Herschen i Roman von Ein kleiner, äußerst dürrer Herr, mit auffallend kurzen und gebogenen Beinen, stark orientalischer Nase, schwarzen, gierigen Äugen, aber einem süßen, vergnügliche» Lächeln, das inmitten eines lückenhaften Bartes einen windschiefen V-'nnd zeigte, öffnete die Ladentür, grüßte in sehr bedeutsamer We.je gegen Friz und bat ihn, in seinen Laden zu treten. Friz folgte der Einladung. „Signor Berger," redete ihn der Kunsthändler im schmeichelnd- sten Tone an, indem er, ihn bekomplimentirend, vor ihm mit seinen krummen Beinen hin und her tänzelte,„Sie sehen, ich habe die Ehre, Sie zu kennen, würde mich sehr freuen, si, si, Ihnen in etwas dienlich sein zu können. Sic finden Ihre �Kollegin gelungen? Sie ist es auch. Ihre Bilder gehen reißend ab. Hatte hundertfünfzig— sage hundertfünfzig— Exemplare aus Mailand verschrieben, und hier, Signor, habe ich, außer dem in der Auslage, das leztc. Wie, bin ich ein Kerl? Sono cliavok»?!" Er fuchtelte mit der Photographie, die er vorgewiesen, in äußerster Lebhaftigkeit hin und her, zog die Augenbrauen empor und die kleinen, stechenden Augen blizten darunter wie in Selbstbewun- derung hervor.„Sie wird mir hoch überzalt werden, zweifle nicht daran; wenn Sie sie indes wünschen sollten— si, si—, Ihnen geb' ich sie ganz umsonst." Er hielt ihm die Photographie dicht vor die Nase. „Ich danke," sagte Friz ablehnend. „() Signor carissimo," für der andre in noch zudringlicherer Liebenswürdigkeit fort,„sollten Sie nicht wissen, wie sehr wir Künstlern verpflichtet sind, die uns gestatten, das große, öffcnt- liche Interesse, das sie erregen, ein ivenig für uns auszunuzen, und auch ein wenig für sie, oh, auch ein wenig für Sic, si, si. Signor werden in dieser Hinsicht wol schon angegangen worden sein, ivie denn nicht, aber ich flehe Sie an, geben Sie mir den Vorzug." „In was denn? Sagen Sie mir doch nur einmal, was Sie eigentlich von mir wünschen," bemerkte Friz, von der Zudringlich- kcit dieses Menschen geärgert, und doch von der burlesken Art dieses Gnomen wider Willen belustigt. „Ich bitte, sizen Sie mir zu einer photographischen Aufname." „Ah! So!" .Was wollen Sie, ich werde Sie popularistren, bin ganz der Kerl dazu, sono diavolo! Aber jedenfalls im Kostüm, und natür- lich ganze Figur;»i, si, das ist unumgänglich. Ihr schöner Wuchs tut sich in der ägyptischen Gewandung sehr vorteilhaft der dienen? iL. KautsKy.(22. Fortseznng.) hervor; wir machen Sie als Radamäs, si, si, alle unsere Damen iverden nach dem ägyptischen genoraio mit dem breiten Brustlaz wie toll sein." „Glauben Sie?" „Ich verbürge es; kann Ihnen übrigens vertrauen, daß heute bereits eine Anzal Damen— si, si— meist sehr hübsche Damen, sich bei mir eingefunden, von denen einige sehr ungenirt, si, si, einige ganz schüchtern sich erkundigt haben, ob Radainös- Berger nicht bei mir zu haben wäre. Ich versicherte, daß in meinem Kunsthandel alles zu haben sei, und daß ich schon demnächst in der angenemen Lage sein werde, ihnen denselben zu verschaffen. Was sagen Sie, bin ich ein Kerl? Sono diavolo? Es sind sogleich Bestellungen gemacht worden. Die schüchternste unter ihnen hat gleich vier Radamös bestellt, sage vier Radamös,"— der Mann lachte, wobei sein Mnnd sich auf der einen Seite bis zur Nase hinaufzog,—„,aberh flüsterte mir die Schöne mit einem allerliebsten Erröten zu, ,nur ja die ganze Figur/ Ich habe Sie ihr versprochen, teurer Signor, vom Kopf bis zu den Füßen,— sono diavolo!" „Sie halten mich also für einen gangbaren Artikel?" fragte Friz mit einem Lächeln, hinter dem ein zorniger Grimm lauerte. „Was gangbar, Sie werden bei unser» Damen ans Ja und Nein vergriffen sein. Es wäre das beste, wir machten Sie gleich zweimal." Er beutelte vergnügt seine schön geschwungene Nase, und seine Miene wurde ganz zuckersüß.„Was sagen Sie zn Manrico? Auch ein schönes Kostüm und viel Trikots, das ists, was wir brauchen, diavolo!— Also ich kann darauf rechnen, mein teurer Signor, si, si. Das Atelier ist hier nahebei, schicken Sie die Gewandung nur zu mir, und—" „Auch die Trikots, natürlich, das ist's, was Sie brauchen; und ich möchte weder Ihnen den säubern Handel, noch den den Damen den säubern Spaß verderben, Sie können meine Gewandung und meine Trikots ganz nach Belieben vervielfältigen lassen, aber— stecken Sie Sich selber hinein, diavolo!" Friz drehte ihm hierauf brüsk den Rücken und verließ den Laden. Er sah nicht mehr die verblüfften, sich rundenden Augen des kleinen Mannes, er hörte nicht mehr den Zornesruf:„Idale- dctto tedesco!", der hinter ihm drein fiel, womit der Italiener alle Schwerfälligkeit, Unliebenswürdigkeit und Ungehobeltheit zn bezeichnen beliebt; er hörte auch nicht mehr das höllische Lachen, das darauf folgte, mit dem Zusaze:„Und der will beim Teater sein Glück machen? Oime!" Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig— In Heften ä 30 Pfennig. Z» beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. v,* a,Mi,r imi Er raiite weiter. Die Galle war ihm erregt. Er verwünschte das Teatcr, und er verwünschte sich selbst, daß er jemals diese Laufbahn gewält. Er verließ die Arkaden und betrat die engen Gäßchen bei San Moiss. Er wußte nicht, wie es kani, daß er nach einiger Zeit vor dem Teater stand. Er wollte es ja meiden, es fliehen. Und jezt war er im Bestibule. Sollte er ins Parterre treten? Er ging auf die Büne. Der Akt war soeben zu Ende. Er blieb an der vordersten Draperieknlisse stehen. Die Bianca wurde wiederholt gerufen, der Borhang ging wieder hinauf und hinunter; man warf ihr wieder Blumen, man jubelte ihr wieder zu,— es war das Gewönliche. Seine Augen hingen an ihren Mienen, an ihrer Gestalt. Wie schön sie war!— Sic hatte ihn noch nicht bemerkt. Als sie jezt von der Büne zurücktrat, um nach ihrer Garderobe zu eilen, sah sie sich von den zalreichen Bewunderern aus der Creme der Gesellschaft um- geben. Sie nuißte ihnen standhalten, ihre Banalitäten entgegen- nemcn, und sie hatte für jeden ein freundliches, für alle ein hold- seliges Lächeln. Friz ballte die Faust, er Hütte auf diese da wie Simson auf die Philister fallen und sie alle davonjagen mögen. Aber selbst wenn er ein Recht auf Elvira Hütte, würde er diese Gesellschaft nicht immer in ihrer Nähe dulden müssen? War sie unter den heutigen Bünenverhältnisscn nicht in der Tat abhängig von der Huld dieser Tonangeber? Und er selbst? Wäre er denn nicht gezwungen, auch in dieser Welt zu leben, unter diesen Leuten zu verkehren, ein Müssiggänger ivie sie? Und sie würden ihm ihre Intimität aufdrängen um seiner schönen Gattin willen, und in schimpflicher Abhängigkeit wäre er ge- zwungen, sie in seinem eignen Hause zu empfangen. Niemals! Das konte er nicht, sein ganzer innerer Mensch, seine ganze Ehrenhaftigkeit revoltirte gegen diesen Gedanken. Er wendete sich rasch, er verließ die Büne, er wollte das Teater verlassen. Er dnrschritt den Bogengang. Als er die Mitte desselben erreicht, sah er von der andern Seite einen Mann hastig die Treppe heraufkonimen. Er hatte den weichen Hut tief ins Gesicht gesezt und den Kragen seines Rockes hinaus- geschlagen. Er winkte der Logenschlicßerin flüchtig zu, und one ihre Intervention abzuwarten, östnete er selbst die Tür einer Loge und trat hinein. Friz war stehen geblieben; er glaubte, den Mann der sich so verstolen da hinein geflüchtet, zu erkennen, es war Hellenbach. Die Schließerin, die ihm in die Loge gefolgt war, trat wieder heraus. „Der Baron will heute ungesehen der Oper beiwonen," be- merkte sie mit einem lächelnden Zwinkern gegen Friz, der vor der Loge stehen geblieben war. Er sah sie fragend an. „Er hat den grünen Schirm heraufziehen lassen," flüsterte sie, „und sich ganz dahinter geduckt; es muß zwischen ihm und der Bianca nicht alles in Richtigkeit sein, wissen Sie vielleicht was näheres?" „Stein," sagte Friz kurz und barsch, aber er rürte sich nicht von seinem Plaze. Der dritte Akt hatte begonnen; eine Bewegung, die wie ein Brausen durch das Haus zog, kündete das Auftreten der Bianca. Friz horchte und er horchte auch nach der kleinen Loge, in der Hellenbach plazgenommen. Warum war dieser Mann hierhergekommen? Wie ein Dieb hatte cr� sich herangeschlichen. War er ihretwegen gekommen? Was hoffte er noch? Sie hatte diesen Mann so fürchterlich be- lcidigt, wäre er nun gekommen, um sich zu rächen? An ihr? Er glaubte es nicht; aber an ihm, dem Bevorzugten, ja! Ich habe ihm die Geliebte genommen, ich habe alle seine Hoffnungen vernichtet, ich habe ihn sogar lächerlich gemacht. Er niuß mich Haffen, grimmig, unauslöschlich! Der Gedanke an diesen Haß tat ihm unsäglich wol; er er- widerte ihn, er wollte ihn mit Zinsen zurückgeben. In diesem Augenblick und in dieser Stimmung wünschte er nichts sehnlicher, als seinem Feinde gegenüberzustehen, sich mit ihm zu messen in einem Kampfe auf Leben und Tod. So blieb er festgcbant vor dieser Logentür. Er wollte sein Herauskommen erwarten. Er wollte sich ihm selber stellen, sich ihm absichtlich in den Weg drängen. Hellenbach, der Beleidigte, mußte durch solche Frechheit noch grimmiger gereizt werden. Die große Arie der Elvira lvar zu Ende, ein donnernder Applaus durchschütterte das Hans. In dem Augenblick öffnete sich sacht die kleine Logentür und Eugen trat heraus. Die beiden Männer standen sich gegenüber, Aug' in Auge. In beleidigender, fast wilder Drohung blizten die dunklen Augen des Jüngeren; seine Haltung war eine herausfordernde. Eugen sah erstaunt, in forschender Neugier; dann umkräuselte etwas wie Hohn und lächelnde Befriedigung die feinen Lippen des Kavaliers und mit einem Achselzucken ging er an ihm vor- über und die Treppe hinab, dem Ausgange zu. Friz blieb einen Augenblick betroffen; er sah ihm nach, er konte es nicht glauben, daß jener sich entfernte, sich vor dem Beleidiger zurückzog. Dann wallte ein zorniger Jngrinim in ihm auf:„Ah, diese Sippe hat kein Blut mehr in ihren Adern und keine Leidenschaft! Berkommen bis ins Mark, sind Sie der Liebe nicht mehr sähig und nicht des Hasses. Wie, er weiß seine Geliebte in meinem Arm und er get mit einem Lächeln hönischer Befriedigung an mir vorüber? Denkt er in seinem frivolen Sinn, es müsse baldigst ein abermaliger Wechsel stattfinden und zwar zu seinen Gunsten? Er soll's nicht glauben!" Er war ihm nachgeeilt, aber der Akt war soeben zu Ende, die Menge strömte von allen Seiten nach dem Foyer. Er sah sich aufgehalten, festgekeilt. Als er die offene Treppe erreichte, die nach dem Kanal ging, stieß soeben eine Gondel ab und entfernte sich rasch. Er war vor ihm geflohen. Er fülte sich nicht aufgelegt, die Schmach, die man ihm angetan, zu rächen. Nun ja, dieses schöne Weib hatte ihn zu oft gedemütigt, zu oft den Fuß auf seinen Nacken gesezt, er ist die Mishandlung schon gewönt. In weibischem, entnervenden Genuß, in ewigem Sinnestaumel lebend, hat er jedes Gefül von Würde verloren, jedes Gefül von Mannes- ehre. Mit einer Geberde der Verachtung wante er sich um, rasch durchschritt er das Foyer, und nicht einen Blick zurückiverfend, gewann er den Ausgang nach der Landseitc zu. Es grollte in ihm fort. Ein solcher ist nicht wert, daß ein ehrlicher Mann sich mit ihm mißt!— Sein Haupt senkte sich ein wenig gegen seine Brust, wie er so dahinschritt, und seine Züge verdüsterten sich immer mehr. Ein ehrlicher Mann, tönte es in seinem Innern wieder, wie ein Echo, das das eigenste als etwas fremdes, außerunsstehendes in unsre Vorstellung zurückbringt,— ein ehrlicher Mann! Bin ich es denn noch?— Damals, als ich diesem Hellenbach zum erstenmal gegenüber- stand, als ich, ein armer Teufel, der kaum das eigne Leben fristen konte, dem im Ueberfluß schwelgenden Wüstling von der hohen, veredelnden Bedeutung sprach, die das Zusammenleben mit einem gleichstehenden Wesen, einem reinen, geliebten Weibe, für uns hat; als ich ihm in jugendlicher Offenherzigkeit gestand, daß es mein einziger und höchster Wunsch sei, dies zu erreichen, und daß ich, all' den widrigen Zufällen, all' der Ungunst der Vcr- Hältnisse zum Troz, Kraft und Mut haben iverde, mir dies Glück zu erringen und mein Weib glücklich zu machen,— damals, ja damals war noch Ehrlichkeit und Kraft in mir, heute suche ich sie vergebens. Ich bin schwach und jänunerlich geworden, wie jener. Damals war mein Ehrgefül so zart, daß ich die Blume, die seine Hand berürt, für entweit hielt; ich wagte sie dem Mädchen meines Herzens nicht mehr anzubieten, heute stehe ich im Begriff, seine— Er rante weiter, Feuer in den Adern und ein vernichtendes Gefül seines Elends im Herzen. Auf der Kettenbrücke hielt er an. Die schwüle, niederdrückende Atmosphäre erstickte ihn fast. Er lehnte sich gegen die Brüstung und nam den Hut ab, um seine feuchte Stirn zu trocknen. Er sah hinab in das dunkle, langsam flutende Wasser, und mit dem Waffer zogen auch seine Gedanken dahin— weit, weit! Sie kehrten nach einer fernen Zeit zurück, einer schöneren, glücklicheren, und eine unendliche Sehnsucht überkam ihn.— „Minna, Minna," rief es laut in seinem Herzen, und das Bild des geliebten Mädchens, das durch die lange Trennung und namentlich vor dem sinbestrickenden Zauber Venedigs zurück- getreten und verblaßt war, es entstand ihm wieder in all' der Wirkung lebendiger Gegenwart. Er sah es vor sich, das heitere, liebe, anmutige Geschöpf, sah den guten, treuen Blick ihrer Augen, die sie in so unsagbarer Innigkeit zu ihm aufschlug, er vernam ihre Stimme, ihr helles, unschnldsvollcs Lachen. All' die süßen 591 Augenblicke, die ihre Neigung ihm geschenkt hatte, lebten in seiner Erinnerung wieder auf. Wie glücklich waren sie beide gewesen, wie rein war ihr Verhältnis geblieben! Minna war allein auf seine Stube gekommen, wie oft, und voll Vertrauen war sie bei ihm geblieben. Dann war die Er- krankung Malchcns eingetreten, und er gedachte der Nacht, die sie zusammen am Krankenbett der Kleinen zugebracht. Minna, in ihrer Uebermiidung, war an seiner Schulter ein- geschlafen; er hatte sie in seine Arme genommen, sanft sie auf das Bett gelegt. Er hatte ihren Schlummer belauscht und keine Begierde war in dem Zauberkreise jener reinen Jungfräulichkeit in ihm erwacht. Und doch hatte man Minna um seinetwillen verdächtigt, sie verleumdet, und sie war unter diesen Böswilligen zurückgeblieben, weil sie ihm seine Laufbahn nicht erschweren wollte; und sie hatte eine kranke Schwester zu Pflegen und für sie zu arbeiten. Und so hatte sie ihr Glück und ihr Lieben hinaus- geschoben im frvlichen Hoffen auf die schöne Zeit, die ihr all das wieder bringen sollte, im unerschütterlichen Vertrauen auf die Ehrlichkeit, auf das Mauneslvort des Geliebten. Und nun war er daran, dicS edle Vertrauen zu täuschen, dies Wesen zu bc- trügen, zu verlassen, weil das heiße Verlangen nach einem schönen, reizbegabten Weibe in ihm ausgestiegen? Und er wollte seine Minna vergessen, um in Elviras Armen glücklich zu sein?! Glücklich! Er lachte laut auf. Wild, grell klang es durch die stille Nacht. Glücklich! Seiler sich in den Banden Elviras fülte, war er auch keine Minute noch glücklich gewesen, und er fülte es jezt, er würde es nie sein. Aber sie liebt dich, rief es dann doch wieder in ihm, und sie hat eine glänzende Verbindung von sich gewiesen, um dir auzu- gehören. Du hast dies Opfer, das sie dir gebracht, herausge- fordert, du hast es angenommen.— Seine Zähne Preßten sich aufeinander, seine düsteren Augen blickten hinaus in die ihn umgebende Dunkelheit.— So oder so ein Schurke, murmelte er. Er ward aus seinem Sinnen durch eine Anzal rasch vorbei- kommender Personen aufgeschreckt. Sie sprachen von der Biauka. Die Vorstellung war zu Ende. Sie erwartete ihn nach derselben; er mußte zu ihr. Er rich- tete sich empor, es lag eine ernste Entschlossenheit in seinen Zügen. Ich will hin, ich will ihr alles sagen; ich will ihr meine ganze Niedertracht enthüllen, ihr gestehen, daß meine Augen nur sie sahen, nur nach ihr verlangten, daß meine heißen Lippen um Gegenliebe bettelten, indes ich doch in meinem Gemüt, im innersten Herzen noch jenem Mädchen anhing, dem ich versprochen, daß sie die Meine wird. Er empfand glcichwol, daß diese Aufrichtigkeit eine Grausam- keit ivar, eine Brutalität vielleicht, aber sein ehrlicher Sinn wußte keinen andern Ausweg. Mit raschen Schritten ging er vorwärts; er schlug indes eine von Elviras Behausung cntgegengesezte Richtung ein und ging nach der Calle ZAiuiv. Es schien ihm zu früh zu diesem Besuche, Elvira konte aus dem Dealer noch nicht zurückgekehrt sein. Er besaß einen Schlüssel zu der kleineu Haustür und eilte über die Treppe nach seinem Zimmer. Seit dem Morgen war er abwesend, konte indes nicht etwas vorgefallen sein? Seit er in Venedig war, und es waren fast vierzehn Tage vergangen, hatte er keinen Bris von ihr erhalten. Dieses lange Stillschweigen, daß ihm unter den Zerstreuungen und Erregungen seines neuen Aufenthaltes kaum aufgefallen, es erfüllte ihn mit einemmale mit banger ängstlicher Sorge. War etwas vorge- fallen? Oder ivar es ein Zeichen erkalteter Neigung? Der Gedanke, daß seine Minna ihn weniger lieben könte, brachte ihm ein tiefes Weh, vcrsczte ihn in die schmerzhafteste Unruhe, die durch den peinigenden Gedanken noch vermehrt wurde, daß er es wol verdient hätte. Er machte Licht und sah umher. Täuschte er sich nicht, etwas Weißes schimmerte ihm von dem Tische entgegen. Es war ein Brif. Er besah die Aufschrift; er Ivar von Minna an ihn. Er öffnete rasch, fast zitternd. Der Brif eut- hielt die Nachricht von Amaliens Tod. Er las:„Mein Friz, sie ist dahin gegangen, und ich und Luise liegen uns weinend in den Armen. Sic war unser Kind; durch all die Sorge, die sie uns gemacht, durch all die Angst, die wir um sie gelitten, ist sie uns so fest an das Herz gewachsen. Ich habe sie geliebt, wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann, und jezt ist sie kalt, tot, und sie nemen sie uns fort— ich werde sie nie mehr wiedersehen! Friz, ich will dir nicht schildern, was ich dabei empfinde, ich kann es nicht— aber nun hält mich auch nichts mehr hier zurück, und ich komme zu dir Liebster; nichts soll uns fortan trennen! O dieser Gedanke bringt mir in all meinen Schmerz einen Schimmer so heller Freude, so unsäg- lichen Glückes, daß es mir eine Sünde bcdünkt. Aber ich liebe dich eben über alles! Jezt kann ich dirs sagen, mein Friz, was es mich gekostet hat, so lange von dir fern zu bleiben. Dein armes Mädchen meinte oft, es müsse vergehen in Sehnsucht nach dir. Dabei mußte ich trachten, meinen Kummer vor unserer Kranken zu verbergen. Sie erriet es dennoch immer, wenn es mir schwer ums Herz war, und sie sah mich dann mit ihren bangen, von Angst vergrößerten Augen fragend an. Du denkst schon wieder an ihn, nicht war? flüsterte sie, aber du bleibst bei mir, Minna, du wirst nicht zu ihm gehen; und dann faltete sie flehend die abgezehrten Händchen: Ich bitte dich, Minna, bleib bei mir, verlaß mich nicht, sieh, ich müßte sonst sterben, und ich will nicht sterben!— Ach du armes, blasses, freudloses Kind, ich wußte es längst, daß meine Mühe, daß all meine Liebe dich nicht am Leben erhalten würde, aber du solltest auch nicht gewar wer- den, was es mich kostete.— Ich kann nicht weiter, meine 5irast hat bisher vorgehalten, heute bin ich erschöpft,— aber bald werde ich wieder an deiner Brust ruhen, und dann wird alles gut ge- worden sein. Das Glück wird frische Blüten in meinem Herzen treiben und die sollen uns nimmer verwelken. Ich küsse dich, Friz, meine Liebe, mein Leben!"(Fortsczung folgt.) Die Sachsenkampse wider die Harzburg. Historische Skizze von Sigismund Thalens. Natur, Sage und Geschichte wirken zusammen, um der Stätte, nach welcher wir den Geist des Lesers im folgenden versezen, den Reiz ureigner Schönheit und merkwürdiger Erinnerungen zu ver- leihen. Das tapfere Volk der Cherusker, dem Deutschland seine Befreiung vom römischen Joch zu danken hat, war es, das einst in diesen Wäldern, Tälern und Schluchten hauste, bis die schon damals zwischen den deutschen Stämmen hcrschende Elfersucht die Chatten zu den Bcherschern der Gegenden am Harz machte. Nach diesen traten die kühnen Thüringer auf und sczteu sich auf diesem Boden fest; aber auch sie mußten einem stärkeren Stamme, dem der Sachsen, weichen. Die lczteren namen nach der Besiegung und dem Tode des thüringischen Königs Hermannfried die nörd- lichen Abhänge des Harzes ein, Wärend die südlichen nach wie vor von den Thüringern bewont wurden, wie denn noch jezt die auf dem Gebirge scharf sich trennenden Mundarten auf diese Teilung deutlich hinweisen. Wärend der Herschaft der Sachsen, die diese bis an die Elbe und Saale, bis zum Rhein und dem Meere ausdehnten, bildete der Harz einen besonderen Gau, den Hartingav, dessen wichtigster Punkt, der sich bis zu 500 Fuß Höhe über die an seinem Fuße vorüberrauschende Radau erhebt, der Hartisberg, d. i. Spizberg war. An diesen frei in die weite Ebene, die au seinem Nordfuße sich unabsehbar ausbreitet, hinaus- blickenden Berg hat schon die Sage ihre bis in die dunkle Zeit des Heidentums zurückgehenden Erinnerungen geknüpft. Die Sachsen sollen auf seinen Höhen ihren Hauptgott Krodo verehrt haben, und in der Tat scheint es, wenn es auch keineswegs be- wiesen ist, ziemlich warschcinlich, daß diese die Stätte heidnischen Opferkultus gewesen sind. Entspricht es doch dem Gebrauch der Germanen, ihre Götter in Wäldern, auf Bcrgeshöhen und au Quellen zu verehren, wenn uns noch in unseren Tagen manche Namen der umliegenden Berge und Wälder den Beweis für die Richtigkeit jener sagenhaften Uebcrlicferung zu erbringen scheinen. So finden wir in der Bezeichnung„Woansberg"(der am An- sauge des sogenanten Schimmerwaldcs liegt) einen Anklang an den Namen des obersten Germancngottes Wodan, so erinnern wir uns in dem dicht dabei liegenden Wäldchen„Thorla" an - 592- den deutschen Donnergott Thor, dem vielleicht einst in ihm gc-> Je mehr unter dem salischen oder fränkischen Kaiser Heinrich III. opfert worden sein könte. Nicht verlegen um Deutungen aber, die Macht des Kaisertums zugenommen hatte, in desto höherem wie die Sage ist, berichtet sie uns auch von einem anderen Ur- Grade war auch der Neid und die Eifersucht der einzelnen sprung dieses zulezt genanten Namens.„Einst kehrte" so crzält � Stammesfürsten gestiegen. Namentlich war dies bei den Sachsen sie—„in dem nahen Kloster Abbenrode ein Herzog von Braun- der Fall, deren Haß gegen das fränkische Haus durch den hä schlveig ein. Diesen Um- stand wußte die damalige Aebtissin des Klosters, eine alte, wolbeleibte Dame, zu benuzen, um den Herzog zu bitten, für ihr armes Kloster ein Holzteil aus- zusezen, damit die geist- liehen Jungfrauen in den kalte» Wintertagen nicht zu sehr zu frieren brauchten. In heiterer Laune gewärte der Herzog die Bitte. So- viel die Aebtissin in einem Gange, one auszuruhen, zu umschreiten vermöge, soviel solle von dem Forste dem Kloster zum Eigen- tum geschenkt werden.— Froh machte sich die wür- dige Dame auf den Weg. Aber es war ein heißer Tag. Mit äußerster Anstrengung, unter Aechzeu und Stönen war sie eine halbe Stunde gewandert, da sank sie onmächtig an einer Buche nieder. ,Dor lag si-' hieß von diesem Tage an die Stätte, und die Buche, unter der sie niedergesunken, ,die Lager- buche/" Die angeblich dem Gö- zen Krodo geweite Opfer- stättc auf dem Hartisbergc sei dann— so berichtet der Geschichtschreiber Botho in seinem Cllrouivon pic- turatum(Bilderchronik) ans dem Jare 780— von Kail dem Großen, der allerdings zweimal bis zur Oker vordrang und hier die Sachsen durch Zwang zur Taufe brachte, zerstört, und von ihm au derselben Stelle eine Kapelle errichtet worden. Indes verdient diese Ueberlieferung ebenso- wenig Glauben, ivie die andere, daß diese Kapelle später von dem fränkischen König Kvurad I. in ein Chorherrnstift verwandelt worden wäre, und auch die Angabe, daß Heinrich I., der Städtcerbauer, hier eine Burg als Berteidi- gungswcrk gegen die räu- berischen Einfälle der Un- garn errichtet habe, entbehrt gleich sehr der historischen Begründung wie die de- kante Sage, die uns dieses Kaisers Beinamen„der Bogler, der Vogelsteller" im Gewände einer allerdings ganz Aufenthalt des Königs in ihrem Lande, der jedesmals mit bc- anmutigen Erzälung zu erklären strebt.— Nach sicheren histori- deutenden Lasten für die Großen in lezterem verbunden war, scheu Nachrichten ist erst der Kaiser Heinrich IV. der Gründer noch eine fortmärende Steigerung erfur. Die Großen des Landes der Burg gewesen, die— noch jezt vorhandene spärliche Trüm- mußten nämlich bei solchen Anlässen für alle Hofbedürfnisse des mer weisen daraufhin— nichtsdestoweniger einst die Spizc des! Herschers sorgen und wurden außerdem nicht selten durch die Hartisberges gekrönt hat. � Einmischung desselben in ihre Angelegenheiten beeinträchtigt und -— 593- in ihren Rechten geschmälert. Zndem betrachtete man in Sachsen Hermann von Köln zn Aachen zum König gekrönten Sones die fränkischen Kaiser, deren Vorgänger bekantlich diejenigen ans loderte der Unmut daselbst zu gefärlichem Anfrnr empor. Kein dem sächsischen Hause gewesen waren, als fremde Eindringlinge, Wunder, daß Heinrich sich angelegen sein ließ, in Sachsen und gegen die man"mißtrauisch auf der Hut zu sein Ursache habe. � in dem benachbarten Türingen feste Stuzpnnkte zur Sicherung Hatte inan sich gescheut, diesem Unwillen schon bei Lebzeiten seiner Macht zu errichten, und zu diesem Zwecke in diesen Gegenden eine größere Anzal von Burgen er- baute, wie den Wigantcn- stein in Türingen, den Sassenstein bei Sachsa am Harz, die Asenbnrg bei Mansfeld, den Spatenbcrg bei Sondershansen, die Heimbnrg und andere mehr. Unter allen diesen Festen nam als die stärkste und ausgedehnteste die Harzburg,„Hartesburg", den ersten Rang ei». „Schon ihre Lage an den Grenzen Sachsens und Türingeus"— so wird sie uns von Bruno und Lambert, zwei Gcschicht- schreibern des Mittelalters, geschildert—„gab ihr eine besondere Bedentnng. Rur zwei Stunden von Goslar, der Lieblingsrrsidenz Hein richs, auf hohem, steilen � Bergkegel reizend gelegen, cj zu dem nur ein einziger, beschwerlicher, schnecken- förmig ansteigender und leicht zu verteidigender Weg hinanfürte, war sie � von allen Seiten von dich- ■2 te», nndurchdringlicheu äj Wäldern umgeben, die sich » nnnnterbrochen bis nach ZI Türingen ausdehnten. Und � tväreud so schon die Natur £ diesen Plaz zu einer star- -S ken Feste höchst geeignet => machte, so hatte auch die menschliche Knust alles aufgeboten,»in ihn vor allen Angriffen erbitterter Feinde zu sichern. Hohe, nnübersteigliche Mauern von gewaltiger Stärke um- gaben die Feste und reich- teil bis hart an den Rand des steilen Bcrgabhangs, kaum Raum genug lassend für den Fuß eines Mcn- scheu, geschweige denn für Anfstellnng von Belagc- rnngsmaschineu oder Sturmleitern. Mächtige Türme überragten die Mauern und starke Tore spotteten aller Angriffe,— in der Tat eine Feste, nn- einuembar durch Gewalt, nur zu bezwingen durch Hunger oder Verrat. Und das Innere entsprach den Erwartungen, die man von solch einer Feste hegen durfte. Denn Wärend die Heinrichs III. die Zügel schießen zu lassen, so gelangte er unter � Burgen der damaligen Zeit meistens nur klein waren, gemönlich der Regierung seines Nachfolgers, Heinrichs IV.(geb. 11. Nov. nur aus einem starken Turm und den notwendigsten Neben- 1050 zu Goslar), zu offenkundigem Ausdruck. Schon bei dem gebäuden bestanden, war die Harzburg von gewaltigem Umfange, Tode seines Vaters drote zu Bodfeld, am Rande der Bode, eine nicht eine enge Zufluchtsstätte in den Zeiten der Not, nein, ein Verschwörung in Sachsen auszubrechen, und noch wärend der j herliches Schloß, geeignet, die Nebenresidenz des mächtigsten Fürsten Minderjärigkeit des bekantlich schon 1054 von dem Erzbischof � der Christenheit zu sein. Deshalb nam auch die erste Stelle unter allen Gebäuden der Burg der kaiserliche Palast ein, dem sich ein hehres Miinster würdig zur Seite stellte. Zwar war auch dieses sowol, als auch die Wonungen der Geistlichen nur aus Holz hergestellt, aber es war im Innern herlich geschmückt, mit kost- baren Geräten, die der Kaiser durch Bitten oder Befele erlaugt hatte, aufs reichste versehen. Ein treffliches Geläute mächtiger, zum Teil silberner Glocken ertönte von dem Turme des Domes herab. Zalreichc Reliquien, so der Arm des heiligen Simeon, das Haupt des Märtyrers Anastasius, der Körper des Bischofs Spans u. a., waren mit großem Kostenaufwand auf der Harz- bürg gesammelt, damit die Stätte eine um so gewichtigere, dem Volke heiligere werde. Und um auch seinem Hause diese Feste um so sicherer zu erhalten, legte er hier eine Familiengruft an, in der seines schon 1055 im dritten Lebensjare gestorbenen Bruders und seines gleich nach der Taufe K>7I verschiedenen Soncs irdische Ueberreste ihre Ruhestätte fanden. Und da kaum eine festere und sichrere Stätte gefunden werden konte, als die Harzbnrg, so ivurde auf derselben anch ein Staatsgesäugnis eingerichtet, in dem die gefärlichsten und mächtigsten Feinde des Kaisers in festem Gcivar- sam gehalten tvurden. Auch ein Chorherreustift gründete Heinrich, dessen Glieder gar bald im Reiche zu den höchsten geistlichen Stellen befördert wurden. Und so vor allen Feinden gesichert erschien dem Kaiser diese Feste, daß er seine Schäze und Reichs- kleinodien in ihr vertrauensvoll niederlegte." Wie Bruno berichtet, hätte der Erzbischof Adalbert von Bremen, bekautlich neben dem Prälaten Hanno von Köln der Erzieher des jungen Königs, den ersten Anstoß zur Gründung der Burg gegeben, und dieselbe müßte dann, aller Warscheinlichkcit nach, im Jare 1065 im Bau begonnen worden sein, wärend ihre Bollendung etwa in das Jar 1069 fällt. War schon die Erbauung aller dieser Burgen eine Ursache mehr gewesen, die Unzufriedenheit der Sachsen zu steigern, so wurden diese im höchsten Grade erbittert durch die Unbilden, welche die ans ihnen hausenden Ritter des Königs ausübten, durch den immer härter werdenden Druck der Steuern und die Gewalt- tätigkcitcn, die man gegen das sächsische Bolk nicht blvs, sondern auch wider dessen Fürsten, gegen die Weiber und Jungfrauen be- ging. Dazu kam der Umstand, daß der edle Sachsenherzog, der dem Geschlecht der Billunge angehörende Magnus, schont seit zwei Jaren wegen Teilname an den Kämpfen Ottos von Nordheim wider Heinrich IV. auf der Harzbnrg gefangen gehalten wurde und nur gegen Verzicht auf seine Hcrzogswürde und seine Erb- lande wieder auf freien Fuß gesezt Iverden sollte. Ferner hatte der König die Unvorsichtigkeit begangen, auch die Türinger sich abhold und zu einem Anschluß an die Sachsen geneigt zu machen. Die Fürsten beuteten nun demgegenüber den Unmut des Volkes in ihrem Interesse aus und spornten das leztere zu offenem Aufrur an. So bildete sich allmälich eine vollständige Verschwörung gegen den Rcichsherscher aus, an deren Spizc von geistlichen Fürsten u. a. Bucko oder Burchard, Bischof von Hildesheim, Wcsilo oder Werner, Erzbischof von Magdeburg, Hejilo, Bischof von Hildes- heim, die Bischöfe von Paderborn, Merseburg, Minden und Münster, von den weltlichen Fürsten n. a. Otto von Nordheini, Hermann Billung, der Oheim des gefangenen Herzogs Magnus, sowie Udo, Graf von Stade, Dedi von der Lausitz, Eckbert von Braunschwcig-Malverade, Friedrich, Pfalzgraf von Sachsen, Adal- bcrt von Ballenstedt und die Sönc Ottos von Nordheim standen. Eine im Jare 1073 vom Könige unternommene große Rüstung gegen die Polen, welche die Sachsen wider sich selbst gerichtet glaubten, gab den direkten Anlaß zum Losbruch der Feindselig- keiten. Als Heinrich im Juni des genanten Jares die sächsischen Stammesfürsten zu sich nach Goslar berufen hatte und die lez- tcren diese Gelegenheit benuzen ivvlltcn, ihm ihre Beschwerden vorzutragen, ließ sie der König, der inzwischen wol von der Verschwörung gehört hatte, vom Morgen bis zum Abend vergeblich auf sich warten und erbitterte sie dadurch dermaßen, daß sie sich noch in derselben Nacht in einer Kirche zu Goslar vereinigten und Tag und Stunde zu einer großen Versamlung mit einander verabredeten. Diese Versamlung fand denn auch unter dem Zu- strömen des größten Teils des sächsischen Volks, warscheinlich zu Wormslebcn bei Eisenach statt, und man faßte den einhelligen Beschluß, mit Waffengewalt sich gegen Heinrich zu erheben. Ein mit außerordentlicher Schnelligkeit zusammengebrachtes Heer von 60000 Mann sezte sich, nachdem mehrfach angebahnte Verhandlungen one Erfolg gewesen waren, sofort gegen die Harzbnrg, wo der König Zuflucht vor den Aufständischen suchte, in Bc- wegung. Man beabsichtigte nichts Geringeres, als den König hier gefangen zu nemen und dadurch einem langwierigen Kriege aus dem Wege zu gehen, weshalb man sich beeilte, die Burg one Aufschub einzuschließen. Dem König, der an Zal zwar nur drei- hundert, aber außerordentlich tapfere und entschlossene Reisige, die die Besazung der Burg bildeten, zur Seite hatte, war vor allem daran gelegen, die Sachsen so lange hinzuhalten, bis sich die ihm ergebenen Heere im Süden Deutschlands gesammelt hatten, und er schickte daher den damals auf der Harzburg wei- lenden Herzog Berthold von Kärnthen, sowie die Bischöfe Eppa von Zeitz und Benno von Osnabrück in das Lager der Auf- ständischen, damit sie mit diesen verhandelten. Die Warnungen und Bitten aber, durch welche diese Männer die Sachsen von ihrem kühnen Unternemen abzubringen bemüt waren, sruchteten nichts. Vergeblich ivar auch ihr Rat, die Belagerer möchten ihre Beschwerden vor einer Reichsversamlung vorbringen,— die Sachsen bestanden ans ihrem Verlangen, demzufolge alle vom Könige errichteten Burgen geschleift werden sollten. Noch schwebten diese Verhandlungen, als es Heinrich gelang, durch eine von außen nicht sichtbare, geheime Ausfallspforte nebst Berthold von Kärnthen und den genanten Bischöfen zu entkommen. Von einem der Gegend kundigen Jäger geleitet, durcheilten die Flüchtlinge den Wald, ivas nur unter den größten Anstrengungen auf geheimen Pfaden gelang, und kamen am vierten Tage, durch den beschwerlichen Marsch und vom Hunger aufs äußerste ermattet, in Eschwege an. Darauf begab sich der König so rasch wie mög- lich nach Hersfeld und fand hier einen Teil des gegen die Polen gerüsteten Rcichsheers, mit dem sich auch die übrigen Reichsfllrsten, namentlich Rudolf von Schwaben, vereinigten, beisammen. Fuß- fällig flehte Heinrich die versammelten Fürsten an, die ihm von den Sachsen angetane und ja auch sie treffende Schmach an den Urhebern rächen zu helfen, worauf die durch seine Bitten bis zu Tränen gerürten Fürsten ihm ihren Beistand zusagten. Daraus wurde zunächst das Heer mit der Weisung entlassen, sich am 5. Oktober zu Breiteubach au der Fulda von neuem zu versam- meln. Mit Angst und Sorge hatten die Sachsen von des Königs Flucht gehört, da sie nun einen langivierigen Kampf für unvermeidlich halten mußten. Immerhin aber erfüllte es sie mit Ge- nugtuung, daß der Herzog Magnus gegen Auslieferung von siebenzig, durch Hermann Billung in Lüneburg gefangen genom- inenen schwäbischen Rittern seine Freiheit erhielt, welcher Umstand die Veranlassung zn dem seit dieser Zeit im Volke sprüchwörtlich gewordenen Ausdruck wurde,„ein Sachse wiege siebenzig Schwaben auf." Nachdem die Sachsen darauf die Heimburg bei Blankenburg, die Asenburg bei Nordhausen, die Spatcnburg und andere Festen gebrochen hatten, schlössen sie die Harzburg wieder mit 20000 Mann ein und suchten sie durch Aushungerung zur Uebergabe zu zwingen. Die Besazung hielt sich indes tapfer, brachte den Belagerern durch oft wiederholte Ausfälle große Verluste bei, plünderte die benach- barte Gegend, ftirte das Vieh von der Weide weg mit sich in die Burg und verheerte die umliegenden Dörfer und braute sie nieder. Die Stadt Goslar vor allem wurde durch diese Kämpfe schwer niedergedrückt, indem nicht nur der blühende Handel der- selben den ärgsten Schaden erlitt, sondern auch noch besondere Drangsale ihre Bewoner auf das härteste heimsuchten. So erzält der schon genante Annalenschreiber Lambert aus dieser Zeit n. a.: „Einst war zwischen den streitenden Parteien ein Waffenstillstand geschlossen. Da zogen zwei Reisige aus der Harzburg nach Goslar, um Waffen einzukaufen: Hier kam es zwischen ihnen und goslar'schen Bürgern im Wirtshanse zu einem heftigen Streit, der bald in Tätlichkeiten ausartete. Die beiden wurden ergriffen und nackt gekreuzigt. Dafür schwuren die Harzburger blutige Rache zu nemen. In der Stadt lebte ein treuer Anhänger des Königs, der Vogt von Goslar, Bodo, der den Harzbnrgern Gc- nugtuung für die Frevcltat der Bürger verhieß. Wie verabredet, ließ er eines Tages die Herden der Stadt weiter von der Weide forttreiben, worauf dieselben von den Reisigen des Königs sofort überfallen und weggefürt wurden, wärend ein anderer Trupp sich in den angrenzenden Wäldern verborgen hielt. Kaum vernamen die Goslar'schen den Verlust, als sie eiligst aus der Stadt hervor- brachen und ungeordnet, wie sie waren, die Feinde verfolgten. Diese flohen scheinbar aufs eiligste,— um so heftiger, um so ungeordneter verfolgten sie die Bürger. Da plözlich brachen die Reisigen aus dem Hinterhalte hervor und richteten ein furchtbares Blutbad unter den Städtern an." Zur Verhinderung dieser Raubzüge der Königlichen ivurde von den Belagerern mit aller Raschheit auf dem benachbarten, den Burgberg überragenden und noch jezt nach ihnen genanten Sachsenbergc ein mächtiges Blockhaus aus Eichenstämmen erbaut, welches eine vollständige Besazung von ILM Alaun besaß, um den Feinden Zufur und Verstärkung abzuschneiden. Inzwischen war die Weihnachtszeit herangekommen und die Stimmung im Sachsenlande gegen den Köllig immer feindseliger geworden, so daß man sogar beschloß, im kommenden Februar eine Rcichsversamlung nach Fritzlar einzuberufen und hier die Wal eines neuen Herschcrs vorzunemen. Ztichts war begreiflicher, als daß Heinrich diesem Plane mit allen Mitteln entgegen- zutreten suchte,— schien doch das leztere um so gefärlicher, als der König auch bei den anderen Reichsfürsten unterdessen viel an Gunst und Ansehen verloren hatte. Es würde doch in der Tat für ihn schmälich gewesen sein, wenn er in einer Verhandlung hätte erscheinen müssen, in welcher er als Angeklagter vor den Fürsten als Richtern stand!... Mit eineni kleinen Heere von 6000 Mann ging er daher gegen die Sachsen vor, wurde jedoch in seiner Hoffnung, diese unvorbereitet zu überraschen, getäuscht, denn schon wieder hatten die Ausständischen, von den Fürsten auf die Gefar aufmerksam gemacht, eine Armee von 40000 Manu zusammengebracht und stellten sich Heinrich bei Vacha an der Werra gegenüber. Unter diesen Umständen sah sich der König zu Unterhandlungen gezwungen, die zu Gerstungen ihren Abschluß fanden, und zwar in der Weise, daß jener den Sachsen die Schleifung aller königlichen Burgen, Rückerstattung der einge- zogenen Güter, Wicdereinsezuug Ottos von Nordheim in die 'erzogswürde von Bayern und den Türingern den Erlaß des ehnten, den diese bisher an den Erzbischof Siegfried von Mainz zu entrichten hatten, versprechen mußte. Als jedoch der König inzwischen von der unausgesezt tapferen Haltung der Reisigen auf der Harzburg vernam, weigerte er sich, neue Hoffnung schöpfend, diese harten Bedingungen zu erfüllen und berief einen Reichstag nach Goslar. Die Bitten, die er hier vorbrachte, blieben jedoch er- folglos, da die in großen Scharen hcrzugeströmten Sachsen die Er- füllung des Vertrags auf das entschiedenste verlangten. Nun mußte sich Heinrich zum Nachgeben entschließen und mit schwerem Herzen den Betel zum Abbruch auch der Harzburg geben. Noch immer freilich hoffte er, die leztere erhalten zu können, indem er zwar die Mauern zum Teil zerstören ließ, aber den Palast, das Münster und die anderen Gebäude erhalten wissen wollte. Kaum aber hatte der König Goslar den Rücken gekehrt, kaum hatten die Bauern die Kunde von der begonnenen Schleifung der Burg erhalten, so zogen die lezteren, brennend vor Gier, den königlichen Rittern die ihnen zugefügte Unbill, die Plünderung der blühenden Land- schaff, die von ihnen ihren Weibern angetanen Schandtaten, die erduldeten Ungerechtigkeiten und Härten gebürend heimzuzalen, den Berg hinauf, stürzten sich in heißer Wut auf die stolzen Ge- bäude der verhaßten Zwingburg und ließen jedes Gefül der Rück- ficht und der Schonung farcn. Der königliche Palast, die festen Türme, Mauern und Tore, das Münster, alles fiel der verzeh- renden Gewalt der Flammen anHeim und wurde dem Erdboden gleich gemacht. Man riß selbst die Reliquien der Heiligen heraus, erbrach die Königsgruft, warf die Leichen des Bruders und Sones Heinrichs übermütig umher, so daß es der größten Mühe von Seiten des Abtes zu Jlsenburg bedurfte, um sie zu retten und ihnen in seinem Kloster eine neue Ruhestätte anzuweisen. Das erbitterte Volk glaubte sich erst dann Genugtuung verschafft zu haben, nachdem es die ganze Fläche des Berges völlig geebnet, keinen Stein auf dem anderen gelassen hatte. So wurde im Mürz von 1074, etwa 9 Jarc nach dem Beginn ihrer Erbauung, die schönste und stärkste aller königlichen Burgen vollständig zerstört. Freilich sollten sich die Sachsen nicht lange ihres Erfolges freuen. Die von ihnen verübten Taten, die Vernichtung der Kirche, die Entweihung der Grüfte k. hatten, so viel Sympatie man sonst für sie empfand, das übrige deutsche Volk wider sie aufgebracht. Die Fürsten, und an ihrer Spize Rudolf von Schwaben, der bis vor kurzem sich noch unter den Aufständischen befunden hatte, aber über den von den Sachsen geschlossenen Frieden erbittert war und sich nun wieder in der Gunst Heinrichs zu befestigen suchte, sammelten sich von neuem um den König: neben dem genanten vor allen Wolf von Bayern, Gottfried von Nieder- lothringen, Wratislaus von Böhmen und die Rheinfrankeu mit der Reichsfahne. Das sächsische Heer scharte sich unter Anfürung Ottos von Nordheim, der den Ruhm genoß, der tüchtigste Feld- Herr seiner Zeit zu sein, eiligst zusammen, wurde aber bei Hohen- bürg an der Unstrnt überfallen und nach hartnäckigem Kampfe,. in welchem der König die Reichstrnppcn. persönlich anfürte, voll- ständig geschlagen. Nicht weniger als 8000 Streiter blieben auf der Walstatt. Nun aber namen die entsezlickistcn Gräuel wider die Sachsen erst recht ihren Anfang. Das feindliche Heer hauste auf das furchtbarste in den sächsischen und türingischen Landen, und was man vorher den Besiegten als schmachvolles Verbrechen zur Last gelegt, Raub, Mord und Kirchenschändung, das übten jezt die Sieger in ihrer Roheit selbst. Aber nicht genug damit; verzagt und wankelmütig kündigte das sächsische Volk seinen gegen den König streitenden Fürsten den Gehorsam und sträubte sich entschieden wider eine Fortsezung des Kriegs, so daß sich die lezteren bei Spicr im Schwarzburg- Sondershausen'schen barfuß und waffenlos dem erzürnten König unterwerfen mußten. Die Folge war lange, drückende Gefangenschaft der sächsischen Fürsten in den verschiedensten Gegenden des Reichs. Sofort gab nun Heinrich den Befel zum schleunigen Aufbau der zerstörten Burgen und beauftragte den um Weinachten des Jarcs ganz wider Erwarten ans der Gefangenschaft entlassenen Otto von Nordhcim, den Hauptanstiftcr des Aufstandes, mit der Aufsicht über den Bau der Festen ans dem Hartesberge und dem westlich von Goslar gelegenen Steiuberge, indem er den leztge- uanten, um sich dieses einflußreichsten Hauptes des sächsischen Volkes zu versichern, gleichzeitig mit der Würde eines Statt- Halters von Sachsen betraute. Mit großer Raschhcit schritt der noch im Winter desselben Jares auf der alten stätte begonnene Bau der neuen Harzburg, bei dem die besiegten Sachsen die här- testen Frondienste leisten mußten, seiner Vollendung entgegen. Diese neue Zwingburg war indessen warscheinlich noch nicht ganz vollendet, als auch sie schon ihren Untergang fand. Die Sachsen nämlich hatten den König beim Papste verklagt, dieser hatte ihn in den Bann getan, die gefangenen sächsischen Fürsten entflohen ans den Gefängnissen oder wurden von den Wächtern heimlich freiwillig entlassen, und der Zorn der Besiegten suchte in zer- störenden Taten wieder ungehinderten Ausbruch. Es kamen für den König jene schweren Tage, Wärend deren er(1076 zu Tribur) von den deutschen Fürsten suspeudirt wurde und vor Papst Gregor VlI. im Schloßhof zu Canossa büßen mußte(1077). In Sachsen schloß sich auch Otto von Nordheim den alten Waffen- gefärten an und befal den königlichen Besazuugen, von den Burgen abzuziehen. Wenn wir auch kein ausdrückliches Zeugnis von irgend einem Schriftsteller der damaligen Zeit dafür besizen, so werden wir doch nicht mit Unrecht aunemen, daß in diesem Wirren die Harzburg von dem erzürnten Sachsenvolke abermals zerstört worden ist; wird doch erzält, daß der Papst selbst diese Stätte mit dem Fluche belegt habe, damit sich kein neuer Bau je wieder auf ihr erheben solle. Das ist der bedeutendste und interessanteste Teil der Geschichte der Harzburg. Wiederholt aber tritt sie uns auch in den Bc- gebenheiten der folgenden Jarhunderte entgegen. Nach den Be- richten einer Goslaer und der Sachsenchronik hatte sie schon ums Jar 1138 Konrad III. bei seinem Kampfe mit Heinrich dem Stolzen wieder erbaut. Dann finden wir sie im Bcsize Heinrichs des Löwen, dem sie in seinem Kampfe gegen Kaiser Barbarossa von diesem abgenommen wurde. Der leztgenaute befestigte und erweiterte sie bedeutend und erhob sie wieder zu einer Reichsfeste mit starker kaiserlicher Besazung, welcher Rang ihr auch unter seinen Nachfolgern bewart blieb. Die Burg wurde im Laufe der folgenden Jarzehnte dann wiederholt erweitert, reich mit Gütern und Ländereicn versehen und an verschiedene Herren zu Lehen gegeben, bis sie nach dem Testamente Otto IV. wieder dem Reiche unmittelbar zugestellt wurde. Des lezteren Nachfolger, Fried- rich H., jedoch schon gab sie wieder und zwar den Grafen von Moldenberg, die sich hernach Grafen von Harzburg nanten, zu Lehen, sie ging in die verschiedensten Hände über und wurde einer der berüchtigsten Size des Raubrittertums. Im 16. Jar- hundert diente sie den Herzögen von Branuschweig- Wolfenbüttel als Jagdschloß; einer derselben, Herzog Julius, legte unmittelbar unter dem Burgberge die noch jezt vorhandene Saline Juliushall an. Der 30 järige Krieg entschied auch das Schicksal dieser alten Feste. Hatten sie erst die„Schnapphähne" oder„Harzschüzen" — durch die Kaiserlichen aus den verwüsteten Ortschaften des Harzes vertriebene, raublustige und abenteuernde Gesellen— zu einer willkommenen Zufluchtsstätte benuzt, von der aus sie recht bequem die ganze Umgegend heimsuchen konnten, so schickte dann Tilly nach dem Siege bei Luttcr am Barenberge einen Teil seiner Truppen ins Harzburgische, und diese leztern hausten auf das grau- samste in den umliegenden Dörfern und in der Burg. Durch alle diese Stürme war dieselbe so verwüstet worden, daß außerordentliche Summen zu ihrem Aufbau nötig gewesen wären. Man besaß aber damals diese Summen im Braunschweigischen ebensowenig, wie man Neigung hatte, sich der schwierigen Aufgabe einer Er- Neuerung der Burg zu unterziehen, und gab vielmehr im Jare 1650 den�Befel, die fast 500 järigen Mauern der einst so maje- statischen Feste vollends zu stürzen, um aus dem dadurch ge- wonnenen Material die benachbart gelegenen, im Kriege nieder- gebrauten Wirtschaftsgebäude des Amtes von Bündheim wieder herzustellen. Nun sind nur noch wenige Ueberbleibsel der Um- Aus Deutschlands Historische Novelle Hoher war in sein Quartier zurückgekehrt. Die untergehende Sonne vergoldete eben die Spizen zweier majestätischen Tannen im Garten seines Wirtes, auf welchen die Aussicht von seinen Fenstern fürte. Laut jubelte, sumte und klang es im Herzen des Jünglings. Ihm fiel die Stelle wieder ein, die er im Lager hatte von den Reitern singen hören: „Denn Lieb' ist Feu'r, Das brennet ja so heiß, Weil's niemand ahnt und weiß, Daß du mir teu'r." Wie war das doch so wunderbar schnell gekommen?— Er, der nie gewußt hatte, was Liebe war, wurde heute von dem An- blick einer Dame, die er noch nicht ein halb duzend male gesehen, zur Liebe hingerissen! Ob das auch die rechte Liebe war?— Merkwürdig, als ziemlich verständiger Knabe schon hatte er sich immer eingebildet, die kleine Jutta solle einmal seine Frau werden. Jutta, Jutta?— Wie kam er denn auch jezt auf sie, die er seit neun Jaren nicht gesehen? Wie ein Weh schnitt es ihm bei dem Gedanken an sie durch sein Herz. Ja, was ging ihn aber auch dieses Kind an? Hier war es ganz etwas andres! Er war ein Mann geworden, die Kindereien mußten vergessen werden; wer wußte auch, ob die Raueks noch an ihn dachten? In Erna hielt er warmpulsirendes Leben, die Verkörperung des Schönen, in seinen Armen; er fülte ihren Atem, sog in Gedanken den Duft ihres Hares ein; sein ganzes sinliches Fülen war erregt. Ja, one Zweifel, das war die Liebe, die ja allmächtig sein sollte! Und durfte er sie denn nicht lieben, die Verkörperung der Schön- heit? Wenn man Venus, die Göttin der Anmut, darstellen wollte, wie sie die alten griechischen Meister sich gedacht, kontc man wol eine andre als Erna dazu erwälcn? Und ihr Herz?— Ihr Herz?—— Wie tonten diese Augen lügen? Wie sanft war sie, wie hingebend, bescheiden, gehorsam? Ja, ja, sie war das Weib seiner Liebe. Aber der Page?— Ach was, Kinder- geschwäz, eingegeben von Eisersucht und Pralerei. Und der Abend kam und legte sich mit Frülingswärme über die nordische Welt; der Glanz der Sonne war erloschen hinter den hohen Kjölen, und im Mondenglanz tauchten phantastische Stebelgestalten auf der weiten Fläche des Mälarsees auf. Da klopfte es bei ihm, und eine gewante Zofe drückte ihm eilig ein rosarotes, duftendes Briefchen in die Hand, dann entfloh sie. Hoher las errötend beim hocharmigen Leuchter:„Diejenige, welche Dir dieses Arischen bringt, wird Dich sogleich füren zu ihr, die Dich liebt; folge one Mistrauen!"— Wie ihm seine Pulse klopften, wie jede Fiber sich dehnte, sein Atem stockte! INochte es sein Verderben sein: er ginge zu ihr, beschloß er. Und sorgfältiger ordnete der Kranke mit seinem gesunden Arme seine Kleidung, seine Waffen, den Hutschmuck und den breiten, weiten Spizenkagen auf dem blauen Waffenrock. Ungeduldig wartete er dann.— Jezt ein leichter Schritt,— beide waren in der Dunkelheit verschwunden. ** * Der Früling war da! Mit aller Macht hatte er in den lezten Maitagen den Winter vertrieben; die Vögel sangen in dem sich niit Grün bekleidenden Gebüsch, und die ganze Natur atmete Wonne. Hoher hatte August von Leubelfing nicht wiedergesehen; der- selbe begleitete seine Gebieterin ins Feldlager, woselbst sie ihrem königlichen Gemal einen kurzen Besuch abstattete; stündlich aber fassungsmauern, kärgliche Trümmer des Hauptturms und der allerdings wolerhaltene Brunnen als stumme Zeugen einer viel- bewegten Vergangenheit vorhanden,— einer Vergangenheit, die auf die mancherlei welterschütternden Fragen, die sie beschäftigt haben, gerade im gegenwärtigen Augenblicke die endgültige Be- antwortung noch keineswegs durch die majestätische im Jare 1877 errichtete Säule erhalten zu haben scheint, deren stolze Inschrift: „Nach Canossa gehn wir nicht!" gegenwärtig von der vorsprin- genden Spize desselben Bergs, den die Harzbnrg einst gekrönt, in die weiten Gauen des deutschen Landes hinausleuchtet. kr Blut- und ElsenM. von Kart Kassau.(3. Fortsezung.) erwartete man die Gebieterin im Reichsrat zurück, stündlich auch blickte Hoher von Mansfeld aus nach den Fenstern jenes hohen Schlosses, das den Namen der Swensons fürte. Aber kein Lebens- zeichen nam er dort an den bekanten Fenstern war, so oft seine Augen sehnsüchtig die lange Front absuchten. Jezt war er vor Langerweile hinausgeritten in den dunklen Fichtenwald vor dem Tore und die Höhe hinauf. Von dort flog sein Blick weit, weit über die Fläche des Baltischen Meeres hinaus, dessen Spiegel fich majestätisch vor ihm ausdehnte. Silbern schimmerten die Spizen der Wellen; weiße Segel tauchten hier und dort auf; welches war das rechte, unter dessen Schuz Erna hciinwärts kehrte? Sie begleitete natürlich die Königin, obwol widerwillig und trozend. Hoher hatte sie beruhigt, aber mit Ungelduld ertrug er ihre Abwesenheit. Zum hundertsten male nam er ein Rosen- blatt aus seiner Ledertasche und las die Zeilen, in denen sie, eine Meisterin in der Dichtkunst, Abschied von ihm nam: „Längst dacht' ich micki für alle Lieb' erstorben, Da sah ich eines Tags durchs Fenster Dich, Und ach, der Liebe Allgewalt traf mich, Es brach mir an ein neuer Lebensmorgen. Nicht braucht die Liebe fremden Glanz zu borgen: Mein töricht Herz hat längst entschieden sich, Nur einen einz'gen liebt es ewiglich; Ob er's erwidert, macht allein mir Sorgen. O, sieh mich an, Du heißgeliebter Mann, Von dem ich nun und nimmer lassen kann, Mein Herz liegt klar Dir, wie ein offen Buch; Wenn ich nur dich für alle Zeit gewann, Daß immer Du in meiner Liebe Bann, So bist auch Du allein mir stets genug!" Er betrachtete dann die Schleifen, einen Handschuh, Liebes- Pfänder, deren er sich in wonnevollen Stunden bemächtigt, ein trockenes Tannenreis, und gedachte der Stunden, die er abends dort im Schlosse zugebracht, wenn heimlich ihn die Zofe die geheime Treppe hinauffürte. Indes trottete sein Roß leicht durch den Wald, und er näherte sich der Stadt. Da saß gleich den Schicksalsgöttinncn der alten heidnischen Nordlandsvölkcr ein eisgraues altes Weib am Wege und hielt die Hand dar, eine milde Gabe begehrend. Diese siel bei Hoher reichlich aus, so reichlich, daß die Alte sich nicht des Wunsches entbrechen konte: „Gott segne den jungen reichen Herrn!" „Get es Euch schon lange so schlecht, Mütterchen?" „O nein, junger Herr; als ich noch im Palast Swenson lebte, da hatte ichs gut; hernach kam die junge Gräfin ins Haus; die konte mich kaum leiden, weil ich offene Augen hatte und dem alten seligen Grafen manches sagte." „Adieu!" rief nun Hoher, seinem Rosse die Sporen gebend'; er fürchtete, etwas unangcnemes von Erna zu hören und wollte lieber nichts wissen. Liebe ist blind! Jezt bemerkte Hoher auch, daß auf dem königlichen Schlosse die Fahne aufgezogen war. Freudig bebte sein Herz, denn sie waren zurück, waren heimgekehrt, die Königin und ihre Beglei- tung. Eiligst galoppirte er heim. Leubelfing hatte den Dienst ini Vorzimmer der Königin und neigte sich vor dem Nebenbuler: „Ich grüße Euch, Herr Obrist!" „Desgleichen; alles wol zurück?" »Bis auf die schöne Gräfin; sie hat eine Migräne, weil sie die Warheit hören mußte." „Ist Grit—", hier verbesserte er sich errötend,—„ist die Gräfin am Hose?" „Bcdaure, Obrist; nur zuhause!" Hoyer drehte sich soldatisch kurz um, zu gehen. „Herr Obrist!" Hoher wante sich zurück:„Was soll's?" „Ihr traut mir nicht mehr?" „Offen gesagt, nein, Herr Page!" „Ihr solltet Euch doch überzeugen!" „Womit, wodurch?" „Nun, Ihr nent sie schon mit Vornamen, dann ist Euch auch wol die Zofe und die Hintertreppe bekant?" Hoher ftuztc; der Page koute aber in seiner Eifersucht spio- nirt haben; Erna war gewiß unschuldig. „Das fordert Blut!— Ziet!" spriite er hervor und griff zum Pallasch. „Hier, mein Herr Obrist?— Nein, nein! Auch ist's die Natter nicht wert, daß sich zwei Männer drum die Köpfe ein- rennen!" Hoher schäumte vor Wut und schlug mit den langen Reiter- Handschuhen nach dem Pagen, der leichtfüßig zurückwich. „Gab sie Euch auch Gedichte? Es ist ihre Art wol; hier, und hier und hier!" Damit griff er in sein Wams und warf verschiedene Rosablätter auf die Erde.—„Lest nun selbst und vergleicht die Schrift! Guten Abend, Obrist,— Ihre Majestät klingelt!" Damit verschwand er in einer Seitentür. Was war das?— Hoher stand wie eine Bildsäule da, starr, one Leben. Daun bückte er sich mechanisch, hob totenblaß die llugliicksblätter auf und eilte davon, als ob die wilde Jagd hinter ihm wäre. Zuhause angelangt, entflamte er alle Kerzen am hocharmigen Leuchter, riß die Papiere hervor und las: „Daß ich Dich liebe, holder Knabe, Weißt Du,»nd daß ich Dein nur bin; Zn Dir allein ziet mich es hin, Den ich so treu im Herzen trage." Ihre Handschrift! O, Himmel!— Aber an wen waren die Gedichte gerichtet?— Doch nicht an einen unbärtigen Knaben? Nein, nein, das koute ja nicht so sein! Doch hier,— und er rezitirte.„Die Stern' Dir können's künden, Was Du mir bist, mein Freund, Den Rosenketten binden Und Lieb' mit mir vereint!" Fort damit!„An wen, an wen", schrie es in ihm ans,„sind diese Zeilen gerichtet?— Erna, Erna, was soll ich denken?— Ha, was ist denn dieses?" „Längst dacht' ich mich für alle Lieb' erstorben, Da sah ich eines Tags durchs Fenster Dich--" „Barmherziger Gott im Himmel! Mein Sonett, ihr Abschieds- lied an ihn, diesen Knaben?--- Fluch ihr, die niich so schäm- los betrogen!" so wetterte sein Mund. Und er zerriß das Papier, streute es zur Erde und stampfte es mit den schweren Reiterstiefcln. Dann warf er sich wieder auf den nächsten Stnl und stöhnte dumpf vor Schmerz, fluchte ihr und sich, daß er ihren Schwüren geglaubt, und lag so stunden- lang one Bewußtsein. Endlich war es ausgekämpft, das bittere Weh. Hoher war ja noch jung, und mit der Elastizität der Jugend streifte er die ersten Träume ab. Er badete seine veriveinten Augen in klarem Wasser, ordnete seine Sachen und machte sich reisefertig, bis die flinke Zofe kam und ihm ein Rosabrifchen brachte. Hoyer zog ein Goldstück hervor. „Du heißt Corinna?" „Ja, gräsliche Gnaden!" „Ein schöner Name! Dieses Goldstück ist dein!" Sie streckte die Hand aus, aber hier faßte sie Hoyer beim Gelenk: „Sage deiner Gräfin, von solchen Brifchen lägen hier noch viele Ueberreste. Ich teile auch meine Liebe nicht mit Pagen und Stallknechten." Er blickte sie wild an, daß sie ans den Tod erschrak:„Wie oft fürtest du den verfl—, Gott vergebe mir!— den Pagen über die heimliche Treppe? Bei deiner Seele, die Warheit, oder die Königin erfärt's und du bist mit verloren!" „Gnade, Herr Graf!" „Die Warheit, sage die Warheit!" „Viermal, Herr Graf, aber auf Befehl!" „Es ist gut, gehe und bestelle, was ich dir aufgetragen!"— Und er gab sie frei; die Kupplerin aber verschwand'mit der Schnelligkeit eines Pfeiles. Am frühen Morgen schrieb Graf Hoyer einen Abschiedsbrif an die Königin und traf Vorbereitungen zur Abreise, als eine bekante Gestalt bei ihm eintrat. „Guten Tag, Herr Obrist von Mansfeld!" „Stürix, Stürix!" jubelte Hoher.„Du komst von meinem Vater?" Und er umarmte ihn stürmisch. Der Alte warf den milden Körper aus einen Stul und begann: „Mit Verlaub, gnädiger Herr, laßt mich, von der langen Reise ermüdet, erst ein wenig verschnaufen, so will ich Euch auf all' Eure stürmischen Fragen Befcheid tun!" Hoher gab der Dienerin Auftrag, Speise und Wein herbei- zuschaffen, und hieß Stürix, nachdem aufgetragen war, ordentlich zulangen. Als der Alte noch einen guten lezten Trunk getan, begann er: „Wie ist's denn mit Euch, Herr Obrist? Was felt Euch, daß Ihr to trüb' und mismutig dreinschaut?" Es ward ihm nicht schwer, binnen kurzem dem jungen Herrn die Geschichte seiner ersten Liebe mit allen ihren Enttäuschungen zu entlocken. „Tröstet Euch, gnädiger Herr," nam nach seiner Erzälung Stürix das Wort,„das ist keine wäre Liebe gewesen! Ihr haßt jezt die Gräfin, nicht war?— Ware Liebe haßt nie; sie ent- schuldigt und vergibt alles! Euch ergriff ein Sinnentanmel, den die kokette Gräfin geschickt in Euch zu entzünden wußte. Und wie ist mir denn? Was ist's mit der Jutta, die Ihr als Knabe immer heiraten lvolltct?" „Ach, Stürix, get mir doch mit den Kindergcschichten! Seit nenn Jaren weiß ich nichts von meiner Base und ihren Eltern; was verstct auch Ihr Bücherwurm von Liebe?" „Sagt das nicht, junger Herr! Auch ich, der ich jezt fast sechzig Jare zäle und gebückt ejnherschreite, war einst ein junger Herr wie Ihr. Ich bin von Geburt ein Böhme. Von früh auf sollte ich, so wollten es meine Eltern, geistlich werden, und so geschahs, daß ich ein Priester ward und in ein Seminarium ein- trat. Später ward ich Kaplan auf einem Schlosse in meinem Vaterlande. Ich hatte mein Fleisch redlicher kasteit, wie mancher Konfrater; aber was half's? Die Sinlichkeit kann man aus den gesunden Tinnen nicht herauskasteien. Ich sah Lionessa, des Schloßherrn Tochter, ein Mägdelein von achtzehn Jaren. Ich unterrichtete sie, wir waren viel allein, da stellte sich die Liebe ganz von selbst ein. Weiß Gott, ich habe zuerst schwer gekämpft; endlich unterlag ich! Das arme Kind nam mein töricht Geständ- nis in der alten Bibliotek voll Wonne und mich wieder liebend entgegen und— plauderte zu seiner Mutter. Das war mein Unglück! Mich peitsche der wütende Schloßherr vom Hofe und hezte die Hunde auf mich, die Tochter schickte er>veit, weit fort, wo sie mich vergessen sollte. Ich habe sie nie wiedergesehen; ich war die unglückseligste Kreatur unter der Sonne, wand und krümte mich unter Schmerzen am Kreuzwege, denn ich ivußte nirgend Obdach zu finden und beschloß endlich, bedrot vom Fluche der Kirche und von der Strafe, Soldat zu werden. Hierhin und dorthin schlepte ich mich; ich focht in Venedig, Genua und in Ungarn; endlich kam ich nach Flandern. Dort diente ich unter Eurem Vater, der damals Oberster war; er half mir unter einer Kanone heraus, als schon mein Leben so gut wie ausgelöscht war. Das habe ich Eurem in Gott ruhenden Herrn Vater nie vergessen!" „Himmel, Stürix, was sagt Ihr? In Gott ruhenden? So ist mein Vater tot, tot?" Hoyer tvar aufgesprungen und rief es entsezt. Der alte Stürix hatte sich vcrschwäzt; der Feler war begangen und nicht zu repariren. Er nickte stumm und traurig. Hoyer sank gebrochen zurück: „Tot, und nicht einmal die Augen zugedrückt, nicht einmal wiedergesehen!— Heute komt alles Unglück auf einmal über mich!" Stürix ließ den Jüngling ausklagen, denn er wußte, daß Klagen den Kummer mindern, dann faltete er die Hände und sagte:„Was Gott tut, das ist wolgetan, gräfliche Gnaden! Mein Auftrag war, Euch das lezte Vermächtnis Eures Herrn Vaters zn überbringen!" „Wo starb er, alter Freund?" „Ach, gnädiger Herr, das ist eine lange Geschichte. Als Euer Herr Bater vor zwei Jaren Euch den alten Helchner schickte, da waren wir eben aus England mit reichen Geldmitteln zurück- gekehrt und halten uns in Niedersachsen festgesezt. Kaum ließ Euer Herr Vater die Werbetrommel rüren, so strömten uns Reiter und Fußknechte die schwere Menge zu, und so konten wir bald mit einem 20000 Mann zälenden Heere die Weser hinaufziehen, dem Tilly entgegen. Wir taten dem alten Korporal in der Gegend von Minden und Hameln viel Abbruch, mußten aber später gegen Osten abrücken, um den Waldstciner in Schach zu halten, der an der Mulde herabzog. Am 25. April anno 25, da kam's zum Zusammenstoß zwischen uns. Aber wir waren zu schwach und konten die Brücke bei Dessau auf die Dauer nicht halten, vbwol wir Waldstein drei Tage aufhielten; zulezt mußte der selige Herr Graf doch das Zeichen zum Rückzug geben. Aber gefochtcn haben wir, daß die Waldstein'schen Respekt be- kamen, denn von wem anders hat's der Albrecht auch gelernt, als von des Grafen selige Gnaden, wie man Heere aus der Erde stampft? Bei dieser heißen Affäre ist auch der alte Helchner gefallen. Euer Herr Vater selig hatte aber den Entschluß ge- faßt, nach Ungarn zu ziehen, um sich nach längst gepflogener Unterhandlung mit Bethlen Gabor, dem launischen Fürsten von Siebenbürgen, andauernd nur in seinem Haß gegen das Haus Habsburg, zu gemeinsamem Handeln zu verbinden. Sind aber keine Felsenherzen, die Ausländer, Herr, wie wir; hatte sich unterdes anders besonnen, der edle Fürst, und mit dem Kaiser Frieden gemacht, sodaß Eures seligen Vaters Gnaden ihr Heer entlassen, ihre Kanonen verkaufen mußten, und nur mit der Untcrstüznng von ivetterwendischen Fürsten den Norden wieder- gewinnen konte. Aber er sollte nicht weit kommen: am 20. No- vcmber vorigen Jares waren wir bis an das Dorf Urakowicz, nahe bei Serajewo, gelangt, wo Eures Herrn Vaters selige Gnaden ernstlich krank wurden und sich legten, bis sie Plözlich ausriefen: „Ich muß sterben; helft mir auf! Ein ordentlicher Soldat stirbt stehend!"— Und er starb stehend in den Armen zweier Offiziere. Er hatte schon längere Zeit vorher über Schmerzen im Unterlcibe geklagt, aber so schlimm hatte es keiner geachtet; doch hatte er mir schon vorher seinen lczten Willen an Euch gegeben. Hier ist alles: Eures Baters Rüstung, sein Schwert und 63 ungarische Dukaten, ferner ein Bildnis Eurer gräflichen Frau Mutter, Eures Herrn Vaters Handsiegel und ein Schreiben von seiner Hand. Rüstung und Schwert habe ich selbst angelegt, um beides fortzubringen. Das ist das Lezte von Eures Herrn Vaters selige Gnaden, Herr Graf!" Lange saß Hoher neben Stürix, der ihm gütlich zuredete, sich zu fassen, und Träne um Träne tropfte durch die Finger in den langen, blonden Bart. Dann griff er zum Schreiben seines Vaters und las: „Mein teurer Son! Längst füle ich mein Ende nahen und habe die Hoffnung aufgegeben, Dich je wiederzusehen. Ich segne Deinen Entschluß, bei den Schweden weiter zu dienen; verharre dabei! Mein Leben war an eine Idee gesezt: sie war verfelt! Statt meinem Vater- lande zum höhereu Ausschwung durch Beschränkung des Katoli- zismus zu verhelfen, liegt es jezt wüste und verödet, und wer kann wissen, wie lange dieser unheilvolle Krieg noch Deutschland zerfleischen wird? Wenn ich sterben sollte, hinterlasse ich Dir, mein teurer Son, leider nichts als meinen Ruhm, mein Schwert und das Anrecht auf meine Güter im Lüttichschen, die jezt die Pfaffen in den Klauen haben. Besonders achte auf die Stelle, fünfzig Schritte nach Norden von der großen Buche auf dem sogenanten ,katolischen Hofe' zu Lüttich! Bleibe fromm und redlich wie bisher und vergiß nicht Deinen treuen Bater Ernst, Graf von Mansfeld Geschrieben m. p. nach der Affäre an der Dessauer Brücke a. d. 1626." „Armer Vater!" seufzte Hoher; dann küßte er der Mutter Bildnis und hängte es um den Nacken, wie einst der Vater, und fragte:„Wo habt Ihr ihn begraben?" „Auf dem Kirchhofe zu Urakowicz hat ihn der griechische Pope eingesegnet; unter einer hohen Rüster ist sein Grab, auf das wir einen schweren Stein mit eingehauenem Kreuz gelegt; Glaubens- haß wird ihm dort nicht das Ruhepläzchen stören!" Hoher sprach ein stilles Gebet; dann trat eine lange Stille ein.— Nach einer Weile begann Stürix wieder: »Ich zog nun heim. Aber, du lieber Gott, wie siet das all- überall in den deutschen Landen aus! Tagelang findet Ihr, Herr Graf, kein bewontes Dorf; besonders, wo der Waldstein gehaust, da siet's fürchterlich aus und ist's öde und still, wie in der Kirche. Jezt regiert der Kaiser bis an die Ost- und Nord- see, denn den vereinigten Generalen Tilly, Pappenheim und Waldstein konte keiner widerstehen." In diesem Moment Ivard plözlich und stürmisch die Tür auf- gerissen. Auf der Schwelle stand händeringend Gräfin Erna. „Vergib mir, einzig Geliebter!— Was ich gesündigt, die Liebe wäscht es rein; seitdem ich dich kenne, Hoher, habe ich für keinen andern Mann etwas gefüll, noch fülen können; das schwöre ich bei Gott! Vergib mir!" Und sie eilte vorwärts und umfing Hoyers Knie. Eine Weile war Graf Mansfeld ganz stumm; mit einem Anflug des Glückes vergangener Tage sah sein Auge herab auf das schöne Weib mit dem wunderbaren Har, dessen lange Locken auf den üppigen Nacken niederrollten. Dann begann er strenge: „Frau Gräfin, Ihr irt in der Adresse; Leubelsing wont im königlichen Schlosse! Ich habe Euch schon einmal sagen lassen: meine Liebe teile ich nicht mit Pagen und Stallknechten. Ich habe für alle Zeit, Frau Gräfin, den Glanben an Euch verloren! Komt, Stürix!" Sie eilten davon, Wärend Erna, rasend vor Zorn, znrückblieb. An demselben Tage lichtete das Schiff„Thor", welches dem Könige Waffen, Pferde und Hülfsmanschaften nach Polen zufüren sollte, die Anker. Auf ihm befanden sich auch Hoher und Stürix. (Fortsezung folgt.) Blicke in die Eewerde- und Ändustrieausstellung zu Halle aß. (Fvrtlctzung.) Einen eben so kostbaren Schreibtisch mit hohem Schrankaufsaz, der leider den Raum der Schreibtischplatte allzusehr beschränkt, hat Tischler- Meister Stahl geliefert. Das elegante Möbel ist in amcrikanischein Nuß- bauin ausgesürt, mit breiten Evenholzstreife» ausgelegt und mit In- tarsien von Ahornholz geschmückt. Das Gebiet der Uhrmachcrei wird durch Gasser vertreten. Zwei treffliche Regulatoren mit schön gcar- beitcten Zifferblättern und mit Granaten besezten Gewichten zeichnen sich durch ihre kunstvoll geschnizten Gehäuse, die mit vielen bunten Steine»— anscheinend Achaten— dekorirt sind, in hervorragendster Weise aus. Der Hofvergoldcr ftöpke fürt uns ein bei uns noch ziemlich unbe- kantes Material: Oarton pierre(spr. kartong pjähr', wörtlich Steinpappe) vor. Zwei große getriebene Schalen, mit den Bildnissen Karls V. und Heinrichs II. von Frankreich sind in dieser Masse ausgesürt. Für Dekorationszwecke der inneren Räumlichkeiten hat Carton pierre in der lezten Zeil eine hervorragende Bedeutung gewonnen. Es ist eine Mischung verschiedener Stoffe, welche ein kompaktes, äußerst zähes und plastisches Material bilden, das, vollständig trocken geworden, den besten Holzarten an Härte und Dauerhaftigkeit gleichkomt und sich in der beqncinsten Weise zu Ornamenten, Nachahmung von Büsten, Statuen, Tellern, Schüsseln, Waffen». verwenden läßt. Die täuschendsten Metall- imitationen lassen sich auf dieser Masse herstellen. Einem Kennerange ist es beinahe unmöglich, solche Sachen von echtem Metall zu unter- scheiden. In Düsseldorf riefen besonders verschiedene Postamente, welche in ihrer reichen Renaissance-Ornamentirung von Holzschnittswerk nicht zu unterscheiden waren, ferner einige Spiegelrahmen in Gold-, Eben- holz- und Elfenbeininiitation die allgemeinste Bewunderung hervor. Indem wir dieses Material der allgemeinsten Beachtung empselen, gehen wir von dem Grundsaze aus, daß Gegenstände, die in echtem Me- tall u. s. w. ausgesürt, zu teuer sind, in solcher vorzügliche» Imitation auch dem wenig Begüterten zugänglich werden. Zum Schluß machen wir noch auf das vom Parquetfabrikante» Enke an der Hinteren Seite der Podium-Rückwand angebrachte, treffliche Parquetmuster und aus eine von Döbbel zun. in französischem Kalkstein ausgefürte Kolossal- gruppe„Venus und Amor", welche vor dem Podium ausgestellt ist, aufmerksam. Wir schließen hieran einige Bemerkungen über die in der Gruppe „Zimmereinrichtungen" ausgestellten Gegenstände. Es ist das diejenige Gruppe, welche für den größten Teil der Ausstellungsbesuchcr den Haupt- anziehungspunkl bildet,— freilich auch den Gegenstand stillen Neids jener weniger glücklichen Sterblichen, die sich sagen müssen, daß eine solche Wonung sür wer weiß wie lange einer ihrer frommen Wünsche bleiben wird. An sich ist der Gedanke, dem Auge des Beschauers solche ganze Ziinmereinrichtungen vorzufüren, ein glücklicher; muß es doch bei der Vielgestaltigkeit unsres modernen öffentlichen Lebens mit seinen 599 Anforderungen und Zerstreuungen und ihrer Wirkung auf unser Gemüt als ein sehr erstrebenswertes Ziel erscheinen, unsere Wonungen zu einer behaglichen Heimat einzurichten, in der die Kunst besänftigend und reinigend aus unsre Stimmungen und Leidenschaften wirkt, einer Heimat, die uns fesselt und zur Einkehr in uns selbst, zu ruhiger� Samlung einladet. Es gibt ein jedes Gemach gewissermaßen ein in sich geschlossenes Bild kunstgewerblicher Leistungen, wie es der Architekt plante, resp. in seiner Gejamtheit entwarf und wie es der Bautischler, Maler, Dekors- (tut, Möbeltischler, Tapezierer, Kunsttöpfer und sonstige kunstfleißige Hände, den Anregungen und Angaben des Architekten entsprechend oder eigenem,„besserem" Triebe folgend, anssürten. Die Ausstellung hat circa 20 Zimmereinrichtungen aufzuweisen, unter denen einige von hervorragender Schönheit sind, die anderen immerhin das anerkennenswerte Streben zeigen, den Ausorderunge», welche man an eine harmonische Dekoration stellt, möglichst gerecht zu werden. Gleich seitlich vom Aufbau der Magdeburger Kunstiudustriellcn und dicht vor der imposanten kuppelbekrönten Vierung der großen Ausstellungshalle ist es das Herrenzimmer des Architekten Thierichens zu Halle, welches durch seine charaktervolle Dekoration fesselt. Da es bei solchen Ensembles aui möglichst reinen Stil, auf eine harmonische Verbindung der Architektur und der Ornamentik der Möbel, so wie der Zimmerwandungen ankomt, da ferner eine passende Auswal des Materials nach Farbe, Formgebung und sonstiger ihm anhastenden Eigentümlichkeiten getroffen werden muß, da drittens die größte Ge- nauigkeit und Schärft in der Schreinerarbeit und in der Holzschnizerei zu beachten ist, so ist die Aufgabe, tvelchc sich der Architekt mit einem solchen Zimmer stellt, eine äußerst schwierige. Um so aner- kennenswerter erscheint es, wenn bei der Leistung von Thierichens alle diese Schwierigkeiten glücklich überwunden und das Zimmer mit seinen knappen und soliden Formen für die Ausstattungsgegenstäude den har- monischstcn und seinsten Eindruck macht. Die im Stil der altdeutschen Ncnaissance gehaltenen, matten Nußbaummöbel bestehen aus eitieni Buffetschrank mit Blcivcrglasung, einem Sopha mit hoher Rücklehne, L Polsterstülen und einer überpolsterlen Siztruhe; sie zeigen, wie auch die Ausstattung des sich anschließenden Erkers mit zwei Nischenbänkchcn und einem Tisch gute Verhüttnisse bei kräftiger Formgebung und sau- derer Technik. Sämtliche Sizmobel sind mit einem ziegelrot farbenen gestreiften Plllschstoff überzogen. Die mit Kiefernholz getäfelte, kräftig gegliederte Decke ist vom Zimmcrnieistcr Höder-Halle hergestellt und vom Maler Zander-Halle farbig bemalt. Das Wandpancel(Holzgetäfel) des Zimmers, nur aus Kiesernholz gefertigt, ist, den Möbeln entsprechend, nußbaumartig gestrichen. Der Erker mit seinem von Stachelroth her- rüreuden Buzcnscnstcr, welches durch einen altdeutschen Spizenbehang halb verhüllt wird, läßt die ernste, würdige Erscheinung dieses Herrenzimmers anmutend ansklingcn. Die verwendeten Stoffe sind gut gcwält— leider nicht glücklich gewält ist die Bordüre der Wandtapczicrung, zu deren Wal warscheinlich das eigenartige Rot des Möbelstoffes verleitet hat. Den großen Kuppelraum durchschreitend, indem wir die Riesen- palme Karl Gebhards passiren, und aus der rechten Seite des Haupt- schiffs der Halle weitergehend, treffen wir zunächst aus drei elegant und vorncm ausgestattete Kojen, welche zwei namhafte Hallesche Firmen und eine Möbelfabrik aus Nordhausen gemeinsam ausgestellt haben, nämlich die Möbelfabriken von Gebr. Bethmaun zu Halle und Nord- hausen und das Teppich-, Tapeten- und Möbelgeschäft von Fr. Arnold, Inhaber L. Götte, zu Halle. In der Koje Nr. 12 ist zunächst eine Zu- sammeustellung sowol von Tapeten- und Stoffmustern, als auch von diverse» Mobilien genanter Firma gegeben worden. Als Ersaz für eine reich stuckirte und bemalte Decke sürt die Firma Arnold in diesem Räume eine solche vor, die durch Tapczirung und Leistenwcrk dekorirt und äußerst wirksam ist. In den verschiedenen Feldern der Wände präscn- tireu sich im Anschluß daran farbenschöne Plüschtapeten mit stilvollen Mustern, Möbel- und Gardiiienstosse, kostbare Wollen-, Brokatstoffe und Teppiche, so wie Muster von verschiedenartigem Leistcnwerk zu Paneel- glicdcrungcn und Wandumrahmungen. Die vorhandenen Mobilien sind vorzugsweise im jezt beliebten Stil der Renaissance gehalten, es sind u. a. ein gut gebauter Buffetschrank in mattem Nußbaum, ein Eßtisch mit Einlagen aus kräftigem Untergestell, ein Silberschrank, der neben seiner gewälten, dezenten, ornamentalen Behandlung im Schnizwerk auch durch seine stilvollen Beschläge zc. auffällt, eine Anrichte, ei» Spiel- tisch ic. Höchst originell ist die nächste Koje der bethmann'sche» Möbel- sabrik— eine Schlaszimmereinrichtung, mit naturellen Kiefernholz- Möbeln ausgestattet. Die ganze Dekoration ist eine so fein durchdachte, echt künstlerische und anheimelnde, wie wir sie bisher selten in einer Ausstellung gesunden haben. Dieses hellblaue Schlafzimmer ist der An- ziehuugspunkl sämtlicher Besucher dieser Gruppe geworden. Es scheint das gesamte Arrangement aus einer bestimten Anregung hervorgegangen zu sein. Bekautlich schrieb das Kunstgewerbe-Museum i» Berlin im vergangenen Jare eine Konkurrrcnz für die Herstellung einer Schlaf- zimmcreinrichtung unter den deutschen Kunstindustriellen aus, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß lediglich Kiefernholz verwendet werde und eine künstlerische Ausschmückung durch Malerei und Flachschnizerei ersolgen dürft. Die damals in Berlin ausgestellten Arbeiten— es war auch die von Kieshaber in Magdeburg entworfene und von Heimster angefertigte Bettstelle u. s. w. darunter— errangen in der Residenz bei den Laien großen Beifall, wiewol nicht geläugnet werden konte, daß der für die Schlaszimmereinrichtung fcstgcsczte Preis den Tischler not- wendiger Weise veranlassen mußte, weit über die dem Kiefernholz ge- zogene Grenze der ornamentalen Behandlung hinauszugehen und die dem Karakter dieses Hölzes entsprechende Einfachheit völlig außer Augen zu lassen. Es niuß gesagt werden, daß die Hallesche Schlafzimmercin- richtung, die also durch jene Konkurrenz angeregt wurde, die bei der berliner Konkurrenz preisgekrönten ersten Versuche dieser Art weit über- ragt. Wir bekennen ferner aber auch unsererseits, daß die Aufgabe, welche das berliner Kunstgewerbe-Museum gestellt hatte, durchaus ver- felt war und leider Anregungen gegeben hat, die besser nicht stattgefunden hätten. Das Kiefernholz in einer solchen prunkvollen Weise zu behandeln, ist weder praktisch, denn die Mobilien schmuzen viel zu sehr, und vom stilistischen Standpunkte durchaus nicht richtig. Das hindert nicht, daß der Totaleffekt solcher Einrichtungen ein bestechender, reizvoller ist. Dem bethmann'sche» Zimmer liegt die Idee eines Zeltraumes zugrunde. Die Wände sind mit hellblauen, gestreiften, ein tüllartiges Gewebe imi- tirendcn Tapeten bekleidet, zwischen ihnen spant sich dann auf blau- seidene» Diagonalschnüren die salbgelbe, analog gehaltene Decke, von deren Mittclknoteu eine mattblaue Glas>A»ipel herabhängt. Mattblau und falbgclb sind überhaupt für sämtliche Zimmergegenstände die maß- gebenden Farben geblieben, unter deren harmonischer Wirkung auch noch das kleinste Einrichtungsstück stet, nächst den Stoffen die Strickereien, die Posanienteu, das Geschirr, selbst die Beschläge der Möbel, die in Nickel gehalten sind und aus stalblau angelaffnem Grunde liegen. Das matte, stimmungsvolle Blau der Wandung als Hintergrund(Stoffe und Tapeten sind von der Firma Arnold in Halle geliefert) hebt das na- turell behandelte Holzwerk der Möbel, die sowol in den Gesamt- wie Detailformen ungemein delikat und sein behandelt find, außerordentlich. Fast weißlich gelb, zart in der Färbung, heben sich diese wirksam ab, one jedoch allzu selbständig hervorzutreten und die Farbenharmonie zu stören. Die Strukturglieder(Verbindungsglieder) der Möbel sind durch- geheuds massiv, abgedret, gefaßt, geschnizt und sämlliche Ansichtsflächen mit einem prächtigen ausgegründeten Ornamente, das sich in den For- inen der deutschen Renaissance bewegt, dekorirt. Das Bettgcstell, gegen die Kopfwandung durch eine vertiefte Füllung abgeschlossen, wird durch einen kurz vorspringenden Baldachin überdacht, dessen Stirnfläche unter dem geschnizten Bilde einer ausgehenden Sonne in altdeutscher Schrift den Spruch trägt: �.„ Früh auf, Glück aus! Aenliche Sinsprüche haben, entsprechend der wiedercrwachtcn schönen Sitte, unsere Geräte mit ihnen zu zieren, auch an den übrigen Möbel- stücken Plaz gefunden. So stet am Garderobespind: Kein Tand, rein Gewand, offene Hand. am Spiegel: Rede, was war ist, liebe, was rar ist. und am Waschtisch: One Fleiß, kein Preis. Die Fußwand und die kurzen Seitenlehnen des Bettgestells sind durch romanisirte, kleine Lehncngallerieu geschlossen; über leztere fällt die reiche, geschmackvoll geraffte Draperie des Baldachins, blau und gelb, in malerischen Falten herab. Das Waschscrvice ist ebenfalls teil- iveisc mit hübscheu Sinsprüchen dekorirt. So trägt der Wasscrkrug die passenden Worte: Der Krug gct so lange zum Wasser bis er bricht. die Waschschüssel das Sprüchwort: Morgenstunde hat Gold im Munde. Durch eine offene Tür stet dieses Damenzimmer mit dem daneben befindlichen Wonzimmer, welches dieselbe Firma ausgestellt hat, in Ver- bindung. Auch dieser Raum, dessen Fußboden mit hochelegantem Par- quet belegt ist und dessen Möbel aus amerikanischem Nußbaum gefertigt sind, gibt von der Leistnngssähigkeit der Hallenser Firma ein treffliches Bild. In reizvollem Muster sind allein acht verschiedene Holzsorten, Eiche, Ahorn, Polysander, Nußbaum, Pflaumenbaum, Ebenholz, Jaca- randaholz und Rojeuholz kunstvoll musivisch vereinigt. Eine Zimmereinrichtung, welche dem bcthmann'schen Zimmer de» Rang streitig macht, ja dieselbe in der Gesamtwirkung noch über- trifft, ist die von C. Hauptmann und W. Zander in Halle. Es ist ein in deutscher Renaissance gehaltenes Herrenzimmer mit Möbeln in mattem Nußbaumholz. Der Raum macht einen vornemen Eindruck, one jene Behaglichkeit vermissen zu lassen, die nun einmal für die Wertschäzung der Dekoration maßgebend, leider aber dort, wo Pomp und Pracht entsaltet wird, so selten anzutreffen ist. Der Entwurf zur Decke, zu den Paneelen und Möbeln rürt von Kieshaber in Magdeburg her. Ein Herrenschreibtisch mit Aussaz, ein Bücherschrank mit Uhr, ei» Sopha mit Spiegel, ein Sophatisch und vier kleinere und ein größerer Polster- stul bilden in der Hauptsache das gesamte Mobilar. Die Nußbaum- artig gestrichene Decke, durch reich profllirtes, feines Gebälk in einzelne Füllungen zerlegt, welche mit einer in Kiefernholz ausgefürtcn und bunt bemalten Täfelung geschlossen sind, gehört eben so wie das in Kiefern- holz angefertigte und nußbaumartig gestrichene Paneel zu dem Borzüg- lichsten, was die Ausstellung in dieser Beziehung aufzuweisen hat. Ein schön parquettirter Eichensußboden, ein prächtiger olivcngrüner Ofen von Duvigneau in Magedcburg, eine Büste, einen schönen Fraucnkopf darstellend, von Professor Schaper, mehrere Oelgeniälde in Goldrahmcn, diverse Kunstgegenstände in Bronze und andrer Masse, Bücher u. s. w. 600 vervollständigen diese Zimmereinrichtung. Wie bei dem bechmann'schen Schlafzimmer Blau, so ist hier Grün die dominirende Farbe geworden. Die Wände oberhalb des Paneels sind mit einer stilvoll gemusterten Plüschtapete bekleidet; eine niaskirte Tür ist mit einer in schweren Falten herabhängende» und mit schöner Posamentrie geschmückten Portiere von dickem, grünem Plüsch halb verhängt; sämtliche Polstermöbel sind mit einem änlichen grünen Plüschstoff überzogen; der Ofen ist olivengrün. Das Graubraun der Möbel fügt sich in diese Tönung vortrefflich ein. Ein sich an diese Wonnngseinrichtungcn anschließendes Badezimmer, ans welches näher einzugehen es uns leider an Raum gebricht, erregt infolge seines heitern graziösen Karakters ebenfalls mit Recht allgemeine Bewunderung. Was die Tonindustric angct, so ragt insbesondere auch die Töpferei zu Bürgel bei Jena nüt ihren ansgestelllcn Gegenständen hervor. Es ist hier der Beweis geliefert worden, daß es möglich ist, auch für die Heimstätte des sogcnanten gemeinen Mannes und des Arbeiters wirklich künstlerisch geformte Sachen, die um billigen Preis verkauft werden können, herzustellen. Wer die Preise aus jenen olivengrünen, blauen, roten und gelben Kannen u. s. w. nicht gelesen hat— 70 Pfg., 75 Psg., 1 Mk. u. s. m.—, der hat diese Waren vielleicht aus das drei- und Viersache im Preise geschäzt, denn sie überlreffcn in der Farbe sogar manche teueren Pro- dickte anderer Fabriken. Wie ein Deuz ex iiiaclnua ist diese bürgeler Kunst plözlich auf dem Plan erschienen, vollendet in ihrer Arbeit und zur Nachahmung anreizend. Ende September 1V79 fing die großherzog- liche Regierung zu Weimar an, sich für die bürgeler Töpferei lebhafter zu intercssiren; am 20. November wurde in Bürgel bereits eine Aus- stellung von Tonwaren inszcnirt, welche die Beachlung aller derer er- rechte, die sich für geschmackvollere Form der Gesäße, bessere und gleich- mäßigere Glasur, bessere Farbengebung und passendere Nuanzirung der- selben, geschmackvollere Ornamentation und glücklichere Nachahmung guier Muster intercssiren; und heute bietet die Hallesche Ausstellung ein kleines, aber um so glänzenderes Bild dieser Tonkunst, das nicht ver- selcn wird, besonders auf diejenigen Eindruck zu machen, die Luxus- und Kunstindnstrie für identisch erachten. Ter Ton wird in Gruben von 3 bis 5 Meter Tiefe auf der Flur zu Mertendorf, l'/s Stunden von Bürgel, gegraben. Die Ausbeute ist nicht geregelt und geschiet nach Lust und Bedürfnis von Privaten auf ihren Grundstücken. Der Ton, welcher weiß, grau, gelb, blaßrot und braun gefunden wird, läßt sich nicht schlemmen, weil er dadurch die Kieselerde, welche er bei der Bearbeitung behalte» muß, als feinen Sand abgibt; er wird daher in jeder Werkstatt von einer besonderen Person zerstoßen, in einer Ton- grübe vermengt, mit Wasser eingequellt, dann gehackt, geschnitlen, ge- treten und geknetet und dabei von den Kalksteinchen gereinigt. Das Formen der Tongefäße geschiet durch Drehen auf der Töpferscheibe; es sind aus diese Weise erstaunlich große Gefäße geliefert worden. Das Modelliren und Drücken in einer Form war bisher wenig in Gebrauch, einerseits weil die Kentnis hierzu selte, anderseits weil die geringen Mittel der Töpser eine Anschaffung der Formen nicht gestatteten. Tie äußerliche Verschönerung der Waren geschiet durch Glasiren und durch Beguß von allen möglichen Farben, von welchen die grauen, braunen und blauen am häufigsten vorkommen. Nicht unschön erscheine» die roh und nnglasirlen gebrauten Gegenstände, welche braun aussehen und beini Verbrennen von selbst einen matten Glanz bekommen. Das Aus- tragen der Farben geschiet mit dem sogenanten„Malhorn"(einem kleinen tönernen Behälter mit Federspule, einem höchst primitiven Werkzeuge) und wird meistens von Frauen und von Kindern besorgt. _(Fortseznng folgt.) WildcrcrskPPs Ende.(Siehe Bild S. 592—93.) Die Liebe zur Jagd ist sehr alt. Nicht allein die ivcltlichen Herren, sondern auch die Geistlichkeit, ja sogar Aebtissinnen sind dem edlen Weidwerke nachge- gangen. Freilich waren es nur die Glieder der herschcnden Stände, welche sich diesem Vergnügen hingeben kontcn, die unteren Schichten der großen Gcsellschaftspyramide haben sich lange mit der Forderung nach der Berechtigung zur Jagd begnügen müssen. Und das Recht zur Ausübung derselben für jedermann ist in allen revolulionären Be- wegungcn als eines der ersten und wichtigsten bezeichnet worden. Hatte doch namentlich der Landmann große Ursache, sich vor dem gleich einer wilden Jagd über seine Felder dahinjagenden Wilde zu schüzen, das ihm seine Säten und Ernten zertrat, one daß er auch nur bei der hohen Obrigkeit Gehör aus seine dagegen gerichteten Klagen gesunden hätte. Aber wie alles Verbotene einen ganz besonderen Reiz und vor allem im Menschen den Wunsch es zu besizen erweckt, so auch die verbotene Jagd. Und dieses Verlangen steigerte sich bedeutend durch die Erfin- dung des Schießgewehres, wodurch die Erlegung des Wildes ja über- Haupt bedeutend erleichtert wurde. Die Wilderer vermehrten sich daher troz der hohen Strafen, von denen sie betroffen wurden. Herzog Ulrich von Würtcmberg ließ allein 1517 Wilddieben beide Augen ausstechen; sonst band man sie auch auf einen Hirsch fest und jagte sie durch Feld und Wald in den Tod. Auch folgende Sage beweist die Leidenschaft, mit der das Weidwerk betrieben wurde. Es kam zu einem Genisjäger, als er oben im Gebirge jagte, ein Zwerg und verbot ihm, die Gemsen, welche sein Eigentum seien, zu schießen. Er versprach dem Jäger auch für jeden siebenten Tag eine geschlachtete Gemse, wenn er sich nicht mehr im Gebirge sehen lasse. Eine zeitlang folgte der Weidmann dem Gebot, dann erwuchs aber di'e Jagdbegier stärker als früher, er ging dem ver- botenen Vergnügen nach, aber als er hoch oben aus einer Silippe aus einen Gcmsbock anlegte, riß ihn der Zwerg am Fuße nieder, daß er zerschmettert in den Elbgrund sank. Wie dem Jäger in der Sage, so erging es auch dem Sepp, der, wie viele seiner Landsleute, das in den herlichen Bergen seines Heimatslandcs grasende Wild auch als sein Eigentum betrachtete und sich deshalb heimlich manch feistes Stück weg- schoß. Er hätte das nun freilich als einziger Son eines der reichsten Bauern im Orle nicht nötig gehabt und sein Schazerl, die schöne Rosi vom Klosterhof, hat ihn auch oft gebeten, er möge doch das Wildern lassen, da sie immer in Angst lebe, daß er eines Tages zerschossen nach Haus gebracht würde. Noch gestern Abend hat sie mit Tränen in den Äugen ihn beschworen, ihr das Versprechen zu geben, nie mehr auf die Jagd zu gehen, und er hat denn auch gelobt: morgen. Heute, dachte er für sich, mußt du dir erst den kräftigen Zehnender oben von der Schwarzeck wegknallen, und dies soll das lezte Stück sein, welches du dir holst. Er war denn auch gegangen, sein weinendes Mädchen zurück- lassend, aber— er kam nicht wieder. Und als man ausging und ihn suchte, da fand man ihn tot— der prächtige Hirsch aus ihm liegend, sein Geweih in die Brust des Burschen gebohrt— genau so wie die Szene auf unserer Illustration dargestellt ist. Es war das„lezte Stück", das er geschossen, aber es hat auch ihn im Todeskampfe mit sich in den Tod gezogen, indem es ihn, in dem Momente, als er ihm mit dem Hirschfänger den Garaus machen wollte, mit sich den Abhang herunterriß. ort. cjRedakkionskorrespondenj. Hannover. 91. D. Die Freizügigkeit ist in Preußen nicht erst„vor kurzem ein- gesütt", sondern durch das Gejez des 9!orddeutichen Bundes von IW!7 und das Reichs- geiez von 1870 eher belchränkt als erweitert worden. Das preußische Freizügigkeitsgesez stamt aus dem Jare 1842, und schon nach diesem konte einem Rcuanziehenden die Nieder- lassung polizeilich nicht untersagt werden ans Grund der Anname, daß er sich nicht würde ernären können: jedoch mußte er sich ein Unterkommen zu vcrschassen im stände sein. Ferner erwarben nach dem Gescz von 1842 die Neuanziehcnden nach einjärigem Wonen an einem Ort den UntcrstüznngSwonsiz, sreilich mit Ausname von Dienstboten, Gesellen und Arbeitern, welche dieses Rechtes erst nach dreijärigem Wonstz teilhastig wurden. Das Reichsgesez von 1870 hat gleiches Maß geschaffen durch Einsürnng der allgemein- giltigcn Bedingung des zweijärigen Wonsizes, märend man auch nach ibm durch zwei- länge Abwesenheit von der Heimat den Unlerstüzungswonstz verliert. Nimt jemand an einem Orte, an dem er noch nicht zwei Jare wonhast ist, die öffentliche Mildtätigkeit in Anspruch, so kann er in seine Heimatigemeinde verwiesen werden, indessen müssen im Falle der Erkrankung Dienstboten, Gesellen und GcwerbSgehülsen, wenn es nötig ist, sechs Wochen von der Enneinde ihres Aufenthalts verpflegt werden. Ein Untcrftüzungs- bedürftiger, der nirgend Unterftüzungswonsiz hat, tvird als„Landarmer" von dem Bezirk unterstüzt, in dem er stch aushält. Königswinter. Handlungsreisender F. 1) Skopzen heißt eine geheime Religions- selte in Rußland, die aus dem vorigen Jarhundert stamt und troz eifriger Polizei- Verfolgungen ziemlich zalrcich sein soll. Ihre Anhänger verstümmeln sich in der Absicht, die Sinlichkeit zu ertöten. 2) Die Umlausszeit der Kometen konte nur bei einigen derselben, nicht bei allen, bis jezt mit ziemlicher Sicherheit bestimt werden. Nach dem uns augenblicklich zur Hand liegenden Material stnd diesbezüglich hauptsächlich folgende zu erwänen:». der Komet Halley's mit einer Umlausszeit von 7» Jaren, V. der Olbers' mit 74 I., c. der Enke's mit 8,28 I., ck. der Biela's mit 8,74 I., v. der Fauc's mit 7,46 I., k. der de Bieo'S mit 5,46 I., g. der Eolla's mit 248 I., Ii. der Brorscus mit 5,5 I., i. ein zweiter Komet de Bico's mit 78,25 I., lc. der d'Arrests mit 6,44 I., I. der Wcftphals mit 60 I., m. der Tuttle'i mit 18,75 I., n. der Winnccke's mit 5,5J., o. der Oppolzer» mit 88,18 I. Wenn aller bisher gesehenen Kometen Umlausszeit bereits berechnet iväre, so würden Sie hoffentlich nicht grausam genug sein, von uns zu ver- langen, daß wir im Korrespondenzwinkel darüber Bericht erstatteten, denn es dürste deren so nngesär 800 geben, von denen etwa nahe an 800 astronomisch beobachtet worden sind. Uebrigens hat der vorerwänte Komet de Eolla's troz seiner 248 Jare noch lange nicht die längste Umlausszeit, vielmehr gibt es Kometen, wie z. B. der von 1680, der von 1811, sowie auch der große donatische von 1858, deren elliptische Bahnen so exzen- irisch, d. h. so langgestreckt stnd, daß sie erst nach lausenden von Jare» in de» Seh- ireii der Erdbewoner wiederkehren können. Mainz. Frau P. Schnitte für Damenbekleidnngsstücke kann die„N. W." leider nicht bringen und hat sie nie gebracht. Tagegen werden wir höchst warschein- sich in der Lage sein, demnächst interessante kulturhistorische Arbeiten über«leider- trachten vergangener Zeiten zu bringen, aus denen sich auch zur Beurteilung der gegenwärtigen Bekleidungiweisc und Moden viel wird lernen lassen. Passau. Penstonirter Ossizier.„Strengwissenschastliche Arbeiten in Knittelversen"?—— Wir danken! Der Stoff soll der Form, die Form dem Stoffe angemessen sein. Bamberg. Frau E. Ihr Wundsein ist offenbar gar keine Erscheinung, welche gegründete Ursache zur Besorgnis gäbe, umsoweniger als Sie„ziemlich lwol sehr „ziemlich") zur Korpulenz neigen". Früh und abends Waschungen mit kaltem Wasser und Ausstreuen von Kemeu l.xvvpvckii(Bärlappsamen) werden die Wundheit bald beseitigen. Kreuznach. Frl. M. Z. M. Ihre Novelle„Treu geblieben" ist zu unserm Bedauern sür uns nicht verwendbar. Inhalt. Helschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Die Sachsenkämpfe wider die Harzburg. Historische Skizze von Sigismund Tbalens.— Aus Deutschlands schlimster Blut- und Eisenzeit. Historische Novelle von Carl Cassau(Fortsezung).— Blicke in die Gewerbe- und Kunstausstellung zu Halle a/S.(Fortsetzung.)— Wilderersepps Ende(mit Illustration).— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30 ck).— Expedition: Färbcrstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.