Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk> Erscheint wöchentlich.— Preis vierieljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Puftämter. Wir erfüllen schweren Herzens eine traurige Pflicht, indem wir Kunde geben von dem Tode eines der besten unter unseren Mitarbeitern und Freunden. Der Chemiker Eduard Eother in Breslau, unseren Lesern seit lange vertraut unter dem Schriftstellernamen Rothberg-Lindener, ist nach jare- langem schwerem Kampfe wider sein in mehr als einer Beziehung tragisches Geschick einem Schwindsucht- leiden im Alter von noch nicht 34 Jaren um 6. August d. J. unter furchtbaren Schmerzen erlegen. Ein unwandelbar treuer Son des Volks, ein mit schärfstem Verstände und umfassenden Kentnissen ausgestatteter Mann der Wissenschaft, ein unermüdlicher Arbeiter an der Kultur des Menschengeschlechts und ein makellos reiner und edler Karakter ist in ihm dahingegangen. Mit seiner in Nr. 45 des laufenden Jargangs der„Neuen Welt" veröffentlichten Arbeit„Die Zuname der Blizgefar und ihre mutmasslichen Ursachen" nam er auch von derjenigen Zeitschrift, die ihm mehr als irgendein andres Organ der Presse am Herzen gelegen, für immer Abschied. Redaktion der„Reuen Welt". Bruno Gelser. l)r. Max Vogler. Herschen i Roman von Die Männer hielten Marie gewaltsam zurück, bis sie die Landungsstelle erreicht hatten, die auf der dem Friedhofe ent- gegengesezten Seite sich befand. „So, Signora, jezt dürfen Sie aussteigen; sezen Sie den Fuß hierher, nicht allzuschuell, Sie fallen,�— sehen Sie die Brücke, die fürt Sie wieder nach der andern Seite; dort ist das Campo santo, dort breitet sich auch eine Vigna aus." Marie war schon den schmalen Fußweg hinangelaufen. Sie rante über die Brücke. Da war es.— Das große eiserne Tor des Friedhofs stand ihr gerade entgegen. Sie hatte es erreicht, sie lehnte sich an dasselbe und sah hindurch. Zwischen dunklen Büschen leuchteten ihr die weißen Grab- kreuze entgegen.— In dem Augenblick gab das unversperrte Tor dem Drucke ihres Körpers nach und es tat sich langsam mit einem melancholischen Kreischen vor ihr ans, als wolle es sie )er dienen? !S. Kauksky.(24. Fortsezuiig.) empfangen. Sie schauderte zusammen— aber sie trat hindurch. Als sie aber jezt allein stand zwischen den Gräbern und nur die tiefe, schweigsame Stacht sie umgab, und ein leiser Odem sie an- wehte, aus Moder und Blumenduft gemengt, da wußte sie, daß sie sich getäuscht, daß dieser Ort des Todes nimmer der ihrer Zusammenkunft sein könte. Aber dort?— bewegte sich nicht etwas? Es raschelte zwischen den Büschen— und nun sprang sie selbst, nichts achtend, über die Grabhügel dahin. „Alfred," rief sie,„Alfred Depauli!" Keine Antwort. Nur eine große Kaze lief über den grünen Boden und kletterte lautlos die Friedhofmauer hinan. Sie hielt keuchend iune, in kalten Schweiß gebadet, verstört, entsezt, dann, als verließe sie Plözlich die Kraft, der Wille, sank sie an einem Grabhügel nieder; ihr Herzschlag stockte. Wäre ich doch auch schon gestorben wie diese hier, denkt sie, empfände ich doch nichts mehr von der Qual des Lebens! Aber schon hat sie VI. Lewiia, 17. Septbr. 1881. sich wieder emporgerafft, und mit der rückkehrenden Besinnung er- wacht in ihr wieder die Sorge um die Wolfart eines andern. Sie hat keine Minute zu verlieren. Von hier muß sie nun den Weg nach der Vigna finden. Sie tritt wieder zum Tore hinaus und läuft die Mauer entlang. Ein schmaler Fußweg fürt über diese hinaus, an Gärten und Maulbeerpflanzungen vorüber, die nun ihrer Blätter beraubt stehen, und die kahlen dünnen Zweige, fleischlosen Gerippen änlich, in die Luft strecken. Kein Zweifel, hier ist die Vigna! Aber diese ist mit einer hohen Dornenhecke umgeben, die, dichtverschlungen, ein Hindurch- dringen unmöglich macht. Und der Weg wird immer schmaler, und sie ist nun an der Spize der Insel angelangt, der Kanal ist zu Ende und das Wasser, von einem aufspringenden Winde bewegt, rauscht zu ihren Füßen. Ein Weiter gibt es hier nicht. Zwischen dem jäh abfallenden Damme und der Dornenhecke findet sie keinen Plaz mehr, um ihren Fuß darauf zu sezen. Sie kann die Vigna nicht umgehen, es ist unmöglich— ein weiterer Schritt und sie stürzt in die Lagune. Sie hält sich an der Hecke fest und siet hinüber. Hat sie den Sinn der rätselhaften Worte auch recht gedeutet? Sie wiederholt sie in Gedanken:„Ich will Sie an dem Orte sehen, wo wir uns das leztemal getroffen— Vigna— Campo santo." Am Campo santo hat sie ihn nicht gefunden, und die Vigna? war es diese hier? war überhaupt die Vigna de Vitas gemeint? Ihre Gedanken verwirren sich, und ihre Kräfte wollen sie verlassen. � Die Füße verlieren den festen Halt, und als sie sich mit den Händen fester klammert, dringen ihr dk. iTnt."'CT, Gesicht.- Sie wird sich loslassen.-,'' A,0lu* lU9 f,■""1'nsinn exaltirt. lieber den entlaubten «n> i e in ho he ii£' 1 e ein£icf,t eschen. Es befindet sich hinter m,-wh��pjzbogcnfenster, im ersten Geschoße eines massigen m. u,-/ eines Herrenhauses— es ist die Villa. Dort sind sie, dort! Sie weiß es so sicher, es gibt keinen Zweifel mehr für sie. Und sie ist ihm so nahe, sie muß hinüber!— Wenn sie nur noch zu rechter Zeit komt— vor den Verfolgern anlangt! De Vita hat vielleicht seine Vigna schon erreicht, er ist vielleicht schon oben, in jenem Zimmer, und Giuliano mit ihm — er findet sie und ihn— in der nächsten Stunde schon kann der Schuß ertönen.— In wahnsinniger Angst, ihn onmächtiger Verzweiflung reißt sie mit ihren armen blutenden Händen an der Dornenhecke, sie muß sich Bahn brechen, sie muß hindurch. Schon knistert sie und kracht, aber nun rutscht auch das lezte Erdreich unter ihren Füßen. „Hilfe!" ruft sie in dem sich nie verläugnenden Trieb der Selbsterhaltung,„Hilfe!" „Signora mia!" ruft eine weiche Stimme, von der andern Seite der Hecke ihr entgegen. „Cencio, hilf, ich falle!" Schon ist er dicht bei ihr, er streckt seine Hände ihr entgegen, er umfängt sie— sie klemt sich an ihn— sie fült sich gehoben — sie komt hinüber. Sie befindet sich innerhalb der Hecke. Aber mit der Geborgenheit sind auch alle ihre Gedanken und all ihre Sorgen wieder bei ihm. „Dort, nicht war, dort?!" und sie deutet, von der physischen Anstrengung uoch am ganzen Körper zitternd, nach jenem Fenster. „Ja," sagt er,„und die andern sind auch schon da, sie haben soeben gelandet." „Wir kommen zu spät!" Mariens Füße begannen zu wanken. „Nicht doch, die Tür ist versperrt, und über die Mauer klettern die nicht so flink wie ich." Sie fragte nichts mehr. Sie lief vorwärts, dem Lichte zu. Er folgte ihr; er wollte ihre Hand erfassen. „Signora," flehte er,„wollen Sie wirklich da mitspielen, es kann ernst werden, bleiben Sie zurück." „Mein Gatte ist da oben!" keuchte sie. „Aber auch— sie— die Französin!" Marie hielt nicht inne in ihrem Lauf, und jezt hatte sie die Villa erreicht und Cencio mit ihr. Durch die Bogen der Loggia fiel aus der offenen Tür ein Lichtschein. Man sah in die Halle, wo auf dem niederen Herde ein Feuer braute: ein Kcffel hing darüber. Die Castalda, die die Rückkunft ihres Mannes und ihrer Söne erwartete, ließ darin das Wasser erhizen, um ihnen, sobald sie heimgekehrt, die Polenta zu rüren. Sie selbst saß auf eineni Niedern Schemel nahe dem Herde und hatte ein großes Nez vor sich� ausgelegt. Ihr kleinster Junge lag am Boden, ganz in dieses Nez verwickelt, von dem sie einen Teil gegen sich aufge- nommen, wol in der Absicht, es auszubessern. Aber die müden Augen waren ihr zugefallen, der Kopf war gegen die Brust herabgesunken. Sie schlief und schnarchte mit ihrem Jüngsten um die Wette. _ Marie war an der Türe stehen geblieben und hatte einen raschen Blick nach diesem Jnnenraume geworfen. Sie horchte, alles blieb ruhig, nur ihr Herz klopfte in wahnsinnigen Schlägen. Sie war den Männern zuvorgekommen, sie war die erste am Plaze, es war ihr vorbehalten, die beiden zu überraschen. „Wo ist die Treppe, die nach oben fürt? flüsterte sie Cencio zu. Dieser wies mit der Hand nach der hölzernen Stiege in der Halle selbst:„Diese da." Sie winkte ihm, zurückzubleiben, Wärend sie mit leisem Schritt die Halle betrat; ihre leichte Gestalt schien über den Boden hin- wegzugleiten, schattengleich. Sie wante sich sogleich der Treppe zu. Sie wollte es vermeiden, die Alte zu wecken, die hätte ihr wol dies Eindringen verwehrt. Aber zezt knarrte es dennoch unter ihrem Tritt; die Castalda sah auf, sie langte nach dem entfallenen Nez und war in der n�fer ,1�7." Wieder eingeschlafen. J%rxe hatte den Treppenabsaz erreicht, sie stand vor der Tür, die nur mit einem blauen Vorhang verschlossen war. In dem Augenblicke gedachte sie nicht der Herannahenden, gedachte nicht mehr der Gefar, die ihren Gatten bedrote, jezt hatte sie nur das Verlangen, zu sehen, zu hören; die lezte Bestätigung für den Ver- rat zu finde». Und jezt vernam sie eine Stimme— die ihres Mannes, und eine weibliche antwortete ihm, eine melodisch weiche. Ihre Kniee droten unter ihr zusammenzubrechen, aber sie will stark sein in diesem Augenblick. Sie lehnt sich an den Pfosten der Tür, indeß ihre zitternde Hand den Vorhang hebt. Eine schlanke dreidochtige Lampe, die auf dem Tische stet, erhellt nur mäßig den großen Raum, aber nur allzu deutlich siet sie ihn— und sie. Sie sizt am Tische, den Arm aufgestüzt, sie scheint seinen Worten zu lauschen mit einem Lächeln der Befriedigung; und er stet an ihrer Seite, etlvas ihr zugeneigt, sein Gesicht ist er- rötet und er spricht warm und lebhaft, er schildert wol in hellen Farben ein künftiges Glück. Sein Körper beugt sich jezt herab, seine Finger zeigen nach einer Karte, die auf dem Tische ausgebreitet liegt, eine Landkarte ist es, ihre Finger faren nach, zugleich mit ihm die Route be- zeichnend, sie begegnen sich und er hält sie plözlich fest, diese Finger, und ziet sie an seine Lippen. Marie reißt den Vorhang auseinander, im nächsten Augen- blick stet sie vor ihnen. Die also überraschten faren jäh auf, beide bestürzt, beide fassungslos. „Marie," ruft Alfted, bis in die Lippen erblassend,„wie komst du hierher?" Ein rasch auswallender Zorn kam seiner Verlegen- heit zuhülfe, das Gefül des Unrechts ihm übertäubend.„Du spionirst niich also? Du belauerst meine Schritte und folgst mir nach?!" Juanna, rascher gefaßt, war der jungen Frau, die blaß, ver- stört, nach Wort und Atem ringend, in der Mitte des Gemachs stehen geblieben, entgegengetreten. Auch ihr Blick war zürnend, und ihre Stimme hatte einen stolzen Klang: „Madame, Sie müssen nur zu sehr geneigt sein, unserm Zusammensein die vulgärste Deutung zu geben, aber dann werden Sie uns beiden schweres Unrecht tun." „Meine Frau wird sich besinnen, ehe sie ihren Gatten, ehe sie Juanna Lambert auch nur mit einem solchen Gedanken be- leidigt!" rief Alfted, bereits im Tone eines Zurechtweisenden. All' die Sicherheit des Herschenden war ihm zurückgekehrt, all' die Ueberlegenheit, die der Mann dem Weibe gegenüber in allen Lagen und Verhältnissen des Lebens behaupten will und die er sich selbst als ein angestamtes Recht zuerkant hat. Sie hatten bisher italienisch gesprochen, jezt für Alfred in seiner Mutter- spräche fort:„Ich schwöre es dir, Marie, zwischen uns existirt nichts, das nicht erlaubt genant werden dürfte. Nur eine Sym- patie der Seele, nur gleiche geistige Bestrebungen sind es, die uns verbinden. In deinem Recht als Gattin habe ich dich 616 niemals gekränkt, niemals dich darin geschmälert, und ich werde es nie tun, du kanst es mir glauben." Sein Ton wurde schärfer, seine Blicke strafender, wie die eines unschuldig Angeklagten. Aber Wort und Blick des Mannes, der dies arme, gute Geschöpf so oft einzuschüchtern vermocht, hatte seine Macht ver- loren. Marie schlug die Augen nicht vor ihm nieder, und in ihrem schönen, blassen Gesicht malte sich ein Schmerz, der sie mit cinemmale aus ihrer Unbedeutendheit emporhob, ihr Adel und Würde verlieh. „Das Recht, das du meinst," entgegnete sie in edler Eni- rüstung,„es ist nicht das heiligste Recht der Gattin, das ihr nicht geschmälert werden darf; die wäre Untreue, die nichts mehr sühnt, vollziet sich hier und hier, im Sinn, im Herzen. Bon da hast du mich ausgeschieden seit langem, von jeder seelischen Gemein- schaft mit dir, von jedem Denken und Empfinden; die lezte Rück- ficht, die du mir noch bewarst und ihr einen Schein von Tugend geben möchtest, sie ist ein leeres, ein bedeutungsloses, sie ist mir nichts. Wenn die Seelen sich nicht mehr berüren, ist jede körper- liche Berürung eine Schmach." Sie wante sich von ihm ab, wie in Verachtung. Er stand versteinert, aufs tiefste betroffen, wärend Juanna, die, wenn sie auch die deutschen Worte nicht ganz verstanden, sie doch erraten, alles ans dem beseelten, erregten Antliz Mariens herausgelesen hatte, nun halb in Reue, halb in Bewunderung, Auge in Auge ihr zu begegnen suchte. Sie fülte eine innige Sympatie in ihrem Herzen für diese Frau entstehen, der sie so vieles abzubitten hatte. Sie hatte sie, als auf einer Niedern Stufe der Intelligenz stehend, sich vorgestellt, gänzlich unbedeutend, auch leer im Herzen; nur so hatte sie sich den Kummer, das Unbefriedigtsein des Gatten ausgelegt und ihn darob bedauert; und nun erschien ihr diese Frau so edel, so groß in ihrem berechtigten Schmerz, auf einer Wichen Höhe stehend, zu der ihr Mann nicht hinanreichte. Und so drängte es sie zu dem Wunsche, nicht hinter ihr zurückzustehen und, wenn es möglich, die Gatten zu versönen. „Frau Depauli," sagte sie, und sie suchte all' die herzliche Sympatie, die sie empfand, in ihren Ton zu legen,„Sie müssen auch mich hören, und wenn Sie hierher gekommen sind, um Ihren Mann zurückzunemen, so—" Sie kam nicht weiter. Marie hatte mit einem Ausruf und einer Geberde des Schreckens beide Hände vor ihren Kopf ge- schlagen; die Gefar, in welcher Alfred schwebte, kam ihr jezt erst wieder zum Bewußtsein. „Ich bin gekommen, um ihn zu retten!" rief sie. Dann in hastiger Erregung gegen Alfred gewendet, doch one ihn anzusehen: „Komm,— fort von hier,— ihr Bruder— ihr Bruder— ihr Bräutigam,— sie suchen dich,— sie werden hier sein im nächsten Augenblick,— sie sind bewaffnet,— sie wollen sich mit dir schlagen!" „Gehen Sie," rief auch Juanna, nun ebenfalls drängend, »Ihre Frau hat recht; Giuliano ist ein Wahnsinniger, er darf Sie hier nicht finden." Alfred rürte sich nicht, sein Gesicht war finster, trozig blickten seine Augen, und als wäre ihm nach dieser moralischen Demüti- gung die Betätigung mänlichen Mutes ein Bedürfnis, sagte er fest:„Ich werde ihn hier erwarten." In dem Augenblick vcrnam man die Stimme de Vitas in der Halle. Der Patron hatte die Castalda nicht eben sanft geweckt. Sie war indes schlau genug, die Verwirrung, die ihr die unvermutete Ankunft des Herrn brachte, hinter ihrer Verschlafenhcit zu ver- bergen. Sie wußte von nichts, konte über nichts Auskunft geben. Sie tat, als wäre ihr Schlaf so lang und fest gewesen, daß indes die Welt hätte ans ihren Fugen gehen können, one daß sie etwas davon gemerkt hätte. Der kleine Giuso war ängstlich hinter den Herd gekrochen und hatte auf die brennenden Scheite eine Menge ansgedroschener Maiskolben geworfen, sodaß das Feuer hoch aufflackerte. Er wollte wol die Herren, die so drohend auftraten, besser in Augenschein nemen. Ernesto hatte indes rasche Umschau gehalten, er hatte die Treppe entdeckt, die nach aufwärts fürte, und sein eifersüchtiger Instinkt hatte sofort erraten, daß er die, die er suchte, da oben finden würde. Er wartete nicht die Verfügungen des Hausherrn ab, er ergriff die Lampe— sie zitterte in seiner Hand— und stürzte der Treppe zu. Schon hatte er einige Stufen erstiegen, da teilte sich oben der blaue Vorhang und Marie und Juanna traten daraus hervor. Das hochausflackernde Licht des Herdes erleuchtete mit einem roten, magischen Schein diese hellen, jugendlich-schlanken Gestalten, die, sich an den Händen haltend, langsam herabsfiegen. Ernesto war vor ihnen zurückgeprallt.„Mit einer Frau!" rief er und für nach Augen und Stirn, als könne er den eignen Sinnen nicht trauen. Auch de Vita sah mit unbegrenztem Erstaunen auf die beiden. „Frau Depauli," murmelte er faffungslos. Die Frauen standen nun auf dem Boden der Halle. „Was fürt euch hierher, meine Herren?" sagte Juanna kalt, „ihr seid doch nicht meinethalben gekommen, wir, dächte ich, hätten uns über alles auseinandergesezt, und meine Abreise hatte ich in Aussicht gestellt." „Du hast heimlich mein Haus verlassen, und ich finde dich seltsamerweise auf Murano— zu dieser Stunde—" „In guter Gesellschaft,— wie du siehst," vcrseztc Juanna trozig. „In Gesellschaft einer Freundin," fügte Marie rasch und angst- voll hinzu. „Einer Freundin!" rief Ernesto in Hönisch exaltirtem Grimm, dann tief forschend, blickte er in das nun stark gerötete Gesicht von Frau Depauli, als wolle er das innerste dieser Seele er- gründen,„Ihrer Freundin, Signora?" Marie durchschauerte es, ihr Atem stockte, ihre Lippen preßten sich zusammen, als verschlössen sie sich einer Lüge, aber sie bezwang den Widermillen und streckte der Verhaßten ihre Hand entgegen: „So ist es, meiner Freundin." Juanna hatte in unverstellter, leidenschaftlicher Zärtlichkeit das junge Weib an sich gezogen, und sie schlang den Arm um ihren Hals:„Die dich liebt, Marie, aufrichtig und war, die dich bc- wundert." Ernesto biß die Lippen aufeinander, er wußte im Augenblick nicht, wie er das zu deuten habe, aber er ahnte, daß dahinter etwas stecken müsse, daß dies alles eine Komödie sein könne, nn, ihn zu täuschen, um den Schuldigen der Verantwortung zu ent- ziehen. Der Gedanke machte ihm das Blut sieden, er erhöte nur seine wahnsinnige Erregung und seinen Grimm. „Und der Grund Ihres Hierseins, meine Damen?" fragte er, und dann nach oben deutend:„Bielleicht finden wir da oben die Aufklärung, die wir begehren." Er sprang gegen die Treppe. In dem Augenblick erschien Alfred am obersten Absaz derselben. Ernesto stieß ein wütendes Lachen aus. Der Anblick dieses Mannes, den er allein verantwortlich machte für sein zerstörtes Licbesglück, und den er nun wirklich hier traf, wo seine Eifer- sucht ihn vermutete, entfesselte seine ganze Leidenschaftlichkeit und brachte ihn außer sich. „Ah, da ist er, ich wußte es ja, der Mann, der glückliche Mann zweier Freundinnen, haha! Wie er dies Glück erreicht, durch ivelche Mittel, darüber soll er uns Rede stehen!" Alfred war rasch die Treppe herabgestiegen, und er wante sich an den auf ihn zugehenden de Vita, Ernesto in beleidigender Absichtlichkeit ignorircnd. „Ich werde Ihnen alle und jede Anfklärnng und Genug- tuung geben, die Sie zu fordern berechtigt sind," sagte Alfred mit möglichster Ruhe und Bestimtheit; hierauf dem sich vor ihm aufpflanzenden Ernesto mit einem Blick vornemer Geringschäzung begegnend:„Für Ihre Anmaßungen aber könte ich eine andere Antwort in Bereitschaft haben." Ernesto riß die Pistolen ans der Tasche seines Rockes und hielt sie ihm hin. „Sie werden sich mit mir schlagen," ruft er, am ganzen Leibe bebend. Alfteds Blick trifft ihn wie ein Peitschenschlag.„Ich werde Sie ins Tollhaus sperre» lassen." Ernesto stößt das Gebrüll eines verwundeten Löwen aus, sein dunkles, schönes Gesicht erscheint in diesem Augenblick bis zur Unkentlichkcit entstellt, er schleudert die eine Pistole von sich, die andre erhebt er gegen Alfted. Marie hat sich in blizartiger Bewegung an den Hals ihres Mannes geworfen,— die Kugel wird sie treffen. Aber Juanna war ebenso rasch in kühner Entschlossenheit herbeigesprungen, und sie fürt von oben nach unten einen Schlag gegen den Arm des Rasenden. Der Schuß fällt, aber die Kugel schlägt am Boden der Halle auf, und von da abprallend, fliegt sie empor und gräbt sich tief in das Holzgebälk der Decke. - 617—- Ein Augenblick ängstlicher Stille folgt diesem Vorgänge, dann! nur sie, er empfindet die ganze Wollust, sich so geliebt zu sehen, schlendert Ernesto mit einer Gebcrde des Abscheus vor sich selbst so bis zum Aufgeben des eignen Selbst, und in Rnrnng und die Pistole bei- nieder, bricht ihm den starren Sinn, läßt seine Wildheit inTrä- dem por,>vo sie eingedrungen. Alfted aber hält sein Weib im Arm, gradeso, wie in dem verhängnisvollen Augenblick, Ivo sie, um ihn zu schüzen, die eigne Brust dem totbringenden Lauf entgegen- gekehrt hat. Er weiß nicht, was um ihn herum geschieh er siet überwallender Zärtlichkeit beugt er sich über sie, die wieder sein teuerstes, sein einziges geworden, und die er fortan— er gelobt es sich selber— höher und heiliger halten will, als das eigne Leben. 618 Süße, beruhigende Worte flüstert er ihr zu, ein Gegenwort ersehnend, und er forscht bittend, in banger Sorge in dem lieben, blassen Gesichtchen, in den festgeschlossenen Augen, die er noch nicht zu küssen lvagt, nach einem Zeichen rückkehrender Besinnung. Sie seufzt schwer auf. „Komm," sagte er in einem Ton, so fürsorglich, so weich, so wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht,„dieser Vorgang hat dich maßlos erschreckt, ich bringe dich nachhause. Dann wante er sich gegen de Vita und auch Erncsto streifte sein Blick:„Sie wissen, meine Herren, wo Sic mich zu finden haben, Salute!" Er verbeugte sich gegen Juanna, die, ernst und blaß, ihm ein stummes Lebewol mit der Hand bot, und seine Frau wie ein Kind in den Arm neincnd, verließ er mit ihr das Haus. Cencio und die Castalda ivaren ihm gefolgt, leztere wollte das Tor öffnen, aber es stand weit offen, de Vita und Ernesto hatten es, nachdem sie vergeblich versucht, die Mauer zu ersteigen, gewaltsam erbrochen. Alfred schickte sie und Cencio zurück. Der leztere sollte mit den Barkenfürern heimkehren, die seine Frau hierhergebracht, er selbst wolle die Gondel benuzen, die hier zunächst seiner wartete. Er schritt dem Wasser zu, aber er kam in dem hohen Flugsande, der das Uferland bedeckte, nur langsam und mühsam hinweg. Jezt war er am Strande, und mit lauter Stimme rief er die Gondel heran. Marie erbebte in seinem Arm. Die Luft, die vom Wasser ihr entgegenwehte, noch mehr aber der laute Ton seiner Stimme hatten ihr das Bewußtsein zurückgebracht. Sie sah um sich; sie hörte das schwache, plätschernde Anschlagen der Wogen und sie fülte sich in dem Arm ihres Mannes, der mit ihr heimkehren wollte, zurückgezwnngen zu seinen ehelichen Pflichten, zu einer entweiten Häuslichkeit. Nein, rief es in ihr, ihr innerstes Empfinden schien sich da- gegen aufzulehnen und in jeder Fiber ihres Körpers zuckte es in schmerzhafter Empörung: nein! Schon hatte sie sich seinem Arm enttvunden,— er will sie wieder fassen,— sie stößt ihn zurück:„Geh, laß mich, kehre zu ihr zurück, ich entbinde dich deiner traurigen Pflicht, du bist frei!" Laut, in bebender Energie, wie im Zusammenfassen all' ihrer Lebenskraft, schleuderte sie die Worte ihm entgegen. Aber als hätte diese Lossagung von dem Teuersten ihr das arme Herz gebrochen, wankte sie plözlich, ihre rechte Hand für in der Luft herum und sank gelähmt an ihrer Seite herab; sie selbst glitt lautlos, one Widerstand in die sie umschlingenden Arme ihres Gatten. Kein Leben schien mehr in ihr. Weinend trug er sie nach der Gondel. Die Gondoliere hatten ihre Passagiere schon mit Ungeduld crivartet. Alles deutete auf das Hereinbrechen des Sturincs. Schnell war die Gondel losgeniacht, und all' ihre Kraft ein- sczend, versuchten die Gondoliere, so rasch wie möglich vorwärts zu kommen. Ter Kanal von Murano war bald durchschifft, und jezt hatten sie die offene Lagune erreicht. Der Mond war hinter schwerem Gewölk verborgen, das, Trauerflören gleich, tief herabhing; kein Sternlein spiegelte sich in der schwarzen, weiten Wasserfläche ivieder, die unbcivegt schien, wie erstart; und rundumher ein leeres, dunkles, dem Auge unfaßbares. Die Atmosphäre ist drückend, sie lastet auf der Brust in ihrem geringen Druck und wirkt beängstigend. Den armen Ruderern rann der Schweiß bächenglcich von der Stirne, einer nach dem andern mußte auf Minuten ruhen. Bald fülteu sie sich gänzlich abgemattet, kaum imstande, die Hände zu heben, und doch tat Eile dringend not. Dort über dem Meere zeigten sich seltsame Gebilde, rötlich graue Wolken, lichter als die übrigen; ein rascher Bliz zuckt daraus hervor— und jezt ging ein Pfeifen durch die Lust, hoch und schneidend, das allmälich zu einem Brausen anschwoll, das in ticscn, holen Tönen heranzog. Bon Südwest jagte es daher in rasender Stnrmcseile. Es zerriß die Wolken, und in dem Licht des Mondes, der für einen Augenblick zum Vorschein kam, konte man die drohende Gefar nur deutlicher erkennen. Als wenn das glatte Element plözlich von wilder Wut erfaßt wäre, wälzten sich die weißen Schaumkämnie daher, sich überschlagend und in- einander borend. „La gavbinada!" schrien die Gondoliere. „La garbiuada!" wiederholten vier andere Kehlen; es war die Bemannung der zweiten Gondel, die so dicht an die erste heranfur, daß Cencio in seiner Behendigkeit sich hineinzuschwingen vermochte. Und jezt,— nian sah die Wellen von weitem kommen, man hörte ihr Rauschen,— sie erfaßten das Bot, sie hoben es und rollten darunter hinweg. Und jezt eine zweite, eine dritte und so fort. Das Schiff gehorchte nicht mehr dem Steuer, und sie waren jeden Augenblick in Gefar, gegen die mächtigen, den Weg vor- zeichnenden Pfäle geschleudert zu werden und, daran zerschellend, zu versinken. Die Männer jammerten und fluchten, dann stam- melten sie Gebete oder suchten sich gegenseitig Mut einzusprechen. Und inmitten dieses tosenden Aufrurs saß Alfred ernst und düster, sein Weib im Arm, um nichts bekümmert, als ihre kalten Glieder zu wärmen, den Schlag ihres Herzens zu zälen, der, ach, so ichwach war und teilweise ausblieb. Der Sturm hatte ihm den Hut vom Kopfe gerissen, das dunkle, lockige Har umflatterte ihn wild. Auch in ihren Kleidern verfing er sich; er preßte sie zu- sammen, und sorgsam zog er die leichten Hüllen gegen den zarten, entblößten Hals hinauf, damit kein rauher Lufthauch ihn berüre, schüzend beugte er den eignen Körper über sie und drückte sie fest und fester an seine laut klopfende Brust. Es lag etwas tief ergreifendes in dieser Uncmpfindlichkeit des Mannes gegen die ihn umgebende, mit jeder Minute anwachsende Gefar, die auch sein Leben bcdrote, und in dieser stummen Zärtlich- keit gegen das arme, hülflose Wesen an seiner Brust. Es lag etwas so düsteres in seinem Ernst und seiner Blässe, in den tiefen Augen mit dem gramvollen Blick. Und der Sturm nam zu und er umheulte ihn, und wie ein Rachelied ivar's, was er ihm in die Ohren sang, und das Meer, das außer den Dünen lag, donnerte dazwischen, und grelle Blize, ein Horizont in Flammen, erleuchteten von Minute zu Minute dies Bild wildbewcgter Naturgewalten und menschlicher Bedrängnis. Die Gondel sd)aukeltc, von Vernichtung bedrot, auf den empörten Wellen, und wäre sie gesunken, Alfred wäre im Banne seines Schmerzes, lautlos, sein Weib an sich gedrückt, hinab- getaucht in die ineinanderstürzenden Wogen. Aber das Bot kämpfte sich durch, es näherte sich Venedig,— und jezt hatte es die Einfart in den Kanal gewonnen. Achtzehiiles Kapitel. Es waren traurig-ernste Tage gewesen, die der Katastrophe gefolgt waren. Märiens Zustand war von dem Arzte als ein bedenklicher, als ein fast hoffnungsloser bezeichnet worden. Embolie, lautete die Diagnose: Verstopfung einer Gehirn- arterie durch Gerinsel von Blutfaserstoff, das sich im Herzen gc- bildet hatte. Die heftigen Selbstanklagen, die Verzweiflungs- ausbrüche Alfreds suchte der Arzt dadurch zu mäßigen, daß er ihm anvertraute, daß seiner jungen Gattin auf keinen Fall ein langes Leben beschieden sei. Ihr Herzleiden habe derartige Fort- schritte gemacht, daß selbst bei der größtmöglichsten Schonung doch in Jaresfrist ihr Ende erfolgen dürste. Alfred beschwor ihn, alles zu tun, seine ganze Kunst an- zuwenden, um sie ihm zu erhalten, für dieses eine Jar wenigstens zu retten; nur jezt sollte sie ihm nicht sterben, nur nicht an den Folgen dieser entsezlichcn Nacht; er selbst würde es nicht über- leben. Und in diesem entsezlichen Bangen vor diesem schlimsten war er selbst mit allen Kräften bemüht, es hintanzuhalten. Er blieb Tag und Nacht an ihrem Bette, jeden Atemzug der Kranken belauschend, in peinlicher Fürsorge auf alles bedacht und jede An- ordnung treffend, die ivoltätig und erleichternd sie berüren konte. Frizcns Zimmer war zur Krankenstube hergerichtet worden. Marie lag mit stark gerötetem Antliz, das diesem schönen, sanften Gesicht den Anschein von Frische und erster Jugendblüte verlieh, in den weißen Kissen. Ihr Herz klopfte in verdoppelten Schlägen, und sie für von Zeit zu Zeit mit der linken Hand gegen dasselbe, als wenn sie dadurch den Schlägen Einhalt tun wollte. Ihre rechte Hand und ihr linker Fuß blieben gelähmt. Auch in ihrem Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen zeigten sich Lücken. Sie schien sich der lezten Vorgänge nicht mehr zu erinnern, und nicht des Wehes, das man ihr zugefügt; ein ivoltätiges Vergessen hatte da plazgegriffcn. Aber selbst in dem ihr noch gegenwärtigen schienen in der Gehirnfunktion kleine partielle Störungen zu unter- laufen, es selten ihr einzelne Worte, einzelne Buchstaben, die, wie Töne aus einem verdorbenen Spielwerk, regelmäßig aus- blieben. Absolute Ruhe und Stille wurde als die erste Bedingung der Genesung strenge eingehalten und alles vermieden, was die Kranke einer Erregung ausgesezt hätte. 619 Elvira, die mehrmals im Tage kam, um nach dem Befinden der Schwester zu sehen, erhielt von Alfred darüber die minutiösesten Details, aber sie wurde nicht zu ihr gelassen. Auch die de Bitas hatten, voll Teilname für Marie, sich zum öftern nach ihrem Befinden erkundigen lassen. Juanna, im Begriff Venedig zu verlassen, um, nun mit Einwilligung ihres Bruders, nach Rom zu gehen, hätte, wie gerne, Marie vor ihrer Abreise noch einmal sehen wollen; sie hätte ihre Hand an ihre Lippen drucken und sie anflehen mögen, ihr all' das Leid, das sie ihr unwissentlich zugefügt hatte, zu vergeben, aber als sie von den Vorsichtsmaßregeln crfur, die man für die Kranke getroffen, und die eine schwere Erkrankung voranssezen ließen, gab sie selbst- verständlich diesen Gedanken auf. Alfred hätte sie gewiß nicht vorgelassen; er selbst wollte sie nicht mehr sehen. Auch Juanna dachte nurmehr mit Bitterkeit an den Mann, der ein edles, hochherziges Weib besessen und sich dabei den Anschein eines Märchrers gegeben, der sie, die Abhängige, ver- antwortlich niachen wollte für sein eignes Unvermögen und seine geringe Energie, die ihm nicht erlaubte, so glücklich zu werden, als er es in seiner Anmaßung zu verdienen glaubte. So nam sie Partei für seine Frau, die durch ihr Unglück ihr ganzes Mitleid herausgefordert hatte, gegen ihn, der ihr so inter- essant erschienen und nun mit einemmale all' seines Zanbcvs entkleidet war. Ein Weib wie Juanna vergibt dem Manne Mangel an Karakter niemals, vergibt ihm niemals sein halt- loses/ schwankendes Wesen, und sie vergibt es sich selbst nicht, daß sie, mehr ihrer Phantasie als ihrem Verstände gehorchend, sich darüber hat täuschen lassen. Sic reiste ab, abermals um eine Illusion ärmer, ganz auf sich selbst gestellt.(Schluß �solgt.) Bilder aus dem Privatleden der Griechen und Römer. Von Dr. WiL'Dogler. (Hierzu die Illustration aus Seite«IS.) (I. Fortseznng.) Wenden wir uns jezt der Erziehung des weiblichen Geschlechts zu, so geschah dieselbe, abgesehen von der bereits berürten Er- ziehungsweise in Sparta, durchaus im Hause. Hier war so recht eigentlich das Reich der griechischen Frau. Von Wärterin und Mutter unterrichtet, wuchs das Mädchen auf, ängstlich wurde es vor jedem Umgang mit dem mänlichen Geschlecht gehütet. Die geistige Bildung, zu der es gelangte, war daher keineswegs eine bedeutende; hingegen sorgten die fleißig geübten Künste der Musik, insbesondere des Gesangs, das Spiel der Flöte und der Kithara, eines Saiteninstruments, des Tanzes und allerhand Spiele dafür, ihm frühzeitig jenes hohes Schönheitsgefül mitzu- teilen, durch das sich die griechische Frau vor allem auszeichnete. Was insbesondere die geselligen Spiele anget,— wir reden hier natürlich nur von diesen, nicht von den öffentlichen und Nationalspielen, über die im vorigen Jargange der„Neuen Welt", Seite 444 geschrieben wurde— so waren in Griechenland deren eine große Menge in Gebrauch. Es werden ihrer wol ein halbes Hundert aufgezält, unter denen sich zum Teil die noch heute ganz gewönlichcn befinden. So dienten schon aus Ton geformte und bemalte Puppen und Figuren aller Art, darunter auch myto- logische, selbst Steckenpferde?c., als Sielzeug für das früheste Kindesalter; auch der Reifen und der Kreisel wurden fleißig geworfen und getrieben, und selbst unser Blindekuhspiel gehörte zu den beliebtesten Belustigungen der Jugend. Als häufigste Spiele seien weiter die folgenden genant. Zunächst das Würfelspiel, das mit Knöcheln und Steinchen gespielt wurde. Die lezteren hatten vier ebene Flächen, auf welchen in Punkten oder Strichen die Zalen 1 und 6, 3 und 4 ausgedrückt waren, wärend 2 und 5 gänzlich selten. Man nam vier solche Würfel, schüttelte sie in einem Becher und warf sie dann auf eine Tafel. Wenn alle vier Würfel ver- schiedene Zalen zeigten, so war das der beste Wurf, den man „Venus" nante; als der schlechteste„Canis" genante Wurf galt es, wenn alle vier Würfel oben die 1 herauskehrten. Auch gab es ein Spiel mit Würfel», in welchem es darauf ankam, fünf der lezteren, in die innere Fläche der Hand gelegt, in die Höhe zu werfen und mit der äußeren Fläche wieder aufzufangen. Eine zweite Art von Würfeln hatte gleich den unseren sechs mit 1 bis 6 bezeichnete Seiten. Man spielte mit ihnen meist um Geld, auch Hazardspiele, welche indessen streng verboten waren, und brauchte sie zur Vorname von Walen. Ebenfalls mit Steinchen wurde das Brettspiel gespielt, welches schon bedeutendere Aufmerksamkeit und Verstandesanstrengung er- forderte. Eine Art desselben, das sogcnante„Polis", hatte wol mit unserem Schach- und Damenspiel große Acnlichkeit. Das Brett zeigte einzelne Felder, auf denen die Steine hin und her verschoben wurden, und zwar handelte es sich, ganz wie bei den zulezt genanten Spielen, darum, die Steine des Gegners festzu- sezen oder abzusperren. Der Stein, der zwischen zwei feindliche zu stehen kam, wurde geschlagen. Auch kante man ein Hazard- spiel, wo man den Gegner raten ließ, ob man eine gerade oder ungerade Zal Geldstücke oder anderer Gegenstände in der Hand halte. Zu den ältesten Spielen gehört das Ballspiel, das schon bei Homer Ertvännng findet. Die griechischen Aerzte empfalen es als für die gesunde Entwickelung des Körpers besonders för- derlich, und es wurde auch von Jung und Alt fleißig geübt. In den Gymnasien hatte man, wie schon bemerkt, ein eigenes Zinimer dafür, in welchem ein Lehrer darin unterrichtete. Der Ball bestand aus Leder, mit leichtem Stoff gefüllt. Wir finden verschiedene Arten dieses Spiels mit Bällen. Bei dem einen, wo zwei beteiligt waren, schleuderte man einen kleinen Ball in schräger Richtung gegen den Boden, daß er mehrere Sprünge machte, je mehr, desto erfreulicher, und der Mitspieler mußte ihn dann an seinem Plaze mit der flachen Hand auffangen und auf diese Weise zurückwerfen. Bei ein« anderen Art des Spiels wurde der Ball so weit wie möglich in die Höhe geschleudert, um dann von dem Mitspieler aufgefangen zu werden, wärend sich bei einer dritten, hauptsächlich in Sparta üblichen, eine ganze Gesellschaft durch einen Strich in zwei gleiche Parteien trente und hinter jeder Reihe der Mitspielenden ebenfalls ein Strich die Grenze bczeich- ncte, bis zu welcher ihr beim Auffangen des Balls zurückzuweichen gestattet Ivar. Das Spiel ging nun in der Weise vor sich, daß der Ball, auf den die beiden Parteien trennenden Strich gelegt, von einem der Spielenden ergriffen und der Gegenpartei zugc- worfen wurde, welche denselben innerhalb der vorgeschriebenen Grenze aufzufangen und zurückzuschlcndcrn hatte. Sobald eine Partei hinter die Grenzlinie zurückgetrieben war, hatte das Spiel sein Ende erreicht. In einem anderen Falle, in dem, wie es scheint, mit holen Bällen gespielt wurde, schleuderte der Werfende den Ball scheinbar dem Mitspieler zu, gab ihm aber in Wirk- lichkcit eine andere Richtung, nach der sich dann der leztere rasch wenden mußte. Endlich hatte man noch eine Art des Spiels, wo von der Decke des Zimmers ein mit leichten Stoffen gefüllter Ballon bis zur Bauchhöhe der Spielenden hcrabhing und mit der Brust oder den Händen in immer schnellere Bewegung gesezt werden sollte. Außer diesen und anderen Spielen vergnügte man sich, und vorzugsweise die Mädchen, auch gern auf der Schaukel, die ans unserem heutigen, dem in dieser Zeitschrift schon erwänten Pracht- werke„Hellas und Rom"(Stuttgart, Verlag von W. Spemann) entnommenen Bilde in den Vordergrund tritt. Sieben solchen Spielen und der auf die Ausbildung des Schön- heitssins berechneten Beschäftigung mit den oben genanten Künsten lernten die griechischen Mädchen in der Abgeschlossenheit des clter- lichcn Hauses aber auch die Fertigkeiten des Spinnens und We- bens und vor allem der Stickerei, hinsichtlich deren namentlich die athenischen Frauen großen Ruf genossen. Mit den für den Haushalt nötigen Verrichtungen wurden sie indeß erst vertraut, wenn sie in den Ehestand traten. Ehe wir sie jedoch in diesen geleiten, dürfte es angemessen sein, vorerst eine Schilderung des griechischen Hauses, wie gesagt, ihrer eigentlichen Heimat, zn versuchen. Wir sehen dabei von der ältesten, homerischen Zeit ab, son- dern lassen vielmehr das spätere griechische Haus, wie wir es etwa in der Zeit vom peloponesischen Krieg(43l bis 404 v. Chr.) bis zu Alexander dem großen in Athen finden, als Modell gelten. Damals nämlich hatte sich die altgriechische Bauart noch miver- mischt erhalten, und auch die Privatwonungen der Reicheren hatten im Gegensaz zu der Pracht und Großartigkeit der öffentlichen Gebäude noch einen einfachen Anstrich. Die Wonungen auf den Landgütern der Besizenden waren freilich auch schon in dieser Zeit prunkvoller und verschwenderischer ausgestattet. In der Regel besaß jedes Privatgebäude blos ein Stockwerk; zeigte es ja ein zweites, so hatte dasselbe nicht die gleiche Aus- dehnung wie jenes, sondern erhob sich mehr turmartig über dem ersten und diente in der homerschen Zeit als Frauenwonnng, in der Periode, um die es sich hier handelt, meist zu Wonungen für Sklaven oder auch zu Fremdenzimmern. Jenes eine Stockwerk des Hauses war in zwei Hälften abgeteilt, von denen die der Straße zugekehrte die Männerwonung, das Hinterhaus die Won- räume der Frauen enthielt. Auf der Straße vor dem Hause sah mau gewönlich einen zu diesem gehörenden Altar des Apollo» Agyieus(des Apollo» als Stadt- und Straßenschirmer) oder einen den Gott selbst vorstellenden Spizpfeiler. Ehe man durch die Haustür eintrat, hatte man wol bei diesem und jenem Hause zuerst einige Stufen zu überschreiten; befand man sich in der Hausflur, so sah man auf der einen Seite die Wonung des Tür- Hüters, aus der anderen Ställe. Aus der Hausflur trat man in den Hof(die Aule der Andronitis), der auf vier Seiten mit Säulengängen unigeben war, und um welchen rings herum die Säle für das Symposion(Gastmal) der Männer, ferner ein Be- suchszimmer mit Sizen und kleinere Gemächer, sowie zuweilen Borratskammern lagen. Als besonderen Schmuck zierte die Aule in der Regel ein Altar des Zeus. Durch einen Gang(Mesaulos) gelangte man aus dieser Aule in einen zweiten Hof, der auf drei Seiten von Säulen umgeben war, wärend aus der hinteren, der Mesaulostür gegenüberliegenden Seite zwei Pfeiler einen nach dem Hofe zu offenen Raum, eine Art Sal, begrenzten, dessen Tiefe um ein Drittel geringer war, als die durch den Abstand der Pfeiler bezeichnete Breite(Prostas). Auf beiden Seiten dieses Raumes lagen auf der einen das eheliche Schlafgemach, auf der anderen ein Gemach, von dem man jezt anninit, daß es als Schlafzinnuer für die Töchter diente. Auf den übrigen Seiten befanden sich die täglichen Speisezimmer und Zimmer zu wirt- schaftlichen Zwecken, wärend sich in der Tiefe die Säle für Web- stüle und weibliche Arbeiten, die für den Aufenthalt der Frauen be- stimtcn Räume, anschlössen. Aus diesen gelangte man in den Garten, den wol in der Regel das Haus besaß. Was die Ausschmückung dieses Heims anbetrifft, so stellte sich dieselbe in früheren Zeiten als eine ziemlich einfache dar; der Estrichfußboden wurde erst später getäfelt, und die Wände waren blos geweißt. Je mehr die EntWickelung des Volkes jedoch vor- wärts schritt, desto mehr empfand man das Bedürfnis nach künst- lerischem Schmuck der Behausung; zu den Malereien, mit denen man die Wände zierte, kam warschcinlich bald reiche Stuckatur- arbeit ain Gesims und an den Decken und mannigfacher anderer plastischer Schmuck. Die verschiedenen Räume und Gemächer waren teils durch Türen, teils durch Vorhänge unter einander verbunden. Die Haustüren öffneten sich meist nach innen, und wer Einlaß begehrte, klopfte au die Tür, die dann von dem Tür- Hüter, der zugleich den Fremden anmeldete, geöffnet wurde. Un- zweifelhaft gab es auch Fenster; das meiste Licht aber wurde den Zimmern durch die nach den Aulen sürenden Türen mitgeteilt. Die Dächer erscheinen meist platt; doch zeigten sich hier und da auch hohe. Geheizt wurden die Zimmer teils durch Kamine, teils durch tragbare Herde oder Kolenbecken. Neben den ausschließlich von den Besizern mit deren Familie bewonten Gebäuden kommen übrigens auch Btietshäuscr vor. Wenden wir jezt, bevor wir in der Schilderung des Privat- lebens der Griechen weitergehen, unserem eingangs angedeuteten Plane gemäß, die Blicke nach Rom, um zu sehen, in welchen Formen sich dort der bisher berürte Teil des Lebens bewegte. Wir werden hier viele den Verhältnissen in Sparta verwante Züge finden. Hier wie dort liefen alle Bestrebungen im Er- ziehungswescn hauptsächlich auf die Heranbildung zur Kriegs- tüchtigkeit hinaus, wozu sich in Rom als zweites Moment na- mentlich noch die Herausbildung des Rechtsimies gesellte. Demnach war das praktische Staatsbürgertum hier das einzige Ziel, auf das die ganze Erziehung hinsteuerte. Gleichzeitig brachte es frei- lich dieser bei der lczteren vor allem im Auge behaltene Gesichts- Punkt mit sich, daß aus dem Volke allmälich ein besonderer Stand der Gebildeten und Gelehrten herauswuchs, dessen wissenschaftliche Talen, besonders was die Rechtspflege äuget, dann von so außer- ordentlicher Bedeutung für die europäische Staatenentwicklung und für die Entwicklung der gesamten europäischen Kultur werden sollten. Gemäß der ganzen Art des römischen Karakters, der römischen Auffassung des Lebens und dessen Zwecks waren die Kinder in die unumschränkte Gewalt des Vaters gegeben, die dieser, so lange er lebte, selbst über erwachsene Söne, bis zum Recht der Tötung besaß. Die Kinder galten eben als vollständiges Eigentum des- selben, mit dem er nach Belieben verfaren durfte. Sobald ein Kind geboren war, wurde eS daher auch vor den Vater gelegt, damit dieser die Entscheidung treffe, ob es angenommen oder ver- stoßen werde. Als symbolisches Zeichen seiner Erhaltung galt, Ivenn er es einmal von der Erde aufgehoben hatte, worauf es so, daß es mit den Füßen die Erde berürte, aufrecht gehalten wurde. Damit übernam der Vater zugleich die Verpflichtung seiner Erziehung. Am neunten Tage nach der Geburt fand für die Knaben, am achten für die Mädchen das Opfer statt, durch welches sie gereinigt und gegen Bezauberung gcschüzt werden sollten. Es war dies ein häusliches Fest, bei welchem die Kinder zugleich ihren Namen und allerhand Spielzeug bekamen, das ani Halse getragen wurde, so z. B. ein goldenes Schwert mit dem Namen des Vaters darauf, eine kleine goldene Axt mit demjenigen der Mutter, zwei verschlungene Händchen, ein silbernes Schweinchen, einen goldenen Halbmond, ein goldenes Ringlein u. s. s. Der Besiz von Kindern gab dem Vater in den Augen seiner Mit- bürger einen besonderen Vorzug, und es geschah daher natürlich nur in den seltensten Fällen, daß er sich jener entäußerte. Nur krüppelhaste und misgestaltete Kinder pflegte man auszusezen, und zwar geschah dies meist auf dem in der elften Stadtregion belegenen Gemüsemarkt, wo dann mitleidige Seelen sich der Armen annamen und sie durch Milch ernärten. Die erste Erziehung des Kindes wurde durch die Mutter ge- leitet, wärend der Vater seine Sorgfalt schon früh den Sönen zuwante und ihnen, sobald es die Entwicklung ihrer Körpcrkräste gestattete, reiten, schwimmen, fechten lehrte. Erziehung und Un- terricht waren eng verbunden, und wurde der lcztcre in der Regel schon im elterlichen Hause durch einen Elemcntarlehrer, welcher auch hier in der frühesten Zeit immer ein Sklave war, erteilt. Das leztcre kontc aber natürlich nur in wolhabcnden Familien geschehen. Schon früh entstanden indessen auch Elementarschulen, in denen Lesen, Schreiben, was mit dem Griffel auf Wachstafeln oder auf Pergament geschah, und vorzugsweise Rechnen gelehrt wurde. Der Elementarlehrer war auch in Rom pekuniär sehr schlecht gestellt und erhielt ursprünglich nur freiwillige Geschenke, später, als eine Besoldung durch den Staat eintrat, sein Honorar in monatlichen Raten. Das leztere fiel aber wärend der Monate Juli bis Oktober, in welcher Zeit kein Unterricht stattfand, ganz aus. Nach dem zweiten punischcn Kriege(218 bis 201) begann man, der Jugend die Bekantschaft mit der griechischen Literatur zu vermitteln; es wurden griechische und lateinische Schriftsteller gelesen, von den Dichtern namentlich auch Homer. Mit der Er- öffnung der Retoreuschulen im lezteu Jarhundert der Republik trat eine immer größere Trennung der Erziehung und des Un- terrichts vom häuslichen Leben ein. Leider übten die retorischen Uebungen, indem sie anstatt das positive Wissen den leeren Schein, die Sucht, mit wolklingenden Worten und Wendungen zu prunken, beförderten, nach und nach einen sehr schädlichen Einfluß aus, bis es Cicero mit seiner wissenschaftlichen Behandlung philoso- phischer Gegenstände und seiner ebenso faßlichen wie anziehenden Darstellungsweise gelang, zn wirklichem Nachdenken über die ernstesten und tiefsten Fragen des Lebens anzuregen. Nach der Unterjochung Griechenlands war es allgemein Sitte geworden, dort, und insbesondere auf der Universität Athen, die Gelegenheit zu weiterer und gründlicherer Ausbildung warzunemen. Neben der geistigen Ausbildung wurde natürlich die körperliche Entwicklung in besonders hohem Grade zu fördern gesucht. Au Stelle der heiteren Spiele des attischen Volksstanunes traten hier aber ernste Vorbereitungen für den Berns des Kriegers. Nur Tanzen und Singen genossen außer den lezteren einen besonderen Vorzug; das Schwimmen wurde fleißig betriebe». Die Disziplin in den Schulen war sehr streng, und an Schlägen, vor allem auf die Hände, felte es nicht. Mit dem vollendeten 15. Lcbensjare, bis zu welchem alle langes Har trugen, sah man das Kindesalter siir vollendet an, der Knabe wurde im �Tempel der Juventus in die„libros juniorum"(Jünglingsbücher) eingeschrieben und brachte dann in Begleitung seiner Jugcndgenossen den Göttern auf dem Kapital ein feierliches Opfer dar. Aber auch jezt noch hatte er sich strenger Zucht zu unterwerfen. Bis zum dreißigsten Lcbensjare war es den jungen Männern verboten, Wein zu trinken, und vor allem wurde ihnen Ehrerbietung gegenüber dem Alter zur P�icht gemacht, die dieses, ein bei den Römern eigentümlicher Zng, mit der gleichen Scheu und Achtung vor der Jugend er- widerte Bis zum 17. Lebensjare wurden die Jünglinge in der Leffcntlichkeit auch noch stets von den„Pädagogen", den Er- zichern, begleitet; niit diesem Jare aber trat der junge Römer bereits in das Heer ein. Wurde bei den Römern die humane, auf Erziehung zu schöner, edler Menschlichkeit berechnete Bildung durch die bei ihnen vor allem maßgebende Iiücksicht auf die Erziehung zu tüchtigen Sol- daten im Verhältnis zu der der Griechen bedeutend in den Hinter- grund gedrängt, so zeichneten sie sich vor diesen jedoch durch das größere Ansehen aus, welches bei ihnen die Frauen genossen. Welchen Einfluß diese als Erzieherin- neu der Sö»e und Töchter zuweilen ge- wannen, wird durch eine Reihe glänzen- der Beispiele erivie- sen, und wir brau- chen in dieser Hinsicht nur an die Mutter Koriolans, an die der Graccheu u. a. zu erinnern, die, wie sich der weniger ge- schichtskundige Leser leicht unterrichten kann, eine große Macht über ihre Söne auszuüben ver- standen. Wir finden daher bei den Nö- mein auch eine größere Innerlichkeit im Familienleben als bei den Griechen. Die Frauen erschei- neu in Rom als die Gebieterinnen in der Mitte des häus- liehe» Lebens, die selbst von dem Frem- den Achtung vor den Formen des Hauses verlangen durften; die Männer wichen ihnen auf der Straße ans, Todesstrafe war über denjenigen ver- hängt, der eine Ma- trone durch unziein- liche Worte oder schamlose Handlun- gen beleidigte. Sie namen sizend an den Gastmälern der Männer teil; sie fürten— wenigstens Hcuf», Wadsworth in der älteren Zeit, als noch nicht jede Verrichtung auf die Schultern von Sklaven gewälzt war— die Aufsicht über den Haushalt, ein Amt, dessen Uebertragung bei der Hochzeit durch die Uebcrreichung der Schlüssel zu den Vorrats- kainmer» symbolisch ausgedrückt wurde. Im Atrium des Hauses, das wir sogleich kennen lernen werden, schaltete dann die Frau als Herrin unter den ihr direkt untergebenen Sklavinnen, mit Wollarbcit, Spinnen und Weben von Wolle zur Herstellung der Gewänder, seltener mit Sticken beschäftigt, wärend das Stricken ganz ausgeschlossen war. Wollen wir uns nun auch das Haus, in welchem die römische Frau ihre Tätigkeit entfaltete, näher ansehen, so haben wir unser Auge vor allem auf die, wie in den Behausungen der Griechen, in bestirnter Anordnung überall zu findenden Räume zu richten, ivelche gleichsam das Gerippe des römischen Hauses bildeten. Es sind dies: das Vcstibulum, das Ostiuin, das Atrium, das Tabliuum, die Fauces, das Kavädium und das Peristhlium. Das Atrium war der erste Sal nach dem Eintritt; hinter demselben lag das Tablinnin und daneben der Korridor, die Fauces, welcher nach dem inncrn Hofe oder dem Kavädium fürte. Hieran schlössen sich ein oder mehrere Säulenhallen, je nach dem Vermögen des Hausherrn. Das Bestibulum, one Dach, bildete einen tiefen Einschnitt in die Vorderfront, sodaß ans beiden Seiten die Flügel des Hauses hervortraten. In der Kaiscrzeit entstanden vor den Häusern Säulenhallen. Die Türe Ivar von Holz und wurde später oft mit Elfenbein und Gold geschmückt; dieselbe öffnete sich stets nach innen, wärend sie an den öffentlichen Gebäuden nach auswärts schlug. Sie wurde vermittels eines hölzernen Querbalkens oder durch zwei sich bc- gegncnde, mit ein- anderzu verbindende Riegel oder durch Riegel, ivelche, änlich WiebeiunsernSchlös- fern, durch einen Schlüssel vor- und rückwärts bewegt wurden, verschlossen. Bei den beiden er- stercn Arten konte die Tür nur von innen, bei der lez- teren auch von außen verschlossen werden. Uninittelbar hinter der Tür befand sich die Hausflur, das Ostiuin,>vo der Tür- Hüter einen kleineu Raum innehatte, und an das sich das mehr oder minder prächtig eingerichtete Atrium, anfangs einem Sal, später mehr einem Hofe gleich, der Mittelpunkt des ganzen Familienlebens, anschloß. Es besaß, um Licht zu- und den Ranch abzu- füren, eine Dach- öfsnnng, die in den verschiedenen Häu- sern von verschiede- ner Große ivar. Wenn mau vom Ostiuin aus eintrat, so hatte man einen größeren Raum vor sich, von dem in der Regel durch zwei Säulenreihen au beiden Seiten rechts und links zwei schmale Nebenhallen getrent waren, änlich wie in unseren Kirchen von dem Mittelschiff die beiden Seiten- schiffe. In der mittler» Halle, dem eigentlichen Atrium, standen der für irdische und religiöse Zwecke benuzte Herd, auf dein ein fortiväreudes Feuer unterhalten wurde, die Webstüle der Frau und der Sklavinnen, hier versammelte sich die Familie, hier ivurde in der altrömischen Zeit das Mal eingenommen, hier der Besuch empfangen, hier war auch die Stätte, wo mau die Toten auf dem Paradebette ausstellte und Gegenstände der Erinnerung au die Verstorbeneu aufbewarte. Freilich wurde das später, als. eine allgemeine Verfeinerung der Sitten eintrat, anders. Die großen Gastmäler und die Scharen von Besuchern, die allmorgentlich erschienen, veränderten den Karakter des Atriums ganz ivesent- lich; es diente nunmehr lediglich als Empfangssal. Die Dach- öffnung wurde breiter, und die Zal der das Dach stüzenden Säulen vermehrte sich. Unter der Oefsnnng befand sich ein kleines Bassin, in dem das vom Dache herabfallende Regenwasser Longfcllow.(Seite«2».) gesammelt wurde; daneben war häufig ein Springbrunnen an- gebracht. An der hintern Seite des Atriunis, gegenüber dem Ein- gange, sah man einen offenen Sal, das Tablinum, welches als Geschäftszimmer des Hausherrn und zur Aufbewarung des Fa- milienarchivs diente, und neben welchem ein oder zwei Korridore nach dem inneren Hofe(Peristylinm oder Kavädium) fürten. Dieser innere Hof fclte in keinem Hause und war von größerem Umfang als das Atrium. Der offene Zltittelraum, in welcheni der Blick auf eine Cisterne und einen fließenden Brunnen fiel, wurde durch bedeckte Gänge eingeschloffen; um das Bassin herum waren Rasenpläze und Blumenanlagen gruppirt. Alle anderen, dem täglichen Gebrauch oder dem Luxus dienenden Räume reihten sich, je nach der Große des Hauses und dem Vermögen und dem Belieben des Besizcrs, um das Atrium und die Höfe herum; wir meinen damit die kleineren Won- und Schlafzimmer, Speisezimmer, Prachtsäle, Gesellschafts- und Konversations- lokale, Hauskapelle, Bildergallerie, Bibliotek, Bad, Sklaven- zinimer, die sich zuweilen auch in einem zweiten Stockwerk be- fanden,— in der Regel besaß aber das römische Bürgerhaus gleich dem griechischen nur ein solches— Küche, Vorratskammern, Bäckerei ic. Das Dach war auch bei den Römern meist flach und mit Weinreben, Blumen und Sträuchcrn bcsezt. Häuffg hatten die Häuser söllerartige Vorbaue oder Balkon«; enthielten einzelne Teile derselben ein oberes Stockwerk, so fürten zu diese» schmale und steile Treppen hinauf. Fenster fand man nach der Straße zu, wenn überhaupt, nur sehr wenige; vielmehr empfingen die Zimmer ihr Licht durch die weiten Türöffnungen des Atriums und Kavädiums. Dagegen hatten obere Stockwerke immer und auch häufig nach der Straße zu gelegene, freilich ziemlich kleine Fenster, die in der ältesten Zeit durch Läden und Vorhänge, später auch durch Marienglas und,>vie wir durch neuerliche Funde bestimt wissen, selbst durch unser Fensterglas verschlossen wurden. Fragen wir»ach der inneren Einrichtung des römischen Bürger- Hauses, so ist zu bemerken, daß der Fußboden niemals gedielt war, sondern aus Estrich oder aus Estrich mit Backsteinstücken gemischt oder aus Steingetäfel von viereckigen Marmorplatten bestand. In den Behausungen der Reicheren zeigte er kostbare Mosaikarbeit, teils aus Ton, Glas, Marmor, teils aus anderen Steinarten buntfarbig zusammengesezt und zuweilen kunstreiche Gemälde darstellend. Auch die Wände, vor Alters nur geweißt, wurden später mit Marmor belegt, weit häufiger jedoch durch meist auf nassem Kalk hergestellte Malereien geschmückt. Man liebte es, des größereu Effekts halber, dabei die hellsten Farben neben den dunkelsten aufzutragen. Die Bilder stellten sehr verschiedenartige, architektonische, historische, mytologische, landschaft- liche und andere Gegenstände dar; ja, man kvnte sogar den mo- dernen änliche Genrebilder und Stillleben sehen. Die Decken zeigten ein nezartiges Balkenwerk, dessen vertiefte Felder prächtig gemalt und sowol mit Stuckatnrarbeit als mit Gold verziert wurden. Zur Heizung diente», wie bei den Griechen, Kamine, eherne Kolenbecken und tragbare zierliche Qefen, deren man mehrere in Pompeji gefunden hat. In den ältesten Zeiten waren wol Essen nicht zu finden, der Ranch verzog durch die Türen und durch die Dachöffnung des Atriums; später kamen auch Schornsteine auf, deren man jedoch in Unteritalien, wo überhaupt selten geheizt ivurdc, wenig bedurste. War,>vie wol aus der vorstehenden Schilderung hervorget, das römische Haus, in der frühesten Zeit aus Lehmsteinen, später aus regelmäßig behauenen Steinen oder aus Ziegelsteinen er- baut, von außen unregelmäßig, niedrig und im ganzen iinan- sehnlich,— zuweilen nur wechselten in der Blauer rote und gelbe Ziegelsteine streifenweise ab, wozu sich freilich mit der steigenden Prachtliebe Säulen und mannigfache Bildhauer- und Stuckatur- arbeit gesellten— so zeichnete sich das künstlerisch geschmückte Innere, welches durch die sich um das Atrium und Kavädium gruppirenden kleinen, behaglichen Räume gegen Sonne und Zug- luft trefflich geschüzt war, durch umso größere Borncmheit und anheimelnden Reiz aus, so daß die Wirkung, welche es aus den Beschauer hervorbrachte, eine geradezu bezaubernde gewesen sein muß. Man braucht nur die Bilder von dem Inneren der in Pompeji bloßgelegten Häuser zu betrachten, um sich davon eine Vorstellung zu machen. (Schluß folgt.) Aus Deulschlands schlim Historische Novelle Die Leitung der Verteidigung unter Dietrich von Falkenberg, einem der geschicktesten Genieoffiziere Gustav Adolfs, war eine so vorzügliche, daß der Feind keinen Fuß breit Landes mehr ge- Winnen koute. Gelegentliche, umsichtig ausgefürte Ausfälle der Belagerer zeigten den Kaiserlichen, daß die Kräfte der Stadt nicht erlahmt seien; auch ward es Tilly bald klar, daß hier ein geschickterer militärischer Kopf waltete. Fest stand es deshalb bei dem Höchstkommandirenden, die Belagerung aufzuheben, falls ein lezter Sturm nichts helfe; denn die Spione meldeten die Rühe des gesürchteten schwedischen Helden. In der Stadt Magdeburg aber bereitete man sich am 18. Mai des Jarcs 1031 kurz vor Mitternacht zu einem entscheidenden Ausfall. Vom„Heideck", dem„Sundewitt" und den„Stern- schanzen" aus wollte man in drei Haufen hervorstoße», um die neuen Werke Pappeuheims zu zerstören. Und es gelang; Obrist Hoyer von Mansfeld leitete das Ganze, ward aber dabei von einer tückischen Kugel an der Brust getroffen. An der Lcder- tasche auf der Brust unter dem Wams fand er das tötliche Blei: ein Gustav-Adolfstaler hatte ihm das Leben gerettet, da er bei der Unternemung keinen Panzer trug.. Rachdenklich betrachtete der Offizier die etwas abgeplattete Kugel, als er plözlich aus- rief:„Das ist ja schwedisches Blei!" Ein Gedanke an Verx durchzuckte seine Seele, doch er gab ihn als unedel, als unmöglich wieder auf, beschloß aber dennoch, nachzuforschen, bis dieser Ent- schluß tags darauf durch andere Ereignisse in den Hintergrund gedrängt wurde. Am Morgen des 19. Mai kehrte Hoyer grade von einem Ztekognoszirungsritt über den Breiten Weg zurück und schaute ans die Türme des schönen Doms, von deren einem gestern eine feindliche Kugel die Rosette fortgerissen; mit Behagen und Lust sah er die hohen gotischen Massen mit ihrer durchbrochenen Sandsteinarbcit sich von dem prachtvoll blauen Himmel darüber \tx Blut- und Eisenzeit. von Gark ßastau.(5. Fortseznng.) abheben und gedachte dann daran, welches Los sie alle in der Stadt wol träfe, falls der Feind der Werke mächtig würde,— da traf er auf den Rittmeister Kalten, einen der schwedischen Offiziere, welcher frohlockend ausrief: „Wißt Ihr sie schon, die große Neuigkeit, Obrist?— Der Feind ziet ab;— Falkenberg ist eben auf dem Rathause, den Magistrat zu benachrichtigen!" „Nicht möglich, Kalten; ich selbst sah anders!" „Ja, aber wann? Ueberzeugt Euch selbst; man färt schon die Geschüze ab von den Batterien;— der König ist jedenfalls nahe!" „Wir tverden sehen!" Und er ritt weiter. Beim Dome stieg er ab, band sein Pferd an das Eisengitter, welches die Kirche umgab, und trat ein. Seit lange bekant mit dem Türmer, teilte er demselben das eben Gehörte mit, ivorauf dieser lachend meinte: „Nun, dann kann ich Euch auch etwas zeigen. Set hier," sprach er dann, den Obersten in den Kreuzgang, der den Dom umgab, fürend,„hier ist der Eingang zu einem schönen Versteck; man dreht an diesem Steine und kriecht hinein. Da drinnen ists sicher,—'s ist ein feuerfestes Gewölbe und sehr umfang- reich." Man ging weiter; Hoher aber bemerkte nicht, daß des Verx bekantes tückisches Gesicht in demselben Augenblicke hinter einer Säule sichtbar tvard; er bestieg vor dem Portale abermals sein Roß und trabte bis ins Rathaus. Den Rat wie den Administrator fand Hoyer in großer Auf- regung, weil ein Teil des Magistrats das ganze Berfaren Tillys für eine List erklärte, die Stadt sicher zu machen und zu über- fallen; dieser Partei pslichtcte auch Hoyer bei, wäreud Falkenberg den Hauptnachdruck darauf legte, daß Tilly Gustav Adolfs Nahen bemerkt und deshalb die Belagerung aushebe. 623 Warm lag der Mittag auf der Flur;— kein Donnern der Kanonen hörte man, sondern höchstens das Gesumme der Bienen und das Gezwitscher der Schwalben, die in schnellem Fluge ihre Beute suchten. Endlich wurden die Herren da droben einig: Hoher, als gcwanter Unterhändler, sollte zu Tilly geschickt werden, die Auswechslung der Gefangenen zum Vorwande ncmend, im Grunde aber, um zu beobachten, was es mit der Aufhebung der Belagerung ans sich habe. Zu diesem Zwecke eilte Hoher mittags heim, vertauschte seine Uniform mit einem Reiteranznge, wie ihn Söldlinge damals trugen, nur die Ledertasche mit Geld und Briefen steckte er ins Koller, tat eine Schärpe mit den magde- bnrgischen Stadtfarbcn, grün und weiß, und einen langen Rauf- degen um und ging dann mit einem Trompeter und einem Standartenträger, der das weiße Fähnchen des Parlamentärs trug, nach dem Heidcck und von dort gegen die kaiserlichen Linien vor. Bon Jutta hatte er nicht Abschied genommen, um sie nicht unnötigerweise aufzuregen ob seines keineswegs gefarloscn Ganges, sondern sich still fortgemacht. Die Kaiserlichen rcspektirten die weiße Farbe. Man fürte den Parlamentär verbundenen Auges durch die Belagerungsarbeiten bis zum Hauptquartier; Standarte und Trompeter blieben jedoch an der Cernirnngslinie zurück. Stunden vergingen jedoch und Hoher kam nicht wieder. Da kehrten jene zur Stadt zurück; von Hoher aber sah und hörte man nichts. Dieser ivar mittlerweile am Ziele. Man nam ihm die Binde ab und bedeutete ihn, er stehe vor dem Grafen von Tilly. Mansfeld staunte: das also war der„alte Korporal"? Bor ihm stand ein in grau gekleidetes München, das in hohen, braunen Reiterstiefeln steckte. Das Gesicht war eckig, unschön, die Nase lang, das Auge grau und scharfen Blickes geschickt. Ein langer Schnauz- und Stnzbart gaben dem Gesicht etwas sehr finsteres. Den Kopf bedeckte ein goldbordirter, spizer schwarzer Hut mit goldner Schnur, hinter der eine lange, rote Feder steckte, die weit hcrnntcrnickte. Das war der Generalfeldniarschall Johann Tzcrklacs von Tilly, kaiserlicher Gencralissimus, Feldherr der katolischen Liga. Neben dem General standen verschiedene Offiziere, denn man hatte eben einen Kriegsrat unterbrochen: „Tretet näher!" Alle wichen zurück und Hoher folgte Tilly in das Feldherr»- Zelt, wohin ihm dieser voranschritt. Sehr gnädig bewilligte der General sofort den Austausch auf morgen früh U» Uhr, heimlich lächelnd, denn wo war er viel- leicht dann schon? Auch wußte er Hoher, der sich die seltsamen Blicke und forschende» Fragen Tillys nicht zu erklären vermochte, sehr geschickt über Namen und Stellung auszuforschen; Hoher sagte darin die volle Warheit, sezte aber hinzu, daß er sich als im Dienste der Stadt stehend betrachte. Tilly lächelte. „Wißt Ihr auch, Herr Graf, daß Ihr mein Großneffe seid?" Hoher für zurück. „Ihr zweifelt?" „Berzeit, General!" „Kann mirs denken, daß ich in Eurem protestantischen Lager vcrkezert bin wie einer, daß man Tilly und den Teufel für eins hält; bin aber in Wirklichkeit nicht so schlimm, junger Herr! Ihr aber fart zurück ob solchem Großohm!" „Und wie ginge das zu?" „Set, draußen stehen alle meine Generale; sie warten jezt um Euretwillen!" Indessen griff er zur Glocke, die auf der großen Karte stand, und flüsterte che», Pagen ein Wort zu. Hierauf zerstreuten sich sämtliche Offiziere durch's Lager; der unterbrochene Kriegsrat sollte erst zwei Stunden später wieder eröffnet werden. Dann für der General fort: „Auf den ersten Blick sah ich, daß eine Ther Bonk Eure Mutter sein mußte!" „In der Tat, General, so hieß meine Mutter, Gisela Ther Bonk!" „Grade wie Eure Großmutter, der sie zugleich täuschend änlich gesehen haben muß, wenn sie Euch glich; ich habe sie nicht gekaut!." „Set sie hier!" Und er hielt dem General das bekante Bild hin. „Ja, ja; so sah auch die Ther Bonk ans, deren Mädchen- name Gisela Tilly ivar; sie war meine Schwester, und ich bin mithin Euer richtiger Großvhm." Und er reichte Hoher die Hand, die dieser schaudernd nam. „Man hört von Euren tapferen Taten, mein Herr Graf; ick1 gäbe etwas drum, Euch als meinen Großneffen unter mir kämpfen zu sehen. Euer Vetter, Anton von Mansfeld, kommandirt sogar schon einen Teil des Belagcrungshceres!" „Jeder muß seiner Fahne getreu bleiben, Großvhm!" „Da habt Ihr Recht; ich bin viel zu sehr Soldat, um Euch zum Fahncnbrnch zu verleiten." „Glanb's, General; ich bin auch nicht der einzige der Familie, der gegen Euch stet: da drinnen sind noch mehrere von Ther Vonks Nachkommen, Eure Nichte Dorotea, die den früheren Pro- fessor, jezigen Syndikus Rauck ehelichte, wont mit Genial und Tochter am Breiten Weg, dicht am Ulrichstor!" „Was sagt Ihr?— Ja, ja,'s kann schon möglich sein; bin mit meinem Schwager, dem hartköpfigen Bürgermeister von Lüttich, sehr auseinander gekommen und habe zwanzig Jare nichts von der Familie vernommen!" Er klingelte wieder und gab dem herbeieilenden Pagen ein Zeichen, worauf dieser verschwand, bald aber mit einem Wein- krug und zwei silbernen Bechern wieder erschien, die er ans eine» Tisch sezte. „Wißt Ihr die Hausnummer?— Will mir sie merken für bessere Zeiten, denn Magdeburg scheint sich nichtsehr auf meinen Besuch für diesesmal zu freuen, Wärend ich den Versuch aufgebe, die trozigc Maid zu bekehren. Wie Ihr set, sind wir dabei, abzuziehen! Aber jezt komt und trinkt mit mir auf die Familien Ther Bonk, Mansfeld und Tilly!" Das alles brachte er lächelnd vor. „Ich bin Parlamentär, General, nichts weiter!" Tilly hatte den Becher schon gefüllt: „Ihr wollt mir nicht Bescheid tun?— Das hatte ich nicht verdient!" Rasch ergriff der Jüngling nun den Becher: „Auf Euer Wol, General!" Und er leerte ihn in einem Zuge. Dann für er fort: „Ihr wollt die Wonung Raneks wissen?— Das Haus um- schließt mein höchstes Gut, meine Braut, Jutta, Eure Großnichte also; es ist-- das—" Gespant schaute der Alte auf den Jüngling. das erste— Haus am— Ulrichs— tor— rechts—!" Dann folgte unverständliches Gemurmel: Hoher fiel sanft auf den Siz zurück, den ihm der General untergeschoben; Schlaf bedeckte seine Augen. Der Feldmarschall klingelte:„Der Doktor!" Sogleich trat ein schon im Äußerlichen an der grünen Trommel als Chirurg kentlicher Feldscher ein und verneigte sich respektvoll. „Set einmal den da"— auf Hoher zeigend—„an, Doktor; er hat von der bekanten Sorte diesen ganzen Becher geleert"— dabei erhob er den Silbcrbechcr—„wie lange?" Der Angeredete zuckte die Achseln:„Kräftige Naturen über- winden schneller; zwanzig bis vierundzwanzig Stunden gewiß!" „Gut!" Der Doktor ging ab. Der General aber murmelte: „Dann ist alles vorüber, so oder so! Das Leben dieses Jünglings wenigstens und die da drinnen sollen gerettet werden, und— sein Geheimnis muß ich wissen!" Er klingelte aber- mals.„Rittmeister Niedergseß!" hcrschte er den Pagen an. Gleich darauf klirten Tritte, der Rittmeister Niedergscß, von einem wallonischen Kürassierreginicnt, trat ein. „Ihr habt morgen die Wache hier um meine Person?" „Zu Befel, General!" „Ihr schließt Euch mir unmittelbar an!" „Zu Befel, General!" „Wenn der Sturm glückt, eilt Ihr auf meinen Wink mit Eurer Schwadron direkt in die Stadt. Kent Ihr den Breiten Weg? Wäret ja zweimal mit dem Trompeter drin?" „Ja wol, General!" „Die beiden Häuser am Ulrichstor, rechts und links, besezt Ihr, hängt meine Fahne ans und schreibt dran»Hauptquartier des Generalissimus�!" „Wol, General! Und die Bewoner?" „Denen darf kein Har gekrümt werden; bei Eurem Kopfe, Rittmeister!" „Zu Befel, General!" „Ihr seid entlassen!" Der Rittmeister machte kehrt, Tilly klingelte abermals und sagte zum Pagen: „Nufe Amadeus und Wolfgaug!" ' Es erschienen noch zwei in roten Sammct gekleidete Pagen. „Kleidet den Schläfer aus, ziet ihm von Eurer Kleidung an und legt ihn auf mein Ruhebett!" Wärend einer den Pagenanzug herbeischaffte, hatten die beiden andern ihn bereits entkleidet; binnen zehn Minuten war die Meta- niorphose vollzogen, Hoyer war auf oiese Weise in einen tilly- scheu Pagen verwandelt und lag sanft atmend im festesten Schlafe auf des Generals Ruhebett. Nun sah ihn der General wolgefällig lächelnd an und eilte hinaus. Im großen Wachtzclte waren schon alle Feldherren versammelt, als Tilly eintrat. Alle erhoben sich. Tilly winkte mit der Hand: „Ein wichtigerer Umstand, als alle glauben mögen, hat mich veranlaßt, die Sizung aufzuheben. Gras Mansfeld"— es war Anton von Mansfeld gemeint—„und Ihr, Graf Piccolomini, habt fast meinen Entschluß, zu stürmen, wankend gemacht; was sagt Ihr, Graf Pappenheim?" „Laßt mich an der Spize meiner Regimenter voranstürmen, General, und wenn meine Fahne auf dem Walle wet, so mögen die anderen folgen!" Ein Beifallsgemurmcl begleitete die tapfere Rede. „Gut, niein braver Kriegsgefärte," meinte Tilly,„der erste Kanonenschuß morgen früh aus der großen Batterie, dem Heideck gegenüber sei das Zeichen, und Ihr der erste auf dem Walle!" Damit gingen die Feldherren auseinander. ** * Golden stieg am Morgen des 21. Mai die Sonne am Firma- ment empor.„Der Feind ziet ab." Diese Nachricht verbreitete sich unter den Bürgern der Stadt immer mehr; die meisten er- gaben sich auf dem Walle zum crstenmale dem lange entbehrten tiefen Schlafe und schlichen morgens um 5'/, Uhr, als sich noch immer im feindlichen Lager nichts rürte, nach ihren Häusern, um einmal ordentlich im Bette sauszuschlafen, wänend, alle Gefar sei vorüber. Um ö Uhr aber erscholl aus sechs Kartaunen der pappenheimschen Hauptbatterie das Zeichen aus eigener Macht- Vollkommenheit, denn dem„Schramhans" dauerte es zu lange, bis der General das verabredete Signal gab; darauf sczte sich der Feind hinter den Trümmern der sudenburger und neustädter Borstadt in Bewegung und rückte auf die Stadt vor. Gleich- zeitig begann ein Höllenkonzert, indem aus allen feindlichen Bat- terien das Feuer ans die unglückliche Stadt zu gleicher Zeit er- öffnet lvard; die Batterien auf den Wällen antworteten nur schwach, denn sie waren von den Verteidigern verlassen. O grauen- voller Tag der Verwüstung! Bald waren die Feinde Herren eines Teiles der Wälle und drangen in die Stadt, öffneten ein Tor und strömten ein. Falkenberg wirft sie wieder zurück, sinkt aber, von einer mitleidigen Kugel getroffen, tot nieder. Kein besseres Schicksal haben Obrist Uslar und Hauptmann Schmidt, die beiden lezten magdeburgischen Lcouidas, die den Heldentod an der Spize des Restes der Verteidiger starben. Da ruft Pappcnhciin seinen Wallonen das furchtbare Wort zu:„Zündet!" Und in demselben Augenblicke durchfliegt schon der Brand die Stadt hier und dort von einem Ende bis zum andern. Und nun strömen die„Pappen- heimer" und des Jsolani Kroaten den„Breiten Weg" hinab; ihnen allen voran aber donnert eine Schwadron wallonischer Kü- rassiere unter dem Rittmeister Niedergseß, der das Ulrichstor und die beiden anliegenden Häuser besezt, laut Ordre des Generals. Die Greuel, die dann geschahen bei der„Magdeburger Hochzeit", versucht die Feder vergeblich zu beschreiben.„Zur Ehre Gottes!" schrie nian hier, den Säugling spießend,„Kezer!" dort, die Leichen der schändlich Gemordeten aus den Fenstern werfend. Vergeblich sucht selbst Pappcnheim, sucht Tilly sogar dem Greuel der Ver- Wüstung Einhalt zu tun; vergeblich, denn der Zügel ist ihnen ent- rissen! Mehr als satanische Wut erfinden kann, geschah der arnicu, armen Städt. Abends war von Magdeburg außer einigen Häusern, den Fischcrhütten an der Elbe, dem Doni, nichts mehr vorhanden als ein rauchender Trümmerhaufen, den gierige Mordbrenner ruhelos durchsuchten. Bald nach 12 Uhr mittags erwachte Hoyer von dem Schlaf- trunk. Neugierig sah er sich um und konte sich zunächst kaum besinnen, wo er war. Erst das Kampfgetümmel erweckte ihn zum Bewußtsein. Ein Blick auf seine Kleidung und Umgebung lehrten ihn, welchen Verrat man an ihm begangen. Eilends erfaßte er den nächsten Hut, riß ein Schwert herunter, griff eine schwere Partisane auf, bemächtigte sich des ersten besten Pferdes und eilte der Stadt zu. Niemand achtete auf ihn. Magdeburg war be- siegt:„All' gewonnen, all' gewonnen!" hört er die jauchzenden Rufe der entmenschten Sieger; sein Herz stand fast still, bei dem. Greuel, den er sah. In Todesangst um Jutta und deren Fa- milie fliegt er den Breiten Weg hinunter! Alles in Flammen; aber da stehen wallonische Kürassiere: Gott sei Dank: Juttas Haus war unverlezt. Die Kürassiere machten dem tillyschen Pagen Plaz: „Oheim, Jutta, Tante!" Er umarmte seine Lieben; sie waren gerettet; aber wer konte sich freuen bei dem allgemeinen Elend?--— Verwundert betrachteten die Seinen den Anzug, welchen er trug; er aber erzälte ihnen fliegenden Atems alle», eilte hinauf, riß die Kleidung in Fezen vom Leibe, zog seine Uniform an und blieb dann mit der gcspanten Pistole unten als Wache zurück, bereit, sich den Plünderern als Wall entgegen zu werfen; alle anderen eilten nach oben, selbst die Kranke hatte man hinaufge- schafft; aber kein Feind drang ins Haus. Man verlebte eine trostlose Nacht; morgens 8 Uhr lvard plözlich geöffnet und Tilly trat ein; nur zwei Pagen durften ihn begleiten, mußten aber auf dem Korridor bleiben. Dann folgte eine ernste Unterredung mit Hoyer, die einen so heftigen Karakter annam, daß der Syndikus und Jutta herbei- stürzten, wärcnd der General der Wache draußen winkte, die Hoyer feffeln und als Gefangenen bewachen mußte. Jutta flehte auf den Knieen uni Gnade für den Verlobten, Tilly aber hob sie auf: „Du bist es wert, mein Kind, daß er dich liebt; er ist brav und ich behandele ihn strenge um seines eigenen Besten willen!" Hoyer aber schrie:„Ich wollte, ich läge erschlagen draußen, als ehrlos hier zu sizen!" „Ehrlos?— Ich meinte, nur überlistet? Tröstet Euch darüber, Herr Großneffe!— Ihr aber, meine Verwanten, Neffe und Groß- nichte, was fange ich mit Euch an? Wohin soll ich Euch geleiten lassen, da Ihr hier Eures Lebens nicht sicher seid?" „Laßt uns", begann hier der Syndikus,„laßt uns auf den Weg nach Leipzig geleiten und schafft uns Furwerk für unsere Kranke, General!" „Es ist jemand krank?" „Meine Frau!" Tilly stattete der Kranken selbst einen Besuch ab und mnr- melte:„Hat nichts von Gisela an sich, ist ganz der alte Eisen- köpf Ther Vonk!" Dann eilte er wieder hinunter und versprach Wachen und Furwerk zu schaffen.„Ihr bleibt mein Gefangener!" herschte er Hoyer zu, dann schritt er hinaus. Man hatte Hoyer längst die Waffen genommen; zwei Hand- feste Kürassiere bewachten ihn; seine Hände waren gefesselt. Laut knirschte der junge Held mit den Zähnen, aber alles war na- türlich vergeblich. Bald darauf erschienen t! Dragoner als Wache und ein Wagen mit vier Pferden bespant, auf den man den besten Hausrat auflud. Dann folgte ein herzzerreißender Abschied zwischen Jutta und Hoyer. Das edle Mädchen wollte sich nicht von ihrem Verlobten trennen, bis dieser ihr selbst zuredete:„Denn", sprach er,„ich komme doch bald wieder frei; wenn nicht mit Gutem, so mit List! Nun eilt, oder Ihr seid nicht mehr sicher!" Am andern Tage verlegte Tilly sein Hauptquartier weiter nach Süden und Hoyer wurde mitgeschleppt; Pappenheim aber berichtete nach Wien: „Seit Trojas und Jerusalems Eroberung ist eine solche Vik- toria nicht geschehen!" In der Tat waren mehr als 20000 un- schuldige Menschen gemordet!— In derselbigen Nacht regte es sich im Kreuzgange des Domes: Fünf schwedische Krieger krochen aus einem großen unterirdischen Versteck hervor, das ihnen Verx gezeigt und eilten, von der Dunkelheit begünstigt, nach Norden davon. Hoyer hielt man all- gemein für tot. V. „Da starb ein Held bei Lützen Auf winterlichen! Plan, Der, Luthers Lehr' zu schüzen, Bon Schweden kam heran." Alles auf der Flucht?— Auf der Flucht und unter einem unbesiegbaren Tilly?— Hoyer konte es sich kaum denken, daß den Unbesiegbaren sein Schicksal so bald getroffen. Die Schlacht 625 mußte entscheidend gewesen sein, denn man hatte es eilig, sehr eilig, um die Donau zu gewinnen. Hoher war allerdings stets scharf bewacht; im übrigen behandelte ihn Tillh artig, behielt ihn auch immer in seinem Zelte bei sich und sprach oft mit ihm Pietätvoll von seinem tapferen Vater. Wiederholt fragte er ihn auf Umwegen aus, ob Graf Ernst kein Testament hinterlassen, ob er dem Sone kein Geheimnis anvertraut. Hoher war klug genug, stets alles zu verneinen und einzusehen, daß ein Fa- miliengeheimnis existircn müsse und daß ihn Tillh nur um des- willen mit sich schleppe. Da gewann bei ihm der Saz in dem lezten Brife seines Vaters:„Besonders achte auf die Stelle fünfzig Schritte nach Norden von der großen Buche im sogeuanten kato- lischen Hofe"— eine ganz andere Bedeutung wie bisher. Er kam zu' der Ueberzengüng, hier müsse das Geheimnis stecken. Man mußte diesen Brif, der in seiner Ledertasche znsammcnge faltet lag, übersehen haben; Hoher lernte die Stelle auswendig und zerriß dann das Schriftstück in kleine Bruchteile.— Aus die Dauer ward dieser Zustand dem Gefangenen aber unerträglich; wenn er jedoch dem General Vorwürfe machte, daß er ihn ganz, gegen das Völkerrecht gefangen halte, so lächelte Tillh— den n seit der leipziger Fatalität sah ihn niemand herzlich lachen— nn d meinte, im Kriege seien alle Listen erlaubt.(Schluß folgt.) Tendenzkritik wider Tendenzdramatik. Eine Entgegnung wider die Arbeit„Das Teater zur Zeit der französischen Revolution" von V. Sincerus in der„N. W" Nr 47 48 Von ZZruno Oeiser."'' Schluß.) Wie hätten die französischen Republikaner ini lezten Jarzehnt des vorigen Jarhnnderts, frage ich, ans einmal wissen sollen und schassen können, ivas bis dahin niemand in Frankreich gewußt und niemand geschaffen hatte? Kein gerechter Kritiker hätte ein Recht gehabt, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, wenn sie mit ihrem Teater genau auf derselben niedrigen Stufe wären stehen geblieben, auf der es ihnen das, in Grund und Boden verfaulte und zermorschte, alles uni sich her niit dem Hauche der Verwesung verpestende, nur noch lebendig geschminkte Königtum der Bourbonen— also schildern es auch republikfeindliche Geschichtschreiber— überliefert hatte. Ja noch mehr! Der gerechte Kritiker würde es sogar, wie mir scheint, erklärlich und entschuldbar finden, wenn das wenige Gute, was etwa noch am französischen Teater des vorigen Jar- Hunderts gewesen, in der Revolutionszeit völlig in die Brüche gegangen wäre. Alle Kräfte konzcntrirtcn sich ja auf dem Gebiete des politischen Lebens, wo„im Vordergrund der Szene gewal- tige Ereignisse stehen" und sich„schauerliche Dramen und Tra- gödien" abspielen, wie der von Sincerus zitirte französische Kritiker hervorhebt. Freilich hat Sincerus ihm gegenüber durch- aus recht, daß er es„vollständig begreiflich, ja natürlich" findet, wenn„in Zeiten, in welchen das Morgen unsicher und tot- bringend ist, die Menschen das Heute genießen und sich in un- gebändigter Lust des Lebens freuen". Aber genau ebenso begreiflich wäre es gewesen, wenn ini Strudel der durch den mächtigen Drang der politischen Ereignisse erzeugten und gewissermaßen krampfhaft gesteigerten Lust die Fähigkeit, Dramen und Tragödien zu schaffen für die Bretter, welche nur die Welt bedeuten, gänzlich untergegangen wäre oder völlig sich in Starrheit und Aberwiz aufgelöst hätte. Aber merkwürdigerweise geschah das nicht!-- Im Gegenteil,— man braucht nur einigermaßen in die Geschichte des Tcaters der Kulturvölker cingeweit zu sein, um zu der Anerken- ming gezwungen zu werden, daß zum mindesten die dramaturgi- scheu Bestrebungen der französischen Revolutionäre, wenn nicht ihre dramatischeii Leistungen, einen höchst bemerkenswerten Fort- schritt in der Erkentnis dessen, was das Teater zu leisten habe, bezeichnen. Wenn Couthon im Konvent erklärte, daß das mit der Auf- klärung und der Bildung der öffentlichen Meinung betraute Komitee erwogen habe,„daß die Teater die gegenwärtigen Um- stände nicht übersehen dürfen", und wenn er hinzufügt, die Teater hätten„zu lange der Tyrannei gedient", und es sei Zeit,„daß sie endlich der Freiheit dienen", so bekundet er, gleichviel was er unter Freiheit verstanden haben mag, mehr Verständnis für die Aufgabe der dramatischen Dichtkunst und mehr Ächtung vor ihr, als heutzutage die meisten deutschen Hofteaterdirektoren, Intendanten und Generalintendanteii an den Tag legen. Und das Programm Billaud-Varennes' ist grade in jenen von Sincerus angefürten Worten so karakteristisch für die drama- turgischen Bestrebungen der französischeu Revolutionsmäniicr, daß mau eigentlich nur nötig haben sollte, sie ein einziges mal zu lesen, um vor jenen Bestrebungen Respekt, ganz gewaltigen Respekt zu bekommen. Wiederholen wir sie hier! „Nemt den Menschen von seiner Geburt an," sagte Billaud- Varenncs am 24. April des Jares 1794,„um ihn schließlich zur Tugend zu füren durch die Bewunderung der großen Ereignisse und durch den Entusiasmus, welchen sie einhauchen... das sind lebendige und ergreifende Bilder, welche tiefe Eindrücke hinter- lassen, welche die Seele erheben, welche das Gemeine vertiefen, welche den Bürgersinn und das Mcnschengefül clektrisiren: den Rürgersinn, dieses höchste Prinzip der Selbstverleugnung, welche selbst wieder die unversiegliche Quelle aller großen bürgerlichen und gesellschaftlichen Tugenden ist." Selbst das„famose Programm", wie es Sincerus nent, das der„berüchtigte Prokousul von Avignon", das Konvents- Mitglied Maignet, in Marseille veröffentlichte, scheint mir vom Standpunkte des politisch parteilosen Kritikers noch garnicht so übel. Denn warum sollte es damals nicht zeitgemäß erschienen sein, die Teater„an einen vernünftigen Zweck zu erinnern, sie zu einer nationalen Institution zu erheben, sie zu republikanisiren und eine nationale Schule daraus zu bilden, welche durch ihre eigenartigen Sitten die Bürgertugcndeu lehrt und befördert"? Dieses„famose Programm" des„berüchtigten Maignet" hat nämlich verschiedenes sehr gewichtige und sehr richtige mit dem gleichfalls und in allem Ernst famosen Programm des berühm- testen Dramaturgen und Kunstteoretikers aller Zeiten, mit unserm Lessiug, gemein. Auch gewiß sehr merkwürdig, aber doch unleugbar war! Auch Lessing wollte dem Teater einen vernünftigen Zweck als ehernes Fundament unterbauen, und auch er wollte es zu einer nationalen Institution erheben. Freilich weichen die Ansichten Maignets über das, was der vernünftige Zweck des Tcaters sein sollte, von denen Lessings ziemlich bedenklich ab, denn Maignet wollte vor allem durch das Teater die Bürgcrtugeudcu gelehrt und befördert haben, er wollte das Teater republikauisirt sehen. Das ist nun freilich einseitig, es ist beschränkt; solches Ver- langen get aus falschen Anschauungen, aus mangelhafter Erkentnis des Wesens und der Aufgabe der Kunst hervor und ist allerdings und in Warheit töricht. Die Kunst in allen ihren Zweigen findet ihre höchste Auf- gäbe in der Verschönerung und Veredlung aller Menschenwerke und alles Menschenlebens; sie muß also den ganzen Menschen packen, ihn erheben und läutern, und nicht blos den Aienschcn, soweit er Bürger ist. Die Kunst soll und kann darum auch nicht„republikauisirt", d. h. der Staatsform Republik angepaßt, und als Mittel zu irgendeinem republikanischen Zwecke gebraucht werden, denn die Kunst stet kraft ihrer Aufgabe hoch über jeder Staatsform— die Staatsfornicn, gleichviel ob Despotie oder Republik, tun das beste, was sie tun können, wenn sie sich in ihren, in der Kunst Dienst begeben und in den Dienst ihrer einzig ebenbürtigen Schwester— der Wissenschaft. Wissenschaftlich zu untersuchen, welche Staatsform die beste Dienerin von Kunst und Wissenschaft zu sein sich eignet, ist hier nicht am Plaz, dazu bedarf es tiefer kulturhistorischer, mit höchstem Aufwand kritischer Objektivität ausgestatteter Forschungen, und die endgiltige Antwort auf diese Frage kann doch nur erteilt werden von den Resultaten, welche die Kulturentwicklung der Menschheit in den kommenden Jartauscnden aus Licht fördern wird. Aber daran erinnert möge sein, daß der einzige Staat, welcher nach unsrer, sich in allerdings komischer Anmaßung so nennenden, Weltgeschichte in mindstens annähernd würdiger Weise Kunst und Wissenschaft diente, eine RcpnMik war— die perikleische Republik des alten Athen. Von der Höhe der Anschauung herab, welche wir in den vorhergehenden Ansfürungcn erreicht haben, nimt sich freilich alles, was die von Sincerus zitirten Männer der französischen Republik über die Bestimmung der dramatischen Kunst gesagt haben, klein genug aus, aber deutlich crkenbar dämmert doch in ialr dem angcfürten nicht nur die Ueberzeugung, daß das fran- zidsische Tcater der vorrepnblikanischcn Zeit seine Aufgabe ganz und gc>r verfette, daß es zu etwas besserem, weit besserem bestinit sei, sondern auch die Erkentnis, daß es vom Staate und Volke, von de>.' Nation dazu erhoben werden müsse. Das war gewiß ein vielversprechender Anfang zur Besserung!— Daß es bei diesem Aciifange im großen und ganzen bis heute geblieben ist, ja, daß heute, nach einem Jarhnndcrt noch, in allen Kulturländern die dramatische Kunst grade in ihrem dominirenden, auch von dem angeblich„gebildeten" Publikum meistgeliebten und gepflegten Teile nicht einmal diesem Aufdämmern besserer teoretischer Erkentnis in ihren Leistungen gerecht geworden ist, dafür können die französischen Republikaner von 1789 sicher am allerwenigsten verantwortlich gemacht werden. Und nun die andern Vorlvürsc, mit welchen Sincerus neben der kapitalen Verkennung des Wesens und der Aufgabe eines höchstbedeutenden Teiles der Kunst die teatralischen Sünden der französischen Republik heimsucht! „In den Kulissen und auf der Szene zankte, beleidigte, ohrfeigte man sich."-- Abscheulich, wirklich höchst ungebildet, ja roh. Gesittete Menschen sollen sich weder zanken, auch wenn sie Meinungsverschiedenheiten auszufechten haben, sie sollen sich noch Btiuie in die Gewerbe- und IiidustricauslkeUung;u Halle a/S. tSortsezung.) III. Bcrg-, Hüllen- und Salinenwese». Die Provinz Sachsen ist für den Bergbau von besonderer Be- dentung. Silber, Kupfer, Salz, Eisen und Braunkolen sind die Schaze, die liier die Erde verschließt. Man braucht nur an die Auf- schrist:„Segen des mansselder Bergbaues" aus den schönen Silber- talcrn zn erinnern, mn auf einen der Hauptfundorte des edlen Metalls hinzuweisen. Der niaiisfclder Bergbau repräsentirt sich denn auch auf der Ausstellung in imposanter Weise. Man findet da eine graphische Darstellung der Kupfer- und Silberproduktion in den Jaren 1779 bis l 889, die ein lehrreiches Bild von den Schwankungen in der Gewinnung dieser Metalle sowol wie von den Schwankungen des Wertvcrhältnisses derselben gibt. Eine größere Anzal Modelle von Bergwerksbanten läßt den Beschauer die schwierige und gefarvolle Arbeit der Bergleute erkennen, Wärend Modelle von Hochöseu, Zeichnungen und Photographien die Hüttcntäligkeit zu veranschaulichen bestimt sind. Bon Hüttenpro- dukten selbst ist eine sehr große und natürlich überaus wertvolle Menge ausgestellt. Wem schien nicht die Kollektion von zehn Feinsilberbarren begehrenswert, die hier dem Auge entgegcnglänzen, wer erstaunte nicht über die großen Kupferbleche, die inan da in einer Länge bis zu neun Metern und bis zum Gewicht von zehn Kilogramm sehen kann, über die»lächtigcu kupfernen Böden und Kessel, die daneben lagern?— Diese Ausstellung der mansselder kupfcrjchiefcrbauenden Gesellschaft, welche übrigens über 13,000 Arbeiter beschäftigt, ist denn auch von der Jury durch die Verleihung der goldenen Medaille ausgezeichnet worden. Ein Bericht über eine Ausstellung, deren Schauplaz Halle a. d. S. ist, wird nicht geschrieben werden können, one dem Salzbergbau eine besondere Berücksichtigung zu teil werden zu lassen. Ist doch die Ge- schichte der Stadt Halle ans das engste mit derjenigen des lezteren verknüpft, und wir gebe» daher auch zuerst eine kurze Skizze, wie sich hier der Salzbergbau und mit ihm die alte Saalstadt länger als ein Jartausend hindurch entwickell hat. Neben dem Salzdorse Halla erbaute 806 König Karl(Karls des Großen Sohn) eine feste Burg, warschein- lich das schwarze Schloß, welches an der Stelle der jezigen Morizburg lag. 961 schenkte König Otto I. den ganzen Gau Neletice mit allen salzig n Gewässern dem Morizkloster in Magdeburg. Diese Schenkung ging 968 auf das vom Kaiser Otto I. gestiftete Erzbistum Magdeburg über. Wie früher der König, so war fortan der Erzbischof von Mag- deburg Eigentümer der Salzbrunnen im Gau Neletice. Der Erzbischof belehnte mit den Salzgütern verschiedene Lehnsleute, welche die Salz- bereitung durch des Salzsiedens kundige Wenden, von denen der ganze Gau Neletice bevölkert war, ausüben ließen. Das alte Salzdors Halle im Tale an der Saale(welches nie, wie behauptet worden ist, Dobra- gora geheißen hat, da dieser Name die wendische Bezeichnung für das früher mit einer Burg versehene benachbarte„Gutcnbcrg" ist, während eine verdächtige Urkunde König Könrads II. vom Jare 1029 den Na- mcn Dobrcsol— Gutsalz— hat) wuchs bald zur blühenden Handels« stadt heran, als welche sie sicher 1124 erscheint. In ihr hielt, wie im weniger beleidigen, und am allerwenigsten—— entsezlich zu sagen: orfeigen. Schade nur, daß nicht einmal die Orfeige hinter den Kulissen und vor den Kulissen bis heutigen Tags außer Mode gekommen ist. V. Sincerus, dessen gesellschaft- liche Stellung ihn, wenn ich nicht irre, mit mehr als einer hervorragenden Büne unsrer Tage, insbesondere auch mit Hof- bünen in Berürung gebracht hat, wird in seiner Erinnerung nach Skandal- und Prllgelszenen zwischen Schauspielern, Dichtern und Teaterrezensentcn neuester Zeit nicht vergeblich suchen.— Par exernple: vor wenig mehr als zehn Jaren schimpfte ein heute noch zu den allerberühmtesten zälcnder Opernsänger der vornemsten deutschen Hofbüne eine gleichfalls heute noch als eine der allerberühmtesten gefeierte Opernsängerin hinter den Kulissen auf das beleidigendste und unanständigste, und dafür sprang die körperlich kleine Diva an dem in jeder Beziehung großen Sänger empor und applizirte ihm ein par Orfeigen, an die seine Oren noch lange brummend gedacht haben sollen. Und ferner, ist Herrn Sincerus nicht die Skandalgeschichte des leipziger Stadtteaters bekant? Hat man sich da in den lezten Jaren etwa nicht gelegentlich gezankt, beleidigt und georfeigt? Mit all' den übrigen Vorwürfen, die Sincerus gegen das Teater der französischen Republik erhebt, stet es genau so. Dieselben oder noch schwerere lassen sich, zum mindesten mit demselben Recht, gegen das Teater der Gegenwart erheben, und da die Anname der Un- bekantschaft mit den bezüglichen Zuständen bei einem Mann wie Sincerus ausgeschlossen ist, kann es nichts andres als der Aus- fluß einer bei dem Kritiker unstatthaften, republikfeindlichen Ten- denz sein, wenn Sincerus dessen bei der Beurteilung der dramati- scheu Verhältnisse Wärend der Revolution nicht eingedenk ist. ganzen Erzbistum Magdeburg, der vom Kaiser»lit dem Banne belehnte Burggraf von Magdeburg Gericht(wie es 1123 Markgraf Wie- prccht v. Groitzsch als Burggraf von Magdeburg bereits tat). Der Burggraf von Magdeburg, der järlich nur dreimal zum Gericht kam, belehnte den erzbischöflichen Salzguts-Betricbsdirigenten mit der Gerichts- barkeit in(Talstadt) Halle; dieser Vorsizer des Gerichts hieß„Salzgraf, eomov ealis", das Gericht selber„Talschöffenbauk".(Als bis zum Anfange des 12. Jarhunderts neben der Talstadt die Bergstadt Halle entstanden war, wurde für diese die„Bergschösfenbank" eingerichtet, deren Vorsizender später der Schultheiß war, der ebenfalls vom Burg- grasen von Magdeburg die Gerichtsbarkeit als Lehen empfing.) Die Talgüter oder Salzbornlchne, welche im 12. Jarhundcrt noch Eigentum des Erzbischofs von Magdeburg sind, erscheinen nach der Mitte des 13. Jarhunderts als Erblehne der Pfänner. Die Psänncr bildeten das Patriziat der Stadt Halle. Um sich von der Herrschast des Erzbischofs und seiner Beamten, des Salzgrafcn und der Schöffenbänke, freier zu machen, errichteten die Pfänner eine neue Behörde, den Rat der Stadt, um die Mitte des 13. Jarhunderts. Das Talamt bestand in der ältesten Zeit aus nenn Schöffen, zu denen seit 1475 die drei Oberborn- mcister(für den wendischen, deutschen„Gutjars" und Meterizbrunnen mit dem Hackeborne) gehörten. Das Talamt mußte mindestens wöchent- lich einmal zusammentreten, über allgemeine Talangelegenheiteu be- raten und die Salzlagcr und das Gewicht der Salzstücke inspiziren. Außerdem hatte es järlich drei Botdinge, in denen bürgerliche und peinliche Klagen abgeurtelt wurden, abzuhalten. Seit 1482 bestand das Talgericht aus dem Salzgrafen und 12 Schöppen, dem Bornschreiber und dem Talvogte und hielt wöchentlich zweimal, Freitags nachmittags und Sonnabends vormittags, Sizungcn auf dem Talhause ab. Bot» dinge wurden nur järlich zwei gehegt. 1722 wurde aus Besel König Friedrich Wilhelms I. von Preußen das Talgericht mit dem Burgge- richte vereinigt und der Salzgräse fortan vom Könige ernannt, die bis- herigcn Talschöppen aber fielen weg. Solches Talgericht sollte ferner- hin den Nanicn„Sr. königlichen Majestät in Preußen zu denen Talge- richten verordnete Salzgräse und Assessors" tragen. Erst am 1. Juli d. I. ist das Talgericht völlig aufgehoben, die„konsolidirte Hallesche Pfänner- schast" aber neuerdings revrganisirt worden. Die Ausstellung der jezteren ist eine sehr umfangreiche. Erreicht doch die Jaresproduktion an ausgezeichnetem Spcisesalz, welches die Halloren in der Saline her- stellen, eine Höhe von 220,000 Zentnern. Die Resultate der Salzge- winnung werden auf einem 15-armigen, von einem kleinen Halloren ge- krönten Ständer in folgender Reihenfolge dargestellt: Schachtsoole, Mutterlauge und Siedesoole, Tafelsalz, grobkörniges, mittelkörniges und seinkörniges Speisesalz, Badesalz, Düngesalz und Steinsalzkerne. Nächst- dem ist die Veranschaulichung des Grubenbetriebes und der maschinellen Seilsörderung durch zalreiche Modelle interessant. Die Ergebnisse des Vraunkolenbergbaues der Pfännerschaft werden in einem mächtigen pyra- midalen Ausbau vorgcfürt. Auch das herzoglich anhaltische Salzwerk Leopoldshall bringt verschiedene Salze in Glasglockcen zc. und einen Grund- und Profilriß des Werkes zur Anschauung. Ein nicht minder bedeutendes Salzbergwerk ist die Gewerkschaft Neustabfurt, welche sich im Jare 1871 konstituirt hat und gegenwärtig circa 800 Beamte und Arbeiter beschäftigt; dieses Werk stellt Steinsalze, Karnallit, Kainit, Boracit, Kicjcrit ic. aus und zwar in einem recht geschmackvollen Pa- Villau, der von einer durch Bergleute des Werkes aus Steinsalz herge- stellten Pyramide gekrönt ist. Die heilkräftige Verwendung der Salz- sole für Badezwecke, sowie zu Trinkkuren veranschaulicht die Aktien- gcsellschaft der Saline und des Solbades zu Salzungen, und den Prozeß der Herstellung des Alauns bringt die Berwallung des Alaun- Werkes Schwemsal bei Düben, welche mächtige Küpen auS krystallisirtem, doppelt und sein raffinirtem Alaun vorfürt, zur Darstellung. Die ebenfalls mit der goldnen Medaille präniiirte Gesamtausstellung der fiskalischen Sa- linen und Salzwerke der Provinz Sachsen ist vom Obcrbergamt zu Halle veranstaltet worden. Der Obelisk dieser Ausstellung trägt Siedesalze, Steinsalze und Kalisalze, die, wie im Katalog bemerkt ist, nach der ganzen Welt abgesezt werden. Es sind bei dieser Kollektivausstellung die Salinen Schönebeck, Ariern, Dürrenberg und die Salzwerke Slaßsurt und Erfurt beteiligt, welche insgesamt nahezu 1400 Arbeiter beschäftigen. Gleich- zeilig ausgestellt sind durch das Oberbergamt eine Anzal schöner und wertvoller geologischer Karten; man kann an denselben studiren, wie verschiedenartig die Verhältnisse sind, unter denen das Salz in der Erde gefunden wird. Wärend z. B. in Schönebeck drei verschiedene Schichten Sandstein, obcrbunter,»littelbunter und nnterbunter, zu durchdringen waren, um auf das Stcinsalzlager zu stoßen, bedurste es im Werke zu Ariern der Durchbohrung folgender Schichten: Diluvium und Tertiär, Buntsandstein, Sand- und Tonstein, Letten, Gyps, Anhydrit mit Stinkstein. Wenn auch natürlich nicht zu dieser Gruppe gehörig, verdient die Gasöl-Anlage, welche die Firma R. Drescher in Chemnitz i./S. vorsllrt, hier anhangsweise kurz erwänt zu werden. Zwei Restaurationsetab- lissemeuts auf dem Ausstellungsplaz werden durch dieses Oelgas be- leuchtet. Zu der Herstellung des Gases wird dunkles Paraffinöl dritter Sorte verwant. 1 Centner Paraffinöl liefert 28—30 Kubikmeter vor- treffliches Leuchtgas. Im wesentlichen bestet die Oelgasanstalt auf der Ausstellung aus dem Gasometer, dem Skrubber und dem Retortenofen, der gewönlich aus Mauer- und Chamotlesteinen gebaut ist, und in welchem, je nach der Größe der Anstalt, eine oder mehrere gußeiserne Retorten eingemauert sind; oberhalb des Hinteren Teiles des Osens be- finden sich die nach der Zal der Retorten nötigen Oelkübel, welche das zur Vergasung dienende Oel ausnemen und dieses durch Auslaushähne in eine I>söri»ige, mit Trichter versehene, am Hinteren Teil der Re- torte befindliche Röre zur Vergasung einfüren. Durch gußeiserne Auf- und Uebcrsteigrore wird das Gas nach der horizontal auf dem Ofen liegenden Vorlage(Hydraulik) gefürt, die, wie bei der Steinkolengas- bcreitung, für jede Retorte einen Verschluß bildet. Von der Vorlage aus gelaugt das Gas durch Vcrbindungsrohre nach dem cylindcrsör- migen Skrubber, der, mit Coaks gefüllt, dazu dient, das Gas abzu- kühlen und von den noch darin befindlichen teerigen Bestandteilen zu befreien. Auf gleichem Wege gelangt das Gas vom Skrubber nach dem Reinigungskasten, der mit Kalk, grobe» Sägespänen und Eisenvitriol gefüllt ist und die Bestimmung hat, alle etwa noch vorhandenen Un- reinlichkeiten des Gases zu beseitigen. Von hier wird das Gas durch Rore nach dem Gasomelcr— hier ein Teleskop-Gasometer— geleitet. Tie Bereitung des Gases ist eine höchst einfache und gefarlose und gc- schict in folgender Weise: Nachdem die Retorten in die gehörige Rot- glühhizc vcrsczt sind, was circa 2'/,— 4 Stunde» beansprucht, öffnet man die an den Oclkübeln angebrachte» Hähne und läßt den Oelein- lauf nach der Retorte durch das U- förmig gebogene Ror erfolgen. Diese cinsache Manipulation kann von jedem Handarbeiter besorgt werden. Es erübrigt noch die Konstruktion des Retortensystems hervorzuheben. Bei den gebräuchlichen Retorteusystemen ist fast ausnamslos die so schädliche Graphitbildung nicht zu vermeiden— ein Uebelstand, der durch das der Firma Drescher patentirtc Retortensystem verhindert werden soll. Der Graphit in den Oelgasretorten entstet durch die bei der Ber- gasung in diesen sich niederschlagenden, unvergasliche», festen Bestand- teile und den überschüssigen Kolenstoff des Gasöls, die sich beim Auf- treffen des lezterc» aus der Retortcnfläche ausscheiden, anfangs brei- artige Rückstände bilden, aber durch die hohe Temperatur der Retorten- wände ziemlich schnell verhärten und kesselstcinartig als Graphit fest- brennen. In jeder Stunde des Retortenbetriebes stärker werdend, er- reichen die Graphitschichten die Dicke mehrerer Zolle. Durch das dreschersche Rclorteusystcm werden diese Uebelständc in einfacher Weise beseitigt. Für kleinere Städte, industrielle Etablissements, Bahnhöfe ,c. ist die Oclgasbelcuchtung als die praktischste zu empfelen. Verdichtungen in den Rorleitungcn selbst bei der größten Kälte finden nicht statt, wä- rend allerdings bei Steinkolengas derartige Betriebsstörungen im Winter häufig vorkommen. Das zur Vergasung notwendige Material ist überall leicht und billig zu erlangen und bestct in der Hauptsache—'ganz nach der örtliche» Lage der Gasanstalt— in Paraffinölen, resp. Braunkolen- tecrölen, Petrolcumrückständen, den sogcnanten Blau- und Grünölcn eben so gut, wie in Roh-Naphtha, Abfällen von pflanzlichen und tie- rischcn Fetten jc. So wird zum Beispiel in den Spinnereien von Augsburg und Mülhausen das aus den Waschbottichen abfließende Waffer, welches den Schweiß der Wolle und die gebrauchte Seife enthält, in Cisteruen geleitet, dort mit Kalkmilch gemischt und zwölf Stunden lang der Ruhe überlassen. Es bildet sich ein Bodensaz, der, nachdem die über- stehende klare Flüssigkeit entfernt worden, auf Seihetücher aus grober Leinewand gebracht wird. Unreinigkciten, wie Hare, Sand und der- gleichen werden zurückgehalten, Wärend die durchgelaufene Masse in Kellerräume gelangt, iu welchen sich nach t>— 3 Tagen eine teigarlige Masse bildet, die mit dem Spaten iu prismatische Stücke von der Größe halber Ziegelsteine ausgestochen und auf Horden getrocknet wird. Die trockenen Stücke werden änlich wie bei der Gasbereitung der Destillation unterworfen und liesern ein Gas, welches nicht gereinigt zu werden braucht und eine dreisach stärkere Leuchlkrast besizt, als das aus guter Gassteinkole gewonnene. Das Waschwascher einer Kanigarnspinnerei von 20 000 Spindeln liefert, wenn es dcul beschriebenen Prozesse unter- worsen wird, ca. 500 Kilogramm getrocknete Masse, Suinter genant, täglich; 1 Kilogramm Suinter gibt 210 Liter Gas. Järlich werden im Durchschnitt 150 000 Kilogramm Suinter gewonnen und im regelmäßigen Betriebe können daraus 3 l 500 000 Liter Gas bereitet werden. Eine Flamme konsumirt in der Stunde 35 Liter, mit der angefürteu Quantität ließen sich, das Brennen einer Gasflamme auf 1200 Stunden berechnet, 750 Gasslammen speisen. Eine Fabrik von 20 000 Spindeln bedarf zu ihrer Erleuchtung nur 500 Flammen; es bleibt demnach der noch für 250 Flammen dienende Suinter, im ganzen 5000 Kilogramm, zu anderweitiger Verwendung bereit. Das Paraffinöl-Glas, welches auf der Ausstellung zur Verwendung kamt, ist frei von widerlichen Verbreniiuiigsprodukle», ammoniakalischen und schwefelhaltigen Beimischungen, enthält weder Koleusänre und Kolen- oxydgase noch Lust rc., womit gewöuliche Leuchtgase stet» verunreinigt sind; es ist schon im ungcrciuigten Zustande reiner und bedeutend ge- haltreicher als bestgereinigtes Steinkolengas, verbrent mit brillant weißer Flamme und ist insofern auch eine Quelle des schönste» und billigsten Lichtes. IV. Die Presse auf der Ausstellung. Auch die Presse, die„fünfte Großmacht", ist auf der Ausstellung vertreten. Die Verleger der„Magdeburgischen Ztg." haben einen eigenen, umfangreichen Pavillon errichten lassen, iu welchem vor den Augen der Besucher der Druck der„AussteUungszcitung" vollzogen ivird. Einiges für weitere Kreise interessante sei aus dem Inhalt dieses Pavillons her- vorgehobeu. Der Blick des Eintretenden fällt zunächst auf die in der Mitte des Raumes aufgestellte Rotationspresse mit ihre» zallosen blinkenden Rädern, Messingteilen, Cylinderu». s. w., darüber hinweg auf eine hohe weiße Giebelnische, in deren Fries in Goldbuchstabcn der alte Buch- druckerspruch stet:„Gott grüß die Kunst", und deren Inneres einer vom Magdeburger Bildhauer Habs modellirten Rieseubüste Raum gegeben hat. Ein ernstes, bärtiges Menschenantliz mit großen sinnenden Augen schaut uns an— es ist Gutenberg, der Erfinder der Buchdruckerkuust. Rechts und links von der Nische, in den beiden Ecken des Raumes, sind hohe Pyramiden ausgetürmt, aus Rotationspapicr bestehend, deren Spizc» von dem alten Buchdruckerzcichen, dem silbernen Greisen, der den schivarzen Druckballen in den Klauen hält, gekrönt werden. Rechts hinter der Nische stet eine horizontal gelagerte Dampfmaschine, welche zum Treiben der Rotationspresse dient. Ehe wir aus eine Beschreibung dieser Rotationspresse eingehe», sei zunächst einiges über das Slereolypverfare», welches erst die Anwen- dung der Rvtationsinaschiiien ermöglichte, mitgeteilt. Unter Stereotype» vcrstet man die Ansertigung von Mctallplatten, welche eine genaue Kopie des zum Abdruck bestirnten, ans beweglichen Lettern zusammengesezten Schriftsazes darstellen, zum Zweck wieder- holten Abdrucks und längerer Aufbewarung der Förni, one daß ein Nensaz oder das Brachlegen eines größeren Letternvorrats nötig wäre. Man gcwint diese Platten durch Ausgießen einer von der Druckform genoiiimenen Matrize(Schriftguß) mittelst einer der Lettcrnmaffc än- lichen Legirung(Melallverbiudung). Nach Art der Herstellung der Ma- trize unterscheidet man zwei Versaren: die ältere, die Gypsstereotypie, welche flüssigen Gyps oder tonigc Zusammensezungen bcnuzt, und die neuere, die Papierstereotypie, welche, 1829 von dem Franzosen Genoux erfunden, Lagen von Seideupapier mit einer zwischen die einzelnen Blätter gestricheneu Mischung von Kleister und Schlemkrcidc benuzt. (Schluß folgt.) Treue Wächter.(Jllustr. S. 017.) Besondere Freundschaft hat zwischen Hund und Kaze bekantlich nie geherscht, aber am allerwenigste» noch war dies Gefül anzutreffen zwischen dem grauen Kater, der ans unserem Bilde rechts oben auf dem Strohhausen zornschnaubend stet und dem kleinen krumbeinigen Waldmann, ivclcher nicht minder seiner Entrüstung Lust macht. Nichts ist aber erklärlicher als diese Feind- schalt, welche zum offenen Kriege überzugehen drot. Der Kater, dessen Jagdrevier in den Keller», Scheunen und Ställen ist, wo er weder Ratten noch Mäuse cxistircn läßt, hatte, durch diese seine Jagderfolge über- mütig und stolz gemacht, sich auch einmal an einem edleren Wild ver- suchen wollen, und dazu schienen ihm der prächtige Rehbock, sowie die Angehörigen der Familie Lampe, welche da gemeinschaftlich den Plaz vor dem Hause einuemen, die geeigneten Objekte zu sein. Sie sind zwar tot und biete» dem Peier deshalb keine besondere Gelegenheit zur Erprobung seiner Jagdgcschicklichkeit, aber was tut das?— Dürste es sich doch am Ende mehr um die Erlangung eines seltenen und fetten Bissens Handel». Und so war er denn in seinem Beginne» schon 628 so weit gelangt, daß er seiner Beute sicher schien, als der wachsame Waldmann, entrüstet über den frechen Eindringling, aus seinem Schlupf- Winkel hervorbrach und einen von furchtbarein Gebell begleiteten Angriff auf den unberufenen Gast unteinani. Das focht zwar den Peter wenig an, und der wachsame Dachshund hat schon manche Orfeige von ihm bekommen und wäre am Ende noch übler von seinen scharfen Krallen und Zähnen zugerichtet worden, wenn nicht der Höllenspektakel Nimrod herbeigelockt hätte. Die Ankunft dieses mit Recht gefürchteten Gegners zwingt denn den Peter auch zur Flucht nach seiner jezigen Stellung, die er mit gesträubten Haren und krummem Buckel schnaufend einnimt. Aber das hilft ihm alles nichts; für diesmal ist er gänzlich abgeblizt, und die beiden Wächter da unten scheinen auch gar keine Lust zu haben, jemals in ihr Reich auch nur den Eintritt gestatten zu wollen._ Henry Wadsworth Longfellow.(Porträt S. 621.) In einem Lande wie Amerika, dessen Leben von der trockensten Prosa beherscht und geleitet wird, muß sich die Erscheinung eines großen Dichters um so glänzender von der prosaischen Bildfläche des Volkslebens abheben. Besonders große Beanlagung und unabhängige Lebensstellung und ein von Kummer und Sorgen ungetrübtes Dasein sind wol hier, wo das Ringen um die materielle Existenz den ganze» Menschen zumeist einzig und allein in Anspruch nimt, viel mehr wie anderwärts Vorbedingung für poetisches Schaffen. Zu jenen wenigen Glücklichen, welchen die Natur diese intellektuellen und materiellen Güter verliehen, gehört nun der Mann, dessen Porträt die„Neue Welt" ihren Freunden und Lesern präsentirt. Drüben in seinem Vaterlavde erfreut sich denn auch kein Dichter einer größeren Popularität als dieser, und auch Deutsch- land wie ganz Europa hat Ursache, ihm dankbar zu sein. Hat er doch das Verdienst, die Meisterwerke unserer Dichtkunst, wie z. B. die„Frith- jofssage", Dantes„Göttliche Komödie" und andere, seinen Landslcuten durch gelungene Ucbersezungen bekantgegeben zu haben. Henry Wadsworth Longfellow wurde als San eines Advokaten am 27. Februar 1867 in Pvrtland im Staat Maine geboren. Vierzehn Jare alt, besuchte er das Bowdoin College zu Brunswick, aus welchem er 1825 nach Vollendung seiner Studien ausschied. Da er wenig Ge- fallen an dem Berus seines Vaters fand, so folgte er freudig dem Ruf desselben Kollegs, welches ihm 1826 die Stelle eines Professors der neueren Sprachen anbot. Bevor er jedoch in diese Stellung eintrat, unternam er eine Reise nach Frankreich, Spanien, England, Deutschland, Italien) Holland und Schweden, von der er 1829 zurückkehrte. Eine von ihm im Jare 1833 veröffentlichte Uebersezung, sowie die 1835 er- folgte Publikation des Romans„Outremer" machten seinen Namen in ganz Amerika bekanl. Im leztgenanten Jare wurde er denn auch als Professor der neueren Sprachen und der schönen Literatur an das be- rühmte Harvard College zu Cambridge bei Boston berufen, welcher Ort sein stündiger Wonsiz geworden ist. Aber auch diesmal unternam er vor dem Eintritt in seine neue Stellung eine Reise nach Europa und besuchte zunächst Schweden und Dänemark. Den Winter des Jaies 1835 verlebte er in Deutschland, und hier, in Heidelberg, stirbt ihm seine Gattin, mit welcher er seit 1831 ehelich verbunden war. Nachdem er im Frühjar noch Tyrol und die Schweiz bereist hatte, trat er 1836 die genante Profcssur an und verblieb in dieser Position bis 1853. Von dieser Zeit an widmet er sich ausschließlich der Poesie und den Wissen- schaffen. Seine zweite Frau, mit welcher er sich kurz nach dem Tode seiner ersten Gemalin verheiratete, verlor er aus eine schreckliche Weise. Sie kam nämlich mit ihren Kleidern dem offenen Kaminfeuer zu nahe, diese fingen Feuer, und sie starb an den erlittenen Brandwunden.— Als Karakter wird Longfellow als äußerst liebenswürdig geschildert, seine Gastsreundschaft wird gerühmt. Von großem Einfluß auf sei» künstlerisches Schaffen sind jedenfalls die auf seinen Reisen empfangenen Eindrücke gewesen. So erschien bereits im Jare 1839 sein„Hyperion", ein Künstlerroman, dessen Hand- lung sich auf deutschem Boden abspielt und der die große Sympatie des Dichters für deutsches Wesen zeigt. Auch eines seiner Hauptwerke „Evangeline, a täte of Acadie", welches 1856 erschien, zeigt diese Ein- Wirkung, denn es wird mit vollem Recht als eine Nachbildung von Goethes.Hermann und Dorotea" bezeichnet. Das Werk behandelt eine romantische Episode aus früheren Tagen der französischen Ansiedelung in Canada und zeichnet sich durch die poetische und anmutige Weise der Erzälung und auch durch seine Wolklingenden Hexameter aus. Sein klassisch-schönes Vorbild erreicht es jedoch in keiner Weise. Die von den unseren so verschiedenen Verhältnisse Amerikas müssen natürlich auch aus den dort geborenen und anfgewachsenen Dichter den mächtigsten Eindruck hervorrusen, und so können denn auch seine Werke nicht one das Gepräge dieses anderen Denkens und Dichtens ins Leben treten. In seinem zweiten Hauptwerk:„The Song of Hiawatha" hat er eine Anzal Fabeln aus dem Jndianerlcben poetisch behandelt, und es fand das- selbe solch' großen Beifall, daß im Verlauf der ersten drei Monate nach dem Erscheinen 26606 Exemplare davon abgesezt wurden. Auch unter seinen Gedichten befinden sich viele, die sich sowvt durch Gedankenticse als auch durch ihre schöne Form auszeichne». Als Probe wollen wir hier nur eins folgen lassen, das, von Frciligrath übersezt, uner Reihe gegen die Sklaverei gerichteter Gedichte enlnoinmen ist: Warnung. Laßt euch gewarnt sein!— Ter den Leu'n erschlug, Der vor sich hertrieb der Philister Schar, Der Gazas Tor auf breiten Schultern trug— Er, als er blind nun und geschoren war, Als man ihn holte nun von seiner Mühle, Daß er, Ziel seines Hohns, vor seinen Quälern spiele:— Er packte wild und riß zu Boden dann Des Tempels Säulen:— nieder mit Getös Stürzte das Dach! So strafte dieser Manu Die Schöpfer seines augenlosen Wch's! Der arme Sklav, den sie verlachten alle, Zermalmte tausende in seinem eignen Falle! Ein blinder Simson auch in diesem Land, Machtlos, geschoren, gel in Kett' und Strick: O, hütet euch— daß nicht auch seine Hand Umreißt die Säulen dieser Republik, Bis unsrer Freiheit Tempel, hehr gefügt, Ein Trümmerlabyrinth formlos am Boden liegt! Die meisten der von Longfellow verfaßten Werke sind von den ver- schiedensten Schriftstellern ins Deutsche übertragen worden; vor allen aber sind die Uebersezungen von Böttgcr und Freiligrath zu erwänen. Von seinen Hauptwerken existirt sogar bereits eine Volksausgabe*). *) Longsellowi Bild und der Text»u demlelden sind dem im Verlage von Franz Goldhausen in Leipzig svom l. Oktober ab in Stuttgart, Ludwigftrabe 261 erschienene» „Omnibus"-Kalender«Jargang 1882; entnommen, und wollen wir dessen Anschaffung de» Leseni der„R. W." hiermit bestens empsolen haben. Zur gefälligen ZZeachtung. Wir geben hierdurch bckant, daß vom nächsten, mit dem 1. Oktober d. I. beginnenden Jargang an der Preis der„Neuen Welt" von 1 Mark 20 Pf. auf 1 Mark 50 Pf. pro Quartal crhöt werden wird, um uns in die Möglichkeit zu versezc», dem seitherigen Umfange jeder Nummer einen halben Druckbogen hinzufügen zu können. Es braucht wol kaum der besouderc» Bersicherung, daß Verlag und Redaktion, welch' leztcre übrigens nach wie vor von denselben Mitgliedern, die ihr seither augehörten, gebildet wird, keine Bemühung scheuen werden, um die„Neue Welt", sowol was den Text wie die Illustrationen angct, immer größerer Vollendung entgegenzufüren und ihr eine erste Stelle innerhalb der deutschen Journallitcratur zu sichern. Gleichzeitig wird unseren Lesern zur Kentnis gebracht, daß vom 1. Oktober an sich Redaktion und Verlag unsrer Zeitschrift in Stuttgart befinden werden, wohin die leztere in der Hoffnung übersiedelt, daß sich der weite Kreis ihrer Abonnenten durch immer neue Scharen nicht blos Unterhaltung, sondern vor allem auch Belehrung begehrender Leser vergrößern wird, die in ihrem Streben nach tvirklichcr Aufklärung auf allen Gebieten des Wissens, in ihrem ernsthaften Ringen nach geistiger Unabhängigkeit zu unterstüzeu, der„Neuen Welt" von jeher als ihre oberste und zugleich schönste Aufgabe erschienen ist! Ucrlag der„Neuen Welt". Franz Goldhanscn. Iahalt. Herschen oder dienen? Roman von M. Kautsky(Fortsezung).— Bilder aus dem Privatleben der Griechen und Römer, von I)r. Max Vogler(Fortsezung, mit Illustration).— Aus Deutschlands schlimster Blut- und Eisenzeit. Historische Novelle von Carl Eassan (Fortsezung).— Tendenzkritik wider Tcndenzdramatik. Eine Entgegnung wider die Arbeit„Das Teater zur Zeit der französischen Revolution" von V. Sincerus in der„N. W." Nr. 47, 48, Von Bruno Geiser(Schluß).— Blicke in die Gewerbe- und Industrieausstellung zu Halle a/S. (Fortsezung.) � Treue Wächter(mit Illustration).— Henry Wadsworth Longfellow(mit Porträt).— Zur gefälligen Beachtung. Verantwortlicher Redakteur: vr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 36 ä).— Expedition: Färbcrstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.