'ultjan, 29. Cltobrr 1881. Jllustrirtes UnterhallungSblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 5u Pfennig.— In Heften a 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Im Kampf wider alle. Roman von Ferdinand stiller. Htrr Specht gar nicht glauben, dag es dem , uni seine Ablehnung ernst sei. Er solle nur keine Um- 1 eise machen und jagen, was er haben wolle fiir das Gut. . Specht— wisse genau, daß dasselbe seit langem schon verkauft sc j"""'"och keine Liäuscr gesunden, noch nicht b5r Weidenbaucr blieb völlig unzugänglich. Zulezt, als Äm,. 4:�cc�t selbst anfing, Gebote zu machen, drehte sich der iiw'a Bemerken, er müsse in's Feld, der Herr könne „„l l.0 bequem machen, wenn er Lust dazu habe, zur Tür hinaus, uns ließ so Herrn Specht einfach steh,,. fein x'Cr ll'-ai'vütend. So total umsonst hierher gekoininen zu (Mmkk abscheuliche Lciterivagensart, und eine ganze Menge ipnaü S.? erduldet zu haben, und nun nicht einen Heller Schmer- den«i dafür in Aussicht. Specht machte sich tiesingrimmig auf T>-n>,k dem Dorfwirtshausc— dort gab's einen gute» SB-r«•- �er ZLirt hatte früher die Eisenbahningenienre und jener»'��r beherbergt und an ihnen viel Geld verdient; seit >ni ü m 1 �Cr l�tte er immer einen guten Schoppen Rheinwein i»,— da kontc man im Notfall auch einen großen Acrger ' Mge» Stoff ertränken. SeifT� H.vrrn Spechts Aerger groß war, merktc mehr als eine -u»,?. rfer Seele, bevor er noch im Torweg des Gasthauses »heiligen Petrus" seinen Einzug gehalten hatte. liu,.„s'vr Minder begegneten ihm und boten ihm den in kato- Gegenden üblichen Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus!" o6o(pfIr der weder an Gott, noch an den Teufel glaubte, Qiidi t Cr ba''vo's ihm aus Geschäftsrücksichtcu praktisch erschien, wu��kg-ntlich den Gläubigen und Gottesfürchtigen zu spielen fraipn« � 9 nicht den mindesten Grund, vor solchen„Bauern- er's i Kucheln, er antwortete also nicht„In Ewigkeit", ivie Ctin,, wol getan hätte, sondern grunzte seiner augenblicklichen iiickn-.""ch gemäß, verncmlich genug:„Das fehlte mir grade, 2>"�'ge Ntaulaffen." Tas n.ber blieben stehen und sperrten Mund und Nase auf. toie fi v e'IICr von den bösen Gottesleugnern, die Höllenbrater, Und v Herr Maplan nante, der ein sehr strenger Herr war und„..�r«inderlehre die Mezer und Gottesleugner nicht schwarz Torf» Jülich genug schildern konte. Als Herr Specht in der chreJ k-'�re" Blicken enffchwunden war, berieten sie, es waren v>cr an der Zal im Alter von neun bis dreizehn Jaren, 1882. CiSSX] (4. Fortsezung.) was angesichts des erschreckenden Vorfalls zu tun sei, und kamen zu dem Beschlüsse, der Steffen, der dreizehnjärige, müsse unbedingt aus der Stelle Seiner Hochwürden, dem Herrn Kaplan melden, daß ein leibhaftiger Höllenbrater in's Dorf gekommen sei und die Kinder gotteslästerlich anfare. Gesagt— getan. Herr Specht war indessen so ziemlich bis zum»heiligen Petrus" avancirt, aber ehe er hinter dessen Fleischtöpfen und Weinslasche» das geivünschte Asyl fand, passirte ihm noch etwas Fatales: Es kam ein Wagen die Dorfstraße daher, just als er sie über- schreiten wollte. Herr Specht war gar nicht in der Laune, war- tcnd still zu stehen oder auch seinen Schritt zu beschleunigen. Mögen die langsam stiren, dachte er, und ging, als sähe und hörte er den Wagen nicht, in dem einmal angenommenen Tempo über den Farweg. Der Kutscher dachte aber gar nicht daran, langsamer zu faren und meinte bei sich: Der Dicke wird schon bei- seite springen, wenn ihm die Pferde auf der Pelle sind! und schrie nun, als diese Herrn Specht beinahe schon erreicht hatten, mit Donnerstimme: Heda, vorgesehen! Himmeldonnerwetter nochmal!" Als Herr Specht die Pferdeköpfe in bedrohlicher Mähe sah, merkte er, daß er sich getäuscht, und daß schleunigste Flucht ihn allein vorm llebersarenwcrden retten könne— er ermannte sich daher zu einem Sprunge so hoch und weit, wie er ihn in seinem Leben noch nicht riskirt hatte— und so geht's, wenn der Mensch einmal seinen llnglückstag hat!— sprang bis dicht an den Rand des schmnzgefüllten Chaosseegrabens, wo für seine Füße kein Halt war— also, daß er ausglitt, und beim Versuch, sich aufrecht zu erhalten, seitwärts unifiel. Das war eine verzweifelte Geschichte. Beide Füße steckten weit bis über die Knöchel im zähen Schlamme des Grabens, die rechte Hand teilte das Schicksal der Füße, Wärend die linke krampfhast einen Chausseestein umklammert dielt; der Hut war weit weggeflogen und von einem beutelustigen Dorfkötcr sofort apportirt und im Galopp davongetragen worden, und zu all' dem cntsezlichen Unheil kam noch Spott und Hohn in Hülle und Fülle— mehrere stramme Baucrnmädel wollten sich schier totlachen über den Fall des dicken Stadtherrn, und zivei von den Kindern, welche ihn vorher gegrüßt hatten, und ihm nachgegangen waren, um zu sehen, was der Gottesleugner wolle in Scifersdors, schrieen aus voller Kehle: „Unser Herr Jesus hat ihn gewiß selber hincingeschmissen, den Kezer, den Gottesleugner, den— Gelobt sei Jesus Christus— he— Sie, hören Sie's, he?" Herr Specht war kirschbraun vor Wut im Gesicht. Er hätte sich am liebsten auf die Dirnen und die Kinder gestürzt und sie mit seinen Fäusten zu Boden geschlagen. Aber ehe er sich noch recht erhoben hatte, war schon der eine Insasse des Wagens, welcher die unschuldige Ursache seines Falles gewesen, zu ihm gesprungen, hatte ihm sorglich unter die Arme gegriffen und ihn sanft, aber fest auf die Füße gestellt. „So," sagte der Herr dann,„so wäre hoffentlich wenigstens kein ernstliches Unglück geschehen, wie es scheint. Uebrigens be- daure ich sehr, mein Herr, daß die Ungeschicklichkeit meines Kutschers zu Ihrem Unfall Anlaß gegeben hat. Sie fülen sich doch hoffentlich auch gar nicht beschädigt." Herr Specht sah dem hilfebcreitcn Frager nichts weniger als freundlich in's Gesicht. „Danke, Herr— bis auf den Schirm scheint nichts entzwei und bis ans meinen Hut nichts zum Teufel zu sein." „Er ruft den Gottseibeiuns an!" schrie kreuzeschlagend die inzwischen schon in hellen Haufen zusammengelaufene Dorfjugend. Und:„Heilige Mutter Gottes, ist das ein Kezer!" fügte ein altes Weib hinzu, das in der Nähe etwas zu schassen gehabt hatte. „Schweigt doch still, ihr Kinder, und Ihr, Frau, solltet Euch schämen!" rief der Herr verweisend in das Gelärme, und sich zu Herrn Specht wendend sagte er:„Wenn Ihnen der Fall Verluste gebracht hat, so bin ich zuni vollen Ersaze derselben bereit. Ich heiße Franz Stein, mein Herr, und bin sowol hier, als in der Residenz als der bisherige Besizer von Seifersdorf jederzeit zu erftagen." „Franz Stein— ah so— richtig, Sie sind der Herr Stein," brunite Herr Specht.„Na, und mein Name ist Specht— Bauunternehmer Specht, und ich bin auch in der Residenz jederzeit zu erfragen. Für Ihre Hilfe danke ich, Herr Stein, aber Ersaz brauche ich, Gott sei Tank, nicht." „Jezt spricht der gar vom lieben Gott!" schrie die liebe Dorf- jugend, die sich bei Nenming des Namens Stein scheu so weit zurückgezogen hatte, als es ihre unbändige Neugier erlaubte, wiederum sich bekreuzigend. Franz Stein machte jezt eine ernstlich drohende Bewegung, die sofort die Ruhe wieder herstellte. Dann bot er Herrn Specht, bei dessen Namensnennung ein rasches Lächeln über sein Gesicht geglitten war, seine Seifersdorfer Wohnung an, damit er sich reinigen und, wenn er wolle, ausruhen und stärken könne. Aber Herr Specht lehnte nicht gerade höflich ab, hier wäre ja das Gasthans, da würde er das nötige schon besorgen. Dann humpelte er mit einem kurzen Gruße, barhäuptig wie er nun einmal war, auf den Torweg des„heiligen Petrus" zu, Ivo ihn der Wirt gravitätisch empfing. Inzwischen war Franz Stein schon mit einem leisen Zuge voii Gcringschäzung um die Lippen in seinen Wagen gesprungen und davon gefaren. Die Betrachtungen, welche Herr Specht bei dem Genüsse zweier kolossaler Beefsteaks mit Ei und Bratkartoffeln und einer Flasche Rheinwein machte, waren begreiflicherweise anfangs nicht die er- freulichsten. Im Gegenteil: er hätte die ganze Welt umbringen können; sehr merkwürdig war nur das eine: der Mensch, auf dem sich sein ganzer ungeheurer Zorn wie in einem Brennpunkte sammelte, war Franz Stein. Dieser Kerl, sagte er sich, ist am ganzen Unheil schuld. Seinet- wegen bin ich auf den Einfall gekommen, in dieses Nest zu gehen, seinetwegen habe ich geschlagene fünf Taler für die nichtswürdige Kutschirerei bezalt, seinetwegen bin ich gestürzt und wäre beinahe um Leib und Leben gekommen, und— was das allerschlimste ist— er und niemand anders ist schuld, daß ich das Geschäft mit dem Weidenbaner nicht machen konte. Der Kerl ist eben viel schlauer, als der Narr von Haßler behauptet,— und auch noch gescheiter als ich mir gedacht habe— er hat eben einfach schon ein für den Weidenbaner wahrscheinlich sehr einträgliches Abkommen mit diesem getroffen oder hat ihni gar einen Teil seines Gutes abgekauft. So bin ich um das schöne Geschäft und in die Tinte hineingekommen, in der mich heute das ganze miserable Dorf gesehen und verhönt hat. Der Teufel soll diesen Grünschnabel von Stein holen— na, warte, ich will schon zu- sehen, daß ich mich mal gründlich dafür revanchiren kann! Das war eine tröstliche Hoffnung. Herr Specht bestellte sich noch eine Flasche Rheinwein und spülte mit ihr niehr und mehr von seiner Erbitterung in's Meer der Vergessenheit. + In einem Nebenzimmer des Restaurants Lüdecke in der Haupt- und Residenzstadt B. saßen drei junge Leute bei einem Glase Bier plaudernd beisammen. Das Zimmer war dekorirt mit allerlei Wappen und bunten Fänchen, an der einen Wand präsentirte sich ein großes Photo- graphisches Gruppenbild und an der andern symetrisch verteilt erglänzten gekreuzte Schläger und krumme Säbel im Scheine der zwei Gasflammen, welche das mittelgroße Gemach erhellten. Wir befinden uns also offenbar in der Kneipe einer akademischen Verbindung und haben, wie die in ihrer„Konleur" mit der Farben- zusammenstellung der Fänchen übereinstimmenden Cercviskappen und Bänder auf Haupt und Brust der drei jungen Leute ver- raten, studentische Mitglieder dieser Verbindung vor uns. Das Gespräch der Drei scheint ein sehr ernstes zu fem. Wenigstens zeigen die jugendlichen Gesichter das Gepräge ernst- haften lleberlegens und die Stimmen erklingen, bei allein, was sie vorbringen, ungemein gewichtig und wichtig. „Ich sage dir, Thor, es wäre aber doch besser und unsren Zwecken angemessen gewesen, wenn wir zum mindesten in dieser Beziehung ans dem Boden der Landsmannschaften stehen ge blieben wären und das Keuschheitsprinzip angenommen hätten." „Das verstehst du nicht, niein Junge," antwortete der mit Thor Angeredete, ein kräftiger Jüngling, dessen stattliche Figur, samt dem klugen, feingeschnittenen, von dunkelbraunen Locken um- ramten Gesicht und den blizenden Augen ihm bei allen Mädchen die Prädikate„schön", oder gar„prachtvoll,"„reizend" einzutragen pflegten.„Wir konten und durften daö nicht tun, und zwar aus drei Gründen, von denen jeder einzelne vollkommen ausgereicht hätte, uns an solcher Torheit zu verhindern." „Ich habe deine große Rede nicht gehört, Thor, mit der du das Keuschheitsprinzip zu Falle brachtest," erwiderte der erste Sprecher in einem Tone, welcher deutlich den Respekt erkennen ließ, den er dein andern entgegenbrachte.„Unsre Leute sagten alle, daß sie geradezu überwältigend gewesen sei und daß keiner mehr ein Wort dagegen eingewendet hätte. Was du aber eigent- lich für Gründe entwickelt hast, wußte mir keiner im Zusammen- hang und verständlich genug auseinanderzusezen. Ich möchte dich also bitten--" Er wurde unterbrochen- die Tür öffnete sich, ein hübscher Mädchcnkopf erschien in derselben und sah nach den Studenten. „Ah— die Rest kann nicht begreifen, daß wir heute eine volle halbe Stunde bei unserm ersten Seidel sizen, nicht wahr, Rcsi?" sagte der Dritte, welcher bisher schweigend seinen Kommilitonen zugehört hatte." Die Kellnerin lachte. „Das ist aber auch cfft Meerwunder, Herr Haßler. Ihnen freilich würde ich es noch am ehesten zugetraut haben, Sie sind noch Fuchs und sparen Ihren Durst für den Kneipabend auf. Daß aber der Herr von Frank und auch der Herr Becker eine halbe Stunde zu einem Schoppen brauchen— das ging über meine Begriffe. Ich Hab' wirklich gedacht— heut beim ersten- mal einheizen in diesem Zimmer hätte die Johanna die Ofen- klappe aufzumachen vergessen und die Herren wäre» gerade dabei, im Kolendunste zu ersticken." Thor, oder wie er mit seinem Profannamen hieß, Guido von Frank, lächelte und Wilhelm Haßler lachte. Der Dritte, der Teologe Becker, machte ein verleztes Gesicht. „Ich muß sehr bitten, Fräulein Rcsi," sagte er veriveisend, „ich trinke stets je nach meinem Durst." Er kam mit seinem Verweis bei der munteren Resi übel an. Sie erwiderte mit schelmischem Ernste: „Da tun Sic Sich aber doch unrecht, lieber Herr Becker— soviel als Sie Durst haben, trinken Sie doch nicht— höchstens bei Kommersen, wo Sie,»in die Bräuche der Verbindung zu retten, es nicht gut unter fünfundzwanzig Schoppen tun können." „Da hast du'S, Schleiermacher," sagte Thor immer noch lächelnd. „Si taeuisses"*)— da wärest du in den Augen unsres Fuchses, der noch seinen Kommers nicht gemacht, ein gerechter Gottesmann geblieben." Hinter der Resi erschienen jezt in der Tür noch zwei Studenten, die nach dem zu jeder Tageszeit üblichen Gruß:„Morgen," der etwa wie Mo-rn erklang, an der langen Kneiptafel plaz namen. „Also wie viel Glas Bier?" fragte die Resi. Frank und Haßler leerten ihre Gläser und bestellten sich ihre zweiten. Der Teologe Becker warnte: *) Wenn Du geschwiegen hättest! -ll „Ihr vergebt wvl, dab a»i lczten tvisscnschaftlichen Abende be- schlössen worden ist, keiner dürfe fernerhin Wärend dieses Abends mehr als drei«choppen trinken. _ Taß Ihr meine Abwesenheit benuzt habt, solche Narrheit zn beschließen, weiß ich," versezte Thor.„Der wissenschafltiche Abend begint aber nicht schon in dem Ntomente, du gottesfiirchtiger Tugendspiegel, du, in welchem du deine Leichenbittermiene ans- steckst.� Ich trinke also jezt vor dem wissenschaftlichen Abend soviel ich Lust habe, sonst würde mein heutiger Tendenzvortrag am Ende so trocken ausfallen, wie dereinst ganz sicherlich deine Predigten." Tie übrigen Ztudenten, mit Ausname Beckers, den der Kneip- name Zchleiermacher zierte, waren mit Thor einverstanden, dieser aber suchte in längerer Rede nachzuweisen, daß solche Auslegung des Temperenzbeschlusses, wie er die Dreiseidelbestimmung nante, ganz dessen sittlich gercchtein Geiste zuwider sei. Die andern kümmerten sich aber nicht um ihn, suchten vielmehr durch möglichst rasches Trinken die kurze Zeit, welche sie noch vor der Gröff- nung des wissenschaftlichen Abends voraus hatten, nach Kräften auszunüzen. Inzwischen hatte sich auch das Lokal gefüllt. Ungefär zwanzig Studenten hatten um den langen Tisch herum plazgenommen und allerlei laute, zum Teil auch launige Gespräche begonnen, deren Gegenstand oder Teilnehmerin vielfach die flott ab- und zugehende Resi war. Mitten in den lustigen Trubel hinein ertönte plözlich eine Glocke. Schleicrmachcr, der Teolog, hatte sich erhoben und rief nun so laut er vermochte: „Silentium! Der wissenschaftliche Abend ist eröffnet!" Diese Mitteilung des für diesen Abend am Schluß der vorigen Sizung erwälten Borsizenden oder Sprechers wurde nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Aus mehr als einem Munde ertönte ein schwerer Seufzer oder ein kräftiger Fluch— mehrere jammerten in komisch-kläglichem Tone, daß sie sich gerade noch einen„Borschoppen" hätten bestellen wollen, und daß sie nun auch durch die Ueberrumplung seitens des malitiösen Ichleiermacher gezwungen würden, statt mit einem Ganzen nur mit einem schä- bcgen Rest den rigorosen Dreiseidclkomment des wissenschaftlichen Abends zu beginnen. Zum zweiten und drittenmale erschallte das Gebot: Silentium aus dem Munde des Teologen. Beim drittenmal wurde es still im Kreise— iver jezt nicht schwieg, konte vom Sprecher mit einer ziemlich empfindlichen Geldstrafe, die an die Bibliotckkasse zu entrichten war, heimgesucht werden. Besonders hart wurde von dem„sittlich-crnstcn" Schleiermacher das Fluchen bestraft, dagegen ivar er nicht berechtigt, Seufzen strafrechtlich zu verfolgen. Wer die körperlich kerngesunde Gesellschaft nicht gesehen, sondern nur gehört hätte, würde in der Tat versucht gewesen sein, zu glauben, daß er in eine Lazarctslatiou für Schwerverivundete geraten sei, solch' ein Seufzen und Itönen stieg durch die dicken Rauch- wölken, welche sich über die akademische Gesellschaft gelagert hatten, Die ZweckmiihigKdl Bon Es blieb somit für die Neuzeit noch viel zu tun übrig und erst diese hat sich das unvergängliche Bcrdienst erworben, den scharfen Nachweis gefürt zu haben, daß die Zweckmäßigkeit und Harmonie in der großen Weltuhr, soweit man davon über- Haupt sprechen kann, das schließliche Ergebnis unausgesezter Ent- Wicklung und Beränderung und die notwendige Folge eines völlig blinden Waltens der Naturkräfte und der Bewegung der geballten oder verteilten Materie ist, ja daß jeder, selbst der chaoiijche Zustand derselben endlich in gewissem Grade zur Ordnung und zum Frieden füren müsse. �, Allerdings sind nun, wie ans einer früheren �ludeutung ichcrn hervorgeht, die Bedingungen der Zweckmäßigkeit im Makrokosmos nicht so mannichfach und so subtiler Natur, als diejenigen der Tier- und Pflanzenwelt. Vielmehr verstehen wir unter der ko-- mischen Ziveckmäßigkeit einen Zustaiid, bei dem ftir die Weltkorper tvedcr aus der Richtung ihrer Ipezialbewegiiiigen selbst, noch au.' den gegenseitigen Störungen in der Bewegung Zusammen- stoße resultiren, also der gesonderte Bestand derselben gesichert erscheint. zur geivölbten Zimmerdecke empor, wärend Ichleiermacher seine teologische Eröffnungsrede hielt. Er schloß mit den mahnenden Worten:„Nun hoffe ich, daß der Ernst, ivclcher uns diesen wissen- schaftlichen Abend einznsezen veranlaßte, allgemach auch sich in der Haltung aller anwesenden Bundesbrüder für die Dauer un- seres heutigen Beisammenseins bemächtigen wird und erteile das Wort zu dem ersten Tendenzvortrage in diesem durch eine tief- greifende Reform unserer Verbindnng eingeweihten Semester un- serm lieben Bundesbruder Thor!" Durch die Reihen der Studenten ging ein Gemurmel des Beifalls. Thor, der wegen seiner Beredsamkeit, insbesondere wegen seines prachtvollen Stimmorgans den Namen des altnordischen Donnergottes erhalten hatte, stand ans, stellte mit einer kräftigen Armbetvegung seinen Stul vor sich hin, so daß er sich mit den Ellenbogen auf dessen hohe Lehne stüzen konte und hob zu reden an. In der Einleitung faßte er die Gründe zusammen, welche die Reform der Verbindung, die ursprünglich nur gemütlich-gesellige Zwecke gehabt, hervorgerufen hätten. Es habe sich die Sucvia, so hieß die Verbindung, mit den ältesten ihrer alten Herren, soweit sie noch am Leben seien, in Verbindung gesezt und sei zu der Ueberzeugung gelangt, daß ihre Gründer vor mehr als dreißig Zaren von den ernstesten Zielen, nicht nur wissenschaftlichen, sondern sogar politischen, geleitet worden seien. Die politische Reaktion habe zu verschiedenen Zeiten der Ver- cinigung das Leben schwer gemacht und sei schließlich in den fünfziger Zaren gezwungen, ihren ursprünglichen Namen und Karakter, den der Burschenschaft Germania, vor der Oeffcntlich- keit abzulegen. Aber in der von den alten Germanen als Fort- sezung ihrer Burschenschaft gegründeten Suevia habe noch lange Zeit der alte Geist unter der Asche politischer und wissenschaftlicher Indifferenz fortgeglüt, bis jüngere Studentengenerationen all- mälich die Fülung mit den ehemaligen Germanen verloren hätten, um sich in dem nichtigen Treiben der Mensurschlägereien und des burschikosen Randalirens und Kommersirens ganz� zu verlieren. Er, der Redner, sei gewiß keiner von den Studenten, welche die Traditionen des urfidelen, leichtlebigen, aller Philistro- sität feindlichen deutschen Studententums mißachteten und opfern wollten, er sei nicht Simpel und Pedant genug, um nicht ein- zusehen, daß Jugendkraft und Lebensfreude allein jene hohe Spannkraft des Geistes erzeuge und erhalte, welche aller Unbill des Lebens gewachsen und überlegen sei, er sei aber auch nicht oberflächlich und beschränkt genug angelegt, um Jugendlnst und Lebensgenuß als einzigen oder Hauptzweck des Lebens auszufassen und zu verfolgen. Sie seien ihm, und meist allen wahren Bernunftmenschen nur Mittel zum Zwecke, und dieser selbst sei ihm: mit allen Kräften des Leibes und der Seele teilzunehmen, oder sich zu solcher Teilnahme vorzubereiten, zur Teilnahme an der großen Kultnrbewegung der Menschheit.— iZortsc�uig folgt.) in der Sternenmelt. Köhler.(1. Fortsezmig.) Die Alten vor Kopernikns und Galilei hielten bekanntlich die Erde für den Haüptgegenstand, den eigentlichen Grund und Boden der Welt und als feststehend, ivärend sie den Himmel als Holkngel tägliche Drehbewegungen um die Erde ausfüren ließen. Die große Mchrzcil der Sterne, an denen man eine Veränderung ihrer Stellung nicht warnahm, glaubte mau an jener Holkugel festgeklebt unv nante sie deshalb Fixsterne, welche Bezeichnung noch heute gilt. Gestirne, welche außer jener täglichen Rotation noch eine besondere Bewegung zcig'en, hießen Wandelsterne oder Planeten und so wurden auch Sonne und Mond zu den Planeten gezält. Seit der ewig denkwürdigen Tat des Kopernikns sah die Menschheit nach und nach den waren Sachverhalt ein, betrachtete indes noch immer die Fixsterne, sowie die Sonne, welche nunmehr zum Fixstern avancirte, als unbeweglich, bis sich seit vorigem Zarhundert in Folge genauester Beobachtungen allmälich die Erkentnis Bahn brach, daß auch die ganze Fixsternwelt in allerlei Bewegungen begriffen ist. Wir müssen auf Grund der astronomischen Beobachtungen und an der Hand der mit matematischer Unfehlbarkeit zutreffenden -- 00----w Säze der analytischen Mechanik annehmen, daß dieBewegungder materiellenKom- plexe im Welt- räum an sich, also die den kou- kreten, beobach- tetcn Bcivegun- qen der Welt- körper zu Grunde liegende Orts- Veränderung im Raum nicht die Folge der ver- scknedenen, von dicscnKomplexen ausgeübten Kraftwirkungen ist, sondern als der von Ewig- keit her ge- gebene Zu- stand der Ma- tcrie von der allgemeinen An- ziehung*) nur fortwärend mo- difizirt wird, ältlich wie man allen Formen der Stoffe ein llnver- gäugliches und Unerschaffenes, eben die Stoffe selbst, als zu Grunde liegend betrachten muß, Tie einfache geradlinige Orts- Veränderung, die als an der Ma- terie haftender Zustand gewisser- maßen das Ma- terial für alle Bewegungen seit jeher geliefert, wird unter dem Einfluß der ge- uanteu von den Massencentren• ausgehenden Kraftwirkungen zurKurvenbewe- gnng.welcheVer- änderung einer gegebenen(vor- handeuen) Bc- wegung wir an *) oder dem allgemeinen sphäri» scheu Druck(An- trieb), der von mehreren Physi- kern der Neuzeit behauptet und als Ursache der Gravi- tation angesehen wird, P. K. Julia Saputet.[f jedem geworfenen Stein beobachten können. Alle Wellkör- per, soweit nur immer ihre Be- wegnngslinien erkennbar wur- den, beschreiben Kurven und am Beispiel derPla- neten unseres Sonnensystems wurden die Lehr- scize ausgestellt, daß die Anzieh- ung, die Ursache aller dieser Kur- venbewegungen, im umgekerten Verhältnis zum Abstände der an- ziehenden Körper sieht und daß sich unter der Wirkung dieser Anziehung jede ursprünglich vor- handene gerad- linige und nicht nach dem An- �iehungscentrum gerichtete Be- wegung zu einer ebenen, geschlos- senen und un- veränderlichen Kurve(Kreis, Ellipse) gestaltet, wenn anderwei- tige Störungen ausgeschlossen sind und die Be- wegnng nicht durch widersteh- ende Medien verlangsamt wird. Jeder Weltkör- per, so lehrt ferner die Mechanik,— und auch diese Lehre hat ihren realen Boden in den Tatsachen— der um einen an- dern mit ihm durch die Gravi- tation verbun- denen Körper kreist, übt auf diesen eine Wir- kung aus, die ebenfalls in einen Umlauf und zwar einen mit dem Umlauf des er- sten Körpers genau korrespon- direnden aus- schlägt, voraus- gesezt, daß beide � C'item Gemälde von Berta Tieck. 62 Körper sich sonst frei bewegen können. Tos Resultat ist ein Gcgentanz beider Körper um einen Punkt, der zwischen ihren beiden Schwerpunkten liegt; nur beiläufig sei bemerkt, daß dieser Mittelpunkt der gemeinschaftlichen Drehung derjenige Punkt ist, den ein jeder der beiden Körper in derselben Zeit erreichen würde, wenn er ausschließlich dein Autriebe derjenigen Kraft folgen könte, die beide zu einem System verbindet. Eine größere Masse wird aber von einer gegebenen Kraft in einer gewissen Zeit im um- gekehrten Verhältnis ihrer Größe(Schwere) eine kürzere Strecke bewegt, als eine kleinere und daher liegt jener Mittelpunkt der gemeinschaftlichen Rotation, den mau auch den Schwerpunkt dcS Systems nennt, bei ungleichen Massen der Körper stets näher der größereu Masse, bei gleichen Massen in der Mitte zivischeu beiden. So liegt das Centruni der Bahn unseres Mondes nicht im Pkittelpunkt der Erde, sondern ist im Verhältnis der Erdmasse zur Moudmasse aus dem Erdmittelpunkt nach dem Monde zu gerückt, und eigentlich bewegt sich nicht der Mond um die Erde, sondern Erde und Mond bewegen sich in gleicher Zeit um diesen gemcinschastlichcn Schwerpunkt, der überdies nicht au eine Stelle festgebauut ist, sondern je nach dem wechselnden Abstände beider Körper seine Lage verändert. So wie mit Erde und Mond ist es aber mit allen Binar- systemen*) im ganzen Kosmos. Wer sich diese Erscheinung bei der Bewegung zweier mit- einander verbundenen Körper einigermaßen veranschaulichen will, der verbinde zwei Bälle mit einem Faden und werfe beide in die Höhe. Sobald sich in der Luft der Faden spannt, treten die Drehbewegungen um den gemeinschaftlichen Schwerpunkt ein, der bei verschiedenem Genficht der Bälle stets dem schwereren Balle näher liegt.— Aehnlich ist das Verhalten von drei oder mehreren mit ein- ander tanzenden Massen. Wenn zwei Körper, die sich als Binar- system um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt schwingen, von einem dritten umkreist werden, so reagirt diese Umkreisung auf die beiden ersten Körper derart, daß sich diese nun ihrerseits auch nm den dritten Körper schwingen und als Endresultat erscheint ein kreisförmiger oder elliptischer Lauf aller drei Körper um ein gemeinschaftliches Ccntrum an dessen Feststellung alle drei Glieder des Systems nach Verhältnis ihrer Massen Anteil nehmen. Da- bei können noch die Spezialfälle obwalten, daß das Binarsystem der beiden ersten Körper als solches den ncncn Schwerpunkt umkreist, oder auch, daß einer der ersten beiden Körper mit dem neu hinzugekommenen ein neues Binarsystem bildet, welches außer der Bewegung um den Schwerpunkt des ganzen Systems seinen eigenen Umlauf hat, was ganz von den Abstands-, Bewegungs- und Masseiiverhältnisseii der beteiligten Körper abhängt. Gehl der Umlauf aller drei Körper in einer Ebene mit gleicher Winkelgeschwindigkeit**) und unter Beibehaltung der ursprünglichen Abstände der drei Körper von einander vor sich und ohne, daß zwei davon ein Uutersysteni bilden, so ist der Schwerpunkt des Systems in der Lage unveränderlich. Anders ist die Sache, wenn die Körper verschiedene Winkelgeschwindigkecten, verschiedene Bahn- ebenen oder wechselnde Abstände aufweisen; dann ist der Schwer- pnnkt ein stets wechselnder und der ganze Vorgang der Umkrei- sung mehr oder weniger verwickelt. Alles Gesagte gilt nun auch von einem System von mehr als drei Körpern, die gegen einander gravitiren und in Bewegung begriffen sind— doch ist es klar, daß bei der Vermehrung mit einander kreisender Massen das Gesez der Bewegung für jede einzelne Masse immer komplizirter wird und wol schließlich fast gar nicht mehr als solches erkennbar ist, wenn die genanten Verschiedenheiten stattfinden; es erscheint ein solches System alsdann als Chaos. Ein System von Weltkörpern mit verschiedenen Bahnebenen, verschiedenen wechselnden Abständen, Winkelgeschwindigkeiten zeigt sich uns schon in unserer nächsten Nähe in unserm Sonnensystem, jedoch mit der Eigentümlichkeit, daß einer der Körper, die Sonne, im Vergleich mit allen übrigen zum System gehörigen Massen so mächtig ist, daß das Umlaufscentrum des ganzen Systems für gewönlich noch innerhalb des Sonnensystems fallt.***) *) Systeme von zwei mit cinander umlaufende» r.orpcrn. **) Bejchrelbnng gleicher Winkel in gleichen Zeiten. ***) Ei» llmstanv, der mit der Taisciche der vergleichsweise geringen Steigungen der Planetcnbahnebencn entschieden z» Gunsten der Laplace- scheu Hypoteje der Entwickelung von Sonne»nd Planeten spricht. Be» kanntlich steht der Laplace'jche» Hypoteje über die Entstehung des Planetensystems diejenige Kanl's, obwol beide einiges Genieinsame Wie sich aus vielen Familien die Gemeinde, aus vielen Ge- meinden die Nation und aus vielen Natimicil die Völkerstämme znsammensezen, so besteht durch die unendliche Welt der schwe- benden Kugeln, soweit erkenbar, das Prinzip der wiederholten Grnppirnng. Die Systeme der Planeten mit ihren Trabanten sind Glieder des Sonnensystems; eine ungezälte Menge von Sonnensystemen sezen unser Fixsternhcer— beiläufig ein Welt- körperhanfen von solch erstaunlicher Ansdennng. daß der Licht- stral(Geschwindigkeit gegen 42,000 Meilen pro Sekunde) nach angestellten Berechnungen sechs bis achttausend Jare braucht, um sein Gebiet zu durchmessen— nach der scheinbaren Umgrenzung durch die Milchstraße Milchstraßensystem genant, zusammen, und durch viele Anzeichen ist angedeutet, daß unser Milchstraßensystem mit tansenden gleichartiger und in der Ausdehnung ebenbürtiger, warscheinlich in verschiedenen Stadien der EntWickelung begriffener Systeme, den Nebelslecken, eine Gruppe bildet, die wieder mit andern solchen Gruppen einen»nfaßbar ausgedehnten Teil des Universums ausmacht. Aber auch innerhalb des Milchstraßen- systems sind partielle Gruppirnngen warzunemen.— Kann es nun nach den Ergebnissen der Spektralanalyse nicht mehr Zweifel- Haft sein, daß wir in den Fixsternen— gleich Unserer Sonne— glühend flüssige, von glühenden Gasen nnigebene und in der Qualität des Stoffes mit den Körpern unseres Sonnensystems völlig übereinstimmende Kugeln zu erblicken haben, so ist auch der Schluß gercchtsertiat, daß dieselben Kräfte, welche in unserm Sonnensystem die"Bewegung der Planeten bestimmen, auch in jenen fernen Regionen in gleicher Weise tätig sind. Die allgemeine Gravitation, die den fallenden Stein zur Erde treibt— mag diese nun von einer in den Körpern sizenden Anziehungskraft, oder von einem von diesen ausgeübten und durch den Raum fortgepflanzten Druck herrüren, was hier nicht erörtert werden soll— sie ist es auch, welche als die anfänglichste Ursache aller jener Gruppirnngen im weiten Weltraum betrachtet werden muß, sie ist es ferner, welche eine allgemeine kausale Wechselbeziehung zwischen den ent- ferntesten Gliedern der Systeme herstellt; unter ihrem Einflüsse bilden sich die Schwerpunkte der Gruppen, jene virtuellen Punkte, von denen oben gesprochen wurde, und da die Fixsterne sich be- wegen, so müssen wir unserer Fixstcrnwelt unter Vorausscznng ver- schiedener Bewegungseinrichtungen den Karakter eines chao- tischen Durcheinander im oben angezogenen Sinne beilegen. Zwar wird es für den Augenblick überraschen, eine solche Bezeichnung ans nnsern Fixsternhimmel angewendet zu hören, denn nur zu mächtig hat der Eindruck majestätischer Unveränder- lichkeit, den derselbe darbietet, unsere Anschauung beeinflußt, und auch andererseits möchte wol manchem der Begriff eines ivirren Durcheinander für die Betvegung der Fixsterne nicht recht passend erscheinen, weil wir damit gewöhnlich eine lebhafte Bewegung haben, in zwei wesentlich II Fragen diametral gegenüber: in der Frage nach der Entstehung der Bewegung— derjenigen der Planeten im speziellen, wie der Bewegung der Wcltkörper überhaupt— und in der Beziehung zu der Lehre von der Warine. Ter Kani'sche llrstoff ist, um es ganz kurz auszusprechen, Staub, teste Materie in feinster Zer- teilung, one jede Bewegung und one die Moleknlarjchwingung der Wärmet alle Bewegung läßt Kant aus der Wirkung von Anziehung und Ab stoßung der Massenteilchen resultiren, und die Wärme(der Sonne ic.) entsteht bei ihm erst nach der späteren Bereinigung und Ballung der- selben. Nach Laplace cxistirte an Stelle des Sonnev systems— er be- schränkte sich bei seinen Entwicklungs-Hypotesen zumeist auf dieses— weit über die heuligen Grenzen desselben hinaus eine Gazmaife, also nach unserer heungen Gastcorie ebenfalls äußerst sein zerteilte Materie, aber in molekularen, in sich zurückkehrenden Bewegungen begriffen. Ferner nimmt Laplace eine llrbewegung aller Materie' an, die auch der Nebelmaffe unseres Sonnensystems innewohnte, bei der späteren So»- derung und«erdichtuug der Masse aus die Teile überging und unter der Wirkung der Gravitation zur Kurvenbewegung geworden ist Wirend sich nun die Kaut'sche Hypoteje, soweit sie sich mit der Entstehung der Bewegung und den augensältigsteu Eigenschaften der Planetenbahnen befafct, mit der sortschreuenden Erkeutnis der Natur mehr und mehr als haltlos erwiesen hat. zeigte sich die Laplacc'sche Teorie für die Kos- inologie als ein in der Hauptsache brauchbares Fuiidainent. Nur in emer Beziehung erlangt die Kaut'sche Darstellung vorder Laplace's scheinbar eine hohe, e Bedeutung, nämlich in jener größeren Frage, wie An ganze- Heer von Sonnen sich entwickelt hat, beispielsweise dasjenige S>'''em der F.rw,.e. von de», wir von der Erde ans mit bloße». Auge WMZWMW- - 63 verbinden. Indessen ist das mir richtig, wenn wir den Maßstab unsers Daseins und unserer Entwickelung auch an die Er- scheinnngen des Weltraums legen, und innerhalb einiger Jar- hunderte oder Jartansende allgemeine Veränderungen erwarben in Regionen, bei denen die Jartansende gleichsam nur Zeitein- hciten vorstellen— Sekunden im Lebenslaufe der Systeme. Jede Sache hat aber ihren eigenen Maßstab und die Sternenwelt den allergrößten. Wenn wir mit Alexander v. Humboldt„zusammen- gedrängt denken, was durch große Zeitabschnitte gotrent ist," um tm* Chaos der Jixsternenwelt als solches zu erkennen liitosmos, erster Teil), so verkleinern wir damit die gewaltigen Verhältnisse des Universums in der Phantasie, um sie mit unserm Maßstabe messen und darnach beurteilen zu können. Tie„Größe der Welt", resp. die erstaunliche Ferne der Fixsterne ist die Ursache, warum uns deren Bewegungen Zeit ließen, sie in„Sternbildern" zu- sammenznfassen. Um die scheinbare Starrheit der Fixsternkonstellationen mit dem Begriff der stetigen Bewegung in Einklang zu bringen, mag folgende Einschaltung dienen. Ein jeder Leser kent den Gürtel des Orion, jene drei schönen Sterne im genanten Sternbilde, die in gleichem Abstände ron einander fast eine gerade Linie bilden. Ein solcher Abstand ist etiva gleich 1>/, Grad eines Meridians des Himmelsglobus. Denken wir uns diese 3 Sterne nur soweit von uns abstehend, wie der nächste Fixstern(a Centauri, Abstand S'/j Lichtjare) und nehmen an, einer davon bewege sich nach seinem Nachbarstcrn hin mit der Geschwindigkeit, wie sie für den Sirius gesunden wurde, mit G Meilen per Sekunde, so tönten glcichwol in unserm Geschlecht noch zivanzigmal die Generationen lvech- sel» und mit ihnen— hin und wider— auch die„ewigen" und .unantastbaren" Staats- und Gesellschaftseinrichtungen, denn der Stern ivürde sein Ziel erst, nachdem G Jarhunderte abgelaufen wären, erreichen: er hätte nämlich einen Weg von IZlXXK) Millionen Meilen zurückzulegen. Nun ist ferner zu bemerken, daß alle Fix- sterne, mit Ansnahme des genanten, iveiter von uns entfernt sind, als 3>/, Lichtjare; wenige sind unter 100 Lichtjareu, viele von 100 bis öUl1, die überwiegende Mehrzal der Fixsterne unsers Systems ist zwischen 300 bis 4000 Lichtjare von »ns entfernt. Ein Stern, der nur 300 Lichtjare von uns absteht, würde zur Zurücklcgung jener 1'/, Grad des obigen Beispiels schon 9� tausend Jare gebrauchen. Nehmen wir hinzu, daß es durchaus nicht die Regel ist, die Bewegung der Fixsterne normal zu unserer Gesichtslinie vor sich gehen zu sehen, sondern daß wir l» den meisten Fällen die Bewegungen nur in der Projection, also verkürzt, erblicken, so ist leicht einzusehen, daß zu allgemeinen Veränderungen in der gegenseitigen Stellung der Fixsterne Zeit- räume gehören, gegen welche die par Jartausende, die seit den Zeiten der chaldäischen Sterndeuter verflossen, fast bedeutungslos sind. Wie schon erwänt, ist die Beweglichkeit der„Fixsterne" durch genaue Untersuchungen konstatirt worden und zwar hat nian bei einigen eine nicht ganz unbeträchtliche Veränderlichkeit des Stand- vrtes nachgewiesen. Ferner zeigten gewisse Doppelsterne Umlaufs- Bewegungen, um einander als Binarsystcmc; bei anderen Fix- flernen wurden solche ermittelt, welche auf das Borhandensein bedeutender mitumlaufeuder, nicht leuchtender Körper schließen lassen— kurz, es ist kein Zivcifel mehr möglich, daß m der ganzen Fixsternenwelt ebensoivenig Ruhe und Unvcrändcrlichkeit zu flnden ist. als in unserm Planetensystem und auf unserer Erde. Nicht pessimistische Tendenzen sind es, sondern obiektyche Beweggründe, welche bei der Erörterung der kosmischen Zwcckmayig- bs't zu dem sehr wichtigen Saze füren, daß die Bewegung der Weltinaterie die erste Unzweckmäßigkeit in der Welt ist. Wäre die Bewegung, d. h. jenes unabänderliche Verhältnis der fletigen Abstandsveränderung, das allen Bewegungserscheiiuingeii ber Ltossmassen, wie oben besprochen, zugrunde �icgt, nie vorbanden gewesen, so würde leine Welt in unserm.sinne existiren, denn die Wirkung der materiellen Kräfte, die wir sert Newton Anziehung nennen, hätte sich darauf beschränkt, die Mayen in "nzelnen ruhenden Haufen zu vereinigen. Die NWene uiyers Fixsternsystems z. B.. als Gasmasse gegeben, wurde sich m bt- ?>'"Uer Zeit zu einzelnen Körpern Erdichtet haben, und das zusammentreffen dieser einzelnen Körper und die Vereimgu g NWWÄMM A w. Und wenn auch augenonimen werden muß, dag c in Gas aufzulösen und im Umfange der ursprünglichen Aus- dchnnng zu zerstreuen, so würde die unendliche Zeit doch nur mit einem, verhältnismäßig oft sich erneuenden, Wechselspiel aus- gefüllt, bei dem Axendrehnng und Millionen von Jaren an- dauernde Umläufe der Massen um einander und damit fast alle Erscheinungen, die als wichtigste Faktoren des Lebens angesehen werden müssen, fehlen würden. Es wäre einem Menschengeschlechte für alle Zeiten erspart geblieben, über das Schicksal der Jndi- vidnen und des ganzen Geschlechts in allen Tonarten philo- sophiren zu müssen. Ein Umlauf der Erde beispielsweise, in einem Abstände von der Sonne, der diejenigen Temperaturver- Hältnisse bedingt, die organisches Leben erst möglich machen, könte nicht vor sich gehen, wenn die Erde nur der Gravitation folgen würde. Sie würde in kurzer Zeit die Sonne in beschleunigter Beivegung erreicht haben. Mit der Bewegung als bedingnugslosem Urzustand besizt nun zwar die Welt diejenige verwickelte Verfassung, welche unter sonst günstigen Verhältnissen empfindendes Leben aufkommen lassen, aber damit ist auch zugleich die Möglichkeit immer wiederkehrender Störungen, ewig wiederholter Zusammenstöße der Weltkörper, permanenten Unfriedens(Unfriedens im Kosmos nämlich, von dem noch nicht die Notwendigkeit ewiger Feindschaft der Na- tioualitäten hergeleitet werden darf) und damit für unsere Begriffe die Möglichkeit ewiger Unziveckmäßigkeit im Weltraum gegeben. Das Vorhandensein der Urbewegung der Materie bedingt für dieselbe, wie aus dem Vorhergehenden folgt, zunächst den Zu- stand, daß der baldige, direkte Zusammensturz der sich suchenden Massen nach den Schwerpunkten verhindert ist, und an Stelle dessen eine mit der Pendelschwingung verwante Zchwingungs- beivegung derselben um jene Punkte besteht. Ist nun auch in solcher Weise vorerst statt des grauenerregenden Zusammenstnrzes der Weltkugeln der Znstand eines friedlichen Tanzes derselben um einander geschaffen, so birgt doch dieser scheinbar recht har- monische Zustand in seinem weiteren Verlaufe die Möglichkeit so arger Unregelmäßigkeiten, daß für den Frieden der Weltniaterie im Grunde nichts gewonnen, dagegen durch den Umstand, daß gerade die Umlaufsbeweguugeii der Weltkörper die Entwickelung höheren organischen Lebens begünstigen, erst recht eigentlich der Begriff allgemeiner Unzweckmäßigkeit und Gefärlichkeit in die Welt eingefürt ist. Die Urbeivegung verursacht, um es noch anders auszudrücken, eine derartige Verlängerung der Zwischen- pausen zwischen den kosmischen Katastrophen, daß das empfin- dende Leben dabei in Mitleidenschaft gezogen wird. Sagen mir nunmehr voraus, daß der Himinelsmechanismus nicht das Werk oder die Wirkung einer bewußten Gottheit sei, und nehmen wir au, es habe nicht ein Zustand denkbar größter Verordnung im Weltraum bestanden, so entsteht die wichtige zwiefache Frage: Könte ein solcher Zustand unveränderlich und von ewigerDauer sein? Die Unzweckmäßigkeiten in einem derartigen Chaos würden, entsprechend unser» oben forinnlirten Begriffen über die Ecfor- deruisse der kosmischen Ordnung und Harmonie hauptsächlich in denjenigen Katastrophen bestehen, die aus der Richtung der Spc- zialbewegungcn der Massen selbst, soioie aus deren gegenseitigen Störungen resultiren, die bei stärkerer Annäherung von der Gravitation herbeigefürt werden., Die Antwort auf die erste Frage ergibt sich nnu schon onc weiteres; es würden sich unter dem Einflüsse der Gravitation in kurzer Zeit eine Menge Systeme mit einander kreisender Massen bilden; die mächtigere» Massen würden sich sehr bald freie Bahn herstellen, indem sie nach einem sehr bekantcn— und doch noch nicht genug bekanten— die ganze Natur und alles Leben bcherschcnden Geseze die kleineren bei Zusammenstößen oder durch die Wirkung der Gravitation einfach annektiren, ihrer Masse einverleiben würden. Damit würde nach und nach eine Säuberung der Räume von allen kleinereu Körpern vollzogen und iveil sich dieser Kampf um die gesonderte Existenz auch zwischen den mächtigeren Körpern nach dem Prinzip des Faustrcchis fortseze» ivürde, so müßten mit der Zeit die Zusammenstöße immer seltener werden. Wir sehen, daß sich eine Unveränderlichkeit chaotischer Zustände von vornherein als unmöglich erweist. Es zeigt sich statt dessen eine Entwickelung zu friedlichen Verhältnissen, welche Resultate allerdings nur durch Kämpfe und Katastrophen erkauft werden können, und zugleich ergibt sich, daß die einzelnen Körper durch die Auuektionen selbst an Masse größer und die durchschnittlichen Abstände derselben von einander immer beträchtlicher werden würden. Allein, eine ideale und ewige Harmonie könte aus Zuständen, 64 wie die angenommenen, doch niemals hervorgehe»; denn wenn auch die spätere Bersassung mit der ursprünglichen samt ihren zalreichen Zusammenstößen und Störungen nicht mehr zu ver- gleichen wäre, so erfordert der Begriff vollkommenster Ordnung doch ganz andere Bedingungen. Obschon größere Katastrophen im Lause der Zeiten immer seltener vorkommen mußten, so wäre doch niemals die Möglichkeit solcher Ereignisse ganz aufzu-; heben und weil wir a priori annehmen muffen, daß in den un- ermeßlichen Zeiten, die dem Weltall zu seiner Entwickelung zur Verfügung stehen, die Möglichkeit von Zusammenstößen auch immer wieder in Wirklichkeit zu solchen füren muß, so erledigt sich der zweite Teil der Frage dahin, daß der Zustand der Un- orduung im Grunde genommen von ewiger Dauer sein wurde. (Echlub lolgt.) Edinburg. Dritter Reisebrif aus Schottland von-5. Iviereck. III. Zur Geschichte der Stadt. Holprood und Maria Stuart. John Unox und der Puritaniemus. Die Prinzenstraße. Monumente be- rühmter Schotten. Canongate und Graßmarket. Straßenleben der Altstadt. Neu-Parthenon. Jenny Geldes und ihre Fußbank. Fernsicht vom Mound. Edinburg gilt allgemein für eine der schönsten Städte der Welt. Diesen Ruf würde es schon dann rechtfertigen, wenn man das allernierkwürdigstc, nämlich seine amphiteatralische Lage am Meere außer Betracht ließe, und nur auf seine innere Bauart Bezug nähme. Zwischen dem schon ertvänten„Arthurs-Size", dem einem schlafenden Löwen gleichenden Höhenzuge, etwa eine deutsche Meile vom Firth of Förth entfernt, und dem lezteren dacht sich in den mannigsachsten Gestaltungen ein Hügelplatean zum Meere ab und ans diesem ist das alte„Edwinsburg" augelegt. Bon den beiden Haupthügeln, die dem Ankommenden von der Wasserseite zuerst in die Augen springen, blieb der öst- lichere Calton Hill zunächst unbebaut, ivärend schon im 7. Jar- hundert unserer Zeitrechnung der westlichere, der sogenante Schloß- berg von dem angelsächsischen König Edwin von Northumberland zur Etablirung einer starkbesestigten Militärkolonic verwertet wurde. Die mannigsachsten Schicksale hatte die sich später ent- wickelnde rein schottische Stadt durchzumachen, bis sie in der Mitte des 15. Jarhnnderts, nach der Ermordung des schottischen Königs Jakob l., als Hauptstadt an die Stelle von Perth trat. Die Bürger Edinburgs verfehlten nicht, ihrem Königshause diese Residenzverlegung in dankbarster Erinnerung zu behalten und diesem in seinen Konflikten- mit dem Landsadel kräftigst beizu- stehen. Jakob II. revanchirte sich bei einer solchen Gelegenheit, indem er de» vereinigten Zünften ein von der Königin gesticktes großes blaues Banner stiftete, das später das ständige Kampf- objekt und den Siegespreis bei den internen Bürgerzwisten bildete und noch heutigen Tages vorhanden ist. 1544 litt die Stadt ungeheueren Schaden durch die englische Belagerung und darauf folgende Okkupation unter dem Earl of Herfford. Dieses Ereignis bildete aber nur den Ansang einer langen Reihe von Kämpfen und Kriegen, die an die Reformation anknüpfend, sich bis zur Beendigung der englischen Revolutionsepoche des 17. Jarhunderts mit kurzen Unterbrechungen fortsezten. Dies der Grund, warum in einer so alten Stadt wie Edinburg ältere Bauwerke absolut nicht zu finden sind— die Stadt ging so und so oft in Flammen aus.- Das älteste Gebäude, was jezt noch existirt, ist das Schloß Holyrood, das der Vater von Maria Stuart, König Jakob V., erbaut haben soll. Es ist dadurch interessant, daß seine durch die Dichtung so popularisirte Tochter hier mit Borliebe residirtc und auch ihren geliebten Sänger Rizzio ermorden sehen mußte. Tie Zimmer sind noch fast ganz unverändert, so wie sie von Maria Stuart benuzt wurden. Ich vermißte nicht einmal den Blutfleck an der Stelle, wo Rizzio ums Leben gekomnien sein soll, eine„Sehenswürdigkeit", welche die Parallele zu den Dinten- flecken im bekanten Lutherzimmer der Wartburg bildet. In der Nationalgalleric am sogenanten Mound findet man übrigens von einem schottischen Künstler eine sehr sprechende Darstellung der Rizzioszene, wie auch sonst mehrere ans die unglückliche Königin bezügliche Gemälde. Ich habe schon wärend meiner Schulzeit das bekantc„Adieu de Marie Stuart" zwar stets seiner herlichen Diktion und des Wolklangs seiner Berte wegen bewundert, aber nie recht begriffe», warum es der Schottin Maria so schwer ge- worden sein sollte, ihr Hofleben in Frankreich mit einem Königs- tron in ihrem Vatcrlandc zu vertauschen. Jezt begreife ich das Gedicht, nachdem ich Schottland gesehen und dies — charmant pays de France qne je dois taut chcrir! Frankreich ist das Land des Sonnenscheins, des Geschmacks, der Geselligkeit und der Freude, lachende Fluren und saftiges Grün erfreuen den Wanderer, gastlich kredenzt man ihm den Wein und es dauert nie lange, bis man sich heimisch fühlt bei unser» troz ihrer nationalen Schwächen so unendlich liebenswürdigen Nach- barn jenseits des Rheins. Wie anders in dem öden�Caledonien! Der ewig graue Himmel und die melancholische Färbung der kahlen Felsen, sie Harmoniren nur zu sehr init dem finsteru Geiste des Puritanismus, der seit drei Jarhunderten wie eine wäre Landplage von hier ans über Großbritannien hereingebrochen ist, dann aber sich über den Ozean fortgepflanzt hat und in ganz Nordamerika wie eine schwarze Wetterwolke über dem Lande hängt, ewig drohend, durch seine unheilschwangeren Niederschläge den gesunden Volksgeist zu vergiften und dem Volke sein Glück und seine Freude zu rauben. Man hat in der Geschichte scharf Musterung gehalten und die Despoten stigmatisirt, die Hekatomben von Menschenleben ihrer Ruhmsucht schlachteten, man hat das Elend registrirt, das ein einziger„frischer, srölicher Krieg" für Hunderttausende von Individuen und ganze Familiengruppen zur Folge hat— wer ist der Geschichtsschreiber, der das namenlose Unheil verkündet, das ein John Knox in der Welt angerichtet? Wenn England die Schande trifft, das„Heuchelland" geheißen zu werden, wenn seine Iabbatfcier das Volksleben bis ins Mark zerstört, wenn es so weit gekommen ist, daß fast alle Völker der Erdenrnnde in einem instinktiven Hasse sich begegnen gegen die als Missionäre einwandernden und dann als Opinmhändlcr und unbarmherzige Ausbeuter sich entpuppenden Briten— zum größten Teil verschuldeten es die puritanischen Lehre» und ihr großer Prophet, John Knox. Ich möchte dem Leser nicht gleich die Freude an dem Laude verderben, in dem er mit inir sozusagen eben erst gelandet ist. Ich will daher erst durch Stadt und Land mit ihm streifen, das Jntereffante beleuchten und die lobenswerten Tatsachen, von denen ich Kunde erhalten, gewiffenhaft aufzeichnen. Sprechen müssen werde ich aber von der Art„Sabbatfeier", die in Schottland ihren Ursprung hat und bei welcher das Miß- behagen des Fremden, der grade in diesem ungastlichen Lande weilt, wirklich ein Nichts ist gegenüber den schon angedeuteten geradezu erschrecklichen sozialetischen Momenten. Tie Hauptstraße Edinburgs ist die Prinzenstraße, die vom Calton Hill im Osten, an dem Ichloßberge vorbei bis ins fahsionable Westend fürt. Ich habe viele schöne Städte gesehen und von andern gelesen, ich glaube nicht, daß sich viele Straßen in der Welt mit dieser vergleichen können. Man denke sich einen ansehnlichen Höhenzug, der mit einem Sckloß und einer Reihe großartiger Bauwerke besezt ist. schroff abfallend in eine große romantische Schlucht, die von Brücken. Spazierwegen und sehr geschmackvollen Anlagen mit Springbrunnen, Monumenten und Orchesterhallen in einem überraschend hübschen Ensemble ausgefüllt ist, so hat man die Südseite von Princes Street. Die Nordseite bildet ein tadellos aufgeworfener sehr breiter Straßen- dämm, der von einer Reihe Prachtbauten, meist großen Hotels, flankirt wird. Wärend oben in der Straße mehrere Pferdebahn- linien knrsiren, münden unten in der Ichlucht beide Eisenbahnen, die Edinburg mit der Welt verbinden, die North British und die Calcdonicn Railway. Natürlich bedingt diese Lage einen riesige» Berkehr in der Hauptstraße, zu dem bei schönem Wetter— was sogar in Edinburg vorkomt!— die zallosen Spaziergänger kommen, die sich unten in den Anlagen ergehen. Besonders stark ist die Cirkulation natürlicher Weise dann, wenn die Musikbande Ii - 65- des 42. Hochlandregiments in ihrem schottischen Ziationalkostüm wo bei einzelnen Stücken auger dem Monstreorchestcr 250 Knaben unentgeltlich in den Aickagen Konzerte gibt. Die Musik ist vor- und 1200 szwölshundert!) junge Mädchen im Chvrgesange mit- trefflich, wie denn der Schotte, wenn man von seiner notorischen wirkten. Vorliebe für den barbarischen Tndelsack absiet, ein entschieden Sehr in die Augen springend ist das große, aber nicht bc* sehr gut musikalisch veranlagter Mensch ist. Sonnabend Abend sonders geschmackvolle Walter-Seott-Denkmal. Eine sizende spielt dieselbe Bande stets in der mächtigen edinburger Markt- Figur in Marmor unter einem doppelten Säulendach. Walter Halle gegen 2 Peiice Entrec, und ich erinnere mich nicht, jemals Scott war einer der hervorragendsten Bürger von Edinburg. ein größeres Konzertpublikum gesehen zu haben, das noch dazu Er wurde hier 1771 geboren, schrieb hier die meisten seiner zwar gezwungen ist, ans die Bequemlichkeit des Iizens zu verzichten berühmten, aber jezt nicht häufig genug gelesenen Romane und — abgesehen von dem einem new-yorkcr Musikseste im Mai 1881, i brachte die leztcn 26 Jare seines Lebens in dem Hause, Nord- Iodiakallicht. einer gewissen Scheu, die sie vor der ihnen fast fremd Gewordenen, vornehm Auftre- tenden empfanden, teils weil man meinte, daß ein so sehr in die Gewohnheiten und Manieren der„feinen Welt" eingelebtes Mädchen doch nur sehr wenig zu nüzlichem Schalten und Walten in Haus und Hof, in den Ställen und in Küche und Keller ge-„Und wenn wir's dürften,— versuch's, ob du bei diqent eignet sei, übrigens nicht so zalreich umschwärmt wurde, als daß Mordssturm Licht bringst!" entgegnete in vollem Unwillen der Fri; Kolin, wenn er wirklich ernste Absichten inbezug auf sie ältere.„Wenn sich's auf dieser Teufelshöhe wenigstens einlenken hatte, nicht leichtes Spiel bei ihr hätte haben sollen. Das leztere ließ',— ich zög' warlich vor, es für heut bleiben zu lassen und mußte man den äußeren Umständen nach wenigstens glauben, umzukehren!".. �.... In Wirklichkeit jedoch hatte Helene Hegmar noch keine tiefere Dann zog er wieder die Zngel an und hieb mit der Peitsche Regung, die sie zn ihm hingezogen und aus der sich etwa das auf die Pferde ein, daß sie zusammenfuren und aufs neue die Verlangen nach einem Ehebündnis mit ihm hätte entwickeln Hufe hizig in den Boden eingrnben. Die beiden mußten mit den können, in ihrem Herzen verspürt, und es wäre zum mindesten Händen in den Speichen nachhelfen, um nur die Last, die ihr fraglich gewesen, ob sie Ja gesagt haben würde, wenn ihr jener Wagen fürte, wieder von der Stelle zu bringen. Und weiter ein solches Bündnis angetragen. Denn ihre Wünsche hatten ging's unter lautem Krachen der Achsen zum Joch empor, lieber seit sie das glanzvolle Leben der Residenz geschaut und darin hartem Gestein hoben und senkten sich die Räder, immer beschwer- von sonniger Zukunft geträumt, einen sehr hohen Flug genommen, lichcr wurde die Fart, und keiner wußte dem anderen zu sagen, — und der Sohn des Bauern Peter Kolin wäre ihr im Ernste ob man sich auf dem rechten Wege befand oder ob man von noch lange nicht als„der Rechte" erschienen..... der Straße abgekommen. Je mehr diese Unsicherheit wuchs, um so unruhiger wurden die Tiere, denen das Fell rauchte und der ... weiße Schaum dick vom Gebiß floß, und desto heftiger und grim- miger hieb die Peitsche auf dieselben ein. Plözlich bog sich nach Ein wildes Wetter. Auf der Höhe des Wasgaugebirges, da, einem harten, das ganze Gefärt erschütternden Stoß der Wagen wo sich deutsches Land von welschem scheidet, heulte der Sturm zur Seite, die mit derbem Ruck emporschnellende Deichsel schlug und warf in wirrem Gczaus die Schneeflocken durcheinander, die den Pferden an den Kopf, und die auf das äußerste erregten in dichter Menge und in einem fort vom wolkengrauen Himmel Tiere bäumten wild empor. hernicderstelen. Bald ging es Ivie fliegender Gespenstcrtanz brau-„Satan an allen Ecken!" fluchte wiehernder ältere der beiden send um die granitenen Felsgrate herum, bald pfiff es scharf und Männer und schlug aus Leibeskräften auf die Pferde ein..Nimin grell aus tiefem Taleinschnitt herauf; bald strich es mit krästigem den Mohren am Kopf und steh' nicht, als Hütt' dich der Höllische Zug gradweg durch die Bäume, daß die kahlen, schneebeschwerten festgenagelt!" herschte er den anderen mi, daß dieser nach vorn Aeste krachend zusammenschlugen und die in bunter Reihe umher- flog und dem Rappen wütend ins Gebiß fiel. Ein par ver- liegenden lockeren Steinhaufen mit hartem Aufschlag auseinander- zweifelte Versuche, vom Orte wegzukommen, aber umsonst,— wirbelten., die beiden linken Räder saßen in der Hölung fest. Eine Viertel- Zuweilen regte sich's schwerfällig, und den breiten schwarzen stunde fast brauchte es, bis endlich der Wagen hoch emporsprang Rücke» über die allumher gcbreitele weiße Decke hervorhebend tief im und er in wildem Galopp eine Steinwelle weitergebracht wurde. Gebüsch des Waldes, der sich von dieser Höhe weit ins Tal Dann aber bäumten die Tiere auf's neue, indem sie zugleich hinabzieht,— ein Eber, der dort unter dem hohen Gezweig hin- erschrocken zurückschenten und den Wagen wieder ein Stück rück- tappt und grunzend die Nässe vom borstigen Fell schüttelt; dann wärts schoben. auch rauscht es über seiner Färte, wie wenn sich schwere Fittige„Mord und Tod, wir sind am Grenzhaus!" stieß der eine in zusammenschlagen und steiffedriges Vogelgefieder sich sträubt,— Schrecken und Wut hervor, als aus ganz geringer Entfernung vom Auerhahn, der im Unbehagen sich rüttelt und reckt. ein gedämpfter Lichtschein über die funkelnde Schnecfläche herfiel. Und nun dazwischen näher und näher auf der steilaufsteigenden„Wir sind verloren!" knirschte der jüngere in demselben Augen- Straße, die seitab vom Walde zum Kamm des Gebirgs empor- blicke in sich hinein, indem er die beiden Pferde vorn am'Kopf fürt, ein Aechzen und Knarren von Achsen und Rädern, das Ein- an den Zügeln faßte und sie mit aller Anstrengung zur Seite ftampfcn und Schnauben der Pferde und windverwehte, mit An- zu reißen suchte. Aber sie wollten nicht gehorchen, sondern bäumten streugung hervorgestoßene Laute von Menschenstimmen, ein un- nun noch höher auf und drängten den Wagen immer weiter aushörliches Zischen und Pfeifen durch die Luft vom Peitschen- zurück. schwnng, ein unwilliges Schimpfen, ein halb unterdrückter Fluch, Zu gleicher Zeit erklang von der St lle her, aus deren — es war aber auch um die Geduld zu verlieren auf dieser Richtung der Lichtschein kam, ein lauter Pfiff, dem schnell noch Fart bei solch' abscheulichem Wetter, das einem die großen Flocken einige weitere folgten, ein Laufen und Rennen entstand in nächster one Unterlaß ins Gesicht trieb und den Pferden den mühevollen Nähe der beiden, die sich immer noch mit allen Kräften bemüten, Ausstieg erschwerte, wärcnd unten die Räder bis an die Achsen die Pferde herum zu bringen und so zn schleuniger Flucht zn im Schnee versanken, der sich in dicken Ballen um die Reifen gelangen, ein Licht nach dem andern flamte vor ihnen ans, näher legte und den schweißtriefenden Tieren die Last des langen, und näher kommend und sie nicht im Zweifel lastend, daß die breiten Planwagens um mehr als das doppelte gesteigert er- Grenzwächter durch das Geräusch aufmerksam geworden und nun scheinen ließ. Man hatte freilich nicht wissen können, daß in herabeilten, endlich einen lang erhofften Fang zu machen. Am diesen lczten Novembertagen, denen wochenlange Regenschauer meisten Unerschrockenheit und Ausdauer zeigte noch der ältere, mit Schmuz und Kot bei gelinder Witterung vorhergegangen, der der auch, als bereits dicht vor ihren Augen fremde Gestalten ans- Winter plözlich mit so entschlossenem Grimm seinen Einzug halten tauchten, seine Hand noch nicht von den Zügeln ließ und wie würde, daß nur allenfalls mit dem Ichlitten ohne allzu große besinnungslos auf die Pferde einhieb, wärend der andere schon Mühe fortzukommen war,— die beiden Männer, die jezt rechts zurückgestürmt war und seine Arme umklammerte, um ihn vor und links von dem schweren Gefärt ans dem weißen, wirbelnden den Herankommenden mit sich fortzureißen. Jener wollte unter Dunst auftauchten, würden sich sonst bei ihrem Aufbruch in den keinen Umständen das Gefärt preisgeben. Als er aber die ersten Nachmittagsstundcn wol gehütet haben, sich statt seiner des drohende Nähe der Gefar crkante, folgte er endlich dem Drängen kaum noch vorwärts zu bringenden Wagens zn bedienen. des anderen und stürmte»ach einem wilden, unwilligen Blick. Nicht minder wie durch die Beschaffenheit des Wegs wurde den er aus Wagen und Pferde und die diese umringenden Männer die Wciterfart durch den Sturm und das wilde Schneegestöber zurückwarf, mit ihm davon, seitab dem Walde:». Einige der gehindert, welches leztere dem Auge allen und jeden Ausblick auf lezteren liefen ihnen wol in eiligem Laufe nach; aber wie die größere Entfernung verwehrte und kaum noch die nächste Um- Fliehenden kühn entschlossen den schroffen Abbana der sich links gebung«kennen ließ.. zum Walde niedersenkt, hinabstürzten und in wenige» verwogenen ...'.�crllncht, dap, mir da» Licht m der Laterne nicht zünden Säzen das Gehölz erreichten, war ihre Spur nicht zn finden, dürfen, äußerte der eine der beiden Männer zu dem anderen, und eine weitere Verfolgung inanbetracht des immer noch in als die keuchenden Pserde wieder einmal still standen und die gleicher Stärke anhaltenden Flockengestöbers und bei dem Dunkel zwei die Fnße in die Speichen der Räder steinten, damit der der Nacht von vornherein aussichtslos Wagen nicht abwärts rollen konte.. (Sonl'iung folgt.) 69 Auch ein Stiirf sozialen Gebens. „Schicken Sie mir dies halbe Duzend Handschuhe nach meiner Wohnung," sagte die neben mir stehende Dame zu dem Kaufmann Leschke, dessen gcschäftsmäßigez„wie Sie wünschen" indes nur zögernd über die Lippen kam, wärend er zugleich unruhig nach dem Schau- fenster seines Ladens hinsah— dicht davor standen mehrere Offiziere der im Orte garnisonirenden Ulanenschwadron, im lebhaften Gespräch mit Frau von R...... begriffen, deren reizendes Gesicht troz des scharfen Dezemberwindes von zarter Röte überhaucht war. Indes nötigte sie derselbe doch wol, das Gespräch aus offener Strafie bald abzubrechen; mit einer leichten Verbeugung die Herren entlassend, trat sie mit rascher Bewegung in den Laden. Noch ehe ich Zeit gehabt, die mir bckante junge Frau zu grüßen, spielte sich plözlich eine seltsame Erkennungsszene ab... Jene erstcrwänle Dame, ebenso elegant, wie die Baronin, nur mit einer Beimischung frivoler Koketterie gekleidet, eilte mit dem Rufe:„Wanda, meine teure Wanda!" auf Frau von R....... zu, die drei Schritte von der Ladentür wie versteinert stehen geblieben war; mit halb zürnenden, halb entsezten Augen starrte sie auf die Näherkommende und streckte abwehrend ihre Hände deren ausgebreiteten Armen entgegen. Mich hatte der Ausbruch fast schauerlich berürt;— es vibrirte iu ihm ein unsägliches inneres Elend. So mochte der verlorene Sohn des Evangeliums um die Aufuame in's Vaterhaus, und sei es als einer der geringsten Knechte, gefleht haben... Herrn Leschke mochte die Sache sehr peinlich sei»; er trippelte ver- lege» hin und her, bis er endlich den Mut fand, mit devoter Ver- beugung sich Frau von R....... zu nähern. „Verzeihen, gnädige Frau, wenn ich darein rede; höchst warschein- lich liegt hier ein Aehnlichkeitsirrtum vor.— Fräulein d'Houssonville, Sie verwechseln die Frau Baronin jedenfalls mit einer anderen Persönlichkeit, es ist ja nicht denkbar.. „Sie haben Recht, lieber Herr Leschke," ergriff die Baronin, deren Antliz merklich blaß geworden war, mit küler Stimnie das Wort.„Die Dame muß sich irre», sie ist mir ganz fremd... Was mein Begehren an Sie anbelangt, so komme ich morgen noch einmal wieder; ich süle jezt erst, wie sehr mich mein Spaziergang durchkältet hat und will daher gleich nach Hause." Sie dankte mit h-rablassendem Lächeln dem dienstfertig die Türe öffnenden Kaufmann, welchem mit ihrem Fortgehen ein Stein vom Herze» zu falle» schien, und schritt dann hastig die Straße hinab. Tie zurückgebliebene Dame hatte sich bei dem Abweisen ihrer Umarmung, wie von einer Onmacht befallen, an eins der Seitenregale gelehnt, und die zitternden Hände preßten sich bald gegen die Stirn, bald gegen die heftig atmende Brust, aus der sich ein unartikulirtes «tönen heraufwaud. „•Herr Gott, Fräulein, Sie sind wol krank geworden? Ich werde mein Mädchen rufen, vielleicht hat es Zeit, Sie nach Hause zu bringen." „Bemühen Sie Sich nicht, man kann am Ende das arme Mädchen noch viel weniger der Gesar aussezen, mit mir zusammen auf der Straße gksehen zu werden." Welche scharfe Bitterkeit in diesen lezten Worten, mit denen die unbekante auch bereits erregt den Laden verlassen hatte! „Verdammte Geschichte das," murmelte der Kaufmann, indem er ärgerlich die Handschuhkarions untereinanderwarf und sich zu mir wandte, der ein erstaunter Zeuge des Vorgefallenen gewesen, um meiner «'s den Lippen liegenden lebhasten Frage zuvorzukommen: „Ach so, Herr Colonius, Sie waren ja vierzehn �.age verreist, 'bnnen also nicht wiffen, daß diese— Dame— da der seitdem ein- getroffenen Schauspielertruppe angehört, und obgleich sie schlecht genug iviclt, doch der anziehendste Magnet dabei ist. Nun muß diese ungluck- felige Person gerade hier sein, Wärend die Baronin komt, die eine so gute Kundin ist. Jene konte ich auch nicht gerade vorher wegschicken, sie hat schon ein par Duzend Handschuhe genommen, die Gras Schwerin auch bis jezt bezalt hat.".- c. „Aber das erklärt mir immer noch nicht, warum jene so aufgeregt mm » selbst als Kind alles durch ihre..... �bfches 4*'a9esi0'i zugeben, daß die d'Houssonville heute noch ein bild- �'tynsaft» re�'?,mcr—»nd Liebenswürdigkeit bezauberte. Eine �"uchmal it» l-0" � Zudem besessen haben, die in's Unglaubliche ging; Ttrümnt' l,fn �vzälungen des Kammermädchens, ohne Schuhe mpse»ach Hause gekommen, die sie unterwegs an arme Dorf- ] linder verschenkt hatte. Nun, die scheint ihr heute auch noch eigen zu sein; die meisten ihrer Kolleginnen tragen die von mir entnommenen Handschuhe; die mögen sie förmlich ausbeuten— ja es ist schrecklich; eine Tante, die sie bei ihrem Austritt aus dem Stifte zu sich genommen hat, und die eine Art geheimen Spielsalon in B..... hielt, soll sie auf den schönen breiten Weg gebracht haben, auf dem die allseitig gebildete unschuldige Stistspensionärin eine Dame der De— De—" „Derni-moude wurde ," half ich dem ehrlichen Spießbürger, der auch schon einmal den Tumas'schen übertünchenden Ausdruck gehört hatte und ihn nun vergeblich suchte;—„aber wie dies Fräulein d'Houssonville endlich Schauspielerin ward, wissen Sie nicht?" „Nein, das wußte das Kammermädchen nicht zu erzälen; die Korrespondenz der jungen Damen wurde bald, nachdem das schlimme Gerücht über die Tante auf das Gut gekommen war, aufgehoben, und so mochte wol auch die d'Houssonville nicht wissen, daß ihre Wanda hier verheiratet ist... Wenn nur der Geschäftsmann nicht noch unter solchen unerwarteten Begegnungen leiden müßte; ich wette, die Baronin fezt keine» Fuß mehr zu mir, so lange die Bande da ist— und die andere geht sicherlich auch zur Fortlag; wärend ihre Verehrer die Hand- schuhe noch besser bczalen wie die Baronin." „Arme Schauspielerin!" dachte ich bei mir, wärend ich meinen Ein- kauf besorgte,„du bezalst deine Handschuhe sicherlich mit den höchsten Preisen und mußt trozdem dabei die Demütigungen ertragen... Dieser Diener Merkurs ist ein schlechter Interpret der Gleichheit des kaufenden Publikums." Der ganze Vorfall entschwand indes bald meinem Gedächtnis, und ich erinnerte mich erst wieder daran, als ich»ngefär acht Tage später in dem kleinen Teatersal der Stadt saß, der für gewöhnlich zu anderen gesellige» Zwecken diente und nur wärend der inehrwöchentlichcn An- Wesenheit der Truppe seiner ganzen Länge nach mit rohen hölzernen Bänken, die nach hinten höher hinaus stiegen, und in den vorderen Reihen mit rotem Tuch bekleidet waren, versehen wurde. Ter Besuch eines Freundes hatte mich dazu veranlaßt, denn ich liebte es sonst nicht, meine Abende in dem heißen Raum, der oft überfüllt war, da die kleinstädtische Genügsamkeit mit ihrem improvisirten Teater sehr zufrieden in zalreicher Vertretung sich einfand, zuzubringe». Heute vesonders war es drückend voll, man gab ein neues Stück von Bauern- selb und alles hatte nur Auge und Or für die Büne, zumal da jezt die schöne d'Houssonville darauf erschien und ihre Rolle absprach... Kaufmann Leschke hatte Recht, die Dame besaß wenig schauspie- lerisches Talent; so schlecht sie indes die Gedanken des Dichters ver- mittelte, so waren doch diese Gedanken so gut, daß ich mich unangenehm berürt sülte, als zwei Damen vor mir ziemlich laut ihre Bemerkungen austauschten: „Gott, sehen Sie nur, wie reizend das Kleid sizt, dieser prachtvolle Schnitt der Taille." „Ach, der Rock fällt a»ch so schön;— ich kann nur nicht recht sehen, wieviel Keile er hat, ob die Blätter hinten bereits wieder gerade ge- schnitten sind, wie eS neulich der Bazar als neueste Mode brachte." O, ihr Schriftsteller und Dichter, wie seid doch auch ihr noch immer Prediger in der Wüste!... Ihr gebt eure besten Gedanken, das innigste Fülen eures Herzens, den treffendsten Spott für die Ge- brechen der Gesellschaft euren Helden in den Mund, und ihr macht doch keine Proselyten für eure kämpsenden humaneren und moralischeren Anschauungen, die mit dem Blosdecken der Fehler sie vernichtet glauben! Hier Bauernseld und drüben Sardou mit seinen noch dunkler ange- hauchten Bildern... Der Mehrzal dieser lorgncttirenden Damen bleiben eure Heldinnen nur Modebilder, und den Männern?... Von keiner Seite ein Bestreben, über die Träger hinweg etwas von den guten Ideen für sich zu gewinnen! „Nein, war ist es schon, sie ist verfürerisch reizend; merken Sie nicht, wie auffallend sie heute mit Herrn von R....... kokcttirt?" „Ja, die Doktorin erzälte mir auch gestern, daß Graf Schwerin abgedankt ist, und sie nun mit dem Rittmeister ein Verhältnis ansängt. Ist denn seine Frau hier?" „O, wo denken Sie hin? Wissen Sie nicht, daß sie eine Jugend- freundin der Baronin ist?" Und nun erfolgte eine Auseinandersezung des mir schon bekanten Freundschaftsverhältnisses, dem die grell geschilderte Szene im Laden des Handschuhfabrikanten beigegeben wurde. „Seitdem", für die Erzülerin fort,„soll die d'Houssonville von glühender Rache gegen die Baronin erfüllt sein und geschworen haben, sie müsse nun dennoch zeitlebens an die verachtete Schauspielerin denken." „Ach, wie entsezlich!" erwiderte die gespant Zuhörende, eine kleine, blonde, sentimentale Frau, deren Pantoffelregiment stadtbekant war. „Nun will sie ihr wol das Herz ihres Mannes entziehen? Bei dem Rittmeister wird ihr das auch garnicht schwer fallen, er galt vor seiner Verheiratung ja für einen zweiten Do» Juan... Gott sei Dank, da hat mich inein Mann doch anders lieb, der würde nie so etwas wagen. Mir tut blos die arme bildhübsche Frau leid." „Freilich, die muß man wirklich bedauern. Aber wissen Sie, mag es nun Schlauheit von ihr sein, und mag sie hoffen, die Eifersucht ihres Maiines und damit seine Aufmerksamkeit auf sich zurückzuziehen, oder mag sie selbst ebenfalls ein weites Herz haben, sie läßt sich vom Lieutenant von K..... doch etwas sehr ausfällig über die Nach- lässigkeit ihres Mannes trösten." (Schluß folgt.) Poetische Aehrenlese. ?ie Atind«. i. Es hat die Zeit gegeben, Wo hinaus mein Auge mich trug, Zu folgen im tiefen Lichtmeer Der fluchtigen Wolken Zug; Zu streifen über die Ebne Aach jenem verschwindenden Saum, Mich unbegrenzt zu verlieren Im lichten unendlichen Raum. Die Zeit ist abgeflossen, Leb wol! du heilerer Schein! Es schließet die Nacht der Blindheit In engere Schranken mich ein. O trauert nicht, ihr Schwestern, Daß ich dem Licht erstarb; Ihr wißt nur, was ich verloren, Ihr wißt nicht, was ich erwarb. Ich bin aus irren Fernen In mich zurllcfe gekehrt, Die Welt in des Busens Tiefe Ist wol die verlorene wert. Was außen tönet, das steiget Herein in»icin Heiligtum; Und was die Brust mir beweget, Das ist mein Eigentum. 2. Wie hat mir Einer Stimme Klang geklungen In, tiessten Innern, Und zaubermächtig alsobald verschlungen All mein Erinnern! Wie Einer, den der Sonne Schild geblendet, Umschwebt von Farben, Ihr Bild nur sieht, wohin das Aug' er wendet, Und Flammengarben; So hört' ich diese Stimmen übertönen Die lieben alle, Und nun vernehm ich heimlich nur ihr Dröuen Im Widerhalle. Mein Herz ist taub geworden! wehe, wehe! Mein Hort versunken! Ich habe mich verloren, und ich gehe Wie schlasestrunken. 3. Jammernd sinn ich und sinn immer das eine nur: Wozeneselig die Hand, welche beseelet, sanft Gleitend über sein Antliz Dürst ihm Form und Gestalt verleih'»! Armes, armes Gehör, welches von Ferne nur Du zu schlürfen den Ton einzig vermagst, in's Herz Ihn nachhallend zu leiten, Ob nachhallcnd, doch wesenlos! 4. Stolz, mein Stolz, wohin gekommen! Bin ein armes, armes Kind, Deren Augen ausgeglommen, Nur zn weinen tauglich sind. Lesen kann ich in den seinen Nicht das heimlich tiefe Wort, Meine schweigen, aber weinen, Weinen, weinen fort und fort. Ja, wir sind getrennt! In Scherzen Und in Freuden wandelst du, lieber mich und meine Schmerzen Schlägt die Nacht die Flügel zu. 70- : 5- Wie trag ich's doch, zu leben Nur mir und meiner Pein? Dem Liebsten sollt' ich dienen, Da wollt' ich selig sein! Ich wollt' ein treuer Page Um den Gebieter steh'», Bereit zu jeder Botschaft Und jeden Gang zu geh'n. Ich kenne jede Windung Der Straßen, jedes Haus, Und jeden Stein am Wege, Und weiche jedem aus. Wie freudig zitternd trüg ich Ihm Nachts die Fackel vor. Die freud'ge Lust ihm spendend, Die selber ich verlor! O, traurig ist's im Dunkel», Ich weiß es nur zu sehr! Licht wollt' ich, Licht verbreiten Uni seine Schritte her. Ihn sollte stets ersreuen Das allerfreu'nde Licht, Sein Anblick sollte Jeden Ersreuen, mich nur nicht. Und sollte da mich treffen Der Menschen Spott und Hohn, Ich seh' es nicht und hört' ich's, Auch das ertrüg ich schon. 6. Du mein Schmerz und meine Wonne, Meiner Blindheil andre Sonne. Holde Stimme, bist verhallt. Meine Nacht hüllt sich in Schweigen, Ach, so schaurig, ach so eigen, Alles öd und leer und kalt! Leise welken, mich entfärben Seht ihr Schwestern mich und sterben, Und ihr fragt und forscht und klagt; Laßt das Forschen, laßt das Fragen, Laßt das Klagen, seht mich tragen Selbst mein Schicksal unverzagt. Hingeschwunden ist mein Wähnen, One Tränen, one Sehnen Welk' ich meinem Grabe z»; Nichts dein Leben bin ich schuldig, Stumm, geduldig, trag' ich, duld' ich, Schon im Herzen Todesruh'. Ädalbert». Yhamill». Julia Capulet. Schöne und lcbcnsware Figuren, die einst die Poesie erzeugte, haben meist, wenn nicht immer, das Glück, als Bor- wurs für die bildenden Künstler zu dienen und durch den Stift und Pinsel des Malers wie durch die künstlerische Hand des Bildhauers bleibende, reale Gestaltung zu erhalten, und wir dürfen hier wol nur an die in neuerer Zeit geradezu maffenhaft erschienenen Erzeugnisse erinnern, die lediglich durch die Anregung entstanden sind, welche die Poesie aus die genanten Künste übte. Ein änliches Produkt ist auch das aus Seite 60 u. 61 dieses Blattes den Lesern vorgesürte Bild. Die Künstlerin, Bertha Sieck, hat zwar keine Szene ans dem herlichen Gedicht Shakespeares wörtlich benüzt, und insofern frei geschaffen, aber unstreitig war sie inspirirt vom Geist des großen Brite», den» so mag sie dageseffen sein, sinnend und noch träumend fortsezend das in den lezten Stunden durchlebte Glück der ersten Liebe, das so rein und mächtig und mit solcher�Gewalt ihr ganzes Sein durchflutet, daß der im Busen aufkeimende Schmerz über die notwendige Trennung vom Geliebten nicht aufzukommen vermag: die schöne und einzige Tochter des angesehenen Bürgers Capulet von Verona, in der der dichterische Genius in seinem„Romeo und Julia" das Hohelied der Liebe ver- körperte. An einem der lezten Abende erst hat sie das süße Geheimnis ihres Herzens vom Balkon aus der finster» und schweigsamen Nach! anvertraut, nicht ahnend, daß der Geliebte, der Sohn des Todfeindes ihres Hauses, getrieben von gleichem Sehnen, das für ihn so beglückende Bekentnis in unmittelbarer Nähe mit anhören würde, und heute schon darf sie den ganz ihr eigen nennen, dessen Besiz ihr so teuer; sie hat in seinen Armen höchste Seligkeit genossen, aus der sie durch den den nahenden Tag verkündeten Lerchenschlag gestört wordein Noch zeigen uns die Enden einer Strickleiter aus dem Balkon den Weg, aus dem ihr Romeo ihr ihm feindlich gesintes Haus verlassen mußte, um in die Verbannung zu gehen, die ihm vom Fürsten auferlegt wurde. Und von derselben Stelle aus, wo sie zum crstcninale ihre Liebe gestanden, hat sie ihm noch nachgerufen: „O Gott, ich Hab ein unglück-ahneud Herz. Mich dünkt, ich sah' dich, da du unten bist, Als lägst du tot in eines Grabes Tiefe;" one im Ernst daran denken zu wollen, daß sich diese Ahnung bestätigen und daß sie den Heißgeliebten nur als Toten wiedersehen würde. Dies namenlose Glück, vermischt mit dem von der Trennung und von der dunkeln Ungewissen Ahnung hervorgerufenen Weh, prägt in dem Ge- ficht des lieblichen Mädchens aber eine Stimmung aus, die uns die Macht und die Großartigkeit der sie beherschenden Gefüle erkennen läßt und uns immer und immer wieder zu ihr hinziet.— Goethe schrieb einst über Shakesjpeans Dramen:„Alles, was bei einer Weltbegebcn- heit heimlich durch die Lüfte säuselt, was in Momenten ungeheurer Ereignisse sich in dem Herzen der Menschen verbirgt, wird ausge- sprochen; was ein Gemüt ängstlich verschließt und versteckt, wird hier frei und flüchlig au den Tag gesörderr, wir erfaren die Warheit des Lebens und wissen nicht ivie. Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist; er durchdringt die Welt wie jener; beiden ist nichts verborgen. Aber wenn des Weltgeists Geschäft ist, Geheimnisse vor, ja oft nach der Tat zu bewaren, so ist es der Sinn des Dichters, das Geheimnis zu ver- jchwäzcn und uns vor oder doch gewiß in der Tat zu Verlrauten zu machen". Goethe hat wol damit denenglischenDichtcr am treffendsten karak- terisirt. Denn klarer wie Shakespeare dürste keiner und zwar weder vor noch nach ihm bis in die liessten, verborgensten Falten des menschlichen Herzens geblickt haben, besser wie er kante wol keiner die menschlichen Schwächen, Stärken und Leidenschaften mit allen ihren Folgen. Weil er aber das Wesen des Menschen, oder sagen wir lieber der Menschheit, so klar er- kam und mir der Meisterschaft des Genies in seinen Gestalten verkörpert hat, darum sind uns auch diese, welche vor fast zweihundert Jaren das Licht der Welt erblickten, so bekant geworden und werden das In- lercsse der Menschen, werd-n Sympatien und Antipatien erwecken, so- lange es überhaupt Menschen gibt. Nirgends tritt aber diese Lebenswarheit mehr zutage wie in Romeo und Julia und es ist deshalb nur zu erklärlich, wenn man den Dichter wegen dieses Stückes den„Vertreter aller Liebesdichtung" genant hat, obgleich unsere Klassiker in diesem Genre ebenbürtiges geschaffen haben. Was aber den Äärakter der beiden Helden des shakespearschen Dramas, namentlich aber den der Julia, anlangt, so zeichnet sich dieser durch eine Einfachheit und Natürlichkeit aus, die leider von unseren neueren Dichter» höchst selten dargestellt werden. Ebenso einfach, schlicht und war ist auch beider Liebe zu einander. Julia ist jung und hat zum Voricil ihrer geistigen Gesundheit ebensowenig eine unserer zeitgenössi- schen Romanlileratur änliche Lektüre kennen gelernt, als sie in einem modernen Mädchenpensionat erzogen worden ist; denn wäre dies der Till und hätte sie wie so viele ihrer Schwestern von heute ihre Bildung daraus gesogen resp. dort empfangen, so dürste es uns nicht Wunder nenien, wenn sie von ihrem Angebeteten erwartete, daß er bei seinem �iebeswerbe» das Komplimentirbuch der Liebe, wie es die Konvenienz der„bessern Gesellschaft" vorschreibt, fein säuberlich auskramte, und würde es erst recht für einen groben Verstoß gegen alle gute Sitte und die weibliche Würde halten, wenn sie wie Julia das Geständnis ihrer Liebe selbst machen sollte. Die Liebe unserer Heldin ist jedoch zu ge- funö und zu war, als daß die leztere auch nur einen Moment daran denken tönte, aus irgend etwas anderes Rücksicht zu nehmen als aus ihre Liebe selbst. Dafür zeugt schon die Stelle in ihrem Monolog: „Dein Nam' ist nur mein Feind, du bliebst du selbst, Und wär'st du auch kein Moutaguc.——" womit sie sich über die vorher ausgesprochenen Klage», daß Romeo der Sohn des Todfeindes ihres Vaters sei, zu trösten sucht. Ein herliches Zeugnis für die Reinheit und Aechlheit ihrer Liebe sind aber die gc radezu rürenden Worte, welche sie dem Geliebleu als Entschuldigung sür das harmlose Ausplaudern ihres Geheimnisses zuruft: „Du weißt, die Nacht verschleiert mein Gesicht, Sonst särbic Müdchenröte meine Wangen Um das, was du vorhin mich sagen hörtest. Gern hielt ich streng aus Sitte, möchte gern Verläugncn, was ich sprach: doch weg mit Förmlichkeit. Sag', liebst du mich? Ich Iveiß, du wirft's bejah n, Und will dem Worre traun; doch wenn du schivörst, So kanst du treulos werden; wie sie jagen, Lacht Jupiter des Meineids der Verliebten. O holder Romeo! wenn du mich liebst: Sag's one Falsch! doch dächlest du, ich sei Zu schnell besiegt, so will ich finster blicken, Will widerspenstig sein und Nein dir sagen, So du den» werben willst: sonst nicht um alles. Gewiß mein Moutaguc, ich bin zu herzlich; Du töntest denken, ich sei leichten Sinnes. Doch glaube, Mann, ich werde treuer sei», Als sie, die fremd zu tun geschickter sind. Auch ich, bekenn' ich, hätte fremd getan, Wär' ich von dir, eh' ich's gewarte, nicht Belauscht in Liebesklagen. Drum vergib! Schilt diese Hingebung nicht Flatterliebe,' Die so die stille Nacht verraten hat." Diese Worte, so einfach und schlicht, können nur aus einem unschulds- vollen Herzen kommen, kenzeichnen aber auch die wirkliche Liebe so schön, wie es jedenfalls niemals übertroffen werden kann. Dazu diese Sicherheit und Unsicherheit, welche sich zugleich in den Worten aus- spricht— sie ist überzeugt, daß Romeo sie liebt und bittet ihn, hier und ferner diese Liebe nicht durch Schwüre zu beteuern und doch schwankt sie andererseits in diesem ihren Glauben, da das Glück denn doch zu plözlich über sie gekommen,— dies alles und die Versicherung ihres Widerstandes sür den Fall, daß der Geliebte denken sollte, sie sei zu schnell besiegt, bekunden ein keusches und mädchenhaftes Wesen, das entzücken muß. Aber auch die Worte:„Doch glaube. Mann, ich werde treuer sein, als sie, die jremd zu tun geschickter sind", zeigen uns bereits die Kraft, mit welcher sie später sür das ihr Inneres ganz erfüllende Geflll einzutreten bereit ist. Solche Liebe scheut keine Konsequenzen, fürchtet sich vor keinem Hindernis, ist von nichts außer ihr geleitet, und verzehrt sich, wenn es nicht anders sein kann, durch den Tod. Und wärend Romeo durch die verzehrende Leidenschaft blind und taub gegen alle Vernunft geivorden, sich dem Tode blindlings in die Arme stürzt, wagt Julia mit einer Entschlossenheit, die sich über alle auftauchenden Bedenken hinwcgsezt, den denkbar gesärlichsten Schritt und nimt den Trank, welcher sie auf kurze Zeit dem Tode scheinbar zufürt, um sich dadurch dem Manne zu erhalten, dem sie unwandelbare eheliche Treue gelobt hat. Leider findet sie ihn aber beim Envachen durch verzwci- selten Selbstmord soeben verschieden und zögert nun auch nicht, sich ihm im Reich des Todes zu gesellen, indem sie sich mit dem Dolch des Geliebten ersticht. Wir wollen jedoch die Herzcnsgeschichtc der beiden nicht aussürlich erzäleu und hätten auch auf das vorstehende verzichtet, wenn es nicht unsere Absicht gewesen wäre, ans die Lektüre dieses Werkes, das ja in jeder Buchhandlung sür 20 Pfennige zu haben ist, ausmerksain zu machen. Wer sich mit der„notwendigen Geschichte aller starke» Liebe", wie Gervinus das Stück nent, vertraut machen will, der lese es selbst. Er wird darin nicht allein das edelste der menschlichen Gefüle geschildert finden, wie es jeder mehr oder weniger erlebt, wenn auch nicht in der Reinheit und Kraft wie hier, souderu auch das Extrem davon, den Haß, mit allen seinen schrecklichen Folgen, kein Tag vergeht, an dem nicht Slrciligkeitcn zwischen den Angehörigen und den Parteien der verfein- deten Familien ausbrechen, die osl von Todschlag begleitet sind. Es war daher wol ein vom feinen Kunstgcsül geleiteter Kunstgriff, daß der Dichter den Gestalten, in denen er seine Psychologie der Liebe verkörperte, die von den widerlichen Greueln des Hasses belebte Bildflüche zum Hintergrund gegeben, von dem sie sich um so vorteilhafter abheben. Sie werden schließlich selbst die Opfer dieses Hasses aber, „So einz'ge Lieb aus einz'gem Haß entbrant!" ist unvergänglich, bleibt ewig und es ruft daher unsere innere Besrie- digung hervor, daß sich Capulet und Montagne über die Leichen ihrer Kinder versöhnend die Hände reichen. So klingt denn das Stück aus im Sinne der Endverse des Chores am Schluß des ersten Aktes: „Doch Liebe leiht die Macht, troz Schicksalstiicken, Zu mildern höchstes Leid------." Ob aber die Julia unserer Künstlerin der des Shakespeare entspricht, oder ob sie nur zu den anmutigsten Schwestern derselben gehört, das mögen nunmehr unsere freundlichen Leserinnen und Leser selbst enl- scheiden. urt. Zodiakallicht(Bild S. 65) von Zodiacus(= Tierkreis, Tierkreis- licht) benant, weil dieser kegelförmige, bald mehr bald weniger helle Lichtschein in den Tierkreis fällt. Es erscheint im Frühling des abends nach, und im Herbst des morgens vor Sonnenaufgang und zwar an der Stelle, wo die Sonne aufgehen soll resp. untergegangen ist, im Herbst jedoch schwächer als im Frühling. Bei uns sind die Bedingungen für seine Sichtbarkeit von mitte Februar bis ansang März abends nach 7 Uhr und von mitte August bis ansang September morgens vor 5 Uhr. Doch erreicht in unserer Gegend die Lichtstärke nicht die der Milchstraße. In den Tropcngegcndcu, namentlich am Aequator, erscheint es am hellsten und übertrifft an Glanz die hellsten Stellen der Milchstraße. Ziet leichtes, vom Abendhimmel bewegtes Gewölk vor- über, so spielt dies je nach seiner Dichtigkeit in den verschiedensten Farben. Die günstigste Periode für die Erscheinung des Zodiakallichles ist dort im Herbst und es erscheint dann nicht nur weit heller und glän- zender, sondern auch öfter. Gesehen wurde es schon in den ältesten Zeiten, aber 1683 stellte man erst genauere Beobachtungen an. Laplace, Ärago und andere Naturforscher versuchten gleichfalls seine Natur zu erklären, doch ist inan über die Ursachen seines Entstehens wol noch nicht entgiltig klar geworden. ü. Die Pfeife einzichcn. Die jezt ziemlich häufig angewendete Redensart bedeutet bckantlich: es konte nicht nach meinem Sinne gehen, ich mußtc aus die Aussürung meines Plans verzichten. Wer einen au- 72 betu schelten will, in seinem Gegner aber einen noch Gröbern findet, mnß die Pfeife einziehen, ebenso ein Praler, der entlarvt wird u. s. w. Luther freut sich in der Auslegung des 82. Psalm(1530), daß„die geistlichen Tyrannen die pseiffen einziehen mußten" und in der Vor- rede zum Propheten Daniel, daß„die bepste aus dem himel gestoßen sind und die pseiffen einziehen musten". An einer andern Stelle be- klagt� er sich über einige seiner Freunde:„Als ich anfing, wider den ablaß zu schreiben, da zogen sie die pfeisen ein, und ich war länger als drey jare ganz verlassen und reichet« mir niemand die Hand." Zanders denkt bei der Erklärung dieser Redensart an die Sack- pfeife, und in der Tat begegnen wir neben ihren Redensarten, wie: die Pfeife in den Sack stecken, im Sacke lassen. Voß spricht in einer seiner plattdeutschen Idyllen von einem: Erst wehrt er sich, aber ver- sprichst du ihm guten Anteil am Schaz,„bald trckt(ziet) he de Piep ut dem Sacke", in der Bedeutung: dann spricht er sich offen ans und ist bereit, an der Unternemung sich zu beteilige». Andere Stellen aus altern Schriftstellern machen aber die Annanie, daß i» diesen Redens- arten die Sackpfeife gemeint sei, wenig warscheinlich. Eine Sackpfeise fürten wol nur Spielleute mit sich, aber des öslern ist die Rede von der Pfeife, die man im Sack, d. i. in der Tasche oder im Aermel bei sich trug. In einer Fabel des Burkhard Waldis streiten sich Tanne und Kürbis um ihren Wert. Die elftere spricht zu dem pralenden Kürbis: Und wenn dich trifft ein kleiner Reifen(Reiffrost), Bald zeuhstu in den Sack die Pseiffen. In Paulis Schwanksamlung„Schimpf und Ernst" wird erzält von einem guten Gesellen, der„ungeserlich ein kleines Pfeiflein im Ermel hatte, damit er jm den weg hett kurtz gemacht, zöge es Herfür ic." In weiten Aeruieln pflegte man nämlich in alter Zeit allerlei mit sich herumzutragen. So erzält Thomas Platter von sich, daß er ein Licht in den Aermel steckte. In FischartS„Gargantna" heißt es ein- mal:„Und konten sich nicht wehren, so voll hatten sie die Ermel ge- steckt." Außer jener Stelle in„Schimpf und Ernst" bezeugt auch eine Stelle aus Brants„Narrenschiff", daß man eine Pfeife im Aermel trug. Die Pseise war nämlich wie Schellenkappe und Pritsche ein Symbol der Narren; nun sagt Brant an der betreffenden Stelle, daß mancher sich so ernsthaft geberde, Das man jn onch für wizig halt Bis jm die pfif uß dem ermel falt, d. i. bis man seine Narrheit erkent. So trug wol mancher die Pfeife bei sich, mit der er sich de» Weg verkürzte oder andern zum Tanz ausblies. Wer aber die Pfeife stecken lassen oder wieder einziehen mußte, nach dessen Sinn und Meinung wollte man sich nicht richten, oder, wer eine andere Redensart sagt, nach dessen Pfeife wollte man nicht tanzen. oftus allen Q?inflefn der ZeiMteralur. Das Telephon im Dienste der Polizei. In Chicago hat man, wie wir aus Dinglers polytechnischem Journal ersehen, den„Fernsprecher", um stcphansches Deutsch zu schreiben, bereits in den Dienst der öffentlichen Sicherheit genommen. An passenden Orten sind Polizei- Posten errichtet, bei denen sich stets ein Wagen, ein Pferd und drei Mann in steter Bereitschaft befinden. Der Wagen fürt eine Bank, Decken und die zur Vorsorge für Kranke oder Verwundete oder verloren ge- gangene Kinder und zur Festname von Verbrechern notwendigsten Gerät- schasten. Diese Polizeisoldaten stehen in telephonischer Verbindung mit öffentlichen Alarmstationen, welche— Schilderhäusern ältlich, längs der Straße in angemessener Entfernung von einander angebracht sind und groß genug sind, um einem Menschen als Zufluchtsort zu dienen. Sie werden durch Schlüssel geöffnet, die an alle angesehenen Bürger und Schuzleute verteilt sind. Derjenige, welcher ein Alarmhaus ge- öffnet hat, kann telephonisch oder durch einen Zeigerapparat, mit dem nächsten Polizeiposten sprechen. Auch in Privatwonungen und Geschäfts- räumen können Signalkästchen mit oder one Telcphoneinrichtung auf- gestellt werden. Der Polizeiposten besizt einen unter Siegel befindlichen Schlüssel zur Wonung jedes Abonnenten. Die jezt in Chicago befind- lichen 100 Alarmstationen sollen auch in diesem Jare erheblich vermehrt werden. xn. Die Zeitungen der Bereinigten Staaten weisen nach zuver- lässig bezeichneten Nachrichten jezt die Zal von S722 auf, die Wochenblätter und Monatsschriften mit inbegriffen. Davon erscheinen 843 täglich und 58 dreimal wöchentlich, 7500 sind Wochenblätter, 1(56 vierzehntägig erscheinende Journale und 55 Vierteljarshefte. Der Staat Neuyork besizt die größte Zal und zwar 113 Tagesblätter, 804 Wochen- blätter und 322 andere Zeitschriften. Dann folgt Pennsylvanien mit 87 Tagesblättern und 748 anderen Publikationen, Illinois mit 67 täglich und 765 weniger oft erscheinenden Blättern, Ohio mit 48 Tagesblättern und 705 anderen Publikationen u. s. w. Der einzige Staat, in dem mehr täglich(13) als anders(11) erscheinende Blätter vorkommen, ist Nevada. Es gibt in den Vereinigten Staaten 0164 englische, 445 deutsche, 30 französische, 27 skandinavische, 24 spanische, 9 holländische, 9 böhmische, 4 italienische, 2 polnische, 2 hebräische, 1 portu- gisische und 1 cherokesische Zeitung. Die meisten deutschen Journale hat der Staat Pennsylvanien, mit 66, Neuyork 65, Illinois 56, Ohio 46, Wisconsin 38 und Missouri 20 täglich, wöchentlich oder in längeren Zwischenpausen erscheinend. Jn mehr als 100 000 Exemplaren werden verkauft, die neuyorker„Sun",„Herold",„News", und„Staatszeitung", der„Philadelphia Ledger" und der„Boston Herald". Gleichfalls werden von dem in Neuyork wöchentlich erscheinenden„Frank Leslies Jllustrated Journal" in englischer und deutscher Ausgabe, und der„National Police Gazelle" über 100 000 Stück abgesezt. nrt. Modetorheiten. Daß die menschliche Phantasie nie ruht und rastet um aus dem Gebiete der Kleidermodc womöglich täglich neues, wenn auch in den meisten Fällen geschmackloses zu tage zu fördern, zeigt eine I Nachricht aus Paris, nach welchem die Mondschirme das neueste der Saison sind. Man stellt sie her in der niedlichsten Form aus Gaze mit rotem Seidenbandc verbrämt. Die Erfinder dieses Modeartikels gehen nämlich von der Behauptung aus, daß die Mondstralen ebenso gesürlich seien wie die Sonncnstralen und daß man durch diese ebenso leicht mondsüchtig werden könne wie man durch die heißen Sonnen- stralen den Sonnenstich bekommen könne. Ferner argumentiren sie: Wie die Sonne die Haut bräunt, trocknet der Mond dieselbe aus und macht sie bleich. Man empfielt deshalb die Mondschirme besonders für den Landaufenthalt, weil dort die Spaziergänge im Mondschein am meisten beliebt sind. Der gesundheitsrelterischc Mondschirm genügt je- doch nicht, man pflegt zu dieser„Novität" noch Korkschuhe zu tragen, die entsprechend verfeinert in der Form der Holzschuhe gearbeitet find. Ein kurzer, roth- und gelbgestreifter Rock aus starkem Leinen, ebenso gestreiste Seidenstrümpse, ein großer, mit einem Büschel Weizenären I geschmückter Strohut und ein weißes Mousselintuch, welches über die Brust geknüpst wird, vervollständigen diesen Landanzug.— Nun wisse» wir wenigstens, woher bis jezt die vielen Torheiten in. der Mode kommen. Die Mondsucht hat sie verschuldet und die wenigen Menschen mit gutem Geschniack werden es dem Erfinder des Mondschirms dank wissen, daß er ein Schuzmittel gefunden. Wir befürchten aber nur, daß noch ge- räume Zeil vergehen dürfte, ehe genügend Ursache zur Abstallung dieses | Dankes vorhanden ist. ff- Leuchtende Farbe. Die Phosphorescenz von Mineralien wurde schon 1630 von Casciorola in Bologna beobachtet. Die Versehe nun, die bis in neuerer Zeit damit gemacht wurden, hat Balmain fortgesezt und haben desßen Erfolge in diesem Jare in der Fachpresse viel von sich reden machen. Die leuchtenden Pulver sind ihrer chemischen Zu- sammensezung nach basisches Schweselbarium, Schweselstrontinm oder Schwefclcalcium; reine Schweselverbindungen leuchten garnicht. Erregt werden die leuchtenden Pulver durch künstliche Beleuchtung, namentlich durch Magnesiumlicht und durch elektrisches Licht und am besten aber durch das Sonnenlicht. Am wirksamsten sind von den Sonnenstralen die ultravioletten und violetten; die roten und gelben erregen nicht, sie schwächen vielmehr die violetten. Ein vom Licht erregter Lenchlstein stralt dasselbe Licht aus, ganz gleich von welchen Stralen oder ob von sarbigem Licht er erregt wurde. Die besten der bis jezt bekanten Leuchtpulver leuchten 18 Stunden und zwar ist am Schluß nur ein schwacher Schimmer bei völliger Dunkelheit und mit gutem Auge zu bemerken. Empselenswert ist, wenn bei der praktischen Verwendung ihnen ein weißer Untergrund von Zinkweiß oder Kreide gegeben wird bleihaltcnder Firnis darf nicht verwendet werden. Zur Verwendung; ! empfielt sich diese Farbe für Zifferblätter, Schlüssellochbleche, Feuer- ' zeugständer, Seezeichen, Rettungsgürtel, Taucheranzüge u. s. w. Wird die Decke eines Eisenbahnwagens damit gestrichen, so genügt das, um I die Dunkelheit bei der Durchfall eines Tunnels nicht ganz eintreten zu lassen. nrt. Inhalt. Jm Kanipf wider alle. Roma» von Ferd. Stiller.(Forts).— Die Zweckmäßigkeit in der Sternemoelt. Von P. Köhler.— Edinbnrg. Dritter Reisebrief aus Schottland. Von L. Viereck.— Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Dr. Max Vogler.(Forts.)— Auch ein Stück sozialen Lebens.— Poetische Aehrenlese: Die Blinde von Adalbert v. Chamisso.— Julia Eapulet.(Mit Illustration.)— Zodiakallicht.(Mit Illustration.)— Tie Pfeife einziehen.— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Das Telephon im Dienste der Polizei. Die Zeitungen der Bereinigten Staaten.— Modetorheiten.— Leuchtende Farbe.— Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraßc 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.