Im Kampf Roman von'i � Aber Franz Stein schlug nicht ein. Er trat vielmehr eine» Schritt zurück und sagte jezt mit ganz unverholen verächtlichem Tone: „Wenn Sie denn wollen, Herr Hagler, so sollen Sie es haben die Rolle, welche Sic und der Vorstand des kanfinännischcn Vereins mir zugedacht haben, erscheint mir meiner unwürdig und wenn Sic noch weiter davon reden, so betrachte ich das als eine absichtliche Beleidigung. Uebrigens ist nun auch meine Zeit abgelaufen, ich bin im Begriff zu verreisen--" Er neigte nur ein ganz klein wenig sein Haupt und machte eine Bewegung, welche den unerbetenen Besuch sehr unzweideutig zum Gehen aufforderte. Das war Herrn Gabriel Hahler denn doch zu stark. „So/ sagte er,.so, das ist ja recht schön— hi, hi. ich danke; ich danke im Namen des Vereins und in meinem eignen, »nd im Nomen Sr. Excellenz des Generals. So brauchen Sie Sich natürlich auch mit dem Frstarrangement hier in Seifersdorf "'cht zu inkommodircn, mein werter Herr Stein, das Fest aber wird doch glänzend ausfallen, auch hier in Seifersdorf, das kann wh Sie versichern, glänzend, hi, hi, na und so empfehle ich mich vchne» denn— ein für allemal, empfehle mich zu bestem An- Qkdenkeii, hi, hi---" Tamit verschwand endlich das vor Aergcr kirschbraun ge- wordene Gesicht des Schweizers hinter der Tür. . Franz Stein atmete auf als er nun allein war._ Das war ech schlimmer Sontagsvormittag gewesen. Ein Besuch fataler wie der andere. Sein Blick fiel auf den Schreibtisch. Tort hatte er vor kaum zwei Stunden gesessen und in beinahe tveihevoller Stiinmung ihrer gedacht, die sein Leben, wie er zuversichtlich hoffte, zu einem ivarhaft glücklichen, so recht inniglich befriedigenden machen ffollte. Verse hatte kr ihr getvidmet, Verse,— es war gut, daß diese Kinder eines harinlosen Moments sorglich verdeckt lagen, dachte er, daß also ow Augen dieses Menschen nicht darauf gefallen sind—— , Er hob das Löschblatt aus uud nahm das Blatt, auf dem er Witte» Gesüleu Ausdruck gegeben hatte, in die Hand. Ein bitteres, Kucheln umzog seine Lippen.„O gib den Frieden, Frieda mir zurück." Sie wird mehr zu tun haben an meiner Seite, die Gute, . wbe, dachte er. Ten Seelenfrieden, nach dem ich mich erst jezt "" Drange der Arbeit, in der Gefülsleere der Geschästswelt. in � ich mitten hinein getreten bin, sehnen gelernt habe, dieicn Seelenfrieden zu hüten und zu waren, wird sicherlich keine leichte wider alle. erdinand Stiller.(8. Fortsejimg.) Aufgabe sein. Die Anmaßung und Zudringlichkeit der Menschen im Verein mit der Jämmerlichkeit ihres Treibens und der Nied- rigkeit ihrer Gesinnung— wie vergällen sie einem die Freude am Leben, wie zerren sie jeden, niag er auch noch so ernst und ideal streben wollen, hinab in die kale, schmuzige Prosa ihrer eigenen Geistcsmiserc! Er legte alles— beschriebene und unbeschriebene Blätter— in eines der Fächer seines Schreibpultes und verschloß dasselbe. Tann läutete er dem Diener und gab den Auftrag, den Wagen vorfaren zu lassen. Gegen Abend war er in B. Frieda, die er tclcgraphisch von seinem Kommen benachrichtigt hatte, empfing ihn innig beglückt am Bahnhofe. Stundenlang durchstrichen sie dann Arm in Arm uud in süßem Geplauder die weitberühmten Promenaden der stattlichen Provinzialhauptstadt. Die Nacht war bereits herein- gebrochen, als sie von einander schieden. Franz Stein kehrte be- friedigt nnd beruhigt nach dem Orte seines geschäftlichen Wirkens zurück. Seine Braut hatte nach längerem bangen Sträuben nnd allerlei ernsten und scherzhaften Einwänden sich zu deni ersten Besuche in ihrem künftigen Daheim bereit erklärt. Am nächsten Sonnabend sollte er sie abholen und bis Montag wollte sie oeriveileu. * Die Woche, welche Frieda von dem Tage ihrer Abreise trente, sollte für sie ungeivönlich ereignisreich werden. Am Montag kündigte die Schulvorsteherin ihren Lehrern und Lehrerinnen den Besuch des Schulinspcktors— eines noch ziem- lich jungen, aber in hohem Ansehen stehenden Geistlichen— an, der sich über die Leistungen des großen Privatinstituts im Auf- trage der Regierung unterrichten wollte. Er beabsichtigte, wie die Schulvorsteherin erklärte, mehreren Unterrichtsstunden in den ver- schiedensten Lehrfächern beizuwohnen. Diese Kunde rief begreif- licherweise sowol bei dem niännlichen, als ganz besonders bei dem weiblichen Teile des Lehrpersonals, sowie auch bei der Vorstchcrin, große Aufregung hervor, zumal diese Inspektion seit langer Zeit die erste war, mit der die Regierung das Institut heimsuchte und welche den Zweck hatte, die Frage zu entscheiden, ob dasselbe in seiner Eigenschaft als Privatanstalt den Anfor- dcrungen des Unterrichtsministeriums entspräche und unbeeinträchtigt fortbestehen dürfe, oder in die Hände der Regierung über- zugehen habe. Erscheint wöchentlich.— Preis vierteljärlich 1 Mark 50 Pfennig.— In Heften ä 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter. 0 i S J Kaum war der gestrenge Herr Schulinspektor angemeldet, so war er auch da— noch zwei Tage früher, als man ihn erwartet hatte. Es war ein mittelgroßer Manu, der nicht gerade schmächtig und körperlich schwächlich war, aber es in seinem langen, feinen, bis an den Hals geschlossenen schwarzen Tuchrocke doch zu sein schien. Umsomehr fiel der Kopf ins Auge, der auf dem steifen Nacken saß und einem Riesen alle Ehren gemacht haben würde. Lang und breit, mit mächtiger Stirn, von langen dunkelbraunen Haren umwallt, trug er weithin sichtbar den Stempel des Auf- fälligen, Ungewöhnlichen. Und die einzelnen Teile und Züge des glatt rasirte» Gesichts, die große, gebogene Nase, die stets weit geöffneten dunkelgrünlich funkelnden Ängen, der große, wenn er schwieg, stets sestgeschlossene Mund und das kräftige Kinn waren durchaus nicht dazu angetan, solchen Eindruck abzuschwächen. Urplözlich— des morgens vor neun Uhr— war dieser Herr Schulinspektor der Jnstitutsvorstehcrin in ihr sogenantes Direktorialzimmer gehagelt. Stach sehr kurzer, wenn auch nicht minder höflicher Begrüßung bat er, ihn sofort in eines der Schul- zimmer geleiten zu ivollen. Die Vorsteherin— eine troz aller Gutmütigkeit ihren Unter- gebencn und Schülern gegenüber allezeit ungemein würdevolle, unter Uniständen sogar sehr ernste und strenge Dame— hatte ebensowol vor der hohen Staatsregicrung und ihren Organen als auch vor der Kirche mit ihren berufenen und bestellten Dienern jederzeit einen gewaltigen Respekt gcfiilt: was wunder, daß sie sich dem Manne gegenüber, der als höherer und sehr einfluß- reicher Staatsbeanftragter und Geistlicher zugleich vor sie hintrat, nm ein Urteil von entscheidender Bedeutung zu sprechen für ihre Wirksamkeit, auf die sie unendlich stolz mar, und die sie fortzu- sezen gewillt ivar bis an ihr Lebensende— was wunder, sage ich, daß sie sich diesem Manne gegenüber klein, schwach, wie eine Dienerin vor ihrem Herrn, erschien. Sie erlaubte sich deshalb nicht darauf hinzuweisen, wie sie wol sonst gewollt hätte, daß sie für den Zweck der Schulinspektion keineswegs nachteilig hielte, wenn man Lehrern und Schülern wenigstens eine Viertelstunde der Vorbereitung ans den ungewöhnlichen Besuch und die bevor- stehende Prüfung gestatte. Sie ging vielmehr mit vor Aufregung gerötetem Antliz sofort bis zur Tür und hätte sich vor lauter Verwirrung beinahe ge- weigert, dem Schulinspektor voranznschreiten, der ihr jedoch den Vortritt mit einer kurzen höflichen Verbeugung überließ. Auf die Frage, welchem Unterrichtsfache er zunächst seine Aufmerksam- keit widmen wollte, antwortete er, das sei ihm gleich; kaum aber hatte er das, wie sie so in dem langen Korridor hinschritten, gesagt, so wies er auf die Tür eines Zimmers, ans dem sich eben eine helle weibliche Stimme in ruhigem, zusammenhängenden Vor- trage vernehmen ließ. „Was wird in diesem Augenblicke hier gelehrt?"— fragte er. „Nichts von höherer Bedeutung, wirklich keineswegs etwas, woraus ich zuerst Jlirc Ansmerksamkcit, hochverehrter Herr Schul- inspekor, lenken möchte. Ich wollte mir vielmehr erlauben, Ihnen den Herrn Professor Lohmeyer, des berühmten Matematikers vom Hedwig'Gymnasium und, ich darf wol sagen, die vornehmste Zierde meiner Anstalt, in seinem geistvollen physikalischen Unterrichte zu präsentiren." Wenn der Herr Schnlinspektor nun ein warhaft rücksichtsvoller Mann gelvesen wäre, so hätte er sich selbstverständlich in die Schulklasse begeben, der soeben das Glück des lohmeyer'schen Unterrichts zuteil wurde, aber der geistliche Herr war einer von den Leuten, welche sich um die Wünsche und den Willen ihrer Mitmenschen nur kümmern, wenn sie dazu irgendwie gezwungen werden oder erheblichen Vorteil davon haben. In vorliegende»! Falle antwortete er: „Sehr freundlich. Indessen gestatten Sie wol, daß ich vor allem hier eintrete. Sticht war,— wenn ich bitten darf?" Tie Schulvorsteherin wagte nicht mehr zu widersprechen. Sie ösfnetc möglichst langsam und geräuschvoll die Tür des Klassen- zimmers, trat hinein und sagte: „Fräulein Haßler. eine meiner allerjüngsten Lehrerinnen, trägt versuchsweise hier vaterländische Geschichte vor. Herr Schul- inspektor wollen das gütigst berücksichtigen." Das getvaltige Haupt des Schulinspektors wante sich nach der jungen Lehrerin, wärend er mit der Hand ein flüchtiges Zeichen machte, welches die Schülerinnen, die beim Eintritt der Vor- steherin zu der üblichen Ehrfnrchtsbezeiginig von ihren Pläzcn sich erhoben hatten, zum Nicdersezen aufforderte. „Fräulein Haßler— sehr angenehm," sagte er, mit seinen großen Augen rasch über die ganze Erscheinung des Mädchens hinschweifend,„behalten Sie gefältigst Plaz und faren Sie im Unterrichte fort, als wen» niemand außer Ihnen und den Schülern zugegen wäre..Sie, meine verehrte Frau Vorsteherin, darf ich in Ihren vielfachen Geschäften nicht länger stören. Ich werde mir später erlauben, Sie in Ihrem Arbeitszimmer wieder aufzn- suchen." Er verneigte sich viel tiefer, als vorher, da er mit der Vor- steherin allein war. Seine Stimme klang aber troz all' der ausgesuchten Höflichkeit, deren sich die Worte befleißigten, nicht minder entschieden und allen Widerspruch ausschließend. Tie Vorsteherin tat denn auch, zögernd zwar und mit sehr schlvercm Herzen, wie der Gestrenge wollte. Nur einen fast flehenden Blick warf sie noch auf Fräulein Häßler, als ivollte sie sagen:„Tue du inir nur den einzigen Gefallen, deine Sache so gut zu machen, als dir nur irgend möglich ist— sein oder nicht sein hängt davon ab." Friederike Haßler verstand den Blick; er trug aber nicht im entferntesten dazu bei, sie zu ermutigen. Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen und sie mußte sich Gewalt antun, daß ihr die Stimme nicht versagte, als sie zaghast begann: „Der Herr Schulinspektor erlauben vielleicht, daß ich mit meinem Vortrage noch einmal beginne." „O bitte, mein Fräulein, faren Sie nur ganz saus gene da fort, wo sie unterbrochen worden sind." Friederike Haßler suchte sich möglichst zu fassen. Hätte sie in ihrem eigenen Lehrfache vor dem Schulinspckror zu unterrichten gehabt, so wäre sie nicht im geringsten in Verlegenheit gewesen, aber nun mußte es das Unglück, wie sie meinte, tvollcn, daß sie seit ein par Tagen von der Vorsteherin zur Stellvertretung einer erkrankten älteren Kollegin, deren Uuterrichtsgegenstände Geschichte und Geographie waren, berufen worden war. Die Schulvor- steherin hätte leicht diese Aufgabe ebensogut einem der Lehrer über- tragen können, welche steh meist die facultas docentli für die höheren Gymnasialklassen erworben hatten, aber das hätte der ziemlich knauserigen Dame nicht unbeträchtliche Kosten verursacht, wärend sie bei Friederike Haßler sich jede Ausgabe ersparte, in- dem sie tat, als müßte diese für die Gelegenheit, sich in den „höheren" Unterrichtsfächern zu üben und zu bewären, onchin sehr dankbar sein. Inst gestern Stachmittag nun hatte die Vor- steherin ihrer lieben kleinen Haßler, wie sie Friederike zu nennen pflegte, wenn sie bei guter Laune war, eröffnet, daß sie von morgen ab die Vertretung doch lieber an Dr. Brandt übertragen werde, angeblich, damit sich Friederike nicht zu sehr anstrenge, in Warheit, weil sie fürchtete, daß dem Schulinspektor die Er- teilung der Geschichtslektionen in einer der mittleren Klassen durch ein junges Mädchen, die im Grunde nur Zeichcnlehrein war, unpassend und unzulässig erscheinen könne. Ehe aber diese Vorsichtsmaßregel ausgefürt wurde, war der Gefnrchtete erschienen, und es galt nun, die Ehre der Schule nach bestem Vermögen zu waren. „Wir waren bei dem Regierungsantritte Friedrich des Großen angelangt," begann die junge Lehrerin, anfänglich tief und schiver atmend und die Worte nur mit vieler Mühe in ununterbrochener Rede aneinanderfügend.„Es war am 27. Mai 1740, als die Königin Sophia Dorothea den achtundzwanzigjärigen Kronprinzen von seinem Lustschlosse Reinsberg nach Berlin an das Kranken- bett seines königlichen Vaters berufen ließ. Der König Friedrich Wilhelm I. flilte den Tod Herrannahen, der ihn am 31. Mai ereilte. Die Tatkraft des junge» Königs äußerte sich sogleich in einer Reihe von Maßregeln und Reformen, von denen Haupt- sächlich zu erwänen sein möchten die Ocffnung der königlichen Getreidcmagazinc zum Besten des notleidenden Volkes, gleichzeitig mit der Festsezung eines niedrigen Konipreises, dann in der Ab schaffung der Folter als Mittel zur Erzwingung von Schuld- bekentnissen, ferner die Erlassnng eines Duldungsedikts zu Gunsten der sich nicht zur Staatsreligion bekennenden Untertanen, die Errichtung eines Ministeriums zur Hebung von Handel und Gewerbe, die Berufung und Anstellung von Gelehrten und Künst- lern an den Universitäten und Akademien des Landes, endlich die Milderung der die Freiheit der Presse gänzlich aufhebenden Cenjureinrichtungcn." Friederike Haßler war allmälich ruhig und sicher geworden, die Worte stoßen ihr leicht und gefällig von den Lippen und man hörte ihr an, daß sie ihren Gegenstand völlig beherschte. Jezt hielt sie inne und blickte nach dem Schnlinspektor, der sich dicht am Fenster auf eiuen Stul niedergelassen hatte und den Kopf in die Hand gestüzt regungslos zuhörte. Er mußte die Lehrerin aufmerksam beobachtet haben, denn er erriet sofort, was sie in dem Momente, Wärend sie pausirte, dachte. „Sie unterbrechen den Vortrag, liebes Fräulein, sich zu über- zeugen, ob die Klasse demselben gefolgt ist und ihn recht bcgrisfcn hat?" fragte er in einem Ton, der jedem, welcher ihn gekaut hätte, sonderbar warm erschienen wäre. Friederike bernrte der Ton sowol als der Inhalt der Frage angenchm.„In der Tat, Herr Schulinspektor, wollte ich um die Erlaubnis bitten, einige Fragen an die Mädchen zu richten," antwortete sie. „Ganz recht," nickte dieser. Sic fragte nun nach diesem und jenem, was sie eben erzält hatte, ließ sich über den Zinn des Gesagten Rechenschaft geben iind schließlich eine der Schiileriunen im Zusammenhange das Gehörte wiederholen. Tabci hatte sie Glück— die Mädchen gaben fast alle klare und treffliche Antworten und keine einzige zeigte sich unausmerlsam oder unverständig. Daraus wollte Friederike Haßler ihren Vortrag wieder ans- nehmen; aber der Schulinspektor siel ihm in's Wort und erkun- digte sich in freundlichster Art, ob sie nicht frageiveise einen Teil dessen repeliren wolle, was die Kinder im ganzen Semester gc- lernt hätten. Das junge Mädchen hatte der bisherige Erfolg so zuversichtlich gemacht, daß sie dieser Wunsch nicht im mindesten beirrte. Mit fast mutwilliger Sicherheit durchstreifte sie«un mit ihren Frage» das ganze Gebiet der brandenburgischen Geschichte bis zur Zeit Friedrich II., bald»ach den Namen der Kurfürsten und anderer geschichtlich hervorragender Männer oder den Daten III- der Kriege und Schlachten, der Ländererwerbungen und Eroberun- ' gen forschend, bald von den 5lulturfortschritten des Volkes er- zälcn lassend und überall tüchtige Kentnisse und scharfen Ver- stand beweisend. Auch die Schülerinnen bestanden diese etwas bedenkliche Probe nicht schlecht, wenn sie sich auch nicht ganz so gut beschlagen zeigten, als kurz zuvor. Der Schulinspcktor war ersichtlich ungemein befriedigt. Er erhob sich, richtete einige warme Worte der Anerkennung an die ; Lehrerin, lobte auch die Klasse und verabschiedete sich. Friederike Haßler geleitete den hohen Vorgcsezten bis zur Tür, dort wante sich dieser noch einmal rasch um, reichte dem jungen Mädchen die Hand und sagte: „Gott bcfolen, liebes Fräulein. Auf Wiederschen!" Das Mädchen fülle, daß sie bei dem flüchtigen Händedruck des Mannes und seinen Worten— noch mehr aber unter dem Blicke, der blizartig und sengend aus seinen sprechenden Augen schoß, errötete, ohne daß sie sich klar zu werden vermochte, wcs- halb dies eigentlich geschah. Sie hatte auch keine Zeit, darüber nachzudenken— in der Klasse brach die lange niedergehaltene Aufregung über das glücklich bestandene Kleingewehrfeuer des improvisirten Examens nun mächtig hervor und die Lehrerin hatte alle Mühe, wieder den nötigen Ernst und die gebürende Ruhe in die lebendige Gesellschaft der meist noch recht kindlichen Mädchen hineinzubringen. ** (Zorlsezung solgt.) Judenhezen in Rußland. Von ß. Lübeck. (3. Fortsezmig und Schluß.) Das mit der Gründung der Judcnkolonien geschaffene Ver- hältnis dauerte bis zum Regierungsantritt Alexander IL, der den beständigen und zeitweiligen Ausenthalt der Juden in Kiew selbst erleichterte und den jüdischen Kaufleuten erster und zweiter Gilde den festen Wohnsiz in der Stadt gewärte, ihnen auch erlaubte, sich eine gewisse Anzal von jüdischen Kommis, Kontoristen und Verkäufer, sowie zum Hausgebrauch die erforderliche jüdische Dienerschaft zu halten. Auch die Kaufleute erster und zweiter Gilde anderer Städte, die in Kiew Geschäfte mit der Regierung hatten, durften das nötige Personal mitbringen, dasselbe mußte aber sittlich rein dastehen, nicht zu entehrenden Strafen, auch nicht wegen Schmuggel verurteilt sein. Aus Konkurrenzgründen erhob sich auch gegen die Juden in Kurland und Livland ein Sturm. Hier waren sie schon seit »ichr als zweihundert Jaren, also schon zur schwedischen Zeit, ansässig gewesen. Im Jarc 1797 betrug die Zal der männlichen Bevölkerung nach amtlicher Zälung 4581, wovon 896 den Städten und 3683 dem Lande zugeschrieben waren. Tic Lage dieser Juden war im allgemeinen eine äußerst künimerliche. Aus aint- lichcn Berichten ersieht man, daß sie sehr arm waren, kaum die allcrnotivcndigste tägliche Narung zu sich»ahmen und sich meisten- teils durch Kleinhandel und unerlaubte Maklergeschäfte eriiahrtcn. Auf den Farmen unterhielten sie Schenken oder ivaren Pächter der adligen Brantweinbrennereien, ein Teil von ihnen betrieb derschicdcnartige Handwerke. Die Geschichte dieser kur- und liv- ländischen Juden ist eine sehr traurige, sie haben hier viel er- dulden müssen. Sie sollten ausgetrieben werden, doch Widerstand die Regierung mit Rücksicht auf die alten Rechte der �uden dem Drängen ihrer Feinde. Am 14./26. März 1799 wurden jedoch schon nach deni Beispiele anderer Gouvernements die Bediiigungen aufgestellt, unter denen sie bleiben konten. Sie st»d bezeichnend sur die Motive dieser Heze. Um bürgerliche und kaufmännische Geiverbe zu treiben, war es nötig, sich als Burger oder Kauf- >nann einschreiben zu lassen. Wer dies tat, wurde d oppe lt so hoch als die Christen besteuert. Wer sich nicht einschreiben lassen konte oder wollte— vom erstcre» allein kann ja nur die Rede sein, erhielt das Recht der Emigration— wenn er die zweifache dreijärigc Abgabe im voraus entrichtete. Wer diese Abgabe nicht zu cntrichtcn vermochte, der sollte einfach zwangsweise hillausgetrieben werden.— Die aus dem Lande wohnenden Juden hatten in den Städten zu erscheinen, ihr Ge- werbe anzugeben und einer Gemeinde sich zuschreiben zu lassen. Im übrigen unterlagen sie den gleichen Bestimmungen wie die städtischen Juden. Es wurden ihnen nach Entrichtung der doppelten Steuer Pässe erteilt; iver keinen Paß besaß, wurde ausgewiesen. Die Juden, welche allen Verpflichtungen nachkamen, erhielten volle Kultusfrcihcit und das Recht, Schlachthäuser und eigene Fried- Höfe zu errichten.— In Kurland erging übrigens auch das Verbot, Juden zu Leibeigenen zu machen.— Diese gcsczliche Regelung der Judcnfrage genügte jedoch den christlichen Konkur- renken nicht. Es kam zu ungleich schärferen Maßnamen, bei denen namentlich das Schicksal der Ansgctricbciicu, die ein anderes Asyl sich suchen mußtcu, ein' höchst beklagenswertes war. Der Jude, welcher keiner Gemeinde in einem andern Gouverncinent sich zuschreiben lasse» konte, sollte und wurde, soweit er kräftig war, in's Militär gesteckt, wärend man den Schwächling nach Sibirien zu schicken bcsal. Nachträglich gedachte man der Familien und widerrief oder milderte wieder. Es war ein trostloses Da- sein, das diesen Juden beschiedeu war, es illustrirt auf das grellste die Brutalität und Unvernunft des damals hcrschenden russischen Regierungssystems.— Jezt ist in Kurland und Livland wenig- steus denjenigen Inden der Aufenthalt erlaubt, welche nach der Zälung vom 13./ 15. April 1835 diese Gouvernements zuge- schrieben waren. Tic Ucbersiedelung der Juden von andern Gouvernements nach Kurland und Livland ist untersagt. Wir tönten ähnliche Verfolgungen von Wilna, von Kamcniez- Podolsk, von Kowno melden. Wir verzichten darauf, um uns wieder einer großen Brutalität zuzuwenden, welche die Juden vieler Gouvernements traf. Fast brutaler und rücksichtsloser noch als durch die. Austreibung der Juden vom flachen Laude in die Städte wegen ihres angeblichen unheilvollen Einflusses auf die Landbevölkerung ging mau gegen die Juden vor, als der Verdacht gegen sie sich regte, daß sie in den verschiedenen Grenzdistrikten Schmuggel trieben. Es ist, wie wir schon mehrfach gesehen, alles originell, alles gewalttätig in der russischen Venvaltung. Weil die Bauern durch die Braut- weinfabrikatiou der Edellcute litten, mußte mau zur Hebung des Ucbels den jüdischen Händlern das Handwerk legen, märend es den Hauptnbeltäteni nach wie vor gestattet blieb. Btan mußte so gar alle Juden vom flachen Lande in die Städte treiben.?a an den Grenzen Schmuggel getrieben wurde, mußten natürlich wieder die Juden dafür leiden und dafür verantwortlich gemacht werden, obwol es amtlich feststand, daß nicht nur Juden, sondern auch zalrciche Christen daran beteiligt waren, von denen auch viele abgefaßt wurden. Ein zivilisirter Staat, an desicn Grenzen der Schmuggel blüht, wird entweder zu seiner Verhütung die Zölle, die dazu hauptsächlich Anlaß geben, ermäßigen oder die Grenzüberwachnng verschärfen. In Rußland aber fing man das Ding anders an. Da von einzelnen Juden konstatirt war, daß sie Schmuggel trieben, waren alle Inden dafür in Strafe zu nehmen. Historisch entwickelte sich die Angelegenheit folgender- maßen: Ter Gouverneur von Volhynien erhob die Anklage gegen „die Juden", daß sie Schmuggel trieben, und es erfolgte darauf im Jare 1812 gegen die volhynischcn Inden ein Ukas, der ihnen, d. h. allen Juden.— gleichgültig, welches auch ihr Beruf war,— das Wohnen in der Entfernung von fünfzig Werst von der Grenze verbot. Nur der Aufenthalt auf Grund von Pässen war gestattet. Es mag bei aller Brutalität nicht leicht gewesen sein, diesen Ukas durchzuführen, vier Jare später(1816) wenigstens wird er auf Anraten des Senators Siebers von neuem wiederholt, bez. seine sofortige Vollstreckung angeordnet. Es wurde zur Motivirung dieser Maßuamen besonders darauf aufmerksam gemacht, daß die Juden an der Grenze Schenken unterhielten, die sowol der Stapelplaz der eingeschmuggelten Waren, als auch der Aus- gangspunkt aller Schmugglerzüge seien. Tie jüdischen Schmuggler traf man zweifellos, denn unter den auszutreibenden„Juden" mußten wol auch diejenigen stecken, welche Schmuggel getrieben hatte». Das komt natürlich auf das gleiche heraus, als wenn man für Diebstähle und Verbrechen, welche einzelne Christen ver- üben, alle Christen verantwortlich machen und sie summarisch abstrafen wollte. Tic Christen würden sich das entschieden ver- bitten. Ten Juden gegenüber machen sie es jedoch im all- gemeinen wie die Rusien. Der Fehler eines Einzelnen, sein un- moralisches Handeln— wird einfach auf Rasscneigcntümlichkeiten zurückgefürt und die ganze jüdische Volksklasse als mit denselben behaftet hingestellt. Bis zum Jare 1821 wurde die harte Maßregel durchgcnirt. Sie beraubte diesmal ganz besonders in den Städten und Flecken zalrciche Juden ihrer Existenzmittel und brachte sie an den Bettel- stab. Tarauf trat eine Ruhepause ein, eine Lockerung der Absperrung der Juden von den fünfzigwerstigen Grenzlinien, und von diesem Zeitpunkt an beginnen sie wieder ans ihre alten Pläze zurückzukehren. Längeres Weilen darin, die feste Niederlassung wurde ihnen jedoch nicht gestattet. Es wärte nicht lange, dann kam man in Petersburg auch in Betreff der andern Gouvcr- nements zu der Ansicht) daß an den schlechten Zolleinnamen und dem Schmuggel eigentlich auch nur die Juden Schuld seien, denen der Minister die Neigung zum Schmuggel nachsagte. Für Volhynien wurde neuerdings die Vollziehung der Austreibung angeordnet, derselbe Ukas aber zugleich auf alle westlichen Äouver- nements ausgedehnt, so daß das russische Reich im Westen eine fünfzigwerstige judcnfreie Grenzlinie erhielt. Ter ursprünglich ans Volhynien berechnete Ukas hatte von der Austreibung die jüdischen Grundbesizer ausgenominen und sie nur gegen Pächter, Wirte, Einsassen in Anwendung gebracht. Der neue Ukas, welcher vom 11./23. April 1824 datirt, richtete sich auch gegen die Der Kaffee des Leiermanns, cs",« um.) Griilidbesizer, vornemlich weil konstatirt>var, daß einzelne Juden au der Grenze wertlose Grundstücke um hohe Kaustummen er- standen hatten. Man nam an, daß dies geschehen sei, um die Häuser zum Schmuggel zu be- nuzen. In der Hauptsache ist das �'erfaren genau wie- der dasselbe wie früher, weil einzelne jüdische Grundbesizer im Verdachte des Schmuggels standen, mußten alle darunter leiden. Gs zeigte sich bald, daß man wie bei all den früheren Austreibungen, beiden Teilen, den Juden und den Christen, durch die Nichtbeachtung der bestehenden Ver- tragsverhältnisse schwere Schädigun- gen zugefügt hatte. Ein Utas vom 14./26 November 1825 in- hibirte die Austrei- bung in allen Fällen, Ivo vor dem Geseze geschlossene Verträge vorlagen. Erst nach Ablauf derselben sollten die vertraglich gebundenen Juden die fünfzig-werstige Grenzlinie verlassen. Rückwirkende Kraft auf Volhynien be- saß dieser Utas nicht, was in demselben ausdrücklich betont wurde, weilderAus- treibungsukas für diese Juden schon vom Jare 1812 da- tirt, Verträge also nicht mehr existiren konten. Es müssen sich in- folge dieser Austrei- bungen doch fülbare Notstände entwickelt und das onehin große Elend der Juden sich noch mehr gesteigert haben. Am 19./31. Dezember 1839 empfal der Gouvernements-Administrator vonVol- hynien eine Milde- rung der Austrei- bungen im Sinne der Erschließung neuer Wohnsize an Stelle der entzöge- neu. Er schlug na- meutlich vor, den Juden das Wohnen_. in der neu gegründete» Stadt Kagnl zu gestatten. � statt e gehofften Milderung jedoch wurde nur das Gegenteil erziel. Ter Kaiser erklärte kurz, er sei mit dem ihm unterbreiteten Kriemhild an der Leiche Siegfried's.(s. ns.) trage nicht eiiiverstanden. Im Gegenteil sollte in den neu ent- stehenden Städten, hundert Werst von der Grenze entfernt, es den Juden hinfort nicht erlaubt sein, zu wohiien.Damithatte derUkasvom 11./23. April 1824 eine den Juden feindliche Ausdehnung gefun- den, die ihnen immer iveitere Punkte und Strecken verschloß. Im Jare 1838, wo ausdrücklich festgestellt wurde, daß zalreiche Christen am Schmuggel be- teiligt waren, wurde die fünfzigwerstige Grenzlinie auch auf Kurland vom lezten Punkte der preußi- scheu Grenze bis zum Kap Domesneß, und die huiidcrtiverstige Grenzlinie bald nach ihrer Errichtung auch auf die ncugegrün- deten Städte und Flecken in Beß- arabien ausgedehnt, auf welches die erste kaiserliche Entschlie- ßung keine Anwen- dung gefunden hatte. Am 20. April(2. Mai) 1843 erging ein neuer Ukas in Bestätigung der frü- Heren, worin ange- ordnet war, daß alle Juden, die auf der fünfzigwerstigen preußisch-österreichi- scheu Grenzlinie noch angetroffen wurden, herausgeführt wer- den sollten. Den Grundbesizer» wurde zur Reguli- rung ihrer Angele- gcnheiten, bez. zum Verkauf ihrer Häuser und Länder, eine Frist von zwei Jaren gewärt. Es scheint damals in Rußland die Lust zur Judenheze in den Verwaltungen epidemisch gewesen zu sein. Auch der Gouverneur von Sibirien begehrte Ausnamemaß- regeln gegen seine Juden, und war- scheinlich würde man in Petersburg be- reitwillig einen Aus- treibungsukas er- lassen haben, wenn das sibirische Ver- waltungskomitee nicht gefunden hätte, daß überhaupt nur vierzig jüdische, wirklich verbannte Familien in der Nähe der Grenze wohnten. Man ent- schied jezt zum crstcnmale in der langen Periode dieser Hezen, - 114 daß nur diejenigen von diesen vierzig Familien in's Innere gefürt werden sollten, auf welche ein starker Verdacht sich ge- legt hätte, daß sie Schmuggel trieben.— Auch der Verdacht ist ein ungeheuerliches Motiv bei derartigen tief in alle Lebensver- Hältnisse eingreifenden Maßregeln. Würde man indes in den westlichen Gouvernenients die Austreibungen nur den Verdäch- tigcn gegenüber in Auwendung gebracht haben, dann wäre schweres Unglück vielen tausend durchaus unschuldigen Faniilien erspart geblieben. Eine der originellsten Austreibungen traf die Inden, welche an der Grenze des Königreichs Polen ans russischem Boden wohnten. Polen war doch ein Teil Rußlands geworden und durch die allgemeine Zollgrenze eine fünfzigwerstige judenfreie Linie. Ueber diese Linie wurde viel geschrieben, bald wurde sie als gesezlich, bald als ungesezlich anerkant, und der Zustand der hier iuteressirten, nichtansässigen Juden war ein höchst unan- genchmer und schwankender. Jedenfalls traf dieses Austreibungsdekret, welches allen andern die Krone anssezte, diese Juden sehr hart, weil sie es am wenigsten erwartet und verdient hatten. Erst am 2./14. September 1857 wurde den Juden und ihren Angehörigen erlaubt, in dieser fünfzigwcrstigcn polnisch russischen Grenzlinie wieder wohnen zu dürfen. Im Jare 1844 befal der Kaiser Nikolaus, die Verkaufsfrist der Häuser zu verlängern. Bckantlich war durch die Verordnung vom 20. April(2. Mai) 1843 den jüdischen Hauseigentümern zum Verkaufe ihrer Häuser und Licgcnschastcu eine Frist von zwei Jaren gewärt worden. Da mgn wußte, daß die Juden nach Ablauf derselben fort müßten, hüteten sich die Christen woliveislich, eine große Kauflust an den Tag zu legen. Die Grundstücke waren deshalb zuni größten Teil unverkauft geblieben. Nikolaus befal nun, die Verkaussfrist für Steinhäuser um zwei Jare und diejenige für Holzhäuser um ein Jar zu verlängern. Damit war für die jüdischen Gruudbcsizer immerhin etwas ge- Wonnen. Zugleich wurde in Anbetracht der großen Not der ausgetriebenen Juden diesen auf die Dauer von fünf Jaren alle Abgaben mit Ausname der Zölle erlassen. Jezt fand man es auch mit einemmale unbillig, daß man bei der Austreibung so stürmisch zu Werke gegangen. Besonders war es der Rückgang der von den Inden betriebenen Industriell, was die Aufmerksam- keit der Regierung erweckte. Viele Fabriken waren eingegangen, die darin beschäftigten Arbeiter brodlos geworden. Nikolaus be- sal, daß man ihm ein Verzeichnis der von den Juden betriebenen Fabriken und Etablissements anfertige und vorlege, damit er über das Schicksal ihrer Eigentümer definitiv entscheiden könne. Nikolaus ging noch einen Schritt weiter, er ordnete an, daß denjenigen Juden, die in die Städte zogen, Holz aus den Staats- Waldungen zum Häuserbau überlassen werde. Zugleich forderte er von den Gouvernementsverwaltungen ein Verzeichnis der jü- dischen Steinhäuser in den Flecken und Städten, eine Beschreibung ihrer Beschaffenheit u. s. w. ein, uni nach all' diesen Erhebungen jeden einzelnen Fall beurteilen zu können. Man weiß, in wie bedenklichem Zickzack russische Reformen sich bewegen. So geschah es auch hier. Der kaiserlichen Eni- schließung folgten wol geschäftige Untersuchungen der Admini- strativbehördcn, doch kam bei alledem nicht viel heraus. Ter Eifer erlosch, die Regierung verlor die Juden bald wieder aus dem Gedächtnis. Die Säuberung der Grenzlinien von den Juden nam troz alledem ihren Fortgang, doch wurde in einzelnen Fällen Rücksicht genommen, auch war es möglich, durch Geld- opfer oder andere Mittel allen llkasen zum Troz sich in der fünfzigwerstigen Linie das Verbleiben zu erkaufen. Es sei an dieser Stelle noch auf ein Gcsez vom 10. Februar 1848 aufmerksam gemacht, wonach jüdischen Grundbesizern der fünfzigwerstigen Zone für ihre Grundstücke keine Darlehnc aus der Staatskasse gewährt werden durften. Wo jüdische Grundbe- fizer derartige Darlehnc erbaten, war die ausdrückliche Beschei- mgung der Gouvernemcntsbehördcn erforderlich, daß das be- treffende Grundstück einst in der fünfzigwcrstigcn Zone lag. Es spiegelt sich in diesem Gesezc die Uebcrgangsperiode wieder. Die Juden sind hier und da wieder in das ihnen verschlossene Ge- biet zurückgekehrt; die Behörden drückten die Augen zu; sie hatten auch nichts dagegen, wenn die Juden wieder Grundbesiz er- warben. Was sie taten, um ihre Niederlassung zu befestigen, das taten sie jedoch auf ihre eigene Gcfar. Man wußte eben in den Kreisen der Regierung nicht recht, was noch werden kernte, welches Schicksal die nächste Zeit den Juden bringen würde. Man glaubte deshalb auf alle Fälle darauf achten zu müssen, daß der Staat nicht zu Schaden kam. Mit dem Regierungsantritt Alexanders II. kam ein neuer Geist zum Durchbruch. Im Jare 1857 wurde den Juden ge- stattet, in den neuerbauten Städten und Flecken der hundert- werstigen Linie wohnen zu können. Im folgenden Jare, am 24. Oktober 1858 wurden verschiedene Verordnungen über die Juden erlassen und auch ihre Niederlassung in der fünfzigwerstigen Linie geregelt. Das vor dieser Regelung erworbene unbeweg- liehe Judencigentum verblieb den Juden, und allen einer Ge- meinde zugeschriebenen, fest ansässigen Juden wurde das Ver- bleiben und die Freizügigkeit in der fünfzigwerstigen Linie ge- stattet, alle anderen Juden aber wurden fortgewiesen und neue Niederlassungen nicht bewilligt. Wir haben in gedrängtester und flüchtigster Skizze ein Bild des furchtbaren Schicksals entrollt, das über die russtscheu Juden gekommen ist. Es ist unnötig, daraus noch eine Moral zu ziehen; die Fakta sprechen deutlich und lehrreich genug. Es bleibt nur noch ein Hinweis auf die heutigen Juden- hezcn in Rußland übrig. Vergegenwärtigt man sich all' die Leiden und Verfolgungen, welche die russische Regicrungspolitik über die Inden gebracht, dann wird man sich nicht wundern, daß der Jude in den Augen des russischen Volkes nur als ge- duldctcr, rechtloser Paria erscheint, gegen de» alles Unrecht, jede Gewalttat erlaubt ist. Die Regierung hat mit ihrer Unduldsam- keit und Brutalität gegen die Juden ein schlimmes Beispiel ge- gebe». Bezeichnenderweise hat auch die gegenwärtige Regierung nur äußerst widerstrebend den Juden ihren Schuz gewärt; sie steht tatsächlich heute noch auf dem Boden der früheren Rc- gicrungcn, mißachtet wie diese die Juden und erntet in de» blutigen Hezen unserer Tage lediglich das, was ihre Vorgänger an Barbarei gegen die Juden ausgesäet haben. Man klagt über den mangelnden Patriotismus der Juden, vergißt aber, daß man nicht das geringste getan, ihn zn er wecken, den Juden das Land, dessen Bürger sie sein sollten, lieb und wert zu machen. Wie der leibeigene christliche Bauer jedes Patriotismus bar war, weil die Rechtlosigkeit und Knechtschaft, zu der nian ihn verurteilt hatte, solchen nie aufkommen ließ,— so muß auch wol der mißhandelte Jude antinational sein, wie es auch jeder Mensch sein muß, den staatlicher oder gesellschaftlicher Despotismus der politischen, allen Bürgern zustehenden Rechte be- raubt hat. Je uneingeschränkter und geachteter das politische Recht, desto kräftiger und allgenieiner auch der Patriotismus. Brauchen wir die gleichen Erscheinungen in Preußen den russischen noch speziell entgegen zu stellen? Jeder vorurteilsfreie Leser wird sich die Parallele schon längst selbst gezogen haben. Geschichiliche Gespenster. Streifereien im alten und neuen Athen. Von Kart Ltassau. (1. Fortsezung.) Das Gefärt hielt. In einem großen, mit der höchsten europäischen Eleganz ausgestatteten Hause wurden uns vier elegant eingerichtete Zimmer angewiesen, und nachdem wir uns ein wenig umgekleidet, wurden wir von unserem liebenswürdigen Wirt selbst zuni Frühstück gerufen, bei welchem auf dcni reichbescztcn Tische nur griechische Weine glänzten. Hier machten wir auch die Be- kantschaft der liebenswürdigen Hausgenossen des Senators, seiner Gemalin, Ariadne, und seiner einzigen fchöncn Tochter, Cyana, unt welcher lezteren sich John aus das angelegentlichste unter- hielt. Beide Damen sprachen ziemlich perfekt Englisch. Wie unser Wirt selbst ganz nach europäischer Mode gekleidet war, gleich den meisten Bewohnern Athens, so auch die Damen. Jni alten Stadtteil,� der sich im Norden an die Akropolis lagert, so sagte mir der Senator, leben noch viele Familien albanesischcr Ab- kunst; diese tragen noch vereinzelt die malerische griechische Tracht. Unser Frühstück verlief auf die anmutigste Weise, wonach ein eleganter Wagen vorfur, Eigentum unseres Wirtes, der uns über die Boulevards ringsum die Stadt und bis zur Akropolis bringen sollte. Zunächst passirten wir aus unseren Wunsch die vier größten Straßen Athens, außer der uns schon bckanten Hermesstraße, nämlich die Friedrichs- und Athenastraße, welche beide parallel mit der Hermesstraße von Westen nach Osten die Neustadt durchschneiden, dann die Aeolus- und Univcrfitätsstraße, die umge- kehrt von Norden nach Süden ziehen, und bogen dann in die Boulevards ein, um die alte porta Iladriani und den arcns Uadriaiii, durch welche dieser baulustige römische Kaiser seine Schöpfung Neu- Athen von Alt-Athen trente, und im Südosten die Akropolis zu erreichen. Taö Leben auf den Straßen war nicht gerade allzulcbcndig, da die Hize groß war; unser Termo- mcter zeigte 21 Grad Reaumur; doch zält die Stadt nach Ver- sichernng des Senators jezt 43ÜOO Einwohner. Ich las mit viel Interesse die Schilder vor den Läden und Türen, und war begierig, hier einen Adsilles als Schneider, dort einen Ajax als Schornsteinfeger, oder gar einen Ulysses als Schuster anzutreffen. Aber nein! Die Namen waren doct> andere und mit dem Mode- studiuni des athcnicnsischcn Adreßbuches war es also nichts. Die alte Sprache, die Hcllcneka, ist ganz verschwunden, man spricht heute die Romaika, eine entartete Tochter der erstcren. Südlich vom arcus Uadriaui erreichten wir die Ruinen des Zeus- oder Jovislempels, auch Olympiäum genant; es stehen davon noch 14 kolossale Marmorsäulen auf dem Unterbau von Granitquadcrn. Pisistratus, der Tyrann von Athen, soll den Untergrund erbaut haben, von Hadrian dagegen stamt der Rest der Säulen her. Ter Unterbau ragt hoch über die Straße hin- weg, an der zu Füßen desselben ein niodernes Eafä errichtet ist, dessen Gäste im Schatten der Säulen sizcn, deren Ricsenhöhe man so am besten abschäzen kann.— Unser Weg fürte uns dann an den geringen Ruinen des Odeums des Perikles vorüber, das 3tXX) Menschen faßte und zw musikalischen Wettkämpfen bestirnt war. Dicht dabei liegen die Reste des Dionysos- oder Bacchus- tcaters, in dem gegen 30 000 Menschen der Aufsürung heimischer Komödien zuschauen kontcn, die Ruinen des Tempels der Aphrodite Pandcmos und des Odeums Herodis; lcztercs war bedeutend jünger und größer als das alte perikleische Gebäude gleichen Namens. So gewannen wir endlich eine nordwärts allmälich aufwärts fürcnde Straße, die uns schließlich auch von Westen her auf den Hügel der Akropolis fürte. Unser Gcsärt sauten wir jezt heim und stiegen dann die Mar- morftusen der Propyläen hinauf, wo uns ein alter Invalide off- »de. Dabei machte Herr Kneurosphyllos, unser liebenswürdiger Wirt, den kundigen Fürer. „Sehen Sie, meine Herren," begann er seine Akropolisrede, „hier an beiden Seiten liefen die Marmorstufen links und rechts ganz hinauf; der Weg in der Mitte dagegen war eben für die Prozessionen, deren feierlichste am Feste der Panathenäen(Jung- srannfcste) statthatte, wo alles auf die Burg zog. Sechs Säulen- reihen von Marmor, deren Durchmesser ca. U Fuß betrug, bil- detcn das fünfhallige Tor; links und rechts waren Kammern, die als Museen benuzt wurden, hergerichtet. Abgeschlossen war der Torbau rechts und links je durch eine riesige Reiterstatue. Das Werk ward unter Perikles durch Mncsikles erbaut und hat enorme Summen gekostet!" Dabei hob der würdige Senator ein Stück Marmor auf, den Teil eines Säulenfrieses, und zeigte uns daran die Feinheit der Arbeit. Man vergißt die riesigen Proportionen ganz über der Feinheit der Ausfürung; nicht die Masse iinponirt hier wie bei den Aegyptern und Indern, sondern die künstlerische Gestaltung. „Ist hier nicht auch irgendwo der Tempel der Nike gewesen?" fragte jezt John in seinem Guide of Greecc blätternd. „Allerdings, Mr. Smith," entgegnete unser Fürer;„sehen Sie, dort rechts am Treppenaufgang stand der ganz kleine, runde, Pavillonartige, uralte Tempel der Nike apteros, der ungeflügelten Siegesgöttin; er genoß großes Ansehen wegen seines Alters!" Mittlerweile betraten wir den eigentlichen Raum der Burg, der überall Marmorplatten auswies, in denen hier und da sich lünstlische Löcher befanden. Ich wies auf dieselben und bat Herrn Kneurosphyllos um Aufklärung.„Mein verehrter Ola|t", crividerte unser Wirt freundlich,„das sind die Einlaßstellen für die Marmorstatuen, deren hier tausende gestanden haben müye». Das Werk manches Künstlers, von dessen Dasein wir keine Ahnung habe», ist hier untergegangen. So muß man wenigstens denken, wenn man den Pausanias liest, der beka.itlich die Kunstwerke wie die Künstler des alten Griechenlands Revue pa, streu laßt. Hier an dieser Stelle muß wol das Parthenon, der Tempel der Athene, mit der großen Bildsäule der Pallas Parthenos(der jung- fräulichen Göttin) gestanden haben, die 37 Fuß hoch war und aus Elfenbein, Ebenholz und Gold bestand, Wärend ein par edle blaue Steine die Augen darstellten, ein Werk des Phidias, des Freundes von Perikles. Der Mantel der Göttin war von Gold und repräsentirte einen Wert von ca. 790000 Taler; er war ab- nehmbar, damit er, wie Perikles scherzend sagte, einst wieder er- sezt werden könte, wenn schwere Zeiten seine Einschmelzung er- forderten. Das Parthenon selbst war ein schlanker Säulenban, 227 Fuß lang, 101 Fuß breit und 65 Fuß hoch; jene Bildfäule stand ganz hinten im Heiligtum. Ter Fries enthielt die schönsten Darstellungen aus der griechischen Heldengeschichte; das ganze muß einen geradezu entzückenden Eindruck hervorgebracht haben, wenn die weißen Marmorsäulen und Btarmorwände im hellen Sonnenschein weithin glänzten. Das Werk war aus pentelischem Marmor, dem schönsten der Welt, vor Ausbruch des peloponnesijchcn Krieges durch die beiden berühmten Baumeister Jktinvs und Kallikrates erbaut und das größte Heiligtum Griechenlands." Kneurosphyllos seufzte, und wir verstanden ihn wol. Noch stehen einige schlanke Säulen aufrecht da, alles andere liegt in Trümmern; Marmorsplitter, Reste von Bildsäulen und Granatsplitter liegen durcheinander. Im Jare 1687 richteten die Bene- tianer eine heillose Verwüstung in den bis dahin noch erhaltenen Schäzen des Altertums durch ihre Bomben und Vollkugeln an, die sie auf die Burg warfen, Wärend des 1829 begonnenen Frei- heitskrieges der Griechen gegen die Türken diente dann die Burg als Festung, und nun ward das meiste fast verdorben, bis end- Lord Elgin mit echt englischer Dreistigkeit sich die schönsten Sachen zusammensuchte, sie wegschleppte und unter dem Namen„Elgin M arblee." an das british Museum in London— verkaufte. Unser liebenswürdiger Fürer ging weiter und wieder standen wir vor den Resten eines großen Gebäudes: „Dieses war das Ercchtheum", begann er,„erbaut von Ercchtheus, das älteste Heiligtum der Griechen. Hier stand das älteste Bild der Athene, die Ziaomo», und im Hofe war die Stelle, an der sie den Oelbaum emporsprießen ließ, der ihr heilig war, wie dem Apoll der Lorbeer, wo im Wcttkampf mit der Göttin der Mcercsgott Poseidon mit seinem gewaltigen Dreizack einen mächtig tiefen Brunnen in den Felsen hineinschlug." „In der Mitte zwischen Propyläen, Partcnon und Ercchtheum", für dann unser unterrichteter Cicerone fort,„stand die eherne Bildsäule der Athene Promachos(der vorkämpfendc» Athene) mit erhobener Lanze, auch ein Werk des Phidias, aber erst teilweise nach seinem Tode vollendet; sie war gegen 50 Fuß hoch, und ihre Lanzenspize wie ihr Helm ward schon weithin blizend von den Schiffern zur See gesellen!" Der Berg des Akropolis ist ein Kalkfelse», wol 150 Fuß hoch und auf der Platte 1100 Fuß lang und 500 Fuß breit. Früher war sein Abhang mit weißen Marmortempelchen und dunklen Hainen bedeckt, heute jedoch liegt an seinen Abhängen nichts als Sd)»tt. Unwillkürlich fielen mir Schillers Verse ein, mit denen er die Götter Griechenlands besang: Da ihr noch die schöne Welt regieret, An der Freude leichtem Gängelband Selige Geschlechter noch gefüret, Schöne Wesen ans dem Fabelland; Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte, Wie ganz anders war es da, Da man deine Tempel»och bekränzte, Venus Amathusia. Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder, Holdes Blütenalter der Natur, Ach, nur in dem Feenland der Lieder Lebt noch deine sabelhafte Spur. Ausgestorben trauert das Gefilde, Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick, Ach, von jenem lebenswarmen Bilde Blieb der Schatten nur zurück." Aber die Akropolis ist auch heute in ihrer Verfallenheit noch kein Bild der Trauer; sie ist Licht und Wonne, und tut man erst gar eine Umschau von ihr auf die Umgebung, so geht einem schier das Herz auf. Im Süden reicht der Blick durch die klare weitsichtige Luft bis zu den Schneehäuptern des Isthmus, bis zum Eiland Ealauria(jezt Poros), das wie hingchaucht dort im gesättigt blauen Meere liegt, von wo Demosthenes, vor den An- maßungen eines Philipp von Mazedonien, der die griechische Freiheit in Fesseln schlcigen wollte, fliehend, indem er sich durch Gist den Tod gab, den Scheideblick ans sein geliebtes Athen Ivarf. Im Norden grenzt die stille Bucht von Eleusis den Blick ein, im Osten eine Hügelkette. Und da liegt Athen, das stolze Athen, noch heute zwischen den vier Hügeln, dem Aegialeos im Nordwesten, dem Parnos gegen Norden, dem Pentelikon im Osten und dem Hymettos im Süden. Aber die heutige Stadt liegt im Norden der Akropolis, wäreud die alte Stadt sich rings- herum erstreckte. Damals zälte sie noch 11 Tore, unter denen im Süden diesseit des Jlissus, der nachher in westlicher Richtung den Stophissos erreicht, die porta lonica und die porta Diecharis zuni Stadion, dem Rennteater, wo die Rennwettkämpfe statt- fanden, und zu der berühmten Quelle Kallirhoe fürten, wo Athens Jungfrauen das Wasser zum Brautbade schöpften, von wo klas- stsche Gestalten den SUug graziös auf dem Haupte balancirend Heimkehrten, wo Liebesverhältnisse angesponnen wurden, und Licbcsgepflüster sich mit den Lauten der Philomclc vereinigte, zu jener reizenden Partie, wo einst Platon angesichts einer Hinini- tischen Schönheit der Natur seinen Phädrus dichtete(Phacdr. b.) Ter Jlissus verliert jezt fast jeden Sommer sein Wasser, die Kallirhoe trocknet aus, nur der Kephissos schleppt ein mühsames Dasein träge dahin; dieser Mangel an Wasser, resp. Niederschlag, ist begründet durch die traurige Forstwirtschaft im Lande der Grazien und Musen.„Jeder dumme Junge", sagt M. Busch, „der einen Zahnstocher zu haben wünscht, schlägt die erste beste und schönste Eiche um!" In diesen par drastischen Worten ist alles gesagt! Für Nachwuchs ist nie gesorgt; so mußte das Land veröden. „Dort", zeigte der Senator nach einer langen Pause, in der wir stumm die Umgebung gemustert,„lag der Tempel der Ceres etwas weiter südlicher; hier intra wuros, unmittelbar südlich von den Ruinen des Odeums und Bacchustcatcrs, lag der alte Markt, die Agora, auf welcher die järlichen Märkte abgehalten wurden. Später freilich verlegte man den Markt nach Norden von der Akropolis und zierte den neuen Plaz mit Prachthallcn oder Stoen, nnter welchen besonders die Ltoa Basilii, die Stoa Macra, die Stoa Hadrian), die Stoa Attali und die Stoa Poikile(d. i. die bunte) glänzten, daneben stand das Prytaneion oder Rathaus und das Gymnasium Ptolamaei. In der Halle Poikile zeigte man mit vielem Stolz die bcrühnitcn Bilder der größten Maler Griechenlands, besonders diejenige des Polyguotus von Thasos!" Ungefär einen Büchsenschuß weit westlich vom Berge der Kekropia— so heißt auch die Akropolis mit ihrem älteren Nanieii — erhebt sich jenseit des Weges ein zweiter Felsen von der Höhe seines Nachbars, es ist der Berg des Arcopagus.— Macht die Akropolis einen erhebenden, freundlichen Eindruck, so ergreist uns hier ein schauerliches Gefül auf deni kahlen Felsen. Hier trat das nächtliche Gericht der Heliaea— eine Art von Geschworenen- gericht— bestehend aus den Edelsten und Ersarenstcn des Bolkes, besonders auch aus den abgegangenen Archonten, zusammen und sprach im Dunkel der Nacht Recht über Leben und Tod. Die Züge des Verbrechers sollten eben die Richter nicht rüren. Hier verurteilte man unerbittlich einst einen Knaben, der Wachteln die Augen ausgestochen. Später freilich verlegte man das Gericht in die Stoa Ptolomais oder Königshalle, woselbst auch der Prozeß des Sokrates entschieden ward, und überließ den Areopag den Rednern und Sophisten. Auf demselben hielt auch Paulus einst voll Ernstes und Eifer die Rede über den un- bekantcu Gott und die Zeit der Unwissenheit, über den Ewigen, der Himmel und Erde geschaffen. Die Volksversamlungen pflegte inan auf dein dritten von hier sichtbaren Hügel, dem Pnyx, süd- westlich vom Areopag, abzuhalten; später freilich wurden auch diese Versamluiigen in die Stoen verlegt. So trug mir John aus seinem(luiäe of Greece bruchstückweise vor, wärend der «enator düster in die Landschaft hineinstarrte. Endlich gewann er wieder Leben und begann: „Sehen Sie, Gentlemen. dort im Südosten fürte die Porta Melitta zum Sepulcrum(Grabmal) Cimons. Und dort-»ach Nvrdosteii zeigend— lag Marathon, wo Cimons Vater Milti- ades mit 10000 Mann Athenern den Sieg über 120000 Perser davonttug. Dort aber an, hcllschimmernden Theseustempcl und dem Hügel der Nymphen vorüber sürte die Porta Piraica nach dem Piräeus, der samt dem Munychia und Phaleron, durch die von Thomistoklos mit Klugheit erbauten sogenanten„langen Mauern", welche 40 Ellen hoch aus Quadern errichtet waren (457 v. Chr. G.), mit der Stadt verbunden war.— Hier im Nordwesten fürte die Porta Thrasia, auch Porta sacra oder Porta Ccramica auf die Via sacra nach dem Hügel Keramnikos, wo einst Platon um 3000 Drachmen, das Lösegeld, für welches ihn Annikeris vom Sklavenstande losgekauft, als ihn Pollis, der spartanische Gesante, auf Befehl des Dionysios des älteren von Syrakus nach Aegina geschleppt, von Akademos die sogenante Akademie erworben, auf welcher er dann gegen 40 Jare lang lehrte. Weiter ging der Weg nach Eleusis, wo das Heiligtum der Demeter(Ceres) stand!" „Wo lag das Gymnasium Cynosarges, woselbst die Cyniker unterrichteten?" fragte ich., „Dort im Nordosten! Man gelangte dorthin durch die Porta Acharnica, die Porta Diomeis oder die Porta Aegei, durch welche man auch nach dem Lykeion, zu dem Gymnasium der Peripa- tetiker, gelangte; dort lehrte der kluge, kritische Aristoteles als Nebenbuhler seines Lehrers Platon. Beide Gymnasien lagen am Abhänge des Hügels Lykabettos!" Wir stiegen langsam wieder hinunter und kamen in das Tal, welches im Altertum„Tal der Eumeniden" hieß. Hier war der Eingang zur Unterwelt; hier stand auch der„Tempel der Eunieniden", hier spielen Aeschylus„Eumeniden", hier stand auch der Tenipel des Ares oder Mars. Nun statteten wir erst noch dem Theseustempcl einen Besuch ab, maßen und beschauten den schlanken Bau und wanten uns dann dem großen botanischen Garten zu, der umgeben von einem am Flusse Kephissos entlang laufenden Orangeuhain mit diesem uni die Wette Düfte ausströmte. Die Hermcsstraße fürte uns schließlich zuni Mittagsmal wieder in das gastliche Haus des Senators zurück, wo wir bereits er- wartet wurden. Die Küche des Hauses war gut verwaltet, denn wir speisten ganz, als ob wir in Berlin, Wien oder Paris dinirten, nur war der Wein ein heimisches, schweres Gewächs. Die Damen waren diesesmal schon viel zutraulicher und daher die Unterhaltung bald im Fluß. Ich ward besonders durch den Senator gefesselt, der einen Feldzugsplan für den Abend verabredete, da ihn morgen eine Senatssizung von unserer Fürung abhalten würde. Wir wollten also ins Teater und verabredeten daher, bis ß Uhr eine kleine Siesta zu halten, dann aber alle um 7 Uhr bereit zu sein. „Sic werden freilich keine Tragödie des Sophokles zu hören bekommen, sondern nur ein französisches Stück„les Fourcham- baults"— diese Manie grassirte damals eben—„aber gleichviel, Sie sollen Sich amüsiren!" Was mir bei Tische besonders ausfiel, war die wunderbare Schönheit Cyanens, von der das reizende Mädchen gar keine Ahnung zu haben schien; mit Erstaunen sah ich denn auch den sonst so gcmcsseneu John auf dem besten Wege, sich zu verlieben. Pünktlich 7 Uhr abends brachte uns dann der Wagen in das hübsche neue Teater, das Athen alle Ehre macht und im Geschmack der Teater größerer Städte hergerichtet ist. Man spielte— französisch, und die onehin mir bekante Handlung ver- mochte mein Interesse nicht zu fesseln. Eine desto größere Auf- merksamkcit wante ich dem Publikuni zu. Jezt allgemeines Er- heben von den Sizen: Se. Majestät König Georgios hatte seine Loge betreten; die Majestät, welche einen sympatischen Eindruck macht, winkte aber gnädig mit der Hand und alles nam wieder Pla'. Uebrigens richteten sich auf uns beide nordischen Blon- dins die Gläser vieler Schönen, wir dagegen sahen nicht weniger interessirt uns die vielen südlich scharf geschnittenen Gesichter an. Der eigentlich klassisch schöne griechische Typus scheint aber ganz geschwunden zu sein, nur Fräulein Cyane Kneurosphyllos scheint noch eine Wiederholung jener edlen graziösen, klassisch schönen Frauengestalten zu sein, wie wir sie so oft auf alten kostbaren Krügen von Terracotta und dergleichen bewundert haben.— Hernach gedachte ich der Zeit, als Aristophanes noch durch seine mit attischem Salz gewürzten Koniödien die Bewohner Athens, die so geni etwas Neues hören mochten, lachen machte, als Aeschylos und Sophokles noch die freien Bürger der ersten Stadt Griechen- lands durch�ihre Tragödien rürten, und die Verse eines Euri- pides, einer«appho die kritischen Zuhörer ergözte. llnd nun?-- Sic transit gloria mundi!—— eist aus Furcht vor der Kälte, dieselben hervorzuziehen. Seine treueste Gesellschaft sind ihm aber die Spazcn, die Sommer und Winter in der vertraulichsten Weise zu ihm kommen und ihm die Brosamen aus der Hand picken und die ihn manchmal, wenn er sich verlassen und einsam sült, daran erinnern, daß der vom Glück über die Achsel angesehene oder gänzlich verschmäte in seines Gleichen eine Stüze finden kann. Doch solche traurige Gefüle finden troz seines Elends in seiner Brust nicht lange Raum, denn wenn er abends nachhause komt, so verscheucht der Frohsinn, der ihm in seinen Kleinen entgegcnlacht, alle Trübsal. Und schon das Vicrtelstllndchen, welches er mit seiner ältesten, her Grete, die ihm regelmüßig den Kaffee bringt, bei dieser Gelegen- deit verplaudern kann, ist ihm ein sehr willkommenes Labsal.— Aber wie lange wird ihm sein trauriges Loos, dort zu stehen und zu betteln, »och bcschiedcn sein, wie lange wird diese Art Bettelei überhaupt noch staatlich konzessionirt sein?-- ff. dem Verkehr übergeben. Sie kostete 4 630 000 Rubel. Das zu ihrem Bau verwante Eisen wiegt 6 452 000 Kilogramm, welches von dreizehn Bögen getragen wird. ff. cÄus alen OßinReCn der Zeitlileralur. Die größten Brücke» der Welt find die 2147 Meter lange Brücke bei Packersbmy in Amerika, die St. Charlesbrücke über den Missouri 1993 Meter lang, die Brücke über den Ohio bei Louisville 1615 Mtr., die über den Cast-River 1500 Mtr., die über den Dclawara in Philo- delphia 1500 Mtr., dann die 1500 Mtr. lange Viktoriabrücke über den St. Lorenzostrom, die neue Wolgabrücke bei Syffran in Rußland mit 14*5, Hollands-Dieg-Brücke bei Mördyk mit 1579, die Brücke über den Pongobuda bei Gooty, über welche die Bahn von Bombay nach Madras särt, 1130, Dniesterbrücke bei Kiew 1081,, und die Rheinbrücke bei Mainz 1028 Mtr. Länge. Tie große Wcichjelbrücke bei Dirjchau nimt inbezug aus ihre Länge sogar erst den sünszehntcn Ranz ein. Die Wolgabrücke bei Syffran, die längste in Europa, wurde erst neulich Trinkleistungen im Altertum. Daß unsere germanischen Vor« faren im Zechen(oder„Kneipen" und altfränkisch derb„Saufen" ge- nant) viel und mehr leisteten als ihrem Ruhme, ihrem Geldbeutel— soweit etwas derartiges in das Nebelgrauen der Kulturgeschichte zurück- greift— und wol auch ihrem Verstände gut war, weiß jedermann. Aber die Germanen haben das Trinken über den Durst keineswegs er- sunden, ja es ist sogar sehr fraglich, ob sie es darin soweit gebracht haben, als andere Völker, denen der Geruch der Kneipseligkeit in weit geringerem Maße anhaftet. So z. B. hielt schon das glänzende Vor- bild der Cäsaren und Napoleons späterer Zeit, der mazedonische Welt- erober Alexander der Große soviel von einer„soliden Kneiperei", daß er in dem untergeworscnen Babylon ein Preistrinken veranstal- tete, das demjenigen zweitausend Mark einbringen sollte, der am besten— sausen konte. Seine Herren Generale und sonstigen Gäste nahmen denn auch die Sache so ernst, daß sich nicht weniger als dreißig von ihnen ehren- oder, wie man auch zn sagen pflegt, schandenhalber totsoffen. Auch der römische Kaiser Tiberus Claudius Nero(bis 37 n. Chr.), den man spoltweise Biberius(von didere= trinken) naute, sezte Preise für die höchsten Leistungen im Trinken nnd Essen aus. Piso wurde von Clevius zum Prätor(Urrichter und Statthalter) ernant, weil er dreimal vierundzwanzig Stunden ununterbrochen gekneipt hatte, one im mindesten bekncipt zu erscheinen. Flaccus, der nicht minder zechen konte, wurde deshalb zum Konsul(in der Kaiserzeit gleichfalls Statt- Halter und zwar ersten Ranges) von Syrien befördert. Auch der römische Statthalter und Armeebefehlshaber in Niedergermanien, Vitel- lins, der gleichfalls das Vergnügen genoß, römischer Kaiser zu sein, wenn auch noch kein ganzes Jar lang(169 n. Chr.), war einer der größten Säufer alter Zeiten. Uebrigens bekundeten die Griechen und Römer, grade wie unsere Herren Studenten, auch in der tollsten Zügel- losigkeit, den Sinn für eine Art Gcsezlichkeit— sie sind— andern Kncipgenics unter den Völkern des Altertunis die etwaige Priorität vorbehalten!— die Väter des Kneip- oder Sauflommcnts. Sic pflegten bei feierlichen Malzeiten, die sie ganz unbändig liebten, ein Oberhaupt der Tafel, griechisch Symposianchon, lateinisch rex convivii oder Trinkrichter, lateinisch arditor dibeudi zu wälen, der bei entsprechenden Strafen anzuordnen hatte, wie sich die Schwelgenden zu benehmen, was sie zu tun hätten, wie sie essen, trinken, sich unterhalten und jubeln sollten. Diesen teils auf Tradition, teils aus persönlicher Willkür be- ruhenden Gesezen sollen die heiteren Griechen wie die ernsten Römer viel besser und eifriger gehorcht haben, als den Staatsgesezen, gleich- wie unsere Studenten den Befehlen des Fuchsmajors auf das gewissen- hasteste nachkomen, sollten sie sich auch sedier im Stoff ertränken, wärend sie den Anordnungen der hohen Obrigkeit vom Universitätsrichtcr bis zum Nachtwächter oft die betrüblichste Nichtachtung erweisen. xz- �iterarffche Umschau. Ter erste HochverratSProzeß vor dem deutschen Reichsgericht,«us Grund stenogroohischer Riederschrist der Verhandlungen herausgegeve» von tk. itünzel, Stcnogravd nnd RedoNeur der„Reichigcrichistorrcloondenz." üeivzig. Mar Hesse'» Verlag. Preis 1 Marl 20 Pj.— Allen denen, die ein Interesse an der Entwicklung unsere« ReehtelebenS wie deS politischen Leben« überhaupt haben, wird ein Vuch sehr willlommen sein, da« in gedrängter stürze die Verhandlungen jene» Prozesse« wieder- gibt, der seit einem Jare in den Zeitungen von sich reden machte und der lürzlich vor den Zchranlen de« deutschen Reichsgericht« seinen Abschluß sand mit der Verurteilung verschiedener Angenagter zu mehrjäriger ZuchthauSsirase. Und gerade die vom 10. bi» 21. Oktober währenden Verhandlungen sind nach verschiedenen Richtungen hin von In- tcresie. Nicht allein da» hier in Frage lommende Verbrechen an sich, sowie der Aparat de« höchsten deutschen glerichtshosei, der hier zum erstenmal in einem solchen Falle zu Gericht sizt, sesicln unsere Ausmerksamkeit, vor allem die Genesis de« Verbrechen« wie de« ganzen Prozesiei selbst. Wer lenncn lernen will, wie Hochvcrrattprozesie entflehen und weiden, der lese die vorstehende stenographische Niederschrift. Und wenn ihm dann beim Lesen der Aussagm einiger darin agirender sittlich total verkomener Cubjekte ein unwiderstehlicher Abichen Überfällt, so wird er sich doch andererseits sagen müssen, daß der Au«jpruch I-lleyrand«, daß die Sprache un» nur dazu gegeben sei, damit wir unsere Gtdonlen verbergen tönten, unter den heutigen Verhältnissen mehr denn je Veachtung verdient: vor allem sollte man seine Zunge im Zaum ballen unbelanten Leuten gegen- über, die durch wüste« Schimpsen aus die bestehenden Verhältnisse und deren staatliche Repräsenlanten einen Radilalismu« zur Schau tragen, hinter dem sich— wie un« die in dem Prozesse zutage getretenen Tatsachen zeigen— nur zu oft der gemeine Tenun- ziant versteckt.— Ta« Büchlein stellt nun all die interesianten Vorgänge recht geschickt und in llar geschriebener Weise dar und wir wünschen ihm, wie bereit» bewerft, in mehr al» einer Beziehung einen recht zalreichen Leserlrei». ff. Inhalt. Im Kampf wider alle. Roman von Ferd. Stiller.(Forts.)— Judenhczen in Ziußland. Von C. Lübeck.(Forts, und Schluß.)— Geschichtliche Gespenster. Streifereicn im alten und neuen Athen. Von St. Kassau. zFortl.)— Im Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Dr. Max Vogler.(Forts.)— Kriemhild an der Leiche Siegjrieds.(Mit Illustration.)— Der Kaffee des Leiermanns. iMit Illustration.)— Aus allen Winkeln der Zeitliteratur: Die größten Brücken der Welt.— Trinkleistungcn im Altertum.— Literarische Umschau. Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart.(Neue Weinsteige 23.)— Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart. Druck und Verlag von Franz Goldhausen in Stuttgart.