2@ teve[[ Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. № 1. 1882. Erscheint wöchentlich. Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. " Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. ,, Du hast es dir hier hübsch eingerichtet hübsch, wirklich sehr hübsch, Riefchen," sagte Herr Gottlob Wilhelm Haßler, indem er seine Bruderstochter Friederike liebkosend in die rosigen Wangen kniff. Diese bescheidnen, aber ganz für deine Verhält nisse passenden Möbel hä- hübsch, sehr hübsch, und diese gehäkelten Deckchen, so propper, sehr propper, und diese selbstgeflochtenen Läufer auf dem weißen hä- wirklich sehr weißen Fußboden, na, wo hast du nur die Zeit hergekriegt hädu kleiner Tausendsassa, das alles fertigzukriegen?" Friederike Haßler errötete, aber nicht grade vor Freude über das in der fatalen Ausdrucksweise ihres Onkels und ehemaligen Vormunds wenig anmutende Lob. ,, D, bitte, lieber Onkel," entgegnete sie, du legst in deiner Freundlichkeit für mich all' diesen Kleinigkeiten viel zu viel Gewicht bei." ,, Nee, nee, liebes Kind," beharte der beleibte Herr wolgefällig bei seiner Anerkennung. Du bist hä- so'n Teufelsmädel, dir get die Arbeit von der Hand wie andern Leuten' s Spielen. Und du wirst noch viel mehr leisten, sehr viel mehr- hä wenn du hä'mal' ne Hausfrau bist, was meinst du, Riekchen?" Der Onkel kniff die Nichte wieder mit einem so schelmischen Lächeln in die Wangen, als es ihm sein fettgepolstertes Antlitz nur gestattete. Das Mädchen beugte sich tief über seine Handarbeit und antwortete zögernd: Ich füle mich in meinem bescheidenen Wirkungskreis glücklich, ich denke an keine Aenderung." Vielleicht stimte, was sie da sagte, mit der Warheit nicht ganz überein; dem Onkel, der das auffallend hübsche Mädchen vergnüglich anblinzelte, entging die Purpurröte nicht, welche das anmutige Gesicht übergossen hatte bis über die freie, von blondem Hargelock umrahmte Stirn. -na, Hä, hä," lachte er ,,, wir denken an keine Aenderung, wir werden schon daran denken, und mit dem bescheidenen Wirkungskreise muß der Mensch halt zufrieden sein, solange er feinen andern hat. Aber so' ne Hausfrau, hä, ich will' mal ein Erempel sezen, wie meine Selige, deine Tante, war, Riekchen, hä, ich kann Gott sei Dank! sagen ständigen, sehr anständigen Geschäft, was den Umfang anbetrifft, die, sage ich, die Seele davon war, hä, das heißt die zweite Seele, mein alter Ego, wie sich mein Gabriel auf gelehrt ausdie von meinem an= | [ 1881] drücken würde, und die sieben Menschen zu kommandiren hatte, sieben, hädas will was heißen, sag' ich dir, Riekchen." Jezt schaute die Nichte flüchtig und ein wenig schalkhaft lächelnd dem Onkel auf: zu ,, So viel?" fragte sie. " ,, Soviel, hä, soviel, nämlich einen Commis," Herr Gottlob Wilhem Haßler pflanzte sich in würdiger Positur vor dem Mädchen auf und begann an den Fingern zu zälen, zwei Lehrburschen, einen Hausknecht, eine Köchin, ein Kindermädel und hä, hä ,, Und?" fragte die Nichte, indem sie sich auf die Lippen biß, wen hatte die Tante noch zu das sind just sechs, Onkelchen, fommandiren, wie du sagst?" Der Onkel klapte die weitausgespreizten Finger der linken Hand zusammen und vergrub beide Hände in die Taschen, als ob er daraus den siebenten der Dienstmannen seiner Seligen hervorholen wollte. Ja so," sagte er, etwas weniger wolgefällig und gewichtig, als vorher, das sind erst sechs, der siebente im Hause, hä, der war ich, und ich- na, das verstet sich ja von selbst, ich hatte das Oberkommando, wie sich's so schickt für den Herrn vom Hause, hä. Aber was ich sagen wollte, Riekchen," seine Stimme hob sich wieder, wie zu einem neuen Anlaufe, um etwas recht gewichtiges vorzubringen, was ich sagen wollte, so'n Posten, hä, wie'n meine Frau hatte das wär' was für dich, Riekchen." Der Unmut, welcher sich anfangs des Mädchens bemächtigen wollte, schien durch das spaßhafte, selbstverräterische Geschwäz des Onkels verscheucht. Ich kann mich zu so hochfliegenden Plänen nicht aufschwingen, Onkel;" lachte sie, sechs oder gar sieben Menschen zu kommandiren, nein, daran denk ich nicht, zumal ich noch nicht einen Herrin möchte." Menschen kenne, der mich zu seinerHerrin, häna, das brauchst du dir auch nicht erst einzubilden," erwiderte der Onkel ungewönlich rasch, durch die Heiterkeit des Mädchens und ihre von einer Dosis Schelmerei nicht ganz freien Worte offenbar geärgert. Mein Gabriel, hä, der wird ebenso wenig ein Pantoffelknecht, als ich, mein Gabriel weiß, was er will, und er wird seiner Frau schon zeigen, wo Bartel den Most holt, so gut sie's bei ihm auch haben wird." Die hübsche Friederike jah, wie von einem plözlichen Schreck betroffen, zu ihrem Oheim auf. Gabriel, von dem war aber doch garnicht die Rede, Onkel!" VI. Stuttgart 1 Catcher 1001 „ Ach was, hä, Fisimatenten hin und Fisimatenten her," ereiferte sich jezt der Onkel, von meinem Gabriel soll aber jezt die Rede sein, Riekchen, du brauchst dich garnicht zu stellen, als hättest du nichts gemerkt der hä der Gabriel du brauchst vor mir deine Freude nicht zu verbergen, Riekchen, mein Gabriel, sag' ich dir, will dich hä, hä- dich zur Frau haben." na, Damit breitete Herr Gottlob Wilhelm Haßler sen. seine Arme aus, in der festen Ueberzeugung, daß ihm Riekchen entweder sofort an den Hals fliegen, oder vor freudigem Schreck in Onmacht fallen würde. Aber keines von beiden geschah. Das junge Mädchen war allerdings sichtlich erschrocken, so erschrocken, daß alle Farbe aus ihrem lebendigen Gesicht gewichen war, und daß sie im ersten Augenblick auch nicht imstande war, Worte zu finden. Aber als der Onkel verwundert und aufmunternd hinzufügte: Hä, hämie wird's denn? Ist die Freude so übermäßig groß, hä, daß man seinem Onkel und Schwiegervater nicht mal ein bischen um den Hals fällt, hä?" Da sprang Friederike von ihrem Siz auf, schob die Handarbeit weit von sich und trat zwei Schritte zurück, hinter ihren Stul und rief: „ Nein, Onkel, nein, das ist ein Scherz. Ich kann nicht die Frau des Vetter Gabriel werden, das ist mir unmöglich o gewiß ist es ein Scherz." " Hä, Scherz," brumte Herr Haßler verdrießlich.„ Daß die Weiber sich doch immer zieren müssen-hä. Jch, Gottlob Wilhelm Haßler aber kann die Ziererei nicht leiden, Mädel, und sage dir, du sollst meines Jungen Frau werden, er will dich und ich will dich und du brauchst dich nicht lange zu sperren, laß dir' nen Kuß geben, hä, und mit der Sache ist's punttum." Seine Arme standen noch immer von seinem Körper weit ab wie Windmühlflügel, und nun schrtt er auf sie zu, um sich als Stellvertreter seines Sones Gabriel den Verlobungskuß zu holen. Friederike jedoch wich bis in die entfernteste Zimmerecke zurück und rief aufgeregt und beinahe schluchzend: " Nein, nein und nochmals nein. Wenn es denn nicht anders ist, so muß ich es sagen: Ich kann, ich will und ich werde nicht, nie im Leben, Onkel, Gabriels Weib, ich liebe ihn nicht darum kann und darf ich es nicht." Herrn Gottlob Wilhelm Haßler blieb vor maßlosem Erstaunen der Mund, den er eben zum Sprechen geöffnet hatte, weit! was sagst du # 241, dudu Mädel, du hast wol den Verstand verloren, hä?" Er fonte nicht weiter, er mußte erst einigemal recht tief Atem holen, was er soeben vernommen, war auch zu unerhört. Auch das junge Mädchen wußte nicht, wie am besten aus dieser peinlichen Situation herauszukommen wäre; da hörte sie es ganz leise mehreremale an die Tür klopfen das war Retdas war Retfung in der Not gewiß eine ihrer Schülerinnen, Friederike Haßler war Zeichenlehrerin an einer Privatschule,-die sie auf heute Nachmittag zu sich beschieden. " Herein," rief jie so laut sie konte. Aber wer beschreibt ihr Entsezen, als sie sah, wer da Einlaß begehrt. Ein wol noch ziemlich junger Mann, Klein aber unförmlich dick, auffällig elegant angezogen, mit dunklem Rock und weißer Weste, mit seinem goldenen Pincenez auf der lächerlich kleinen Stumpfnase, die großen, dicken Hände in hellgelbe Glacéhandschuhe geſtedt, spazirte, den weißen Kastor in der Hand, eilends zur Tür herein. Hä, prost Malzeit," schrie Herr Gottlob Wilhelm Haßler sen. überlaut, da komt er selbst, da wird hoffentlich der Unsinn ein Ende nemen, denk ich, hä. Also Friederike, hier ist mein Son Gabriel, hier hä, hä, und wenn du den nicht liebst, hä, auf der Stelle liebst, sag' ich dir, liebst, hä, na ich sage dir, dann soll doch gleich hä, hä Haßler Vater war offenbar in furchtbarer Aufregung und seine Nichte Friederike war es nicht minder. Herr Gabriel Haßler jun. wurde davon aber nicht im mindesten angesteckt. Er war bis mitten in die Stube getreten und schaute nun mit seinem ganzen Vollmondsgesicht urfidel lächelnd von seinem Vater auf seine Cousine und von dieser wieder auf jenen. " Hi, hi," ficherte er dann, mit dem winzigen Stöckchen, das er zwischen zwei Fingern der rechten Hand balancirte, sich auf die Schultern klopfend, hi, hi, hat er dich erschreckt mit seiner 2 Ueberrumpelung, der gute Alte? Glaubs schon, mein gutes Riefchen, glaubs schon. Sagt's ihm gleich das müsse er fein anfangen am besten sollte er mich's allein machen lassen, aber da kanst du dich darauf verlassen, mein liebstes Riekchen, er meint's gut mit uns beiden, und wenn er dich, hi, hier mußte wieder lachen, die Sache kam ihm auch gar zu spaßig vor, wenn er dich erschreckt hat, so will ich alles wieder in Ordnung bringen, in ordinem sagt der Lateiner." Herr Haßler sen. sah mit Befriedigung und Stolz auf seinen Son der verstand zu reden, und was er für eine Menschenkentnis hatte und mit welcher Sicherheit dieser Gabriel sich auch in die schwierigsten Situationen zu finden wußte. Die Friederike hätte taub und blind und dumm wie die Sünde sein müssen, sagte sich der brave alte Herr, wenn sie diese Perle von einem Menschen von sich gewiesen hätte. Es war rein unmöglich. -Aber das Unmögliche. hier wurds Ereignis. Friederike hatte sich wärend der Rede ihres dicken Cousins gefaßt, sie war zwar noch blaß und erregt, aber ihre Stimme klang doch ruhig und fest, als sie erwiderte: " Es tut mir sehr, sehr leid, dir, lieber Better, ebenso wie dem guten Ontel erklären zu müssen, daß ich über meine Hand nicht mehr frei verfügen kann. Ich hätte es euch in wenigen Tagen vielleicht schon onehin zu wissen getan, mein Jugendgespiele Franz Stein hat mich, vor kurzemi erst, gefragt, ob ich die seine werden möchte und", sie schlug die Augen zu Boden und flüsterte nur noch als sie schloß, ich habe mich mit ihm versprochen für alle Zeit." " Da häda- da schlag doch ein heil'ges Kreuzdonnerwetter drein," polterte jezt Herr Gottlob Wilhelm Haßler sen. los, der vor Aerger und Aufregung kirschbraun geworden war im Gesicht.„ Versprochen hä verliebt verlobt hat sie sich hä- die wolerzogene Jungfer hä- hinter dem Rücken ihres ehrlichen Onkels und Vormunds, und da bindet sie dem, vor dem sie doch hä- von Gottes und Rechtswegen hä- Respekt haben sollte, bindet sie auf, hä-, daß sie an feine Aenderung ihres Jungfernstandes denke, und daß sie noch teinen hätte- hä- das ist ja, Gott straf mich, schlecht wirklich hä grundschlecht von dem Mädel und hä hätt ich sie vorher schon von der Seite gekant, hädann hätt ich gewußt, hädaß sie für meinen Son, hä, für meinen Gabriel, häfür'n Menschen wie der hä- nicht gut genug war!-" Diese lange und durch ihre Kraft in der Tat ausgezeichnete Rede hatte den dicken alten Herrn mächtig angegriffen, der Schweiß rieselte ihm in hellen Strömen über's flammende Antlig, und er feuchte wie eine Lokomotive, die sich eben in Bewegung sezt. Herrn Gabriel Haßler war zwar die Heiterkeit ein wenig vergangen, dafür aber bewarte er- wenigstens verhältnismäßig die Ruhe des großen Geistes, für den er sich auch schon von Kindsbeinen hielt, obwol ihn eigentlich die Angelegenheit doch viel näher anging, als seinen wolehrsamen Erzeuger. Er hatte sich wärend der Rede dieses lezteren seinen schweren goldenen Nasenklemmer, der von seinem bescheidenen Size vielleicht auch vor Aufregung hinuntergepurzelt war, wieder sorgfältig auf dem kleinen, etwas zu keck in die Welt hinausschauenden Riechorgan befestigt, um alsdann verachtungsvolle und vernichtende Blicke auf seine, das hohe Glück in seinen Armen verschmähende Cousine zu schleudern. Als der Papa geschlossen hatte und sich dann mit seinem rotfeidenen schöngemusterten Taschentuche den Schweiß abwischte, tupfte er ihm mit seinem eleganten Stöckchen auf die Schulter und sagte: Brauchst dich nicht zu ärgern, Alterchen, ist warhaftig nicht nötig, non necessarium auf lateinisch wenn sie nicht will, will ich erst recht nicht ich brauche mich warhaftig nicht um ein Mädel zu reißen- ich wollte ihr und ihrer sel'gen Wutter einen Gefallen tun, denn die hat oft gesagt, wir beide müßten ein Par werden, ich hab noch Pietät für solchen lezten Willen ich na fomm Alterchen Dame- hi, hi, hi," jezt hatte er seinen Humor wieder gefunden, - überlassen wir sie die die der gute Gabriel überlassen wir sie ihrem Schicksale und ihrem Franz Stein- na ich kenne den Herrn der ist genau jo hochnäsig dung- parvum ingenium- na ich erzäle dir von dem Herrn, - aber dahinter ist nicht viel keine gründliche Bil tomm nur Afterchen, fommAngströhre auf das weise Haupt und ging zur Tür, Herr Gabriel Haßler stülpte sich schon im Zimmer die weiße seiner Cousine zu verabschieden, hielt er nicht für nötig. sich von Herr Gottlob Wilhelm Haßler ihm nach, aber er mußte sich an der Tür doch noch einmal umwenden. " Die Hauptsache- hä- wegen der ich eigentlich gekommen bin, hätt ich beinah vergessen. Sag' deinem Bruder, dem Obenhinaus, daß aus dem Studiren nichts wird, hä, hä, dazu gibt's fein Geld, ich sein Vormund verlange, daß er Kaufmann wird, wie sich's gehört für so'n Burschen, und da er kein hohes Lehrgeld bezalen kann, so will ich ihn und werd' ich ihn in mein Geschäft nemen, hä, hä, hä " Und nun polterten die beiden die Treppe hinunter, auf der noch einige Duzend hä häs ertönten, die von dem hi hi des Sones harmonisch ergänzt wurden. Friederike ging langsam zur Tür, welche der alte Haßler zu schließen für zu viel Mühe gehalten, und verriegelte sie. Dann sant sie auf das kleine Sopha, welches an der breitesten Wand ihres hübschen Zimmerchens stand, drückte das Taschentuch vor die Augen und sie konte nicht anders und weinte bitterlich. Aber nicht gar lange blieb sie ihrer Erregung und Empörung über die unwürdige Behandlung seitens ihrer Verwanten über laffen. Es klopfte an die Tür, zweimal rasch hintereinander. Friederike kante dieses Klopfen wol, sie sprang geschwind auf, warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel, rief gleich, gleich," tupfte ihr Taschentuch ins Waschbecken und drückte es auf die Augen, um die Spur der Tränen möglichst zu tilgen und ging dann ihrem Gesichtchen so gut sie vermochte, ein ruhiges Aussehen gebend, zur Tür. Der, dem sie öffnete, schloß sie in seine Armee und küßte sie, noch ehe die Tür wieder geschlossen war. Sie entriß sich der ungestümen Umarmung und warf, so schnell sie nur konte, die Tür hinter dem Anfömling ins Schloß. ,, Aber Franz," rief sie ,,, was tust du denn? Dieses Ungestüm ist doch sonst nicht deine Art. Wenn das die Nachbarin gesehen hätte, und wer weiß, ob sie nicht hinter ihrer Glastür stand und neugierig herübergeschaut hat, tu' das nicht wieder, Franz!" Franz Stein warf seinen breitrandigen Filzhut weit von sich aufs Sopha hin und lachte laut und frölich auf. ,, Das und änliches gedenke ich noch recht oft unzälig oft wieder zu tun, du herzige Frieda, und die Furcht vor der Leute Neugier und Klatschsucht soll mich dabei wenig stören. Aber du hast recht, Stind, wenn du meinst, daß ich heute ungestümer bin als sonst, ich bin auch glücklicher, froher als soust, mir ist heute alles wunderbar geglückt, was ich angefangen, und es ist mir, als ob auf einmal ein Zwischenvorhang auf der Büne meines Lebens aufgegangen wäre und mir die Aussicht auf eine rosige, prächtige Zutunft eröffnet hätte." Er zog die nur schwach Widerstrebende von neuem an sein Herz und aufs Sopha nieder. Dabei konte sie nicht verhindern, daß ein Stral der durch die Fenster goldig hereinblickenden, untergehenden Sonne auf ihr Antlig fiel und ihm verriet, daß er sein Lieb in ganz anderer Stimmung betroffen habe, als er heute zu ihr gebracht. Mit der einen Hand fesselte er ihre Hände, in die sie gern ihr unter seinem forschenden Blick tief errötendes Gesicht geborgen hätte, und mit der andern Hand brachte er sanft ihr Lockentöpfchen in eine Haltung, die seiner Prüfung günstig war. Frieda, du hast geweint!" sagte er dann ernst. Weshalb?" Sie v.rsuchte erst, seinen Fragen auszuweichen, aber er ließ nicht nach, und so erzälte sie ihm, dann sich mehr und mehr wieder in die Erregung hineinsprechend, was ihr soeben geschehen. ,, Es ist genug, du armes, schwaches Kind," rief er endlich. Ich sehe sie lebendig vor mir, die beiden vortrefflichen Spießbürger, den alten und den jungen, wie sie entrüstet gewesen sein mögen über die Zurüdweisung, wärend sie in der festen Ueberzeugung gekommen waren, das in ihren Augen herzlich unbedeutende, weil mittellose, von seiner Hände und seines Geistes Arbeit lebende Mädchen würde vor Seligkeit zerfließen ob des Glückes und der Ehre, die sie ihr anzutun gedachten." ,, Aber wie der Cousin nur in aller Welt auf den Gedanken gekommen sein mag, grade mich zu wollen?" fragte Frieda, die Diese Frage schon lange sehr ernstlich beschäftigt hatte. Wirklich lieben wird er mich doch nicht etwa, das täte mir von Herzen leid." Franz Stein mußte nun wieder frölich lachen. Nein," sagte er; ,, nein, Herzensschaz, das brauchst du nicht zu fürchten. Aber sonderbar ist die Sache wirklich. Wenn der gute Gabriel sich eines schönen Tages mit einem wolgefüllten eisernen Geldschranke verlobt hätte, würde ich mich nicht im 3 mindesten gewundert haben, aber daß er einmal soviel Geschmack und Uneigennüzigkeit zeigen würde, dich zu seiner Gattin er-, nun, ehrlich gesprochen erniedrigen zu wollen,- das hätt' ich, nach all' dem, was ich von dem Mann weiß, nimmer geglaubt." Er schüttelte den Kopf, griff sich aber dann mit der Hand plözlich nach der Stirn und rief: Ich weiß es, Frieda, ich weiß es, was dir zu dieser Ehre verholfen hat. D, die Sache ist köstlich, wirklich zu köstlich." Frieda war ganz verwundert über die Frölichkeit ihres Verlobten. ,, Du weißt- was weißt du, Franz?" fragte sie ernst. „ Wenn du mir versprichst, dir aus dem ganzen abgeschmackten Attentat auf dein kleines Herz keinen Pfifferling mehr zu machen, will ich dirs erzälen. Da deine Hand drauf, Schaz!" Frieda gab ihm die Hand. Also!" sagte sie. ,, Also: du hattest die Ehre, der Gegenstand einer Wette zu sein, mein Herzenskind!" Einer Wette? Scherze doch nicht, Franz." " Ich rede jezt ganz im Ernst," beteuerte Franz ,,, mag die Sache auch noch so scherzhaft sein. Vor ein par Wochen wurde im kaufmännischen Klub, dessen Lesezimmer ich zuweilen besuche, die Verlobung eines der jüngeren Mitglieder bekant. Der Mann hatte sich mit einem reichen, aber grundhäßlichen, ich glaube sogar buckligen Mädchen versprochen. Alle Welt spottete darüber, und der lauteste, ich möchte hinzufügen, der ungezogenste der Spötter war dein Better Gabriel, er behauptete, sein Freund, der betreffende Kaufmann, welcher Ulrich heißt, müsse sich fortan schreiben: Uhu- lerich, weil seine Zukünftige unzweifelhaft aus diesem Eulengeschlecht stamme. Darauf antwortete ihm einer, der diesen taktvollen und geschmackvollen Wiz gehört hatte, er werde, trozdem er ganz unverdient eines Erzengels Namen füre, doch sicherlich auch keinen Engel zur Frau bekommen, ihm käme es ebenso wie dem Ulrich auf nichts weiter an, als auf die Mitgift, und da eine reiche und hübsche Frau sicherlich einen andern zum Manne wälen würde, als den edlen Herrn Gabriel Haßler, so würde er, wenn er überhaupt eine Frau bekäme, eben auch mit einer vergoldeteu Vogelscheuche vorlieb nemen. Kind, das ärgerte nun das empfindsame Gemüt deines Vetters furchtbar; er blieb zwar nach seiner phlegmatischen Art ziemlich ruhig, aber er proponirte eine Wette um zwanzig Flaschen Champagner, daß er binnen einem halben Jar nicht nur eine hübsche, sondern überhaupt von allen seinen Bekanten absolut die schönste Braut befizen würde. Die Wette wurde abgeschlossen; sie bildete eine Woche lang das hauptsächlichste Gesprächstema im tauf männischen Verein, und so hörte auch ich eines Tages davon, obgleich ich sonst mit den Kreisen, welche den Umgang deines Vetters Gabriel bilden, keinen Verkehr pflege." ,, Und du meinst wirklich " Und sieh, Ich hege anch nicht den mindesten Zweifel, daß dein liebenswürdiger Better dich lieben, reizenden Schelm zum Mittel ausersehen hatte, zwanzig Flaschen Champagner zu gewinnen und einige Fare mit der hübschesten Frau im kaufmännischen Verein renommiren zu können." Friederike sprang auf und stampfte empört mit ihrem niedlichen Füßchen den Boden. dann ,, D, das hätte ich wissen sollen- diese Wette, hätte ich den Korb aus ganz andern Nuten geflochten." Franz Stein betrachtete die Zornige frohen und zufriedenen Blickes. ,, Ereifere dich nicht allzusehr, Herzensschaz," sagte er ,,, solche Leute, wie dein Cousin, sind so wenig des Zorns, als der Liebe wert. Laß uns am liebsten jezt ganz von dem Tema abbrechen, wenn es dir nicht so amüsant ist, als mir. Was macht dein Bruder?" ,, D, den armen Jungen hätte ich in meiner Erregung fast vergessen!" rief das Mädchen, indem es sich mit der Hand vor die Stirn schlug. Denke dir, Franz, was der Onkel mit ihm vorhat. Er dürfe nicht studiren, sagte er, er müsse in sein Geschäft eintreten." ,, Das sagte er wol, nachdem du dein Körbchen seinem würdigen Sprößling überreicht hattest?" ,, Als er zur Tür hinausging, rief er's mir zu." Also ordinäre Rache sonst nichts, Rache an dem unschuldigen Bruder, weil er mit seinen Rachegelüften die in seinen Augen schuldige Schwester momentan nicht erreichen konnte." Der arme Ernst, Cigarrenhändler soll er, der er werden sich im Geiste als Professor auf dem Kateder sah und schon angefangen hat, an einem großen, gelehrten Werke zu arbeiten, das ihn berühmt machen soll." Freilich, eine recht fatale Geschichte statt Student Lehrbursche, statt Doktor -Commis, statt Professor kleiner Tabakfrämer Ja, nicht war, Franz, das ist ein entsezliches Los, das meinen armen Ernst erwartet, und daran bin ich nun ganz allein schuld." „ Ich glaube gar, Schaz, Ernst braucht sich ja nur nicht zwingen zu lassen. Er erklärt dem Herrn Vormund ernst und eindringlich, daß er feine Spur von Neigung füle, vom Studium abzulassen, und da wird Herr Gottlob Wilhelm Haßler unter Schelten und Fluchen schließlich geschehen lassen, was er nicht one Gewalttat hindern kann, solchem Philister imponirt ein wirklich unerschütterlicher, fester Wille in jedem Falle, zumal in diesem Falle die vormundschaftliche Gewalt doch doch höch stens noch zwei Jare dauert." Das ist freilich richtig, Franz, aber der Onkel wird ganz sicher das Geld zum Studium verweigern, er wird sich für ihn nicht verwenden. Ernst wird keine Stipendien und Unterrichtsstunden erhalten, wie er durch Vermittlung des Onkels gehofft hatte." ,, Das ist nun allerdings möglich, wenigstens wird es ihm viel schwerer werden, sich durchzuschlagen. Aber Frieda, was zerbrechen wir uns darüber den Kopf, ich strecke deinem 4 Eine eputation. 5 Bruder Ernst von Herzen gern die par hundert Taler vor, die er zum Studium Später zalt braucht. er mir's wieder, wie er eben kann." ,, Franz, du guter Franz, das ist lieb von dir, aber," sie hielt überlegend inne, „ das get doch nicht. Weißt du, Ernst ist stolz und würde von dir, den er jezt fast noch garnicht kent, bestimt keine Unterstützung annemen." ,, Da gibst du's ihm, und von der Schwester wird er's doch nemen." ,, Von mir schon, das ist war, und so soll es sein. Er studirt von meinem kleinen Erbe-" ,, Das heißt, Kind, ich gebe dir, meinem Schaz und bald, recht bald, meinem Herzigen Weibe, was er braucht." ,, Nein, Franz." ent gegnete Frieda bestimt, ..so geschiet es nicht. Ich belüge niemanden, und meinen Bruder nun ganz und garnicht. Ich gebe ihm, was ich habe, was ich zu meinem Unterhalt branche, verdiene ich mir. Heut bin ich dein Weib noch nicht, darum hab' ich auch kein Anrecht an dein Vermögen. Also lieber, lieber Franz, sprechen wir nicht mehr davon,- demütigen will mich mein Herzliebster doch gewiß nicht." ,, Gut denn," entgegnete Franz, indem er sich erhob und die Geliebte ans Herz zog. ,, Die Sache ist abgetan, Ernst studirt und damit basta!" Frieda entwand sich rasch seinen Armen. Komm," sagte sie, ,, laß uns hinaus ins Freie, damit ich vergesse, was mir jezt noch schwer genug das Herz bedrückt." * ( Fortfczung folgt.) -9-Von London nach North- Berwick. Erster Reisebrif aus Schottland von L. Viereck. ( Englische Kolonisation und deutscher Wandertrieb. Die Ziele des deutschen Touristen. Die Schienenwege nach Schottland.- Die Häsen von London und New- York. Die englische Handelsmarine. Die Themsemündung. Die Nordseeküsten.) Die Germanen sind sozusagen die Rasse, welche die Völkerwanderung in Permanenz erklärt hat. Nach welchem Lande der Welt man auch kommen möge, man findet englische und deutsche Kolonisten, Seefarer, Reisende. Sind es aber wirklich die Engländer, welchen die Palme zufällt, weil sie gegenwärtig ziemlich den sechsten Teil der festen Erdkruste unter ihrer direkten Botmäßigkeit halten? Die Briten sizen und saßen auf einer sehr fleinen Insel, was sollte aus ihrer überschüssigen Bevölkerung werden, nachdem das ganze vorhandene Ackerland bis an die Cheviots und den Snowdon einmal offupirt war? Die Schotten wehrten sich verzweifelt gegen die britische Invasion, und es ist auch bekant genug, wie oft die eroberungslustigen Söne des stolzen Albion vom Kontinent mit blutigen Köpfen heimgeschickt wurden. So wurden die Engländer aus Not Weltkolonisten, geleitet von dem Bedürfnisse, für ihre Manufakturwaren neue Konsumenten, wie für ihre in der Heimat unversorgten Söne eigene homes"- Heimstätten zu schaffen. Der Gedanke mußte für eine feefarende Inselbevölkerung sehr nahe liegen, und die Ausfürung wurde ihnen auf das denkbarste erleichtert durch die souveräne Lage an dem Atlantik und den unvergleichlichen Reichtum an natürlichen, schönen Häfen, schiffbaren Flußmündungen und Inselsunden, welche einen Zufluchtsort gegen Stürme bieten. Wie anders dagegen Deutschland! Man braucht nur einen Blick auf die Karte zu werfen, um einzusehen, daß die Natur das Denkbarste getan hat, um den deutschen Seeverkehr zu erschweren. Nicht nur, daß der deutsche Seemann einen Weg von vielen hundert Seemeilen durch die keineswegs harmlose Nordsee von unsern Ostseefarern ganz zu schweigen, die erst Seeland und Jütland umschiffen müssen! zurückzulegen hat, ehe er im englischen Hafen die erste Station macht, sondern es fällt auch ganz besonders ins Gewicht, daß nur sehr wenige und keineswegs vorzügliche Häfen an den langen Nordseegestaden existiren, dafür desto mehr niedrige Küsten, flache Inseln und eine Menge von Untiefen, die schon im Hafen viele Schiffe zugrunde richten. Hat trozdem die deutsche Schiffart eine achtunggebietende Entwicklung erfaren, so ist das in der Tat etwas, worauf wir mit Recht stolz sein dürfen. Was ist aber der lezte Grund dieser Errungenschaften? Es ist, wie mir scheint, der den Deutschen tiefeingewurzelte Wandertrieb, die ungezügelte Reiselust, welche dahin fürte, alle Schwierigkeiten zu überwinden und je länger je mehr auf eigenen Schiffen die Salzfluten zu durchkreuzen. So waren z. B. von 73 Dampfern, welche in dem Zeitraum von 10. August bis 10. September 1881 den Verkehr von Europa nach den Vereinigten Staaten vermittelten, 22 deutsche Schiffe, und es scheint mir unzweifelhaft, daß dieser deutsche Seeverkehr noch ganz andre Dimensionen annemen muß, wenn die deutschen Dampferkompagnien dem Beispiel ihrer liverpooler Konfurrenten folgen und nur Schiffe ersten Ranges mit Maschinen von entsprechender Pferdekraft für den Post- und Personenverkehr ausschicken. Von solchen Schiffen ist erst ein einziges in Anwendung. Die„ Elbe" vom Norddeutschen Lloyd hat die Strecke von Southampton nach New- York, oder umgekehrt, jezt mehrere male in acht Tagen zurückgelegt, d. h. die Entfernung der beiden wichtigsten Stulturcentren der Welt ist wieder um ein volles viertel abgekürzt worden! Doch ist es selbstredend ja nur eine Kategorie von Reisenden, welche in großer Zal für diese Reisen inbetracht komt, die Auswanderer, ist deren Zal auch jezt schon enorm, so fann sie sich doch natürlich nicht messen mit den Scharen von Touristen, Geschäfts- und Studienreisenden, welche von Deutsch land aus jezt alljärlich Europa überfluten. Der Deutsche wird in erster Linie Deutschland bereisen. Gewiß mit Recht, denn Naturschönheiten aller Art bietet Deutschland. Mag man Seebäder genießen oder in Gebirgsluft sich erfrischen wollen, liebt man durch die Wälder zu wandern oder romantische Flußtäler zu durchschweifen, will man Kunstgenüsse, Ausstellungen oder Museen besuchen, und in Abwechslung damit eine herliche Natur zur Gesellschaft haben jeder Wunsch dieser Art läßt sich in Deutschland leicht erfüllen. Aber vieles läßt uns kalt, weil es uns zu nahe liegt oder der Reklame durch die bekanten Reiseunternemer ermangelt. Wie viele gehen über die Alpen oder die Vogesen, one z. B. an die herlichen Seitentäler des Rheins oder der oberen Saale nur je gedacht zu haben? Der Berliner get neuerdings häufiger nach Kopenhagen als nach Paris, und Reisen durch Skandinavien werden von Jar zu Jar sichtlich beliebter. Wann aber komt der Deutsche nach Schottland? Meines Wissens bildet in der Regel London, oder genauer Windsor, den nordwestlichen End- und Zielpunkt für deutsche Reisen, und so hoffe ich für die meisten Leser der„ Neuen Welt" mit meinen Reisebrifen aus diesem Winkel der alten Welt eine neue Perspektive nach Nordnordwest zu eröffnen. Zwei mächtige Schienenwege füren von den Ueberresten des Piftenwalls südlich vom Cheviotgebirge an der schmalsten Stelle der großbritischen Jusel zwischen dem Solway Firth und der Mündung des Tyne nach Schottland. Die westliche Route get von dem alten Städtchen Carlisle bei dem Size der berühmten Grob- und Heiratsschmiede von Gretna Green in das schottische Gebiet und fürt in mehreren Zweigen durch die Grafschaften Wigtown und Airshire nach Greenock und Glasgow. Die östliche Route fürt von Newcastle- on- Tyne ziemlich nahe der Küste im Bogen um das Cheviotgebirge und die wol mehr durch die berühmte donizettische Oper als durch Walter Stott's Roman weltbekanten Hügel von Lammermoor herum, nach Edinburg. Wir zogen vor, in Anbetracht der herschenden Hundstagstemperatur, uns lieber der schlanken und eleganten ,, Malvine" anzuvertrauen, welche gleich einem Duzend ihrer Schwestern den direkten Seeverkehr zwischen London und Edinburg vermittelt und regelmäßig wöchentlich einmal hin- und herfärt. Die Sonne warf ihre Stralen schon recht schräg, bis die lezten Ballen von den damit unablässig beschäftigten zwei Dampfträhnen in den Bauch der Malvine" hinabgesenkt waren, und endlich das lezte Signal zur Abfart erschallte. So hatten wir die äußerst interessante Fart die Themse abwärts bei der denkbar schönsten Abendbeleuchtung. Was ist der Verkehr auf der Elbe unterhalb Hamburg, was ist selbst das mit Recht viel geschilderte und bewunderte Treiben im Sunde bei Kopenhagen gegen diese zallosen Flotten, Lokalboote und Schiffsbauten im londoner Hafen? Man färt über eine Stunde lang bei vollem Dampf durch nicht endenwollende Marineanlagen bei den berühmten Riesendocks für die West- und Ostindienfarer vorbei, bis man endlich Greenwich und Woolwich ersteres durch seine Sternwarte, lezteres durch seine Torpedofabriken berühmt im Rücken hat und damit aus dem londoner Hafen in den bis zur Mündung außerordentlich belebten Fluß gelangt. Die Großartigkeit dieses Bildes wird nur durch eins in der Welt übertroffen und das ist der Hafen von New- York. New- York der erste Hafen der neuen Welt ist und den RiesenMan wird dies erklärlich finden, wenn man vor Augen hat, daß import Ameritas nahezu monopolisirt. Ju Jare 1879 trafen in New- York nicht weniger als 8077 Schiffe von auswärts ein, die den allergrößten Theil des in jenem Jare nahezu zwei Milliarden Mart( 466 millionen Dollar) betragenden amerikanischen Import in sich verladen trugen. Ein großer Teil des englischen Verkehrs get über Liverpool, Glasgow, Southampton 2c., wärend in Amerika nur Boston ein geschlossenes Hinterland in den NeuEnglandstaaten befizt, Baltimore, Philadelphia und New Orleans dagegen bezüglich des übrigen Staatsgebiets New- York kaum eine nennenswerte Konkurrenz machen. Endlich liegt New- York beinahe unmittelbar am Meere, auf einer Insel zwischen dem riesigen Hudsonstrom nicht aushält und dem durch das vorliegende Long Island -gegen den die Themse den Vergleich gegen jedes Wetter geschüzten Long- Island- Sundé, wodurch es den immensen Vorteil hat, daß die größten Seeschiffe bis dicht eine Vereinigung bietend des Weltstadt- und Seeverkehrs, wie an die Komptoirs und Warenhäuser der Rheder faren können, sie in der ganzen Welt eben nur einmal zu finden ist. Immerhin wird auch denjenigen, der wie ich diese Eindrücke frisch vor Augen hatte, das londoner Hafenbild einen gewaltigen Eindruck machen müssen. In den englischen Häfen Europas sind jezt Handelsschiffe der Welt, die eine Tragfähigkeit von circa ca. 30 000 Handelsschiffe regi tirt beiläufig ein Drittel aller 8 millionen Tous( à 1016 Kilogramm) bejizen. Es ist klar, daß stets ein großer Teil dieser 30.000 Seeschiffe in der Themse verankert liegen. Dazu komt aber, daß nahezu ein Siebentel des gesamten britischen Imports durch fremde Schiffe besorgt wird, die beispielsweise im Jare 1878 allein gegen 7 millionen Tons in die englischen Häfen hineinschleppten, was der Ladung einer Flotte von mindestens 10 000 Schiffen entspricht. Diesen Riesenflotten gesellen sich noch Kriegsschiffe zu, von denen bekantlich in Woolwich ein Hauptdepot ist und allein für die Hafenpolizei und die Zollkontrole an der Hafenmündung eine ganze Flotille gebraucht wird. Wer sich ein Bild vom Welthandel Englands machen will, der steige bei Westminster Bridge in das Dampfboot und lasse London wit seinem Hafen einmal bei sich Revne passirener gewint dadurch einen mächtigen Eindruck für sein Leben und begreift leicht, wie die Viereinhalbmillionenstadt an jener Stelle entstehen mußte und dabei noch einer kaum absehbaren Entwicklung entgegensiet. Die Tour von London nach Leith ist um ca. 12 Stunden d. i. den vierten Teil kürzer als die sehr frequente Strecke Hamburg- Leith. Hat man die Elbe verlassen, siet man auf lezterer tein Land abgesehen von dem malerischen kleinen Streideblock, Helgoland benamjet bevor man den Firth of Forth erreicht. Auf unserer Route ist das wesentlich anders. Bei günstigem Wetter hat man beinahe fortwärend die Küste vor Augen oder siet man wenigstens nachts die zallosen Leuchttürme, die für den Seemann in den, wie schon erwänt, feineswegs gefarlosen Gewässern der Nordsee eine unbezalbare Woltat sind. Die Küsten der ehemaligen englischen Königreiche Ost- Angeln und Mercia bieten wenig Interessantes, man muß erst den Meerbusen Wash, - wo es auch ein Boston gibt und zwar eine ebenso alte wie in der Welt unbekante Stadt dieses Namens- und die Humber mündung pasfirt haben, ehe es sich wieder verlont, ständig auf Deck im Observationsposten zu bleiben. Man merkt es sehr bald, daß man sich in der Nähe eines der bedeutendsten englischen Häfen befindet. Von Hull gehen wöchentlich regelmäßig Dampfer bis nach Königsberg und St. Petersburg, und die Industriestädte Leeds und Bradford verschiffen von hier meist ihre Produkte. Die See wird daher auch bedeutend belebt. Bis zum Schluß unserer Reise hatten wir von jezt an ziemlich unausgesezt mehrere Dampfer in Sicht, die durch Flaggenaufhissen begrüßt und mit denen Signale ausgetauscht wurden. Bald richteten sich alle Blicke auf ein mächtig ins Meer ragendes Vorgebirge, Flam borough Head, ein Ausläufer des sogenanten penninischen Gebirges. Wer einmal die Nordostküste Rügens passirt hat, kann sich ziemlich genau vorstellen, wie die Küstenformation des alt fränkischen Yorkshire sich ausnimt. Trozdem die Sonne noch sehr hoch stand, war die Beleuchtung effektvoll. Freilich nicht zu vergleichen mit dem Bilde, wie sich unser Stubbenkammer mir ins Gedächtnis geprägt hat. Ich reiste vor etlichen Jaren in einer wunderbar schönen Sommernacht mit der„ Titania" von Kopenhagen nach Stettin. Gegen 10 Uhr abends waren wir bei Stubbenkammer, und der Zufall wollte es, daß zur Feier eines Schlachttages wenn ich nicht irre, war es der 2. September die Badegäste von Saßniß ein Feuerwerk veranstaltet hatten. Den Glanzpunkt bildete unzweifelhaft die elektrische Beleuchtung von Stubbenkammer, die vom Wasser aus bewirkt wurde, sodaß 7man einen geradezu feenhaften Eindruck von diesen Kreidefelsen mitnam. In Yorkshire hatte man keine Siege zu feiern. Dort leben die Menschen vielfach noch in Ideen, die zu den modernen kontinentalen Anschauungen garnicht passen. So interessirt man sich dort sehr für die Ausübung praktischer Menschenliebe, und die ältere Generation der Farmer und Landbewoner hat noch die Quäkerfitte, alle Menschen mit„ Du" anzureden. Wir blieben freilich so weit vom Lande entfernt, daß uns niemand weder mit " Du" noch mit ,, Sie" anreden konte, auch konten wir den sehr zweckmäßigen Dampfelevator nicht sehen, der in dem fahsionablen Seebade Scarborough den Verkehr zwischen den Wonpläzen und dem Badestrande vermittelt. Die Felsen sind so hoch und so steil, daß man zum Wasser nicht one Gefar hinabsteigen und selbst den vorhandenen Serpentinweg nicht one eine übergroße produktive Tätigkeit der Schweißdrüsen wieder hinaufklimmen kann. Man hat daher einen Schacht in den Felsen gebohrt und einen Flaschenzug hineingelegt, der einen Farstul sehr elegant auf und nieder bewegt. Das Vergnügen, damit zu faren, kostet einen Penny und ist schon deshalb ein sehr billiges zu nennen, weil man meiner Erfarung nach mindestens den dreifachen Betrag in Bitter Ale anlegen müßte, um die durch das Heraufklettern verlorene Feuchtigkeit zu ersezen. Wärend ich diese Betrachtungen anstellte, waren wir in die Höhe von Tynemouth, d. i. Mündung des Tyne, gekommen. Dieses Städtchen ist ein sehr unbedeutendes, wenn man es vergleicht mit der industriellen und kommerziellen Bedeutung seiner nächsten Nachbaren -Newcastle- on- Tyne, Sunderland und selbst South Shields dagegen ist es ausgezeichnet durch seine Lage ,, at the seaside" und durch ein Aquarium, das hinter dem weltberühmten Seewasseraquarium von Brighton nicht viel zurückbleiben soll. Damit sind aber auch die Merkwürdigkeiten, welche die englische Küste auf dieser Reise bietet, erschöpft, und niemand ist unzufrieden damit, daß man einige Stunden später nicht mehr im Bereiche des alten Northumberland, sondern schon gegenüber Berwick, der südlichsten Grafschaft Schottlands, sich befindet. Der Kurs wird jezt merklich westlicher. Man passirt den 56. Breitegrad und get dann ganz westlich in den Firth of Forth. Der Firth of Forth, d. i. Mündung des Forth, ist unzweifelhaft der schönste Meerbusen der Nordsee. Wir sahen schon oben, daß die norddeutsche Küste keine Häfen hat auch Zuidersee Dollart und Jadebusen laboriren bekantlich an der schlechten Beschaffenheit unserer Flachküste ebenso schlecht ist es an der jütländischen und schleswig- Holsteinschen Westküste bestellt. In Eng land felt es in der Themse und Humbermündung wie im Wash an jeder nennenswerten Erhöhung und so ist unser Firth of Forth dasjenige Gewässer, das zum Ausgleich desto reichhaltiger mit allem ausgestattet ist, was die Natur und die Tätigkeit des Menschen zur Verschönerung tun fonten. Ich glaube, daß es sich verlohnt, diesem so bevorzugten Wassergebiete mit seinen Küsten, Inseln und maritimen Verkehr einen besonderen Brif zu widmen. Der freundliche Leser wolle in Gedanken mit mir in dem Seebade North Berwick Station machen, von wo aus es sich empfielt, eine etwas eingehendere Orientirung über den Firth of Forth vorzunemen. Karl Friedrich Schinkel. ( Mit Porträt.) " Unser Geist ist nicht frei, wenn er nicht Herr seiner Vorstellungen ist; dagegen erscheint die Freiheit des Geistes bei jeder Selbstüberwindung, bei jedem Widerstande gegen äußere Lockung, bei jeder Pflichterfüllung, wie bei jedem Streben nach dem Bessern, und bei jeder Wegräumung eines Hindernisses zu diesem Zweck. Jeder freie Moment ist ein seliger." So lautet der von ihm selbst für seine Familie aufgesezte Walspruch des Mannes, der einer der größten Söne Deutschlands und einer der am hellsten stralenden Sterne am Kunsthimmel des 19. Jarhunderts allgemein genant wird, dessen hundertjäriger Geburtstag am 13. März d. J. gefeiert wurde und dessen Todestag am nächsten 9. Oktober zum vierzigsten male wiederkehrt: Karl Friedrich Schinkel. Am genanten Tage 1781 zu Neuruppin als Son eines Superintendenten geboren, hatte er, sechs Jare alt, das Unglück, seinen Vater zu Bis zum vierzehnten Jare besuchte er dann das verlieren. Gymnasium seiner Vaterstadt, und von 1795 an, als seine Mutter nach Berlin übersiedelte, sezte er seine Studien auf dem Gymnafium zum grauen Kloster fort. Das Lernen soll ihm schwer geworden sein, dagegen zeigte er große Lust zum Zeichnen. Diese seine Neigung erhielt neue Narung, als er die von dem jungen Oberhofbauinspektor Prof. Friedrich Gilly ausgestellten Entwürfe zu einem Denkmal Friedrichs des Großen und andere Arbeiten dieses, große Hoffnungen erweckenden Künstlers zu Gesicht bekam, und es stieg schon damals der Gedanke in ihm auf, Architekt zu werden. Vorläufig ließ er sich, durch Empfelungen neuruppiner Freunde unterſtüzt, vom älteren Gilly im Zeichnen unterrichten und sezte dann, als der jüngere von einer längeren Reise zurückgekehrt, unter dessen Leitung seine Studien fort und zwar mit der festen Absicht, die künstlerische Laufbahn zu wälen. Er ging denn auch 1798 vom Gymnasium ab. Seine Vormünder hatten - 8 allerdings keine Schuld, daß er diesen Beruf ergriff, denn sie| rieten im Gegenteil von diesem Schritte ab und empfalen ihm, lieber Brantweinbrenner oder Bierbrauer zu werden. Einträg licher wären diese Berufsarten wol für ihn geworden, insofern mochten seine Ratgeber recht haben, zuin Glück für die Menschheit komt aber der materielle Gewinn für das Genie nicht in Frage und am allerwenigsten für einen Mann wie Schinkel, der, bescheiden und anspruchslos, bis an sein Ende nur seinem fünst lerischen Schaffen lebte und darin auch volle Befriedigung fand. Das üppige, absolutistische politische Regiment hatte dem gesamten öffentlichen Leben und auch der Architektur seinen Stempel aufgedrückt, und es ist daher erklärlich, daß mit dem Zusammen bruch des ersteren auch die leztere eine andere Physiognomie erhalten mußte. Wieder war es die Antike, welche als Beispiel für das nötige Maß und die zu beachtenden Geseze aufgestellt wurde. Neben den Schriften Lessings, Winkelmanns, Schillers, Goethe's waren es die Entdeckungen der Kunstwerke aus der Blütezeit des alten Griechenlands, welche die ausübenden Künstler zur Nachahmung der Alten veranlaßten. Und Nachahmung war es anfangs, nicht Vermälung des antifen mit dem modernen Geiste, wie dies Goethe in seinem" Faust" und seiner " Helena" so vortrefflich symbolisch dargestellt hat. Und grade in Berlin suchte man möglichst einfach jezt zu bauen und wälte deshalb seine Vorbilder aus der frühesten Zeit Griechenlands. Uebertriebene Einfachheit und Trockenheit waren deshalb das karakteristische Merkmal der Bauten jener Tage. Der jüngere Gilly zeichnete sich nur durch ein frisches und fräftiges Aufstreben aus diesem Zustande aus. Ein großer Freund und Verehrer der Antike, suchte er diese in seinen Entwürfen den Anforderungen seiner Zeit anzupassen. Er war daher ganz die Persönlichkeit, welche, auf das in Schinkel schlummernde Genie den richtigen Einfluß ausüben fonte. Seine reiche Samlung architektonischer Werfe aus allen Ländern stellte er seinem Schüler zur Verfügung und ging dieselbe wol auch mit lezterem gemeinschaftlich durch. Die Verehrung Schinkels für seinen Meister war so groß, daß -wobei ihn sein ausgezeichnetes Gedächtnis trefflich unterstützte. Hatte er schon die Gewoheit, nach jeder mündlichen Schilderung einer schönen Landschaft dieselbe auf das Papier zu zeichnen, so waren die Wirkungen der italienischen Natur und der dort vorhandenen Ueberreste der alten monumentalen Kunst allerdings noch mächtiger und gaben ihm unzälige Gelegenheiten, seine Begabung als Zeichner und Wialer zu zeigen. Es entstanden denn auch in Rom wo er anfang Oktober ankam in Neapel, auf Sizilien u. s. w. eine Unmasse von Zeichnungen, deren Zal sich durch die Reise nach Florenz, Pisa, Genua und Mailand noch bedeutend vermehrte. Gegen Ende 1804 reiste er im Schnee über den Mont Cenis nach Paris, wo. es ihm nicht gefiel und das er nach einfacher Besichtigung im Januar 1805 verließ, um über Straßburg, Frankfurt a. M. und Weimar im März desſelben Jares nach Berlin zurückzukehren. Hier konte er allerdings wegen der unglücklichen Kriegserreignisse auf eine Beschäftigung als Architekt nicht rechnen, und so bestritt er denn bis 1816 die Kosten seiner Bedürfnisse aus dem Einkommen, das ihm die Landschaftsmalerei gewärte. Schon seine einfachen Federzeichnungen hatten den Fachverständigen damaliger Zeit gezeigt, daß er bedeutende Fähig feiten in diesem Genre besize. Freunde von ihm, die alles gesehen, was er als Maler ge= leistet, behaupten sogar, daß er der größte Landschaftsmaler aller Zeiten geworden wäre, wenn er seine ganze Kraft nur dieser Kunst gewidmet hätte. Landschaftliche Darstellungen aus seinen Reiseerinnerungen in Jtalien, Landschaften, welche das antike Leben sowie das Leben des Mittelalters mit seinen gotischen Bauwerken darstellen, ferner historische freie Darstellungen in Del oder Gouasch ausgefürt, beschäftigen ihn in dieser Pe= riode. Besonders berühmt sind aber seine Restaurationen alter Kunstdenkmäler und seine Entwürfe zu Dekorationen. Von der ersteren Gattung fürte er besonders gut aus die hängenden Gärten der Semiramis, das ägyptische Labyrint, den Koloß von Rhodus, das Grabmal des Königs Mausolus zu Halikarnas, den Tempel der Diana zu Ephesus, den Tempel Dome zu Köln und Mailand, das straßburger Münster und das des Zeus zu Olympia, die Schloß zu Marienburg. Bei diesen mit Bleistift, der Feder und in Aquarell ausgefürten Sachen hielt er sich, soweit solche vorhanden, an die historischen Nachrichten, und im übrigen hatte dabei seine reiche Phantasie den freiesten Spielraum. Seine großen, für die üblichen Weinachtsausstellungen be= stinten Gemälde, sowie andererseits seine Aufsehen erregenden Entwürfe zu Teaterdekorationen, lenkten schließlich die Aufmerkfamkeit hervorragender Persönlichkeiten auf ihn, und als er von seinem spätern Freunde, dem Ober- Finanzrat Beuth, dem Staatsfanzler von Hardenberg empfolen worden, erhielt er eine Anstellung als Assessor für das ästhetische Fach bei der Oberbau deputation mit 1200 Talern Gehalt järlich. Um diese Zeit verüber Dresden, Prag nach Salzburg und Gastein, von wo er heiratete er sich und machte eine Reise mit seiner jungen Fran wiederum eine große Anzal schöner Stizzen mitbrachte. Hierauf ward er Mitglied der fgl. Akademie der bildenden Künste, lernte Rauch kennen, besuchte Fichtes patriotische Vorlesungen und schaffte, durch die damalige nationale Bewegung angeregt und begeistert, eine Anzal Entwürfe und zum Teil fertiger Werke, welche das Empfinden und Fülen jener Zeit darstellen. ( Schluß folgt.) Karl Friedrich Schinkel. er ihn förmlich für ein höheres Wesen betrachtete und ihm nur mit Zittern nahen konte. Leider verlor er diesen mächtigen Förderer schon am 3. August 1800, an welchem Tage derselbe, 29 Jare alt, starb. Aber Schinkel mußte bereits damals das Vertrauen des Meisters in hohem Grade besessen haben, denn ihm, der noch nicht zwanzig Jare alt, wurde die Ausfürung der von dem Verstorbenen bei Lebzeiten noch in Angriff genommenen Privatbauten übertragen, wodurch er, dem ein Jar früher auch die Mutter durch den Tod entrissen wurde, schon früh eine materielle Selbständigkeit erhielt. Zugleich gab ihm noch eine Anzal anderer Arbeiten Gelegenheit, sein Talent zu erproben. Entwürfe zu Malereien und endlich bei alledem noch die Fortsezung seiner teoretischen Studien auf der Bauakademie füllten seine Zeit aus. Sein Lieblingswunsch war jedoch, sobald wie möglich eine Reise nach Italien unternemen zu können und zu diesem Zwecke sparte er und war auch bereits im Mai 1803 instande, diefelbe anzutreten. Die Eindrücke, welche sein reger Geist durch die Erzeugnisse der Natur und Kunst auf dieser Reise empfing, stizzirte er im Moment des Besd auens mit Bleistift flüchtig aufs Papier und fürte die Zeichnung des abends mit der Feder genau aus, | Die 9 deutschen Frauen Frauen der Vorzeit in Leben und Dichtung. Von Manfred Wiffich. Es ist ein allgemein anerkanter Saz, den man häufig genug anfüren hört, daß die Stellung der Frau in der Gesellschaft einen treuen Gradmesser abgibt für die Bildungsstufe des betreffenden Volkes in einer bestimten Zeit. Damit hat es nun allerdings seine Richtigkeit, die wir keineswegs bestreiten wollen, aber damit allein ist die Sache nicht abgetan. Wäre dies nämlich der Fall, so müßten one weiteres die Griechen troz hoher Kultur für die entsezlichsten Barbaren gelten, und andrerseits die überSpanten Minnetoren des deutschen Mittelalters mit ihrer one Uebertreibung so zu nennenden- Frauenvergötterung den Gipfelpunkt menschlicher Bildung bezeichnen. Aber nicht die Achtung vor dem andern Geschlecht allein, sondern die größtmögliche allgemeine Achtung der Menschenwürde überhaupt drückt einer bestim= ten Kultur den Stempel höchster Vollkommenheit auf. Innerhalb dieses Ramens wird nun allerdings die Schäzung und Stellung der Frau als eine der bedeutsamsten Seiten mit zu würdigen und zu betrachten, und deshalb dem oben angefürten Saze seine hohe Geltung nicht abzusprechen, wol aber diese genauer zu be= stimmen sein. Meine Absicht ist es nun nicht, im folgenden eine sittengeschichtliche Beleuchtung eines Kapitels der allgemeinen Frauenfrage zu liefern, sondern nur aus Geschichte und Dichtung kenzeichnende und wichtige Züge auszuheben, welche die Möglichkeit gewären, ein flares Bild der deutschen Frauen in der Vorzeit zu entwerfen. I. Allgemeines. Die älteste Zeit. Rechtsverhältnisse. Zunächst ein Wort über die allgemeinen Namen des Geschlechts, dann über die Sondernamen oder Eigennamen einzelner weiblicher Wesen. Das Wort Weib scheint das Beweglich- Gewante .D.Leben Gerber ADULER XA- LEIPZIG Chinesische Teleskopäische.( Seite 15.) des Geschlechts bezeichnen zu sollen, wärend Frau soviel bedeutet wie Herrin und sich als weibliche Bezeichnung neben Fro, d. i. Herr, stellt, und dahinter wieder als Grundbegriff das Erfreuende, Genußgewärende im weiblichen Wesen bezeichnet, Eigenschaften, welche schon der bloßen Erscheinung des andern Geschlechts eignen. In vielen anderen Bezeichnungen älterer deutscher Sprachen für das ganze Geschlecht wird deutlich die Bestimmung des Weibes, Mutter zu werden, angedeutet. Nun einiges über einzelne weibliche Sondernamen. Als wir in diesen Blättern einmal von deutschen Namen zu handeln hatten, warfen wir schon einen Seitenblick auch auf die Frauennamen der Zeit, mit welchen wir es jezt wieder zu tun haben. Das wird hier ein wenig zu erweitern sein. Auch bei den Frauenbenennungen ging man von dem nächst liegenden, von äußeren Eigenschaften aus. Stralende Schönheit und kraftvolle Gewantheit waren besonders an den Frauen geschäzt und veranlaßten Namen wie: Sconea, die Schöne, Berhta, die Glänzende, Heidr, die Heitre, Stralende, Berhtwis, die Weißglänzende, Swanwis, die Schwanenweiße, Liba, die Lebendige, Swinda, die Rasche, Starke u. a. m. Von der glänzenden Sonne entlehnt sind Sunnihild, Solveig, Solvör und andre; vom lichten Tage: Tagalint, Liobtaga, Tagani, Dagrun; vom blendendweißen Schnee: Sneoburg, Sniofridr, Snelaug, Snêwitken; vom Eise: Jsgildis, Jjila; vom Eisen: Jsantrut, Jampuro. Auch das Tierreich wurde herangezogen in denjenigen Vertretern, welche Eigenschaften, änlich denen der Frauen, aufwiesen, namentlich kehrt häufig der Vergleich mit dem dichterisch vielbesungenen Schwan wieder: Swanhilt, Swana, Swanburg, Swangart, Swanlaug. Die Schlange, wegen ihrer Gelenkigkeit, ihrer schmiegsamen Fähigkeit des Umklammerns dem Weibe vergleichbar, wird vielfach verwendet, weiters auch, weil sie unseren Altvordern nicht nur schön, sondern auch geheimnisvoll und mit zauberischen Mächten begabt erschien. Linda( lint), die Schlange ist allein schon Mädchenname, ferner Sigelint, Ermanlind, Waclint( Wogenschlange), Alflint, die Götterschlange und viele andre mehr. Der Bär tritt auf in Woltbirin, Adalbirin, Ospirin, Lintpirin; der Wolf in Wulfhilt, Wolfa, Wolfila( der weibliche Name zu Wulfila oder Ulfilas, wie der gotische Bibelübersezer hieß), Wolfgunt, Wolflint, Wolfrun u. a. m.; der Eber in Eberhilt, Eberlint; der Adler in Aregundis, Arnbjörg, Arnlaug, Aralint, Arehilt; der Rabe in Bertramna, d. i. der Glanzrabe. Rabe und Adler, die symbolischen Vögel für Kampf und Walstatt, leiten uns über auf die kriegerischen Namen, häufig gebildet mit den Worten wig, gund, hilt gleich Kampf, oder mit den waffenbezeichnenden Grim und Holm( gleich Helm), Eck und Ort, d. i. Schwert und Schwertspize, Ger und Fram, Lanze und Wurfspieß. Auch die kampfnötigen Eigenschaften: bald gleich fühn, frat gleich klug u. s. w. felen nicht. Bis in die Götterwelt hinauf greift altgermanische Frauenbenennung: Asynja gleich die Asenoder Göttergleiche, Alblint gleich die Götterschlange, Auslaug 1031 -10 gleich die Göttlichglänzende. Obgleich nach dem alten Spruch der Mensch in seinen Göttern sich selbst und sein Wesen, nur gesteigert, neu schafft, so sehen wir von einer besondern Betrachtung der heidnischen Göttinnen ab, werden aber ihre einzelnen Seiten brauchen können, um die irdischen Frauen jener Zeit für unser geistiges Auge abzumalen. Nach diesen Erwägungen über Wort und Namen gehen wir unserm Gegenstande noch näher zuleibe und suchen wir aus der Menge geschichtlicher Zeugnisse diejenigen zusammenzustellen, welche uns die wichtigsten zu sein scheinen für die älteste Geschichte der deutschen Frauen. An die Spize unsrer Betrachtungen stellen wir das vielangefürte Wort des Tacitus: „ Es glauben Deutschlands Völker, daß den Frauen etwas Heiliges und Prophetisches innewone: daher verachten sie ihre Ratschläge nicht und achten wol auf ihre Weissagungen." Dieser größte römische Geschichtsschreiber, tätig um die Wende des ersten und zweiten Jarhunderts christlicher Zeitrechnung im kaiserlichen Rom, nam mit tiefem Gram die moralischen und sozialen Schäden seines damals bereits schrecklich entartenden Volkes war, und wie er als Politiker in seinem Wirken das kühne Wort sprach: ,, Erringen wir uns die Zeiten, da jedermann reden darf, was er denkt und denken darf, was er will"; hatte er auch den Mut, den kulturstolzen Welteroberern und Weltbeherschern das Bild eines naturwüchsigen, noch nicht von dem Gifte der Ueberkultur zerfressenen Volkes entgegenzustellen, welches wol die Mehrzal seiner Beitgenossen zu fürchten nicht umhin konten, welches sie aber doch als Barbaren, als Halbwilde verachteten. Dies tat er in seinem später Germania betitelten Werke, in dem er, ein Vorläufer Rousseaus, die Natur wider die Kunst, die naive Einfachheit wider den Luxus auf den Schild erhob. Obgleich er nun in seinem Schwiegervater Agricola einen guten Gewärsmann über deutsche und britische Zustände hatte und wol auch vieles nach eignem Augenschein berichtete, mag diese seine Absicht ihn zuweilen verleitet haben, zu rosig zu malen. Jene aus obgedachtem Wort über die Frauen sich ergebende Hochhaltung des anderen Geschlechts war, wie ein Forscher richtig bemerkt, mehr eine religiöse als eine weltliche, mehr eine passive als eine attive. Die geistige Findigkeit, die Liſt, der Reiz, den das körperlich meist schwache Weib auf den Mann ausübt, erflären genugsam die Zubilligung von Anspruch auf Schuz und Schonung, auf Ehrerbietung und Heilighaltung. Aber gesellschaft lich und rechtlich hatte sonst das Weib stets seine Stelle hinter dem Manne: sie stand dem Gatten gegenüber nicht freier als das Kind dem Vater gegenüber, sie war stets bevormundet und unfrei, wenn nicht überragende persönliche Gaben des Geistes und Leibes ihr eine ausnamsweise selbständigere Stellung erwirkten, die rechtlich keine anerkennende Begründung hatte. Anfangs nur als Sache, als Gegenstand zum Genuß betrachtet, konte sie lezwillig vom Manne einem anderen vermacht, verschenkt, verkauft, dem Gaste angeboten werden. Die Last der Arbeit rute allein auf ihren Schultern, wärend der Gatte auf der vielberühmten Bären haut lag, zechte und spielte, oder Kriegspfade wandelte oder jagte. Allmälich wurde durch steigende Kultur und Verinnerlichung manche Bresche in die starren Schranken dieses Gewonheitsrechtes geschlagen; die hinterlassene Witwe, welche anfangs wol den Tod mit dem Gatten teilen mußte, sicher wenigstens oft freiwillig teilte, erhielt manche Freiheiten, die an mänliche streiften, namentlich in den Höhen der Gesellschaft. Persönliche Tüchtigkeit im Verwalten der Wirtschaft ist einer der Edelsteine, auf denen die in der Praxis wol höhere Achtung des Weibes im Leben, im Gegensaz zu dem rücksichtslosen Gesez, berute. Selbst Königinnen fertigen die Gewänder ihres Gatten und zieren sein und seiner Mannen Kleider auf das stolzeste; eigenhändig drehen sie die Spindel oder waschen an Meer und Fluß die gebrauchten Kleider. So in der deutschen Vorzeit wie in dem Heldenzeitalter der Griechen. Auch das altgermanische Getränk des Bieres brauten selbst Königinnen für ihren Haushalt eigenhändig und gutes Getränk schaffen zu können, war hochgeschäzte Frauentugend. König Alf hatte zwei unverträgliche Frauen und fülte die Notwendigkeit, diese zu trennen, indem er eine entfernte. Da ließ er beide um die Wette brauen, mit dem Beding, daß die Siegerin bei ihm verbleibe. Odin selbst, der Götter oberster, soll der tüchtigeren wunderbar zum Siege verholfen haben, indem er ihr Speichel von sich gab. Spinnen, weben, nähen, stiden, alles, was die Mädchen auf dem Markte zu Richmond in lustigem Liede sich zu leisten er bieten, verstand das deutsche Weib von alters her gut. War doch darauf von früher her die Erziehung in der Hauptsache gerichtet. Alle Künste der Handarbeit zur Verschönerung des Wonraums und Zier des eignen Körper waren Frauenwerke. Als geliebte Gattin, Mutter und erste Erzieherin der Kinder war die Frau dem Manne allzeit wert, namentlich wenn sie ihm Söne schenkte, auf denen in ältester Zeit Leben und Hoffnung des Hauses rute. Diese Höherschäzung drückt sich auch darin aus, daß die altgermanische Sitte der Kinderaussezung, die troz Tacitus Beugnis, statthatte, namentlich Töchter betraf. Gründe der Aussezung: Uebervölkerung und Narungsmangel, weshalb der einzelne in jenen rauhen Zeiten eben fühl dem ganzen geopfert wurde. Als Asbörn eine Tochter wider den Willen der Mutter verlobt hatte, jezte leztere sogar eine später geborene Tochter aus, da sie nicht Kinder aufziehen wolle, die gegen ihren Willen weggegeben würden. Rühmend hebt Tacitus hervor, daß die deutschen Mütter ihre Kinder selbst stillen, jedoch schon im 6. Jarhundert ist von Ammen bei den Angelsachsen die Rede. Wenn dies so wie andere Züge der Geschlechtstüchtigkeit zum großen Teil in der größeren Abhärtung und in einfacher ge sunder Lebensweise ihre Erklärung findet, so ist der Ruf der deutschen Keuschheit doch begründet und auch mit herzuziehen. Jünglinge wie Mädchen ,, wurden nicht übereilt"( mit dem Heiraten) wie es bei Tacitus heißt. Von Unkeuschheit war Tod die Folge, da gab es uranfänglich keinerlei Sühne. Milder ward aber im Laufe der Zeit das Gesez, lockerer die Sitten, wie wir bei Betrachtung der hösischen Zeit sehen werden. | Damit aufs engste verbunden ist die streng gewarte eheliche Treue. Das erhabenste Beispiel, gewiß nur dichterisch erhöhte Wirklichkeit, ist das der Gemalin des Lichtgottes Baldur. Durch des Unholds Loki List ist die Freude der Götter und Menschen, der stralende Tagesgott getötet worden. Das kann seine jugendlich blühende Gattin Nanna nicht ertragen; als der brennende Scheiterhaufen ins Meer hinaustreibt, springt ihr das Herz und sie get mit dem Gatten vereint in die Unterwelt. Aber noch rürender fast ist die Gestalt der Sigya, der Gattin Lokis. Wegen seines Frevels an Baldur gefangen, wird er mit den Eingeweiden seines Sones an einen Felsen gebunden und eine giftige Schlange über ihm aufgehängt, sodaß ihm stets ihr äzender Geifer ins Gesicht fällt. Aber Sigya ist bei ihm, dem Uebeltäter, und fängt das Gift one Raft und Ruh in einer Schale auf bis an der Welt Untergang! Eine andere Sage berichtet von einem Weibe, die stets an ihrem Gatten hängt, obgleich er ihre Schwester liebt, und ihn in arger Bedrängnis nicht läßt, ihm ins Elend folgt, ihn tröstet und endlich rettet. Freilich erfaren wir auch von gewaltiger Liebe, die lieber ihren Gegenstand vernichtet, als ihn einer andern gönt. So ist Siegfrieds Tod in der alten Nibelungensage die Folge des Verlassens der Brunhild, seiner einstigen Braut, die an ihm sich blutig rächt, dann aber sich selbst ersticht und so dem immer noch Geliebten nachstirbt. Ingibiörg, die Norwegerin, mußte ihren Geliebten lassen, da bort sie ihm im grimmen Weh mit ihren Händen die heißgeliebten Augen aus, damit ihr Glanz nicht andere erfreue. Das Halten auf Ehre ist nicht nur bei der Römerin Lucretia zu finden. Schon die Frauen der von Marius besiegten Teutonen flehten die Sieger an, daß sie Priesterinnen der Vesta werden fönten und so nicht Manneswillen und Gewalt über sich ergehen laffen müßten; als man ihnen dies abschlug, legten sie Hand an sich. Und so ließen sich zallose Beispiele strenger, ja rauher Frauentugend häufen. Andererseits ward dieselbe vom deutschen Mann gefordert, und auch an fremden Frauen, etwa besiegte Feinde, geachtet. Im Gudrunlied wird die gefangene Heldin der Dichtung von Hartmuts Mutter mishandelt, um sie zur Ehe zu zwingen, jener aber denkt hoch genug, seinerseits nicht zu er zwingen, was Gudrun nicht frei gewären will. Rauh kann das Weib behandelt werden, aber nicht roh; es kann körperliche Mishandlungen erfaren, aber keine sittlichen. Treten die Frauen doch selbst zuweilen uns förmlich erzhart entgegen, so stark sind die Ausbrüche übergewaltiger Gefüle, wovon oben schon ein Beispiel, das Ingibiörgs, zeigte. Ist doch das Frauenherz leichter auch eine Beute starter Stürme im Em pfindungs- und Gefülsleben. Vom gewaltigen Wogen des Busens springt Freias Sternenschmuck; im wütendem Schmerz schlägt Brunhild die Hände zusammen, daß der Sal laut erdröhnt und das Geflügel auf dem Hofe erschreckt emporfärt. Als sie entsez lich frolockendes Gelächter ausstößt bei Siegfrieds Tod, erdröhnt das ganze Haus. ( Schluß folgt.) 11 Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Max Vogler. Inmitten rauscht der alte Rhein, Der jagt: Ihr müsset Brüder sein!" Aug. Stöber. So wundersam süß, und traut und heimlich das Herz unifangend, sind nicht alle Dämmerstunden wie die jenes stillen Novembertags, an dem wir, die rauchenden Schlote und das lärmende Getriebe der Fabrikstadt hinter uns lassend, mitsammen hinausschlenderten, den Bergen entgegen, die sich fern unseren Blicken, von leisen Abendnebeln umwogt, in langen Ketten aneinandereiten. Wo wir gingen, war noch geebnete Fläche, aus der nur hier und da ein mit niederem Schlagholz bewachsener Hügel sich etwas höher emporhob; langsam, trübselig fast zog der tiefgrüne Fluß zu unserer Seite, daß man das muntere, lebensprudelnde Kind, welches er hoch im Gebirg gewesen, kaum wieder erkante freilich, es wartete seiner jezt auch ein wenig freundliches Geschick; sollte er doch nun harte Arbeit verrichten, die Räder treiben und Dämpfe aufwirbelu, daß die Spindeln und Eisenwellen, die Stampfen und Sägen in rascher Bewegung sich drehten und hin und hergingen, mußte er doch bald all' den Schmuz und Kot in seine flare, reine Flut aufnemen, der von modernem Maschinenund Fabrikbetrieb unzertrenlich ist. In gleichförmiger, eintöniger Linie siet man in etwas größerer Entfernung die endlos langen Reihen steifer, allen Reizes entbehrenden Pappeln den Kanal umsäumen, der, auf schwerfälligen Flößen gewaltige Kolenlasten tragend, die Wasser jener beiden größeren Flüsse zueinanderfürt, welche, wie sie gleichfalls in hoher, wildumrauschter Bergwildnis ihren Anfang nemen, hier ebenso wie jenes fleinere Gewäffer sich dem Unternemungsgeist der Menschen beugen müssen und in den Dienst der lezteren gezwungen werden. Unter den grauen Stämmen der Pappelbäume aber neigen sich die hohen Halme des Schilfes melancholisch flüsternd zu einander, hier und da steigt, einem Galgen änlich, ein Krahn dazwischen empor, mit tels dessen man die Lasten der Schiffe, Quadern, Mülsteine und schwere Ballen auf den Damm hebt, ein atembenemender, häß licher Kolengeruch durchdringt die dunstige Luft, und es mag uns noch wie eine angeneme Ueberraschung in dieser farb- und tonlosen Dede dünken, wenn man drüben, um eines der Farzeuge hindurchzulassen, ein Schleußentor öffnet und die angestauten Wasser zischend und sprühend hinabschäumen, die Gedanken we nigstens für Augenblicke in das Quellen und Rauschen geheimnisvoller Hochgebirgswelt zurückbannend. Jenseits dieser einförmigen Wasserstraße ist sumpfiges Land, und wer des Nachts darüber hinget, mag sich wol hüten, daß ihn nicht ein hüpfendes Irrlicht in das tüdische schwarze Moor mit den kleinen, lauch übersponnenen Teichen und Tümpeln hineinlockt,- er wäre des Verderbens sicher. Der mit mir war, deutete mit der Hand hinüber und erzälte manch' schaurige Mähr, die sich dort auf dem verräterischen Boden zugetragen; zum Glück dauerte es nicht lange, bis wir diese unheimliche Gegend hinter uns ließen. Die Berge rückten näher und näher, ein frischer, reiner Luftzug strich von ihnen hernieder, und der Weg schlängelte sich in hochstämmigen, herlichen Buchenwald hinein, dessen breitgeästete, noch voll belaubte Bäume, tröstliche Vorkunde schöner Stunden, tieftönig zu unseren Häupten rauschten und, leisem Gruße gleich, dann und wann ein gelbschimmerndes Blatt langsam zu unseren Füßen niedergleiten ließen. Die Sonne war wol schon hinter den Bergen hinabgefunken, als wir unter den hohen Baumkronen aus der Lichtung des Waldes heraustraten und das freie Feld beschritten. Sie hatte sich den ganzen Tag über nicht oft sehen lassen, so unausgesezt wirten und wogten die grauen, undurchsichtigen Schleier, die sich schwer und dumpf über die Talniederung und die Höhen breiteten und auch dem menschlichen Auge jeden Ausblick in weitere Ferne hartnäckig verwehrten. Auf sanft sich höher emporziehendem Wege gingen wir jezt zwischen ausgedehnten Weinbergen hin, die nach dem lezteren auf beiden Seiten durch niedrige Schuzmauern abgegrenzt wurden; hier und da sah man in diesen, durch starke Glasscheiben sorgsam gegen Wind und Wetter geschüzt, das Bild nis der heiligen Jungfrau oder des Erlösers aus rasenumwachsener Bertiefung hervorschauen. Eine kleine Strecke noch, und die Biegung des Weges zeigte uns ein stattliches Dorf mit schmucken, weißgetünchten Häusern, die in ihrer altertümlichen, wunderbar anheimelnden Bauart, von dickem, wettergrauen Kirchturm überragt, sich mit den dunklen Bergen, die unmittelbar hinter dem Orte mit ihren runden Kuppen in die nebelfeuchte, dunstige Luft emporstrebten, zu einem äußerst malerischen und farakteristischen, das Auge harmonisch ansprechenden Bilde vereinigten,- ein echt elsässisches Dorf von deutschem Gepräge und einem so trauten, das Gemüt ergreifenden Anstrich, wie er nur je in den stillen, friedlichen Ortschaften des schönen, poesievollen Schwabenlandes zu finden ist. Gleich am Eingang des Dorfes kündigte ein in doppelter Manneshöhe an eisernem, nach der Straße herausweisendem Arm angebrachtes, arg verrostetes Blechschild das erste Haus rechts am Wege als das„ Gasthaus zur goldenen Traube" an. Es hatte ein etwas moderneres Aussehen als die anderen Häuser des Dorfes, bei denen sich breites, mannigfach verziertes Fachwerk mit stark hervortretendem braunen Holzgebälk, über die dicken, festen Mauern im unteren Teile, dem Kern des Gebäudes, neigten und die derbe Holzgalerie vom hohen, spizen Giebel sich herausbog. Durchweg aus festen Steinen gefügt und in allen Teilen des Gemäuers mit weißem, blendend hervorleuchtendem Kalk überworfen, ließ es nur durch das seltsam geformte, offenbar nur erst kürzlich mit Schiefer neugedeckte Dach, die breite Kuppel, die etwa in der Mitte desselben über den ziemlich weiten Haupteingang des Hauses hervorstand, und die breitstufige, von eisernem Geländer umgebene steinerne Stiege, die nach dieser hinauffürte und damit den Zutritt zum ersten und zugleich einzigen- Stockwerk des Gebäudes vermittelte, auf frühzeitigere Entstehung schließen, als man, wenn der schmucke Bau von weitem vor die Blicke trat, anzunemen geneigt sein mochte. Wir gingen hinein und erhielten, als wir die mäßig große, helle Gaststube betraten, sogleich den Eindruck, daß wir uns in einer außergewöhnlich gut unterhaltenen Dorfwirtschaft befanden. Die Fenster schmückten blendend weiße, geschmackvoll in Falten gelegte Vorhänge, das braune Holzgetäfel der Wände erwies sich blant gescheuert, ebenso war wol in den hellgrauen, fast die nächsten Gegenstände wiederspiegelnden Kacheln des großen Ofens, der abseits am Ende des Zimmers stand, kaum ein Stäubchen zu bemerken, und auch die, wenn gleich einfachen und offenbar schon lange gebrauchten Möbel, die Tische, die Stüle, die Bank längs der ganzen Hinterwand, das mit geblümtem Zeug überzogene Sopha neben dem großen, offenbar für die Vornemeren des Dorfes bestimten runden Tische, der dicht am Ofen stand, sowie das andere Zimmergerät, ein hoher, schwarz gerahmter Spiegel, einige Darstellungen aus der heiligen Geschichte oder Familienerinnerungen enthaltende Bilder an den Wänden umher und die hohe hölzerne Uhr mit ihrem schweren, lauten Pendelschlag, alles zeigte in seiner äußeren, bei dem und jenem durch hübsches Schnizwerk und andere Verzierungen gehobener Gestalt sowol, als auch in der Art, wie es neben einander gestellt, im Zimmer verteilt und gruppirt war, mehr Schönheits- und Ordnungssinn, mehr behäbigen Wolstand als man sie sonst in der einfachschlichten, one besonderen Plan und one allzugroße Rücksicht auf äußere Stattlichkeit getroffenen Einrichtung einer ländlichen Herberge zu finden gewönt ist. In der Wirtsstube war tiefe Stille, wir hatten es anders erwartet. Kein einziger Zecher saß darin; nur am Ofen lehnte die derbe, breitschultrige Gestalt eines älteren Mannes von mittlerer Größe, im grauen Baumwollenkittel und eine braune Pelztappe auf dem Haupte, wie man sie dortlands in der Tracht der Männer am häufigsten antrifft. Er maß uns, als wir über die Schwelle traten und uns anschickten, an einem der Tische am Fenster Plaz zu nemen, mit einem ruhig gleichmütigen Blick, lüpfte dann, faum vernembar einen Abendgruß brummend, die Kappe und ging gemächlich, als müßten wir ihm, der sie nicht nötig hatte, eigentlich diese Bemühung verdanken, nach der, ganz in der Nähe des Ofens in ein Nebenzimmer sich öffnenden Tür und steckte den Kopf durch den Spalt halb hinein. Ob er dabei zu jemand sprach, etwa etwas befelend, davon hörten wir nichts. Im nächsten Augenblick aber, wärend sich jener wieder lang= sam in seine vorige Stellung am Ofen begab, kam aus diesem Nebengemach eilfertigen Schritts ein junges Mädchen herein, das uns freundlich, wenn auch etwas flüchtig und mit sehr kurzem Kopfnicken, begrüßte und dann rasch über dem Tische, an dem wir uns niedergelassen hatten, die daselbst angebrachte, mit großer, milchweißer Glocke versehene Lampe anzündete. Das Mädchen mochte etwa siebenzehn oder achtzehn Sommer zälen. Die hellblaue Schürze über dem dunklen Rock, das bunte Brusttuch, in der Mitte der Brust zu zierlicher, weißbesezter Krause zusammengefaltet, und die kleine, rosenfarbene Schleife im kastanienbraunen Har standen ihr gar allerliebst. Sie fragte, den offenen, heiteren Blick ihrer dunklen Augen uns zuwendend, nach unserm Begehr und ging dann hinweg, das Verlangte zu holen. Sie hatte kaum die Tür des Nebenzimmers leise hinter sich angelehnt, als der Alte, den man jezt im Schein des Lampenlichts näher betrachten und etwa für einen hohen Fünfziger halten konte, schlürfenden Schritts hinter ihr drein ging und abermals, wie um noch etwas Besonderes anzu befelen, zu jener Tür hineinsah. Unmittelbar darauf stand er, uns stumm betrachtend und die Hände auf dem Rücken verschränkt, wieder am Dfen, der mit behaglicher Wärme das stille, schmucke Zimmer durchströmte. Nach wenigen Minuten wurde uns das Verlangte gebracht, auf schimmernd blankem, großen Zinnteller roter, feuriger Sigolzheimer in großer offener Flasche und zwei Gläser- aber nicht von jenem Mädchen, mit dem wir zuvor gesprochen und die uns nach allem, was wir sahen, als die Tochter des Wirtes für diesen mußten wir den behäbigen, am Ofen lehnenden Mann halten erschienen war. 12 Auf die Schwelle trat ein, der anderen kaum um ein par Jare im Alter vorausgeschrittenes Mädchen von schlankem, graziösen Wuchs, nicht in der sonst üblichen Tracht der jungen Landbewonerinnen dieser Gegend, vielmehr mit einer kurzen dunklen Jacke von vornemem Schnitt, deren lange, vorn mit schönem Besaz verzierte Aermel am Handgelenk in weiter Falte herabfielen, einem langen, fast die Strümpfe über den niedrigen Schuhen verdeckenden Rock von eben solcher Farbe und einer weißen, spizenbesezten Schürze bekleidet. Auf dem Scheitel saß ihr kokett ein kleines, schneeweißes Häubchen, von einem blauen, seidenen Bande zusammengehalten; um die feine Halskrause aber schlang sich, mit daran hängendem, goldig glänzenden Medaillon, eine doppelt gereite Schnur ebenfalls blauer, nicht allzu großer Perlen. | Wie sie auf uns zutrat, verbeugte sie sich mit soviel Anmut und einem so vornemen Anstand, wie er ihr wol kaum in der Ein Lied von Buddha. " Deutschland kent es noch nicht; es erschien vor zwei Jaren schon in London bei Trübner. Es heißt: Edwin Arnold: The light of Asia or, The great Renunciation." J. K. Funk& Co. in NewYort haben es im vorigen Jare nachgedruckt. Die englisch- amerikanische Lesewelt scheint, nach den wiederholten Abdrücken zu schließen, eine Vorliebe für den in Deutschland wenig bekanten Dichter Edwin Arnold zu hegen, welcher seine Stoffe vielfach dem Orient entlehnt und seine Lebensaufgabe darin findet: ,, to aid in the better mutual knowledge of East and West." ,, Die Zeit mag kommen," schließt er seine Vorrede zu obigem Werk ,,, da dies Buch und mein indisches, Lied der Lieder das Andenken eines, der Indien und die indischen Völker liebte, bewaren wird." In acht Büchern schildert er die Erlösung des Menschengeschlechts, ja des ganzen Weltalls, durch Buddha. Wir geben einige Proben: Dingen, die Noch aber wußte feineswegs der Jüngling Von Sorge, Schmerz und Tränen Ein König kaum je nennen hört, noch fült, Was sie bedeuten. Plözlich da geschah's Jm Königspark an einem Frülingsmorgen, Daß ein Geschwader wilder Schwäne droben Vorüberflog, nach ihren Nestern hin Zu Himalajas weißer Brust von Norden Fern segelnd. Ihre schneeige Reih' entlang Tönt' erdwärts Lustgesang in Liebesklängen; Denn sicher flog die sonnigglänzende Schar Gelenkt von dem Piloten Liebesdrang. Und Devadatta, Er des Prinzen Vetter, Zielt aufwärts mit dem Bogen, ließ entschwirren Ein allzuwilliges Geschoß und traf Die breite Schwinge des allvordersten, Spinstube und auf der Dorfgasse zur Gewonheit geworden war, und stellte mit behender Bewegung das Geschirr und die Flasche flammenden heimischen Weins vor uns auf den Tisch, um dann ebenso edel bescheiden von diesem zurückzutreten. Mir starte sekundenlang das Blut, als sie dicht vor uns stand und das volle, durch die weiße Glocke nur schwach gedämpfte Lampenlicht auf ihr Gesicht und ihre hohe, schöne Gestalt fiel. Ich hatte ein Mädchen von so vollendeter Schönheit noch nicht gesehen. Hatte der Alte, als er zum zweitenmale nach der Tür des Nebengemachs, aus der sie herausgetreten, ging, uns wirklich überraschen wollen? Vor allem die großen, tiefschwarzen Augen, die in ihrem edelgeschnittenen, vom höchsten, bezaubernden Schmelz der Jugend übergossenen Antliz stralten, hatten einen wunderbaren Glanz, und der heiter schalkhafte und zugleich doch jene fast gebietende Art ihres Wesens, die schon ihre Bewegungen kenzeichnete, aussprechende Blick, mit dem sie schnell, doch völlig unbefangen an uns vorübersah, fonte auf niemanden seine Wirkung verfelen, und mußte jedem, dem er sich zuwante, das völlig ungewönliche dieser Erscheinung zum Bewußtsein bringen. Bei aller Anmut und graziösen Schlankheit, die dieser eigen, zeigte ihr Wuchs doch auch wieder jene Ueppigkeit der Formen, die, je weniger sie in die Augen springt, erst das rechte Ebenmaß der Gestalt hervorbringt, und mit der Fülle völlig dunklen Hares, das, in dichte, starke Flechten geordnet, unter dem weißen Häubchen hervorsah, schön zusammenstimte. Die werigen Worte, die wir vorhin von ihr gehört, hatte sie deutsch gesprochen, fast one allen Anflug von Volksmundart; iezt, als sie mit dem andern, etwas jüngeren Mädchen unweit von uns an einem kleinen Tische saß, redete sie mit diesem in französischer Zunge. So fanden wir hier dieselbe Doppelart, wie draußen auf dem Schild des Wirtshauses, durch welches das leztere sowol in deutschen wie in wälschen Worten als die Herberge zur goldnen Traube" angekündigt wurde. Wärend aber jenes jüngere der beiden Mädchen sich des Französischen mit derselben etwas ungeschmeidigen und rauhen Aussprache bediente, in der es im Elsaß in dialektartiger Anwendung auftritt, so überraschte das ältere sogleich durch jene weichere Klangfärbung und jenen vornemeren Accent, die ein feineres Verständnis der Sprache erkennen lassen und sonst nur in den gebildeteren Ständen und in der Hauptstadt Frankreichs angetroffen werden. Ein Umstand mehr, um dem schönen Mädchen den Reiz einer völlig fremden, unerwarteten Erscheinung in diesem Bereiche dörflicher Abgeschiedenheit zu verleihen.( Fortsezung folgt.) Die weitgespreizt auf der Azurbahn hinglitt Den Pfad im freien, blauen Aeter findend. Der bittre Schaft haftet' im Mark des Fittigs. Der königliche Vogel stürzte, Befleckend sich mit Tropfen Scharlachbluts Die reinen Federn flaglos, aber klagend In seiner Augen Blick mit Allgewalt! Zum tiefsten Herzen drang der Blick dem Prinzen: Er hob den Armen auf, hielt ihn im Schoß Gekreuzten Knies dasizend, wie beständig Der Herr gewont zu ſizen war, Lord Buddha. Und sänftigend mit einer Handberürung Des armen wilden Dinges Angst und Schrecken, Ordnet er ihm die Flügel wieder, legte Zurecht ihm die gesträubten Federn schonend, Beruhigte sein schnelles Herz und streichelt' In Frieden es, mit linder Hand liebkosend: So weich und sanft die Hand wie Blätter von Platanen, die sich eben erst entrollt. Die linke Hand des Heilands hielt den Schwan, Die rechte zog ihm aus der Wunde leicht Den grausam scharfen Stal und legte lindernd Kül frische Blätter auf den Riß und und Honig, Der mildernd eindrang, sanft die Heilung fördernd. Doch damals wußte noch der Königsson Von Körperschmerz so garnichts, daß er sich Die Pfeilspiz in die Hand stach und nun, fülend, Es schmerze selbst im Schred zusammenzudt', Und eifriger, mit Tränen, seinen Vogel Bu sänftigen noch mehr sich tüssend mühte. Da tam ein Sendling: Devadatta schoß Hier eben einen Schwan, der niederfiel In diesen Rosenbusch. Er läßt drum bitten." ,, Wär' er getötet," sprach Siddartha ,,, könte Der Mörder wel ihn fordern lassen; aber Der Schwan lebt noch. Mein Vetter tötete Nur die gottgleiche Schnelle, die im Fittig Hier pulste. Die ist fort und nicht zu finden." Doch Devadatta kam und rief:„ Das Wild, Ob lebend oder tot, ist mein. Ich schoß es. Kein Mensch besaß es, als in Wolken hoch Es schwebte. Nun herabgeholt ist's mein! Gib meinen Jagdpreis mir, holdsel'ger Vetter." Da legte sich der Herr des Schwanes Hals An seine rosige Wang' und sprach nachdrücklich Mit ernster Anmut: Nimmermehr! Der Vogel Ist mein, das erste der unzälbaren Myriaden, die mein werden sollen durch Das Recht der Gnad' und Liebesallgewalt! Denn jezt erkenn' ich's ant ureignen Fülen: Ich bin bestimt, die Menschen allseits Mitleid Zu lehren mit dem All, das gleich empfindet; Dolmetsch der sprachlos qualdurchzudten Mitwelt, Abhelfer des Weltfluchs der Daseinslast Nicht für die Menschheit nur, für alle Welt Ein un Zu werden. So beginn' ich's heut und hier!" Es komt zum Prozeß vorm höchsten Landesgerichtshof. bekanter Beisizer beweist Buddhas Recht an dem geretteten Schwan und verschwindet als Schlange ,,, so erscheinen Götter gern!" Denn die Götter sind, wie die Teufel und Engel und alle spiritistische Geisterwelt dem Buddhisten wirkliche Wesen, nur nach der Lehre seines Erlösers onmächtig, nuzlos durch Toren geehrt mit Opfer und Gebetshauch. Von dieser unsichtbaren Welt ist Buddha schon vor der Geburt erkant und sein edler Entschluß, in Menschengestalt die Welt zu retten, flangvoll gefeiert. Seine unbefleckte Empfängnis, die Wüstenvorbereitung und höllische Versuchung bieten dem wortreichen Dichter Stoff zu entzüdten und oft entzückenden Schilderungen. Die Verse alliteriren stellenweis, um die gehobene Empfindung zu verstärken. Orientalische Redepracht ist besonders ausgegossen über das glückselige Dasein des jungvermälten Prinzen im wundervollen Luftschloß und ummauerten Königsgarten am Fuße des Himalaja. Abstoßend wirkt das Gemälde menschlichen Elends, wenngleich diese grauenerregende Darstellung in der Dekonomie des ganzen Evangelienepos begründet war. Die Bergpredigt des ostasiatischen Heilands beschließt das Dichterwerk in knapp formulirten gereimten Sentenzen, die mit der westasiatischen Bergpredigt" schon ihres tiefsinnigen, dunkelphilosophischen Ürgrundes wegen schwer zu vergleichen sind, im ganzen aber die bekante Allweltliebe des Buddhismus unserm europäisch nüchternen Sinne möglichst eindringlich predigen. Aumutig endet die kleine Epopöe mit der Bekehrung des weltlich gesinten, ruhmstolzen Vaters zum geistigen Universalfönigtum seines göttlichen Sones. Als erster poetischer Versuch einer buddhistischen Evangelienharmonie im Occident kann das englische, von Amerika in Volksausgaben schnell nachgedruckte Werk um so freudiger begrüßt werden, als grade in der furchtbar zerrissenen, förmlich den Krieg aller gegen alle beginnenden Gegenwart eine so mild verjönende Anfündigung der einst erscheinenden Allharmonie des Weltganzen wie ein Balsam tröstend wirkt. Deutschland sollte sich beeilen, den angelsächsischen Bittern dies, Orient und Occident vermittelnde, liebliche Dichterwerk bald nachzudrucken, damit die Nation der Weltliteratur" nicht allzuspät eintrete in den durch englische Initiative inaugurirten Versuch einer indogermanischen Allverbrüderung. Betreffs der Wal seiner Lebensgefärtin heißt es im streng monogamischen Sinne: sie sei ihm durch alle früheren Geburten schon angehörig und vorherbestimt gewesen. Wir geben von den bezüglichen Erzälungen gleich die erste, welche das orientalische Kolorit am treuesten widerspiegelt: Lang später als Erleuchtung ihm gekommen Befragten sie Lord Buddha nach dem allen, Warum sie Gold und Schwarz trug und warum So stolz einher sie schritt? Da sagte der Weltheiland: Mir wars damals auch noch fremd, Obwol in halber Dämmrung scheinbar kund; Denn solang' sich das Rad dreht der Geburt und Des Todes, tommen längst gewesene Gedanken und Geschehnisse zurück, Und längst begrabne Leben auferstehn neu! Jezt weiß ich's wol. erinnr' es deutlich mir: Bor Myriaden schwüler Regenzeiten Wie damals ich im heißen Unterholz, Als Tiger lauernd lag, mit meiner streif'gen Verwantschaft, die vor Hunger Techzete. Und ich, der ich jezt Buddha bin, mich barg Im Kusagras mit grünlich blinkenden Blutdürftigen Augen auf die Herden lüstern Hinseh'nd, die, nah und näher ihrem Tode, Rund um mein Tagsversteck zur Weide gingen.... Nachts unterm Sternenschein fraßgierig, wild Jrt' unersättlich ich nach Beut' umher, Die Spur von Mensch und Reh im Waldpfad witternd, Da war in dieser grimmigen Gemeinschaft 13auch eine Von meines gleichen: blutfuchtglühnder Bestien Die sich im tiefen Dschungel oder bei Dem schilf'gen Dschil zusammenfand, Prachttigerin, des Waldes allerschönste, Die alle Mänchen wild in Kampf aufreizte! Ihr sammtnes Fell war goldlicht schwarzgesäumt Ganz wie der Schleier, den Jasodhara Am Hochzeitsmorgen um ihr herlich Haupt Und himlisch leuchtend Götterangesicht auf Duftvollem Brautkranz( Mogra Blumenkrone) Für mich trug!- Heiß in jenem Wald entflamte Der blut'ge Krieg mit Krall' und Zahn sich damals ( Wie jezt der Freier Kampf mit Schwert und Bogen indes Und wilder Rosse Bändigung), Das schöne Weibchen unter einem Nimstrauch Uns bluten sah, stolz auf ihr blutumworbnes Wildfürchterliches Freitgangspiel! Am Ende Wie ich mich erinnre fam sie schnurrend Bei dem und jenem der zerrissnen Waldherrn, Die ich besiegt, vorbei nicht ihrer achtend Und leckte mir mit schmeichelnd feuchten Leszen Die keuchend heißen Flanken, die mir flogen Noch von des Kampfs Erregung, ging dann mit Mir stolzen Schritts liebatmend in den Wald.... Geburt und Tod ein Radschwung! hoch bald niedrig!" So sprach in tiefem Sinnen Buddha später. Abgesehen aber davon, daß im Buddhismus eine geistige Neue Welt sich vor uns auftut in der poetischen Einkleidung, die gleichsam von einem gläubigen Buddhistendichter vorgetragen und von Arnold nur in das Englische übersezt, gewissermaßen vertraulicher uns anheimelt, fann auch die rein poetische Seite der eigenartigen Dichtung als anmutvoll und genußreich für deutsche Leser bezeichnet werden. Ist uns doch Indien durch Jean Paul und die Romantiker, seit Forsters Einfürung der Sakontala vor hundert Jaren, nah und näher gerückt. Wir möchten als Probe der phantastischreichen Poesie Edwin Arnolds gern die Schilderung des Lustgartens geben, worin der Prinz vom Vater in Sinnestrunkenheit gelullt und seiner Welterlöserbestimmung untreu gemacht werden soll; wir mußten aber aus räumlichen Gründen Dir. Dr. A. Prowe. eine kürzere Episode wälen. Haus und Wohnung. Von Dr. Ed. Reich. Zelte, Häuser, Schiffe und Wagen, hole Bäume, Erd- und Felsenhölen machen die hauptsächlichsten Wonungen der Menschen aus. Man kann in der größeren Zal dieser Dertlichkeiten seine Gesundheit erhalten, wenn man diesem Zwecke gemäß alles einrichtet, und man kann überall jämmerlich seine Gesundheit verlieren, wenn man Begehungen und Unterlassungen sich zuschulden kommen läßt, welche auf die Hygieine sich beziehen, derselben entgegen laufen. Bei einer jeden Wonung handelt es sich darum, daß selbe den nötigen Schuz gewäre vor den Unbilden des Wetters, stets reine Luft enthalte, Sonnenlicht und Sonnenwärme bekomme, geruchlos und trocken sei, angemessen Raum biete und warm halte, im Sommer aber auch Külung gebe. Man soll, aus Hize und Kälte der Natur, aus Wind und Regen, Schnee und Hagel fliehend, in seinen vier Pfälen angenehm berürt werden, sicher sein und wol sich fülen. Hält man Verunreinigung von seinem Neste ab und bleibt dasselbe gut gelüftet, trocken, geruchlos, von der Sonne erhellt, so kann der Raum auch ein beschränkter sein, und es wird dabei die Gesundheit des Menschen vortrefflich bestehen. Auf die Größe des Raumes komt überhaupt wenig an; so lange die Produkte der Atmung, Hautausdünstung 2c. rasch entfernt werden, frische Luft ununterbrochen an Stelle der verdorbenen tritt, so lange ist auch ein ganz kleiner Wonraum gesundheitsgemäß, wenn er im übrigen nur einigermaßen den Anforderungen der Gesundheits- Pflege entspricht. Das Licht und die Wärme der Sonne gehören in jeder Behausung zu den größten Woltaten. Menschen, die an von der Sonne sich abwendenden Orten wonen, erfranken häufiger und schwerer, als solche, deren Fenster die Stralen des großen Himmelscentrums aufnemen. Alle Krankheiten verlaufen an der Schattenseite langsamer, als an der Lichtseite; das Wachstum und die Entwicklung des Menschen findet im Schatten weit weniger vollkommen statt, als im Lichte; je besser der Lichteinfluß, desto heiterer, lebensfrischer und kräftiger die Menschen. In den engen Straßen der großen Städte, in Häusern aus Stein gebaut und dickem Mauerwerk, wo das Sonnenlicht nur spärlich und selten einfließt, wont die Krankheit, das Gebrechen des Leibes und der Seele, hassen die Menschen einander mehr und fügen einander mehr Schaden zu. Die Philantropie ist eine Pflanze, die unter Einfluß von Licht und Wärme der Sonne gedeiht; die Misantropie aber ist ein Gewächs, das im Schatten wuchert. Ein Haus, welches den Namen eines gesundheitsgemäß gelegenen verdienen soll, muß zunächst von allen Seiten durch freie Luft bespült sein und den Stralen der Sonne vollen, freien Zutritt gewären. Aus diesem Grunde verdienen alle villenartigen Bauten, die von Gärten umgeben sind, den Vorzug vor Häusern in dichtgedrängten Stadtquartieren, und die Bewoner jener weisen auch viel bessere Gesundheitsverhältnisse auf, als die Insassen der lezteren. Man sollte von Seite der Baupolizei, der Regierung, niemals es gestatten, daß in neu anzulegenden Straßen die Häuser hart aneinander gestellt werden, sondern nur villenartigen Neubau zulassen, und jede Ueberfüllung der bewonten Räume strenge untersagen. Auf den Grad der Trockenheit, Porosität und sonstigen Beschaffenheit des Untergrundes eines Hauses komt sehr viel an. Jeder Boden, der Feuchtigkeit lange zurückhält und in welchem organische Materien leicht sich zersezen, möge beim Häuserbaue als Baugrund vermieden werden. Der trockene, poröse, der aus festem Urgestein bestehende Boden, aus dem gutes Trinkwasser quillt, verdient unter allen Umständen den Vorzug. Man vermeide alle Gegenden, die schlechtes Trinkwasser und ungeeigneten Boden darbieten. 14 Unmittelbar auf den Erdboden Won- und Schlafräume sezen, ist unter keiner Bedingung ratsam; man baue überall Keller, die durch Fenster erhellt sind, deren untere Kante mit der Oberfläche des Straßenpflasters zusammenfällt, wölbe die Decken der Keller, errichte darüber ein hohes Erdgeschoß und seze auf dieses, aber nur für größere Häuser, ein Stockwert. Ein zweites, drittes, viertes Stockwerk zu bauen, sei ebenso strenge verboten, wie die Benuzung, beziehungsweise Vermietung des Kellers als Wonraum; denn obere Stockwerke und Keller sind verhängnisvoll, warhaft krankmachende Dertlichkeiten. Das hohe Erdgeschoß und das erste Stockwerk zeichnen überall durch größere Gesundheitsgemäßheit und deren Bewoner durch geringere Krankheits- und Sterblichkeitsverhältnisse sich aus, als der Keller und die obersten Stockwerfe; ja in diesen beiden lezteren hat man Gelegenheit, gründlich Krankheitslehre und patologische Zergliederungslehre zu studiren. Gutes Baumaterial; dies, auf gutem Boden verbaut und nach gutem Plane, giebt ein gesundheitsgemäßes Haus. Aber, welches Baumaterial entspricht den von Seite der Hygieine daran gestellten Anforderungen? Gebrante Tonziegel von besserer, trocken bleibender Art, und die sogenanten Kalkziegel. Wäre Holz nicht feuergefärlich, so würde entschieden hartes Holz nach vollkommener Austrocknung als das beste Material zum Häuserbau ausschließlich zu empfehlen sein; denn dasselbe hält warm, verbreitet keinen gesundheitswidrigen Geruch und nimt Gase und Dämpfe insbesondere nicht an, wenn es polirt oder lackirt würde. Man hat großes Gewicht auf möglichst poröse Wände des Hauses gelegt. Ich fonte mich niemals überzeugen, daß dergleichen einen so riesigen Vortheil für die Gesundheit abgeben; denn ich fand, daß trockene, wenig oder nicht poröse Wände bei guten Ventilationsvorrichtungen sogar den Vorzug vor porösen verdienen. Der Ventilator nimmt die frische Luft aus einer Höhe und Gegend, wo dieselbe reiner ist; die poröse Wand läßt sämtliche benachbarte Luft durch und in das Haus eintreten, nimt Flüssigkeiten auf, und giebt organischen Materien reichlich Gelegenheit, sich zu zersezen. Demnach bleiben immer trockene, wasserdichte, glatte und deshalb auch leicht zu reinigende Zimmerwände bei Anwesenheit guter Apparate zu beständiger Lufterneuerung das am meisten Empfelenswerthe. Jm Süden Europa's ist der Fußboden der Won- und Schlafräume nicht aus Holz hergestellt, sondern aus Marmor oder gebranten Mauersteinen. Für den Bemittelten, der im Stande ist, solchen Boden mit starken Teppichen wol zu belegen, und außerdem den Kamin gut zu heizen, bedeutet dergleichen auch in der kalten Jareszeit nichts. Aber der Arme, dem es an Kamin, Brenmaterial und Teppichen fehlt, leidet durch jenen Fußboden um so mehr, je mehr von der Sonne ab seine Wonung gelegen, je feuchter das Haus und größer dasselbe ist. Ich habe in Italien selbst von dem Gesundheitsgefärlichen der Steinfußboden mich überzeugt und der nicht heizbaren Zimmer, und wünsche, daß man dort bald möglichst allgemein Holzfußboden und Rörenleitung für die kalte Jareszeit einführe. Der Fußboden muß jederzeit trocken, wasserdicht und warm sein. Am besten ist dies zu ermöglichen, wenn jedes Haus durch Rören geheizt wird und dieselben unter dem Fußboden verlaufen. Auf diese Art bleibt die Unbequemlichkeit und Gefar der Ofenheizung ausgeschlossen, und es ist jederzeit möglich, die bewonten Räume beständig in gleicher Temperatur zu erhalten. Hartes Holz ist das beste Material zur Herstellung des Fußbodens; auch das aus Schweden kommende Holz der Koniferen eignet sich zu solchem Behuse vortrefflich. Man wichse jeden Fußboden mit hellem Lack, um es mit der Reinigung leicht zu haben und selbe one Unbequemlichkeit rasch und täglich veranstalten zu können. Jeder warme Fußboden schüzt vor falten Füßen. Kalte Füße gehören zu den häufigsten Krankheitsursachen. Insbesondere werden Kinder, ältere und kränkliche Personen durch falten Fußboden bedroht. Je kälter dieser leztere, desto größer Krankheit und Sterblichkeit der Bewoner. Die südlichen Länder beweisen das. Gewölbte Decken ziehe ich den anderen vor; denn, nicht nur daß jene den Schönheitssinn mehr befriedigen, als gerade Decken, haben sie auch gesundheitliche Vorteile, indem sie die Luftströmungen besser reguliren und, bei Anwesenheit halbwegs entsprechender Ventilatoren, die verdorbene Luft rascher entfernen. Dürfen schon die Wände des Zimmers nicht mit staubenden, zer fließenden, übelriechenden, giftigen Farben bemalt oder mit dergleichen Tapeten bedeckt sein, so hat dies bezüglich der Decke ganz besonders seine Gültigkeit. Am schädlichsten erweisen sich staubende grüne Farben, die zumeist aus Arsenverbindungen bestehen und darum giftig sind. Am besten ist es, die Wände mit ganz unschädlichen, haltbaren und geruchlosen Farben zu bemalen, die ebenso den Verhältnissen der Beleuchtung sich anpassen, wie den gesundheitlichen und ästetischen Bedürfnissen des Auges. Hellgrün im Wechsel mit Dunkelgrün und Grau ist für die Wände der Won- und Schlafzimmer am besten, Weiß aber für die Decke; doch muß das letztere durch etwas Grün oder eine andere passende Farbe unterbrochen sein. Tapeten eignen sich nur für ganz trockene Wonungen, stehen aber im allgemeinen der Wandmalerei nach. In feuchten Zimmern helfen sie den schlechten Geruch vermehren, indem sie, gleich dem Klebemittel, sich zersezen. Defen und Kamine haben große Bedeutung für die Gesundheit des civilisirten Menschen, der in geheizten Stuben die kalte Jareszeit verlebt. Gute Tonöfen, die bald sich erwärmen und die Wärme lange zurückhalten, sind den Defen aus Eisen entschieden vorzuziehen; denn die lezteren geben sowol durch den Umstand, daß sie in sehr heißem und glühendem Zustande Verbrennungsgase ausströmen lassen, als auch dadurch, daß sie den Raum zwar rasch erhizen und überhizen und ebenso schnell wieder erkalten lassen, den Grund zu oft genug sehr bedeutenden und tiefen Störungen des Wolbefindens. Der Kamin allein genügt selbst in wärmeren Ländern zur rauhen Jareszeit den menschlichen Bedürfnissen nicht vollkommen; viel Brenmaterial verbrauchend, stralt er nur wenig Wärme in den bewonten Raum und erhizt die ihm zugewante Körperhälfte, wogegen die abgewante vor Kälte zittert. In diesem Punkte haben die Schweizer das Richtige getroffen, indem sie Kamin und Ofen glücklich verbanden. Auch die Schweden haben glücklich konstruirte Oefen. Man sollte die Defen alle so zum Verschluß einrichten, daß es einer Klappe, welche die Glut von dem Schornstein trennt, gar niemals mehr bedürfte. Das vorzeitige Schließen solcher Klappen hat schon manches Menschenleben gekostet, und unabsichtliche gleichwie absichtliche Tötungen durch Ofengase gehören leider zu den Alltäglichkeiten. Geschlossene Höfe beeinträchtigen die Gesundheit der Menschen um so mehr, je höher die Häuser sind und je weniger rein die Höfe selbst gehalten werden. Und zwar schaden dieselben, indem sie Luft und Licht von den bewonten Räumen abhalten, die Zersezung organischer Stoffe fördern und den Abzug der Auswurfsmaterien hemmen. Bei beträchtlicher Ausdehnung, sorgfältiger Reinhaltung und Anwesenheit von relativ nicht allzu großen Bäumen, schadet Geschlossenheit des Hofes wenig, insbesondere wenn duftende Abtritte, Düngergruben, Abzugskanäle nicht anwesend sind. Es bleibt immer das Beste, den Hof vor dem Hause, den Garten hinter demselben anzulegen, und das ganze Besiztum durch grünen Heckenzaun von anderem Grund und Boden zu trennen. So möge es in Stäten, so auf dem Lande gehalten werden. Die Wirtschaftsräume kommen sodann nach dem Hofe, die Wonräume aber nach dem Garten zu. Dies fördert Gesundheit und häuslichen Sinn. Die Richtung der Straßen sei am besten von Nord nach Süd, damit die Häuser nach Ost und West zu stehen kommen. Die Lage nach Norden bleibt nördlich von den Alpen immer eine mehr oder minder ungesunde. Am besten freilich ist es immer, wenn das Wonhaus nach Norden weder Fenster noch Türen hat, sondern ganz abgeschlossen ist, und nur nach der Sonne hin sich öffnet. Anpflanzungen von mäßig großen Bäumen gehören in jede Straße; aber diese leztere muß auch breit genug sein, damit der Schatten und der Dunst der Bäume nicht die Wonstätten beeinträchtigt. Der Urtypus einer Straße, was Baumpflanzung, Breite und Zweckmäßigkeit betrifft, ist eine der großen Avenüen zu Paris, oder eine der schönen Straßen von Bordeaux in der Nähe der Gironde. Als ich in den beiden Stäten diese prachtvollen Straßen durchging, hüpfte mir das Herz im Leibe vor hygieinischer Freude. Schauerlich enge fand ich viele Straßen in alten italienischen Stäten, z. B. in Genua, und auch einzelne Teile des lateinischen Viertels zu Paris machten auf mich einen beängstigenden Eindruck. Die Frage, ob Wasserkanäle in den Straßen der Gesundheit der Bewoner förderlich seien, kann niemals in absolutem Sinne beantwortet werden; denn es giebt derartige Kanäle, die aus Granit hergestellt sind und krystallhelles Wasser rasch durchlaufen lassen, und andere, die aus ebendem Baumaterial errichtet sind und gesundheitswidriges Wasser enthalten. Daß die ersteren der öffentlichen Wolfahrt dienen, die lezteren aber das Publikum bedrohen werden, ist selbstverständlich. Empfelenswert ist es, auf den Bläzen und in den Straßen Springbrunnen anzulegen, welche reichlich Trinkwasser für Menschen und Haustiere gewären und mit den erforderlichen Bequemlichkeiten zum Schöpfen und Trinken versehen sind. Alle wirklich gesitteten Völker trieben die Kultur der Brunnen mit großem Eifer, bauten schöne Brunnen und speisten dieselben mit gutem Trinkwasser. So wurde die Hygieine zugleich mit der Aestetik gefördert. In neuester Zeit hat man größeres Augenmerk auf die Abtritte gewant, und mit Recht; denn dieselben werden, wenn vernachlässigt, eine der mächtigsten Quellen zalreicher Uebel. Geruchlose Abtritte, rasche Beseitigung der Exkremente, Desinfektion dieser lezteren, gründliche und geruchlose Reinigung der Miststätten, diese und andere Fragen vermochten es, die Gesundheitsmänner, die Aerzte, das Publikum zu erhizen, in Parteien zu spalten, persönliche Freundschaft und Feindschaft zu er zeugen und bei dem Parteilosen Bewunderung oder Abscheu, Vergnügen oder Misvergnügen zu erregen. Alles, was über Abtritte sich sagen läßt, ist kurz dieses: Man errichte für jede Familie ein gut ventilirtes und erhelltes Gemach mit glatten, weißen oder hellgrünen Wänden, welches einen wol desinfizirten Stul zum Absetzen der Exfremente birgt. Dieser werde von der Abfuranstalt des Ortes, oder auf dem Lande von der Familie selbst, durch einen andern, wol desinfizirten ( Topf oder) Stul ersezt, wärend der erste, seines Inhalts entledigt und gereinigt, wieder zu neuem Dienst bereit zu machen ist. Das Fortschwemmen der Auswurfsstoffe durch Wasser mit den Wasserklosets und Schwemkanälen ist gesundheitswidrig. Deffentliche Uriniranstalten müssen stets sorgfältig gereinigt und desinfizirt werden. Misthaufen möge man außerhalb der bewonten Räume errichten und immer rasch desinfiziren. Ein anderer Punkt, der seit einigen Jaren viel heiße Köpfe macht, ist, ob man die Friedhöfe und das Begraben der Leichen abschaffen und durch Anstalten zur Leichenverbrennung und Bewarung der Asche in irgend welchen Näpfen ersezen soll. Ich muß gestehen, daß mich dieser Streit sehr falt läßt; mir ist nur ein Gegenstand sehr bedeutungsvoll: daß man absolut es vermeide, Scheintote zu bestatten, sei es durch Erde oder durch Feuer. Ist alles so eingerichtet, daß von Bestattung Scheintoter niemals die Rede sein kann, so bleibt es sich ganz gleich, ob die Verstorbenen verbrant oder begraben werden. Man versehe alle Bestattungsorte mit wol eingerichteten Leichenhäusern und lege Friedhöfe so an, daß die Lebenden durch die Toten nicht in der Gesundheit bedrot und gefärdet werden. Leichname von Menschen, die an beſtimten, sehr ansteckenden Krankheiten verstorben sind, wolle man entweder verbrennen oder vor dem Begräbnis auf das sorgfältigste desinfiziren. Innerhalb bewonter Orte eine Fabrik anzulegen, eine Wäscherei, Schlächterei sollte unter keiner Bedingung erlaubt sein, weil diese Anstalten die Gesundheit der Menschen zu gefärden vermögen und unter allen Umständen den ästetischen Sinn verlezen. Gewerbebetrieb innerhalb des Wonhauses ist nur statthaft, wenn das Handwerk oder die Kunst keine besondere Gefar für die Gesundheit bietet. Aber auch in dem günstigsten Falle möge man Arbeits- und Wonräume streng separiren. Markthallen find für alle Stäte etwas sehr Nothwendiges und in höchstem Grade Wünschenswertes; nur müssen dieselben skrupulös rein gehalten und von der Gesundheitspolizei auf das strengste überwacht werden. Alle privaten Verkaufslokale soll die Polizei gleichfalls streng beaufsichtigen. Von großer Wichtigkeit ist es, die Straßen gut zu pflastern und Straßenstaub möglichst rasch und vollkommen zu entfernen. Dergleichen darf aber nicht den Privaten überlassen sein, sondern muß jederzeit von der Behörde besorgt werden. Deffentliche Anstalten, mögen dieselben Kirchen, Schulen, Kasernen, Gasthöfe, Gefängnisse, Fabriken oder wie immer heißen, sollen jederzeit in allen Stücken gesundheitsgemäß eingerichtet und gehalten sein und im allgemeinen nur ein erweitertes Privathaus abgeben. Jede Anstalt, welche dazu bestimt ist, Menschen zu beherbergen, einerlei ob dauernd oder vorübergehend, muß ihre Arbeits-, Won- und Schlafräume nach einer Himmelsgegend hin legen, wo dem direkten Einfluß des Sonnenlichts kein Hindernis im Wege steht, muß trocken, luftig, gut ventilirt, genügend warm sein, auf das beste rein gehalten werden, und darf nichts mehr als ein hohes Erdgeschoß und darüber ein Stock Alle Institute mit mehreren Stockwerken sind gesundwerk haben. heitswidrig. In ungeheizten Kirchen holten schon zalloje Menschen sich Krankheit und Tod. Daher ist es unerläßlich, jede Kirche wärend der rauhen Jareszeit zu heizen und deren Fußboden mit Brettern zu belegen. Schulhäuser sollen im Garten stehen und nicht mehr als ein hohes Erdgeschoß mit hellen, Iuftigen, gut eingerichteten Lehrzimmern enthalten. Abtritte möge man außerhalb des Schulhauses anbringen, mit dem lezteren durch einen gedeckten Gang verbinden und jederzeit energisch desinfiziren. Am besten ist es, an einen Tisch nur je zwei Schüler zu jezen, um Ueberfüllung der Zimmer durch Schulkinder zu verhüten. Anstalten, in denen die Insassen beköstigt werden, erfordern noch genauerer hygieinischer Sorgfalt, als iene, wo dergleichen nicht der Fall ist. Zunächst macht es da sich nötig, Küche und Speisesäle von den Wonund Schlafräumen zu trennen, und andererseits die lezteren so einzurichten, daß jedes Individuum sein Kämmerlein für sich habe. Gemeinfame Schlafräume, insbesondere große Schlafsäle, sind aus gesundheitlichen und moralischen Gründen verwerflich. Der Mensch muß sich sammeln, bei sich selbst einkeren, sich selbst Audienz geben. Dies kann er nur, wenn er einen Schlafraum für sich hat, der nur eine Zelle zu sein braucht, dem Sonnenlichte sich öffnend und rascher Lufterneuerung fähig. In Gasthöfen, Schlafstellen 2c., wie endlich auf Schiffen, wird noch sehr beträchtlich gegen die Gesundheitspflege gefündigt. Die Ursache dieses schädlichen Treibens ist einerseits die Gewinsucht der Unternemer und andererseits die Armut der größeren Zal der Reisenden, der gegen über der Mut der Feigheit des betrügerischen Wirtes sehr groß ist. Der Arme wird stets am meisten ausgepreßt und am schändlichsten behandelt; obgleich er für alles beziehungsweise mehr als noch einmal so viel bezalen muß, wie der Wolhabende und Angesehene, wird ihm alles in der 15 schlechtesten Qualität geboten und noch dazu mit einer Grobheit und Barschheit, die oft genug die Grenze des Glaublichen überschreitet. Die Vampyre von Schlafstellenvermietern und Gastwirten erdreisten sich, die gesundheitswidrigsten Stuben mit den gesundheitswidrigsten Betten gegen beziehungsweise sehr hohes Entgelt herzugeben und dafür bewußt wie unbewußt die schlimsten Krankheiten an die Reisenden zu verkaufen. Hier wäre es an der Sicherheits- und Gesundheitsbehörde, energisch aufzutreten, die Partei der Geschädigten zu nemen und den Schädigern tüchtig die Zäne zu zeigen. Es sollten Gasthöfe und Herbergen Staatsunternemung sein, nicht zu finanziellem Nuzen des Staates, sondern zu gesundheitlichem und moralischen Nuzen aller Reisenden und Arbeiter. Ich bin sehr dafür, auf Schiffen, Eisenban- und Postwagen dem Reisenden alle Bequemlichkeit zu bieten; denn Mangelhaftigkeit der Berkersmittel erzeugt zalreiche Krankheiten. Man errichte überall zwei Klassen von Kabinen- und Wagenabtheilungen: eine luxuriöse und eine nicht- luxuriöse, lasse aber in keiner von beiden an den Erfordernissen der Hygieine es felen. In der rauhen Jareszeit heize man; man sorge für Trink- und Waschwasser, Nähe geruchlosen Abtritts, Anwesenheit von Erfrischungen und Gelegenheit, Erkrankenden die erste Hülfe zu leisten. Eine Bauerndeputation.( Illustr. S. 4-5.) Das Bewußtsein, reiche Stellung fülen lassen zu können, ist für viele Menschen gar zu den Herrscher zu spielen oder doch wenigstens anderen seine einfinßnüzten, um die Wichtigkeit ihrer Person anderen Sterblichen zu zeigen. verlockend als daß sie nicht jede sich ihnen darbietende Gelegenheit beMit größerem Behagen wie sonst wird das aber seitens solcher Personen diensten bestet. Sie, mit jener Eigenschaft begabt, die besonders einem geschehen, deren eigentlicher Beruf in der Verrichtung von Lafaienbekanten Haustiere eigen ist und eigentlich gewönt sich immer unter den heraus, wenn sich jemand naht, der scheinbar unter ihnen stet. Ein Willen ihres Herrn zu ducken, stecken sofort die Würde des Herschers Exemplar dieser Menschensorte ist nun auch der ,, Jean" auf dem Bilde rechts. Hofleibdiener des Fürsten von X. ist er eine gar gewichtige Persönlichkeit, denn keiner kann sich seiner Durchlaucht" nahen, one daß er nicht seine Vermittlerrolle dabei gespielt hätte. Zält auch ganz X. nur 15 260 Seelen, die von ihrem Landesvater beherscht zu werden die Ehre haben, so ist trozdem aus besagtem Grunde die Stellung unjeres ,, Jean" für ihn die glänzendste, die sich denken läßt. Das zeigt er denn auch heute den ,, dummen Bauern", die um eine Audienz beim Fürsten nachsuchen, um diesen um die Entscheidung einer wichtigen Angelegenheit zu bitten. Mit einer Nachbargemeinde haben sie nämlich seit Jaren einen jener förmlich berüchtigten Grenzregulirungsprozesse gefürt, zu dem ein kaum nennenswertes Streitobjekt die Veranlassung gab. Jezt sind sie in allen Instanzen ,, verdonnert" worden und sehen mit einemmale ein, daß die erwachsenen Kosten das hundertfache dessen betragen, was sie eventuell hätten gewinnen können. Hier will nun der Herr Pfarrer Rat schaffen und seiner Gemeinde zeigen, wie recht er hatte, wenn er zum so- und sovieltenmale gelegentlich seines Themas: ,, Seid untertan der Obrigkeit" die väterliche Fürsorge des Landesfürsten gegenüber seinen Untertanen pries. Wenigstens die der Kommune erwachsenen hohen Gerichtskosten wird er uns zu erlassen geruhen", hat er seine Begleitung noch unterwegs getröstet und diese glauben auch von jezt ganz sicher an den Erfolg ihres unternommenen Schrittes. Ob sie eine Enttäuschung erfaren werden? Wir wissens nicht. Wenns nach Jean" get, dann jedenfalls ja, denn dieser sagte, als er des Befuchs ansichtig wurde, schon zu sich selbst:„ Das felte gerade noch, uns von dieser Gesellschaft in unseren schweren Regierungsgeschäften stören zu lassen," und laut zu dem voranschreitenden Kaplan, nachdem dieser so von Geschäften überhäuft, daß heute garnicht daran zu denken iſt, den Wunsch der Deputation ausgesprochen: Bedaure, Durchlaucht ist Dorfgeistliche diesem gewönlichen Bedienten für am Plaze hält, scheint ihm persönlich nahen zu können." Auch die Würde, die der biedere den lezteren nicht aus der Fassung bringen zu wollen, wenigstens jagt wachsen ist. Er dünkt sich in diesem Moment jogar mehr zu sein als uns seine Physiognomie und Haltung, daß er derartigen Angriffen gesein Gebieter selbst, vor dessen Blick er sonst schon zittert. Aber er ist eben die echte Bedientenseele und komt mit seinem glatten, nichtssagenden Lakaiengesicht viel eher durch die Welt und zu seinem gesteckten Ziele wie die ihm gegenüberstehenden Bauern mit ihren ehrlichen und intelligenten Gesichtern. Und demnach dürfte auch sehr leicht das Resultat der übernommenen Deputationsreise ausfallen. nrt. Chinesische Teleskopfische.( Illuftr. S. 9.) Das durch die beigedruckte Jllustration vorgefürte originelle Pärchen legt wiederum ein sprechendes Zeugnis ab für den kolossalen Formenreichtum in der Natur. Erweckt schon die eigentümliche Körperform dieser Fische unser Interesse, so noch mehr die sonderbar geformten Augen, welche cilinderartig hervorstehend, den Eindruck eines Fernrohrs machen und dem Tiere seinen Namen: Teleskopfisch, gegeben haben. Seine Heimat sind die süßen Gewässer Chinas und Japans, seine natürliche Größe beträgt das doppelte der Abbildung. Gefärbt sind diese Fische verschieden; es gibt deren goldene, ganz rote, ganz silberfarbene und rot und schwarz gefleckte. Man hat Exemplare gefunden, deren Augen 5 Centimeter weit aus dem Kopf hervorstehen. Sie verlangen Pflege, mäßiges Füttern von Ameisenpuppen, zum Aufenthalt einen genügend großen Behälter und bleiben, wenn ihnen dies gewärt wird, jarelang gesund. Den jungen Teleskopfischen wird ihr fugelförmiger Körper, der sich erst im Alter von einigen Wochen zu dieser Form gestaltet, oft die Ursache zum Tode, indem sie oft das Gleichgewicht verlieren und, mit dem Kopf oben oder unten, nicht imstande sind, sich Narung zu suchen, elend verhungern müssen. Den ältern Fischen dieser Art get es, nachdem sie sich fett gefressen', oft ebenso, doch bringt dieser Umstand diesen keinen Schaden. Der Preis dieser merkwürdigen Tiere ist übrigens ziemlich hoch, denn es kostet das Par von 120-300 Mark. 16 Aus allen Winkeln der Beiffiteratur. Karakteristisch für die Verhältnisse in Rußland ist folgender Vorfall. Der jezt verstorbene Schriftsteller S. Gromejko wurde wegen seinen Beziehungen zu den londoner Emigranten anfangs der sechziger Jare unter Polizeiaufsicht gestellt. Der Verdächtige", dessen Name selbstverständlich in den Polizeilisten figurirte, siedelte nach Polen über und ward ende der sechziger Jare Gouverneur von Siedlce. Als er nun 1872 zur Abwicklung von Privatgeschäften auf einige Tage nach Petersburg fam, trug er seinen Namen dem noch das Prädikat ,, Wirklicher Staatsrat" vorgesezt war in die Fremdenliste des Hotels ein, was zur Folge hatte, daß der Aufseher der Revierpolizei sofort dem Oberpolizeiminister die Mitteilung machte, es sei der wegen seinen Beziehungen zu den londoner Emigranten unter Polizeiaufsicht stehende Gromejko eingetroffen und würde in der vorgeschriebenen Weise überwacht. Das beste komt jedoch noch. Als nämlich der genante Oberpolizeiminister von der Rückreise des gefärlichen Individuums erfur, richtete er an den Gouverneur von Siedlce folgendes Schriftstück: Der wegen seiner Beziehungen zu den londoner Emigranten unter Polizeiaufsicht stehende Wirkliche Staatsrat S. Gromejko ist am so und so vielten Semptember 1872 aus Petersburg nach Siedlce abgereift. Obiges beehre ich mich zur Kentnis Ew. Exellenz zu bringen, behufs Erlassung der Verfügung, daß Gromejko an seinem neuen Wonorte unter Polizeiaufsicht gestellt werde." Nun der Herr Gouverneur wird dies schon besorgt haben. " Literarische Umschau. -ff. ,, Die Mappe, illustrirte Fachzeitschrift für dekorative Gewerbe"( Leipzig, 2. E. Morgenstern). Erscheint monatlich zweimal in der Stärke von 1-11 Bogen gr. 4. Preis vierteljärlich 1 Mart 50 Pf. Als vor nunmehr dreiviertel Jaren die erste Nummer einer Fachzeitschrift erschien, die insbesondere für Maler, Lacirer, Bergolder, Tapezirer, Bildhauer, Modelleure und Studateure, Kunsttischler, Drechsler, Metallarbeiter und Kunsttöpfer also für die gesamten dekorativen Gewerbe, bestimt war, da versicherten Verlagshandlung und Re daktion für den Fall des freundlichen Entgegenkommens in den verschiedensten Fachkreisen, daß das neue Blatt ,, eines der gediegensten" werden solle. Wir müssen anerkennen, daß in den uns vorliegenden 16 Nummern der ,, Mappe" sich das ernste Streben fundgibt, das gegebene Versprechen in vollem Waße einzulösen, und ist deshalb die Zeitschrift nicht nur den angefürten Kunsthandwertern auf das angelegentlichste zu empfelen, sondern sie verdient die Beachtung des größeren Publikums in hohem Grade. Aus dem reichen Inhalt heben wir folgende Artikel und größere Arbeiten hervor: Ueber ornamentale Formen, Der Einfluß des Tapezirwesens auf die monumentale Kunst, Einiges über Farbenharmonie, Was ist Stil?- Ueber die Zünfte des Mittelalters, Die Mineralmalerei, Die Kunst im Hause, Ueber den Geschmack des Publikums, Der Zu sammenhang von Kunst und Voltsleben, Filippo Bruneleschi, Gottfried Semper, Aestetische Brife( die Aestetik und ihre Wirkung, die Idee der Schönheit, die Schönheit), Ein Musterinstitut für gewerbliche Erziehung.( Als solches bezeichnet die Redaktion die vom niederländischen Architektenverein in Gemeinschaft mit dem Magistrat zu Rotterdam dort 1869 eröffnete Gewerksschule, und wünscht ,,, daß in Zukunft an Stelle der Werkstattlehre die Lehrwerkstätte treten möge".) Die Stellung, welche die ,, Mappe" zur Kunst gewerbefrage im allgemeinen einnimt, hat die Redaktion( Fr. Nauert) in der ersten Nummer der Zeitschrift gekenzeichnet. Sie tritt der Anschauung entgegen, daß die Kunst im Gewerbe ein ,, Lugus" sei, nur bestimt für die mit Glücksgütern reichlich Bedachten, und beklagt, daß infolge der mangelhaften Erziehung in den breiten Schichten des Volks die Kunst leider nicht die gebürende Beachtung finde, obgleich fie und wer sollte da nicht beistimmen? ein sehr wichtiger Faktor im menschlichen Leben sei. An eine gründliche Aufbesserung der Lage des Kunstgewerbes könne nicht eher gedacht werden, als dasselbe nicht voltstümlich geworden sei. In einem durch mehrere Nummern sich ziehenden Artikel: Gedanken über die gewerbliche Bildungsfrage" heißt es in Bezug hierauf: ,, Kein Stück unires Haus und Küchenmobiliars, und sei es der einfachste Holz stul, Tisch oder Kaffeetasse u. 1. w. beleidige mehr das an schöne Formen gewönte Auge, damit auch das ungeübte durch die schöne Umgebung eine Ausbildung erlange, die ihm das Häßliche verhaßt und das Schöne wünschenswert erscheinen lasse. Betrachte man nur die zu Pompeji und Herkulanum ausgegrabenen Küchen- und Zimmergeräte, und man wird noch an dem einfachsten Stück die Spuren des künstlerischen Genius wiedererfennen." Der erwänte Auffaz, der wol als Programm der Redaktion angesehen werden darf, fordert vor allem, daß der Staat mehr als seither sich der Berufsbildung anneme, namentlich durch Gründung von Lehrwertstätten; eventuell sollten zunächst Gemeinden und Korporationen die Initiative ergreifen. Sehr zutreffend heißt es: ,, Mit demselben Rechte, wie der Gelehrte, der Künstler und der Ingenieur die von der Gesamtheit der Staatsbürger errichteten und erhaltenen Bildungsanstalten besuchen und sich also durch die von der Allgemeinheit aufgebrachten Mittel ihr Fortkommen sehr wesentlich erleichtern, kann aber auch der gewerbliche Berufearbeiter dasselbe fordern." Die der„ Mappe" beigegebenen, sehr sauber ausgefürten Illuſtrationen( teils auch in den Text gedruckt) sind meist so gewält, daß sie für die praktische Verwendung Nuzen haben. Die Rubriken: Neue Erfindungen und technische Fortschritte" und Für die Praxis" erweisen sich als ware Fundgruben von Mitteilungen vorteilhafter Rezepte aller Art, " wissenswerten Neuerungen, Berbesserungen und Ratschlägen, die nicht nur für Fachleute Nuzen und bleibenden Wert haben dürften. Im übrigen enthält jede Nummer der , Mappe" einen Sprechsal und literarische Besprechungen. Auch die Ausstattung des Blattes ist gut; im ganzen stellt es sich also als eine bankenswerte Bereicherung unsrer E. K. periodischen Preſſe dar. Redaktionskorrespondenz. Hamburg. Frl. A. T. 1) Wie man eine Blindschleiche pflegt? Man bringt fie in einen Behälter, der zur Hälfte schattig und dessen Boden zu gleichen Teilen mit stets feucht zu haltendem Moos und mit Steinen bedeckt ist. Als Narung können Sie Regenwürmer, Nacktschnecken, glatte, allenfalls auch nicht zu start beharte Haupen geben. Es gelingt nicht immer, die Blindschleichen zum Fressen zu bringen, am leichtesten dürfte man es mit ganz kleinen Regenwürmern vermögen. Mit Ihrer Eidechse sperren Sie die Blindschleiche aber ja nicht zusammen, das dürfte gefarvollen Strieg geben. 2), Fled fugeln" brauchen durchaus nicht ,, Schwindel" zu sein. So gibt es eine schwarze Fled fugel, mit Hülfe deren man Flecke aus Seide, Tuch und Hüten entfernen tann und die aus 161 Gramm venetianischer Seife hergestellt wird, welche mit Regenwasser an gefeuchtet und zu der 8/10 Gramm Kienruß und 10-12 Tropfen Weinsteinöl hinzugesezt worden ist. Wird die so hergestellte Masse gut durcheinander gefnetet und daraus Kugeln geformt, so ist diese sehr nüzliche Fledkugel fertig. Eine andre Fledkugel, welche Fett, Dels, Wachs- und Staubflecken zu entfernen geeignet ist, ist herzustellen aus gleichen Teilen weißer Siegelerde und pulverifirtem weißen Bolus, die mit 90prozentigem Alkohol zu einem Teige getnetet worden sind. Mit der erstangegebenen Fleckugel ist das Reinigungsverfaren folgendes: der Fleck wird mit frischem Wasser angefeuchtet, mit der Fledkugel gerieben und, nachdem die Stelle wieder troden ist, mit Regenwasser ausgewaschen. Dies Verfaren muß zwei- bis dreimal wiederholt und der Stoff selbst mit einem Leinwand tuche nach dem Striche zu gerieben werden. Von der zweitangegebenen Fledkugel schabt oder reibt man etwas one Anfeuchtung auf den Fleck, legt ein sauberes Tuch auf, färt nun mit einem heißen Eisen darüber, bürstet den Flecken, wenn er falt ist, und wiederholt dieses Verfaren zwei bis dreimal. Breßburg. O. 2- r. Daß wir Ihnen selbst die Papageien in der bekanten Handlung in Leipzig" einkaufen, verlangen Sie doch hoffentlich nicht im Ernst? Uebrigens so gar verwunderlich fäme uns Ihr Anfinnen doch nicht vor, denn Sie sind weder der erste noch der schlimste unter denen, die unsereinem gelegentlich das Leben ein wenig schwer machen möchten. Vor etlichen Jaren verlangte z. B. ein Leser in Freuden thal in Mähren allen Ernstes, wir sollten mit den Eskimos, die sich damals grade in Leipzig aufhielten, in seinem Namen in Unterhandlung treten, ihnen ein par Rentiere abkaufen und dieselben hübsch pflegen, bis er fäme und sie abhole. Als wir uns aber durchaus nicht auf den Tierichacher schicken ließen, schrieb uns der freundliche Herr sehr gereizt längere Abhandlungen über Unfreundlichkeit, Infulanz" u. dergl. Sie brauchen Sich also über die Zumutung, mit der Sie uns heimgesucht haben, nicht etwa hinterbrein Vorwürfe zu machen. Berlin. Frau Aurelie K. Eine Novelle, deren Handlung darin bestet, daß fie ins Wasser und er nach Amerika get, weil ihre Mutter eine unüberwindliche Abneigung gegen Schwiegersöne hat, die Bierbrauer sind, ist uns zu tragisch. Görlik. Kfm. R. Der Warenumjaz im Welthandel ist in den lezten zwei Jarzehnten nach dem uns zur Hand befindlichen statistischen Material um mehr als eine 80 Prozent und seit zehn Jaren um nahezu 25 Prozent gestiegen. Die größte durch und durch ungefunde Zuname fällt in die Jare von 1869-73 als Folge der 1871 und 72 fast bei allen Gütern erfolgten Ueberproduktion und der riesigen hebung der meisten Güterpreise auf dem Weltmarkt, wie sie dieselbe Zeit aufzuweisen hatte. 1874 und 75 namen dafür auch die Umjäze des Außenverkehrs um beinahe 3 Milliarden Mark a b. Die Wertsummen des Warenhandels aller Länder hier anzugeben, dazu mangelt uns der Raum; nemen Sie mit den wichtigeren vorlieb. 1878 England 7375 mill. Mark Einfur, 4909 Ausfur, Deutschland 3722 E., 2860 A., Frankreich 3341 E., 2543 A., Rußland( 1877) 1033 E., 1700 A., Desterreich- Ungarn( 1878) 1104 E., 1309 A., Niederlande 1376 E., 958 A., Belgien 1178 E., 889 A., Italien 856 E., 832 A., Türkei 430 E., 397 A., Spanien 412 E., 372 A., Schweden 339 E., 241 A., Dänemart 252 E., 184 mill. Mark A. Liegnių. Alte(?) Abonnentin. Der betreffende Herr scheint Mosaik- Nachdichter zu sein. Vorläufig tönnen wir einen derjenigen Verse, welchem er die Ehre zuteil werden ließ, sie mit seinem Namen zu schmücken, als das geistige Eigentum Achim von Arnims rekognosziren, nämlich folgenden: Wie die Stunden rinnen, Mir an Liebchens Seit', Auf der Zunge brennen Lieb' und Heimlichkeit; Soll ich ihr bekennen, Was im Herzen brent? Und wie soll ich nennen, Was sie noch nicht fent? Verschiedene andere Verse sind uns auch bekant, one daß wir jedoch im Augenblick mit Sicherheit angeben könten, woher sie stammen. Wir geben Ihnen darüber beizeiten weiteren Bescheid. Sprechsal für jedermann. Johann Gottlob Hermann Schneiderheinze, geboren den 29. Juni 1831 zu Trebishain bei Lausigt in Sachsen, ausgewandert am 1. Mai 1860, anfänglich in Milwaukee in den Bereinigten Staaten von Nordamerika, wird gebeten, seine Adresse nach Flößberg bei Borna in Sachsen an Witwe Uhlig oder Witwe Keil gelangen zu Lassen, da seine Adresse wie seine Brife schon seit 15 Jaren von seiner Schwester verheimlicht werden*). Carl Uhlig. *) Wir müssen die Verantwortung für diese Behauptung selbstverständlich herrn C. Uhlig allein überlassen. D. Red. Heinrich Wentte, früher in New Orleans in Amerika wonhaft, wird von Wilhelm Schaper aus Markoldendori, Amt Einbeck, jezt in Plagwig bei Leipzig( Amalienſtr. 5), um Mitteilung seiner Adresse gebeten. Inhalt. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand Stiller. Von London nach North Berwick. Erster Reisebrif aus Schottland von L. Biereck. Karl Friedrich Schinkel( mit Porträt). Die deutschen Frauen der Vorzeit in Leben und Dichtung. Von Manfred Wittich. Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Max Vogler. Ein Lied von Buddha. Von Dir. Dr. A. Prowe. Haus und Wonung. Von Dr. Eduard Reich. Eine Bauerndeputation( mit Illustration). Chinesische Teleskopische( mit Illustration). Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Russische Verhältnisse. Literarische Umschau. Redaktionskorrespondenz. Sprechjal für jedermann. Verantwortlicher Redakteur: Bruno Geiser in Stuttgart, Ludwigstraße 26. Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.