Im Kamps Roman von'<3 „Sic wollen Sich also gänzlich freimachen, und dann wieder hinaus in die Welt?" „Gewiß nicht; ich bleibe hier; aber ich bin kein Landwirth und mag keiner werden. Dagegen habe ich auf iiieinen Ltreu�- und Querzügen in der Welt die technisch-industrielle Tätigkeit schäzen gelernt. Sie scheint mir für die nächste Zeit die domi- nirendc und mit Recht am meisten zu pflegende Betätigung menschlichen Wissens und Könnens zu sein. Ich gründe deshalb ein größeres Fabrikctablissement und brauche dazu den größten Teil meines Bcrmögcns--" David schüttelte den Kopf. «Ich vermag diese jüngste Wendung Ihres Schaffensdranges am wenigsten zu verstehen. Wenn mein Bater Fabriken gründet, begreife ich das und halte es für das Gescheiteste, was er überhaupt tun kann. Aber Sie, der Sie mit bestem Fug und Recht sich für die Wissenschaft geboren fülten,'vollen nun ans einmal ins Contor und Bürean herabsteigen. Glauben Sie mir, ich stehe gerade in der rechten Entfernung von der Menschenwelt, um sie scharf und richtig zu beurteilen: mögen Sie eine Fabrik etablircn, welcher Art und mit welchen Mitteln Sie wollen, Ihre Tätigkeit wird eine zum Verzweifeln einseitige sein, Ihren guten Willen und Ihre Kentnisse werden Sie in geistiger Beziehung fruchtlos vergeuden. Und die Menschen, mit denen Sie»olens volens») in Bcrürung kommen werden! Die langweilige Sippe der Gcschästsftenndc, die widerliche Landplage der Handlungs- reisenden, das eigne servile, heuchlerische und treulose Beamten- volk--- kurz, alles um Sie her wird Ihnen den Appetit verderben, den Appetit ani Essen und Trinken, an Arbeit und Genuß, an den Menschen und der Welt, Sie werden cm Hasser und�Berächter der Welt werden, wie ich einer bin!" Franz Stein sprang auf.,... „Nein, lieber Freund, das werde ich nimmer. Sic sind nicht eui Hasser und Verächter der Welt, weil die Menschen so sind, wie Sie sie schildern, sondern Sie schildern die Menschen so, weil Sie— sxhr ungerecht— sie hassen und verachten. Ach habr ein unverwüstliches Vertrauen in ineiue Mitmenschen, troz aller ihrer Schwächen und Untugenden, von denen ich mich keineswegs frei füle; ich werde es darum schon mit ihnen aushalten. Doch nun kommen Sic, es begint zu dunkeln, und wenn wir noch einen *) Wörtlich:„nicht wollend oder wollend", unser„wol oder übel." wider alle. rdinand Stiller.(2. Fortsezung.) Spaziergang im Park machen wollen, so dürfen wir nicht länger zögern." Die beiden schritten zwischen den Tischen hindurch, an denen die Gesellschaft des Herrn Specht einerseits und die Kürassier- offiziere andrerseits sich uicdergelassen hatten. Ein par von den Offizieren quetschten ihr Monocle vor's Auge und musterten die Vorübergehenden. „Parvenüs," sagte der Graf Waldkirch, als sie außer Hör weite waren,„fatale Sorte das! Ordinärster Plebs ist inir lieber." „Auf Ehre, sehr war," schnarrte der Sekondelieutenant Baron Steinhofen, indem er die wenigen Hare seines rotblonden Schnurr- bartes bis zu den langen Oren hinzog und drehte,„der eine von den beiden Menschen da ist übrigens skandalöser Weise Mischblut. Seine Mutter ist eine geborene Comtcssc Alteneck." „Was war doch gleich mit den Altenccks?" fragte Waldkirch. „Der lezte der Altenccks hat sich vor etwa 30 Jaren eine Kugel vor den Kopf geschossen. Hatte pechös gespielt, gab sich skandalöser Weise mit Schauspielern, Bankjuden und änlichem Gesindel ab, die ihm natürlich das Fell über die Oren zogen. Auf einen Siz soll er den Rest seines Vermögens, circa 50 oder CO 000 Taler, nebst seinem Schlosse in der Stadt, seinen sämt- lichcn Pferden, einem passablen Familienschaze— kurz, alles, was er noch hatte, verspielt haben. Der Gewinner war der Banquicr David, der nachher die Unverschämtheit besaß, zum Christentum überzutreten— skandalös von so einem Kerl, auf Ehre!" „Hab' auch mal so was gehört," sagte ein Dritter von den Kürassieroffizieren.„Hieß aber da, der Alteneck habe auch seine Tochter an den Juden verspielt." „Ach, sehr war—" erwiderte Steinhofen.„Das war, auf Ehre, das famoseste au der sonst ganz ordinären Geschichte. Papa hat mir die ganze Affäre erzält, war Freund von Alteneck, als der sich noch nicht mit der ordinären Bagage gemein machte. Ce mauvais snjet*) dieser David— merkte, daß er dem vor Verzweiflung über sein Pech halb verrückten Alteneck alles möa- lichc bieten köute, und da zischelte er ihm zu, für die Comtesse gäbe er, der David, seinen ganzen Spiclgewinst'raus! Da kam der Altcncck auf den Einfall, er könte durch einen glücklichen Coup noch sein riesiges Pech rcpariren und da sczt er seine Tochter auf eine Karte gegen seinen ganzen Verlust. Monsieur David acceptirt *) Dieses schlechte Subjekt. JllustrirteS UnterhaltungSblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postäniler. C1SSJ.] V11- Stuttgart, 15, vllober I8»i. den Einsaz, läßt ein schriftliches Versprechenausstellen, daß der Graf ihm die Hand seiner Tochter gewärcn würde, und auf Ehre— selbstverständlich, wenn einer mal im Pech ist— die Karte schlägt gegen Alteneck. Zwar stellte nun der Herr Schwicgerson— skandalös, pfui Teufel— seinem Schwiegerpapa seine Börse?ur Verfügung und wollte von der Auszaluug seines übrigen Spiel- gewins vorläufig nichts wissen. Aber der Alteneck hatte doch noch Ehre im Leibe— er verschrieb heimlich alles, was er hatte dem David und jagte sich am Tage der Hochzeit seiner Tochter mit dem Juden eine Kugel durch den Kopf." „Miserabel— ein Geschlecht wie das der Altcneck so im jüdischen Schmuze untergegangen," sagte Graf Waldkirch, auf's tiefste indignirt.„Wenn eine derartige Spielaffäre unter Standes- genossen vorkomt, habe ich nichts dagegen. Da könte der lezte der Alteneck heute noch leben, brauchte sich nicht zu genireu, ftch von seinem Gegner im Spiel unter die Arme greifen zu lassen — aber so— impossible, tout-ä-fait impossible*)." Wärend die Offiziere sich so über die Tatsachen unterhielten, welchen Herr Willibald David sein Dasein und seine hochadlige Mutter verdankte, drehte sich an dem nur etwa zehn Schritte ent? fernten Tische, an dem Herr Specht mit den Seinen saß, die Unterhaltung zunächst um Franz Stein. Die Offiziere hatten, als die beiden Freunde vorübergingen, das Monvcle in das rechte Auge geklemt, Fräulein Elfriede Specht und ihr neuester Verehrer, Herr Gabriel Haßler, schauten jenen durch ihre goldnen Nasenklemmer mit nicht minderem Interesse nach. „Ein schöner Mann, der mit dem dunkelbraunen Har und dem sonncuverbranteu Gesicht," sagte Fräulein Elftiede mit Kennermiene.„Kennen Sie ihn vielleicht, lieber Herr Haßler?" Herr Haßler machte ein Gesicht, wie einer, der eine bittere, schlecht überzuckerte Pille hinunterschlucken muß. „Hi, hi," lachte er gezwungen.„Pardon, meine verehrteste Gnädige, ich kann die Mäunergesichter nicht schön finden, die von Geist und Hunzor— vor allen Dingen Humor— nicht— wie soll ich sagen— sprudeln. Würden ihn auch nicht schön finden, Verehrteste, verlassen Sie Sich drauf, wenn Sie Sich einmal mit ihm unterhalten hätten. So langtveilig ernsthaft— kein Wiz, keine Spur von Wiz, und das ist doch die Hauptsache bei einem Mann——" Fräulein Elfriede verhüllte mit ihrem Fächer den untern Teil ihres Gesichts. „Allerdings," entgegnete sie,„Wiz muß ein Mann haben, wenigstens wenn er einem geistvollen Mädchen gefallen soll. Aber Sie machen warscheinlich gar zu hohe Ansprüche, lieber Herr Haßler, es kann nicht jeder so von Humor und Wiz übersprudeln — wie— nein, ich kann einmal nicht schmeicheln, ich verschweige also, wen ich meine, lieber Herr Haßler." Dabei warf die Kokette ihrem Anbeter einen Blick zu, der auf dessen dicken Wangen die Röte verschämten Stolzes her- vorrief. „Ach, wenn ich das wüßte, wen meine Gnädige meint," flötete er, und versuchte unter dem Tisch die Hand seiner Nachbarin zu erhaschen, was ihm aber nur zu einem ganz flüchtigen Drucke gelaug. Fräulein Elfriede schien nicht gewillt, sich so leicht von dem einmal angeschlagenen Gesprächstema ablenken zu lassen. „Aber wer jener Herr ist, müssen Sie mir doch sagen, liebster Herr Haßler. Ich interessire mich für ihn, wie für die Beduinen, welche vorigen Sommer in unsrem zoologischen Garten Furore machten— ich interessire mich für alles Exotische, wissen Sie. Ein höchst platonisches Interesse natürlich, wie ich überhaupt"— Fräulein Elfriede Specht schlug die Augen nieder nnd stockte, als wäre sie im Begriff gewesen, mehr zu sagen als gut war, sie hielt wieder den Fächer vor den Mund. Herr Gabriel Haßler seufzte verliebt und sagte: „Ich stehe ganz zu meiner Gnädigsten Befehl, dieser Herr also heißt Franz Stein und ist auch deswegen— hi, hi— ein Stein des Anstoßes für mich, weil er sich viele Jare one nüzliche Be- schäftigung in der ganzen Welt herumgetrieben hat." Nun mischte sich der Herr Specht in das Gespräch. „Franz Stein, wie ist mir doch?" sagte er m dem heiseru krächzenden Tone, der ihn nicht zu seinem Vorteil auszeichnete. „Den Namen muß ich in neuester Zeit öfter gehört haben." „Wol möglich, hochverehrter Herr," entgegnete Gabriel.„Sehr wol möglich. Will jezt in unsrem Gebirge eine große Fabrik ♦) unmöglich, durchaus unmöglich. gründen, lächerlich— hihi— versteht von technischen und kommer- ziellen Dingen nicht ein Jota und tvill Großindustrieller werden." „Na, so was findet sich schon, das glauben Sie mir, guter Herr Haßler," meinte Herr Specht in überlegenem Tone,„wenn nur einer nicht grade ein ganz dickes Bret vor dem Schädel hat. Aber wo will er die Gründung loslassen?" „In Seifersdorf, im Kreise Bucheufels--" „Na, da bin ich bekant wie in meiner Westentasche. Und nun weiß ich auch, woher mir der Name so bekant war und zwar nicht blos aus der lezten Zeit. Den alten Stein auf Seisers- dors Hab' ich gekant. Ich Hab' Geschäfte mit ihm gemacht. Der kümmerte sich die lezten Jare nicht mehr viel um sein schönes Gut, und da Hab' ich ihm ein par mal die Ernte auf dem Halme abgekauft und ein hübsches Stück Geld dabei verdient. Weil ich aber den verfluchten Kerl, den Oekonomieinspektor nicht so kolossal schmierte, wie er wollte, hat er dafür gesorgt, daß mir eines Tages ein Makler des Geheimen Kommerzienrat David das ganze famose Geschäft vor der Nase weggeschnappt hat." „Der Herr, welcher mit dem Herrn Stein an uns vorüber- ging, war°der Son des Geheimen'KommerzienratS, Herr Willi- bald David," warf Fräulein Elftiede hin. „Den kennen Sie auch, gnädigstes Fräulein?" fragte Gabriel Haßler, wiederum nicht sehr erbaut. „Nur par renommöe," erwiderte die Dame auffällig kül und ihren Vater scharf anschauend, der ihr bei diesen Worten verwundert ins Gesicht sah. „Also das war der junge David?" sagte Herr Specht mit eigentümlicher Betonung. Er hatte noch etwas hinzufügen wollen, aber die sehr gebieterischen Blicke seiner Tochter, von denen Herr Gabriel Haßler nicht das mindeste warnam, schlössen ihm den Mund. Mit einigen„hm, hm," sammelte er sich dann aber rasch genug und für möglichst harmlos fort: „Der Stein gründet also auf seinem Gute die Fabrik?" „Wegen des Gutes soll er mit unsrem Herrn Bischof in Vcr- Handlung stehen, der es kaufen will, um seine vielen Güter oben im Gebirge zu arrondiren." „Nun, in Seifersdorf so was zu gründen, ist garnicht so dumm. Da kann man die Arbeiter noch für ein par lumpige Groschen per Tag haben, und alles ist billig: Holz, Kolen, Steine gibts die schwere Menge. Außerdem wird jezt die Eisenbahn bei Seifersdorf'ue Haltestelle einrichten, da hat'n Fabrikant dort billig seine Waren zu verladen und zu transportiren. Wenn der Stein allein auf den Einfall gekommen ist, so ist er gewiß kein so gar dummer Kerl. Uebrigens, wissen Sie vielleicht, Haß- lerchcn, an welchem Ende von Seisersdorf der seine Fabrik hin- bauen will?" „Da, wo sein Vater das neue Herschaftshaus hingebaut hatte, Hab' ich gehört. Das will er behalten und die neuen Wirtschafts- gebäude zu Fabriken ausbauen. Das paßt auch ganz gut, weil der Herr Bischof doch das ganze Gut einfach zu seinem benach- harten viel größeren Rittergute Steinseifen zuschlägt." „Das ist aber nicht grade sehr nahe an der Bahn," sagte Herr Specht und stüzte sein Kinn nachdenklich aus seinen Stock. „Die Geschichte möcht' ich mir mal ansehen, vielleicht läßt sich da 'n Geschäft machen." „Nun ist Papa glücklich bei den Geschäften angekommen, da ist mit chm nichts mehr anzufangen," meinte Fräulein Elftiede. „Kommen Sie, liebster Herr Haßler, begleiten Sie mich auf einem kleinen Spaziergang durch den Park." Herr Gabriel Haßler sprang entzückt auf. „Erwartest du uns hier, Papa?" fragte Fräulein Elftiede, bereits im Abgehen begriffen, indem sie ihrem Vater über ihre Schultern hin einen bedeutsamen Blick zuwarf. „Fällt mir nicht ein," entgegnete der Vater, dessen eigne Wunsche mit der stummen Weisung seiner Tochter vollständig harmonlrten. Unser guter Haßler wird dich schon nachhanse bringen. Ich fare zu Hübner und Sou auf ein Glas Bordeaux." Herr Gabriel Haßler schüttelte mit dem Hut in der Hand dem mutb, gen Herrn epecht warm die Hand und machte in aller Eile em halbes Duzend Verbeugungen zum Abichied/um bann s°"sch und so zierlich, als es angehen wollte, der Dame, die H-V» B-stz-rg-isf,» ".• 36 Herrn Specht finden wir einige Stunden später in der alt- berühmten Weinhandlung von Hübner und Sohn. Er sizt hinter einer Flasche bemosten Bordeaux, aus einem kleinen Pfeifchen dicke blaue Tabakwolken hervorqualmend, und in behaglichem Gespräche mit einem nur um wenige Jare jüngeren Herrn, dessen fast ganz ergrautes, kurzgeschorenes Kopfhar zu der dunklen, von weißen Haren nur wenig gelichteter Farbe des rundgeschnittenen Vollbartes in auffälligem Kontraste steht. „Also Sie interessiren sich für den Herrn Stein, mein werther Herr Specht?" fragte der Graukopf, wärend er seinen großen, dunkelgrünen Römer voll duftigen Rheinweins an die Lippen sezt, um langsam Tropfen für Tropfen des köstlichen Getränks über die Kennerzunge gleiten zu lassen. „Für den Herrn Stein nun weiter nicht, Verehrtester Herr Rechtsanwalt, aber für sein Gut und die schöne Gegend dort," krächzte Herr Specht.„Himmlische Gegend— hätte mich sehr gerne auf meine alten Tage auf so ein hübsches, nicht zu großes Rittcrgütchen zurückgezogen, und da in aller Ruhe das bischen Zinsen von meinem sauerverdienten Vermögen verzehrt." Ein Lächeln umspielte den Mund des Rechtsanwalts. „Wäre Ihnen von Herzen zu gönnen gewesen," sagte er. .Dies Seisersdorf müssen Sie sich aber schon aus dem Sinne schlagen, denn darauf hat sich der Fürst Waldkirch kaprizirt, und dieser läßt sich seine Launen stets so verdamt viel Geld kosten, daß so ziemlich alle Konkurrenz ausgeschlossen ist." „Daherum gehört wol sonst alles Land dem Fürsten— soweit es nicht bei seiner bischöflichen Gnaden in guten Händen ist?" fragte Specht. „Nicht gerade alles, aber doch das meiste. Ein par größere Bauerngüter sind noch da, die aber schon sehr verschuldet sind und über kurz oder laug für den Fürsten oder den Bischof eine leicht verdauliche Speise sein werden." „Ach ja, ich besinne mich— da ist ja besonders der Weiden- bauer, dessen Güter sich— wenn mir recht ist— zwischen der Eisenbahn und der seifersdorfer Flur hinziehen." (Fortsezung solgt.) Die deutschen Frauen der Voneit in Zeden und Dichtung. Von Manfred Zviltich.(Schluß.) Der vorhergegangenen Karakteristik des deutschen Weibes lasien wir eine Schilderung seiner Erscheinung folgen. Schon Tacitus lernte sie als hohe, kräftige Gestalten kennen, mit hoch- blondem Har und blauen Augen, mit meist weißer Haut, worin sich namentlich die Botinnen auszeichneten und das Staunen der Oströmer in nicht geringem Grade erregten. Ausonius, in einem römischen Castell an der Mosel hausend, hatte das Geschick, sich in eine Schwabenniaid zu verlieben, die er mit dem Namen Bissula nennt und nicht müde wird, ihren Liebreiz zu schildern. Nicht Wachs und Farben sind imstande sie zu erreiche», die Natur verlieh ihr Schönheit, welche aller Kunst spottet, Wenning und Weiß reichen wol aus, andere Mädchen nachzubilden, aber dies holdselige Farbengemisch könne nicht von Menschenhand uachge- bildet werden. Mische, o Maler, Rot von Rosen und Weiß von Lilien zusammen und dann benuze diese duftige Farbenmischung Bissulas Züge nachzubilden. Ro>en und Lilien! Hören wir nicht das Hebelsche fast Volkslied gewordene„Vreneli" in unserem Ore nachklingen, wo es heißt: „e Gesichtle hat's wie Milch und Bluet" Ausonius hatte das blutjunge Alemannenmädchen als Kriegs- beute erhalten und über Neckar und Rhein nach Trier geführt und sie, die seine Sklavin war, ftei gelassen und sich an ihrer Schönheit gesonnt. Ihr widmete er denn mehrere Lieder. Zu dem obigen fügen wir noch eines und zwar in Baumeisters treff- licher Uebersezung. Mein Kind, im kalten überrheinschen Lande, Dort wo der Donau Quelle rauscht, geboren, Heimat und Mutter hast Du bald verloren, Der chrne Krieg schlug Dich in seine Bande. Ich löste sie und sparte Dir die Schande Und die man mir als Sklavin zugeschworen Warst frei und mir zum Liebling auserkoren Lang eh der Jugend Unglück sie erkante. Roms freie Bürgerin, doch jeder Zug, Der Augen blau, die Haut so licht und lind, Das goldne Har gibt von Germanien Kunde. So steht sie da, ein lieblicher Betrug; Schaust Du sie an: ein echtes Schwarzwaldkind— Doch römisch klingt es von dem schönen Munde. Da machte jener Schauer, der von der lieblichen unschuldigen Jungfräulichkeit des deutschen Mädchen ausging, den bereits be- tagten Professer der Philologie und Beredtsamkeit, ingleichen auch der vergleichenden Meteorologie Herrn Decimus Magnus Ausonius zum Liebesliedersänger! Ein prachtvolles Idyll mitten unter den. Klirren der Römerwaffen im vierten Jarhundert nach Christus. Das blonde Har! Erweckte es doch sogar den Neid der stolzen Römerdamen in der Tiberstadt! Massenhaft wanderte es dahin, um als Kopfpuz der Frauen der Sieger zu dienen in Perrückcn, Zöpfen und Chignons! War das langherabwallende Har doch auch Zierde und Stolz der frcigeborcnen Männer. Hochragend, schlank aber doch voll, geradbeinig, mit langen Seiten, weiß an Armen und Händen, so wünschte schon der Deutsche in ältester Zeit wie im Mittelalter Braut und Weib. Bekleidet müssen wir uns diese Gestalten denken in ältester Zeit mit Fellen, die nicht einmal den ganzen Körper bekleideten. Frühe, Ivol schon im ersten Jarhundert vor Chr., kante man Linnen aus Flachs, die besonders mehr von Frauen als Männern getragen wurden und die noch mit einem Fellübcrwurf, später Pelzmantel bedeckt waren. Den Kopf schmückt und umhüllt später ein Schleiertuch. Der Mantel wurde mit einer Spange, der ältere Fellüberwurf mit einem Dorn zusammen gehalten. Das Frauenuntergcwand erhielt auch erst später Aermel, vorerst waren davon nur die Löcher vorhanden. Uebrigens herschte schon frühe die Gebieterin Mode, welche Schnitt und Farbe an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten änderte. Für unsere Epoche übrigens muß die freundliche Leserin allerdings die Hoffnung aufgeben, etwas besonderes von dem Verfasser lernen zu können, da er leider nicht imstande ist, fach- und fachgemäß alle Schnitte und Muster vor ihren Augen zu entrollen und da wirklich in- zwischen unserer Frauen Geschmack ein schwerer zu befriedigender geworden. Vielleicht ein andermal davon. Die Schuhe waren ein Stück Leder, worauf man trat, es oben zusammenlegte und durch die an dem Rand angebrachten Löcher mit Riemen zuzog. Auch sie vervollkommnen sich allmälich und werden den unseren immer änlicher, wenn sie auch keine ä-la-mode- Stöckelabsäze bekamen in dieser Zeit des germanischen Altertums. Interessant sind die Kazenfellhandschuh einer Weissagerin Thorb- jörg, welche des Winters umherreiste und den Leuten die Zukunft kündete. Außerdem trug sie einen Stab mit Messingknopf, welch lezterer mit eingelegten Steinen geschmückt war. Ebenso waren die Schuhe mit großen Messingknöpfen besezt. Der Schuh fürt passend auf die rechtliche Stellung der Frau. Der Schuh hat seine symbolische Bedeutung im Recht. Er ward nach dem altüblichen Ringwechsel(Fingerring und Armring war bräuchlich) der Braut überreicht als Zeugnis, daß diese jezt in die Mundschaft des Mannes übertrat, wie auch bei Anname an Kindesstatt der Aufgenommene in den ausgezogenen Schuh des Adoptirenden treten mußte. Unterworfene trugen die Schuhe ihres Besiegers als Zeichen des Gehorsams. Eine neuere Erinnerung daran mögen die Pantoffel tatkräftiger Eheherrinnen sein, die man sonst stark dichterisch, aber nicht eben galant— Haus- brachen zu benamsen pflegt. Bon Brautraub und Brautkauf ist in diesen Blättern schon einmal gründlick gehandelt worden, wir heben deshalb nur weniges, besonders Germanische hervor. Zunächst mußte für ein Mädchen ein Verlober da sein, das war der Vater oder die Person, die bisher ihr Mundwalt ge- wesen, bei Unfreien natürlich der Herr. Einwilligung des Mäd- Aller Anfang ist schwer.(S-it-«,) zulezt ward es durchgehends ein Geschenk an diese leztere und Brautmann und Hochzeitbitter in ihrem Amte sind bekant und aufgefaßt als Preis für ihr Biagdtum. Die spätere Mitgabe jedenfalls urdeutsch. Auf weitere Einzelnheiten können wir dank der Eltern an die Braut, die Mitgift, war dieser eigen, nicht dem den Ansfürungen unseres Kollegen in seinem„Hochzeitsbräuche tc." Manne, ja sie konte von den Kunkelmagen, d. i. von den Ber- verzichten. Wanten der Frau, wieder angesprochen werden in bcstimtcn Fällen. Das folgende eheliche Leben selbst gestaltete sich derart daß Bemerkenswert erscheint uns übrigens noch, daß in ältester die Iran rechtlich eben, wie schon gesagt, in Mundschaft des Gatten Zeit Geschwister in deutschen Landen sich heiraten durften und stand, ja, auch die züchtigende Hand des Mannes fülle wie denn alle Berwantschaftsgrade, außer Stiefeltern ihre Stiefkinder, und selbst Siegsried wegen Ausplaudern eines Geheimnisses' sein Weib natürlich echten Eltern und Kindern; von crstercm Falle gab es straft, so daß der Dichter sagt, noch nie sei von einem auten jedoch auch Ausnamen in ältester Zeit. König Hermigisil befal Recken Weibes Leib so zerbläut worden! sogar auf dem Totenbett seinem Sone Radger, daß er seine Mit diesem Zeugnis der Unkultur nehmen wir für heute Ab- Stiefmutter eheliche, schied vom Leser. Er wird noch manches vermissen aber wir Auf die Verlobung folgte spätestens in Jaresfrist die Hoch- haben manches unsres Erachtens in einem ziveiten Abschnitt unter- zeit. Verbotene Heiratszeiten gab es in der heidnischen Zeit na- zubringen, der von den Einflüssen des Christentums mid von der türlich nicht, das ist eine Ersindung der Kirche. Brautfürcr, Zeit des Minnesanges handeln soll. Brauthaus eine Schaufel, wenn die Bittsteller kamen, da lief die Werbung schlecht ab; die Schippe geben heißt heut noch so viel wie einen überlästigen Werber oder Liebhaber abweisen! Auf die Verlobung folgt der Brautkauf. Es ist die Los- kaufung der Braut aus ihrer Mundschaft, daher hieß der Preis it der fünfjärigen irischen Königstochter Biadmynja. War der Mundschaz oder Walschaz; Geld in verschiedenster Abstufung der räutigam nicht selbst angesehen genug oder noch in Mundschaft, Summe, Vieh, Knechte, Mägde werden gegeben; serner waren phi fiipriiinnfpr nhpr Srputiii fiDiinfwnHirfi ipin ffftiinhinnft lange Zeit unerläßlich Rinder, ein gerüstet Roß, Lanze, Schild und Speer. Oft schenkt der Vormund den Walschaz der Braut, chens war nicht nötig; das kam erst später auf, sie, welche doch die Hauptperson dabei war, zu fragen. Das Alter der zu Verloben- den war das 20. bis 30. Jar! In höchsten Kreisen verkam diese Sitte am schnellsten, so vermälte(nicht verlobte) der norwegische König Magnus der Barfüßige seinen neuniärigen Sohn Sigurd mit Bräutigam so ist ein Berwanter oder Freund, beziehentlich sein Mundwalt der Fürsprecher der Brautwerber; schlimm war es, stand am 38- Von London nach North-Berivick. Zweiter Reisebrif aus Schottland von L.'DiereK. Wrlh of Förth.— Das Panorama von North Berwick Law.— Das „Reservegeschwader."— Zur Geschichte der Panzerflotte.— Flotten- Manöver vor den Häfen.— Schottisches Wetter.) Der Firth of Förth hat von der Stelle, wo sich der Förth meerbusenartig erweitert, bei Grangemouth, bis zur Insel Ätay, die schon als in offener See liegend betrachtet werden kann, eine Ausdehnung von etiva 50 englischen Meilen, an den breitesten Stellen sind die Ufer nicht mehr wie 10— 14 Meilen voneinander entfernt. Diese bescheidenen Dimensionen ermöglichen von mehreren Stellen aus Totalüberblicke, so vom„Arthurs-Size" bei Edinburg und ganz besonders vom sogeuauten North-Berwick Law aus. Dieses„Law" hat keinen Zusammenhang mit dem Worte law, lex, Gesez, sondern soll, wie die Etymologen wissen wollen, von dem angelsächsischen„hlaew"= Lorgebirge, Hügel abstammen. Wie dem auch sein möge, der Blick vom North Berwick Law ist an einem schönen Tage geradezu überwältigend. Bor uns liegt die weite Wasserfläche des Förth, aus welcher sich ganz nahe vor dem Auge ein mächtiger steiler Basaltfelsen, der Bay-Nock, erhebt. Das alte Schloß auf dem Felsen>var früher ein troz seiner pompösen Aussicht über Meer und Küste sehr ungemütliches Gefängnis, das z. B. im Jare 1671 eine Partie„Coveuanters" aufnam, eine Puritanerverbrüderung, die ihre Glaubensartikel mit eigenem Blut zu unterzeichnen pflegten. Wie Dr. Hartwig in Ostende mitteilt, komt es vor, daß bei uugewönlick starken Stürmen die Wellen bis fast an das Schloß hcraufsprizen, so bei dem gewaltigen Sturme vom 20. November 1827. Jezt sind die einzigen Bcwoner zalreiche Eidergänse, die ihrer Daunen wegen dort gehalten werden und die zu töten bei 5 Schilling Strafe untersagt ist. Die Tiere sind infolgedessen sehr zahm und verlassen kaum ihre Nester, wenn Besucher— was jezt selten genug vorkomt— diesen schlüpfrigen Felsen besteigen. Die Gänseriche sind Ware Musterfamilienväter. Wenn das Weibchen ihren Dauuenvorrat für die Ausfütterung erschöpft hat, so gibt das München umveigerlich sein schneeweißes und rosenrotes Pracht- kleid zum Besten seiner Jungen her. Das nördliche User des Förth bilden die Höhen in Fifeshire, die sich in den verschiedenartigsten Abschnitten und Formationen präsentiren. Westlich sict man bis zu dem Hafenstädtchen Burn- tisland, welches gerade gegenüber von Leith reizend gelegen ist und einen Lieblingsausflugsort für die Edinburger bildet. In dem Wasser zwischen beiden leztgenanten Pläzen heben sich deutlich zwei Inseln ab, Jnchcolm und Jnchkcith, die beide von großem Interesse sind. Jnchcolm ist nämlich die Hafenfestung und zu- gleich der Schlüssel zu Edinburg. Wenn man vorbeifärt, staunt man über die riesigen Kanouenläufe, die weit über das Wasser weg herausragcn und, wie mir eine alte Wasserratte versicherte, den Felsen ganz uneinnembar machen. Es ist sozusagen das schottische Gibraltar. Harmlos und friedlich ist dagegen Jnch- keith, das weiter landeinwärts liegt. Die Ruinen des alten Klosters iveisen ans eine sehr lange Geschichte hin, die bis ins 12. Jarhundert zurückreicht. Die Abtei von Jnchcolm war so reich, daß sie die Habgier der Engländer reizte, die zur Zeit Eduard III.(1327—77) das Kloster überfielen und plünderten. Der Himmel duldete aber diesen Frevel nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los, ein großer Teil der englischen Flotte litt im Förth Schiffbruch, der Rest war froh mit heiler Haut davonzu- kommen. Auf dem südlichen Ufer siet man ganz deutlich„Arthurs Siz", den gewaltigen Felsen, an dessen Nordseite die Hügel und Ter- raffen Edinburgs sich anlehnen. Er ist dadurch karakteristisch und prägt sich dem Gedächtnisse ein, daß er die Form eines schlafenden Löwen hat und unwillkürlich an den weltberühmten thorwald- sen'schen Löwen in Luzern erinnert. An ihn schließen sich die Pentlands, die Hügelkette südwestlich von Edinburg. Zu unserer Rechten erheben sich die Ruinen vom Schloß Tantallon und dahinter, soweit das Auge reicht, die Fluten der Nordsee, die erst in Norwegen die nächste Küste erreichen. Mein Aufenthalt ain Firth of Förth fiel in eine durch zwei Ereignisse ausgezeichnete Zeil— die Eröffnung des großen Edin- burg-Docks in Leith und den Besuch des„Reserve-Geschwaders" der englischen Panzerflotte. Wir haben uns oben ein wenig mit der britischen Handelsmarine bekaut gemacht, werfen wir auch einen Blick auf den Teil der Kriegsmarine, der bei der modernen Ausbildung der Kriegstechnik allein in Betracht komt, nämlich die mit Eisenplatten gepanzerten Schiffe. Eine ältere Idee, die Schiffe in dieser Weise gegen die verheerenden Wirkungen der Kanonen zu schüzen, ivurde erst nach den Erfarungen, die man im Krimkriege gemacht, in die Wirklichkeit uingesezt. Die russischen Hafenbatterien von Sinope und Sebastopol hatten mit großer Gemächlichkeit die angreifenden Holzfrcgatten der Alliirten zerstört, one daß diese imstande gewesen wären, sich nachhaltig zu ver- teidigeu. Napoleon III. ließ darnach das erste Panzerschiff, die „Gloire" erbauen, die 1860 von Stapel lief. Die nachfolgenden 2 Jarzehnte benuztcn die Engländer, um abgesehen von Kanonen- boten, schwimmenden Panzcrbatterien zur Hafenverteidiguug:c. eine Kriegsflotte von über einem halben Hundert Panzerschiffen des größten Kalibers fertig zu stellen, die als dem derzeitigen Stande der Technik entsprechend brauchbar gelten dürfen. Der Kostenpunkt spielte dabei für John Bull keine Rolle. Die Schiffe verursachten durchschnittlich per Stück 4—600 000 Pfd. St. oder 8—12 Millionen Mark Herstellungskosten. Dabei wurden Un- summen für Versuche verausgabt,' mehrere nach neuen Systemen gebaute Schiffe gingen bei den Probefarten zugrunde, so der „Captain" im Sommer 1870 mit 472 Mann bei Kap Finisterre und der„Vanguard", der 1875 an der irischen Küste vom„Iran Duke" in den Grund gerant wurde. Den bedeutendsten Posten bildete aber unzweifelhaft die Entwertung der„hölzernen Wälle", die so lange Jarhnndertc die Stärke und der Stolz Altenglands gewesen waren. So kamen von 1859—1867 nicht weniger wie 150 hölzerne Kriegsschiffe unter den Hammer und wurden sozu- sagen für ein Butterbrod losgeschlagen. Beispielsweise wurden damals 7 Linienschiffe und 6 Freechtten, die zusammen weit über 1 mill. Pfd. St. an Wert rcpräsentirtcn, für 87,513 Pfd. St., also etwa>/lz, abgesezt! Für die großen Rheder stellte sich im Gewinn- und Verlust-Konto dieser Posten natürlich auf die entgegeugesezte Seite! Die Veränderungen, welche im Bau der Panzerschiffe selbst in dieser Periode plazgriffcn, bezogen sich hauptsächlich auf die Stärke der Panzerfregatten, die von den anfänglichen 4>/z Zoll, die der„Warrior", das erste englische Panzerschiff aufwies, bis zu einer vierfachen Stärke hiervon bei den Fregatten 1. Klasse anwuchs, und sodann in der Verlegung der Gcschüze von den Schiffswänden in einzelne drehbare oder feststehende Panzertürme auf dem Verdecke, was eine direkte Folge war der im ameri- kanischen Bürgerkriege gemachten Erfarungen— man erinnere sich des berühmten Duells von„Merrimac" und„Monitor" aus jener Zeit. Nach diesen Gesichtspunkten, dem Kaliber und der Anzal der Kanonen, der Pfcrdekraft der Maschinen, der Geschwin- digkcit und Lenkbarkeit des Schiffes, und endlich dem Tonnen- gehalte des Schiffsraumes richtet sich die Einteilung der großen Panzerfarzeuge in 5 Klassen, von denen ich die entsprechenden Dimensionen für je eins der ersten und der fünften Klasse an- füren will. Das größte britische Kriegsschiff, und vielleicht auch das größte m der ganzen Welt, ist der„Inflexible", der mit 18 zölligen Platten im Gesamtgewichte von nicht weniger als 3155 Tons(d. s. einige 60000 Centner!) gepanzert ist und in Portsmouth, April 1876, vom Stapel gelassen ivurde. Die Kraft und Starke dieses Schiffes ist koncentrirt im mittleren Teile, der eine eiserne Citadelle bildet, halb über, halb unter der Wasserlinie. Zwei drehbare Türme enthalten jeder zwei 81 zöllige Kanouen, welche imstande sind, Geschosse von 1650 Pfund Gewicht mit einer Ladung von 300 Pfund Pulver abjufeueru. Der Tonnengehalt ist etwa 11 000, die Geschwindigkeit 14—15 Knoten in der Stunde, daS sind etwa drei deutsche Meilen, dieselbe Geschwin- digkeit, welche die schnellsten Personcndampfer zwischen Amerika und Europa haben. Mit diesem Prachtexemplare kann sich der schon criiiante„Warrior", der fünfter Klosie ist, nicht messen, ob- gleich auch'(cme Dimensionen und Leistungsfähigkeit wirklich er- '?ßo 1•U' T-r 389 �ng, hat eine Pserdekraft von p oo"«, einen �aaneiigehalt von 9137. Seine Armatur bestet aus 32 Kanonen un Kaliber von 6>/z— 9 Zoll. T n ä„ N o i e r v e g e i ch iv a b e t" umfaßte keine Schiffe erster oder zweiter Klage, ich muß aber gestehen, daß trozdcm seine 8 Eisen- 39 riesen, wie sie in Schlachtformation rangirt, in der Nähe von North�Berwick mir zu Gesicht kamen, einen wirklich impo- santen Eindruck auf mich machten. Die Schiffe waren in zwei Parallelzüge geordnet, jedes geleitet von einem Admiralschiffe. Diese beide fürten, in ganz gleichen Abständen folgten parwcise die übrigen sechs Schiffe. Sämtliche Farzeuqe Ivaren Dreimaster mit voller Tackelage, und erhöhte sich die Pracht dieser Ausstattung durch die zur Feier des Tages in Verwendung gelangenden Wimpel und Flaggen. Von Leith aus ging dem von Kopen- Hagen kommenden Geschwader eine ganze Flotille von größeren und kleineren Dampfern entgegen. Die Festkommission, die höchsten Beamten von Ediuburg und Leith, der Reklor der Universität, eine Anzal Parlamentsmitglieder und sonstige Honoratioren bc- fanden sich auf dem„Garth-Castle", einem ganz neuen Pracht- schiffe, das für den Verkehr nach Indien und dem Kaplande be- stimt ist. Ihm folgten alle nicht offiziellen Farzeuge, die für ein billiges Schaulustige zu diesem„Trip" mitnamen. Wir be- fanden uns auf dem„Carrick Castle," der für den schnellsten Raddampfer gilt, der im schottischen Gewässer zu finden ist. Er dient hauptsächlich zu Vergnügungsfarten im Sommer, wärend er im Winter im Küstcnverkehr Frachten befördern muß. Das Schiff bewärte seinen Ruf, indem es mit dem mächtigen„Garth- Castle" durchaus Schritt hielt und mit großer Eleganz die Panzerflotte, die mit einer Geschwindigkeit von 30 Schraubendrehungen in der Minute dem Hafen zulief, rund herum um- kreiste. Selbstredend waren wir bei der ganzen Affäre nur Zu- schauer, wir konnten aber die Manöver und offiziellen Begrü- ßungsfeierlichkeiten in voller Muße und ganz deutlich in Augen- schein nemen. Als der„Garth-Castle" dem Admiralschiffe auf Büchsenschuß- weite sich genähert, hißte er an Stern- und Hauptmast die eng- lische Flagge auf, welcher Gruß zuerst vom ersten Admiralschiff, dann der Reihe nach von den übrigen Farzeugen erwidert wurde. Alsdann erfolgte eine Reihe von Kommandos, welche auf das be- vorstehende Ankern Bezug hatten und ging das dem Geschwader zugeteilte Ordonanzschiff, beiläufig troz seiner geringen Dimen- fionen ein Dreimaster mit zwei Schornsteinen, der 16 Knoten in der Stunde leistet, mit Depeschen an den„Garth-Castle." Offen- bar bezogen sich diese auf die für den Rachmittag bevorstehenden Festlichkeiten und das an Bord des„Garth-Castle" präparirte Galadiner. Die längere Schilderung, die der„Scotsman," die große edinburger liberale Zeitung, am folgenden Tage gab, will ich übergehen und nur erwänen, welche Auszeichnung deni Prüsi- denten des Festkomitös, Sir Donald Currie, zu Teil wurde. Der Herzog von Edinburg widmete ihm einen Toast, in welchem er kvnstatirte, daß seiner Zeit nur durch die Hülfe des Herrn Currie die brifische Armee im Zululande, die völlig von Munition und Lebensmitteln entblöst im Fort Ekowe lag, vor dem Untergange gerettet werden mußte. Herr Currie ist nämlich der Chef der größten Rhedereifirma in Edinburg, die Wärend des Zulukriegcs einen Teil ihrer aus 22 transatlantischen Dampfern bestehenden Flotte, zu denen auch der„Garth-Castle" gehört, wenn ich recht unterrichtet bin, one Entgelt dem Staate zur Verfügung gestellt hatte. Die Rückfart in den Hafen von Leith war bedeutend ange- iiemcr als die Ausfart am Morgen gewesen war. Sämtliche { Schiffe waren beflaggt, einschließlich des französischen Kanonenbootes„La Muette," welches mit seiner meist aus Südfrankreich herstammenden Mannschaft zu jener Zeit gerade im Hafen lag. Die Molen waren mit Menschen überfüllt, die Kanonen von Suchkeith donnerten und, was für uns arme Zuschauer das erfreu- lichste war, der Regen hatte endlich nachgelassen, der den ganzen Tag beinahe ununterbrochen auf uns herniedergetränfelt war. Auch am folgenden Tage stellte er sich wieder ein und zwar in derartig verstärkter Auflage, daß wir darauf verzichteten, der durch alles mögliche militärische Aufgebot, durch Beflaggen der Häuser und ein volles Duzend Festreden verfürerisch ausgestatteten Festfeier zur Eröffnung des neuen und sehr großen edinburger Hafendocks beizuwoncn. Darauf möge übrigens jederman, der einen Besuch Schottlands unternimt, gefaßt sein, unter drei Tagen allermindestens zwei komplete Regentage zu haben. Bädecker, dessen Fürung(und nicht zu unserem Schaden) auch wir uns überlassen hatten, bemerkt als Generalnotiz:„Leider ist jedoch die schöne Westküste Schottlands sehr regenreich; in der Regel sollen für eine Hochlandsreise die Monate Juni und Juli am günstigsten sein; später ist gewönlich der Regen häufiger, wärend die Gasthäuser überfüllt sind." Ich kann bezeugen, daß das Prädikat„sehr regenreich" nicht nur für die West-, sondern auch ebenso sehr für die Ostküste oder sonst einem Teil Schottlands paßt und daß, wenn es einen Monat im Jare gibt, in dem der Regen noch häusiger als im Juli des Jares 1881 sein sollte, es meiner Schäzung nach noch in historischer Zeit sich zutragen muß, daß das ganze Land bis auf den Ben Nevis und einige andere Spizen in den Grampians vom Regen heruntergewaschen und in die Fluten des Meeres gespielt wird. Alter ehrwürdiger Brocken, der du uns Deutschen für den Inbegriff unzuverlässigen und regnerischen Wetters giltst, wie glänzend stehst du da diesem Regenlandc gegenüber, von dessen Merkwürdigkeiten mich das eine jedenfalls am meisten Wunder nimt, wie es seinen männlichen Belvonern hat einfallen können, anstatt die stärksten Flanell- Unterkleider einzufüren, auf eines der allerunentberlichsten Klei- dungstücke völlig Verzicht zu leisten! Wer Ivagt da noch an dem alten hegel'schen Axiome festzuhalten:„Was ist, ist vernünftig!?" Dtr Kavton Appeujell, seine bewaffnete Fandsgemeinde und feine histarische Entwicklung. Kulturgeschichtliche Skizze von Karl Stichler.(1. Fortsezung.) Abt Cuno verlangte jezt von den Reichsstädten die Auflösung es*»Bundes am See" und suchte den Beistand der Städte gegen e Appenzeller zu erlangen. Zehn dieser Städte beschickten die �-agsazung zu Ravenbnrg(27. Juni 1401) und stimten im all- gemeine,, dem Abte zu. Die Appenzeller hatten sich jedoch schon iTm'ch™ mit den Bürgern von St. Galle» verbündet(17. Jan. �yl); als der Abt ihnen nun befal, dem Bündnis mit den w. an"« entsagen, ergriffen die ungeduldigen Bergbewoner ein Tj�fen und der erschreckte Abt schloß sich im befestigten Wyl nis n? eine neue Tagsazung den Appenzellern jedes Bünd- s verbot und die St. Galler vom Bündnis infolgedessen zurück- KiiiS' Achten die Appenzeller sich mit den Schwytzern zu ver- o".en- Dreißig Abgeordnete von Appenzell beschworen das hm k � 0011 Schwytz, als sie in der Ortschaft Schwytz mit den n den Gegnern gefürchteten Jtal Reding Handschlag und Gruß meaffetten. Ivlgen blieben nicht aus, die Reichsstädte standen dem ote von St. Gallen bei und am 15. Mai 1403 kam von St. if..�er e'ne Armee von 5000 Mann, die aus Reitern, Arm- uistschüzen und speertragendem Fußvolk bestand. 2000 mit ii«k r �töaffnetc Männer bildeten die Spize dieses Heerhaufens w /hchlen durch einen Holweg die Anhöhe von Vögeliseck, wo 1 zt die Orffchaft Speicher liegt, zu erreichen. Die Appenzeller, >rch 200 Glarner und 300 Schwytzer verstärkt, ließen sich durch | den gewaltigen Heerhaufen ihrer Feinde nicht erschrecken; ehe noch der Tag sich zu Ende neigte, waren die reichsstädtischen Scharen in wilder Flucht begriffen, die beiden Bürgermeister von St. Gallen im Handgemenge gefallen und die Banner von Lindau, Buchhorn, Ueberlingen und Konstanz befanden sich als Siegestrophäen in den Händen der Appenzeller. Noch auf dem Schlachtfelde berieten nach Beendigung des Kampfes Bürger von St. Gallen ein neues Bündnis mit den Appenzellern. Schwytz stand treu zu den neuen Bundesgenossen, bis die schweizerische Tagsazung, arge Verwicklung befürchtend, Schwytz zur Aufgabe des Bündnisses zu bewegen suchte. Als der Abt von St. Gallen nun den Herzog Friedrich von Oesterreich herbeirief, mußten die Schwytzer die Appenzeller ver- lassen, weil sie im eidgenössischen Bunde dem Herzog gegenüber einen zwanzigjärigen Frieden beschworen hatten. Doch riet der schwytzer Landmann Jtal Reding den Appen- zellern in wolmeincnder Weise:„Wälet zum Feldhauptmann den ' Grafen Rudolf von Werdenberg, welchen der Herzog von Oestrcich seiner Besizungen beraubt hat." Der bcsizlose Werdenberg übernam die Fürung des Berg- Volkes und bekleidete sich gleich den übrigen im Volke mit leinenem Kittel. Am 17. Juni 1405 siegte unter Benuzung lokaler Vorteile nach sechsstündigem Gemezel Werdenberg mit ca. 400 barfüßigen t"».............. Appenzellem über die Truppen des Herzogs Friedrich, und 900 erschlagene Feinde bedeckten das Schlachtfeld, Wärend �die tapferen Appenzeller die eroberten Banner von Feldkirch, Schaffhausen und Winterthur davontrugen. Die Appenzeller hatten durch Ausdauer und Tapferkeit ge- siegt; ein neunjäriges Bündnis mit den Bürgern St. Gallens, die erzwungene Rückkehr des Abtes in seine Hauptstadt, die Ein- sezung ihres Bundesgenoffen Rudolph von Werdenbergs in das Erbe seiner Väter waren die ersten Früchte der Siege. Aber nicht genug damit, die Bevölkerung des„Ländli's" fülle jezt ihre Stärke;„denen von Schwytz" half nian, als dem Herzoge von Oesterreich das Wäggital und die untere March weggenommen wurde, dann bemächtigte man sich des Rheintales und drang bis Landeck vor, alles Volk zum Aufstande, zur Befreiung aufrufend. Als die Züricher, Frieden mit Oesterreich wünschend, einen Waffenstillstand(1406) vermittelten, trat Waffenruhe ein, aber ein Jar später begann der Kampf von neuem, um fünf Jare zu dauern. Die Appenzeller, vereint mit den Schwytzcrn und unter- stüzt von den Voralbergern, waren an den Ufern des Inns und der Thür, sowie in den Gegenden am Bodensee bekant und ge- fürchtet. Mehr als sechzig Burgen wurden erstürmt und deren einige dreißig niedergebrant. Frauenfeld, Konstanz und Bregenz durch Heerhaufen des Adels verteidigt, wurden von dem gefürchteten Hirtenvölklein wiederholt belagert, und Rudolph von Werdenberg teilte sich mit Landammann Kupferschmid in die Fürung der Plözlich unternemungslustig und tatendurstig gewordenen Hirten. Als selbst der Graf von Toggenburg ein Bündnis mit den Appen- zellern schloß, hielt König Ruprecht von der Pfalz es für nötig, den Appenzellern die Unterwerfung unter den Fürstabt von St. Gallen zu befelen und wartete zehn Tage in Heidelberg auf die Abgeordneten, die er dorthin beschieden hatte(6. August 1409). Reichsacht und Kirchenbann traf die ungefügigen Appenzeller, dessen ungeachtet erklärten die versammelten 12 Rhoden(Bezirke): „Wir ziehen den Tod dem Verluste der Unabhängigkeit vor." Ein Gericht, ein Banner, ein Gesez und eine Landsgemeinde sollte fortan die Bezirke einigen und nach außen zum Widerstande kräftigen. Abt Cuno, der Widersacher des Volkes, segnete das Zeitliche; drei Könige stritten im deutschen Reiche um den Tron, und drei Gegenpäpste rangen um die Oberherschaft der abendländischen Christenheit, als einer derselben, Johannes XXlII., die Aufhebung des Kirchenbannes in Appenzell(Oktober 1410) verkünden ließ. Am 24. November 1411 erhielten von der Tagsazung zu Zug die Abgeordneten Appenzells ein Burg- und Landrecht unter der Bedingung,„keinen Krieg zu unternemeu one den Willen der sieben vertragschließenden Kantone." Im Jare 1489 sind die Appenzeller wieder mit ihren alten Freunden, den Bürgern von St. Gallen, gegen den heischenden Abt verbündet. Der Abt Ulrich Blösch war der schier dreißig Jare wärenden Fehde gegen die Bürger St. Galleus überdrüssig geworden und beschloß, die Stadt St. Gallen für immer zu ver- lassen. Zu Rorschach wurde auf Kosten des Fürstabtes ein prächtiges Kloster aufgefürt, und alle Anzeichen schienen zu beweisen, daß der Siz des Prälaten in kurzer Zeit nach Rorschach verlegt werden sollte. Grimm erfüllte die Herzen der Bürger von St. Gallen; man rief die Appenzeller herbei; ein Aufstand, vom Bürgermeister Farnbüler geleitet, brach aus, und am 23. Juli 1489 zerstörte und zertriimmerte ein„Gewalthaufe" der St. Galler und Appen- zeller den Palast in Rorschach. Ein eidgenössisches Heer von 16 000 Mann half dem Abte im darauffolgenden Jare(8. Februar 1490). St. Gallen mußte sich wieder unterwerfen, und der rorschacher Vertrag(15. Febr. 1490) ließ wol die Rechte der freien Stadt bestehen, brachte aber die Buße von 13 000 Gulden über die St. Galler. Wärend den Appenzellern das Rheintal genommen und dasselbe zu einem „gemeinsamen Untertanenverbande" der Eidgenossen ge- macht wurde. � �„ Auch Kaiser Maximilian, der lezte Ritter, sah die Appenzeller gegen seine Truppen kämpfen, als die Fürsten Deutschlands und die Bevölkerung einiger an die Schweiz grenzenden Landesteile zum Kriege, zum Kreuzzuge gegen das„mit Verbrechen aller Ilrt vertraute Kühervolk"(damit waren die Eidgenossen lnsgeiamt gemeint) aufforderten. �, Mit Beginn des Jares 1499 sielen 10 000 Kaperliche ins Münstertal ein, worauf die Bündner mit den Eidgenossen in Vorarlberg eindrangen und nach dem Siege bei Treffen(15. Febr.) und der Einname von Meyenfeld die ganze Gegend bis Feldkirch noch im selben Monat unterwarfen. Als am 20. Februar(1499) zehntausend Eidgenossen unwr ihrem Fürer, dem Freiherrn Ulrich von Hohensax, die gleiche Anzal der deutschen Truppen nach Niedermezelung von mehr als einem Vierteile derselben in die Flucht jagten, war es eine Hülfs- schar der Appenzeller und St. Galler, die Wärend zweistündiger Dauer, bis an den Gürtel in den eisigen Fluten des Rheins stehend, den Eidgenossen Beistand leistete. Troz aller Siege der Eidgenossen konte zwar der Plan, den 90 Jare früher der schwytzer Landammann Jtal Reding gehegt hatte, Vorarlberg und Tirol der Eidgenossenschaft zu gewinneu, nicht mehr verwirklicht werden, aber Kaiser Maximilian hatte dafür erfaren, daß das„Kühervolk der Berge" seinen Gegnern Widerstand leisten und große Verluste zufügen könne._ Die Appenzeller waren seit 1411 unter schweizerischem Schuze; später gehörten sie schon den zngewanten Orten an, am 16. Dezember 1513 erfolgte die Aufname als unabhängiger Stand �iu die Eidgenossenschaft, und Appenzell war nun dreizehnter Ort (Kauton) in der Eidgenossenschaft, die in dieser Form bis 1798 existirte. One Zustimmung der Eidgenossenschaft durften die Appenzeller fortan weder Kriege unternemen, noch Bündnisse schließen und im Falle die Eidgenossen sich befehdeten mußte Appenzell, ebenso wie Schaffhausen und Basel, strengste Neutralität beobachten. Als der reiche und gebildete Bürgermeister Vadian, erster bekanter Besteiger des Pilatus, in St. Gallen die Bürger der Stadt für die Reformation begeisterte, als die Konventualen aus- gewiesen und die katolischen Mitglieder des Rates ausgeschloffen wurden, als auf mehr denn vierzig Wagen die zalreichen Rcli- quien und Bilder am 23. Januar 1529 aus der Stadt St. Gallen hinaustrausportirt wurden, fand die Reformation auch im Kanton Appenzell Eingang. Bürgermeister Vadian war im Appenzell gut bekant und infolge dessen fürten viele Gemeinden die Predigt ein, wärend in manchen Gemeinden des Ländchens Messe und Predigt, Katolizismus und Reformation in bunter Reihenfolge abwechselte». (gortskzung solgt.) Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Majt �ogker. (2. Forsezung)- Meister Barthold hatte nur eine kürzere Strecke zu gehen brauchen, um die Schmiede zu erreichen. Es war heut still in der lezteren, kein Hammerschlag ertönte, kein Ambos erklang, kein Blasfeuer glühte,— zur Kirchweih hatte auch die Werkstatt Rast. Durch die niedere Tür trat der junge Mann in einen nicht viel höheren, mäßig geräumigen Flur, durch den eine unruhig flackernde Lampe trübes Licht verbreitete. Aber Reinlichkeit und Ordnung war umher, soviel konte man erkennen. Ruhig streckte der Ein- tretende seine Hand nach der blanken Klinke einer zur Rechten gelegenen Türe aus und schritt durch diese in ein ebenfalls nur schwach erhelltes, aber ziemlich großes Zimmer hinein. Sein Gang war wieder langsamer, gleichmäßiger geworden; er schi� stch zusammenzunemen, um niemand anderen, den er etwa dem lezteren antraf, die ihn beherschende Unruhe merken zu lassen- Einer gegenüber freilich, die er in der schlicht, aber behaglich eingerichteten Wonstube anwesend fand, hätte er diese Vorsicht kaum nötig gehabt: sie saß in einem großen Lehnstul an eincin der iicnster, die nach dem Hofe wiesen, im Dunklen, einfach schwarz gekleidet und still die Hände im Schoß zusammengefaltet, � /'ne alte, bleiche Frau, unter deren weißer Haube sich verein- zelte Silberstränen hervordrängten, die ihr allerdings noch imnier volles Har durchziehen mußten, und die wehmütig auf den Spinn- sy"" rocken zu blicken schien, der vor ihr in der tiefen Nische des Fensters stand. Bei dem Eintritt des jungen Schmiedes schien sie sich wol erheben zu wollen, saß aber gleich darauf wieder nieder, als in demselben Angenblicke eine andere Frauensperson hereinkam, die eine klarer leuchtende Lampe, als die, welche schon ans deni Tische in der Mitte des Zimmers stand, mit sich trug und neben iene_ auf diesen niederstellte. Sie war offenbar im Hause be- dienstet: ein starkes robustes Mädchen mit etwas groben Gesichts- Zügen und fast zu lebhaft geröteten Wangen, dessen erste, zarteste Jugendblüte augenscheinlich schon vorüber war. Sie ging mit schwerem, lauten Tritt, wie sie sich nochmals hinausbegab, um alsbald mit dem jedenfalls bereit gehaltenen Abendessen für den Schmied zurückzukehren. Der lezterc hatte sich nach kurzem Gruß gegen die im Hinter- gründe des Zimmers sizende Frau auf einen Holzstul am Tische niedergelassen, und vor ihm sezte nun das Mädchen die Malzeit zurecht: eine dampfende Suppe und Braten niit grünem Salat, Weißbrot und Butter. Sie hatte vorhin, als sie die große Zimmerlampe auf den Tisch stellte, vergessen, die schon zuvor trüb dort leuchtende hinwegzunemen, und es bedurfte jezt erst einer Erinnerung ihrer Dieustherrin, jener soeben erwänten blassen Frau, daß sie es tat. Die mit leiser, trauriger Stimme gesprochenen Worte der lezteren ließen den Schmied, der langsam den Löffel zum Essen aufhob, nach der dunklen Nische, wo sie saß, hinübcrblickcn. „Schmerzen die wunden Augen euch wieder heftiger, Meisterin?" fragte er weich, mit deutlich erkcnbarer, inniger Teilname zn ihr hin, und jene wante ihm, sich in ihrem weich gepolsterten Stulc leicht nach vorn beugend, ihr blasses, kummervolles Antliz zu. „Ja, seit lezter Nacht, Jodbi!" autwortete sie trüb.„Aber laßt's euch nicht kümmern;— hat die Marei gut zur Nacht gekocht?" „Seht ihr schlechter denn gestern?"— ftagte der junge Mann dagegen, indem er den Löffel faren ließ. „Am linken ist's Licht karg!" antwortete die blasse Frau wie ausweichend, indem sie sich wieder tiefer in ihren Stul zurück- lehnte und das Gesicht abwantc, um dem andern keine Gelegen- heit zu weiterer Frage zu geben und ihn ungestört essen zu lassen. Dieser aber nam auch jezt den Löffel nicht wieder in die Hand, sondern drehte die Stirn vielmehr noch teilnamsvoller zu ihr hinüber. „Wollt ihr dann nicht wieder zu St. Ottilien, wo der heilige Quell fließt, Meisterin?"— ftagte er mit inniger Wärme.„Ein Tropfen des Wnnderwassers und ein andächtig Gebet"— „Laßt's, Jobbi!"— unterbrach ihn die Alte kopfschüttelnd und niedergeschlagen.—„Was braucht's des weiten Wegs und des geweihten Wassers,— ein andächtig Gebet wird mir helfen, daß wie das linke auch das rechte sich schließt und es Nacht ist und Ruhe für immer!" „Ihr sprecht zu traurig,— das darf nicht sein, Meisterin!"— versczte der Schmied.„Ihr müßt zu St. Ottilien, und wenn ihr wollt, so bring ich euch hinab!" Er hatte es lebendig, erregt, fast wie in großer Besorgnis gesprochen. Die Alte bewegte nur abwehrend die Hand und er- widerte nichts. Da trat Marei, die Dienstmagd, wieder herein und sah ver- wundert, daß der Teller des Schmieds noch bis an den Rand voll war und daß er den Löffel unberürt darin ruhen ließ. Auf die zusprechenden Worte des Mädchens hinfürte er den lezteren wieder zum Mund und hatte die Suppe bald ausgegessen. Als sie aber, nachdem sie wieder hinausgegangen, abermals herein- trat, bemerkte sie zu ihrer noch größeren lleberraschung, daß er den dustenden Braten beiseite geschoben hatte und wieder still vor sich hinblickend saß... „Ihr eßt nicht. Meister!"— sagte sie mit einer gewisten Aengstlichkeit und Scheu.„Ist's nicht gut?" Der Schmied schüttelte das Haupt., „Nein, Marei,— lecker und schmackhaft, und ich lob' euch drum, daß ihr's so wol gemeint zur Kirchweih,— aber wär's noch besser,— ich möcht's heut nicht!". Er hatte die ersten Worte fast herzlich und zögernd gesprochen; die lezten stieß er schnell und mißmutig heraus, indem er den großen Teller mit dem Braten noch weiter beiseite schob. Das Mädchen war in sichtlicher Berlcgenheit und schien, dem Tische noch einen Schritt näher ttetend, bei sich zu bedenken, ob sie nach dem Grunde seiner Mißstimimmg, heute, am Tage der ' Kirchweih, fragen sollte. Aber die Entschiedenheit, mit der er die speise abgelehnt, und die tiefe Furche, die dabei plözlich auf seine Stirne getreten war, ließ sie nicht weiter reden. „S'ist mir leid d'rum, Meister!"— sagte sie nur.„Aber ich Hab' noch eins draußen stehen, und ich bitt', mir die Ehr' nicht zu verweigern, wenn ich's auch hereintrage. S'ist Kirchweih heut, und da will auch die Pfann', über'm Herd dem Herrn'was zu gut tun,— ich geh', es euch zu holen." Sie sagte es halb verdrossen, halb freudig in dem Gedanken, wie sie ihn sicher mit dem Erzeugnis ihrer Kochkunst über- raschen werde. Der junge Meister hob verwundert den Kopf und sah nach der Tür. Dann krauste sich plözlich seine Stirne noch mehr, leise Röte flog in seineni Antliz auf, und er blickte wieder nach der Nische, wo die Alte, wie zuvor, die Hände im Schoß, still in Gedanken saß. Es mochte ihn wol gereuen, daß er nun doch so unvorsichtig den ungewont erregten Zustand seines Inneren zu erkennen gegeben, und er fürchtete jedenfalls, daß sich diese jezt mit teilnamsvoller Frage an ihn wenden werde. Aber sie blieb stumm und rürte sich nicht. Nichtsdestoweniger verdroß es ihn heimlich, daß doch unzweifelhaft das Mädchen aus seinen lezten Worten auf die Erregtheit seines Gemüts hatte schließen müssen, und er für sich hastig über die Stirn und ging, sich unruhig von seinem Stul erhebend, rasch ein par mal in der Stube auf und ab. Dabei bewegten sich seine Lippen leise, daß es schien, als füre er ein verdrießliches Gespräch mit sich selbst. Es dauerte nicht lange, bis Marei wieder über die Schwelle trat. Sie hatte ein großes, wolriechendes Gebäck bereitet; reich- (ich mit Zucker bestreut, sah es auf dem blanken Zinnteller gar einladend und verlockend aus. Der, für den es bcstimt war, ging wieder an den Tisch und ließ sich auf seinem vorigen Plaze nieder. Marei blieb, ihn er- wartungsvoll anblickend, daneben stehen, und ihre Augen leuch- teten freudig, wie sie sah, daß er von dem Gebäck mit äugen- scheinlichem Behagen zu essen begann. Aber ihre Freude wärte nicht lange; denn schon nach den ersten Bissen legte er die Gabel wieder weg und schickte sich an, auf's neue vom Tische aufzustehen. „Ihr habt's verstanden, und es macht euch alle Ehr',"— sagte er freundlich und sie flüchtig ansehend—„aber ich Hab' heut schon genug, spart's auf morgen!" Uebcr des Mädchens Gesicht ging ein leichter Schatten, und sie zupfte, verlegen wie noch nie, am bunt gestreiften Miedertuch. Sie wendete sich nach dem Meister um und wollte jezt, mehr entschloffen als zuvor, offenbar tiefer in seine Seele dringen, um die Ursache seines seltsamen Benemens zu erkunden. Aber nun kam ihr die blasse Alte in der Fensternische zuvor. „Ihr mögt heut nicht essen, Jobbi!" sagte sie venvundert und besorgt und ihr Gesicht ihm wieder zudrehend.„Kam euch etwas in den Weg, widerfur euch ein Uebel, daß ihr alles zurückweist? — Es wird die Marei schmerzen, sie hat sich Müh' geben d'rum und mir den ganzen Nachmittag g'schwäzt, wie sie euch eine rechte Freud' zu machen gedacht!" „Bergelt's Gott, und ich dank's euch, Marei!"— sagte er weich und reichte der Dirne, die den Schürzenzipfel an die Augen fürte, seine Hand hin.„Aber ihr müßt's heut schon gut sein lassen!" Und dann trat er der Alten, die sich, beide Arme auf die gepolsterten Lehnen des Stules gestüzt, halb emporgerichtet, näher, daß sie ihn deutlicher zu erkennen vermochte und sagte fester und mit einem erzwungenen Anflug von Munterkeit: „Seid one Sorg', Meisterin,— der Jobbi ist so frisch und gesund wie stets. Ihr sollt's hören, wenn morgen der Ambos klingt!" Er richtete sich dabei, wie um seine beruhigende Versicherung durch diesen äußerlichen Beweis noch gewichtiger zu machen, hoch empor und schlug mit der Hand kräftig aufs Herz. Dann schrit, er, mit kurzem Wort den beiden eine gute'Nacht wünjchendt hinaus. In den Augen der Marei aber glänzte es jezt wirklich feuchte und ein par dicke, helle Tränen hingen sich an ihre kurzen, steifen Wimpern. Sie hatte sich in der Tat keine Mühe verdrießen lassen, um dem jungen Ate ister ein schmackhaft Kirmesessen vor- zusezen,— nun sollte es seine besten Vorzüge, die Frische und den angenemcn Duft, einbüßen, bevor er dasselbe genoß, sie sollte es aussparen bis morgen, hatte er unverständig gesagt,— als ob es dann noch die weiche, saftige, schön glänzende Speise von heute sein fönte! Sie sollte nach dem Nachtmal zum Kirchmeihtanz gehen dürfen, — die Meisterin hatte es ihr gesagt; aber sie wußte nicht, ob sie es nun tun würde. Ihr Kopf neigte sich traurig auf die Seite, als sie sich endlich anschickte, das Essen wieder hinauszn- tragen, und von ihren Augen perlte es immer noch, als sie die verschmähten Speisen in der Vorratsfainmer neben der Küche nieder'tellte..... In der Torfschenke hatte unterdessen die Lustbarkeit der Kirmes- seier ungestörten und immer ftölicheren Fortgang. Auch der Holz- bauer befand sich nun im Sal und ließ seiner munteren Laune vollen Lauf. Er hatte an diesem Tage schon einen weiten Weg hinter sich und schien sich jezt um so reichlicher für die Mühen desselben entschädigen zu wollen. Aus den Bergen war er herab- gekommen, um heute im Dorfe zu rasten und in den nächsten Tagen in den Ortschaften der Ebene seinen Geschäften, die er in ziemlich ausgedehnter Weise betrieb, nachzugehen. Kaum vor einigen Minuten hatte er den Sal betreten, und schon nam er den lebendigsten Auteil an der Unterhaltung, die au vei» lezten der an der einen Seite desselben aneinanderge- reiten Tische gepflogen wurde. Mehrere junge Burschen waren dort zusammengerückt und qualmten aus ihren kurzen Tonpfeifen und sprachen dem Weine tüchtig zu. Das Wort fürte derselbe junge Mann, der, als Helene Hegmar dem Schmied den Tanz abgeschlagen, mit dieser wie in frechem Triumphe durch den Sal gewirbelt war, und eben jener schnell vorübergegangene Zwischen- fall war es, um den sich auch jezt noch das Gespräch der um den Tisch Herumsizenden drehte. Je rascher dem Holzbauer jezt deutlich wurde, warum er vor einer halben Stunde den jungen Meister so ivortkarg und verstimt getroffen, desto hastiger ergriff er nun auch die Gelegenheit, auf das entschiedenste für ihn ein- zutreten. Denn er war eine kernhaste, ehrliche Jtatur, von einer Biederkeit, wie man sie nur selten antrifft, ein warmherziger, streng auf's Recht sehender Mann, der es seiner sonst allzeit regen muntere» Laune zu danken hatte, daß man ihm manches vielleicht allzu derbe Wort, das er sprach, nicht gar hoch anrechnete. Er hatte schon manche minder kräftige Aeußerung zu der Unter- Haltung der jungen Burschen, zwischen denen er sich vor einer vollen Flasche niedergelassen, gegeben, als er— warnemend, daß alle wider den jungen Meister Partei ergriffen— plözlich entschiedener drein für. „Hol's der Rangen und sonst wer!"— brckch er, gegen den Hauptsprecher gewendet, los.—„Wozu das ganze Gered'?— Ist der Jobbi ein Ehrenmensch, dem's Herz klopft, wie's soll, so kann er eurer aller Achtung verlangen,— was ihr sonst noch plärrt, ist müssig Gelärm!" Die Köpfe der Burschen alle füren herum, und sie sahen dem Holzbauer ins Gesicht, als ob sie sich überzeugen wollten, daß er im vollen Ernste geredet. .„Oho, Holzbauer!"— erhob sich zugleich von jeder Seite un- gestumer Widerspruch.„Ihr weint,'s sei dabei gleich, zu was pch die Hand gerürt?— Oho, Holzbauer, euer Kopf fürt schief! Er hat sich gegen uns ins Feld gestellt, er hat gewütet wider unser eigen Fleisch! Der Barthold ist ein Dunkelschleicher, ein Aufpasser, der uns das Wort wendet und verträgt, so wie wir's gesprochen! Und wenn ihr ihm das Wort redet, Holzbauer, so leid ihr» auch,— es sollt' uns leid tun, Holzbauer— so seid ihr's auch!" Dem Angeredeten zuckte es zuerst seltsam um den Mund, wie alle diese Stimmen in wilder Erregung auf ihn eindrangenj seine Stirn faltete sich tief, und aus seinen Augen blizte es zornig. Dann schob er doch nicht allzu heftig den drohend vor ihn hingehalteneu Arm des Hauptsprechers von vorhin, der es auch jezt in der Lebendigkeit seiner Worte den anderen zuvortat, bei- feite und richtete sich, als er sah, wie ihm dessen Blicke tief un- willig, feindselig fast entgegenfunkelten, direkt gegen diesen. „Poz Bliz, redet ihr weise!"— versezte er, gezwungen auf- lachend.„Gewütet'? Hat er nicht nach dem Aufgebot gehandelt wie ihr. war er nicht seines Fürsten Soldat wie ihr des Kaisers? — Flucht jenem oder diesem, wenn ihr's wollt!— Gewütet?— Mußte er sich nicht des Feindes wehren gleich euch, und habt ihr nicht eben so hizig losgeschlagen auf sie, die Bewoner seines Lands?— Ihr, Friz Kolin, tragt ihr nicht dort das Ehrenzeichen für enffchlossenen Kampf am Band an der Brust?— Geht, geht, — wer mag anders in offener Feldschlacht,— fluchwürdig nur, wer aus heimlicher Färte den Toten und Sterbenden, nach Gold suchend-- Geht, Friz Kolin, ihr habt einen ehrbaren Bater, aber—" „Holzbauer, mit der Red' still oder meine Faust!" knirschte jezt der junge Mann, dem diese Worte besonders gegolten, und der bei ihnen von seinem Stul emporgesprungen war und wütend den Arm wider den Holzbauer erhoben hatte. Er mußte fürchten, daß jener etwas auszusprechen im Begriff war, wodurch er die Ehre seines Vaters auf das stärkste angegriffen hätte. Der Holzbauer verzog keine Miene bei der drohend gegen ihn gerichteten Stellung Friz Kolin's, aber es klang etwas gemäßigter, als er erwiderte: „Ihr wollt gegen mich schlagen, Friz Kolin,— und wenn ihr's tut, ihr werdet doch nichts daran ändern, daß der Meister Barthold zehnmal mehr Ursach zum Groll hätt' wieder euch, wenn er gedenkt, was man seinen Kam'raden getan!" Jener wollte noch nicht zurückweichen, sondern stand auch jezt noch, das ganze Gesicht von dunkler Zornröte übergössen, dem Sprecher gegenüber. Indes einige der anderen hielten ihn zu- redend zurück; mit lautem Geräusch nam er wieder auf seinem Stule Plaz und stürzte, wie um seinen Unwillen darin zu ertränken, in wilder Hast ein volles Glas hinunter. Dann saß er, den Kopf trozig in die Rechte gestüzt und blickte zornig heraus- fordernd auf den Holzbauer hin. Es entstand eine kteine Pause, wärend welcher jeder erwartungsvoll aufzumerken schien, was nun kommen würde. Das dauerte aber nur sekundenlang. Tann regte es sich wieder zu neuem Widerspruch in der Runde, und es hätte nur der gleichen Zähigkeit von Seiten des Holzbauers bedurft, um den Streit zu noch ernstlicherer Wendung kommen zu lassen. Er mochte sich aber, so leicht es ihm gewesen wäre, die wider ihn erhobenen Gegenreden scharf zurückzuweisen,— denn er hatte sich bei seinen häufigen Reisen in den Dörfern und Städten umher eine ziemliche Geivantheit, seine Worte zu füge», angeeignet— er mochte sich selbst eingestehen, daß er vielleicht schon etivas zu heftig geworden und daß es ihm doch nicht gelingen werde, die um ihn Versaininelten auf einmal von ihrer vorgefaßten Meinung abzubringen. Es hatte sich, zumal infolge des überlauten Ge- sprächs, um die lezteren noch eine größere Gruppe gebildet, und es konte ihm nichts daran liegen, durch noch mehr gesteigerten Hader die gesellige Freude, die sonst im Sale herschte, zu stören, obschon es den meisten der ihm zunächst Sizenden ersichtlich schwer wurde, auch ihrerseits sich zu mäßigen und einen gelinderen Ton anzuschlagen. Gemeinsames vergnügliches Trinken und Helles Aneinanderklingen der Gläser schaffte dann vollends wieder versönliche Stimmung und allseitige Frölichkeit. Freilich, der Friz Kolin zögerte auch dann noch, mit seinem Glas an das des Holzbaueru anzustoßen, und er sah manchmal mißtrauisch und feindselig zu ihm auf, als wolle er glauben, daß dieser ihn auch mit dem und jenem seiner ferneren Worte zu verlezen suche. Die Mehrzal der Burschen hörte, wenn nicht dann und wann einer von ihnen sich erhob, um eine Dirne zum Tanz zu füren, jezt dem Holzbauer aufmerksam zu. Er erzälte in seiner inun- teren Weise oon den Schmugglern, die mit größerer Kühn- heit als je droben am Kamm des Gebirges, wo die neue Grenze lief und sein Wonhaus stand, ihr gefärliches Handwerk trieben, one daß es den Aufsehern auch nur in einem einzigen Falle ge- linge, sie dabei zu stören und des einen oder des anderen Hab- Haft zu werden, und solch' abenteuerliche Geschichte gefiel den jungen Leuten wol. Nur eben Friz Kolin schien den Worten des Erzälers kein besonderes Gefallen abzugewinnen. Er hatte schon wiederholt unruhig sein Glas geleert und war, mißmutigen Ausdruck im Gesicht, aufgestailden, um Helene Hegmar zum Tanz abzuholen; schließlich kehrte er garnicht wieder an den Tisch zurück und war desto häufiger an der Seite des schönen Mäd- chens, die lebhaft und vertraut mit ihm sprach, und mit der man ihn am Abend noch oft, allen anderen Paren voran, sich durch den Sal wiegen sah..... (ForNezung folgt.) Der Boden unv sein Zusammenhang mit der Gesundheit des Menschen, lieber dieses Tema sprach am 18. September— dem Eröffnungstage— auf der 54. Naturforscherversamlnng zu Salzburg, der Geheimrat Pros. Pettenkoser aus München in längerem Vortrage, dem wir folgendes entnemen. Als Siz der Krankheitsursachen werde bisher vorwiegend die Lust und das Wasser angenommen, wärend doch alles Wasser in gleicher Zusamensezung vom Himmel fällt und erst im Boden durch Verbindung mit anderen Stoffen seine Veränderung er- särt. So sei auch von völlig stagnirender Luft selbst in den engsten und tiefsten Schluchten keine Rede, indem dieselbe bei völligster Wind- stille sogar Meter per Sekunde zurücklege.„Wenn ein Ort in Be- Ziehung auf die Gesundheit besondere Eigenschaften ausweist, so müssen sie aus den Boden zurückgesürt werden." Der Boden ist es demnach, der den größten Einfluß auf die menschliche Gesundheit übt, wie bei- spielsweise am deutlichsten die Epidemien zeigen. Bekant ist seit längerer Zeit, daß die Malaria(Sumps-)fieber aus Bodeneinflüsse zu- rückzusüren sind. Wärenddem suchte man bis vor kurzem die Krank- keitsträger des Typhus und der Cholera in der Lust und im Wasser, bis neuere Beobachtungen den Erweis brachten, daß auch hier in vielen Fällen die Ursache des epidemischen Austretens im Boden zu suchen sei. Ais bester Beweis für die leztere, neuerdings gewonnene Ansicht gilt die Tatsache, daß Orte wie Lyon, Salzburg, Versailles u. a. von den Epi- demien verschont wurden, wärend ihre ganze Umgebung, mit der sie in stetem Verkehr blieben, gänzlich verseucht waren, lieber das Was? lassen sich vorläufig noch keine positiven Behauptungen ausstellen, aber man stimt allgemein in der Vermutung überein, daß es sehr kleine Organismen sind, deren viele Millionen erst das Gewicht eines Milli- gramm erreichen, und die als ganz kleine Spaltspize den Boden be- wonen und von hier aus durch die Grundluft zum Schaden der Ge- sundheit ans Licht des Tages gesördert werden. Die Grundluft venlilire größtenteils unsere Wonungen, und so sei es erklärlich, wie gerade die jchlechtgelüstelen Häuser so oft von epidemischen Krankheiten befallen würden. Dagegen habe man die Beobachtung gemacht, daß bei einer Epidemie von 9 Häusern eines Gutes, die Bewoner der beiden Häuser, deren Fußboden aus Lehm hergestellt war und deshalb die Grundluft nicht durchließ, verschont blieben, wärend die Jnsaßen der anderen sieben, nach neuerem System erbauten Häuser, von der Krankheit ergriffen wurden. Dabei waren die Lebensverhältnisse sämtlicher Bewoner der 9 Häuser ein und dieselben. Schließlich plädirte der Vortragende noch für das Kanalisationssystem, da es im Interesse der Gesundheit gut sei, wenn die Abfallstoffe möglichst schnell entfernt und verdünt würden. Welche Bedeutung diese Angelegenheit hat, zeigt uns recht deutlich ein Bortrag, den gelegentlich der„neunten Bersamlung des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege" Herr Dr. Soyka aus München hielt. Redner belegt mit Zalen, wie in Orten, wo Kanalisation ein« gerichtet, sei, seit deren Einführung die Typhussterblichkeit bedeutend ab- genommen habe. So wären in Danzig von 1863 1871 järlich 70 Personen am Typhus gestorben, von 1872—1879, also seitdem die Kanalisation vorhanden, nur 27,5 Personen järlich. In Frankfurt a. M. starben vor der Kanalisation auf 10 000 Eimvoner 6,1—7,9, nach derselben 2,8-2,0. In München starben 1852—1859 am Typhus 2,4 pro Tausend und nachdem allnzälig die Kanalisation eingesürt wurde, 1860-1865 nur 1,68, 1866— 73 1,33 und 1874—1880 nur 0,83 pro tausend Einwoner. ll. Aller Anfang ist schwer.(JUustr. S. 36.) Das alte Sprüch- wort: Böser Umgang verdirbt gute Sitten, hat sich auch an dem halberwachsenen Stessen, der links den Stul aus unserem Bilde einnrmt, dewarheitet. Sonst ein ganz vernünftiger Kerl, hat er sich heute von im ganzen Fischerdorse als Ausbund aller Tollheiten geltenden Fachen beschwazen lassen, mit lezterem gemeinschaftlich ein Pfelschen iu„schmauchen." Jochen, der schon von Jugend aus alle Dumheiten ungestraft verüben konte, hat auch bereits seit langem die Kunstdes Rauchens provirt»nd es darin, wie Figura zeigt, zu hoh.r Meister- Aast gebracht. Und es ist obendrein ein schweres Kraut, was die Tonpfeife erglühen macht— er hat es seinem„Alten" in einem unbe- ihachten Moment wegstibizt, und zwar nicht zum erstenmale, und dieser, alier abgehärteter Fischer, konsumirt einen„beizenden 8-obak. Die der bösen Tat entsprechenden Wirkungen zeigen sich denn auch schon derart bei dem Steffen, daß man nur den Wunsch empfindet, e» mochte doA jede üble Handlungsweise in der Welt so schnell ihre verdiente «nhangec des Tabaksmonopols gäbe er somit ein vortreffliches Obiekt, Sä Ä; Ä S" Äg den Gensdarmen und wie die liebenswürdigen Institutionen emes pidern, den Reizen des Tabakrauchens nachzuiagen, wie die„strenge Zucht" im Sinne der Herren Rückwärtsler imstande sein w'rd. den Renschen die verloren gegangenen— wie man steh und andere t sch meint— Tilgenden wieder zu geben. Wir gehen jede Wette ein, daß diese Mittel den beiden Fischerbuben die vorgefürte Situation nicht erspart hätten. Wol aber wäre Steffen von der Verfürung und deren üblen Folgen und Jochen von der keineswegs beneidenswerten Aufgabe, andere zu verfüren, behütet worden, wenn beide sich voll und ganz be- wüßt gewesen wären, welchen Schaden sie durch den zu frühzeitigen Tabakgenuß an ihrer Gesundheit hätten nemen können. Dieses Bewußtsein wird aber nicht durch die„strengere Zucht" erzeugt, es kann auch nicht hinein geprügelt, sondern nur gelehrt, durch gewissenhafte Erziehung erzeugt werden, und wir haben wol garnichl so unrecht, wenn wir be- hauplen, daß Steffen wie Jochen weiter nichts sind, als die Opfer jener seit langem bis heute üblichen Erziehungsmetode, die eigentlich in der körperlichen Züchtigung ihre lezte Konsequenz findet. tk. Der Tiger und seine Amme. rBild S. 37.) Wenn wir nicht irren, so liegt unserem Bilde ein wirklicher Vorgang zugrunde. Eine Tigerin im zoologischen Garten zu Köln hatte ein Junges geworfen, starb aber kurz darauf. Um das Junge am Leben zu erhalten, machte man den Versuch, es von einer Hündin säugen zu lassen. Das junge Raubtier närte sich auch richtig mit Hundemilch, ward groß und stark »nd bezeigt jezt, wie uns die Abbildung zeigt, der, welcher es in zweiter Linie das Leben dankt, durch Liebkosungen und dgl. seine unwandel- bare Anhänglichkeit. Derartiges ist nun wol bei dem Tiere, vas als das grausamste und furchtbarste Raubtier verschrien ist, sehr selten und es würde hier wol unglaublich erscheinen, wenn nicht seit langem be- kant wäre, daß dieser Schrecken von Ostindien sich hier und da in weniger grausamem Lichte zeigte»nd manchmal sogar Anfälle von Groß- mut hätte, wie folgende Geschichte beweist. Einem Kapitän wurde einst in Columbia eine große Tigerin zum Geschenk gemacht, und dieser ließ ihr jeden Tag einen der sehr zalreichen Hunde vorwerfen. Der Hund wurde lebendig in den Käfig geworfen und nachdem der Tiger eine Zeitlang mit ihm wie die Kaze mit der Maus gespielt, wurden seine Augen funkelnd, er bewegt- den Schwanz, griff seine Beute in den Nacken, daß die Schneidezähne die Halsarterien trenten und ging dann mit seiner Beute im Rachen im Käsig hin und her, wobei er der- selben das Blut aussog. Eines Tags warf man ihm nun einen durch nichts ausgezeichneten Hund in den Käfig, der, sobald er seine gesär- liche Lage bemerkte, ein furchtbares Geheul begann und die Tigerin mit großer Wut anfiel, an ihr in die Höhe sorang und ihr die Nase blutig biß. Dieser schien die Wut des kleinen Tieres Spaß zu machen, der Grimm aus ihrem Gesichte schwand und sie legte sich bald der Länge nach auf die eine Seite, bald kauerte sie sich sphynxarlig hin, immer die Angriffe des Hundes mit den Pfoten abwehrend, bis lezterer sich müde getobt hatte. Nun fing die Tigerin an, dem Hündchen durch Lieb- kosungen und allerhand kleine Künste Vertrauen einzuflößen, was ihr auch gelang. Schließlich legten sich beide neben einander, sie schliefen und , wurden für die Dauer unzertrenliche Freunde. Doch solche Beispiele gehören zu den Seltenheiten und die Fälle, in denen der Tiger dem Leben von Menschen und Tieren auf's höchste gefärlich ist, sind viel zalreicher. Besonders furchtbar und zwar im höheren Grade wie der Löwe und andere Raubtiere ist er wegen seiner riesigen Körperkraft und Gewantheit. Er schleicht sich an seine Beute heran wie eine Schlange, und wenn er sich wie der Bliz auf sie gestürzt und sie mit seinen Krallen und Zähnen gepackt, so ist er ebenso schnell-wieder davon. Er i trägt bequem einen Menschen im Rachen fort und gräbt seine Klauen zolllief ins Fleisch. Aber so schnell er in seinen Bewegungen ist, so groß ist seine Ausdauer; dazu ist er ein gewanter Kletterer und Schwimmer. Zuerst raubt und würgt er immer das Vieh, aber sobald er Menschensleisch gekostet, ziet er dies allem anderen vor. Er bricht dann des Nachts in die Wonungen ein und schwimt auf Kähne zu, um Menschen zu rauben, und es ist öfter vorgekommen, daß seine Mordlust ganze Ortschaften vernichtet hat. Hat er sich jedoch satt ge- fressen, so wird er furchtsam und flieht wol gar den Feind, welchen er sonst nicht im mindesten fürchtet. Früher glaubte man, er würge und morde nur aus purer Lust am Morde; man ist jedoch jezt der Heber- zeugung, daß dies nur aus Hunger geschähe. Nun kehrt aber sein Hunger so oft wieder, daß er schon deshalb genugsam fürchterlich wird, und daß die Redensart, er sei der„Herr der Wege und Tiere", dort, wo er zalreich auftritt, jedenfalls viel Berechtigung hat. Kann man in den Gegenden, wo er viel angetroffen wird, wegen der großen Hize nur des Nachts reisen, so kann dies nur geschehen, indem man sich eine Anzal Lanzenträger, Tromler und Fackelträger mitnimt. Durch große Treibjagden, bei denen die eben genanten Hilfsmittel»nd vieles andere mitwirken mußte, hat man ihn in einzelnen Gegenden bald gänzlich ausgerottet, wie z. Ä. auf Ceylon; in Candesh in Dekan wurden von 1825— 1829 1032 Stück erlegt. Ein erwachsener mänlicher Tiger ist von der Schnauze bis zum Schwanzende 7—8 auch 9 Fuß lang; der Schwanz hat eine Länge von 21/* Fuß. Hoch wird er 2'/, Fuß. Das Weibchen ist kleiner. Seine kurze glatte Beharung ist an den Wangen bartartig verlängert und hat eine helle rostgelbe Färbung, welche mit den uliregelmäßigen, schwarzen, vom Rücken nach dem Bauche und der Brust sich hinziehenden Streifen lebhaft kontrastirt. Seine Grundfarbe ist aus dem Rücken dunkler wie an den Seiten, auf der Unterseite, den Innenseiten der Gliedmaßen, dem Hinterleib, den Lippen und den Wangen ist er jedoch weiß gefärbt. Ein Unterschied in der Farbe bestet zwischen den verschiedenen Individuen nur darin, daß die gelbe Grundfarbe Heller oder dunkler ist. Der Tiger lebt in Asien und zwar ist die Strecke, welche er unsicher macht, größer wie Europa; er kamt selbst noch im südlichen Sibirien vor. Sein Aufenthalt ist sowol Ror- dickicht und Gesträuch wie hochstämmige Wälder; er hält sich jedoch nur in einer bestimten Höhe über dem Meere auf. In der Jugend läßt er sich zähmen wie jede andere Kazenart und wird dann sehr zutraulich und einschmeichelnd und sucht sogar die Liebkosungen der Menschen. So geartet, zeigt er sich denn auch auf unserem heutigen Bilde. rRus allen QSinficfn der ZeiMleralur. Badclcben und Judenfreundschaft in Deutschland vor zwei- hundertfünfzig Jaren. In Nr. 32 von 1881 bringt die„Europa" eine Notiz über deutsches Badeleben im Anfang des 17. Jarhunderts, der wir die folgende Stelle des Brises eines Dr. Johannes Eckel an seinen gestrengen Herrn, den Landgrafen Moritz zu Kassel, über das danialige Badetreiben in dem heute noch als Bad bestehenden Schwalbach eninemen:„Ich hatte nimmermehr geglaubt, daß ein so lustiger und wunderlicher Handel allhier gewesen wäre: denn es ist hier alles voller strömender Leute, von allerlei Nationen, von Fürsten, Grasten, Edel- leuten u. s. w. aus Teutschland, Pohlen, Böhmen, Jtalia, Frankreich, Niederland.— Solche Völker finden sich alle mit einander des Morgens um sechs oder sieben Uhr bei dem Brunnen; da sitzen sie alle unter« einander, Mann und Weib, in einem Cirkel herum, wie in einem Theatro, und hat eine jede Pcrsohn insonderheit ihr eigen Trinkgeschirr von vcrgültcn oder unvergülten silbern Bechern, Gläsern u. s. w. sitzen, gehn und stehn und zechen des Brunnens mit Macht, ein Jeder nach seiner Proportion und Gelegenheit." Mit den Juden machte man da- mals bekantlich noch weniger oder eigentlich noch mehr Umstände als heute, auch in den Bädern, ihnen war ein besonderer, vermutlich ein möglichst schlechter Plaz angewiesen, und Landgras Ernst verordnete, daß sie 14 Schutte vom Brunnen entfernt bleiben und das Wasser nicht selbst schöpfen sollten. xz. lieber den Anlaß von Petrolenm-Explosionen hat Herr Prof. Dr. Rudols Weber sehr eingehende Versuche angestellt und deren Resultat in„Dingler's Polytechn. Journal" veröffentlicht. Die Ursachen zu Explosionen liegen demnach einmal im Petroleum selbst und das andercmal in der Konstruktion der Lampe. Im Petroleum insofern, als die verschiedenen Sorten mehr oder weniger leicht explosible Gase erzeugen. Das Kaijeröl soll die relativ höchste Temperatur dazu er- fordern, weshalb es sich am besten zum Gebrauch empfielt. Die Kon- struklion der Lampe kann zur Explosion beitragen, wenn der Brenner so eingerichtet ist, daß er den Docht übermäßig erhizt, wodurch die Temperatur im Oelbassin derartig gesteigert wird, daß sich Gase bilden können und wenn der Brennerboden Leffnungen hat, durch welche die Flamme zu den Gasen dringen und sie entzünden kann. Gefarbringende Momente sind das Heraustreiben jener Dämpfe durch Eingießen von Petroleum, das Herabdrücken der Flamme durch Ausblasen, sowie das starke Bewegen der Lampe; ebenso kann auch Zugwind, indem er die Flamme plözlich auslöscht, eine Explosion herbeifüren. Ganz besonders gesärlich ist auch, wenn der Docht die Hülsen nicht vollständig ausfüllt, so daß schlotartige Oeffnungen entstehen, vermittels deren sehr leicht eine Entzündung der Dämpfe im Oelbassin entstet; das Aufzucken der Flamme kündet in diesem Falle schon die Gesar an. Um das Heiß- werden des Metalls am Brenner zu verhüten, ist nötig, daß die Flamme dasselbe nicht berürt und eine geschickte Zusürung von Luft zur Flamme stattfindet. Ruudbrenner leisten mehr Sichelheit wie Flachbrenner, daher auch Explosionen am leichtesten au kleinen Küchen- und Handlampen mit solchen Flachbrennern zu befürchten sind, vornemlich wenn sie mit schlechtem Petroleum gefüllt wurden. Zum gefärlichen Heißbrennen und in der Folge zur Explosion kann es auch beim bestkonstruirten Brenner süren, wenn die äußeren Lustzufürungsöffnungen durch Dochtschnuppen verstopft sind, wenn die Flamme zu niedrig geschraubt und der Cy- linder nicht richtig eingestellt ist, d. h. so drausstet, daß die Flamme rußt. Ob ein Brenner heiß brent, läßt sich leicht dadurch konstatiren, daß man denselben mit dem Finger berürt. Petroleum, das sonst nicht so leicht gesärliche Gase bildet, kann dieselben doch erzeugen und da- durch Explosionen ermöglichen, wenn die die Lampen umgebende Lust- temperalur, wie bei Hängelampen, die Dampfbildung beschleunigt. Vor- sichtigerweise sollte das Stellen von Küchenlampen auf erwärmten Küchen- öfcn daher unterbleiben. g. Hasensprüuge. Die Hasen verstehen bekantlich ebensowol trefflich hoch als weit zu springen. Daß sie aber Leistungen fertig bringen, wie sie nach der„Zeitschrift für Forst- und Jagdwesen" Oberförster Bauer zu Muskau beobachtet hat, dürste manchen überraschen. All- winterlich überspringen zalreiche Hasen den 1 m 65 cm hohen Stacketen- zaun der muskauer Bauinschule, um sich mit der Rinde der jungen Bäume zu nären. Selbst die 2 m 15 cm hohe Plankenwand zwischen Baumschule und Fasanerie wurde von den Hasen one große Schwierigkeit „genommen". -Merarische Umschau. 2)48 Buch für Gesunde uud Kraule. Populär-medizinisches Bademecum. E-- meinsaßliche Darstellunz des Baue» und der«errichtungen des menichlichen Körpers im gesunden und lranlen Zustande, der Kranlendiätil und«ranlenpflege, der Hilssunttel zum Erlennen der Kr-ulheiten: Beschreibung aller inneren und vieler äußeren Kranlheuen nach Ursachen, Kennzeichen,«erlauf und Ausgang, nebst Angabe der n-irllamst-n Be- Handlungsweise! Arzneimitlellehre und Rezeptirlunde; BerzeichniS aller Krankheiten und Arzneimittel in deutscher und lateinischer Sprache! über Bäder und Heilquellen, Milch- und Molkenluren, Traubenkuren und klimatische Kurorte, nebst einer Sammlung der wirksamsten Rezeptsormeln in deutscher Sprache. Von Dr. I. Burli. Mit t» m den Text gedruckten Abbildungen. Bern, I, H-ubergerS Verlag ISSS,(Preis 4 Mark.) Das Buch bietet, wie schon die Titelangabe zeigt, aus seinen«K« ecken viel, vielleicht zuviel, weil es seine zalreichcn Gegenstände durchweg ganz außerordentlich kurz ab- tun mußte. Mai in solcher gewaltsamen Gedrängtheit geleistet werden konnte, hat der Bersafler mit sehr anerkennenswerter Geschicklichkeit und größtem Fleiße getan. Wer sich gegenwärtig hält, daß ein Buch nur in äußerst seltenen Fällen die Unter, uchung und Behandlung ein-S einigermaßen ernst Erkrankten durch einen tüchtigen und gewisienhaften Arzt ersezen kann, wer also in solchem Buche nur Belehrung und Auskliruna, nicht 1 aber ärztliche Beratung und sichere Hilfe sucht, wird mit ihm— wie unS scheint— vollauf zufrieden sein können. QWgeßet für Gefuuöhcilspffege. Frankfu't a. M. I. B. s. Versuchen Sie zur Wi-d-rh-rst-llung.Jhrei HarwuchseS täglich zweimalige Einreibungen mit Perubaliam und genicnen sie Irät» lige Rarung, Hilst da» nichts, so sind die Papillen— die Harbälge— zerstört und ! dann ist Besserung unmöglich. Die im Inseratenteil aller Zeitungen angepriesenen | Mittel gegen alle Harkrankheiten beruhen sämtlich aus Schwindel. krahan. R. Die Windkolik, welche Sie schon seit zwei Jaren belästigt, besteht iu übermäßiger Gasentwicklung in den Därmen und kann ebensowol durch fehlerhafte Beschaffenheit der BerdauungSorgane als durch ungenügeude Narungiweise veranlaßt sein. Frischei, womöglich noch warme» Brot, mit Hcse zubereitete Mehlspeisen, rohe» Obst, Sauerkraut, Erbsen, Linsen, Bohnen, frische und eingemachte Gemüse, dann junge» Bier und Most verursachen, allzureichlich oder zu häusig genoffen, jene„Blähungen". Krankhafte Veränderungen der Schleimhäute de» Magen» und de» Darmkanali, ungenügende Er- zeugung der den Hauptteil de» VerdauungSgeschäst» besorgende» Magensäure, unzureichende Zufur der übrigen Lerdauungssiüssiakeiten, wie bei Speichel» oder der Galle, entzünd- liche Zustände de» Tarmkanal», Erschlaffung der Muskulatur der BerdauungSorgane i und noch vieles andere mehr veranlassen und befördern gleichfalls die oft sehr lästige Windkolik, Welche von all' diesen Ursachen bei Ihnen allein oder hauptsächlich wirksam ick, können wir natürlich nicht wiffen, für jeden Fall aber dürfen wir Ihnen eine paffende ; Diät raten und Vermeidung all' der oben angesürten blähenden Speisen und Getränke, dasür genießen Sie zwar nahrhafte, aber doch leicht verdauliche Speisen, mäßig gewürzte Eleischspeisen, dazu, wenn Ihre Berhältniffe da» erlaube», alten Wein, oder sckwarzen affee, kleine Portionen kalten Waffers, auch Gefrorene». Gleichzeitig mögen Sie, so- weit e» irgend angeht, da» Sizen meiden, anstatt deffen Sich im Freien tüchtige Be- wegung machen. Sich aber vor Erkältung hüten und zuweilen kalte Waschungen vor- nemen. Fühlen Sie Sich, abgesehen von Ihrer Blähsucht, im übrigen schwächlich, so I wenden Sie bester laue Bäder von 20—25 Grad Röaumur an. Bei Stublverstopsung nehmen Sie RicinuSöl oder wenden ein KamillenIee-KlqUer an. Bei Ausblähung de» Unterleibes sind Reibungen deffelben mit spiriluösen Flüssigkeiten zu empsehlen. Haben Sie mehrere Wochen unserm Ratschlägen gefolgt, so geben Sie un» weitere Nachricht. «�RcdalilionsKorrespöndenj. Eöl». P. Ihre Verse sind, wie Sie selbst richtig vorauigesezt, noch bei weitem nicht zur Veröffentlichung reis. Lesen und schreiben Sie fleißig und geben Sie, wenn da» anget, einem Bekanten, der eine beffereSämlbildung zu genießen das Glück gehabt, Ihre Arbeiten zur Durchsicht und Berbefferung. Brüffel. Frau T. Wir bedauern, auch in diesem Jargange erklären zu müffen, daß wir Schnittmuster für Kleider und Wäsche in keinem Falle der„stt. W." beilegen können. «onftantinopel. Maschinenschloffer P, R. Der betreffende Konsul hat jedensalli dem ihm zustehenden Rechte gemäß gehandelt, als er in der gegen Sie angestrengten klage das Urteil— und zwar allein, als Einzelrichter, fällte. Ob, wie Ihnen mit- Seteilt wurde, gegen de» Konsul» Urteil wirklich kein Rechtsmittel— Berufung oder lppellation— gegeben ist, häng» davon ab, ob der Gegenstand der Etreitlrage über ' 300 Mark beträgt. Ist er mehr wert, so ist zur Verhandlung und Entscheidung über die Rechtsmittel der Beschwerde und der Berufung da» Reichsgericht zu Leipzig zuständig. Diese Rechtsmittel sind immer beim Konsul selbst einzulegen, der dann die Akten an da» Reichsgericht zu überantworten hat lReichSgesez über die Konsulargericht»- barleit vom 10. Juli 1879). Von den über 700 kaiserlich deutschen Konsuln üben jedoch nur 20 die Gerichtsbarkeit über die in ihren Konsulatsbezirken sich aushaltenden An- I gehörigen de» deutschen Reich» und die Schuzgenossen au» und von diesen 20 kommen 9 allein aus da» türkische Reich, Zürich. Studiosu» H. Sie singen: Ueber Himmel und Erde Sprach ich mein Werde! Und schöpierisch sproffen Gedankenschoffcn, Au» jedem Berge, au» jedem Bache: ,, O wa» ist-» um des Menschen«rast für herrliche Sache! | Sie halten da» für Poesie, wir sür Unsinn. IntzaU. Im Kampf wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Forts).— Die deutschen Frauen der Vorzeit in Leben und Dichtung. Von Manfred Wittich.(Schluß.)— Von London nach North-Berwick. Zweiter Reisebrief von L. Viereck.— Der Kanton Appenzell, seine bewaffnete Landsgemeinde und seine historische Entwicklung. Kulturgeschichtliche Skizze von Carl Stichler.(Forts.)— Im Dorf der Schmied. Erzählung von Dr. Max Vogler.(Forts.)— Der Boden und sein Zusammenhang mit der Gesundheit des Mensche».— Aller Ansang ist schwer. (Mit Jllustr.)— Der Tiger und seine Amme.(Mit Jllustr.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Badeleben und Judensreundschafl in Deutschland vor zweihundert Jaren.— Ueber den Anlaß von Petroleum-Explosiouen.— Hasensprünge.— Literarische Umsckwtr Das Buch für Gesunde und Kranke.— Ratgeber für Gesundheitspflege.— Redaktionskorrespondenz. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.