M 45. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Herschen lider dienen? Roman von M. KauksKy. (18. Fortfezung.) _ Ter dritte Akt begann. Die niiisikalifche und dramatische Leidenschaft erreicht hier ihren Höhepunkt: eine Mondnacht an den Ufern des Nils. Radamös sucht Alda und findet sie. Tie stanze Glut lang zurückgehaltener Liebesleidcnschaft bricht hier aus. Tie Musik wird der Tolmctsch der stürmischsten Gefüle. Elvira war hinreißend in ihrem Feuer, in ihrer Leidenschaft, und Friz fülte sich mit hineingerissen, getragen von ihrer Sicher- heit, von ihrer Kunst; beseelt von ihrer Innerlichkeit, von ihrer Glut entflamt. Und sie spielen nicht mehr, sie sind Alda und Radamös. Und sie schmiegt sich an den Geliebten; sie legt den Arm um seinen jugendlichen, weit entblößten Hals, und schmeichelnd, in Sirenentönen flet sie ihn an, mit ihr zu fliehen. Nur in der Ferne,.vergessend was war", können sie einander angehören, können sie glücklich sein. Er zaudert. Alle seine Pflichten sind >>n Widerstreit mit seiner Leidenschaft,— aber vermag die Liebe nicht alles zu besiegen und alles zu erreichen? Und sie bringt seine Bedenken zum Schweigen, und er willigt ein, und Vater- land, und alles will er verlassen um ihretwillen, und er will in die Wüste mit ihr! Und nun, einmal entschlossen, ist er es, der m leidenschaftlicher Weise nach der Erfüllung drängt: „Komm, komm!" Mit einem Aufschrei des Entzückens, alles gewärend, alles verheißend, stürzen sie einander in die Arme, und sie umschlingen sich fest.,_ Das Publikum hatte tief erregt, fast atemlos dieser �zene gelauscht, ganz unter dem Eindrucke, den dieser Liebesparoxismus auf sie übte; zezt brach es in einen frenetischen Beifall los. Es raste förmlich, und diesmal galt dies begeisterte Zujubeln nicht der Bianca allein. Alles war darüber einig, daß Alda und Radames zusammen eine so vollendete Kunstleistung geboten, daß das Verdienst des einen von dem Verdienst des andern garnicht mehr zu trennen sei. Und sie paßten ja so herlich zusammen, in ihren Gestalten, in ihren Stimmen, in ihrer ganzen Art und Weise, daß man sie in Zukunft immer zusammen hören wollte. Und sie erschienen Hand in Hand, als man sie immer und immer wieder hervorrief, beide nöch erhizt voin Spiel, beide mit leuchtenden Augen und einem stolzen, glücklichen Lächeln, und man wurde nicht müde, sie anzusehen und sie immer wieder zu rufen. Und Blumen, in alle erdenklichen Formen gebunden, wurden ihr heraufgereicht, und Friz brachte sie ihr, und sie neigte sich dankend und reichte einen Strauß und einen Kranz nach dem andern in die Kulissen. Nur einen solchen von dunklen Rosen schlang sie mit einem schelmischen Lächeln um ihre mit Friz vcr- einten Hände, worauf das Publikum in ein lautes, zustimmendes Jubelgeschrei ausbrach. Der folgende Akt brachte nach der vor- trefflich dargestellten Sterbeszenc eine Wiederholung dieser Ova- tionm, da eine Steigerung nicht möglich war; hierauf siel der Vorhang zum leztenmale. Das Publikum stürmte hinaus, und der Sa! leerte sich schnell. Die grauen Borhänge wurden wieder über die Logen und Size gezogen, das Gas wurde abgedret und der Vorhang in die Höhe gezogen. Der Ausblick von der Büne in den nun voll- ständig leeren Zuschauerraum, der von einem feinen Staub erfüllt war, war frei. Auf der Büne waren die Tcatcrarbciter mit dem Abräumen beschäftigt, und sie hatten vollauf zu tun, Wärend die darstellenden Mitglieder längst in ihren Gardecoben sich befanden, um sich daselbst auszukleiden. Jezt kam Hellenbach auf die Büne, mit ihm der Gesante und Herr von Bennwitz und noch einige Herren von der Jeuncsse d'oröe Venedigs. Hellenbach ging nach der Garderobe Elvira's und konferirte, da er nicht eingelassen wurde, an der Tür mit ihrer Zofe. Die auf der Büne zurückgebliebenen Herren tänzelten, ! die Klemmer auf der Nase, die Stöckchen in der Hand, auf dem Podium herum, höchlichst belustigt, auch einmal auf diesen Brettern zu stehen; dabei hin und her gestoßen von den Arbeitern, bald in Gcfar, von einer Latte erschlagen zu werden oder in eine Vcr- senkung zu stürzen, mit der man soeben ein Vcrsezstück hinunter- gelassen. Sie mußten bald vorwärts, bald rückwärts springen, nnd da geschah es denn, daß einer dieser Hochgeborncn über einen Gasschlauch stolperte und hinfiel, und daß ein zweiter von den in ein Bündel zusammengefaßten Hellebarden der Acgypter, die an ihm vorübergctragen wurden, fast gespießt worden wäre. In ihrem gedankenlosen Aiutivillen lachten sie dcmungeachtct wie toll, und sie wichen und wankten nicht. Dies alles war, ihrer Mei- nung nach, doch einzig zu ihrem Spaße da, und diese Tölpel von Arbeitern hätten nur besser aufzupassen. Als aber einer von diesen laut zu schimpfen anfing und sie hinwegwies, weil die Herren sie, die schon totmüdc seien, nur in der Arbeit aufhielten, und weil auch noch ein Unglück geschehen könte, da zeigten sie sich über diese Roheit anfs tiefste indignirt; aber was kann man auch von so ungebildeten Menschen anderes verlangen!— Sie zogen sich in eine Ecke nahe den Garderoben zurück. Das war der richtige Plaz für sie. Es ivaren die Garderoben der Damen vom Ehor und vom Ballet, und diese kanien nun in ihren Straßenkleidern, noch sehr viel Malerei in den Gesichtern, eine T tfr'Wig, Ii,«uguft 1881. nach der andcrn zum Vorschein. Die Herren flogen auf sie zu und wurden mit einem herausfordernden Kichern empfangen. Sie standen bald in einen Knäuel zusammendrängt, und wenn man nach den Mienen und den Gestikulationen namentlich der Mädchen hätte einen Schluß ziehen dürfen, so hätte man glauben können, es würde hier das Wichtigste und Interessanteste verhau- delt oder mindestens das Lustigste. Aber es waren die dümsten Bemerkungen und blödesten Wize, die diese Kavaliere hier aus- kramten und zu denen sie die Kommentare sogleich pantomimisch lieferten, was dann von beiden Seiten mit kannibalischem Ge- lüchter aufgenommen wurde, wobei sich beide Teile höllisch wol befanden. Jezt kam Hellenbach zurück und berichtete, daß Signora Bianca bei dem Bankett nicht felc», daß sie aber dafür erst in ihrem Hause Toilette machen werde. Sie lasse daher bitten, weder hier noch überhaupt ans sie zu warten, da sie unmöglich bestimmen könne, wann sie soweit ausgerut sein werde, um in der Gesell- schaft zu erscheinen. Dieser Bericht wurde mit vielen A und O der Enttäuschung aufgenoinmen. Und von der sanguinischen Hoffnung, die Diva sogleich in Empfang nemen zu können, verfiel man in das Extrem totaler Verzweiflung. „Sie wird nicht kommen— das ist nur eine leere Vertröstung — das kennen wir," riefen alle. Der Gesante aber, halb lachend, halb in wirklichem Aerger, ergriff Hellenbachs Arm. „Nun, ich weiß mir nicht anders zu helfen, Baron, ich schleppe Sie mit mir als Geißel," rief er,„und ich werde dies Attentat aus ihre Freiheit der Diva bekant geben. Vielleicht hat sie dann die Gnade zu kommen, um ihren armen Scladon zu erlösen." Man besorgte diese Botschaft durch die Garderobierin, und die Kavaliere verließen das Tcater. Bald darauf öffnete sich die Tür von Elviras Garderobe. Die Zofe erschien, hinter ihr zwei Mädchen, die einen großen Korb trugen, er enthielt die Teatergarderobe der Diva. Sie gingen rückwärts über die Büne, wo nur noch zwei Lampen branten, und traten durch ein kleines, offen gebliebenes Türchen gegen den Kanal hinaus. Zwei Gondeln erwarteten daselbst die Primadonna und ihre Dienerschaft. Ei» livrirter Diener kam hinter den Mädchen her, er war mit den Kränzen und Bukets beladen, aber er achtete nicht sonderlich der herlichen Blüten, die der Uebermut der Reichen in solcher Fülle gespendet; er schichtete alles zusammen; die Kränze über die Arme gereiht, die Bukets ineinander gepreßt, und schleppte es nach der Gondel. Nun trat Elvira selbst aus der Tür. Sie trug das weite, weiße Musselinkteid, das sie nirgend beengte,— ein wares Döshabille— und darüber hatte sie einen dunklen seidnen Mantel geworfen, der ihre Gestalt fast ganz um- hüllte. Ihr Gesicht war sorgfältig abgeschminkt, es hatte den zarten natürlichen Ton, der vielleicht in diesem Augenblick, nach der physischen und geistigen Anstrengung, etwas blässer als gcwönlich war; um so dunkler erschienen die tiefen Augen, aus denen ein stolzes Feuer leuchtete. Es war stille geworden auf der Büne; alles hatte sich be- reits entfernt. Langsam schritt sie über das hallende Podium, den Kopf etwas gesenkt, wie in Gedanken, dem Ausgange zu. Hier war der Wächter postirt und der Teaterdieiicr. Der leztere war ein kleines, behendes Mäncheu, das den Spiznamen Meandro erhalten hatte, weil er um die Mitglieder, und nanient- lich um die Damen sich in allen Windungen herumzuschläugeln wußte, um etwas zu erhaschen, mit dem er den unbezwinglichen Durst zu beschwichtigen— zu löschen, das war nicht möglich— versuchte, und der, wenn auch abgewiesen, immer wiederkehrte und auf Schliche und krumme Wege ging, sobald es ihm etivas eintragen konte. Also Meandro lag hier auf der Lauer. Als jezt die Primadonna sich näherte, schlängelt er sich ihr entgegen, und er salutirte mit einem verliebten, vertraulichen Lächeln. Sie 1 yob den Kopf, bemerkte ihn und dankte freundlich. Dann blieb sie stehen und horchte. Eine Kadenz, von einer Männerstimme gesungen, ward aus einer der Garderoben verncmlich und erregte ihre Aufmerksamkeit. Der Ton klang frölich hell, und doch schien eine leidenschaftliche Erregung noch in ihm nachzuzittern. „Ist Siguor Berger noch in seiner Garderobe?" fragte sie I Meandro, der an ihrer Seite sich krümte. Dieser nam eine wich- tige und etwas zärtliche Miene an, und gegen die Garderobeutür zeigend, flüsterte er:„Er war sehr erhizt, sehr aufgeregt— nun ja, ein erstes Auftreten, Signora— Ivir kennen das, und er ist noch grün— und da habe ich ihm denn geraten, er solle sich mit einem Glas Champagner refraichiren, und da er nicht Nein sagte, habe ich flink eine Flasche gebracht und zwei Gläser— wir haben auf Ihre Gesundheit getrunkeu, Signora"— er machte ein Kompliment in mehreren Krümmungen;„aber eorpo äi Dio, was bedeuten ein, was bedeuten zwei Gläser Champagner, auf ein so erhiztes Innere gegossen, das Sie Signora in Brand ge- sezt, ihn hat's nicht abgekült und mich auch nicht— Signora, ich lechze!" seine Hand streckte sich in Windungen ihr entgegen. Sie zog eine Börse aus ihrer Mauteltasche und gab ihm ein Fünffrancstück. Meandro legte in höchst teatralischer Weise die Hand ans Herz und sendete einen gerürten Blick gegen Himmel. „Signor Berger zeigte sich wol sehr befriedigt von seinem großen Erfolge?" fragte sie leicht hin. „Er war unbündig lustig, il Siguor Fcderigo, und er hat über meine Wize sehr gelacht— aber heiß war ihm— nun ja so ein junges Blut— wie ich so jung war, o— da hätten Sie mich kennen sollen. Signora— ein Vulkan— Lavaströme in allen Adern.—" Er schüttelte sich. Sie hatte einige Schritte vorwärts getan und wollte an ihm vorbei; er vertrat ihr mit einer raschen Bewegung den Weg. „Unser Fedcrigo saß am Fenster, als ich ihn verlassen hatte," für er fort, in lebhafter Weise wieder den Gegenstand des Ge- spräches aufnemend, von dem der Schlaue voranssczte, daß er sie interessirte,„und er hatte den Aegypter ausgezogen und seinen gewönlichcn Menschen noch nicht völlig wieder au, und er ist ein Prachtkerl— Signora— un ragazzo ruagnifico!" Meandro hatte ein frivoles Grinsen, und er schnalzte mit der Zunge, wobei sich sein kleines Gesicht in hundert Falten legte; dann noch vcr- traulicher:—„Soll ich ihn herausrufen? darf ich ihm verraten, daß Sie hier sind, Exzcllcnza, oder was soll ich ihm sagen?" Elvira sah ihn starr mit ihren großen Augen an und sagte vornem:„Sie haben ihm garnichts zu sagen." Sie ging au ihm vorbei, one ihn weiter eines Blickes zu würdigen, und sie schritt durch die kleine Tür ins Freie. Der Tcaterdiener kicherte in sich hinein, und er krümte sich dabei wie ein warhaftiger Meänder,„Nichts zu sagen— so— nichts zu sagen— elie, ebe! und mir möchte sie dies weiß machen, mir! o, o, als ob ich sie�nicht gesehen hätte, wie sie bei seinen Szenen mit Amneris hinter den Koulissen gestanden und auf jeden Ton gelauscht und dabei die Augen nicht von ihm gewendet hatte, na, und das waren Augen! und die Liebesszenen, die spielt man auch nicht so, wenn man nicht— ebe, die!- und wie sie jezt seine Stimme gehört, da gings ihr wieder durch alle Nerven; ich kenne das, man ist nicht umsonst 20 Jare beim Tcater »ud nichts zu sagen--! Ich werde ihm sehr viel zu sagen haben." Er wendete sich; da öffnete sich eine Tür an der eutgegenge- sezten Seite. Friz trat heraus. Meandro schoß, zwischen den Äonlissenwägen sich hindurch windend, auf ihn los:„Komplimente, Signor, urnilissirno servo, schon abgekült? ich nicht, o die Hize Siguor, und der Durst!" Friz lachte.„Ihr habt ja die ganze Flasche ausgetrunken, Schlingel, und uiir nichts übrig gelassen!" Meandro nam eine ungeheuer gekränkte Miene an.„Oime Signor, ein Tropfen war zurück geblieben, ein Tröpfchen; als ichs schlürfte, zischte es auf, als fiele es auf heißes Eisen; was nüzt es mir! Ich brauche ein größeres Quantum, und wenns auch gerade nicht Champagner wäre, und ich muß nun auf Ihr glück- liches Debüt trinken, Signor; ich trinke immer auf glückliche De- büts, ich bin das den Künstlern schuldig, denn es bringt ihnen Glück.">13' „Da hast du!" rief Friz,„va!" und er gab ibm einen Franc. Meandro besah in mit wehmütiger Miene. Sie ist splendider, dachte er, sie ist mehr verliebt wie er, und sie toll ihn haben. Friz hatte sich dem Ausgange zugewendet, der nach dem Plaze fürte, er wollte zu Fuß gehen; der Kleine faßte ihn aber am Arme, und mit ungemeiner Lebhaftigkeit zeigte er nach der an- deren Seite: � „Eccola, eccola, dort ist sie!" „Wer? die Tür?" „Die Diva, Aida; sie hat soeben nach Ihnen gefragt?" „Nach mir?" „Freilich, sie wartet auf Sie, gehen Sie nur schnell." Friz drete sich um und schritt rasch über die Büne und durch das Türchcn, das der voraneilende Mcandro bereits geöffnet und nun mit„tauti saluti" und der Miene eines Satirs hinter ihm schloß. Die Bagaglia und die Blumen, die Mädchen und der Diener waren glücklich in der einen Gondel untergebracht, die sich soeben entfernte. Elvira hatte in der zweiten Plaz genommen; in ihren Mantel gehüllt, hatte sie sich tief in das schwellende, mit schwarzem Plüsch überzogene Kissen gedrückt; der Gondolier wollte soeben abstoßen, als Friz die Stufen herabkam und, seinen Hut lüftend, die Sig- nora begrüßte. „Wie, Sie faren allein? würden Sie es niir wol erlauben, Sie nachhause zu bringen?" „Gerne," sagte sie. Er sprang in die Gondel und sezte sich neben sie. Die Gondel drete sich; der Gondolier, vorne an der Poppa stehend, handhabte das lauge Ruder mit ungemeiner Leichtigkeit und Grazie, mit dem Körper jedem Stoße desselben nachgebend. Das Farzeug entfernte sich von der Fcnice und schoß rasch und geräuschlos durch die engen Kanäle dahin. Tie Luft war schwül; ein feiner Duft lag über dem Wasser; der Mond, der sein Boll- werden schon überschritten, war noch nicht über den hohen Ge- bänden heraufgekommen, und alles um sie herum war in Dunkel und Schweigen gehüllt, in dämrige, einsame Lieblichkeit. Unwill- kürlich hatten die beiden ihre Stimmen gedämpft, sie sprachen leise mit einander. Von gleichgültigen Dingen nur, nichts vom Teater, nichts von ihrem�gemeinsam errungenen Erfolg,— und doch gab sich in ihren Stimmen eine seltsame Bewegung kund, und in der milden Luft erklang ihr Flüstern wie Musik. Und dann schwiegen sie beide und blickten um sich, weil sie sich nicht anzusehen wagten. Und sie empfanden den sremdartigen Reiz und den in alle Sinne sich einschmeichelnden Zauber Vene- digs, one daß sie es wollten, onc daß sie es wußten. Sie horchten hinaus in die Nacht, nach den Geräuschen, die, aus weiter Ferne herüberkommend, ihr Or erreichten. Es sang in den Lüsten, in abgerissenen Tönen, die in dem sanften Winde anschwellten und verwehten, und dann kam ein dumpfes, langgezogenes Rauschen daher: der Pulsschlag des Meeres. Und jczt kamen sie um die Ecke, um nach dem Kanal Grande hinauszufaren.„Giä e!" ertönte der Avertissementruf des Gon- doliers.„Sia stai" scholl es in ebenso melodisch gezogenen Lauten ihnen entgegen. Der Gondolier für links noch dichter au die Häuser, und da schoß schon eine zweite Gondel von rechts ihnen entgegen. Die zwei großen und breiten Farzcuge kamen so dicht aneinander vorüber, daß Elvira, einen Zusammenstoß voraus- sehend, sich gegen Friz wante; beruhigend ergriff er ihre Hand. Aber schon waren die Gondeln wieder auseinander gekommen, und sie verfolgten die cntgegengesezten Richtungen. Friz hielt noch immer die kleine, Iveiche, entblößte Hand in der seinen. Sie befanden sich nun im Kanal Grande. Welch großartiges phantastisches Bild! und der Mond, der aus dem Meer langsam emporgestiegen, beleuchtete es mit seinem sanften, weitenden und geheimnisvollen Lichte. Die nahen Paläste zu beiden Seiten ivarfcn ihre dunklen Reflexe in das Wasser, und da schien es, als läge in der Tiefe eine zweite versunkene Stadt, aber weiter draußen, in der Lagune, da war alles dicht, und alles weitete sich in un- bestimtcr bläulicher Helle; und Himmel und Wasser schienen in- einander geflossen und über die Wellen, die vom Meere herein wogten, glizerte der helle Mondenstral und hüpfte in stimmender Bewegung von einer zur andern, einen langen und breiten Reflex im Wasser bildend. Und die Gondel wiegte sich in sanfter, schaukelnder Bewegung über der monddurchweblen schweig- samcn Flut... In dem Herzen der beiden quoll es auf wie in unsäglicher Wonne. Sie schwelgten in diesem Nachtbilde, und sie schwelgten einer in der Ätähe des andern. Sie füren schräg über den Kanal hinüber; das Fondameuto Benier mußte sogleich erreicht sein,— sie wußten es nicht, sie sahen es nicht. Da drang aus dem Garten Elviras durch die dämmerige iliacht der Schlag einer Nachtigall. Das klang so sehnsuchtsvoll, so licbcskrank.— Sie lauschten ihm beide. Ein Seufzer kam über die halbgeöffneten Lippen Elviras. Friz verspürte den süßen Atem, der ihrer Brust entstieg, und es überflutete ihn. „Es ist so schön!" stammelte er, one zu wissen, was er sagte. Sic wollte antworten, ihre Lippen bewegten sich, aber nur ein Schluchzen, ein leises, krampfhaftes Schluchzen ward vernem- bar,— da fülte sie seine heißen, brennenden Küsse auf ihren Händen. Friz sah nicht mehr nach der mondbeschienenen Ferne, er beugte sich zu ihr nieder in leidenschaftlicher Zärtlichkeit,— er suchte ihre Augen, diese schönen, weinenden Augen. Sie warf mit einer wilden Bewegung sich an seine Brust, sie legte den Kopf an seine Wange, und er küßte das feuchte, schwere Har, in dem der Hauch des Meeres lag,— und er küßte ihre Augen, die überströmten von seligen Tränen,— und er suchte ihren Mund, dem jener heiße und doch so süße Odem entstieg,— da, ein leichter Stoß— die Gondel hatte an der Quaimauer angelegt. Sie sprangen auf in unendlicher Verwirrung, fast taumelnd. Das Farzeug schwankte stark. Elvira eilte nach vorne, wo der Gondolier stand, der die Gondel festgemacht und sich ihnen nun zuwendete. Er wollte der Signora beim Aussteigen behülflich sein, aber Friz war ihr nachgeeilt, und sie umfassend, schwang er sich mit ihr auf die Terrasse. Einen Augenblick standen sie hier,— sie sollten sich trennen, sie konten es nicht,— sie sahen sich an,— der Mond, der sie mit seinem hellen Lichte umfloß, zeigte ihnen die heiße Glut ihrer Wangen und ihre feuchten, glänzenden Augen.— Was verrieten sie nicht, diese Augen!— Sie faßten sich wieder an den Händen, fester, bewußter, glücklicher noch. Das Gitter war offen, sie traten durch dasselbe in den Garten. Sie wandelten den dunklen Lauben- gang entlang, durch den das Mondlicht sich nur schüchtern stal. Und wieder begann die Nachtigall ihr Liebeslied,— es sang Lust und Leid ihres eignen Herzens und fand ein Echo in den Herzen der andern. Es drängte zu einem Geständnis— es ent- hielt es schon fast.— Nur einzelne, abgerissene, geflüsterte Worte wurden getauscht. Sie kamen nach dem Rosenbosket und sezten sich zusammen auf das kleine Rorsopha. Der Mantel war von ihren Schultern gefallen, das weiße Kleid blinkte ihm entgegen, es verriet ihm den vollen, in Schauern erbebenden Körper. Sie hatte ihn immer geliebt, und nur ihn,— er wußte es; es schien ihm, daß er es immer gewußt, aber niemals hatte es ihn so stolz gemacht wie in diesem Augenblicke, niemals ihm jene übermächtige Empfindung des Glückes gebracht, jenen 3iausch des Entzückens und eines stürmischen, alles übertäubenden Verlangens. „Ist es ein Traum, Friz?" fragte sie ihn, und sie sah zitternd, bangend, tief errötend zu ihm aus.„Ist es eine selige Täuschung?" „Es ist Warheit," rief er,„ich liebe dich!" Er rief es mit all' der Kraft, die wilde, Plözlich entfesselte Leidenschaft verleiht. Lachend und weinend lag das schöne Weib in seinen Armen. Eine Weile sprachen sie nichts; es war ja alles so klar ge- worden zwischen ihnen, unumstößlich erschien es ihnen; dann begann sie leise, aber bestimt: „Wir werden nicht hier bleiben, wir gehen nach Amerika. Ich habe einen glänzenden Antrag erhalten; in einem Jare werde ich mir ein Vermögen crsungen haben. Du begleitest mich,— du bleibst bei der Büne,— dein Engagement wird zugleich mit dem mcinigen abgeschossen,— du willigst ein, nicht war?" Sie streckte ihre Hand nach der scinigen aus, die ihr mit einem Druck alles bekräftigen, den Vertrag besiegeln sollte. Ein großer Brillant blizte ihm in dein darauffallendcn Mondlicht von dieser Hand entgegen; er für jäh zurück, und als hätte sich diesem jungen Glück und seiner Erfüllung Plözlich etwas verhaßtes und unbesiegbares entgegengestellt, rief er in heiß aufquellendem Zorn: „Und er— und Hellenbach?!" Sie zuckte zusammen wie unter einem Streich, der unerwartet getroffen, und tief; ein Laut des Schreckens löste sich von ihren Lippen, kurz und schrill; zugleich für ihre Hand nach seinem Munde, als müsse sie jedes fernere Wort gewaltsam hindern. „Schweig, schweig! Sprich nicht seineu Namen aus, wenn du nicht willst, daß ich vergehe in Scham— in Reue!" Sie warf sich gegen die Lehne zurück, die schöne Gestalt sank in sich zusammen und sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht. Es lag etwas so wares, tief erschütterndes in diesem wild aus- brechenden Schmerz, der dies soeben noch in Seligkeit erzitternde Wesen erfaßt hatte, daß Friz in einem abermaligen Umschwung der Gefüle sich zu ihr neigte, in zärtlicher Beruhigung sie um- faßte:„Elvira, vergib mir!" bat er. (Fortsczung folgt.) pr Der �twsmopMffche Rachtwiichler Ein literarisches Porträt. Man könte füglich zwei Porträts geben,— denn das lite- rarische Karakterbild Franz von Dingclstedt's, der in der Morgenfrühe vom 15. Mai d. I. ans dem Leben schied, weist zwei wesentlich von einander abweichende Physiognomien auf. Wer den Lebensgang des Mannes kent, wird dies von vorn- herein erklär- lich finden: es liegen sehr ver- schiedene Sta- tioncn ans dem Wege vom ein- fachen Gymna- siallehrcr zu Kassel bis zum Leiter dcrersten deutschenBüne, des Burgtea- ters zu Wien, und wie der „kosmopoliti- scheNachtwach- tee" aufunserm Bilde erscheint, stellt er sich sei- nein äußeren Habitus nach durchaus nicht als lezterer, sondern als k.k. Hvfburgteatcr- dircktor Hofrat Freiherr Franz v. Dingelstedt dar. Es ist von entschiede- nein Interesse, die Entlvick- lungsphasen zu beobachlen, die er als Mensch wie als Dichter Wärend dieser Zeit durchge- macht. Geboren wurde Dingel- stedt am 30. Juni 1814 als der Ion un- bemittelter El- tcrii— der Vater war früher Mili är geivesen— zu Halsdorf in Oberhessen, Aran; von verlebte indes seine erste Ju-..,. � gcndzcit in Rinteln an der Weser, wohin die lezteren im Jare 1822 übersiedelte». Er hat dem Weserfluß später ein hübsches Gedicht gewidmet: „Ich kenne einen deiitschen Strom, Ter ist mir lieb und wert vor allen, Umwölbt von ernster Eichen Tom, Umgrünt von kühlen Buchenhallcn; Ten hat nicht, wie den großen Rhein, Ter Alpe dunkler Geist beschworen, Er ward aus friedlichem Verein Verwanler Ströme still geboren. So taucht die Weser kindlich aus, Von Hügeln treulich eingeschlossen, Und koml in träumerischem Laus, Durch Reben nicht, durch Korn geflossen, So windet sie mit treuem Fuß Zum deuischen Meere sich hernieder Und spiegelt mit geschwäz'gem Gruß Der Ufer sanften Frieden wieder...." Nachdem er das Gymnasium zu Rinteln absolvirt, bezog er die Universität Marburg, Ivo er von 1831 bis 1834 Tco- logie und Phi- lologiestudirte, daneben aber schon mit bc- soliderem Eifer sich dem Stu- dium der neue- ren Sprachen und Lilcratu- ren zuwante. Auch begann er schon ivärend dieser Zeit Poe- tisch und jour- nalistisch tätig zu werden.— Nach beendeten Universitätsstudien wirkte er zuerst als Lehrer an einer Vorzugs- weise von jun- gen Englän- dem besuchten Privaterzie- hungsanstalt zu Ricklingen bei Hannover und folgte im 1. 1836 einem Rufe an das neu organisirte Gymnasium nach Kassel. Hier gelangte vor allem der ihm innewo- uende Drang zu literarischer Tätigkeit zu entschiedenem Durchbrach. Er schrieb und ver- öffentlichte no- vellistische Versuche, Reife» brise und allerhand Skizzen- Haftes, worin er sich durchaus von dem Geiste des jungen Deutschland, jener damals auftretenden und, wie jedermann weiß, in der Folge viel angefeindeten literarischen Richtung, beherscht zeigte: ein kritischer Hang, eine revolutionäre Stimmung, eine nervöse Gereiztheit und lveltschinerzliche Ironie, sinliche Glut und Sehnsucht nach besseren öffentlichen Zuständen und vor allem auch nach buntbewegtercm eignen Dasein, alles Merkmale der Autoren der„jungen Literatur", traten dem Leser aus dicseil Schriften entgegen. Erregte er da- durch auf der einen Seite das Interesse des Publikums, so zog er sich ans der andern das deutliche Misfallen der Behörden zu, ivelches lezterc zu offen erkärter Ungnade ivard, als er durch ein schömvissenschaftliches Beiblatt zur kurhessischen Landeszeitung— „Die Wage"— im Sinne der neueren journalistischen Strebun- gen unmittelbar Fülung mit dem kasseler Publikum suchte, was Tingclstcdt. im Herbste von 1838 seine Versezung an das Gymnasium zu Fulda zur Folge hatte. Hier wirkte er, fortgesezt literarisch tätig, als ordentlicher Hauptlehrer bis Michaelis 1841. Im Jare 1840 trat er mit seinem ersten größeren Werke, dem Roman„Unter der Erde"(2 Teile, Leipzig), hervor, welcher ebenfalls gleich für die Eigenart Tingclstedts karakteristisch war. Er nante es„ein Tenknial für die Lebendigen" und beabsichtigte, darin wuchtig und eindringlich die Schäden und Gebrechen des modernen Lebens, insbesondere in den Regionen der höheren Stände, zu schildern; es ist ihm dies, wenn der Roman in künstlerischer Hinsicht auch keineswegs one Mängel ist, in der Tat trefflich gelungen, und vor allem dokumentirte er damit sein besonderes Streben, die Finger auf die schwärenden Wunden der Zeit zu legen, als Sittenrichter, als Mahner zu erscheinen. Er zeigte sich eben wieder in den Bahnen des„jungen Deutschland", und nach dieser Seite hin wenigstens ist sich Dingelstedt auch in den weiteren Perioden seines Schaffens, soweit sich dieses in denselben Formen bewegte, treu geblieben: seine Aufmerksamkeit und Beobachtung galt vor allem der Zeit, in der er lebte, die Stoffe fast aller seiner selbständigen Arbeiten sind dem Leben und Ringen der unmittelbaren Gegenwart entlehnt, und er darf insofern ein ganz „moderner Dichter" genant werden. Es entspricht diesem Karakter seines literarischen Schaffens auch die krankhaste, überreizte Stim- mung, die alle seine schriftstellerischen Aeußerungen von Anfang an zeigten, und hinsichtlich der Form ein scharf realistisches Ge- präge, eine gewisse grelle Mischung der Farben und springende Lebendigkeit des Stils. Dem Roman„Unter der Erde" folgten unmittelbar die„Lieder eines kosmopolitischen Rachtwüchters"(Hamburg 1840; 2. Aufl. 1842), die Dingelstedts Namen rasch in ganz Deutschland Ruf und Geltung verschafften. Es war eine Samlung von Gedichten, ganz aus dem Geist und dem Trachten der Zeit herausgeboren. Wennschon nicht der Volksmassen, so hatte sich doch einer nicht geringen Anzal bedeutender Geister und durch diese immer weiterer Kreise die Ueberzeugung von der Notwendigkeit einer durch- greifenden Reform der öffentlichen Zustände in Deutschland bc- mächtigt, seitdem auch der von so vielen Hoffnungen begleitete Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. weder die endliche Erfüllung des vor einem Vierteljarhundcrt dem preußischen Volke feierlich gegebenen Versprechens einer freien Konstitution gebracht, noch das überaus belastende Joch der Censur in irgendwie erheb- licher Weise gemildert hatte. Wenn der Kampfreigen der politi- scheu Poesie in Teutschland in den dreißiger Jaren bereits durch Platens und Lenau's düstere Polenlieder und Anastasius Grüns (Grafen von Auersperg) hoffnungsfreudige„Spaziergänge eines wiener Poeten" eröffnet worden war, so erschienen nun im Jare 1840 Hoffmanns von Fallersleben„Unpolitische Lieder", Herweghs „Gedichte eines Lebendigen", Karl Beck sang seine ergreifenden „Lieder vom armen Mann", Moriz Hartniann und Alfred Meißner erhoben ihre Stimme, Robert Prutz ließ in der„Politischen Wochenstube" seinem aristophanischen Wize die Zügel schießen, Heine sein„unsterbliches Gelächter" erschallen, Freiligrath rieb sich den Wüstensand aus den Augen und rief seinem Volke als „Guten Morgen!" sein„Glaubensbekentnis" zu, und selbst der zarte Lyriker Emanuel Geibel raffte sich zu gewichtigen„Zeit- stimmen" empor,— in diese Zeit des immer lebendiger erwachen- den politischen Lebens fallen auch Dingelstedts Nachtwächterlieder, im Zusammenhang mit diesem immer mächtiger werdenden poli- tischen Aufschwung müssen sie betrachtet werden. Ten„Liedern eines kosmopolitischen Nachtwächters" liegt der an sich glückliche Gedanke zugrunde, die kleinstädtische(beziehentl. kleinstaatliche) Misere des Alltagslebens zu schildern, welche den Nachtwächter aus der deutschen Hciniat in die Fremde treibt; ganz besonders fesseln darin die freilich meist düsteren Bilder, welche er auf seinem„Weltgange" au uns vorüberziehen läßt. Spöttischen Ergüssen über die Unfreiheit der politischen Verhält- nifse in Deutschland, über das Prahlen mit dem„freien deutscheu Rhein" schließen sich mit dichterischer Kraft gezeichnete Nacht- stücke aus Paris und London an, wo der unstete Wanderer ebenso vergeblich wie daheim das Glück menschenwürdiger Zustände sucht. Ich erinnere in lezterer Hinsicht u. a. an das ergreifeiide Gedicht „Christnacht"(in Paris), worin es nach einem schmerzlichen Rück- blick auf in der Heimat glücklich verlebte Tage der Kindheit heißt: „Nun denn, so denk' ich mein, wenn niemand denkt, Ich schenke mir, wenn keine Hand mir schenkt: Hier dieser Eichcnstock um fünfzehn Sous, Ter sei's! Ten wirft der Christ mir heuer zu! Ein Wanderstab,— ob einst ein Bettelstab? Gleichviel, hält er nur aus bis an das Grab, Und bricht er, dann verzichtend will ich sprechen: Herz, nun ist's Zeit, nun darfst auch du zerbrechen!" Von tief ergreifender Wirkung sind vor allem auch die iin Schloß- hose zu Marburg(1840) gedichteten,„Osterwort" überschriebencn Strophen, in welchen er ü. a. den König von Preußen folgender- maßen anredet: „Herr, den, an des Trones Stufen treue Bürger freudig huldigen, Kleine Feler, so geschehe», last die große Zeit entschuldigen; Sieh, schon büßen nah' und ferne viele ihr verjärles Leid, Neig' dein Szepter, Friedrich Wilhelm, zu erlösendem Bescheid! Ach, daß deines Volks ein Dichter sich in deinen Glanz gewagt hat, Daß, was andre schweigsam flehen, er voll Ehrfurcht laut geklagt hat, Herr, verzeih's! Ein Dichter fült es, was es heißt: gesangen sein, Mehr als andre. Ja, gefangen, und vergessen, und allein!"— Es kann nicht verwundern, daß Dingelstedt nach dem Er- scheinen der Nachtwächterlieder, die sich neben ihrem geistigen Ge- halt namentlich auch durch ihren hohen sprachlichen Schivung, durch vollendete künstlerische Form auszeichneten,— sie erschienen übrigens anonym, ein Umstand, der indes das rasche Bekant- werden des Dingelstedt'schen Namens in keiner Weise zu hindern vermochte— seine Entlassung aus dem kurhessischen Staatsdienst nam. Er trat darauf in engere Verbindung mit der augsburger „Allgemeinen Zeitung" und lebte als deren Korrespondent wärend der nächsten Jare in Paris und London, wo er bedeutende und nachhaltige Eindrücke in sich aufnani. In der englischen Haupt- stadt lernte er die gefeierte wiener Sängerin Jenny Lutzer kennen, mit der er sich an der Donau im Jare 1844 verheiratete und die ihm vor wenigen Jaren im Tode vorausgegangen ist. Ein unleugbarer Wechsel in Dingclstedt's literarischer Betä- tigung, in der ganzen Art seines öffentlichen Auftretens vollzog sich in dem„kosmopolitischen Nachtwächter", seitdem ihn im Jare 1843 der König von Würtemberg mit dem Titel eines Hofrats als seinen Privatbibliotekar nach Stuttgart berief, in eine Stellung also, die ihm freilich völlige Muße zur Entfaltung seines dichterischen Talentes zu gewären schien, aber ihm auf der anderen Seite und zwar nicht one Grund— auch manchen scharfen Tadel wegen seiner damit zusammenhängenden politischen Schwenkung zuzog. Er machte von jezt an rasch„Karriere". Nachdem ihm bereits im Jare 184t> das Amt eines Dramaturgen am stnttgarter Hof- teater übertragen worden, ward er 1851 durch König Max ll. zum Intendanten des münchener Hof- und Nationalteaters er- nant, welche Stellung er im I. 1857 mit der Leitung des Hof- j teaters zu Weimar vertauschte. Wärend der Zeit seines Anfent- Halts in der freundlichen Musenstadt an der Ilm widmete er seine ganze Kraft der vollen Einbürgerung Shakespeares auf dem deutschen Teater, zu welchem Zweck er schon in den„Studien und Kopien zu Shakespeare"(Pest, 1858) auf weitere Kreise an- regend einzuwirken suchte. Die Bearbeitungen verschiedener Dramen des großen Britten, die er von nun an unternam, bürgerten sich denn auch rasch ans den Bünen ein, was insbesondere seinem großen Geschick im szenischen Arrangement und der von ihm immer im Auge behaltenen Hinwirknng aus tcatralischc Effekte zuzuschreiben ist. Als Veranstalter der mit Recht nach ihm ge- nanten, im Verlag des bibliographischen Instituts erschienenen Aus- gäbe der Shakespeare'schen Dramen hat er sich dann nicht blos um die lcztcren, sondern vor allem auch um die deutsche Büne unzweifelhafte Verdienste erworben. Auch seine sonstige literarische Tätigkeit hing von dieser Zeit an auf das engste mit dem Teater zusammen: er schrieb eine Reihe von Prologen, Vorspielen und dergleichen, unterzog sich einer Neubearbeitung der Komödien des Beaumarchais(sprich Bohmarschä) und lieferte zalrciche drama- turgische Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften. Ja, in so hohem Grade wurde die Büne, man könte sagen, seine Welt, das; er sie selbst mit Vorliebe zum Ichauplaz der Handlung in seinen novellistischen Arbeiten machte. Von den lezteren seien hier noch die Novellenbücher„Heptameron"(1841. und„Sieben friedliche Erzälungen"(1844), sowie die geistvolle Novelle:„Die Amazone" (2 Bde., I8681 erwänt, in welcher lezteren er mit ironischem Humor sich über die Torheiten der Zeit erget,— freilich in einem Sinne, den nicht jeder niit ihm zu teilen vermag. Im Jare 1845 hatte er eine Samlung seiner„Gedichte"(Stuttgart, Eotta'sche Buchhandlung) veröffentlicht, die, namentlich in ihrer über ein Jarzehm später erschienenen, bedeutend vermehrten 2. Auflage, eine ivescnt- liche Läuterung seines Seelenlebens erkennen lassen. Freilich w es unwar, zu sagen, daß er jemals ganz die weltschmerzlicho Stimmung, die eine Folge des Einflusses des„jungen Deutschland" auf seine dichterische Individualität gewesen, überwunden habe. Viel weniger bedeutend sind die Gedichte der Samlung:„Ztacht und Morgen"(1851), wenn sie auch im einzelnen manches Schöne und Geistvolle ausweisen. Ter Bewegung der Jare 1848 und 1849 gegenüber verhält er sich darin verurteilend und meist satirisch; er zeigt sich in diesen Gedichten müde und zaghast und läßt ein volles Verständnis der Zeit und ihrer großen Aufgaben vermissen. Neben allem diesem veröffentlichte Tingelstedt noch verschie- dene Novellen und Wanderbücher, deren Aufzälung im einzelnen uns jedoch hier zu weit füren würde. Es genüge, noch zu be- merken, daß er mit der Tragödie„Das Haus der Barneveldt" auch als unzweifelhaft talentreicher Dramatiker selbständig auf- trat und mit diesem Stücke zu Anfang der fünfziger Jare auf den meisten deutschen Bünen Erfolge erzielte. Ende 1867 wurde er als Direktor des Hofopernteaters nach Wien berufen, wo er dann im I. 1875 die Leitung des Hofburgteaters übernam und ein Jar später in den erblichen Freiherrnstand erhoben wurde. In den„Münchener Bilderbogen" und im„Literarischen Bilder- buch"(1878), seinen beiden lezten Büchern, hat er Erinnerungen aus seinem Leben niedergeschrieben; im I. 1877 begannen seine „Sämtlichen Werke"(12 Bde., Berlin) zu erscheinen. Karakteristisch für Dingelstedt's Schaffen ist, daß er beinahe auf jedem Gebiete glänzende Anläufe nam, aber dann nur selten planmäßig weiterstrebte, in vielen Fällen vielmehr nur Fragmen- tarisches bot. Es liegt auch dies in der Art seines Lebensgangs, der ihn, in rein äußerlicher Hinsicht, auf eine glänzende Höhe fürte, auf der er nicht einmal recht glücklich gewesen zu sein scheint. Seine Tätigkeit als Bünenbearbeiter Shakespeares bei Seite gelassen, hätte er in anderen Bahnen, bei gleichmäßigerer Richtung seines Lebenswegs, one Zweifel noch viel Bedeutenderes, Aus- gereifteres, in sich Abgeschlosseneres und künstlerisch Vollendeteres geschaffen, als wir ihm jezt nachzurühmen haben. r. per Emslulj des Klimas auf dei Von Dr. ß Bei der Eingewönung an neuen Orten komt außer strenger Regelung der körperlichen Diät noch Sorgfalt in der Pflege des Geistes, des Herzens, der Sitten in Betracht. Komme man, wohin man wolle, man vermeide es, den Geist übermäßig an- zustrengen, deprimirenden Gemütsbewegungen sich hinzugeben und sittenlos zu leben. Da der Organismus an die neuen Eindrücke sich gewönt, befindet er sich in einer Art von Krisis und hat da besonders nötig, mit seinen Kräften wol hauszuhalten. Ein Leben wider die natürliche Moral, niederdrückende Affekte und wieder allzuviel Freude, endlich übermäßige Geistesanstrengung, dies fürt zu Störungen im Gleichgewicht der Kräfte, in der Harmo- nie des Nerveneinflusses und verlangsamt die Akklimatisation. Der rasche Uebergang von Tag in Nacht und die ziemlich bedeutenden Unterschiede in der Wärme um Mittag und um Mitternacht wärend der rauheren Jareszeiten schon im südlichen Europa werden für den an diese Verhältnisse nicht Gewönten oft genug verderblich. Ich habe in der Provence und in der Liguria zur Zeit des Frühjars und Herbstes geglaubt zu braten; begab ich mich aber aus der Sonne in den Schatten, so überlief es mich eiskalt, und öffnete ich um Mitternacht das Fenster, so machte die einströmende kalte Luft mich frieren. Ich bin, da ich regel- mäßig bis in den November hinein Bäder in offener See neme und im April oder Mai wieder damit beginne und vegetarianisch lebe, gegen Temperaturwechsel sehr gleichgiltig, ging im südlichen Europa in einfachem, lichten Rock unter der Mittagssonne wie im Schatten und Wärend des Wachlsrostes, one irgendwelche Affektion mir zuzuziehen. Aber ich sah wolhabende Eingeborne und Fremde im Süden wärend der größten Mittagshize der Uebergangs-Jareszeiten dick angezogen einhergehen: die Btänner in zwei, ja in drei Tuchröcken, die Frauen in Pelzmänteln, Pelz- jacken und Müssen. Und versuchten die so verpackten es, leichter sich zu kleiden, so mußten sie jämmerlich dafür büßen. Hätten dieselben jedoch sich abgehärtet und einfach gelebt, so dürfte die halbe Verpackung den Anforderungen ihres Körpers vollkommen genügt haben. Die Bewoner des südlichen Europa sind äußerst mäßig, die des nördlichen äußerst unmäßig, und doch zeigt die durchschnitt- liche Lebensdauer der erstereu sich um ein bedeutendes geringer, als die der lezteren. Hat hier das Klima entscheidenden Einfluß oder die ganze Lebensweise? Beides zugleich; denn je rauher das Klima, je geringer die mittlere Jareswärme, desto energischer der Umsaz der Stoffe im Haushalte des Leibes, desto stärker die Arbeit der Verdannngswerkzeuge. Dies bedingt, daß größere Mengen von Narung aufgenommen werden müssen und beträcht- lichere Quanta von gegorenen, gleichwie geistigen Getränken ver- tragen werden können, als weiter südwärts. Im Norden verlebt sich der Mensch langsamer als im Süden; denn der Einfluß des Sonnenlichts ist dort geringer als hier, somit auch die Nerven- aklion im Norden kleiner. Weil nun in den kalten Ländern die Mechanik der Leibesorgane weniger bald ausgenuzt ist, darum erliegt der Organismus auch minder rasch dem Einflüsse einer gewissen Unmäßigkeil, und die Nordländer dauern, der lezteren ungeachtet, länger aus. Menschen und seine Gesundheit. uard Zleich.(Schluß.) Man kann sagen, daß im Süden die Nervenaktion, im Norden aber die Tätigkeit des tierischen Haushalts beziehnngsiveise vor- hersche. Mit Zuname der Lichtstärke ninit auch die Stärke des Werveiilebens zu, und es erhöt sich insbesondere die Kraft der Leidenschaften. Der Einfluß der Leidenschaften bedingt raschere Abnuzung der menschlichen Maschine. Bei dem Nordländer nimt die breitere Ernärung den Leidenschaften Stoff und Kraft; daher das länger andauernde Leben. Im Norden regt das zerstreute Licht die Nerven wenig auf; daher weniger Nervosität und Leiden- schaft, mehr Muße zur Pflege des Bauches. Die höheren Klassen des Volks in nördlichen Ländern stellen künstlich einen Teil der Verhältnisse des Südens her, und die höheren Volksllassen der südlichen Länder einen Teil der Ver- Hältnisse des Wordens. Daher komt es, daß die Gesundheit und Lebensdauer der wolhabenden und vornenien Gebildeten überall so ziemlich die nämliche ist und überall umsobesser sich gestaltet, nicht je nördlicher und westlicher das Klima, sondern je natur- frischer die Rasse und je einfacher und gemäßigter die ganze Lebensweise ist. In dem Maße, als man auf der Stufenleiter von Wolstand, Ansehen, Bildung hinabsteigt zu Elend, Dunkelheit. Unwissenheit, gehen die Lebens- und Gesundheilsverhältnisse der Bewoner nördlicher und westlicher, südlicher und östlicher Gegenden sehr aus- einander. Das eigentliche Volk kann künstliche Kliniate nur in beschränktem Maße sich schaffen und muß darum die Wirkung der natürlichen mehr oder minder vollkommen auf sich ergehen lassen. Es werden demgemäß Armut und Roheit umso gefärlicher für Leben und Gesundheit werden, je gefärlicher das Klima ist. Daher komt es, daß die Lebensdauer der unteren Volksklassen Europas im Fortschritte von Norden und Westen nach Süden und Osten sich verkleinert, und zivar unendlich mehr, als bei der Aristokratie jemals dies der Fall ist. Bildung und Veredlung des Volks machen, wie aus dem bisherigen sich ergibt, ein sehr wesentliches und bedeutungsvolles Mittel aus zu Abschwächung der schädlichen und das Leben be- drohenden Einflüsse des Klimas. Jemehr die Wonung den Anforderiingen der Gesundheits- pflege entspricht, desto mehr schwächt sie die krankmachenden Wir- kungen des Klimas ab. Schon weil sie besser wonen, werden die oberen Klassen bei weiteni weniger vom Klima gefärdet, als die unteren. Jedes Nest muß nach der Natur seines Inhabers und nach der Besonderheit des Klimas sich richten. Der nordische Winter get an den Familien, welche in hellen, großen, bei Tag und Nacht gleichmäßig durchwärmten Räumen. Häusern wonen, leicht vorüber, wärend er dem Menschen, der eine elende Hütte bewont, sehr gewaltig die Zähne zeigt. Der tropische Sommer get der Familie, die in ihrem Hause über alle Schuzmittel gebietet und ihre großen Räume stets mit kühler Luft zu erfüllen vermag, im allgemeinen gut vorüber, wenn die ganze Lebensweise dem Wonverhältnisse und den durch das Klima be- dingten Anforderungen entfpricht; dagegen muß der Arme, dem kein Mittel des Schuzes und der Abwehr zu Gebote stet, die Pein der Glühhize und die Folgen derselben für Leib und Seele ertragen. Die sehr kalten und die sehr heißen Gegenden üben auf das früheste und auf das späteste Lebensalter den am meisten töt- lichen Einfluß aus. Nur feste Organisationen widerstehen der strengen Kälte und der brennenden Hizc; darum begegnet man in Ländern mit den extremsten Temperaturgraden nicht selten Greisen von mehr als hundert Jareu. Ällzu große Kälte, wie sie in Lappland und Grönland herscht, wirkt hemmend auf das Wachstum und läßt die menschliche Gestalt niemals zur Vollendung kommen. In der Hize der Tropen der alten Welt können die höheren Kräfte der Seele nicht gedeihen, höhere Rassen niemals sich entwickeln. Daher suchen wir in Lapplaud, dem nördlichsten Amerika, Jnnerafrika und Australien die Civilisation vergebens. Deutsche Doktrinäre des Arbeitswahnsins und der Schul- meisteret haben den Südcuropäern den Vorwurf der Trägheit und Wissenschaftslosigkeit gemacht und dieselben zu energischer Arbeit und Silbenstccherei verdammen wollen.— Komt der Süd- europäer aus der Plage der Glühhize und aus dem Paradiese der Feigen- und Orangenwälder heraus in ein kälteres Klima, wo die Natur für ihre Gaben Arbeit fordert und der Organis- mus größerer Narungsmengen für seinen Haushalt benötigt, so arbeitet er vortrefflich. Die Mauren, die Griechen, die Aegyptcr, die Jndier waren troz der großen Hize ihrer Heimatländer die höchstcivilisirten Völker und arbeiteten fleißig, freilich nicht als Arbcitsmaschinen im Geiste der gegenwärtigen Nationalökonomie, auch nicht als Kameele im Sinne der modernen Schulmeister. Der südliche Teil der gemäßigten Zone ist die Heimat der Kultur; aber dort, wo der heiße Erdgürtel begint, hört die Civili- Gtschichten und Bili Von Dr. I. _ Es liegt etwas düster- unheimliches, das unsere Gedanken fast gewaltsam in eine sagenhafte, dunkle Vergangenheit zurück- drängt, etwas eigentümlich geheimnisvolles über den absondcr- lichc», uadclartigen Verggestaltungen, die den Ruinen von Felsen- bürgen gleich in den selten völlig wolkenlosen Himmel aufragen, zwischen den weit ausgeschweiften, von grünen Triften oder noch öfter von kalen Steinschichten umgrenzten Tälern, wo einsame Höfe fernab von einander sich seltsame Geschichten von vergangenen Geschlechtern, die früher auf ihnen gehaust, zu erzälen scheinen, oder kleine Dörfer ini Schatten der Kastanienbäume schweigsam emporlauschen,— zwischen diesen engen, wild zerrissenen Schluchten, wo das weiße Glctscherwasser schäumt und sumt und rauscht, wo der schwarzgraue Vär noch auf unbetretenen Wegen beutegierig schleicht, Murmeltiere und Füchse vor steinigen Hölen ihre Opfer auflauern, das Eichhörnchen an den Tannenzapfen nagt und Schlangen und Eidechsen über feuchtes Geröll und bemoste Baum- wurzeln kriechen, wäreud hoch oben auf zackigen Felsspizen, den Wolken nah, die Gemse klettert und aus dunkler, von Eisflimmeru durchblizter Höh' der Steinadler und die Geier herniederschießen, um das Lamm von der Weide fortzutragen oder scheuen Wild- Hühnern das Blut auszusaugen. Und in der Tat, sie tönten uns viel erzälen, diese grauen Steinkolossc und wolkcnunilagerten Alpenfirnen, nicht blos von den Geschicken der Menschen und Völker, die einstmals ans diesem Boden gewebt und gelebt, son- dern nicht minder von entsezensvollen Tagen, in denen die grause Macht der Statur sich zwischen diesen Tälern und Schluchten aus- getobt: von Ungeheuern Bergstürzen, die in zerbröckelt umher- liegendem, abenteuerlich geformten Gestein noch bis heute ihre Spuren hinterlassen, von verherenden Rüfen, die nach schrecklichen Gewittern und starken Wolkcnbrüchcn die Berge herabrolltcn und mit ihrem verworren durcheinandergeworfenen Geschiebe die Flüsse anfüllten und ihren onedies reißenden Gewässern drohende Gc- walt verliehen, grüne Wiesen überschwemten. Dämme und Ge- bäudc mit sich fortriffen und ganze Dörfer unter ihren Sand- und Schuttmaffen begruben, von fürchterlichen Schncelavincn, die mit donnerndem Getöse sich von den Höhen herabwälzten und die Herde auf den Matten, den ahnungslosen Wandrer und das keuchende Roß auf der Straße in einem einzigen kurzen Augen- blicke zu Boden warft» und unter häuserhohen Schucebergcn ihnen ein weltfernes Grab bereiteten. Jenen historischen Reiz und diese düsteren Karaktercigentüm- sation auf und beginnen die niederen Menschenrassen. In den nördlichen Teil der gemäßigten Zone ist die Gesittung nur ein- gebracht, und weil sie dies ist und weil die klimatischen Be- dingungen selcn, kann selbe hier niemals so vollkommen und vielseitig werden, wie sie auf der andern Seite der Alpen, des Balkan, am Nil und am Indus wurde. Der höchste Wiz der nordischen Gesittung ist— die National- ökonomie, die Poesie- und Geschmacklosigkeit, das Einmaleins, die Rubrik der Staatsverwaltung und der Pessimismus! Lykurgos war ein höchst genialer Polizeimann; die Wort- fürer der heutigen erbärmlichen, eingebildeten Civilisation aber sind höchst ungeniale Menschen, denen es an gesundem Instinkt und sogar an Menschenkentnis felt. Die Gesittung der großen Schreier ist eine unhygieinische Halbkultur, troz aller wirk- lichen und imitirtcn Salonmöbel, aller rasfinirten Verfälschung der Narringsimttel und Kleidungsstoffe, aller griechischen Verse, die in höheren Töchterschulen demnächst versucht werden sollen, und troz aller Virtuosität und Routine der großen Klavier- und Paukenschläger, Akrobaten, Heilgymnastiker und vom Himmel gefallenen Professoren. Hat ein Landstrich acht Monate Winter, so kann die Ent- Wicklung des Menschen niemals eine vollkomne sein, niemals jene Feinheit und Durchgeistigung erhalten, wie hei den Mauren, Griechen, Jndiern. lind weil dem so ist, und weil man in den Ländern des Schnapses, der Häringe und Kartoffeln anstatt Wein Essig baut, darum wird daselbst die Gesittung der Griechen, der Jndier, der Mauren in ihrer Gesamtheit niemals ereicht werden und immer der geistige Ausgangs- und Endpunkt bleiben. er aus Graubünden. Aar Vogkcr. lichkeiten der Landschaft finden wir besonders in dem rhätischen Alpcntal Bcrgell vereinigt, welches, sich von der Höhe des Malojapaffcs bis zu dem lombardischen Städtchen Ehiavcnua hinabzichend, in einer Länge von.fünf guten Stunden die kürzette Verbindung des Ober-Engadins niit Italien bildet. Wenn Leute aus dem Unter- Engadin zu erzälen pflegen,„ihre Heimat habe so hohe Mauern, daß weder Sonne noch Mond hineinscheinen/ fo gilt dies von der Mehrzal der Ortschaften und einzelnen Wo- nungen dieses Tals. Denn das leztere ist so tief eingeschnitten und so eng, daß im Winter 1 bis 4 Monate lang die Stralen der Sonne und Wärend des Sommers das Licht des Mondes nicht über die Berge hercinzudringcn vermögen. Nur die hohen, mit Schnee bedecklen Bergrücken und Alpenfirncn blinken zu jeder Jarcszeit vom Wiederschein des prangenden Sonnenlichts oder von dem bleichen Stralenkranz des Mondes. Wie das Tal Bergcll im ganzen den Charakter des Bündner- landes wiederspiegelt, so haben in ihm auch wie im gesamten Kanton schreckliche Naturereignisse oft genug ihre verlierende Wir- kuug geübt. So crzälcn die dortigen Leute, der Flecken Plurs oder Piuro habe ftüher weiter oben im Tale gelegen, sei aber einmal durch eine Wasserflut so verhcrt worden,„daß die Ein- woner sich da unten angesiedelt und zur Erinnerung an das Un- glück dem neuerbanten Flecken den Namen ,Ptur»' gegeben hätten, vom lateinischen Wort ,plorare', d. h. weinen, klagen." Der�bc- kante Untergang des schönen und reichen Fleckens fand am 4. Sep- tember 1Ll8 statt.„In jenem Jare"— so wird berichtet•— »hatte es vom 25. August bis zum 3. September fast immer gewittert und geregnet. Am 4. September war der Himmel wieder hell, und nachmittags tobte plözlich eine Rüfe vom Berge her und bedeckte die Pflanzungen bei Cilano. Leute hatten aus den Wiesen und im Walde bemerkt, daß der Boden unter ihren Füßen zitterte und zu weichen anfing. Hirten brachten die Kunde: ,Der Berg Conto hat seit langer Zeit Spalten, die Kühe laufen brüllend davon Aus der Umgegend berichtete man, daß Bienen- schwärme auszögen und alsbald tot niederfielen. Die Plurser jedoch achteten auf alle solche Warnungen und unheimliche An- zeichen nicht. Um Mitternacht, wäreud der Vollmond und der reinste Sternenhimmel herabglänzten, ward plözlich die tiefe Ruhe der Gegend durch einen gewaltigen Stoß unterbrochen, und gegen 2500 Menschen hatten ein Grab gefunden unter einem krachend niedergestürzten Teile des Berges Conto. Außer dem dumpft" Dröhnen trugen Staub und Dunst wie Schwefel weithin die = . schreckliche Kunde. Es sei, gleich einer Staublavine zugegangen�, berichtet ein Gcschichtschreiber. Der Conto bestand großenteils aus Talkschiefer, die schweren Regengüsse hatten diesen gelöst, die ganze Bergmasse geriet in Bewegung, Schlammströme, vermischt mit dem Wasser eines kleinen Sees, ergossen sich in das Tobel und breiteten sich über jene zwei Ortschaften(Plurs und das Dörfchen Cilano) aus, auf ihrem Rücken die größeren Steine tragend, wie es bei den Rüsen stets zu geschehen pflegt. Die Maira, welche mitten durch Plurs floß, wurde zwei Stunden lang in ihrem Laufe aufgehalten und dann mehr rechts herübergedrängt. Die sofort angeordneten Nachgrabungen brachten blos wenige Leichname, doch verschiedene abgerissene Gliedmaßen zum Bor- schein; die Leute müssen förmlich zermalmt worden sein. Eine Glocke war durch den Luftdruck auf das rechte Flußufer geschleu- dert worden. Auch später hat man eine solche au der Maira j gefunden und noch einzelne andere Gegenstände unter den Trüm- niern hervorgegraben." Der über hundert Fuß hohe Schutthaufen, unter dem man noch heute bedeutende Schäze vermutet, wurde bald wieder mit frischer Vegetation überkleidet, und heute erfreuen dort grüne Reben und Kastanienbänme das Auge des Wanderers. Troz des hervorragend düsteren Charakters der Landschaft bietet die leztere im Bergell hinsichtlich des Baum- und Pflanzen- Wuchses auch die sonderbarsten Gegensäze. Man findet da Nuß- und Kastanienbäume des Südens neben Arven, Zwergföhren, Rot- und Weißtannen und Lerchen, und wärend z. B. Gras des geringen die Abhänge bekleidenden Erdreichs wegen nur spärlich gedeiht, blühen auf rauhen Bergeshöheu die Alpenrosen in üp- pigster Fülle. Wo der Schnee lauge liegen bleibt, stehen oft frühe Alpenpflanzen noch im Spätherbste in herlichster Blüte. Diese wunderbaren Uebergänge und Gegensäze erklären sich aus der Lage des Bergells als eines der südlichsten Alpentäler, die in ihrer starken Absenkung naturgemäß alle die verschie- denen Höhenlagen und Bcgetationsstufen der Schweiz aufzuweisen Pflegen. Tie Geschichte des Bergells verliert sich, wie die Vergangen- I heit Rhätiens überhaupt, in mytisches Dunkel. Die Urbewoner Rhätiens sollen von den Galliern aus Italien vertriebene Etrusker gewesen sein, die sich unter dem Kriegsfürsten Rhätus, wie die Sage angibt, um das Jar 600 v. Chr. in dieses wilde Alpental zurückgezogen hätten. Diese Etrusker wären auch ins Tal Bergell, das vorher von Lepontiern bewont gewesen, gekommen und nachdem sie lange Zeit hindurch Tauschhandel mit Oberitalien getrieben und öftere Raubzüge dorthin unternommen, vom Kaiser Augustus etwa um das Jar 15 v. Chr. der Römcrherschaft unterworfen worden. Der Freiheitssinn und Heldenmut der Besiegten wurde selbst von den Siegern gerühmt. Auf einer von diesen ange- legten, von Como nach Clavenna durch das Bergell und über den Septimerpaß nach Chur fürenden Herstraße zogen dann die Römer ins Rhcintal zun, Kämpfe und zur Eroberung gegen die Germanen. Das Tal Bergell erhielt als Vorland der römischen Galli» cisalpina(Gallien diesseits der Alpen) den Namen»Prä- gallia", d. h. Vorgallien, welche Bezeichnung dann in die ita- lienische Form„Bregaglia" umgewandelt wurde. Gegen 500 Jare laug bildete Rhäticn, als ein Teil Italiens, eine römische Provinz, wärend welcher Zeit sich die altrhätische mit der römischen Sprache vermischte und auf diese Weise der uoch heute in Rhätien geschrochene„romanische" Dialekt entstand. 'Nach dem Zerfall des Römerreichs fiel, wie ganz Italien, so auch Rhätien in die Gewalt der damals schon zum Christentum be- kehrten Lstgoten, von welchem es im Jare 536 der Herschaft der Franken überlassen wurde. Es war wärend dieser Zeit der Ver- waltung eines Präses oder Grafen von Chur unterstellt, der nicht selten in seiner Person als königlicher Statthalter auch die bischöf- liche Würde vereinigte. Als sich infolge des Teilungsvcrtrags von Verdun im Jare 843 das fränkische Reich auflöste, fiel Rhä- tien an das deutsche Reich, behielt aber auch ferner eigene Grafen; im Jare 916 wurde es dem Herzogtume Schwaben zugeteilt, i unter welchem es bis 1268 blieb. Tie Herschaftsrechte und das Richteramt wurden wärend dieser drei Jarhunderte entweder von den schwäbischen Herzögen selbst oder durch besondere Grafen ii verwaltet. Heinrich II. erklärte im Jare 1024 das Land aus- drücklich als reichsunmittelbar, wonach es also keinem dienstpflichtig I war, als dem Kaiser allein. 1036 wurde indes dieser Zustand bereits wieder aufgehoben und die Verwaltung in die Hände des zu Chur residirenden Bischofs gelegt. Diesem pflegten damals i die freien Leute der Talschaft drei iveise Männer vorzuschlagen, ( von denen der Bischof einen zum„Podefta" ernante. Bor diesem mußten, wenn er in Vicosoprano zu Gericht saß, alle Bergeller erscheinen, sobald sie von ihm geladen wurden. Unbedeutendere Bußgelder flössen in seine Tasche, größere in die des Bischofs. Zweimal im Jare mußte der leztere selbst zu Gericht sizen oder an seiner Stelle einen Bevollmächtigten entsenden. Er hatte die Befugnis, über geistliches und weltliches zu richten und an Leib und Gut zu strafen. War er anwesend, so mußten ihm drei „gute Malzeiten", sowie seiner Begleitung die Speise und den Pferden das Futter gegeben werden. Ueberdies bezog der Bischof mehrere Zölle. Im Jare 1179 erteilte Kaiser Friedrich I.(Bar- barossa), der schon vorher die alten Freiheiten des Landes be- stätigt hatte, dem oberen Bergell freie Jagd und Fischerei, die Erze und das Recht, zu Vicosoprano einen Durchgangszoll für Waren zu erheben. Diese Rechte und noch manche andere wurden dann dem Lande, wie ganz Rhätien, das inzwischen abermals und für lange Zeit unmittelbares Reichsglied wurde, von den späteren Kaisern weiter belassen. Im Anfang des 15. Jarhunderts erfaßte die Rhätier, der inzwischen stattgefundenen Uebergriffe der kaiserlichen Vögte müde und durch die Taten der Eidgenossen ermuntert, der Drang nach größerer Unabhängigkeit und Freiheit. Es bildeten sich mehrere Körperschaften, darunter im Jare 1424 der„obere" oder„graue Bund", von dem der Kanton seinen jezigen Namen erhielt, die drei rhätischen Bünde vereinigten sich 147 t und schlugen, von den Eidgenossen unterstüzt, 1499 in der glorreichen Schlacht auf der Malferhaide die Oesterreicher in ebenso tapferer Weise, wie sie sich vorher, im Jare 1486, von der Herschaft der Herzöge von Mailand, die sich inzwischen mehrerer Bündner Landschaften be- mächtigt, befreit hatten. Im 16. Jarhuudert brachte die Einfüruug der Reformation mancherlei Familienfehden und Kämpfe der religiösen Parteien mit sich, von denen einige, wie der sogenante Veltlinermord im Jare 1620, sehr blutig endeten, und die in ihrer Gesamtheit eine große Verschlechterung der sonst so einfachen und guten Sitten der Talbewoner zur Folge hatten, welche natürlich wärend des 30järigen Kriegs, dessen hohe Wogen auch in das Alpenland herüberschlugen, immer weiter um sich griff und in Verbindung mit den Verherungen der Pest den Wolstand der Landschaft mehr und mehr herabdrückte. Wir können auf alles dies hier nicht näher eingehen und wollen nur folgendes hübsche Histörchen er- zälen, das in die Zeit der Reformation fällt. Die Lauren- tiuskirche von Soglio sollte sich im Besiz von Reliquien berühmter Heiligen befinden, aus welchem Grunde sich der Katolizismus auch hier mit am längsten hielt. Daß das Papsttum daselbst schließlich doch weichen mußte(Weihnachten 1552), soll die Schuld des lezten Meßpriesters gewesen sein, der vom Volke„prä Dum" (d. i. prete Dorigo,„Priester Ulrich") genant wurde und als ein sehr unmoralischer Mann angesehen war. Er stand allgemein in Misachtung und mußte sich wizige Pasquille auf seinen Lebens- waudel gefallen lassen.„An einem Sontage in der Kinderlehre (Jugendgottesdienst)"— so berichtet man—„rezitirte ein von jemandem dazu instruirtes Kind ein Stück eines solchen obszönen Pasquills statt der Antworten des Katechismus. Da erröteten die anwesenden Frauen, verlangten dann einmütig, daß jener un- würdige Priester entfernt werde, sprachen auch von Anname der Reformation, nach dem Vorbilde der andern bergeller Kirchen, und bewiesen selbst den Männern gegenüber große Entschiedenheit. In solcher Konfusion wante man sich an zwei hervorragende Ein- woner, die Brüder von Salis, welche sich jedoch des Rates in einer solchen Gewissenssache enthielten und für sich erklärten, an der bisherigen Religion festzuhalten, one der Freiheit anderer nahe treten zu wollen. Nun kam man dahin übereiu, die Ent- scheidung der Frage den Jünglingen zu überlassen, und diese versammelten sich zalreich auf einer Wiese vor dem Dorfe, die noch im Dialekt„plan Oütör", italienisch piano(Ii Lutera(Luther- wiese) genant wird und bis jezt an Sontagcn(im Sommer) der gewönlichste Sammel- und Tummelplaz der Jugendgesellschaft geblieben ist. Hier nämlich beschlossen die Jünglinge von Soglio, daß sie die Meinung der Mütter adoptirten, wonach„das Papst- tum abzuschaffen" sei. Alle stimten gerne bei, und sogleich wurden aus der Kirche die Bilder und Reliquien weggenommen und bei Seite getan. Den Jünglingen aber, die sich in jenem Sinne ausgesprochen hatten, wurde folgendes Vorrecht eingeräumt: von den fünf Richtern, welche die Gemeinde in die Kriminalobrigkeit des Tales wälte, durften die Jünglinge allemal einen aus ihrer Mitte ernennen. Derselbe hieß„mastrael della gioventü"(Richter aus der Jugend), und dieses Recht übten die jungen ledigen 550 Männer 300 Zare lang aus, bis nämlich die neuere Zeit andere Geseze und Ordnungen brachte. Wir schließen hieran einige Mitteilungen, wie sich die Rechts- pflege in srüheren Zeiten in Bergell gestaltete. Bon altersher gab es dort eigene Kriminal- und Civilstatnten, die gegen Ende des 16. Jarhunderts einer Revision unterworfen wurden. Die ersteren dienten z. B. dazu, zum Kirchenbesuche zu zwingen, elterliche Rechte zu schüzen, bei Differenzen zwischen Geschwistern Schiedsgerichte anzuordnen u. s. w. Unzüchtige Weiber wurden öffentlich am Halseisen ausgestellt, Männer aber in diesem Falle mit Geldbußen und Verlust der Ehrenrechte gestraft, Mörder gerädert oder enthauptet, unbedeutende Diebstäle mit Tortur, Abhauen des Ohres oder der linken Hand, größere dagegen bei Männern durch Erhängen, an Frauen durch Ertränken bestraft. Das altertümliche Rathaus zu Vicosoprano, wo die Kriminal- behörde des bergeller Tales ihre Sizungen abhielt, zeigt noch heute einen runden Anbau, worin die„Marterkammer" sich befand. In der lezteren sind übrigens auch nicht wenige Opfer jenes finsteren Hexenwahns gefoltert worden, der im 16. und 17. Jarhundert im Bergell waltete, und noch jezt kann man dort viele Protokolle lesen über„Hexcnprozesse" der greulichsten Art. Unweit des Torfes Vicosoprano stet auch noch der Galgen, an welchem in jenen Zeiten die Verbrecher aufgeknüpft wurden.— Weiteren Bestimmungen der bergeller Rechtsstatuten zufolge durste unter anderm kein Bergeller außerhalb des Tales Zeugnis ab- legen, neue Bürger konten nur mit Einstimmigkeit aufgenommen werden u. s. w.— Die zwei Civilgerichte, welche sich in Ober- und Unterporta befanden, sind wol zu der Zeit ins Lebens ge- treten, als das Tal vom Bischof. unabhängiger wurde. Jedes derselben sezte sich zusammen aus einem Landammann und 14 Richtern, die sich auf'die Gemeinden je nach deren Bevölkerungs- anzal verteilten. Tie Landainmänner wurden in der Gemeinde- versamlnng, die Richter hingegen durch Walkommissionen järlich am Dreikönigstage ernant. Die Appellation ging von einem dieser Gerichte au das andere. Das gemeinschaftliche Kriminal- gericht bestand aus einem Podestü und achtzehn Richtern, und zwar war bei der Wal des Podest» jedes der beiden Civilgerichte einen Vorschlag zu machen berechtigt. Zu dem lezteren Zwecke versammelte sich am Neujarstage im Rathaus zu Vicosoprano, der„Ouria vallis Braegagliae", eine Walkommission. Um einen von den Vorgeschlageneu zu wälen, versur man so, daß man einen Kreis auf den Tisch zeichnete, dann zwei Haselnnßstäbchen in einem Hute scbüttclte und sie auf den Tisch warf. Derjenige, dessen Stäbchen im Kreise lag, ward Podest»; lagen aber beide in oder außer demselben, so wiederholte mau jenes Verfaren. Gegen die Urteile des Kriminalgerichts konte nicht appellirt werden. Die Bußen fielen den einzelnen Mitgliedern des Gerichts zu, eine Einrichtung, die insofern einen großen Uebelstand zur Folge hatte, als man in dem Falle, daß keine Prozesse zur Verhand- lung anhängig gemacht waren, nicht blos wirkliche, sondern auch angebliche Vergehen und Verbrechen ausfindig zu machen wußte. Diese Art der Rechtspflege bestand bis ins neunzehnte Jarhundert, bis nämlich im Jare>854 eine neue Kantousverfassung(der Freistaat Bünden, der bisher nur Bundesgenosse der Schweiz ge- wesen war, im übrigen aber sich selbständig behauptete, hatte sich im Jare 1803 mit noch fünf anderen den alten 13 eidgenössischen Kantonen angeschloffen und befindet sich bekantlich seit 1815 in dem durch den Ausspruch der europäischen Mächte gebildeten Bunde der 22 Kantone, welcher in diesem Jare beschworen wurde) auch neue Kantonsgeseze mit sich brachte und damit eine unpar- teiischere Rechtspflege gewärleistet worden war. (Schluß folgt.) Die Zuname der Llijgefar und ihre mutmahlichen Ursachen. Man hört oft über etwaige Veränderungen im meteorologischen Durchschnittszustand, die eine Gegend innerhalb einer längeren Periode erlitten haben soll, mit sehr schwachen Gründen streiten. Es sind meistens nur die Erinnerungen au Eindrücke, die jemand in der Jugend von einigen sehr kalten oder heißen Perioden behalten hat, die zur Auf- stellung der Behauptungen veranlassen, bald daß wir mildere oder käl- tere, bald daß wir hechere oder külere Sommer erhalten hätten, ebenso aller Möglichkeiten inbezug aus feuchte oder trockne Jareszeilen; für die Koinbinaiionen dieser verschiedenen Eigenschaften beider Hauptjareszeiten bleibt dann auch noch ein weiter Spielraum! Auf etwas solidere Grundlage, nämlich gestüzt aus meteorologische, in Zale» niedergelegte Beobachtungen, ist nun neuerdings der Phnsiker W. Holß an die Beantwortung der Frage gegangen, ob gegen frühere Perioden eine Zuname der Anzal von Gewittern und ob eine Zuname der Blizgefar stattgesunden habe! Unter Blizgefar will Holtz„den Quotienten aus der Blizschlagzal und der Anzal der Gebäude" ver- standen wissen. In Wiedemanns„Annalen der Physik und Chemie" hat der genante Forscher die wesentlichen Resultate bekant gemacht, deren vorzugsweise Mitteilung allgemeines Interesse erregen dürste. Schon vor Holtz war diese Frage nicht unberücksichtigt geblieben. Im Jare I86V stellte von Bezold einen Vergleich zwischen der zunemenden Häufigkeit der Gewitter und der der Blizschläge im Königreich Bayern diesseits des Rheins an. Diesem Vergleich lagen einerseits zwei Reihen Gewitierbeobachtungen in gedachtem Gebiet, andererseits die Daten über Blizschläge der dortigen königl. bayrischen Versicherungsanstalt zugrunde. Es ergab sich daraus für die neuere Zeil eine entschiedene Zuname; und da sich zwischen der Häufigkeit der Gewitter und der Blizschläge noch anderweitige Uebereinstlmmungen konstatiren ließen, so glaubte v. Bezold schließen zu dürfen, daß die ftagliche Zuname der lezteren nur aus der Zuname der ersteren beruhe. Dieses Ergebnis gewann noch dadurch an Interesse, daß einige Jare früher schon Kuhn, gestüzt aus eine Reihe Gewittertabellen, die Vermutung ausgesprochen halte, daß die Häufigkeit der Gewitter in großen Zeilabschnitten gesezmäßig periodischen Schwankungen unterworfen sei. Es wurde daraus anch für das Königreich Sachsen, sür Schleswig-Holstein»nd die Provinz Sachsen eine Zuname der Blizschläge an Gebäuden nachgewiesen. Da jedoch in diesen Fällen keine Beobachtung der dort gleichzeitig stattgehabten Anzal von Gewittern geschehen war, so konte die Bezotd'sche Anname keine Bestätigung durch Vergleich ersaren. Holtz machte sich also daran, festzustellen, ob wirklich eine Zunanie der Blizschläge im allgemeinen anzuerkennen sei und serner, ob die wirkliche Ursache vorwiegend in meteorologischen oder nicht vielmehr tellurischen Ursachen zu suchen sei. Nach Entscheidung dieser Fragen ließ sich erst übersehen, wie sich die Sache in Zukunsl gestalten wird. Holtz sammelte also zunächst ei» möglichst reichhaltiges und zu anologen Vergleichen geeignetes Material, das er in zwei gesonderte Tabellen zujaminenfaßr, in eine über die Zu- oder Abname der Gewitter und in eine andre über Zu- oder Abname der Blizgefar. Der ersten Da belle liegen die Daten meteorologischer Stationen, der zweiten die von Versicherungsanstalten zugrunde. Natürlich wurden überall nur solche Daten verwanl, die in zeitlicher Beziehung für hinreichend einheitlich I anzusehen waren. Zu- und Abname der Gewitter nach dem ersten und lezten 4järigen Mittel (das erste Mittel gleich 1 gesezt): Gebiet seil 1854 seit 1862 seit 1870 berechnet nach Westdeutschland 1,l5 1,35 1,05 20 Orten. Ostdeutschland 0,S7 1,15 0,88 15„ Norddeutjchland 1,1 1,31 0,97 23„ Süddeutschland 1,04 1,21 1,00 12„ Deutschland überhaupt 1,07 1,27 0,98 35„ Oesterreich 0,88 0,79 0,97 7„ Schweiz— 1,00 1,03 2„ Die Zu- und Abname seit 1870 wird sür Gesamtdeuffchland nach 54, für Oesterreich nach 21 Orten berechnet.(Zum Verständnis der Ta- belle sei noch bemerkt, daß der ganze Beobachtungszeitraum von 24Jaren, von 1854—1878, in drei 8järige Perioden und diese in je 4järige Hälften geteilt sind, welche unter einander verglichen werden. Wenn also z. B. die erste Zal seit 1354 sür Westdeutschland als 1,15 ver« zeichnet sind, so heißt das, daß von 1858— 1861 sünfzehnhundertstel mal mehr Gewitter niedergegangen sind, als von 1854—1857; in den- selben Jaren aber in Ostdeutschland, Zal 0,97, dreihundertstel mal weniger.) Zu- und Abname der Blizgefar nach dem ersten und lezten 4 järigen Mittel: Gebiet seit 1854 seit 1862 seit 1870 berechnet nach Westdeutschland 2,64 2,51 1,05 11 Ländern. Ostdeutschland 2,86 2,69 1,45 5., Norddeutschland 2,67 2,84 1,26 8 Süddeutschland 2,85 2,11 0,99 8„ Deutschland überhaupt 2,75 2,57 1,12 16„ Oesterreich 1,75 1,24 1,06 2„ Schweiz 2,07 1,83 1,12 4 Die Zu- und Abname für Gesamtdeutschland wird seit 1870 für 25 Länder berechnet. Ans seinem gesamten Material schließt nun Holtz: „Vergleichen wir nun beide Tabellen, so stellt sich»ie Zuname der Ge- wilter äußerst gering und schlägt häufig sogar in eine Abname um, wärcnd sich die Zuname der Blizgefar überraschend groß stellt und sich in keinem einzigen Falle in eine Abname verwandelt. Schon hieraus dürfen wir schließen, daß die Zuname der Blizgefar nur zum geringsten Teil meteorologischen Einflüssen zuzuschreiben ist. Noch deutlicher aber erkennen wir das aus dem Ilmstand, daß die Zuname der Blizgefar in dem Maße größer wird, als die verglichnen Jare sich von einander entsernen, Wärend das durchaus nicht sür die Zuname der Gewitter gfli- welche sich umgelehrt seit 1854 im ganzen geringer stellt, als seil 1862. „Tie fragliche Zuname mujz also vorwiegend in tellurischen Ein- flössen begründet sein, sei es in mehr territorialen Aendcrungen oder in solchen, welche mehr die Beschaffenheit der Gebäude selbst betreffen. Unier erstercn möchte ich namentlich die Zuname der Entwaldungen nennen, vielleicht auch die Zuname der Eisenbahnen, weil beide Maß- namen die Gewitter mehr nach den Städten und Dörfern ziehen. Unter lezteren möchte ich aber noch besonders aus die Zuname aufmerksam machen, welche sich von Jar zu Jar mehr in der Anwendung metal- lischer Teile bekundet, insonderheit aus die Zuname metallischer Dach- Verzierungen, metallischer Pumpen oder Gas- und Wasscrleitungsröhren im Innern der Gebäude." Jnbetreff der etwaigen kleinen Vermehrung der Gefar durch Bliz- schlag, welche das Vorhandensein von Wasserleirungsröhren berbeisüren kann, bedarf es wol kaum des Hinweises, daß wir dieselbe one Be- denken hinnemen für die so großen hygienischen Vorteile, welche die beständige Nähe und das reichliche Zuströmen des reinen Wassers uns bietet. N.-L. Crnu Gcrrrr. Gedicht mit Kommentar von Prof. vr. CS. Ach. Ringsum Fels l, ein versteinertes Meer, von Stürmen umwettert; Hochlands ärmlich und rauh, aber von Helden bewont,— Festeste Burg altserbischen Volkstums wider die Türken�, Kühn von den Bätern erkämpft, welche verewigt im fiieb!4 Hirten� die Mannen daheim, wehrliebende«, immer bewaffnet; Zärtliche Freunde�, zugleich rächende Löwen der Schlacht«,— Ritterlich Volk« spartanischer Art, doch beflissen der Bildung>«; Kinder der Alpennatur, kräftigste a, bieder und klug,— Stattlich die Frau'n wie die Männer'«, des Gastfreunds treueste Pfleger'«: Seht die Genossen Armins'4 heute im„Schwarzen" Gebirg! ' In der eigentlichen Crnagora, d. i. in den vier Nahien(Ur- kantonen): katunska, rjecka, Ijesanska und crmnicka sind Wälder (junges, kümmerliches Laubholz ausgenommen) garnicht, Felder und Gärten nur zerstreut und vereinzelt vorhanden. Diese machen daher auf den aus fruchtbareren Gegenden kommenden Fremden ganz den Eindruck von Oasen in einer ungeheuren Stein- und Felsenwüste. « Der höchste Berg Montenegros, der Kom, ist über 800(1 Fuß hoch. Die Hauptstadt Cettinje(eigentlich Cetinje) selbst liegt 3500 Fuß über dem Meere. Tiefland ist nur sehr wenig vorhanden: am Nordwest- ende des Skutarisees, an der Sota und Moratscha. 3 Nach der unglücklichen Schlacht aus dem Kosovo polje(Amselfelde) im Jare 1389, und später aus der Herzegowina, flüchteten sich viele christliche Scrbenfamilicn(„Uskoken" von uskoöitl, gleich: sich flüchten, also: Flüchtlinge!) ins schwer zugängliche Hochgebirge der Crnagora, wo sie, wie in keinem andern Teile des alten Serbenreiches, ihre Nationalität und Religion unvermischt und siegreich gegen die wiederholt anstürmende türkische Uebermacht behaupteten. 4 Von dem Car Lazar, der aus dem Amselfelde fiel, und dem mytischen Volkshelden Kraljevic Marko angefangen� bis zum gegenwärtig regierenden Fürsten Nikola L Petrovic Njegus. Manche dieser epischen Volkslieder sind zugleich die einzige montenegrinische Geschichts- quelle für ihre Zeit. Siehe„Narodne pjesrne, cetorta i peta knjiga Vuka Sief. Karadzica. Bec, 1863 i 1865 godine."(„Volkslieder, 4. und 5. Buch des Buk Stesanowitsch Karadschitsch. Wien, 1863 und 1865.") « In einzelnen fruchtbaren Gegenden, wie z. B. an der Rjeka, am Skutarisee, an der Seta und Moratscha auch fleißige Ackerbauer, Fischer und Jäger. �, 6 Kein Montenegriner ist unbewaffnet. Jedes Haus, lede bewonte Hütte der Crnagora birgt ein größeres oder kleineres Arsenal von älteren und neueren Waffen, die nicht selten des Montenegriners ganzes bewegliches Vermögen ausmachen. Die gewönliche Bewaffnung des Montenegriners im Frieden bestet in der langen orientalischen pnska 0, Flinte", gegenwärtig meist Hinterlader) und im noz(„Messer") oder yatagan, one welche Waffen er seine Hütte nicht verläßt, und die er in Krieg und Frieden meisterlich zu handhaben verstet. Das„Messer" nebst einer oder mehreren Pistolen türkischer Herkunft(neuerdings Revolver) stecken vorne im breiten Ledergürtel(pas), der nebst dem bis an die Knie reichenden weißen Wollenrocke, der kapioa(eine Art Cerevis) und den Opanke(Sandalen) ein wesentlicher Bestandteil der montenegrinischen Männertracht ist., �..,,, ' In Montenegro, sowie im angrenzenden Dalmatien, herscht noch die urslavischc Sitte des pobratimstvo(Verbrüderung). Zwei Männer '(dva pobratirna), bisweilen auch*roci Frauenspersonen(dvie pose- strine) schließen miteinander einen Bund der Freundschaft und Liebe, der aus Verlangen der beteiligten Personen auch den kirchlichen Segen erhält Diese ungeschlechtliche Liebe ist nicht selten zärtlicher und dauer- hafter, als die geschlechtliche, welche, wie bei den alten Griechen, für minder würdig, fast für eine Art unvermeidlichen Uebels gehalten wird. Ties wol der Hauptgrund der minderen Achtung, in welcher das Weib bei den Südslaven überhaupt stet. Der Morlak(dalmatinischer Festlands- bewoner), welcher von seiner Ehehälfte sprechen will, begint mit den höflichen Worten: va prostite, inoja zena----(Verzeihen Sie, meine Frau____), was ungesär dasselbe bedeutet, wie: Mit Respekt zu sagen, meine Frau.... Bei all' dem ist das südslavische Weib die Herrin des Hauses, die hochverehrte Mutter ihrer Kinder und daheim wie im Freien unantastbar. Wehe dem Fremden, der einer Montenegrinerin Zwang antun wollte!„Verbrüderte" oder auch nur im allgemeinen befreun- dete Montenegriner, die sich nach längerer Trennung wiedersehen, küssen sich zärtlichst, mit der Rechten sich umarmend, wärend sie mit der Linken ihr Käppchen(kapica) ergreisen und zur Begrüßung lüften. Schreiber dieses wurde im Innern Montenegros ebenso begrüßt. Die armen, lasttragenden Weiber hingegen küssen dem Manne, auch dem fremden, bei der Begegnung demütig die Hand mit den allgemein ge- bräuchlichen Grußworten: Pomozi Bog!(Hels Gott! Antwort: Bog pomogao!) oder: Zdrav bio!(Sei gesund!) oder: Dobra ti zreöa! (Gutes Glück dir!), begnügen sich mit den lleberresten der Malzeiten ihrer gestrengen Herren und Gebieter, wagen nicht mit Fremden an einem Tische zu speisen u. s. w. Hierbei ist zu erwänen, daß in Monte- negro, änlich wie in Tirol, jedermann duzt und geduzt wird. Was die altslavische Sitte des Handkusses betrifft, so können wir hier noch hinzufügen, daß dieselbe dem Fürsten gegenüber von allen seinen Untertanen, one Unterschied des Ranges und Alters geübt wird. « Wie auch neuerdings in den Schlachten bei Buöidol(Wolsstal) oder Vrbica(Weidenzweig), bei den Kuöi(einem den Montenegrinern teils verbündeten, teils befreundeten Stamme), an der Moraäa(28. Juli, 14. Aug., 6. Sept. 1876) und Zeta(9. und 10. Okt. 1876), in Grahovo, vor Medun bis zur Uebergabe der Feste am 20. Okt. 1876 u. s. w. « Der echte Montenegriner ist troz seiner Armut voll ritterlicher Tugenden: neben seiner weltberühmten Tapferkeit und Kriegstüchligkeit ist er gutherzig und großmütig; bei all' seiner Zuneigung zum Wein (Vino piju rnladi Crnogorci,— Wein trinken die jungen Crno- gorzen---- heißt es am Anfange so manchen Volksliedes) und zum verderblichen Brantwein(rakija) zeigt sich der Montenegriner doch nie in betrunkenem Zustande; sein Ehrgefül ist so lebhaft, daß er, dem Strafgericht verfallen, den Tod oder, was für ihn dasselbe, die Verbannung der körperlichen Züchtigung vorziet. Keine montenegrinische Seele bettelt auf montenegrinischem Boden einen Fremden an. Als ich im Spätherbste 1875 in einem abgelegenen Hochtale der Crmnitza einem halbnackten, frierenden und hungernden Crnogorzenknaben, der, one mich anzusprechen, an mir vorbeiging, einige Kreuzer reichen wollte, sagte mein montenegrinischer Begleiter:„Tue das nicht, du würdest damit nur die Eltern des Knaben beleidigen, auch würde der Knabe von dir, als Fremden, kein Almosen annemen." Gustav Rasch in seinem lesenswerten Buche„Vom schwarzen Berge"(Kollektion deutscher und ausländischer Belletristik, Bd. 34, Dresden 1875) übertreibt daher nicht, wenn er die Montenegriner mit Vorliebe„Ritter des schwarzen Berges"»ent. Vgl. auch„Montenegro" w. von Spir. Goptschewitsch, Leipzig 1877. >o Seit 1869 hat— im glänzenden Gegensaze zur angrenzenden Türkei oder auch zu Dalmatien!— jede montenegrinische Gemeinde ihre Volksschule, Cettinje eine musterhaste höhere Mädchenbildungs- schule, genant„Institut dos jeunes tilles"(bekantlich noch ein frommer Wunsch des benachbarten„höhergebildeten" Königreichs Dalmatien!), und Söne wolhabender Montenegriner besuchen ausländische Lehr- anstalten.� So halte ich am k. k. Obergymnasiuni zu Zara in den Jarcu 1874 und 1875 Gelegenheit, zwei junge Montenegriner zu unter- richten, die durch anständiges Betragen, natürliche Begabung und Fleiß vor ihren dalmatinischen Mitschülern sich auszeichneten, und bei meinem ersten Ausenthalt in Cettinje(Oktober 1875) hörte ich im Billardzimmer des dortigen Hotels neben Serbisch auch Französisch, Italienisch und Deutsch, welche Sprachen von der sürstlichen Familie und den höheren Beamten in Cettinje gesprochen werden. Des Italienischen ist neben der serbischen Muttersprache jeder gebildete Montenegriner kundig. " Die Körperkrast und Ausdauer der Crnogorzen, Weiber wie Männer, ist eine ganz außerordentliche. Wie von den Männern bekant, daß sie mit einem Hiebe ihres Uatagan ihrem Feinde oder einem Hammel den Kopf vom Rumpfe trennen, so von den Montenegrine- rinnen, daß sie Lasten, die in andern Ländern kaum ein kräftiger Mann fortschleppen könte, auf dem Kopfe, mit 1—2 Kindern auf dem Rücken, und dabei noch strickend und singend, viele Stunden weit aus den ge- färlichsten Gebirgspsaden, one zu ermüden, bergans und ab tragen, wie Verfasser dieser Zeilen zu beobachte» mehrmals Gelegenheit hatte. Daheim verrichtet die Montenegrinerin willig die gröbsten Arbeiten in Haus und Feld und folgt ihrem Manne selbst in den Krieg, demselben Munition nachtragend, Essen bereitend, die Verwundeten aus dem Getümmel holend und pflegend, die Toten auf dem Schlachtfelde be- grabend u. s. w. Und nun denke man sich neben ein solches Helden- weib der Crnagora eine unsrer großstädtischen Damen gestellt, welche ihr ganzes Leben damit zubringen, Toilette zu machen und sich von aller Welt bedienen zu lassen!— >« Die meisten Montenegriner sind 6 Fuß hoch und darüber. Minder hochgewachsen, aber ebenso muskulös wie die Männer, und meist auch wolgestaltet, ist das weibliche Geschlecht. Die Crnogorzen zeigen hierin, wie in ihrer Tracht und in gewissen Sitten und Gewon- heilen viel Aenlichkeit mit den Tirolern. 552 13 Bei meinem ersten Aufenthalte in Cettinje schlief ich in dem einzigen Gasthose der Hauptstadt in einem Zimmer, dessen Tür— wie die übrigen des Hauses, kein Schloß hatte. Als ich des andern Morgens darüber meine Verwunderung aussprach, erwiderte man mir: ,/Wozu Schlösser, wo es keine Diebe gibt",— Antwort, würdig eines Spartaners! Als ich einige Tage später in der abgelegenen Hütte eines einfachen Crmnitzaners(Montenegriner der südlichen Provinz Crmnitza) übernachlete, verlangte mir nach dem Abendessen, das in Eiern, Schinken, Käse, Südfrüchten und der unvermeidlichen rulrij»(Schnaps) nebst türkischen Cigarretten bestand, der biedere Hausherr Börse, Uhr und sonstige Wertgcgenstände ab, um sie— in seiner Lade„besser aufzubewaren"; meine Kleider, welche vom Regen durchnäßt waren, hängte er vor die Hütte an den Weg, der zum nahen Dorfe fürte, damit dieselben, wie er sagte,„über Nacht trockneten". Als ich des andern Morgens nicht one Besorgnis erwachte, wurden mir von meinem Kanadier, der noch Europens übertünchte Höflichkeit nicht kante, alle meine abgenommenen Habseligkeiten pünktlichst mit der freundlichen Frage eingehändigt: Jesi-Ii zio?(Bist du lebendig?) Worauf die volkstümliche Antwort lautet: ckesam, fala Bogu!(Ich bins, Gott sei Dank!) Aus Dank- barkcit bat ich beini Weggehen meinen gastfreundlichen Wirt, dessen unschönere Hälfte sichs nicht nemen ließ, mir zuvor noch einen löst- lichen Morgenkaffee zu bereiten, ein par Silbergulden(Papiergeld hat im Innern Montenegros keinen Wert) als kleines Andenken annemcn zu wollen, denn— Bezalung für Beherbergung in dem barbarischen Lande der„Nasen-, Oren- und Kopfabschneider", der„wild umherstreifendcn Räuberhorden und Hammeldiebe" und wie die Monte- negriner sonst noch, meist sehr ungerechter Weise geschimpft werden sc., is nich, wie der Berliner sagt!— 14 Aus dem bisher Mitgeteilten ergibt sich eine große Aehnlichkeit des montenegrinischen Volkskarakters mit dem der alten Deutschen, wie sie uns Tacilus in seiner Germania schildert. Ich will hier nur noch erwänen, daß auch in ihren Untugenden die kricgeriscben Crnogorzen unseren germanischen Altvorder» gleichen. So entspricht z. B. die Krvarina ganz der altgermanischen Blutrache und dem Wergelde, die Otmica dem Brautraube u. s. w. Beide mittelalterliche Gebräuche sind seit 40 Jaren in Montenegro zwar gesezlich, aber noch nicht tatsächlich abgeschafft.________. Salzburger Bergpuzer.(Siehe S. 544.) Wenn ein Bewoner des Flachlandes das gesarvolle Tun dieser in schwindelnder Höhe hän- genden Männer zum erstenmale siet, so fragt er sich wol, nachdem er vielleicht den ersten Schwindelanfall überstanden: Was, Bergpuzer?— Ist das ein Scherz?— Besorgt nicht die Mutter Natur dieses Geschäft auch hier, in den hcrlichen Bergen Salzburgs selbst, wie sonst überall? Nnn, die leztere Frage ließe sich schon bejahen, aber eben gerade weil die Natur dies hier, wenn auch nicht wie anderwärts, so doch in einer den Menschen feindlichen Weise besorgt, ist es notwendig, daß die lez- leren sich vor ihrem die Resultate menschlichen Schaffens vernichtendem Wüten zu schüzen suchen. Und hier hat sie sich schon in ihrer ganzen Unbarmherzigkeil gezeigt, alles niedertretend und vernichtend, was Men- schenhand mit Mühe geschaffen und mit Sorgfalt und Liebe gepflegt hatte!— Dort, wo das schöne, im Süden, Osten und Norden von hohen blauen Bergen umschlossene heulige Salzburg stet, in zwei Teile ge- schieden durch das grünlich-weiße, wildschäumendc Gewässer des Salzach, befand sich einst, zur Zeit der römischen Weltherschaft, eine Nieder- lassung der siegreichen alten Roma. Zalreiche Spuren hat man davon gefunden unter den Felstrümmern in Salzburgs Umgebung: Stücke von marmornen Pferden und Bildsäulen, Wasserlröge aus weißem Mar- mor. Schalen, Münzen, ein Gewölbe mit Mosaikboden und dgl. auf- gefundene Reste zeugen noch von den früheren Bewonern: Das alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, Und neues Leben blüt aus den Ruinen. Das neue ist hier Salzburg.— Die Römerherschast wurde ge- stürzt von den sich aufraffenden Germanen, aber doch nur materiell, denn sonst hat sich dieselbe nur allzufülbar gemacht bis auf den Heu- tigen Tag. Und zwar nicht allein dadurch, daß sie uns ein unseren alten Sitten und Gebräuchen fremdes Recht oktroyirte,— den gefärlichen Einfluß des Papsttums wollen wir hier übergehen, da ihn deutsche Kaiser fleißig mit begründen halfen— durch die italische Baukunst der Renaissance ist uns auch manch herliches Bauwerk geschenkt worden, gleichsani um damit wieder gut zu machen, was die alten Vorsaren der neueren Italiener an uns gesündigt. Salzburg ist dafür das beste Beispiel. Zeigen seine Prosanbaulen schon den Karakter der aus Italien gekommenen, dort wiedergebornen Kunst, so erst recht seine Prachtbauten, vor allein aber der mit seiner mächtigen Kuppel zum Himmel aufstre- bende Dom. Aber gerade in der Zeit, wo der salzburger Dom von einem italischen Meister erst kurz vorher vollendet war, im 17. Jarhundert, und zwar am 15. Juli 1669, war es, wo die Mutter Natur wieder ein- mal ihre alte Feindschaft zeigte gegen das, was Menschenhand geschaffen. Es war zwei Uhr nach Mitternacht, die Bewoner Salzburgs lagen im tiefen Schlummer, manche hatten wol im schönen, süßen Traum Entschädigung gefunden für die Unannemlichkeiten des wirklichen Daseins— da— ein Brausen und Krachen hebt an und durchzittert die Luft: „Das rollt und wälzt sich endlos fort Und schwillt und wächst von Ort zu Ort; Zerknickt die Tannen mit grauser Kraft Und schießt als Wurfspeer weiter den Schaft. Der Boden zittert und wankt und wiegt, Bis rings die Stätte begraben liegt."-- Große Felsmassen hatten sich vom Mönchsberge losgelöst und das Kloster der barmherzigen Brüder, die schöne Kirche St. Markus, eine 5lapelle am Berge und 13 Häuser nebst allen Bewonern unter ihren Trümmern begraben. Leute, die zur Rettung herbeieilten, fanden gleich- falls unter den noch nachstürzenden Steinmassen ihr Grab. Dreihundert Menschen verloren bei dieser Katastrophe ihr Leben. Aber wie meist die Menschen erst durch Erfarung gewizigt worden, so untersucht man seitdem alljärlich, nachdem die Fremden den schönen salzburgcr Bergen den Rücken gekehrt haben, das weiche Gestein des Mönchberges, sowie den mürben Kalkfelsen, Berg der Kapuziner genant. Die„Bergpuzer" lassen sich, wie unser Bild zeigt, an langen, festen Tauen herab, unter- suchen den Felsen, schlagen los, was locker sizt, und sprengen wol auch größere, mit dem Herabsturz drohende Blöcke los. Waghalsig und ge- särlich ist dies Unternemen, und mancher hat wol auch schon sein Leben dabei gelassen, aber er ist gestorben als ein echter Soldat der Arbeit im Dienste taufender von Menschen, deren Leben und Gesundheit er durch seinen Tod erhalten hat; und deswegen stimmen wol auch alle unsere Leser kräftig mit ein, wenn wir den muttgen Gebirgsjonen ein aus vollem Herzen kommendes„Glück auf!" zurufen. urt. alten QSinsiefn der Zeillikeralur. Eine neue wasserspendende Pflanze. Man kent schon eine ganze Reihe von Pflanzen, Sträuchern und Bäumen, welche an be- stimten Stellen ihres Wuchses Wasser absondern und ansammeln, das dem Wanderer in wasserloser Gegend zur Erquickung dient; am bekan- testen dürfte der„Baum des Reisenden"(Urania oder Raveuala spe- ciosa) auf Madagaskar sein, aus dessen Blattstielen man große Quan- tiläten küles, süßes Wasser zapfen kann. Der Baum findet sich auch in unsere» Treibhäusern. Neuerdings ist durch den Reisenden Serpa Pinto eine weitere derartige„vegetabilische Quelle" bekant geworden, der Mu- kur ist rauch im Gebiete des Zambcsiflusses in Afrika. Serpa Pinto, ein portugiesischer Major, hat nämlich vom 4. Dezember 1377 bis 19. März 1879 eine Reise quer durch Afrika vollendet(von Benguela an der Westküste bis Port Natal oder Durban im Natallande), deren Beschreibung vor kurzem bei F. Hirt und Son in Leipzig in deutscher Uebersezung erschienen ist.„Der Mukuri", heißt es darin,„für den Reisenden in den dürren Wildnissen Centralasrikas ein warer Schaz, ist ein Strauch von L-L'/z Fnß Höhe, an dessen äußersten Wurzel- enden sich schwammige Warzen bilden, welche eine geschmacklose, den Durst stillende Flüssigkeit enthalten. Nur ist es nicht immer leicht, diese Warzen aufzufinden, wenn man die Pflanze auch trifft. Sie wachsen an den kleinen Wurzelspizen, welche sich von den Hauptwurzeln ab- zweigen und sich oft eine bedeutende Strecke von. Stamme entfernen, ehe sie die außerordentlichen Knoten bilden und entwickeln. Die beste Manier, sie zu suchen, die auch von den afrikanischen Eingeborenen an- gewendet wird, bestet darin, daß man langsam in immer größeren Kreisen um die Pflanze herumget und dabei beständig mit einem Knittel auf den Boden schlägt. Wo derselbe beim Schlage hol und dumpf klingt, kann man mit ziemlicher Gewißheit daraus rechnen, die Warzen zu finden, die 4—8 Zoll dick sind und eine fast runde Form haben." Serpa Pinto hat davon eine ziemlich beträchliche Menge gesammelt, und zwar auf einer Ebene, wo sich weit und breit keine Spur von Wasser zeigte. Eine botanische Bestimmung des merkwürdigen Strauches ist in dem Werke nicht angegeben..r. Sprechsal für jedermann. Heinrich Schultz, Uhrmacher, geboren den 17. März 1854 zu Altona ber Hamburg, dessen leztcr Ausenthalt Chili war, möge seine Adresse an seine Schwester, Frau Werth, Schuhrt Nr. 1, Hannover, einsenden. H. Loges. Inhalt. Helschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Der„kosmopolitische Nachtwächter". Ein literarisches Porträt(mit Illustration).— Der Einfluß des Klimas auf den Menschen und seine Gesundheit, von 1>r. Eduard Reich(Schluß)— Geschichten und Bilder aus Graubünden, von Br. Max Vogler.— Die Zuname der Blizgesar und ihre vermutlichen Ursachen.— Erna Gora Gedicht mit Kommentar von Prof. Dr. E. Sch.— Salzburger Bergpuzer(mit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Eine neue Wasser- spendende Pflanze.— Sprechsal für jedermann. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig-(Möckernsche Straße 30ä).— Expedition: Färberstr. 12.11. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Gold Hausen in Leipzig.