Ericheint wvchentlich.— Preis vicrtchiirlich 1 Mark 30 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig.. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. J Im Kamps mider alle. Roman von Kerdinand Stisser. (1. Fortsezung.) � In Pcilih, dem beliebtesten Spazicrort einer großen deutschen Stadt, saßen eines schönen Nachmittags zwei Herren beim Äasfce, rauchend und plandernd und sich an der frischen Waldesluft er- labend, die ihnen von den mächtigen alten Bäumen her zuwehte, welchc�das Kaffeehaus von Peilitz rings umragen. „Sic sind also— ncmt alles nur in allem, ein glücklicher Mensch, lieber Stein," sagte der eine, um dessen feingeschnittenen, von einem schwarzen wolgcpflegtcn Schnurrbarte scharf markirtcn Mund sarkastisches Lächeln spielte. Ter andere lachte. „Fülcn Sie Sich etwa unglücklich, Freund David?" „Ich wüuschte, ich wärs. Aber im Vertrauen gesagt: ich bcsize weder das Talent mich glücklich zn fülen, noch die vielleicht höhere Fähigkeit, so recht bis ins tiefste Innerste zu empfinden, daß oder wenn ich unglücklich bin." „Das klingt wirklich so, als wollten Sie Ihre Gcmütsvcr- sassung selbst als das bezeichnen, was Friedrich von Gcnz, der sich aus dergleichen verstand, wie kein zweiter, mit„höllisch blasirt" bezeichnete." Herr David unterdrückte ein leichtes Gähnen. „Das klingt nicht nur so," sagte er„das ist so." „Bah, Freund David— Sie unterschäzen sich und über- schäzcn Ihre Blasirtheit. Ter Grund Ihres Leidens liegt aus der Hand und ist leicht genug zu beseitigen. Sie sind ein viel- scilig begabter, geistvoller Mensch und haben seit, ich weiß nicht wie lange schon, nichts, aber auch garnichts zu tun. Tie not- wendige Folge war, daß Sie zunächst auf der hohen See aller erdenklichen Vergnügungen und noblen Passionen Zerstreuung suchten, bis Sie alles durchkostet hatten, was Menschen zu ge- nicßcn vermögen. Dann begann die Langeweile, die Unzufrieden- hcit mit aller Welt und Ihnen selbst und— die„höllische Blasirt- heit" war fertig." �.t „Und dieses„Leiden" sei leicht zu beseitigen?" fragte David. «Mit Holzhacken oder sonst einer nüzlichen Tätigkeit— wie." „Nun, Holzhacken ist i.och gar keine so üble Tätigkeit— stir Fettleibige z. B. Aber für Sic, lieber Freund, würde ich geistige Beschäftigung vorschlagen. Sie waren auf dem Gym- nasium ein vorzüglicher Stilist und ein phantasievoller Schilderer wirklicher wie erdachter Begebenheiten— schreiben Sie Skizzen, Novellen, Romane— was Sie wollen— wollen Sie nur!" David sah seinem Nachbar mit komischem Erstaunen ins Gesicht. „Ich soll schriflstellern? Sagen Sie niir ums Huumelswillcn, lieber Stein, für wen? Für mich? Ich danke— ich habe an dem jammervollen Zeuge, das die Tagesgrößen unsrer Literatur auf den Markt bringen, mir einen so gründlichen Ekel geholt, daß ich ! Skizzen, Novellen, Romane nicht sehen, viel weniger lesen kann. Oder für die— mit Verlaub zu sagen— gute Gesellschaft? Etwa nieinen Papa, den Geheimen Kommerzienrat, meine hoch- adlige Mama und ihre finanz- und geburtsnoble Freundschaft? Die hielten mich einfach für übergeschnappt, wenn ich eines Tages als hoffnungsvoller Salonpoet vor sie hinträte. Oder gar für den Plebs? Die Spießbürger, Gevatter Schneider und Hand- schuhmachcr, und was sonst zum einzig waren„Volke" zült? Ich mag mir das hochverehrte Publikum ansehen wo und wie ich will: ich finde nicht ein halbes Duzend Menschen, für die zu schreiben, von denen gelesen und geschäzt zu werden, mir eine Spur von Befriedigung gewären köntc. Nein, Bester, verschwenden Sie an mich keine Besserungs- oder Heilversuche— verlorne Liebesniüh— weiter nichts. Ich langweile mich noch so ein par Jare durch die Welt, und wenn mir die Langeweile endlich gar zu toll wird, lasse ich niir Empfelungskartcn in Goldschrift drucken, sende sie eigenhändig ausgefüllt an alle guten Freunde und alle getreuen Nachbarn und Nachbarinnen, und neme ein kleines bc- fcheidcnes Henkersmal von ein par Duzend Austern, einem Fläsch- chen Roederer carte blanche und— als Hauptgericht und Dessert zugleich eine kleine, niedliche, über alles befriedigende und be- ruhigendc Rcvolvcrkugcl." „Pfui, David," rief Stein nicht one Erregung.„Es ist ab» schculich, so zu reden, und es wäre feig, so zu tun." „Feig? wie komt Simson unter die Philister, die den Selbst- mord feig finden? Im übrigen, wenn er auch der Ausfluß einer Art Lebcnsfeigheit wäre, ich, mein lieber Stein, habe auch den Mut, feig zu sein— das glauben Sie mir." Franz Stein erwiderte nichts— tiefer Unmut sprach sich jezt in seinen Zügen aus. David bemerkte das und für fort: „Ich habe Sie mit dem allerdings sehr öden Programm für mein künftiges Leben wenig erbaut, wie ich sehe. Aber Sie wissen ja sehr gut, wie ich dazu gekommen bin. Ich aber weiß nicht, auf welche Weise Sie Sich zum Optimisten entwickelt haben. Sie hatten auf der Schule nicht mehr Anlage dazu, als ich. Wir waren beide leere Ballonhülsen, die die dünne Luft des Lebens erst schwellen und über die Sphäre der ordinären zweibeinigen Kriechtiere, wie sie im Durchschnittsmenschen so hübsch zur Er- Stuttgart, 8. CItokt 1881, scheinung kommen, cmportragen sollte. Mich hat das Leben mit explosiblen Gasen übcrsnllt bis zum Plazen, Sie scheinen genau so viel und geeignete Füllung zu haben, als nötig ist, in ruhigem Fluge über die Erde hin zu streifen, gerade hoch genug, um nicht an jedem Baume und Kirchturm anzustreifen, und tief genug, um nicht durch die Kälte und die Lustdruckverniindernng erdferner Regionen zugrunde zu gehen. Erzälen Sic mir, wie das so gekommen ist. Sie sind der einzige Mensch auf der Welt, an dessen Glück ich mich noch wirklich erfreuen könte." „Wenn das war ist, dann ist an Ihnen noch nicht alle Hoff- nung verloren," rief Franz Stein.„Und weil ich das gern glauben möchte, will ich erzälen, selbst auf die Gefar hin, daß ich Ihre Langeweile nur vermehre." „Beginnen Sie gefälligst," lächelte David, indem er eine Dame lorgncttirte, die in rauschendem Seidenileide, mit langer staubaufwirbelnder Schleppe, von einem dicken Herrn begleitet, an ihnen vorbeizog. „Wo soll ich beginnen?" „Ab ovo!"*) „Das wäre zu grausam," sagte Franz Stein lachend.„Ich wurde geboren und war ein Junge wie andre. Nur daß ich bis zu meinem IG. Jare nicht in die Schule zu gehen brauchte, weil meine Mutter der Ueberzcugung lebte, daß ihr einziger Sohn durch den Berkehr mit duzenden andrer Schuljungen nur vcr- dorben werden könte. Ihnen ist's übrigens ebenso gegangen." David nickte. „Nun ja, ich kam also zur Schule. Meine mit Hilfe eines tüchtigen Hauslehrers erworbenen Kenntnisse wurden genügend gefunden für Unterprima. Nach einem Jare ward ich nach Ober- prima befördert, grad als Sie Unterprimaner wurden und wie- der nach einem Jare entließ mau mich zur Universität. Ebenso wie das, wissen Sic ja auch, daß ich anfänglich Jurisprudenz studirte." „Studirt?" warf David dazwischen. „Doch— ein wenig— schon im ersten Semester, obgleich ich mich den töricht wilden Amüsements des Corpsburschenlcbeus nicht entzog. Es enthüllt sich dabei— glaube ich behaupten zu dürfen— das, was Sie als das Geheimnis meines Optimismus anzusprechen belieben: Ich hatte, so lange ich denken kann, eine Art Lebenszweck vor Augen." „Ein blinder Jünger der blinden Thenns zu werden?" fragte David. „Daß die Gerechtigkeit zum mindesten sehr kurzsichtig ist, dies zu erkennen, mußte ich sie natürlich erst kennen lernen, und da- von merkte ich im ersten und zweiten Universitätsseinester auch noch herzlich wenig, ich empfand nur, daß mich nicht eine Ahnung jener Befriedigung bei meinem Studium überkam, die ich als sicher vorausgesezt hatte. Anfänglich meinte ich� ich studirte eben nicht genug, deshalb zog ich mich im dritten Semester in meine vier Pfähle zurück und----" „Ochste," fiel David ein. „Allerdings, ich war fleißig, wie einer. Aber jemehr ich mich in mcinc Wissenschaft vertiefte, desto ferner sah ich mich dem Leben, das mich mit seinen tausend Rätseln und abertausend interessanten Fragen magnetisch anzog— allgemach fülte ich mehr und mehr Abneigung und Widerwillen gegen die Juristerei." „Natürlich," brummte Datnd vor sich hin,„so muß es gehen, wenn ein lebenskräftiger Kerl mit seinen Umarmungen an ein Skelett gerät. Unsre Gerechtigkeit entstamt dem alten Rom und ist so todt wie die Sprache, in der ihre schweinslederne Weis- heit studirt werden muß. So opferten Sie denn schleunigst das Corpus juris jüngeren corporibus."**) „So hart plaztcn die Gegcnsäze doch nicht auseinander. Ich ließ das eine Skelett— schweren Herzens kann ich heute lachend gestehen— saren, Sie sehen, ich respektire Ihre bilderreiche Pessimistensprache, und schloß nun um so inniger ein andres in die Arme." „Sie wurden doch nicht etwa Mediziner?" „Davor bewarte mich mein guter Stern, oder vielmehr eine unübertvindliche Scheu vor Sektionen aller Art, sowol an toten Menschen, als an lebenden Tieren. Ich wurde— Philosoph." Stein hatte die lezten Worte mit komischem Patos gesprochen, *) Vom Ei, d. i. vom Ansang an. **) Corpus juris heißt eine Sammlung von Rechtsbüchern, corporibus ist der Dativ Pluralis»nd heißt„Körpern". und schaute sein Gegenüber an, als versehe er sich eines gewal- tigcn Eindrucks seiner Mittheilung. Er täuschte sich nicht._ Philo— soph?" fragte David gedehnt.„Und die Philoso- phie nennen Sie auch ein Skelett? Tie Philosophie, das korpn- lenteste alte Weib ans der Welt, mit dem ewigen Lächeln höchster Selbstzufriedenheit in den verschwommenen Zügen— Fett und wasscrgcdunsenes Fleisch, nur kein Mark und Bein, nichts festes, starkes, stichhaltiges- und ein Skelett!" „Ich strecke die Segel vor Ihrer erstaunlichen Fähigkeit die abstraktesten Dinge in das plastische Gewand des handgreiflich Lebendigen zu kleiden," lachte Franz Stein.„Ich geriet also vom Skelett zu besagtem hochbejarten Fettkinde. Eine Zeitlang ge- fiel mir der Tausch, ich nain mir vor, Universitätslehrer zu werden und——" „Der stannenden Mitwelt in einem neuen, dem einzig richtigen philosophischen System klarzulegen, was die Welt im innersten zusammenhält," dcklamirte David._ „Diesmal unterschäzcn Sie mich, lieber Freund, so töricht war ich nicht. Ich wollte fortschreiten ans den bereits angebahnten Wegen, und war bereit, niühsani einen Stein um den andern, und seien sie noch so klein, zu dem Riesenbane philosophischer Welt- und Lebenserkenntnis beizuschlcppen." „Aber Sic sahen ein, daß das Edelsteine sein müßten, und ivas Sie auf den philosophischen Chansseen fanden, war Kiesel— ordinäres, zu dem Bau, wie Sie sich ihn dachten, unbrauchbares Zeug?" „Leider— zu allermeist nichts mehr. Aber ich hätte ausge- harrt— ich war wie viele andre vor und neben mir schon— ans die Idee gekommen, daß die Philosophie weit mehr als bis- her auf den von der Naturwissenschaft erschlossenen Wissensfeldern ihr Material zu suchen habe, und darum hörte ich natnrivissen- schaftliche Kollegia und studirte dicke Bände über Physik und Chemie, Physiologie und Psychophysik. So vergingen drei Jahre." „Da waren Sie wieder satt bis zum Ueberdrus—" „Thut mir leid, wiederum fclgeschossen, mein geistreicher Freund. Umgekehrt, ich verging fast vor Durst— ich war— ich sage das ohne alle Ueberhebung— fast auf dem Stand- Punkt des Sokrates, ich hatte in bienenfleißigem Studium erkennen gelernt, wie wenig ich wußte— doch verstehen Sie mich recht— ich luäiitc nicht wie Faust, daß wir nichts wissen können— unsre Naturwissenschaften hatten mir gewaltigen Respekt eingeflößt und ich verzweifelte fast daran, mir soviel in einem ganzen Leben voller Arbeit zu eigen machen zu können, als dazu nötig ist, die Philosophie fruchtbringend mit der Naturerkentnis zu vermülen." „Und da arbeiteten Sie wieder, bis Sie endlich ganz vcr- zweifelten?" „Nein, es war ein mehr äußerer Grund oder Anlaß, wenn Sie wollen, der mich vom Studirtische aufscheuchte— meine heißgeliebte Mutter starb— starb plözlich, gänzlich unerwartet, grade als sie auf meine dringendsten Bitten und nach wieder- Holter Ablehnung ihrerseits sich entschlossen hatte, mich einmal in der Residenz zu besuchen. Der Eisenbahnzug, welcher sie fürte, entgleiste, sie wurde zwar nicht beschädigt, aber vor ihren Augen wurde ein Weichensteller zerquetscht, vor Entsezen traf sie ein Schlaganfall, der sie zwar nicht sofort tötete, aber doch lähmte und nach acht Tagen, Wärend der ich nicht von ihrer lezten Lagerstätte gewichen war, eine Wiederholung crfur, welcher sie erlag." Franz Stein hielt inne, und schaute von schmerzlicher Erin- nerung bewegt, beiseite. David sah ihn scharf prüfend an; er schwieg auch. „Mich litt's nun nicht mehr im Studirzimmer. Ich mußte hinaus in die Welt. Mein Vater, der niemals allzuviel von der Gelehrsamkeit halten mochte, war damit einverstanden. Er selbst, innerlich auch tief getroffen, wenn auch äußerlich so rauh und ruhig als zuvor, zog sich noch mehr von der Welt und den Menschen zurück, und lebte nur der Jagd und der Pflege einer großen Menge von Haus- und Nuztieren, die ihm. wie er sagte, für den Umgang mit den Menschen überreichlichen Ersaz gewärtcn. Ich ging also in die Welt— machte meine Tour durch die europäischen Hauptstädte und Gebirge, bereiste dann Nord- und Südamerika, kehrte darauf nach Europa zurück und hielt mich mehrere Wochen auf dem väterlichen Gute auf, um, vom Vater dazu angeregt, von neuem auszufliegen— nach der Türkei, Klemasien und dem Kaukasus. Da traf mich vor jezt sechs Monaten in Mslis die telegraphijche Nachricht vom Tode des Katers. Der alternde Mann war bei einem tollen nächtlichen 19 Ritte über Stock und Stein mitsamt dem Pferde gestürzt und halte sich den Oberschenkel gebrochen. Einige Wochen lag er fest, dann ivolltc er— viel zu früh— vom Schnicrzcnslager ans, holte sich ein heftiges Fieber und starb, noch ehe er die Erlaubnis gegeben hatte, daß mir von seinem Unglücksfalle irgend eine Knude gegeben wurde. Ich eilte Hals über Kopf zurück, ordnete die in mancher Beziehung verworrenen, wenn auch durchaus nicht ungünstigen Vermögensverhältnisse unsres Hauses und nun — nun— da bin ich eben." „Das soll alles sein?" fragte David offenbar unbefriedigt. „Das ist auch nichts als ein Skelett und noch dazu ein sehr un- vollständiges. Par exemple: wo ist der Lebenszweck geblieben, der Sie durch das Chaos Ihrer Reiseerlebnisse vor dem Schiff. bruch des Gemüts gerettet hat? „Mein Lebenszweck oder besser mein Strcbensziveck hat man- nigsach gewechselt, wie es wol bei jedem nicht auf niederer Stufe geistiger Entwickelung stehen gebliebenen Menschen der Fall ist, immer aber schwebte mir einer vor, der auch im Grunde, in seinem innersten Kerne, stets derselbe war. Ich wollte mit allen meinen Kräften ein nüzlichcs Glied der menschlichen Gemeinschaft tverdcn, ich wollte es als Jurist wie als Philosoph, und als ich mich in der Welt umhertricb, studirte ich, so ernsthaft wie man eben stu- dircn kann, die Menschen und die Welt, die Natur und die Ätaaten——" David lachte laut auf. Franz Stein schaute ihn venvun- dert an. „Verzeihen Sie mir, bester Stein. Aber es ist zu närrisch. Haben Sie einmal einen Hamster im Tellereisen gesehen— noch dazu einen Hamster, der sich fürchterlich geschmeichelt fült, daß das Eisen ihn der Ehre würdigte, seine täppischen Pfoten fest- zuhalten?" Stein schüttelte höchst frappirt den Kopf. „Sie werden in Ihren Bildern immer origineller. Aber ich kann mir doch nur schwer zusammenreimen— Ist mein Lebens- zweck das Tellereisen--" David wollte sich ausschütten vor Lachen. „Aber bester Freund, so seid Ihr Philosophen, alles in der Welt beziet ihr auf Euch, und was außer Euch ist, seht Ihr nicht und wenn Ihr auch Jarzehntc lang Welt und Menschen studirt habt. Entschuldigen Sie mich, daß ich nicht auch Philo- soph bin und wenden Sie ein wenig den Kopf nach rechts; so! sehen Sie den eleganten Jüngling— kennen Sie ihn?" Franz Stein war der Aufforderung gefolgt. „Ah, das ist Herr Gabriel Haßler. Ist Ihnen der so in- teressant?" „Belieben Sie nur weiter zu schauen, sehen Sie neben dem trefflichen Gabriel die Dame, zu der er sich hinneigt, die er anlächelt und mit den Blicken seiner kleinen Aeugelchen fast ver- schlingt?" „In der Tat, ich sehe--" „Und dann schauen Sie wiederum ein wenig links— die Gruppe von Offizieren des Leibkürassirregiments— insbesondere den riesigen Prcmierlieutenmit in der Mitte mit dein endlosen Schnurr- bart— sehen Sie nur wie höhnisch der Kerl drcinsiet——" „Ich sehe, aber ich bin zu sehr Laie in der chronique scauda- leusc unsrer guten Stadt, um recht zu verstehen--" „Run, die Geschichte ist einfach und crgözlich. Jene Dame — einst die von unsrer jeunesso doree gefeiertste Schönheit, Fräulein Elfricde Specht, die Tochter des Bauspekulanten Wilhelm Specht, der, ein slcischgewordener Gcldsack, der Tochter vis-ä- vis sizt, war bis vor kurzem die anerkante Königin des Offizierkorps voni Leibkürassirregimeute, und der Löwe des Offizterkorps, auch König der Königin— war und ist jener Preinierlieutenant — der Graf Waldkirch-Buchenfels. Was läßt sich ben dicier Sachlage, bester Freund, nun aus dem Umstände, daß Herr Gabriel Häßler bei der Königin Elfriede und der Graf- König hohnlächelnd abseits sizt, folgern?" Franz Stein lachte nun auf._ „Nun, Sie folgern eben das Tcllcreijen, in dem sich Hamster Gabriel gefangen haben soll, wie?"... „Gesangen hat, zuversichtlich. Glaubenvar notwendig, um uns die Scheu der Männer jener Zeit vor Frauenschelte wegen Feigheit zu er- klären. An der angezeigten Stelle werden wir geschichtlich bc- glanbigte Beispiele ähnlichen übcrgcmaltigen Heldensinns aus neuerer Zeit zu erwänen nicht vergessen. Diese frauliche Tapferkeit und Todesverachtung in jenen wil- den Totschlagzciten fand aber auch ihre religiös-mhthologische Verklärung. Wir meinen damit die Walkyren oder richtiger Wal- kürjen, göttliche oder halbgöttliche Jungfrauen, welche in Odins Dienst die Schlachten leiten, Tod und Sieg zu verteile», die tapfer Gefallenen aus den Toten vom Schlachtfeld zu küren oder ans- zuwälen, nach Walhalla zu führen und dort ihnen bei ewigen Gelagen das Trinkhorn zu reichen hatten. Freute sich doch auch die Gattin, Braut und Mutter, wenn ihr Held in der Ichlacht gefallen war und sie recht viel rühmlicher Wunden zu zählen hatte an der geliebten Leiche, und sie schöpfte daraus Trost und Ruhe— oder auch den Mut, dem Teuren freiwillig in den Tod zu folgen. Diese geschichtlichen und religiösen Momente müffcn wir uns vergegenwärtigen, wenn uns die überlebensgroß gezeichneten Gestatte» der beiden Heldinnen des lltibelungenliedcs, Brunhild und Kriemhild, verständlich sein sollen. Hinter der ersteren, die nur dem Manne sich als Weib ergeben will, der sie im Spcerwurf, Steinstoß und Weitsprung besiegt, die dem schwächlichen Gunther in der Hochzeitsnacht mit ihrem Gürtel Hände und Füße bindet nnd ihn an der Wand aufhängt, ist deutlich eine Wallürje zu erken- ncn, war doch diesen verboten, einem sterblichen Manne sich in Lieb beizugesellen. Kriemhild, anfangs männerscheu, dann ganz in glutiger Volllicbe zu Siegfried entbrennend, wird der wütenden Löwin gleich, der man ihr Junges geraubt oder getötet, als man ihr den teuren Helden tot vor ihre Kammertür hinstellte. Nicht ihres Geschlechtes Untergang schmerzt sie bei ihrem Rachewcrk, und mit eigener Hand schlägt sie mit Siegfrieds Schwert Balmung das Haupt ab Hagen, dem Verräter, der ihren Gatten getötet. Sind die oben angcfürten geschichtlichen Thatsachen nicht Belege dafür, daß den Hörern des alten Liedes, auch den Frauen, der stolze Gedanke kommen mußte:„Das ist Fleisch von unserem Fleisch, das ist Bein von unserem Bein?" Aber dieses Heldenmäßige im Frauencharaktcr warb ihnen gewiß zugleich auch Bewunderung der Männer, so sehr es uns unweiblich erscheinen mag. Wie oft kehrt in den Sagen der Zug wieder, daß eben Rauheit, ja Grausamkeit stolzer Schönen die Anziehungskraft, die sie ausüben, nicht nur nicht mindert, sondern vielmehr hochgradig steigert! ®,Vl Punkt, der bei Beginn schon flüchtig angedeutet wurde ans Anlaß de» bekanten �.aeitnsivortes, bedarf noch einer ivei- tcrcn Betrachtung. In schöner Jungfräulichkeit ist ein süßes Ge- helmnls beschlossen, welches das Mädchen umwittert mit einer zauberhaften Atmosphäre, die auch heute noch jedes fülsame Herz mit Schauern der Wonne anweht. Es ist dies jener Zauber, den Goethe nieint, wenn er singt: In»nsres Busens Reine wogt ein Streben Sich einem Hähern, Reincrn. Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugebe», Eiiträtselnd sich den ewig Ungenannten: Wir hechcn's: sromm se.n!- Solcher sel'gen Höhe Ful ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe. Oder wenn mit schliche seines Faust derselbe Dichter dem cuorus mysticus die Worte lest: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; Tas Unzulängliche, hier ward's Ereignis; Tas Unbeschreibliche, hier ist es gclhan; Das Ewig Weibliche zieht uns hinan. T�r gan�c Marienknltus, die Verehrung der Jungfrau Maria als Gottesniutter in der christlichen Mytobgie, bcrut zum größten Teil auf dieser echt menschlichen und echt männlichen Empfindung, die im Grunde genommen Zeichen einer gesunden Seele ist; das hoffe» wir weiter begründen zu können bei gecig- neter Gelegenheit. Weiters ein Gegenstand, würdig'unserer Achtung und Be- wnnderung, ist das Weib als Mutter, soivol da, wo sie es wird, als da, wo sie das geborene mit ihrer Liebe, die die Stärke einer Elcmcntarkraft hat, hegt und pflegt, behütet und bewart, und es in sorgsamer Hut umgibt für und für. Welche Fülle von Kraft wird hier aufgeboten, beides des Leibes und der Seele! Gegen diese Wunder der Liebe, gegen diese menschlichen Wunder sind alle Wunder aller Religionssysteme Kinderspiel, sicher nicht größer und geeigneter, jene Stimmung hervorzubringen, daß wir anbeten möchten! Ein trefflicher deutscher Literarhistoriker bespricht gelegentlich die Catarina Regina von Greiffenberg, eine Dichterin des 17. Jarhunderts, welche die Männer zur Tapferkeit gegen die Türken auffordert und dabei auf die Lcbensgefaren des Weibes auch im Frieden hinweist. Dazu bemerkt er sehr richtig: „Es ist sonderbar, wie wenig die Herren der Schöpfung gc- meiniglich die Furchtlosigkeit und die Todcsgefaren der Frauen in solcher Beziehung psychologisch und philosophisch moralisch ver- wertet haben. Jeder Soldat, der in's Feld geht, wird verHerr- licht. Von den werdenden Mütter», denen schwere Stunden und Gefaren gewiß sind, wird, auch alle sonstigen Rücksichten in An- betracht gezogen, sehr wenig Aufhebens gemacht." Nun, diese kühle Gleichgiltigkeit ist wol nicht allgemein, vielleicht, ja wol sicher, schon in ältester Zeit nicht! Diese Fülle von Mut, Liebe und Kraftaufwand kann zu keinen Zeiten gänzlich übersehen und unterschäzt worden sein! Ein über das Natürliche Hinausragen bei gewissen einzelnen des Geschlechtes mag nur vereinzelt jene bei jedem Weibe be- wundcrungswürdigcn Warnemungen gesteigert haben, so daß sie wirklich etwas Göttliches und Prophetisches in ihnen warnamen, eine Warnemung, die sie bestimten, ihren Rat nicht in den Wind zu schlagen, ja von ihnen sichere Deutung der Zukunft zu er- warten. Wir kommen hier speziell auf das religiöse Moment zu sprechen, mit welche», das Weib auch innige Beziehungen unter- hielt. Nicht blos in unsern Tagen, glauben wir, ist bei ihnen das religiöse Bedürfnis bei weitem stärker als bei den Männern; wenn auch die Frauen der Vorzeit nicht so viel Zeit hatten, wie moderne Vorneme, denen fromme Betrachtungen nicht nur Lieb- haberei, soliden, eine willkommene Ausfüllung der Mußestunden sind, deren sie zuweilen am Tage vierundzwanzig zälen. Wie ferner jeder Familienvater der Hohepriester seines Hauses und seiner Familie war. so scheint die praktisch ihm nicht als Sklavin sondern als Genossin zur Seite stehende Frau auch seine priesterlichcn Funktionen geteilt zu haben. Ja auch für die Gesamtheit eines ganzen Stammes gab es priesterliche Frauen von hohem Ansehen. In dem öfter angefürten Cimbern- und Teutonenkrieg lernten die Römer solche kennen. Grau von Haren, barfüßig, in feinen Flachslinnengewändern, mit ehrnen Gürteln umgürtet und mit wallenden, weißen Mänteln werden sie dar- gestellt. Mit blankem Schwert füren sie den tötlichen Schnitt durch die Sole der zu opfernden Kriegsgefangenen, deren Blut der heilige Kessel auffängt: aus diesem wurde dann geweissagt. Bor Zeiten sei Aurinia, so berichtet Tacitus, eine gefeierte War- sagerin gewesen. Solche weise Frauen widerrieten 58 v. Ehr. den Germanen des Ariovist vor Neumond eine Schlacht zu liefern. Hochberühmt war ferner Velcda, eine Jungfrau aus dem Stamme der Brukterer, welche auf einsamem Turme hauste und hohen politischen Einfluß hatte bei den deutschen Stämmen an, Unter- lauf des Rheines. Auch die Skandinavier hatten Priesterinnen, bei dem Tempeldienste Freys und Baldurs waren Priesterinnen beschäftigt. Menschen-, Tier- und Fruchtopfcr darbringen. Gebet sprechen, heilige Gesänge singen, Füren von Umzügen, Reinigung und Schmückung des Tempels, des Altars, der heiligen Geräte: das war ihre Beschäftigung; daneben auch Krankenheilung viel- leicht auf dem Wege des animalischen Magnetismus oder ältliche für übernatürlich gehaltene Arten und Weisen. Lezterer Beruf löst sich von dem priesterlichcn Amt, an bestimter Kultstätte, los und die weisen Frauen oder Zauberinnen, wie sie den Christ- gläubigen heißen, ziehen im Lande umher, um Wunder zu wirken und zu warsagen. Ihrer Wunder sind viele: sie können Gewitter brauen und abwenden, Liebe und Haß in der Menschen Herzen entzünden, allerlei Schäden durch Besprechen beheben oder zu- fügen und was dergleichen mehr ist. Wie später aus diesen Frauen ein gern geheztes Wild der Pfaffheit wurde, die dann schließlich die Scheiterhaufen entzündete und tausend Weiber den grausigsten Martern und qualvollsten, Tode weihte, davon später. Die uralte Form ivissenschaftlicher Regung ist hier die Kunst der Runenschrift, die bei den Orakeln und Weissagungen eine große Rolle spielten. Die christliche Religion machte erst die Schreib- und Lesekunst gemeiner, von der und ihren segensreichen sowol wie verhängnisvollen Folgen für die deutsche Frauenwelt ebenfalls später die Rede sein wird. (Echlub folgt.) Im Dorf i Eine Geschichte aus dem _ Tie Abendglocken, die, wie die Dämmerung mit dem Nebel >eser und tiefer herabsank, auf dem grauen, dicken Kirchthum sich zu schwingen begannen, hatten ausgeklungen und immer weichere, '»ßere Stimmung, znm Träumen und zum Sinnen eignend, in's Herz hineingetragen, wärcnd wir die ersten Gläser vollgeschenkt und uns an der lockenden Blume, die uns aus ihnen entgegen- "stete, gelabt. Es war eine schöne, poesiegeweite Stunde, wie , bttr nicht allzu viele im Leben gibt. Alte, liebe Erinnerungen wurden zwischen uns beiden Freunden, die wir uns lange nicht u>s Auge gesehen, ausgetauscht und immer neue geweckt,— manch munterer, ausgelassener Streich, bei dem wir einst im frolichen Jugcndmut mitgespielt, manch heiter Ereignis, an dem vir uns gemeinsam erfreut, manch' schneidendes Herzweh auch, das wir beide erduldet. Aber so fest und innig der Zauber alter Tage unser ganzes �csen in sich hjneinverstricktc,— ich mußte dazwischen immer mebcr nach den beiden Mädchen hinübersehen, die stille Ziviege- Prache niit einander hielten und dann und wann auch ihre Blicke i* c- n aufmerkend nach unserem Tische hergleiten ließen, und sch fülte mein Herz stets rascher klopfen, wenn eine Wendung !Zres Hauptes mir die großen, dunklen Augen und das feine �ficht der älteren wieder voll zu sehen gestattete. Das geschah er Schmied. Elsaß von Mar'Mogter.(1. Forsezung). auch dann, wenn sie, die nun gefüllte Flasche herzutragend, wieder dicht vor uns hintrat,— sie hat es noch öfter tun müssen an diesem Abend. Es kamen nur wenige Gäste„och in die Schenke. Der Alte blieb still und ruhig beobachtend am Ofen lehnen; nur dann und wann ging er auf ein par Minuten hinweg, um einem der Ein- tretenden zum Willkommen die Hand zu drücken. Es geschah auch kein allzu lauter Becherklang, kein Zecherstreit und Geschrei an diesem Abend. Die anderen, die im Zimmer waren, hielten sich still, als wollten sie erlauschen, was wir beiden Fremdlinge mit einander redeten. Wir wurden nicht müde, uns zu erzälen, bald leiser jezt, dann lauter, und das Glas voll würzigen Weins zum Munde zu füren. Auch die beiden Mädchen sprachen still mit einander fort. Dazwischen schlug eintönig langsam das Pendel der Wanduhr. Endlich mahnten uns die Zeiger auf dem großen Zifferblatt, aufzubrechen, wenn lvir nicht allzu spät heimkommen wollten. Wir gingen mit dem festen Vorsaz, bald wieder Einkehr zu halten in dieser freundlichen Herberge, in der uns alles mit so eigentümlichem Reize anmutete,— recht baldige Einkehr, — und nicht blos des rot schimmernden, köstlichen Weines wegen, den man daselbst auf spiegelblanken, Zinnteller uns aufgetragen. Draußen lag ein fahler, matter Glanz auf den Weinbergen und Feldern und über dem Buchenwald; er kam vom Mond, dessen rötlich- gelbe Halbschcibe nicht sehr freundlich aus den feuchten, trüben Ztebelwolken hervorsah. Als wir die Steinstufen vor der Herberge„zur goldenen Traube" herabgestiegen waren, sahen wir ein Stück weiter in der Dorfgasse ein helles Schmiedfeuer leuchten und flammen und hörten, wie dort der Hammer noch fleißig auf den Ambos nieder- fiel. Daneben wehte es wie halb gedämpfter Laut eines Liedes durch die trüb-seuchte Luft zu uns herüber. Es mußte ein ein- siger Mefiter seilt, der dort noch am späten Abend so frisch sein Handwerk trieb,— und doch schien es uns keine heitere Melodie, mit der er seine rüstige Arbeit begleitete. Einen Augenblick lang blieben wir stehen und lauschten das Dorf hinab; dann warfen wir einen leztcn Blick auf die Fenster des Wirtshauses, das wir soeben verlassen,— die Läden daran waren geschlossen und nur ein matter Lichtstreifen drang durch dieselben in das unfreundliche Halbdunkel der Straße heraus. Hätte ich an diesem Abend ahnen können, welche geheime Be- Ziehung schon damals zwischen den beiden Häusern, der sauberen Herberge hier und der Stätte dort, wo das Schmiedfeuer flog und stob, waltete, was sich bereits hüben wie drüben zugetragen, und was in der Folge noch, die Herzen ihrer Bewoner gleich sehr erregend, geschah!..... I. Man feierte Kirchwcih im Dorfe. Es war kaum vier Wochen von dem Tage, an dem ich zum erstenmal dieses und das Wirts- Haus„zur goldenen Traube" betreten. Heut saßen in jener freundlichen, sauberen Stube des lezteren um den großen runden Tisch, der in unmittelbarer Nähe des Ofens stand, mehrere Zecher, der Stamm der Gäste, beisammen, ältere, behäbige Bauern in festlicher Gewandung, dem langen, weit über die Knie herab- hängenden Rock, der die rote Weste und das bunte Halstuch sehen ließ, das sich um die hohen, steif geplätteten Hemdkragen schlang und vorn durch dickere Knoten zusammengeknüpft war. Sie mochten schon manchen derben Zug aus den großen Wein- gläsern getan haben; denn lichte Röte stand ihnen allen auf Stirn und Wangen und lebhaste Rede ging in der Runde,— der und jener aber stüzte schon, dann und wann in sich hinein- knurrend und brummend oder bei den Worten der anderen un- gestüm auffarend, die Ellenbogen auf den Tisch und das wein- schwere Haupt in beide Hände. Die derbe, kräftige Gestalt des Wirtes selbst saß unter ihnen. Zuweilen stand dieser auf, um die leer gewordenen Flaschen zu füllen; denn er mußte heut seine Gäste selber bedienen. Die beiden Töchter waren mit der ganzen Dorfjugend beim Kirch- weihtanz, und seine Ehehälfte, mit der er gut und recht zusammen- gelebt, schlummerte schon seit Jaren drüben auf jenem stillen Acker, über dessen grünen Hügelreihen an sonnigen Tagen der dicke, finstere Kirchturm seine breiten Schatten wirft. Der Kirchweihtanz war mitten im Dorfe, in einem größeren Gasthause, das dort gelegen. Denn die„goldene Traube" besaß keinen Sal, wie solcher zum Schwung und Sprung der Pare doch nötig ist, wenn die Kühle des Abends nicht mehr den Tanz auf freier Wiese gestattet, und war überhaupt auf derlei größere Festlichkeiten nicht eingerichtet. Sie war eben nur eine wolange- sehene, reinliche Weinwirtschast, in der die Großen des Dorfes gerne vorsprachen und in welcher vorüberkommende Für- und Handelsleute oder fremde Wanderer seit ein par Menschenaltern schon niit besonderer Vorliebe Einkehr hielten. Und der Besizer, dessen Vorfaren bereits hier gewirtet hatten und zu einem leidlichen Vermögen gekommen waren, stand sich gut dabei, zumal er Rebengelände besaß und mit dem eigenen Gewächs sowol wie mit den Erträgnissen fremder Weinäcker, deren Verkauf er immer vorteilhaft zu vermitteln wußte, einen schwunghaften und ausge- dehnten Handel trieb. Waren das schmucke, kräftige Bauernburschen, die in dem alten, großen, hochgegiebeltem Hause polternd und lärmend die breite, knarrende Hotztreppe hinaufschritten! Die meisten hatten heute die grobe Werktagsbluse abgelegt und sich mit der kleid- sanieren Soutagsjacke und ebenfalls mit der roten Weste angetan; der und jener trug sogar nach der Väter Weise kurze Kniehose mit schönen silbernen Schnallen über den langen, hellfarbigen Strümpfen, und nimt man dazu den breiten schwäbischen Drei- timp, der ihnen, wie fast allen, das Haupt bedeckte, so kann man sich denken, wie keck und hübsch die kernigen, gedrungenen Ge- stalten anzusehen waren. Und dazwischen die ftischen, munteren Dirnen in ihrer bunten malerischen Kleidung, den schön ver- schlungenen Brusttüchern, den weißen Lüzen und Halskrausen und den verschiedenartigen Kopfschleifen, den faltigen Röcken und den spizengesäumten Schürzen darüber, den niedrigen Schuhen und sauberen Strümpfen,— war das alles, wie es hier vo� die Augen trat, wirklich hüben über dem Rheiustrom, wo walsche Sprache häufiger fast als die deutsche erklang, oder nicht vie.- mehr drüben in einem traulichen Dorfe des Schwarzwalds?— Die jungen Leute hatten sich bisher beim frölichen Reigen auf der Wiese hinter dem Gasthaus, manche der Burschen wol auch am Kegelspiel vergnügt, nun, da es dunkelte und kältere Luft�üoer die Dornhecken strich, sollte droben im großen Sale der Tanz beginnen. Dieser Sal war wirklich ein ziemlich umfangreicher, aber nicht allzuhoher Raum. Von den breiten Balken der holzgetäfelten Decke hing in der Mitte ein einfacher schmuckloser Leuchter mit mehreren Lichtern, die dem Sale eine mäßig helle Beleuchtung verschafften, herab, und auf dem braunbestrichenen Holzgerüst im Hintergrund, das den Raum für die bausbäckigen Atusikantei, abgab, begannen bereits die Bläser, Pfeifer und Streicher ihre Instrumente zu stimmen. Dem jungen Volk gesellten sich unver- weilt ältere Leute, Männer mit langen Zipfelmüzen und quäl- menden Tabackspfeisen, Frauen mit breiten, schwarzen Kopftüchern und langärmeligen Jacken, hinzu, würdig ernst zwischen den an- deren umherwandelnd oder geschwäzig mit ihnen scherzend und da und dort lebhaste, lachende Gruppen um sich versammelnd. Nun begann der erste Tanz iind die Bursche eilten, ihre Dirnen dazu abzuholen. Nach wenigen Augenblicken drehten sich die Paare rundum. Ihnen folgten die lebhaften Blicke eines jungen, hübschen Mannes, der abseits still an einem Tische allein saß und noch zu zögern schien, ob er sich den Tanzenden anschließen sollte. Er hatte seinen runden, schwarzen Filzhut abgenommen und neben sich auf einen Stul gelegt. Krauses, lockiges Haar, voll und dicht, umwirrte sein Haupt, ein feines Schnurrbärtchen, von gleich dunkler Färbung wie dieses, stand ihm gar keck in dem offenen, frischen Gesicht, das in der schönen Regelmäßigkeit seiner Züge beim ersten Anblick für sich einnemen mußte. Der saubere graue Anzug, der sich eng und gutsizend um die hochgewachsene, kraftvolle Gestalt legte, machte das ganze Aeußere des jungen Mannes zu einem überaus angenehm in die Augen fallenden, zu einer Erscheinung, die wesentlich von der aller übrigen jungen Burschen, die sich im Sale hin und her bewegten, abstach. Ter, von dem wir reden, mußte hinsichtlich diesen anderen, die im Tanze an ihm vorüberflogen, eine änliche, ihn gleich sehr beschäftigende Wahrnemung gemacht haben; denn seine Blicke hafteten unausgesezt auf einem Paare, mit fast erregtem Ausdruck seines Gesichts folgte er der Linie, die dasselbe durch den Saal zog, und sobald es dicht an ihm vorbeikam, bog er sich weit in seinen Stuhl zurück; war es aus unwillkürlicher, seltsamer Scheu, oder weil er jemand von beiden tiefer ins Antliz zu sehen strebte?— Und es war allerdings etwas an diesem Pare, was die be- sondere Aufmerksamkeit, die der junge Mann ihm zuwendete, er- klärlich scheinen ließ, an deni Mädchen zum niindesten, das in seiner durchaus von der aller anderen verschiedenen, inmitten dieser fast elegant scheinenden Kleidung— ein lichtblaues, über der Brust mit feinen weiße» Spizen beseztes Kleid, mit hellen Säumen, durchaus nach modernem Schnitt— hier wie ein vor- nemes Fräulein aus der Stadt zwischen den einfachen Dorfdirnen erschien. Auch der Ausdruck ihres Gesichts und ihrer Augen unterschied sich nicht minder charakteristisch von diesen. Und doch war sie eine aus dem Dorf wie die anderen, Helene Hegmar, die älteste Tochter des Traubenwirths. Man mußte freilich wissen, daß es noch nicht zwei volle Jahre her waren, seit sie aus der französischen Hauptstadt, wohin sie ge- kommen, als sie kaum die Schwelle des Jungsrauenalters be- ichritten, wieder in die bäuerliche Einsamkeit ihres Heimatdorfes zurückgekehrt war, man mußte das wissen, um die vornemere Art ihrer Erscheinung im Kreise der schlichten Landbewohner zu zu verliehen und sie nicht etwa für ein eitles, puzsüchtiges Ge- schöpf zu halten, das, bei völligem Mangel anderer sie von ihnen auszeichnenden Eigenschaften, nur danach bestrebt gewesen wäre, lediglich durch äußeren Prunk vor den übrigen Dorfschönen sich hervorzutun und ihnen den Rang abzulausen. Freilich aber war sie innerlich und äußerlich eine andere, eine ganz andere, als alle, 25 die da um sie herumsaßen oder sich mit und neben ihr im Tanze drehten. War' es wirklich gewesen, daß dies der junge Dorfschmied, der so ruhig für sich allein im Hintergrunde des Sales saß und seine Augen fort und fort hinter dem schlanken Mädchen hatte hergleiten lassen— war es wirklich, daß er dies im ersten Blick, mit dem er ihre schöne, reizvolle Gestalt umschlossen, voll erfaßt nnd in tiefster Seele empfunden, mit klarem Bewußtsein sich die unsagbare Anmut dieser Erscheinung gestanden? Zu einem Entschluß wenigstens war er durch sie gekommen. Denn kaum, daß die Bläser und Streicher zum zweitenmal begannen, erhob er sich schon, er hatte sich vorher noch einmal durch das dunkle, volle Haar gestrichen und mit einem kräftigen Zug sein Glas geleert, ging nach der Bank, wo Helene Hegmar mit anderen Mädchen saß, und forderte sie mit einer geschickten Verbeugung zum Tanz. Schon wie er ans sie zugeschritten, hatte sich ein Geflüster und ein lebhaftes Bewegen in der Nachbarschaft derselben erhoben, nnd der junge Ichmied hatte ganz deutlich gefült, wie ihm unter diesem Eindruck das Blut in Stirn und Wangen stieg und wie er wirklich einen Augenblick zögerte, ob er nicht lieber von seiner Absicht lassen und die Schritte rückwärts lenken sollte. Aber nun stand er doch vor ihr, und seine Blicke gingen bang fragend, ängstlich schier über ihr zartes, schönes Gesicht, und er errötete immer mehr, wie sie unschlüssig schwankend und das Haupt bald zur Rechten, bald zur Linken zu den leise nnd un- aufhörlich in sie hineinredenden Nachbarinnen geneigt, sich nicht anschickte, seiner Aufforderung zum Tanze Folge zu leisten, die ersten Takte des Walzers waren schon verklungen, sekundenlang noch stand er in ratloser Verlegenheit, dann fiel es ihn an wie ein Zittern an allen Gliedern, und er wußte nicht, ob er gewankt hatte, als er von dem schönen, reizenden Mädchen zurückgetreten, Ein HanS in Bewegung KAWKWSAW rnw* Helene Hegmar und ein junger, schöngewachsener Mann waren unter diesen, und die brennenden Augen des Schmieds konnten ! sie nicht verfelen. Glutheiß stieg es ihm wieder in den Kopf, er reckte sich ein parmal auf seinem Size, als ob er sich er- I heben wollte,— er stand jezt auch wirklich auf und verließ, nachdem er durch eine ungestüme Bewegung die offene Weinflasche vor ihm ans dem Tische mit dem geringen Rest, deu sie noch barg, unigeworsen, hinter den Reihen der Tanzenden fort, in raschen Schritten den Sal. In der Torfgasse spielte noch Zwielicht. Der Schmied, der durch sie hinging, schritt jezt langsam, gesenkten Hauptes, wie in Gedanken versunken; aber wer ihm tiefer in das Antliz sah, hätte seine Augen funkeln sehen, so heftig, so heißen Blicks, als ob er voll innerer Unruhe etwas vor sich auf der Straße, das er verloren, zu finden suchte. „Heda, Meister Barthold!" rief ihn da einer an, der vom Ein- gang des Dorfes her— auf der Seite, wo die hohen Berge sich allmälich zu einem dunklen Wall emportürmten— die Straße heraufkam.„Hat euch schon der Rangen*), daß ihr schreitet, als sumt's im Kopf?" *) Rangen, ein hcnrigcr obcrelsässischcr Wein. Es war ein ungewönlich starNnochig gebauter, älterer Mann, der mit trästiger, munterer Stimme sprach. Schier tonte man meinen, dah der schwere Wein, von dem er redete, ihm bereits selbst etwas angetan. Wie er dicht an den Schmied herangekom- wen, streckte er ihm mit unverkenbarer Herzlichkeit die Rechte ent- gegen, für aber eben so verwundert wieder zurück, als dieser, nachdem er nachlässig in die leztere eingeschlagen und one mehr als euren flüchtigen Gruß gesprochen zu haben, sich gleich lang- samen Schrittes nun erst zum Weitergehen anschickte. „Der Rangen— oder's Heimweh!"— fließ jener lebhafter heraus, indem er ihn aufzuhalten suchte.„Poz Bliz. Meister, euch fließt kräftig Blut, gegen beides gibt's Nüttel! Wider den Rangen, noch einen derberen d'rauf,— und wider's Heimweh? Bielleicht tut's noch ein halber mehr!" „Geht, Holzbaner, und laßt mich!" sagte der Schmied mit erzwungener Freundlichkeit, wie ihn der andere wieder fester an der Hand zu fassen bemut war.„Geht! es hat guten Rangen und Sipolzheimer und eig'nen drunten im Kreuz und-- Geht, und laßt mich!" Er riß sich dabei mit Gewalt von dem Manne los, der Wärend der lezten Worte selbst feinen Arm zu umklammern be- gönnen hatte, um ihn mit sich fortzuziehen, und es jezt nicht hindern konnte, daß er in offenbarer Erregtheit von ihm Hinwege schritt. „Da bat's was gegeben!" brumte er noch halb scherzhasi, halb mißvergnügt in sich hinein, indem er jenem erst kurze Zeit nachsah und sich dann in der Richtung auf die Schenke zu. aus der der Schmied gekommen, ebenfalls zum Gehen wantc. 0" dunklen Umrissen war die große breitschultrige Gestalt»och eine Weile in der dämmerdunklen Dorsgasse zu sehen, und sein schwerer, fester Gang weckte einsamen Widerhall in der Stille ringsum! dann bog er weiter unten etwas seitab und trat in den große» Torweg, der in den Hof des Gasthauses führte, ein. (9«Rfrjiing foiglj Karl Friedrich Schinkel. (Schluß.) In dieser Zeit der allgemeinen vaterländischen Erhebung be- gnügte sich jedoch Schinkel nicht, feinen Anteil daran kund zu tun, lnd�m er als Künstler und zwar als Maler und Architekt die Taten und Bestrebungen seiner Landsleute feierte und anspornte, er rüstete einen Freiwilligen aus und ließ sich mit den berliner Landwehrleuten selbst einexerziren. Und als dann die Nachrichten von> Brand von Moskau und von der Vernichtung des Korjen bei Leipzig em.rafcn, entstanden wiederum eine ganze Anzal Entivurie zu Brunnen, welche dem Gedächtnis dieser Ereignipe geweiht werden follien. Als größtes Denkmal wollte er aber den Siegen feines Volkes einen Dom errichten, der jedoch nicht zur Ansjurung gelangte, trozdem er sich mit verschiedenen Ein- gaben an den Äönig niante, in denen er sich leider vergebliche Muhe gab, nachzuweisen, daß nichts mehr imstande sei, im Volke die E>ii>»erung an hervorragende historische Ereignisse zn festigen und lebendig zu erhallen als große monumentale Kunitwerle.— stteben aUedem entwarf und vollendete er noch viele Landschaften für Private bis zum Jarc 18 ö, wo er zum Geheimen Ober- baurat ernant wurde und um welche Zeit nun feine ruhmvolle Tätigkeit als Architekt eigentlich begann. Von 1816 datirt der Entwurf des neuen Wachtgebäudes unter den innde», das 1818 vollendet wurde. Der schöne, im griechisch- dorischen Stil ausgesürte, aber ganz seiner Bestimmung ange- paßte Bau ist wol jedem bekant, der Berlin gesehen hat. Wärend- diin ward aber zugleich seine Kraft insofern in Anspruch ge- nommen, als ihm verschiedene Austräge erteilt wurden, Entwürfe zu Ziinmereinrichlungen für die königlichen Prinzen zu liesern, und er zeichnete zu diejem Zweck selbst die Muster zu den Möbel- susten. Damit aber die iarbeiten ganz im Sinne seiner Ent- würfe ausfielen, ging er sogar so weit, den Arbeitern die Proben der g,wün,chten Farbenmischungen auf Papier eigenhändig her- zustellen. Eine Reife, die er um diese Zeit nach dem Rhein, Holland und Belgien unternam, hinterließ ihm neue Eindrücke. Vornemlich tat dies die prächtige boisieröe'sche Gemäldesamlung altniederländischer und altdeutscher Meister, die damals in Heidel- berg ausgestellt war. Vergeblich bemüte er sich, die maßgebenden Kreise zu Berlin zum Ankauf dieses Schazes zu bewegen, welcher 18ü7 von Llidwig 1. von Bayern für 120000 Taler erworben wurde und den man später der Pinakothek zu München ein- verleibt hat. Tie beste Gelegenheit, fein Genie zu bekunden, ward Schinkel, als 1817 das Schauspielhaus zu Berlin durch Feuer zerstört wurde. Welche Schwierigkeiten er aber zu überwinden hatte, das erkciil wol selten derjenige, welcher vor diesem herlichen Bau bewundernd sieht, in dem in so herlicher Weise die klassischen Forinen helleniicher Kunst in sverjüngter, der Neuzeit entsprechender Weise verkörpert find. Zunächst durften die alten Mguern nicht abgebrochen werden, sondeni mußten mit zur Verwendung koinmen. War- das schon eine starke Forderung an ein Genie, das die alten Fesseln geiprengt und sich berufen glaubt, neue Formen zu finden, so wurde deren Stärke noch erhöht durch die Aufgabe, innerhalb dieser Räume das Teater nebst Zubehör, einen Konzert- und eine» Festsal, Magazine und dgl. unterzu- biingen. So sind denn auch manche Mängel im Innern lediglich deshalb entstanden, weil der Künstler sich de» von der Inten- dantur gemachten Borschriften fügen mußte. Eine vortrcstliche Untcrslüzung fand Schinkel in den Bild- Hauern Friedrich Tieck, Rauch und Raihgeber aus Gotha, welche drei sich in die Herstellung der Skulpturen teilten. Die Malereien wurden ausgefürt von den beiden damaligen größten Malern Berlins, von Wach und Wilhelm Schadow, sowie von dem Blumen- maler Pros. Böller. Allgemein werden namentlich die Dekora- tionen des Konzerlsales als ein Meisterwerk gerühmt. Mit der Grundsteinlegung zum. Schauspielhause, die 1818 erfolgte, ward auch zugleich diejenige vorgenommen zu dem Denk- mal an die Ereignisse von 1813 auf dem Kreuzberge. Die gotischen Formen, welche das leztere zeigt, sind nicht der Ausfluß einer Idee Schinkels. Dieser halte den Plan, ein Denkmal im Stil der Renaissance zu errichten, ward aber vom Könige bestirnt, die Gotik zu wälen. Auch hier wirkten Tieck, Rauch und W ch- mann mit. Im Jare 1819 wurde unser Meister dann Mitglied der tech- nischen Deputation im Ministerium für Handel, Gen'erbe und Bauwesen und 1820 Professor bei der Akademie der Künste und Mitglied des akademischen Senats. Von den vielen um diese Zeit entstandenen Plänen sind zu nennen der der schönen Schloß- brücke, welcher durch Herstellung der dieselbe schmückenden Figuren erst nach seinem Tode ganz verwirklicht wurde, dann viele Ent- würfe zu dem immer noch nicht aufgegebenen Dombau, Denkmal- entwürfe für den bei Saalfeld gefallenen Prinzen Ferdinand, für Scharnhorst und zu einem Lutherdenkmal zu Wittenberg. Bei seinen eminent künstlerischen Produktionen vergaß er aber nie, daß er als Künstler für das Volk zu schaffen und deshalb auch nach Kräften beizutragen habe, den Gegenständen des täglichen Gebrauchs gleichfalls künstlerische Gestaltung zu geben. Abgesehen davon, daß sich zu dem schon Gfagten noch unendlich viele Bei- spiele anfüren ließen, wie er Entwürfe zu Möbeln, Tapeten und sonstigen kunstgewerblichen Arbeiten lieferte, ist es nament- lich auch seine Beteiligung an der Herausgabe des Werkes „Borbilder für Fabrikanten und Handwerker", die von der tech nischen Deputation für Gewerbe erfolgte, welche dieses schöne Bestreben bekundet. Hierzu lieferte er die Tafeln, welche Gebälk und Emdcckung der antiken Säulenordnungen enthalten, eine ganze Anzal schöner Gefäße, als Pokale, Schalen, Gefäße aus Glas, Btldcrramen, Muster zu gewebten Stoffen, Kandelaber und dgl. Zu gedenken ist aber auch noch einer Anzal von Ent- würfen zu Gefäßen, die sich heute noch im Schinkelniufeum z» Berlin befinden und die teils kirchlichen, teils profanen Zwecken zn dienen bestirnt waren. Dan» übte er großen Einfluß aus auf die Ausbildung des plastischen Ornaments aus gebrantem To», das ja heute in der berliner Architektur eine so große Rolle spielt. Ebenso förderte er den Eisen- und Zinkgnß und lieferte Entwürfe, die in diesen Metallen hergestellt wurden; besonders unterftüzt und gefördert wurde er hierin von einigen tüchtige» Gewerbtreibenden. Dazu gesi.'len sich dann noch neben de» Eiitwürfen, die er für Handwerker gelegentlich der Ausschmückung der prinzlichcn Wonungen liesern mußte, solche, welche er unmittelbar für den Tischler, den Tapezirer, Maler:c. her herstellte. Und welche Geduld er dabei entwickelt und welche Mühe er sich gegeben, um mit den ungeschulten Handwerkern Geschmack- volles zu leishu, beweist der Umstand, daß er selbst Schablonen anfertigte, nach denen die Tischler die Profile zu formen hatten, und daß er, wie oben schon in dem Beispiel mit den Farben- proben gezeigt wurde, sich auch sonst die größte Mühe gab, die von ihm gelieferten Entwürfe seinen Anforderungen entsprechend durchzufüren. Wir meinen, daß er sich gerade in diesen seinen Bestrebungen, das Kunsthandwerk ju heben, als ein echter und rechter Künstler zeigt, der bei allem Idealismus doch seine Aufgabe darm siet, dem Leben zu nüzen. Tesbalb ist den» auch iein Einfluß auf die berliner Kunstindustrie ein eminenter geivesm und ist es noch bis auf den heutigen Tag. Für Wtlhelm v. Humboldt, mit dem er unterdessen bekant ge- worden, baute er von 1822—24 das Schloß zu Tegel; 1823 aber ward der Plan zu seiner schönsten der zur Ausfürung gelangten Schöpfungen, dem berliner Museum bekant. Hier zeigt wol schon die Wahl des Plazes das malerische Empfinden Schinkels. In der Nähe sonst schöner Gebäude gelegen und aufgefürt ans einem Plaze, wo damals nur unscheinbare Häuser standen, bildet es eine» großartig wirkungsvoll?fi Abschluß dieses Komplexes Herr- lichcr Monumentalbauten. Seine mächtige, von 18 jonischen Säulen gebildete Halle mit der wirkungsvollen Eingangstreppe, die sich in der Mitte erhebende Kuppel, bekrönt von den Dios- kuren, als Lichtbringem, die nach Modelleu von Friedrich Tieck in Eisen gegossen sind— dies alles in den edelsten Formen dar- gestellt macht nicht nur c.uen großartigen und imposanten, son- dern auch einen heiter-schönen Eindruck. So auch im Innern die Rotunde wie der darauf folgende Raum. Die architektonischen Details dieses großartigen Gebäudes sind im Innern und Aeußern bis auf die Säulcnkapitäle von Schinkel ersundcn und entworfen, ja seine Gewissenhaftigkeit ging sogar so weit, daß er selbst die Medaillons in den Kassetten der Decke, welche vom Maler aus- gesürt wurden und an denen sich keine Darstellung wiederholt, seinen eigenen Angaben gemäß nach antiken geschnizten Steinen herstellen ließ. Vor allem aber zeigte er seinen feinen künstleri- scheu Sinn im strengen Maßhalten, indem er die Dekorations- walerei nicht derart dominircn ließ, daß die aufgestellten Kunst- werke an Eindruck verlieren und daß ihm die Zweckmäßigkeit neben der Schönheit das wichtigste Prinzip war, welches er inso- fern weise walten ließ, als er nicht große Prunksäle, sondern Räume schuf, die, hell beleuchtet, nur so groß sind, um one An- strengung der Augen die Kunstgegenstände gut sehen zu können. Von großartiger Schönheit sind auch seine Entwürfe zu den Wandmalereien in der Säulenhalle. Sie sind 1832 und 1833 entstanden und stellen niit freier Bcnüzung von antiken Figuren die Bildungsgeschichte der Welt oder noch mehr die des Men- schengeschlechts dar. So führt uns der Entwurf für die Schmal- feite links vom Eingang den Urzustand der Welt, der der großen Hauptwand den Menschen in seinen so vielen und reichen Be- Ziehungen im Leben und endlich der für die Schmalseite rechts Bestimmte den Tot vor. Die Malereien wurden von Cornelius »l fiesco ausgefürt, aber leider nicht nach den anmutigen Ent- würfen Schinkels. Borher hatte er aber in Gemeinschaft mit mehreren Freunden wiederum eine Reise an den Rhein und Italien unternommen, um seine sehr angegriffene Gesundheit herzustellen. Nach der Rückkehr aus dem Süden fällt die Erbauung der Werderschen Kirche und in seinen wenigen Mußestunden die Entstehung eines seiner schönsten, wenn nicht des schönsten seiner Oelgemälde, zu dem er durch südliche Natur und Kunst angeregt wurde. Es ist eine Landschaft, die eine Stadt Alt-Griechenlands. mit einen, im Bau begriffenen Tempel, Mausoleum, Markt mit Tempeln und Dealer und sonst geschäftiges Leben im Hafen und in den Straßen Zeigt. Außerdem ward er gebeten, sein Gutachten über verschie- dene Entwürfe zu einem Hamburger Stadtteater abzugeben, welchem Wunsch er dadurch nachkam, daß er aus dem besten sämtlicher Entwürfe einen Plan herstellte, nach dem dann auch der Bau zur Aussürung gelangte. Neben vielen anderen erhielt er dann auch 1823 den Austrag zur Erbauung der Nikolaikirche zu Potsdam, des einzigen Kirchenbaus, den ihm das zur Verfügung stehende Geld annähernd nach seinem Geschmack auszufüren Erlaubte. Sonst hatte er mit seinen Entwürfen zu Kirchen entschieden Pech. Ent- weder es fehlten die'Mittel— was zu allermeist der Fall war—, oder er mußte auf höheren Befehl eine Normalkirche entwerfen. die für de» ganzen preußischen Staat adoptirt wurde und die so wenig in ihren architektonischen Formen und in ihrer ganzen Anlage von seinem künstlerischen Gefühl zeugte, daß die Ver- knüpfung seines Namens damit von seinen Biographen allgemein bedauert wird. Die Kuppel der'Nikolaikirche zu Potsdam wurde jedoch erst nach seinem Tode von einem späteren Meister, von Persius, dem Baue aufgesezt. Anfangs der zwanziger Jare hatte er bereits einen Entwurf zu einem Denkmal Friedrich d. Gr. vollendet, nach dem der Be- gründer der preußischen Herrsch ist in Deutschland„der znsäiligen, der Kunst wenig günst gen Erscheinung, welche ihm in seinem Leben eigen g�'uesen,"*) entkleidet und mit alleiniger Beibehal- tung seiner Gesichtszüge in erhabener Würde und im übrgen als Grieche aus einer reich geformten Quadriga stehend verewigt werde» s' lte. Gerechtigkeit und Siegesruhm, in zwei Gestatten symbolisch dargestellt, folgen dem Viergespann, das nevst der ganzen Gruppe aus vergoldeter Bronze gedacht ist und auf einem von kräftigen, freistehenden Pfeilern getragenen Unterbau steht. Zu dem Unterbau führen verschiedene Stufen, an den Ecken stehen vier reich geschmückte Kandelaber und an den vor- deren Seiten der Pfeiler sind die Taten Friedrichs in Krieg und Frieden in Relief dargestellt. Von den 6 Enttvürfen, die Schinkel Ende der zwanziger Jare zu demselben Zweck anfertigte, waren 4 in ähnlicher Weise ausgeführt, 2 stellten eine Ehrensäule nach der des Trajan und einen Obelisken dar, lezterer von einer Vik- toria bekrönt, mit der Reiterstatue vor dem Sockel. Recht sonderbar ist es, den Preußenkönig in der klassisch-griechi- schen Form der Nachwelt aufbewahren zu wollen. Man denke sich nur einen Monarchen, der die französische Literatur in übertriebener Weise liebt�md so weit als möglich pflegt, und man denke ferner daran, daß sein noch größerer Zeitgenosse Lessing in seiner Dra- maturgie den unumstößlichen Beweis erbrachte, daß die vergöt- terten französischen Ltteratoren die alten Griechen gar nicht ver- standen hatten— man kann dann noch ganz vergessen, daß der- selbe Mann seine Schlachten nicht mit Speerwerfen, sondern ver- mittels der von der Neuzeit hervorgebrachten Feuerschlünde ge- wann— und er dürste in der Gestalt eines Griechen, den antiken Streitwagen lenkend, doch einen etwas sonderbaren Eindruck her- vorbringen. Wenn daher ein so bedeutender Künstler wie Schinkel die Rücksicht auf historische Wahrheit, die doch in einem solchen Falle unbedingt walten muß, fallen ließ, so hat dies eben seinen Grund in der großen Liebe zu der Antike, die in jener Zeit des Zopfes und der allgemeinen Versumpfung als die einzige Ret- tung betrachtet wurde und zu der sich alle die flüchteten, welche bestrebt waren, sich und ihre Zeitgenossen zu einer schöneren Kultur emporzuheben. Schinkel mit seiner idealen Natur hatte in der Jugend sich an den Schäzen hellenischer Kunst gelabt und Kraft daraus zum eigenen künstlerischen Schaffen gesogen, so daß er jezt auf der Höhe seines künstlerischen Ruhms noch in der schönen Form der Griechen die höchste Vollendung sand. Wollte er doch selbst die Gotik mit den klassischen Gebilden antiker Architektur verbinden und zu einem Ganzen gestalten, was ebenso wenig möglich ist wie die Erzeugung einer Uebereinstimmung der grie- chischen mit der christlichen Religion. Seine Nachfolger, wir nennen nur Semper, dürften glücklicher gewesen sein, indem sie bei aller großen Verehrung der Antike doch vor allem als das wichtigste hinstellten, daß mir andere Menschen sind, andere Ver- Hältnisse und Bedürfnisse haben, die eben Berücksichtigung und Ausdruck in der Architektur verlangen. 183 l entstanden die Entwürfe zur Bauakademie, welch s Ge- bäude darum von Wichtigkeit ist, weil Schinkel damit den neueren Architekten ein Vorbild gegeben, in welcher Weise sich das vor- nemlich im Norden vorkommende Baumaterial, der Backstein, architektonisch verwenden läßt. Wenn man jezt das neuere Berlin ansieht mit seiner hübschen Anzal recht geschmackvoll in Backstein ansgefürter und mit plastischen Thonornamenten verzierter Ge- bäude, so bemerkt man erst, was unser Künstler mit seiner Bau- schule angebaut. Um dieselbe Zeit entstand die Villa Charlottenhof und die Dresdner Schloßwache. 1834 entwarf er den Plan zu einem Königschlosse zu Athen und 1838 den großartigsten Entwurf zu dem Schloß Orianda in der Krim für die Kaiserin von Rußland. Beide kamen nicht zur Ausfürung. Endlich ging er mit dem Plan um, ein großes architektonisches Lehrbuch herauszugeben. Es war auf hundertfünfzig Platten berechnet, wovon zwanzig *) Siehe in Gustav Friedlich Waagens„Kleine Schriften/' Schinkel als Mensch und Künstler. Unter den vielen Biographien, die über Schin'cl erschieneil sind, ist dann noch bejonders hervorzuheben d,e von Alfred Freiherr von Wolzogen. 28 fertig und sechs in Arbeit waren, als seine Tätigkeit durch Krank- heit unterbrochen wurde. Er hatte die höchsten Stufen erstiegen, die in Preußen ein Architekt einnemen kann, als er 1839 zum Oberlandes-Baudircktor — seit 1831 war er Ober-Baudircktvr— ernant wurde. Aber lange sollte er nicht im Bollgcuuß dieser Stellung bleiben. Seit mehreren Jarcn hatten sich schon bedenkliche Symptome gezeigt, die Kuren, die er in diesem Jare in Marienbad und Kissingen untcrnain, waren nicht im Stande, den Berlanf der Krankheit aufzuhalten. 1840 ging er liach Mceran zur Molkenkur und um sich in dem milden Klima„im Genüsse der schönen Natur Gc- sundheit und Kraft wieder zu holen." Er war heiter dort, kehrte aber am 7. September crinattet und über Kopfweh klagend von der Reise zurück. Sein Zustand ward schlimmer, es stellte sich eine Störung des Gcfülssinns ein, aber am 8. September war er noch verschiedentlich beschäftigt und machte sogar dem Teaterinspcktor Karl Gropius, als er ihn auf einem Spaziergang im Tiergarten traf, den Borschlag, ein großes Panorama von 90 Fuß Durchmesser aufzustellen, auf dem die Hauptdenkmale Asiens, Egyptens, Griechenlands, Roms und Deutschlands im Mittelalter mit cnt- sprechender Naturumgcbung dargestellt wären, wozu er bereit- willigst Hilfe versprach. Er dachte nicht daran, daß er kurze Zeit darauf selbst hilflos wie ein Kind daliegen würde. Am Abend desselben Tages nam die Verdunkelung des einen Auges zu, am 9. war sein Zustand noch bedenklicher und am selben Tage ßel er infolge eines Aderlasses in Onmacht und kam in den 13 Monaten seines Krankenlagers nicht mehr ganz zur Bc- sinnung, bis nach den unsäglichsten Schmerzen am�9. Oktober 1841 der Tod ihn von seinem Leiden erlöste. Wenn man die riesige Arbeitslast betrachtet, die Schinkel zu bewältigen hatte, so mint es nicht Wunder, daß seine Kraft so plözlich zusammenbrach. So mußte er in seiner Eigenschaft als Geh. Oberbaurat die Pläne zu sämtlichen Landbauten Preußens von einigem Belang, f rner die, zu denen der Staat Zuschuß ge- wärte, bearbeiten, jeden Baukandidateu in einigen Fächern prüfen, dazu kommen die großen Bauten, die er selbst leitete, dann die Zimmcrciurichtungen für die Prinzen, Pläne zu Kirchen und Palästen, seine Verhandlungen mit den Handwerkern— wenn man diese umfangreiche Tätigkeit betrachtet, so fragt man sich erstaunt, wie er noch Zeit zu seiner Tätigkeit als Maler, zum Besuch der Konzerte und der Opern von Gluck, Mozart und Beethoven, deren Musik er sehr liebte, und zum Verkehr mit seiner Familie finden konte. Und leztere liebte er so sehr, daß er sie stets auf seinen Inspektionsreisen mitnam, die er in seiner amt- lichen Eigenschaft järlich unternemen mußte. Man kann es dieser dann wol auch nicht verargen, wenn sie ihn, um ihn nach des Tages Mühen in ihrem Kreis zu behalten, hie und da durch eine kleine List zurückhielt, wenn er in die Hofkreise gezogen werden sollte, um dort gelegentlich der Anwesenheit fremder Gäste gewissermaßen der Gesellschaft den Nimbus der Kunstliebe zu verleihen. Daß die Liebe zur Kunst bei den fürstlichen Mäcenaten nicht immer waschecht ist, hat auch Schinkel erfaren müssen, denn schon der Umstand, daß überall bei seinen großen Bauten geknausert wurde—„Ich werde ihm einen Zaum anlegen", äußerte sich einst Friedrich Wilhelm ll>.— und daß die schönsten seiner Eni- würfe nie zur Ausfürung gelangten, beweist dies zurgenüge. So darf es denn auch nicht überraschen, wenn man es für selbst- verständlich hielt, daß er seinen Rat und seine Tat zur Ver- fügung stellte und zwar nicht allein am preußischen Hofe.� Erst »ach längerer Zeit gerate man z. B. huldvollst, ihm Zst gestatten, eine Rechnung in Petcrsbu»g für die Pläne zu Schloß Orianda einzureichen, und ein andermal,«ls er für jeniand vom peters- burger Hofe einen andern Entwurf geliefert, fand man sich seitens seiner Auftraggeber mit nichts weniger als einem fürstlichen Ge- schenk ab. Aber die Herzensgüte und Selbstverleugnung des Meisters half ihm über dergleichen hinweg, so daß sein riesiger Arbeitssteiß nie erlahnite und er selbst des Abends den traulichen Familienteetisch verließ, um sich wieder an die Arbeit zu sezen. Das beste Zeugnis für seinen Fleiß sind wol schon die vielen Zeichnungen, die sich in seinem Nachlaß vorfanden und die weit über 3000 zälen. Sie wurden für 30 000 Taler angckaust und im„Schinkelmuseum" in der Bauakademie vereinigt. Durch diesen Ertrag war es der Familie des Meisters, der troz seiner einfachen Lebensweise ein ganz unbedeutendes Vermögen hinter- ließ, vergönt, sorgenfrei zu leben. Man hat auch Schinkel den Vorwurf der Irreligiosität ge- macht, aber wenn man seine hohe Gerechtigkcitsliebe, die er stets andern und ihren Leistungen gegenüber walten ließ, wenn man andererseits seinen Haß gegen Dünkel und Gemeinheit, gegen jne Unwarheit, Oberflächlichkeit und holes Ausblähen in Be- tracht ziet, so dürfte diese„Irreligiosität" ihm nur zur Ehre ge- reichen. Besser als alles andere beweist der von ihm niederge- schriebene, für sein praktisches Tun als Richtschnur dienende Saz, der allen zur Beherzigung dienen mag, nach welchen Grundsäzen er gelebt:„Ter Mensch bilde sich in allem schön, damit jede von ihm ausgehende Handlung durch und durch in Motiven und Ausfürung schön werde". Das klingt allerdings wenig religiös, und die praktische Bcherzigung dieses Satzes dürfte aber doch den Menschen über allen religiösen Konfessionalismus erheben. Fr. Nauert. Alt Kavton AMMll, seine beniaffnete landsgemeinde und seine hiftnnsllie enwicklung. Kulturgeschichtliche Skizze von Hart Stichter. Unter den durch lokale Eigentümlichkeiten bevorzugten Kan- tonen der Schweiz rangirt der Kanton Appenzell, das„Appen- zcller Ländli" genant, durchaus nicht znlezt. Wer gigantische Felsmassen und Firnfelder bewundern, wer vorzugsweise herliche Alpmatten, anmutige Gebirgstäler, Sennhütten und ein gutmü- tiges, gesangslustiges Hirtenvolk besuchen und- kennen lernen, und nach billig verlebten Wandertagen frohe und angeneme Erin- nerungen mit heimnemen will, der wandere ins„Appenzeller Ländli" und pflücke auf den saftig grünen Matte» in reiner Bergluft die herlichcn Alpenrösli und lausche den Jodlern und Jauchzern der munteren Sennen und neckischen Gaisbuben. Sennerinnen gibt es im Appenzell nicht, denn Alpenwirtschaft und die damit verbundene Viehzucht wird nur von Männern bc- trieben, dagegen sind die appenzeller Maidli als Stickerinnen be- kant und ihres wolgcübten, mehrstimmigen Gesanges wegen sogar gewissermaßen berühmt. Die feinsten und elegantesten Stickereien, die von den Handlungshänscrn St. Gallens weithin in alle Welt versaut werden, werden im Kanton Appenzell, bezw. in dessen Kantonshälste Jnncr-Rhoden erzeugt. Ter Kanton Appenzell, dessen 21,6 Quadratkilometer umfassendes Gebiet circa 61000 Einwoner aufweist und vom Kanton St. Gallen von allen Seiten umgeben ist, zerfällt in zwei Kantons- Hälften, die Appenzell Außcr-Rhoden und Appenzell Jnner-Rhoden genant werden. Die Verfassung beider Teile ist rein demokra- tisch, hat aber immerhin so manche merkwürdige, eigentümliche I Einrichtung aufzuweisen, die in den anderen Kantonen der Schweiz, ja vielleicht in der ganzen Welt nicht zum zweitenmale gesunden wird. i f. Der nur sehr wenig Ackerbau austveisende. fast ganz ans Ge- | birgsland bestehende Kanton Appenzell trat anno domini 1513 in den Bund der Eidgenossenschaft, trente sich aber in beide oben- genante Halsten infolge der Wirren und Kämpfe, die mit der Resormationsbcwegung in diesen Gegenden entstanden, in, I. 1597 Da- dichtbevölkerte protestantische Außer-Rhoden(7 Quadra- hlmneter, circa 48 700 E.nwoner) mit seiner...dustriclltätigen und unternemendcn Bevölkerung unterscheidet sich wesentlich von dem katolischen Inner Rhoden(14,6 Quadratkilometer, ca. 12000 Ein- * 1 ää is« ä berechtigten, die alljärlich am lezten Sontage im Monat April, im Hauptorte Jnner-Rhodens, im Dorfe Appenzell, abgehalten wird. Dieses ca. 3500 Einwoner zälcnde Dorf ist an diesem Tage gewönlich überfüllt und, wenn auch die angeneme Aussicht vom Klosterspiz, die delikaten Forellen oder die gemütlichen, freundlichen Kapuziner sonst manchen zum Verweilen anregen mögen, am lezten Sontage im April strömt alles zum Lands- gemeindeplaz, um dem feierlichen Aufzuge des zur Wal seiner Regierung sich bewaffnet versammelnden Volkes beizuwonen. Bei Tagesanbruch schon krachen die Böller und von den Kirchtürmen läuten die Glocken. Je mehr der Vormittag vorrückt, desto mehr Besucher, Fremde und Stimberechtigte, Ausländer und Schweizer aus anderen Kantonen erblickt man im Dorfe. Zalreiche Equi- Pagen und Furwerke aller Art finden sich aus dem Rheintal, von St. Gallen und anderen nahegelegenen Gegenden kommend, im Dorfe ein. Wenn zur Mittagszeit der Himmel regendrohend sich ver- finstert, regen die Vorfragen des beginnenden Festaktes schon im vorhinein die Menge auf, denn dann tritt die Frage, ob die Wal und die Abstimmung auf dem Landsgemeindeplaz unter freiem Himmel oder in der Kirche vorgenommen werden soll, in den Vordergrund. Daß zur Vorname von Abstimmungen, zur Ab- Haltung von Gesangsfesten und Walversamlungen, Vorträgen:c. die Kirchen der Schweiz vielfach in Anspruch genommen werden, dürfte mehr oder weniger bekant sein. Wenn nur irgendwie die Witterung es zuläßt, wird die Landsgemeinde unter freiem Him- mel abgehalten, selbst die feierliche Eidesleistung der Neugewälten findet in Gegenwart des versammelten Volkes unter freiem Him- mel statt. Ein anziehendes, malerisches Bild gewärt zur Mittags- zeit der Landsgcnieindeplaz, die nächsten Häuser sind bis hoch zu den Dachfirsten hinauf besczt, und das Volk von Jnner-Rhoden ist durch eine, einen weiten Kreis bildende, ca. 3000 Personen zälcnde Masse auf dem Plaze vertreten, dessen übriger äußerer Raum ca. 2000 weitere, fremde Zuschauer aufweist. Die mun- terc Schuljugend füllt die lange Zeit bis zum Beginn der ernsten Feier niit ihren Spähen aus, bis endlich die Glocken ertönen und mittags 12 Uhr die Klänge eines feierlichen Parademarsches der harrenden Menge das Nahen des sestlichen Zuges, das An- rücken der bewaffneten Stimbcrechtigten verkünden. Gewönlich erhält der Parademarsch durch die Energie und die mitunter etwas vehemente Tätigkeit des Paukenschlägers erst die rechte Würze, d. h. nach der Ansicht der biderben Versamlung. Eine kleine Abteilung Militär in den schmucken eidgenössischen Uni- formen, dann einige alte Hellcbardiere in der altnationalen Tracht des Landes eröffnen den feierlichen Aufzug. Endlich langt der Zug auf dem Plaze an und der regierende Landammann nimt nebst Kanzler und Wcibcl(alle drei in farbigen Amtsmänteln) den reservirten Plaz ein, dessen noch freien Ueberrcst die tit. Standeskonimission und die Väter der Kapuziner ausfüllen. Da jeder, dessen Stimme bei der Wal gelten soll, mit blanker Waffe erscheinen muß, stet man im weiten Kreise die verschiedensten « Säbel, Degen, großen Waidmesser:c.:c. Parademarsch und Glockengeläute(in Außer-Rhoden auch Glockeugesang) ist vcrstumt und der Landammann eröffnet in Mitte der lautlos harrenden Menge die Landsgemeinde mit längerer Rede. Mitunter passirts, daß der Landammann sich so weit ver- steigt, ein Bild von der gesamten Weltlage zu entrollen, wobei dann alles Wichtige und Bedeutende, was sich im Verlauf des kezten Jares zugetragen und vielleicht im Vaterlande oder in fernen Weltteilen die Gemüter erregte, dem versammelten Volke berichtet wird. Dann folgt gewönlich die selten längere Zeit in Anspruch nemende Berichterstattung über den Staatshaushalt, in der Regel mit der Schlußbemerkung, daß der Zustand desselben lm ganzen befriedigend sei und die Prüfung der Belege u. s. w. stattgefunden habe.. Der Landammann, der Wärend der Dauer eines �ares sein Amt verwaltet hat, hat jezt seine lezte Funktion erfüllt und leitet die Landsgemcinde nur noch bis zur Beeidigung seines Nach- folgers, oder bis eine vielleicht erfolgende Wiederwal seine Anits- Periode für die Tauer eines Jares erneuert. Es fängt jezt an zu regnen, die Zuschauer sowol, als die bewaffneten Wälcr cntsalten die mitunter recht umfangreichen und schwerfälligen Regenschinne und das souveräne Volk muß jezt de- fragt werden, ob die Abstimmung, das„Abiuchren" in der Kirche stattfinden soll oder nicht. Durch Händcerheben wird abgestimt und das Resultat stellt fest, daß die Mehrheit des Volkes durch- aus die Landsgemeiude unter freiem Himmel abhalten will. Die Wal des Landammanns erfolgt jezt und da nur zwei Kandidaten aufgestellt sind, versucht man es auch bei dieser Ab- stimmung mit dem Händeerheben. Laut erschallt die Aufforderung über den dichtgefüllten Plaz: „Wem's wolgefällt, daß N. N. gewält sei, hebe die Hand auf!" und im Nu ragen über den Köpfen der Menge die Hände auf. Es wird die Anzal der erhobenen Hände gezält und jezt erfolgt dasselbe Experiment betr. des anderen Kandidaten; wieder erheben sich zallose Hände und jezt wird die Sachlage durch entdeckte Irrtümer beim Zäleu etwas zweifelhaft; vergeblich sucht man „abzumehren", das Bureau erklärt schließlich, es sei keine an- dcre sichere Entscheidung möglich, als eine genaue Abzälung in der Kirche; und das Volk fügt sich diesem Bescheide. Mit Regenschirm und Waffe belastet, scheidet man sich, je nach der Partei- name für den einen oder anderen Amtsbewerber in zwei Gruppen und marschirt auf zwei verschiedenen W.'gen zur Kirche; nach ca. 1'/* Stunden wärender Abzälung gibt man d�m Volke kund, daß der alte Landammann mit unbedeutendem Mehr wiederge- wält sei, für die Dauer eines Jares. Ungefär 2500 Stimberechtigte haben an diesem Tage im Dorfe Appenzell an der Wal tcilgenominen und weitere Walen werden änlich der ersten vollzogen. Auf dem Landsgemeindeplaz unterhält man sich nach landcs- üblicher, hergebrachter Art märend den Pausen. Von den Häusern herunter wird Backiverk auf die Köpfe der sich kazbalgenden Gais- buben geworfen und Jubel und Gelächter begleitet diese seitwärts sich abspielenden Jntermezzis. Die Landsgemeinde faßt noch iveitere wichtigere Beschlüsse; im Jare 1880 z. B. Wiederein- fürung des Todesstrafe, erwägt und entscheidet über Steuervor- lagen und nimt die feierl che Eidesleistung der Geivälten ent- gegen. Ehe noch die zalreichen Traktanden erledigt sind, verläßt jedoch der größte Teil der fremden Gäste das an diesem Tage überfüllte Dorf. Die Gastwirte des Dorfes aber machen an solchem Tage selbst- verständlich das beste Geschäft, denn ihre Etablissements erfreuen sich eines außerordentlich zalreichen Besuches. Wärcnd Inner- Rhoden, wie schon erwänt, alljärlich im Dorfe Appenzell am lezten Sontage im April seine Landsgcmeinde abhält, wird die Landsgemeinde von Außer-Rhoden in den Jaren mit ungerader Jareszal zu Hundwyl, in den Jaren mit gerader Jareszal zu Trogen abgehalten. Die Landsgcmeinde von Appenzell-Außer-Rhodcn bewegt sich in folgendem Ramen:„Keine Diskussion. Vorschlagsrecht vom Kantonsrat oder ebenso viel(ca. 57) Bürgern. Wichtigere Finanz- beschlüsse sind vorzulegen. Steuern, Budget und Steuerfuß vom Kantonsrat festgesezt." Anders gestaltet ist das Statut der Landsgemcinde in Appen- zell-Jnncr-Rhodcn, es lautet: Vorschläge an die Landsgemeinde, die jeder Stimmberechtigte machen kann, müssen dem Großen Rate mitgeteilt werden. Trügt dieser selbige nicht vor, so kann der Jnitiand(der Vorschlagende) solche direkt vortragen. Steuern bestimt der Große Rat; er entscheidet auch über den Stcucrfuß. In Außer-Rhoden wält das Volk wärend der Landsgemeinde: „Regicrungsrat, Landammann, Obergcricht und Präsident, Landes- iveibel und Bezirksrichter", Wärend Kriminalgcricht, Bezirksge- richtspräsidenten und andere Beamten vom Kantonsrate gewält werden. Hier gilt die Annamcpflicht auch für die Kriminalgerichte! In Jnner-Rhoden wält das bewaffnete Volk in der Lands- gemeinde: Standeskommission, Kantonsgericht, Landschreiber und Weibel. Auch hier ist Annamepflicht eingefürt! So interessant das„Appcnzeller-Ländli" noch in der Jeztzeit nicht blos durch seine lokalen Vorzüge, sondern auch durch seine politischen Einrichtungen ist, so ereignisreich ist auch seine Ge- schichte. Wenn heute noch das Volk in Wehr und Waffen zur Wal und Abstimmung erscheint, erinnert es sich auch gleichzeitig, daß seine Vorfaren ehemals mit den Waffen in der Faust ihre politischen Rechte wahrten und manchen ruhmreichen Kampf glück- (ich und ehrenvoll der Uebermacht gegenüber bestanden. Die Acbte von St. Gallen hatten das Land urbar machen lassen und dasselbe nach erfolgter Besiedelung in fünf Ländli und zwölf Rhoden(Steuerbezirke) eingeteilt. Hart und drückend war das Regiment der von den Aebten eingcseztcn Vögte; als nun im Jare 1377 die in der Gegend des Bodensees gelegenen schwäbischen Städte ein Schuz- und Truzbündnis wider den räu- berischen Adel bildeten, ließen sich die Bewoner des Ländchens mit den Bürgern der Stadt St. Gallen zu Ulm als Mitglieder des„Städtebundes um den See" aufnemen(22. Mai 1378). 30 Die Vertreter von Appenzell erhielten Siz und Stimme auf der Tagsazung zu Ulm. Cnno von Staufen, Abt von St. Gallen, klagte beim Kaiser und bewies urkundlich, daß Appenzell von jeher„denen Aebten von St. Gallen" gehört und„denen Aebten" alles zu verdanken habe; der schwäbische Städtebund ließ die Appenzeller im Stich und Abt Cnno riß Appenzell wieder an sich, sezte wieder Vögte ein und das alte, harte Regierungssystem begann von neuem. Allgemeine Unzufriedenheit und der Drang nach Unabhängig- keit bemächtigte sich der Gemüter und, als einst der Probst von Bußnang einen Bauer von zwei Edelleutcn festhalten ließ und denselben eigenhändig mishandelte, ertönte die Sturmglocke zu Gostau; mit genauer Not entkam der Probst, wärend die Burgen von Schwendi(Siz des Obervogtes) und Clanx in Flammen ausgingen.(1400.) (Fortiezung folgt.) Der Selbstmord und se-ne Vv'beugnng ist ein Artikel in der Nr. 41, 1881, der„Geiundheit, Zeitjctirist für öffentliche und private Hygieine", betitelt, in dem der erste städtische Arzt der Stadt Leipzig, Professor Dr. Reclam, seine reichen Ersaruugen auf dem Gebiete der Selbsttötung niederlegt. Aus meinen Auszeichnungen und Ersarungcn ergibt sich, sagt der um die Volksgejundl,eilspflege hochverdiente Ver- sasser, daß über 60 Prozent der Selbstmörder dem Kampf ums Dasein zum Opfer fallen. Mangel an Erwerb, große Verluste im Börsenspiel oder durch irgendwelche andere Umstände, mißliche Ver- Hältnisse aus eigner oder fremder Schuld, füren die Mehrzal in den Tod. Damit stet im Einklänge, daß die höheren Lebensalter den größten Beitrag liefern(bei Männern zwischen 50 und 60, bei Frauen über 70), also die Lebenszeit, in der der Erwerb und der Ausgleich von Vermögensverlusten am schwierigsten ist.!Etwa 10 Prozent stirbt aus Liebe, die Hälfte davon wegen unglücklicher, die andre Hälfte wegen glücklicher Liebe samt Folgen. Die von Fromnien vielgeschmäte Genußsucht" unsrer Zeit hat Reclam unter den Selbstmordursachen nicht entdeckt. Achtzig Prozent der Selbstmörder fand R.„schlecht genärt, mager, blutarm, mit bleichem, tiesgesurchtcn Antliz". Bedeut- sam erscheint Prof. Reclam ferner der Umstand, daß„der Grund des Todes" oft ein lächerlich geringfügiger ist—„eine augenblickliche Ver- stimmung, unbedeutender Acrger" u. s. w. Eine Haushälterin ertränkt sich, weil ihr Fliegenpapier sich unwirksam zeigt; ein Handarbeiter tut desgleichen, weil er beim Einkaufe von Stiefeln keine ihm passenden findet; ein Lohnkellner hängt sich wegen einer Differenz von zwei Bier- marken; ein Schüler vergiftet sich aus Langerweile; ein Kausmann tötet sich, toeil er sich fürchtet, seine Bücher abzuschließen, in der Einbildung, er sei bankrott, obgleich er in Warheit SO 000 Mark Vermögen hatte; ein Industrieller beget dieselbe Torheit, nur'daß sich bei ihm noch 200 000 Mark Ucberschuß der Aktiva über die Passiva herausstellten. Aus alledem folgert Reclam mit Recht, daß der Verstand des Selbst» Mörders unbedingt in sehr vielen Fällen tief erschüttert gewesen sein muß, daß hauptsächlich eine„normwidrige, gesteigerte Empfindlichkeit für Schmerz vorhanden gewesen sein muß, gleickiviel, ob nun diese norm- widrige Steigerung der Schmerzempfindlichkeit durch materielle Not oder andre Ursachen erzeugt worden ist. Die Selbstmörder erscheinen im allgemeinen— und wol mit vollem Recht— als Geisteskranke, besonders„Schwermütige". Die Selbstmörder litten meistenteils an Blutarmut zAnämie), die Melancholiker sind nachgewiesenermaßen auch säst immer anämisch. Das Gedächtnis erwies sich meist geschwächt; insonderheit konlen Gerettete fast nie genau angeben, was sie in den lezten Stunden vor der Tat getan. Auch diese— zeitweilige— Gedächtnisschwäche haben die Selbstmörder mit Jrsinnigen gemein. Auch der Umstand, daß der Selbstmord zuweilen im Momente großen Glückes, überraschender Erfüllung höchster Wünsche geschiet, deutet nickt minder auf Geistesstörung. Ein junger, angeschener, wolsituirter Kunst- gelehrter mordet sich kurz vor der Hochzeit mit einem von ihm auf- richtig geliebten Mädchen; ein junger, bemittelter und tüchtiger Kauf- inann tut dasselbe am Tage vor der wolvorbereiteten Eröffnung seines eigenen Geschäfts; ein junger, kentnisreicher Gelehrter wird aus seiner ihm nicht zusagenden, weniglohncnden Lebensstellung zur Redaktion ciaer Wocheuschriit berufen, die ihm reichlichen Erwerb und angeneme Arbeit gebracht hätte. Er schließt mit dem Verleger den Kontrakt, schreibt an seine Frau einen glückatmendcn Brif und— erschießt sich im Augenblick nachher. Auch die Wal des Ortes beim Selbstmorde und der Todcsart läßt oft Geistesstörung erkennen. Ein Mädchen ertränkt sich höchst unbequem im Bade; ein aller Lehrer von sonst zartestem Anstanosgesül hängt sich nackt gegenüber der Zimmertür; eine 29järige Frau treibt sich einen Baumwollpsropfen in den Hals und erstickt; ein älterer Witwer verschluckt einen großen Schlüssel, um sich zu töten; ein Züchtling verschlingt zehn fußlange Stücke getrockneten Schilss aus seiner Mairazc; ein Schumacher treibt sich mittels eines hölzernen Schlegels einen Lochmeißel mitten in den Schädel u. s. w. Reclam meint, den Geistesstörungen, welche zum Selbstmorde füren, könte nur dadurch der tötliche Stachel genommen werden, daß die Schule, oder vielmehr unsre ganze Jugenderziehung von Grund aus geändert werde. In unsrer Schule werde das Hirn überfüttert, daS geschehe auf Kosten des Karakters und des Körpers. Einschränkung der Verstandesdressur, sorgfältige Karakterbildung und viel mehr Körper- pflege und-Uebung— das scheinen Reclam die geeigneten Heilmittel. Wir können uns hiermit e-nverstanden erklären, aber wir müssen bitten, als ein wichtigstes Mittel gegen den Selbstmord und seine häufigste physische Ursache, die Blutarmut, die allgemeine Hebung der Näruugs- weise des Volkes nicht zu vergessen, ein schwer zu erreichendes, aber, wie wir der Zuversicht sind, bei einsichtiger Volkswirtschaft doch nicht uuerreich.mres Mittel. Die Juden in Europa. In dem widerlihen Streite, der jezt wiederum unter dem Namen„Judcnheze" von fanatischen Pfaffen in der Ku>te und im Frack inaugurirt und geoflegt wurde und noch wird, hat auch ein Mann seine St mme hören lassen, dessen Na»e seit angem bekant ist: der einstige Fürer und Begründer der altkatolisch n Oooo- sition, Döllinqer in Münch n. In einer Rede, welch er in der Fest- sizung der Madem e der Wissenscha ten zu Münhen am 25 Juli d. I. über„die Juden in Europa" gehalten, hat er nicht nur Stellung gegen die den deutschen Namen schändende Judcnhaz genommen sond rn ver- mittels einer gedrängten histori chen Darstellung der Judcnveriolgungen vom 6. bis 16. Jarhundert nachgcwieien, wie die christliche Klerisei i n Bunde mit den weltlichen Hcrschcrn, unter den erden lichsten Unter- drückungen und Peinigungen die Juden von der bürgerlichen Gesell- schaft ausgeschlossen und sie zu dem gemacht, was sie heute sind.— Nachdem er eingangs die leider heute noch herschende Macht der In- to'eranz und die Duldung und brüderliche Behandlung, welche das Christentum im Anfang gegen die Jwaeliten geübt, hervorgehoben, datirt er die zur Unduldsamkeit veränderte Sinnesweise der Christen- heit von dem Zeitpunkt, an d m das Christentum z ir römischen Staats- rcligion erhoben wurde. Einerseits wurden nun von den römisch- christlichen Kaisern die Juden von allen Aemtern ausgeschlossen, und andrerseits wurde ihnen von den höchsten Autoritäten der christlichen Kirche die Alternative gestellt, entweder sich tausen zu lassen oder aus- zuwandern. Gcwaltmaßregcln gegen die zu ihrem alten Glauben zurück- kehrenden Getauften wurde» emptvlen und ausgeübt, und als schließlich vom Papsttum die Religionskriege verkündet, der Zwang der„Un- gläubigen und Hecken" zum christlichen Glauben angeordnet und die Bwaubung und Vertilgung der Widerstrebenden als ein aottqefälliges W-rk bezeichnet wurden, da war auch für die unwiffenden Mafien da» Signal zu Brutalitäten aller Art gegen die Juden gegeben. Der Jud: war in der Sprache der scheinheiligen Vertreter der Religion der Menschenliebe ein Pestkranker, ein Mensch, schlimmer als ein llngläu- biger, der weder Treue noch Glauben verdient, und die Scharen, welche z im Kreuzzuge nach Jerusalem auszogen, erschlugen daheim erst die Juden und plünderten ihre Häuser, und das Königreich Jerusalem be» gann sein Dasein damit, daß die dort lebenden Israeli en nebst ihren Synagogen verbrant wurden.— Die Aussprüche der Konzilien und Päpste über die Rechte und Pflichten der Christen gegen di- Juden brachten es endlich soweit, daß man die lezteren unter allerhand Placke- rcien und Schmdereien fast wie Leibeigne, und schließlich, im 14. Jarhundert, wie Sklaven betrachtete und behandelte.„Sie gingen wie eine Ware aus einer Hand in die andre über; der Kaiser erklärte bald da, bald dort ihre Schuldforderungen für getilgt und ließ sich dafür eine hohe Geldsumme, gewönlich 30 Prozent, zalen." Sie wurden vom Kaiser bcschuzt und auch nicht, je nachdem man sie brauchte.„Sie wurden beuuzt wie Schwämme, die man sich vollsaugen ließ, um sie jV1" uuszudr�cken" ao schlug man 1390, als durch langen Bürger- krieg ßorng, Fürsten, Adel in Schulden geraten waren, aus dem Reichs� tage zu Dürnberg alle Judenschulden im Reiche nieder, wärend die «chuldner 15 Prozent an die königliche Kasse zu zalen hallen. Der Herzog von Bayern, der Gras von Oeii.ngen und die Stadl Regens- bürg gewannen dabn z.B..e> 00 0X) Goldgulden(ca. 1800000M rk. ■ der bestbebauten und fruchtbarsten Länder der Erde. Daß sie Schacher und Kleinhandel betrieben oder ausschließlich ein Kaufiiiansvolk gewesen seien, bestreitet Döllinger, da man davon weder in der römischen Lite- ratur noch in den Gesezen der römischen Kaiser eine Spur fände. Noch bis ins 10. Jarhundert bildete» sie in Spanien, Südfrankreich und Teutschland eine seßh�stc Bevölkerung, bis ihre Lage durch die Feindschaft der christlichen Kirche unha tbar wurde. Dann verhinderte das heischende Zunftwesen sie wieder, ein Handwerk zu betreibe»; Ackerbauer konten sie nicht werden, weil ihnen fast allenthalben der Besiz an Grund und Boden verwehrt wurde. Dagegen waren sie Hand- arbciler unter den Muhamedanern und beschäftigten sich auch dort mit den Wissenschaslen. Den Christen ist jedoch durch Konzilbeschluß bei Bannstrase verboten, sich von einem jüdischen Arzt behandeln zu lassen, da es besser sei, den Tod zu erleiden, als Heilung durch einen Un- gläubigen zu er aren. Die Verfolgungen, welche die Juden in England, Frankreich und Spanien zu erdulden hatten, übergehen wir, da sie den bereits angesürten mehr oder weniger änlich sind. Ader interessant ist, daß selbst Geschichtsschreiber, die Gott loben, daß die Israeliten so hart betroffen wurden, nicht zu bemerken vergessen,„daß die Habgier eine Hauplursache dieser Missetaten gewesen, daß verschuldete Edelleutc und Bürger dazu gchezt haben, um ihre jüdischen Gläubiger mit einem Schlage loszuwerden." Ebenso interessant ist aber auch die von Döllinger konstalirle Taljache, welche, da von einem Teologen ausgehend, um so gewichliger, dem Klerus früherer Zeil jede Fähigkeit abspricht, geistig aus die Juden einzuwirken und sie so sür das Christentum zu geivinne». Jene Gründe mögen auch der heutigen Judenheze zugrunde liegen, denn einnial mag es frommen Christenjeelen recht unbequem sein, daß mancher Jude troz den jarhundertetangen Verfolgungen seiner Glaubensgenossen heute eine bedeutende Rolle spielt, und andrerseits bürgt uns der Fanalismus, den gewisse Leute in dieser Frage an den Tag legen, für einen hohen Grad geistiger Beschränktheit. Von großer Bedeutung ist aber sür uns, daß eS ein christlicher Tcologe ist, der i» dieser Frage nicht nur gründlicher stet, wie manch' andrer, sondern auch menschlicher sült und deshalb die in de» Kot getretene Toleranz wart und zu waren bittet. Und das ist obendrein derselbe Mann, den Heinrich Heine etust den„erzinsamen Psaffen" genant! ort. Ein knnstliebcnder Serenissimus. Der Goethevetera», H. Franke, Ehrenmitglied des Hoslcaters z» Weimar, erzäll folgende köstliche Ge schichte über die Verhältnisse des Hosteaters zu Sondershausen im Jare 1820. � Erzäler war mit noch einem Kollegen vom Weimarer Tealer aus einer Harzreije begriffe» und kehrte in Soiidershausen cm. Das dortige Teater wurde vom Fürsten unterhalte»; das Publikum erhielt Frei- karten; die Schauspieler waren gut honorirt, halten aber einen schweren Stand, da Serenissimus oft des Mittags bestiinte, daß am Abend ein ganz anderes Stück gespielt werden sollte, als auf dem lliepertoire stand. So auch an dem Tage, als die beiden Gäste anwesend waren, indem an Stelle zweier Lustspiele„Prezioja" ausgeiürt werden mußte. Das Publikum ist bei der BorsteUung nach Rang und Stand plazirt, die Frauen stricken zum Teil Strümpfe und der Fürst selbst sizt in der zweiten Reihe des Parterres eine lange Pfeife schmauchend, vor ihm seine Gelieble, eine fette und sehr dekollctirle Persönlichkeit. Oesters klopsl ihr der Landesvater auf die nackten Schultern, entweder mit der Hand oder mit der Pfeisenspize; dabei lachen beide viel. Hat die ioiidershäujer Durchlaucht ihre Pseise ausgeraucht, so bringt ein Dieirer eine srijch gestopfte mit brennendem Fidibus. Des andern Abends wurde es noch gemütlicher. Als nämlich in der Mitte des Stücks der «omiker X. mit mehreren die Büne betrat, unterbrach der Fürst die Handlung mit den Worten:„Hört einnial auf, kizelt mir erst ein bischen den X.'- Diejer schrie mit schrecklichen Grimassen, wäreud seine Kollegen zurücktraten:„Ach nee, Durchlaucht, nicht kizel», heute nicht!" Aber schon eischiciie» von beiden Seiten des Testers zwei dienstbereite Geister mit blocken und stachen und borten auf X. ein, der sich wie ein Besessener gerirte. kreischte, lachte, sich aus den Boden waif, um Hilfe schrie, und sich wie einer benai», der zu Tode gekizelt wird. Ter Fürst lachte un- bändig mit, desgleichen das Publikuin, bis crstercr ein Zeichen gab, dav die Vorstellung ihren Fortgang zu nemeo habe. Wie marn unserem Erzaler mitteilte, sollen derartige Szenen sich im Tempel Thalias zu Svndershausen öfters wiederholt haben und der Komiker, der sehr nz; «ch war. aber übertrieb um den Fürsten zu amüsiren, soll sich dabei pekuniär sehr gut gestanden haben. Daß dies aber»löglich war, nach. dem Lejsing und Schiller gelebt und Goethe noch als Lebender seinen Lmstuß geltend machte, ist kein sehr günstiges Zeugnis sur �e deutsche ftuliur damaliger Zeit.— Interessant ist deshalb auch die Mitteilung, d°ß, als die beiden Gäste ausgesordert wurden, m einigen Gastrollen « äää ä'"&HS ..kmistlicbenden Serenissimus" käme, ist nicht mitgeteilt, urt. Zeitungsannoncen sonst und jezt.„Mädchen sür Alles" suchte man vor hundertfünfzig Jaren noch nicht durch Zeitungsinserate, dagegen: „Ein zwanzigjäriges Bündner Mensch, die wol kochen und»che» kann, möchte gern als eine Magd allhier dienen"— so stand anno 1750 in dem„Tageblatt der Stadt Zürich" zu lesen. Heule heißt es:„Ein seingebildeles Mädchen aus angesehener Familie sucht Stellung als Stüze der Hausfrau"— und das bedeutet meist soviel, daß die ge- suchte Hausfrau dem„feingebildeten" Fräulein, das weder„kochen" noch „nehen" kann, als Stüze dienen soll. Heuzutage inserirt wol kein Kost- Wirt, wie damals im nämlichen Blatte:„Ein gewisser verständiger Bürger und Ehren-Mann, welcher in einem der lustigsten und schönsten Häusern unserer Stadt wohnt, anerbiethet ehrlichen jungen Herren seine Kost und alle nöthige und mögliche Auswart. Kann sie auch mit einer eigenen Stuben und Neben-Kammer versehen, und würden sie insonder- heil von dessen säuber- und ordentlichen Frau Eheliebsten in gebührender Aufwart alle Saiisfaction zu erwarten haben."— Eine Verlustanzeige aus dem Jare 1733 in einem Hamburger Blatte lautet:„Da gestern Morgen ein gläserner Krug mit einem silberneii Deckel mit solgendcn Buchstaben im Zuge J. A. W. A. N. von Händen kommen(werden diejenige) denen es etwa möchte feil gebotheu werden, dienst freundlich ersuchet selbiges anzuhalten und betim Verleger dieser Zeitung zu melden: es soll die Mühe wohl vergelten werden." Von wunderbarer Naivetät zeugt folgendes Inserat der erstgenanten Zeitung: NB. Derjenige, welcher vor wenig Wochen an damaligem Sonntag, bey Nacht, den Canen oder Stock mit einem ganz silberne» Kuopff verloyre», an- erbietet dem Finder oder Zuruckgeber den völligen halben Theil, was ein Herr Goldschmied oder ein anderer verständiger Mann sagt, daß er währt seie williglich zu geben, mehr kan doch niemand mit Grund verlangen, darneben verspricht er»och mündlich danckbar zu sehn. Das silberne Balsam-Büchslein oder Fläschlein erwartet die arme Dienst- Magd, die es vor 8 Tagen gemeltem Ort verlohren, auch mit Schmertzen wieder zurück, hoffe, der Finder werde es nicht länger im Hertzen ver- bergen, sondern es in das Bericht-Haus bringen, desgleichen auch den Quadrant."— Von mehr als historischem Interesse ist das nachfol- gende Inserat. Es entstamt gleichfalls dem.Hamburger Korrespondent", und zwar einer Juninummer des Jares 1848:„Protest gegen die electrischen Telegraphendrähte. Wir protestirten früher gegen die Durchführung electrischer Drähte durch unser Gebiet, weil dieselben für unser Leben und Eigenthum gesährlich und für unsere Felder schäd- lich sind. Jetzt aber, da überall gedruckte Blätter herumzcschickt sind, in welchen jene Sache auf eine falsche entstellende Art beleuchtet wird, in welchen der Scerbent erst die Flachheit seines Verstandes zur Schau stellt und dann sich erdreistet, uns Landleute, die wir von den Gesetzen der Natur durch tägliche Anschauung einen klaren, gesunden Begriff haben, dumm und abergläubi'ch zu nennen, und eine Lebensfrage des Landmanns bespottet und bewitzelt, so ist selbst der Ruhigste auss Em- pörendstr gereizt. Deshalb werden wir, unsere Rechte auss Aeußerste wahrnehmend, nimmer zugeben, daß inaii electrische Drähte durch unsre Felder zieht. Cadenberg, den 15. Juni 1818 I. H. Thumann. C. Föge. P. Katt. H. Kahns als Depntirte für sünshundert Ein- wohner.— Nachschrift. Am 16. Juni hatten die Landleute der Um- gegend von Stade eine Zusammenkunft und beschlossen einstimmig gegen den Draht-Telegraphen bei der Königl. Landdrostei einen Protest einzu- legen, welchem sich die Ortschaften Campe, Agathenburg, Dollern und andere anschließe» wollen."— Wie jezt das Jnseratenwesen beschaffen ist, ist bekant. Welche Riesensumme Geldes gegenwärtig sür Reklame-, Schwindel- und sonstige Annoncen ausgewant wird, mag die Tatsache zeigen, daß im Budget des londoner Blattes„Times" jarlich 12 mill. Mark als Einnaine für Inserate aufgesürt sind.-z-. Dämme als Ursachen vernichtender Ueberschwemmnngen. Unsere Leser erinnern sich der auch in unserm Blatte ausfürlich be- schriebenen Vernichtung der ungarischen Stadt Szegedin durch Ueber- schwemmung der Theiß im Frühjar 1879. Durch wissenschastlichc Untersuchungen ist nunmehr sestgestellt, daß nicht etwa die Eindämmung der Theiß zu niedrig, sonder» daß diese zu hoch war, ja, daß die Städte der Thelßnicderungen überhaupt nichts zu befürchten gehabt hälteu von Ueberschwemmungen, wen» in der neueste» Zeit die Theiß- rcgulirung nicht gewesen und durch sie überhaupt keine Dämme ge- schassen worden wären. Der Ursachen für die Theißüberschwemmung gibt es nach einem Artikel in der.„Gäa"(1881, Heft 7) nämlich drei: 1) Schneeschmelze und Regen im unmittelbaren Flußgebiet; 2) Hoch- wässer der Nebenflüsse Szamos, Maros und des Savegebiets; 3) Regen und Schneeschmelze im ganzen ober» Inn-, Donau- und Savegebiete. Die anschwellende Donau wird nämlich durch die Felseugen des Kazan gestaut und dadurch auch eine Stauung der Wassermassen der Theiß herbeigesürt. Solange nun die Theiß durch Eindämmung nicht ver- hindert wurde, in die weiten Moraste und Sümpfe an ihren Usern überzutrete», hatten die Bewoner der geschüzt liegenden Ortschaften nichts zu fürchten und die überschivemteu Landstrecken waren als Weide- tristen und Heumagazine trefflich zu gebrauchen. Nun kam die un- verständige Regulirung, welche das vorzügliche Weideland in zweisel- Haftes Ackerland verwandelte und die Hochwässer sorgsällig zusammen- hielt, sodaß sie in den Fällen, in welchen das Hochwasser der Donau auf dieselbe Zeit tras als das der Theiß, unfehlbar die Dämme brechen oder, wären sie auch noch so hoch, endlich doch überfluten und un- - 32 geheuren Schaden anrichten mußten. Tie Regierungen aller Länder mögen sich diese Lehre, welche Oesterreich furchtbar teuer mit Gut und Blut bezalt hat, gesälligst zu Herzen ncmen. 12. Ein Hans in Bewegung.(Jllustr. S. 25.) Wer nur gcwönt ist, an alles Vorkommende den Maßstab unserer europäischen Verhält- nisse zu legen, dem erscheint jedenfalls ein wandelndes Haus, gleich de», aus unserem Bilde, als eine jener Ausschneidereien, wie man sie so oft unter der Rubrik„Americana" in unserer Tagespresse findet. Und doch ist die Metode, ganze Gebäude fortzubewegen, auch bereits in Deutsch- land zur Anwendung gekommen. So wurde z. B. vorigen Herbst in Mainz das Stationsgebäude der Kölii-Tüfieldorser Dampsschiffartsge- sellschafl erst 1,75 Meter hoch, gehoben, dann 15 Meter weit nach dem Rhein zu transportirt und endlich noch 4 Meter weil rheinabwärts ge- rückt, wo es dann aus einen vorher fertig gestelllen hölzernen Unterbau niedergelassen wurde. Das aus Fachwerk aufgesürte Gebäude ist ein- stöckig und hat 36x12 Meter Grundfläche. Der Transport ging one jegliche Beschädigung des Gebäudes vonstatten. Aber selbst wenn wir durch diese Tatsache von der Möglichkeit eines Häujerlransports über- zeugt sind, so wird uns das durch die heutige Jllustralion dargestellte Unternemen nicht minder waghalsig erscheinen und die Warscheinlichkeit desselbeu wird uns erst einleuchten, wenn wir wisse», daß die scheinbare Sleinkonftruktion des Hauses eben nur Schein und daß dasselbe reiner Holzbau ist. Nun hal man in Chicago, dem Schanplaz dieses Vor- ganges, bereits früher wegen des sumpfigen Bodens Häuser vermittelst Schrauben und dgl. gehoben oder nach ganz entgegengesezten Enden der Stadt transportirt. Es ist daher kein Wunder, wenn in dieser Stadt, die durch ihre rapide Eniwicklung am treffendsten das amerikanische Lebcu karaklerisirt, auch heute noch dieser Brauch geübt wird. I» seinem„Spaziergang uni die Welt" crzält v. Hübner, daß ein Pserd, 2 Männer und eine.Winde genügt hätten, um die uns so gesärlich er- scheinende Arbeit zu vollbringen. Ob es aber richtig ist, daß wärend der Prozedur in der Küche ruhig weiter gekocht worden sei und daß aus den offenen Fenstern wärcnddem die Töne eines Klaviers herab- gedrungen seien, ebenso ob die Personen die Fart in der bildlich vor- gesülten Stellung auf dem Balkon des ersten Stockes mitgemacht haben, wie der genante Verfasser angibt, vermögen wir nicht anzugeben. Biel- leicht ist dieser oder jeuer der amerikanischen Leser der„N. SB." dazu bereit. ort. offus allen Q8inR«f« der ZeUlileratur. Drei Afrikarciscude sind in diesem Jare kurz hintereinander gestorben. Ter Deutsche I. M. Hildebrandt erlag in Tananaiwa, der Hauptstadt des Howareiches aus Madagaskar, einem Magenleiden, des Italieners Matheuci Leiche ist erst vor kurzem in seiner Heimat angelangt und jüngstens ist auch der Hauptmann Topelin, Führer einer der belgischen Expeditionen nach Jnnerafrika in dem hoffnungs- reichen Alter von 34 Jaren in Zanzibar dem Fieber zum Opser ge- fallen. Rußland in seinem Bordringen nach dem asiatischen In- nere. Unsere Leser erinnern sich der Kuldschasrage, welche fast zu einem Krieg zwischen Rußland und China geführt hätte. Am 19. August d. I. ist nun in Petersburg endgültig der Vertrag zwischen den strei- tenden Mächten abgeschloffen worden, demgemäß zwar Rußland fast das ganze Kuldschagcbiet an China heraus- und damit scheinbar nach- gibt, in Warhcit aber so viel Vorteile erlangt, daß es sich zu seiner Nachgiebigkeit nur gratuliren kann. Durch Art. 10 des Vertrages erwirbt Rußland das Recht, außer wie bisher in Jli, Tarbagatai, Kasch- gar und Urga serner auch in Kinjückwan, am westlichsten Tore der großen Mauer und in Turfa» Konsuln zu ernennen, ebenso auch in mehreren auderen Orten. Nach Art. 12 dürfen die Russen zollfrei taudel treiben in der Mongolei, gleichwie iit Kuldscha, Tarbargatai, aschgar und anderen Städten nördlich und südlich vom Tienschan. Art. 13 gestattet den russische» Kausleuten überall, wo russische Konsuln sind, Häuser zu baue» und Land zu Handelszwecken zu erwerben. Art. 14 erlaubt russischen Waren wie in Kalgan auch in Kiakjüran die chinesische Grenze zu Yassiren. An diesen Orten werden die Waren wie in Seehäfen ausgcstapclt und nuter denselben Bedingungen wie im Bertragshafen Tiöntshin dürfen sich hier die russischen Kaufleute nieder- lassen und die russischen Waren vertreiben. Pietät und— Humor bei den Mäouern der Wissenschaft. In einer Arbeit von Julius Stinde in dem„Berliner Montagsblatt" über die unter deutscher Leitung stehende zoologische Station zu Nizza findet sich folgend amüsante Mitteilung: Vor einem kleinen Bassin, in dem scheinbar nur Seesand zu sehen war, wurde Steide ersucht, den Hut abzunemen. Hierauf wülte der Pfleger des Aquariums, Dr. Schmiedlein, den Sand auf und brachte den Lanzettfisch(Amphioxus lauzeo- latus) hervor, ein kleines silberglänzendes Fijchlein, welches die Wissen- schaft als aller Wirbeltiere Urahn ansiet. Nur selten, erklärte Dr. Schmiedlein, besäßen wissenschaftlich gebildete Männer die Im- pietät, vor diesem ihrem Stamvater das Haupt nicht zu entblößen; die Sitte des Hutabnemens vor dem Amphioxus sei in dem Aquarium bereits durch Tradition geheiligt. iz. Q3.edftlUionsRöm(pön&cnj. Hamburg. Joh. F. 1) Tai beste und billigste Mittel zum Reinigen von Silberzeug ist nach Davenporl unterschwestigsaures Ratton, mit dessen geiätttgier Lösung man ein Läppchen oder eine Bürste ttäntt. In wenigen Selunden werden so auch starsoxydirle Siiderstächen gereinigt, t) Als beste» Detiasettion« mittel wird allerneuesiens rohes schweseisaurcs Aluminium mit Phenol empsohlm, dagegen wird vor kallhaltigen Mitteln gewarnt. Hanau, gahmcr Staatsbürger. Sie erinnern Eich vollkommen richttg an unsere Mitteilung in Verse gesezter Strasgcsezbuchvaragraphen. Rur irren Sie Sich in der Anname, daß wir selbst Bersaffer derselben gewesen wären. Wir zitinen dieselben nur aus dem„Strasgcsezbuch sür das deutsche Reich in tbedächt- nih Versen" von M. Repmond, aus denen wir auch den von Ihnen gesuchten Paragraphen hier wiedergeben.§ 110— Widerstand gegen die ßlaatsgewalt— lautet also: f er aus den öffentlichen Pläzen as Volk versuchet auszuhezen Zum Ungehorsam gegen das, Was durch behördlichen Erlaß Uud laut lilesez verordnet wird! Wer.serner offen expouirt Und an den Mauern assichirt Beschrieben oder illuslrttl, Was solchen Ungehorsams Bist Erzeugen kann durch Wort uud Schritt, Soll,— insofern denselben nicht Verdantt das hohe Steasgericht, Bis zu sechshundert Mark zu schwizen, Bis zwei Jar im Gesängnis sizen. -.«bonncnt. Wir haben Herrn Dr. Reich Ihren Wunsch mitgeteilt. Herr Dr. c.dtmann war so sreundirch, UN» sür die nächste Zeil wieder einige Arbeiten in°er,vr-chen. In lezler Zeit bat>hn die«ailation gegen den Jmpszwaiig bis»um schreibkramps, wre er uns muieitt, ihn Anspruch genommen. Daß wir die Beiundbeils- pflege nicht zu vcrnaeblässtzen gedenken, hal Ihnen sibon die erste Rummer diese« J-r« g-ngs bewtesem«uch der Jugenderziehung soll demnächst wieder gedacht werden. ■ s.%%%%%%, SS x» r LSr der„Qlcuen OSell." Inhalt. Im Kamps wider alle. R,man von Ferd. Stiller.(Forts)— Di-!>,««».«»"T i Bon Manfred Wittich.(Forts.)— Im Dorf der Schmied. Erzählung von Dr Mar Von I? Urzeit in Leben und Dichtung- Der Kanton Appenzell, setne bewaffnete Landsgemeiude und seine historische Etitwickluna° e!�-� Friedrich Schinkel.(Schluß-) Der Selbstmord und seine Vorbeugung.- Tie Juden in Europa.- Ein kunstl�de?' S'�'-Htliche Skizze von Carl Stichler." Dämme als Ursachen vernichtender Ueberschwemmungen.— Ein Haus in Beweauna-~ Zeitungsannonce» sonst und fff- iteraturt Drei Asrikacetseude.— Rußland tu seinem Vordringen nach dem asiatischen' �,1, �"�ation.)— Aus allen Winkeln der Zcil' Wissenschast.— Redaktionskorrespondenz. �—-Pietät und Humor bei den Männern Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteiae 2,1%„TT Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Smttgatt°"''""'Sstraße 26 in Stuttgart.