Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig— In Heften a 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Derschen vder dienen? Roman von M. KautsKy. (20. Fortsezung.) Es ivar Morgen, als Madame Donais, aus einem un- ruhigen Schlafe erwachend, in Elviras Schlafgemach trat, um nach�ihr zu sehen. Das Bett war unbcrürt; durch die Spalten der Tür drang Licht. Elvira war noch'in ihrem Boudoir. Die gute Duenna horchte; es ivar still, nichts regte sich. Sie öffnete leise die Tür, und nachdem sie den Äopf ein wenig rekognoszirend vor- gestreckt, trat sie endlich ein. Die Lampen droten zu verlöschen. Als sie näher trat, bemerkte sie Elvira vor ihremjschmb- lisch in ein Fautenil zurückgelehnt. Sie schlief.— Seitwärts lagen Schriften und Dokumente, einiges davon zerrissen, andres unter Bandschleifen gebracht. Zwei kuvertirte Brise mit den Aufschriften: Zriz Berger und Impresario Marchetti lagen vor ihr, und darunter der ganz ausgefüllte Kontrakt, der sie für zwei Jare einem amerikanischen Manager verpflichten sollte. Ihr Name war unter den des llnterncmers gesczt, der Kontrakt war giltig. Die gute Douais schüttelte dcii Kopf, sie war durchaus nicht einverstanden mit diesem Beschluß. Einigermaßen besorgt wanke sie sich wieder der Signora zu. Das graue Zwielicht des frühen Morgens und das flackernde einer verlöschenden Lampe ließen Elviras Antliz plözlich so fal, fast leichenhast erscheinen. Bkadame Douais berürte ihre Hand, sie Ivar eisigkalt, ein tiefer Seufzer, der jezt der Brust der Schläferin entstieg, klang wie ein schmerz- lichcs Aufschluchzen.„Mein Eott, was ist denn nur vorgegangen," dachte sie,„sie hat wol die ganze Nacht hier geschrieben und ge- weint.— ach freilich, ihr Taschentuch ist auch ganz feucht noch, und sie ist endlich vor Ermüdung eingeschlafen. Lau dieu, wenn sies so fort macht, wie lange wird sie's treiben? lind heute Abend soll sie wieder singen— das arme Kind!" Sic war wirklich bekümmert, aber ihre Neugier war dadurch nicht gemäßigt, und ibre Augen forschten aufs neue»ach den in wilder Unordnung herumliegenden Gegenständen. Alle Laden waren herausgerissen, zum Teil ihres Inhalts entleert, und dieser mußte in diese kleineu Packcte gebracht worden sein, die verpegelt auf einer Seite des Schreibtisches aufgehäuft lagen.„Bau dieu. es ist grade als ob sie ihr Testament gemacht hätte oder als ob sie morgen schon nach Amerika reiste,- es ist mir unbegreiflich!" Elvira für jezt aus dem Schlafe auf. Mit großen, verstörten Augen sah sie um sich.. � � „Sie müssen ins Bett, teure signora," bat die Douais,„Sie bedürfen der Ruhe, wie sollen Sie abends die Aida singen." Elvira war kraftlos wieder gegen die Lehne zurückgesunken. „Es ist spät geworden— oder vielmehr früh—, ich bin recht müde." Sie stüzte sich auf den Arm der guten Douais und ließ sich nach ihrem Schlafzimmer geleiten. Nürsthntes Kapitel. In die Calle Minio drang ein früher Sonnenstral. Domenika, barfuß, ein dünnes Röckcheu sehr nachlässig umgebunden, zerrauft wie immer, war auf den Balkon herausgetreten, um eine Bütte mit Spülicht gleich von diesem erhabenen Standpunkte aus nach dem Gäßchen zu cutleeren; aber einmal draußen und in Freiheit, fand sie es nicht für nötig, sogleich wieder zu den häuslichen Verrichtungen, die ihrer harten, zurückzukehren. Sie legte die Hände auf dem Rücken� zusammen, und von einem Fuß auf den ändern tretend, wiegte sie sich in den Hüften und guckte mit weit offenem Munde nach dem blauen, sonnigen Himmel empor.— Dann, es mußte ihr etwas eingefallen sein, verzog sie den Mund zu einem frölichen Grinsen, wobei sie alle ihre schönen Zäne zeigte, und in die Tasche ihres Rockes greifend, zog sie eine ge- kochte Zwiebel daraus hervor. Sie hatte sich dieselbe noch außer ihrem Früstück zugelegt und wollte sie nun hier außen ver- zehren. Sie biß in den großen, weichen Knollen, als ein kräftiges Schnalzen, dem Knall einer Pistole vergleichbar, an ihr Ohr schlug. Sic sah hinab, oue die Zwiebel von dem schlürfenden Munde zu nemen. Richtig, er war's; da stand er, und sein dunkles Gesicht mit den blizeuden, schwarzen Augen lachte zu ihr hinauf, Wärend seine Zunge ein zweites, gellendes Schnalzen hervorbrachte. „Cencio!" rief sie staunend und kauend.„Wie, so früh des Morgens!?' „0 vita della rnia vita!" rief er in einem übermütigen Patos, den vollen, bis über die Ellbogen entblößten Arm in graziöser Weise erhebend, gleichsam ihr entgegenschwingend.„Hätte ich ge- wüßt, daß du dich, so wie du aus dem Bette kriechst, auf dem Balkon zu zeigen pflegst, so wäre ich noch früher gekommen, viel- leicht hätte ich dich dann noch— paradiesischer gefunden." „(), l' insolente!" rief sie, und im ausgelassenen Mutwillen, der sich den Anschein des Zornes gab, riß sie die Zwiebel aus dem Munde und warf sie so geschickt nach ihm, daß die weiche Masse in seinem Gesichte aufklatschte, dann lachte sie wie toll und schlug vor Freude in die Hände, wärend er lachend und fluchend sich den warmen Brei vom Gesicht wischte. VI. Leipzig, 2(1. August 1881. „Mach mir jezt auf!" rief er dann. „Da, da, da, damit du mich umbringst? 0 uo!" „A, la poltrona, jezt fürchtet sie sich; aber warum bist du auch so— na, du wirst es schon büßen!" Er drote ihr mit der Faust.„Deine Zwiebel sollst du zurückhaben." Sie nam eine demütig ängstliche Miene an.„Oi, Cencio, lieber Cencio, verzeihe es mir, und ich will sie nicht zurückhaben, bringe mir lieber eine frische." „Vor allem machst du mir auf." „Wenn ich mich aber fürchte." „Das get mich nichts an; ich habe eine Kommission an den Patrone, und wenn ich sie nicht rechtzeitig ausfüre, wirst du die Verantwortung zu tragen haben." „Ich versichere dich, mein teurer Cencio, die Zwiebel ist mir ganz unversehens aus der Hand gefallen, ich kann nicht begreifen, wie—" „Wie sie mir mit solcher Wucht gegen die Nase plazen konte? Ich werde dir's schon erklären." „Cencio!" flete Domenika in einem Plözlich ganz untertänigen und jämmerlichen Tone. Er lachte laut auf. Aber das gab ihr sogleich all' ihren Mut wieder und all' ihre Keckheit. Er hatte es nicht allzu übel ge- nommen, sie merkte es mit Entzücken, und mit einer verheißungs- vollen Geberde und einem verheißungsvolleren Blick rief sie:„Ich konime!" Und sie stürzte hinweg und sprang die Treppe hinab. Es dauerte eine Weile, ehe Cencio heraufkam und ehe die oftgeküßte Domenika, um einige Küsse reicher, hinter ihm drein- tänzelnd, nur ungern sich in die Küche zurückbegab. Da Alfred schon in seinem Atelier arbeitete, trat Cencio so- gleich in dieses und übergab ihm einen Bris, den Tonio, der alte Diener de Vitas, ihm an der Ecke für Herrn Depauli ein- gehändigt hatte. Alfred erkante die Schriftzüge Juannas. Er hatte ihr gestern geschrieben, hier war die Antwort. Er öffnete hastig und las: „Mein Freund! Es ist fünf Uhr morgens, ich bin ini Ball- anzuge, ich komme von der Soiree des Gesanten,— ich füle mich ungestüm erregt, voll Mut und Energie,— dann scheint es mir wieder, ich sei tief erschöpft; ach ja, ich fiebere. Aber seit gestern auch, welche Stürme,— und Sie wissen von nichts! Mein Bruder hatte Ihre Besuche verbeten; Sie machen mir Vorwürfe darüber und tadeln mein Stillschweigen. Was konte ich tun? Ich wartete. Es mußte doch bald zu einer Entscheidung kommen, und es drängte auch alles dazu.— Gestern verlangte Tomaso, ich solle mich mit Ernesto Giuliano aussönen, er befal es mir. Ich schrieb an Ernesto und bat ihn zu mir. Er kam. Ich war aufrichtig, ich sagte ihm alles. Ich sagte ihm, daß ich ihn achte, daß ich ihn nicht liebe, und ich bat ihn, mir zu verzeihen. Nie war ich ihm so herzlich gut gewesen, als in diesem Augenblick, wo ich mit einer Träne im Auge ihn anflehte, mich zu vergessen. Aber er, der anfänglich ruhig und gelassen geschienen, tobte nun in einem Anfall wilden Zornes und er ließ sich zu ungerechten Anschuldigungen hinreißen, zu maßlosen Drohungen selbst. Welche Szene! Und Tomaso und meine Mutter standen an seiner Seite, sie namen gegen mich Partei, sie wollten nicht erkennen, daß mein ftüheres Verhalten, das ich selbst am bittersten verurteile, eine Lüge war, daß meine jezige Handlungsweise das einzige ehrliche Mittel ist, uns vor später Reue, mich vor einem Verbrechen zu bewaren. Sie überhäuften mich mit Schmähungen.— Aber wenn man sich von allen verlassen siet, dann erwacht in dem Geflllc seines Rechts eine unglaubliche Kraft. Sie wollten mich cin>chüchtern, sie erbitterten mich nur,— und auch ich kante keine Rücksicht mehr und keine Schranken, und ich sagte mich los— von allem. Ich bin ausgestoßen— ich habe mich selbst expatriirt. Was liegt mir daran! Was liegt mir an dieser ganzen Welt voll Erbärmlichkeit!! Und doch— Genie, Kraft, Wille, Glück, ich will dran glauben! Nein, ich bin nicht lebensmüde, nicht kampfesmüde; ich liebe noch die Menschen, ich habe noch Ver- trauen zu mir selbst,— aber ich bin verwirt, verstört, exaltirt!— Ich war beim Gesanten. Ich mußte hin, troz meiner Erregung, troz des Widerwillens, unter fremden Menschen mich zu finden und lächeln zu müssen. Aber der Gesante reist morgen nach Rom zurück, und er wollte mich sprechen, er will mir Arbeit geben; ich muß jezt eriverben, und so geboten die Verhältnisse, dieser Einladung Folge zu leisten. Man war sehr liebenswürdig gegen mich. Die Bianca war nicht erschienen, und all' die da- durch freigewordene Ucberschwenglichkeit ergoß sich über mich. Der Graf— weshalb fürchte ich denn nur, ich sei ihm zu meinem Schaden wieder begegnet?— gab sich so ehrlich, zeigte sich mir treu ergeben. Er will mir alle Beachtung angedeihen lassen und alle Förderung,— kurz, es ist entschieden, ich gehe nach Rom. Es soll mir eine bedeutende Arbeit zugeteilt werden; ich freue mich darauf. Sie schreiben mir, auch bei Ihnen seien Bestellungen gemacht worden, auch Sie wollen nach Rom; ist's niöglich? Sie wären also entschlossen, meinem Rate zu folgen, und bald? Sie bitten mich dringend um eine Unterredung. Kann ich sie Ihnen gewären? Aber Sie sind mein Freund, der einzige, den ich be- size,— nun denn, ich will Sie sprechen, noch ehe ich gehe,— und ich gehe heute noch. Ich werde in aller Stille und heimlich das Haus verlassen; ich will keine neuen Auftritte herbeifüren. Ich werde heute Abend in Murano sein, von dort fare ich nach Mestre. Ich will, Ihrer Bitte nachgebend, Sie an dem Orte finden, wo wir uns das leztemal getroffen: ans unsrer Vigna; Sie wissen ja, mein Campo santo!— Die Sonne get auf,— für mich begint mit diesem neuen Tage eine neue Zeit, meinen Ideen, ernsten Studien— der Kunst geweit. Wie mich's durch- strömt! Welch' ein Tätigkeitstrieb erwacht in mir,� welch' ein Schaffensdrang! Das ist wares Leben! Aber es ist wol auch der Anbeginn von neuen Kämpfen, von schlimmeren Erfarungen noch?!— So isolirt zu stehen, verlassen, nicht allein von der Familie, nein, auch vom Staat, auch von der Gesellschaft,— es ist nichts kleines,— aber, ich hab's gewagt! Ich erwarte von Ihnen ein Wort der Ermutigung; Sie �verstehen mich, Sie werden mich nicht wankend machen wollen, Sie nicht. Ich habe alles wissend auf mich genommen. Ich glaube an mich, allem zum Troz, und dieser Glaube ist etwas allgewaltiges!— Auf Wiedersehen also!— Ah, mich fröstelt!" Alfred hatte schon lange zu Ende gelesen, und immer noch sahen seine Augen mit einer Art Verzückung auf diese Zeilen, die ihm den reichen Geist, die pikante Eigenart, die starke Seele dieser Frau vergegenwärtigten, die er, er verHelte sich's nicht länger, die er anbetete, zu der er bereits alles, was ihn selbst berürte, in Beziehung brachte, sowie hinwieder alles, was sie betraf, tief in sein Gemütsleben eingriff. Und so hatte sie denn dies verhaßte, auch ihm verhaßte Band gelöst, und sie wurde nicht die Gattin dieses Italieners. Es war eine triumphirende Freude, die ihn darob erfüllte. O, es tut so gut, zu wissen, daß auch einem andern nicht gegönt ist, was einem selbst, leider, ver- sagt bleiben muß. Und diese Aussicht, mit ihr nach Rom zu gehen, an ihrer Seite zu arbeiten, von ihr erfrischt, angeregt, begeistert,— war es nicht ebenfalls ein großes Glück, mußte er sich nicht damit zufrieden geben? Ein vorläufiger Abschluß seines Wünschens und Strebens dünkte es ihm, eine Erfüllung von all' dem, was ihn in der lezten Zeit gepeinigt hatte. Herannahende Tritte störten ihn in seinen Betrachtungen, brachten ihn wieder zu sich selbst und zum Bewußtsein� seiner häuslichen Verhältnisse. Aber es war kein Gedanke der Schuld, der seine freudige Erregung dämpfte, es war nur der Gedanke, zu verbergen, was die Veranlassung dazu gegeben. Rasch wollte er den Bris in seine Brusttasche schieben, aber er besann sich eines bessern. Er legte ihn zu einem Fidibus zusammen und zündete ein Licht an. Die Schritte waren über den Korridor näher gekommen, es mußte Friz sein. Er nam eine Cigarre, und mit einer gewissen überlegenen Ruhe entzündete er sie mit dem hell aufflammenden Fidibus. Die Tür ward in diesem Augenblia geöffnet und Friz trat ein. Alfred wante sich ihm lächelnd entgegen, die Cigarre im Munde, das noch immer brennende Papier in der Hand; er ließ es bis gegen die Finger herab verkolen, dann warf er das winzige Restchen auf den Boden. „Salute," rief er laut und in fast übermütiger Frölichkeit dem Freunde entgegen,„du Löwe des Tages, du Held von gestern Abend, ich habe dir zu deinem großartigen Erfolg noch gamicht gratnliren können. Meinen aufrichtigsten Glückwunsch, Herzens- brnder." Er ging auf den Freund zu und drückte ihm kräftig die Hand. Als in diesem Augenbick die beiden jungen Männer einander gegenüberstanden, schien es, als hätte jeder das Wesen und Naturell des andern gegen das seine umgetauscht. Alfred war heiter und aufgeweckt, voll Frische und glücklicher Zuversicht; Friz blaß und ernst, die Stirn leicht gefurcht, das Auge düster, halb geschlossen, wie in Ermüdung. Er antwortete mit einem gezwungenen Lächeln, er tat einige Fragen, nain dann ebenfalls eine Cigarre und stellte sich an das geöffnete Fenster. Alfred hatte wieder zu Pinsel und Palette gegriffen; er arbeitete mit sichtlichem Eifer an seinem Fries und plauderte dabei voll munterer Laune von dem gestrigen Abend. „Und du wirst nun bald ein verhätschelter Liebling sein und ein Sänger von Ruf und Bedeutung," scherzte er. Friz lachte. Es war nicht das Lachen eines Glücklichen. Er zülte nicht mehr zu diesen.-- Als er an diesem Morgen erwacht war, war sein erster Gc- danke Elvira. Die gestrigen Vorgänge mit dem leidenschaftlichen Entzücken, das sie ihm gebracht, begannen in ihm aufzudämmern und alles kehrte in seine Erinnerung zurück. Er schwelgte aufs neue. Aber die Zauber der Nacht lebten nicht mehr in ihm, sie lebten außer ihm. Er gedachte ihrer, wie man eines schönen Traumes gedenkt oder wie ein Künstler, ein Poet seinen Phantasien nachhängt, die seine Nerven in eine geheime Schwingkraft versezen und ihn da- durch zum Schöpfer und Bildner machen. Als allmälich dies Schwankende sich ihm zur Wirklichkeit verdichtete, als es als etwas Geschehenes in seine Borstellung eintrat, sprang er von seinem Lager empor, erschreckt, erschüttert. Er war ein Elender! Wie das Bewußtsein eines schweren Verbrechens legte sichs auf seine Brust, wie die dunkle Ahnung eines namenlosen Unglücks, das ihn selbst ereilt hatte und Elvira und eine dritte noch, au die er in diesem Augenblick nicht zu denken wagte. Alles wogte ihm in unklaren Vorstellungen durcheinander, die er nicht näher- kommen lassen wollte, die er, da sie die Selbstverdammung ent- hielten, von sich wies. Und es war ja auch noch garnichts entschieden, garnichts. Sie selbst, die besonnener und ehrlicher gewesen war, als er, hatte ihn fortgeschickt, und nichts Bindendes sollte zwischen ihnen existiren, ehe sie nicht frei wäre. Aber wird sie es sein, wird sie nicht selbst ihre Entschlüsse ändern? Aber auch dieser Gedanke, der ihm eine Erleichterung bringen sollte, revoltirte ihn, ivard ihm in seiner Männereitelkeit unerträglich. Sie liebte ihn, sie kontc nicht von ihm lassen, sie würde es nicht. Und er selbst? Sie war ihm, seit er sie wiedergesehen, nicht mehr gleichgiltig, in ihm raste eine heiße, ungestillte Sehn- sucht nach ihr. Menschennatur, wieviel scheinbare Widersprüche trägst du in dir, die dem unaufhörlichen Kampfe entspringen, den dein Karakter, deine intellektuellen Fähigkeiten mit den dir innewonenden Trieben zu bestehen haben, die bei dem Kulturmenschen wieder nur durch intellektuelle Reizungen zu so ungestümer Aeußerung gedrängt werden! Friz ertrug es nicht länger, allein zu sein; er hätte sich selbst entrinnen mögen. In dieser Stimmung hatte er Alfred aus- gesucht. Jezt stand er noch immer am Fenster und sah hinaus. Eine sonderbare, bedrückende Schwüle schien ihm in der Luft zu liegen, etwas, das seine Glieder ermattete, das ihn schwach und hinfällig machte. Alfred arbeitete indes fleißig fort.„Es get mir heute prächtig von statten," bemerkte er, und dann gegen den Freund gewendet: „Findest du nicht, daß ich etwas von deinem Humor, etwas von deiner glücklichen Laune mir angeeignet habe?" Friz sah ihn an, als spräche er von etwas, das ihm kaum mehr verständlich war.„Meine glückliche Laune, mein Humor." wiederholte er. Es schien ihm eine längstvcrgangene Zeit, da er diese Eigenschaften besessen. „Das scheint dir wol nicht möglich?" spottete Alfred.„Aber ich versichere dich, ich bin heute in der glücklichsten Stimmung. Apropos, das Neueste: Elvira wird Baronin Heilenbach." „Das ist nicht war," rief Friz in jähem Ungestüm. „Oho, mein Lieber, ich bitte dich, in deinen absprechenden Meinungen etwas vorsichtiger zu sein. Ich habe es von Eugen selbst, er hat die Absicht. Elvira zu heiraten." „Elvira wird nicht in diesen Bund willigen." „Das wäre mehr als töricht, es wäre unverantwortlich. Die Moral gebietet ihr diese Heirat und— die Klugheit." „Du meinst, weil er Baron ist und ein großes Vermögen hat, aber Elvira ist Künstlerin, sie braucht keinen—" „Sie braucht einen reichen Mann," unterbrach Alfred,„und einen Mann von Stand und Titel; grade sie als Künstlerin, die so enornie Einnamcn erzielt, wie sie gar keinem Manne in irgendeiner Branche zugestanden werden. Ließe sie sichs beikommen, einen armen Schlucker, vielleicht sogar einen ihr untergeordneten Kollegen zu heiraten, so hieße es gleich: er lebt von ihr, sie hat ihn zu ernären, und das machte nicht allein ihn, das würde auch sie lächerlich macheu." Eine starke Röte ergoß sich über Frizcns mänliche Wangen. Er biß die Zähne aufeinander. „Ja, so ein Mann ist zu einer jämmerlichen Rolle verdamt," preßte er hervor. „Er ist der Mann seiner Frau," scherzte Alfred. Friz antivortcte nicht; er ging mit heftigen Schritten im Zimmer auf und nieder, bis Domenika eintrat und ihm bedeutete, hinauszukommen. Er folgte der Kleinen in die Sala und fand sich Meandro gegenüber, der ihn mit seinen schielenden Augen verschmizt anblickte und ihm meldete, daß ein Statistenstreik aus- gebrochen und daß Aida deshalb heute Abend nicht gegeben werde. „Wir werden ,La Traviata� haben," sagte er,„und Sic werden also heute Abend nicht singen, aber der Impresario läßt sie bitten, sogleich zu ihm zu kommen, des Kontrakts wegen."— Sein kleines, runzliches Gesicht nam die Falten eines Clowns an, als er sich ihm mit einem indiskreten Lächeln entgcgenneigte: „Sie befinden Sich, Signor?" Friz machte eine Geberde der Ungeduld.„Ich seze voraus, daß Sic Sich nicht hierher bemüht haben, um Sich nach meinem Befinden zu erkundigen." „O, Signor, es liegt mir nicht wenig am Herzen,— aber eigentlich kam ich, Ihnen zu sagen, daß Sie heute nicht singen werden." „Und weshalb?" „Es ist ein Streik unter den Statisten ausgebrochen, die wir für die Vorstellungen der Aida aufgenommen haben. So gut waren sie gedrillt, und jezt wollen die Kerle nicht; sie behaupten, mau hätte zuviel von ihnen verlangt. Sie hätten die Gözen- bilder tragen, dann als Krieger in die Schlacht ziehen und schließlich bei dem Feste des Gottes Ptah die Obcrpriester darstellen sollen; für so hohe Würden seien aber fünfzig Centesimi zu wenig." „Das ist richtig, gebt ihnen mehr." „Das wollten wir tun, fünf Centesimi haben wir auf jeden Oberpriestcr draufzalen wollen, aber nein, sie sagten, sie wollten nichts mehr vom-veater wissen und es hätte jeden Reiz für sie verloren, l malecketti, am Ende müßte man noch besondere Reiz- mittel für die Statisten erfinden." „Das beste Reizmittel wäre eine anständige Zalung." Meandro gab es einen Riß, und wenn er bisher zu dem Impresario gestanden, so fand er es in diesem Augenblicke vorteilhafter, sich ebenfalls ans die Seite der Unzufriedenen zu schlagen. „AR, si, si, wir sind alle schlimm daran!" rief er, in einen weinerlichen Ton übergehend und sein häßliches Gesicht durch die jämmerliche Grimasse noch mehr verzerrend.„Wie die Hunde geschunden, und nichts für den Mund und nichts für den Durst, misericordia, ein jämmerliches Däsein! Ich besonders, ich laufe mir die Füße kurz; ich war nicht immer so klein, Sie können mir's glauben, Signor; aber die Strapazen und dazu der Durst! Oe! Und wenn es so heiß ist, wie heute, und ich muß nun zu allen Sängern stürze», absagen— mich erwartet keine Gondel, Signor—, und zu allen Sängerinnen, darunter auch die Bianca, Sie werden mich verstehen, Signor, der immerwäreude Verkehr mit unseren Damen ist nicht geeignet, einen Mensche», wie ich bin, abzukühlen, und dazu das Wasser in Venedig,— Lixnor mio, trinken Sie ja kein Wasser in Venedig, es ist Gift." Er wand sich wie unter den entsczlichsten Schmerzen. Friz mußte unwillkürlich lächeln.„Ich verstehe, fnrbo," er drückte ihm einige Soldi in die Hand,„aber nun kommen wir zu Ende." „Also wir haben heute ,La Traviatah da brauchen wir keine Comparseria." „Und ,A>dch wird aufgegeben der Statisten wegen?" „Wir werden andre werbe», aber die Kerle sind alle Arbeiter, die verlassen erst um sieben ihre Werkstätten, wir können also erst heute Abend, kurz vor der Vorstellung damit beginnen, sie zu drillen, und darüber get die Zeit zum Ankleiden verloren. Es wird also erst morgen, vielleicht erst übermorgen eine Vor- stellnng der ,Alda� möglich sein." Friz zuckte die Achseln. Dieser eine Fall illustrirte so recht die Zustände der italienischen Büne, die ein gutes Ensemble un- möglich machen und sie nur auf einzelne Virtuosen anweisen. (Fortsezmig folgt.) ''\M.\V 570 Das Bpstr einer Eine Historie aus der Zeit Johann Mignon gab noch nicht alle Hoffnung auf. Er sah, daß er politische Leidenschaften in das Getriebe hinein ziehen mußte, und nur zu bekant war ihm, wie sehr der damals allmächtige Minister Frankreichs, der Kardinal Richelieu jeden, der nur ir- gendwie seiner Person zu nahe getreten war, mit Erbitterung verfolgte. Tarauf baute er seinen neuen Plan, als eine Kreatur dieses Mannes, der Requettenmeister von Laubardemont in Loudun erschien, als Haupt einer Kommission in Diensten des Ministers. Das Schicksal schien Mignon auf alle Weise begünstigen zu wollen. Denn dieser Laubardemont war ein Mann, gerade, wie ihn Mignon gebrauchen mußte. Roh, gewalttätig, gemein in seinen Gesinnungen, one jede Gewissensskrupel und nur auf seinen Vor- teil bedacht, ivar er ein Streber von der gcfärlichsten Art, der kein Mittel scheute, vorwärts zu gelangen und seinem Herrn und Meister Richelieu zu beweisen, wie sehr er in seinem Dienste arbeite,— mochte das auch zehnmal auf Kosten der Warheit ge- schehen. Mignon wußte Laubardemont davon zu überzeugen oder auch nicht zu überzeugen, genug, Laubardemont nam die darge- botene Gelegenheit mit Freuden ivar,— der verhaßte Urban Gran- dier, dessen wiziger Geist bekant war, sei der Vcrsaffcr der berüchtigten Satire von der schönen Schusterin Hamon von Loudun, welche mit dem Kardinal im Liebesverhältnis gestanden haben sollte. Diese Hanion war eine gute Bckante Urban Grandiers aus seinem Kirchensprcngel, und sie sollte mit ihm in regem Bris- Wechsel stehen. Laubardemont erhielt von dem erbitterten Kardinal jegliche Vollmacht und unumschränkte Gewalt in dieser Angelegenheit, die er denn auch sofort dazu bcuuzte, Grandier gefangen zu sezen. Als dieser zur Kirche in die Frühmesse gehen wollte, wurde er, Wärend all seine Feinde sich versammelt hatten, um das kostbare Schauspiel sich nicht entgehen zu lassen, verhaftet und in das Schloß von Angers gesürt, wo er länger als vier Monate blieb. Zugleich tauchten von allen Seiten die Besessenen wieder auf; durfte doch auch das Kloster nicht zu kurz kommen. Aus den zwei Nonnen waren ihrer fünf geworden, acht weltliche Frauen- zimmer und dazu noch zwei Bezauberte trieben ihr Unwesen in Loudun, zwei Beichttöchtcr Barrds, durch ihre Frömmigkeit mehr berüchtigt, als berühmt, ließen sich aus dem benachbarten Chinon verneinen, wo dieser berühmte Beschwörer seinen Wvnsiz hatte. Bei einer Hausuntersuchung in Grandiers Wonung fand man von der Hand des leztcrcn einige Seiten frivoler französischer Verse und eine geistvoll geschriebene Abhandlung gegen das Cölibat, wodurch er sein Gewissen offenbar hatte beruhigen wollen, da er neben vorübergehenden Liebesverhältnissen ein dauerndes zur Magdalena von Bron gehalten haben soll. Am 2. Dezember 1633 wurde er vor Gericht gezogen, am am 19. Dezember zum ziveitenmale. Der Advokat Fournier, der königliche Prokurator legte gleich am ersten Tage seine Stellung nieder; wirklich soll man nicht nur falsche Zeugen verhört haben, sondern es war von Laubardemont alles unterlassen, was irgendwie hätte zu Gunsten Grandiers ausfallen können; als höchster Richter in dieser Sache, durch einen besonderen Erlaß selbst gegen das Parlament geschüzt, schaltete und waltete er mit unglaublicher Willkür. Um für die Zukunft der Niederlage ein für allemal vorzu- beugen und das arme Opfer unentrinbar in das Nez dieser Ka- bale zu verstricken, erließ Laubardemont einige Zeit später ein Edikt, nach welchem jeder, der von den Besessenen oder ihren Beschwörern irgend etwas Böses spräche, mit einer Strafe von wenigsten 10000 Livres belegt werden sollte. Damit war das Urteil Grandiers so gut wie unterzeichnet. Einer der Beschivörcr fand den Pakt Grandiers mit den Teufeln, von einem Höllen- archivar entwendet, in welchem die Schriftzüge des unglücklichen Pfarrers wirklich täuschend nachgeahmt waren. Das wahnsinnige Schriftstück war lateinisch abgefaßt und lautete: „Herr und Meister Lucifer, ich bekenne Dich als meinen Gott und Oberherrn, ich gelobe Dir zu dienen und zu gehorchen mein lebelang. Ich entsage einem anderen Gott, Jesus Christus und den Heilige», der apostolisch-röinische» Kirche, ihren Sakramenten und allen Gebeten der Gläubigen für mich. Ich gelobe Dir, soviel böses zu tun, wie ich eben kann. Ich verzichte auf die heilige Oelung und die heilige Taufe, sowie ans alle Verdienste zeilllichen Intrigue. der Hcxenprozesse, von I. K.(Schluß.) Jesu Christi und der Heiligen, und sollte ich es felcn lassen, Dir zu dienen, Dich anzubeten und Dir dreimal am Tage zu hul- digen, so gebe ich Dir mein Leben, welches Dir gehört. Geschehen in diesem Jar und Tag. Urban Grandier. Einen grotesken Eindruck übt das Facsiniile des Teufelspaktes aus, mit den wunderlich-verschrobenen Unterschriften der höllischen Dämonen, wie sie nur in den verzerrenden Phantasien der da- maligen Zeit entstehen konten. Dasselbe hat folgende» Inhalt nach einer gegebenen Uebersezung: „Wir, der allmächtige Lucifer, haben heute unter dem Beistände Satans, Beelzebubs, Leviathans, Elimis, Astaroths u. a., das Bündnis, welches Urban Grandier mit uns geschlossen, ange- nommen, wofür wir ihm Unwiderstehlichkeit bei den Frauen, die Blüte der Jungfrauen, die Ehre der Nonnen, alle ordentlichen Würden, Auszeichnungen, Vergnügungen und Reichtümer ver- sprechen. Er wird alle drei Tage H— treiben, die Trunkenheit wird er nicht lassen, alljärlich wird er uns einmal seine Hul- digung. mit seinem eigenen Blute versiegelt, darbringen, die Sakra- mente der Kirche wird er mit Füßen treten und seine Gebete an uns richten. Kraft dieses Vertrages wird er zwanzig Jare aller irdischen Freuden genießen und sodann in unser Reich ein- gehen, um mit uns gemeinschaftlich Gott zu lästern. So geschehen in der Hölle im Rate der Dämonen. Gez.: Lucifer. Beelzebub. Satan. Elimis. Lcviatha». Astaroth. Visa für die Signaten und das Siegel des teuflischen Meisters und aller Oberhäupter der Dämonen. Kontrasignirt: Baalbarith, Sekretär. Das Nez wurde über dem Haupte des Angeklagten immer fester zugezogen,— es schien ein Entrinnen unmöglich. Eines Tages in strömendem Regen fand Laubardemont die Superioriu bis auf das Hemd ausgekleidet, barhäuptig, den Strick um den Hals und eine Wachskerze in der Hand, wie �s den Büßern vorgeschrieben ist, in einem Hofe des Klosters. Sie bat mit flehenden, herzzerreißenden Ausdrücken um Vergebung für ihre Sünde, da sie den Grandier fälschlich angeklagt und ins Unglück gestürzt habe. Später wollte sie sich an einem Baum im Garten erhängen und wurde nur von den herzulaufenden Nonnen an der Ausübung mit Mühe gehindert. Ebenso bekante die Schwester Klara ihre Verläumdung und verriet den ganzen Plan, wie ihr von den Beschwörern die Antwort vorher in den Mund gelegt sei. Sie entfloh, tvurde jedoch auf der Flucht wieder eingeholt. Diese beiden Aussagen mußten das ganze Gewebe des Truges zerreißen,— doch nein, die Richter, welche alle Krea- turen Laubardemonts und Feinde Urbans waren, er.lärten das ganze für eine neue Hexerei des Angeklagten, dessen Teufel mäch- tiger sei, als der der Besessenen. Dasselbe geschah, als eine welt- liche Besessene, die la viogeret ihr Unrecht bekante,— man ging mit Lachen über ihre Aussagen hinweg. Der Amtmann, welcher fortwärcnd mit Ernst die Sache unter- suchte und die harte Ungerechtigkeit, die ganze Lüge erkant hatte, wurde von einer der Zeuginnen der Hexerei selber beschuldigt,— die Sache freilich nicht weiter getrieben, indem die Beschwörer sich mit dieser Verläumdung begnügen ließen. Die Einwoner der Stadt, die Besiergefinten, fülten inzwischen mit verzweifelndem Ingrimm das Unwürdige und Gemeine der ganzen Richterschaft. Es gährte unruhig in diesen Köpfen, revo- lutionäre Worte und Reden wurden laut. Endlich durfte und ivollte man sich nicht mehr knechten lassen. Eines Tages dröhnte die Glocke durch die Straßen der Stadt, welche alle Bürger zur ivichtigen Beratung zum Rathause der Stadt berief. Es kam der Fall Urban Grandier zur Beratung. Flüche und leidenschaft- liche Worte fielen gegen die Tyrannei und offenbare Ungerechtig- keil Laubardemonts und des bestochenen Gerichtes. Man sah endlich einen Ausweg nur in einer Petition an den König selbst, in welcher man sich hart beklagte, daß die unschulsigsten und vor- nemsten Familien der Stadt wie Verbrecher behandelt würden, daß nian mit der Leichtgläubigkeit des Volkes seinen Spott triebe, daß jedes religiöse Gefül mit Füßen getreten worden sei. Man appellirte au das Urteil der Sorbonne. Laubardemont geriet in unbeschreibliche Wut. Auf sein Be- zehren mußten die versammelten Richter die Akten über jene Burgerzusammenkunft als verläumderisch, revolutionär, gegen das Ansehen aller bestehenden Staats- und kirchlichen Gewalt gerichtet und daher für null und nichtig erklären, erklären, daß die Petition in der Kanzlei des Gerichtes niederzulegen sei. Er verbot, kraft seiner unbeschränkten Vollmacht, irgendwelche än- liche Versamlnng wiederzuberufeu und bedrote jeden Uebertreter mit einer Strafe von mindestens 20000 Livres. Wer ihn der Un- gerechtigkeit zeihe, solle sich nur an ihn wenden,— Richter und Verklagter in einer Person wollte er selbst sein. Ganz vergeblich waren auch die lezten Proteste Graudiers aus dem Gefängnisse,— am 10. August 1634 erklärte der Bischof von Poitiers, die Nonnen des Ursulinerklosters von Loudun seien wirklich und warhaftig Besessene, Urban Grandier ein Hexenmeister und mit dem Teufel Verbündeter. Kraft dieses Ur- teils wurde der Verklagte verurteilt, vor der Haupttür der Kirche zum heiligen Petrus du Marche und der Kirche der heiligen Ursula öffentlich, entblößten Hauptes, einen Strick um den Hals, eine zweipfündige Wachskerze' in der Hand, Buße zu tun und nach dieser Buße auf dem Richtplaze der Stadt zum heiligen Kreuze mit jener Schrift gegen das Cölibat, den Teufelsverträgen und anderen Zauberkarakteren verbrant zu werden. Grandier hörte standhaft das Urteil an, keine Augenbraue bewegte sich, nur nach Verlesung desselben beteuerte und beschwor er nochmals seine Unschuld und bat zulezt unter Tränen, die Strenge des Urteils zu mildern. Man fragte ihn nach den Mitschuldigen und als er keine angeben konte, weil er selbst unschuldig sei, brachte man ihn auf eine furchtbar grausame Folter, die troz der wildesten Schmerzen dem Unglücklichen kein Wort, keine Klage, nur ein inständiges Gebet entlockte. Er fiel mehrmals in Onmacht. Später trug man den Schwerverlezten auf das Ratszimmer, wo man ihn auf eine Streu legte. Seine Bitten nach einem Beichtvater aus dem Orden der Augustiner oder der Franziskaner wurden nicht erhört, man ordnete ihm zwei seiner erbittertsten Feinde, die Kapuzinermönche Claudius und Tranquill, zu. Des Abends Zwischen vier und fünf holte man ihn aus seiner Kammer zum Richtplaz. Vor der Kirche des heiligen Petrus auf dem Markt- Das Teater zur Zeit der Von W. I. „Teater zur Zeit der großen Revolution?" fragt vielleicht mancher unserer Leser.„Gab es denn Wärend dieser stürmischen Zeit überhaupt Teater?"— Gewiff gab es deren und ihre Gc- schichte ist überaus lehrreich, wenn auch der literarische Wert der vom 14. Juli bis zum 18. Brumaire Vlll. aufgefürten 1000 bis ILA) Stücke fast gleich null ist. Die Sprache, die Sitten, die Leidenschaften der Zeit spiegeln sich nirgends getreuer� warhafter, packender, als in jenen längstvergessenen Stücken.„Ein kurioses Tier ist der Mensch," bemerkt ein französischer Kritiker;„aber das kurioseste der Franzose, ob der Leichtigkeit, mit welcher er sich den Verhältnissen, oder vielmehr die Verhältnisse,� so traurig sie auch sein mögen, sich selbst und seiner ewigen Lust zum Amuse- ment anzupassen weiß. Wir konstruiren uns aus weiter Per- spektive sozusagen eine ideale Geschichte der Revolutionszeit; und da gewaltige Ereignisse im Vordergrunde der Szene stehen, da schauerliche Dramen und Tragödien in den politischen Versam- lungen und auf öffentlichen Pläzcn sich abspielen; da die Emeute in den Straßen der großen Stadt ihr Wesen treibt, da Bürger- krieg in den Provinzen und Krieg wider äußere Feinde fast an allen Grenzen tobt, erheben wir unwillkürlich unsre Stimme und schreiben im Tone jenes alten Römers: Ein Werk unterneme ich zu schildern, das reich au furchtbaren Zufällen, furchtbar durch Schlachten, zwieträchtig durch Ausstände, ja selbst im Frieden schrecklich ist. Und sollte man nicht auch warlich glauben, daß durch die sorllvärende Bedrohung, welche gestern von der Volks- Wut, heut von der offiziellen Guillotine, morgen von feindlicher Invasion ausget, sollte man nicht glauben, daß das Lehen unter- krochen, ja gleichsam erstart sein müsse? Dem ist aber keines- Wegs so: das Leben get ruhig seinen gewönlichen Gang weiter, ja man hat sich vielleicht niemals so ausgelassen und toll den Vergnügungen ergeben, als in einigen Jaren dieser schrecklichen Zeit."— Was der französische Kritiker wunderlich und abnorm plaz tat er die erste Abbitte, stürzte aber vor Erregung platt auf den Bauch hin,— dann verzieh er allen seinen Feinden und Widersachern und betrat dann standhaft den Scheiterhaufen. Mau hatte ihm versprochen, er solle zuerst eine Rede an das Volk halten, und man würde ihn, bevor der Scheiterhaufen angezündet würde, erdrosseln. Als er seine Ansprache aber beginnen wollte, gössen ihm die Mönche eine Flut von Weihwasser ins Gesicht, um dieselbe zu ersticken, als er zum zwcitenmale ansezen wollte, trat einer derselben auf ihn zn und küßte ihn.„Das war der Judas- kuß", sagte Grandier. Die Raserei der Feinde ließ jezt nicht einmal nach. Man wollte das Opfer alle Qualen kosten lassen. Um jede Erdrosselung zu verhindern, hatten sie Knoten in den Strick geknüpft, welcher ihm um den Hals gelegt war. Gran- dier beklagte sich vor den Umstehenden darüber, one seine Sanft- mut zu verlieren, als aber der Pater Lätantius voll wilder Rachsucht heranlief und one den Befel des Richters zn erwarten, den Haufen anzündete, warf er ihm einen durchbohrenden Blick zu und lud ihn vor den Richterstul Gottes, einen Monat nach diesem Tage. Der Scheiterhaufe loderte aus, das Volk schrie ver- gebens, den Unglücklichen vorher zu erdrosseln, die Knoten ver- hinderten diesen lezten Akt der Milde, und so ward Urban Gran- dier lebendig verbrant, ein Opfer seiner Feinde und des Aber- glaubens seiner Zeit. Die lezten Worte erstarben ihm auf den Lippen:„Venz meus ad Te vigilo; Miserere mei Deus",„Auf dich harre ich, mein Gott,— Gott erbarme dich meiner." Bald nach seinem Tode verloren sich die Teufel und Dämonen in Loudun und dem Ursulinerkloster. Der Zweck dieser Komödie war erreicht, der Tod des verhaßten Urban Grandier,— die Beschwörer und alle, welche an diesem Untergange teil genom- men, aber hatten die Verachtung ganz Frankreichs auf sich ge- laden, denu der Glaube an die Besessenheit verschwand bald und die Triebfedern dieses Justizmordes wurden jedermann klar. Pater Lätantius jedoch starb, wie die Chronik vermeldet, an dem ihm von Urban bestirnten Tage eines gräßlichen Todes, unter schreck- licheu Wutanfällen, und eines nicht minder gräßlichen Todes die übrigen Exorcisten, welche an dem Verbrechen teil genommen. französischen Revolution. Sincerus. findet, dünkt uns Deutschen aus etischen und psychologischen Gründen vollständig begreiflich, ja natürlich zu sein: in Zeiten, in welchen das Morgen unsicher und todbringend, genießt der natürliche Mensch das Heute und freut sich in ungebändigter Lust des Lebens. Werfen wir einen Blick auf das Teater jener Zeit. Welschinger, der uns nach bisher uubekanten Dokumenten das Teater der Revolution von 1789 bis 1799 in einem zu Paris 1881 bei Gebr. Charavay erschienenen Buche geschildert hat, ver- zeichnet uns für das Jar 1790 einige zwanzig neue Stücke, für das Jar 1793 schon über 40, für 1794 sogar über 50, wärend im Jare 1799 die Zal auf 12 herabsinkt. Und zwar sind dies keineswegs blos Spektakelstücke, welche dem Toben und Treiben des Tages entsprechen, wie„Der König von Calvados" von Buzot, oder„Der Tod Robespierres"; nein, Tragödien nach altem Stil, wie„Mutius Scävola" von Luce de Lancival, „Cincinnatus" von Arnault,„Epicharis und Nero" von Gabriel Legouvö. Ja sogar Harlekinaden und Farcen felen nicht, wie die Titel„Der Schncidcrharletin",„der Bildhauerharlekin",„der Harlekin Perrückenmacher", oder das heitere Stück„Die Dragoner und die Benediktinerinnen" von Piganlt-Lcbrun beweisen. Und damit auch das Ballet und die Idylle ihren Plaz haben, werden Stücke, wie„Der anakreontische Tanz" und„Die Süßigkeit der Liebe" aufgefürt. In den lezten Tagen des Jares 1791 und zu Anfang des Jares 1792 wurden nicht weniger als sechs neue Stücke gegeben, deren Helden die berüchtigten Schweizer vom Regiment Chateauvieux waren. Das von Tallien sestgesezte Programm für den Triumphzug dieser befreiten Galeerensklaven schließt mit folgendem charakteristischen Saze:„Dann Werdensich die Soldaten von Chateauvieux in bürgerlichen Festgelagen ver- einigen, bei welchen sich die Bürger beeilen werden, ihr Familien- mal mit den Lebensmitteln zu vereinigen, welche der Handel im Uebersluß dahin bringen wird; Tänze werden die öffentliche Lustig- keit erhöhen, und das Fest wird solange dauern, als es der Tag, -- 572 der leider zu schnell entfliet, gestatten wird." Ja am Hiimchtungs- tage der Girondisten, an den Tagen, an welchen auf der un- erjättlichen Guillotine die Äöpse von Danton, Robespicrre und St. Just fielen, spielten die Teater und gaben sogar sogenante Preinieres, Erstlingsvorstellungen. Mit„Karl IX. oder die Schule der Könige" von Marie Joseph Chenier begint am 4. November 1789 das Teater der Revolution und diesem Stücke folgen zunächst viele andre, die wie jenes von der königlichen Censur bisher beanstandet waren, wie„Der Graf von Eoniminges" von d'Arnault,„Ter tugendhafte Verbrecher von Fenouillot" u. s. w. Ueberhaupt lebte das Teater der Jare 1789 bis 1792 zum Teil von den Stücken, welche die Censur des absoluten Königtums bisher unterdrückt hatte: noch der „Marius" von d'Arnault aus dem Jare 1791 und die ersten Komödien von Collin d'Harleville lehnen sich ganz an die fran- zösischen klassischen Stücke an. Auch der höchst mittelmäßige, außerordentlich fleißig besuchte„Wilhelm Tell" von Lemierre aus dem Jare 1793 ist ein der neuen Zeit angepaßtes und mit dem neuen Titel„Die Schweizer Sanskulotten" ausstaffirtes Spektakel- stück aus dem Jare 1796. Ein weiterer karakteristischer Zug der Geschichte des Teaters jener Zeit ist die Trennung, und bald darauf die Auslösung der Comedie frangaise. Chenier trcnte mit seinem Kar! IX. die Schauspieler in zwei feindliche Herlager. In den Kulissen und auf der Szene zankte, beleidigte, orfcigte man sich. Naudet wider Talma, Dugazon wider Fleury. In die durch diese widerlichen Szenen geöffnete Bresche drängten sich nun die kleinen Schau- spieler, die Unterneiner und die unbedeutenden Dichter, und die Konstituante votirte am 13. Januar 1791 die Teaterfreiheit mit dem ausgesprochenen Zwecke, die alte zu aristokratische Institution zu vernichten. Talma verließ, von einigen seiner Kollegen begleitet, traurig seine alte Büue und spielte im Teater der Rue Richelieu; der Rest der alten Truppe spielte in einem Sale des Faubourg St. Germain weiter, bis infolge der Aufsürung des„Freundes der Geseze" von Laya am 2. Januar 1793 und des noch un- schuldigeren Stückes„Pamela" von Franz Neusthäteau das Konventsmitglied Barrere einschritt und mit despotischer Willkür in der Nacht vom 2. zum 3. September 1793 die gesamte Comddie frau�aise„Mänlein wie Fräulein", in Summa 28 Personen, ver- hasten und einsperren ließ.„Nicht die Tugend, sondern der Adel wird belobt und betont; Adel, Aristokraten und Gemäßigte vereinigen sich, um die durch englische Lords vorgeschlagenen Maßregeln zu beklatschen; die englischen Regierungsmaximeu werden zum Schaden der Republik als Muster hingestellt,"— so dckrctirte Barrere und die Lomeckie tranyalse wurde ausgehoben. Daß diese Vernichtung der altberühmten Lomeäie wesent- lich die literarische Unbedcutendheit des Teaters der Revolutions- zeit befördert hat, liegt klar zutage und bedarf keines Beweises. Weiter ist ivol zu beachten die Stellung des Publikums in der revolutionären Zeit, welches grundsäzlich und in brutalster Form sich selbst an die Stelle der alten Censur stellte. Das Parterre diktirt dem Teater das Gesez, das Parterre iveigert sich, das Tagesstück zu hören und schreibt den Schauspielern vor, was sie am nächsten Tage zu spielen haben. Die Direktoren müssen sich fügen: Der Direktor des Bandeville muß persönlich auf die Büue kommen, das liebe Publikum um Verzeihung bitten und öffentlich ein Stück verbrennen, deffeu Verfasser sich erlaubt hat, den liberalen Dichter Chenier ob seiner armseligen Poejie zu ver- spotten. Auch die Freiheit der Schauspieler wird im Rainen der Freiheit aufgehoben: am Teater Fran�ais zwingt man Talma und Naudet sich zu umarmen und an der komischen Oper veran- laßt man Madame St. Anbin, ein Journal zu zerreißen, welches über einen durch seine patriotischen Gefiile betauten Schriftsteller gemizelt hatte. Die Freiheit der Zuschauer wird ebensowenig ge- achtet: wenn einige wirtliche oder verwante Aristokraten bei einem Stücke zu laut applaudirt haben, welches einigen Duzend an- deren, sich als das„souveräne Volk" auffpielendeu Leuten mis- fällt, so sammeln sich Bürger und Bürgerinnen am Ausgange, bilden Spalier und zwingen jeden aus dem Teater Eilenden zu rufen:„Es lebe die Nation!" Das Groteske mischt sich mit�dem Gehässigen. Der Konventsinann Genissieux stet zufällig das Stück Meropc. Er findet darin eine trauernde Königin, ivelche ihren Mann beweint. Das muß eine Anspielung auf Marie JUntoinettc sein, welche über den Tod Ludwigs XVI. klagt: das Stück wird untersagt. Die Schauspieler der Comedia frangaise spielen den Cid; man macht ihnen begreiflich:„es darf kein König auf der Szene erfihcinen,"— Ton Fernando wird also ein republikanischer General. Das republikanische Teater kündigt ein Stück an, be- titelt„Johann one Land". Die Klubs denken, man will ihren Bierbrauer Johann lächerlich machen,— das Stück wird per- boten. Ja man hindert die Aufsürung der Oper„Hadrian, Kaiser von Rom", von Mehul, weil Hadrian ans einem Triumphwagen erscheint, der von zwei weißen Pferden, die aus den Ställen der Königin stammen, gezogen wird. Wir dürfen uns nach all' diesen Borkoinnissen nicht wundern, wenn am 2. August 1793 das Konventsmitglied Couthon die Tribüne besteigt und sich folgendermaßen verneinen läßt:„Bürger, der Tag des 10. August nähert sich. Republikaner sind vom Volke abgesant, um in den Nationalarchiven die Verhandlungen über die Anname der Verfassung niederzulegen. Ihr würdet diese Republikaner beleidigen und beschimpfen, wenn ihr sürder leiden wolltet, daß man in ihrer Gegenwart Stücke auffürt, welche mit einer Unmasse die Freiheit beleidigender Worte und Anspie- lungen angefüllt sind; ja wenn ihr nicht anordnen wolltet, daß künftig nur Stücke aufgefürt werden, welche würdig sind, von Republikanern gehört und applaudirt zu werden. Das speziell mit der Aufklärung und der Bildung der öffentlichen Meinung betraute Comitö hat erwogen, daß die Teater die gegenwärtigen Umstände nicht übersehen dürfen. Zu lauge haben sie der Tyrannei gedient, es ist Zeit, daß sie endlich der Freiheit dienen." Und man dekretirt, daß wenigstens dreimal in der Woche Stücke, wie Wilhelm Tell, Brutus, Casus Gracchus und änliche patriotische Dramen aufgefürt werden. Am 20. April 1794 schreibt Billaud- Varennes de» dramatischeu Dichtern folgendes Programm zur Anfertigung patriotischer Stücke vor:„Neint den Menschen von seiner Geburt an, um ihn schließlich zur Tugend zu füren durch die Bewunderung der großen Ereignisse und durch den Entusias- mus, welchen sie einhauchen..... Das sind lebendige und ergreifende Bilder, welche tiefe Eindrücke hinterlassen, welche die Seele erheben, welche das Gemeine vertiefen, welche den Bürger- sinn und das Menschengefül elektrisiren: den Bürgersinn, dieses höchste Prinzip der Selbstverleugnung, welckie selbst ivieder die unversiegliche Quelle aller großen bürgerlichen und gesellsckiaft- lichen Tugenden ist." Und am 4. August begibt sich ein Kon- ventsniitglied, Maignet, der berüchtigte Prokonsul von Avignon, nach Marseille, um auf diesen hochpvelischcn und künstlerischen Grundlagen die dortigen Teater zu revrganisircn und zu republi- kanisiren.„Es ist Zeit, sie endlich an einen vernünftigen Zweck zu erinnern, sie zu einer nationalen Institution zu erheben, sie zu republikanisiren und eine nationale Schule daraus zu bilden, welche durch ihre eigenartigen Sitten die Bürgertugenden lehrt und befördert.." Er unterzeichnet dies famose Programm und nach ihm zwei Kommissare des Wolfartsausschusses für die Reor- ganisation der Teater. Wir werden in der Folge sehen, welch' herliche poetische Erzeugnisse dieses neue republikanisch-dramatische Programm zu Tage gefördert hat: daß die Kunst, auch d>c dramatische, ihre eigenen Geseze habe, davon hatten die törichten Staatsmänner jener Zeit keine Ahnung. Doch es ist glücklicher- weise durch die Natur der Tinge und Menschen dafür gesorgt, da» die Bäume nicht in den Himmel wachsen: die Kunst, die ächte, wäre dramatische Kunst ist geblieben: die Ungeheuerlichkeiten einer Kunst. Ivelche nur die Magd der Politik sein sollte, sind vergesse» . und verachtet—„ihre Stätte kent man nicht mehr." (Schluß folgt.) Aus Deutschlands fchlimlkr Mut- und Eiienleit. Historische Novelle von Eark Kassau.(1. Fortsezung) Mansfeld streichelte das lange Lockenhar seines Lieblings und Jaresfrist die Ehe meines Vaters und meine eigne legalisirt; daß lächelte ihn an:„Tu heißest nun nicht mehr Mansfeld Hoher, deine Mutter diesen Tag nicht erleben konlc'" mein Junge, du heißest von jezt au Graf Hoher von Mausfeld, i„Aber", für er erst nach einer Pause fort aber meine Güter mein rechtmäßiger son und Erbe. Ter Kaiser hat schon vor\ in Lüttich haben mir die Pfaffen weggeschnappt- ich habe»»" nur noch mein Schwert, und ich wills gebrauchen. Jedoch nicht für den wortbrüchigeu Ferdinand: ich füle mich protestantisch durch und durch: mit meinem Schwerte will ich protestiren gegen das Pfaffeurcgiment in Wien und München: der Kaiser soll sich hüten!— Wann brecht Ihr auf gen Magdeburg?"— � Hierauf folgte ein Familienrat, in welchem beschlossen ward, daß man in nächster Woche die Reise versuchen wolle. „Was uns anbelangt, Hoyer", redete Mansfeld dann seinen Son an,„so begleitest du mich mit Stürix ins Feldlager."— Hier klatschte der Knabe in die Hände.—„Pst, zum Schlagen bist du noch zu jung, lerne noch steißig zwei Jare, so neme ich dich als Kornet in eine meiner Kompagnien auf, denn ich gedenke im Elsaß und in der Pfalz werben zu lassen. Nimm Ab- schied von deinen Freunden, von— Onkel und Tante, in ein par Stunden reisen wir schon ab!" So geschah es; Hoyer und Jutta liefen zum Nachbarhause, um Stürix die Umwandlung mitzuteilen; Mansfeld aber nam einen feierlichen Ton an und begann dann: „Meine Freunde, reicht mir die Hände und versprecht mir zu verzeihen, was ich Euch getan!" Beide, der Professor und seine Gattin lächelten; was konte ihnen Graf Mansfeld getan haben? Es war gewiß nur wieder einer seiner Soldatenscherze. „Nun?" „Wir verzeihen beide im voraus!" „So hört: ich bin derjenige, der so viel Kummer in Eure Familie gebracht, one es jedoch zu wollen. Bürgermeister Ther Bonk. Euer Vater und Schwiegervater, hatte gegen mich als Katoliken und lebelustigen Offizier eine unüberwindliche Abneigung, und ich sülte deshalb wol, daß er mir Gisela, Eure Schwester, Frau Dorotea, nie geben würde; ich überredete, die Geliebte des- halb, mir heimlich zu folge». Sie tat es: in einer dunklen Nacht flohen wir aus Lüttich nach der Republik Venedig, in deren Dienste ich damals trat. Hier gab nicine Gisela als mein recht- mäßig angetrautes Weib meineni Knaben das Leben. Ein wonne- volles Leben fürten wir in der alten Dogenstadt. Vor acht Jaren aber schon, als ich eben nach Flandern ziehen und in des Kaisers Dienst treten wollte, starb sie mir; ans dem Gottesacker zu It. Giovanni liegt sie begraben."— Er stüzte den Kopf in beide Hände und starte vor sich hin, dann richtete er sich wieder auf und für fort:„Ihr, Frau Dorotea, wäret damals gerade b.i Vcrwanten, wo Ihr Eure häusliche Ausbildung vollenden wolltet; Ihr wißt aber doch wol genug, um mir sagen zu können, daß Ihr mir viel zu verzeihen habt!— Als wir Eures Vaters Verzeihung und Segen selbst erflehen wollten, da war er längst tot!" — Der ernste Kriegsmann warf die beiden langen Rciterhand- schuhe aus den Tisch und zog dann ein Gemälde auf Elfenbein ausgefürt aus dem Koller und küßte es leidenschaftlich. Frau Dorotea reichte ihm die Hand und sah über seine Schulter das Bild an: „Ja, ja, das ist meine Gisela! Ich verzeihe Euch, Graf, auch im Namen meines Vaters und Gatten!— Armes Kuid!" „Sie ist glücklich gewesen und gestorben, Frau Schwägerin, bedauert sie nicht! Sie liebte»uich und ihren Son von ganzer Seele!" Auch der Professor eilte herbei. „Habe nicht geahnt, solch' gräfliche Verwantschaft zu haben!" — Mansfeld wehrte mit der Hand ab.—„Aber das sage ich Euch, Herr Schwager, nun neme ich auch von ganzem Herzen Eure Hülse an und was Mansfeld, wollte sagen Hoyer, anbelangt, so laßt ihn mir, ich will ihn erziehen zu--—" „Verzeiht, Herr Schwager Professor, er wird und muß ein Kriegsmann werden wie sein Vater und stroßvater! Darum soll er bei mir bleiben; zudem wäre er ja nirgend sicher, man könte ihn vielleicht als Geisel gegen mich zurückhalten; nein, nein!— Doch nun, Ihr Lieben, wißt Ihr, was mich zu Euch hinzog schon vier Jare hindurch und warum ich Stürix und Hoyer in Eure unmittelbare Nachbarschaft brachte! Aber es wird Zeit, Ivo bleibt Hoyer?— Addio, addio, auf Wiedersehen morgen, wenn ich abreite gen Straßburg; ich glaube fest, ich bin hier kaum sicher in diesem bigotten Neste!— Addio!" Er eilte klirrenden Schrittes über Schwelle und Korridor und ging ins Nachbarhaus. Das leztcre war ein altes, hochgiebeliges Gebäude. Im Erd- geschoß desselben, in einem düsteren, dunkelgetäfelten Zimmer nach hinten hinaus saß unter Büchern, Violen und allerlei Gerümpel eine lange, schmale Gestalt, halb als Geistlicher, halb als Soldat gekleidet. Ein langer, schwarzer, schon mit Grau durchschossener Bart floß auf das dunkle Gewand herab und die braunen Äugen starten aus eine Glasretorte, unter welcher eine Lampe braute, wärend eine wasserhelle Flüssigkeit aus dem langen Halse lang- sam in kaltem Wasser destillirt wurde. Man hörte dann laute Stimmen auf dem Korridor, die Tür öffnete sich und Jutta wie Hoyer sprangen herein. „Stürix, was machst du denn nun?" forschte Hoyer, indem er zum Zweck des Bessersehenkönnens auf einen dauebenstehendcn Tisch kletterte. Stürix, er war es nämlich, Hoyers schon erwänter Lehrer, ließ sich jedoch nicht stören. Er arbeitete noch eine ganze Weile fort, dann sah er auf: „Guten Tag, Jutta; warte, Mansfeld, daß die Arbeit nicht verdirbt!— Es ist ein ganz neues Rezept! Warte, warte, nicht so ungestüm!" für er fort, als der Knabe sich vorneigte. „Höre mal, Stürix," lachte Hoyer,„wir sollen noch zwei Jare mit Papa im Feldlager leben und fleißig studiren, alsdann werde ich Kornet." Und er fuchtelte mit einem Lineale in der Luft herum. Stürix hatte unterdes die wasserhelle Flüssigkeit mit destillirtem Wasser verdünt und begann beides in einem großen Glase zu durchschütteln. Daun prüfte er die Flüssigkeit gegen das Licht, nickte vergnügt, nam ein Kelchglas, schenkte und trank; man sah ihm das Behagen dabei an; Hoyer aber sagte: „Was trinkst du denn da, Stürix, Lebenselixir oder den auf- gelösten Stein der Weisen, von dem du so oft sprichst?" „Nein, mein Junge, das ist der, nordhäuser Teufel oder Brautweinfl Ich habe davon gehört und das Rezept im kleinen nachgeahmt; es ist gelungen. Wollt ihr kosten?" Beide Kinder sprangen hinzu und schmeckten; Jutta rief ent- rüstet:„Pfui, wie das brent!" Hoyer aber lachte:„Schön, schön, aber heiß wie die Hölle; nun, dafür ist es auch Teufelswasser!" Stach einer Pause begann Hoyer wieder:„Ja, Stürix, dann packe einmal deine Sachen,— wie bekommen wir die alle mit?" Stürix guckte alles recht wehmütig an.„Muß alles hier bleiben, Junge, alles; kann nicht mit ins Feldlager, get nicht!" Jezt sah auch Jutta den Gelehrten wieder schelmisch an und begann: '„Stürix, Mansf—, Hoyer, wollte ich sagen, behauptet, du köntest die Zukunft ergründen aus den Linien der Hand; kanst du? Komm!" Dabei streckte sie ihm die Hand entgegen. „Die Kunst ist schwer, meine Tochter," nickte der Gelehrte würdevoll,„doch laß sehen!" Nachdenklich betrachtete er die Linien der innern Handfläche; dann begann er:„Du wirst einem großen Feuer glücklich ent- kommen und die Gattin eines tapferen Offiziers werden, aber— nein, das übrige sage ich nicht." „Sage es doch, bester Stürix," schmeichelte Jutta. „Gut; aber schweigt gegen jedermann!— Du wirst eines unnatürlichen Todes sterben!" Jutta lachte ihn laut an. „Lache nicht, Kind! Sich hier diese Linie in meiner Hand"— und er hielt seine Hand hin—„es ist dieselbe, ich sterbe ebenso." „Ach was," rief Hoyer jezt lustig,„nun komme ich!" Und er reichte dem Gelehrten ebenfalls seine Hand dar. „Tu wirst ein tapferer Kriegsmann werden," sagte Stürix trocken. „Stet nichts vom Heiraten drin?" fragte der Knabe schelmisch, mit einem Blick auf Jutta. „Laß sehen!— Ei freilich, doch" „Ihr verspracht mir ja, diese Kunst nicht mehr auszuüben!" fiel hier plözlich die Stimme des Grafen ein, der sich unbemerkt genähert hatte.—.Gehet, Kinder; Hoyer dich erwarte ich zu Abend früh hier! Addio, Jutta!" Die Kinder gingen. Der Graf wante sich wieder an den Gelehrten:„Nun, Stürix, mache dich bereit auf morgen früh, aber den Jux da"— dabei schaute er sich um—„laß hier; er würde dich beschweren." Stach kurzem Gespräch eilte er wieder in seine Gemächer. Am andern Morgen ritten drei Reiter zum Tore Ingolstadts hinaus, nachdem sie beim Professor Rauek Abschied genommen. Acht Tage später zog auch der leztere mit seiner Familie ab; ein hochbepackter Frachtwagen fürte die Besiztümer der Reisenden, die in einem bequemen Wagen folgten. IL „Bravo. Kamerad, wie Ihr sprecht, So denlt ein mansselbscher Reilerslnecht." (Nach Schiller.) Schon in weiter Ferne erkante man das Feldlager; lagen doch die Dörfer verlassen und in Trümmern, weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, nur hier und da ritten ein par Reiters- knechte dahin, deren Pallasche im hellen Sonnenschein blinkten. Am äußersten Walle stand ein Posten, ein alter graubärtiger Geselle, dessen lange Partisane hell wie ein Spiegel glänzte, wärend an seiner Seite ein langer Rausdegen schwankte. Er war der Typus eines echten Werblings zu Zeiten dieses ungeheuren Krieges, der Deutschland auf Jarzehnte entkräftete und zu einer Wüste machte. Weiterhin stand eine änliche Wache, und so rund herum ums Lager. Schritt man etwas weiter vor, so kam man an die Wachhütte. Es waren Fußgänger, die hier teilweise in einer Bretterbude, teils davor auf der Erde, auf Feldstülen oder Stroh saßen und lagen und kurzweilige Gespräche fürten. Ein langbärtiger Korporal hatte hier das Kommando. Der ganze Haufen lachte eben, als zwei Dragoner in den Kreis traten, deren einer die Tressen des Wachtnieisters trug. Im ganzen und großen waren sie wie die Fußvölker in Braun und lederne Koller gekleidet. Lange Raufdegen an der Seite, hohe Stiefel, breite Schlapphüte, niit allerlei Federn geschmückt, vollendeten die Uniform, wozu noch bei den Dragonern ein langes Reiterpistol kam, das im Gürtel steckte. „Nun Fuchsner", begann der Korporal wieder, nachdem das Gelächter geendigt,„was wars dieses mal?" „Ei, Herr Korporal,'s ist eben nichts; ich sage dem Liesch nur eben, warum er der Werbetrommel nachgegangen ist!" „Nun, und warum denu?" „Ei, er hält uns eben ein Kapitel über die Ehrlichkeit, und da niachte ich ihn denn nur darauf aufmerksam, daß sich an seine Schreiberfinger beim Abschied von seinem Advokaten in Rotterdam einige Goldfüchse so ganz zufällig gehängt hätten!" Man lachte nochmals; der Blosgestellte zog sich aber in den Hintergrund zurück. „Nun, Wachtmeister Werbener," reichte der Korporal dem An- kommenden die Hand,„wie stets? Bleiben wir noch lange in dieser trübseligen Gegend müssig liegen, oder gibts bald wieder Arbeit?" „Kans nicht sagen, Korporal Tauscher; doch scheints weiter nach Süden zum Schlagen gekommen zu sein!" „Ihr meint zwischen dem Tilly, dem Leuteschinder, und dem tollen Herzog?" „Ganz bestirnt; unser Graf ist in der größten Spannung!" „Glaub' aber doch, mit Verlaub, meine Herren," fiel hier Fuchsner ein,„daß ihm der Tolle etwas zu schaffen machen wird, dem unbesiegbaren Tilly, wie sie ihn nennen; wenn der Braunschweiger nur stärker wäre! Auf die Dauer allein, muß er doch unterliegen!" „Wol einmal unterliegen," mischte sich nun der Begleiter Werbencrs, ein Freikorporal aus dem braunschweiger Lande, Hans von Hilten, ein,„wol unterliegen, aber nie ganz besiegt werden!— Denkt Euch, Kameraden, ließ der etwa zwanzigjärige Jüngling sein Bistum, Ehre, Würde und Wolleben im Stich und sagte seinem Baterlande mit zehn Talern in der Tasche Ade, um in Westphalen zu werben: tont pour Oieu et pour LIle*). Ihr wißts ja alle, und seitdem trägt er den Handschuh der un- glücklichen schönen Elisabet an seinem Helm. Er will ihn nicht eher ablegen, so hat er geschworen, bis er sie wieder zu Prag auf den Tron gesezt." Hier warf Fuchsner wieder ein Wort ein: „Wenn nur der Winterkönig nicht so feige und weibisch wäre! — Verließ unser Her und traute dem schlauen Naubcl**) in Wien; er unterhandelte, wärend der Baden-Durlacher, der Braun- schweizer und Mansfelder alles hingaben, für sein Recht zu kämpfen!" „Hast recht, Fuchsner!" meinte der Korporal.„Ja, ja, das sind noch Männer! Kcnt Ihr die Geschichte von dem tollen Christian, wie er die zwölf Äpofiel in die weite Welt schickte?" „Rein, nein; erzält!" „Nun, in der paderborner Stiftskirche waren die zwölf Apostel aus getriebenem Silber vorhanden. Christian von Braunschweig � Alles für Gott und für Sie(Elisabet). *') Kaiser Ferdinand. nam sie weg und recitirte:„So gebot Christus: Gehet hin in alle Welt!"— ließ sie zerschlagen und in die Münze schicken. Er prägte Stücke daraus, worauf eine erhobene Hand zu sehen ist, mit der Inschrift:„Gottes Freund, der Pfaffen Feind!"— Die Stifter besonders haben diese Feindschaft fülen müssen!" „Da ist die Geschichte vom heiligen Liborius noch besser, Jungen," fiel hier ein Werbling ein. „Erzält, erzält!" „Ja, ja, auch!— In Paderborn wars ebenfalls, da stand die achtzig Pfund schwere silberne Bildsäule des heiligen Liborius. Der Braunschweiger ließ sie wegfüren und bemerkte den heulenden Pfaffen: ,Warscheiiilich haben die alten römischen Kaiser diesen Heiligen vierteilen lassen; ich will menschlicher sein, ich lasse ihn zweidritteln Und er ließ lauter funkelnagelneue blizende Zwei- drittelstücke daraus schlagen." „Bravo, bravo!" „Verachtet mir daneben aber den Durlacher nicht!" meinte ein anderer.„Er ist der erste gewesen, der alles hinwarf und für den Glauben das Schwert ergriff." »Ja, ja," begann nun der lustige Fuchsner wieder,„aber der größte Held von allen bleibt doch unser Mansfelder! Wißt ihr wol noch, Kameraden, wie in Franken die Meuterei im Heere ausbrach, wie ein heller Hausen, wol au die fünfhundert Köpfe stark, sein Zelt umdrängte und nach Sold schrie? Wie er, die Pistolen in der Hand, heraustrat und elf Mann mit eigner Hand niederstieß und die übrigen zu Kreuz krochen?— Mut hat der für zehn! Außerdem ist er der schlaueste von allen; darin komt ihm keiner gleich." „Höchstens sein Son!" bemerkte hier ein andrer Söldling. „Ja," nickte Warbener,„der ist des VaterS verjüngtes Eben- bild, ein warer Held!" Und eine Träne glänzte in seinen Augen. „Ja, hols der Geier und der Schnapsack!" rief auch der alte Korporal Tauscher mit Entusiasmus.„Weiß Gott, für den Jungen ließe ich auch mein Leben, wenn es sein müßte." Es ward zu Mittag geblasen; die Leute gingen teilweise aus- einander und Werbener trat in das Feldherrnzelt. Die Wache wandelte davor auf und ab, drinnen aber war es lautlos stille. Mansfeld— er war, seitdem wir ihn verließen, bedeutend gealtert,— saß an einem langen Tische vor einer großen Land- karte und murmelte leise vor sich hin. Jezt trat Hoyer ein. Welch' ein schöner Jüngling war er geworden, schlank und ivolgebildet; wol war er einen Kopf höher, als sein Bater; von seinem goldbordirten Hute nickte die lange Feder herunter und ein langer Pallasch klirtc an seiner Seite. Der junge Lieutenant niachte dem Bater Ehre, denn er zeigte sich in der Schlacht mutig, ausdauernd und tollkühn. Neunzehn Jare war unser Held jezt all, aber verständig, wie ein dreißiger. Zuweilen jedoch schwamm sein großes, blaues Auge feucht, wenn er an die Professoren- familie und die„kleine Jutta", wie er sie stets nante, dachte. Heute aber hatten andre Sorgen bei ihm plazgegriffen: Christian von Braunschweig war wieder im Felde erschienen, hatte mit heimlicher Unterstüzung seines Bruders Friedrich Ulrich. des regiere, ibcn Herzogs zu Braunschweig, und mit den Mitteln seines Stiftes— er war Administrator von Halberstadt— ein Heer auf die Beine gebracht und versuchte, nachdem sein Bruder, vom Kaiser bedrängt, sich hatte von ihm lossagen müssen, mit Bcrzichtleistung auf sein Bistum, sich mit Ernst von Mansfeld, der ans niederländischen Diensten entlassen, nun ein eignes Heer gesammelt hatte, zu vereinigen, um mit Erfolg dem nachdrängenden Tilly zu widerstehen. Dieser hatte dem Braunschweiger aber vor der Bereinigung den Weg verlegt und sein Heer aufgerieben. Die Mansfelds, Vater und Son, hatten ein langes, geheimes Gespräch mit einander: „Unsre Sache mislingt, lieber Hoyer, es bleibt nichts übrig, als du nimst meinen Empfelungsbrif und gehst nach Schweden; an Gustav Adolfs Hofe findest du ehrenhafte Aufname, und eine Stelle in seiner siegreichen Armee ist dir gewiß. Tu sollst aber nicht allein sein; den Werbener und einige andere gute Geselle» nimst du mit und behältst sie in allen Lagen bei dir. Wir sehen uns wieder; mein guter Stern wird über uns beiden leuchten." „Und wo bleibt Ihr, mein guter Bater?" „Ich gehe nach England; ich London hoffe ich beides zu finden, Geld und Freunde. Tu weißt Bescheid! An dieser Stelle trennen wir uns; ich füre das Heer, damit es Tilly nicht zulaufe, bis an die Niederlande; dort, jenseit der Grenze, entlasse ich»»>" Mouatssold; Wartegeld, mein Jon ,"— wobei er lächelte. »Im nächsten Jare stehen wir, so Gott will, besser im Felde!— Im übrigen müssen die Boten vom Braunschweiger bald ein- treffen." Sie drückten sich die Hand, dann vertiefte sich der General wieder in seine Karte, Hoher aber ging hinaus ins Lager. Kurz darauf kam Christian von Braunschweig, der sich mit wenig zalreichem Gefolge durch Tillys Scharen seinen Weg ge- hauen hatte. Der Mansfelder empfing ihn an den Vorposten. Noch auf den Rossen umannten sich die beiden Kriegsgefärten, dann ritt der ganze Zug, begrüßt durch die Wachen, ins Lager ein; die Fürer verschwanden im Feldherrnzclte, und eine halbe Stunde nachher ertönte das Allarmzeichen. Das Lager ward abgebrochen, die fünf Fahnen stellten sich in Marschordnung auf, der Train folgte, und bald war von dem ganzen Lager bei Jörkum nichts mehr zu sehen, als die Aschenhaufen, die Ueber- reste der Lagerfeuer. An der niederländischen Grenze hielt der Zug. Die Braun- schweizer namen hier Abschied vom Grafen, der selbst jezt zu scheiden bereit war. Es wurde jedem Manne ein Doppelmonats- sold ausgezalt, alsdann hielt der Graf im geschlossenen Viereck folgende Anrede:_ „Soldaten! Nach der verlornen Schlacht von Stadtloo seitens meines Waffengefärten, Herzog Christian von Braunschweig, sind wir Mansfeldischen zu schwach, nnt 5000 Köpfen den fast acht- fachen Scharen Tillys gegenüber das Feld zn behaupten. Ich Eine Verhaftung. (Illustration S. 568— 69.) Er lebte still, ein ehrlicher Mann, Und schaffte sroh mit einsigen Händen; Nichts, was er mit Bedacht begann, Blieb ruhn', er mußte es fleißig vollenden. Und es pochte das Glück an des Hauses Tor, Er schwang sich ans Armut und Not empor Und warte und hütete klug und weise, Was er gewann mit sauerem Schweiße. Der Nachbar sah es mit neidischem Blick, Das Seine zerfloß, entichwand niit dem Winde, Stets widriger schien ihm das Geschick, Fluchwert das launenhaste und blinde-- Er hatte sich freilich Tag für Tag Behäbig gedehnt,— gedacht: es mag Die Arbeil dir nur wenig frommen, Es muß das Glück ins Haus dir kommen! Doch blieb es aus, und es stieg sein Groll. Nur trug er heimlich ein heißes Verlangen Zu des anderen Kind: schon Edit soll Ten Mund noch neigen und mich umfangen! Des Mädchens rote Wangen glüh'n, � Tie Augen flirren, und zornig sprüh'n— Er nahte keck ihr und verwegen— Sie ihm Verachtung und Haß entgegen.... Ein Darlehn, das er vom Vater begehrt, Ein kleines Darlehn vom reichen Gute, Und das ihm jener nicht gcwärt, Es saß und fraß ihm schon lang im Blute,— Nu» kocht es ihm über, und er sink und sint, Wie er dem Braven Verderben spint; Da weiß ers schon!— Nach kurzem Bedenken Zum Richter siet man den Schritt ihn lenken: „Der Mann treibt Wucher— er muß es gestehn!— Und birgt gestolenes Gut in den Kellern, So kam er— kont' es anders geschehn?— Zu solchem Gold von lumpigen Hellern! Verlottert Gesindel hat er zu Gast, Und schwereres leg' ich ihm zur Last,— Fast singens die Spazen schon hunderltönig: Hört, Herr!— Er lästerte selbst den König!' Ter Richter stuzt:„Verhält sichs war, Was ihr da sagt, dann soll das Siegel Auf all seit, Gut, und offenbar Gehört er hinter Schloß und Riegel! Es wird der saubere Gesell Rasch mir erscheinen hier zur Stell'!" Zwei Tiener des Gerichts enteilen, Ihn herzuholen one Weilen....' sehe mich deshalb in die unangeneme Notwendigkeit versezt, euch, tapfere Kriegsgefärten, aus meinem Dienste zu entlassen. Ich danke euch für eure Treue; in den Niederlanden wird geworben für Schweden und Dänemark; tretet ein, wo es euch gefällt; wer mich aber liebt, der gehe nicht zu den Kaiserlichen über; ihr seid meines Dienstes und Eides damit entlassen!" Gleich darauf ritt der Obrist einer Fahne vor und rief mit weitschallcnder Stimme: „Kameraden, wenn unser Feldherr wieder werben läßt, stellen wir, hoffe ich, uns alle wieder ein;— bringt mit mir ein Hoch dem Vorkämpfer des Protestantismus, Grafen Ernst von Mansfeld!" Donnernd stimten die langen Reihen ein; der Graf winkte mit der Hand und zog dann, die Tränen zurückdrängend, mit seinem Sone, Wachtmeister Werbener, dem alten Tauscher, Hilten und Fuchsner davon, außerdem zogen zwei Obristen mit, die nach Unterbringung des Trains in den Niederlanden mit dem Grafen nach London abgehen wollten. Eine kurze Strecke reisten alle zusammen weiter, dann nam der Graf einen herzlichen, weh- wütigen Abschied von seinem Hoher, der mit Werbener, Hilten, Tauscher und Fuchsner nach Norden zog, um nach Schweden überzusezen, märend der Graf dem Haag zuzog. Slürix begleitete den alten Grafen. Norddeutschland aber ward nun im August 1623 schnell von den Kaiserlichen überflutet. (Fortsezung folgt.) Als stürzte der Wände alt Gebälk, Als kracht' im Hause jede Fuge, Als sterbe jedes Glied ihm, welk, In einem ungeheuren Truge, So ist dem Arme»,— o der Schmach! Man sagt, daß schlimmes er verbrach,— „Wer sagt es?"... Seine Knie ihm wanken, Und kreisend schießen die Gedanken. Aufschreit die Tochier, gramentsczt Krampst sich ihr Herz in seinen Tiefen; Von Tränen heiß die Hand bcnezt, Als ob sie tausend Stimmen riefen, Stürmt sie dem Vater nach vors Haus,— Umsonst! Sie fürten ihn hinaus. Nun weint sie an der Stufen Rande,— Und auf dem Hause liegt die Schande!... Set, wie das Volk dort stet und gafft: Die einen mitleidsvoll gewendet,— Da einer, der zur dunklen Haft, Die er schon kent, ihm Wünsche sendet— Die meisten staunend, daß man ihn Entsürt, der ihnen ehrlich schien, Doch bös und schadensroh der Werber, Der abgewies'ne,— sein Verderber!— Zwar bald, da man ihn schuldlos fand, Tritt er aus feuchten Kerkers Pforte,— Zur Erde doch de» Blick gewant, Schleicht er dahin und hört die Worte, Die man sich zugeraunt im Flug: „Habts nicht gewußt?— Er trieb Betrug!" Und hier,— mit Grausen faßt's den Armen— Hier packten jäh ihn die Gensdarmen! Vergessen kann ers nimmermehr, Geschwärzt, verbittert ist sein Leben: Wer wird— so fragt er sich— die Ehr, Ten guten Ruf mir wiedergeben?... Tie Tochter ihm entgegeneilt: Vielleicht, daß sie die Wunde heilt Mit Licbesworien, zärtlich linden,— Mög' er dem Frieden wiederfinden!„ Zur Frage der Massen- und Einzelcrnärung. Es ist schon oft und auch in diesen Blättern erörtert worden, wie der menschliche Körper eine genügende Narungsmenge, diejenigen Stoffe enthallend, welche zur Erhaltung seiner Kräfte und Funktionen nötig sind, in sich aufnemen muß. Nun ist es wvl leicht, dies allen Narungsbedürfligen aus dem Papier auseinander zu sezen, aber viel schwerer, ihnen wirklich dazu zu vcrhelsen. Es verdient daher gewiß alle Beachtung, wenn unsere Industriellen sich diese Aufgabe stellen und Fabrikate liefern, welche ge- eignet sind, durch Billigkeil und schnelle Zubereitungsweise, besonders den ärmeren Klassen zugute kommend, die nöligen Närstosfe— Albumin - 576 und Legumin— zu bieten. So ist beispielsweise die Erbswurst- und Leguminosen-Präservensabrik in Görlitz(A. Schocke) beinüt, solche bil- lige und zweckentsprechende Narungsmittel aus den Markt zu bringen. Seit der Kriegezeit ist es betaut, wie die Bereinigung von Erbsen mit Schinken und andern Fleijchstückchen zu der damals so viel besprochenen und beliebten Erbswurst eine wolschmeckeude und zurrägliche Speise bietet. Diese Erbswurst wird nun in verfeinerter Gestalt geliefert und stellt sich nach den festgcjezten Preisen, Erbsen mit Schinken und Speck die Portion auf ungefär 10 Pfennige. Ter Fabrikanl spricht sogar den Wunsch aus, das; sich die Fleischer mit ihm in Berbindung sezen und nach seinem wolcrprobten Rezept selbst Erbswurst bereiten möchte». Außerdem liefert die genante Fabrik auch Erbsen, Linsen und Bohnen (one Fleischzusaz) in Tafeln a 12 Pfennige. Eine solche Tafel liefert durch Berbindung mit kochendem Wasser 4— 5 Teller Suppe, wovon der Teller also noch nicht 3 Pfennige kostet. Dabei muß auch Haupt- sächlich in Anschlag gebracht werden, daß etwa nur Vg der Zeil und Feuerung verbraucht wird, welche sonst nötig, die betreffenden narhaslen Hülsenfrüchte weich zu kochen. So empficlt sich diese Speise sowol für Mittag und Abend auch denjenigen Frauen, welche außer dem Hause auf Arbeit gehen und ist ihnen sicher viel zuträglicher, als das meist, nur um etwas Warmes zu haben, ausgewärmte Kaffeesurrogat. Auch jeder alleinwonende Arbeiter kann sich solches Esse» schnell in seinem Stubenofen oder an der Herdstatt der Familie, bei der er in�Wonung ist, bereiten. Luise Otto. Fus allen QSinßefn der LeiMleralur. Der Erfinder der Stalfeder. Nur ein winziges, einfaches Ding ist es, kaum anderthalb Zoll lang und>/« Zoll breit, das seinen Er- finder zum Millionär gemacht hat. Dasselbe ließe sich, wie man die Nahnadel„die einäugige Königin der modernen Industrie" genant hat, als„die einäugige König, n der heutigen Literatur" bezeichnen:— jene beherscht die Stoffe, in die wir uns kleiden, diese regiert unser Schrift- wejen. Denn bekantlich greifen schon seit Jarzehnlen die Schrcibfinger der gesamten Kultnrwelt zur Stalfeder, nicht mehr zum alten Gänse- kiel, mit welchem zugleich das Federmesser in den wolverdieuten Ruhe- stand gesezt ward. Der Erfinder dieses unscheinbaren Gehilsen, Mr. Mason, war der Son eines armen Arbeiter- in Birmingham, noch bis hinein in sein höheres Mannesalter, ebenso wie Stephenson, der Vater der Lokomotive, hartschastender Arbeiter selbst. Alles, was er besaß, dankte er nur sich, seinem Erfindungsgeiste, seiner Betriebsamkeit und seiner strengen, unwandelbaren Gewissenhaftigkeit. Daß diese lez- tere Eigenschaft außer dem moralischen auch von hohem geschäftlichen Wert ist, wird in unserer Zeit leider zu ost verkant. Mason war ein Mann,„der in eigenen Schuhen einherging", a hardworking selfmade man, wie die Briten sagen. Dieser Mann ist jezt in Birmingham iin hohen Alter gestorben. Mit seiner Stalfeder hat er sich aber nicht blos in die Kulturgeschichte des 19. Jarhuuderts, sondern durch großartige Schenkungen, die er schon seit jeher aus seinem ungeheuren Vermögen auf Waisen- und Armcuanstaltcn, Schulen und für andere gcmeinnüzige Zwecke verwanle, sowie durch Vermächtnisse lies in die Herzen der Mit- und Nachwelt eingeschrieben.— In Deutschland war die Stalseder übrigens schon vor Mason erfunden.-s. LUcrarische Umschau. „Rnlfischc Litcratur«»d Kultur. Ein Beitrag zur Kefchichte und Kritik der- selben von X X Honegger. Leipzig, lüSO. I. I. Weber," Dr. X I. Honegger, Pro- senor an der Universität Zürich, hat sich durch seine gediegenen kultur- und literar- h norischen Werte, vor allem der„Literaiur und Kulinr de» ,9. Jarbundertd", der „Grundsteine einer allgenieiiien Kulturgeschichte der neuesten Zeit" und de«„Kalechisnlus der Kutturgeichichie", einen hochgeachieien viamen erworben, und seine Tätigkeit in dieser Richtung verdient in der Tat die wärmste Anerkennung. Als ein besonderer Lorzug tritt uns aus seinen Schritten namentlich ein seines Berständni» des Zeitgeistes ent- gegen, wie wan es leider nicht bei allen Autoren, die dasselbe Gebiet bearbeiten, wieder- findet. Auch in dem vorliegenden Werke, das seinen Ursprung insbesondere der häungercu «erürung mit dem Russen tum, wozu dem«crs. in Zürich pinrcichende Gelegenheit ge- boten ivar, verdankt, bewärt sich allenthalben der scharsc Blick, mit dem er seine Materie zu durchdringen pslegt. Er hat bei seiner Arbeit ein reiches Material, neben eigene» Beobachtungen und den Hauptwerken der russischen Literatur selbst vor allem die Aul- zeichnungen deutscher und englischer Reisenden und einige sranzösische Schriststeller, bennzt, >md weii» er in der Einleitung eine gedrängte larstcllung der„Grnndznge der Geschichte Rublands" gibt, so besolgt er im weiteren überall die glückliche Melodc, die gegen- wältigen Zustände des grollen Czarenreichs in reingeistiger sowol wie volktwirtichast- licher»nd politischer Hinsicht immer ans dem Cbarakter der Vergangenheit Rnglands, der despotischen Regicrungsiori» und den mannichsachen Kultureinflüue», denen es aus- gesezt war, zu erklären.„Ich wollte weiter Nichts als ein Resumä geben über die heutige» russischen Kuliurzuslände, sine ira et studio, aber auch absolut one alle Schminke oder BertuschiNig, schars und streng, was am Abschlüsse der vezüglichcn Studien meine Ueberzeugung geworden..... Ist das Gemälde, da» ich entworfen, in vielen Partien ein abstollendcs und dunkles, so ist ganz gewiß nicht der Zeichner schuld. Ich bin zu der Ueberzeugung gekommen, daß es eben nicht besser stet; und in erster Linie waren hierin für mein Urteil bestimmend alle, one Ausnamc, alle ersten Autoren der Rusien selber, die um nichts heller malen, im Gegenteil, Es ist doch gewiß ausschlag- gebend, ivenn die ersten Gciüer einer Ration in einer ganz besiiwlen, absolut überein- stimmenden Weise über die vaterländis ren Zustände aburteilen: nur Verblendung oder Eigensinn könte sich dieser mächtigen Stimme verschließen....." Glänzend und geistreich ist die russische Literatur behandelt, welcher Honegger auch den größeren Teil seines Werkes gewidmet hat. Eine allgemeine, überaus zulre'-ende Charalterisirung des russi- schen Schristtums, welche diesem Abschnitt vorausgeschickt ist, leitet die klar entworfenen und sarbenvoll ausgesürten Bilder von vierzehn Schriststellern ei», bei deren«uswal sich der Autor vor allem durch die Rottveodigkcit, von den verschiedenen Parteien, Richtungen und Schulen, die sich nacheinander abgelöst haben, das Porträt mindestens je eines Vertreters zu geben, bestimmen ließ. So ist das 360 Zeiten umjasiende Buch in jeder Hinsicht ein sehr verdienstvoller Beitrag zur kentnis namentlich des heuligen Rußland, der die größte Beachtung und wärmste Empjelung beanspruchen darf. Dr. Pi. L. QslcbaRlicmsßorrcfponöen). Luckenwalde. Maurermeister g. Ter betresiende alte Schulmeister hat also be- hauptet, wir Teutschcn könten mit dem Militärwesen ganz zufrieden sein, es wäre auch hier wie anderswo bester geworden und nicht schlimmer, dauptsächlich sei die Tienftzeit jezt kürzer,— zu seiner Zeit, in de» dreißiger und vierziger Zaren wäre man mit drei Militäriaren nicht davongekommen! So— das ha« der Schulmeister behauptet? Run— der Mann hat Zhncn entweder ein z sür ein u machen«vollen oder er ist Ivege«! ganz kläglichen GedächtNlstes zu bedauern. Umgekehrt wird ein Schuh daraus! In Preuße» dauerte der aktive Jnsanteriedienft grade wärend der Zeit von IM3 bis 52 nur zwei Zare, und 1853 wurde er dadurch, daß die Rekruteu Nicht, wie bisher, zum Oktober, sondern zum April eingestellt, aber««icht irüher entlaste» wurden, als ebede«««, am 2«, Iure verlängert. 1857 brachte uns erst d«e noch jezt geltende dreijärige Ticnstzeck, die allerdings in ihrem vollen Umiange seit der Militärreorganisation, deren Turch- surung die Zeit von l88Zl— 66 in Anspruch»am, nur aus dem Papiere bestand. Tie Militärbehörden zogen nämlich die Rekruten stets viel spater und zwar bis zu5>z Mo- »aten später, ein, als sie die Manschasten zur Reserve ent asten hatten, sodaß sich die Dienstzeit in der Tat im ganzen und großen ans d Zar 6«/, Monat reduzirte. Seit jener Zeit wurde jedoch dieser Zwischenraum wieder beständig kürzer: im Jare 1873 betrug er nur»och wenig über drei Monate, m>d in diese«» Zare wurde er aus nur 5«Wochen verkürzt. Tasür wird allerdings seitdem ein Teil der Manschasten, aniänglich über die Hälfte, schon im zweiten Herbst nach der Einstellung entlane». Aber auch hierin ist in den lezten Zaren«vieder eine Rückbcwegung eingetreten, indem schließlich wenig mehr als einem Drittel der Eingestellten dieser Rachlaß in der Dienstzeit zuteil wurde,— Soviel für Zhren Schultneister! Wenn Sie ihn wieder aus Holzwege«, erivischcn, brauchen Sie es uns nur mitzuteilen, Solingen. Fabrikarbeiter O. S, Für den Jugendunlerricht, welchen Sie Zhren Mitteilungen nach genosten haben, sind Zhre Berje in Form und Inhalt nicht übel, insbesondere verrate«« sie Gcjül und Sehnsucht nach dem Edle» und Schönen. Druckreif sind sie allerdings nicht, dazu müßlen Sie zum«nindrften erst die deutsche Sprache zu bcherschen gelernt haben, damit Sie Zhren Gedanken trcssenden Ausdruck geben können. Wiesbaden. Frau P. T, Daß Sie durcd die Brille Ihrer Mutter, welche blind war und durch Operation«vieder zuin Augenlicht gelangte, nicht» zu sehen vermögen, braucht Sie nicht im mindeste«« zu beunruhigen. Diese Brille, dere«, emcs Glas Sie Ihrem Brise an uns beigelegt haben, ist eine Etaarbrille, welche keinen anderen Zweck hatte, als die aus dem Auge Zhrer Mutter durch die Lperalion entfernte nanir- liche Sehlinse, welche krankhast getrudi war, zu crsczen. Deshalb sind die Gläser der Siaardrille konvex, d. h. linsensormig, nach außen gewölbt, gcschlisten, entweder nur nach eitler Seite oder nach beiden, in ivelch' lezterem Falle sie Bikonvexgläier genant werden, Ihnen seit nun die natürliche Sehlinse nicht, Sie können also nonvexgläser zum Ersaz derselben nicht gebrauche««, Tasür sind Sie kurzsichtig, d. h. in Zhren Augen werden die gleichlausend cinsallenden Lichtstralen nicht, wie sie sollten, au« der Rezhaut, diesem in einer hautanigcn Ausbreilnng des Sehnerven bestehenden Bestand-» teile des Augapjels vereinigt, sondern fallen bereits vorher zusammen, Sie brauchen deshalb nicht ein GlaS, welches, wie die konvexen, die Lichtstralen sammelt, sondern welches sie in einer der Schjähigkeit ihres Auges entspreche«,»-» Weise zerstreut, und die« tun die konkaven Gläser, die holrund, nach innen gewölbt, gcschlilicn sind. Lassen Sie Sich von einem Arzte angeben, wie schars die sür Sic zweckmäßigsten nonkavgläscr sein müssen: one Prüiung des Auges kann darüber nicht» bestiwl werden. Zombor(«vmilat Bacs). L. D. K, l) Uebcr die Ursache» und das Wesen de» Nachtwandeln» oder der Mondsucht ist auch heute noch nichts zuverlässiges und genügend ausklärendes bekant. Vielleicht weisen die seit kurzem in eingehenderer Weile vorgenommenen wistenschastl«chcn Unters««chu»gen, welche an die Leistungen des Magncti- senrs Hansen angcknüpsl wurden, auch in dieses i««lercstante Gebiet der naturlichen Er- schcinungen endlich helles Licht, 3) Tcrjmige unserer Heiren Mltarbertcr, welcher die Prüfung der Unterrichtsbrise zur Erlernung der deutschen Sprache, sowol der von Sander, als der andern von Karl Schiller übernommen hat, ist leider bis« her durch seine eigentlichen Berussarberten verhindert gewesen, jene zeitraubende und schwierige Arbeit zu beenden. 3) Tas beste mid umsaliendne Wörterbuch der deutschen Sprache ist das von den Gebrüdern Grimm 1852 begonnene, an dessen Fonsezuna heut noch, im Beisie der ursprünglichen Bersasier von dem leipziger Prosessor v«ldebra»d gearbeitet wird. Im Umsang gleichialls nichts zu wünschen übrig lassend, ist da» Wörterbuch von Sanders, desjenigen Germanisten, der gegen, värtig, um eiuea trivialen, aber vielleicht am besten passende» Ausdruck zu gebrauchen,„am meisten in der Mode" ist- � Beide sind für Sie unbedingt viel zu umiangreich und auch sehr kostspielig, wenn auch sür die Fülle ihres Inhalts keinesivegs zu teuer. Genügen dürsten ZHnen die Zw« Bände des wigand'jchen Wörterbuchs, das Sie turch jede größere Bnchhandlunil beziehen können. Wolscubütlel. Frl. G. Ihre Gedichte,— Köln. Fideler Heinrich: Ihre Hum°- resken,— Freising. Bertold B. Ihr Trama llild Ihre Novelle-- sind nicht zu vcrivenden. Zur gefälligen Beachtung sür die geehrten Mitarbeiter der „Renen Weit". Bei der Ueberfülle der an uns gelangende» Manuskriptsendunge» wird es uns in Zu'unst nicht mehr möglich sein, unverlangtes z» remittiren; doch werden wir auf jede an uns gerichtete, vorherige A»' frage betreffs uns einzusendender Manuskripte gern Antwort erteilen. Leipzig, am 3. August 1881. Die Ntdaktion der„lleuen TOeU" Inhalt. Helschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Tas Opfer einer geistlichen Jntrigue. Eine Historie aus der Zeit der Hexenprozeffe, von I. H.(Schluß.)— Das Tcater zur Zeit der französischen Revolution, von B. Sincerus.— Aus Teiiilch' lands schlimster Blut- und Eisenzeit. Historische Novelle von Carl Cassau(Fortsezung).— Eine Berhaftung. Gedicht von Mar Vogler(>»» Illustration).— Zur Frage der Massen- und Elnzeleriiärung, von Luise Otto.— Aus allen Winkeln der Zeitlitcratur- Der' Erfinder der Stalfeder.— Literarische Umschau.— Redartionskorrespondenz.— Zur gefälligen Beachtung. Verantwortlicher Redakteur: vr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30 d).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhauscn in Leipzig. I