Im Kamps Roman von Z Franz Stein hatte bei der Einrichtung seines Fabriketablisse- mcnts die ersten Schwierigkeiten glücklich überwunden. Es hatte viel Arbeit und Mühe und Unannemlichkeiten mannigfacher Art gekostet, aber die Energie und Umsicht, mit welcher er seine Tätigkeit begonnen und unverdrossen fortgcsezt hatte, siegte schließ- lich über alle Fatalitäten. So konte er sich denn eines Sontag Morgens endlich ein wenig Ruhe gönnen und mit seinen Ge- danken bei sich selbst einkehren, was ihm seit lange nicht ver- gönt gewesen war. Er dachte an seine Frieda, mit der er in der lezten Zeit immer nur auf kurze, viel zu kurze Augenblicke ver- eint gewesen war. Sie hatte ihm allerorten und stets, auch bei der eifrigsten Arbeit gefehlt; er war der Ueberzeugung, daß ihm nianche Mühe leichter zu tragen, manche Sorge rascher zu über- winden gewesen wäre, wenn sie an seiner Seite geweilt hätte. Nun mußte aber bald die Zeit kommen, da sie bei ihm, in seinem neuen Daheim Einzug hielte als sein Weib. Freilich war darob noch keine bestirnte Uebereinkunst getroffen; Frieda ivar den Ver- Handlungen über diesen Punkt bislang in jungfräulicher Schlich- ternheit gern ausgewichen, so sehr sie sich auch sehnte, die Seine zu werden, er hatte nicht eher in sie dringen tvollen, sich zu ent- ichließen, bis er die Kämpfe und Plagen der Existenzgründung hinter sich und ihr ein trauliches Rest bereitet hatte. Jczt konte er mit Recht meinen, soweit gelangt zu sein; darum hatte er sich entschlossen, noch heute nach der Hauptstadt zu eilen und Frieda zu bewegen, sich mit einem möglichst nahen Ver- mälungstcrmin einverstanden zu erklären. Eben war ihm noch ein anderer Gedanke gekommen! Frieda wußte ihre zukünftige Häuslichkeit erst einmal griindlich in Augen- schein nehmen— sie mußte hierher zu ihm aus ein par Tage zum Besuch. Freilich— sagte er sich— wird sie zunächst dazu nicht bereit sein, denn was würde die Welt, die neidische, hämische, in Worten aber nicht in Werken über alle Maßen und allen Verstand„tugendhafte" Welt der Vettern und Basen, der guten Bckanten und getreuen Nachbarn dazu sagen? Pah— diese Welt! Im Notfall könte man dem Klatschacschwister ja eine Konzession wachen; es müßte sich doch wenigstens in einer älteren Frau eilte mütterliche Freundin finden lassen, welche man als Schuz und Schirm wider Unglimpf und Verleumdung mitnehmen konte. Er war überzeugt, daß sich auf diese Weise ein Besuch seiner Frieda bei ihm erwirken lasse und es überkam ihn hohe Freudig- kcit, wie er sich nun die glücklichen Tage des ersten ungestörten wider alle. erdinand Stisser.(6. Fortsezung.) Beisammenseins im eigenen Heim mit all den Reizen liebersüllten Fürcinanderlebens ausmalte. Er war in seinem behaglich ausgestatteten Arbeitszimmer raschen Schrittes auf- und abgegangen; jezt ließ er sich an seinem Schreibtisch nieder und griff nach der Feder. Vor Jaren hatte er Verse gemacht— er hatte sogar Leute gefunden, die ihn für einen"Dichter von der Muse Gnaden erklärte: aber der innere Drang, poetisch zu schaffen, war ihm nicht treu geblieben durch alle Wechselfälle seines bewegten Wanderlebens. Es hatte sich ihm mehr als einmal das Gefül aufgedrängt, daß er ein nüch- terner, prosaischer Mensch geworden sei, und wenn er je einmal etliche Verse auf's Papier geworfen hatte, so waren es kleine Gelegenheitsgedichte humoristischen und satyrischen Inhalts ge- Wesen— rechte Eintagsfliegen, bestimmt einen Freund oder einen Kreis von Bckanten einen Augenblick lang zu unterhalten und dann vergessen zu werden. In diesem Momente jedoch kam ihm ein äußerer Anlaß, seinen Gedanken und Gefülen poetische Form zu geben; er empfand das liefinnerliche Bedürfniß— so wie er es noch nie empfunden— dem, was ihn bewegte und erhob, dich- terisch Ausdruck und Gestalt zu geben. So schrieb er denn: „Nicht lang mehr, Liebe, will ich dein entbehren, Die du mir Zukunft bist und Glück, Kann mich der Sehnsucht furder nicht erwehren,— Gib den Frieden, Frieda, mir zurück! Daß streben— kämpfen ist, ich hab's empfunden, Fül im Gemüt noch kaum verharschte Wunde», Und von des Lebens Drangsal mich nmzwängt. Doch bin ich glücklich, denn in jenen Stunden, Da mir der Mihmut wild zum Herzen drängt, Weiß ich, an deiner Liebe werd' ich einst gesunden." Er hatte gerade das lczte Wort geschrieben, als es leise an der Türe pochte. Ohne vom Blatte auszusehen, rief er:„Herein!" Ein älterer Mann in einfacher dunkler Kleidung erschien auf der Schwelle und meldete: „Herr Generaldirektor von Höfcr wünscht Herrn Stein zu sprechen." Franz Stein schaute sich ein wenig erstaunt und nicht eben sehr erbaut um. „Generaldirektor von Höfer? Nun— bitten Sie den Herrn in den Salon einzutreten. Ich komme sofort." Ewttgart, 12. N-vember 1881. Jllustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä g-z Pfennig. Zu bezichen durch alle Buchhandlungen und Postämter. Der Diener entfernte sich und Ztein erhob sich vom Schreibtisch. „Eine Erwiederung meiner Visite von vor acht Tagen. Doch habe ich mich begnügt bei dem Herrn Generaldirektor meine iüarte abzugeben, gerade wie bei dem Fürsten und dem Bischöfe, und auf einen wirklichen Gegenbesuch nicht gerechnet. Zinn, ein paar allgemeine Phrasen und die Sache ist in einigen Minuten überstanden." So dachte er, als er sich nach dem Salon begab. Doch er sollte sich getäuscht haben. Der Generaldirektor von Höfer, der oberste Beamte des alten Fürsten von Waldkirch-Bnchcnfels, war ein älterer Herr von vor- nehm.ni Aenßern und von rückhaltendem, aber wemi es not tat, sehr entschiedenem Benehmen. Er war gewohnt, wenig und langsam, aber mit viel Bedacht und vielleicht noch mehr Gewicht zu sprechen. Höflich war er immer und gegen jedermann, freundlich sah nian ihn selten und herzlich war er wol niemals gewesen. Als Franz Stein in seinen Salon trat, in dem sich der Generaldirektor eben auf ein Fauteuil niedergelassen, stand dieser von seinem Plaze auf, trat ans den Herrn des Hauses zwei Schritte weit zu und streckte ihm freundlich die Hand entgegen. Hätte Stein seinen Besuch genauer gekaut, so wäre ihm jezt schon klar gewesen, daß dieser etwas besonderes mit ihm vorhaben müsse. Die Herren nahmen einander gegenüber Plaz. Stein bot dem Generaldirektor eine Cigarre. Dieser nickte gnädig mit dem grauen Haupte, warf einen Kennerblick auf das Rauchnecessaire. welches der Hausherr herbeizog, und zündete sich die dargebotene Rcgalia mit aller Muße au. Franz Stein fing an zu ahnen, daß dieser sein Besuch doch nicht so rasch an ihm vorübergehen werde, als er anfänglich gehofft; um sich bald zu vergewissern, fragte er, ob er sich erlauben dürfe, dem Herrn Generaldirektor mit einem Glase Wein aufzuwarten. Es gereichte ihm keineswegs zur Genugtuung, daß der Gast wiederum freundlich nickte und dieser stummen Bejahung die Worte hinzufügte: „Ich bin nach einer Reihe von beinahe 50 Studienjarcn so eine Art Kenner der herrlichen Gottcsgabe geworden, die man Wein nent, wenn ich Ihnen damit einen Gefallen erweisen kann, mein werter Herr Stein, so will ich Ihnen über ein paar Sorten Ihres Kellers— auf Kavalierparole— meine Meinung sagen." Franz Stein blieb anstandshalber nichts übrig, als diese ihm gerade heute höchst unerwünschte Liebenswürdigkeit freundlichst dankend zu acceptircn. Sein Keller sei so leidlich assortirt, sagte er, und stehe in allen seinen Marken dem geehrten Gaste zur Verfügung. Wenn derselbe erlaube, daß er zunächst ein Glas Johannisbergcr, dann eine Probe angeblich ganz echten Port- weins und ferner— von etwaigen anderen Wünschen abgesehen— einen Kelch Veuve Cliquot scrviren lasse, so iverde er sich ihm sehr verbunden fülen. Der liebenswürdige alte Herr war einver- standen, Franz Stein klingelte seinem Diener und bestellte den Wein. Bis derselbe kam, war eine Unterhaltung über Steins Fabrik- etablissement und seine— wie der Generaldirektor vermutete— vorzüglichen Zukunftsaussichten in Gang gekommen. Herr von Höfer bot dem jungen Industriellen seine volle Unterstüzung an; Franz Stein wußte, daß das eine gar nicht zu verachtende Bundesgenoflenschafl war, wenn es der, welcher sie bot, mit ihr ernst meinte. Herr von Höfer verfügte fast unumschränkt über die riesigen finanziellen Mittel und, wo ihm daran lag, auch über die ge- samten, sehr weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Mittel seines Chefs, des Fürsten. Zudem war es ein öffentliches Geheimnis, daß der Generaldirektor wärend des Menschenalters, das er im Dienste des Fürsten zugebracht, sein eigenes Interesse nicht vernachlässigt hatte. Freund und Feind schäzten sein Privat- vermögen auf mindestens eine Million Taler, one damit die Möglichkeit ausschließen zu wollen, daß der kluge Herr zwei- oder�dreimal mehr sein wolerworbenes Eigen nannte.' Franz Stein hatte also alle Ursache dem Entgegenkommen dieses Mannes gegenüber sich nicht ablehnend zu verhalten. Auch die Ratschläge, welche ihm der ausnahmsweise gesprächige alte Herr in reicher Fülle gab, konten ihni nur nüzen; denn so welt- und landeskundig wie jener waren sicherlich nur wenig Menschen noch. Nachdem das Gespräch ein halbes Stündchen etwa um allerlei Geschästsangelegenheiten sich gedreht, der Generaldirektor nun zum Champagner überging,— Franz Stein mußte seinem Gast natürlich Bescheid tun— geriet die Unterhaltung— anscheinend völlig ungezwungen— auf politischen Boden. Die leidigen Reichstagswahlen, welche vor der Tür stünden, würden auch diesmal wieder ihren störenden Einfluß auf den Gang der Geschäfte, insbesondere auch auf den guten Geist der Arbeiter ausüben. Darauf möge sich Franz Stein immer vor» bereiten. Es sei da schwer, one Konflikte mit seinen Leuten ans- zukommen und bedürfe es zu keiner Zeit größerer Energie, um Torheit und Unheil zu verhüten. Stein wagte den Einwurf, er— für seine Person— denke sich das nicht gar schlimm. Er stehe seinen Arbeitern als ganz neugebackener Fabrikant noch so fern, daß er mit ihnen soivol nach demselben Ziele gehen, als auch iveit von den ihren ab- liegenden zustreben könne, one eine persönliche Beleidigung irgend- welcher Art voraussezen zu dürfen. Der Generaldirektor war eben daran den Champagncrkelch bis auf den Grund zu leeren, aber er brach mitten in dieser gewiß interessanten Beschäftigung ab, als habe er etwas recht Verwunderliches gehört. „Gestatten Sie mir, mein bester Herr Stein, die Versicherung," sagte er in nachdrücklichstem Tone,„daß ich Sie da nicht ganz ans richtigem Wege glaube. Es ist freilich sehr schwierig in unserm verworrenen, von tausend neuen und verkehrten, meist sich über- stürzenden Ideen belebten Zeiten für den Industriellen sowol als für den Grundbesizer seinen Arbeitern gegenüber die richtige Position zu finden, und es ist ganz unmöglich, wenn man einen Grundsaz nicht dabei von vornherein fest im Auge behält, den, daß die große, ungebildete und unerzogene Masse zu ihrem eigenen Wole und zum Besten des Staates stets der Bevormundung bedarf. Sehen Sie, mein bester Herr Stein," für er mit mög- lichster Wärme fort,„ich habe seit mehreren Jarzehnten die so- genante soziale Frage zu meinem Lieblingsstudiuni gemacht, ich kenne alle Teorien, die ihre Lösung im Sinne haben, ich kenne auch aus einer ebenso reichen als langjärigen Erfarnng das Volk selbst, seine Wünsche und Bedürfnisse, seine Tugenden und Schwächen, und es ist— das Wort eines alten Kavaliers darauf, bester Herr Stein,— für einen Mann von unserer sozialen Stellung, unserer Bildung und unserem Vermögen, die einzig richtige Aufgabe, den ihm Untergebenen aus dem Volke ein guter, aber gerade deshalb ernster und strenger Vater zu sein." Der Generaldirektor hatte diese ungewöhnlich lange Rede, in Anbetracht seiner Gewohnheit kurz zu sein, mit allem nur mög- lichen Nachdruck gesprochen. Dieselbe hatte auch ihren Eindruck auf den Hörer nicht verfehlt; aber der gleichen Meinung wurde dieser darum noch keinesivegs. „Ich respektire eine solche Auffassung auf das höchste," cnt- gegnete er,„und ich erlaube mir auch nicht zu bestreiten, daß eine derartige Mahnung zu seinen Arbeitern einem Manne von Ihrem Ansehen und Ihren Erfahrungen, geehrtester Herr Generaldirektor, angemessen sein mag, aber ich bin bei weitem nicht anmaßend genug, um mich selbst ans eine ähnliche Position erheben zu wollen." Der Generaldirektor schüttelte das graue Haupt. „Sie sind ganz unnötig bescheiden— verzeihen Sie einem alten, an Erfahrungen in der Tat überreichen Manne diese Kritik, bester junger Freund, und Sie werden binnen Kurzem durch die Verhältnisse sich gezwungen sehen, die von mir gekennzeichnete Haltung zu Ihren Arbeitern einzunehmen, wenn Sie nicht den unuckgänglich nötigen Respekt überhaupt einbüßen wollen." Franz Stein neigte höflich das Haupt, one zu antworten. Diese Art der Unterhaltung schien ihm unfruchtbar; er wäre gern zu einem andern Tema übergegangen. Aber der Generaldirektor war anderer Meinung. Unbeirrt für er fort: „Nehmen wir nur die einfachsten politischen Vorgänge, z. B. die Reichstagswahlen. Werden Sie da anders können und dürfen, als Ihren Arbeitern mit Rat und Tat beistehen, bester Herr Stein?" „Mit Rat und Tat?" Franz Stein war wirklich ein wenig verwundert.„Wenn ich das tun sollte, käme ich wirklich in arge Verlegenheit. Ich habe mir noch keine für mich selbst maßgebende politische Meinung gebildet,— die Parteiverhältnisse unserer Zeit sind so verworren und unklar, der politischen Fragen so viele und teilweise so neue, wie die Verhältnisse, aus denen sie hervorgehen, neu und vielfach noch auf ihren Wert und ihre Haltbarkeit nicht genügend geprüft; ich stehe all dem noch wie ein Schüler gegenüber, lernbegierig aber erkentnisarm, ich werde also sehr zufrieden sein, wenn niemand in politischen Fragen meinen Rat verlangt, und," Franz Stein lächelte,„ich glaube auch, daß alle meine Arbeiter herzlich gern auf meinen Rat vcr- zichten werden." „Das glaube ich freilich," rief der Generaldirektor ein wenig erregt,„die Arbeiter selbst werden Ihren Rat nicht begehren, wie Kinder, die mit dem Feuer spielen, sich nicht vorher bei den Eltern erkundigen, ob das vernünftig ist. Aber Ihre Stellung als Großindustrieller, bester Herr Stein, legt Ihnen Verpflichtungen aus, sie ist eine sehr verantwortungsvolle; am Horizont unserer Zeit hängen schwere Gewitter, und wenn diese sich entladen, one daß wir, die gebildeten und besizendeu Klassen, die konservativen Elemente im Staate, zuverlässige Schuzvorkehrungen getroffen haben, so wird voraussichtlich die Äultursaat von Jarhunderten vernichtet— das bitte ich Sie zu bemerken. Eine dieser Schnz- Vorrichtungen und zwar eine der wichtigsten besteht nun eben darin, daß alle Kapitalisten, welche mittelbar oder unmittelbar mit dem Arbeitervolke zu tun haben, dieses ihrem Einfluß— wol oder übel— unterwerfen und in diesem die schädliche Mei- nung, daß es in politischen und sozialen Dingen eine eigene Meinung haben müßte, gar nicht aufkommen lassen oder, wo sie schon ihren demoralisirendcn Einzug gehalten hat, sie mit der Wurzel auszurotten suchen— das ist unsre, das ist auch Ihre Pflicht, mein bester, werter Herr Stein, glauben Sie mir, dem es mit Ihnen wirklich wolmcinenden Greise: ich selbst bin gern bereit, Ihnen in allen politischen Fragen jeden wünschenswerten Ausschluß zu geben, abgesehen davon, daß Sie sich auch als Industrieller auf meinen Rat und meine Hülfe verlassen können." Der alte Herr hatte beinahe rasch gesprochen, es mußte ihm sehr viel daran liegen, Franz Stein zu überzeugen. Dieser fühlte sich auch mehr und niehr von den Worten dieses Mannes ein- genommen, dessen Wesen ihm als vornehm zurückhaltend und kalt geschildert worden war, und der jezt nicht nur lebhaft und eindringlich, sondern fast warm und herzlich zu ihm sprach; wenn er oiie Hintcrzwecke und Nebenabsicht so sprach, dann meinte er es jedensalls sehr ehrlich, was hätte er auch für Nebenabsichten haben können? So fragte sich Franz Stein, und als General- direktor von Höfer innehielt, sagte er: „Es bietet mir das, was Sic da die Güte hatten auseinander- zusczen, einigen Stoff zum Nachdenken, Herr Generaldirektor, und es regt sich in mir aufrichtige Sympatie für eine so ernste Auffassung der von mir gcwälten Lebensstellung." lieber das Gesicht des Generaldirektors huschte es wie ein Lächeln des Triumphs und vielleicht sogar spöttischer lieber- legenheit, für den Beobachter gewöhnlichen Schlages sicherlich unbemerkbar, aber Franz Stein sah scharf, wenn ihm daran lag, zu sehen, ihm war dieses Lächeln nicht entgangen und es machte ihn sluzig. Er fügte deshalb seinen Worten, one Veränderung des achtungsvollen Tones, die Frage hinzu: „Aber wenn ich mir nun die Bitte erlaube, Sie, Herr General- direktor, möchten mir raten, wie ich— der Unerfarene— selbst zu den kommenden Reichstagswahlen Stellung nehmen sollte, und nach welcher Richtung ich mit gutem Gewissen die politischen Anschauungen meiner Arbeiter zu lenken versuchen müsse, werden Sie da vielleicht die Güte haben, mich zu belehren." Ehe der Generaldirektor, der seinerseits Franz Steins Gesicht unausgesezt beobachtete und keine Spur einer Veränderung darin warnahm, noch antworten konte, öffnete sich die Tür und der alte Diener meldete: „Ein Herr vom kaufmännischen Verein in B. wünscht Herrn Stein zu sprechen. Er hätte unter vier Augen mit dem Herrn zu reden." „Unter vier Augen?" sagte Franz Stein verlvundert, dann bitten Sie den Herrn, in meinem Arbeitszimmer zu warten." Herr von Höfer wollte sich erhebe». Stein bat, der General- direktor möge ihm noch einige Minuten schenken. Die Gelegen- hell, welche jenen Herrn zu ihm fürte, könne unmöglich so drin- gend sein. Ter Generaldirektor ließ sich wieder nieder. „Nun denn, so will ich Ihnen dann wenigstens die Antwort und meinen Rat nicht schuldig bleiben. Aber ich will mich kurz fassen. Die nächsten Rcichstagswahlen sind von der höchsten Be- deutnng. Hier in unserm Kreise werden sich wenigstens vier Parteien gegenüberstehen: Die konservative, welche den Fürsten zur Anname einer Kandidatur bewogen hat, die ultramontane, die liberale und die sogenante Arbeiterpartei, d. h. die Partei des Umsturzes alles Bestehenden. Die heutigen größeren Grund- besizer und Industriellen unserer Gegend, welche nicht streng kirchlich gesint sind, werden wie ein Mann nicht nur selbst kon- servativ wählen, sondern auch alle Mittel in Bewegung sczen, ihre Untergebenen an die einzige, das Ware Staats- und Bolkswol im Auge haltende und garautirende Partei, an unsere konservative Partei heranzuziehen. Und, nicht war, mein lieber Herr Stein, ich kann darauf rechnen, daß Sie nicht der einzige Großindustrielle unseres Kreises sein werden, der sich da, wo es das Vaterland und die Ehre der besizendeu Klassen unserer Gesellschaft gilt, aus- schließt." Ucbcr Franz Steins Gesicht hatte sich ein leiser Schatten gelagert und ein kecker Zug umspielte seine Mundwinkel. Auch seine Stimme klang merklich kälter als vorher bei der Erwiderung: „Mein gccrtcr Herr Generaldirektor," sagte er,„ich glaube nicht, daß Sie mich so rasch für eine Partei würden gewinnen, ehe Sic mich des Eingehenden über deren Ziele unterrichtet haben. Ich kenne nur die Vergangenheit der konservativen Partei unseres Landes und ich weiß, daß sie sich mehr als einmal über das, was dem Volksivole und darum auch dem Staat dienlich und angemessen war, schwer getäuscht hat. Ich tönte daher nur, wenn ich das jezige Programm Ihrer Partei geprüft und un- anfechtbar gefunden hätte, es mit meinem Gewissen vereinbaren, in Ihre Reihen einzutreten." (Fortsezung folgt.) Iudenhezen in Rußland. Von ß. Lüveck. (1. Fortsezung.) Obgleich an Katarina II. mehrfache Anregungen herantraten, den Juden feindselig zn begegne», schenkte sie denselben doch kein Gehör. Immerhin erschienen auch ihr die Juden nur als Geduldete, und Wärend sie durch Manifest vom 4./16. Dezember 1762 allen fremden Staatsangehörigen das Wohnen und die Niederlassung in Rußland gestattete, schloß sie davon nur die Juden aus. Im übrigen bestätigte sie dieselben in den neuen, namentlich den ehemals polnischen Provinzen in ihren alten Rechten und wies das schon damals aufgetauchte Ansinnen zurück, ihnen das Wohnen und die Ausübung des Handels und ihrer verschiedenen Bmiss- arten auf dem flachen Lande zu verbieten und sie in die städte zum mittelalterlichen Ghettoleben zu verpflanzen. Sie machte, dies ablehnend, namentlich darauf aufmerksam, daß es in den Städten an Raum zu ihrer Unterbringung und an der Gelegen- hell zu einem ausreichenden Brodertverb für sie fehlen würde. Deshalb beließ sie die Juden in ihrer verschiedenartigen Berufs- tätigkeit im Handel, im Gewerbe, in der Landwirtschaft u. s. w. Sie verordnete, Register über sie und ihre Beschäftigung anzulegen und sie danach zu besteuern. Kamen sie ihrer Steuerpflicht ordent- lich nach, so blieben sie in ihren Rechten ungeschmälert. Bcschäf- tigungslose Juden wurden ausgewiesen und in die Städte ge- schickt. Der Generalgouverneur und Statthalter der ncueinverleibten Gebiete wandte sich mit einer Vorstellnng an die Kaiserin, den Gntsbesizeru zu verbieten, den Juden Brennereien oder Schank- wirtschaften zu verpachten oder in irgend einer Form zu über- tragen. Molivirt wurde dieses Gesuch durch den Hinweis auf die schwere Schädigung der Bauern durch den Brantweinhandel der Juden. Katarina lehnte vernünftigerweise auch dieses Ge- such ab. Das Sachverhältnis war nämlich folgendes: In ihrer Berufstätigkeit zum Teil äußerst beschränkt, trieben die Juden auf den Gütern und in den Dörfern des polnischen und russi- scheu Adels, allen möglichen Handel, sie bedienten den Edelmann wie seine Bauern und sorgten namentlich dafür, daß der leztere 88- seine Bodcuprodukle umsczte, soweit ihm solche nach Abzug aller Dienstlasteil verblieben, deren Steigerung zum Teil ganz im Be- lieben des Herrn stand. Sie versorgten ihn mit Acker- und Wirtschaftsgerät, mit Kleidung u. s. w und in dieser Tätigkeit erwiesen sie sich für die Landwirtschaft von großem Nuzen. Nun besaßen aber die Adligen ans ihren Gütern auch Brennereien, worin sie ihr und das von den Bauern gelieferte Korn in Brant- wein verwandelten, dessen Hauptkonsumenten wiederum dieselben leibeigenen Bauern waren, welche zu diesem Brantwein nicht selten das größte Quantum ihres Kornertrages geliefert hatten. Es erhielten die Bauern nun ihr Korn als Brantivein wieder— jedoch nur gegen Bezalung, wodurch der Gewinn des Gutsherrn aus seinem lebendigen Kapital sich verdoppelte oder verzehnfachte. Auf alle Fälle floß durch den Brantweinverkauf ein großer Teil des kümmerlichen Erwerbs der Bauern noch in die Hände des Edelmanns, und Wärend dessen Wolhabenheit stieg, verschlimmerte sich tatsächlich die Lage der Bauern. Dem russisch-polnischen Edelmann waren die Juden im All- gemeinen die besten Pächter. Sie waren umsichtige Leute, deren ja auch der Staat mit Vorliebe bei allen Lieferungen und großen handelspolitischen Unteruemungen sich bediente. Ihre Notlage zwang sie, beim Brantweinhandel die eifrigste Tätigkeit zu entfalten. Viel kam dabei nicht heraus, von einem umfangreichen Geschäfte kann im Kleinhandel kaum die Rede sein. Je mehr der jüdische Handel blüte, um so mehr verdienten natürlich die Brennereien der Edelleute, beziehungsweise diese selbst. Uebrigcns waren nicht selten die Brennerei-Pächter auch gute römische oder griechische Katoliken. Ja, es kam auch vor, daß der Edelmann durch seine eigenen Leute den Brantweinverkauf besorgen ließ. Die Juden nun sollten durch den Brantweinverkauf die Bauern ruiniren. Das Unsinnige dieser Behauptung liegt, wenn man objektiv urteilt, auf der Hand. Gewiß hat der Brantweinverkauf ruinirend gewirkt. Tatsächlich aber blieb es sich doch gleich, wer ihn betrieb. Dem Bauer konte es einerlei sein, wer ihn aussaugen Ktstr«ster Utbrnnut(Srite 95.) half, ob der Jude oder Christ, ihm konte nur geholfen werden, wenn man das Aussaugen selbst verbot. Der Edelmann hatte übrigens in der Person des jüdischen Pächters, in den Augen der gedankenlosen Menge und auch nach oben hin einen hochwillkommenen Zündenbock gefunden. Aeußerte sich die rninirende Wirkung der Brennereien und Schänken auf die Bauern— und es gehörte bei der Ausbeutung derselben durch die Edelleute und deren unbegrenzter Macht nicht viel dazu, sie völlig zu ruiniren— vann war natürlich nicht der Herr, der- jenigc, welcher die Brennereien und Ichankstätteu errichtet hatte, sondern der Jude daran schuld, der nach der Versicherung der Geistlichkeit voller Haß gegen die Christen erfüllt war, bewußt an ihrem Untergange arbeitete, kein menschliches Rühren ein- psand, vielmehr voller Bosheit und Grausamkeit darauf abzielte, den christlichen Bauer iu's Unglück zu stürze», zu welchem Zwecke er ihnen denn auch den unheilvollen Brantwein verkaufte, deu beiläufig der russische Pope ebenso gern trank wie der polnische Kaplan. Auf diese Weise wurde der Krieg gegen die Juden ge- fürt und zum religiösen Haß die soziale Entrüstung und Em- pörung gesellt.— Und wenn die Klagen über das Elend der Bauern zu den Ohren der Regierung schlugen, dann wiesen die Edelleute und die Geistlichen auf die Juden als die eigentlich Schuldigen hin. Ging etwa ein Regierungskommifiär in die Dörfer, was alle Jubeljare einmal zu geschehen pflegte, dann bestätigten die irre- geleiteten Bauern die Behauptung der Edelleute, denen sie doch hauptsächlich ihre schlimme Lage verdankten. Es sei hiermit nicht gesagt, daß die jüdischen Pächter engelrcine Menschen gewesen sind. Sie waren aber nicht schlechter als die Edelleute, die wie sie aus ihrem Geschäft den möglichst größten Nuzen zu ziehen suchten. Die Edelleute schindeten die Bauern auf jede Wefie und wenn sie nicht auf die Fabrikation des Brantweins verzichten konten, dann soll man den Juden aus dem Verkaufe desselben um so weniger ein Verbrechen machen, als sie durch die Eng- Herzigkeit der Christen, welche ihnen zalreiche Beschäftigungen vor enthielten, wie zu allem Handel, so auch zum Brantweinhandel geradezu gezwungen waren. Katarina II. scheint diese Sachlage einigermaßen begriffen und namentlich eingesehen zu haben, daß durch das Verbot des Pachtbesizes von Brennereien und Krügen seitens der Juden die Lage der Bauern in keinerlei Weise sich beffern würde. Sie beließ, wie schon erwänt, die Juden in ihren Rechten. Ein Ukas vom 7./19. Mai 1786 gestattete es ihnen sogar, frei ihren Wohnort zu wälen und er verbot es, sie zu nötigen, in die Städte zu ziehen, wenn sie auf dem Lande ihre Existenz fanden. So einsichtig oder human Katarina II. den Juden gegenüber auftrat, so wenig taten dies ihre Nachfolger. Am 9. 21. Dezem- ber 1804 wurde eine allgemeine, die Juden behandelnde Ver- ordnung erlassen, welche ihnen das Wohnen und die freie Be- wegung in den Gouvernements Bessarabien, Wilna, Witebsk, Bolhynien, Grodno, Jekaterinoslaw, Kowno, Minsk, Podolien, Poltawa, Saunen, Cherson, Tschcrni- gow und Kiew ge- stattete, daran aber Bedingungen knüpf- te, welche in ihren Folgen die Ber- treibung der Inden ans den Dörfern her- beifürte. Zunächst wurde ihnen durch- weg der Brantwein- Handel verboten. Nur tatsächlich ar- bettende Juden sollten auf dem Lande geduldet werden. Zu diesem Zwecke wur- den die Juden in vier Klassen geteilt Dazu gehörten: 1. die Ackerbau treibenden Inden, 2. die jüdischen Fabrikanten und Gewerbe- treibenden, 3. die wirklichen Kaufleute und 4. die ansässigen jüdischeuKlein- bürger; was aber nicht in diese vier Kategorien gehörte, das wurde vom flachen Lande fort- gewiesen. Nach Ar- tikel 34 dieser Verordnung durfte keiner von den Juden in den Gouvernements Astrachan und in Kaukasien, in Klein- und Neu-Rußland vom 1. Januar 1807 an, und in den an- deren Gouverne- ments ihres An- sässigkeitsgebietes vom I.Januar 1808 an in keinem Dorfe und in keinem Flecken eine Wirtschaft, eine Trinkhalle(Kabak), eine Herberge oder eine Brennerei als Pächter halten, auch keine Gasthäuser. Es wurde ihnen auch verboten, sei es un- ter eigenem oder fremdem Namen we- der Wein nochBrant- wein hausirend zu verkaufen. In den Dörfern und Flecken durften sie nicht anders als ansässig sich aufhalten; der vor- übergehende Aufent- haltwurdenurdurch- reisenden Inden ge- stattet.— Das Ber- bot erstreckte sich so- gar auf die Häuser (Gast- und Schank- —----—-—■ Die Zsonzoliriicke bei Santa Lucia.(S-n- w.) 90 wirtschaften) an den großen Post- und Landstraßen.— Es war dabei gleichgültig, ob diese Häuser Einzelnen oder der Gemeinde gehörten. Motivirt wurde diese Verordnung namentlich mit dem schon früher gehörten ungerechten Vorwurf, daß der jüdische Brant- weinhandel zum Ruin der Bauern füre. Bemerkenswert ist übrigens diese Verordnung noch deshalb, weil sie uns einen Blick auf die verschiedenartige Berufstätigkeit der Juden gestattet. Vergessen darf dabei freilich nicht werden, daß infolge der Unduldsamkeit, der sie besonders in den West- russischen Gouvernemeuis begegneten, nur ein verhältnismäßig kleiner Teil von ihnen zur höheren Berufstätigkeit zu gelangen vermochte; der weitaus größere Teil war in den ärmlichen Ver- Hältnissen verkümmert und nur durch den Hausirhandel, der nebenbei nicht leicht sondern mit vielen Schwierigkeiten und großen Entbehrungen verknüpft war, in der Lage, sich vor dem Unter- gange zu retten. Die große Klasse der armen Juden wurde ganz besonders hart durch diese Ausnahmsmaßregcl getroffen. Man trug sich anscheinend in Regierungskreisen mit der Hoffnung, daß das gewalttätige Auftreten gegen die Juden die- jenigen von ihnen, die dem kleinen Handel zugewendet waren, zwingen werde, sich nüzlichcre Beschäftigungen aufzusuchen. Wir haben es hier mit einem Irrtum zu tun, der auch noch in unseren Tagen herrscht und zu gedankenlosen Vorwürfen gegen die Juden Anlaß gibt. Man meint nämlich, es läge nur an ihnen, wenn sie am Handel, am Hausiren und Schachern festhalten, es sei nur böser Wille von ihnen, wenn sie keinen besseren Beruf sich wählten, den bösen Willen voraussezend appcllirt man gern an die Macht- fülle eines großen Staatsmanns und nimt an, daß dessen Befehl allein genüge, das Wunder zu bewirken, die Inden aus einer handeltreibenden etwa in eine ackerbautreibend: Volksklasse zu verwandeln. Eine Volksklasse jedoch, welche Jarhnndcrte hindurch zu einer bcstimten Beschäftigung gezwungen wurde, läßt sich aber nicht so über Nacht und niemals one außerordentliche Beihülfe des Staates anderen Beschäftigungen zufüren. Jeder Berusswechsel erfordert einen längeren Zeitraum und er will selbst im gewöhnlichen Leben, unter normalen Verhältnissen, mit aller Vor- ficht und Nachsicht durchgesürt sein. Nun vollends gar bei einer durch Unterdrückung verkümmerten Volksklasse!-- In Rußland verfuhr man kurz, roh und gewalttätig und darf sich des- halb nicht wundern, wenn das erwartete Resultat ausblieb und die Maßregel nur dazu fürte, das Elend der Juden zu ver- doppeln— one die Lage der Bauern irgendwie zu verbessern. Die Hezen gegen die Juden in den neuerworbenen russischen Gebieten hatten ihren Anfang genommen; dem ersten Schlage sollten bald weitere folgen. Noch war die in Rede stehende Verordnung kein Jar in Kraft, als— am 19./Z1. Oktober 1807— ein neuer Ukas gegen die Juden erlassen wurde. Diesmal traf er die Juden in Podolien und Volhynien, wo sie von uralter Zeit her ansässig waren. In diesen Gouvernements war die Lage der Bauern besonders schlimm. Schon zur Zeit der polnischen Herschaft hatten die durch die Aussaugung des Adels zur Verzweiflung getriebenen Bauern zum großen Teil Haus und Hof, Aecker, Wiesen und Wälder ini Stich gelassen und waren der schweren Knechtschaft durch die Massen- auswanderung entflohen. In diesen Gebieten hatten die Kriegs- stürme besonders heftig getobt; der Bauer war schwach und der ewig in Geldnot steckende Adel darauf angewiesen, das Menschen- mögliche ans ihnen herauszupressen. Die Armut ist der beste Alliirte des Brantweinproduzcnten. Der Brantiveinhandel spielt zwar auch in dem genanten Ukase eine Rolle, tatsächlich aber begnügte er sich nicht damit, die Hansirenden und brantweinvcr- kaufenden Juden vom Lande wegzuweisen. Er ging weiter; jczt sollten die Juden überhaupt aus den Dörfern und Flecken und von den Gütern der Edelleute vertrieben und in die Städte gc- fürt werden. Im Jare 1808 sollt: das erste, 1800 das zweite und 1810 das lezte Drittel der Juden aus den Dörfern und Flecken entfernt und in die Städte desselben oder in die anderer Gouvernements geschafft sein. In die Städte Bolhyniens und Pvdoliens hatten sich zunächst alle diejenigen Juden zu begeben, die darin Grundstücke besaßen, oder auf dem Lande Handel trieben. Alsdann kamen die Juden in denjenigen Dörfern an die Reihe, wo sie in großer Anzal vorhanden waren und wo sie viele Gast- und Schaiilwirtschaften unterhielten.— Zulezt wurde der Ueber- rest ausgetrieben. Wo sie Pächter bei den adligen Gutsbesizern waren und auf einem Gute sich mehrere Verkanfshallen beziehnngs- weise Schankuurtschasteil befanden, hatte zuerst ein Drittel der Pächter fortzuziehen; wo nur eine Schankwirtschaft ans einem Gute sich befand, konte der jüdische Pächter nach den lokalen Ver- Hältnissen bis znlczt d. h. bis zum Ablauf der dreijärigen Aus- trcibungsperiode auf dem Gute verbleiben.— Diese scheinbare Milderung des vorausgegangenen Ukases erfolgte nicht im In- tercssc der Inden sonder» der Edelleute, die durch die unvorbe- reitele Austreibung der Inden in große Verlegenheit gerieten, da sich nicht so leicht zuverlässige und geschäftskundige Ersazmänner für die jüdischen Pächter finden ließen. Nach dem Jare 1808 jedoch sollte es keinem Gutsbesizer mehr gestattet sein, einen Juden aufzunehmen oder anzustellen. Zur besseren Bcwcrkstelligung der llcbersiedelung war von der Regierung in den betreffenden Gouvernements die Einsezung von Komite's unter Vorsiz des Gouverneurs dekretirt worden, die namentlich für die Beschaffung der erforderlichen Geldmittel zu sorgen hatte, was dadurch geschah, daß das Konnte sich an den jüdischen Synagogcnrat(Kohal) wante und durch diesen die erforderlichen Untcrstüzungen aufbringen ließ. Das war echt russisch. (Forts, zung solgt.) Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Wa«'Dogter. (G Forsezung.) Das Wasser brodelte und zischte, und der Holzbauer tat Zucker und ans einer großen Flasche eine ziemliche Menge Brantwein hinein. „Es soll ein kräftiger Trank sein, wie ihr ihn braucht!" sagte er, und erst jezt schickten sich, auf seine Aufforderung hin, die Beiden an, ihre vom Schnee völlig durchnäßten Mäntel abzulegen und sich's für längeres Bleiben bequem zu machen. Als er dann aus blanker Kanne die Gläser voll schenkte und sie zum Trinken einlud, zögerten sie wol noch eine Weile, ehe sie chm Folge leisteten, streckten aber schlieslich doch die Hände aus und schlürften mit großem Behagen die warme danipfende Flüssigkeit hinab. „Der Himmel danlls euch, Holzbauer!" brachte der Alte ge- zwungen heraus, wie er sich's angenehm durchströmen fülte; sein Sohn aber saß trozcg und stumm und sah finster in das Glas vor sich nieder. Der Holzbauer schmauchte zufrieden seine kurze Pfeife, die er sich noch einmal angezündet halte, und sah prüfend auf seine Gäste, die ihm schräg gegenüber saßen, hin. Er richtete dann und wann noch eine Frage an dieselben, aber sie antwortete» nur kurz uud karg, und zu einem rechten Gespräche wollte es nicht kommen, so sehr jener, der sein Glas immer in raschen Zügen leerte, dies zu wünschen schien. Wie er ihre Unlust, zu reden, stets deutlicher wahrnehmen mußte und sich auch die Müdigkeit, die sie infolge des überstanoencn mühevollen Wegs überfiel mehr und mehr bemerkbar machte, schleppte er etliche Strohsäcke und Decken herbei, die er sie, wie es ihnen am besten dünke, sich zum Lager bereiten hieß, und wünschte ihnen eine gute Wacht. .Als er hinausgegangen und in einem anderen Räume- des Hauses gleichfalls die Ruhe aufgesucht hatte,— es war Mitternacht vorüber— beschäftigten ihn die Beiden in Gedanken noch lange. Es war ihm vom ersten Augenblick an klar gewesen, daß dieselben von einem Schmugglerzuge kamen. Freilich damals, als er an der Kirchweih im Dorskrug von den Dingen erzählte, die sich nicht allzuferu von seinem Gehöft droben aus der Grenze zutrugen, hatte er nicht ahnen können, daß er damit Friz Kolin in's eigene Herz getroffen, und daß dieser seine Worte beinahe wie eine neue ihm angetane Beleidigung nehmen mußte; nun aber hatte ihm der Jude Abraham Simson, niit dem er vor ein par Wochen auf einer Geschäftsreise zusammengekoinmen,„ganz »n Vertrauen" auch diese andere Ursache des plözlichen WolstandS der Kolin offenbart. Es war diesem bei seinem Verkehr mit allerlei Leuten in der Stadt leicht geworden, zu erkunden, daß sie keineswegs die schweren Ladungen von Bauinwollballen, mit denen sie von Zeit zu Zeit vor einer der größten Spinnereien der lezteren ihren Wagen befrachteten, zur Bahnstation oder zu einem Jndiistrielleii im Laude fürten, sondern sie viel häufiger heimlich bei ittacht zollfrei über die Grenze beförderten, um sie jenseits derselben mit großem Vorteil an den Mann zu bringen. Kein Wunder, daß Peter Kolin ans diese Weise in kurzer Zeit Summen auf Summen häufte und zu raschem Bcsiz gelangte. Es konnte nach solchen Btitteilungen beim Holzbaner daher schon jezt keinem Zweifel unterliegen, daß die Beiden an diesem Abende ans einer solchen Fahrt begrisfen gewesen nnd durch das Da- zwischenkommen der Grenzwächter zur Flucht genötigt worden waren. Und es war, nun er darüber weiter mit sich in's reine kam, eben dem so iiberraschend schnell hereingebrochenen Unwetter zuzuschreiben, daß sie von der geivonten Straße, auf der sie ihre Fracht bisher stets sicher über die Grenze zu bringen gewußt hatten, one den Aufsehern in die Hände zu fallen, abgewichen und in unmittelbare Äiähe des Wachthauses gekommen waren. Die Vorsehung hat es selbst so gewollt; denn sie haben nie anderes als unsauberes Handwerk getrieben, und ich Hab' keine Ursach', den Herrn Grenzern ihren Fang nicht zu gönnen!— sagte der Holzbaner still zu sich, als er, um seine Gedanken nicht weiter spinnen zu lassen, sich energisch auf die Seite wandte und nach und nach iii einen gesunden Schlummer sank..... Als ihn am Morgen seine Gäste verließen, sagten sie ihm in kurze» Worten Dank, und er konte unschwer merken, wie sie jezt noch mehr als am Abend, da sie vor allem froh waren, Schuz vor dem Unwetter und ein Lager für die Nacht zu finden, bitteren Verdruß empfanden, daß sie gerade bei ihm geherbergt, und daß er ans diese Weise Kentnis von ihrer, wie sie sich sagten, jedenfalls ausfällig erscheinenden nächtlichen Wanderung erhalten hatte. Tie Gedanken darüber beschäftigten sie auch fvrtivärend ans dem Wege, der sie unter mancherlei, durch den fußhohen Schnee und die eisige Kälte hervorgerufenen Mühseligkeiten die Berge hinab in's Tal und heimivärts fürte. Dazwischen mischte sich der Aerger nicht sowol über die nebst dem Gespan verloren gegangene Ladung, die sie an diesem Tage sicher über die Grenze gebracht zu haben glaubten,— denn wenn sich der dadurch er- littene Verlust auch immerhin als ein sehr beträchtlicher heraus- stellte, so konte er für den Wolstand des alten Kolin doch keines- Wegs, wie dieser im ersten Unmut über das unangenehme Begebnis sich ausgesprochen, als ein vernichtender Schlag erscheinen— als vielmehr darüber, daß sie sich nun auch für die Zukunft in ihrem Schmugglergewcrbe arg gehindert glaubten; denn sie fürchteten »icht mit Unrecht, daß sich die Grenzbehörde durch die Menge der auf dem erbeuteten Wagen vorgefundenen teueren Baum- wollballen von dem Umfang der in dieser Art betriebenen ver- brecherischen Geschäfte unterrichtet, sich zu noch umfassenderen nnd wirksameren Maßregeln wider die leztern veranlaßt finden würde, und daß sich ihnen eben infolge dessen für die Aussürung ihrer so einträglichen Unternemungen bedeutend größere Schivierigkeiten entgegenstellen müßten. Vielleicht gar aber— so kam ihnen ernste Besorgnis— wurden sie, wenn sich durch die Grenzwächter die Kunde von dem nächtlichen Abenteuer verbreitete, vom Holz- bauer verraten, ihres strafbaren Beginnens Lberfürt nnd so im Verfolg desselben von noch viel empsindlichereni Schaden betroffen. Auch diese Befürchtung stellte sich durch die tatsächlichen Ver- Hältnisse als wol begründet heraus, den» schon nach wenigen Tagen hatte der Holzbaner von den Grenzwächtern erfaren, ivas sich in jener Nacht, da Peter Kolin und sein Sohn unter seinem Dache Schuz und Herberge gesucht, bei dem Wachthause auf der einsamen Höhe zugetragen. Freilich wußten die lezteren auch in den nächsten Wochen noch nicht, daß er diese Kentnis bereits er- halten, sondern sie fürchteten eben nur, daß, wenn es nicht schon der Fall war, es noch geschehen könte; bald jedoch sollte ihnen darüber volle Gewißheit werden.... Weinachten war vorüber und auf dem Jubel des Festes olgten die lezten, stillen Tage des Jahres. Schnee und Kälte hatten ihre gestrenge Herrschaft bewahrt, und wen kein Geschäft hinaustricb, der blieb bei den Seinen in warmer traulicher *-tube daheim. Auch im Schankzimmer der„goldenen Traube" war es ruhig und still. Freilich hatte Vater Hegmar zu jenen gehört, die an einem dieser Tage zu einem Wege außer dem Hause genötigt waren; er befand sich auf den, Gange nach einem venachbarten Dorfe und nur seine beiden Töchter waren daheim geblieben. Aber selbst von diesen hatte sich die eine, die Jüngere, auf kurze Zeit aus der Wohnung begeben, und so saß Helene in dieser allein. Es war am Spätnachmittage, und da sie sonst nichts zu tun wußte, griff sie nach dem Stickramen, sezte sich damit an's Fenster und begann eine neue Arbeit. Sie hatte denselben �seit dem Feste noch nicht wieder in die Hand genommen; die lezte Stickerei, die sie über ihn gespannt, war ein Weinachts- geschenk für den Vater gewesen. Sie hatte kaum die ersten Nadelstiche getan, als sie rasch aufsah und zu gleicher Zeit heftig zusammenfuhr. Denn die Tür hatte sich geöffnet und Jakob Barthold war hereingetreten. Ihre Wangen waren über und über gerötet, sie sprang hastig auf nnd strich sich verlegen über die Stirn. Nicht, weil sie etwa den Besuch des jungen Meisters nicht gewönt gewesen wäre. So fest es sich dieser seit jenem Abend an der Kirchweih, da er, er wußte selbst nicht warum, herübergegangen und in dumpfestem Brüten au seinem Plaze gesessen, vorgenommen, nie wieder den Fuß über die Schwelle dieses Hanfes zu sezen— dieses Hauses, auf das er mit einemmale einen finsteren Groll geworfen— konte er es doch nicht über sich gewinnen, diesem Vorsaze treu zu bleiben; zumal seit er wußte, welch ein tiefes, heißes Gefül für das schöne Mädchen, das darinnen wohnt, über ihn gekommen, zog es ihn immer wieder mit einer geheimnisvollen, unwider- stehlichen Macht hinüber, wenn er auch jedesmal eine tiefe Scheu und heimliche Beklemmung empfand, so bald er die Tür öffnete und in das saubere, behagliche Zimmer trat. Mochte sie ihn in seinem Innersten beleidigt haben, mochte sie ihm mit ihrer kälte- sten Verachtung gegenübertreten, ihn heimlich verspotten und seiner lachen,— er mußte sie sehen und dann und wann in ihrer Nähe sein, war's auch nur, um still und stumm in sich hinein zu sinnen und mit sehnsüchtigem Blick ihren Schritten zu folgen, so oft sie an ihm vorüberging. Ließ sich's irgend tun, so mied sie's, ihm das Glas hinzutragen und ihn auch nur an- zusehen, und es war leicht zu bemerien, daß sie, jemehr sie die . Ursache seiner häufigen Besuche und den Grund seiner heimlichen Traurigkeit erriet, gegen ihn nur immer kälteres und teilnahm- loseres Benehmen zur Schau trug, Wärend sie es sich andrerseits zum besonderen Vergnügen zu machen schien, in seiner Anwesen- heit um so lauter und munterer mit den anderen Gästen zu plaudern und mit ihnen zu scherzen. Heut freilich konte sie das nicht. Statt dessen schien sie sich in anderer Weise ihm entziehen zu wollen. Denn er hatte die Tür noch nicht wieder hinter sich geschlossen, als sie auch schon, one seinen Gruß abzuwarten, die Stickerei schnell bei Seite gelegt hatte und in das an die Stube anstoßende Gemach hinübergceilt war. Nicht minder, wie sie durch seinen Eintritt,>var er über- rascht, sie allein zu finden, und das Herz hatte ihm augenblicklich stärker zu klopfen begonnen. In noch größere Verlegenheit aber geriet er, als er sie bei seinem Eintritt hinauseileu sah,— sollte ihm das ein Zeichen sein, daß sie ihm in jedem Falle auszu- weichen wünsche, und daß er nur lieber das Zimmer wieder ver- lassen möge. Er begab sich ruhig nach dem Plaz am Fenster, den er ge- möhnlich cinnam, und wartete, im Zimmer rund um schauend, ob sie wieder hereinkommen iverde. Sie kam,— er hatte gar nicht lange zu harren brauchen; aber sie blieb, ihm kaum einen Gruß bietend, auf der Schwelle der Tür, die in jenes Neben- gemach führte, stehen und schien hier warten zu wollen, daß er etwas begehreu werde. Wie er dies merkte, sprach er sein Ver- langen aus; er tat es ruhig und bestimt, so daß man aus dem Klang seiner Stimme kaum auf innere Erregung schließen konte, und nach kurzer Zeit brachte sie das Gewünschte herein, stellte es, one ihn anzuschauen, auf den Tisch und ging dann wieder hinaus. Sie mochte es aber vielleicht doch unpassend finden, ihn bei seinem Glase allein in der Stube sizen zu lassen, denn es waren kaum wenige Minuten verstrichen, als sie schon wieder hercintrat und an demselben Tischchen, an welchem sie zuvor gesessen, den Stickramen in die Hand nahm. So saß sie, kaum zwei Armeslängen von ihm, tief auf ihre Arbeit niedergebückt, wärend der junge Meister auch seinerseits nicht aufzuschauen wagte und, regungslos auf die schimmernde Flasche vor sich blickend, nur das leise Geräusch der Nadel, welche ihre Finger führten, und ihr Atmen Hörle. Und es klang ebenfalls wie gedämpft und absichtlich zurückgehalten, dieses Atmen, gleichwie er sich mühte, sie das seinige nicht merken zu lassen. Es lag wie ein stiller, seltsamer Bann über den Beiden; auch sonst war's ruhig, für sie fast beängstigend ruhig in dem Zimmer, selbst von der Straße draußen drang nicht das mindeste Geräusch herein, und mildes, dämmeriges Licht des Winternnchmittngs!„lind ihr seid mir bös,"— fügte er seinen Worten hastig, herrschte drinnen.... � als dränge es ihn, auch das auszusprechen hinzu, und seine Jezt hatte der junge Meister sein Glas doch etivas weniger schwarzen Augen glänzten. behutsam n»d geräuschlos auf den Tisch niedersinken lassen, als„G'rad nicht mehr, als ich Ursach' Hab'!" antwortete sie ebenso es Wärend der lezten Viertelstunde der Fall gewesen. Es war schnell, wäreud es leicht durch ihr Gesicht zuckte und ste noch '*"''.......'-■- 1 heftiger errötete. Der Freimut, mit dem sie das sagte, gestel ihm ebenso sehr wie ihn das darin liegende Geständnis schmerzte und vcrlezte. „Bös, weil ihr meint, ich sei ein Fremder, mit dem man nichts gemein haben darf!" für er daher wärmer und entschiede- ncr fort.„Ein Fremder, deni kein ehrbar' Biädchen die Hand zum Tanz reichen soll und den man zornig anblicken und höhnen darf." „Wenn ihr mit mir streiten wollt, Meister," entgegnete sie heftig, indem sie sich halb er- hob,„so scheint's mir besser, daß ich gehe!" Aber er stand auf und ging einige Schritte auf sie zu, wärend sie noch, zögernd, ob sie Ernst machen sollte, den Stickramen in der Linken haltend, zwischen ihrem Stul und dem Tischchen stand. „Bleibt, Jungfer, ich bitt' euch, bleibt!" rief er leidenschaftlich, und sein Blick sprach so beredt dieselbe Bitte aus, daß sie sich zusammennahm und wieder nieder- „Ich will euch nicht kränken," sagte er weich, nachdem er wieder auf seinen Plaz zurückgegangen, „aber ich bin ein ehrlicher Mensch, der niemand'was zu Leid getan, und dem's in's Herz gehen mußt', daß ihr an der Kirchweih'—" „Das fönt' ich tun, wie ich mocht'," fiel sie ihm wieder, die Stickerei fareu lassend, in die Rede.„Ich hatt' sehr gute Ursach' dazu, Meister, und wenn ihr meint, daß ihr niemand'was Leids ge- tan, so ist's nicht g'rad' die War- heit, die ihr redet!" Sie hatte es wieder sehr streng und mit bitterm Vorwurf gesprochen, und obwol er ganz gut wußte, was sie damit sagen wollte, war er doch für den Augenblick verwirrt und fand nicht gleich die rechte Antwort. „Ihr meint, daß ich eine Lüge gesagt oder von mir besser denk', als einem Menschenkind erlaubt," sagte er,„darum— wollt�ihr mir nicht sagen, Jungfer, woher euch die Red' kam?" Sie sah ihn mit glühendem, entschlossenen Blicke an und drückte mit einer heftigen Bewegung den Stickramen fest an sich hinan. „Wenn ihr's hören wollt, Meister, so mag ich's nicht ver- schweigen!" antwortete sie sehr bestimt.„Habt ihr nicht erst in unserem Lande gewohnt und seid dann hinübergezogen über den Rhein und wieder herüber, und habt die Mordwaffe im Arm getragen und an der Seite und seid mit hergefallen über die Leut', die vorher mit euch friedlich gelebt,— was brauch' ich noch viel zu reden,— schlecht war's Jakob Barthold, und un- menschlich von euch,— ihr müßt' euch nicht wundern, wenn man's euch gedenkt!" Mit jedem Wort, das sie sprach, schlug ihr das Herz lauter uiid stärker und mit heißer Glut stieg es in seine Wangen und Schläfen herauf, wie er das von ihr hören mußte, so grad und offen und derb, als sei gar nicht drüber zu reden und es aller Zweifel bar, daß er ein schlechter, voller Verachtung werter Mensch; er begann unruhig auf seinem Stul hin- und her zu rücken und sah ste an mit heimlichem Schauder wie einer, über den man, obgleich er schuldlos, mit strafendem Vorwurf das Todesurteil spricht. (gortlkzimg folgt.) Es war wol daher gekommen, weil er sich beunruhigt fühlte durch das drückende Schweigen zivischen ihnen, und es mußte sein, daß er sich durch das Klirren und Klingen des Glases von der Beklem- mutig, die ihm die Brust zusammenzupressen schien, befreit fand; denn er hob plözlich den in die Linke gestüzten Kopf und sah zu ihr hin. Sie war bezaubernd schön, wie ihre weiße, breite Stirn unter dem dunklen, zierlichen Lockengekräusel, daß sie umspielte, hervorleuchtete, die schwarzen, feinen Wimpern in reizvoller Linie, die die großen, glutvollen Augen beschatteten, gerade noch leicht genug, um einen sanften Strahl hervorbrechen zu lassen, wie der kleine, frische rote Mund, gleich- sam wie zuflüsterndem Sprechen halb geöffnet war und blühendes, jugendliches Leben über den Wan- gen lag,— wie sie so da saß, auf ihre Arbeit niedergebeugt und die kleinen Hände geschäftig regend, erschien sie ihm wieder so ganz als das herrliche Bild seiner Träume, wie es ihn Tag und Rocht umschwebte, und nachdem er einmal das Auge auf sie hingeivendet, konte er's nicht über sich gewinnen, es wieder abzu- lenken. Fest und süß gebannt ruhte es auf dem schönen, un- vergleichlicheu Bilde, wie in stummer, bewundernder Andacht, und kein Laut, kein Hauch war zwischen ihnen..... Ob sie es fühlte, wie sein Blick magnetisch auf sie gerichtet war?— Sie sah unverwandt aus die Stickerei über ihrem Schoß nieder, und die Neigung ihres Hauptes veränderte sich um keine Linie; doch es schien, als ob sie jezt, unter der Wirkung seines Blicks, den Atem noch absichtlicher an sich hielt, und nur ihre Brust hob sich in sanftem Wogen auf und ab. Und es war, als ob er sich im seligen Versunkensein stillen Anschauens ihr allmälig näher und näher gerückt fülte; er hätte das Auge auch vielleicht nicht abgewendet, wenn sie jezt Plözlich aufgesehen und ihn verwunderten Blicks angeschaut haben würde, und es kam wie von selbst ans seiner Brust herauf und über seine Lippen, als er dann in einem sanften, weichen Tone, der die ganze süße, berauschte Stimmung seines vollen Herzens in sich schloß, Plözlich anhob: „Mich dünkt, wir könten was reden, Jungfer Helen'--" Aber nun schien es doch, als sei er ob der eigenen Worte erschrocken. Er stockte und ließ die Hand, mit der er bisher seinen Kopf gestüzt, plözlich auf den Tisch sinken. Das Mädchen zeigte sich überrascht und blickte schnell auf. „Ich wüßt' nicht was, Meister!" sagte sie kurz und sah im nächsten Augenblicke wieder wie zuvor auf ihre Arbeit nieder. Run hatten aber diese Worte gerade umgekehrte Wirkung, als jedenfalls� beabsichtigt gewesen. Sie gaben ihm Mut, und nach einem raschen Zug, den er ans dem Glase tat, beugte er sich leicht nach vorn und ivendete ihr sein Gesicht wieder zu. „O, es gäb' schon dies und das, um das sich's lohnt', ein Wort zu sprechen," sagte er wieder, wenn auch etwas zögernd. „Aber sagt's nur grad' heraus, ihr verschmäht s, weil's Jakob Barthold ist—" Sie sah ihn wieder mit einein raschen, verwunderten Blicke an, und ihr Gesicht überzog sich purpurrot. Eigentümlichts BasaUgtbUde.(Seite 95.) —- 93 GeschirtMche Streifereien im alten und na Ich erwachte; mein Freund John Smith beugte sich liebe- voll über mich: „Ilow aie you now, dear Charles?"*) Mein Kopf war leicht, der Puls ging ruhig; ich war zu einem neuen Leben erwacht, das gräßliche Gespenst der Seekrank- heit überwunden. „Ich danke dir, John, es geht mir besser; wo sind wir?" „Im Busen von Salamis, armer Freund, der du so wenig gesehen hast, auf historischem Grunde!" Ich sprang auf. Run stand alle« wieder klar vor meiner Seele, was ich in den lezten Tagen erlebt und nun dem geehrten Leser nachträglich crzälen muß: Es war ein Jar nach meinem Aufenthalt in Rom, als mich ein Bris John's für die nächsten Somnierferien nach Venedig, der alten Togenstadt, zitirtc. In der Tat fürte mich auch bald die Eisenbahn dahin, wo mich John mit Herzlichkeit empfing. Ich habe aber heute nicht die Absicht, die Herlichkeiten dieser Königin der Meere zu beschreiben; nicht den schönen Markusplaz, die Säulen und den Löwen von San Markus, oder die hohe Kirche gleiches Namens, die vielen Kanäle in der Stadt und das Treiben der Gondoliere, die Seufzerbrücke und den Togenpalast: ich dadfie bald au ein schöneres Ziel.— Von der beabsichtigten Gcmäldetrilogie meines Freundes, Nero vor der Leiche seiner Mutter Agrippina, Nero im Cirkus, Neros Tod, waren die ersten zwei Bilder fertig und bereits um schweres Geld verkauft. John zeigte mir gleich bei meiner Ankunft in Venedig eine» Bris des reichen Senators Kneurosphyllos aus Athen, der im Besize der beiden Bilder war, die um 24000 Drachmen, etwa 19 200 Mark, die Drachme zu 80 Pfennige gerechnet, in seine Hände übergegangen, und den Künstler einlud, allein oder in Begleitung eines Freundes nach Athen zu kommen, um das dritte Bild— von dem er durch die Zeitungen gehört— zu vollenden und gleichzeitig in seinem Auftrage ein par Gemälde anzufertigen; er sicherte John für jedes Jar seines Ausenthaltes dafelbst 15 000 Drachmen aus seiner Privatchatulle zu. „Gut also, dear Charles," meinte John in seiner ruhigen Weise,„du hast jezt noch 26 freie Tage, brauchst 7 Tage davon inklusive Erholung zur Rückreise und köntest demnach noch über 19 freie Tage verfügen. Komm, fare mit mir nach Athen; die Kosten übernehme ich, oder— sezte er lachend hinzu— vielmehr Herr Kneurosphyllos; ich mache nur die erste Auslage!" Nach Athen! Mir pochte das Herz. Ganz betäubt von dem Gedanken, den Hauptsiz der Kultur des Altertums zu sehen, dachte ich nad). Es ging ja recht gut; also eingeschlagen denn. „Topp!" sagte ich, wärend wir im Straßengeivül dahindrängtcu, „topp, ich nehme an!" „Well!" meinte John,„der heutige Tag bleibe alw der Lagunenstadt gewidmet; morgen früh sarcu wir direkt ab nach Briudisi, um dort den Postdampfer zu besteigen, der uns bis zum Piraeus, dem Hafen Athens, bringen wird!" Ich will schweigen von der Herlichkeit Italiens, das lch jezt an seiner Ostkiiste mit dem Dampfroß durcheilte; unser Weg fnrte, die hohe Wand der Apenninen stets zur Rechten, über Bologna, Ancona. Pescara. Foggi. Bari; übrigens lebten wir i» uipere». Salonwagen ganz wie in einem farenden Hütet. Brindift erreichten wir in 48 Stunden, uni sogleich den Dampfer Girgenti zu be- steigen, der uns weiter füren sollte. Schon am iiächftcn Morgen packte mich die Seekrankheit auf eine so fürchterliche Weise dag sch mir mehr als einmal den Tod wünschte; John aber blieb als wegewohntcr Britte von der scheußlichen Krankheit verschont niid übernahm getreulich meine Pflege. So lag ick; bis zum aiideru �oge, um welche Zeit ich gesund angesichts der Inseln Aegiua und Salamis morgens gegen 8 Uhr erwachte. .Ich sprang also auf, machte schnell Toilette und ging dann auf's Teck, wo mir ein überraschender Anblick zu teil ward. Unser gutes Schiff durchschnitt die blaugrünen glatten Fluten eines ruhigen Meeres; links breitete» sich zwei Felseneilande mit hohen bergen aus, südlich Acgina(Engina), nördlich salamis(Kolurl.) ') Wie besindeii Sic Sich nun, bester Karl? Gespenster. > Athen. Von Kart Kassa«. Oestlick) dagegen streckte sich das große Maulbeerbauiublatt der Halbinsel Morea aus mit zahllosen Buchten und Busen. Be- kantlich komt der Name Morea von moros— Maulbeerbaum— her. Genauer fesselte mich der Anblick des Piraeus, eines der drei Häfen des alten Athen, jezt eine Stadt von sechstausend Eiuwohnern, meistens albanesischer Abkunft, mit erträglichem Ver- kehr, früher fast eine Vorstadt der blühendeu Kapitale Attila s. John stand schon, den Guide of Greece in der Hand, neben mir. „Siehst du, Charles," meinte er,„dort rechts die Felsenspize? Sie muß der Borsprung des Aegaleos sein, auf dem in der Schlacht bei'Salamis der Tron des Terxes stand, damit der Tyrann in Ruhe der Vernichtung des griechischen Elements zu- schauen könne. Dort im Süden hielt die aegyptische Flotte, den zweite» Ausgang der salamischeu Bucht sperrend, hier standen die persischen Schiffe im Halbkreis aufgestellt. Dort am Lande rechts lagerten persische Fußsoldaten und Söldlinge. Im Norden, vor uns, hielten die Griechensd)iffe, von Temistokles angefürt. Und iiuu begann ein Kampf der Gewantheit mit der physischen Kraft; die großen plumpen persischen Schiffe ivurden von den beweg- licheren kleineren griechischen Farzeugen in den Grund gebort, so daß Abends die Flotte vernichtet, der stolze Xerxes selbst, Dank der List des Temistokles, auf der Flucht nach— seinen Weibern war!" „Ja, lieber Jobn; aber, nicht war?— man muß hier stehen, um die Geschichte förmlich zu sehen, zu erkennen, daß alles so kommen mußte!" „You are riglit, my dear Charles!" Indessen hatte sich die Girgenti dem Hafen schnell genähert; wir sahen den Quai und au ihm entlang Menschenmassen, ivie die Flaggen aller Nationen; gegen huiidertachzig größere Schiffe zälte ich, doch kann der Hafen deren vierhundert fassen. Da- gegen fanden im Phaleron und in Munychia, den übrigen beiden Häsen Athens, jezt, weil versandet, ganz one Bedeutung, nur je fünfzig Schiffe Plaz. Der Verkehr beruht heute allein auf dem Piraeus, von Ivo eine Eisenbahn, zehn Kilometer lang, nach Athen fürt, die cinziae Eisenbahnlinie im ganzen Grieckienland. Für 60 Lcpta, 100 Lepta auf die Drachme gerechnet, für 48 Pfennige also, suren wir in einer Viertelstunde in einem bequemen Waggon zweiter Klasse den Kaphissos, den Fluß Athens, passirend und den Aegalaos links liegen lassend auf dem Bahnhof in Nen-Athen ein. Er liegt westlich des Plazes dicht an den Boulevards, welche die ganze Stadt umgebe». Von ihm sieht man die zwanzig Minuten lange Hermesstraße hinab, welche die Stadt vom Westen nach Osten durchschneidet, so daß sie gerade auk das königliche Schloß zu mündet, welches der Straße die Vorderfronte zuwendet, hinten aber von einem Orangcnhain, der reiche Düfte ausströmt, und dahinter von den Boulevards umgeben ist. Unser Weg fürte übrigens durch schleckft angebaute Gegenden, wie denn die Agri- lultur hier sehr im argen liegt. Der Bauer ist in der Entwick- lung stehen geblieben und ackert gerade noch so, wie zur Zeit Homers. Daß wir uns übrigens nicht mehr in jenen Zeiten be- finden, beweisen die schmucken Soldaten des Königs in der Wache am Tor, an derselben Stelle etwa, wo früher die Porta Piraica gestanden und vor zweitausend Jare» septische Bogenschüzen die Wache hielten. Doch ich habe ganz vergessen, unser» Empfang im Piraeus zu besäireiben; holen ivir also nach: Uns ivar selbstverständlick) eine Depesche an Herrn Senator Kneurosphyllos vorausgeeilt, die deinselbeu unsere Ankunft bc- kant gab. So wurden wir deun vom genanten Herrn im Piraeus erwartet. Kaum hatten wir unser Schiff verlassen, so fragte eine fett klingende Stimme überlaut nach Mr. John Smith and com- panion.*) „llere!" rief John mit seiner Stentorstimme, um die ich als Schulmann ihn schon oft beneidet. Sofort ivälzte sich ein großer starker Mann von einem außerordentlichen Emboiipoiiit, aber mit einem sehr intelligenten Gesichte, auf uns zu: „Welcome, gentlemen! You are— zu John gewendet— certainly Mr. Smith, 1 see it on the phisiognomie; and this ») Nach Herrn Jo�n Smith und Begleiter. gentleman here?— Will you be khid enough to call me bis uame?"*)— „Mr. Charles Cassau, my frieud,;iiithor of many stories and essays!"**) „Thank! For again welcome in Greece, Sir; t'is an honneur for me to shake Lands with you!"***) Wir dankten und schon hatte Herr Kneurosphillos die Billets für den Zug bereit. Unser Gepäck war untergebracht und bald tauchte Athen vor uns im hellen Sonnenschein auf. Weithin glänzten die weißen Riesenmarmorsäulen der Akropolis uns ent- gegen, Blütendnfte erfüllten die Luft und ein lauwarmer Wind wehte vom Westen und vom Meere her zu uns herüber. *J Willkommen, meine Herren! Sie sind gewiß�Herr Smith, ich sehe es am Gesichte; nnd dieser Herr hier? Wollen Sie so gut g sein, mir zu nennen seinen Namen. **) Herr Karl Kassau, mein Freund, Verfasser vieler Geschichten und Anfsaze. ***) Tanke, noch einmal willkommen in Griechenland, mein Herr, es ist eine Ehre für mich, Ihnen die Hand zu drücken I Ein heitcrcs Kapitel üler Tiersprachc. Von Tcodor Drobisch. Man lernt nicht aus, immer etwas neues. Da fällt mir ein Buch in die Hände von Pierre Dupont de Nemours, ein Werk, wo der Verfasser sich über die Ameisen hergemacht, und aus dem ich bei eifrigem Turchblättern erfur, daß Herr Dupont sich mit der Sprache der Tiere vertraut gemacht hatte. Er muß inbetrest dieser Wissenschast ganz außerordentliche Studie» gemacht haben, denn er behauptet so viel zu wissen, daß ihm els Worte aus der Taubensprache, elf aus der Hühner- und dreiunddrcißig aus der Hundesprache bekant wären. Mit wie wiel Hunden muß sich der Mann Zeit seines Lebens ab- gegeben haben, um 33 Worte aufzuschnappen, welche Aufmerksamkeit muß es gekostet haben, ehe er herausbekam, was so ein Bullenbeißer mit diesen Worten sagen wollte. Aber nicht dies allein, er hat sich auch auf die Sprache der Kazen gelegt und seine Studien sind durchaus nicht für die Kaze gewesen. „Hinz, des Murners Schwiegervater", und Genossen haben den Besiz von vierzehn Worten auf Sprachforschers Konto übergetragen, wäreud es ihm gelungen, sich zweiundzwanzig Worte aus der Rinder- spräche zu versichern. Ganz besonders muß der Mann mit den Raben des Feldes ver- kehrt haben, denn»ach seiner Versicherung will er die Sprache dieser Galgenvögel durchgängig und ganz verstehen. Es ist zu bedauern, daß der Staat diesem Manne nicht sein Gc- heimnis abgekauft hat, um es für Alt und Jung im Lande zu ver- werten. Ter Nuzen und das Vergnügen wäre gar nicht zu berechnen. Man hätte einen neuen Lehrstuhl für einen Professor der Tiersprache errichien und zur Erlernung derselben eine Grammaiik und ein Wörter- buch herausgeben können. Beide Bücher mit Illustrationen versehen, z. B. die Hundeschnauze in aus- und absteigender Linie; das Kuhmaul,„wie man den Schnabel halten muß" u. f. w. Tiefere Forscher würden es nicht blas bei Tauben, Raben, Hühnern, Hunden und Vertretern des Rindviehes bewenden lassen. Sie würden sich mit Pierdcn in Verbindung sezen, deren Sprache jedenfalls einen großen Wvrtreichtum in sich faßt, was schon die Redensart besagt: er raisonnirt wie ein Kutschpferd. Daß Bileams Esel gesprochen hat, wissen wir alle aus der Schrift, mehr gesprochen als das gewönliche Da!— Nach Verlaus von zweitausend Jaren sind auch den Eseln die Zungen gelost worden, was so mancher Tafelredner mit seinem„Unvorbereitet wie ich bin!" bewiesen hat. Mit 33 Worten, die man verstet, könte man sich von irgend einem Hunde schon eine ganz hübsche Geschichte erzälen lassen; vielleicht kurze Darstellung ihrer Leiden durch Maulkorb und Fürung an der Leine.— Ein Schoßhündchen könte uns Geheimnisse ans dem Boudoir seiner Herrin enthüllen, wärcnd die vierzehn Worte eines Katers hinreichen würden, uns seinen Kazenjammcr zu schildern. Wie interessant, wenn uns im Zwielicht der Abendstunde so ein Miezchen besuchte; als Einleitung das bekante„Miau" anstimte und als Gegenstück zu den Memoiren einer Doppelnase ihre Erlebnisse mit teilte, welche den Titel:„Abenteuer auf dem Dache" füren tönten. Jedenfalls würde sie in der Erzälung in Ermaiigelnng weiterer Worte bei etlichen Szenen wie die Kaze um den heißen Brei herum- gehen. Vielleicht auch, wenn das Erzälungstalent nicht ausreicht, ein- Kaum hatte Herr Kneurosphillos vernommen, daß ich ein Gerniaiie sei, als er auch schon im geläufigen Deutsch begann: „Ich achte die deutsche Nation sehr hoch, ich habe in Tübingen und Leipzig studirt." Dann machte er auf einzelne Schönheiten der Umgebung auf- merksam. „Zehen Sie"— nach Norden zeigend—„lencr Säulenbau ist das besterhaltene Stück Altertum Athens, der Teseustempel; er ruht auf zwciuiiddreißig schlanken Säulen! Ach, Athens Herrlich- keit ist dahin!" Wir hatten inzwischen die Stadt erreicht. In die Empfangs- halle des Bahnhofes tretend, sah man die schöne Hermesstraße hinunter, welche uns bald eine Droschke entlang brachte, aus welcher sich rechts und links dem Beschauer die schönsten Läden darboten, während iin Hintergrunde das Schloß emporragte. In dieser Straße liegen ebenfalls die besten und teuersten Hotels, auch des Senators Wohnung befand sich hier, nahe beim Zchlosie. Natürlich mußten wir one Widerrede seine Gäste sein und konten nicht in's Hotel kommen. (Forts, solgt.1 zelne Szenen von anderen entlehnen, was man ihr— die Kaze läßt das Mausen nicht— gern verzeihen würde. Von den Hühnern hat der Sprachsoricher nur els Worte ergattert, aber schon durch els Worte köntcn wir von einem Haushahn so manches crsaren, was ans dem Hose vorget, zumal er schon srüh um 3 llhr aus den Beinen ist, überall sein Auge hat und sich um ungelegte Eier bekümmert. Bessere Geschäfte hat der Tierstudiosus mit den Raben gemacht, deren Sprache er ganz verstet. Jedenfalls ist er bei Erforschung derselben nicht mit den Hühnern zu Bette gegangen, sondern hat studirt bis Hinein in die Nacht, die rabenschwarze Nacht. Unter den Sprachforschern in diesem Sprengel erscheint Herr Dupont wirklich als ein weißer Rabe, denn wenn er über einen Anger get und so ein Galgenvogel seiner ansichtig wird, kann dieser sagen: f seht, das ist der einzige der mich verstet. Ja, das ist der große Mann, der unsere Sprache inne hat, welche im Grnnde genommen freilich nur eine Spizbubcnsprache ist, was durch die„diebische Elster" bezeugt wird." ES ist zu bedauern, daß dieser Gelehrte, welcher in der Tat mehr verstet als andere ehrliche Leute, diesen Forscherfleiß nicht auch der Rindersprache zugewendet hat. Die Rabensprache hat er ganz im Sack, als wen» er ein geborener Schrcivogel wäre, und hier aus dem gün- stigcn Terrain, wo mancher Ochse mehr redet, als er verantwoilen kann, hat er nur 22 Worte eingeheimst. Aber auch dajür würde ihm die Welt dankbar sein, wenn er nicht mit der Enthüllung hinterm Berge gehalten hätte. „Mit Worten läßt sich tresslich streiten,— mit Motten ein System bereiten" und einem Hornvieh gegenüber müßte sich mit 22 Worie» unendlich viel sagen lassen. Welch' trefsliche Kouversation, wenn man an einem schönen Sommer- tag ans dem grünen Tcppich der Wiesen so einem Wiederkäuer begeg nete. Man redete ihn vielleicht mit den Worten an: Hören Sie, Sie kommen mir recht bekant vor, wir müssen uns irgendwo schon einmal gesehen haben. Anstatt des bisher üblichen„Muh" öffnet der Ochse seine Lippen und sagt:„Leicht möglich! Mir gets ebenso; nur weiß ich nicht gleich, wo ich Sie hintun soll!" An Stoff zur Unterhaltung würde es durchaus nicht seien, man dürste nur ein hübsches Kapitel wälen, z. B:„Tu sollst dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden." Man könle aus den Krönungsochsen zurückkommen, welchem man bei der Krönung eines deutschen Kaisers zu Franksurt a. M. die Hörner vergoldete, und dann mit Kränzen geziert, durch die Straßen sürte. Drohte die Unterhaltung auszugehen, so dürste man nur an die Striemen anknüpfen, welche Tido aus einer Ochsenhaut schnitt und damit Karthago gründete. Machte man aus diesem Spazirgang die Bemerkung, daß man eine» gelehrten Ochsen vor sich hätte, so tönte man sich auch in die Mytologie, in die Göttergescyichte Griechenlands versteigen. Hierbei könte man sich in bittern Worte» über den gewissen Cacus ergehen, welcher listiger Wesse mehrere Ochsen rückwärts bei den schwänzen in seine Höle zog. Gleichen Stoff würden in der germa- nischen Myiologie die Kühe der Hertha dielen. Jedensalls wäre das Verständnis der Ticrsprache in vielen Fällen von großem Nuzen gewesen. Welche freudige Erinnerung würbe der aghpt'sche Ochs(Apis) erwecken, welcher schon durch seine Geburt das Jauchzen der ganzen Nation wach rief. In Memphis bewonte er den lchonlten Ochsenstall in der Welt, und Hunden Priester waren zu seiner Bedienung bereit. Dieser Ochs war heilig und seine Winke, d. h. Bc 95 weguiigen, waren Orakelsprüche. Sein Gcbnrtsfest war ein Landesfest, das sieben Tage danerte, Wenn dereinst Clandins Pulchcr zu Rom die Sprache der hei- ligen Hühner verstanden hätte, als er den Karthagern ein Scetreffen liefern wollte, hätte er jedenfalls nicht die Schlacht und außerdem seine Schwester verloren, welche, ob des unglücklichen Ausganges, von dem römischen Pöbel gesteinigt wurde. Ter Römer M. Valerius besiegte mit Hülfe eines Raben einen gigantischen Celten, weshalb er den Beinamen Corvinus empfing. Jedenfalls nur»ach guten Ratschlägen von diesem schwarzen Gesellen, dessen Sprache ihm verständlich war. Welch' gute Warnungen und Winke haben manche Helden des germanischen Altertums von Adlern und anderen geflügelten Seglern erhalten, ebensogut wußten andere die Worte der Schlangen und Drachen zu deuten— und welch' holdselige Geheimnisse vermochten im Mittelalter sarende Scholaren den Vögeln des Waldes, deren Sprache sie verstanden, abzulanjcheu! � Bestrafter Ucbcrmut.(Jllustr. S. 88.1 Azorl, das verhätschelte Schoßhündchen der die Jare des Lebenslenzes längst hinter sich habenden Jungjcr Susanna, genießt die Freiheit, allerhand sonst seinesgleichen nicht erlaubte Späße anszusüren. Er darf sich ins Bett seiner Herrin legen, den Zucker vom Tisch fielen, selbst hier und da einen Besucher in die Wade kneifen und ich möchte es dann den davon betroffenen nicht raten, ihm dafür die gebärende Lektion zu erteilen; sicher zöge er sich die dauernde Feindschaft der ebenso alten wie sonderbaren Sn- sanna zu. Daß der Bursche diese seine Privilegien kent und auch weidlich ausnüzt, ist sicher, aber heute ist diesem seinem Uebermule die Strafe auf dem Fuße gesolgt. Veit, ein entfernter Berwanter der Herrin, speknlirt längst auf die fette Erbschaft, welche die leztere einst hinterlassen wird, und sucht sich die Gunst Susannens durch allerhand Leck rbissen, welche er ihr schenkt, dauernd zu erwerben. Heute hat er ihr nun eine hübsche Portion Oderkrebse im Kober mitgebracht. Azorl, allein im Zimmer, schnupperte natürlich daran herum und, neugierig gemacht durch das geheimnisvolle Krabbeln im Innern desselben, hat er endlich den Deckel mit den Pfoten und Zähnen anfgerissen und her- ausspazircn hocherfreut aus ihrer Gefangenschaft diese Sorte„Rück- wärtsler". Azorl stuzt anfangs ob dieser seltsamen Gescllscha't, schnuppert tveitcr und patscht endlich einen mit der Pfo e an. Aber o weh! eines der sonst so langsamen Individuen hat sich mit einer Schnelligkeit ver- mittels seiner Scheeren an den Vorderpfoten festzebiffen, die den ver- wöhnten Liebling des Hauses ganz außer Fassung bringt. Znersi wendet er sein erprobtes Mittel an, mit Hilfe dessen er sich sonst in den Besiz jeder Näscherei sezt, d. h.„er macht schön", aber diesmal hilft auch dies nicht und so bricht er denn wie alle verwöhnten und verweich- lichten Kerle, die selbst in der nichtssagenden Gcfar den Kops verlieren and flennen, in ein klägliches Geheul aus.— Die Szene, von Franz Ulrich gemalt, ist wunderbar schön und lebenswar dargestellt. Mau hört den sonst so übermütigen Liebling der Sujanna schreien und dieser Umstand spricht günstiger über das Werk des Künstlers als es viele Worte uusererjeils vermöchten. nrt. Die Jsonzobrücke bei Santa Lucia. Unsere prächtige Jlln- stration ans Seite 89 veranschaulicht uns eine jener herlich romantischen Gebirgspartien, auf denen unser Auge immer und immer wieder mit ........, i____ v v-_ v*... o___- v... n.: i. Säm Vergnügen ruht, und Vie die im Läuse der Zeiten von den zerstörenden Wogen des wild dahinranschenden Wassers durchbrochene Schlucht in mächtigem Bogen überspannende Brücke, ein Werk, das wie das erst kürzlich von uns beschriebene, aus den Händen der alten Römer her- vorgegangen ist. Und darunter weg rauscht immer noch der tiefblaue Jsonzo, dieser wilde Sohn der Alpen, der Adria zu und zwar mit demselben Uebermut und derselben Wildheit wie vor Hunderten von Jaren, wo die römische Wellmacht an seinen Usern sich durch politische »nd wirtschastlichc Mittel für ewige Zeiten zu befestigen suchte. Ver.m- laßt durch den römischen Senat hatte sich um 18» v. Chr. eine Legion ausgemacht, um sich in der Ebene des Jsonzo niederzulassen und man Mrieiltc 180 000 Joch Acker unter sie. Tie Stadt, welche dort entstand. Ehielt den Namen Aquileja und diese blute derart aus, daß sie unter Trojans Regiment 800000 Einwohner gezält haben soll. Ihr Glanz war aber nicht allein in ihren Prachtbauten»nd ihrem Reichtum bc- gründet, sie zeichnete sich durch ihren Handel sowol als auch dadurch aus, daß sie das römische Reich vor den Angriffen der Germanen zu miuzen hatte, weshalb es auch zu einer der größten Festungen des Reiche hergerichtet war und als solche auch für den Schlüssel Jtallenv an der Nordostseite galt. Gewiß war sie die Hauptstadt der nordost- uchen römischen Provinzen und wurde als Rivalin Roms togar liorna secunda genant. Mit ihr stand die große Hauptstraße des alten Italiens nach dem Orient, die Via Aemilia in Verbindung und in >hr als wichtigen Plaz des Welthandels mündeten Straßen nach tsthälicn, Noricum, Pannonien, Jstrun und Talmaticn. Unsere Brucks vermittelte den Verkehr niit den Schächten an der Jbna, ein Fluß, der ea. 300 Schritte unterhalb derselben in den Jwnzo mündet. Zn a stst" Verlchrsstraßen zu Lande konit nun noch der Verkehr auf dem adriaiischen Meere, und der Umstand, daß einzelne römische Ca, arei. Iwr ihre Sommerresidenz ausschlugen und andere gänzlich hier ie,i dirtcn. Außer den großen Festungs- und Hascubauten ciitstanden Paläste, Teater, Tempel, Bäder, Arenen, Rennbahnen, Triuinphbögcn, Statuen und Monumente, dazu das bunte Treiben der Menschen; der römischcn Großen und auf den Warenpläzen: das alles muß sür einen Reichtum und einen Glanz gezeugt und eine Gesundheit zur Schau getragen haben, daß wol schwerlich jemand damals dieser Stadt eine so kurze Blüte- zeit prophezeit haben würde. Aber all die blendende Pracht war doch nur äußerlicher Natur, der Kern dieses Lebens war ungesund und so manchen Ansturm der Feinde Roms sie auch bestanden und abgewiesen hat, end- lich erlag sie doch. Schon 400 n. Chr. überzog sie Alarich, der Goten- könig mit Krieg und 452 siel sie der Zerstörungswut der Scharen Attilas zum Opfer. 40000 Menschen wurden erschlagen, die Stadt der Erde gleich gemacht»nd diejenigen, welche ihr Leben retten kanten, flohen nach dem nahen Grado und von dort nach den Lagunen, wo sie Venedig begründeten, das später nicht minder glänzen sollte. Kurz darauf erhob sich wieder an Stelle der Kapitale ein neuer Ort, der aber durch die Kämpfe der Goten und Longobarden viel litt und später auch nie wieder aufblüte. Heute steht auf den Ruinen der alten Römer- stadt ein kleiner Ort, der nach der einen Angabe 1400, nach der an- deren aber gar nur 600 Einwohner, Fischer und Schiffer, haben soll. Venedigs Bedeutung ist unterdessen auch bedeutend niedergeg rngen— Trieft hat die Erbschaft beider in handelspolitischer Beziehung ange- treten- und von dem alten Glänze Aquilejas ragen aus den Sümpfen, die dort überhand genommen haben, nur einige wenige Reste der alten Monumentalbauten hervor; selbst die Wogen des adriatischen Meeres, die einst die Mauern der berühmten Stadt bespülten, sind zurückge- wichen. Einer dieser erhaltenen Reste ist aber die Brücke, welche hoch droben über dem Jsonzo der Zerstörung der Elemente getrozt hat, gleichsam als wollte sie den späteren Geschlechtern verkünden, wie nur das auf Dauerhaftigkeit Anspruch erheben kann, was den friedlichen Werken der Menschheit nüzt. Die Fcstungsmauern Aquilejas wie die Kriegsmacht des alten Rom sind zerschellt und längst der Vermoderung anHeim gefallen, die Straßen, welche die Römcrherschaft zur Verbindung zwischen den verschiedensten Ländern und Völkern errichtete, haben sich erhalten und die Kultur der Menschheit befördert bis auf diesen Tag. So lange sich auch die Barbarei und sei sie selbst in Gold gekleidet, hält, schließlich sind doch die Kulturwerke selbst im schlichten Gewände, die überlebenden. urt. Eigentümliches Basaltgcliildc.(Illustration Seite 92.) Das durch unser Bild vorgefürte, originell geformte Gesteingebilde befindet sich in den vulkanischen Regionen der Haute Loire und Ardöche, ist ungefär.0 Meter hoch und mag durch seine Formation von gedrehten Säulen unseren Lesern ein Bild geben, wie mannichfaltig auch auf dieses Gestein die formbildncrische Kraft der Natur eingewirkt hat. So zeigt schon der Säulcnbasalt die verschiedensten Gestaltungen als 3-, 4-,£>>, 6-, 7-, 8- und 11 seitige Säulen, die in anderen Fällen wieder konvexe, konkave, gewundene und gekrümte Seiten haben. Daun unterscheidet'man noch den Pyramiden-, Tafel- und Kugelbasalt. In Europa komt dieses Gestein hauptsächlich vor in der Lausitz, Nord- ' böhmeil, zwischen Thüringerwald und rheinischem Schiefergcbirge, im schwäbischen Jura, Ungarn, Oberitalieu, Katalonien, Auvergne, Irland, Schottland, Faröer, Island. Der Basalt ist aber über die ganze Erde verbreitet und viele der isolirten Inseln und Inselgruppen sind aus ihm gebildet; so auch St. Helena. Betreffs seiner Entstehung ist man nach längerem Streit darin übereingekommen, daß er zur Tertiärzeit im feurig-flüssigem Zustande aus dem Innern der Erde hervorgequollen, also ein vulkanisches Gebilde sei. Und auch heute noch ergieße» sich solche Basaltströme aus den Vulkanen. Abgesehen von lczterem Um- stände, spricht aber auch für diese Annahme die Tatsache, daß er Gänge zwischen anderem Gestein anssüllt, sich zwischen die Lagcrmassen an- derer Gesteinschichten eingedrängt hat, und daß wir häufig seinen ursprünglich feucrflüssigcn Zustand in den Veränderungen, die andere, neben ihm lagernde Stcinmasscn, durch ihn erfaren haben, wie z. B. die Umwandlung des Kalks in Marmor, der Äraunkole in Glauzkolc und die Farbenveränderungcn anderer Steine warnehmen. Außerdem findet man in ihm auch keine Versteinerungen. Daß er wegen dieser seiner Natur neben vielen anderen Gesteinen vorkomt, ist klar. Der von»ns im Bilde gezeigte, ist von Granit umgeben, welcher aber bereits durch die allmäligc Verwitterung zerstört wurde. Wegen seiner furchtbaren Härte läßt er sich schwer bearbeiten und wird deshalb auch wenig oder gar- nicht als Baumaterial bei Hochbauten verwant. Dagegen gibt er ein ausgezeichnetes Material zum Straßcnpflaster»nd zu Chansseeans- schüllungen. Dann verwendet man ihn viel zu Mühlstei.e», Mörsern, Reibeschalen und Plitteu, Pochsolen, Zapfenlagern und zu Ambossen sür Buchbinder, Goldschmiede und Goldschläger, außerdem dient er als Flußmittel beim Eisenausschmelze» und zur Glassub ikation. Da der Basalt viel Waffer aus der Atmosphäre einsaugt, so verfällt er troz seiner Härte und Festigkeit doch der Verwitterung anheim und gibt in diesem Zustande ein vortreffliches Düngemittel c.b. Der von dem zerklüftetem Gestein gedüngte Boden erscheint als eine schwarze, sette Erdmassc, aus der die Pflanze» üppig hervorschießen. Am Rhein wird er deshalb auch in gemahlener Form als Mineraldünger verwant. 96 Fu? allen QSinflcfn der Zeittitercttur. Gemütliche Militärverhältnisse müssen in La Guayra(West- indien) herrschein So crzält in seinem Buche„Um die Erde. Reise- bericht eines Naturforschers" Dr. O. Kuntze, daß die Soldaten sich dort besonders durch ihre liederliche Bekleidung auszeichneten. Die meisten gehen barsuß und sind mit schmuzigeni Leinenzeug bekleidet. Die Offiziere, namentlich die Generale oder Obersten, welche ebenso lumpig gekleidet wären, zeichneten sich durch eine goldbetreßte Mllze aus. In Colon habe er unter zehn Soldaten sechs verschiedene Trachten gezält. In Venezuela würden die 4000 Mann Gemeine sogar von 0000 Generälen kommondirt. So stellte dem Erzäler ein Apotcker in seinem Diener einen General vor. Unter anderem pajsirte jemandem init solch einem hohen militärischen Würdenträger folgende heitere Szene. Aus einer Reise über Land mußte der Betreffende in eiuci» Dorfe übernachten und wollte zu diesem Zweck ein leerstehendes Haus benüzcn. Kaum ist er da, so komt ein General, der hier dasselbe tun will und den ersteren sehr Höstich um Erlaubnis bittet. Dieser schlägt vor, daß sie sich zunächst gemeinschaftlich einen Grog bereiten wollten und srägt, ob er l icht den schwarzen Diener seines Gastes nach Runi aussenden dürste. Da ihm dies bereitwilligst gestattet wird, sagt er zu dem Neger:„Hier, Juan, sind zwei Realen, geh, hole Rum!" Da dieser sich aber hierauf nicht rttrt, versucht er sein Heil mit der Grobheit und schreit ihn an:„Du verfluchter Nigger, willst du gleich Rum holen!" Doch der so Angebrüllte legt die Arme stolz ineinander und schaut ihn scharf an.„Entschuldigen, Herr Oberst, würden Sie vielleicht die Freundlichkeit habe», uns etwas Rum gütigst zu besorgen?" spricht hierauf der General zu seinem Begleiter, und diese Anrede hatte eine solche Wirkung, daß sich das schwarze Ebenbild des Schöpsers, das barfuß und halbnackt, aber mit einem Degen versehen, einherlief, davon machte, um den gewünschten Rum zu hole». Daß bei dieser Art Sol- daten von Disziplin keine Rede ist, glauben wir gern. Stehen sie Wacht, so legen oder sczcn sie sich meist in den Schatten. Ein großes Vergnügen finden die Wachen daran, den Passanten auf den Trottoirs die Gewere quer in den Weg zu stellen, so daß leztere vom Trottoir herunter müssen.— Man braucht gar kein fanatischer Verehrer des Militarismus zu sein, um an dieser Art Vaterlaudsvertcidigern keinen Ge- schmack zu finden. Ja, es klingen diese Nachrichten fast unglaublich, und man wäre am Ende auch geneigt, sie in das Reich der Fabel zu verweisen, wenn nicht der Herr Erzäler durch seine sovstigen, den Karakter gewissenhafter Forschung tragenden Mitteiliiugeu dafür bürgte, daß er streng warheitsgemäß berichtet. tf. Brombeerblätter— ein genügender Ersaz für chinesischen Tee. Unsere Leser glauben vielleicht, wir wollten uns einen Scherz mit ihnen machen, indem wir obige Behauptung ausstellen. Das ist jedoch nicht der Fall und so leid es uns auch tut, gegen die„Mode" des Trinkens von chinesischem Tee, die Europa alljärlich ca. eine halbe Milliarde Mark kostet, hier einen Einwand zu machen, so wollen wir hier doch zu Nuz und Frommen unserer Leser das Urteil eines Mannes anhören, der in dieser Frage Kenner sein dürfte: der an anderer Stelle schon erwänte Dr. O. Kuntze in Leipzig. Dieser behauptet, das Bc- dürsnis des Teetrinkens im Orient sei dadurch entstanden und gefordert worden, daß schon das mit mikroskopischen und organischen Neben bestandteilen geschwängerte dortige Wasser ein Abkochen verlange, um ihm seinen gesundheitsgesärdenden Karakter zu benehmen. Der Ost- asiate trinkt daher auch seine» Tee one Zucker oder sonstigen Zusaz. Im allgemeinen ist sein Tee aber von besserer Qualität als derjenige, welcher nach Europa komt. Ursprünglich gaben die schlauen Chinesen den Europäern nur die schlechtesten Sorten und heute, da leztere daran gewöhnt sind, wird er eigens für diese präparirt. Weil der Tee für den Europäer ursprünglich nur Luxusartikel war, versezte er ihn auch mit Zucker, Rum, Cognac, Vanille zc. Da das Bedürfnis nun einmal vorhanden ist, so behauptet Dr. Kuntze, man könne den teuren Artikel durch eine einheimische Pflanze ersezen, welche dem Tee gleich- wertig sei und deren Verwendung Europa järlich eine halbe Milliarde zu erhalten ermöglichte. Solchen Ersaz für den Tee lieferten Erdbeer und Brombeerblälter, sei doch so schon die Rede davon, daß Tee mit Erdbeerblättern vermischt, in den Handel käme. Brombecrblätter seien aber im Geschmack dem Tee am meisten entsprechend, wie der genante Reisende, der in Ostasien viel guten Tee getrunken und viel frische Tee- blätter gekaut, seil langem beobachtet haben will. So machte sich derselbe im Winter 1805—60 bereits den Spaß, einer Anzal Gelehrten Brombeerblätterabsud und reinen Tee vorzusezen, wobei diese nicht nur keinen Unterschied herausgefunden, sondern sogar dem Surrogat den Borzug gegeben hätten.— Es dürste sich jedenfalls empfelen, dieses Rezept zu probirc». Die Verehrer der Tee-„Mode" werde» sich aber wol auch für den Fall, daß Herr Dr. Kuntze recht behielte, vorläufig nicht mit den Brombeerblättern begnügen, denn 1. sind sie doch ein zu gewöhnliches Kraut, das 2. nicht aus dem Auslände komt und 3. viel zu billig ist, um„gut" sein zu können. ll. QSegweifcr für Lernende. Im Anschluß an die nach Lotzen an den Färber Herrn B. gerichtete Notiz in der Redaktionskorrespondenz in Nr. 2 ds. Js. eröffnen wir hiermit vorstehende Rubrik, der trefflichen Anregung des ebenerwänten Freundes unseres Blattes folgend. Mögen recht viele von unseren literaturkundigen Freunden dem Beispiele unseres vielbewärten Mit arbeiters Herrn Dr. A. M. nachfolgen. Naturwissenschaftliche Elementarbücher. Schon vor einer Reihe von Jaren traten mehrere hervorragende englische Gelehrte zusammen, um unter vorstehendem Titel eine Anzal kleiner Fachschriften heraus- zugeben. In rascher Folge erschienen die Werkchen von Lockyer über Astronomie, von Geikie über Geologie und über physikalische Geographie, von Roscoe über Chemie, von Stewart über Physik. Das Unternehmen fand in England großen Anklang und noch heute dringen die kleinen, überaus billigen Schriften in imnier größere Kreise des englischen Volkes. Die Art und Weise der Behandlung erregte denn auch die Aufmerksamkeit deutscher Gelehrter ersten Ranges und so entschlossen sich die Professoren Winnecke, Rose, Warburg, Schmidt, meist an der straßburger Universität wirkend, eine sachgemäße deutsche Bearbeitung dieser Elementarbücher herauszugeben. Für Botanik und Geologie lagen keine englischen Originalarbeiten vor, der Botaniker de Vary und der Zoologe O. Schmidt übernahmen daher die deutsche Originalbearbeitung der betreffenden Fächer, sich mehr oder weniger an die englischen Vorbilder ans den andern naturwissenschaftlichen Zweige» anlehnend. Im Jare 1878 erschien dann im trübnerschen Verlag zu Straßburg die aus sieben Werkchen bestehende Sammlung naturwissenschaftlicher Elementarbücher, ohne daß dieses Uuternehine» in Deutschland diejenige Beachtung gefunden hätte, welche es tatsächlich verdient. Jedes einzelne Werkchcn enthält ungefähr 120 Seiten klein Oktav und ist zum Preis von 80 Pfennig gebunden in jeder Buchhandlung zu haben.— Ihre Leser werden Ihnen Dank wissen, wenn Sie mit allem Nachdruck daraus hinweisen, daß selten wol ein zeit und sachgemäßeres Unternemen in's Leben trat. Es sind Elementar bücher nicht in dem Sinne, daß sie sich nur an das Fassungsver- mögen des jogenanten Elemcntarschülcrs wenden, sondern in dem viel allgemeineren und höheren Sinne, daß in ihnen tatsächlich die Ele- mente der betreffenden Fachwissenschaslen in angemessener und schlichter Form dargeboten werden. Dr. A. M. �cdalUionskorrcsxondcn). Berlin. Lernbegierige Hausfrau. ES soll allerdings VerwendungZart e» des Fleiichertratt« geben, bei denen die Brühe genau dcnjelbe» Geickmack anniint, wie ihn eine Bouillon aas friichcm Fleische ausweist. Ter deutiche Gelehrte, welcher dem Fleischextrakt j» seinem Weltrufe verholfe» hat, der grobe Chemiter von Liebig, hat sol- gendci Rezept zur Zubereitung einer solchen Mustcrsuppe aus Fleischextralt gegeben: Man nehme zwei Quart prcukusch, so ziemlich gleich 2' 3 Liter, Waiser, skj«>/z Biund grob zerschlagene Knochen(am besten von Wirbel oder Schenlellnochen, Hinz», ober statt der Knochen 2 Lot Ochsenmarl, sügc daraus von den Tuppengemnsen, gelbe oder weihe Rübe. Lauch. Sellerie, Zwiebel, Weihlolblätter zc., zu. was man für gut hält niid loche das Ganze bis zum Weichwerden der Gemüse, d. I. wenig über eine Imnde. daraus enticrnt man die Knochen und sezt 2U Gramm des überall läuslicheii amerilaiiijchcii Fleischextralt samt dem nötigen Salze bei und hat so eine sür sieben Persoiieu genügende gleischbrähe fertig. lkiscnach. F. Z. Taß die Dumme» nicht leicht zu Schanden werden, lehrt die Ersarung und bekräftigt manches Sprüchwort; Sie brauchen also nicht zu glauben, dah Sie nur immer Pech haben, wenn Sie mit einem Beschrankteren in irgeudioelche Kon- kurrcnz treten. Zum Tröste lesen Sic die Gellcrtsche Fabel„Der sterbende Bater": welche also lautet: Ein Bater hinterlieb zwcn Erbe»,— Christophen, der war klug, und Görgcn, der war dumm.— Sein Ende kam und kurz vor seinem Sterben— Sah er sich ganz betrübt nach seinem Christoph um.—„Sohn," sing er au,„mich quält ei» trauriger Gedanke:— Tu hast Berftand, wie wird dir'S künjlig geh'»?"— Hör' an, ich had' in meinem Schranke— Ein Kästchen mit Juwelen steh'»— Die sollen dein. N:mm sie, mein Sohn,— Und gib dem Bruder nichts davon."— Der Sohn erschraii und stuzte lange.—„Ach Barer l" Hub er an.„wenn ich so viel empfange,— wie kömt alsdann wem Bruder fort?"—„Er?" siel der Bater ihm in's Wort.—„Für Görgen ist mir gar nicht bange!— Der kömt gewi« durch seine Dummheit fort." Königsberg. F. U. G. Ihr Borschlag ist nicht anucmbar. Bricg. U. Hannover. G. L. Mittelwaldc. Frl. Anna I, Wir sind nicht herzlos genug, Ihre Novellen, Gedichte u. f. w. der herzlosen Lenentlichkeit zu überantworten. Anhält. Im Kamps wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Forts).— Judenhczen in Rußland. Von C. Lübeck.(Forts.)— Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Dr. Max Vogler.(Forts.)— Geschichtliche Gespenster. Streifcreien im alten und neuen Athen.— Ein heiteres Kapitel über Tiersprache. Von Teodor Drobijch.— Bestrafter Ueberinut.(Mit Jllustralion.)— Die Jsonzobrücke. (Mit Illustration.)— Eigentümliches Basaltgebilde.(Mit Illustration)— Aus allen Winkeln der Zeitliteralur: Gemütliche Militärverhältnisse in La Guayra. Brombeci blätter— ein genügender Ersaz sür chinesischen Thee.— Wegweiser sür Lernende.— Redakiionskorrespondcnz.— Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.