vi. Leipjig, 10. Septbr. 1881. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vicrteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Herschen oder dienen? Roman von M. KautsKy. (23. Fortfeziing.) Friz drückte den Brif an feine Lippen in tiefer übermächtiger Bewegung. In seinen Augen hingen Tränen. Es waren Tränen der aufrichtigsten Trauer um das arme Malchen, dem er so oft gezürnt. Zugleich aber empfand auch ers in aufquellender Freude, daß ihn nun nichts mehr von Minna trennen könne, und daß er sie als fein Weib an sein Herz drücken dürfe. Aber würden nicht Tage noch vergehen, ehe sie hierherkam, und er sollte sie allein lassen in dieser Zeit der Traner? Er wollte es nicht. Er besaß das Geld zur Reise und bedachte nichts weiter; er wollte fort mit dem Nachtzuge noch. Ehe 24 Stunden vergingen, tonte er an ihrer Seite sein. Er ging im Zimmer auf und nieder, er wollte sich sofort reisefertig machen, er hatte keinen andern Gedanken mehr. Da vernam er Schritte, die durch die Sala kamen, ein Rauschen wie von einem seidnen Gewände. Er sah»ach der Tür— die Klinke bewegte sich— sie ward geöffnet. Eine Dame im dunklen Kleide, die einen großen, ihre ganze Gestalt umflatternden Schleier über sich geworfen, trat über die Schwelle. Die kräftige Farbe seiner Wangen erblaßte: Es war Elvira. Sie tat einige Schritte und blieb stehen. Ihre großen Augen hafteten an seinen Zügen mit einem langen Blick.— Sie ivußte alles— sie war verschmät.—— Ihre nervösen Finger zerrissen unter ihrem Schleier die Spizen ihrer venctianischcn Mantiglie. Den ganzen Tag hatte fle sich mit diesem schrecklichen Gedanken gefoltert; in grausamer Selbst- Peinigung sich vorgehalten, daß sie des Geliebten nicht würdig sei. Sie wollte ihm entsagen und hatte ihn doch erwartet. Und dann waren wieder sanftere und reinere Empfindungen in ibr aufgegangen: seit dem Augenblick, wo sie an dem Herzen eines ehrlichen Mannes gelegen, glaubte sie sich als ein besseres Wesen zu fülcn; aller Läuterung fähig und aller Nachsicht würdig. Und wieder hoffte sie und bangte aufs neue. Aber er zögerte zu kom- men, und die Ungewißheit ward ihr unerträglich. Jezt hatte sie Gewißheit,— sie brachte ihrem Glücke den Todesstoß. Aber wo Scham gebietet, da ist die Selbstbeherschung im Weibe übergroß: sie erzwang ein Lächeln. »Friz," sagte sie leise, so leise, daß es nur wie ein Hauch von ihren Lippen sich löste,„es war ein Irrtum gewesen, und wir sind nun beide zum Bewußtsein dieses Irrtums gekommen." Er schien einen Augenblick ungewiß, was er sagen, wie er ihr antworten sollte, dann langsam und schwer:„Elvira, ich wollte soeben zu dir, du bist mir zuvorgekommen." „Ich bin dir zuvorgekommen," wiederholte sie mit gesenktem Haupte, mit gesenktem Blick. Eine kurze Pause entstand, dann gewann ihre Stimme etwas Wärme und Leben:„Gewäre meinem Stolze die einzige Genug- tuung, Friz; laß meine Hand es sein, die leise entwirrt und löst, was ein Augenblick des Rausches, der Verwirrung zusammentun wollte, laß mich es aussprechen, was wir beide tief im Herzen fülen, daß unsere Verbindung unmöglich ist, weil— weil wir darin doch nie ein ungetrübtes Glück gefunden hätten." Sie er- hob die Augen zu ihm, sie erwartete seine Antwort, wie ein Verurteilter den Spruch. Er fülle es vielleicht. Er war sehr blaß, aber seine Stimme klang fest, wenn auch ernst und traurig: „So ist es, Elvira, wir wären niemals glücklich geworden." Sie hatte die Lehne eines Stulcs erfaßt, langsam ließ sie sich auf denselben niedersinken. Ihre Finger tasteten nervös umher, sie schoben ein Papier bei Seite, das vor ihr auf dem Tische lag. „Lies es", bat Friz,„ich habe es soeben erhalten." Ihre Augen überflogen die ersten Zeilen. „Malchen ist tot!" rief sie entsezt, erschüttert. Sie nam den Brif in beide Hände und las, sie las ihn bis zu Ende. Ihre Brust hob und senkte sich unter dem Ansturm eines Schmerzes, der nichts Selbstsüchtiges mehr hatte. Sie konte um eine andere und mit einer anderen weinen, sie konte weinen über das Unrecht, das sie ihr zugefügt. Eine aufrichtige Bekümmernis, eine heftige Reue überkam sie. Sie hatte es ja nicht gewußt, daß ihn jene so über alles lieb hatte, so lieb wie sie, sie hatte es nicht für möglich gehalten, und die Tatsachen, die sie beobachtet, schienen ihr recht zu geben. Leichtbctörte, rief es in ihrem Innern, du hattest geglaubt, was du wünschtest!— Sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht. Friz war an das Fenster getreten, er sah hinaus in die schwüle Stacht, die keinen einzigen Stern mehr am Himmel zeigte. Es war eine geraume Zeit beängstigend still in dem Gemach. Jezt fiel ein leises Wort, Elvira rief ihn an ihre Seite. Er kam. Sie verhüllte nicht mehr ihr Antliz, es erschien mild und ruhig; aus den schönen Augen schimmerte der seelen- volle Stral edler Entsagung. 602 „Ich werde ferne von euch weilen, wenn ihr eure Hochzeit feiert," sagte sie sauft,„fern und einsam; aber euer Glück wird meinem Herzen wieder die erste wäre Empfindung von Freude geben, der ich mich werde ganz überlassen dürfen. Ich darf und will nicht jezt um eure Freundschaft bitten, aher einst, wenn ihr beide glücklich seid, werdet ihr sie mir gewären." Friz reichte ihr tiesbewegt die Hand. „Elvira, sprich nicht so zu mir, dem einzig Schuldigen." Sie unterbrach ihn rasch:„Wir haben beide gefelt; aber klagen wir uns nicht zu bitter an." Ihre Gestalt erhob sich zu einer stolzeren Haltung, und ihre Augen flamten wieder in jenem innern Feuer auf, das die Begeisterung entzündet.„Wir sind beide Künstler; was andre kalt läßt, hat unsere Sinne in Auf- rur gebracht; es war die Macht des Schönen, die unsere Herzen aufjubeln ließ in Entzücken, überquellen in Sehnsucht, voll Kraft- bewußtsein einander nähern und ineinander strömen,— diese Macht hat uns überivältigt und bezwungen! Aber wir konten eine Schwachheit begehen, eine Schlechtigkeit niemals! Friz, das Glück, das ich erhoffte, es lastete schon ans mir wie ein Ver- gehen; ich wollte es mir nicht eingestehn, ich wollte einmal meinem Herzen folgen dürfen, aber nun ist mir alles klar, und es konte nicht anders komnien, und es durfte nicht,— und der Mann, der einzige, den ich so hoch gehalten, weil ich ihn immer mann- hast und treu gefunden, der mußte meine Hand verwerfen, wenn er sich nicht selber untreu werden, wenn er nicht früher oder später in meiner eignen Achtung sinken sollte." „Elvira!" „Sprich nichts, ich will dich ja nicht anders," ihr Mund ver- zog sich wie im Schmollen und sie lächelte, indes eine voreilige Träne ihr ins Auge stürzte,„der Glaube an Manneswert und Manneskraft ist einem Weibe nötig, wenn es auf sittlicher Höhe sich erhalten will. Laß mich dran glauben, ich werde dann wieder an mich selber glauben dürfen." Sie hatte die aufquellende Weichheit besiegt, ihre Augen stralten klar; sie heftete einen großen, schönen Blick auf ihn; ihre Wangen waren gerötet und ihre Stimme hatte all' den Zauber, den eine volle Seele hineinzulegen vermag. Und Friz hing wieder an diesen Augen, an diesen so ver- fürerischeu Lippen. Sie fülle es, fülte die Macht, die sie noch über ihn besaß, aber sie senkte den Kopf und wante sich ab. Sie hatten beide nach Fassung zu ringen. Nach einer Pause sagte sie leiser, in ziemlicher Gelassenheit: „Ich verlasse in einigen Tagen Venedig; ich werde es zu veranstalten wissen, daß wir nicht mehr miteinander singen," sie lächelte ein wenig,„dazu, Friz, füle ich doch nicht die Kraft in mir." Sie nam plözlich ihr Spizentuch enge zusammen, als ob sie's fröstelte, dann streckte sie ihm aus diesem dunklen, zarten Gewebe die schmale, weiße Hand entgegen:„Leb wol!" Er nam sie in die seine und hielt sie einen Augenblick fest, one sie indes an seine Lippen zu füren, dann sagte er mänlich ernst, fast feierlich: „Elvira, meine Achtung und meine Freundschaft für dich kann unmöglich zu irgendeiner Zeit höher wachsen, als in diesem Augenblick." Sie entzog ihm rasch die Hand, sie winkte ihm zu und eilte gegen die Tür. Er nam das Licht und folgte ihr. Rasch und schweigend schritten sie die breite Treppe hinunter. Vor dem Portale erwartete sie die Gondel; sie stieg rasch ein, noch ehe er ihr seine Hand anbieten konte, und sank in das dunkle Kissen zurück. Der Wind, der sich erhoben,>varf ihr den Schleier zurück und verfing sich in ihren Locken. Sie zog ihn hastig wieder über ihren Kopf und weit herab über ihr Antliz. „Gute Nacht," kam es unter der dunklen Hülle hervor, wie in gebrochenen Tönen,„Addio!" Sie lehnte sich ganz zurück; die Gondel für rasch den Quai entlang nach ihrer Villa. Friz blieb auf der Marmortreppe; er sah ihr nach und sah hinaus in die dunkle, stürmische Nacht. Der Wind begann zu rasender Heftigkeit anzuwachsen. Er durchwülte ihm das Har und peitschte ihm Salzatome in das Gesicht. Er blieb unbeweglich, nur seine breite Brust hob sich zu tieferem Atemholem. „Mag sich's austoben," murmelte er,„mag alles in wildem Wüten auseinanderstürmen, aus Sturm und Nacht wird doch ein neuer Tag geboren." Da fülte er sich von rückwärts gezerrt, rasch wendete er sich um. Die kleine Domenika stand hinter ihm und suchte sich an ihm festzuhalten, damit der Sturm sie nicht erfassen könne. „Signor," sagte sie,„wissen Sie nicht, wo sie hingegangen ist und weshalb sie solange ausbleibt? Es ist bald Mitternacht, ich kann es nicht begreifen." „Von wem sprichst du?" „Von der Patrona." „Wie, deine Herrin ist nicht zuhause?" „Gewiß nicht; es sind jezt drei Stunden, da eilt sie aus dem Zimmer, so wie sie war, one Hut und Mantiglia, und komt nicht wieder. Ich habe sie im ganzen Hause gesucht, vergebens." „Und der Herr?" fragte Friz, dem unglaublich schien, was die Kleine da vorbrachte. „Noch gamicht nachhause gekommen." Friz erschrak heftig. Was war da geschehen? Aber er wen- dete sich, er wollte selbst nachsehen, nur seinen eigenen Augen trauen. Ein Aufschrei Domenikas baute ihn fest, ließ ihn wieder nach ihr zurückblicken. Domenika war nun bis an die Stufen, die das Wasser über- flutete, hervorgetreten. Sie hielt sich an dem Gondelpfal fest; aber der Wind verfing sich in ihren Llleidern und drote, sie in das Wasser zu schleudern. Friz rief ihr zu; sie aber deutete mit den heftigsten Geberden gegen das Wasser. „Sie kommen, sie kommen!" schrie sie, um sich zwischen dem Heulen des Sturmes hindurch verständlich zu machen. Friz hatte nun selbst eine Gondel bemerkt, die kräftig gefürt, rasch herankam. „Cencio ist mit ihnen!" brüllte Domenika und ließ den Gondel- pfal los. Sie fiel bis an die Hüften ins Wasser, aber sie hatte die Genugtuung, die heranschießende Gondel festhalten und ihren Cencio in Empfang nemen zu können. Ziebenzehntes Kapitel. Wir müssen nun, da wir gleichzeitig sich abspielende Ereig- niste doch nur nacheinander zu erzälen vermögen, um einige Stunden zurückkehren, um Marie auf ihrer nächtlichen Gondel- fart zu begleiten. War es ihr gelungen, ihren Gatten aufzufinden, ihn der ihm drohenden Gefar zu entreißen? Auch hier drängte alles zu einer Katastrophe. Die Gondel, die sie trug, hatte sich unter der wackeren Fürung rasch durch die engen Kanäle hindurchgewunden und war bei den Fondamente nuove heraus in die offene Lagune gckom- men. Hier war die Luft etwas in Bewegung und erschien dadurch weniger schwül und drückend. Der Mond war noch nicht herausgekommen und die Dunst- schicht, die über dem Wasser lag und es, so weit das Auge reichte, mit dem Firmament verband, dämpfte sogar das Licht der Sterne. Dunkel und träge lag die Lagune, ein totes Meer, und nur von Zeit zu Zeit kam ein Luftzug von den Alpen daher, und in kleinen aufspringenden Wellen zog es dann wie Schauer über die weite Fläche. Man für, die Stadt im Rücken lassend, hinaus gegen Norden. Der Alte am Steuer warf prüfende Blicke uinher; sein grob- knochiges verwittertes Gesicht trug einen Zug von Besorgnis, und er schüttelte zuweilen den Kopf. Die andern arbeiteten gut, in gleichmäßigen Ruderschlägen, die sie mit einer Art Melodie im Takt zu erhalten suchten. So rasch nun auch das Farzeug dahin schoß, Marie erschien es noch immer zu langsam und von ihren: Siz herabgleitend, kauerte sie auf dem Boden der Gondel und wand sich in fiebern- der Ungeduld. Man kam an einer kleinen Insel vorbei, der Gräberinsel Venedigs; große dunkle Cypressen sahen über eine lichte Mauer, und ihre sich zuspizenden Gipfel neigten sich langsam, mit einem säuselnden Getön einander zu; sie tauschten wol Klage um Klage an diesem still traurigen Ort?— Und gleich daneben die Kirche San Michele. Der schöne Bau hebt sich in schwarzer ernster Kontur von dem nächtlich-grauen dunstigen Firmament. Und hier fällt ein rötlicher Schein durch ein hohes Spizenfenster; in dem Seitenschiff der Kirche ist Licht. Es ist die ewige Flamme, die hier brent und flackert, und Marie siet hinüber nach diesem rötlich-trüben Lichte und sie denkt sich, wie oft wol hier der Mönche einer in einsamer Nacht gewacht und seinem gequälten Herzen, sei es nun von Schuld und Reue bedrückt, von Weltschmerz oder eignem Leid geängstet, in brünstigen Gebeten Luft gemacht. Und auch in ihr erwacht der dunkle Drang, das angeerbte und anerzogene Bedürfen, das in den Augenblicken der Schwäche und Bedrängnis noch etwas außer uns verlangt, nach einer Welt, von der wir nichts wissen können, weil sie über die Grenzen un- scres Seins hinausget und von der wir deshalb alles— glauben dürfen. Und sie fällt auf die Knie und in Angst und Bangigkeit vergehend, streckt sie die Hände flehend nach den Wolken empor. Da stößt sie Plözlich einen Schrei aus. Vor ihr, ganz dicht vor ihr, taucht etwas dunkles aus den Wellen auf, und, darauf ein Mann, nein, ein Riese ist�s! dunkel, dräuend, bis in den Hinunel ragend. Sie hebt die Hand, als wolle sie das Schreckbild von sich weisen— es bleibt unbeweglich und scheint sich doch zu nären— zu wachsen noch— ganz gegen den Horizont gestellt, ist es ins Ucbcrmenschliche, Gespenstige ge- zogen. Ist es ein Dämon der Nacht, der hier den dunklen Fluten entsteigt, um sie aufzuhalten, um sie zu hindern, den Gatten zu retten?! Ihren erregten Sinnen, die soeben in frommen Phantasien ans dem Bereich des Natürlichen ins Uebernatürliche geschweift, erscheint es so, aber schon ist Cencio an ihrer Seite und er be- rnhigt sie. „Es ist die Dogana, fürchten Sie nichts, Madame; das Schiff lauert auf Schmuggler, der eine Doaanier hält Wache, indes die andern schlafen. Sehen Sic, wir kommen jezt ganz dicht an ihnen vorüber." Marie atmete auf. und ein wenig beschämt, senkte sie den Kopf, dann blickte sie mit erneuter Unruhe hinaus über die weite Lagune. Der Mond, eine rote, nach der einen Seite schon stark ein- gcguetschte Scheibe, tauchte soeben aus dcni Wasser empor, laug- sam und groß, von einer trüben Dunstmasse umgeben und selbst getrübt. „Werden wir denn nicht bald nach Murano kommen?" fragt die unglückliche Frau. „Wir steuern drauf los, Signora." „Und wann werden wir es erreicht haben, Cencio?" „In zehn Minuten." „So lange noch? Es ist schrecklich. Sie kennen den Ort?" „So ziemlich, Signora." „Es befindet sich eine Vigna dort, nicht war?" „O freilich, am Ende der Insel nach Nordost, da wird Ge- müse und Wein gebaut und Maulbeerbäume stehen da in statt- lichen Reihen." „Und das Campo Santo Muranos?" „Ist auch dort, der Friedhof lehnt sich an die Gärten an." „So dacht' ich es; ich will hin nach dem Campo Santo, sagen Sie es den Leuten." „Dorthin?! rief Cencio erstaunt, nachdem er dem Fürer die Weisung übermittelt, und hierauf sich in fast zarter Vertraulich- keit der jungen Frau zuneigend, fragte er zaudernd:„Sie suchen doch— ihn Signora?" Einer der jungen Bursche schrie in dem Augenblick Cencio zu und deutete mit der Hand nach dem Wasser, nach der Nich- tung, von der sie soeben gekommen waren. Auf dem nun vom Mond erleuchteten Wasser machte sich ein dunkler Gegenstand bemerkbar. „Es schwimt!" rief Cencio. „Und es ist kein Schiff der Douane und kein Fischerbot." „Es hat die Bewegungen einer Gondel," bemerkten die andern. Auch Marie hatte nach dem bezeichneten Punkt hinausgesehen. „Eine Gondel!" rief sie in jähem Schreck. „Sie fürchten eine Verfolgung, Madame?" fragten die Männer. „Es könte de Vita sein und Giuliano," stammelte sie, alle Vorsicht vergessend, und dann mit aufgehobenen Händen gegen die Leute geivcndct:„Stur schnell, schnell, ich muß lauge vor ihnen an Ort und Stelle sein, ich habe einen Bedroten zu tvarnen, es gilt ein Menschenleben!" „Unbesorgt," versezte der Steuermann,„wir find sezt in Murano und wir haben zehn Minuten voraus. Sie bogen in den Kanal und füren den Onai entlang, auf dem zu beiden Seiten eng aneinandcrgereite Häuser standen. Aber nächtliche Stille ringsum, keine Menschenscele ward fichtbar, und nichts zu sehen, nichts zu hören, kein Licht, kein Geräusch, das lebendige Tätigkeit bekundet hätte; Murano schien ausgestorben. Die Glasarbeiter, die in der dortigen Fabrik arbeiten, hatten, ermüdet von ihrem beschwerlichen Tagewerk, sich schon zur Ruhe begeben, die Fischer waren noch nicht heim- gekehrt. Wie geheimnisvoll wird unsre Phantasie erregt, wenn wir einen Ort im Dunkel der Nacht zum crstenmale sehen, aber wie beklcmt es uns bis ins innerste, wie erregt es im Angstgefül alle unsere Sinne, wenn wir die Gegenstände, die diese Dunkel- heit verschleiert, dennoch erfassen, sie mit den weitvergrößerten Äugen, ja mit der Seele durchdringen möchten, weil alles davon abhängt, hier den zu finden, den wir in Gefar wissen. So blickt Marie umher, späht in zitternder Ungeduld nach diesen Baulich- leiten, und ob sie nicht bald ein Ende nemen würden. Immer noch tauchten neue auf, aber immer verfallener erschienen diese einst stolzen Bauten, deren Mauern sich gesenkt, deren Pfeiler zerbröckelt waren, sodaß Dach und Loggia schief standen; und zwischen diesen Marmorhäusern erschienen neue, kleine, ärmliche Häuschen, und diese wurden immer häufiger und immer zer- lümpter. Da war nur selten ein ganzes Fenster, eine solide Tür zu sehen. Hier waren Bretter vor die Türöffnung gestellt, dort flatterte ein Vorhang als einziger Abschluß gegen die Straße. Diese da, die hier wonten, im mühsamen Erwerb sich quälten und doch an allem Mangel litten, sie hatten keine Diebe zu fürchten. Der Kanal ward allmälich breiter, und da lagen nun dunkle, phantastisch aussehende Farzeuge, Fischcrbarken in allen Formen und Größen. Einige mit aufgezogenem Segel, die meisten des- selben entkleidet, sodaß die schlanken Masten hoch und dunkel emporragten. Dazivischen große, tonneuartige Körbe, in denen die winzigen Meerkrebschen aufbewart werden, und zu beiden Seiten des Ufers die zum trocknen aufgespantcn Neze mit großen und kleinen Maschen, von hohen Stangen gehalten, dann wieder am Boden sich hinziehend, den Quai verengend, sodaß es aussah, als müsse man sich darin verfangen. „Murano ist one Ende," stönte Marie und rang still die Hände. „Wo sind die Weingärten, Ivo ist das Gräberfeld?!" „Wir kommen dahin, Signora." „Ich möchte aussteigen," bat sie,„ich werde zu Fuß rascher dort sein." „Wir fliegen, Signora." Der Kanal, der sich geweitet, teilte sich jezt in zwei Wasser- straßen. „Also nach dem Campo santo get's?" fragte nochmals der Steuermann.„Dann faren wir rechts." „Signora," flüsterte Cencio, und seine Worte klangen so weisend, so bedeutungsvoll,„der Weg zur Villa de Vitas fürt links,— wissen Sie's denn so ganz bestimt, daß Sie ihn am Campo santo finden?" Marie rang die Hände in Verwirrung und Unentschlossenheit. „Ich weiß es nicht, weiß ihn nicht genau zu finden, aber ich glaube, daß— Cencio, Sie sagten ja, die Bigua stoße an das Campo santo?" „So ist es, die Insel wird da ganz schmal, sie liegen dicht nebeneinander, und es muß sich wol ein Fußweg finden, der von dem Campo nach der Vigna fürt." „Vorwärts!" befal Marie, als sie bemerkte, daß die Männer im Rudern innehielten. „Halt!" rief Cencio in rascher Aufeinanderfolge.„Ich will aussteigen, ich wende mich links, ich werde von dieser Seite die Vigna zu erreichen suchen, so kann er uns nicht entgehen; am Campo santo treffen wir zusammen." Er war aus die Marmorstufen des Landungsplazes gesprungen und er lief wie ein Hirsch den erhöten Quai entlang, der sich nach links zog. Die Gondel blieb nach rechts gewendet, und man sezte alle Kräfte ein, um mit der gleichen Schnelligkeit wie vorher vorwärts zu kommen. Schon standen die Häuschen mir vereinzelt, kleine Gärtchen zeigten sich und Lauben, und jezt sah man hohe Cypressen grade vor ihnen in die Luft ragen. „Die Cypressen des Campo santo, Signora," bemerkte der Fürer, indem er darauf hinwies. „Endlich, endlich!" rief sie und sprang in die Höhe und drängte nach der Spize der Gondel; ihr war, als müsse sie sterben, wenn sie noch einen Augenblick länger darin verweilte. (Fortsezung folgt.) Bilder aus dem Privalleden der Griechen und Römer. Von vr. MaZ Pogter. Vielleicht fragt sich der Leser, wenn wir ihm hier Bilder aus dem Privatleben der in kultureller Hinsicht höchstentwickelten Völker des Altertums vorfiiren wollen, wie es uns möglich ist, genaue Kentnis der Daseiusweise der leztereu zu bcsizeu, über all' die Formen, Re- gellt und Ge- wouhciten unterrichtet zu sein, die von ihnen sowol im all- täglichen Gange, wie unter den verschiedenen Umständen und Wechsel- fällen des Lebens beobachtet wurden. Der Leser würde damit die Frage nach den Quellen und Hülss- Mitteln gc- schichtlicher Kentnis überhaupt ausgespro- chen haben, und ini vor- liegenden Falle wäre ihm darauf zu antwor- len, daß wir bereits in den Werken des allen Homer eine Fülle von Mitteilun- gen finden, die uns tiefe und klare Einblicke in das Privat- leben des Volkes, dem er angehörte, tun lassen; noch mehr aber ist dies bei dem Geschicht- schreiber He- rodot(geb... ,, zwischen 490—480». Chr.) der Fall. Dann sind es die Lyriker, und von diesen namentlich Pindar, die uns in dieser Hinsicht belehren, ferner vor allem der große Satiriker Aristophanes, der Kvmödiendichter Menander(zu Alexanders des Großen Zeit), ganz besonders aber der sophistische Philosoph Athenäus(um 228), der in seinem fünfzehn Bücher umfassenden Werke:„Die gelehrte Tisch- gcsellschaft" sich in Gesprächsform über Gegenstände des gesellschaft- lichen und häuslichen Lebens verbreitet und dabei unschäzbare Beiträge zur Geschichte der Wissenschaften und Künste, Sitten und Gewerbe gibt, wodurch uns übrigens, nebenbei bemerkt, zu- gleich eine Menge wichtiger Bruchstücke aus zum Teil verloren gegangenen Werken griechischer Schriftsteller(es werden deren darin 1500 aufgefürt), aufbewart worden ist. Weitere Aufschlüsse verdanken wir dann Julius Pollux, dem Lexikographen und Rhctor, ferner dem geistvollen Biographen Plutarch(erstes Jar- hundert n. Chr. Geb.), dem im dritten Jarhuudert nach Christi Geburt lebenden Sophisten Alkiphron, der in seinen 118 Brisen in gefälliger Schreibweise eine Schil- derung der Sitten und Kultur- zustände, vorncmlich Athens, durch Vor- fürung ver- schicdcncr Stände(Fi- scher, Bau- ern, Pars- fiten und Hetären) entwirft, dem Verfasser des kleinen Epos„Hero und Lean- der", Mu- saus, dem Noman- schriftsteller Hcliodor— um 400 Ii. Chr.— und dem in glci- cherRichtung schaffenden, ein Jarhun- dert später lebenden Achilles Ta- tius, ferner Chariton, gleichfalls Roman- schriftsteller, und einer Anzal andc- rcr Autoren. Dazu kom- inen als wesentlichste Hülfsmittel die Werke der bildenden Kunst,, vor allem die Vasen und Reliefs. Von dem Privat- leben der Römer empfangen wir aus den Werken fast aller Schrift- steller dieses Volkes, sowie aus den uns sonst überbliebenen Denkmalen des römischen Altertums weitgehende und sichere Kentnis. Um nun zu zeigen, wie die Griechen und Römer in ihrem privaten Leben sich gaben und gehabten, muß zunächst darauf hingewiesen werden, daß bei beiden Völkern die Scheidelinie zwischen diesem und dem öffentlichen Leben überhaupt sehr schwer zu ziehen ist; denn alle persönliche Betätigung lief auf den Staat, die Oeffentlichkcit hinaus, der einzelne lebte nur für den Staat, jede Seite des Lebens erschien als ein Teil des Gesamtlebens der Nation. Unter den Griechen war dies hauptsächlich bei den Spartanern der Fall, bei denen von Geburt an die ganze Existenz Eine Eisenbahnniederfahrt von den, Berg Washington in Nenhampshire.(Seite eis.) des einzelnen an den Staat geknüpft, das Kind bereits der Familie entfrenidet nnd als Ziel seiner ganzen Ausbildung lediglich Tüchtigkeit und Brauchbarkeit für den Staat angesehen wurde, Wärend bei den Athenern eine freiere Ansicht von dem Verhältnis des einzelnen zur Gesamtheit herschte, derzufolge auch eine vom Staate nicht unmittelbar abhängige, ihm nicht unmittelbar'die- nende Bildung ihre Berücksichtigung fand und überhaupt die Ausbildung zu einem geistig nnd körperlich gesunden, sitlich freien und starken, für jede Art von Schönheit one weiteres empfäng- lichen Menschen als das Ziel der Erziehung erscheint. Diese Gesichtspunkte dürfen also bei einer Betrachtung des Lebens der Griechen und Römer nicht aus den Augen gelassen werden. Wir gedenken die leziere in der Weise stattfinden zu lassen, daß wir die Blicke des Lesers immer zuerst auf Griechenland, dann auf die entsprechenden römischen Verhältnisse richten. Hatte das Kind die Augen zum Leben aufgeschlagen, so wurde zuerst die Frage erörtert, ob dasselbe am Leben erhalten werden solle oder nicht. Bei den Spartanern verfur man, wie bekaut, in dieser Hinsicht mit besonderer Strenge. Unmittelbar nach der Geburt trafen die Aeltesten die Entscheidung über das Leben des Kindes. Fiel dieselbe günstig aus, so blieb es bis zum siebenten Jare in der Familie. Im anderen Falle wurde oas Kind in eine Bergkluft am Taygetos geschleudert. Das neugeborene Kind wurde in eine Schale Wein getaucht, jedes krüppelhafte oder ge- brechliche sofort getötet. Als Wasser zum Bad wurde zuerst kaltes, dann lauwarmes bemizt. Nach dem ersten Bade bettete man das Kind in Windeln, erst am vierten oder fünften Tage wurde es feierlich in die Familie aufgenommen, und der Vater erklärte damit gewissermaßen, ob er es auferziehen oder aussezen wolle. Die wolhabenden Mütter ernärten die Kinder nicht selbst, sondern übergaben sie den Ammen, die entweder Sklavinnen— und das war zumeist der Fall— oder arme Bürgerinnen waren. Besonders waren die Lakominerinnen gesucht. Sodann kam das Kind in die Hände der Wärterin, die es Pflegte, es herumtrug und durch Klappern und das Darreichen von Puppen die kleinen Schreihälse zur Ruhe brachte. Auch derbe Schläge wurden nicht gescheut, und außerdem suchten die Wärterinnen ihre Anbefolencn, wenn sie verständiger zu werden begannen, durch allerlei Schreck- bilder und Fabeln von Unarten abzuhalten. Als Ammenmärchen dienten schon einzelne, leicht zu erfassende Züge aus den Helden- sagen, neben denen man den Kindern gern Tierfabeln erzälte, deren schon Herodot erwänt. One Zweifel spielten dabei schon in der ältesten Zeit auch manche von den Fabeln, die wir bei dem Zeitgenossen Solons und der sieben Weisen, Aesop, wieder- finden, eine Rolle. Mit dem siebenten Jare nam in Sparta bereits der Staat die Erziehung des Knaben in die Hand; übrigens wurden hier die Mädchen ganz in derselben Weise wie diese erzogen. Sie hatten auch ihre eigenen gymnastischen Uebungen, was zur Folge hatte, daß sich in ihnen ein fast mänlicher Karakter ent- wickelte. Die Knaben sollten vor allem tüchtige Krieger werden; zu diesem Zwecke wurden die Altersgenossen zusammengetan, in Ober- und Unterabteilungen verteilt, deren jede unter der Fürnng des tüchtigsten Knaben aus ihrer Mitte, das ganze unter Leitung des Paidonomos, des Borstehers der Jugenderziehung, stand. Es waltete eine eiserne nnd erbarmungslose Zucht. Vom zwölften Jare an mußte ein kurzer Mantel unverändert als Kleidung für Sommer und Winter genügen, die Füße blieben unbeschuht, das Lager war hart und kalt, meist aus dem vom Knaben one Hülfe eines Messers selbst zusammengerafften Schilf des Eurotas gebildet. Durch eine äußerst einfache und knapp zugemessene Narung wurde das Kind früh an Entbehrung gewönt, dem Hungernden aber— so seltsam uns das scheint— Diebstal von Narungs- Mitteln erlaubt. Man sah es sogar gern, wenn der leztere mit kühner List und Erfolg ansgefürt wurde, Wärend Hunger und Gcißelhiebe denjenigen trafen, der sich ergreisen ließ. Die Schürfung des Geistes erwartete man vorzüglich von dem stetigen Uni- ganze der Knaben untereinander, wenn auch keineswegs jeder geistige Unterricht ausgeschlossen war. Neckereien und Spöttereien forderten den Wiz heraus, spornten zu schneller, schlagfertiger Ant- wort, und wer es hinsichtlich der„lakonischen Kürze" am weitesten brachte, erfreute sich des meisten Beifalls. Nach strenger Regel wurden die gymnastischen Uebungen getrieben, die nicht blos den Knaben und Jüngling, sondern den jungen Mann bis zum dreißigsten Lebensjare in Anspruch namen. Bei den Athenern wurden die Knaben vom sechsten Jare an der Aufsicht eines„Pädagogen" anvertraut, der freilich nicht immer, wie man wol erwarten sollte, vorzüglich gebildet, sondern meist ein Sklave war. Ihm lag es in der Hauptsache ob, die Knaben, wenn sie zeitig aufgestanden waren, sich gewaschen und ihre aus Brot und Obst bestehende Morgenmalzeit zu sich ge- nommen hatten, überallhin zu begleiten, namentlich in die Schule, deren Besuch sehr regelmäßig sein mußte; er erscheint demnach nicht eigentlich als Lehrer, sondern vielmehr als Erzieher der ihm anvertrauten Knaben. Der erste Unterricht bestand im Schreiben und Lesen, wobei besonders ans deutliche und bestimte Aussprache Gewicht gelegt wurde. Die Schulen waren Privat- anstalten, eine Aufsicht des Staates über den Unterricht finden wir garnicht, oder doch in sehr beschränktem Maße, weshalb die Aermeren häufig schon früh zu einem Handwerk übergingen; ja, es kam in seltenen Fällen wol gar vor, daß Kinder ganz Uube- mittelter one allen Unterricht aufwuchsen. Die Elementarlehrer erfreuten sich nicht besonderen Ansehens, weil viele, one selbst die erforderliche Bildung zum Lehrberuf zu besizen, sich diesem nur mit Rücksicht auf den dadurch gewonnenen geringen Erwerb zu- Wanten. Natürlich aber waren unter ihnen auch sehr gebildete und darum allgemein geachtete Männer. Die Einname der Lehrer bestand ausschließlich in Honorar, welches wol nach dem Rufe und der Tüchtigkeit derselben ein verschiedenes war. Der Unter- richt nam schon am frühen Morgen seinen Anfang und sezte sich auch am Nachmittage fort. Nachdem der Elementarunterricht, in welchem sich zum Lesen und Schreiben noch die Anfangsgründe im Rechneu gesellten, beendet, begann die Ausbildung durch den Grammatikus, der be- sonders das Lesen, Auswendiglernen und Vortragen poetischer Stücke leitete. Als Grundlage dieses ganzen Unterrichts dienten neben etischen Gedichten und Fabeln vor allem die Gesänge des Homer, der die Quelle und der Mittelpunkt hellenischer Bildung blieb, obschon ihn einige Philosophen wegen, ihrer Meinung nach, leichtfertiger Ansichten über die Götter aus der Schule verbant wissen wollten. Seine Gesänge lernten die Knaben, die sich Bücher nicht leicht anschaffen konten, durch Hören auswendig und zwar ganze große Stücke derselben. Daneben wurde Hesiod gelesen, dessen Lektüre sich diejenige der Lyriker und der drei großen Dramendichter Euripides, Sophokles und Aeschylos an- schloß. Auch legte man besonderen Wert auf das Auswendig- lernen von Sentenzen, Sprüchwörtern, karaktcristischen und leb- haften Stellen aus den Schriftstellern, und in späterer Zeit wurde den Geschichtschreibern Herodot, Tenophon und Thukydides leben- dige Aufmerksamkeit zugewendet. Die historischen Kentnisse suchte man durch das Anschauen von Bildern zu befestigen, besonders auch durch Darstellungen aus der Jlias und Odyssee, wovon uns einige interessante erhalten sind. Zu dieser Art von Unterricht trat dann etwa mit dem drei- zehnten Jare die Musik, deren große etische Bedeutung die Hellenen vor allem erkanten, und mit der in den Mußestunden sich zu be- schäftigen, man für das edelste Vergnügen ansah. Vor allem wurde der Gesang und das Flötenspiel gepflegt. Das Zeichnen wurde merkwürdigerweise erst im vierten Jarhundert v. Chr. ein allgemeiner Lehrgegenstand in den Schulen. Besser stand es um den Unterricht in den matematischen Wissenschaften, die ja durch die Philosophen bedeutende Förderung erfuren. Als ein sehr wesentlicher Teil der Erziehnug wurden die Turnübungen ange- sehen, die in verschiedenen Stufen, vom einfachen Ballspiel, Laufen, Springen, Spießwerfen bis zum Ring- und Faustkampf ein- ander folgten. Daneben schwamm man fleißig und badete häufig; selbst das kälteste Wasser wurde nicht gescheut. Sokrates ging sogar barfuß auf dem Eis. Auch gab es ausgezeichnete Taucher. Als Vorbereitung für den Kriegsdienst traten noch Uebungen in den Waffen und in der Reitkunst hinzu. Allenthalben wurde streng auf Anstand, edle Haltung und Sitte geachtet. Wie bekant, fanden diese körperlichen Uebungen in dem Gym- nasium statt, das in keiner griechischen Stadt felte; größere Städte besaßen deren sogar mehrere. Ursprünglich nur einfache von Säulen umgebene Höfe, namen diese Gymnasien einen immer grö- ßeren Umfang und höhere Pracht au. Namentlich wurde auf würdige Ausschmückung derselben durch plastische Kunstwerke ge- sehen. Die Gymnasien bildeten in der Regel ein großes Quadrat, von schattigen Baumpflanzungen umgeben und einen großen freien Plaz in sich schließend, der vorzugsweise zu Leibesübungen nnd Spielen benuzt wurde. Das Gebäude enthielt Riugsal, Auskleidungszimmer, Ballspielsal, Gänge, zum Wettrennen bestimt; 607 ferner fand man in den Gyninasicn einen Teich und Bassins zum Baden, sowie einen amphiteatralisch geformten Sizraum für eine üroßc Zuschanermenge. Andere, mit steinernen Bänken an den Wänden versehene Hallen dienten den Philosophen, Rhetoren u. a. zn Unterhaltungen und Belehrungen. Vor allem hatte in dem hervorragendsten Gymnasium von Athen, der sogenanten„Aka- demie", das sich schon durch seine äußerst vorteilhafte Lage aus- zeichnete, alles einen geheimnisvoll feierlichen Anstrich. Rings um dasselbe waren liebliche Anlagen von Platanen und Oel- baumpflanzungen hergerichtet, und außer diesen und den sich daran anschließenden Spaziergängen befanden sich daselbst noch ein Altar der Musen, mit Statuen geschmückt, Altäre der Eros, des Herakles, des Prometheus, ein Heiligtum der Athene u. s. w. Wenn man sich das alles in lebendiger Gestaltung zurückdenkt, so mag einen allerdings das Gefül jener Sehnsucht nach dieser heiter schönen hellenischen Welt überkommen, wie sie dem Unglück- lichcn Hölderlin die Verse eingegeben hat, in denen er von Athen sagt: „Wo durch Blumen der Jlissus rann, Wo die Jünglinqe sich Ruhm ersannen, Wo die Herzen Sokrates gewann".... Ihren Abschluß erreichte die geistige Ausbildung durch den Unterricht bei den Philosophen und Rhetoren, der sich insbesou- derc auf Rhetorik, Philosophie und Staatskunst erstreckte. Freilich konten sich diese Ausbildung nur Reichere teilhaftig machen, da für diesen Unterricht ganz bedeutende Honorare bezalt werden mußten. Jsokrates und Aristippos ließen sich z. B. 1000 Drachmen (ein Drachme— ungefär 80 Pfennige) für ihren Unterricht bc- zalen. Es braucht wol nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß diese Art von Unterricht erst ivärend der Blütezeit des Hellcncntnms eintreten konte, und daß das Bedürfnis nach einem solchen sich in desto höherem Grade geltend machte, je mehr die geistige Tätigkeit sich ausbreitete, verzweigte und die mannig- fachen Interessen des öffentlichen Lebens und der gesteigerte all- gemeine Bildungsgrad eine höhere teoretische Ausbildung des einzelnen erheischten.(Fortsezung folgt.) Aus Deutschlands lchlimlter Mut- und Eisenzeit. Historische Novelle von ßark Kassau. (4. Fortsezung.) IV. „Einst wird lommm der Tag, da das heilige Zlion hinsinkt, Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs." (Jliade.) In einem Zimmer des Erdgeschosses eines behäbigen Bürger- Hauses, nahe am Ulrichstore auf dem Breiten Wege zu Magde- bürg saßen in der Mitte des Monats April im Jare 1631 drei Personen beisammen. In dem hohen Manne mit der schmal- pelzverbrämten Ratsherrnrobe erkennen wir leicht einen alten Bckanten wieder, Professor Rauek, jczo vom Stadtschreiber bis zum Stadtsyndikus emporgestiegen. Es ist früh morgens und ein wundervoller Frülingstag schaut durch das offene Fenster aus deni Garten herein, in dem schon Tulipauen, Schlüssel- blumen und Krokus auf den Beetchen blühen. In einem Lehn- stul, ihrem Gatten gegenüber, sizt die Frau Syndikus, jezt schon fünf Jare an der leidigen Gicht krankend. Zwischen beiden sizt die Wonne des Hauses, eine echt deutsche, hochgewachsene Jung- frau mit köstlich blondem Har und großen, dunkelblauen Augen, einst die kleine Jutta. In der Ferne hört nian von Zeit zu Zeit ein dumpfes Dröhnen. „Hörst du, Vater," begint Jutta das Gespräch,„sie schießen wieder aus der großen Batterie!" „Ja, und die unsrigen antworten aus dem ,Heideck� und vom , Zwinger� ans." „Ist auch keine Gefar?" fragt die kranke Mutter mit einem Winke ihrer Augen nach dem offenen Fenster. „Nicht die geringste," versicherte der Gatte,„die Holzblende ist hoch und dick genug." Und er erhob sich, gleichsam seine Worte zu kontroliren, und siehe da, im kleinen Garten ist eine Art von Zaun von dicken Brettern aufgerichtet, der die Gartenseite des Hauses vollkommen vor feindlichen Kugeln fchüzt. „Werden wir uns halten können, Vater?" fragte Jutta angstvoll. „Mit Gottes Hülfe ja, mein Kind; sonst sei uns auch Gott gnädig!" sczte er dumpf hinzu. „Sind die Kaiserlichen so schlimm und so gefärlich, lieber Mann?" warf hier die Kranke ein. „Es sind die entmenschten Banden der Kroaten und Slavonen, die pappenheim'schen und isolanischen Regimenter, nebst den Wal- lonen, durch den Krieg ganz vertiert, die uns eingeschlossen halten; wo außerdem Schramhans, so nent man Pappenheim wegen seiner vielen Wunden, kommandirt, da ist Raub, Mord und Plünderung die Parole!" „Aber hört man denn garnichts von Gustav Adolf? Es ist doch nunmehr fast Jaresfrist, daß er in Deutschland gelandet ist, und mehr als Monatsfrist, daß wir mit ihm das Bündnis eingegangen?" warf Jntta besorgt ein. Der Syndikus seufzte schwer auf; seit zwei Wochen erivartete man schon mit Sehnsucht schwedische Hülfe. Zwar hatte Magde- bürg einst Kaiser Karl V. siegreich getrozt, und man hatte damals, als der starke Kaiser auch Metz vergeblich belagerte, spottweise gesungen. iinj) Magd Haben dem Kaiser den Tanz versagt," zwar hatte die Festung auch-umo 1629 dem Waldsteiner wiederstanden, aber so ernstlich war auch die starke, jedoch nicht regel- recht verproviantirte Festung noch nicht belagert worden, wie von dem 30000 Mann starken Heere des alten Korporals, der die einzig durch ihre Bürger verteidigte Stadt zu ermüden hoffte. Zwar zweifelte der ergraute Feldherr der Liga von vornherein an eineni ernstlichen Erfolg seit dem Abend auf dem„Neuen Hause" zu Hameln, wo er mit den Grafen von Gransfeld und Pappenheim die Belagerung Magdeburgs verabredete, und eine Windsbraut die Verhandlungen unversehens störte, sodaß der aber- gläubische Tilly sich bekreuzt hatte, aber dafür war Pappenheim die Seele des ganzen Unternemens, denn er trieb die Belagerer zu immer neuen Anstrengungen und brachte die Laufgräben den Werken der Stadt jezt so nahe, daß ein Sturm bald gewagt werden konte. Jezt ertönten Trompetenfanfaren in der Stadt. Der Syndikus und Jutta eilten nach der Haustür; und da ritten denn unter Begleitung eines Trompeters, der schmetternde Signale der langen schwedischen Trompete entlockte, sechs Offiziere in blau und gelb, die schwedischen Farben, gekleidet, mit Schärpen und Federn den Breiten Weg entlang. „Gott sei Dank," rief der Syndikus bewegt aus,„es sind Gustav Adolfs Boten, die seine baldige Ankunft anmelden!" „Aber wie kommen sie in die Stadt, durch die Reihen unsrer Feinde?" warf Jutta ein. „Kriegslisten, Kind! Weißt du nicht, daß unsere Spione täglich die feindlichen Ketten passiren?" Und er sah dem Zuge bewegt nach, der sich dem Domplaz zu bewegte, wo der Administrator wonte. Eben saß die Familie wieder beisammen, das gestörte Früh- mal fortzusezen, als Rossesstampfen vor der Tür ertönte. Dann betrat ein stattlicher schwedischer Lieutenant die Hausflur und rief nach dem Hausherrn, der aufsprang und den Gast eintreten hieß, Wärend ein herbeigerufener Bürger das Pferd draußen hielt. „Ich bin", begann der Fremde in ziemlich geläufigem Deutsch, „der schwedische Lieutenant Verx und in Euer Haus zur Herberge gewiesen; sorgt für mein Tier und zeigt mir meine Behausung!" Der Syndikus sah den Sprecher befremdet an. „Komt Ihr als Freund oder Feind, Herr? In jeden: Falle sollt Ihr wissen, daß ein Syndikus der Stadt Magdeburg sich nicht in einem solchem Tone gebieten läßt!" Er schellte. „Fürt das Pferd des Herrn in den Stall und verpflegt es!" gebot er dem Diener.„Und du, Jutta, zeige dem Gaste sein Zimmer im oberen Stock, besorge auch Azung und Trunk in Fülle! Mich überhebt Ihr wol der weiteren Erfüllung gastlicher Pflichten für heute, da mein Anit ruft!" Man hörte im Vibriren der Stimme das Grollen über des Gastes Ungebür, der vor Verlegenheit nicht wußte, was er sagen sollte. „Verzeit, Herr Syndikus; des Kriegers Art ist rauh; auf unfern Schueebergen wachsen keine Komplimente, entschuldigt mein—!" „Schon gut!" Jezt erschien Jutta niit dem Schlüsselbunde, hüpfte leichtfüßig die Wendeltreppe hinauf und rief von oben: „Komt, Herr Lieutenant, und nemt Euer Gemach in Besiz!" Sie stieß die Fensterlüden auf und ließ die Aprilsonne ins Gemach; dann wollte sie schnellfüßig hinunter, aber Vcrx ver- sperte ihr den Weg. Bewundernd stand er in der Tür, entzückt von der herlichen Gestalt und dem Adel des Gesichts. Auch Verx war ein schöner Mann, nur sein Auge hatte etwas unstätes und wildes. „Gebt Raum, Herr Schwede," meinte sie launig,„daß ich Euch nach des Vaters Weisung Azung und reichlichen Trunk bringe!" Doch der Krieger haschte nach ihrer Hand, die sie schnell barg.„Brecht Ihr in der ersten Viertelstunde so das Gastrecht und wollt ein Freund der Stadt sein, Herr Schwede?— Hütet Euch!" Sie sah ihm so hart und so ernsthaft ins schwarze, unstäte Auge, daß er beschämt zurückwich und sie freigab. Bald war der„Herr Schwede" versorgt, aber Jutta betrat die oberen Räume von diesem Tage an nicht wieder, indem sie die Bedienung des Fremden Sybille, der alten Magd des Hauses, übertrug. Verx blieb auch vom Familienverkehr auf immer ausgeschlossen. Eine Weile später verließ der Syndikus behufs einer Rats- sizung das Haus. Gustav Adolf sante dem Administrator sechs erfarene Offiziere zur Leitung der Verteidigung, darunter Dietrich von Falkenberg, seinen Vertrauten, und Hoyer von Mansfeld, seinen Liebling, beide Obristcn in der Armee, alsdann zwei Rittmeister und zwei Lieutenants. Er selbst, so ließ er berichten, sei noch mit Ver- Handlungen mit Kurbrandenburg und Sachsen beschäftigt; one Sicherung im Rücken könne er sich nicht soweit nach Süden vor- wagen. Dietrich von Falkenberg ward mit der Belagerung, Hoyer von Mansfeld mit den Verhandlungen beauftragt; diesen beiden bat der König alles Vertrauen zu erweisen. Groß war die Freude des Wiedersehens zwischen Hoyer und Rauek; crsterer erkante den Syndikus sogleich, lezterer aber hatte Mühe, sich den stattlichen schwedischen Obristen als den einstigen blassen Knaben Mansfeld Hoyer vorzustellen. Arm in Arm wan- deltcn sie unter dem Gedröhn der Kanonen und Kartaunen den Bretten Weg hinauf; manches Frauenauge blickte dem schmucken Offizier wolgcfällig nach, bis beide im Hause des Syndikus ver- schwanden. Jutta hatte unterdes mit Fleiß ihren Verrichtungen obgelegen; nun gab sie der kranken Mutter labende Tropfen, dann ordnete sie den Mittagstisch, auf dem zinnerne Teller, die an Festtagen durch silberne ersezt wurden, schimmerten. Vor dem Size des Syndikus aber glänzte ein großer Silberbecher, eine Gabe des Rates der Stadt. Dem fremden Gaste hatte man oben getafelt, er sollte nie in das Faniilienheiligtum kommen. Jezt saß sie, mit den beiden langen schweren blonden Zöpfen spielend und träumend am Fenster im Lehnstule. Ihr Blick schweifte weit, weit hinaus nach Ingolstadt. Da sah sie sich in dem düstern, wunderlich ausstafsirten Zimmer auf einem Tische sizen; vor ihr der alte Stürix, neben ihr Mansfeld mit den blonden Locken und den prachtvollen blauen Augen; sie hörte seine Stimme, wie er sie, sich sehnend nach der Spielgefärtin, rief. Wie er ivol aussah, ob er ihrer noch gedachte, die ihn nie vergaß? Aber wie war ihr denn? War das nicht seine Stimme? Eben trat der Vater mit einem schwedischen Obristen in den Korridor. Jezt öffnete der Syndikus die Tür zum Wonzimmer und nötigte den Gast, voranzutreten. Ein Ausruf von beiden Seiten klang fast zusammen wie ein harmonischer Akkord: „Jutta!"—„Mansfeld!" Sie hielten sich lange umarmt; die Frau Syndikus nickte be- friedigt, Rauek aber sah das Par verwundert an. Als Hoyer seine Arme öffnete, um die Tante ebenfalls zu begrüßen, sank Jutta fast wie in Onmacht zurück. Nachdem ihr die Besinnung wiedergekehrt, da wandelte sie umher wie im Traume, und änlich erging es anch Hoyer. Ob denn das nur die rechte Liebe war, das Wolgcfallen, das er beim Anblick dieses herlichen Meister- Werks der Natur verspürte? Daß sich ihre holden Züge so bei ihm eingeprägt, daß er Jutta sogleich wiedererkante? Jutta war schön, schön wie der Früling draußen. Was war Erna dagegen, was ihre Ueppigkeit gegen die keusche Jutta? � Die leztere holte unterdes eine Kanne des alten vom Vater befolenen Weines aus dem Keller herauf, und obwol sie im Finstern dahinwandelte, so war es ihr doch, als brenten tausend Christ- bäume um sie her, und ihre Lippen murmelten das„Geständnis": „Nur einmal traf mein Auge seinen Blick, Da war es mir, als war' mein Herz entflamt, Als wollt' der Lebensfunken, Gott entstamt, Zu seinem Ursprung wallen gleich zurück. Nur eins lag meinem geist'gen Auge blos: Mehr als die Welt lieb' ich ihn namenlos." Jezt betrat sie, mechanisch den Krng tragend, den Korridor. Da legte sich von hinten ein Arm um ihren schlanken Hals und zog den Kopf zurück, ein glühender Atem streifte ihre Wange. Sie bog den Kopf zur Seite, nicht anders meinend, als Hoyer füre einen seiner Knabenstreiche wie damals aus, als sie zu Ingolstadt am„laugen Chim" spielten, und erblickte— das Gesicht des Lieutenants Verx.— Ein Schrei, ein Fall— der Krug lag zer- schmettert auf der Erde. Gleichzeitig erschienen Hoyer und der Syndikus vor der Tür des Familienzinimers. „Vater, Hoyer," schrie die Jungfrau geängstigt,„schüzt mich vor den Nachstellungen dieses— dieses— Menschen!" Ein strenger Blick des Syndikus traf den unglücklichen Verx; da aber trat Hoyer vor: „Ueberlaßt das mir zu ordnen, Onkel!— Herr Lieutenant Verx, gebt Euren Degen! Ihr habt zehn Tage Hausarrest, ver- laßt zur Stelle dieses gastliche Haus, dessen Frieden Ihr gestört, und begebt Euch dahin, wohin Euer Quartierschein lautet; ich werde sogleich in dieser Sache dem Rat Mitteilung machen!" So geschah es. Noch zur selbigen Minute verließ der Schwede racheschnaubend das Haus; auf der Straße hob er drohend die Faust: „Er und sie, sie sollen es beide büßen!" Dann ging er aufs Rathaus und fand bald darauf am andern Ende der Stadt eine Aufname. Einigermaßen erregt sezte man sich nun im rauek'scheu Hause zum Mittagsmale nieder, bei dem diesnial die beiden Männer hauptsächlich das Wort fürten. Man erörterte ausfürlich die Lage der Stadt, fürte die Mittel der Belagerer und Belagerten auf und kam zn dem Schlüsse, daß man sich reichlich halten könne, bis Gustav Adolf komme. Dann fragte man nach den Lebensschicksalen Hoyers, und dieser hielt seinem Könige eine glänzende Lobrede, der alle gerürt lauschten. Er schloß mit den Worten:„Nun müssen sich auch die Kur- fürsten von Brandenburg und Sachsen erklären, sonst wischt sie Gustav Adolf von der Landkarte; Magdeburg wird nicht ver- lassen! Kaiser Ferdinand aber mag sich hüten vor dem, Schnee- könig', der seinen Tron noch wird wackeln machen!" Das Mal war zu Ende. Juttas Blick hing an dem geliebten Manne, der Syndikus aber nam den großen, gefüllten Becher und brachte den Trinkspruch aus: „Auf den König Gustav Adolf, den Vorkämpfer unseres Glaubens!" Der Becher kreiste, dann gingen die drei in den Garten, die Kranke aber blieb in ihren wollenen Decken im Lehnstul zurück. Der Syndikus ging in den Anlagen voll blühender Bäume bald hierhin an ein Beet, bald dorthin an ein Feld und besah seine Lieblingsbluiuen; bald warf er einen besorgten Blick auf die Geschosse, die hoch über ihnen durch die Luft zogen. Hoyer aber und Jutta wandelten Arm in Arm den Gang hinab und hinauf, selig flüsternd von ihrer Kindheit, ihren Spielen, bis endlich an einem eben grünenden Stachelbeergebüsch Plözlich Hoyer niederkniend rief: „Jutta, Geliebte meines Herzens, verzeihe ineine Eile; du weißt, ein Krieger fragt nicht laug; höre mich und sage mir, daß auch du mir gut bist, denn ich liebe dich mehr als mein Leben, liebe dich bis in Ewigkeit!" Jutta aber hob ihn wie eine Rose erglühend empor und lag weinend und lachend an seinem Halse: „Haben wir uns denn nicht je und je geliebt? Kantest du Jutta wol einmal ganz vergessen?" Es zog etwas wie ein Schatten vor der Seele Hoyers vorbei bei diesen kindlichen Worten, aber auch ein wirklicher Schatten fiel plözlich ans die Liebenden: Syndikus Rauek stand zum zweitcnmale 609 vor dem seligen Parc. Diesesmal war er weniger verwundert, sondern sagte ganz ruhig: „Also hat meine Alte doch recht gehabt, damals in Ingolstadt schon?— Sinn, Kinder, meinen Segen habt Ihr!" Dann wollte er weiter wandeln, seine Rürung zu verbergen. Hoher aber umarmte ihn stürmisch und bat:„Nein, gebt uns Euren Segen, Vater, hier unter den blühenden Bäumen!" Sie knieten vor ihm und der Syndikus legte seine Hände auf die Häupter der beiden, die Batterien der Festung aber sangen das Brautlied dazu.„Ein gutes Geschick erhalte euch für ein- ander in diesen schweren, bekümmerten Zeiten und gebe euch den Segen der Edlen! Amen!" Bei dem Lehnstul der kranken Mutter aber wechselten die Verlobten die Ringe. Andern Tages zog Mansfeld in seines Oheims Haus als Gast ein.(Forlsezung folgt.) TelldemKritiK wider TendemdramaM. Eine Entgegnung Wider die Arbeit„Das Deater zur Zeit der französischen Revolution" von V. Sincerus in der„N. W." Nr. 47, 48. Von ZZruno cheiser. V. Sincerus hatte sich eine ungemein interessante Ausgabe gestellt, indem er zeigen ivollte, was wärend der französischen Revolution ans dem Gebiete des Dramas von Seiten des. Volkes geleistet worden ist, das sich vermaß, die alten, in langsamem historischen Entwicklungsprozeß gewordenen Staats- und Gesellschaftsverhältnisse mit furchtbaren Faustschlägen zu zertrümmern und sein staatlich Heim allein, one Bevormundung und Kom- mando eines einzelnen Herschenden von Grund aus neu zu zimmern. Diese ungemein interessante Aufgabe zu lösen, war freilich auch ungemein schwer; aus vielen Gründen schwer. Alan erlaube mir, daß ich hier nur den vornemsten dieser Gründe vorlege. Wenn man etwas richtig, menschlichem Ver- mögen und dem Zeitvcrstande gemäß richtig, beurteilen ivill, muß man objektiv urteilen, d. h. man muß die Dinge so nemen, wie sie sind, wie sie entstanden sind und sich entwickelt haben, man hat sich seiner persönlichen Sympatien und Antipatien zu entäußern, man darf seinen über andere als die in Frage stehenden Dinge bereits fertigen Urteilen und Vorurteilen keinen Einfluß gestatten,— man muß sich fülen und geben, so unparteilich und erhaben über Nebendinge und Kleinlichkeiten, Gunst und Mis- gunst, wie ein echter und gerechter Richter es soll, in dessen Hand Wol und Wehe seiner Mitmenschen gegeben ist. So unparteilich zu sein, ist in jedem Falle schwer; am schwersten da, wo wichtige, tiefgreifende Interessen ins Spiel kommen. Bei der französischen Revolution handelte es sich um Haus und Hof, Leib und Leben, Tron und Altar,— es handelte sich um das finanzielle und politische Machterbc von Generationen und Jarhunderten, um die Ideen- und Glaubenshinterlasscnschaft von niehr als einem Jartauscnd. Was wunder, wenn da heule noch der Leute Blut in Wallung gerät, sobald sie von jenem furchtbaren Würfelspiel in Frankreichs weltmächtiger Hauptstadt reden und schreiben! Was wunder, wenn die einen, Sic geistigen Enkel und llr- enkcl der Sanskülotten von Paris und Marseille, wie sie heut- zutage zu Millionen durch aller Herren Länder zerstreut sind, was wunder, sage ich, ivenn diese aus allein, was in jenen Zeiten von ihren Ahnen gesungen ward, die gewaltigen, überwältigenden Klänge der Marseillaise hervorklingen hören, wenn sie in allein, was die Revolution getan, ein Stück ewiger Gerechtigkeit zu erkennen sich einbilden und verehren? Und wer hätte ein Recht, es den andern zu verdenken, daß sie jener, wie sie die Geschichte nent,„großen" Revolution noch heute zürnen; daß sie in den Gassen des Paris von 1789— 94 nur die Ströme von Blut, die zu Galgen degradirten Laternen, den Meiischenopferaltar der Guillotine schauen; daß sie im Konvent und in den Klubs, in den Sektionen und bei den Weibern der Halle nur Gemalt und Brutalität das Wort füren, und alle Laster und Verbrechen, die Menschenphantasie ersinnen kann, predigen hören? Jenen anderen, die von den französischen Emigranten stammen, oder deren aristokratischer Freundschaft nebst Anhang in den übrigen Ländern nnsrer alten Europa! Das eine ist so erklärlich und so entschuldbar, aber auch so unkritisch wie das andre. Wem man den Demokraten anmerkt oder den Aristokraten, den Republikfreundlichen oder— Feindlichen, wenn er irgend- welche literarische Erzeugnisse oder historische Ereignisse zu kritisiren oder zu erforschen unternimt, der kann ein sehr guter, gescheiter, edeldcnkender ZNensch sein— aber ein schlechter Kritiker, ein un- zuverlässiger Forscher ist er bcstimt. Der geistvolle und kentnisreiche Schriftsteller, welcher unter dem Namen Sincerus in die Reihe der Mitarbeiter der„Neuen Welt" eingetreten ist, denkt sicherlich von sich, seinem Tema und der„Neuen Welt" nicht klein genug, daß er es mir Übelnemen tonte, wenn ich mir nach dieser Einleitung erlaube, seine Arbeit auf jene Objektivität hin zu untersuchen, welche den guten Kritiker, den glaubwürdigen Kulturforscher und-schildcrer auszeichnen muß. Sincerus wirft sowol den Dramatikern als den Machthabern der französischen Revolutionsepoche vor, sie hätten keine Ahnung davon gehabt, daß„die Kunst, auch die dramatische ihre eigenen Geseze" habe, sie hätten sie zur„Magd der Politik" gemacht, zur„Mätresse", die mit erborgtem Flitter prangt, indem sie die- selbe in den Dienst politischer und sozialer Tendenzen gezwungen, und sie hätten sie so zum elenden Zugrnndegehen an ihrer eignen Unnatur verdamt. Unser Herr Mitarbeiter hat gewiß recht: die dramatische Kunst, wie jede andre, hat ihre eigenen Geseze, welche ihr verbieten, sich in den Dienst der Politik, der Religion oder irgendeiner nicht in ihr, in der Kunst selbst, begründeten Tendenz zu stellen. Waren aber etwa die französischen Republikaner die einzigen Leute, die das nicht begriffen haben? Im Gegenteil: wenn die französischen Republikaner von 1789 das begriffen hätten, wären sie zu ihrer Zeit so ziemlich die ein- zigen gewesen, die sich auf diese Höhe der künstlerischen Erkentnis hinaufgeschwungen hätten. In Frankreich wenigstens unzweifel- hast die einzigen; in Deutschland hatte ungefär zwei Jarzehnte vorher Lessing die dramatischen Geseze dargelegt und begründet; in Deutschland wuchs eben erst zu jener Zeit in Schiller und Goethe die dramatische Kunst zu jener imposanten Reinheit und Größe empor, wie sie bei den neueren Völkern nur noch ein ein- ziger Mensch— nur noch Shakespeare erreicht und— wie Literaturforscher meinen— überboten hat. Frankreichs Literatur lag wärend des ganzen achtzehnten Jarhunderts in tiefstem Ver- falle darnieder, und selbst das Genie des großen Voltaire war nicht im stände, Dramen zu schaffen, welchen ein andres Schicksal zuteil geworden wäre, als in die Rumpelkammer der Literatur- und Kulturgeschichte zu wandern und zu der Stellung des schäz- baren Materials für den gelehrten Forscher, der Beweisstücke für der Menschen Jrtümer und Geschmacklosigkeiten hinabzusinken. (Schluß folgt.) lUiliie in die vemerbe- und Industrieausstellung zu Halle a/Z. (Forlsezung.) Das gemalte oder richtiger das ausgetragene Ornament, wie wir es auf den bürgeler Tonwaren finden, besiet in Punkten, Strichen, Schrift und gesezlofen Schnörkeln. Die Farben werden stark mit Ton versezt und oft'/« Centimcter stark aufgetragen, damit sie das Feuer aushalten, wodurch jedwedes Malen mit dem Pinsel unmöglich wird. Sollen bessere Ornamente mit dem Pinsel angebracht werden, so wird das Gefäß mit der anzuwendenden Farbe vollständig übergössen und werden nach dem Trocknen der Farbe diejenigen Stellen, welche Grund bilden sollen, wieder herausgenommen. Das Brennen der Tongcschirre findet in ganz altherkömlicher Weise in Oese» mit Holz statt. Besondere Muffeln(Kapseln) werden dabei nur selten angewendet, jedoch dienen größere Tongeschirre als solche für die mit Glasur begossenen Waren. Die großherzogliche Regierung hatte zu der oben angegebenen Zeit den Entschluß gesaßt, in Bürgel vorläufig für die Dauer von 6 Monaten einen provisorischen Zeichen- und Modcllunterricht einziisnren, um so den dortigen Meistern, Gesellen und Lehrlingen eine größere Ausbil- dung für ihr Gewerbe zu geben, ferner eine zum Muster und Modell dienende Samlung anzulegen, drittens die Anscbaffung von Formen behufs slhuellerer Massenfabrikation anzuregen, und viertens einen nach neuem System eingerichteten Brennofen errichten zu lassen. Der Unterricht selbst war in der Weise verteilt, das; bei täglich ca. 2 Stunden Unter- richt in der Schule selbst weitere 4 Stunden zum Besuche der einzelnen Werkstätten und direkter Unterweisung in praktisch-tcchnischen Handgrisfeu daselbst sich anschlössen. Denn das sollte ja das Hauptprinzip der Schule bilden, daß nicht nur die tcoretischen Auscinandersezungen, son- auch deren Anwendung auf die Werkstätte gelehrt würden: es sollte ge- zeigt werden, wie durch einfache Äuustgriffe und technische Hülssmittel one Erhöhung der Herstellungskosten stilgerechtere und sormreichere Ar- beiten hergestellt werden können. Zu erwänen ist noch, daß die Schule, deren Unterrichtsplan im großen und ganzen wie folgt sestgesezt war: l) Modelliren nach Oruanienten und Gefäßen, 2> Architektonisches Zeichnen(Stillehre), Gefäßzeichncn, 3) Farbenlehre und deren praktische Anwendung, 4) Anleitung zum Gießen und Formen, vom Herbst d. I. ab so gut wie möglich fortgesürt und dann zeitweise wieder ein Kursus durch einen anderen sachverständigen Künstler erteilt werden soll. In wirklich vernünftiger Weise hat inaii von einer Her- stellung feinerer Luxusgeschirre völlig abgesehen und sich ausschließlich an die sogenante Hausmansware, wie sie in jedem bürgerlichen Haus- halte verlangt wird, gehalten. Was die äußere Erscheinung der bür- geler Ausstellungsobjekte anbetrifft, so läßt sie erkennen, daß vorwiegend antike Gefäßsormen als Muster gedient habe». Auf eine reiche pla- stische Ornamentalion ist wenig Gewicht gelegt worden, höchstens findet man hier und da ein Mascaron(phantastischer Kops) oder eine leicht geschwungene Arabeske. Das Hauptgewicht ist auf eine schöne Silhouette der Wandungen, auf eine graziöse, seine Form, wie sie den griechischen und etrurischen Werken eigen ist, und aus eine schöne Färbung gelegt. Verschiedene Töpser zeichnen sich besonders durch die Herstellung eines Olivengrüus aus. Braun, kobaltblau, gelb, hellblau und blaugrau scheinen die beliebtesten Farben zu sein. Durch Zusammenstellung ver- schiedener Farben sind die schönsten Effekte erzielt. So find verschiedene Gesäße in hellem Blau gehalten und mit ausgegrabenen, gelb gesärbten Arabesken ornamentirt. Erwäncnswert sind noch die allerliebsten, in kleinster Forni als Spielwaren ausgefürten Topfgeschirre In ebenso schöner Weise wie die bürgeler hat sich die sonneberger Industrie entwickelt. Der Kreis Sonneberg oder das meininger Oberland hat einen Umfang von 6 Quadratmeilen und 39 620 Eiuwoner. Es ist ein ab- gerundeter Teil des Herzogtums Sachsen-Meiuingen-Hildburghausen und Salseld. An der nordöstlichen Ecke des Kreises, am Sandberg, zwischen Steinheid und Neustadt a. R., findet sich eine Auflagerung von Zechsteiuresten und Sandstein, der wesentlich Veranlassung zu den zalreichcn Porzellaufabriken in Türingen ist. Wenn der Boden des Kreises noch mannichfache andere Schäze an Mineralien birgt, so bestct sein Haupt- reichtum doch in den vorzüglichen, mit größter Sorgsalt gepflegten Waldungen, welche 53 pCt. der Gesamtoberflächc bedecken und nicht nur das nötige Brcnholz, sondern auch das in verschiedenster Weise zu Jndustriezwecken verwaute Bloch- und Werkholz liefern. Mit der Hebung und Verarbeitung dieser Schäze an Holz und Mineral ist der größere Teil der Bevölkerung beschäftigt und findet darin seine Haupt- narungsquelle. Nur ein geringer Teil beschäftigt sich ausschließlich mit Landwirlschast, die nicht einmal den Bedars a» Kartoffeln ganz zu be- friedigen inistaude ist. Die Jiidustrie, auf die der Bewoner aus zwiefachen! Grunde hin- gewiesen wurde, begann mit der Ausbeutung des Waldes, und zwar mit Gewinnung von Kicnruß, Pech und Pottasche. Im Lause der Zeit ist diese Industrie gänzlich verschwunden, hauptsächlich wol durch Auf- fiudung der Mineralien. Man verfolgte die Ouarzfelszügc und fand wol auch Gold(stcinhcidcr Goldbergwerke und Goldwäschereien im Grümpen- und Schwarzaslusse), aber auch, was viel wichtiger geworden ist, den trefflichen Wezstein aus dem Hislenberge bei Siegmundsburg und den Eisenstein. Den Handel mit Wezsteincn, die auch noch auf einigen Vorbergen, dem Sladtbcrge und Guudcrsbach bei Sonneberg, gefunden wurden, mögen nürnberger Kauslcute in Schwung gebracht haben, welche auf der Hauptstraße nach Norden die Gegend vielsach be- suchten. Doch wurden die Wezstcinc auch zeitig durch einheimische Händler vertriebe» und hierdurch die Verbindung der Industrie mit dem Handel begründet, die heute noch bestet. Das Vorkommen des Kaolinsaiides, des seuersesten Tons bei Kipsendorf(Herzogtum Sachsen- Koburg, 2 Stunden Eutsernung von Sonneberg), sowie der außer- ordentliche Holzreichtum, für den früher bei der dünnen Bevölkerung, sowie dem Mangel an Absazwegen keine Verwendung sich fand, fürten die Entwicklung der Glasindustrie herbei. Dieser Industriezweig wurde im Jare 1595 eiugesürt durch Hans Greiner aus Schwaben und Christoph Müller aus Böhmen, die als Religionsversolgte hier Schuz suchten. Produzirl wurden ursprünglich geblasene, runde Fenster, sogenante Buzenscheiben oder Ochsenaugen, später Holglas, meist Trink- und Apolekergläscr. Seit Beginn dieses Jarhunderts trat die Fabrikation von Perlen und Glasspielwaren hinzu. Die Glasindustrie hat ihren ursprünglichen Siz Lauscha, in emei» Seitentale der oberen Steinach gelegen, beibehalten und sich von da aus über die iiächstlicgenden Ort- schaften verbreitet, von denen Jgelshicb und Steinheid zum Kreise gc- hören. Nach langen, mühsamen und kostspieligen Versuchen gelang es dem Glasfabrikanteil Gotthels Greiner in Limbach, ein dem meißener wenig nachstehendes Porzellan herzustellen und zur Errichtung einer Porzellanfabrik im Jare 1772 von der herzoglichen Hoskammer in Mciningen die nötige Konzession zu erlangen. Wenn auch an verschie- denen Orten fast zu gleicher Zeit Porzellanfabriken errichtet wurden und die Konkurrenz eine bedeutende war, so war doch das limbacher Porzellan ein gesuchler Artikel und fand weithin Absaz. Gotthels Greiner hat sich durch sein rastloses Streben und unermüdliche Tätig- keit einen hervorragenden Plaz in den Annalcn der heimischen In- dustriegeschichte gesichert. Hand in Hand mit diesen Entwicklungen, die sich mehr in dem nördlichen Teile des Gebirgslandes vollzogen, fand am östlichen Teile desselben die Holzschnizerei Eingang, hauptsächlich in dem auf langgestrecktem Bergrücken an der alten nürnberg-sächsijchen Heer- und Handelsstraße gelegenen Judenbach. Die Bewohner dieses Dorfes waren im Sommer wohl meistens im Walde als Holzmacher und Köhler beschäftigt oder sie dienten als Vorspänner und dergleichen dem reichen Straßenverkehr. Wenn jedoch im Winter die Arbeiten im Walde aushörten und der tiefe Schnee den Verkehr unterbrach, so befaßte man sich mit Herstellung der gewöhnlichsten Haus- und Küchengerätschaften, als Tellern, Schüsseln, Löffeln, Mehlkübeln, Salzmezen, Schindeln u. dgl., zu deren Herstellung die Waldungen um Judenbach ein treffliches Material lieferten. Angeregt jedoch durch den lebhasten Verkehr auf der Straße, sowie durch Emigration aus dem Salzkammergute, ging diese primitive Fabrikation zu ähnlicher Holzschnizerei über, wie sie in früherer Zeit im Salzkammergute ausgeführt wurde. Der Vertrieb der gesertigten Waren lag zuerst in den Händen der nürnberger Kauf- leute, verpflanzte sich jedoch schon zeitig auf das durch Wezstein und Nagel- Handel kommerziell angeregte Sonneberg. Vertrieben wurden die Waren in Teutschland aus Messe» und größeren Märkten. Durch Gründung ausländischer Etablissements eröffneten die sonneberger Kaufleute Absaz- wege auch nach dem Norden Europas, nach England, Dänemark, Schweden, Rußland bis Moskau, Astrachan und Archangel. Diese Zeit ist die erste Periode in der Geschichte des sonneberger Handels. An diese Holzjchnizereien schloffen sich die ersten plastischen Gebilde von Spielwaren, hergestellt aus Brotteigmasse in ähnlicher Weise, wie früher in den Klöstern des bairischen Hochgebirges. Die Fabrikate wurden mit Vergoldung und Farben schön ausgestaltet, waren jedoch auch mannichsachcn Gejahrcn ausgesezt. Von Judenbach aus dehnte sich, nachdem der Vertrieb von den nürnbergern aus die sounebcrger Kaufleute übergegangen war, die Spiel- und Holzivaren- Industrie weiter aus auf Steinach, Steinheid, Hämmern. Hauptsiz der Fabrikation wurde Sonneberg. Der Haupt- sächlichste Artikel, der um diese Zeit eiitstaud, sind die Puppen.— Mit Eintritt der Papiermachö-Fabrikation gestaltete sich die Spielwaren-Jn- dustrie in der mannichsachsten Weise aus. Neben den älteren Artikeln, als Schnorren, Schachteln, Näkästen, Flinten, Säbeln u. s. w., die größtenteils bemall in den Handel kamen, wurden auch plastische Gegenstände fabrizirt, als Tiere, Kärrikaturen, die ebenfalls bemalt wurden. Es bildete sich so eine bis ins kleinste gehende Teilung der Arbeit in der Hausindustrie aus. Einen kräftigen Ausschwung nam die Spielwaren-Jndustrie, seitdem man anfing, bei Herstellung der plastischen Gebilde größere Sorgfalt auf die Schönheit der Form zu verwenden. I» dieser Beziehung hat sich iianicntlich Bandors in Sonneberg durch seine Zeichnen- und Modellirschule höchst verdient gemacht. Ihm Verdauken nicht nur viele, viele Sonnenberger, sondern auch auswärtige Schüler eine Ausbildung, deren Spuren noch heute waruembar sind. So reiste die heimische Industrie unter stetem Fortschritt zu ihrem heutigen Stande heran. Wir könne» von diese» Aruppen nicht scheiden, one der sich eben- falls in ausgezeichneter Art repräsentirenden Ausstellung von meißner Porzellanfabrikaten noch einen Blick zuzuwenden. Wie bekant, ist der erste Antrieb zu der nachmals weltberumt gewordenen Porzellanfabri- kalion der Elbestadt dem im Jare 1682 zu Schleiz geboreuen I. F. Böttger zu danken, den seine Versuche, Gold zu machen, dahin fürten, eine braun-rotbe Tonware herzustellen, welche man heute als feines Steinzeug bezeichnen würde. Die einzige zur Porzellauerzeuguug sich eignende Tonart, die Porzellanerde, war Böttger noch unbekannt. Der Scharssichligkeit eines sich sür seine Versuche iuteressireuden Freundes, des Physikers Tschirnhausen, gelang es, in einer weißen, bei Aue im sächsischen Erzgebirge gegrabenen und als Pudersurrogat verwendeten weißen Erde endlich den lange ersehnten Stoff zu entdecken. Böttger und Tschiruhaujen stellien hieraus gemeinschastlich im Jare 1710 aus der Albrcchtsburg in Meißen das erste echte Porzellan in Deiilschland her. Im Jahre 1711 wurde sodann die meißner Porzellanfabrik ge- gründet, welche sich im Laufe der Zeil zu großer Blüte emporgc- arbeitet und ihre hervorragende Stellung im Weltmarkt troz der vielen entstaiidenen Konkurrenz-Etablissements bis in die neueste Zeit sich zu bewahren gewußt hat. Dieser Slellung gemäß präsentirt die königlich sächsische Porzellan- Manufaktur in Meißen sich in der Hallesche» Ausstellung durch eine sehr umsaffende Kollektion von prachtvollen Vasen verschiedenartiger Gestalt mit Malereien nach Schwind, Bendemann u. a., reizenden Gruppen und Figuren nach Akodellen von Hähnel, Schilling, König, Schwabe u. s. w., Taselaufsäzen, Leuchtern, Uhren, Tafel- und Kaffcc-Services, denen bei der Herstellung eigene Entwürfe der Fabrik zugrunde gelegen haben, reichverzierten Desserl-Tellern, Spiegeln, Konsolen und dergleichen mehr. Das Auge des Beschauers ist bei der Betrachtung der einzelnen Gegen- stände entzückt infolge der schönen Modellirung, der reizenden Malereien und der Bortrefflichkeit der gesamten technischen und künstlerischen Aus- sürung. Die weithin leuchtende Aufschrift„goldene Medaille" läßt er- kennen, welche günstige Beurteilung sie durch das Preisgericht er- sarcn haben. II. Der Pavillon für Kunstgewerbliche Altertümer. Der Grundriß des schon im Eingänge dieses Berichtes besonders hervorgehobenen Pavillons ist etwa folgender. Man denke sich zwei ca. 16 Schritte lange und 6 Schritte breite Hallen, welche sich recht- winklich in der Mitte kreuzen und in jeden der vier Außenwinkel dieses Kreuzes wiederum eine viereckige Halle eingefügt, denke sich serner an den, Anfang der einen Kreuzhalle den Eingang und an dem entgegen- gcseztcn Ende einen halbkreisförmigen Raum als Abschluß, so wird die Grundrißdisposition dem Leser ziemlich klar werden. Breite Granit- stufen füren zu dem Rnndbogeneingange hinan, lieber der Vierung der sich kreuzenden Hallen rut ein mit Oberlicht versehenes Kuppelge- wölbe. Das Licht fällt, außer durch das Oberlicht in der Vierung, durch kleine gekuppelte Rniidbogenfenfter herein. Der Fußboden ist mit dunklen Fliesen belegt. Die Dekoration hat sich auf einen pompejanisch- roten Farbenanstrich der Wände mit einigen Deckenmalereien beschränkt, da die Farbenpracht der ausgestellten Kirchengcwändcr, Teppiche und Bilder eine solche unnötig erscheinen ließ. Hervorzuheben sind jedoch die trefflichen Verse des Altmeisters Goethe, welche, die Wände zierend, aas den Inhalt dieser Stätte Bezug haben. Ueber dem Eingang stehen jene goldenen Worte: Wer Wissenschaft und Kunst besizt, Der hat auch Religion, Wer jene beiden nicht besizt, Der habe Religion. Und an der rechten Wand: Wer ist Meister? Der was ersann, Wer ist Geselle? Der was kann, Wer ist Lehrling? Jedermann. An der linken Wand: Was ist denn Kunst und Altertum, Was Altertum und Kunst? Genug, das eine hat den Ruhm, Das andere die Gunst. Und an den Wänden des hinteren halbkreisförmigen Raums: Nicht verwende Finger und Hände; Hier nur taugen Offne Augen. Und nun zu den kunstgewerblichen Altertümern, welche diesen Raum zieren und ihm jene höhere Weihe verleihen, die von den feinsten und edelsten Erzeugnissen des sinnenden Mcnschengcistes auszugehen pflegt. Sowol Staats- wie Kominnnal-Jnstitute, kirchliche Behörden und Private haben beigesteuert, so daß alles dasjenige, was das Ausstellungsgebiet an kunstgewerblichen Altertümern birgt, in der größten Mehrzal bei- sammcn ist. Die Mitte des Raumes, also unter der Kuppel, wird von einem hufeisensörmige», großen Kasten eingenommen, dessen schrank- artiger Aussaz auf der First des schräg geneigten Daches eine moderne, schön gearbeitete Schmiedearbeit als Dachreiter trägt. Hinler den blizenden Scheiben dieses Kastens sind alte meißener Porzellane, in Blau oder mit bunten, gemalten und plastischen Blümchen dekorirt, aus der zweiten Hälfte des vorigen Jarhunderts stammend, ferner blau dekorirte fürstberger Porzellane ans derselben Zeit, sogcnantes Schaperglas aus dem siebzehnten Jarhundcrt, venetianische Gläser, geschliffene Krhstalle aus dem Ende des achtzehnten Jarhunderts, Etsenbeinpokale derselben Zeit, geäzte Kassetten, der bekanle Hallesche Schüzenkranz, gefertigt um 16V1, getriebene Silberhumpcn aus der Zeit des Barock, der Kelch der Fischerinuung zu Klein-Wittenberg aus dem Jare 1805, ein präch- tiges, silberbeschlagenes Trinkhorn aus dem naumburgcr Rathause, ein chinesisches Taselservice, in der bekanten Blaumalerei ausgesürt, aus dem siebzehnten Jarhundert, ein reizendes meißener Service, in Weiß und Gelb, mit Blümchen dekorirt, aus dem achtzehnten Jarhundert, ein großblumiges, aus dem Grunde weißes Taselservice für zwölf Personen, das in Meißen um 175!» gefertigt wurde, altdeutsche Steingutkrllge, eine Wedgcwood-Kanne(spr. Ueddschwuhd, englisches Steingut), deren weißes, fein ausgearbeitetes Ornament sich vom blasen Grunde wunderbar abhebt, und endlich die kostbaren Schäze der Schloßkirche zu Qucdlin- bürg, der St. Andreaskirche zu Eisleben und der Kirchengcmeinde Divi Blasii zu Mühlhausen in Türingen ausgelegt. Von Quedlinburg ziet besonders der angebliche Reliquienkasten Ottos I. die Aufmerksamkeit aus sich: Wände und Deckel sind ganz aus Elfenbein gearbeitet, mit mannigfachen Goldzierrate» und zum Teil sehr kostbaren Steinen(unter denen in der Mitte des oberen Randes ein großer ovaler Karsunkel) besezt, der Boden aus einer Silberplaltc bestehend. Die Seitenwan- düngen zeigen in Rundbogen-Nischen die lebhast bewegten Gestalten der 12 Apostel in trefflicher Schnizerei. Diese Figuren gehören zu den vorzüglichsten Zeugnissen des Ausschwunges, welchen die Kunst in Deutsch- land um den Schluß des 12. Jarhliiiderts genommen hat. Neben diesem Reliquarium rut eine Krystallflasche in Gestalt einer Tiara (dreifache Krone der Geistlichen), welche aus dem Ende des 10. Jar- Hunderts hcrstamt. Quedlinburg besizt drei solcher Krystallflaschen, welche, verschieden in Fassung und Ornamentation, sehr interessante Ueberreste aus der Zeit Ottos III. sind und als wichtige Zeugnisse für den ornamentalen Stil in den Skulpturen dieser Periode erscheinen. Das bekante Evangelienbuch, geschrieben vom Presbyter Samuhel gegen Mitte des 10. Jarhunderts, mit dem kostbaren, im 12. Jarhundert in Filigran(feiner Dratarbeit), edlen Steinen und byzantinischem Email ausgefürten Deckel liegt ebenfalls aus. Von den übrigen Gegen- ständen sei noch auf einen schönen, aus dem vierzehnten Jarhundert stam- inenden Kelch der St. Andreaskirche zu Eisleben aufmerksam gemacht, serner auf eine goldene Denkmünze vom 25. Juni 1630, die zur Feier des Ivv järigen Gedächtnistages der augsburger Konfession geschlagen wurde, ans den silbernen Reiselöffel des Kaspar Aquila, welche» ihm angeblich Luther geschenkt haben soll, und aus einen aus der Gemeinde Divi Blasii zu Mülhausen in Türingen herrürendeu, reich gearbeiteten, teilweise getriebenen Kelch mit schönem Mittelknoten, aus dem Jare 1612 stammend, der als ein Beweis gelten darf, wie auch die deutsche Spätrenaissance noch schöne stilgerechte Gold- und Silberarbeiten ge- liefert hat. Weiter schließt sich das silberne Reisebesteck Aug. Herrn. Frankes, des Stifters des halleschen Waisenhauses, an. Ferner ein aus der Barockzeit stammendes, in Silber getriebenes Taufbecken der schon genanten Gemeinde Divi Blasii zu Mülhausen in Türingen und ein silbervergoldetes, prächtig getriebenes Taufbecken, von 1682 hcrstam- inend, aus der halleschen St. Illrichskirche. Die figürlichen Darstellungen dieses Werkes, von denen die im Boden der Schale die Taufe Christi im Jordan vorstellt, sind von vorzüglichster Vollendung. Aus den reichen Schmuck der Wände, der in Allardecken, Rücklaken, Teppichen, Kirchen- gerätschasten u. s. w. bestet, näher einzugehen, ist in Kürze unmöglich. Genug, daß an der rechten Wand ein aus dem 14. Jarhundert her- rürendes und aus dem Ursulinerinnenkloster zu Erfurt stammendes gewirktes Rücklaken mit figürlichen Darstellungen, unter denselben das bekante, aus der krannach'schen Schule stammende Gemälde: Die zehn Gebote, oder die zehn Todsünden, rechts und links daneben zwei aus dem Waisenhause stammende prächtige Holzschnitte, die unter reicher Renaissauce-Bogenarchitektur die lebensgroßen Figuren Luthers und Melanchtons zeigen, und darunter eine Bekleidung der Luther-Kanzel der St. Andrcaskirche zu Eisleben, welche um 1500 angefertigt sein dürste, und Figuren in Hochrelief, alle in Stoff und Stickerei her- gestellt, unter baldachinartigen Bogcnstellungen, ferner Wappen u. s. w. vor Augen fürt, aufgehängt sind. Rechts und links von dieser Wand- dekoration ist an den Pfeilern des Raumes ein Terracotta- Relief (Terracotta— gebrauter Ton), den Kurfürsten Moriz von Sachsen darstellend, und eine aus dem Barsüßler-Kloster herrürende, 1537 ge- schnizte Holztafel mit bunt bemaltem Blattornament angebracht. An der linken Wand des Raumes hängt ein aus dem 15. Jarhundert herstammender Teppich des naumburger Domes— eine prachtvolle Arbeit, die sich von dunkelgrünem Grunde abhebende Nelken, deren Stengel und Blätter hellgrün und deren Blüten rot sind, ausweist. Von dem Teppich hebt sich ein alter Venetianer- Spiegel ab, wärend auf dem Fußboden eine prächtige Bank mit reicher Elsenbein-Jntarsia und mehrere zugehörige Stüle sich befinden. Kostbare Uhren, diverse Oclgemälde der oberdeutschen Schule zc., geäzte Arbeiten u. dgl. ver- vollständigen auf dieser Wandscite die Dekoration. Die kostbarstcu Teppichschäze birgt der hintere Raum. Hier ist ein Teil jener gewirkten Decke aufgehängt, welche die Aebtissin Agnes 11.(1184-1204) nach der Chronik der Stiftsbibliotek angefertigt haben soll.„Diese Aebtissin," sagt der Chronist,„hat bei ihren Zeiten schöne Bücher mit ihre» eigenen Händen geschrieben und hat sie mit Figuren schön illuminirt: ingleichen köstliche Teppiche mit ihren Jungfrauen gewürkt, so einen von 24 Schuh lang und 20 breit, darauf die ganze Philosophie gewürkt und genähct war, welche sollten dem Papst nach Rom geschickt werden, aber ist nach dem verblieben. Und sind noch jezo zu finden in der Stiftskirche, und waren ausgebreitet auf dem hohen Chor." Nach dem Ausdrucke des Chronisten ist die ganze Philosophie„eingewirkt", anschei» nend liegt aber eine kleine Verwechselung zugrunde, denn auf der blauen, mit goldsarbciien Sternen durchwirkten Decke ist dargestellt die von Marcianus-Capella so eigenartig beschriebene Vermälung des Mercurius mit der Philvlogia(Personifizirung der Sprachwissenschaft). Es sind ferner bildliche Darstellungen byzantinischen Stils eingewirkt, die eine Würde und Anmut der Hauptfornic», vorncinlich eine Durchbildung im Faltenwurfe zeigen, welche bei einem Werke so früher Zeit unser Er- staunen hervorrufen muß. Tie Bilder bestehen aus scharfen Umriß- zeichnungen mit einfacher Farbenausfüllung, doch mit einer gewissen Schattcnangabe, so daß ihnen das silhouettenartigc genommen ist. Noch sei aus die eingewirkte» lateinischen Sprüche und zu Häupten der Figuren angebrachten Namen, von denen man Pietas(Frömmigkeit), Justitia(Gerechtigkeit), Temperantia(Geduld) entziffern kann, ans-! merksam gemacht. Neben diesem Schaz dr quedlinburger Schloßkirche ist ein kostbarer Teppich mit der Figur des Bischofs Peter v. Schleinih (f 1463) aus dem naumburger Dom und ein in Kreuzstich stilgerecht ausgesürter Teppich aus dem jenaschen Fräuleinstift ausgebreitet. Außer dem hier geschilderten kostbaren Wandschmuck birgt dieser Raum noch ein prächtiges, goldbrolatenes Meßgewand des Thilo von Trotha, welches um 1500 angefertigt wurde und im Eigentum des mersebnrger Domes ist, serner eine aus dem 16. Jarhundert herrürende, in Seidenstickerei aus Leinen hergestellte Casula(Meßgewand) des erfurter 612 Domes. Zwei lebensgroße bemalte und vergoldete Holzfiguren, die heilige Barbara und einen Bischof mit Stab und Insul darstellend, sind Arbeiten des lö. Jarhundcrts, welche vom Altar der Andreaskirche her- stammen. Endlich ist noch eine in Holz gcjchnizte Statue des Königs David, der, mit Krone und Harnisch angetan, die Harfe spielt, hervor- zuheben,— ein Werk aus der 2. Hälfte des 17. Jarhunderts, welches Eigentum der hallcschen St. Ulrichskirche ist. Daß der berühmte Kelch der St. Ulrichskirche mit der prachtvollen Emailnialerci vorhanden ist und den Hauptanziehungspunkt bildet, ist natürlich. Das kostbare Werk hallescher Goldschmiede- und Emailkunst des 16. Jarhunderts stet auf einer Tafel; neben ihm liegen zwei alte, reich beschlagene Bibeln aus den Jaren 1683 und 1766. lieber dem Tisch hängt von der Decke des Raumes die bekante, aus dem 12. Jarhundcrt stammende Bronze- Hängelampe des erfurter Domes, welche auss schönste dartut, wie die Tradition der alten römischen Lampensorm sich durch das ganze Mittel- alter ziemlich rein erhalten hat. Schließlich ist noch der vier Eckaus- füllungen des Raumes zu gedenke». Hier sind deutsche Steingutgesüßc aus dem 14., 15. und 16. Jarhundert, antike Gesäße aus dem 4. Jar- hundert vor Christo, die Marmorkopie eines in Pompeji gefundenen Homerkopfes, getriebene Silberarbeiten aus der Barockzeit, bunte Gläser, den Halloren gehörend, die Gerichtsschwerter des heiligen Talamtes, dessen wir noch näher erwänen werden, zc. ausgestellt. Dann sei be- sonders aus einige französische Fächer ausmerksam gemacht, von denen einer bemalt und am vergoldeten Griff reich mit Edelsteinen und Email verziert ist, serner auf ein zweites Exemplar, eine japanische Arbeit, deren einzelne Teile aus Fischgräten in der kunstvollsten Weise ausge- schnitten sind. Daß noch eine unendliche Menge kleiner Kunstsachen, zierlicher Uhren, mit Email dekorirt, Ricchfläschchen, wie sie die Kunst des Barock und Rococco schuf, venetianischer Flügelgläscr, berliner Por- zellane des vorigen Jarhunderts, Spizen, Stoffe, Wachsfiguren, Holz- schnizercien u. s. w. anzutreffen ist, mag hier nur noch kurz erwänt werden. Die in dem Eckkästchen zur Linken ausgestellten Gegenstände erinnern uns vor allem an den Einfluß Frankreichs aus das gesellschaft- liche Leben im vorigen Jarhundert. Finden wir doch hier selbst eine niedliche goldene Schnupftabaksdose französischer Arbeit mit inliegendem noch niedlichcrem Löffel, mit dem die Frauen der Vornemen Stände da- mals das wolriechcnde Pulver an ihre zarten Rasen fürten. Die weiter an den Wänden placirtcn, mit Gold ausgelegten Schmuckschränke, Uhren, großen Spiegel mit Perlmutterrahmc», mit Stickereien(Schäfer- und Gartenszenen) versehenen Tische und Stüle, Wachsfiguren, Medaillons mit Bildern im Wertherkostüm(worunter in dem vorhin crwänten Eck- kästen sich besonders ein hervorragend schönes Porträt in Email aus- zeichnet), allerhand verschiedenen Schmucksachen und schließlich eine prachtvoll gestickte Bettdecke in dem rechten Seitcnraum lassen uns der behaglichen Einrichtung reicher deutscher Bürgerhäuser, in denen man diese Gegenstände im vorigen Jarhundcrt finden konte, gedenken, und wir würven gern bei einzelnen derselben länger verweilen, wenn wir uns nicht in die Notwendigkeit versezt sähen, jezt vom Pavillon für kunstgewerbliche Altertümer Abschied zu nemen.(Fortsetzung folgt.) Gestörte Sontagsmusik. Daß es in diesem irdischen Jammer- tale keine ungetrübte Freude gibt, das zeigt uns wieder einmal so recht der Vorgang, welcher sich in der durch unser Bild aus Seite 664 dar- gestellten nordischen Bauernstube abspielt. So gar betrübend ist die hier verübte Störung nun freilich nicht, wie die vergnügten Gesichter zeigen— es hat nur die zum Hausstande gehörende Familie der be- bekanlcn vierfüßigen Haustiere ihrem musikalischen Drange nachgegeben und akkompagnirt nach Herzenlust den ob ihrer Schönheit etwas zweifcl- hasten Tönen, die Merten seiner Harmonika entlockt. Wir brauchen wol nicht besonders nachzuweisen, daß die im Vordergründe links be- findlichen Glieder des„zarten Geschlechts" beim„ästhetischen Thee" versammelt sind, um über dieses oder jenes, was im Laufe der ver- flossenen Woche wichtiges oder auch unwichtiges passirt ist, weisen Rates zu pflegen und den oder jenen aus dem Dorfe tüchtig durchzuhecheln. Zur würdigen Gestaltung dieses nicht selten wiederkehrenden Festes hat es nun Merten, der erste und einzige Son und spätere Erbe des Hauses und was dazu gehört, unternommen, die den Redestrom hier und da unterbrechenden Pausen mit seinen künstlerischen Leistungen cnt- sprechend auszufüllen und somit den edlen Gemütern der am Theekränz- che» teilnehmenden die nötige Muße zur Samlung zu geben sowie sie in die zur Weiterfürnng der Unterhaltung nötige Stimmung zu ver- sezen. Und seine Musik vermittelt diese Stimmung, das bezeugt schon die Wirkung, welche sein Spiel der dort ebenso wie bei uns beliebten Melodie des weltbekanlen Liedes:„Lott' ist tot", ferner sein musikali- scher Vortrag des„Heil dir im Siegerkranz",„Mädle ruck', ruck', ruck' an meiner grünen Seite" u. s. f. aus seine Zuhörer ausübte. Nur die alte graue Miez, ein sonst sehr friedliebendes Tier, das inmitten ihrer drei jüngsten Sprossen andächtig den Tönen gelauscht, hat mit- unter darob recht zweiflerisch das Haupt geschüttelt, one jedoch vor- läufig über ihren stummen Protest hinauszugehen. Als aber jezt die Töne eines neuen Liedes erklingen und zwar in jener herzzerreißenden Weise, die selbst den nervenstärkstcn Menschen zur Verzweiflung bringt, da wird es unserer musikalisch weniger grob sülenden Kazenmnttcr zu bunt und ein Gefül, jenem, das nach allzneifrigem Kultus des Bachus oder Gambrinus sich gar zu gern in den Eingeweidcn der Menschen zeitweilig einstellt und seinen vielsagenden Namen den Kaze» nicht gerade zur Ehre trägt— nicht unänlich, nur ergreisender, bemächtigt sich ihrer. Und sie läßt diesem ihrem Gesül auch freie» Laus und gibt ihm durch entsprechende, ihrem überquellenden Herzen entströmende Weisen lauten Ausdruck. Ihre Kleinen, wolerzogen wie sie sind, sülen nicht nur mit ihr, sie begleiten sie sogar pflichtschuldigst; ja, die jüngste hat sogar mit einigen Säzen den breiten Buckel des werten Soiitagsmusikanten er- klommen und findet in ihrer gestörten Gcmülsstimmung noch die nötige Zeit, bedächtig aus das unheilvolle Instrument hcrabzuschauen, gleichsam als wolle sie die Naturgeschichte dieser musikalischen Reprvdukiion er- gründen. Daß dem Itonzert der fünf nicht jedermann one starke Belästigung seines Trommelfells zuhören kann, wird niemand bezweifeln wollen. Be- sagtes Organ scheint jedoch bei dem Zuhörerkreis aus unserer Illustration in sehr solidem Zustande zu sein, denn Mienen und Haltung desselben zeugen durchaus von keiner Störung der Gemütsstimmung, und wol mancher, den die Malirälirung eines Pianosortes seitens eines musika- tischen Backfisches zur Verzweiflung bringt, hat Grund, diese nordische» Leute mit ihrer robusten Körperkonstitution zu beneiden. Eine Eisenbahnniederfahrt von dem Berg Washington in Nenhainpshire.(S. 665.) Angesichts der gigantischen Leistungen der Technik auf dem Gebiete des Verkehrswesens ist der Gedanke nicht unberechtigt, welcher für die moderne Technik gar keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr gelten lassen will. Der Durchstich des Moni Ccnis und des Gotthardt, des Tunnels von Calais nach Dover u. dgl. vollendete und noch der Ausfürung harrende Riesenprojckte, deren Unternehmung vor noch nicht allznlangcr Zeit für Wahnsinn gegolten hätte, bestätigen dies. Wer hätte es wol früher für möglich gehalten, daß soiool die Reisenden wie die Waren des Kaufmanns aus den eisernen Schienenwegen, die Eingeweide jener Felsenbcrge durch- schneidend, auf denen die Raubritter in ihren Burgen früher unge- hindert hausten, ihre Fahrt friedlich und ungestört unternehmen könten, und wer hätte dabei gedacht, daß das eiserne Pferd hohe, nur mühsam zu ersteigende Berge erklettern und von ihnen pustend herabsteigen würde! Und mit welcher Sicherheit das alles geschiet! Man könte versucht werden, sogar die Idee Jules Verne's, eine Reise nach dem Mond in einem großer., von einem Monstrum von Kanone abgeschos- senen Projektil zu unternehmen, nicht niehr für eine Münchhauseniade, sondern für ein wirkliches auszusürendes Vorhaben zu halten. Denn, wenn einmal alle technischen Hindermsse überwunden sein werden, die 5lühnheit, es zu tun, ist, wenigstens bei den Amerikanern, vorhanden. Eben gerade darin unterscheidet sich der Amerikaner wesentlich vom Europäer, daß er ein Waghals ist. So haben wir z. B. Bergbahnen, deren Anlage nicht minder schwierig ist und die ebenso und noch höher steigen als die, welche unsere Illustration zeigt, aber die Bauart keiner dürste einen so leichten Karakter aufweisen, wie diese. Ein schmales, hohes Holzgerüst, nur die Schienen sind aus Eisen— würden uns unsere Nerven nicht im Stich lassen, wenn wir die steile und gesärlichc Fart mitmachte»! Und ist der Berg, den sie erklimmt, auch nicht so hoch wie der Rigi, so sind seine 26S7 Meter über dem Meeresspiegel doch schon eine ganz respektable Größe. Die 1866 begonnene und 1876 im Bau vollendete Bahn ist ca. drei englische Meilen lang, beginnt bei einem 866 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Punkte und steigt 1267 Meter aufwärts. Ihre durchschnittliche Stci- gerung beträgt fast einen Meter aus vier Meter Länge. In eine ent- sprechend geformte, zwischen den beiden gewönliche» Eisenbanschiencn liegende Schiene greift ein Kamrad, wodurch eine größere Sicherheit der Fahrt herbeigesürt wird; wesentlich trägt hierzu noch eine Hein- Vorrichtung bei, die nach irgendwelcher Unordnung am Zeuge dieses sofort zum Stillstehen bringt. Aber die Reise durch die romantische Landschaft mit ihren riesigen Massen der„Weißen Berge", ihren finsteren Abgründen und herrlichen Tälern, ivic den von den Felsen kaskadenartig herabstürzenden Bächen und Flüssen soll sich verlonen und die eventuellen Gefaren schon aufwiegen,— das wußten jedenfalls auch die Unternemer dieses Werkes. Inhalt. Hcrschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Bilder aus dem Privatleben der Griechen und Römer, von Dr. Max Vogler.— Aus Teutschlands schlimster Blut- und Eisenzeit. Historische Novelle von Carl Cassau(Fortsezung).— Tendenzkritik und Tendenzdramatik. Eine Entgegnung wider die Arbeit„Das Teater zur Zeit der französischen Revolution" von V. Sincerus in der„N. W." Nr. 47, 48. Von Bruno Geiser.— Blicke in die Gewerbe- und Industrieausstellung zu Halle a/S.(Fortsezung.)— Gestörte Sontagsmusik (mit Illustration).— Eine Eisenbahnniederfahrt von dem Berge Washington in Neuhampshire(mit Illustration). Verantwortlicher Redakteur: Dr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 36 ck).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhauscn in Leipzig.