KW Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volt Helschen l Roman von Friz hatte indes in diesen schweren Tagen für alle und für alles gesorgt. Er hatte überdies, seinein Kontrakt gemäß, noch einmal aufzutreten, und er sang den Radamös mit einer andern Alda, da die Bianca sich an diesem Abend als„unpäßlich" hatte melden lassen. Das launische Publikum, durch diese Absage des vergötterten Lieblings verstimt, verhielt sich ihm gegenüber weit küler als das erstemal; nichtsdestoweniger drang der Jnipresario auf Ab- schluß des Kontrakts, und er hatte ihm einen mit höchst anncm- baren Bedingungen unterbreitet, aber Friz wies das Engagement mit aller Entschiedenheit zurück. Er dachte nicht mehr daran, zur Büne zu gehen. Seine vielfältige künstlerische Begabung hatte mit einemmale ein festes Ziel gefunden. Da Alfted unfähig war, die vom Grafen übernommene Arbeit auszufüren, so übcrnam Friz die Vollendung, und er arbeitete mit Lust und Liebe daran. Er arbeitete vorerst noch für den Freund und uni Geld ins Haus zu bringen, aber er fülte zu- gleich, daß ein tüchtiges Können in ihm ruhe, ein künstlerisches Vermögen, das nun mit einemmale siegreich hervorgebrochen und zu ganz selbständigem Schaffen drängte. Alfred bestritt es ihm nicht mehr. Der Graf hatte einen Vertrauensmann entsendet, einen tüch- tigen Kenner, der nach der Arbeit und ihrer raschen Been- digung sehen sollte, und diesem hatte Alfred selbst den Freund als den allein Beteiligten, dem sowol die Idee als die Aus- fürung zuzuschreiben sei, vorgestellt. Dieser intcressirte sich für den jungen Künstler, dessen Eigenart er sofort crkante, die ihn mehr für das dekorative Fach, aber hier in ganz hervorragender Weise, befähige. Viel Leinwand und große Pinsel brauche Friz Berger, be- merkte er scherzend, um seiner Phantasie und seiner flotten Hand freien Lauf zu lassen. Er riet ihm die Ausschmückung großer Säle und Teater zu überncmen und namentlich die der Bünen- dekoration. Er werde sich in diesem Genre zivar kein großes Vermögen erwerben, aber er tverde viel Beschäftigung und dabei sein reich- liches Auskommen haben und, da er hervorragend in diesem Fache, nur wenige Konkurrenz finden, völlige Unabhängigkeit sich sichern. Das war, was Friz verlangte, was sein freier, kräftiger Sinn bedurfte: Freiheit, ihm zusagende Arbeit und eine mäßige Wolhabenheit. Es sollte sich ihm verwirklichen. An tler dienen? !». Kautsky.(Schluß.) einem der nächsten Morgen aber vermochte er nicht,>vie er's in der leztcn Woche getan, alle Aufmerksamkeit dem nun bald been- beten Fries zuwendend, ruhig vor der Staffelei zu stehen, und wenn er auch Pinsel und Palette zur Hand nam, so legte er fi« doch bald darauf wieder weg, und er rantc in dem Atelier aus und nieder, bald nach der Uhr, bald nach der Sonne sehend, weil er heute weder der einen noch der andern trauen mochte; sie gingen ihm beide zu langsam. Hierauf trat er in das anstoßende Gemach, in dem die Kleine und Domenika sich befanden und wo, auf seine Anordnung, alles behaglicher und gefälliger geworden war. Nach den neuen Arrangements, die hier getroffen worden, kontc man erkennen, daß dies Zimmer bcstimt war, Gäste ans- zunemen. Und so war es auch. Tante Luise und Minna sollten hier woncn, und sie sollten heute mit dem Mittagszuge eintreffen. Endlich wird er die Geliebte wicdersehn,— wie sein Herz pocht in Erwartung dieser nahen glücklichen Wirklichkeit! Aber che er das Haus verließ, trat er mit leisem Schritt noch einmal in die Krankenstube. Seit gestern schöpfte man neue Hoffnung, daß Marie erhalten bleiben dürfte. Die starke Gefäßerregnng und ihr Puls hatten sich vermindert, sie erschien ruhiger, ihr Schlaf war nicht so vielfach unterbrochen wie bisher. Auch in diesem Augenblicke schlief sie, und auch Alfred, der seit jener Nacht in unermüdlichster Hingebung sie gepflegt hatte, war nun neben ihrem Bette in einem Lehnstul eingeschlafen. In diesem Zustand der Ruhe konte man erkennen, wie tief ihn der Jammer berürt, wie traurig er ihn verändert hatte. Das dunkle Har, das ihm wirr über die Schläfe hing, der un- gepflegte Bart ließen sein Gesicht fahl erscheinen, seine Augen waren eingefallen, seine Zuge schlaff, vom Gram durchfurcht, die elegante, sonst so elastische Gestalt war nun in sich zusammen- gesunken wie die eines müden Greises. Friz betrachtete ihn, und seine Brust hob sich in einem Seufzer, wie in unendlichem Mitleid. Ach, wenn es doch nur war wäre, ivcnn die Besserung anhielte, wenn sie uns nur für einige Zeit noch erhalten bliebe, es würde ja auch seine Erhaltung bedeuten; wie sollte er's denn überstehen, der Aermste! Dann trat er ans den Zehenspizen an das Bett heran, und ängstlich forschend beugte er sich über oie Kranke. Die heftige Röte war von ihrem Antliz gewichen, es erschien sehr blaß, blaß bis in die Lippen. Aöer hatte der Arzt nicht Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig.— In Heften ä 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. VI. SriDjifl, 24 Sfptbr. IWil, versichert, es wäre als ein günstiges Zeichen zu betrachten, wenn die Kongestionen nachließen? Und sie schlief so sanft, so fest, die Brust hob sich kaum unter dem immer noch raschen, aber matteren Schlage des Herzens. Möchte dies alles ein Zeichen der Ge- nesung sein! Es war ein brünstiger Wunsch, der aus der Tiefe eines Frcundesherzens kam. Er entfernte sich. Er ging nach dem Bahnhofe. Er war eine halbe Stunde vor Ankunft des Zuges erschienen und mußte warten: Jede Minute erschien ihm eine Ewigkeit. Endlich brauste der Zug heran. Die Waggontür wurde ge- öffnet— seine Augen hatten die schon gefunden, die er suchte. „Minna!" Im nächsten Augenblick hält er sie in seinen Armen und er küßt sein Mädchen im stürmischen Entzücken des Wieder- schcns, küßt es wiederholt und heftig, troz all der müssigen Gaffer, die sie umstanden. Sie' ist dieselbe— ganz seine Minna,— die lange Zeit hat sie nicht verändert, Arbeit, Kummer und Sorge haben diesem kräftigen gesunden Körper, diesen jugendlichen Zügen nichts au- haben können; nur das Auge blickt größer, bewußter noch; ge- klärter erscheint sie ihm deshalb, fast verklärt; als sie aber nun, sich enger an ihn schmiegend, voll Glückseligkeit ihm tief ins Auge schaut und lächelt, da findet er in diesem Lächeln, in den Grübchen, die sich in den Wangen bilden, den alten süßen Schelm; ach ja, dies Lächeln, so gut, so mild, so voll Herzensfreudigkeit, es bringt ihm alles Glück, es bringt ihm seine ganze Jugend wieder. Tante Luise erlaubt sich, endlich sich ihnen bemerkbar zu machen, und Friz umarmt die alte gute Freundin und ist sofort ernstlich bemüt, diese Vernachlässigung wieder gut zu machen. Sic fragen nun beide, wie aus einem Munde, in besorgter Dringlichkeit nach Marie. „Besser," lautet die Antwort,„wir haben wieder Hoffnung." O, dieser Schimmer von Hoffnung, er gibt ihnen den Mut, sich ihrem Glücke ganz hinzugeben, und es scheint zu wachsen mit jedem Blick, mit jedem Händedruck. Die Damen saßen in der Gondel auf dem dunklen Kissen, Friz auf einen Tabouret vor ihnen; der aufgcspante Leinen- baldachin schüzt sie vor der Mittagssonne und jedem zudring- lichen Blick, und er hält die Hände seiner Minna in den seinen und sie tauschen in Wort und Blick die vertraulichen Geständ- nisse ihrer alten Liebe und einer verschämteren neuen, die mit noch süßeren Ahnungen sie erfüllt. Er gehört ihr ganz und fürs Leben, er braucht es ihr nicht zu sagen, sie weiß es, und sie weiß auch, daß in ihrer Liebe jene Macht und jener Geist liegt, die die Ehe zu einer alles befrie- digenden Gemeinschaft macht. Was sie aber nicht weiß, daß ist, daß seine Treue einen so gefärlichen Strauß zu bestehen hatte, und daß es einen Augenblick sehr fraglich gewesen, ob er als Sieger daraus hervorgehen würde. Sie wird nie davon erfaren, und ihre Ruhe und Heiterkeit wird durch nichts getrübt werden, und so wird sie eine unter der kleinen Zal jener glücklichen Frauen sein, die arm, one Mitgift, von einem ehrlichen, braven und kräftigen Mann geliebt und geheiratet wird und Ehre, Frei- heit, Liebe, diese höchsten Güter auch des Weibes, als ein Ge- schenk dem einen hingeben darf, den sie selber liebt und dem ihr ganzes Herz gehört. Ein seltener Fall! ein viel seltenerer, als man zu glauben geneigt ist, und er wird unter den heutigen Wirtschaft- lichen Verhältnissen immer seltener werden; und doch hat unsere Gesellschaft in Beziehung auf das Weib nur diesen einen Fall vorausgesezt, in ihren Sitten und Gcsezen nur diesen einen in Be- tracht gezogen. Nur in diesem kann das Weib Glück und Achtung und alle Annemlichkeit des Lebens finden, aber für die Millionen, die dies schöne Ziel nicht erreichen, die garnicht heiraten, oder die, die unter dem Druck der Verhältnisse oder infolge ihrer Un- wissenheit ihre Freiheit, ihre Ehre, ihre Liebe einem Unwürdigen, oft einem Elenden hingeben müssen, für alle diese hat das Leben nur Enttäuschungen, Gefaren, Jammer und Verhöhnung.— Die Gondel hält an der schönen altersgrauen Fa�ade des Palazzo, den Alfred in Miete genommen, Friz hilft den Damen heraus und sie steigen die breite Treppe hinauf. Niemand komt ihnen entgegen, alles bleibt stumm. Ein banges Gefül des Schreckens erwacht in ihnen. Friz fürt die Damen in ihr Wonzimmer. Das Kindchen sizt hier in seinen! Körbchen, es ist allein und es streckt den Ankommenden im frölichen Jauchzen die Händchen entgegen.' Aber was ist das? Ein Weinen dringt ans dem Gemach nebenan, sie begeben sich dahin. Domenika, die Schürze über den verrauften Kopf gezogen, kauert in einer Ecke des Ateliers und schluchzt herzbrechend unter ihrer Hülle; Cencio sizt neben ihr, sucht sie zu beruhigen und schluchzt dabei kaum minder hestig. Domenika ziet, als sie die Eintretenden bemerkt, die Schürze von ihren tränenüberströmten Augen, sie will sprechen, aber sie bringt keinen Laut aus ihrer Kehle. Friz stürzt nach dem Krankenziinmer, in äußerster Bestürzung und dennoch vorsichtig auftretend folgen die Frauen. Marie liegt wie vorhin, als Friz sie verlassen, in ihrem Bette, blaß und ruhig, ein Lächeln fast der Befriedigung auf dem schönen sanften Gesicht; sie schläft— noch immer?! Ach, ein Blick auf den Gatten sagt ihnen alles. Der Un- glückliche stet an ihrer Seite, die Hände ineinander gepreßt, den großen leereu Blick starr auf sie geheftet, als könne er das Schreckliche noch nicht begreifen, nicht erfassen— als müsse er eine Bewegung noch erspähen, ein Zeichen, daß sie lebe,— und er schreckt auf,— er siet die Schwester, er erkent sie, und aus der Betäubung, die das Entsezen über ihn gebracht, erwachend, stürzt er mit dem herzzerreißenden AufschtTi:„Sie ist tot!" onmächtig zusammen. Neunzehntes Kapitel. Es ist völlig Nacht geworden. Eine heiße, zauberhaft schöne Nacht Venedigs. Die Sterne spiegeln sich im ruhigen Glänze in dem dunklen unbewegten Wasser des Kanal Grande und überall herscht Ruhe; eine sanfte, träumerische Stille. Sie ivird plözlich unterbrochen durch eine lange Reihe heran- ziehender Gondeln, die, dicht besezt, eine sröliche, entusiastische Schar vorüberfüren. Und der Sternenschein erbleicht und die dunklen Ufer erscheinen noch dunkler im Kontraste zu dem gläu- zenden Schauspiel all dieser lichtstralenden Schiffe, die mit Lampen und Lampions besteckt sind, und an deren Borderteil von Zeit zu Zeit ein farbiges Bengalfeuer ausflamt. Und die weiche Luft durchziet ein Singen und Klingen, und immer lautere Lust, Rufen und Lachen ertönt weithin aus diesen Gondeln, in denen die Jugend Venedigs einherziet, den Kanal Grande enklang, nach dem Fondamento Venier. Dort ist das Ziel, dort, wo die göttliche Bianka, die Diva Venedigs, ihren Wonsiz aufgeschlagen, und sie kommen alle, all ihre Verehrer und Bewunderer, um ihr einen lezten Gruß, die lezte Huldigung darzubringen, ehe sie den Dampfwagen besteigt, der ihnen die angebetete Künstlerin entfüren wird für lange Zeit. Und jezt drängt sich die Menge nach den Brücken und siet dem Zuge nach und lacht und schreit voll Entzücken und winkt und klascht in die Hände. Und die vorüberziehenden Gondeln werfen auf die düstern verwitterten Paläste ihren leuchtenden, grellen Schein; er dringt durch die offenen Fenster und huscht die hohen Zimmerdecken entlang— hier fällt sein Widerschein auf die Bahre, in der Marie liegt, in Weiß gehüllt, von duftenden Blumen umgeben; er erhellt ihr Gesicht, einst so schön, nun blaß und starr, so fremd schon— so vergangen.— Armes Veilchen, du Poesie einer vergangenen Zeit, das im Kampfe ums Dasein, in Konkurrenz mit stolzeren und kraftvolleren Organisationen nicht einmal den kargen Boden mehr findet, der seine geringen Lebensbedingungen ihm erfüllen würde, du zarte Frauenblüte wirst aussterben! Der Widerschein huscht weiter. Im nächsten Zimmer sind Minna und Friz, der schmerzge- beugte Gatte, in ihrer Mitte. Gebrochen rut er an der Brust der Schwester, sie ist die ein- zige, die Macht über ihn gewonnen, die ihn vor Verzweiflung zu schüren wußte und ihn gelehrt hat, für sein Kind zu leben. Nicht mit Trostgründen versuchte sie's; nichts kann uns trösten über einen geliebten Toten, denn tief im Innersten, als ein Natur- gesez empfinden wirs, daß dieser eine, den wir liebten, daß diese Individualität für immer, ach für immer uns gestorben ist. Wärs anders, empfänden wir in unserem Herzen nicht die tiefe Trauer, die oft auf lange Zeit hinaus unser eignes Glück ver- nichten kann. Minna gedachte anfänglich den Bruder nicht von sich zu lassen, aber sie erkante bald, daß jede Anerkennung, ivelche Frizens Ar- beiten gezollt würde, ihm, dem Darniedergedrückten, nur eine Ent- mutigung und eine Bitternis sein würde; so kam sie denn mit 631 Friz übereilt, daß es das geratenste wäre, Alfred zur Aimame jener glänzenden Stellung zu bewegen, die ihn an den Hof des Herschers von Siam berief. Es gelang. Der arme Alfred fülte es ja selbst, daß nur eine gänzliche Veränderung seiner Lebensverhältnisse, daß Arbeit und beständige Anregung von außen, ja Mühsal und Strapazen selbst, ihm allein das Leben ermöglichen konten, vielleicht aber, und das war ihm in dieser Zeit eine Art Trost, raffte ihn auch bald das Klima hinweg. Minna hatte hieraus versucht, den Schmerzdurchsättigten aus dem Zimmer, wo seine Marie rute, zu entfernen.„Sie ist nicht mehr tot," sagte sie in ihrer zärtlichen, bedeutsame» Weise, sie, die du liebtest, sie ist in deinem Herzen, dort lebt sie fort, sowie in uns allen, dort müssen wir sie aufsuchen. In der Erinnerung beware ihr Gedächtnis, dort halte es hoch und heilig, und wenn du glaubst, daß du gegen sie gefelt hast, dann suche das Unrecht in dir selbst zu sühnen, versuche dich zu veredeln in dem Ge- dankeil an sie. So wirkt sie noch im Tode fort. Und wenn du nach Jaren von Indien zurückkehrst, gekräftigt und gesund, dann sollst du in Klein-Marietta, die einstweilen Friz und mir gehört, die wir schon als unser Kind betrachten, dann sollst du in der heranwachsenden Tochter die Mutter wiederfinde». Ich verspreche eS dir." Sie brachte ihm das kleine Mädchen, das lustig strampelte und lachte, und legte es ihm in den Arm; er driickie es an seine Brust, und Tränen der Zärtlichkeit, der Baterliebe, Tränen der Erleichterung stürzten aus seinen Augen und nezten das frische liebe Kindergesicht. Der Widerschein erlosch; die erleuchteten Gondeln sind weiter gezogen. llioch haben sie Fondamento Venier nicht erreicht, und schon schwirren die Guitarren, und im Chore ertönen die Lieder zu Ehren der Bianka, und es erbraust ein lautes, weilhinschallendes „Eviva!" Elvira befindet sich im Gartenpavillon, sie vernimt diese Ova- tiouen, sie ist darauf vorbereitet. Es ist der lezte Abschied, den ihr die Stadt bringt, sie selbst hat schon Abschied genommen von allen. Noch in dieser Nacht ivird sie Venedig verlassen, ihre Reise nach Amerika antreten, um alles zurückzulassen, was seit ihrer Kindheit ihrem Herzen teuer gewesen. Nein, nicht alles, Tante Luise, die alte Jungfer, die ihr ganzes Leben in uneigennüziger Weise den Armen und Ver- einsamten geweiht, die stets bereite Helferin und Trösterin der andern— sie get mit ihr. Elvira hängt weinend an ihrem Halse,— der ganze Schmerz der Trennung wiilt in ihrem Herzen. „Marie ist tot!" schluchzt sie,„und ich verbanne mich selbst; muß fortan leben in einem fremden Lande, unter fremden Menschen; halte mich, drücke mich fest an deine Brust, die einzige, an die ich mich lehnen darf— ach, außer dir Luise, ist mir ja nichts in dieser Welt, garnichts geblieben!" Luise strich zä>tlich über das dichte dunkle Har ihrer Nichte, das sich an chre Wange schmiegte. „Dir bleibt ein unvergänglicher Schaz," sagte sie mit ihrer weichen Stimme,„der in dir lebt als ein hohes, beseligendes, das dich immer erfreuen und erquicken wird, wo du auch seist, und wärest du auch ganz allein. Es ist die Kunst, Elvira." Elvira sah auf, und ein schöner Stral tiesinnerlichen Feuers und geistigen Lebens brach aus den feuchten, von Tränen noch verschleierten Augen. Sie für mit der einen Hand über die Augen, die Träneuspur hinweg zu wischen, mit der andern drückte sie fest die Hand derjenigen, die ihr die ersten Wege zu dieser Göttlichen gewiesen:„Ja, mir bleibt die Kunst, und ich will ihr mein ganzes Leben weihen!" Dann leiser und sich dem Or der Tante zuneigend:„Und noch etwas neme ich mit mir fort, das mir in all dem Leid und Weh der legten Tage wie ein Sonnen- stral im Herzen aufgeglommen, die sichere Empfindung, daß ich mich gereinigt von all den lockeren Anschauungen und all den frivolen Bedürfnissen, die einer verderbten Atmosphäre entkeimt waren. Jezt, auf der Höhe meiner Kunst stehend, ökonomisch frei, jezt erst werde ich das Recht haben, nach meinem Sinne und mir selbst zu leben, und jezt werde ich auch meine Frauen- ehre mir bewaren können." „Eviva la Bianea!" erscholl es. Die erleuchteten Gondeln kamen herangezogen, den Kanal in einen Feuerstrom verwau- delnd; am Fondamento Venier stellen sie sich im Kreise auf. Eine begeisterte Menge war da erschienen, um seinem Liebling zu huldigen, und man begehrte nun stürmisch nach seinem Anblick. Der Ehor begann seine Lob- und Liebeslieder, in feurigen Weisen die Kunst besingend und die Künstlerin. Elvira lauschte, und von Luise begleitet, trat sie aus dem Gartenhause auf die Terrasse; sie verneigte sich dankend, mit ihrem reizendsten Lächeln. Ein frenetischer Jubel brach los, ein vielhundertstimmiges: „Eviva der Göttlichen, der Herscheriu!" Bilder aus dem Privatleben der Griechen und Römer. Von vr. War Mogker. (Schluß.) Nunmehr zu einer näheren Betrachtung des Familienlebens in der Behausung des Griechen und Römers übergehend, haben wir zuerst die Formen ins Auge zu fassen, unter denen bei beiden Völkern die Ehe, durch welche jenes begründet wurde, geschlossen zu werden pflegte. Wir werden dabei auf Gruudsäze stoßen, die von denen, welche leider heutzutage in den meisten Fällen bei Eheschließungen bestimmend einwirken, nicht allzusehr ver- schieden sind. Als dcr hauptsächlichste Zweck der Ehe war bei den Griechen die Erzielung rechtmäßiger Nachkommenschaft angesehen, und zwar wollte man dadurch einer dreifachen Pflicht genügen, erstens gegen die Götter, denen man Diener hinterlassen soll, dann gegen den Staat, dessen Bestehen durch Hinterlassung von Nachkommen- schaft zu sichern ist(in Sparta, wo der Mensch überhaupt nur für den Staat da war, wurde dies sogar als der einzige Zweck der Ehe angesehen, und die Ehelosigkeit hatte die Beraubung gewisser bürgerlichen Rechte zur Folgender Hagestolz galt geradezu für ehrlos und mußte sich nianchen Schimpf gefallen lassen), und endlich gegen das eigene Geschlecht, das schon deswegen erhalten werden soll, um die Pflichten gegenüber den Verstorbenen, Ans- schmückung der Gräber, Behütung der Familieneigentümer, fort- dauernd zu erfüllen. Die wirkliche Herzensneigung trat gegen diese Rücksichten vollkommen in den Hintergrund, wenn auch na- türlich in manchen Fällen und unter besonderen Uniständen die gegenseitige Liebe das hauptsächliche bewegende Motiv bei der Heirat bildete,— unter besonderen Umständen, iveil ja bei der Abgeschlossenheit, in welcher das griechische Mädchen bis zur Ver- ehelichung gehalten wurde, eine Annäherung der beiden Geschlechter in der Regel garnicht möglich war. Die öffentlichen Feste, bei denen die Jungfrauen in Chören und Tänzen mit- wirkten, waren vorher für dieselben die einzige Gelegenheit, sich öffentlich zu zeigen und mit jungen Männern in Verkehr zu treten. In den meisten Fällen sahen sich die jungen Leute bei der Ver- lobung zum erstenmal. Oft vermittelte lediglich der Vater die Heirat, und die Rücksichten auf Mitgift, auf den gesellschaftlichen Rang waren die entscheidenden. Bor allem galt es als das Erfordernis einer rechtsgültigen Ehe, daß Gatte und Gattin bürgerlicher Abkunft waren. Die Kinder aus der Ehe eines Bürgers und einer Nichtbürgeriu waren illegitim(ungesezlich), nnd es stand ihnen nach dem Tode des Baters nur ein Anspruch auf höchstens tausend Drachmen zu; sie waren auch bereits»ach solonischem Gesez(Solon, Gesez- geber der Athener, von 635 bis 550 v. Chr.) vom Bürgerrecht ausgeschlossen, welche Bestimmung späterhin zweimal ausdrücklich erneuert wurde. Zwei Frauen zu haben(Bigamie) war freilich nicht erlaubt, doch geschah es, daß der Mann neben der recht- mäßigen Gattin noch ein Kebsweib hatte, ein Verhältnis, wie wir es schon bei Homer finden. Berwantschaft war kein Hinder- nis für eine Eheschließung; es kamen sogar Ehen zwischen Halbgeschwistern vor, ivengleich dieselben wol nicht häufig waren nnd warscheinlich vor dem allgemeinen Sittlichkeitsgesül keine Billigung fanden. Bei entfernteren Verwantschaftsgraden wurde die Ehe zwischen Verivanten selbst als wünschenswert ange- sehen und in dem Falle, daß in einer Familie keine mänliche Nachkominenschast vorhanden war, sogar durch das Gesez be- günstigt. 633 Bei dem Mangel an mänlichen Nachkommen nämlich ging die Erbfolge auf die Töchter über, die dann Erbtöchter hießen. � Den nächsten Anspruch auf die Erbtochter aber, da dieselbe nicht sowol als selbständige Erbin, sondern vielmehr als Mittel, die Erb- schaft auf Männer zu übertragen, angesehen wurde, hatte der nächste mänliche Berwante, der dieselbe, wenn sie sich etwa vor Erlangung des Vermögens verheiratet hatte, selbst ihrem Manne streitig machen durfte. Der darin zugestandene Anspruch auf das -r.'vmmrj rr—'-r. f Gebirgsschlucht im cilicischen Naurus.(Seite 644.) Vermögen der Erbtochter konte� solange dieselbe lebte und selbst noch bis fünf Jare nach ihrem Tode geltend gemacht werden. Armen Erbtöchtern stand es dementsprechend frei, von dem nächsten mänlichen Anverwanten zu verlangen, sie entweder zu heiraten oder ihnen eine seinen Vermögensumständen gemäße Ausstattung zuteil werden zu lassen. Die Sorge für die Erbtöchter, selbst noch wärcnd ihrer Ehe, lag dem Archon(Vormund) ob, in dessen Befugnis es stand, ihnen zugefügte Beleidigungen entweder selbst zu ahnden oder gerichtlich zu verfolgen. Der Verheiratung hatte nach dem Gesez die Verlobung voran � zugehen, indem die Braut von ihrem Vater oder wer sie sonst vertrat(Vormund, Bruder oder ein anderer Verwanter väterlicher Seite) dem Bräutigam feierlich versprochen wurde. War diese Förmlichkeit unterlassen worden, so waren den Kindern sowol ihre staatsüiirgerlichen Rechte wie ihre Erbansprüche benommen. Bei der Verlobung bestirnte man die Mitgift, deren Mangel zwar die gesezlich« Giltigkeit der Ehe nicht beeinträchtigen konte, aber immer etwas unschickliches hatte, so daß zuweilen, um ein solches Misbcrhältiiis auszugleichen, wolhabende Bürger sich vereinigten, um für die Braut eine Ausstattung aus ihren eigenen Mitteln zu beschaffen. An die Mitgift der Frau hatte der Mann kein Eigentumsrecht, sondern es stand ihm nur der Nießbrauch des von dieser eingebrachten Vermögens zu. Außer der eigentlichen Mitgift pflegte die Braut noch man- nichfache Gegenstände als Aussteuer zu erhalten, für welche freilich schon durch die solonischc Gesezgebnng ein gewisses Maß vorge- schrieben war. In Sparta war durch die lykurgischen Geseze (Lykurg, der G�sczgeber der Spartaner, um 820 v. Chr.) jede Art von Mitgift untersagt, damit nicht mehrere Güter in den Besiz eines einzelnen gelangten. Ganz verschieden von dem spä- teren war das Verhältnis in der frühesten(heroischen) Zeit ge- staltet, indem der Mann die Frau durch Geschenke gewann, sie gewissermaßen durch Kauf an seine Seite brachte. Vor dem Hochzeitstage, der übrigens mit besonderer Sorg- sali ausgcwält zu werden pflegte, damit die Gatten kein Unglück treffe, fanden verschiedene Gebräuche statt, denen vor allem ein den Schnzgvttcrn der Ehe, namentlich dem Zeus und der Hera, vielleicht auch der Artemis(als Göttin der Geburten und Er- närcrin der Jugend), dargebrachtes feierliches Opfer voranging. Am Tage der Hochzeit selbst namen Bräutigam und Braut ein Bad, wozu das Wasser aus einer wol für jede Stadt bestimten Quelle, in Athen aus der Kallirrhoö, geschöpft wurde. Der Bräutigam holte die Braut gegen Abend auf einem mit Ochsen oder mit Pferden bespanten Wagen ab, auf welchem die leztere ihren Plaz zivischen dem Bräutigam und einem nahen Berwanten einnam. In Sparta herschte, um auch in diesem Falle die List und die Kühnheit des einzelnen zu erproben, die Sitte, daß die Braut, natürlich mit Zustimmung der Eltern, vom Bräutigam geraubt wurde. Ging man eine zweite Ehe ein, so fand die Hciinfürnng der Braut durch den Bräutigam nicht statt, sonderu sie wurde ihm von einem Berivanteu oder Freunde zugebracht. Das vorher gesalbte Brantpar ivar bei dem Zuge nach dem Hause des Bräutigams mit festlichen Kleidern und Kränzen, die Braut auch mit einem Schleier geschmückt, und es wurden ihm Fackeln vorangetragen. Die eigentliche Hochzeitsfackel zündete die Mutter der Braut an. War der Zug unter Absingung des Brautlicdcs (Hymenaios) durch den Chor der Jünglinge und Jungfrauen mit Ftötenbegleitung in dem mit Lanbgeivinden geschmückten Hause des Bräutigams angekommen, so wurde zupächst Naschwerk ausgestreut und dann das Hochzeitsmal abgehalten. Zu dem lez- leren waren mehr oder minder zalreiche Gäste geladen und auch Frauen zugegen; die Abhaltung desselben galt vor Gericht als Beivcis, daß die Frau auch wirklich Gattin sei. Die Gäste pflegten das Brantpar durch Hochzcitsgcschenkc zu erfreuen, unter denen die Sesamkuch«! besonders beliebt waren. Nach deni Male wurde die Braut verschleiert in das Brautgemach gefürt, vor dessen Tür abermals ein Lied(das Epithalamion) gesungen wurde. Ter Gebranch, das hochzeitliche Par unter gemeinschaftlichem Gesang und Tanz der Jünglinge und Jungfrauen nach dem Hochzeitshaus.' zu geleite» und scherzhafte Lieder bei dem HochzcitSschmanse und vor dem Brantgemach zu singen, stamte aus den ältesten Zeiten. Ztach der Hochzeit brachte dann der Mann seiner Frau, die sich jezt unverschleiert zeigen durfte, Ge- schenke,! denen sich in der Regel weitere Gaben speziell für diese� von verwantschaftlicher und befreundeter Seite hinzugesellten. Nach der Verheiratung lebte die griechische Frau wol minder abgeschlossen, blieb aber auch jezt noch in mannigfacher Beziehung eingeschränkt. Wenn sie z. B. ausging, was nur selten geschah, so sollte immer der Alaun darum wissen; auch war sie dann stets von einer Dienerin begleitet. Selbst ärmere Frauen, denen keine Sklaven zu Befel standen, beobachteten diese Sitte streng, indem sie sich eine Begleiterin mieteten, und glaubten sich dadurch vor dem ganz armen Weibe, das sich die leztere natürlich versagen mußte, auszuzeichnen. Vermögende und vorncmc Damen erschienen in der Oeffeiitlichkcit stets mit einem Gefolge von mehreren Sklavinnen, was freilich von den Sittenrichtern als ein Beweis von Ueberhebung getadelt wurde. Die lezteren lobten ausdrücklich die Frau des Feldherrn Phokion, weil sie sich stets mit einer Sklavin begnügte, wenn sie sich öffentlich zeigte. Das Verhältnis der Gatten unter einander war im allgemciiien, wie schon angedeutet, mehr auf gegenseitige Achtung als auf Liebe in unserem Sinne begründet, was, wie gesagt, nicht ans- schloß, daß in manchen Fällen gegenseitige tiefe'Neigung die Herzen verband. Da die Frau in der Regel noch schüchtern und unentwickelt war, wenn sie die Ehe einging, so hatte der Mann die schöne Aufgabe, sie zu bilden und sie zum Verständnis seiner Individualität heranzuziehen. War der Mann daher auch�dcr Herr und das ancrkante Oberhaupt des Hauses, der die Frau auch den Gerichten gegenüber vertrat, was dieser selbst das Gesez nicht gestattete, so erschien neben ihm die Gattin doch keineswegs als Sklavin, als seine Dienerin; vielmehr lassen uns alle noch vorhandenen Bildwerke in Malerei und Skulptur, ans denen uns Frauen entgegentreten, erkennen, daß sich dieselben seeliich und physisch frei entfalten und so zene hoheitsvolle Anmut und feine Grazie offenbaren konten, die uns auf jenen Denkmalen der Kunst an ihnen vor allem entzückt. Mit dem Eintritt in den Ehestand begann für die Frau in den meisten Fällen eine Bereicherung ihrer Bildung, nicht soivol durch den Umgang mit dem von Hanse aus geistig reiferen Manne, sondern namentlich auch durch den Besuch des Tcaters, der ihr gestattet war und neben welchem sie sich auch zu Hause an den klassischen Dichttverken erfreute, von denen meist jede Familie Abschriften besaß. Der Würde und dem Geistesadcl, die sie sich infolge so erlangter höherer Bildung verlieh, entsprechend, pflegte ihr der Mann mit äußerster 3iück- ficht und Zartheit zu begegnen und in ihrer Gegenwart kein Wort zu äußern, das den Anstand und vor allem ihre Sittsam- keit hätte verlezen können; ein fremder Mann aber wagte nicht, das Haus zu betreten, wenn er die Frau allein one ihren Gatten daheim tvußte. Neben persönlichen Eigenschaften, hohem Rang durch Geburt w., war es zniveilen die Größe des eingebrachten Vermögens, das der Frau eine höhere Stellung neben dem Manne, ja, selbst ein Uebergcwicht über diesen verlieh. In Sparta erschien die Stellung der Frauen überhaupt freier, und im Hause hatten sie daselbst in noch höherem Grade als in Athen die unbedingte Herschaft. Vor allem streng war man hier auch in der Bestrafung des Ehe- bruchs, der in der ältesten Zeit für ein unerhörtes Verbrechen galt. Wenn freilich auch in Athen ans eheliche Treue großes Gewicht gelegt wurde und z. B. dem beleidigten Ehemann das Recht zustand, den Ehebrecher ans der Stelle zu töten,— die Frau ging aller bürgerlichen Rechte verlustig, ebenso der Gatte, wenn er sie nicht verstieß— so erlaubte sich doch hier der Mann selbst nach der Verheiratung manche Freiheiten, wie sie z. B. in dem keineswegs seltenen Umgang vieler Männer mit sogenanten Hetären(„Freundinnen") zutage treten. Die lezteren sind eine eigentümliche Erscheinung im griechischen Leben und haben durch ihren Einfluß auf einzelne Männer in manchen Fällen eine so große Bedeutung für den Staat und die Kultur erlangt, daß sie hier nicht völlig übergangen werden dürfen. Sie übten nicht sowol durch den 3ieiz körperlicher Schönheit, als vielmehr und iveit öfter durch ihren Geist und durch ihre Feinheit im Um- gange ans eine Anzal der hervorragendsten Persönlichkeiten des griechischen Volkes eine außerordentliche'Anziehungskraft ans, und manche derselben haben sich mit einem berühmten Ätainen aus die 'Nachwelt vererbt: allen voran Aspasia, welche,>vie man wol sagen darf, durch ihren Verkehr mit dem ersten und edelsten Staats- mann Griechenlands, Perikles, dem ganzen Stande einen geivifsen Nimbus verliehen hat.'Neben ihr sei die Milesierin Thargelia, die Freundin des thcssalischen Fürsten Antiochos, die Konntheriu Lals, die schönste Frau ihrer Zeit, die selbst den Diogenes be-- herschte, und vor allem die Böoterin Phryne erwänt, die Praxi- teles zum'Modell seiner kindischen Aphrodite erivälte und Apelles unter dem Bilde derselben schaumgeborenen, dem Meere entstei- gcnden Göttin malte. Die Hetären traten zunächst in Kornith, der buntbclcbten Stadt des Welthandels, auf; in Athen erschienen sie an der Oberfläche des öffentlichen Lebens zu der Zeit, als daselbst Reichtum und Ueppigkeit immer mehr cmporblüten. Boc allein finden wir sie hier im Umgang mit Philosophen, deren Schulen sie besuchten, nicht immer lediglich aus reinem Wissens- durst, sondern meist, um sich die Künste der Dialektik und 3the- torik anzueigiicn und dadurch für die Männer ihre 3teize zu erhöhen. In Sparta suchte man sie vergeblich; desto öfter be- gegnen wir in der Geschichte dieses Staates heroischen Frauen, die bereit waren, demselben alles, sogar ihr Leben zu opfern. Unter den lezteren leuchten namentlich in der Zeit des Unter- gangs der spartanischen Glanzzeit des unglücklichen Agis Mutter und seine junge Witwe hervor, die sich seinem'Nachfolger, dein König ftleoinciies, vermälte und nach dem unglücklichen Versuch des ersten auch diesen ihren zweiten Gatten zur Wiederherstellung des alten lykurgischen Sparta in seiner Strenge und seinem Ruhine anfeuerte, als aber auch dieser Versuch nach kurzem Glücke felschlug, mit dem Genial in Elend und Tod ging. Tie Römer kanten Ehen zweierlei Grades: die wirklich civil- rechtliche, d. h. vor dem römischen Gesez giltige Ehe, ivelche ursprünglich nur Bürger und Bürgerinnen desselben Standes unter sich, später(von 445 v. Chr. an) jedoch auch Patrizier und Ple- bcjcr gegenseitig schliefen durften, und die Ehe zwischen Römern und Fremden oder Sklaven, welche zur Folge hatte, daß die aus ihr entsprießenden Kinder Fremde oder Sklaven wurden. Außer- dem unterschied man in der älteren Zeit sogenante strenge und freie Ehen. Im ersteren Falle hatte der Mann vollständige Gewalt über seine Frau, sie gehörte ihm wie eine Tochter an und war ganz in dessen Familie übergetreten, ihr Vermögen, sowie alles, was sie später erwarb, waren, da sie für sich nichts erwerben konte, sein Eigentum; bei der zweiten Art der Ehe, die in der römischen Kaiserzcit allein noch vorkam, blieb die Frau in der Gewalt ihres Vaters oder Vormundes und besaß freies Vcrfügungsrecht über ihr Vermögen. Jeder Ehe hatte die väterliche Einwilligung vorauszugehen; der Bräutigam durfte nicht unter vierzehn, die Braut nicht unter zwölf Jaren alt sein. Vor der Hochzeit selbst mußte eine form- liche Verlobung stattgefunden haben, bei welcher der Bräutigam seiner Braut einen Ring als Unterpfand für das gegebene Wort überreichte. Mit noch größerer Aengstlichkeit als bei den Griechen wurde für die Hochzeit ein günstiger und glücklicher Tag gewält. Als unglückliche Zeit galten der Monat Mai, die erste Hälfte des Juni, der Anfang, die Mitte und der neunte Tag jedes Monats, sowie gewisse Feste, auf welche jedoch Witwen keine Rücksicht zu nemen brauchten. Als besonders günstig betrachtete man dagegen die zweite Hälfte des Juni. Die Hcchzcitsgebräuche und Förmlichkeiten waren je nach der Art der einzugehenden Ehe verschieden. Bei der sogenanten freien Ehe und der zwischen Römern und Fremden wurden besondere Ceremonien nicht als wesentlich und durchaus notwendig betrachtet; nur die Heim- fürung der Braut hatte stattzufinden. Desto zalreicher und zum Teil niit großen Kosten verknüpft waren die bei Schließung der andern Art von Ehe, sowie bei jeder Heirat unter Patriziern beobachteten Gebräuche. Am Tage der Hochzeit legte die Braut das Mädchenklcid ab und weite sich der Glücksgöttin der Frauen. Zum Hochzcitsanzug gehörte im besondern ein aus Schafwolle geknüpfter Gürtel und ein das Gesicht verdeckender Schleier von citronengelber und feuriger Färbung. In das Haus des Bräuti- gams wurde die Braut gebracht, indem sie jener, wie bei den Spartanern, mit denen wir auch in dieser Hinsicht die Römer ver- want finden, entweder entfürte oder in einem feierlichen Zuge geleitete. Der leztere— oft außerordentlich zalreich nud glänzend, von beiderseitigen VerWanten und Freunden gebildet und von neugierigem und müssigem Volke gefolgt— ging mit Fackel- begleitung und unter Flötenklang gewönlich abends vor sich. Die Braut schritt zu Fuß und trug einen Spinnrocken mit Spindel in der Hand; in ihrer Begleitung befanden sich zwei Knaben, deren Eltern noch am Leben waren, und ein Opferknabe. Hatte sich der Zug dem festlich bekränzten und geschmückten Hause des Bräutigams genaht, so umwand sie, um ihre Keuschheit zu be- zeugen, die Türpfosten mit wollenen Binden und bestrich, um Bezauberungen vorzubeugen, dieselben mit Ichweinefett, lieber die Schwelle des Hauses gehoben, betrat sie ein ausgebreitetes Schaffell und wurde gefragt', wer sie sei, ivorauf sie antwortete: „UM tu, Casus, ibi ego Caja!"(„Wo du, Casus, bist, will ich, Caja, sein!") Run übergab man ihr die Schlüssel des Hauses, und es wurde zwischen den Reuvcrinältcn feierlich ein Speckkuchen geteilt und von ihnen gegessen. Wärend des hierauf stattfindendeu, vom Bräutigam veranstalteten Festmals wurde ebenfalls unter Flötcnbegleitung gesungen; draußen vor dem Hanse lärmte dabei die Jugend, unter welche der junge Ehemann Nüsse auszuwerfen hatte. Nach dem Male geleitete eine verheiratete Frau, gleichsam als Stellvertreterin der Ehestandsgöttin, die junge Gattin ins Schlaf- gemach und legte sie in das mit der Toga(mantelartiger Ueberwurf) bedeckte Brautbett, worauf sich nun erst der Mann zu ihr in das Ge- mach begab. Vor dem leztern wurden nicht blos Hochzeitshymnen, sondern auch derbe Spottliedcr gesungen. Am andern Tage pflegte der junge Mann noch ein Mal zu geben, bei welchem die Gäste und Verwanten den Neuvcrmälten Geschenke brachten; an demselben Tage verrichtete die junge Frau ihr erstes Opfer im neuen Heim. Bemerkt sei hierbei noch, daß man in Rom auch das Zusammen- leben eines unverheirateten Mannes mit einer unverheirateten Frau niederen Standes als ein völlig rechtliches Verhältnis ansah, wenn die Frau ein Jar in dem Hanse des Mannes gelebt hatte, one drei Nächte außerhalb desselben zugebracht zu haben. Eine solche Ehe aber entbehrte aller rechtlichen Folgen, und die ihr ent- sprossenen Kinder galten als unehelich. In welcher Weise nun die Griechen und Römer, wenn sie sich durch die Ehe einen eigenen Haushalt begründet hatten, diesen einrichteten, wie sie die verschiedenen Geschäfte des gcwönlichen Lebens auf den Tag verteilten, das darzulegen wird die erste Aufgabe einiger weiterer Abschnitte sein müssen, in denen wir diese Bilder ans dem Privatleben der beiden ersten Kulturnationen des Altertums fortzusczen und zu beschließen gedenken. Aus Deutschlands fchlim Historische Novelle Am 15. April 1632 begrüßte Hoher mit Freuden die ersten schwedischen Dragoner, die sich jenseit des Lech zeigten und dann schnell verschwanden, um größeren Massen plazzumachen. Am andern Tage erschien der König selbst. Unter dem Schuze dreier Batterien schlug man eine Brücke über den Lech, überschritt ihn und stürmte Tillys Schanzen. Der Alte wurde unmittelbar an Hoycrs Seite von einer Falkonetkugel am Knie lebensgefärlich getroffen. Er verlangte nach Ingolstadt gebracht zu werden. Ehe man aber die Sänfte herbeischaffte, in der man ihn fort- bringen wollte, rief er Hoher zu sich: „Mein Son," gestand der alte siebzigjärige Mann,„,ch habe allezeit nichts geliebt als den katolischen Glauben; für den tat ich alles! Aber bei dir ist's noch eine Ausname: reiche Güter der Kirche sind auf den von deinem Großvater hinterlassenen Gütern bei Lüttich versteckt; ich vermutete bei dir das Geheimnis, deshalb ftirte ich dich mit mir; gleichzeitig liebe ich dich aber auftichtig und hätte dich gern zun, alleinseligmachenden Glauben übertreten sehen! Sei nun glücklich; mit mir ist's zu Ende!"— „Schiizt Regensburg!" rief er den Offizieren, die sein Lager um- standen, zu.„Regensburg und die Krone Bayerns!" Auf Hoher deutete er-nochmals:„Frei!" Vierzehn Tage nachher war er tot, Hoher aber trat tags darauf schon wieder beim schwedischen Heere ein, beglückwünscht von seinen Kamerade», mit Auszeichnung empfangen vom Könige, ier Blut- lmd Eilelyeit. von ßark Kassau.(Schluß.) an dessen Seite er den glänzenden Einzug in München mitmachte. Rur einer freute sich nicht: der jezige Rittmeister Vcrx. Im Zeughause zu München hieß Gustav Adolf die Toten aufer- stehen, denn man hatte dort unter den Böden 140 Kanonen ver- steckt nebst einem Schaz von 30000 Dukaten, welche Beute nun den Schweden in die Hände fiel. Niemand freute sich in den schwedischen Reihen mehr der Ankunft Hoycrs als Fuchsner, Hilten, Werbcner und Tauscher, seine alten Waffengefärten, die ihn: noch besonders Glück wünschten. Hilten war bereits zum Rittmeister avancirt, Fuchsner war sein Wachtmeister geworden, denn beide hatten in Leipzig wie die Löwen gekämpft. Auch für Hoher sollten neue Lorbeeren grünen, als im Juni desselben Jares der Waldsteiner, dieses mal vom Kaiser mtt fast diktatorischen Vollmachten versehen, im Felde erschien und bei Nürnberg Gustav Adolf gegenüber ein befestigtes Lager bezog. Nachdem sich die beiden Gegner eine ganze Weile von weitem gemessen, fing der Schwede zuerst an zu stürmen, wiewol ver- geblich. Am 24. August leitete Graf Hoher von Manskcld den lezten großen Sturm auf die befestigten Höhen des kaiserlichen Lagers: vier Pferde wurden ihm unter dem Leibe erschossen, er bestieg kaltblütig stets ein neues Roß und fürte die Seinigcn kühn die Höhen hinan. Hier starb auch der alte Tauscher den Heldentod! Alles war vergeblich! Auf dem Schlachtfeldc, noch unter dem Donner der Batterien crnante Gustav Adolf den unerschrockenen I i Stürmer zum General und befestigte ihm seinen eigenen Ordens- stern an die tapfere Brust. Und nun ging Gustavs Zug nach Norden, bis sich bei Lützen, nördlich von Weißenfels, die beiden großen Schachspieler treffen sollten. Äuf dem Zuge kamen Eilboten zum Heere, die dem Könige die Ankunft von 5000 Manu Hülfstruppcn unter Maria Elouore meldeten; beide traf man in Erfurt, wo der König im alten Rathause, wie einst Siegfried von Chrimhild, Abschied»am von seiner Herzeuskönigiu, die hier Tränen bitteren Leides vergoß und sich hier auch zugleich von Erna Skegenson trente, die in ihre Heimat zurückkehren zu wollen vorgab; in Wirklichkeit aber war Hoher ihr Ziel. Man sagt gewiß nicht one Grund, daß sich die Bösen in- stinltiv finden, wie sich die Guten zu einander gesellen. Erna hatte durch Laubelsing, der die Königin begleitete, Vcrx kennen gelernt und von ihm erfaren, daß Hoher eine andere liebe. Wahn- sinnig vor Eifersucht stachelte sie den neugebackenen Rittmeister an, einmal Jutta, die sich mit ihren Eltern schon früher nach Erfurt begeben, bei Seite zu schaffen und für sich selbst zu sichern, zum andern aber ihr Hoher zu überlassen. Wachtmeister Fuchsncr war es gewesen, der durch sichere Leute Nachrichten über die Familie Rauek in Leizig hatte einziehen lassen, um seinem General eine Freude zu machen. Es war ihm schließlich gelungen, ihren Aufenthalt in Erfurt zu erspähen, wo die Aermsten stille von den in Magdeburg zurückgelegten Not- Pfennigen existirten. Jutta lebte nur noch ein halbes Leben: mit ihrer Angst um das Schicksal des Geliebten kämpfte die Sorge um das Leben ihrer Eltern. Die Mutter lag, von der Todcsfart und der Angst ermattet, schon seit den Magdeburger Tagen tot- krank darnieder; nun mußte auch der Syndikus das Krankenlager besteigen, denn ein schleichendes Fieber hatte sich seiner bemächtigt. Es war ein trostloser Tag, als General Hoher von Mans- feld von der großen Heerschan, die zu Erfurt stattfand, ermüdet von Fuchsner in eine kleine Wonung nach den„Hohen Stiegen" gefürt ward, wo ihm Jutta die treuen Hände um den Hals schlang. Hoher war reich geworden durch seine Beuteantcile und den ersparten Sold; er hinterließ Jutta genug, um ihre Eltern pflegen zu können, und beschloß, für alle ausreichend zu sorgen, sobald die Katastrophe, die unvermeidlich für Norddeutsch- land zwischen dem katolischcn und protestantischen Heerlager be- vorstand, sich vollzogen.„Ich heirate dich frisch von der Trommel weg!" sagte er oft scherzend.„Zwar weiß ich nicht, wie lange mich der Befel des Königs hier fcstbant, denn ich füre die Nachhut, und lauge dauert es nicht, so komt's in dieser Gegend zum Schlagen! Gebe Gott nur, daß die Eltern bald wieder gesund werden!" >«!* * Es war eine finstere Nacht! Auf einen der lezten schönen Oktobertage war ein kalter unfreundlicher Abend gefolgt, als ein schwedischer Osfizier die Feldvcdetten jenseit Weißenfels inspizirte. Immer weiter und weiter ritt der einsame Reiter, zog dann ein Pfeifchen hervor und tat einen gellenden Pfiff. Nicht lange darauf, so antwortete man. Ein einzelner Reiter trabte daher: „Losung?" „Schweden!— Parole?" „Einigung!" „Gut!" „Wenn macht Jhrs?" „Morgen um diese Zeil!" „Bringt Ihr sie weit genug?" „Ucbermorgen ist sie in Leipzig!" „Behandelt sie übrigens gut!" Man hörte dann Geld klirren, ein Handschlag, und nach zwei Richtungen hin trabten die Geheimnisvollen dahin. Gräfin Erna hatte in Erfurt eine prächtige Wonung Am Anger bezogen. Ihre Güter hatte sie in Schweden zu Geld gemacht und beschlossen, die strenge Königin, die jezt doch wol eine Ahnung von dem leichtfertigen Leben ihrer Freundin haben mochte und dieses in derbe» Strafpredigten ausdrückte, zu ver- lassen, wie gesagt, unter dem Borwande, ihre Berivantschaft in der Mark verlange nach ihr. Noch hatte sie Hoher nicht wieder gesprochen, denn er wich ihr aus, wo er konte, und so blieb es bei der formellsten äußerlichen Begrüßung.— Eben hatte der General heute einen Besuch bei Jutta gemacht: mit der Tante ging es diese Nacht noch ivol zu Ende, nieinte er, und lange hatte der Onkel auch nicht mehr zu leben; es war denn Zeit, Jutta durch ein festeres Band an sich zu binden, damit sie ein Recht auf seinen Schuz habe. Hoher hatte die besten Aerzte zu- gezogen und für zwei Wärterinnen gesorgt, die ihre Sache ver- standen. Auf seinem Wege drängte sich nun ein Knabe an ihn und bot ihm einen Pergamentstreifen. Hoher las ihn im Lichte der nächsten schwankenden Kettenlaterue und fand die Worte: „Wenn Euch Euer und Juttas zukünftiges Glück am Herzen liegt, so komt noch heute in das Haus Am Anger, wo vor dem Fenster ein Licht vrent." Hoher faßte nach seinen Pistolen, zog den Pallasch fester an sich und schritt dem Anger zu, wärend seine Gedanken sich bald zwischen Verx und Erna, bald zwischen Fuchsner und der magde- burger Affäre teilten: entweder wollte ihn Erna an sich locken,— doch nein, sie mußte wissen, daß dieses vergeblich!— oder Berx stellte ihm einen Hinterhalt, doch— er war gerüstet; oder Fuchsner hatte in Bezug auf Magdeburg günstige Umstände für die Familie aufgespürt, denn der treue Mensch war unermüdlich darin, ihm zu dienen und immer neue Uebcrraschungen dieser Art zu be- reiten,— aber wozu denn dieses geheimnisvolle Benemen?— Indessen war das Haus erreicht; dort braute das Licht; über dem Eingange kreuzten sich zwei Schwerter;— wer mochte da wonen?— Er öffnete festen Druckes; sofort gab eine helle Glocke ein weittönendes Zeichen. Alles blieb dunkel, nach einer Weile aber erschien eine schwarzgekleidete Frau. „Ihr seid der General?' „Ja, Frau,— wer will mich sprechen?" „Komt herauf!" Sie leuchtete ihin ehrerbietig vorauf, öffnete die Tür und hieß ihn eintreten. Hinter ihm schloß sich die Tür, eine wolige Wärme nmfloß ihn, ein par üppiger, weicher Arme umschlangen ihn stürmisch, ein weicher Mund suchte den scinigen. Also doch ein galantes Abenteuer!— In demselben Augenblicke flüsterte eine ihm nur zu bekante Stimme: „Habe ich dich endlich wieder, du Treuloser?" Hoher schüttelte das schöne Weib mit Ekel von sich, wie der Sturmwind den reifen Apfel vom Baume wirft; er trat zw i Schritte zurück, und wärend die Zofe Licht um Licht entzündete, begann er hochcnttüstet: „Also, Frau Gräfin, zu solchen Harlekinadcn nemt Ihr Eure Zuflucht, mich nochmals in Eure Schlingen zu locken? Erspart Euch die nochmalige Demütigung einer Weigerung meinerseits. Ich habe Euch einst geliebt," betonte er schwärmerisch,„diesem Umstände allein verdankt Jhrs, daß ich Euch weitere Deniüti- gungen erspare. Ich weiß, Ihr seid falsch und treulos; Ihr wißt, ich teile meine Liebe nicht mit Pagen und Stallknechten; Ihr wißt ferner, daß mich ein heilig Band bindet: also laßt mich ein- für allemal in Ruh!" Er trat zurück und verlangte Fürung durch die dunklen Räume. Die Gräfin aber kam dicht an ihn heran. „Ihr wollt meine Liebe nicht, gut denn, Euch treffe mein Haß; Euch und sie!" „Bitte, Frau Gräfin, besudelt das reine Wesen nicht durch Nennung an dieser Stätte!" Sie lachte Hönisch und bitter auf. „I�ous verrons! Allans, Susanne!"*) Die Zofe leuchtete mit einem vielarmigcu Silberlenchtcr, Hoher stieg klirrend nnd festen Schrittes die Treppe hinab. Wärend sich diese Szene auf dem Anger abspielte, ereignete sich auf den Hohen Stiegen in der Wonung der Raueks ein andrer Umstand. In der Dämmerung erschien dort ein schwedi- scher Soldat und fragte nach Jutta; ihn schicke, meldete er, der Wachtmeister Fuchsner; eilig möge sich die Jungfrau mit ihm begeben, da dem General Mansfeld ein Unfall zugestoßen. „Was ist's?" flehte Jutta. „Ich weiß es nicht, man hat mir nichts weiter gesagt." Jutta wollte schon so, wie sie ging und stand, fortstürzen, als der Soldat meinte, der General sei auf dem„Steiger" vor der Stadt, sie möge sich nur warm einhüllen. Als dieses geschehen, horchte Jutta noch einmal angstvoll nach den Atemzügen der beiden Kranken, dann eilte sie, nach kurzen Weisungen an die Wärterinnen, hinweg mit dem Boten. Kaum hatte man das Hohe Tor passirt, so warf sich der vermeintliche Schwede auf Jutta, schob ihr einen Knebel in den Mund, fesselte ihre Hände *) Wir werden sehen! Gehen Sie, Susanne! und hob sie auf ein bereitstehendes Pferd, neben welchem jezt ein zweiter Reiter in den schwedischen Farben auftauchte. Dann sprang der elftere hinter Jutta ans, und fort gings im Galopp. Wärend der Rächt langten sie schon bei den kaiserlichen Vor- Posten an, passirten diese und brachten Jutta in das von den Kaiserlichen beseztc Gebiet; von dort schaffte man sie nach und nach gen Leipzig, wo sie bei Verwanten von Erna, der sächsischen Kammerpräsidentenwitwe Zenack, gleich einer Gefangenen und hart gehalten wurde. In derselben Nacht erhielt Hoyer von Mansseld Marschordrc für den dritten Tag ans Naumburg und Weißenfels. Wärend dieser ganzen Zeit passirte der lezte schwedische Train Erfurt, und die Arriäregarde unter unserm Helden mußte bald folgen. Ter geringe Zchlaf, den der leztere in dieser Nacht genoß, ward noch unterbrochen durch einen seltsamen Traum, über dessen Vedentung Hoyer nachgrübelte, als er sich morgens ft'üh auf dem Wege nach den Hohen Stiegen befand. Es war ihm nämlich, als wäre er ein Schwan, der leicht im Teiche hin und her seine Kreise zog; neben ihm schwebte eine weiße Taube, seine Gesell- schasterin; da kam ein Geier ans der Luft und drote sie zu zer- reißen. Das litt aber der Phönix nicht, ivelchcr aus den Wolken herbeischoß und die weiße Taube befreite.— Große Bestürzung verursachte ihm nun das Verschwinden Juttas, als er ins Haus trat. Hoyer kam in ein Hans des Todes: beide Gatten waren fast zu gleicher Zeit, one wieder zum Bewußtsein zu erwachen, nach Aussage der Wärterinnen, verblichen, ein Umstand, den Hoyer jezt segnete, weil er den Aermsten in ihren lezten Stunden die Qual um Juttas Schicksal erspart. Er dachte an Erna und Vcrx, welcher leztere, obwol fern, doch seine Hände im Spiel habe» konte. In dieser Meinung ward Hoyer noch bestärkt durch die Aussagen der Wärterinnen über den vermeintlichen schwedischen Soldaten, der als Bote gekommen. Da eine sofortige Unter- snchung keinen Desertionsfall ergab, so war nur eins möglich: verkapte Kaiserliche, von Berx dazu im Auftrage der Gräfin gedungen, hatten Jutta in das von den Kaiserlichen okknpirte Terrain entfürt. Hoher wollte sogleich als Repressalie die Gräfin aufheben lassen, aber sie war schon in derselben Nacht aus der Stadt verschivuuden. Um so sicherer glaubte der General seiner Sache sein zu können. Nachdem seine erste Sorge nun den Anordnungen des Heeres- zuges gegolten, war die zweite der ivürdcvollsten Bestattung der beiden teuren Toten gewidmet, denen ein berümter Kanzelredner Erfurts die Leichenrede hielt, in ivelcher besonders hervorgehoben ward, wie durch verbrecherische Hände den Eltern beim sterben die Tochter entzogen, sodaß Fremde diesen die Augen hätten zu- drücken müssen.— So hatte cS sich Erna gedacht, als sie heim- lich mit Zofe und Gepäck im sicheren Wagen Erfurt verließ; sie hatte ihren Feind ins Herz getroffen, aber sie wollte ihn noch besser treffen: sterben sollte er und weder sie selbst noch die andre bcsizen. Die dritte Sorge des Generals galt der Aufstndung Juttas. Er verfaßte sofort einen Bris an den Waldsteiner; dieses Schreiben mußte Fuchsner, der sich frenvillig dazu erbot, als Parlamentär selbst an das feindliche Hauptquartier besorgen, welches bei Leipzig liegen sollte. Jener Bris aber lautete: „Edclgebvrncr Herr Graf, Kommandirender Generalissimus! Eurer Exzellenz tue ich zu wissen kund, daß Eure Leute, in die schwedischen Farben gekleidet, mit Hütfe von Verrätern am •28 des Mts. Oktobris eine Jungfrau mit Namen Jutta, des Syndikus Rauek aus Magdeburg Tochter, meine Base und ver- lobte Braut, aus Erfurt geraubt und jedenfalls in sicheren Gewar- sam gebracht haben. In derselben Nacht sind beide Eltern der Jungser gestorben und diese jezt ganz auf meinen Schuz an- gewiesen. Eure Exzellenz sind edelherzig, solches iveiß ich, und füren keinen Krieg mit Weibern. Dcrhalbcn ersuche ich Hoch- dieselben, �Nachforschung wegen vorbcnantcr Jutta Rauek anstellen lassen zu wollen und dieselbe bei Auffindung unter sicherer Be- deckung nach Weißenfels zu senden. Ich verbleibe Eurer Exzellenz ganz ergebenster Kamerad Hoyer, Gras von Mansseld, komm. General der schwedischen Armee, m. p." Daneben stand das mansfeldsche Siegel.— Mit diesem Brise begab sich Fuchsner dann an demselben Tage, dem 1. November, als die Schweden unter Mansseld Erfurt verließen und in Schnell- Märschen auf Naumburg losrückten, um die Saale zu gewinnen, u den kaiserlichen Vorposten. Unterwegs hatte Hoyer eine lange lnterrednng mit Stnrix in Betreff der Hochzeitsanordnungen, sobald Jutta aufgefunden sei. Es war am t4. Novenibcr abends, als bei den Feldwachen sich ein kaiserlicher Parlamentär meldete, der den General Mansseld zu sprechen wünschte.— Hoyer ward benachrichtigt und befal Werbencr, mit einem Zug Dragoner den Parlamentär und seine Begleiter zu geleiten, worauf dieser nach kurzem mit Fuchsner und Jutta,>vie einem Boten Albrechts von Waldstein zurück- kehrte. Waldstcin schrieb: „Herr Bruder! Meine Nachforschungen hatten Erfolg; ich sende Euch die Jungfer unter sicherem Schuz. Gehabt Euch wvl! Euer wolgcneigter Albrccht von Waldstcin, Hauptquartier m<„ Leipzig, den 12. Novembris 1632. Wer aber wollte wol dieses Wiedersehen beschreiben? Jutta kam in Trauer, denn schon hatte der treue Wachtmeister Fuchsner sie über den Tod der Eltern aufgeklärt und in Leipzig, wo man sie auf Ermittlung des Generals mit Hülfe einer großen Be- lonung schnell gefunden,— nicht so aber die beide» Täter— Trauergewandung, passend für die Braut seines Generals, besorgt. Lange lag Jutta am Halse Hoyers, bis dieser sprach: „Tröste dich nun, teuerste Jutta: ich bin dir jezt Bater und Mutter, bin dir Bruder und Schwester, bin dir alles! Aber wisse, daß du dich einem Kriegsmann zn eigen gegeben; uns soll Priesters Hand jezt sogleich vereinigen, doch ans wie lange, das stet in Gottes Hand!— Gott, wie du willst!" sezte er dann mit einem Blick nach oben fromm hinzu. Im schwedischen Lager zwischen Naumburg und Weißenfels war es bald bckant geworden, daß Jutta wiedergefunden. So- gleich strömten Hilten, die Obristen und Rittmeister, Ivie alle Freunde des Generals herbei und beglückwünschten denselben hoch- erfreut, wäreud die Bevorzugtesten von ihnen sofort von Hoyer als Trauzeugen geladen wurden. Wärenddes hatte Stürix seinen besten Talar angezogen, die Bibel ergriffen und sich hinter der großen Trommel aufgestellt, die seine Kanzel und sein Altar zu- gleich war, und vor die das Brautpar trat, wäreud ringsherum Fackeln die Ceremonie beleuchteten. Wer die zwei edlen Gestalten, Jutta und Hoyer, sah, der mußte gestchen, daß er wol kaum ein schöneres Par gesehen, und daß beide durchaus zu einander paßten und zusammengehörten; niemand aber konte sich bei dem feierlichen Akt der Tränen erwehren. Stürix begann seine erste und lezte Traurede, von der er sich damals, als er den„Nordhäuser Teufel" zusammendestillirte und sein Schüler auf dem„langen Chim" herumritt, wol nichts hatte träumen lassen. Seine Rede war gedrungen, kurz, feierlich und ergreifend. Dann sang man ein geistliches Lied unter Be- gleitnng der Trompeten und Pauken, und unter einer dreimaligen Musketensalve wechselten die Brautleute die Ringe. Hierauf nam das junge Ehepar die Glückwünsche der Ver- sammelten entgegen; die hervorragendsten Offiziere aber traten mit demselben zu einem schnell im großen Wachtzelt improvisirten Male zusammen, bei dem tüchtig poknlirt und getoastet ward.— Noch lange nachher sprach man im Lager von dieser vergnügten Soldatenhochzeit vor der Trommel. In derselben Stacht hatte der verräterische Verx, schon seit langem im Einverständnis mit den Kaiserlichen jenseit der Vor- Posten, eine Unterredung mit einem kaiserlichen Obersten. „Ihr garantirt mir meinen Rang?" „Ans alle Fälle!" „Und die Feldbinde?" „Hier!" Was sie noch iveiter mit einander über Stellung und Größe des schwedischen Heeres verhandelten, das verschlang das Dunkel jener rabenschwarzen Nacht; am andern Morgen aber namen die Waldsteinschen ihre Stellung an dem Steindamm ein, der von Lützen nach Leipzig fürt, und verschanzten sich dort in vier Reihen; zugleich gingen Eilboten nach Halle zu Pappenheim ab, ihn mit seinen Regimentern zurückzurufen. Zur selben Zeit hielc Gustav Adolf, der inzwischen seine Gemalin nach Norden geleitet, seinen Einzug in Naumburg. Das Heer hatte bereits Aufstellung genommen, der König aber blieb in seinem Wagen und veränderte den Schlachtplan in Gemeinschaft mit Herzog Bernhard von Weimar, dem der Ober- befel übertragen war, und General Kniphausen. Am schwächsten war der linke Flügel, wo auch Hoyer von Mansfeld und der tückische Verx standen. Am 16. Aovciuber 1632, morgens, bliesen die schwedischen Trompeten den 67. Psalm:„Verzage nicht, du Häuflein klein!" Dann durchritt der König die Reihen und redete seine Krieger also an:„Lieben Kriegsgesellen! Haltet wacker aus, zielt gut und schießt sicher; mit dreier Stunden Werk werdet ihr mich zum ersten König der Welt machen!"— Noch deckte ein starker Nebel das Schlachtfeld, um elf Uhr aber brach siegend die Sonne durch. Da rief der König:„Nun wollen wir dran! Das walt' der liebe Gott!" Und sofort gab eine Fanfare das Signal zum Beginn der Schlacht. Siegreich drangen die Schweden gegen die Landstraße und den Steiudamm vor, hinter welchem heraus die kaiserlichen Arque- büsiere ihr Ziel bcoächtig namen. Mancher Reitersmann deckte schon rot und tot das Feld und den Graben, als man ihn über- schritt und die Wallensteinschen warf. Da wird der König gewar, daß das Fußvolk des linken Flügels weiche; er eilt in Begleitung Leubelfings, der bei ihm geblieben war, des Herrn von Truchseß und des Herzogs Franz von Sachsen-Lauenburg an der Spize des Smaländischen Reiterregiments dorthin, aber so rasch, daß ihm nur die drei erstgenanten Personen folgen konten. Jezt ist er, von seiner Kurzsichtigkeit irregefürt, mitten zwischen den Strei- tenden, als eine Kugel sein Pferd trifft; es scheut, aber Leubelfing greift in die Zügel. In diesem Moment erscheint Hoyer von Mansfeld mit einigen Reitern, den König zu schüzen. Da sprengt Verx an; in jeder Hand eine lange Reiterpistole, gibt er zwei Schüsse auf Hoyer ab; dann ziet er blizschnell eine kaiserliche Feldbinde hervor, wirft die schwedische ab und get zu den Kaiser- lichen über, die ihn jubelnd in ihren Reihen aufnemen. Beide Schüsse des Verräters trafen, nur nicht den, dem sie galten: der König Gustav Adolf, zweimal durch den Rücken ge- schössen, und zwei Reitknechte liege» tot auf dem Plaze; Leubelfing, stark verwundet, wirft sich über den König, ihn zu schüzen. Drei- mal sprengen Schweden und Kaiserliche über die Gefallenen weg; bei der lezten Attake sprengt ein feindlicher Kürassieroberst herbei. „Wer ist der Verwundete?" „Ein Offizier!" antwortet Leubelfing, den Namen des Königs klug verschweigend. Gustav Adolf aber nent sich selbst.— Da schießt ihn der Unhold durch den Kopf. Leubelfing wird onmächtig, die Feinde aber mishandeln den Leichnam, rauben ihn aus und lassen ihn total unkentlich liegen. Bald verkünden das leere, blutende Roß und Hoyers Bericht des Königs Tod. Herzog Bernhard von Weimar aber übernimt den Oberbefel. „Der König ist tot! Rächet den König!" Die Schweden rufens und dringen wie eine lebendige Mauer vor; die Kaiserlichen weichen überall. Horch, Trompetenfanfaren! Verx' Verrätern trügt Frucht: Schramiuhans komt mit seinen frischen Regimentern von Halle herbei und greift die Schweden aufs neue an. Die Schlacht stet abermals. Jedoch die Wut der Schweden ist zu groß: Obrist Staelhaudske erschießt Pappenheil» mit zwei Schüssen; er stirbt mit den Worten: „Ich freue mich und will gern sterben, da ich weiß, daß mein Feind, der Schwedenkönig, auch tot ist!" „Pappenheim ist tot, die Schweden kommen über uns!" so rnfts unheimlich, zuerst leise, dann lauter und lauter, und— die Kaiserlichen sind zum zweitenmale auf der Flucht. Die Leiche Gustav Adolfs bringt man nach dem Dorf Meuchen, andern Tages in einem rohgezimmerten Sarg nach Weißenfels, von wo die trauernde, eiligst zurückgekehrte Maria Eleonore die Gebeine des teuren Toten unter dem Geleit des Restes des Smaländischen Regiments nach Schweden bringt. Nach der Bestimmung des gefallenen Königs aber übernimt taasdarauf der Kanzler Oxenstierna die Leitung der Angelegen- heilen in Deutschland. Bei Lützen errichtete die Pietät des deutschen Volkes dem großen schwedischen Helden einen einfachen Stein mit der Inschrift: „Gustav Adolf; 16. November 1636." Jezt stet an derselben Stelle ein hübsches Denkmal. Leubelfings Aussage, kurz vor seinem Tode, hatte Verx stark gravirt; derselbe war und blieb verschwunden; mit ihm Gräsin Erna Swenson. Stürix war gefangen. VI. „Ich dciike einen langen Schlaf zu tun, Ten» dieser lezten Tage Qnal war grob: Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich enoecken." (Schiller.)- Man schrieb nun das Jar des Herrn 1634 und war des Krieges müde geworden. Selbst ein Albrecht von Waldstcin fand keinen Geschmack mehr dran und dachte, genötigt durch die Jntrigueu und Kabalen seiner Gegner am kaiserlichen Hofe, an Untreue und Verrat gegen den Kaiser, an ein Bündnis mit Sachsen und Schweden, aber auch au Beendigung des Krieges. Eine pestartige Krankheit durchzog Deutschland von einem Ende bis zum andern und forderte allerorten tausende von Opfern, sodaß Städte und Dörfer entvölkert und leer standen. Dazu war überall eine große Armut die Folge der Plünderungen seitens der tillyschen, waldsteinschen, schwedischen und andrer Heerhaufen oder der hohen Salvaguardia(Löse-)gelder, die man; um der völligen Plünderung zu entgehen, zaleu mußte. Zudem lagerten überall Räuberbandeu, die den Wanderer mordeten und Nachlese hielten, wo die entmenschte Soldateska noch etwas beim Rauben übrig gelassen. Bei Hoyer von Mansfeld und Jutta blüte trozalledem das Glück. Von Ort zu Ort begleitete Jutta ihren Hoyer als mutiges und treues Soldatenweib, nur eins bedauernd, nämlich, daß sie Stürix, ihren treuen Haus- und Zeltgenossen, verloren, denn er war und blieb nach der lützener Schlacht verschollen.— Jezt ivar der General als tüchtiger Unterhäudler vom Herzog Beruhard von Sachsen- Weimar und Axel Oxenstierna mit 6000 Mann Kavallerie nach Sachsen entsant, um mit General Arnim und Albrecht von Waldstein die Konvention abzuschließen, die Deutsch- land den Frieden wiedergeben, den Kaiser aber endlich zum Ruhigsein zwingen sollte. Die Verträge waren ausgearbeitet und sollten eben ratifizirt iverden, als die Feinde Wallensteins seine Entsezung vom Oberbefel und die Ernennung der Generale Altringer, Gallas, Marradas, Piccolomini und Collorado durch den Kaiser erwirkten. Infolge dessen schloß sich der Waldsteiner enger an seine Generale Jllo, Terzky, Kinsky und Neumann an, die bei einem Gastinale auch ihre Kameraden für den Verrat an dem Kaiser gewannen. Piccolomini war die Seele der Gegner Wallensteins und hatte selbst Verbindungen am Hofe desselben,— Wallenstein lebte wie ein regierender Fürst— Verbindungen, durch welche er noch iveitere Verräter am Herzog gewann. Die wichtigste Person von allen diesen war niemand anders als— Verx, jezt zuni kaiser- lichen Obristen bei einem Reiterregiment ernant. Es war am 24. Februar des Jares 1634, als Albrecht von Waldstein krank in die Festung Eger seinen Einzug hielt, stolz, wie immer zu Roß, mit ihm Seni, sein Hofastrolog, und dessen Gehülfe— Stürix. Beim Bürgermeister Pachhübel stieg der Feldherr ab und nam oben im Hause Wonung; das Schloß ver- schmäte er und gab es lieber seinen Generaleu zum Aufenthalt; nur 200 Dragoner unter Obrist Buttler umgaben ihn. Das Heer, etwa 10000 Köpfe stark, lag noch vor der Festung, bereit, am 26. die Grenze zu überschreiten, denn die Schweden standen nickt weit ab bei Franzensbad. In der Dämmerung desselben Tages saßen in einem engen Stübchen des Festuugskommandanten Gordon, eines aus dem nichts durch Waldstein emporgehobenen Mannes, fünf Personen in geheimer Beratung beisammen: Verx, Gordon, die Schotten Buttler, Leslie und— Gräsin Erna Swenson. Alle fünf hatten eben auf die Bibel geschiooren. Gordon eröffnete die Verhandlungen. Graf Piccolomini, des Kaisers Vertrauter, habe, wie bekant, den Obristen Verx, der sich hier heimlich aufhalte, geschickt, mit den Herren zu unterhandeln; er gebe dem Herrn Obristen das Wort. Staatsintereffen— hier warf Verx der Gräfin einen Blick zu— hätten ihn zu Eger in die„Höle des Löwen" gefürt; die Gräfin dort begleite ihn aus andern Gründen; übrigens sei sie in alles eingeweit und habe eine Paßkarte von Piccolomini. Der Kaiser fordere also von seinen getreuen Dienern, daß sie ihm den Verräter Waldstein— hier sah er sich nach allen Seiten vorsichtig um— lebendig oder tot. überlieferten. Der Preis der Tat sei der Grafenstand, 50000 Dukaten und ein Teil von den Gütern des Ueberläufers; denn erwiesen sei sein Bündnis mit Schweden. Gordon erklärte hierauf, er sei bereit und dem Kaiser zu willen; Buttler machte einige Einwendungen: er werde sofort die 200 Dragoner, das einzige Militär im Orte, für den Kaiser in Pflicht nemen und die Sache dem wilden Hauptmann Deveroux und dessen Landsleuten, den Jrländern im Zuge, anvertrauen; Obristwachtmeister Leslie übernam die Leitung des ganzen; Verx behielt sich allein die Berichterstattung vor.— Dann trente man sich. Leslie und Verx flüsterten noch lange zusammen, nachdem sie Erna in ein altertümliches Haus an der Stadtmauer geleitet. „Nicht vor ihm," betonte Leslie im Gespräch,„es könte den Hauptstreich vereiteln." „Dann mit ihm!" „Mir recht!— Und die Beute?" „Teilen wir, Kamerad!" Und sie schieden. Um dieselbe Zeit saßen in dem Quartier des Generalissimus Waldstein drei Personen beisammen: Waldstein selbst, eine hohe Gestalt mit intelligentem Gesicht, in der einfachsten spanischen Kleidung, jeder Zoll ein schöner Mann, wenn auch etwas an- gegriffen aussehend von der Krankheit; ferner Seni, sein Astrolog, und Stürix, dessen Gehülfe. „Und Ihr behauptet, Seni, es stände schlecht?" fragte der General scharf. „Ja wol, sehr schlecht, herzogliche Gnaden; set nur"— auf eine Sternkarte deutend,—„wie gefärlich der Mars Eurem Stern stet, und dort Jupiter: ich sehe Blut, Blut, viel Blnt!"� „Seni, Ihr träumt, Ihr werdet schwach! Was sagt Euer Gehülfe dazu?" „Herzogliche Gnaden," bestätigte Stürix schüchtern,„es ist so, wie Sein sagt!" „Ach was! Noch nie haben mir die Sterne so günstig ge- standen, nie, sage ich; der Stern des Hauses Waldstein wird sie alle besiegen!— Morgen ist der entscheidende Tag schon, morgen schon, Seni!— Gute Nacht! Ich bin ermüdet und will mich stärken zu morgen! Gute Nacht!" „Gnädiger Herr Herzog!" trat Stürix vor. „Was soll's, Alter?" „Entlaßt mich, Herr, aus Eurem Dienste. Nicht, daß ich Euch nicht gern diente, Herr," sezte er hinzu, als er Waldsteins Stirn sich kräuseln sah,„sondern weil ich Heimweh habe. Ich habe ihn gestern wiedergesehen, ihn, der schon mein Schüler gewesen ist, dessen Vater mein Herr und Lebensretter, der später mein General war und stets mein Freund. Damals, nach der Schlacht bei Lützen, als ich gesangen wurde und Ihr mich meiner geringen Kentnisse wegen zurückhieltet bei Euch, habe ich aller- dings ihn und sein junges Weib verlassen müssen,'aber er hat jezt einen Son, den muß ich ihm erziehen!" Waldstein war gerürt.„Die Treue, sie ist doch schon!— Ungern, Alter, tue ich's; doch gehe heim! Und hier!" Dabei warf er Stürix einen schweren Beutel mit Gold hin. „Danke Euch, gnädiger Herr; nicht für mich," sezte er hinzu, als er den Beutel aufhob,„sondern für das Büket, das ich er- ziehen will.— Euer Stern stet hoch, Herr Herzog; möge er steigen höher und höher! Es werden Euch dann lieben lernen, die Euch jezt hassen, fürchten und verkennen!" „So sei es, Alter!" Froh nani Stürix Abschied und trottete, mit einem Geleit- schein versehen, zur Festung hinaus auf Franzensbad zu, wo ihn schwedische Posten in Empfang namen. «* * Auf dem Schlosse zu Eger kreiste am Abend des 25. Februar der Becher. Jllo, Terzky, Kinsky, Neumann und ihre Offiziere hielten dort ein großes Bankett und tranken fleißig auf das Wol des neuen Rcichsfürsten Wallenstein, räsonnirten über den Kaiser und den schuftigen Piccolomini und praltcn von ihren Helden- taten, als Plözlich Deveroux auf Leslies Zeichen, eine feuerfarbene Rakete, mit seinen fünfzig Jrländern, sämtlich mit harscharfen Partisanen bewehrt, eintrat, die die Türen besezten und auf die Ueberraschten einHieben, und Deverouxs Stimme brüllte: „Nieder mit den Verrätern!" Aber jene griffen zu den Pallaschen, und es sezte einen heißen Kanipf, bis einer nach dem andern wie der reife Mohn auf dem Felde niedergestreckt ward; der lezte war Jllo, der wie ein Ver- zweifelter focht. Da lagen sie nun alle, die Getreuen Wallensteins, wie entivurzelte Eichen! Um 8 Uhr war alles geschehen!— Wallenstein, Wallenstein, dein Stern ist im Verlöschen! Zur selbigen Zeit schlichen zwei Vermumte an der Stadt- mauer entlang bis an das Haus, wo Erna wonte. Als sie nach kurzer Zeit das Haus wieder verließen, war das Henkerswerk vollendet. Nur wenig später marschirten fünfzig Dragoner mit blutigen Partisanen vom Schlosse nach dem Markte und hielten vor dem Hause des Bürgermeisters, gegen dessen Tür Deveroux mit der Partisane donnerte, als im kleinen Hause an der Stadtmauer helle, hohe Flammen aufstiegen. „Feurio, Feurio!" Es wird lebendig. „Verdamt," brumt Deveroux,„wer hat das getan? Viel- leicht ist dadurch alles verloren!" Da öffnet sich im ersten Stock ein Fenster, und des Herzogs Kammerdiener schaut heraus: „Feuer?" „Ja, Freund, und wichtige Nachrichten für den Herzog!" ent- gegnet ruhig Deveroux. Konstantin, des Herzogs alter Kammerdiener, siet die be- freundeten Uniformen, erkent Deveroux an der Stimme und bestimt Pachhübel, die Pforte zu öffnen. Bei dem geringsten Anzeichen von Gefar konte der Generalissimus noch jezt über die Nachbardächer entfliehen. Die Dragoner besczen unterdes alle Aufgänge, Deveroux aber mit sechs Mann stürzt donnernd die Treppe hinauf. Noch immer schläft Waldstein. Erwache, erwache, Schläfer, es gilt dein Leben! Aber er schläft weiter.— Oben an der Treppe empfängt sie der alte Konstantin: „Pst, ruhig, er schläft!— Was wollt Ihr?" „Jsts jezt Zeit zum Ruhigsein, Tölpel?" schreit der Haupt- mann, und dnrchbort kollert ein Leichnam die Treppe hinab. Jezt erschallt draußen Trommelwirbel. Durch abgeschickte Boten benachrichtigt, marschiren die piccolominischen Regimenter ein, deren Schritt man deutlich durch die Stille des Abends hört. „Bravo!" ruft Deveroux.„Kameraden vorwärts!" Vom Getöse ist soeben der Herzog erwacht. Im weißen Nachtkleidc, mit offener Brust, von der langen Krankheit bleich, macht er den Eindruck des Gespenstischen, sodaß die Dragoner zurückweichen, als er fragt: „Was gibts?" „Bist du der Hund," donnert ihn nun Deveroux an,„der des Kaisers Volk dem Feinde zufüren und Ferdinandus die Krone vom Haupte reißen will?— Stirb, Hund!" Waldstein siet seinen Stern erloschen; Jupiter und Mars haben ihn besiegt: schweigend öffnet er sein Nachtgewand und empfängt sechs Partisanenstöße, ehe er lautlos auf seinem Bette niedersinkt. Den Leichnam werfen die Mörder auf die Straße hinab. Wallenstein hält jezt den längsten Schlaf! Zehn Tage sind vergangen und General Gallas hat die Feind- seligkeiten eröffnet; das schwedische Korps unter Mansfeld ist vor- gerückt, aber seines Bleibens ist dort wol nicht, da er selbst in der Vereinigung mit Arnim und seinen Sachsen zu schwach sein wird, den Kaiserlichen die Stirn zu bieten. Mansfeld ist soeben heimgeritten zu dem kleinen Hause, das sein ganzes Glück birgt. Zwanzig Dragoner bilden Tag und Nacht die Wache desselben und sind angewiesen, niemals die Waffen abzulegen. Heute ordnet der General die Räumung des Häuschens an; morgen Mittag soll ein bequemer Wagen seine Lieben nach dem Norden befördern, er selbst mit dem Heere wird folgen. Grade an seinem dreißigsten Geburtstage, denn morgen ist wieder des Grafew Namenstag, einen Rückzug anzutreten, ist freilich wenig nach seinem Geschmack, aber die Not gebietet es, und die hat im Kriege allemal recht. Wolgefällig sizt der General neben seiner Jutta und dem kleinen Ernst; Stürix, der nun zu ihnen zurückgekehrt ist, hat gegenüber plazgenommen und hört ebenso ernst wie des Geuerals Gattin Hoyers Berichte an. Draußen aber stehen neben ihren Pferden fünfzig Mann Kürassiere, die den General begleitet haben; sie erhalten jeder einen Becher Weins, denn der Märzwind get kalt durch den Garten. Alle sind trefflich geschulte Krieger und haben gute Augen, aber sie sehen nicht, zusammengekauert in einer Ecke des Gartens hinter Gestrüpp, ein menschliches Wesen. Der General spielt mit dem Kleinen, der, laut jauchzend, nach des Vaters ivallenden Federn greift. Nach einer Weile fragt Hoher plözlich die auffallend stille Jutta: „Was ist dir, mein Lieb? Du bist ja so stille!" „Schilt mich nicht töricht, Hoyer," entgegnet sie.„Ich hatte heut Nacht einen Traum; an den noch winterlich starrenden Büschen des Gartens hier sah ich lauter blutrote Rosen; diese . verblichen und wurden dann schneeweiß! Rot aber bedeutet Blut, Hvyer, und Weiß schwere Trauer!" „Jutta!" „Was denn, lieber Hoyer?" „Willst du mir eins versprechen, mein Herz?" „Alles, teurer Mann!" „Denke nie wieder an solche Dinge, die ganz unnötig auf- regen. Rund herum stehen schwedische Truppen,— wer will dir etwas zuleide tun? Außerdem, kleine Jutta, hast du eine gute und treue Wache, und siehe, da stehen auch in jenem Schranke zwanzig geladene Musketen und liegt dabei zudem noch Munition; du kanst also"— dabei lächelte er voll Schalkheit—„im Notfall eine kleine Belagerung aushalten!" Dann küßte er sein Weib herzlich auf den frischen Mund, umarmte Jutta nochmals, küßte den Kleinen, reichte Stürix die Hand, trat hinaus und hieß den Trompeter das Zeichen geben. Dann saßen alle auf,— ein kurzes Kommando,— und fort waren sie. Auch die Gestalt im Busche verschwand. Eben schlugen die Turmglocken in Franzensbad 8'/- Uhr. Nach etwa einer Stunde kam ein schwedischer Dragoner bei dem kleinen Hause an; schwer trug er au einem Korbe, der mehrere Krüge Wein enthielt. Die Exzellenz gab er an, schicke auch der Wache einen Trunk, um auf des Generals Namenstag zu trinken; morgen sei oncdies nicht dazu Zeit. Die Wache nötigte ihn, mit- zutrinken, er aber meinte, das gehe wol schlecht; Exzellenz werde leicht heftig, besonders, wenn man nicht pünktlich sei, und er habe in diesem Falle Auftrag, schnell zurückzukehren zum Hauptquartier. So gii»g er hohnlächelnd davon. Der Vermumte und der Bote war niemand anders als der tückische Berx. Mit dem abgefeimten Leslie hatte er diesen Zug ausgcsonncn. Als er voll Schlauheit die Geheimnisse des kleinen Hauses genügend ausspionirt, brachte er unter allerlei Verkleidung 30 Mann verwegene Kerle, meist Schotten und Jrländer, in der Nähe in einem Bersteck unter; die Pferde standen im Stalle, die Waffen lagen bereit; man wollte das kleine Haus des Nachts überfallen und Jutta rauben; dann sollte sie die Seinige werden, oder sie mußte unerbittlich sterben. Aber das Kind sollte der Köder werden, sie am Leben und ihm zu erhalten. Am kleinen Hause schloß unterdes der alte Diener der Familie, Siegismnnd, die Läden und Jutta hatte eben ihren kleinen Ernst in sein Bcttchcu gelegt. Da stürzten plözlich Siegismnnd und ein Dragoner herein, lczterer ein junger Mensch., der von dem schädlichen Wein nicht mitgetrunken. Alle Dragoner lägen draußen wie tot, erzälte er mit fliegenden Worten; ein Kamerad habe ihnen im Namen des Generals, ans sein Wol zu trinken, mehrere Krüge.Wein gebracht, der zum Teil noch au der Erde läge. Alles das käme ihm verdächtig vor. So meldete der junge Reitersmann. „Habe Dank, mein Son," entgegnete Jutta,„daß du deine Schuldigkeit getan; es gilt keinen Verzugs besteige dein Pferd und reite, was du kanst, um Hülfe; gewiß ist's kein Zufall! Bedenke, mein Son, du reitest vielleicht um unser Leben! Eile, eile!" Ter junge Rcitersmann verschwand wie der Wind, und nach einigen Sekunden sprengte er dahin. Draußen am Gitter ertönten Schüsse. Jutta faltete die Hände: „Herr, laß gelingen!" Und dahin sauste das Roß; der Reiter war unverlezt. Schnell hatte nun Jutta mit Hülfe des zitternden Stürix und des alten Siegismnnd die Tür verrammelt; den kleineu Ernst barg sie niit dem Bettchen hinter Tischen und Bänken; sie selbst ging an den Gewehrschrank, legte die Musketen, sie ein- zeln untersuchend, auf den Tisch und blies die Lunte an: „Kann einer von Euch laden?" Beide Alten bejahten, konten aber kaum vor Zittern mit der Munition umgehen; die beiden Mägde, die jezt benachrichtigt wurden, mußten ihr Handreichung tun. Die Lichter wurden unter dem Tisch geborgen, sonst aber bis auf zwei im Hause verlöscht. Dann sprach sie fest:„Zinn mögen sie uns angreifen!"— Und wirklich erfolgte auch schon der Augriff. Leise umschlichen sie das Hans, vorsichtig öffnete man einen Laden, aber Juttas lange Fcuergcwehre knallten, und zwei der Angreifer sanken, in den Kopf geschossen, tot zurück. Hurtig luden die beiden jezt gefaßten Männer wieder. Jutta und ihre Gehülfen standen gut gedeckt; da das Gemach nur einen Eingang und zwei Fenster hatte, konte man sich immerhin ein par Stunden, wenn die Munition reichte, halten. Auch draußen krachte es jezt, aber die Kugeln schlugen in die Wand. „Den Teufel auch!" knirschte draußen der schändliche Berx, „das Teufelsweib verteidigt sich!" Jeder neue Angriff nam denselben Verlauf. Vierzig Schüsse hatte Jutta abgegeben, als die Munition schwand. Die Feinde hatten inzwischen die Tür gestürint und belagerten jezt das Gemach von zwei Seiten; aber heldenmütig schoß Jutta als echtes Sol- dateuweib weiter. Jezt hörte man des schändlichen Verx Stimme: „Wir müssen ein Ende machen, Kameraden, sonst komt uns der Mansfeld, den Gott verdamme, über den Hals, obwol ihm die unsrigen drüben genug zu schaffen machen werden!" „Auch von dort also keine Hoffnung!" dachte Jutta.„Großer Gott, das Kind, das 5?ind!" Sie bückte sich wieder und beruhigte den Kleinen. Und wieder streckte sie zwei der Mörder nieder, noch einen, wieder einen, und abermals einen. Aber nun knallten auch die langen Reiterpistoleu dicht bei Jutta: mit lautem Stöhnen sank Stürix zur Erde, neben ihm lagen tot die beiden Mägde, und dicht dabei wälzte sich auch der alte Siegismund im lczteu Todeskampfe. Einer Heldin gleich stand Jutta da, die rauchende Flinte in der Hand, die mit einer an- deren schnell vertauscht war, und wieder fiel ein Mörder. Da drang Berx mit Wut herein. Juttas Gewehr mit der lezten Kugel zitterte: Verx erhielt einen Streiffchuß am Or, aber auch Jutta sank— eine Kugel seiner Mordgesellen hatte das treuste und tapferste Herz eines deutschen Weibes durchbort, ihre schönen blauen Augen brachen über allem Erdenjammer.— Verx, halb wahnsinnig, bedrote die rasende Rotte wild:„Ver- damt, das solltet Ihr nicht, ich wollte sie lebendig!" Und dann schrie er:„Den Wurm, den Wurm!" Bald war das Bettchen gefunden und der kleine schreiende Ernst hervorgerissen. Schon wollte eine Faust nach ihm greifen, da donnerte Berx:„Halt! Der ist mein! Dem Vater zur Rache soll er leben!" Nach fünf Minuten tvar das Haus ausgeraubt. Draußen knallten noch Schüsse: die Schotten machten sich ein Extraver- gnügen daraus, einige schlafende Dragoner durch die Schläfe zu schießen, andere durchborten sie mit den Pallaschen. Dann stieg der Rest der Räuberbande, von der Juttas Geivehre 17 nieder- gestreckt hatten, zu Pferde, griff die ledigen Rosse auf und eilte davon. Alles war still und dunkel; die Lampe nur unter dem Tische braute noch. Beim schwachen Schein derselben schleppte sich der schwer verwundete Stürix bis zu seiner Herrin hin, und dann durchzuckte ihn ein Gedanke, er suchte zitternd seine Briftafel und schrieb auf ein leeres Blatt: „Verx— Ernst leb—--" Hier versagten ihm die 5?räfte; schwer sank das Haupt herab, der Tote zu den Toten.—-- Nach einer halben Stunde etwa hörte man Pferdcgctrappel; wie die wilde Jagd brausten die Umeadragoncr, Mansfelds Leibregiment, heran, allen voran Mausfeld, Jörgen, der junge wackere Rcitersmann, der zezt, leider zu spät, Hülse brachte, Fuchsuer, Werbener und Hilten. Fackeln erleuchteten bald ringsum das kleine Hans, und viele Seufzer hörte man, als man die schändlich gemordeten Wachen fand, wärend der Rest noch fest schlief. Mansfeld hatte nur einen Blick auf das Haus und die Um- gebnng getan, so rief er: „Obrist Hilten und Wachtmeister Werbener, mit 100 Mann den Räubern nach; sie haben wenig Vorsprung; schnell, nemt Fackeln!" Donnernd jagten sie davon. Der treue Fuchsuer begleitete seineu General, der nur mit Schaudern das Hans öffnete, überall. Fackeln beleuchteten den Korridor. Hier lag ein großer Teil der Mörder, sänitlich durch Kopf und Brust geschossen. Mansfeld stuzte; was er scherzend gesagt, sein braves Weib hatte Ernst daraus gemacht. Noch immer fürchtete er nur Weib und Kind entfürt. Man räumte die Leichen bei Seite und kam nun in das Wonzimmer. Hoher stürzte bei dem Anblick, der sich ihm bot, wie tot zusammen. Indes rief Fuchsner die Offiziere herbei; er selbst brachte den General mit etwas Brantwein zum Leben zurück, aber nur um laute Klage von ihm zu verneinen: 641 „Jutta, Geliebte meiner Seele, prächtiges, treues, tapferes Weib!" Und er eilte zu der Leiche, küßte den bleichen Mund, die offenen großen schönen Augen, die Wunde, welche die Todeskugel gerissen, nezte ihre Hände mit Tränen und rief wieder und wieder: „Jutta, Jutta, du einzige, beste, tapfere!"-- Dann warf er sich bei der Laiche nieder und weinte, daß es hätte einen Stein riiren können. Plözlich aber sprang er ans: er hatte die blutbefleckte Tafel von Stnrix gefunden: „Vcrx— Ernst leb---" „Ernst, Ernst!" schrie er. Er tastete ins Bettchen; es war noch warm. „Um Gott, meinen Son, meinen Son!" Kaum hatte Fnchsner alles vernommen, so flüsterte er Hoher ein par Worte zu, dann flog er mit abermals fünfzig Reitern davon. Den Rest des Regiments bis auf eine Wache von 50 Köpfen schickte Hoher unter Obrist Hennüng zurück zum Gros, das heute Abend stürmisch angegriffen ward und sich nunmehr langsam zurückzog. Andern Tages wurden die fünf Opfer des Glaubenshasses und der Rache in Särgen nebeneinander auf dem Btarienkirch- hose unter allgemeiner Teilname der Bevölkerung bestattet; die Dragoner kamen daselbst in eine große Grube mit Kalk, die Aiörder verscharrte man ans dem Schindanger. Hilten war mit unter den Leidtragenden; er hatte keine vcr- folgbaren Spuren entdeckt; Fuchsner war noch nicht zurück.— Als Hoher selbst eigenhändig sein teures Weib in den Sarg zu- rechtgebettet, da hat er zu Hilten gesagt: „Siehe, lieber Freund, hier habe ich an meinem dreißigsten Namenstag meine Jugend und mein Glück eingesargt!" Dann hatte er die Tote wiederholt geküßt und gesprochen:„Wir sehen uns bald wieder, bald, Jutta!" Seitdem sah niemand mehr den General lachen.---- Als man nach dem Begräbnisse nochmals, zum leztenmale, das kleine Haus betrat, erklärte Mansfeld ganz ruhig, auf die Blutflecken deutend:„Das sind die roten Rosen!" und auf den Schnee, der vom Himmel fiel:—„Und das die weißen!" Niemand verstand ihn.— Zwei Stunden nachher marschirte man ab. Fuchsner holte das Korps erst an: dritten Tage ein. Sogleich ritt er zu Mansfeld: „Hast du Spuren, Fuchsner?", „Ja, Exzellenz, er ist nach Wien gegangen!" Bald darauf ließ sich Mansfeld mit scinci» treuen Fuchsncr zu der Armee Bernhards von Weimar versezen, die an der Donau operirte. Hilten und Werbcner folgten ihm bald darauf nach. In einer stillen Stunde nam Hoher allen dreien einen Eid ab und teilte ihnen das Geheimnis seines Hauses mit; vielle:cht meinte er, könne es einmal zur Lösung seines Soncs, zu der er alle verpflichtete, falls er stürbe, dienen. Aber von Ernst schien jede Spur verloren. ** * Im Kriegsrat ging es scharf her. General Hoher war nicht einig mit Herzog Bernhard von Weimar. Der lcztcre bestand darauf, sofort das kaiserliche Heer unter Johann von Werth, den Schweden bei weitem überlegen, anzugreifen; und so geschah es auch. An der Spize der Kürassiere ritten General Mansfeld und Obrist Hilten den eisernen Todesboten mutig entgegen. Es galt einer Batterie, die Tod und Verderben spie und nun übcrntren werden sollte.„„, Klirrenden Schrittes rückten die Kürassiere troz aller Kugeln vor, als der General plözlich in den Reihen der Feinde seinen Todfeind erblickt. �- „Vorwärts, Mansfeld!" schreit er, und„Mansfeld, Maus- feld!" donnern die Manschaftcn hinter ihm nach. Die Batterie ist genommen, aber Verx ist verschwunden. Da braust plözlich eine dreimal größere Reiterwoge heran; die Pallasche klirren, die langen Reitcrpistolen knallen, vom nahen Nördlingen lautet es Sturm. Da sinkt Hilten wund nieder:„Ich sterbe einen schönen Tod!" murmelt er bleich. Bei ihm rnt schon Werbener, endlich stürzt auch der General, schwer am Schenkel verwundet, mit dem Rost Und über sie alle braust der Rcitersturm dahm: von dem qanzen Kürassierregiment sind nur einige mit dem Leben davon- gekommen. In 8 Stunden sind 8000 Schweden gefallen, 0000 gefangen genommen; die Kaiserlichen haben die Schweden glän- zend geschlagen und den großen Sieg bei Nördlingen am 7. Sep- tember 1634 gewonnen.— Am Abend, ehe es dämmert, reitet ein kaiserlicher Obrist, begleitet von einem Reiter über das Schlachtfeld, eine lange Reiterpistole in der Faust. In der Nähe, wo Mansfeld die Batterie gestürmt, durchsucht er das Schlachtfeld; sein Begleiter muß jeden Toten mit der Partisane wenden. Dort liegt Hilten, dort Werbener. Ein häßliches Lachen gleitet über des Unholds Gesicht: dort liegt Graf Hoher von Mansfeld, todwiind, halb erstart schon, preisgegeben seinem Feinde, dem Doppelmörder und Erzschnrken Verx. Hoch richtet sich der Reiter im Sattel auf: „Siehe da, du stolzer Graf, du hast wol Durst?" Ein Wink und der Reiter steigt ab, den Verivnndcten trinken zu lassen, der jezt zum Bewußtsein komt. Verx ist ein Teufel, und wie viele solcher erzog nicht dieser große Glaubenskrieg?— Er will seinen Feind bei vollem Bewußtsein morden, und siehe, jezt ist Mansfeld wieder klarer Sinne. Nun hält sich der Tücke- bold entfernt, denn der Verwundete hat noch das lange Fenerror bei sich liegen, und lezteres fürchtet er; aber er höhnt: „Nun rechnen auch wir ab, Herr Graf von Mansfeld!" Bei diesen Lauten durchrieselt den Verwundeten ein konvnl- sivisches Zittern; er reißt die Augen weit auf, greift nach der langen Pistole,— der Schuß brent los und der Verwundete sinkt matt zurück. Wie ein Teufel lacht nun Verx; dicht reitet er an den Vcr- wundeten hinan, sezt ihm das lange Pistol an die Schläfe,— ein Knall— Hoher von Mansfeld, der Held, hat sein Leben unter der Faust des elendesten Schurken seiner Zeit ausgehaucht. „Zur Ehre Gottes!" schrien die Katolischen. Elf Jare später hatte der gichtkranke und dennoch so schnelle Graf Torstcnsohn die Donanschanzen genommen; Wien war voll Bestürzung, und der Kaiser hatte seine Familie und seine Schäze bis Steiermark flüchten lassen. Am 24. Februar des Jares 1645 hatte ein alter, eisgrauer Wachtmcister, in dem wir Fuchsncr erkennen, in der Schlacht bei Jankowitz ein Gesicht gesehen, das er nie, weder bei Tag noch bei Nacht vergißt, das er schon elf Jare gesucht. Mit hundert tüchtigen Reitern hat er von Torstcnsohn die Erlaubnis erhalten, den flüchtigen General de Verx zu suchen, denn gefallen ist er nicht; Fuchsner hat jeden Toten besehen. Endlich Spuren!— Ein elendes Bauernhaus verbirgt den Herrn General nebst seinem Spießgesellen, General von Lcslie, oben im Heu, wie eine Bauersfrau, ob der Blutschinder erbost, mit Geberden andeutet. Ein par Kugeln sezen das Heu in Brand, der Wachtmeister aber drückt der Banersfrau zehn Goldstücke in die Hand, wofür sie zehn solcher Haufen kaufen kann. Als das Häuschen brent, kriechen die beiden sauberen Galgenvögel heraus und werden sogleich geknebelt. Fuchsner schlägt an den Sarras:„Kenst du mich noch, Schinder Verx?" Jener antwortet nicht, aber an den Augen voll Haß sict es Fuchsner, daß er ihn kcnt; er weiß nun, er hat auf keine Hoff- nung zu warten, es sei denn, daß ihn das Gcheiinnis um den Son des Grafen Hoher rette. Der Trupp ziet dem Grafen Torstensohn nach in gebirgiger Gegend; Fuchsner fragt von Zeit zu Zeit: „Wo ließest du das Kind?" Der Gefangene schweigt tückisch, troz der Hiebe mit dem Pallasch. Endlich kneift der Alte mit dem grauen Bart die Zähne zusammen: „Na, Bestie, du weißt, der alte Fuchsner hält Wort; er läßt euch beiden Schurken laufen, wenn ihr ihm sagt bei dem Schwur auf das Kreuz Christi, wo des Grafen Son ist." Zuerst schüttelt der Gefangene den Kopf, dann läßt er sich nochmals alles laut vorsprechen und nickt dann. „Ruft den Schotten," sagt Verx,„er weiß es auch, des Grafen Son ist in Wien im Jesuitenkloster der Patres zum roten Herzen Jesu." Der Schotte macht dieselbe Angabe. „Euch beiden Kanaillen," sagt nun der Alte,„habe ich das Leben geschenkt; mein Wort muß ich halten! Damit ihr aber mir nicht in Wien zuvorkamt, lasse ich euch hier an eine Tanne binden; morgen früh"— denn es war Abend—„wird man euch schon befreien!" Die beiden Erzschurken waren froh, so billigen Kaufs zu eut- kommen; man fesselte sie und band jeden an eine hohe Tanne. Der Alte sah sie sich nochmals an, die beiden:„Ihr entlauft dem Galgen nicht!" rief er. Dann murmelt er in den Bart: „Die Rache ist mein, spricht der Herr; ich will vergelten!" wendet das Roß und reitet davon. Die Nacht war milde, und die beiden Gefesselten sahen schon den Atorgcn dämmern, der ihnen Erlösung bringen soll; schon entwerfen sie allerlei Pläne zu neuen Schandtaten, als Verx, sich umsehend, plözlich flucht: „Hölle und Teufel! Wie kommen wir hierher? Schau, Leslie, dort stand das Haus, das wir vor acht Tagen nieder- brauten, als man uns den Hafer für die Pferde verweigerte!" „Pah, wer kent uns noch?" Aber es kante sie einer.— Durch die Tannen kam ein buckliger Rotkops daher, dessen scheues Auge überall herumsuchte. Es war der Son des Bauern vom zerstörten Hofe, ein halber Blödsinniger, der weder Kirche noch Schule gesehen. Dafür wußte er mit dem Feuerror, das er unterm Arm trug, soviel besser Bescheid. Kaum hatte jer die beiden Gefesselten gesehen, so kam er in großen Sprüngen herbei und erkante in ihnen zu seinem Erstaunen die„Schinder", wie die Bauern meistens die Generäle nanteu. „Sichst's, Schinderhannerl; gelt, jezt stehst m'r grad' a mol recht!" Daun krachte ein Schuß, nach fünf Minuten wieder einer, und in derselben Zeitfolge ein dritter. Zwölfmal hörten Nach- zügler der Schweden es knallen, und als sie an die Tannen kamen, sprang ein Buckliger mit rauchender Flinte in den Wald, an den Tannen aber hingen— zwei entstellte Leichen. In demselben Jare nam der alte Fuchsner seinen Abschied und ging nach Straßburg, wo er seine Tage in Ruhe verlebte. ** * Blicke in die Gewerbe- und Industrieausstellung zu Halle o/S. (Schlich.) Die Papierstereotypie, welche anfangs vernachlässigt wurde, hat in« folge ihrer Leichtigkeit, Sicherheit und Schnelligkeit in der Erzeugung der Formen der Stereotypie wesentlich ihre jezige weittragende Bedeutung gegeben. Der Papierbogen, welcher zum Einprägen der Buchstaben benuzt werden soll, bestet aus einem Bogen Löschpapier und 4 bis 5 Bogen Seidenpapier, die vermittelst präparirten Kleisters übereinander- geklebt sind. Nachdem der Saz mit einem Oelpinsel überstrichen worden ist, wird der noch feuchte Bogen über den Saz gebreitet, eine Filzplatte aus den Papierbogen gelegt und das ganze unter die rotirende Walze einer Prägemajchine geschoben; die sämtlichen Buchstaben des Sazes werden alsdann in den Papicrbogen ganz genau und scharf eingepreßt. Die Matrize ist nunmehr fertig gestellt, muß jedoch, ehe sie zum Ab- druck benuzt werden kann, vorher getrocknet werden. Das alte Trocken- Versaren bestet darin, daß die Matrize auf dem Schriftsaz sebst getrocknet wurde. Seit neuester Zeit wird jedoch ein Vcrsaren angewendet, welches bedeutende Vorteile gewärt: die besonders präparirte Matrize wird naß von der Schrift abgenommen und in einem besonders konstruirten Trockenofen getrocknet. Nachdem das geschehen, wird die Matrize be- schnitten, mittelst einer Bürste mit Talkum bestrichen und nun in das eigentliche Gußinstrument, welches eine Halbcylinderform hat, gelegt; nunmehr werden Seitenringe eingeschoben und ein halbcylindrisches Kern- stück konzentrisch in das Gießinstrument gehängt, so daß zwischen Ma- trize und Kernstück ein etwa ein Centimeter starker leerer Zwischenraum bleibt. Durch eine Oeffnung wird dieser Zwischenraum zwischen Matrize und Kernstück mit einer geschmolzenen Legirung von Blei und Antimon ausgefüllt. Die schnelle Erstarrung des Metalls macht ein sofortiges Herausnemen der gegossenen Platte, welche nunmehr alle vertieften Buch- staben der Matrize in erhabenem Relief zeigt, möglich, nachdem zuvor Seitenringe und Kernstück entfernt sind. Uebrigcns wird die Papier- matrize, da der Kleister, mit dem die einzelnen Bogen aufeinanderge- klebt sind, besonders präparirt ist, nicht im mindesten angegriffen. Eine solche Mater, wie man sie auch nent, kann ca. fünfmal zum Guß derselben Platte benuzt werden, one daß sie in ihrer Farbe und Schärfe sonder- lich gelitten hätte. Nachdem weiter der durch den Guß gebildete An- sazkops vermittelst einer Kreissäge von der Gußplatte abgeschnitten ist, wird an derselben seitens mehrerer Stereotypeure an den Gravirblock das Wegstoßen aller derjenigen Stellen, die nicht zum Abdruck kommen sollen oder zu hoch liegen, vorgenommcn. Es würde zu schwierig sein, one Zeichnungen eine genaue Beschrei- bung der Rotationsmaschine zu geben. Wir beschränken uns daher aus einige wesentliche Notizen, die in der Hauptsache die Tätigkeit der Maschine illustriren. An dem einen Ende der Maschine ist das endlose Papier, wie solches für den fortlaufenden Druck der neuen Pressen nur! verwendet werden kann, ans einer Stalwelle aufgerollt; in der Mitte i „Frieden, Frieden nach dreißig Jaren!"—— Die Glocken läuteten auch vom Stefansturm den Westphälischen Frieden ein, als ein alter Mann, unverkenbar ein Soldat, nach Wien kam. Schnell suchte er das Kloster der Patres zum roten Herzen Jesu auf und forderte den Pater Prior zu sprechen. Es war eine lange Unterredung; dann zeigte ihm der Prior alle Novizen. Vor einem blonden Knaben von dreizehn Jaren, der unverkenbar Juttas Züge trug, blieb er stehen und sagte: „Er ists!— Gott segne dich, mein Son!" Der Prior zuckte die Achseln; dann reiste der Fremde wieder ab und zog nach Bremen. Jezt erst zeigte es sich, wie wolhabend der Alte aus dem Kriege heimgekehrt, denn er kaufte dort ein hübsches Besiztum und lebte von seinen Ersparnissen. Der Leser hat gewiß schon Fuchsuer erkant. Die Unterredung mit dem Pater in Wien mußte doch Erfolg gehabt haben, denn nach wenig Wochen brachten Geistliche einen blonden Knaben ins Haus. Fnchsner mußte beschwören, den Jüngling mit dem zwanzigsten Jare seine Religion selbst bc- stimmen zu lassen. Dann santc er die Patres au einen nam- haften Rechtsgelehrten in Lüttich, mit dem er sich längst verein- bart. Dieser vertrat des jungen Ernst von Mansfeld Interessen bei der Ausgrabung im katolischen Hofe, die einen Anteil von 15 000 spanischen Dukaten für den Knaben ergab.— Dieser machte mit dem alten Fuchsner eine Reise nach Franzensbad, wo auf dem Marienkirchhof Juttas Grab ein großes schwarzes Kreuz mit der Inschrift„Jutta von Mansfeld" erhielt, das reichlich mit Kränzen geschmückt ward. Bei Nördlingen, nahe dem Schlachtfelde, aber ließen die beiden einen Obelisken errichten mit der Inschrift:„Hoher von Mansfeld"; auch der war mit Blumen und Kränzen reich geschmückt.— Dann lebte jener noch inanches Jar an Fuchsuers Seite in Bremen, friedlich den Wissenschaften obliegend. liegen vier horizontal nebeneinander gelagerte Stalcylinder, deren beide äußere zum Ausschrauben der vier Stereotypplatten eingerichtet sind, wärend die beiden inneren(Druckcylinder) einfach eine Bekleidung von Filz erhalten haben; vor und etwas erhöht über jedem Stereotyp- cylinder liegt der die Druckerschwärze enthaitende Farbekasteu mit einem komplizirteu Walzenarrangement, welches dazu dient, die Druckerschwärze vor ihrer Berürung mit der Stereotypplatte möglichst fein zu zerteilen; endlich sind am anderen Ende der Maschine die beiden Falzapparate angebracht, welche jeden Zcitnngsbogen erst der Länge und dann der Breite nach falzen, so daß die Zeitung direkt zum Bersant fertig aus den beiden Auslegekästen herauskomt. Der Druckprozeß ist folgender: Die Stalwelle, auf welcher das endlose Papier aufgerollt ist, rotirt, leztcres wickelt sich schnell ab, wird durch eine Leitwalze und ein Leit- brett hoch über den vorderen Teil der Maschine weg zwischen dem am weitesten entfernt liegenden Stereotypcylindcr und Filzcylinder durch- gesürt und auf der einen Seite bedruckt(Schöndruck), dann wird es in einer«z.förmigen Bewegung zwischen den beiden Druckcylindern und zwischen dem näher gelegenen Druckcylinder und dem anderen Stereotyp- cylinder hindurchgefürt, wo es auf der Rückseite bedruckt wird(Wieder- druck). Der Druck der Zeitung ist nunmehr ersolgt. Es treten jezt diejenigen Teile der Maschine in Tätigkeit, welche das Abschneiden jedes Zeitungsbogens von dem endlosen Papier und das zweimalige Falzen be- sorgen. Zu diesem Zweck ist unterhalb des einen Stercotypcylindcrs ein Persorircylinderpar(Borcylinder) angebracht, dessen einer Cylinder seiner Länge nach eine Nut(Vertiefung), dessen andrer seiner Länge nach ein elastisch gelagertes Perforirmesser enthält; sobald die Maschine im Betrieb ist, rotiren beide Cylinder, das bedruckte Papier wird durch sie hindurch gefürt, das Messerchen des einen Cylinders springt, sobald eine Bogen- länge passirt ist, in die Nut des anderen ein und treut den Bogen von dem endlosen Papier. Nunmehr wird der Bogen durch horizontal liegende Leitbänder von ungleicher Geschwindigkeit, die, sollte der Bogen von seinem Nachfolger noch nicht völlig getrcnt sein, ihn vollends los- reißen, an das andere Ende der Maschine gefürt. Hier tritt der Falz- apparat in Tätigkeit. Sobald der Bogen bis zum Ende der Leitbänder gelangt ist und nicht mehr nach vorwärts lausen kann, springt ein unterhalb des Bogens befindliches stumpfes Falzmesser in die Höhe, trifft die Mitte des Bogens der ganzen Länge nach und drückt ihn zwischen ein rotirendes Walzenpar; einmal zusammcngcsalten kamt der Bogen aus diesem Walzenpar heraus, um von anderen Leitungsbändern rechtwinklig nach rechts zum zweiten Falzapparat gefürt zu werden, wo sich ein änlicher Vorgang vollziet und der Bogen der Breite nach(Quart) gefalzt wird. Nunmehr koint die Zeitung an den beiden Auslegekästen fix und fertig heraus. Uebrigens ist die Maschine so eingerichtet, daß zwei verschiedene Zeitungen von gleichem Format darauf gedruckt werden können und die eine Zeitung in dem unteren, die zweite Zeitung in dem oberen Auslegekasten herauskomt. Die elegant ausgestattete Ma- schine druckt in der Stunde 22 00(1 bis 24 000 Exemplare. Der ganze Druckprozeß geschiet mit einer geradezu märchenhasten Geschwindigkeit. Getrieben wird die Rotationspresse, wie schon bemerkt, durch eine Dampf- Maschine. Wenden wir uns nunmehr zu den übrigen Ausstellungsobjekten, die der Pavillon enthält. Zunächst finden wir die alten Jargänge der„Magdeburgischen Zeitung" teilweise ausgestellt. Sie zeigen, wie das Format der Zei- tung allmälich größer geworden ist und ihr Umfang zugenommen hat. Vom Jargang 1717 an ist die Zeitung beinahe vollständig im Archiv vorhanden. Interessant ist es, einen Blick in jene alten Jar- gänge zu werfen; der Historiker wird manches schäzbare Material in diesen vergilbten Blättern finden. Tie 16 Centimetcr breite und 20 Ccnti- Nieter hohe Nummer von 1626 mit der Ueberschrist„Wöchentliche Zei- tuugen", welche aus zwei Blättern bestet, enthält Korrespondenzen ans Rom, Paris, aus dem Haag, aus der Mark u. s. w. Es war viel zu melden aus der Welt: die Politik Richelieus(1624—42), die englischen Zustände unter Karl l.(1625—49), vor allem aber der dreißigjärige Krieg boten eine Fülle von Stoff. Wallensteins Sieg an der dcssauer Brücke über Mansfeld, sein Zug gegen die österreichischen Erblande, Tillys Sieg bei Lutter am Babenberge u. s. w. fallen ins Jar 1627. Das kleine Blättchen liefert eine treffliche Illustration der damaligen Verhältnisse; alle Korrespondenzen sprechen von Soldaten und Kriegs- geschrei; ganz Europa starrte in Waffen; ein ungezügeltes, wildes Soldatengesindel hauste besonders in Deutschland und vernichtete den Wolstand auf Jarhundertc hinaus. Da heißt es, karakteristisch für diese Kricgerbanden, in einer Korrespondenz: „Auß der Mark vom 27. Dilto.(Juni 1626.) Am 21. dieses, sein in 69. Soldaten zu Polikow eingefallen, vnd dz Dorf außgeplün- dert. Ain 22. ist zu Tangermünde ein Justitz aufgericht, vnd am 23. 2. Soldaten dran gehenckl, vnd ein Reuter mit dem Rade justificirt worden. Die Soldaten sollicitirn vm Sold. Die Friedländis. arbeiten an einer Schiffbrücke bei Rothen sehr starck. Ein Hamburger Schiff hat nach Tangermünde gewolt, ist von den Manßfeldis. außgeladen worden. Ob wol wegen jüngst gemelter mentioation 3. Soldaten ein- gezogen worden, vnd durch dz spiel das hangen vs einen Gesreyten ge- fallen, hat sich doch solcher heimlich loß gemacht. Der General Fuchs hat sich erclärt, mit seinem Willen keinen meutmacher dz Leben zu schenken, ob gleich alle andere Soldaten für einen solchen bitten würden. Am 24. dieses sein wider 2. Soldaten strangulirt, vnd einer mit einem Arm 2. stund lang auffgehenckt, vnd alsdann zum schelmen gemacht. Daselbst zu Tangermünde verkauffen die Kriegsknechte ein Schaff vmb 2 Groschen, ein Kühe ein Thaler, ein Ochsen 36 Groschen. Gemcltes Tags sein 5. Cornct- Reuter nach Burck marchirt, weil man sich alba der Wallensteinischen einfall besorchtet. Am 25. ist General Fuchs auß dem Stift zu Taugermünde wider angelangt, der Hertzog von Weimar, vnd Karptzow sein genants Tags von bannen hinweg gereiset, wie man sagt, nach Lüneburg vff den daselbst angestelten Tag. Am 26. sein 16. Cornet-Reuter vber die Schiffbrücken nacher Burck fortgezogen, man sagt Gen. Fuchs werde mit theils Fußvolck vnd Reuterey folgen." Ncmen wir den Jargang 1718 zur Hand. Format, Papier und Einrichtung sind fast dieselben wie bei der Nummer von 1626; nur hat die Zeitung einen anderen Kopf erhalten. Diesen Kops bildet der ge- krönte preußische Adler, in der rechten Klaue das Reichsschwert und in der linken das magdeburgische Stadtwappen haltend; rechts vom Adler stet in einer Blattarabcske die Jareszal, links die jedesmalige Nummer. Die Zeitung erschien wöchentlich dreimal: Dienstags, Donnerstags und Sonnabends. Die Donnerstagsnummer hatte jedesmal einen andern Kopf: statt des Adlers finden wir einen auf hohem Roß dahinsprengen- den Merkur, des Zeus Boten, welcher in der vorgestreckten Rechten einen Zettel mit der Ausschrift:„Nachjagender Courir" hält. Unter jeder Nummer stet:„Magdeburg gedruckt, bey Andreas Müllern, im gül- denen A. B. C." Der moderne Leitartikel felt in diesem Jargang noch. Es sind nur Korrespondenzen ans fast allen bedeutenderen Städten Europas vor- Händen, die neben dem gewönlichen Klatsch in der Hauptsache Mit- teilungen über allerhand politische Vorgänge enthalten. Die Korrespon- denzen aus Mailand brauchten bis zu ihrer Ankunft in Magdeburg in der Regel 29 bis 22 Tage, die aus Paris ca. 18 Tage, die aus London ca. 17 Tage, die aus Wien ca. 19 bis 12 Tage, die aus Warschau 19 Tage, die aus Lissabon sogar 7 bis 8 Wochen, die aus Hamburg 3 Tage u. s. w. Das war die gute, alte Zeit! Humorvoll berüren uns die gegen Schluß eines jeden Blattes gedruckten Anspreisungcn von Flugschristen und größeren Werken. Einige solcher Bnspreisungen mögen folgen: „Es ist zu bekommen die Büß- und Sterbcgedanken Gottlob Riemers, gewesenen Studentcu-Diencrs, als derselbe den 7. April 1717 in Halle einen Mägdlein die Gurgel abgeschnitten, a 6 Pfennige." Ferner:„Es ist zu bekommen bei dem Verleger dieser Zeitung: des Herrn Guy Miege Geist- und Weltlichen Staat von Groß- Britannien und Irland nach der gegenwärtigen Zeit. Oder allerneueste Historische und Geographische Nachricht von denen drehen Königreichen Engel-, Schott- und Jrrland, worinne» derselben Einwohner, Ursprung, Sprache, Temperamenr, Genius, Religion, Sitten und Literatur nebst deren Monarchen, hohen und niedrigen Adel, Geistlichkeit, Gesehen, Re- gierungs-Art, Geist- und Weltlichen Gerichten und so weiter, ingleichcn die Eintheilungen dieser großen und berühmten Jnsuln, deren Macht, Interesse und Nachtheil bey vergleichung anderer Länder, die einhei- mischen Curiosa, naturae& artis: Ferner auch die vornehmsten Merk- Würdigkeit, der ungemein großen und Volkreichen Haupt-Stadt Londen, zusammt dem Staat, der Engel-, Schott- und Jrrländischen Universi- täten u. v. m. deutlich und weitläufig entdeckt worden. Alles auf's sorgfaltigste und mit dem größten Fleiß aus dem Englischen übersehet, durchgehends mit so nöthig- als nützlichen zusähen vermehrt, und mit einen vollständigen Register versehen, auch mit 71 acuraten und säubern Kupffern ausgezieret, in 4to 3. Rthlr. 16. Gr." Auch Inserate hatte die Zeitung. Aus der Reihe derselben teilen wir einige mit. Da heißt es:„Es ist gestern Hierselbst ein kleiner Hund Verlohren, von Couleur schwach und weiß, lange schwache Ohren, weiße Füße, einen weißen Strich über die Nasen, übrigens gantz glatt von Haaren, einen roth-gelb-bnnden Halsband mit Glöckchen, um ha- bende, wer selbige» hat, oder nachzuweisen weiß, wird ersucht, solches bey dem Verleger dieser Zeitungen zu melden, er soll einen guten Bo- compens zu gewarten haben." Weiter:„Es dienet zur Nachricht, daß der für vielen Zufällen, insonderheit aber für dem Skorbut, dienende Spiritus CooWvarias, wie auch der Baisamum vitae, laboriret von einem Englischen Medicum aus Hamburg, wiederum gut anhero gesandt, und zu Frllh-Jahr und Herbst-Zeiten, als ein Präservativ zu gebrauchen ist. Wie auch die Hällischen Tropfen, bey dem Verleger dieser Zeitungen allezeit zu be- kommen sind, nebst einen gedruckten Bericht." Am Ende einiger Blätter heißt es:„Morgen um 8 Uhr wird vor 3. Pfennige ein Extra-Blättchen ausgegeben, welches wegen eingelauffeuer Späte, denen ordinaircn Zeitungen nicht inseriret werden können." Der Kops der Extrablättchen ist mit einem aus den Wolken herabschweben- den, geflügelten Engel, der in zwei Posaunen bläst, geschmückt. In- teressant sind serner die angehefteten Flugblätter, welche bei dem Vcr- leger der Zeitung für drei oder sechs Pfennige u. s. w. zu haben waren. Sie behandeln vorzugsweise die Siege des Prinzen Eugen, die Nieder- läge der Türken bei Belgrad, ferner Hinrichtungen, Mordgeschichteu und Unglücksfälle u. s. w. Da liest man: „Betrübte Nachricht, von der Zwischen den 25. und 26. Februar 1718. sich wie- verum ereuguenden Zweyten Aufschwelluug Des großen Welt-Meeres" u. s. w. Ferner:„Erbarmens-wllrdige Nachricht von der Gewaltsamen großen Feucrs-Brunst, welche In Magdeburg am Markte, den 39. Sept. Anno 1718. in eines Kaufmanns Hause, gegen Morgen, zwischen 2 und 3 Uhr zu großen Schrecken Aller Einwohner der gantzen Stadt entstünde und Durch Loßschlagung einer Tonner Pulver so groß war, daß 9. Häuser elendiglich binnen 3 Stunden, gantz wütend in die Asche gelegt wurden." Der Druck der„Magdeburgischcn Zeitung" war bisher immer auf der hölzcrue» resp. eisernen Handpresse, die ca. 399 bis 459 Exemplare pro Stunde lieferte, erfolgt. Da traten mit Beginn dieses Jarhunderts jene bedeutungsvollen Erfindungen ans dem Gebiete der Druckmaschinen ein, welche in dem Betriebe der Druckereien eine völlige Umwälzung hervorriefen. Friedrich König erfand in England verbesserte Druck- Maschine», verband sich mit Andreas Friedrich Bauer, einem geschickten Mechanikus, und ließ sich den 29. März 1819 die sogenante Flachdruck- presse patentiren. Verbesserungen folgten aus Verbesserungen. Den 39. Oktober 1811 nam König in England ein Patent auf die erste Cy- linderdruckmaschine. Bereits am 23. Juli 1814 nam König ein drittes Patent für neue Verbesserungeu und Vereinfachungen, welche bei dem Bau der für die„Times" bestimten Maschinen in Anwendung kanien. Diese Maschinen wurden mit zwei Druckcylindern versehen, so daß die aus dem Karren ruhende Schristform bei jedem Hin- und Hergang des- selben zweimal statt einmal angeschwärzt und gedruckt ward, was zu einem Gesamtergebnis von 1199 Bogen in der Stunde fürte und durch Ver- besserungen deren bis zu 2999 herzustellen ermöglichte. Der 29. Novbr. 1814 war der Tag, an welchem die„Times" zum erstenmale auf der Schnellpresse gedruckt erschien, welches Ereignis sie in einem seitdem zur historischen Bedeutung gelangten Leitartikel feierte. Im I 1818 legte F. König mit seinem Freunde Bauer im Gebäude der ehemaligen Prä- monstrateuserabtei Oberzell bei Würzburg eine Maschincnsabrik an, in welcher Schnellpressen gebaut wurden. Die ersten vier Schnellpressen in Deutschland und zugleich die ersten Erzeugnisse der neuen Fabrik empfingen unterm 2. November 1822 die v. deckerschc Hosbuchdrnckerei zu Berlin und die Druckerei der nunmehr entschlafenen„Spenerschen Zeitung" ebendaselbst. Das von König gegründete und mit seinem Freund Bauer geleitete Etablissement ist noch heute unter der Firma „König& Bauer" die blühendste und renommirteste Buchdruck-Maschinen- Fabrik Deutschlands, und die Zal der aus ihr hervorgegangenen Schnell- pressen dürste die Zal 3999 bereits überschritten haben. 644 Selbstgefällig!—(Illustration S. 632.) Der edlen Wissenschaften wegen hat der aus unserm Bilde vergnügt in die Welt Hineinlachende sich nie den Kopf zerbrochen, auch ist die Menschheit sicker, daß er je- mals irgend welche Anstrengung machen wird, um seinen Namen durch diese oder jene nüzliche Erfindung oder Entdeckung der Ewigkeit auf- zubcwarcn,— er hatte schon zu der Zeit, wo er sich verschiedene Se- mester„studirenshalber" auf der Hochschule zu X. aufhielt, seinen Beruf mehr an der reich besezten Tafel und beim Weinkruge gefunden, und stark materialistischen Anschauungen ist er, wie schon sein respektabler Leibes- umfang zeigt, treu geblieben sein Leben lang. Dabei haben ihm die Angelegenheiten der Menschheit weder im großen noch im kleinen be- sondere Kopsschmerzen verursacht,— da, wo dieses unangeneme Gefül ihn wirklich hätte beschleichen können, d. h. betreffs des Wols und Wehes j seiner höchsteignen Persönlichkeit, hat die„gütige Vorsehung" ihn derart mit dem nötigen beglückt, daß in dieser Beziehung an keine Gefar zu denken ist. Zu alledem ist er eine„gute Haut", wie man zu sagen pflegt, die niemandem, selbst keiner Fliege etwas zu leid tun könte. Das hindert ihn jedoch alles nicht, sich sür die wichtigste Person zu halten, die es gibt, namentlich aber, seitdem man es sür angezeigt ge- funden, ihn in den„Hohen Rat" seiner Vaterstadt zu berufen. Würde- voll sizt er bei den scgens- und folgenreichen Beratungen in dem Kreis der Stadtweisen, das Gesicht entsprechend seinem hohen Beruf in ernste Falten gelegt, aber ebenso würdevoll ist sein Nicken oder Schütteln des Hauptes, wodurch er seiner Meinung bei der Abstimmung den unum- stößlichsten Ausdruck gibt. Aber dann, wenn dieser schwere Dienst für das Gemeindewol wieder einmal beendet, dann erst ist er in seinem eigentlichen Eleincnt, wenn er im Kreise seiner würdigen Kollegen seinen Riesenvorrat von Schnacken und Schnurren auspacken kann. Selbst- verständlich ist er der Held in jeder Geschichte, und wenn es ihm auch nicht so sehr auf warhcitsgemäße Darstellung ankamt und meist seine Phantasie dabei das bedeutendste und nicht selten das ungeheuerlichste leistet— er glaubt schließlich selbst an die Warhaftigkeit dieser Ge- schichten. Und wenn er später allein, wie jezt, noch seinen Krug„Roten" trinkt und die Kellnerin mit großem Erfolg in die vollen Backen ge- kniffen hat— dann freut er sich aus Herzensgrunde über sein Dasein, und es wird ihm nun erst recht klar, welche bedeutende Persönlichkeit er ist und welch' kluge Tat die„Vorsehung" vollbracht, daß sie ihn, so wie er ist, mitten in das Universum hineinstellte.— Sieh' dir ihn nur an, lieber Leser, und dann entscheide, ob ich nicht recht habe,— nein?— Du zweifelst und meinst, diese Menschengattung existire nur in der Phantasie des Künstlers?—„Nur noch" müßte es dann in diesem Falle heißen, denn wie uns der Habit unseres„Selbstgefälligen" zeigt, gehört er längst nicht mehr zu den Lebenden. Aber sein Typus, d. h. die Familie aller derer, die mit ihm geistig und seelisch eine Vcrwantschaft bilden, existirt heute noch lustig weiter; deshalb sieh dir nur Gesicht und Haltung ihres würdigen Vorfaren ganz genau an, dann mache deine Beobachtungen in der Wirklichkeit um dich her, und ich gehe jede Wette ein, daß du binnen gar nicht langer Zeit ein oder mehrere Exemplare seiner heute noch lebenden Nachkummen gefunden hast. Nur die Kleider sind gewechselt worden, sonst ist der Enkel oder Urenkel unseres„Selbstgefälligen" noch„Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleische", und verschiedene Generationen werden noch vergehen, one daß sich hierin eine wesentliche Wandlung vollzogen hat oder seine Familie wol gar ausstürbe. Lezteres zu wünschen, haben wir gar keine besondere Ursache, vor allem wenn seine Nachkommen nach der unangenemen Seile hin nicht allzusehr aus der Art schlagen. Gebirgsschlucht im cilicischen Tauruö.(Illustration S. 633.) Die reizend-romantische Schlucht mit ihrem herabstürzenden Gebirgs- Wasser, welche die Illustration darstellt, ist eine Partie aus dem füd- lichen Randgcbirge des Hochlandes von Kleinasien, welches, wie schon im Altertum, den Namen Tanrus fürt. Als Fortsezung des armenischen Taurus ziet es sich vom Euphrat aus westwärts bis an das ägäische Meer, trent die Küstenländer Cilicien, Pamphilien und Lycien von Kappadocie», Lykaonien und Phrygien und endet an der Küste Kariens. Im östlichen Cilicien erreicht es eine Höhe von 3066-3300 Meter, und mehr westlich ist es 2-3000 Meter hoch. Sein höchster Gipfel ist 3570, sein höchster Paß 3050 Meter hoch, Wärend die Baumgrenze im Norden 2275, im Süden 2080, die Getreidegrcnze im Mittel 1787, die Schneegrenze im Norden 2025, im Süden 3250 Meter hoch zu finden ist. Als durch Eroberung die kleinasiatischen Provinzen unter fremde Herfchaft kamen, zogen sich die früheren Bewoner vielfach in die unwegsamen Berge des Taurus zurück und fürten hier ein Räuber- leben. Zwei größere Flüsse durchbrechen den Taurus, und außerdem ergießen sich von ihm aus mehrere kleinere gegen Süden ins Meer, zu welch' lezteren auch der Saleph oder Selef, in dem Friedrich Barba- rossa seinen Tod fand, gehört. Historische Berühmtheit hat der Taurus erhalten durch Kriegszüge im Altertum, wie z. B. Alexanders, welche sich durch seine Pässe bewegten. Und wie die Gebiete, welche er einrahmt und beherscht, unzälige Spuren der griechischen und römischen Kultur in den Bauübcrresten ausweisen, so auch die Partie, welche unser Bild vorfürt. Hier waren eS jedoch die Byzantiner, von denen unweit der steilen hohen Felsschluchten die Burg Annascha Kalessi erbaut wurde. nrt. Literarische Qiimschau, „ Klassiker-Bibliotek der bildenden Künste, bearbeitet von I.(f. Wessely und Dr. Ad. Rosenberg. Leipzig, Verlag von Bruno Lemme."— In einer Zeit wie der unseren, wo der immer härter werdende Kampf ums Dasein die Kräfte des einzelnen in stets erhöhternn Maße in Anspruch nimt und das fieberhafte Streben nach materiellem Gewinn den Sinn und die Empfänglichkeit für reingeistige Genüsse mehr und mehr be- einträchtigt, die idealen Güter der Menschheit fast vergessen läßt, in solcher Zeit wird man mit besonderer Freude jedes Unternemen begrüßen, das bestimt scheint, an seinem Teile in den breiten Schichten des Volkes echtes Schönheitsgefül wiedererwecken und pflegen und so die arg verwarloste ästetische Erziehung des heutigen Geschlechts fördern zu helfen. Als ein Unternemen dieser Art stellt sich im ganz besonderen daS obenbezeichnete Werk dar, welches insofern an eine außerordentlich dankbare Aufgabe herantritt, als es grade das von ihm in populärer Weise behandelte Gebiet der bildenden Künste ist, welchem das Volk im weitesten Sinne des Worts noch ziemlich belehrungsbedürftig gegenüberstet. In großen Städten pflegen wol die Museen und öffentlichen Kunstausstellungen fleißig besucht zu werden, aber die meisten betrachten in der Regel wol nur staunend die ihnen vor die Augen tretenden Kunstschäze, one in ihrem Anblick jenen rechten Genuß zu finden und jene tiefe, nachhaltige Wirkung davonzutragen, welche nur durch ein wirkliches Ver- ständnis der künstlerischen Schönheit des Angeschauten vermittelt werden können. Das vorliegende Werk bezweckt nun— so spricht sich der Prospekt aus—„die ewigen Ideale der Menschheit, wie sie im Geiste gottbegnadeter Künstler Form und Leben gewonnen haben," jedem nahezubringen; es will„ein wares Volksbuch" werden, welches das große Publikum in den Geist und die Schönheit aller Kunstschöpfungen ein- zufüren versucht, die, von den besten Künstlern aller Zeiten und Schulen erfunden und ansgefürt, den Anspruch auf Klassizität erheben dürfen. Dabei ist keine erschöpfende, wissenschaftlich gegliederte Kunstgeschichte oder etwa ein allgemeines Künstlerlexikon zu geben beabsichtigt: vielmehr wollen die Herausgeber aus der großen Anzal von Künstlern nur solche hervorheben, die durch ihre schöpferische Tätigkeit sich ganz besonders au«- gezeichnet haben und, innerhalb ihres Schaffensgebicts meist den Anstoß zu eigenen speziellen Richtungen gebend, in karakteristischer Weise tätig gewesen sind. Man ging dabei von dem richtigen Gedanken aus, daß der Laie vor allem die fertigen Kunst- leistungen zu genießen verlangt, und es soll ihm eben das durch die hier gebotene Be- lehruug über die künstlerische Entwicklung der einzelnen Meister und über den Wert und die Bedeutung ihrer Werke ermöglicht werden. Durch»virklich gute Illustrationen in Lichtdruck— phototypische Nachbildungen der Originale oder der besten Stiche— sucht das Werk das Auffassnngsvermögen des Lesers zu unterstüzen und ihn zu selbständigem Urteil zu befähigen. Dem eben gekenzeickneten Plane gemäß, foll das überreiche Kunstmaterial bei der lieferungsweise eingerichteten Herausgabe auch nicht systematisch oder in chronologischer ftolge nach Schulen gegeben werdeil, sondern in bumer Reihe, wie eS zu fortwärender Anregung und Frischerhaltung des Interesses der Leser am zweckmäßigsten erscheint. In den uns vorliegenden, in jeder Hinsicht trefflich ausgestatteten 5 Lieferungen sind denn auch Malerei und Plastik bereits nebeneinander behandelt. Der für ein Werk dieser Art überaus niedrige Preis von 60 Pfennigen pro Heft, deren jedes neben dem reichhaltigen Text mindestens 8 Lichtdruckbilder enthalten soll, wird die weiteste Ber- breitung, die dasselbe in vollstem Maße verdient, wesentlich fördern: wir können es namentlich auch für jede Bolksbibliotek mit gutem Gewissen auf das wärmste empfelen und werden bei dem Erscheinen der weiteren Hefte die Gelegenheit ergreisen, auf das dankenswerte Unternemen zurückzukommen.-r. �NedMionskorresponden). Berlin. Frau Luise M. Eine sehr einlache und vielemPsolenc Metode, Obst im Winter auszubcwarcn, ist solgende: Man legt daa Obst in Behäitcr, wie man sie eben hat— Nisten, gäsier u. f. w.— und füllt die Zwischenräume mit möglichst seinem, weder ganz feuchten, noch ganz trocknen Sande, am besten Flußsande, aus. Die vollen Gesäße sind im»eller oder in anderen srostsreiecl Räumlichkeiten auszubcwarcn, i» denen nia» auch das Einschichten vorzunemen hat. Vor der Nuzuna reinigt man das Obst durch Abbürsten oder Abwaschen.— Wie man Schinken aus wesiphälische und Gänsebrüste aus xommcrschc Art räuchert, können wir Ihnen auch verraten. Ter Schinken wird ein wenig mit Salz eingerieben, woraus man ihn i—i Tage liegen läßt. Alsdann nimt man bei einem Schinken von IS— l« Pfund 1—2 Lot gestoßenen Salpeter, 11/2 Pfd. Seesalz,>/, Psd. gewönlichcn Zucker und 2 Lot Wachhotderbeeren und kocht alles zusammen in einer Mischung von 1 Quart Bier und>- Quart Wasser eine halbe Stunde lang. Dann läßt man es kalt werden, gießt die Brühe durch ein leinenes Tuch in eine Schäsiel und preßt die zurückblecbenden Ingredienzien gut aus. In dieser Brühe läßt man den Schinken, bei täglich einmaligem Umwenden, ungesär vier Wochen lang liegen. Hieraus wird der Schinken in Leinwand eingenäht und in de» Ranch gehängt. Zwei bis drei Wochen später kann er genossen werden. Mit den Gänsebrüsten macht man es aus pommerisch so: nachdem man dieielben etwa 4—6 Tage hat pökeln lassen, werde» sie mct Weizenkleie eingerieben und 24 Stunden an die Lust gehängt. Alsdann schlägt man die Gänsebrüste in Papier, oder näht sie in dünne Leinwand und hängt sie in den Rauch. Schon nach sechs bis zehn Tagen sind sie zu genießen. Schönau. Prcdigtamtskandidat L. F. Ob wir Ihre uns zugesantcn drei Gedichte ,nach Verdienst gewürdigt haben"? Gewiß, Vcrehrteltcr, wir baben sie würdig ge- iunden des ewigen Friedens im Schöße unsres mit gleicher Liebe alles i» ihn eingehende umsassenden, über alle maßen tolerante»— Papierkorbes. Leipzig. H. Fr. Wir müsien Ihre Ansragc verneinen. Tie Erfüllung des gleich- zeitig geäußerten Wunsches aber werden wir uns angelegen sein laiscn. Inhalt. Herscheii oder dienen? Roman von M. Kautsky(Schluß).— Bilder aus dem Privatleben der Griechen und Römer, von I)r. Max Vogler(Schluß).— Aus Deutschlands schlimster Blut- und Eisenzeit. Historische Novelle von Carl Cassau(Schluß.— Blicke in die Gewerbe- und Industrieausstellung zu Halle a/S.(Schluß).— Selbstgesällig!(Mit Illustration.)— Gebirgsschlucht im cillcischen Taurus (mit Illustration).— Literarische Umschau.— Redaltionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Max Vogler in Gohlis-Leipzig(Möckernsche Straße 30 ck).— Expedition: Färberstr. 12. II. in Leipzig. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Leipzig.