbeitertuni war es, welches das Feuer bei seinen Bor- und Schleifarbeiten durch Verrichtung mechanischer Arbeit zuerst entdeckte. Indem man damit beschäftigt war, das Holz mit den einfachsten machinalen Einrichtungen zu durchboren, fingen die sich ablösenden Fasern und Spänchen durch anhaltende Reibung Plözlich Feuer, und dieses war entdeckt. Später wurden diese ersten machinalen Bor- eiurichtungen als Feucrborer systematisch zur planmäßigen Er- zeugung des Feuers fortbcuuzt. Jezt wurde das Feuer bald nicht mehr nur einzig und allein gefürchtet, sondern man gewann demselben auch sein Gutes ab, es fand praktische Verwendung. Man lernte die stralende Wärme desselben in kalten Zeiten schäzen, man lernte ferner die Mal- zeiten durch das Feuer bereiten, auch hielt man das wilde Getier durch brennende Holzscheite von sich fern.— Im Laufe der Kmlturentwicklung wurde das Feuer so eines der bedeutendsten natürlichen Bilduugsfaktorcu. Man lernte mit demselben die Metalle schmelzen, durch Feuerwirkung schießen und sprengen, den Dampf erzeugen und mit demselben arbeiten und faren, künstlich beleuchten, und man lernte die stralende Wärme des Feuers auch in den Wonungcn neben den Koch- und Hcizungs- zwecken ausnuzen: kurzum, die Verwendung desselben ist heute eine so mannichfache und umfangreiche, daß es fast keine gewerb- liche oder wirtschaftliche Tätigkeit mehr gibt) die der Feuer- Wirkung zu entbehren vermöchte.— Die Heizungsanlagen sezeu sich aus ursprünglich zwei Teilen zusamnien, einmal komt die spezielle Feuerung in Betracht und ein andermal die für die Wärmeabgabe bestirnte Konstruktion, zu welchen sich später noch der die Wärme auf größere Entfernungen übertragende Teil hin- zugesellte.— Zunächst suchte man also einerseits die Feucrungs- anlagen möglichst zu vervollkomnen, andrerseits aber die wärme- abgebenden Konstruktionen zu verbessern. Beide Entivicklungs- arten gehen im allgemeinen mit einander Hand in Hand.— Als Breumaterialien dienen hauptsächlich Holz, Torf und die ver- schiedenen Sorten von Kolen, auch Koks. Die zum Brennprozesse dieser Materialien erforderlichen Dinge sind ein mit einein Roste versehener Herd, der eine Lustzufur gestattet, da alle diese Mate- rialien nur unter Hinzutritt von Sauerstoff verbrennen, und ein Schornstein, da eine Verbrennung nur dann erhalten werden kann, wenn die sich bildenden Gase abzuziehen vermögen. Die älteren Feuerungen zeigen indessen gar keinen Schonisteiu, selbst nicht bei den Griechen und Römern, vielmehr wurden dieselben erst im Mittelalter eingcfürt. Der Herd der antiken Haushaltungen befand sich stets im Hintergrunde des oben offenen Atriums(der Vorhalle), sodaß die Entbehrlichkeit der Schornsteine hierdurch erklärt werden kann. Eine mehr entwickelte Feuernngstechnik zeigen nur die alten Badeeinrichtungen, die sowol Wasser- wie Luftheizungen besizen. Daß sich im allgemeinen das Heizungs- Wesen der früheren Kulturen nicht, w.e beispielsweise die hoch- entwickelten centralen Wasserversorgungen des Altertums, zu einer hohen Blüte aufzuschwingen vermochte, liegt schon darin begründet, daß die klimalischen Verhältnisse der Länder, in welchen sich dieselben abspielten, derartig von der Natur begünstigte waren, daß ein Schuz vor der Kälte nicht erforderlich schien. Für die gemäßigten und kalten Zonen dagegen muß die Einfürung der Schornsteine als eine der größten Woltaten bezeichnet werden, indem sie die sonst geschlossenen Wonungen wenigstens in der Hauptsache freimachen vom Rauch und den übrigen Berbrennungs- Produkten. In dieser Tendenz mochte mau nun anfänglich wol etwas weit gehen, so insbesondere bei den offciieu Kaminfeuern niit ihren großen, bcstcigbaren Abfürüngskanälen, die sich in manchen Ländern noch bis zur Gegenwart erhalten haben, denn dieselben haben den Nachteil, daß sie, im Gegeusaz zu den Heizanlagen oue Schornsteine, die garnicht für den Abzug sorgen, zu stark und dabei in unzweckmäßiger Art ventiliren. Sezt man sich mit den Füßen gegen den Kamin, so kann man vorne ver- brennen und hinten erfrieren, auch komt nur ein ganz geringer Prozentsaz der entwickelten Wärmeeinheiten zur Nuzung für das Zimmer, wärend die größere Menge zwecklos durch den Schorn- stein entweicht. Weit besser sind in dieser Beziehung die neueren kleineren Schornsteine von etwa 10 Centiineter Durchmesser und die diesen angepaßten neueren Ofenkonstruktioncn. Die rationellere Ausnuzung der Breumaterialien hat im allgemeinen auch mit sich gebracht die Einfürung der Ofenklappen, zur beliebigen Verlang- samung des Verbrenuugsprozcsses, indessen sind durch solche schon so mannichfache Unglücksfälle durch Kolenoxydvergiftuugen ent- standen, daß dieselben baupolizeilich verboten werden sollten, um- somehr, da man durch genaues Reguliren, eventuell Absperren, des Luftzutritts zum Feuer ganz die gleiche Wirkung zu erzielen vermag. In Berlin ist denn auch wirklich kürzlich ein Verbot der Ofenklappen erlassen worden, was allgemeine Nachahmung verdient.— Als ein Fortschritt in der Feuernngstechnik ist das Regenerativsystem zu verzeichnen, welches die Wärme der ab- ziehenden Verbrennungsprodnkte ausnuzt zur Vorerwärmung der Brenmaterialien und der Brcnluft. Um das Breninaterial nach dieser Richtung noch mehr aus- zilnuzen, ist in jüngster Zeit auch die sogcnante ökonomische Pumpheizung entstanden, die darauf basirt, daß man den Rauch- kanal nach Belieben, steigend oder fallend, kreuz und quer durch die Wonung leitet. Der endliche Ausfluß der Brenprodukte erfolgt dann nicht mehr durch die innere lebendige Kraft derselben, sondern durch die Punipzüge einer angesezten Pumpe, die durch Wasser-, Gas- oder sonstige Kraft in Betrieb gesezt wird. Es ist richtig, daß bei diesem System der größtmöglichste Heizeffekt erzielt werden kann; allein es ist dennoch nicht einzusehen, wo hier der Vorteil sein soll, indem die Ersparnis an Wärme, die glcichkoint einein bestirnten Arbeitseffckte, andrerseits wieder durch Arbeit, die auch Geld kostet, ersezt werden muß, im Gegenteil, es ist ökonomisch vorteilhafter, wenn Wärme- und Krafterzcuger centralisirt, anstatt differenziirt werden; auch dürfte der wirklich durch den Schorn- stein entfliehende Wärmeeffekt, unter der Voraussezuug zweck' mäßiger Ofenkonstruktionen, deshalb nicht zu verwerfen sein, da er stets eine in gesundheitlicher Beziehung notwendige Ventilation mit sich bringt, die andernfalls doch wiederum sonst ersezt werden müßte. Nur für einzelne Fälle, wo die mechanische Arbeitskrast kostenfrei zur Verfügung stet, dürfte die Pumpheizung tatsächliche Vorteile gewären.— Die wärmeabgcbendeu Konstruktionen werden in der lokalen Zimmerheizung bald aus Ton und bald aus Eisen gefertigt, je nach den örtlichen Verhältnissen der Anlagen; Ton- und Kachelöfen sind haupffächlich da zu empfelen, wo es sich um eine andauernde und angeneme Erwärmung handelt, die eiserne» Oefen jedoch da, wo es sich mehr um eine Zchncllheizung handelt. llebrigcns gibt cs� kein System der lokalen Zimmerofenheizung, welches allen Anforderungen zu genügen vermag; einmal Hut man den Rauchhcrd stets'noch ini Zimmer selbst, was oft zu großen Mißständen Anlaß gibt, dann aber komt neben andern hygienischen Bedenken noch der ökonomische Standpunkt in Betracht- Für große Gebäude, Schulen und dergleichen Anstalten ist C'J uns heute fast undenkbar, lokale Zimmerheizung durch Oefen a»- zunernen. Die Arbeit des Kolenschleppens, des Anzündens,. Nachlegcns, des Rcinigens der Oefen würde eine ganz enorme undjwbei ungesunde sein, nachteilig für die Bediensteten wie sw die Insassen der Zimmer. Wieviel einfacher und ökonomisch uo� teilhafter gestaltet sich dagegen die Centralheizung für gunz Gebäude, desgleichen wieviel rationeller in gesundheitlicher ziehung; auch die Fenersgefar wird erheblich geringer, indem Feuerstellen sich von einer großen Anzal auf eine einzige Hera gemindert haben, die dabei noch ganz außerhalb des Gebaw_ liegen kann. Ganz enorm ist auch hierbei, dein allgemei 537 Principe des Centralismus entsprechend, die Ersparnis an Bren- Material. Im allgemeinen fällt die Entwicklung der Centralheizung zu- sammen mit derjenigen der großen Industrie, die durch Ein- sürung der Dampfmaschine nun riesenhaft waltet. Die kooperative Gestaltung des Produktionsprozesses brachte natürlich auch mit sich� die Entwicklung des Bauwesens im centralistischen Sinne. Daß in den großen Fabriken von der Ofenheizung abgesehen werden mußte, ergibt sich von selbst; so gewann denn auch im Heizungswesen das Centralisationsprinzip die Oberhand, und bald ging es von den Fabriken auf die Wonhäuser, insbesondere aber auf die großen öffentlichen Anstalten, aus Schulen und dergleichen Gebäude über. Die erste Wasserheizung soll 1777 von einem Franzosen, jedoch zuerst für industrielle Zwecke, begründet worden sein. Tie erste Dampfheizuyg wird dem Erfinder der Dampf- Maschine, James Watt, zugeschrieben. Die kriegsbewcgten und revolutionären Zeiten zu Ende des vorigen und zu Anfang dieses Jarhunderts waren der weiteren Entwicklung dieser technischen Neuerungen ziemlich hinderlich, und erst im Jare 1823 trat Meißner in Wien auf mit dem System der Heizung mit er- wärmter Lust. Hand in Hand mit der Heizung entwickelte sich fortan die Bentilation. Ter Entstehungsart entsprechend haben sich auch zuerst in den Fabriken inbezug auf Heizung und Ben- tilation, wie überhaupt die gesundheitlichen Gestchtspunkte der Einrichtung und des Betriebes betreffend, Gesezesvorschriftcn herangebildet und verspricht das Institut der Fabriknispektoren in Zukunft in dieser Beziehung, sich noch kräftiger zu entwickeln. Auch die großen Städte"fangen in dieser Hinsicht an voranzuschrcitcn und Heizungs- resp. Gesundheitstechniker, unter spezieller Berück- sichtigung der Schulbedürfnisse, anzustellen. In Berlin wurde bereits im Jare 1872 ein solcher Techniker angestellt, dem 1874 eine Instruktion gegeben wurde, die nach Dr. Alba's„Oeffentliche Gesundheitspflege von Berlin" etwa folgendes bestimt: »Außer der Ausfürung der Anlagen liegt dem Heizungs- ingcnicur die 5lontrolle der in den städtischen Gebäuden vor- handenen Heizungs- und Bentilationsanlagen und der mit ihrer Wartung betrauten Personen, sowie der richtigen Verwendung der Brenmatcrialien und der dabei erzielten Resultate ob, zu ivelchcm Zwecke er die Instruktionen für die Heizer entwirft und dem Stadtbaurat behuss Einholung der Gencinigung durch die Baudeputation, resp. dem Magistrat vorlegt.— Wärend der Heizperiode hat er sämtliche ihm überwiesene Anlagen fortgesezt zu revidiren und sich dabei Uebcrzeugnng zu verschaffen, ob der Heizer die ihn, erteilte Instruktion richtig verstanden hat und befolgt, one darunter die Erwärmung und Ventilation leiden zu lassen, ob ferner die Heizungsanlagen den gestellten Anforderungen entsprechen, welche Mängel sich daran vorfinden, und ob�und wie dieselben zu beseitigen sind. Bei jeder Revision einer Heiz- anlage hat er seine Warnemung, sowie die dem Heizer erteilten Anweisungen und Angabe von Tag und Stunde in ein Kontroll- buch einzutragen, welches sich in den Händen des Heizers be- findet, und welches auch die Dienstinstruktion enthält. Bei Beginn der Weihnachtsfciertage fordert der Ingenieur sämtliche 5lontroll- büchcr ein und übersendet dieselben mit einem kurzen Bericht über die hinsichtlich der Heizer und der Heizergcbnisse gemachten Bco- bachtungen bis spätestens den 28. Dezember der Baudeputation. Ebenso fordert er nach Ablauf der Heizperiode die Kontrollbücher und die über die Heizergcbnisse gcfürten Tabellen ein und er- stattet der Bandcputation: a) einen ansfürlichcn Bericht über die Ergebnisse der Heizung in der abgelaufenen Periode inbezug auf Erwännung, Ventilation und Brenmaterialverbrauch; b) einen Bericht über die an den Heizanlagen gemachten und erforderlichen Reparaturen und wünschenswerten Verbesserungen unter Angabe der Kosten; c) Bericht über die Heizer und Dienstfürung der- i selben.— Tie Berichte b und c sind bis spätestens den 1. Mai, i der sä s ist bis spätestens den 1. Juli zu erstatten.— Der Heizingcnieur hat allmälich von allen Anlagen Beschreibungen anzufertigen, aus welchen die Einrichtung, die Eigentiimlichkeiten, Borzüge und Mängel der Anlage ersichtlich sind und in welchen fortlaufend der Verbrauch von Brenmaterial, die Heizergebnisse, vorgekonimene Reparaturen und Veränderungen, sowie die dafür aufgewendeten Kosten nachgetragen werden."— Es ist unzweifelhaft, daß der Einfluß von derartigen öffentlich angestellten Heizingenieuren in hygienischer Beziehung sowol wie in ökonomischer ein äußerst woltätiger sein muß, nicht nur direkt auf den Kommunaldienst, sondern auch indirekt für die Privaten, indem durch sie am besten die allgemeine Aufklärung bewirkt wird. Einzelne große Privataustalten, so beispielsweise Tcater, haben bereits aus eigner Initiative derartige Techniker angestellt. Auch fängt man bereits vereinzelt an, den öffentlichen Lokalen zur Unterhaltung und den Restaurationen ganz bestimte Vorschriften inbezug auf Heizung und Ventilation zu machen, und es kann das nur als ein allgemeiner Fortschritt begrüßt werden. Eine wirk- liche und richtige Kontrolle über die Einrichtungen und den Be- trieb der Gebäude läßt sich indessen nur bei großen und uni- fassenden Anlagen erzielen, woselbst die ökonomischen Folgerungen der Ausfürung der hygienischen Vorschriften nicht hinderlich sind. So wird die Heizungs- und Ventilationsanlage für ein Gebäude, wie es etwa das große berliner Aktienhütel ist, bei gleichen öko- nomischen Einheitssäzen, viel rationeller durchzufüren sein, als ! bei einem Wonhause für nur eine Familie. Hiermit in Ueber- einstimmung stehen auch die Erfarungen auf dem Gebiete der öffentlichen Gesundheitspflege. So teilt Marx u. a. mit, daß sich in der sogenanten Hausarbeit z. B. bei Spizeumachcrinnen, meist zwischen dem 17. und 24. Jare, ein eminenter Fortschritt in der Rate der Schwindsucht ergibt. Diese Hausarbeit bringt allerdings die Verwolseilerung der Arbeitskraft mit sich, allein durch bloßen Misbrauch weiblicher und unreifer Arbeitskräfte, bloßen Raub aller normalen Arbeits- und Lebensbedingungen und bloße Brutalität der Ueber- und Nachtarbeit.— Aber sie stößt zulezt auf gewisse nicht weiter überschrcitbare Naturschrauken. Sobald dieser Punkt endlich erreicht ist, und es dauert nicht lange, schlägt bie Stunde für Einfürung der Maschinerie und die nun rasche Ver- Wandlung der zersplitterten Hausarbeit(oder auch Manufaktur) in Fabrikbetrieb. Beschleunigt wird dieser Prozeß durch die Fabrikgesezgebung, diese erste bewußte und planmäßige Rückwir- kung der Gesellschaft auf die naturivüchsige Gestalt ihres Pro- dnktionsprozesses. Es entwickeln sich Gesundheits- und Erziehungs- klauseln, ihre Verallgemciiieruug wird hier viel durchgreifender, als in den oft geradezu schreckhaft gestalteten Baulichkeiten der zerstreuten Hausindustrie.— Wir sehen daher auch alle reaktiv- uären Tezentralisationsbestrebungen im wesentlichen one Einfluß vorübergehen, ruhig get die innexe, auf matematisch-physikalische Gescze gegründete centralistische Entwicklung ihren Gang, und gerade die ganz in neuester Zeit aufgetauchten Centralheizungen, wie sie bereits in Amerika eingefürt sind, nach Art der städtischen Gas- und Wasserversorgungen, sind hierfür ein weiterer Beleg.— Für eine wirkliche Centralheizung in diesem Sinne— die für einzelne Wonhäuscr sind immer nur' Embryos— eignet sich nur der Dampf, wegen seiner leichten Wärmeabgabe bei der Konbeusation und seiner leichten Beweglichkeit halber in Röhren, auch wegen seines schon früher berürten universalen Karakters, der die viel- fachste Verwendung gestattet. Die Luftheizung ist für große Di- strikte schon ganz und garnicht zu gebrauchen, da sie nicht einmal für kleinere Anlagen in der richtigen Weise rcgulirt werden kann, auch die Querschnitte der Leitungen viel zu groß werden würden; desgleichen können die verschiedenen Systeme der Wasserheizungeu hier nicht in Betracht kommen, da die Eirkulation bes Wassers eine viel zu schwerfällige ist. Die centralistische Heizung der Zu- kunft wird eben die Dampfheizung sein. Der Einfluß des Klimas auf den Menschen und feine Gesundheit. Von Dr. Eduard Hleich. „ Auf die Gesundheit des Menschen wirkt die Gesamtheil der Äußeren Einflüsse, welche man Klima nent, in dem großartigsten Maße. Es gibt Klimate, welche die Gesundheit fvrbern, und wiche, welche die Gesundheit bedrohen, ja zerstören, lim hier klar Zu sehen, müssen wir das Klima in seine Bestandteile zerlegen. Je geringer die Extreme der Wärme, der Feuchtigkeit. Luft- bewequng in einem Klima, je besser das Trinkwasser und die Verhältnisse des Bodens, je freier die Luft von fremden Bestand- teilen und je günstiger die Beziehungen des Pflanzenwuchses, desto gesundheitsgemäßer das Klima. Tie Gesundheitsgemäßheit des Klimas drückt sich durch vollkomne körperliche Entwicklung der Menschen, durch möglichst wenig Krankheitsanlagen bei den- selben, durch ein sehr entwickeltes Vermögen des Widerstandes gegen äußere Einflüsse, geringe Sterblichkeit in den Jaren der Kindheit, Jugend und Reife, lange Dauer des Lebens, nicht allzu große eheliche Fruchtbarkeit, durch ein größeres Maß geistiger Frische und Tatkraft und durch ziemlich gleichmäßigen Wolstand oder doch Abwesenheit von Elend aus. Die Bewoner der guten Klimate sind nicht nur gesunder und bester ausgereift, als die Bewoner der schlechten Klimate, sondern im ganzen genommen auch schöner. Es komt alle Tage vor, daß man in Ländern mit gesundheitswidrigem Klima Frauen von glänzender Schönheit begegnet; aber neben diesen Engeln findet man Teufelsgroßmütter von kcnzeichnender Häßlichkeit. Inner- halb der gejundheitsgemäßesten Erdstriche dagegen ist der Durch- schnitt der Frauen schön und wolgestaltet, one feenhaft schön zu sein, und von abschreckender Häßlichkeit ist kaum oder nur höchst ausnamsweise etwas zu finden. Das Ozeanische Klima mit nicht allzu niedriger durchschnitt- licher Jareswärme, gutem Boden und angemessener Vegetation fördert am besten die Prozesse des tierischen Haushalts. Der große Reichtum der Luft an Sauerstoff, beziehungsweise das Freisein derselben von ftemden Bestandteilen, bedingt vollkomneren Umsaz der Gebilde im Stoffwechsel, bessere und raschere Aus- scheidung der verbrauchten Materien, energischeren Kreislauf des Blutes, kräftigere Atmung, stärkeren Trieb der Muskelbewegung und Nerventätigkeit, heiteres Gcinüt, gute Laune, gesunde In- stinkte, natürliche Regsamkeit. Das Klima der Hochgebirge hat, wegen seines meistens grellen Wärme- und Windwechsels, keinen sehr günstigen Einfluß auf die Schwächlinge des frühesten Jugendalters; aber auf den organi- schen Haushalt der Widerstandskräftigen übt die sauerstsffreiche Luft hoher Gebirge den besten Einfluß. Daher begegnen uns auf Inseln und an Seeküsten, sowie in Hochgebirgen in der Regel die gesundesten, kräftigsten Menschen mit längster Lebens- dauer. Vereinigen sich hohe Gebirge und Felsenküsten, so pflegt der Gesundheitsstand des Landes ein vortrefflicher zu sein und die Bewonerschaft durch alle Eigenschaften guter Gesundheit, voll- kommener Leibesentwicklung und seelischen Wolbefindens sich aus- zuzeichnen. Klimate mit großen Extremen in den Jareszeiten und Sumpf- boden sind die verderblichsten. Je südlicher und binnenländischer dieselben gelegen, desto gefärlicher werden sie für Gesundheit und Leben. Man weiß von derartigen Gegenden, daß alle Einwan- dcrungen daselbst ausstarben, oder nur sich erhielten, wenn un- unterbrochen Nachschub vom Mutterlande kam. Allzu große Kälte im Winter, allzu große Hize im Sommer und Sumpfboden, dies ist ein Komplex von Krankheitsursachen, deren Anprall nur die kräftigsten Organisationen widerstehen. Die Bewoner der Sumpfländer sind mehr oder minder all- gemein erkrankt, ja entartet, körperlich und seelisch gebrechlich. Die Aushauchungen des Sumpfbodens, die zu gewissen Zeiten des Jares besonders gefärlich werden, und die schädlichen Stoffe, die durch Genuß des Trinkwassers der Sumpfgegenden dem Organismus einverleibt werden, wirken aus das Blut krank- machend ein, verschlechtern dessen Mischung und sezen dadurch alle Vorgänge des tierischen Haushalts, den Blutumlauf und die Nerventätigkeit herab. Die Blutbildung wird da unmittelbar eben- so wie mittelbar gehemt, die Ausscheidung der unbrauchbar gewor- denen Materien ist mehr oder weniger unvollständig, die Muskel- bewegung get eines guten Teils ihrer stofflichen Grundlagen verlustig, und die Nervenelemeitte, aus deren Umsaz die Nerven- kraft ihren Ursprung nimt, entwickeln sich nicht in jener Menge und Beschaffenheit, wie dies die Voraussezung alles energischen Nerven- und Seelenlebens ausmacht. Behalten mir dies im Auge, so erstaunen wir nicht mehr über die Kraftlosigkeit, Schwäche, Beschränktheit, Schläftigkeit und andrerseits wieder Genußsucht, denen man bei den Sumpfbewonern häufig genug begegnet. Die Seelen-, die Karaktereigenschaften dieser Menschen entsprechen niedrigen Stufen der Entwicklung, ja nicht selten fallen sie schon in das Bereich wirklicher Entartung. Legte man in solchen Gegenden die Sümpfe trocken, regelte man den Pflanzenbau und verbesserte die Ernärung des Volkes, sorgte für gutes Trinkivasser und, durch Herstellung natürlicher Ventilation, für gute Atmungslust, so erhob sich die ganze Be- völkerung leiblich und seelisch, wurde gesunder, tatkräftiger, wider- i standsfähiger, sittlicher, lebte länger und glücklicher. Dies alles gründete sich auf Verbesserung der Blutmischung, vollkomneren Umsaz der Gebilde im Organismus und richtigere Ernärung des Leibes, besonders der Muskeln und Nerven. Im Seelenkarakter solcher Bevölkerungen mußten notwendig Ver- änderungen vor sich gehen, die denen in der Blutmischung u. s. w. entsprachen; waren die Menschen ehemals feige und hinterlistig, so entwickelte sich mit der Verbesserung ihrer Körperlichkeit zugleich ein Karakterzug von Willenskrast, Mut und Offenheit, und die gesellschaftlichen Beziehungen fingen an, demgemäß vorteilhaft sich zu verändern. In Gegenden mit heftigen Nord- und Ostwinden Helschen entzündliche Krankheiten, insbesondere der Atmungsorgane, vor, in Gegenden mit heißen Südwinden die Leiden der Verdauungs- organe und Nerven. Es ist für Auswanderer, mögen dieselben nach was immer für einer Richtung gehen, geraten, diese und andere klimatische Verhältnisse sorgfältig zu beachten. Mancher Auswanderer get, wenn er die Besonderheiten des neuen Klimas nicht mit der Beschaffenheit seines Organismus vergleicht, oft genug in den sicheren Tod. Menschen mit Anlage zu Krankheiten der Atmungswerkzeuge müssen gemäßigt warme Klimate erwälen, wogegen welche mit Anlage zu Nerven- und Vcrdauungsleiden besser an kältere, rauhere Klimate denken. Erdstriche, in denen es selten oder garnicht regnet, mögen niemals zur Einwanderung erwält werden, denn dieselben bieten nicht genug der zu gesundheitsgeniäßem Leben nötigen Feuchtig- kcit dar, und die Luft daselbst ist reicher an jenen mikroskopischen Wesen, welche zu so vielen Krankheiten Anlaß geben. In der Wüste regnet es niemals; doch zeichnet die Wüsten- luft durch große Reinheit sich aus und befördert in ihrer Art ebenso die Gesundheit, wie die Luft über dem Meere. Da jedoch niemand in der Wüste selbst leben kann, so muß jeder, der von dem woltätigen Einflüsse der Luft derselben Nuzen zu ziehen wünscht, am Rande der Wüste oder auf Oasen leben. Gegenden mit üppigem Pflanzenwuchs genießen immer der Woltat häufigeren Regens; namentlich sind es ausgedehntere, wolgepflegte Waldungen, die den Regen anziehen und so zu Ver- gesundung des Landes und seiner Bewoner wesentlich beitragen. Wo es Wälder gibt und Regen häufiger ist, hat man auch mehr Quellen und besseres Trinkwasser, als anderwärts. Da die Pflanzen, besonders unter Einfluß des Lichtes, Sauerstoff und aromatische Düfte ausbauchen, die beide zur Reinigung und Gesundheitsgemäßmachung(Salubrifizirung) der Luft wesentlich beitragen, sind Bäume auch in dieser Beziehung eine große Wol- tat für das Land. Mit dem Betreten eines fremden Himmelsstriches, einer andern Gegend muß jeder Mensch sich beeilen, seinen Organismus in Uebereinstimniung zu sezen mit der äußern Welt; er muß an die Besonderheiten des Klimas sich möglichst gut und vollkommen gewönen, in der neuen Gegend heimisch werden, allmälich sich akklimatisiren. Dies get bei dem einen leichter, bei dem andern schwerer, bei dem dritten garnicht von statten, get aber, wo es überhaupt möglich ist, umso schneller und gründlicher vor sich, je mehr Sorgfalt das Individuum auf seine ganze Lebensweise wendet und je besser dasselbe sich der Lebensweise der Eingebornen anbequemt. Ein guter Teil der durch den Einfluß neuer Klimate be- dingten Erkrankungen und Todesfälle koint auf Rechnung von Diätfelern, welche die Einwanderer begehen, indem sie die Lebens- weise ihres Geburts- oder bisherigen Wonlandes beibehalten und außerdem die Speisen und Getränke des soeben bezogenen Erd- striches allzu sehr sich schmecken lassen. Je wärmer die Himmels- gegend, in welche man auswandert, und je vortrefflicher die Früchte daselbst, desto größer soll die Mäßigkeit der Ankömlinge sein; denn Magenverderbrns in den Tropen gehört zu den gefärlichsten, ja tötlichsten Assektionen. Ist es dringend geboten, in Polarländcrn sich möglichst viel Bewegung zu machen, recht ordentlich und fett zu essen, so erfordert die Eingewönung in heiße Länder möglichst wenig Bewegung, sparsame und Ivenig fette Malzeiten, gewürzte oder doch würz- hafte Speisen und kaffeeartige Getränke. Diese lezteren sind aber auch im Norden vortrefflich und unter allen Umständen den starken geistigen Flüssigkeiten, die zumeist hundertmal schaden und nur einmal scheinbar nuzen, vorzuziehen. In kalten und heißen Himmelsstrichen fördern die kaffeearttgen Getränke die Verdauung und verhalten sich als ausgezeichnete Nervenmittel, vortreffliche Regulatoren des Nerveneinflusses auf die körperlichen Vorgänge. (Schluß folgt.) Sturmnacht. (Hierzu die Illustration aus Seite 533.) Fels'ges Gestade, heulender Orkan, Donner der Brandung, sternenloses Dunkel! Dem Segler, der geworfen aus der Bahn, Winkt keines Leuchtturms tröstliches Gefunkel. Rasend zerschellt das zügellose Meer Woge auf Woge an grauitnen Mauern, Und one Schranke waltet ringsumher Tod und Vernichtung und unsäglich Trauern. Kein Menschenauge blickt in diese Nacht, Kein Menschenherz will in der Oede klopfen, Und wer landein, den Donnern lauschend, wacht, Wischt von der Wimper sich des Mitleids Tropfen. Er denkt des Schiffs, um dessen Manschaft jezt Auf schlummerlosem Pfül die Weiber zittern, Und dessen Segel der Orkan zerfezt, Indes wie Rohr die starken Mäste splittern. Und dennoch irt ein zarter Mädchenfuß, Nur leicht beschut, umher am Saum der Klippe, Und flüsternd sendet einen Sehnsuchtsgruß Den wilden Wogen eine Mädchenlippe.— So schön, so schlank, so jung— ein halbes Kind! Was will sie hier— im festlichen Gewände? Sie spricht es herb und trozig in den Wind: „Der Tod ist Treue und das Leben Schande!" Sie löst das reiche, goldig-blonde Har Und läßt aufatmend es im Sturme fluten: „Noch bin ich frei! Als auf mir am Altar So triumphirend deine Blicke ruteu, Da schrie mein Herz ein leidenschaftlich Nein— Und one Furcht will ich's zu Ende süren. Ihr zwangt die Schwache, lächelnd ihrer Pein,— Doch der sie kaufte, wird sie nie berüren! Den ich geliebt, der meiner Seele Licht, Dem ich die Treue weinend einst geschworen,— Was ihr auch sagt, mein Herz verrät ihn nicht, Ob er auf imnier auch für mich verloren. Mein Sinn war dunkel, irre, krank und wund, Es schlug ins Herz der Zweifel seine Krallen, Doch als den Segen sprach des Priesters Mund, Da ist's wie Schuppen mir vom Aug' gefallen. Von meiner Brust wich eine Riesenlast, Und sinnend schaut' ich in den Hochzeitreigen; In mir war Stille, ich war heiter fast Bei der Trompeten Klang, beim Strich der Geigen. Und als in Bächen der Champagner rann, Blieb unbeachtet fast der Braut Entweichen; Nun steh ich hier! Nun komm, verhaßter Mann, Und hole mich— du wirst mich nie erreichen!" Sie trägt ein kleines, halbverblichncs Bild Am Band, das in die Kette sie geschlungen; Das küßt sie lange, innig, heiß und wild— Und in die Flut ist sie hinabgesprungen! Im Brautgewand, das schneeig sie umfließt, Gleicht sie, im Fall, getragen von den Winden, Der weißen Möwe, die vorüberschießt, Um rasch in Nacht und Brandung zu verschwinden.... Der Sturm erlahmte mit dem jungen Tag, Zum Murren ward der Kampf der Elemente, Und immer matter bricht der Wellenschlag Sich an der Mauer schwarzer Fclsenwände; Und eine breite Woge trägt den Leib � Der toten Braut vom Klippenfuß zum Strande Und bettet sanft das stille, blasse Weib Im muschelreichen, weißen Usersande. Wie ist sie friedlich nun und rürend- schön! Es trägt ihr Mund das Lächeln des Triumphes. So lächelt nur, wer sich zu reinen Höhn Emporschwang aus der Region des Sumpfes. Umschlossen hält die kalte Hand das Bild, Als sorge sie, daß ihr's genommen werde Im Tode noch.— Ihr aber— richtet mild! Mehr Unglück ist, als Schuld aus dieser Erde. Brücke aus Bambus auf Borneo.(siehe@.532.) Wenn man den leichten Steg betrachtet, der da»n luftiger hohe die Verbm- dung der breiten Ufer eines die üppige Vegetation Borneos durch- eilenden Flusses herstellt, so ist man im ersten Moment im Zweifel, ob nicht den dortigen Eingebornen inbezug auf waghalsige Uuterne- mungen ein noch höherer Preis gebüre, wie den in dieser Beziehung genugsam bekanten Amerikanern. Denn ein simpleres und schwanken- deres Bauwerk wie die Brücke auf unserer Abbildung vermag auch der verwegenste Dankee nicht herzustellen— dieser verwendet zu solchen Zwecken nicht allein starke Holzstämme, sondern auch das wichtigste Ma- terial der Gegenwart, das Eisen, aber er färt dann auch im rasenden Galopp mit dem Dampfwagen darüber, Wärend die Dayaks in Borneo, wie Figura zeigt, hübsch zu Fuß dieses Konimunikationsmittel benüzeu. Dort per Dampfroß, hier per Schusters Rappen, wenn das bei Leuten, die barfuß gehen, zu sagen gestattet ist; dort das einen fortgeschritineren Kulturgrad dckumentircnde Eisen, hier der in Massen vorkommende Bambus als Baumaterial, das ist der Unterschied. Mit Bambus baut der Dayak unter anderem auch seine Befestigungen. Das dort in großen Massen vorkommende Eisen nüzt vorläufig direkt nur dem Europäer. — Borneo ist nicht nur die größte Insel in Hiuderindicn, sondern der Erde überhaupt. l3 6(X) Quadratmeilen groß, hat sie 670 Meilen Küstenumfang und einen Durchmesser von S. nach W. von 170 Meilen. von O. nach W. von 150 Meilen. Im Innern der Insel erhebt sich ein gewaltiger Gebirgsstock, von dem fünf Gebirgsketten nach NO., W., SW., S. und O. ausgehen, die bis zu einer Höhe von 13 700 Fuß aussteigen. Zwischen diesen Bergketten senken sich nach den Küsten hin Stusenländer ab, die meist in ausgedehnten, aus Schwamland bestehen- den, versumpften Tiefebenen enden. Ueberhaupt ist die Insel von einem 6—10 Meilen breiten Gürtel umgeben, der aus sumpfigem Küstenland bestet, welcher Umstand den Zugang»ach dem Innern sehr erschweren würde, hätte Borneo nicht eine große Anzal Flüsse, die selbst für Schiffe von 4 Meter Tiefgang 20—40 Meilen von der Mündung schiffbar sind. An Naturprodukten ist Borneo reich. Das Gold, von den Chinesen als Waschgold gewonnen, liefert einen järlichcn Ertrag von ca. 30 mill. Mark; die Ausbeute an Diamanten ergab 1850 2100 Koral. Außer dem schon genanten Eisen findet man Antimon in großen Massen, Stein- kolen von ganz besonderer Güte, desgleichen Platina, Kupser, Queck- silber, Zinn, Steinsalz, Schwefel, Erdöl u. s. w. Die Vegetation der Insel ist sehr üppig und bildet ausgedehnte Urwälder. Man zält 60 Arten Bauhölzer, worunter das sehr feste Eisenholz. Unter den Harz und Gummi erzeugenden Stämmen mint der Taban, welcher das beste Gutta-Percha liefert, die vorucmste Stelle ein. Außerdem harren noch l verschiedene Oele, Gewürze, Färb- und Faserpflanzen einer genauen' Untersuchung. Bedeutend für den Handel sind die Naturerzeugnisse von Gutta-Percha, Benzoeharz, Sago, Gomutipalmzucker, spanisches Rohr, Wachs und Honig. Hauptnarungsmittcl bilden Reis und Sago, aus der Frucht der Gomutipalme braut sich der Eingeborne, der Dayak, eine Art geistigen Getränks. Dagegen deckt er mit den Blättern der Nipapalme seine Häuser.— Die Tierwelt ist in den Wäldern zalreich vertreten: kleine Leoparden und Bären, verschiedene Affenarten, darunter der Orang-Utang, Schweine, Tapirs, Büffel und viele Hirscharte», sowie eine sich durch ihre Farbenpracht auszeichnende Vogel- nnd Insekten- welt bilden die Fauna Borneos. Reißende Tiere kommen weniger vor. In den Flüssen lebt ein dem Gavial des Ganges änliches Krokodil. Die Bevölkerung der Insel wird aus 1— 2>/z Millionen geschäzt, davon sind Vs muhammedanijche Malayen, 2/3 Dayaks und der Rest Chinesen und Europäer. Seit 1778 haben sich die Holländer dort sestgesezt und den größten Teil Borneos in holländische Lehensstaaten verwandelt. Nur die Nordwestküste und der nördliche Teil des Landes ist unab- hängig von der holländischen Herschast. Die Seeräuberei, welche von den Malayen lange Zeit betrieben wurde, sowie die Grausamkeiten der Ureinwoner sind wesentlich gemindert worden durch den Engländer Brooke, der von 1340— 1868 als„Resident von Sarawak", viel für Hebung der Kultur der Eingebornen getan hat. Die größten Städte von Borneo sind Pontianak mit 20 000 Einw., Sambos mit 10 000 Einw. und Kutschink, Hauptstadt des von den Holländern unabhängigen Reiches Sarawak, mit 15 000 Einw.— Die Wonungen der Dayaks sind hölzerne, auf hohen und starken Pfäleu stehende Häuser. Ist ein Stamm klein, so wouen die verschiedenen Familie» desselben zusammen; nur hat jede Familiengruppe in dem Hause ihren besonderen Eingang, der aber mit den übrigen durch eine längs des Hauses hinlausende überdeckte Galerie verbunden ist. Dieser Gang dient auch häufig als Raum zur Verrichtung häuslicher Geschäfte: die Männer fertigen Äcker-, Jagd- und Kriegsgeräte, die Frauen fertigen Körbe und Matten u. s. s. Tische und Stüle kent man nicht, man nimt seine Malzeiten am Boden ein. Ebensowenig soll es Schlüssel oder Riegel geben, was vermuten läßt, daß die uncivilisirten Dayaks noch einen beträchtlichen Weg zurück- zulegen haben, um unsere Kultur mit ihrer rasfinirten Spizbüberei zu erreichen.. ort. Raphael MengS(Schluß). Wie produktiv unser Künstler war, beweist am besten die große Anzal Gemälde, welche derselbe hinter- lassen hat. So hat er in Madrid allein 25 größere oder kleinere Bilder ul krasco in Oel ausgefürt für den König von Spanien, außer- dem 15 für Privatpersonen; Sachsen besizt 9 Gemälde von Mengs— darunter das große 33 Fuß hohe und 16 Fuß breite Altarbild in der Hoskirche zu Dresden—. außerdem die drei Zeichnungen zu diesem und den beiden kleinen Altarbildern, und dann noch 9 Pastellbilder: 540 8 Porträts und den berühmten Amor. Ferner waren bei seinem Tode noch 63 verschiedene Geniälde und Zeichnungen in den verschiedensten Ländern zerstreut. Eine Anzal seiner Werke wurde schon früh in Kupfer gestochen. Wengs ist bei Lebzeiten als Maler gefeiert worden wie selten ein Künstler. Heute haben seine Darstellungen mytologischer und reli- giöser Gegenstände nicht mehr den Wert wie früher. Tagegen werden seine in Pastell ausgefürten Porträts immer uoch als Meisterwerke an- erkant. Daß die Jcztzeit der ersteren Gattung seiner Werke nicht das Lob erteilt wie die Zeitgenossen des Künstlers, mag berechtigt erscheinen. Mcngs lebte in einer Üebergangszeit, in der die alten Kunstzustände in Auflösung begriffen waren; viel zur Besserung hat er beigetragen, aber ganz hat ihn der Genius der Kunst doch nicht über seine Zeit zu heben vermocht. Dann mag wol auch die Anschauung, das Schönheits- ideal der Plastik aus die Malerei zu übertragen, welche durch Winkelmann an Einfluß gewann und sich auch in dem von Wengs hergestellten Deckengemälde„Parnaß" in der Villa Albani ausspricht, viel Anteil an der nicht so großen Bedeutung der mengs'schen Historienbilder für alle Zeiten haben. Grade dies Prinzip läßt die einzelnen Figuren wie das Gesamtbild des„Parnaß" steis und kalt erscheinen. Dauernden Wert dürfte Wengs aber als Schriftsteller behalten; wenigstens einige seiner Schriften verdienen es, immer und immer wieder gelesen zu werden. Freilich macht sich in einer derselben:„Praktischer Unterricht in der Malerei", auch die an ihm geübte eigentümliche Erziehungs- metode geltend, denn er verlangt von dem, der ein tüchtiger Maler iverden soll, daß er schon von seinem vierten Jare an zeichnen solle. Ob er selbst durch diese Bildungspraxis zum Künstler geworden oder ob er nicht vielmehr doch dadurch nach mancher Richtung hin geschädigt ivorden ist, läßt sich heute wol schwer beantworten, aber jedenfalls würden diese Metode nicht alle Naturen mit der mengs'schen Geduld ertragen.— Recht beachtens- und lesenswert ist seine Schrift„Ueber den Ursprung, Fortgang und Verfall der Künste." Er wendet sich hierin zunächst gegen die Ansicht, als seien die Künste an einem Ort oder bei einer Nation entstanden. Er spricht sich darin auch zugleich für die heute wissenschaftlich begründete Anschauung aus, daß die Griechen nicht als ein belonderes, gottbegnadetes Volk die Kunst vom Himmel, sondern von andern Völkern empfangen hätten, deren künstlerische Leistungen sie infolge ihrer höheren Kulturstellung nur veredelten und in bedeutendem Grade steigerten. Welchen Wert Mcngs auf die Leibesübungen und somit auf den Einfluß des griechischen Volkslebens auf die Kunst legte, ist so intereffant, daß wir nur jedermann raten können, es bei ihm selbst nachzulesen. Ebenso den Ab- schnitt über den Verfall. Nachdem er hier die Unterjochung Griechen- lands durch die Römer und den Einfluß der Bildung des ersteren auf die lezteren kurz angesürt, färt er fort:„Lassen Sie uns betrachten, was ein und dieselbe Sache bei verschiedenen Nationen nach ihren Grundsäzen und Sitten für Wirkungen hervorbringen kann. Die Römer, die blos Soldaten und Redner, aber gar keine Philosophen waren, hatten kaum angefangen, ihr rohes und wildes Wesen abzu- legen, als sie auf einmal in den uneingeschränktesten Luxus verfielen, und die Begriffe des Schönen mit dem Begriff des Reich- tums verwechselten, indem sie sich, wie viele jezt noch, einbildeten, daß alles, was gefalle, auch schön sein müsse. Nach diesem Grundsaz glaubten sie Schiedsrichter zu sein, um von allem zu urteile», one Wissenschaft und Kentnis von dem Wesen der Dinge." Wir haben diese Säze wörtlich zitirt, weil es auch heute leider noch Ansichten und Praktiken gibt, gegen welche die mengs'schen Worte An- wendung finden könten. Ebenso scharf wird aber auch von ihm der Einfluß getadelt, den die Verbreitung des Christentums auf den Versall der Künste ausübte, indem die Häupter der neuen Religion in ihrem Fanatismus viele der schönsten Statuen als Gözenbilder zerstörten. Wengs— er war gläubiger latolischcr Christ!— schreibt darüber: „Als nachher das occidentische Kaisertum sich von neuem bildete, war der Gözendienst schon ausgerottet und das Christentum in seinen weit- läufigen Provinzen eingcfürt. Daher dachte ma» an die Künste, aber mit wenig Erfolg, denn die Unwiffenheit hatte sich über die ganze Welt ausgebreitet, und da sich dieses Kaisertum über barbarische und wilde Nationen erstreckte, die von dem Umgang niit Länder» von sanfterem und milderem Klima und feineren Sitten, wo ehedem die Künste und Wissenschaften geblühet hatten, abgesondert waren, so wurde nicht das geringste Gute hervorgebracht. Tie Bildhauer besonders legten sich darauf, die Menschen mit solchen lächerlichen Kleidungen nachzuahmen, die die Gestalt mehr verbergen, als ankleiden. Desgleichen sind alle Denkmäler, die man gotische nent, zc." Analog diesem sind die Bemerkungen, welche er dem Verfall der Baukunst widmet. Er, der ein Freund des Einfachen und ein Feind des Ueberladcnen und Un- natürlichvi war, der sich durch das Studium der einfach-großartigen Werke der Antike und der Renaissance aus seiner verzopften Zeit er- heben wollte, konte natürlich auch kein Freund des tendenziös-knöchernen Stiles sein. Und es ist deshalb erklärlich, wenn er gegen die Na- tionen, wo dieser Stil am meisten Eingang gefunden, die Franzosen und Deutschen, oft in der verbittertsten Weise spricht. So sagt er: „Durch Hülfe der Religion und durch einige flüchtige griechische Mönche wurde vielleicht diesen genanten Nationen einiger Schimmer von den Gebäuden zu Konstantinopel mitgeteilt, und darnach wurden einige Tempel erbauet, indem sie sich mit den bloßen Regeln des Mechanische» der Baukunst behalfen. Da endlich diese Metode überhand nam, und man das ganze Verdienst in Schwierigkeit und Kühnheit, nicht aber in Zierlichkeit sezte, so entstanden bei diesen Nationen jene ausschreitenden und seltenen Dinge, die dem guten Geschmack und der Vernunft ganz und gar zuwider sind; und zufälliger Weise sezte sich der Geschmack in der Baukunst fest, der aus Misbrauch Gotisch genant wird, und in der Tat der Deutsche ist."— Seine Hauptschrist ist aber„Gedanken über die Schönheit und über den Geschmack in der Malerei." Diese würde jedoch, wollten wir darauf eingehen, allein eine umfassende Ab- Handlung beanspruchen. Wengs hat darin Gedanken über den Einfluß der Schönheit auf die Entwicklung der Menschen ausgesprochen, die an Großartigkeit mit denen wetteifern, die Schiller in der einzig in ihrer Art dastehenden Abhandlung„Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen" niedergelegt hat. Hier mag zur Beherzigung nur die eine Stelle Plaz finden:„Da nun die Alten mehr als wir die Bollkommen- heit suchten, so namen sie einen einzelnen Teil, fingen aber bei dem Nötigsten an und brachten dieses lieber zur Vollkommenheit, als daß sie viel unterncmen und unvollkonimen lassen sollen; wärend wir hin- gegen nur suchen, den Thoren vollkommen zu scheinen und des Wei- seren Lob one Geld nicht achten, und der Gehorsam gegen den Liebhaber mehr als Vernunft und Kunstregcln gelten muß, Wir stehen für die Schönheit der Künste in Schuld bei den Völkern. bei denen nicht das Glück, sondern die Vernunft Größe war, wo ein Philosoph der größte in der Stadt, ein Künstler ein Philosoph genant wurde." Das Wenige mag genügen, um die Anschauung Wengs' zu kenzeichnen, sowie sein Bestreben der Kunst, und mit ihr der Mensch- heit zu nüzen. Er war denn auch ein großer Verächter des schnöden Mammons und benüzte ihn nur, um seine Privatkunstsamlung dadurch zu bereichern, und als er starb, fand man bei ihm, der in den leztcn 18 Jaren seines Lebens über I8t)()(X) Speziestaler(5— Kt>() OVO Mark) eingenommen, kaum soviel, um sein Begräbnis zu bczalen. Seine 7 Kinder— 13 waren ihm gestorben— wurden durch die Milde fremder Personen versorgt. Wengs besaß ein hiziges Temperament und sagte in Kunstangclegenheiten jedermann seine Meinung offen und ehrlich. Hatte er dabei jemand vcrlezt, so bereute er es nachher und suchte es wieder gut zu machen. Dieser Zug schöner Menschlichkeit, das Gute stets zu wollen und nach Kräften zu fördern, machte sich auch in seiner Eigenschaft als Familienvater, in vorwiegend hohem Grade aber als Künstler geltend und diese Art seines Karakters wird ihn auch den Geschlechtern aller Zeiten unvergeßlich mache». urt. cKus allen QFinKeCn der Zeitliteralur. Verbrauch von Postkarten. Die erste Idee zur Einfürung der Postkarte ging von dem Leiter des deutschen Postwescns, Herrn Staats- ! sekretär Stephan, aus und zwar schon im Jare 18öS. Eingesürt in den öffentlichen Berkehr wurden jedoch die Postkarten zuerst in Oesterreich- Ungarn am 1. Oktober 1869, und wies der sofortige Konsum dort in einem Quartal 2 930 000 Stück auf 1870 im Juni trat diese Ein- richtung auch in Deutschland ins Leben und wurden am 25. Juni, dem Tage der Einfürung, in Berlin allein si, 468 Stück abgesezt. Seit 1870 sind dem Beispiele Oesterreichs und Deutschlands auch die übrigen . Staaten der Welt gefolgt. In Europa werden gegenwärtig järlich 350 mill. Postkarten verbraucht, in den Bercinigteii Staaten vou Nord- amerika 250 Millionen. Neben 307 042 000 Brisen beförderte die deutsche Rcichspost 1872 7 727 833 Karlen, und 1873 stieg die Zal der expe- dirten Karten auf 24 952 986 neben 337 567 392 Brisen. 1879 wurden von 350 Millionen Postkarten Europas allein von der deutschen Reichs- post 122 747 000 Stück versaut, darunter mehr als 16 Millionen Stadtpostkarten. Um diesen Bcdars zu decken, liefert die Reichsdruckerei zu Berlin täglich im Durchschnitt 400000 Formulare im Gewicht von 1360 Kilogramm. Zu ihrer Herstellung sind 3 Schnellpressen, 2 Dampf- schneidemaschinen und 28 Personen benötigt.— Wäreud des Krieges 1870 wurden zwischen der deutsche» Armee und der Heimat 10 mill. Postkarten gewechselt. Zwischen Teutschland und dem Auslände weist der Kartenverkehr 1879 16 614000 Stück aus gegen 14 096 000 im Jare 1878. In 73 Ländern der Erde wird auf karten korrcspondirt; Wellpostkarten sind gegenwärtig in 44 Staaten eingesürt. urt. Inhalt. Häschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Erinnerungen an die Türken aus der Zeit der Revolution in Ungarn. Von einem alten Honvedoffizier(Schluß).— Einige Worte über Heizungswesen, von Ingenieur W. Fabian.— Ter Einfluß des .Klimas auf den Menschen und seine Gesundheit, von Dr. Eduard Reich.— Sturmuacht. Gedicht von L. H.(Mit Illustration.)— Brücke aus Bambus auf Borneo(mit Illustration).— Raphael Mengs(Schluß.)— Aus allen Winkeln der Zcitliteratur: Verbrauch von Postkarten. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 306).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.